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Th e P roj ect G u t en b erg eBoo k of Bu d d en b ro o k s:
Verf a l l ei n er F am i l i e
This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you
will have to check the laws of the country where you are located
before using this eBook.
Title: Buddenbrooks: Verfall einer Familie
Author: Thomas Mann
Release date: January 1, 2011 [eBook #34811]
Language: German
Other information and formats: www.gutenberg.org/ebooks/34811
Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK
BUDDENBROOKS: VERFALL EINER FAMILIE ***
Verf a l l ei n er F am i l i e
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whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
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Title: Buddenbrooks: Verfall einer Familie
Author: Thomas Mann
Release date: January 1, 2011 [eBook #34811]
Language: German
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Credits: Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
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BUDDENBROOKS: VERFALL EINER FAMILIE ***
Page 4
Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.
Eine Liste der beibehaltenen inkonsistenten Schreibweisen
findet sich am Ende des Textes.
THOMAS MANN + BUDDENBROOKS
THOMAS MANN
Buddenbrooks
Ve r f a l l
einer
Familie
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der
Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.
Eine Liste der beibehaltenen inkonsistenten Schreibweisen
findet sich am Ende des Textes.
THOMAS MANN + BUDDENBROOKS
THOMAS MANN
Buddenbrooks
Ve r f a l l
einer
Familie
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DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT
GMBH
Berlin
Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin
Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Buddenbrooks
GMBH
Berlin
Mit Genehmigung von S. Fischer Verlag, Berlin
Copyright 1909 by S. Fischer Verlag, Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Buddenbrooks
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Page 7
Erster Teil
Erstes Kapitel
»Was ist das. – Was – ist das …«
»Je, den Düwel ook, c'est la question, ma très chère demoiselle!«
Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem
geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf
verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick
auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen
Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knien hielt.
»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott –«
Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen
aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig
vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen
Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer
hinein, wiederholte noch einmal: »Was ist das«, sprach darauf langsam:
»Ich glaube, daß mich Gott«, fügte, während ihr Gesicht sich aufklärte,
rasch hinzu: »– geschaffen hat samt allen Kreaturen«, war plötzlich auf
glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam,
den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben,
anno 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu
revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es
ein Gefühl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit
den Brüdern den »Jerusalemsberg« hinunterfuhr: es vergingen einem
geradezu die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man
auch wollte.
Erstes Kapitel
»Was ist das. – Was – ist das …«
»Je, den Düwel ook, c'est la question, ma très chère demoiselle!«
Die Konsulin Buddenbrook, neben ihrer Schwiegermutter auf dem
geradlinigen, weiß lackierten und mit einem goldenen Löwenkopf
verzierten Sofa, dessen Polster hellgelb überzogen waren, warf einen Blick
auf ihren Gatten, der in einem Armsessel bei ihr saß, und kam ihrer kleinen
Tochter zu Hilfe, die der Großvater am Fenster auf den Knien hielt.
»Tony!« sagte sie, »ich glaube, daß mich Gott –«
Und die kleine Antonie, achtjährig und zartgebaut, in einem Kleidchen
aus ganz leichter changierender Seide, den hübschen Blondkopf ein wenig
vom Gesichte des Großvaters abgewandt, blickte aus ihren graublauen
Augen angestrengt nachdenkend und ohne etwas zu sehen ins Zimmer
hinein, wiederholte noch einmal: »Was ist das«, sprach darauf langsam:
»Ich glaube, daß mich Gott«, fügte, während ihr Gesicht sich aufklärte,
rasch hinzu: »– geschaffen hat samt allen Kreaturen«, war plötzlich auf
glatte Bahn geraten und schnurrte nun, glückstrahlend und unaufhaltsam,
den ganzen Artikel daher, getreu nach dem Katechismus, wie er soeben,
anno 1835, unter Genehmigung eines hohen und wohlweisen Senates, neu
revidiert herausgegeben war. Wenn man im Gange war, dachte sie, war es
ein Gefühl, wie wenn man im Winter auf dem kleinen Handschlitten mit
den Brüdern den »Jerusalemsberg« hinunterfuhr: es vergingen einem
geradezu die Gedanken dabei, und man konnte nicht einhalten, wenn man
auch wollte.
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»Dazu Kleider und Schuhe«, sprach sie, »Essen und Trinken, Haus und
Hof, Weib und Kind, Acker und Vieh …« Bei diesen Worten aber brach der
alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus, in sein helles,
verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er
lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus mokieren zu können, und
hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen
vorgenommen. Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte,
wieviel sie für den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu
machen. Sein rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem
er beim besten Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte,
wurde von schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein
ganz leise angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines
mausgrauen Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode
seiner Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen
den Knöpfen und den großen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im
Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit, doppelt
und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen Spitzen-Jabot.
Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung
gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene
Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine
korpulente Dame mit dicken, weißen Locken über den Ohren, einem
schwarz und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit
und Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen
Händen, in denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem
Schoße hielt. Ihre Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche
Weise denjenigen ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die
lebhafte Dunkelheit ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb
romanischen Herkunft; sie stammte großväterlicherseits aus einer
französisch-schweizerischen Familie und war eine geborene Hamburgerin.
Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine
geborene Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem
pruschenden Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust
drückte. Sie war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und
war sie auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen
und besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen
aller Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das
Hof, Weib und Kind, Acker und Vieh …« Bei diesen Worten aber brach der
alte M. Johann Buddenbrook einfach in Gelächter aus, in sein helles,
verkniffenes Kichern, das er heimlich in Bereitschaft gehalten hatte. Er
lachte vor Vergnügen, sich über den Katechismus mokieren zu können, und
hatte wahrscheinlich nur zu diesem Zwecke das kleine Examen
vorgenommen. Er erkundigte sich nach Tonys Acker und Vieh, fragte,
wieviel sie für den Sack Weizen nähme und erbot sich, Geschäfte mit ihr zu
machen. Sein rundes, rosig überhauchtes und wohlmeinendes Gesicht, dem
er beim besten Willen keinen Ausdruck von Bosheit zu geben vermochte,
wurde von schneeweiß gepudertem Haar eingerahmt, und etwas wie ein
ganz leise angedeutetes Zöpflein fiel auf den breiten Kragen seines
mausgrauen Rockes hinab. Er war, mit seinen siebenzig Jahren, der Mode
seiner Jugend nicht untreu geworden; nur auf den Tressenbesatz zwischen
den Knöpfen und den großen Taschen hatte er verzichtet, aber niemals im
Leben hatte er lange Beinkleider getragen. Sein Kinn ruhte breit, doppelt
und mit einem Ausdruck von Behaglichkeit auf dem weißen Spitzen-Jabot.
Alle hatten in sein Lachen eingestimmt, hauptsächlich aus Ehrerbietung
gegen das Familienoberhaupt. Mme. Antoinette Buddenbrook, geborene
Duchamps, kicherte in genau derselben Weise wie ihr Gatte. Sie war eine
korpulente Dame mit dicken, weißen Locken über den Ohren, einem
schwarz und hellgrau gestreiften Kleide ohne Schmuck, das Einfachheit
und Bescheidenheit verriet, und mit noch immer schönen und weißen
Händen, in denen sie einen kleinen, sammetnen Pompadour auf dem
Schoße hielt. Ihre Gesichtszüge waren im Laufe der Jahre auf wunderliche
Weise denjenigen ihres Gatten ähnlich geworden. Nur der Schnitt und die
lebhafte Dunkelheit ihrer Augen redeten ein wenig von ihrer halb
romanischen Herkunft; sie stammte großväterlicherseits aus einer
französisch-schweizerischen Familie und war eine geborene Hamburgerin.
Ihre Schwiegertochter, die Konsulin Elisabeth Buddenbrook, eine
geborene Kröger, lachte das Krögersche Lachen, das mit einem
pruschenden Lippenlaut begann, und bei dem sie das Kinn auf die Brust
drückte. Sie war, wie alle Krögers, eine äußerst elegante Erscheinung, und
war sie auch keine Schönheit zu nennen, so gab sie doch mit ihrer hellen
und besonnenen Stimme, ihren ruhigen, sicheren und sanften Bewegungen
aller Welt ein Gefühl von Klarheit und Vertrauen. Ihrem rötlichen Haar, das
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auf der Höhe des Kopfes zu einer kleinen Krone gewunden und in breiten
künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein
außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen Sommersprossen.
Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu langen Nase und
dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn sich durchaus
keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit hochgepufften Ärmeln, an
das sich ein enger Rock aus duftiger, hellgeblümter Seide schloß, ließ einen
Hals von vollendeter Schönheit frei, geschmückt mit einem Atlasband, an
dem eine Komposition von großen Brillanten flimmerte.
Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervösen Bewegung im Sessel
vornüber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlägen und
keulenförmigen Ärmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die
Hand schlossen. Seine anschließenden Beinkleider bestanden aus einem
weißen, waschbaren Stoff und waren an den Außenseiten mit schwarzen
Streifen versehen. Um die steifen Vatermörder, in die sich sein Kinn
schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den
ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfüllte … Er hatte die ein
wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn
ihr Ausdruck auch vielleicht träumerischer war; aber seine Gesichtszüge
waren ernster und schärfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor,
und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen,
waren viel weniger voll als die des Alten.
Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drückte
mit einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Schoß und sagte:
»Immer der nämliche, mon vieux, Bethsy …?« »Immer« sprach sie wie
»Ümmer« aus.
Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so daß ihr
goldenes Armband leise klirrte; und dann vollführte sie eine ihr
eigentümliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob
sie ein loses Haar zurückstriche, das sich dorthin verirrt hatte.
Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem
Lächeln und Vorwurf in der Stimme:
»Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!…«
künstlichen Locken über die Ohren frisiert war, entsprach ein
außerordentlich zartweißer Teint mit vereinzelten kleinen Sommersprossen.
Das Charakteristische an ihrem Gesicht mit der etwas zu langen Nase und
dem kleinen Munde war, daß zwischen Unterlippe und Kinn sich durchaus
keine Vertiefung befand. Ihr kurzes Mieder mit hochgepufften Ärmeln, an
das sich ein enger Rock aus duftiger, hellgeblümter Seide schloß, ließ einen
Hals von vollendeter Schönheit frei, geschmückt mit einem Atlasband, an
dem eine Komposition von großen Brillanten flimmerte.
Der Konsul beugte sich mit einer etwas nervösen Bewegung im Sessel
vornüber. Er trug einen zimmetfarbenen Rock mit breiten Aufschlägen und
keulenförmigen Ärmeln, die sich erst unterhalb des Gelenkes eng um die
Hand schlossen. Seine anschließenden Beinkleider bestanden aus einem
weißen, waschbaren Stoff und waren an den Außenseiten mit schwarzen
Streifen versehen. Um die steifen Vatermörder, in die sich sein Kinn
schmiegte, war die seidene Krawatte geschlungen, die dick und breit den
ganzen Ausschnitt der buntfarbigen Weste ausfüllte … Er hatte die ein
wenig tief liegenden, blauen und aufmerksamen Augen seines Vaters, wenn
ihr Ausdruck auch vielleicht träumerischer war; aber seine Gesichtszüge
waren ernster und schärfer, seine Nase sprang stark und gebogen hervor,
und die Wangen, bis zu deren Mitte blonde, lockige Bartstreifen liefen,
waren viel weniger voll als die des Alten.
Madame Buddenbrook wandte sich an ihre Schwiegertochter, drückte
mit einer Hand ihren Arm, sah ihr kichernd in den Schoß und sagte:
»Immer der nämliche, mon vieux, Bethsy …?« »Immer« sprach sie wie
»Ümmer« aus.
Die Konsulin drohte nur schweigend mit ihrer zarten Hand, so daß ihr
goldenes Armband leise klirrte; und dann vollführte sie eine ihr
eigentümliche Handbewegung vom Mundwinkel zur Frisur hinauf, als ob
sie ein loses Haar zurückstriche, das sich dorthin verirrt hatte.
Der Konsul aber sagte mit einem Gemisch von entgegenkommendem
Lächeln und Vorwurf in der Stimme:
»Aber Vater, Sie belustigen sich wieder einmal über das Heiligste!…«
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Man saß im »Landschaftszimmer«, im ersten Stockwerk des
weitläufigen alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann
Buddenbrook vor einiger Zeit käuflich erworben hatte und das die Familie
noch nicht lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von
den Mauern durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche
Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden
bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen
Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die
reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder
sich mit zärtlichen Schäfern küßten … Ein gelblicher Sonnenuntergang
herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der weiß
lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden Fenstern
übereinstimmten.
Im Verhältnis zu der Größe des Zimmers waren die Möbel nicht
zahlreich. Der runde Tisch mit den dünnen, geraden und leicht mit Gold
ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der
entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenüber, auf dessen
Deckel ein Flötenbehälter lag. Außer den regelmäßig an den Wänden
verteilten, steifen Armstühlen gab es nur noch einen kleinen Nähtisch am
Fenster, und, dem Sofa gegenüber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretär,
bedeckt mit Nippes.
Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das
Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus, während sich linker Hand vom
Eintretenden die hohe, weiße Flügeltür zum Speisesaale befand. An der
anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisförmigen Nische und hinter
einer kunstvoll durchbrochenen Tür aus blankem Schmiedeeisen, der Ofen.
Denn es war frühzeitig kalt geworden. Draußen, jenseits der Straße, war
schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden
vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen
Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter Regen
ging hernieder. Madame Buddenbrook, der Älteren, zuliebe hatte man die
doppelten Fenster schon eingesetzt.
Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmäßig jede zweite Woche
die Familie zusammenkam; heute aber hatte man, außer den in der Stadt
weitläufigen alten Hauses in der Mengstraße, das die Firma Johann
Buddenbrook vor einiger Zeit käuflich erworben hatte und das die Familie
noch nicht lange bewohnte. Die starken und elastischen Tapeten, die von
den Mauern durch einen leeren Raum getrennt waren, zeigten umfangreiche
Landschaften, zartfarbig wie der dünne Teppich, der den Fußboden
bedeckte, Idylle im Geschmack des 18. Jahrhunderts, mit fröhlichen
Winzern, emsigen Ackersleuten, nett bebänderten Schäferinnen, die
reinliche Lämmer am Rande spiegelnden Wassers im Schoße hielten oder
sich mit zärtlichen Schäfern küßten … Ein gelblicher Sonnenuntergang
herrschte meistens auf diesen Bildern, mit dem der gelbe Überzug der weiß
lackierten Möbel und die gelbseidenen Gardinen vor den beiden Fenstern
übereinstimmten.
Im Verhältnis zu der Größe des Zimmers waren die Möbel nicht
zahlreich. Der runde Tisch mit den dünnen, geraden und leicht mit Gold
ornamentierten Beinen stand nicht vor dem Sofa, sondern an der
entgegengesetzten Wand, dem kleinen Harmonium gegenüber, auf dessen
Deckel ein Flötenbehälter lag. Außer den regelmäßig an den Wänden
verteilten, steifen Armstühlen gab es nur noch einen kleinen Nähtisch am
Fenster, und, dem Sofa gegenüber, einen zerbrechlichen Luxus-Sekretär,
bedeckt mit Nippes.
Durch eine Glastür, den Fenstern gegenüber, blickte man in das
Halbdunkel einer Säulenhalle hinaus, während sich linker Hand vom
Eintretenden die hohe, weiße Flügeltür zum Speisesaale befand. An der
anderen Wand aber knisterte, in einer halbkreisförmigen Nische und hinter
einer kunstvoll durchbrochenen Tür aus blankem Schmiedeeisen, der Ofen.
Denn es war frühzeitig kalt geworden. Draußen, jenseits der Straße, war
schon jetzt, um die Mitte des Oktober, das Laub der kleinen Linden
vergilbt, die den Marienkirchhof umstanden, um die mächtigen gotischen
Ecken und Winkel der Kirche pfiff der Wind, und ein feiner, kalter Regen
ging hernieder. Madame Buddenbrook, der Älteren, zuliebe hatte man die
doppelten Fenster schon eingesetzt.
Es war Donnerstag, der Tag, an dem ordnungsmäßig jede zweite Woche
die Familie zusammenkam; heute aber hatte man, außer den in der Stadt
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ansässigen Familiengliedern, auch ein paar gute Hausfreunde auf ein ganz
einfaches Mittagbrot gebeten, und man saß nun, gegen vier Uhr
nachmittags, in der sinkenden Dämmerung und erwartete die Gäste …
Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den Großvater
nicht stören lassen, sondern hatte nur schmollend die immer ein bißchen
hervorstehende Oberlippe noch weiter über die untere geschoben. Jetzt war
sie am Fuße des »Jerusalemsberges« angelangt; aber unfähig, der glatten
Fahrt plötzlich Einhalt zu tun, schoß sie noch ein Stück über das Ziel
hinaus …
»Amen«, sagte sie, »ich weiß was, Großvater!«
»Tiens! Sie weiß was!« rief der alte Herr und tat, als ob ihn die Neugier
im ganzen Körper plage. »Hast du gehört, Mama? Sie weiß was! Kann mir
denn niemand sagen …«
»Wenn es ein warmer Schlag ist«, sprach Tony und nickte bei jedem
Wort mit dem Kopfe, »so schlägt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter
Schlag ist, so schlägt der Donner ein!«
Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie
jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war böse auf
diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese
Stupidität beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die kürzlich
für die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es gewesen,
mußte der Konsul diese Ida in Schutz nehmen.
»Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter über
dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben
dürfen …«
»Excusez, mon cher!… Mais c'est une folie! Du weißt, daß solche
Verdunkelung der Kinderköpfe mir verdrüßlich ist! Wat, de Dunner sleit in?
Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer Preußin …«
Die Sache war die, daß der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten
zu sprechen war. Er war kein beschränkter Kopf. Er hatte ein Stück von der
Welt gesehen, war anno 13 vierspännig nach Süddeutschland gefahren, um
als Heereslieferant für Preußen Getreide aufzukaufen, war in Amsterdam
einfaches Mittagbrot gebeten, und man saß nun, gegen vier Uhr
nachmittags, in der sinkenden Dämmerung und erwartete die Gäste …
Die kleine Antonie hatte sich in ihrer Schlittenfahrt durch den Großvater
nicht stören lassen, sondern hatte nur schmollend die immer ein bißchen
hervorstehende Oberlippe noch weiter über die untere geschoben. Jetzt war
sie am Fuße des »Jerusalemsberges« angelangt; aber unfähig, der glatten
Fahrt plötzlich Einhalt zu tun, schoß sie noch ein Stück über das Ziel
hinaus …
»Amen«, sagte sie, »ich weiß was, Großvater!«
»Tiens! Sie weiß was!« rief der alte Herr und tat, als ob ihn die Neugier
im ganzen Körper plage. »Hast du gehört, Mama? Sie weiß was! Kann mir
denn niemand sagen …«
»Wenn es ein warmer Schlag ist«, sprach Tony und nickte bei jedem
Wort mit dem Kopfe, »so schlägt der Blitz ein. Wenn es aber ein kalter
Schlag ist, so schlägt der Donner ein!«
Hierauf kreuzte sie die Arme und blickte in die lachenden Gesichter wie
jemand, der seines Erfolges sicher ist. Herr Buddenbrook aber war böse auf
diese Weisheit, er verlangte durchaus zu wissen, wer dem Kinde diese
Stupidität beigebracht habe, und als sich ergab, Ida Jungmann, die kürzlich
für die Kleinen engagierte Mamsell aus Marienwerder, sei es gewesen,
mußte der Konsul diese Ida in Schutz nehmen.
»Sie sind zu streng, Papa. Warum sollte man in diesem Alter über
dergleichen Dinge nicht seine eigenen wunderlichen Vorstellungen haben
dürfen …«
»Excusez, mon cher!… Mais c'est une folie! Du weißt, daß solche
Verdunkelung der Kinderköpfe mir verdrüßlich ist! Wat, de Dunner sleit in?
Da sall doch gliek de Dunner inslahn! Geht mir mit eurer Preußin …«
Die Sache war die, daß der alte Herr auf Ida Jungmann nicht zum besten
zu sprechen war. Er war kein beschränkter Kopf. Er hatte ein Stück von der
Welt gesehen, war anno 13 vierspännig nach Süddeutschland gefahren, um
als Heereslieferant für Preußen Getreide aufzukaufen, war in Amsterdam
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und Paris gewesen und hielt, ein aufgeklärter Mann, bei Gott nicht alles für
verurteilenswürdig, was außerhalb der Tore seiner giebeligen Vaterstadt lag.
Abgesehen vom geschäftlichen Verkehr aber, in gesellschaftlicher
Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul, geneigt, strenge Grenzen
zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen. Als daher eines Tages seine
Kinder von einer Reise nach Westpreußen dies junge Mädchen – sie war
erst jetzt zwanzig Jahre alt – als eine Art Jesuskind mit sich ins Haus
gebracht hatten, eine Waise, die Tochter eines unmittelbar vor Ankunft der
Buddenbrooks in Marienwerder verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte
der Konsul für diesen frommen Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu
bestehen gehabt, bei dem der alte Herr fast nur Französisch und
Plattdeutsch sprach … Übrigens hatte Ida Jungmann sich als tüchtig im
Hausstande und im Verkehr mit den Kindern erwiesen und eignete sich mit
ihrer Loyalität und ihren preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste
für ihre Stellung in diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen
Grundsätzen, die haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen
Mittelstand und geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf,
als ergebene Dienerin den ersten Kreisen anzugehören und sah es ungern,
wenn Tony sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach
Mamsell Jungmanns Schätzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen
war …
In diesem Augenblick ward die Preußin selbst in der Säulenhalle
sichtbar und trat durch die Glastür ein: ein ziemlich großes, knochig
gebautes Mädchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem
ehrlichen Gesicht. Sie führte die kleine Klothilde an der Hand, ein
außerordentlich mageres Kind in geblümtem Kattunkleidchen, mit
glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus
einer völlig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock als
Gutsinspektor ansässigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und ward,
weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschöpf war, hier im
Hause erzogen.
»Es ist alles bereit«, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das r in der
Kehle, denn sie hatte es ursprünglich überhaupt nicht aussprechen können.
»Klothildchen hat tücht'g geholfen in der Küche, Trina hat fast nichts zu tun
brauchen …«
verurteilenswürdig, was außerhalb der Tore seiner giebeligen Vaterstadt lag.
Abgesehen vom geschäftlichen Verkehr aber, in gesellschaftlicher
Beziehung, war er mehr als sein Sohn, der Konsul, geneigt, strenge Grenzen
zu ziehen und Fremden ablehnend zu begegnen. Als daher eines Tages seine
Kinder von einer Reise nach Westpreußen dies junge Mädchen – sie war
erst jetzt zwanzig Jahre alt – als eine Art Jesuskind mit sich ins Haus
gebracht hatten, eine Waise, die Tochter eines unmittelbar vor Ankunft der
Buddenbrooks in Marienwerder verstorbenen Gasthofsbesitzers, da hatte
der Konsul für diesen frommen Streich einen Auftritt mit seinem Vater zu
bestehen gehabt, bei dem der alte Herr fast nur Französisch und
Plattdeutsch sprach … Übrigens hatte Ida Jungmann sich als tüchtig im
Hausstande und im Verkehr mit den Kindern erwiesen und eignete sich mit
ihrer Loyalität und ihren preußischen Rangbegriffen im Grunde aufs beste
für ihre Stellung in diesem Hause. Sie war eine Person von aristokratischen
Grundsätzen, die haarscharf zwischen ersten und zweiten Kreisen, zwischen
Mittelstand und geringerem Mittelstand unterschied, sie war stolz darauf,
als ergebene Dienerin den ersten Kreisen anzugehören und sah es ungern,
wenn Tony sich etwa mit einer Schulkameradin befreundete, die nach
Mamsell Jungmanns Schätzung nur dem guten Mittelstande zuzurechnen
war …
In diesem Augenblick ward die Preußin selbst in der Säulenhalle
sichtbar und trat durch die Glastür ein: ein ziemlich großes, knochig
gebautes Mädchen in schwarzem Kleide, mit glattem Haar und einem
ehrlichen Gesicht. Sie führte die kleine Klothilde an der Hand, ein
außerordentlich mageres Kind in geblümtem Kattunkleidchen, mit
glanzlosem, aschigem Haar und stiller Altjungfernmiene. Sie stammte aus
einer völlig besitzlosen Nebenlinie, war die Tochter eines bei Rostock als
Gutsinspektor ansässigen Neffen des alten Herrn Buddenbrook und ward,
weil sie gleichaltrig mit Antonie und ein williges Geschöpf war, hier im
Hause erzogen.
»Es ist alles bereit«, sagte Mamsell Jungmann und schnurrte das r in der
Kehle, denn sie hatte es ursprünglich überhaupt nicht aussprechen können.
»Klothildchen hat tücht'g geholfen in der Küche, Trina hat fast nichts zu tun
brauchen …«
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M. Buddenbrook schmunzelte spöttisch in sein Jabot über Idas
fremdartige Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte
die Wange und sagte:
»So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heißt es. Unsere Tony sollte
sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Müßiggang und
Übermut …«
Tony ließ den Kopf hängen und blickte von unten herauf den Großvater
an, denn sie wußte wohl, daß er sie, wie gewöhnlich, verteidigen werde.
»Nein, nein«, sagte er, »Kopf hoch, Tony, courage! Eines schickt sich
nicht für alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind auch nicht
zu verachten. Spreche ich raisonnable, Bethsy?«
Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke
beizupflichten pflegte, während Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl
denn aus Überzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten
sich die beiden Generationen, im chassez croisez gleichsam, die Hände.
»Sie sind sehr gut, Papa«, sagte die Konsulin. »Tony wird sich
bemühen, eine kluge und tüchtige Frau zu werden … Sind die Knaben aus
der Schule gekommen?« fragte sie Ida.
Aber Tony, die vom Knie des Großvaters aus in den »Spion« durchs
Fenster sah, rief fast gleichzeitig:
»Tom und Christian kommen die Johannisstraße herauf … und Herr
Hoffstede … und Onkel Doktor …«
Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang!
ping, ping – pung! ziemlich taktlos, so daß man nicht recht zu erkennen
vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit, und
während dann die kleine und die große Glocke fröhlich und würdevoll
erzählten, daß es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der
Windfangtür gellend über die große Diele, worauf es in der Tat Tom und
Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gästen, mit Jean
Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt.
fremdartige Aussprache; der Konsul aber streichelte seiner kleinen Nichte
die Wange und sagte:
»So ist es recht, Thilda. Bete und arbeite, heißt es. Unsere Tony sollte
sich ein Beispiel daran nehmen. Sie neigt nur allzuoft zu Müßiggang und
Übermut …«
Tony ließ den Kopf hängen und blickte von unten herauf den Großvater
an, denn sie wußte wohl, daß er sie, wie gewöhnlich, verteidigen werde.
»Nein, nein«, sagte er, »Kopf hoch, Tony, courage! Eines schickt sich
nicht für alle. Jeder nach seiner Art. Thilda ist brav, aber wir sind auch nicht
zu verachten. Spreche ich raisonnable, Bethsy?«
Er wandte sich an seine Schwiegertochter, die seinem Geschmacke
beizupflichten pflegte, während Mme. Antoinette, mehr aus Klugheit wohl
denn aus Überzeugung, meistens die Partei des Konsuls nahm. So reichten
sich die beiden Generationen, im chassez croisez gleichsam, die Hände.
»Sie sind sehr gut, Papa«, sagte die Konsulin. »Tony wird sich
bemühen, eine kluge und tüchtige Frau zu werden … Sind die Knaben aus
der Schule gekommen?« fragte sie Ida.
Aber Tony, die vom Knie des Großvaters aus in den »Spion« durchs
Fenster sah, rief fast gleichzeitig:
»Tom und Christian kommen die Johannisstraße herauf … und Herr
Hoffstede … und Onkel Doktor …«
Das Glockenspiel von St. Marien setzte mit einem Chorale ein: pang!
ping, ping – pung! ziemlich taktlos, so daß man nicht recht zu erkennen
vermochte, was es eigentlich sein sollte, aber doch voll Feierlichkeit, und
während dann die kleine und die große Glocke fröhlich und würdevoll
erzählten, daß es vier Uhr sei, schallte auch drunten die Glocke der
Windfangtür gellend über die große Diele, worauf es in der Tat Tom und
Christian waren, die ankamen, zusammen mit den ersten Gästen, mit Jean
Jacques Hoffstede, dem Dichter, und Doktor Grabow, dem Hausarzt.
Page 14
Zweites Kapitel
Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für
den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel jünger
als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen Farbe
seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war dünner
und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke, grünliche
Augen und eine lange, spitze Nase.
»Besten Dank«, sagte er, nachdem er den Herren die Hände geschüttelt
und vor den Damen – im besonderen vor der Konsulin, die er
außerordentlich verehrte – ein paar seiner ausgesuchtesten compliments
vollführt hatte, compliments, wie die neue Generation sie schlechterdings
nicht mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und
verbindlichen Lächeln begleitet waren. »Besten Dank für die freundliche
Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute«, und er wies
auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergürteln bei ihm
standen, »haben wir in der Königstraße getroffen, der Doktor und ich, als
sie von ihren Studien kamen. Prächtige Bursche – Frau Konsulin? Thomas,
das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden, darüber
besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig Tausendsassa
zu sein, wie? ein wenig Incroyable … Allein ich verhehle nicht mein
engouement. Er wird studieren, dünkt mich; er ist witzig und brillant
veranlagt …«
Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose.
»'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?«
Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhänge übereinander, und bald
lag das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen
Licht der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf
dem Sekretär standen.
»Nun, Christian«, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete,
»was hast du heute nachmittag gelernt?« Und es ergab sich, daß Christian
Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte.
Herr Jean Jacques Hoffstede, der Poet der Stadt, der sicherlich auch für
den heutigen Tag ein paar Reime in der Tasche hatte, war nicht viel jünger
als Johann Buddenbrook, der Ältere, und abgesehen von der grünen Farbe
seines Leibrockes, in demselben Geschmack gekleidet. Aber er war dünner
und beweglicher als sein alter Freund und besaß kleine, flinke, grünliche
Augen und eine lange, spitze Nase.
»Besten Dank«, sagte er, nachdem er den Herren die Hände geschüttelt
und vor den Damen – im besonderen vor der Konsulin, die er
außerordentlich verehrte – ein paar seiner ausgesuchtesten compliments
vollführt hatte, compliments, wie die neue Generation sie schlechterdings
nicht mehr zustande brachte, und die von einem angenehm stillen und
verbindlichen Lächeln begleitet waren. »Besten Dank für die freundliche
Einladung, meine Hochverehrten. Diese beiden jungen Leute«, und er wies
auf Tom und Christian, die in blauen Kitteln mit Ledergürteln bei ihm
standen, »haben wir in der Königstraße getroffen, der Doktor und ich, als
sie von ihren Studien kamen. Prächtige Bursche – Frau Konsulin? Thomas,
das ist ein solider und ernster Kopf; er muß Kaufmann werden, darüber
besteht kein Zweifel. Christian dagegen scheint mir ein wenig Tausendsassa
zu sein, wie? ein wenig Incroyable … Allein ich verhehle nicht mein
engouement. Er wird studieren, dünkt mich; er ist witzig und brillant
veranlagt …«
Herr Buddenbrook bediente sich seiner goldenen Tabaksdose.
»'n Aap is hei! Soll er nicht gleich Dichter werden, Hoffstede?«
Mamsell Jungmann steckte die Fenstervorhänge übereinander, und bald
lag das Zimmer in dem etwas unruhigen, aber diskreten und angenehmen
Licht der Kerzen des Kristallkronleuchters und der Armleuchter, die auf
dem Sekretär standen.
»Nun, Christian«, sagte die Konsulin, deren Haar goldig aufleuchtete,
»was hast du heute nachmittag gelernt?« Und es ergab sich, daß Christian
Schreiben, Rechnen und Singen gehabt hatte.
Page 15
Er war ein Bürschchen von sieben Jahren, das schon jetzt in beinahe
lächerlicher Weise seinem Vater ähnlich war. Es waren die gleichen,
ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark
hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb
der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, daß die
Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Fülle behalten werde.
»Wir haben furchtbar gelacht«, fing er an zu plappern, während seine
Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. »Paßt mal auf, was Herr
Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat.« Er beugte sich vor, schüttelte
den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein: »Äußerlich, mein gutes
Kind, äußerlich bist du glatt und geleckt, ja, aber innerlich, mein gutes
Kind, da bist du schwarz …« Und dies sagte er unter Weglassung des »r«
und indem er »schwarz« wie »swärz« aussprach – mit einem Gesicht, in
dem sich der Unwille über diese »äußeliche« Glätte und Gelecktheit mit
einer so überzeugenden Komik malte, daß alles in Gelächter ausbrach.
»'n Aap is hei!« wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr
Hoffstede aber war außer sich vor Entzücken.
»Charmant!« rief er. »Unübertrefflich! Man muß Marcellus Stengel
kennen! Akkurat so! Nein, das ist gar zu köstlich!«
Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jüngeren
Bruder und lachte neidlos und herzlich. Seine Zähne waren nicht besonders
schön, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein
geschnitten, und er ähnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark
seinem Großvater.
Man hatte zum Teil auf den Stühlen und dem Sofa Platz genommen,
man plauderte mit den Kindern, sprach über die frühe Kälte, das Haus …
Herr Hoffstede bewunderte am Sekretär ein prachtvolles Tintenfaß aus
Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor
Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen
spärlichem Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte,
betrachtete die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefüllten
Salzfäßchen, die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das »Salz
und Brot«, das der Familie von Verwandten und Freunden zum
Wohnungswechsel übersandt worden war. Da man aber sehen sollte, daß die
lächerlicher Weise seinem Vater ähnlich war. Es waren die gleichen,
ziemlich kleinen, runden und tiefliegenden Augen, die gleiche stark
hervorspringende und gebogene Nase war schon erkenntlich, und unterhalb
der Wangenknochen deuteten bereits ein paar Linien darauf hin, daß die
Gesichtsform nicht immer die jetzige kindliche Fülle behalten werde.
»Wir haben furchtbar gelacht«, fing er an zu plappern, während seine
Augen im Zimmer von einem zum anderen gingen. »Paßt mal auf, was Herr
Stengel zu Siegmund Köstermann gesagt hat.« Er beugte sich vor, schüttelte
den Kopf und redete eindringlich in die Luft hinein: »Äußerlich, mein gutes
Kind, äußerlich bist du glatt und geleckt, ja, aber innerlich, mein gutes
Kind, da bist du schwarz …« Und dies sagte er unter Weglassung des »r«
und indem er »schwarz« wie »swärz« aussprach – mit einem Gesicht, in
dem sich der Unwille über diese »äußeliche« Glätte und Gelecktheit mit
einer so überzeugenden Komik malte, daß alles in Gelächter ausbrach.
»'n Aap is hei!« wiederholte der alte Buddenbrook kichernd. Herr
Hoffstede aber war außer sich vor Entzücken.
»Charmant!« rief er. »Unübertrefflich! Man muß Marcellus Stengel
kennen! Akkurat so! Nein, das ist gar zu köstlich!«
Thomas, dem solche Begabung abging, stand neben seinem jüngeren
Bruder und lachte neidlos und herzlich. Seine Zähne waren nicht besonders
schön, sondern klein und gelblich. Aber seine Nase war auffallend fein
geschnitten, und er ähnelte in den Augen und in der Gesichtsform stark
seinem Großvater.
Man hatte zum Teil auf den Stühlen und dem Sofa Platz genommen,
man plauderte mit den Kindern, sprach über die frühe Kälte, das Haus …
Herr Hoffstede bewunderte am Sekretär ein prachtvolles Tintenfaß aus
Sevres-Porzellan in Gestalt eines schwarzgefleckten Jagdhundes. Doktor
Grabow aber, ein Mann vom Alter des Konsuls, zwischen dessen
spärlichem Backenbart ein langes, gutes und mildes Gesicht lächelte,
betrachtete die Kuchen, Korinthenbrote und verschiedenartigen gefüllten
Salzfäßchen, die auf dem Tische zur Schau gestellt waren. Es war das »Salz
und Brot«, das der Familie von Verwandten und Freunden zum
Wohnungswechsel übersandt worden war. Da man aber sehen sollte, daß die
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Gabe nicht aus geringen Häusern komme, bestand das Brot in süßem,
gewürztem und schwerem Gebäck und war das Salz von massivem Golde
umschlossen.
»Ich werde wohl zu tun bekommen«, sagte der Doktor, indem er auf die
Süßigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem
Kopf ein gediegenes Gerät für Salz, Pfeffer und Senf empor.
»Von Lebrecht Kröger«, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. »Immer
koulant, mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht
spendiert, als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so
war er immer … nobel! spendabel! ein à la mode-Kavalier …«
Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor
Wunderlich langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem
Rock, mit gepudertem Haar und einem weißen, behaglich lustigen Gesicht,
in dem ein Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen
Jahren Witwer und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie
der lange Makler, Herr Grätjens, der mit ihm kam und beständig eine seiner
hageren Hände nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt,
als prüfe er ein Gemälde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner.
Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjährige
Freunde des Hauses, – nicht zu vergessen den Weinhändler Köppen mit
dem großen, dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten
Ärmeln saß, und seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin …
Es war schon nach halb fünf Uhr, als schließlich die Krögers eintrafen,
die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krögers mit ihren Söhnen Jakob
und Jürgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast
gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Kröger,
Holzgroßhändler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zärtliches Ehepaar, das
sich vor aller Ohren mit den bräutlichsten Kosenamen zu benennen pflegte.
»Feine Leute kommen spät«, sagte Konsul Buddenbrook und küßte
seiner Schwiegermutter die Hand.
»Öwer denn ook gliek düchtig!« und Johann Buddenbrook machte eine
weite Armbewegung über die Krögersche Verwandtschaft hin, indem er
dem Alten die Hand schüttelte …
gewürztem und schwerem Gebäck und war das Salz von massivem Golde
umschlossen.
»Ich werde wohl zu tun bekommen«, sagte der Doktor, indem er auf die
Süßigkeiten wies und den Kindern drohte. Dann hob er mit wiegendem
Kopf ein gediegenes Gerät für Salz, Pfeffer und Senf empor.
»Von Lebrecht Kröger«, sagte M. Buddenbrook schmunzelnd. »Immer
koulant, mein lieber Herr Verwandter. Ich habe ihm dergleichen nicht
spendiert, als er sich sein Gartenhaus vorm Burgtor gebaut hatte. Aber so
war er immer … nobel! spendabel! ein à la mode-Kavalier …«
Mehrmals hatte die Glocke durchs ganze Haus gegellt. Pastor
Wunderlich langte an, ein untersetzter alter Herr in langem, schwarzem
Rock, mit gepudertem Haar und einem weißen, behaglich lustigen Gesicht,
in dem ein Paar grauer, munterer Augen blinzelten. Er war seit vielen
Jahren Witwer und rechnete sich zu den Junggesellen aus der alten Zeit, wie
der lange Makler, Herr Grätjens, der mit ihm kam und beständig eine seiner
hageren Hände nach Art eines Fernrohrs zusammengerollt vors Auge hielt,
als prüfe er ein Gemälde; er war ein allgemein anerkannter Kunstkenner.
Auch Senator Doktor Langhals nebst Frau kamen an, langjährige
Freunde des Hauses, – nicht zu vergessen den Weinhändler Köppen mit
dem großen, dunkelroten Gesicht, das zwischen den hochgepolsterten
Ärmeln saß, und seine gleichfalls so sehr beleibte Gattin …
Es war schon nach halb fünf Uhr, als schließlich die Krögers eintrafen,
die Alten sowohl wie ihre Kinder, Konsul Krögers mit ihren Söhnen Jakob
und Jürgen, die im Alter von Tom und Christian standen. Und fast
gleichzeitig mit ihnen kamen auch die Eltern der Konsulin Kröger,
Holzgroßhändler Oeverdieck nebst Frau, ein altes, zärtliches Ehepaar, das
sich vor aller Ohren mit den bräutlichsten Kosenamen zu benennen pflegte.
»Feine Leute kommen spät«, sagte Konsul Buddenbrook und küßte
seiner Schwiegermutter die Hand.
»Öwer denn ook gliek düchtig!« und Johann Buddenbrook machte eine
weite Armbewegung über die Krögersche Verwandtschaft hin, indem er
dem Alten die Hand schüttelte …
Page 17
Lebrecht Kröger, der à la mode-Kavalier, eine große, distinguierte
Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch gekleidet.
An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen. Justus,
sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz emporgedrehtem Schnurrbart,
ähnelte, was Figur und Benehmen anbetraf, stark seinem Vater; auch über
die nämlichen runden und eleganten Handbewegungen verfügte er.
Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der
Hauptsache, in einem vorläufigen und nachlässigen Gespräch beieinander.
Und Johann Buddenbrook, der Ältere, bot auch schon Madame Köppen
seinen Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte:
»Na, wenn wir alle Appetit haben, mesdames et messieurs …«
Mamsell Jungmann und das Folgmädchen hatten die weiße Flügeltür
zum Speisesaal geöffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemächlichkeit,
bewegte sich die Gesellschaft hinüber; man konnte eines nahrhaften Bissens
gewärtig sein bei Buddenbrooks …
Drittes Kapitel
Der jüngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit
der Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das
gesellschaftliche Lächeln war plötzlich von seinem Gesicht verschwunden,
um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an
seinen Schläfen spielten, als ob er die Zähne aufeinander bisse, ein paar
Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale zu,
dann aber hielt er sich zurück und suchte mit den Augen seine Mutter, die
als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die Schwelle
überschreiten wollte.
»Pardon, lieber Herr Pastor … Auf zwei Worte, Mama!« Und während
der Pastor ihm munter zunickte, nötigte Konsul Buddenbrook die alte Dame
ins Landschaftszimmer zurück und zum Fenster.
»Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen«, sagte er
rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das
Erscheinung, trug noch leicht gepudertes Haar, war aber modisch gekleidet.
An seiner Sammetweste blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen. Justus,
sein Sohn, mit kleinem Backenbart und spitz emporgedrehtem Schnurrbart,
ähnelte, was Figur und Benehmen anbetraf, stark seinem Vater; auch über
die nämlichen runden und eleganten Handbewegungen verfügte er.
Man setzte sich gar nicht erst, sondern stand, in Erwartung der
Hauptsache, in einem vorläufigen und nachlässigen Gespräch beieinander.
Und Johann Buddenbrook, der Ältere, bot auch schon Madame Köppen
seinen Arm, indem er mit vernehmlicher Stimme sagte:
»Na, wenn wir alle Appetit haben, mesdames et messieurs …«
Mamsell Jungmann und das Folgmädchen hatten die weiße Flügeltür
zum Speisesaal geöffnet, und langsam, in zuversichtlicher Gemächlichkeit,
bewegte sich die Gesellschaft hinüber; man konnte eines nahrhaften Bissens
gewärtig sein bei Buddenbrooks …
Drittes Kapitel
Der jüngere Hausherr hatte, als der allgemeine Aufbruch begann, mit
der Hand nach der linken Brustseite gegriffen, wo ein Papier knisterte, das
gesellschaftliche Lächeln war plötzlich von seinem Gesicht verschwunden,
um einem gespannten und besorgten Ausdruck Platz zu machen, und an
seinen Schläfen spielten, als ob er die Zähne aufeinander bisse, ein paar
Muskeln. Nur zum Schein machte er einige Schritte dem Speisesaale zu,
dann aber hielt er sich zurück und suchte mit den Augen seine Mutter, die
als eine der letzten, an der Seite Pastor Wunderlichs, die Schwelle
überschreiten wollte.
»Pardon, lieber Herr Pastor … Auf zwei Worte, Mama!« Und während
der Pastor ihm munter zunickte, nötigte Konsul Buddenbrook die alte Dame
ins Landschaftszimmer zurück und zum Fenster.
»Es ist, um kurz zu sein, ein Brief von Gotthold gekommen«, sagte er
rasch und leise, indem er in ihre fragenden, dunklen Augen sah und das
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gefaltete und versiegelte Papier aus der Tasche zog. »Das ist seine
Handschrift … Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa ihm
beantwortet … Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und
ich hätte es dem Vater längst einhändigen müssen, aber sollte ich ihm heute
die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn
herauszubitten …«
»Nein, du hast recht, Jean, warte damit!« sagte Madame Buddenbrook
und erfaßte nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm
ihres Sohnes. »Was soll darin stehen!« fügte sie bekümmert hinzu. »Er gibt
nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschädigungssumme
für den Anteil am Hause … Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt … Heute
abend vielleicht, vorm Zubettegehen …«
»Was tun?« wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf
schüttelte. »Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben …
Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den Eltern
eingenistet hätte und gegen Gotthold intrigierte … auch dem Vater
gegenüber muß ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn ich
ehrlich sein soll … ich bin schließlich Associé. Und dann bezahlen Bethsy
und ich vorläufig eine ganz normale Miete für den zweiten Stock … Was
meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache arrangiert. Ihr
Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine Abstandssumme, ein
Viertel bloß von der Hauskaufsumme … Das ist ein vorteilhaftes Geschäft,
das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und das im Sinne der Firma höchst
erfreulich ist. Und wenn Papa sich Gotthold gegenüber so ganz abweisend
verhält, so ist das …«
»Nein, Unsinn, Jean, dein Verhältnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber
Gotthold glaubt, daß ich, seine Stiefmutter, nur für meine eigenen Kinder
sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das
Traurige …«
»Aber es ist seine Schuld!« rief der Konsul beinahe laut und mäßigte
dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. »Es ist seine
Schuld, dies traurige Verhältnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er nicht
vernünftig sein! Warum mußte er diese Demoiselle Stüwing heiraten und
den … Laden …« Der Konsul lachte ärgerlich und verlegen bei diesem
Handschrift … Es ist das dritte Schreiben, und nur das erste hat Papa ihm
beantwortet … Was machen? Es ist schon um zwei Uhr angekommen, und
ich hätte es dem Vater längst einhändigen müssen, aber sollte ich ihm heute
die Stimmung verderben? Was sagen Sie? Es ist immer noch Zeit, ihn
herauszubitten …«
»Nein, du hast recht, Jean, warte damit!« sagte Madame Buddenbrook
und erfaßte nach ihrer Gewohnheit mit einer schnellen Bewegung den Arm
ihres Sohnes. »Was soll darin stehen!« fügte sie bekümmert hinzu. »Er gibt
nicht nach, der Junge. Er kapriziert sich auf diese Entschädigungssumme
für den Anteil am Hause … Nein, nein, Jean, noch nicht jetzt … Heute
abend vielleicht, vorm Zubettegehen …«
»Was tun?« wiederholte der Konsul, indem er den gesenkten Kopf
schüttelte. »Ich selbst habe Papa oft genug bitten wollen, nachzugeben …
Es soll nicht aussehen, als ob ich, der Stiefbruder, mich bei den Eltern
eingenistet hätte und gegen Gotthold intrigierte … auch dem Vater
gegenüber muß ich den Anschein dieser Rolle vermeiden. Aber wenn ich
ehrlich sein soll … ich bin schließlich Associé. Und dann bezahlen Bethsy
und ich vorläufig eine ganz normale Miete für den zweiten Stock … Was
meine Schwester in Frankfurt betrifft, nun, so ist die Sache arrangiert. Ihr
Mann bekommt schon jetzt, bei Papas Lebzeiten, eine Abstandssumme, ein
Viertel bloß von der Hauskaufsumme … Das ist ein vorteilhaftes Geschäft,
das Papa sehr glatt und gut erledigt hat, und das im Sinne der Firma höchst
erfreulich ist. Und wenn Papa sich Gotthold gegenüber so ganz abweisend
verhält, so ist das …«
»Nein, Unsinn, Jean, dein Verhältnis zur Sache ist doch wohl klar. Aber
Gotthold glaubt, daß ich, seine Stiefmutter, nur für meine eigenen Kinder
sorge und ihm seinen Vater geflissentlich entfremde. Das ist das
Traurige …«
»Aber es ist seine Schuld!« rief der Konsul beinahe laut und mäßigte
dann seine Stimme mit einem Blick nach dem Speisesaal. »Es ist seine
Schuld, dies traurige Verhältnis! Urteilen Sie selbst! Warum konnte er nicht
vernünftig sein! Warum mußte er diese Demoiselle Stüwing heiraten und
den … Laden …« Der Konsul lachte ärgerlich und verlegen bei diesem
Page 19
Worte. »Es ist eine Schwäche, Vaters Widerwille gegen den Laden; aber
Gotthold hätte diese kleine Eitelkeit respektieren müssen …«
»Ach, Jean, das beste wäre, Papa gäbe nach!«
»Aber kann ich denn dazu raten?« flüsterte der Konsul mit einer
erregten Handbewegung nach der Stirn. »Ich bin persönlich interessiert, und
deshalb müßte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associé, ich
habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt,
einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenüber die Verpflichtung zu
haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen … Es handelt sich um
mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld … Nein, nein, ich kann
nicht zuraten … aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon wissen. Nur
die Szene mit Papa ist mir désagréable …«
»Abends spät, Jean. Komm nun, man wartet …«
Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den
Arm, und nebeneinander überschritten sie die Schwelle zum
hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um die
lange Tafel soeben fertiggeworden war.
Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen
schlanken Säulen weiße Götterbilder fast plastisch hervor. Die schweren
roten Fenstervorhänge waren geschlossen, und in jedem Winkel des
Zimmers brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen,
abgesehen von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen.
Über dem massigen Büfett, dem Landschaftszimmer gegenüber, hing ein
umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton in
dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige, steiflehnige
Sofas in rotem Damast standen an den Wänden.
Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame
Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Kröger, der
an der Fensterseite präsidierte, und Pastor Wunderlich niederließ.
»Bon appétit!« sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen
Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu
den Kindern hinuntergleiten ließ …
Gotthold hätte diese kleine Eitelkeit respektieren müssen …«
»Ach, Jean, das beste wäre, Papa gäbe nach!«
»Aber kann ich denn dazu raten?« flüsterte der Konsul mit einer
erregten Handbewegung nach der Stirn. »Ich bin persönlich interessiert, und
deshalb müßte ich sagen: Vater, bezahle. Aber ich bin auch Associé, ich
habe die Interessen der Firma zu vertreten, und wenn Papa nicht glaubt,
einem ungehorsamen und rebellischen Sohn gegenüber die Verpflichtung zu
haben, dem Betriebskapital die Summe zu entziehen … Es handelt sich um
mehr als elftausend Kuranttaler. Das ist gutes Geld … Nein, nein, ich kann
nicht zuraten … aber auch nicht abraten. Ich will nichts davon wissen. Nur
die Szene mit Papa ist mir désagréable …«
»Abends spät, Jean. Komm nun, man wartet …«
Der Konsul barg das Papier in der Brusttasche, bot seiner Mutter den
Arm, und nebeneinander überschritten sie die Schwelle zum
hellerleuchteten Speisesaal, wo die Gesellschaft mit der Placierung um die
lange Tafel soeben fertiggeworden war.
Aus dem himmelblauen Hintergrund der Tapeten traten zwischen
schlanken Säulen weiße Götterbilder fast plastisch hervor. Die schweren
roten Fenstervorhänge waren geschlossen, und in jedem Winkel des
Zimmers brannten auf einem hohen, vergoldeten Kandelaber acht Kerzen,
abgesehen von denen, die in silbernen Armleuchtern auf der Tafel standen.
Über dem massigen Büfett, dem Landschaftszimmer gegenüber, hing ein
umfangreiches Gemälde, ein italienischer Golf, dessen blaudunstiger Ton in
dieser Beleuchtung außerordentlich wirksam war. Mächtige, steiflehnige
Sofas in rotem Damast standen an den Wänden.
Es war jede Spur von Besorgnis und Unruhe aus dem Gesicht Madame
Buddenbrooks verschwunden, als sie sich, zwischen dem alten Kröger, der
an der Fensterseite präsidierte, und Pastor Wunderlich niederließ.
»Bon appétit!« sagte sie mit ihrem kurzen, raschen, herzlichen
Kopfnicken, indem sie einen schnellen Blick über die ganze Tafel bis zu
den Kindern hinuntergleiten ließ …
Page 20
Vi e r t e s K a p i t e l
»Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook!« übertönte die wuchtige
Stimme des Herrn Köppen das allgemeine Gespräch, als das Folgmädchen
mit den nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der
kleinen weißen Mütze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell
Jungmanns und des Mädchens der Konsulin von oben, die heiße
Kräutersuppe nebst geröstetem Brot serviert hatte und man anfing,
behutsam zu löffeln.
»Alle Achtung! Diese Weitläufigkeit, diese Noblesse … ich muß sagen,
hier läßt sich leben, muß ich sagen …« Herr Köppen hatte bei den früheren
Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange reich, stammte
nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich einiger
Dialektschwächen, wie die Wiederholung von »muß ich sagen«, leider noch
nicht entwöhnen. Außerdem sagte er »Achung« statt »Achtung«.
»Hat auch gar kein Geld gekostet«, bemerkte trocken Herr Grätjens, der
es wissen mußte, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den Golf.
Man hatte so weit wie möglich bunte Reihe gemacht und die Kette der
Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht
durchzuführen gewesen, und die alten Oeverdiecks saßen einander wie
gewöhnlich fast auf dem Schoße, sich innig zunickend. Der alte Kröger
aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und
Madame Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine
reservierten Scherze an die beiden Damen.
»Wann ist das Haus noch gebaut worden?« fragte Herr Hoffstede schräg
über den Tisch hinüber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und
etwas spöttischem Tone mit Madame Köppen unterhielt.
»Anno … warte mal … Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn weiß
übrigens besser mit solchen Daten Bescheid …«
»Zweiundachtzig«, bestätigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter
unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte.
»1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es
»Wie gesagt, alle Achtung, Buddenbrook!« übertönte die wuchtige
Stimme des Herrn Köppen das allgemeine Gespräch, als das Folgmädchen
mit den nackten, roten Armen, dem dicken, gestreiften Rock, unter der
kleinen weißen Mütze auf dem Hinterkopf, unter Beihilfe Mamsell
Jungmanns und des Mädchens der Konsulin von oben, die heiße
Kräutersuppe nebst geröstetem Brot serviert hatte und man anfing,
behutsam zu löffeln.
»Alle Achtung! Diese Weitläufigkeit, diese Noblesse … ich muß sagen,
hier läßt sich leben, muß ich sagen …« Herr Köppen hatte bei den früheren
Besitzern des Hauses nicht verkehrt; er war noch nicht lange reich, stammte
nicht gerade aus einer Patrizierfamilie und konnte sich einiger
Dialektschwächen, wie die Wiederholung von »muß ich sagen«, leider noch
nicht entwöhnen. Außerdem sagte er »Achung« statt »Achtung«.
»Hat auch gar kein Geld gekostet«, bemerkte trocken Herr Grätjens, der
es wissen mußte, und betrachtete durch die hohle Hand eingehend den Golf.
Man hatte so weit wie möglich bunte Reihe gemacht und die Kette der
Verwandten durch Hausfreunde unterbrochen. Streng aber war dies nicht
durchzuführen gewesen, und die alten Oeverdiecks saßen einander wie
gewöhnlich fast auf dem Schoße, sich innig zunickend. Der alte Kröger
aber thronte hoch und gerade zwischen der Senatorin Langhals und
Madame Antoinette und verteilte seine Handbewegungen und seine
reservierten Scherze an die beiden Damen.
»Wann ist das Haus noch gebaut worden?« fragte Herr Hoffstede schräg
über den Tisch hinüber den alten Buddenbrook, der sich in jovialem und
etwas spöttischem Tone mit Madame Köppen unterhielt.
»Anno … warte mal … Um 1680, wenn ich nicht irre. Mein Sohn weiß
übrigens besser mit solchen Daten Bescheid …«
»Zweiundachtzig«, bestätigte, sich vorbeugend, der Konsul, der weiter
unten, ohne eine Tischdame, neben Senator Langhals seinen Platz hatte.
»1682, im Winter, ist es fertig geworden. Mit Ratenkamp & Komp. fing es
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damals an, aufs glänzendste bergauf zu gehen … Traurig, dieses Sinken der
Firma in den letzten zwanzig Jahren …«
Ein allgemeiner Stillstand des Gespräches trat ein und dauerte eine
halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals so
glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die
verarmt, heruntergekommen, davongezogen war …
»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher
Wahnsinn den Ruin herbeiführte … Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht
diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott,
die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu
wirtschaften. Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie
greulich der hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und
Akzepte dort auf Namen der Firma gegeben hat … Schließlich war es aus
… Da waren die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung … Sie haben
keine Vorstellung … Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack
vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber
Ratenkamp kümmerte sich um nichts …«
»Er war wie gelähmt«, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen
düsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte,
vornübergebeugt, den Löffel in seiner Suppe und ließ dann und wann einen
kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum oberen
Tischende hinaufschweifen.
»Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann
diesen Druck begreifen. Was veranlaßte ihn, sich mit Geelmaack zu
verbinden, der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den
besten Leumund machte? Er muß das Bedürfnis empfunden haben, einen
Teil der furchtbaren Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwälzen,
weil er fühlte, daß es unaufhaltsam zu Ende ging … Diese Firma hatte
abgewirtschaftet, diese alte Familie war passée. Wilhelm Geelmaack hat
sicherlich nur den letzten Anstoß zum Ruin gegeben …«
»Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul«, sagte Pastor
Wunderlich mit bedächtigem Lächeln und schenkte seiner Dame und sich
selbst Rotwein ins Glas, »daß auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und
seines wilden Gebarens alles gekommen wäre, wie es gekommen ist?«
Firma in den letzten zwanzig Jahren …«
Ein allgemeiner Stillstand des Gespräches trat ein und dauerte eine
halbe Minute. Man blickte in seinen Teller und gedachte dieser ehemals so
glänzenden Familie, die das Haus erbaut und bewohnt hatte und die
verarmt, heruntergekommen, davongezogen war …
»Tja, traurig«, sagte der Makler Grätjens; »wenn man bedenkt, welcher
Wahnsinn den Ruin herbeiführte … Wenn Dietrich Ratenkamp damals nicht
diesen Geelmaack zum Kompagnon genommen hätte! Ich habe, weiß Gott,
die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als der anfing zu
wirtschaften. Ich weiß es aus bester Quelle, meine Herrschaften, wie
greulich der hinter Ratenkamps Rücken spekuliert und Wechsel hier und
Akzepte dort auf Namen der Firma gegeben hat … Schließlich war es aus
… Da waren die Banken mißtrauisch, da fehlte die Deckung … Sie haben
keine Vorstellung … Wer hat auch nur das Lager kontrolliert? Geelmaack
vielleicht? Sie haben da wie die Ratten gehaust, jahraus, jahrein! Aber
Ratenkamp kümmerte sich um nichts …«
»Er war wie gelähmt«, sagte der Konsul. Sein Gesicht hatte einen
düsteren und verschlossenen Ausdruck angenommen. Er bewegte,
vornübergebeugt, den Löffel in seiner Suppe und ließ dann und wann einen
kurzen Blick seiner kleinen, runden, tiefliegenden Augen zum oberen
Tischende hinaufschweifen.
»Er ging wie unter einem Drucke einher, und ich glaube, man kann
diesen Druck begreifen. Was veranlaßte ihn, sich mit Geelmaack zu
verbinden, der bitterwenig Kapital hinzubrachte, und dem niemand den
besten Leumund machte? Er muß das Bedürfnis empfunden haben, einen
Teil der furchtbaren Verantwortlichkeit auf irgend jemanden abzuwälzen,
weil er fühlte, daß es unaufhaltsam zu Ende ging … Diese Firma hatte
abgewirtschaftet, diese alte Familie war passée. Wilhelm Geelmaack hat
sicherlich nur den letzten Anstoß zum Ruin gegeben …«
»Sie sind also der Ansicht, werter Herr Konsul«, sagte Pastor
Wunderlich mit bedächtigem Lächeln und schenkte seiner Dame und sich
selbst Rotwein ins Glas, »daß auch ohne den Hinzutritt des Geelmaack und
seines wilden Gebarens alles gekommen wäre, wie es gekommen ist?«
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»Das wohl nicht«, sagte der Konsul gedankenvoll und ohne sich an eine
bestimmte Person zu wenden. »Aber ich glaube, daß Dietrich Ratenkamp
sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mußte, damit
das Schicksal erfüllt würde … Er muß unter dem Druck einer unerbittlichen
Notwendigkeit gehandelt haben … Ach, ich bin überzeugt, daß er das
Treiben seines Associés halb und halb gekannt hat, daß er auch über die
Zustände in seinem Lager nicht so vollständig unwissend war. Aber er war
erstarrt …«
»Na, assez, Jean«, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Löffel
aus der Hand. »Das ist so eine von deinen idées …«
Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater
entgegen. Lebrecht Kröger aber sprach:
»Nein, halten wir es nun mit der fröhlichen Gegenwart!«
Er faßte dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weißwein-
Bouteille, auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein
wenig auf die Seite und prüfte aufmerksam die Etikette. »C. F. Köppen«, las
er und nickte dem Weinhändler zu; »ach ja, was wären wir ohne Sie!«
Die Meißener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame
Antoinette die Bewegungen der Mädchen scharf beobachtete, und Mamsell
Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein,
das den Eßsaal mit der Küche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht,
und während Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er:
»Diese fröhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz
selbstverständlich. Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten
freuen, denken wohl nicht daran, daß es jemals anders gewesen sein könnte
… Ich darf sagen, daß ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht
selten persönlichen Anteil genommen habe … Immer wenn ich diese Dinge
vor Augen habe« – und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er
einen der schweren silbernen Löffel vom Tische nahm –, »muß ich denken,
ob sie nicht zu den Stücken gehören, die anno sechs unser Freund, der
Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestät des Kaisers Napoleon, in
Händen hatte … und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstraße,
Madame …«
bestimmte Person zu wenden. »Aber ich glaube, daß Dietrich Ratenkamp
sich notwendig und unvermeidlich mit Geelmaack verbinden mußte, damit
das Schicksal erfüllt würde … Er muß unter dem Druck einer unerbittlichen
Notwendigkeit gehandelt haben … Ach, ich bin überzeugt, daß er das
Treiben seines Associés halb und halb gekannt hat, daß er auch über die
Zustände in seinem Lager nicht so vollständig unwissend war. Aber er war
erstarrt …«
»Na, assez, Jean«, sagte der alte Buddenbrook und legte seinen Löffel
aus der Hand. »Das ist so eine von deinen idées …«
Der Konsul hob mit einem zerstreuten Lächeln sein Glas seinem Vater
entgegen. Lebrecht Kröger aber sprach:
»Nein, halten wir es nun mit der fröhlichen Gegenwart!«
Er faßte dabei vorsichtig und elegant den Hals seiner Weißwein-
Bouteille, auf deren Pfropfen ein kleiner silberner Hirsch stand, legte sie ein
wenig auf die Seite und prüfte aufmerksam die Etikette. »C. F. Köppen«, las
er und nickte dem Weinhändler zu; »ach ja, was wären wir ohne Sie!«
Die Meißener Teller mit Goldrand wurden gewechselt, wobei Madame
Antoinette die Bewegungen der Mädchen scharf beobachtete, und Mamsell
Jungmann rief Anordnungen in den Schalltrichter des Sprachrohres hinein,
das den Eßsaal mit der Küche verband. Es wurde der Fisch herumgereicht,
und während Pastor Wunderlich sich mit Vorsicht bediente, sagte er:
»Diese fröhliche Gegenwart ist immerhin nicht so ganz
selbstverständlich. Die jungen Leute, die sich hier jetzt mit uns Alten
freuen, denken wohl nicht daran, daß es jemals anders gewesen sein könnte
… Ich darf sagen, daß ich an den Schicksalen unserer Buddenbrooks nicht
selten persönlichen Anteil genommen habe … Immer wenn ich diese Dinge
vor Augen habe« – und er wandte sich an Madame Antoinette, indem er
einen der schweren silbernen Löffel vom Tische nahm –, »muß ich denken,
ob sie nicht zu den Stücken gehören, die anno sechs unser Freund, der
Philosoph Lenoir, Sergeant Seiner Majestät des Kaisers Napoleon, in
Händen hatte … und erinnere mich unserer Begegnung in der Alfstraße,
Madame …«
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Madame Buddenbrook blickte mit einem halb verlegenen, halb
erinnerungsschweren Lächeln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten,
die keinen Fisch essen mochten und dem Gespräch der großen Leute
aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: »Ach ja,
erzählen Sie, Großmama!« Aber der Pastor, der wußte, daß sie es nicht
liebte, von diesem für sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu berichten,
begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen Geschichte, auf welche
die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht hätten, und die vielleicht
einem oder dem anderen noch unbekannt war …
»Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt
und regnicht, daß Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschäft die
Alfstraße hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Fürst Blücher war fort,
die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung
merkte man wenig. Die Straßen lagen still, die Leute saßen in ihren
Häusern und hüteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Händen in
den Hosentaschen vor seiner Tür gestanden und mit seiner dröhnendsten
Stimme gesagt hatte: ›Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn doch
woll –!‹ war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden … Nun, ich
denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein Zuspruch
könnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und Madame
wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.«
»Da, im nämlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen?
Unsere allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung?
Sie eilt ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die
Schultern geworfen, sie stürzt mehr als sie geht, und ihre coiffure ist eine
komplette Wirrnis … Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die
Rede von einer coiffure.«
»›Welch angenehme surprise!‹ sage ich und erlaube mir, sie, die mich
gar nicht sieht, am Ärmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes …
›Wohin doch so schnell, meine Liebe?‹ Sie bemerkt mich, sie blickt mich
an, sie stößt hervor: ›Sind Sie's … leben Sie wohl! Alles ist zu Ende! Ich
gehe hinunter in die Trave!‹«
»›Behüte!‹ sage ich und fühle, wie ich weiß werde. ›Das ist der Ort
nicht für Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert?‹ Und ich halte sie so fest,
erinnerungsschweren Lächeln vor sich nieder. Tom und Tony, dort unten,
die keinen Fisch essen mochten und dem Gespräch der großen Leute
aufmerksam gefolgt waren, riefen beinahe einstimmig herauf: »Ach ja,
erzählen Sie, Großmama!« Aber der Pastor, der wußte, daß sie es nicht
liebte, von diesem für sie ein wenig peinlichen Vorfall selbst zu berichten,
begann statt ihrer noch einmal mit der alten kleinen Geschichte, auf welche
die Kinder gern zum hundertsten Male gehorcht hätten, und die vielleicht
einem oder dem anderen noch unbekannt war …
»Kurz und gut, man figuriere sich: Es ist ein Novembernachmittag, kalt
und regnicht, daß Gott erbarm', ich komme von einem Amtsgeschäft die
Alfstraße hinauf und denke der schlimmen Zeiten. Fürst Blücher war fort,
die Franzosen waren in der Stadt, aber von der herrschenden Erregung
merkte man wenig. Die Straßen lagen still, die Leute saßen in ihren
Häusern und hüteten sich. Schlachtermeister Prahl, der mit den Händen in
den Hosentaschen vor seiner Tür gestanden und mit seiner dröhnendsten
Stimme gesagt hatte: ›Dat is je denn doch woll zu arg, is dat je denn doch
woll –!‹ war einfach, bautz, vor den Kopf geknallt worden … Nun, ich
denke: Du willst einmal zu Buddenbrooks hineinsehen, ein Zuspruch
könnte willkommen sein; der Mann liegt mit der Kopfrose, und Madame
wird mit der Einquartierung zu schaffen haben.«
»Da, im nämlichen Moment, wen sehe ich mir entgegenkommen?
Unsere allverehrte Madame Buddenbrook. Allein in welcher Verfassung?
Sie eilt ohne Hut durch den Regen, sie hat kaum einen Schal um die
Schultern geworfen, sie stürzt mehr als sie geht, und ihre coiffure ist eine
komplette Wirrnis … Nein, das ist wahr, Madame! es war kaum noch die
Rede von einer coiffure.«
»›Welch angenehme surprise!‹ sage ich und erlaube mir, sie, die mich
gar nicht sieht, am Ärmel zu halten, denn mir schwant nichts Gutes …
›Wohin doch so schnell, meine Liebe?‹ Sie bemerkt mich, sie blickt mich
an, sie stößt hervor: ›Sind Sie's … leben Sie wohl! Alles ist zu Ende! Ich
gehe hinunter in die Trave!‹«
»›Behüte!‹ sage ich und fühle, wie ich weiß werde. ›Das ist der Ort
nicht für Sie, meine Liebe! Was ist aber passiert?‹ Und ich halte sie so fest,
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als der Respekt es zuläßt. ›Was passiert ist?‹ ruft sie und zittert. ›Sie sind
über dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert! Und Jean liegt mit der
Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er könnte auch nicht helfen, wäre
er auf den Beinen! Sie stehlen meine Löffel, meine silbernen Löffel, das ist
passiert, Wunderlich, und ich gehe in die Trave!‹«
»Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen
Fällen, ›Courage‹, sage ich, ›Liebste!‹ und ›Alles wird gut werden!‹ und
›Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwöre Sie, und
gehen wir!‹ Und ich führe sie die Straße hinauf in ihr Haus. Im Eßzimmer
droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die zwanzig
Mann hoch, die sich mit der großen Truhe abgeben, wo das Silberzeug
liegt.«
»›Mit wem von Ihnen kann ich Rücksprache nehmen‹, frage ich höflich,
›meine Herren?‹ Nun, man fängt an zu lachen und ruft: ›Mit uns allen,
Papa!‹ Dann aber tritt einer vor und präsentiert sich, ein Mensch, der lang
ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und großen
roten Händen, die aus den betreßten Aufschlägen heraussehen. ›Lenoir‹,
sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten hält er ein Bündel
von fünf oder sechs silbernen Löffeln, ›Lenoir, Sergeant. Was wünscht der
Herr?‹«
»›Herr Offizier!‹ sage ich und ziele auf den point d'honneur. ›Sollte
die Beschäftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glänzenden Charge
vereinbaren?… Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen …‹ –
›Was wollen Sie?‹ antwortet er. ›Das ist der Krieg! Die Leute benötigen
dergleichen Geschirr …‹«
»›Sie sollten Rücksicht nehmen‹, unterbrach ich ihn, denn mir kommt
ein Gedanke. ›Diese Dame‹, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher
Lage, ›die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist
beinahe Ihre Landsmännin, sie ist eine Französin …‹ – ›Wie, eine
Französin?‹ wiederholt er. Und was glauben Sie, daß dieser lange Haudegen
hinzufügt? – ›Eine Emigrantin also?‹ sagt er. ›Aber dann ist sie eine Feindin
der Philosophie!‹«
»Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. ›Sie sind‹, sage ich,
›ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, daß es mir Ihrer nicht
über dem Silberzeug, Wunderlich! Das ist passiert! Und Jean liegt mit der
Kopfrose und kann mir nicht helfen! Und er könnte auch nicht helfen, wäre
er auf den Beinen! Sie stehlen meine Löffel, meine silbernen Löffel, das ist
passiert, Wunderlich, und ich gehe in die Trave!‹«
»Nun, ich halte unsere Freundin, ich sage was man sagt in solchen
Fällen, ›Courage‹, sage ich, ›Liebste!‹ und ›Alles wird gut werden!‹ und
›Wir wollen reden mit den Leuten, fassen Sie sich, ich beschwöre Sie, und
gehen wir!‹ Und ich führe sie die Straße hinauf in ihr Haus. Im Eßzimmer
droben finden wir die Miliz, wie Madame sie verlassen, an die zwanzig
Mann hoch, die sich mit der großen Truhe abgeben, wo das Silberzeug
liegt.«
»›Mit wem von Ihnen kann ich Rücksprache nehmen‹, frage ich höflich,
›meine Herren?‹ Nun, man fängt an zu lachen und ruft: ›Mit uns allen,
Papa!‹ Dann aber tritt einer vor und präsentiert sich, ein Mensch, der lang
ist wie ein Baum, mit einem schwarz gewichsten Schnauzbart und großen
roten Händen, die aus den betreßten Aufschlägen heraussehen. ›Lenoir‹,
sagt er und salutiert mit der Linken, denn in der Rechten hält er ein Bündel
von fünf oder sechs silbernen Löffeln, ›Lenoir, Sergeant. Was wünscht der
Herr?‹«
»›Herr Offizier!‹ sage ich und ziele auf den point d'honneur. ›Sollte
die Beschäftigung mit diesen Dingen sich mit Ihrer glänzenden Charge
vereinbaren?… Die Stadt hat sich dem Kaiser nicht verschlossen …‹ –
›Was wollen Sie?‹ antwortet er. ›Das ist der Krieg! Die Leute benötigen
dergleichen Geschirr …‹«
»›Sie sollten Rücksicht nehmen‹, unterbrach ich ihn, denn mir kommt
ein Gedanke. ›Diese Dame‹, sage ich, denn was sagt man nicht in solcher
Lage, ›die Herrin des Hauses, sie ist nicht etwa eine Deutsche, sie ist
beinahe Ihre Landsmännin, sie ist eine Französin …‹ – ›Wie, eine
Französin?‹ wiederholt er. Und was glauben Sie, daß dieser lange Haudegen
hinzufügt? – ›Eine Emigrantin also?‹ sagt er. ›Aber dann ist sie eine Feindin
der Philosophie!‹«
»Ich bin baff, aber ich verschlucke mein Lachen. ›Sie sind‹, sage ich,
›ein Mann von Kopf, wie ich sehe. Ich wiederhole, daß es mir Ihrer nicht
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würdig scheint, sich mit diesen Dingen zu befassen!‹ – Er schweigt einen
Augenblick; dann aber, plötzlich, wird er rot, er wirft seine sechs Löffel in
die Truhe und ruft: ›Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich etwas anderes mit
diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu betrachten?! Hübsche
Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute ein Stück als Souvenir
mit sich nehmen sollte …‹«
»Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen,
da half keine Berufung auf menschliche oder göttliche Gerechtigkeit … Sie
kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen fürchterlichen kleinen
Menschen …«
Fünftes Kapitel
»Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?« –
Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter,
panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner, säuerlicher
Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemüsen, daß alle aus einer
einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Lebrecht Kröger übernahm
das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die langen
Zeigefinger gerade auf den Rücken von Messer und Gabel ausgestreckt,
schnitt er mit Bedacht die saftigen Stücke hinunter. Auch das Meisterwerk
der Konsulin Buddenbrook, der »Russische Topf«, ein prickelnd und
spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte, wurde gereicht. –
Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte
bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques
Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu Paris,
unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer Parade im
Schloßhofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig …
»Gott, nein, er sah nicht gemütlich aus«, sagte er, indem er einen Bissen
von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel
komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. Ȇbrigens soll er
sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzählte sich damals
einen Scherz … Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und
Augenblick; dann aber, plötzlich, wird er rot, er wirft seine sechs Löffel in
die Truhe und ruft: ›Aber wer sagt Ihnen denn, daß ich etwas anderes mit
diesen Dingen beabsichtigte, als sie ein wenig zu betrachten?! Hübsche
Sachen, das! Wenn einer oder der andere der Leute ein Stück als Souvenir
mit sich nehmen sollte …‹«
»Nun, sie haben immerhin noch genug Souvenirs mit sich genommen,
da half keine Berufung auf menschliche oder göttliche Gerechtigkeit … Sie
kannten wohl keinen anderen Gott, als diesen fürchterlichen kleinen
Menschen …«
Fünftes Kapitel
»Sie haben ihn gesehen, Herr Pastor?« –
Die Teller wurden aufs neue gewechselt. Ein kolossaler, ziegelroter,
panierter Schinken erschien, geräuchert, gekocht, nebst brauner, säuerlicher
Chalottensauce, und solchen Mengen von Gemüsen, daß alle aus einer
einzigen Schüssel sich hätten sättigen können. Lebrecht Kröger übernahm
das Tranchieren. Die Ellenbogen in legerer Weise erhoben, die langen
Zeigefinger gerade auf den Rücken von Messer und Gabel ausgestreckt,
schnitt er mit Bedacht die saftigen Stücke hinunter. Auch das Meisterwerk
der Konsulin Buddenbrook, der »Russische Topf«, ein prickelnd und
spirituös schmeckendes Gemisch konservierter Früchte, wurde gereicht. –
Nein, Pastor Wunderlich bedauerte, Bonaparte niemals zu Gesichte
bekommen zu haben. Der alte Buddenbrook aber sowohl wie Jean Jacques
Hoffstede hatten ihn von Angesicht zu Angesicht gesehen; ersterer zu Paris,
unmittelbar vor der russischen Kampagne, gelegentlich einer Parade im
Schloßhofe der Tuilerien, letzterer zu Danzig …
»Gott, nein, er sah nicht gemütlich aus«, sagte er, indem er einen Bissen
von Schinken, Rosenkohl und Kartoffel, den er auf seiner Gabel
komponiert, mit erhobenen Brauen in den Mund schob. Ȇbrigens soll er
sich ganz heiter benommen haben, in Danzig. Man erzählte sich damals
einen Scherz … Er hasardierte den ganzen Tag mit den Deutschen, und
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zwar nicht eben harmlos, abends aber spielte er mit seinen Generälen.
›N'est-ce pas, Rapp‹, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom Tische,
›les Allemands aiment beaucoup ces petits Napoléons?‹ – ›Oui, Sire,
plus que le Grand!‹ antwortete Rapp …«
In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde – denn Hoffstede hatte die
Anekdote hübsch erzählt und sogar ein wenig das Mienenspiel des Kaisers
markiert –, sagte der alte Buddenbrook:
»Na, ungescherzt, allen Respekt übrigens vor seiner persönlichen
Großheit … Was für eine Natur!«
Der Konsul schüttelte ernsthaft den Kopf.
»Nein, nein, wir Jüngeren verstehen nicht mehr die
Verehrungswürdigkeit des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete,
der in Ägypten die achthundert Gefangenen niedermetzelte …«
»Das alles ist möglicherweise übertrieben und gefälscht«, sagte Pastor
Wunderlich. »Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrührerischer Herr
gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution
wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschluß eines
korrekten Kriegsrates …« Und er erzählte von einem Buche, das vor
einigen Jahren erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines
Sekretärs des Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene …
»Gleichviel«, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im
Armleuchter vor ihm flackerte. »Ich begreife es nicht, ich begreife nicht die
Bewunderung für diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als Mensch
von religiösem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum für ein
solches Gefühl.«
Sein Gesicht hatte einen stillen und schwärmerischen Ausdruck
angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt –
während es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich
einander ganz leise zulächelten.
»Ja, ja«, schmunzelte Johann Buddenbrook, »aber die kleinen
Napoléons waren nicht übel, was? Mein Sohn schwärmt mehr für Louis
Philipp«, fügte er hinzu.
›N'est-ce pas, Rapp‹, sagte er, und griff eine Handvoll Gold vom Tische,
›les Allemands aiment beaucoup ces petits Napoléons?‹ – ›Oui, Sire,
plus que le Grand!‹ antwortete Rapp …«
In der allgemeinen Heiterkeit, die laut wurde – denn Hoffstede hatte die
Anekdote hübsch erzählt und sogar ein wenig das Mienenspiel des Kaisers
markiert –, sagte der alte Buddenbrook:
»Na, ungescherzt, allen Respekt übrigens vor seiner persönlichen
Großheit … Was für eine Natur!«
Der Konsul schüttelte ernsthaft den Kopf.
»Nein, nein, wir Jüngeren verstehen nicht mehr die
Verehrungswürdigkeit des Mannes, der den Herzog von Enghien ermordete,
der in Ägypten die achthundert Gefangenen niedermetzelte …«
»Das alles ist möglicherweise übertrieben und gefälscht«, sagte Pastor
Wunderlich. »Der Herzog mag ein leichtsinniger und aufrührerischer Herr
gewesen sein, und was die Gefangenen betrifft, so war ihre Exekution
wahrscheinlich der wohlerwogene und notwendige Beschluß eines
korrekten Kriegsrates …« Und er erzählte von einem Buche, das vor
einigen Jahren erschienen war, und das er gelesen hatte, das Werk eines
Sekretärs des Kaisers, das volle Aufmerksamkeit verdiene …
»Gleichviel«, beharrte der Konsul, indem er eine Kerze putzte, die im
Armleuchter vor ihm flackerte. »Ich begreife es nicht, ich begreife nicht die
Bewunderung für diesen Unmenschen! Als christlicher Mann, als Mensch
von religiösem Empfinden finde ich in meinem Herzen keinen Raum für ein
solches Gefühl.«
Sein Gesicht hatte einen stillen und schwärmerischen Ausdruck
angenommen, ja, er hatte sogar den Kopf ein wenig auf die Seite gelegt –
während es wahrhaftig aussah, als ob sein Vater und Pastor Wunderlich
einander ganz leise zulächelten.
»Ja, ja«, schmunzelte Johann Buddenbrook, »aber die kleinen
Napoléons waren nicht übel, was? Mein Sohn schwärmt mehr für Louis
Philipp«, fügte er hinzu.
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»Schwärmt?« wiederholte Jean Jacques Hoffstede ein bißchen mokant
… »Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalité und schwärmen …«
»Nun, mich dünkt, daß wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge
zu lernen haben …« Der Konsul sprach ernst und eifrig. »Das freundliche
und hilfreiche Verhältnis des französischen Konstitutionalismus zu den
neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit … ist etwas so überaus
Dankenswertes …«
»Praktische Ideale … na, ja …« Der alte Buddenbrook spielte während
einer Pause, die er seinen Kinnladen gönnte, mit seiner goldenen Dose.
»Praktische Ideale … ne, ich bin da gar nich für!« Er verfiel vor Verdruß in
den Dialekt. »Da schießen nun die gewerblichen Anstalten und die
technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das
Gymnasium und die klassische Bildung sind plötzlich Bêtisen, und alle
Welt denkt an nichts, als Bergwerke … und Industrie … und Geldverdienen
… Brav, das alles, höchst brav! Aber ein bißchen stüpide, von der anderen
Seite, so auf die Dauer – wie? Ich weiß nicht, warum es mir ein Affront ist
… ich habe nichts gesagt, Jean … die Juli-Monarchie ist eine gute
Sache …«
Senator Langhals aber sowohl wie Grätjens und Köppen standen dem
Konsul zur Seite … Ja, wahrhaftig, vor der französischen Regierung und
den gleichartigen Bestrebungen in Deutschland müsse man die größte
Achtung haben … Herr Köppen sagte wieder »Achung«. – Er war noch viel
röter geworden während des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor
Wunderlichs Gesicht aber blieb weiß, fein und aufgeweckt, obgleich er in
aller Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank.
Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und ließen dann und
wann, wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen
Wachsgeruch über die Tafel hinwehen.
Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem
Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und sagte
seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel unwillkürlich
mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich schwerfällige
Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie wohlhabende
Nachlässigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da mit gutmütiger
… »Eine kuriose Zusammenstellung! Philipp Egalité und schwärmen …«
»Nun, mich dünkt, daß wir von der Juli-Monarchie bei Gott eine Menge
zu lernen haben …« Der Konsul sprach ernst und eifrig. »Das freundliche
und hilfreiche Verhältnis des französischen Konstitutionalismus zu den
neuen praktischen Idealen und Interessen der Zeit … ist etwas so überaus
Dankenswertes …«
»Praktische Ideale … na, ja …« Der alte Buddenbrook spielte während
einer Pause, die er seinen Kinnladen gönnte, mit seiner goldenen Dose.
»Praktische Ideale … ne, ich bin da gar nich für!« Er verfiel vor Verdruß in
den Dialekt. »Da schießen nun die gewerblichen Anstalten und die
technischen Anstalten und die Handelsschulen aus der Erde, und das
Gymnasium und die klassische Bildung sind plötzlich Bêtisen, und alle
Welt denkt an nichts, als Bergwerke … und Industrie … und Geldverdienen
… Brav, das alles, höchst brav! Aber ein bißchen stüpide, von der anderen
Seite, so auf die Dauer – wie? Ich weiß nicht, warum es mir ein Affront ist
… ich habe nichts gesagt, Jean … die Juli-Monarchie ist eine gute
Sache …«
Senator Langhals aber sowohl wie Grätjens und Köppen standen dem
Konsul zur Seite … Ja, wahrhaftig, vor der französischen Regierung und
den gleichartigen Bestrebungen in Deutschland müsse man die größte
Achtung haben … Herr Köppen sagte wieder »Achung«. – Er war noch viel
röter geworden während des Speisens und schnob vernehmlich; Pastor
Wunderlichs Gesicht aber blieb weiß, fein und aufgeweckt, obgleich er in
aller Behaglichkeit ein Glas nach dem anderen trank.
Die Kerzen brannten langsam, langsam hinunter und ließen dann und
wann, wenn ihre Flammen im Luftzuge zur Seite flackerten, einen feinen
Wachsgeruch über die Tafel hinwehen.
Man saß auf hochlehnigen, schweren Stühlen, speiste mit schwerem
Silbergerät schwere, gute Sachen, trank schwere, gute Weine dazu und sagte
seine Meinung. Man war bald bei den Geschäften und verfiel unwillkürlich
mehr und mehr dabei in den Dialekt, in diese behaglich schwerfällige
Ausdrucksweise, die kaufmännische Kürze sowohl wie wohlhabende
Nachlässigkeit an sich zu haben schien, und die hie und da mit gutmütiger
Page 28
Selbstironie übertrieben wurde. Man sagte nicht: »an der Börse«, man sagte
ganz einfach: »an Börse« …, wobei man zum Überfluß das r wie ein kurzes
ä aussprach und ein wohlgefälliges Gesicht dazu machte.
Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Kröger
führte ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier
auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen … »Wenn sie in
ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und
Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit etwas
Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer … Aber nicht waschen, Liebste,
alles Blut mitnehmen, um Gottes willen …«
Der alte Kröger ließ die angenehmsten Scherze einfließen. Konsul
Justus, sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nähe
der Kinder saß, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gespräch
angeknüpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer
Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und
her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden.
Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort für ihren Gatten erfunden: »Du
gutes Schnuckeltier!« sagte sie und schüttelte ihre Haube vor Herzlichkeit.
Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques
Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische
Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten
gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von
der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust
geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung
spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm
lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens,
den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen …
»Ja, meiner Treu!« sagte der Alte. »Ich ärgere mich noch immer, daß ich
mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich
herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen – es ist
eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras
gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten wären …«
Der Konsul aber protestierte mit Eifer.
ganz einfach: »an Börse« …, wobei man zum Überfluß das r wie ein kurzes
ä aussprach und ein wohlgefälliges Gesicht dazu machte.
Die Damen waren dem Disput nicht lange gefolgt. Madame Kröger
führte ihnen das Wort, indem sie in der appetitlichsten Art die beste Manier
auseinandersetzte, Karpfen in Rotwein zu kochen … »Wenn sie in
ordentliche Stücken zerschnitten sind, Liebe, dann mit Zwiebeln und
Nelken und Zwieback in die Kasserolle, und dann kriegen Sie sie mit etwas
Zucker und einem Löffel Butter zu Feuer … Aber nicht waschen, Liebste,
alles Blut mitnehmen, um Gottes willen …«
Der alte Kröger ließ die angenehmsten Scherze einfließen. Konsul
Justus, sein Sohn, aber, der neben Doktor Grabow weiter unten in der Nähe
der Kinder saß, hatte mit Mamsell Jungmann ein neckisches Gespräch
angeknüpft; sie kniff ihre braunen Augen zusammen und hielt nach ihrer
Gewohnheit Messer und Gabel gerade empor, indem sie sie leicht hin und
her bewegte. Selbst Oeverdiecks waren ganz laut und lebendig geworden.
Die alte Konsulin hatte ein neues Kosewort für ihren Gatten erfunden: »Du
gutes Schnuckeltier!« sagte sie und schüttelte ihre Haube vor Herzlichkeit.
Das Gespräch floß in einen Gegenstand zusammen, als Jean Jacques
Hoffstede auf sein Lieblingsthema zu sprechen kam, auf die italienische
Reise, die er vor fünfzehn Jahren mit einem reichen Hamburger Verwandten
gemacht hatte. Er erzählte von Venedig, Rom und dem Vesuv, er sprach von
der Villa Borghese, wo der verstorbene Goethe einen Teil seines Faust
geschrieben habe, er schwärmte von Renaissance-Brunnen, die Kühlung
spendeten, von wohlbeschnittenen Alleen, in denen es sich so angenehm
lustwandeln lasse, und jemand erwähnte des großen, verwilderten Gartens,
den Buddenbrooks gleich hinter dem Burgtore besaßen …
»Ja, meiner Treu!« sagte der Alte. »Ich ärgere mich noch immer, daß ich
mich seinerzeit nicht resolvieren konnte, ihn ein bißchen menschlich
herrichten zu lassen! Ich bin kürzlich mal wieder hindurch gegangen – es ist
eine Schande, dieser Urwald! Welch nett Besitztum, wenn das Gras
gepflegt, die Bäume hübsch kegel- und würfelförmig beschnitten wären …«
Der Konsul aber protestierte mit Eifer.
Page 29
»Um Gottes willen, Papa –! Ich ergehe mich Sommers dort gern im
Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so
kläglich zusammengeschnitten wäre …«
»Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck
nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten …«
»Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden
Gebüsch liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich
nicht das mindeste Recht über sie …«
»Krischan, freet mi nich tau veel«, rief plötzlich der alte Buddenbrook,
»Thilda, der schadt es nichts … packt ein wie söben Drescher, die Dirn …«
Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fähigkeiten dieses
stille, magere Kind mit dem langen, ältlichen Gesicht beim Essen
entwickelte. Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe
wünsche, gedehnt und demütig geantwortet: »J–a– bit–te!« Sie hatte sich
vom Fisch wie vom Schinken zweimal je zwei der größten Stücke nebst
starken Haufen von Zutaten gewählt, sorgsam und kurzsichtig über den
Teller gebeugt, und sie verzehrte alles, ohne Überhastung, still und in
großen Bissen. Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur
langgezogen, freundlich, verwundert und einfältig: »Gott – On–k–el–?« Sie
ließ sich nicht einschüchtern, sie aß, ob es auch nicht anschlug und ob man
sie verspottete, mit dem instinktmäßig ausbeutenden Appetit der armen
Verwandten am reichen Freitische, lächelte unempfindlich und bedeckte
ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zäh, hungrig und mager.
Sechstes Kapitel
Nun kam, in zwei großen Kristallschüsseln, der »Plettenpudding«, ein
schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme;
am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder
hatten ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding
bekommen.
Gestrüpp; aber alles wäre mir verdorben, wenn die schöne, freie Natur so
kläglich zusammengeschnitten wäre …«
»Aber wenn die freie Natur doch mir gehört, habe ich da zum Kuckuck
nicht das Recht, sie nach meinem Belieben herzurichten …«
»Ach Vater, wenn ich dort im hohen Grase unter dem wuchernden
Gebüsch liege, ist es mir eher, als gehörte ich der Natur und als hätte ich
nicht das mindeste Recht über sie …«
»Krischan, freet mi nich tau veel«, rief plötzlich der alte Buddenbrook,
»Thilda, der schadt es nichts … packt ein wie söben Drescher, die Dirn …«
Und wahrhaftig, es war zum Erstaunen, welche Fähigkeiten dieses
stille, magere Kind mit dem langen, ältlichen Gesicht beim Essen
entwickelte. Sie hatte auf die Frage, ob sie zum zweiten Male Suppe
wünsche, gedehnt und demütig geantwortet: »J–a– bit–te!« Sie hatte sich
vom Fisch wie vom Schinken zweimal je zwei der größten Stücke nebst
starken Haufen von Zutaten gewählt, sorgsam und kurzsichtig über den
Teller gebeugt, und sie verzehrte alles, ohne Überhastung, still und in
großen Bissen. Auf die Worte des alten Hausherrn antwortete sie nur
langgezogen, freundlich, verwundert und einfältig: »Gott – On–k–el–?« Sie
ließ sich nicht einschüchtern, sie aß, ob es auch nicht anschlug und ob man
sie verspottete, mit dem instinktmäßig ausbeutenden Appetit der armen
Verwandten am reichen Freitische, lächelte unempfindlich und bedeckte
ihren Teller mit guten Dingen, geduldig, zäh, hungrig und mager.
Sechstes Kapitel
Nun kam, in zwei großen Kristallschüsseln, der »Plettenpudding«, ein
schichtweises Gemisch aus Makronen, Himbeeren, Biskuits und Eiercreme;
am unteren Tischende aber begann es aufzuflammen, denn die Kinder
hatten ihren Lieblings-Nachtisch, den brennenden Plumpudding
bekommen.
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»Thomas, mein Sohn, sei mal so gut«, sprach Johann Buddenbrook und
zog sein großes Schlüsselbund aus der Beinkleidtasche. »Im zweiten Keller
rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen, du?«
Und Thomas, der sich auf solche Aufträge verstand, lief fort und kam
wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber
war aus dieser unscheinbaren Hülle der goldgelbe, traubensüße alte
Malvasier in die kleinen Dessertweingläser geflossen, als der Augenblick
gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, während das
Gespräch verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu
toasten begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines
und spaßhaftes Lächeln auf seinem weißen Gesicht und die freie Hand in
zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen
Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte … »Und
wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein
Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer
vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim, – auf die Wohlfahrt
der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der abwesenden
Mitglieder … vivant hoch!«
»Die abwesenden Mitglieder?« dachte der Konsul, während er sich vor
den Gläsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. »Sind damit nur die in
Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der
alte Wunderlich seine Hintergedanken …?« Er stand auf, um sein Glas an
das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen
blickte.
Nun aber kam der Makler Grätjens von seinem Stuhle empor, und das
nahm Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete
er mit seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann
Buddenbrook und ihrem ferneren Wachsen, Blühen und Gedeihen, zur Ehre
der Stadt.
Und Johann Buddenbrook dankte für alle die freundlichen Worte, als
Oberhaupt der Familie zum ersten und als älterer Chef des Handelshauses
zum zweiten – und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille Malvasier,
denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, daß zwei genügen
würden.
zog sein großes Schlüsselbund aus der Beinkleidtasche. »Im zweiten Keller
rechts, das zweite Fach, hinter dem roten Bordeaux, zwei Bouteillen, du?«
Und Thomas, der sich auf solche Aufträge verstand, lief fort und kam
wieder mit den ganz verstaubten und umsponnenen Flaschen. Kaum aber
war aus dieser unscheinbaren Hülle der goldgelbe, traubensüße alte
Malvasier in die kleinen Dessertweingläser geflossen, als der Augenblick
gekommen war, da Pastor Wunderlich sich erhob und, während das
Gespräch verstummte, das Glas in der Hand, in angenehmen Wendungen zu
toasten begann. Er sprach, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt, ein feines
und spaßhaftes Lächeln auf seinem weißen Gesicht und die freie Hand in
zierlichen kleinen Gesten bewegend, in dem freien und behaglichen
Plauderton, den er auch auf der Kanzel innezuhalten liebte … »Und
wohlan, so lassen Sie sich denn belieben, meine wackeren Freunde, ein
Glas dieses artigen Tropfens mit mir zu leeren auf die Wohlfahrt unserer
vielgeehrten Wirte in ihrem neuen, so prächtigen Heim, – auf die Wohlfahrt
der Familie Buddenbrook, der anwesenden sowohl wie der abwesenden
Mitglieder … vivant hoch!«
»Die abwesenden Mitglieder?« dachte der Konsul, während er sich vor
den Gläsern verbeugte, die man ihm entgegenhob. »Sind damit nur die in
Frankfurt und vielleicht die Duchamps in Hamburg gemeint, oder hat der
alte Wunderlich seine Hintergedanken …?« Er stand auf, um sein Glas an
das seines Vaters klingen zu lassen, indem er ihm herzlich in die Augen
blickte.
Nun aber kam der Makler Grätjens von seinem Stuhle empor, und das
nahm Zeit in Anspruch; als er aber ein Ende genommen hatte, da widmete
er mit seiner etwas kreischenden Stimme ein Glas der Firma Johann
Buddenbrook und ihrem ferneren Wachsen, Blühen und Gedeihen, zur Ehre
der Stadt.
Und Johann Buddenbrook dankte für alle die freundlichen Worte, als
Oberhaupt der Familie zum ersten und als älterer Chef des Handelshauses
zum zweiten – und schickte Thomas nach einer dritten Bouteille Malvasier,
denn die Berechnung hatte sich als falsch erwiesen, daß zwei genügen
würden.
Page 31
Auch Lebrecht Kröger sprach. Er erlaubte sich, sitzen zu bleiben dabei,
weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs gefälligste
mit Kopf und Händen zu gestikulieren, während er seinen Trinkspruch den
beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten ließ.
Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war
und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem
Räuspern und unter einem allgemeinen »Ah!« Herr Jean Jacques Hoffstede
… die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude.
»Ja, excusez! ich konnte nicht umhin …« sprach er, wobei er leicht
seine spitze Nase berührte und ein Papier aus der Rocktasche zog … Ein
tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale.
Das Blatt, das er in Händen hielt, war allerliebst kunterbunt, und von
einem Oval, das auf der Außenseite von roten Blumen und vielen goldenen
Schnörkeln gebildet ward, verlas er die Worte:
»Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen
Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie
Buddenbrook. Oktober 1835.«
Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden
Stimme:
Hochverehrte! – Nicht versäumen
Darf es mein bescheiden Lied,
Euch zu nah'n in diesen Räumen,
Die der Himmel euch beschied.
Dir soll's, Freund im Silberhaare,
Und der würd'gen Gattin dein,
Eurer Kinder trautem Paare,
Freudevoll gewidmet sein!
Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
Sich vor unserem Blick verband, –
Venus Anadyomene
Und Vulcani fleiß'ge Hand.
weil das einen noch kulanteren Eindruck machte, und nur aufs gefälligste
mit Kopf und Händen zu gestikulieren, während er seinen Trinkspruch den
beiden Damen des Hauses, Mme. Antoinette und der Konsulin, gelten ließ.
Als er aber geendet, als der Plettenpudding schon beinahe verspeist war
und der Malvasier zur Neige ging, da erhob sich langsam, mit einem
Räuspern und unter einem allgemeinen »Ah!« Herr Jean Jacques Hoffstede
… die Kinder, da unten, applaudierten geradezu vor Freude.
»Ja, excusez! ich konnte nicht umhin …« sprach er, wobei er leicht
seine spitze Nase berührte und ein Papier aus der Rocktasche zog … Ein
tiefes Stillschweigen verbreitete sich im Saale.
Das Blatt, das er in Händen hielt, war allerliebst kunterbunt, und von
einem Oval, das auf der Außenseite von roten Blumen und vielen goldenen
Schnörkeln gebildet ward, verlas er die Worte:
»Gelegentlich der freundschaftlichen Teilnahme an dem frohen
Einweihungsfeste des neuerworbenen Hauses mit der Familie
Buddenbrook. Oktober 1835.«
Und dann wendete er und begann mit seiner schon etwas zitternden
Stimme:
Hochverehrte! – Nicht versäumen
Darf es mein bescheiden Lied,
Euch zu nah'n in diesen Räumen,
Die der Himmel euch beschied.
Dir soll's, Freund im Silberhaare,
Und der würd'gen Gattin dein,
Eurer Kinder trautem Paare,
Freudevoll gewidmet sein!
Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
Sich vor unserem Blick verband, –
Venus Anadyomene
Und Vulcani fleiß'ge Hand.
Page 32
Keine trübe Zukunft störe
Eures Lebens Fröhlichkeit,
Jeder neue Tag gewähre
Euch stets neue Seligkeit.
Freuen, ja unendlich freuen
Wird mich euer künftig Glück.
Ob ich oft den Wunsch erneuen
Werde, sagt euch itzt mein Blick.
Lebet wohl im prächt'gen Hause
Und behaltet wert und lieb
Den, der in geringer Klause
Heute diese Zeilen schrieb! –
Er verbeugte sich, und ein einmütiger, begeisterter Beifall brach los.
»Charmant, Hoffstede!« rief der alte Buddenbrook. »Dein Wohl! Nein,
das war allerliebst!«
Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, färbte ein ganz feines Rot
ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die er
bei der »Venus Anadyomene« nach ihrer Seite vollführt hatte …
Siebentes Kapitel
Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr
Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste zu
öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die alten
Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau so
aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor Wunderlich
blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich zwar ein
bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur Justus
Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.
Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und
ging davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann,
Eures Lebens Fröhlichkeit,
Jeder neue Tag gewähre
Euch stets neue Seligkeit.
Freuen, ja unendlich freuen
Wird mich euer künftig Glück.
Ob ich oft den Wunsch erneuen
Werde, sagt euch itzt mein Blick.
Lebet wohl im prächt'gen Hause
Und behaltet wert und lieb
Den, der in geringer Klause
Heute diese Zeilen schrieb! –
Er verbeugte sich, und ein einmütiger, begeisterter Beifall brach los.
»Charmant, Hoffstede!« rief der alte Buddenbrook. »Dein Wohl! Nein,
das war allerliebst!«
Als aber die Konsulin mit dem Dichter trank, färbte ein ganz feines Rot
ihren zarten Teint, denn sie hatte wohl die artige Reverenz bemerkt, die er
bei der »Venus Anadyomene« nach ihrer Seite vollführt hatte …
Siebentes Kapitel
Die allgemeine Munterkeit hatte nun ihren Gipfel erreicht, und Herr
Köppen verspürte das deutliche Bedürfnis, ein paar Knöpfe seiner Weste zu
öffnen; aber das ging wohl leider nicht an, denn nicht einmal die alten
Herren erlaubten sich dergleichen. Lebrecht Kröger saß noch genau so
aufrecht an seinem Platze, wie zu Beginn der Mahlzeit, Pastor Wunderlich
blieb weiß und formgewandt, der alte Buddenbrook hatte sich zwar ein
bißchen zurückgelegt, wahrte aber den feinsten Anstand, und nur Justus
Kröger war ersichtlich ein wenig betrunken.
Wo war Doktor Grabow? Die Konsulin erhob sich ganz unauffällig und
ging davon, denn dort unten waren die Plätze von Mamsell Jungmann,
Page 33
Doktor Grabow und Christian freigeworden, und aus der Säulenhalle klang
es beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem
Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal – und
wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich um
die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian und ächzte
leise und herzbrechend.
»Ach Gott, Madamchen!« sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand,
»Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht …«
»Mir ist übel, Mama, mir ist v e r d a m m t übel!« wimmerte Christian,
während seine runden tiefliegenden Augen über der allzugroßen Nase
unruhig hin und her gingen. Er hatte das »verdammt« nur aus übergroßer
Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:
»Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch
größerer Übelkeit!«
Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger
und milder geworden zu sein.
»Eine kleine Indigestion … nichts von Bedeutung, – Frau Konsulin!«
tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone
fort: »Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen … ein bißchen
Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren …
Und strenge Diät, – Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig
Taube, – ein wenig Franzbrot …«
»Ich will keine Taube!« rief Christian außer sich. »Ich will nie–mals
wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist v e r d a m m t übel!« Das starke
Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst stieß
er es hervor.
Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und
beinahe etwas schwermütigem Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen,
der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter,
Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal
inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren … Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die
Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
es beinahe wie unterdrücktes Jammern. Sie verließ schnell hinter dem
Folgmädchen, das Butter, Käse und Früchte serviert hatte, den Saal – und
wahrhaftig, dort im Halbdunkel, auf der runden Polsterbank, die sich um
die mittlere Säule zog, saß, lag oder kauerte der kleine Christian und ächzte
leise und herzbrechend.
»Ach Gott, Madamchen!« sagte Ida, die mit dem Doktor bei ihm stand,
»Christian, dem Jungchen, ist gar so schlecht …«
»Mir ist übel, Mama, mir ist v e r d a m m t übel!« wimmerte Christian,
während seine runden tiefliegenden Augen über der allzugroßen Nase
unruhig hin und her gingen. Er hatte das »verdammt« nur aus übergroßer
Verzweiflung hervorgestoßen, die Konsulin aber sagte:
»Wenn wir solche Worte gebrauchen, straft uns der liebe Gott mit noch
größerer Übelkeit!«
Doktor Grabow fühlte den Puls; sein gutes Gesicht schien noch länger
und milder geworden zu sein.
»Eine kleine Indigestion … nichts von Bedeutung, – Frau Konsulin!«
tröstete er. Und dann fuhr er in seinem langsamen, pedantischen Amtstone
fort: »Es dürfte das beste sein, ihn zu Bette zu bringen … ein bißchen
Kinderpulver, vielleicht ein Täßchen Kamillentee zum Transpirieren …
Und strenge Diät, – Frau Konsulin? Wie gesagt, strenge Diät. Ein wenig
Taube, – ein wenig Franzbrot …«
»Ich will keine Taube!« rief Christian außer sich. »Ich will nie–mals
wieder etwas essen! Mir ist übel, mir ist v e r d a m m t übel!« Das starke
Wort schien ihm geradezu Linderung zu bereiten, mit solcher Inbrunst stieß
er es hervor.
Doktor Grabow lächelte vor sich hin, mit einem nachsichtigen und
beinahe etwas schwermütigem Lächeln. Oh, er würde schon wieder essen,
der junge Mann! Er würde leben wie alle Welt. Er würde, wie seine Väter,
Verwandten und Bekannten, seine Tage sitzend verbringen und viermal
inzwischen so ausgesucht schwere und gute Dinge verzehren … Nun, Gott
befohlen! Er, Friedrich Grabow, war nicht derjenige, welcher die
Lebensgewohnheiten aller dieser braven, wohlhabenden und behaglichen
Page 34
Kaufmannsfamilien umstürzen würde. Er würde kommen, wenn er gerufen
würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, – ein wenig
Taube, ein Scheibchen Franzbrot … ja, ja – und mit gutem Gewissen
versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so jung er
war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten, der seine
letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter verzehrt hatte und,
sei es plötzlich und überrascht in seinem Kontorsessel oder nach einigem
Leiden in seinem soliden alten Bett, sich Gott befahl. Ein Schlag, hieß es
dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod … ja, ja,
und er, Friedrich Grabow, hätte sie ihnen vorrechnen können, alle die vielen
Male, wo es »nichts auf sich gehabt hatte«, wo er vielleicht nicht einmal
gerufen war, wo nur vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor
zurückgekehrt war, ein kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet
hatte … Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht
derjenige, der die gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken
mit Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als
man schon schwer atmete, der Plettenpudding – Makronen, Himbeeren und
Eierschaum, ja, ja … »Strenge Diät, wie gesagt, – Frau Konsulin? Ein
wenig Taube, – ein wenig Franzbrot …«
Achtes Kapitel
Drinnen im Eßsaale herrschte Aufbruch.
»Wohl bekomm's, mesdames et messieurs, gesegnete Mahlzeit!
Drüben wartet für Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee für uns
alle und, wenn Madame spendabel ist, ein Likör … Die Billards, hinten,
sind zu jedermanns Verfügung, wie sich versteht; Jean, du übernimmst wohl
die Führung ins Hinterhaus … Madame Köppen, – die Ehre …«
Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wünsche in betreff einer
gesegneten Mahlzeit austauschend, verfügte man sich durch die große
Flügeltür ins Landschaftszimmer zurück. Aber der Konsul ging nicht erst
hinüber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich.
»Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?«
würde, und für einen oder zwei Tage strenge Diät empfehlen, – ein wenig
Taube, ein Scheibchen Franzbrot … ja, ja – und mit gutem Gewissen
versichern, daß es für diesmal nichts zu bedeuten habe. Er hatte, so jung er
war, die Hand manches wackeren Bürgers in der seinen gehalten, der seine
letzte Keule Rauchfleisch, seinen letzten gefüllten Puter verzehrt hatte und,
sei es plötzlich und überrascht in seinem Kontorsessel oder nach einigem
Leiden in seinem soliden alten Bett, sich Gott befahl. Ein Schlag, hieß es
dann, eine Lähmung, ein plötzlicher und unvorhergesehener Tod … ja, ja,
und er, Friedrich Grabow, hätte sie ihnen vorrechnen können, alle die vielen
Male, wo es »nichts auf sich gehabt hatte«, wo er vielleicht nicht einmal
gerufen war, wo nur vielleicht nach Tische, wenn man ins Kontor
zurückgekehrt war, ein kleiner, merkwürdiger Schwindel sich gemeldet
hatte … Nun, Gott befohlen! Er, Friedrich Grabow, war selbst nicht
derjenige, der die gefüllten Puter verschmähte. Dieser panierte Schinken
mit Chalottensauce heute war delikat gewesen, zum Teufel, und dann, als
man schon schwer atmete, der Plettenpudding – Makronen, Himbeeren und
Eierschaum, ja, ja … »Strenge Diät, wie gesagt, – Frau Konsulin? Ein
wenig Taube, – ein wenig Franzbrot …«
Achtes Kapitel
Drinnen im Eßsaale herrschte Aufbruch.
»Wohl bekomm's, mesdames et messieurs, gesegnete Mahlzeit!
Drüben wartet für Liebhaber eine Zigarre und ein Schluck Kaffee für uns
alle und, wenn Madame spendabel ist, ein Likör … Die Billards, hinten,
sind zu jedermanns Verfügung, wie sich versteht; Jean, du übernimmst wohl
die Führung ins Hinterhaus … Madame Köppen, – die Ehre …«
Plaudernd, befriedigt und in bester Laune Wünsche in betreff einer
gesegneten Mahlzeit austauschend, verfügte man sich durch die große
Flügeltür ins Landschaftszimmer zurück. Aber der Konsul ging nicht erst
hinüber, sondern versammelte sofort die billardlustigen Herren um sich.
»Sie wollen keine Partie riskieren, Vater?«
Page 35
Nein, Lebrecht Kröger blieb bei den Damen, aber Justus könne ja nach
hinten gehen … Auch Senator Langhals, Köppen, Grätjens und Doktor
Grabow hielten zum Konsul, während Jean Jacques Hoffstede nachkommen
wollte: »Später, später! Johann Buddenbrook will Flöte blasen, das muß ich
abwarten … Au revoir, messieurs …«
Die sechs Herren hörten noch, als sie durch die Säulenhalle schritten, im
Landschaftszimmer die ersten Flötentöne aufklingen, von der Konsulin auf
dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, graziöse Melodie, die sinnig
durch die weiten Räume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange etwas zu
hören war. Er wäre gar zu gern im Landschaftszimmer zurückgeblieben, um
in einem Lehnsessel bei diesen Klängen seinen Träumen und Gefühlen
nachzuhängen; allein die Wirtspflicht …
»Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal«, sagte
er zu dem Folgmädchen, das über den Vorplatz ging.
»Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee!« wiederholte Herr Köppen mit einer
Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mädchen in den
roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke
und schmecke er bereits.
»Ich bin überzeugt, daß Madame Köppen durch die Glasscheiben
gesehen hat«, bemerkte Konsul Kröger.
Senator Langhals fragte: »Da oben wohnst du also, Buddenbrook?«
Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die
Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der
linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die
Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten,
durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul
stehen.
»Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er; »das
Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig
benutzter Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als
Korridor nebenher … Aber vorwärts! – Ja, sehen Sie, die Diele wird von
den Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück
bis zur Bäckergrube.«
hinten gehen … Auch Senator Langhals, Köppen, Grätjens und Doktor
Grabow hielten zum Konsul, während Jean Jacques Hoffstede nachkommen
wollte: »Später, später! Johann Buddenbrook will Flöte blasen, das muß ich
abwarten … Au revoir, messieurs …«
Die sechs Herren hörten noch, als sie durch die Säulenhalle schritten, im
Landschaftszimmer die ersten Flötentöne aufklingen, von der Konsulin auf
dem Harmonium begleitet, eine kleine, helle, graziöse Melodie, die sinnig
durch die weiten Räume schwebte. Der Konsul lauschte, so lange etwas zu
hören war. Er wäre gar zu gern im Landschaftszimmer zurückgeblieben, um
in einem Lehnsessel bei diesen Klängen seinen Träumen und Gefühlen
nachzuhängen; allein die Wirtspflicht …
»Bringe ein paar Tassen Kaffee und Zigarren in den Billardsaal«, sagte
er zu dem Folgmädchen, das über den Vorplatz ging.
»Ja, Line, Kaffee, du? Kaffee!« wiederholte Herr Köppen mit einer
Stimme, die aus vollem Magen kam, und versuchte, das Mädchen in den
roten Arm zu kneifen. Er sprach das K ganz hinten im Halse, als schlucke
und schmecke er bereits.
»Ich bin überzeugt, daß Madame Köppen durch die Glasscheiben
gesehen hat«, bemerkte Konsul Kröger.
Senator Langhals fragte: »Da oben wohnst du also, Buddenbrook?«
Rechts führte die Treppe in den zweiten Stock hinauf, wo die
Schlafzimmer des Konsuls und seiner Familie lagen; aber auch an der
linken Seite des Vorplatzes befand sich noch eine Reihe von Räumen. Die
Herren schritten rauchend die breite Treppe mit dem weißlackierten,
durchbrochenen Holzgeländer hinunter. Auf dem Absatz blieb der Konsul
stehen.
»Dies Zwischengeschoß ist noch drei Zimmer tief«, erklärte er; »das
Frühstückszimmer, das Schlafzimmer meiner Eltern und ein wenig
benutzter Raum nach dem Garten hinaus; ein schmaler Gang läuft als
Korridor nebenher … Aber vorwärts! – Ja, sehen Sie, die Diele wird von
den Transportwagen passiert, sie fahren dann durch das ganze Grundstück
bis zur Bäckergrube.«
Page 36
Die weite, hallende Diele drunten war mit großen, viereckigen
Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtüre sowohl wie am anderen Ende
lagen Kontorräumlichkeiten, während die Küche, aus der noch immer der
säuerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den
Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenüber, in beträchtlicher Höhe,
sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der Wand
hervor: die Mädchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender, gerader
Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer alter
Schränke und eine geschnitzte Truhe standen daneben.
Durch eine hohe Glastür trat man über einige ganz flache, befahrbare
Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus
befand. Man blickte von hier aus in den hübsch angelegten, jetzt aber
herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit Strohmatten
gegen den Frost geschützt waren, und der dort hinten vom »Portal«
abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die Herren aber
schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen zwei Mauern
über einen zweiten Hof zum Rückgebäude führte.
Dort führten schlüpfrige Stufen in ein kelleriges Gewölbe mit
Lehmboden hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen
höchstem Boden ein Tau zum Hinaufwinden der Kornsäcke herabhing.
Aber man stieg zur Rechten die reinlich gehaltene Treppe ins erste
Stockwerk hinauf, woselbst der Konsul seinen Gästen die weiße Türe zum
Billardsaale öffnete.
Herr Köppen warf sich erschöpft auf einen der steifen Stühle, die an den
Wänden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen.
»Ich sehe fürs erste zu!« rief er und klopfte die feinen Regentropfen von
seinem Leibrock. »Hole mich der Teufel, was ist das für eine Reise durch
Euer Haus, Buddenbrook!«
Ähnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem
Messinggitter der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte
man über feuchtrote Dächer, graue Höfe und Giebel …
»Eine Karambolage, Herr Senator?« fragte der Konsul, während er die
Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schloß die Löcher
Steinfliesen gepflastert. Bei der Windfangtüre sowohl wie am anderen Ende
lagen Kontorräumlichkeiten, während die Küche, aus der noch immer der
säuerliche Geruch der Chalottensauce hervordrang, mit dem Weg zu den
Kellern links von der Treppe lag. Ihr gegenüber, in beträchtlicher Höhe,
sprangen seltsame, plumpe aber reinlich lackierte Holzgelasse aus der Wand
hervor: die Mädchenkammern, die nur durch eine Art freiliegender, gerader
Stiege von der Diele aus zu erreichen waren. Ein Paar ungeheurer alter
Schränke und eine geschnitzte Truhe standen daneben.
Durch eine hohe Glastür trat man über einige ganz flache, befahrbare
Stufen auf den Hof hinaus, an dem linkerseits sich das kleine Waschhaus
befand. Man blickte von hier aus in den hübsch angelegten, jetzt aber
herbstlich grauen und feuchten Garten hinein, dessen Beete mit Strohmatten
gegen den Frost geschützt waren, und der dort hinten vom »Portal«
abgeschlossen ward, der Rokokofassade des Gartenhauses. Die Herren aber
schlugen vom Hofe aus den Weg zur Linken ein, der zwischen zwei Mauern
über einen zweiten Hof zum Rückgebäude führte.
Dort führten schlüpfrige Stufen in ein kelleriges Gewölbe mit
Lehmboden hinab, das als Speicher benutzt wurde, und von dessen
höchstem Boden ein Tau zum Hinaufwinden der Kornsäcke herabhing.
Aber man stieg zur Rechten die reinlich gehaltene Treppe ins erste
Stockwerk hinauf, woselbst der Konsul seinen Gästen die weiße Türe zum
Billardsaale öffnete.
Herr Köppen warf sich erschöpft auf einen der steifen Stühle, die an den
Wänden des weiten, kahl und streng aussehenden Raumes standen.
»Ich sehe fürs erste zu!« rief er und klopfte die feinen Regentropfen von
seinem Leibrock. »Hole mich der Teufel, was ist das für eine Reise durch
Euer Haus, Buddenbrook!«
Ähnlich wie im Landschaftszimmer brannte hier hinter einem
Messinggitter der Ofen. Durch die drei hohen und schmalen Fenster blickte
man über feuchtrote Dächer, graue Höfe und Giebel …
»Eine Karambolage, Herr Senator?« fragte der Konsul, während er die
Queues aus den Gestellen nahm. Dann ging er umher und schloß die Löcher
Page 37
der beiden Billards. »Wer will mit uns sein? Grätjens? Der Doktor? All
right. Grätjens und Justus, dann nehmen Sie das andere … Köppen, du
m u ß t mitspielen.«
Der Weinhändler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch,
auf einen starken Windstoß, der zwischen den Häusern pfiff, den Regen
prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing.
»Verflucht!« sagte er und stieß den Rauch von sich. »Glaubst du, daß
der ›Wullenwewer‹ zu Hafen kann, Buddenbrook? Was für ein
Hundewetter …«
Ja, die Nachrichten aus Travemünde waren nicht die besten; dies
bestätigte auch Konsul Kröger, der das Leder seines Stockes kreidete.
Stürme in allen Küsten. Anno 24 war es, weiß Gott, nicht viel schlimmer,
als in St. Petersburg die große Wasserflut war … Na, da kam der Kaffee.
Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen.
Dann aber begann man vom Zollverein zu sprechen … oh, Konsul
Buddenbrook war begeistert für den Zollverein!
»Welche Schöpfung, meine Herren!« rief er, sich nach einem geführten
Stoße lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinüber, wo das erste Wort
gefallen war. »Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten …«
Herr Köppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu
vor Opposition.
»Und unsere Selbständigkeit? Und unsere Unabhängigkeit?« fragte er
beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue stützend. »Wie steht es damit?
Würde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser Preußenerfindung
mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben lassen, Buddenbrook?
Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem Zollverein, möchte ich
wissen! Geht nicht alles gut?…«
»Ja, du mit deinem Rotspohn, Köppen! Und dann vielleicht mit den
russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts
importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein bißchen
Korn nach Holland und England, gewiß!… Ach nein, es geht leider nicht
alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschäfte gemacht worden
right. Grätjens und Justus, dann nehmen Sie das andere … Köppen, du
m u ß t mitspielen.«
Der Weinhändler stand auf und horchte, den Mund voll Zigarrenrauch,
auf einen starken Windstoß, der zwischen den Häusern pfiff, den Regen
prickelnd gegen die Scheiben trieb und sich heulend im Ofenrohr verfing.
»Verflucht!« sagte er und stieß den Rauch von sich. »Glaubst du, daß
der ›Wullenwewer‹ zu Hafen kann, Buddenbrook? Was für ein
Hundewetter …«
Ja, die Nachrichten aus Travemünde waren nicht die besten; dies
bestätigte auch Konsul Kröger, der das Leder seines Stockes kreidete.
Stürme in allen Küsten. Anno 24 war es, weiß Gott, nicht viel schlimmer,
als in St. Petersburg die große Wasserflut war … Na, da kam der Kaffee.
Man bediente sich, man trank einen Schluck und begann zu spielen.
Dann aber begann man vom Zollverein zu sprechen … oh, Konsul
Buddenbrook war begeistert für den Zollverein!
»Welche Schöpfung, meine Herren!« rief er, sich nach einem geführten
Stoße lebhaft umwendend, zum anderen Billard hinüber, wo das erste Wort
gefallen war. »Bei erster Gelegenheit sollten wir beitreten …«
Herr Köppen aber war nicht dieser Meinung, nein, er schnob geradezu
vor Opposition.
»Und unsere Selbständigkeit? Und unsere Unabhängigkeit?« fragte er
beleidigt und sich kriegerisch auf sein Queue stützend. »Wie steht es damit?
Würde Hamburg es sich beifallen lassen, bei dieser Preußenerfindung
mitzutun? Wollen wir uns nicht gleich einverleiben lassen, Buddenbrook?
Gott bewahre uns, nein, was sollen wir mit dem Zollverein, möchte ich
wissen! Geht nicht alles gut?…«
»Ja, du mit deinem Rotspohn, Köppen! Und dann vielleicht mit den
russischen Produkten, davon sage ich nichts. Aber weiter wird ja nichts
importiert! Und was den Export betrifft, nun ja, so schicken wir ein bißchen
Korn nach Holland und England, gewiß!… Ach nein, es geht leider nicht
alles gut. Es sind bei Gott hier ehemals andere Geschäfte gemacht worden
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… Aber im Zollverein würden uns die Mecklenburgs und Schleswig-
Holstein geöffnet werden … Und es ist nicht auszurechnen, wie das
Propregeschäft sich aufnehmen würde …«
»Aber ich bitte Sie, Buddenbrook«, fing Grätjens an, indem er sich lang
über das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam
zielend hin und her bewegte, »dieser Zollverein … ich verstehe das nicht.
Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die Einklarierung auf
Bürgereid …«
»Eine schöne alte Institution.« Dies mußte der Konsul zugeben.
»Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, – wenn Sie etwas ›schön‹ finden!«
Senator Langhals war ein wenig entrüstet: »Ich bin ja kein Kaufmann …
aber wenn ich ehrlich sein soll – nein, das mit dem Bürgereid ist ein Unfug,
allmählich, das muß ich sagen! Es ist eine Formalität geworden, über die
man ziemlich schlank hinweggeht … und der Staat hat das Nachsehen. Man
erzählt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin überzeugt, daß der
Eintritt in den Zollverein von seiten des Senates …«
»Dann gibt es einen Konflikt –!« Herr Köppen stieß zornentbrannt das
Queue auf den Boden. Er sagte »Kongflick« und stellte jetzt alle Vorsicht in
betreff der Aussprache hintan. »Einen Kongflick, da versteh' ich mich auf.
Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja woll nich zu
helfen, Gott bewahre!« Und er redete hitzig von
Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Bürgereid und
Freistaaten …
Gottlob, daß Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor
Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus
sorgloserer Zeit.
»Nun, meine braven Freunde«, fing er an, »ich habe etwas für Sie; einen
Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Französischen … passen Sie
auf!«
Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenüber,
die, auf ihre Queues gestützt, an den Billards lehnten, zog ein Blättchen aus
der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem Siegelring an die spitze
Nase und verlas mit einer fröhlichen und naiv-epischen Betonung:
Holstein geöffnet werden … Und es ist nicht auszurechnen, wie das
Propregeschäft sich aufnehmen würde …«
»Aber ich bitte Sie, Buddenbrook«, fing Grätjens an, indem er sich lang
über das Billard beugte und den Stock auf seiner knochigen Hand sorgsam
zielend hin und her bewegte, »dieser Zollverein … ich verstehe das nicht.
Unser System ist doch so einfach und praktisch, wie? Die Einklarierung auf
Bürgereid …«
»Eine schöne alte Institution.« Dies mußte der Konsul zugeben.
»Nein, wahrhaftig, Herr Konsul, – wenn Sie etwas ›schön‹ finden!«
Senator Langhals war ein wenig entrüstet: »Ich bin ja kein Kaufmann …
aber wenn ich ehrlich sein soll – nein, das mit dem Bürgereid ist ein Unfug,
allmählich, das muß ich sagen! Es ist eine Formalität geworden, über die
man ziemlich schlank hinweggeht … und der Staat hat das Nachsehen. Man
erzählt sich Dinge, die denn doch arg sind. Ich bin überzeugt, daß der
Eintritt in den Zollverein von seiten des Senates …«
»Dann gibt es einen Konflikt –!« Herr Köppen stieß zornentbrannt das
Queue auf den Boden. Er sagte »Kongflick« und stellte jetzt alle Vorsicht in
betreff der Aussprache hintan. »Einen Kongflick, da versteh' ich mich auf.
Nee, alle schuldige Achung, Herr Senater, aber Sie sind ja woll nich zu
helfen, Gott bewahre!« Und er redete hitzig von
Entscheidungskommissionen und Staatswohl und Bürgereid und
Freistaaten …
Gottlob, daß Jean Jacques Hoffstede ankam! Arm in Arm mit Pastor
Wunderlich trat er herein, zwei unbefangene und muntere alte Herren aus
sorgloserer Zeit.
»Nun, meine braven Freunde«, fing er an, »ich habe etwas für Sie; einen
Scherz, etwas Lustiges, ein Verslein nach dem Französischen … passen Sie
auf!«
Er ließ sich gemächlich auf einen Stuhl nieder, den Spielern gegenüber,
die, auf ihre Queues gestützt, an den Billards lehnten, zog ein Blättchen aus
der Tasche, legte den langen Zeigefinger mit dem Siegelring an die spitze
Nase und verlas mit einer fröhlichen und naiv-epischen Betonung:
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»Als Sachsens Marschall einst die stolze Pompadour
Im goldnen Phaeton – vergnügt spazieren fuhr,
Sah Frelon dieses Paar –
oh, rief er, seht sie beide!
Des Königs Schwert – und seine Scheide!«
Herr Köppen stutzte einen Augenblick, ließ dann Kongflick und
Staatswohl dahinfahren und stimmte in das Gelächter der übrigen ein, daß
der Saal widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten
und kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich
hin.
Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal,
denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze ähnlicher Art in Bereitschaft. Herr
Köppen hatte seine ganze Weste geöffnet und war bei bester Laune, denn er
befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte drollige
plattdeutsche Redensarten bei jedem Stoß und rezitierte dann und wann
beglückt vor sich hin:
»Als Sachsens Marschall einst …«
Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baß …
Neuntes Kapitel
Es war ziemlich spät, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im
Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe
gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort, nachdem
sie die Handküsse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer hinauf, um
nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht über die
Mägde beim Wegräumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat, und
Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengeschoß zurück. Der Konsul aber
geleitete die Gäste die Treppe hinunter über die Diele und bis vor die
Haustür auf die Straße hinaus.
Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwärts herunter, und die alten
Krögers krochen, in dicke Pelzmäntel gewickelt, eiligst in ihre
Im goldnen Phaeton – vergnügt spazieren fuhr,
Sah Frelon dieses Paar –
oh, rief er, seht sie beide!
Des Königs Schwert – und seine Scheide!«
Herr Köppen stutzte einen Augenblick, ließ dann Kongflick und
Staatswohl dahinfahren und stimmte in das Gelächter der übrigen ein, daß
der Saal widerhallte. Pastor Wunderlich aber war an ein Fenster getreten
und kicherte, der Bewegung seiner Schultern nach zu urteilen, still vor sich
hin.
Man blieb noch eine gute Weile beisammen, hier hinten im Billardsaal,
denn Hoffstede hatte noch mehr Scherze ähnlicher Art in Bereitschaft. Herr
Köppen hatte seine ganze Weste geöffnet und war bei bester Laune, denn er
befand sich besser hier als im Speisesaal bei Tische. Er machte drollige
plattdeutsche Redensarten bei jedem Stoß und rezitierte dann und wann
beglückt vor sich hin:
»Als Sachsens Marschall einst …«
Das Verslein nahm sich wunderlich genug aus in seinem rauhen Baß …
Neuntes Kapitel
Es war ziemlich spät, gegen elf Uhr, als die Gesellschaft, die sich im
Landschaftszimmer noch einmal zusammengefunden hatte, beinahe
gleichzeitig aufzubrechen begann. Die Konsulin begab sich sofort, nachdem
sie die Handküsse aller in Empfang genommen, in ihre Zimmer hinauf, um
nach dem leidenden Christian zu sehen, indem sie die Aufsicht über die
Mägde beim Wegräumen des Geschirres an Mamsell Jungmann abtrat, und
Mme. Antoinette zog sich ins Zwischengeschoß zurück. Der Konsul aber
geleitete die Gäste die Treppe hinunter über die Diele und bis vor die
Haustür auf die Straße hinaus.
Ein scharfer Wind trieb den Regen seitwärts herunter, und die alten
Krögers krochen, in dicke Pelzmäntel gewickelt, eiligst in ihre
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majestätische Equipage, die schon lange wartete. Das gelbe Licht der
Öllampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an
dicken, über die Straße gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie
und da sprangen die Häuser mit Vorbauten in die Straße hinein, die
abschüssig zur Trave hinunterführte, und einige waren mit Beischlägen oder
Bänken versehen. Feuchtes Gras sproß zwischen dem schlechten Pflaster
empor. Die Marienkirche dort drüben lag ganz in Schatten, Dunkelheit und
Regen gehüllt.
»Merci«, sagte Lebrecht Kröger und drückte dem Konsul, der am
Wagen stand, die Hand. »Merci, Jean, es war allerliebst!« Dann knallte der
Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der
Makler Grätjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Köppen, in einem
Mantel mit fünffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder auf
dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem bittersten Baß:
»'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erkält' dich nicht. Vielen Dank
– du? Ich habe gegessen wie lange nicht … und mein Roter zu vier
Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal …«
Das Paar ging mit Konsul Kröger und seiner Familie gegen den Fluß
hinunter, während Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques
Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen …
Konsul Buddenbrook stand, die Hände in den Taschen seines hellen
Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar
Schritte vor der Haustür und lauschte den Schritten, die in den
menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straßen verhallten. Dann
wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor.
Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in
altertümlichen Lettern gemeißelt stand: – »Dominus providebit.« Während
er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß sorgfältig die
schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die Windfangtüre ins Schloß
schnappen und schritt langsam über die hallende Diele. Die Köchin, die mit
einem Teebrett voll Gläser klirrend die Treppe herunterkam, fragte er: »Wo
ist der Herr, Trina?«
»Im Eßsaal, Herr Konsul …« Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme,
denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung.
Öllampen, die vorm Hause auf Stangen brannten und weiter unten an
dicken, über die Straße gespannten Ketten hingen, flackerte unruhig. Hie
und da sprangen die Häuser mit Vorbauten in die Straße hinein, die
abschüssig zur Trave hinunterführte, und einige waren mit Beischlägen oder
Bänken versehen. Feuchtes Gras sproß zwischen dem schlechten Pflaster
empor. Die Marienkirche dort drüben lag ganz in Schatten, Dunkelheit und
Regen gehüllt.
»Merci«, sagte Lebrecht Kröger und drückte dem Konsul, der am
Wagen stand, die Hand. »Merci, Jean, es war allerliebst!« Dann knallte der
Schlag, und die Equipage polterte davon. Auch Pastor Wunderlich und der
Makler Grätjens gingen mit Dank ihres Weges. Herr Köppen, in einem
Mantel mit fünffacher Pelerine, einen weitschweifigen grauen Zylinder auf
dem Kopf und seine beleibte Gattin am Arm, sagte in seinem bittersten Baß:
»'n Abend, Buddenbrook! Na, geh' 'rein, erkält' dich nicht. Vielen Dank
– du? Ich habe gegessen wie lange nicht … und mein Roter zu vier
Kurantmark konveniert dir also? Gut' Nacht nochmal …«
Das Paar ging mit Konsul Kröger und seiner Familie gegen den Fluß
hinunter, während Senator Langhals, Doktor Grabow und Jean Jacques
Hoffstede die entgegengesetzte Richtung einschlugen …
Konsul Buddenbrook stand, die Hände in den Taschen seines hellen
Beinkleides vergraben, in seinem Tuchrock ein wenig fröstelnd, ein paar
Schritte vor der Haustür und lauschte den Schritten, die in den
menschenleeren, nassen und matt beleuchteten Straßen verhallten. Dann
wandte er sich und blickte an der grauen Giebelfassade des Hauses empor.
Seine Augen verweilten auf dem Spruch, der überm Eingang in
altertümlichen Lettern gemeißelt stand: – »Dominus providebit.« Während
er den Kopf ein wenig senkte, trat er ein und verschloß sorgfältig die
schwerfällig knarrende Haustür. Dann ließ er die Windfangtüre ins Schloß
schnappen und schritt langsam über die hallende Diele. Die Köchin, die mit
einem Teebrett voll Gläser klirrend die Treppe herunterkam, fragte er: »Wo
ist der Herr, Trina?«
»Im Eßsaal, Herr Konsul …« Ihr Gesicht wurde so rot wie ihre Arme,
denn sie war vom Lande und geriet leicht in Verwirrung.
Page 41
Er ging hinauf, und noch in der dunklen Säulenhalle machte seine Hand
eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat er
in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der
Kandelaber brannten und die abgeräumte Tafel beleuchteten. Der säuerliche
Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft.
Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hände auf dem Rücken, Johann
Buddenbrook gemächlich auf und ab.
Zehntes Kapitel
»Na, min Söhn Johann! wo geiht di dat!« Er blieb stehen und streckte
dem Sohne die Hand entgegen, die weiße, ein wenig zu kurze, aber
feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rüstige Gestalt, an der nur
die gepuderte Perücke und das Spitzen-Jabot weiß aufleuchtete, hob sich
matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhänge ab.
»Noch nicht müde? Ich gehe hier und horche auf den Wind … verflixtes
Wetter! Kapitän Kloht ist von Riga unterwegs …«
»O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!«
»Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, daß du mit dem Herrgott
auf du und du stehst …«
Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune.
»Ja, um zur Sache zu kommen«, fing er an, »so wollte ich Ihnen nicht
nur gute Nacht sagen, Papa, sondern … aber Sie dürfen nicht böse werden,
wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe – er ist heute Nachmittag gekommen
– bis jetzt nicht ennuyieren wollen … an diesem heiteren Abend …«
»Monsieur Gotthold – voilà!« Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig
angesichts des bläulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm.
»Herrn Johann Buddenbrook sen. Persönlich … Ein Mann von conduite,
dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich
überhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten …« Während sein
rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdüsterte, zerriß er mit einem Finger
eine Bewegung nach der Brusttasche, wo das Papier knisterte. Dann trat er
in den Saal, in dessen einem Winkel noch Kerzenreste auf einem der
Kandelaber brannten und die abgeräumte Tafel beleuchteten. Der säuerliche
Geruch der Chalottensauce lag beharrlich in der Luft.
Dort hinten bei den Fenstern ging, die Hände auf dem Rücken, Johann
Buddenbrook gemächlich auf und ab.
Zehntes Kapitel
»Na, min Söhn Johann! wo geiht di dat!« Er blieb stehen und streckte
dem Sohne die Hand entgegen, die weiße, ein wenig zu kurze, aber
feingegliederte Hand der Buddenbrooks. Seine rüstige Gestalt, an der nur
die gepuderte Perücke und das Spitzen-Jabot weiß aufleuchtete, hob sich
matt und unruhig beleuchtet von dem Dunkelrot der Fenstervorhänge ab.
»Noch nicht müde? Ich gehe hier und horche auf den Wind … verflixtes
Wetter! Kapitän Kloht ist von Riga unterwegs …«
»O Vater, mit Gottes Hilfe wird alles gut gehen!«
»Kann ich mich darauf verlassen? Zugegeben, daß du mit dem Herrgott
auf du und du stehst …«
Dem Konsul ward wohler zumute angesichts dieser guten Laune.
»Ja, um zur Sache zu kommen«, fing er an, »so wollte ich Ihnen nicht
nur gute Nacht sagen, Papa, sondern … aber Sie dürfen nicht böse werden,
wie? Ich habe Sie mit diesem Briewe – er ist heute Nachmittag gekommen
– bis jetzt nicht ennuyieren wollen … an diesem heiteren Abend …«
»Monsieur Gotthold – voilà!« Der Alte tat, als bliebe er ganz ruhig
angesichts des bläulichen, versiegelte Papieres, das er entgegennahm.
»Herrn Johann Buddenbrook sen. Persönlich … Ein Mann von conduite,
dein Herr Stiefbruder, Jean! Habe ich seinen zweiten Brief neulich
überhaupt beantwortet? Allein er schreibt einen dritten …« Während sein
rosiges Gesicht sich mehr und mehr verdüsterte, zerriß er mit einem Finger
Page 42
das Siegel, entfaltete rasch das dünne Papier, wandte sich schräge, daß die
Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und führte einen energischen
Schlag mit dem Handrücken darauf. Selbst in dieser Handschrift schien
Abtrünnigkeit und Rebellion zu liegen, denn während die Zeilen der
Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schräge über das Papier eilten,
waren diese Buchstaben hoch, steil und mit plötzlichem Drucke versehen;
viele Wörter waren mit einem raschen, gebogenen Federzug unterstrichen.
Der Konsul hatte sich ein wenig seitwärts bis zur Wand, wo die Stühle
standen, zurückgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand,
sondern erfaßte nur mit einer nervösen Bewegung eine der hohen Lehnen,
während er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit
finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las …
»Mein Vater!
Wohl zu Unrecht verhoffe ich, daß Ihr Rechtssinn groß genug sein wird,
um die E n t r ü s t u n g zu ästimieren, welche ich empfand, als mein
zweiter, so d r i n g l i c h e r Brief in betreff der wohl bewußten
Angelegenheit ohne Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine
Entgegnung (ich geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich
muß Ihnen aussprechen, daß die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem
Herrn sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnäckigkeit
vertiefen, eine S ü n d e ist, welche Sie einstmals vor Gottes Richterstuhl
aufs s c h w e r s t e werden verantworten müssen. Es ist traurig genug, daß
Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem Zuge meines
Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch Übernahme
eines Laden-Geschäftes Ihren m a ß l o s e n Stolz beleidigte, sich so überaus
grausam und völlig von mir wandten; allein die Weise, in welcher Sie mich
jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie vermeinen, daß ich
mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und still verhalten werde, so
irren Sie g r ö b l i c h s t. – Der Kaufpreis Ihres neu erworbenen Hauses in
der Mengstraße hat 100000 Kurantmark betragen und ist mir ferner
bekannt, daß Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associé, J o h a n n, bei Ihnen
mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit dem Geschäfte auch das
Haus als alleiniger Besitzer übernehmen wird. Mit meiner Stiefschwester in
Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie Vereinbarungen getroffen, in die ich
Schrift vom Kandelaber aus beleuchtet ward und führte einen energischen
Schlag mit dem Handrücken darauf. Selbst in dieser Handschrift schien
Abtrünnigkeit und Rebellion zu liegen, denn während die Zeilen der
Buddenbrooks sonst winzig, leicht und schräge über das Papier eilten,
waren diese Buchstaben hoch, steil und mit plötzlichem Drucke versehen;
viele Wörter waren mit einem raschen, gebogenen Federzug unterstrichen.
Der Konsul hatte sich ein wenig seitwärts bis zur Wand, wo die Stühle
standen, zurückgezogen; aber er setzte sich nicht, da sein Vater stand,
sondern erfaßte nur mit einer nervösen Bewegung eine der hohen Lehnen,
während er den Alten beobachtete, der, den Kopf zur Seite geneigt, mit
finsteren Brauen und schnell sich bewegenden Lippen las …
»Mein Vater!
Wohl zu Unrecht verhoffe ich, daß Ihr Rechtssinn groß genug sein wird,
um die E n t r ü s t u n g zu ästimieren, welche ich empfand, als mein
zweiter, so d r i n g l i c h e r Brief in betreff der wohl bewußten
Angelegenheit ohne Antwort verblieb, nachdem nur auf den ersten eine
Entgegnung (ich geschweige welcher Art!) zur Hand gekommen war. Ich
muß Ihnen aussprechen, daß die Art, in welcher Sie die Kluft, welche, dem
Herrn sei's geklagt, zwischen uns besteht, durch Ihre Hartnäckigkeit
vertiefen, eine S ü n d e ist, welche Sie einstmals vor Gottes Richterstuhl
aufs s c h w e r s t e werden verantworten müssen. Es ist traurig genug, daß
Sie vor Jahr und Tag, als ich, auch gegen Ihren Willen, dem Zuge meines
Herzens folgend, meine nunmehrige Gattin ehelichte und durch Übernahme
eines Laden-Geschäftes Ihren m a ß l o s e n Stolz beleidigte, sich so überaus
grausam und völlig von mir wandten; allein die Weise, in welcher Sie mich
jetzt traktieren, schreit zum Himmel, und sollten Sie vermeinen, daß ich
mich angesichts Ihres Schweigens kontentiert und still verhalten werde, so
irren Sie g r ö b l i c h s t. – Der Kaufpreis Ihres neu erworbenen Hauses in
der Mengstraße hat 100000 Kurantmark betragen und ist mir ferner
bekannt, daß Ihr Sohn aus zweiter Ehe und Associé, J o h a n n, bei Ihnen
mietweise wohnhaft ist und nach Ihrem Tode mit dem Geschäfte auch das
Haus als alleiniger Besitzer übernehmen wird. Mit meiner Stiefschwester in
Frankfurt und ihrem Gatten haben Sie Vereinbarungen getroffen, in die ich
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mich nicht zu mischen habe. Was aber mich, Ihren ältesten Sohn, angeht, so
treiben Sie Ihren u n c h r i s t l i c h e n Zorn so weit, es schlanker Hand zu
refüsieren, mir irgendeine Entschädigungssumme für den Anteil am Hause
zukommen zu lassen! Ich habe es mit Stillschweigen übergangen, als Sie
mir bei meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark
auszahlten und mir testamentarisch ein für allemal nur ein Erbteil von
100000 zusprachen. Ich war damals nicht einmal hinlänglich orientiert über
Ihre Vermögensverhältnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich
nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so b e a n s p r u c h e ich
in diesem besonderen Falle eine Entschädigungssumme von 33335
Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine
Vermutungen darüber anstellen, welchen v e r d a m m u n g s w ü r d i g e n
Einflüssen ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden
genötigt war; aber ich p r o t e s t i e r e gegen dieselbe mit dem ganzen
Rechtssinn des C h r i s t e n und des G e s c h ä f t s m a n n e s und versichere
Sie zum letzten Male, daß, sollten Sie sich nicht entschließen können,
meine gerechten Ansprüche zu respektieren, ich Sie weder als C h r i s t
noch als Va t e r noch als G e s c h ä f t s m a n n länger werde achten
können.
G o t t h o l d B u d d e n b r o o k.«
»Verzeih, wenn es mir kein Pläsier macht, dir diese Litanei noch einmal
vorzubeten. – Voilà!« Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh.
Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu.
Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Höhe seiner Knie flatterte,
und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten des Vaters. Der
alte Herr ergriff den langen Kerzenlöscher, der beim Fenster lehnte und
ging stramm und erzürnt am Tische entlang in den entgegengesetzten
Winkel, zum Kandelaber.
»Assez! sage ich. N'en parlons plus, Punktum! Ins Bett! En avant!«
Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem
kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es brannten nur
noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem Sohne umwandte,
den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte.
treiben Sie Ihren u n c h r i s t l i c h e n Zorn so weit, es schlanker Hand zu
refüsieren, mir irgendeine Entschädigungssumme für den Anteil am Hause
zukommen zu lassen! Ich habe es mit Stillschweigen übergangen, als Sie
mir bei meiner Verheiratung und Etablierung 100000 Kurantmark
auszahlten und mir testamentarisch ein für allemal nur ein Erbteil von
100000 zusprachen. Ich war damals nicht einmal hinlänglich orientiert über
Ihre Vermögensverhältnisse. Jetzt jedoch sehe ich klarer, und da ich mich
nicht als prinzipiell enterbt zu betrachten brauche, so b e a n s p r u c h e ich
in diesem besonderen Falle eine Entschädigungssumme von 33335
Kurantmark, will sagen ein Drittel der Kaufsumme. Ich will keine
Vermutungen darüber anstellen, welchen v e r d a m m u n g s w ü r d i g e n
Einflüssen ich die Behandlung verdanke, welche ich bislang zu dulden
genötigt war; aber ich p r o t e s t i e r e gegen dieselbe mit dem ganzen
Rechtssinn des C h r i s t e n und des G e s c h ä f t s m a n n e s und versichere
Sie zum letzten Male, daß, sollten Sie sich nicht entschließen können,
meine gerechten Ansprüche zu respektieren, ich Sie weder als C h r i s t
noch als Va t e r noch als G e s c h ä f t s m a n n länger werde achten
können.
G o t t h o l d B u d d e n b r o o k.«
»Verzeih, wenn es mir kein Pläsier macht, dir diese Litanei noch einmal
vorzubeten. – Voilà!« Und mit einer grimmigen Bewegung warf Joh.
Buddenbrook den Brief seinem Sohne zu.
Der Konsul fing das Papier auf, als es in der Höhe seiner Knie flatterte,
und folgte mit verwirrten und traurigen Augen den Schritten des Vaters. Der
alte Herr ergriff den langen Kerzenlöscher, der beim Fenster lehnte und
ging stramm und erzürnt am Tische entlang in den entgegengesetzten
Winkel, zum Kandelaber.
»Assez! sage ich. N'en parlons plus, Punktum! Ins Bett! En avant!«
Eine Flamme nach der anderen verschwand ohne Auferstehen unter dem
kleinen Metalltrichter, der oben an der Stange befestigt war. Es brannten nur
noch zwei Kerzen, als der Alte sich wieder nach seinem Sohne umwandte,
den er dort hinten kaum zu erkennen vermochte.
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»Eh bien, was stehst du, was sagst du? Du mußt doch irgend etwas
sagen!«
»Was soll ich sagen, Vater? – Ich bin ratlos.«
»Es passiert leicht, daß du ratlos bist!« warf Johann Buddenbrook mit
böser Betonung hin, obgleich er selbst wußte, daß diese Bemerkung nicht
viel Wahres enthielt, und daß sein Sohn und Associé ihm manches Mal im
entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen war.
»Schlechte und verdammungswürdige Einflüsse …« fuhr der Konsul
fort. »Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie
mich das quält, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!«
»Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschüchtern
lassen, – ja?!« Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlöscher
hinter sich her schleifend. »Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, muß ich
sagen, – diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich für eine Kompanei,
ihr jungen Leute, – wie? Den Kopf voll christlicher und phantastischer
Flausen … und … Idealismus! und wir Alten sind die herzlosen Spötter …
und nebenbei die Juli-Monarchie und die praktischen Ideale … und lieber
dem alten Vater die gröbsten Sottisen ins Haus schicken, als auf ein paar
tausend Taler verzichten!… Und als Geschäftsmann wird er geruhen, mich
zu verachten! Nun! als Geschäftsmann weiß ich, was faux-frais sind, –
faux-frais!« wiederholte er mit grimmigem pariserischen Gurgel-r. »Ich
mache mir diesen exaltierten Schlingel von einem Sohn nicht ergebener,
wenn ich mich demütigen sollte und nachgeben …«
»Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, daß er recht hat
mit dem, was er von ›Einflüssen‹ sagt! Ich bin als Teilhaber interessiert und
gerade deshalb dürfte ich dir nicht raten, auf deinem Standpunkt zu
bestehen, jedoch … Und ich bin ein so guter Christ als Gotthold,
jedoch …«
»Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, ›jedoch‹ zu sagen, Jean! Wie
verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er für seine Mamsell
Stüwing inflammiert war, als er mir Szene für Szene machte und am Ende,
meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da schrieb
ich ihm: Mon très cher fils, du heiratest deinen Laden, Punktum. Ich
sagen!«
»Was soll ich sagen, Vater? – Ich bin ratlos.«
»Es passiert leicht, daß du ratlos bist!« warf Johann Buddenbrook mit
böser Betonung hin, obgleich er selbst wußte, daß diese Bemerkung nicht
viel Wahres enthielt, und daß sein Sohn und Associé ihm manches Mal im
entschlossenen Ergreifen des Vorteils überlegen gewesen war.
»Schlechte und verdammungswürdige Einflüsse …« fuhr der Konsul
fort. »Das ist die erste Zeile, die ich entziffere! Sie begreifen nicht, wie
mich das quält, Vater? Und er wirft uns Unchristlichkeit vor!«
»Du wirst dich durch dieses miserable Geschreibsel einschüchtern
lassen, – ja?!« Johann Buddenbrook kam zornig herbei, den Kerzenlöscher
hinter sich her schleifend. »Unchristlichkeit! Ha! Geschmackvoll, muß ich
sagen, – diese fromme Geldgier! Was seid ihr eigentlich für eine Kompanei,
ihr jungen Leute, – wie? Den Kopf voll christlicher und phantastischer
Flausen … und … Idealismus! und wir Alten sind die herzlosen Spötter …
und nebenbei die Juli-Monarchie und die praktischen Ideale … und lieber
dem alten Vater die gröbsten Sottisen ins Haus schicken, als auf ein paar
tausend Taler verzichten!… Und als Geschäftsmann wird er geruhen, mich
zu verachten! Nun! als Geschäftsmann weiß ich, was faux-frais sind, –
faux-frais!« wiederholte er mit grimmigem pariserischen Gurgel-r. »Ich
mache mir diesen exaltierten Schlingel von einem Sohn nicht ergebener,
wenn ich mich demütigen sollte und nachgeben …«
»Lieber Vater, was soll ich antworten! Ich will nicht, daß er recht hat
mit dem, was er von ›Einflüssen‹ sagt! Ich bin als Teilhaber interessiert und
gerade deshalb dürfte ich dir nicht raten, auf deinem Standpunkt zu
bestehen, jedoch … Und ich bin ein so guter Christ als Gotthold,
jedoch …«
»Jedoch! Ja, du hast meiner Treu recht, ›jedoch‹ zu sagen, Jean! Wie
verhalten sich die Dinge denn eigentlich? Damals, als er für seine Mamsell
Stüwing inflammiert war, als er mir Szene für Szene machte und am Ende,
meinem strengen Verbot zum Trotz, diese Mesalliance einging, da schrieb
ich ihm: Mon très cher fils, du heiratest deinen Laden, Punktum. Ich
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enterbe dich nicht, ich mache kein spectacle, aber mit unserer
Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift, ich vermache
dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit bist du
abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. – Dazu hat er geschwiegen. Was
geht es ihn an, wenn wir Geschäfte gemacht haben? Wenn du und deine
Schwester eine tüchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn von dem
Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde …«
»Wenn Sie verstünden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde!
Um der Familieneintracht willen müßte ich raten … aber …« Der Konsul
seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte,
gestützt auf die Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel
hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte
Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte
noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weiße Figur ruhig
lächelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder.
»Vater, – dieses Verhältnis mit Gotthold bedrückt mich!« sagte der
Konsul leise.
»Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich?«
»Vater, … wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir
haben einen schönen Tag gefeiert, wir waren stolz und glücklich in dem
Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben … unsere
Firma, unsere Familie auf eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr
Anerkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird … Aber, Vater,
diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne … Es
sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes
gnädiger Hilfe errichtet haben … Eine Familie muß einig sein, muß
zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür …«
»Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge …«
Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer.
»Was machst du, Jean?« fragte Johann Buddenbrook. »Ich sehe dich gar
nicht mehr.«
Freundschaft ist es zu Ende. Hier hast du 100000 als Mitgift, ich vermache
dir andere 100000 im Testamente, aber damit basta, damit bist du
abgefertigt, es gibt keinen Schilling mehr. – Dazu hat er geschwiegen. Was
geht es ihn an, wenn wir Geschäfte gemacht haben? Wenn du und deine
Schwester eine tüchtige Portion mehr bekommen werden? Wenn von dem
Erbteil, das euer ist, ein Haus gekauft wurde …«
»Wenn Sie verstünden, Vater, in welchem Dilemma ich mich befinde!
Um der Familieneintracht willen müßte ich raten … aber …« Der Konsul
seufzte leise auf, an seinen Stuhl gelehnt. Johann Buddenbrook spähte,
gestützt auf die Löschstange, aufmerksam in das unruhige Halbdunkel
hinein, um den Gesichtsausdruck des Sohnes zu erforschen. Die vorletzte
Kerze war heruntergebrannt und von selbst erloschen; nur eine flackerte
noch, dort hinten. Dann und wann trat eine hohe, weiße Figur ruhig
lächelnd aus der Tapete hervor und verschwand wieder.
»Vater, – dieses Verhältnis mit Gotthold bedrückt mich!« sagte der
Konsul leise.
»Unsinn, Jean, keine Sentimentalität! Was bedrückt dich?«
»Vater, … wir haben hier heute so heiter beieinander gesessen, wir
haben einen schönen Tag gefeiert, wir waren stolz und glücklich in dem
Bewußtsein, etwas geleistet zu haben, etwas erreicht zu haben … unsere
Firma, unsere Familie auf eine Höhe gebracht zu haben, wo ihr
Anerkennung und Ansehen im reichsten Maße zuteil wird … Aber, Vater,
diese böse Feindschaft mit meinem Bruder, deinem ältesten Sohne … Es
sollte kein heimlicher Riß durch das Gebäude laufen, das wir mit Gottes
gnädiger Hilfe errichtet haben … Eine Familie muß einig sein, muß
zusammenhalten, Vater, sonst klopft das Übel an die Tür …«
»Flausen, Jean! Possen! Ein obstinater Junge …«
Es entstand eine Pause; die letzte Flamme senkte sich tiefer und tiefer.
»Was machst du, Jean?« fragte Johann Buddenbrook. »Ich sehe dich gar
nicht mehr.«
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»Ich rechne«, sagte der Konsul trocken. Die Kerze flammte auf, und
man sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und
aufmerksam, wie sie während des ganzen Nachmittags noch nicht darein
geschaut hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. – »Einerseits: Sie
geben 33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht
48335 in Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt,
und das bedeutet für die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht
alles. Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschädigungssumme für den
Anteil am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals n i c h t
endgültig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich
großes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt
es sich für die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie
nicht rechnen kann, mit dem ich als künftiger alleiniger Inhaber nicht
rechnen kann … Nein, Papa!« beschloß er mit einer energischen
Handbewegung und richtete sich noch höher auf. »Ich muß Ihnen abraten,
nachzugeben!« –
»Na also! Punktum! N'en parlons plus! En avant! Ins Bett!«
Das letzte Flämmchen verlosch unter dem Metallhütchen. In dichter
Finsternis schritten die beiden durch die Säulenhalle, und draußen, beim
Aufgang zum zweiten Stocke, schüttelten sie einander die Hand.
»Gut' Nacht, Jean … Courage, du? Das sind so Ärgerlichkeiten … Auf
Wiedersehen morgen beim Frühstück!«
Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte
tastete sich am Geländer ins Zwischengeschoß hinunter. Dann lag das
weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz,
Hoffnungen und Befürchtungen ruhten, während draußen in den stillen
Straßen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken pfiff.
man sah, wie er gerade aufgerichtet und mit Augen, so kalt und
aufmerksam, wie sie während des ganzen Nachmittags noch nicht darein
geschaut hatten, fest in die tanzende Flamme blickte. – »Einerseits: Sie
geben 33335 an Gotthold und 15000 an die in Frankfurt, und das macht
48335 in Summa. Andererseits: Sie geben nur 25000 an die in Frankfurt,
und das bedeutet für die Firma einen Gewinn von 23335. Das ist aber nicht
alles. Gesetzt, Sie leisten an Gotthold eine Entschädigungssumme für den
Anteil am Hause, so ist das Prinzip durchbrochen, so ist er damals n i c h t
endgültig abgefunden worden, so kann er nach Ihrem Tode ein gleich
großes Erbe beanspruchen, wie meine Schwester und ich, und dann handelt
es sich für die Firma um einen Verlust von Hunderttausenden, mit dem sie
nicht rechnen kann, mit dem ich als künftiger alleiniger Inhaber nicht
rechnen kann … Nein, Papa!« beschloß er mit einer energischen
Handbewegung und richtete sich noch höher auf. »Ich muß Ihnen abraten,
nachzugeben!« –
»Na also! Punktum! N'en parlons plus! En avant! Ins Bett!«
Das letzte Flämmchen verlosch unter dem Metallhütchen. In dichter
Finsternis schritten die beiden durch die Säulenhalle, und draußen, beim
Aufgang zum zweiten Stocke, schüttelten sie einander die Hand.
»Gut' Nacht, Jean … Courage, du? Das sind so Ärgerlichkeiten … Auf
Wiedersehen morgen beim Frühstück!«
Der Konsul stieg die Treppe hinauf in seine Wohnung, und der Alte
tastete sich am Geländer ins Zwischengeschoß hinunter. Dann lag das
weite, alte Haus wohlverschlossen in Dunkelheit und Schweigen. Stolz,
Hoffnungen und Befürchtungen ruhten, während draußen in den stillen
Straßen der Regen rieselte und der Herbstwind um Giebel und Ecken pfiff.
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Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Zweiundeinhalbes Jahr später, um die Mitte des April schon, war
zeitiger als jemals der Frühling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein
Ereignis eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergnügen
trällern machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte.
Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, saß der Konsul im Frühstückszimmer
vor dem großen, braunen Sekretär, der am Fenster stand und dessen
gewölbter Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus
zurückgeschoben war. Eine dicke Ledermappe, gefüllt mit Papieren, lag vor
ihm; aber er hatte ein Heft mit gepreßtem Umschlage und Goldschnitt
herausgenommen und schrieb, eifrig darüber gebeugt, in seiner dünnen,
winzig dahineilenden Schrift, – emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, daß
er die Gänsefeder in das schwere Metalltintenfaß tauchte …
Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde
Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen
einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Würze die
Frühlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geräuschlos die
Gardinen ein wenig empor. Drüben, auf dem Frühstückstische, ruhte die
Sonne blendend auf dem weißen, hie und da von Brosamen gesprenkelten
Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprüngen auf der
Vergoldung der mörserförmigen Tassen …
Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren geöffnet, und von
dorther vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise
nach einer alten drolligen Melodie vor sich hin summte:
Erstes Kapitel
Zweiundeinhalbes Jahr später, um die Mitte des April schon, war
zeitiger als jemals der Frühling gekommen, und zu gleicher Zeit war ein
Ereignis eingetreten, das den alten Johann Buddenbrook vor Vergnügen
trällern machte und seinen Sohn aufs freudigste bewegte.
Um 9 Uhr, eines Sonntagmorgens, saß der Konsul im Frühstückszimmer
vor dem großen, braunen Sekretär, der am Fenster stand und dessen
gewölbter Deckel vermittelst eines witzigen Mechanismus
zurückgeschoben war. Eine dicke Ledermappe, gefüllt mit Papieren, lag vor
ihm; aber er hatte ein Heft mit gepreßtem Umschlage und Goldschnitt
herausgenommen und schrieb, eifrig darüber gebeugt, in seiner dünnen,
winzig dahineilenden Schrift, – emsig und ohne Aufenthalt, es sei denn, daß
er die Gänsefeder in das schwere Metalltintenfaß tauchte …
Die beiden Fenster standen offen, und vom Garten her, wo eine milde
Sonne die ersten Knospen beschien, und wo ein paar kleine Vogelstimmen
einander kecke Antworten gaben, wehte voll frischer und zarter Würze die
Frühlingsluft herein und trieb dann und wann sacht und geräuschlos die
Gardinen ein wenig empor. Drüben, auf dem Frühstückstische, ruhte die
Sonne blendend auf dem weißen, hie und da von Brosamen gesprenkelten
Leinen und spielte in kleinen, blitzenden Drehungen und Sprüngen auf der
Vergoldung der mörserförmigen Tassen …
Beide Flügel der Tür zum Schlafzimmer waren geöffnet, und von
dorther vernahm man die Stimme Johann Buddenbrooks, der ganz leise
nach einer alten drolligen Melodie vor sich hin summte:
Page 48
»Ein guter Mann, ein braver Mann,
Ein Mann von Complaisancen;
Er kocht die Supp' und wiegt das Kind
Und riecht nach Pomeranzen.«
Er saß zur Seite der kleinen Wiege mit grünseidenen Vorhängen, die bei
dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in
gleichmäßiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten sich,
der leichteren Bedienung halber, für einige Zeit hier unten eingerichtet,
während ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schürze über dem
gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weißen Locken,
sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen machte, das
dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten.
Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so
sehr war er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug
einen ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war
leicht geöffnet, er ließ das Kinn ein wenig hängen, und seine Augen
verschleierten sich dann und wann. Er schrieb:
»Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau
Elisabeth, geb. Kröger, mit Gottes gnädiger Hilfe aufs glücklichste von
einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
empfangen soll. Ja, so gnädig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage des
Doktors Grabow die Geburt um etwas zu früh eintrat und sich vordem nicht
alles zum besten verhielt und Bethsy große Schmerzen gelitten hat. Ach, wo
ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du hilfst in allen
Nöten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu erkennen, damit
wir dich fürchten und in deinem Willen und Geboten treu mögen erfunden
werden! Ach Herr, leite und führe uns alle, so lange wir leben auf
Erden …« – Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und indem sie hie und da
einen kaufmännischen Schnörkel ausführte, und redete Zeile für Zeile zu
Gott. Zwei Seiten weiter hieß es:
»Ich habe meiner jüngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern
ausgeschrieben. Führe du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke du
ihr ein reines Herz, auf daß sie einstmals eingehe in die Wohnungen des
ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer
Ein Mann von Complaisancen;
Er kocht die Supp' und wiegt das Kind
Und riecht nach Pomeranzen.«
Er saß zur Seite der kleinen Wiege mit grünseidenen Vorhängen, die bei
dem hohen Himmelbett der Konsulin stand, und die er mit einer Hand in
gleichmäßiger Schwingung erhielt. Die Konsulin und ihr Gatte hatten sich,
der leichteren Bedienung halber, für einige Zeit hier unten eingerichtet,
während ihr Vater und Madame Antoinette, die, eine Schürze über dem
gestreiften Kleide und eine Spitzenhaube auf den dicken weißen Locken,
sich dort hinten am Tische mit Flanell und Linnen zu schaffen machte, das
dritte Zimmer des Zwischengeschosses zum Schlafen benutzten.
Konsul Buddenbrook warf kaum einen Blick in das Nebenzimmer, so
sehr war er von seiner Arbeit in Anspruch genommen. Sein Gesicht trug
einen ernsten und vor Andacht beinahe leidenden Ausdruck. Sein Mund war
leicht geöffnet, er ließ das Kinn ein wenig hängen, und seine Augen
verschleierten sich dann und wann. Er schrieb:
»Heute, d. 14. April 1838, morgens um 6 Uhr, ward meine liebe Frau
Elisabeth, geb. Kröger, mit Gottes gnädiger Hilfe aufs glücklichste von
einem Töchterchen entbunden, welches in der hl. Taufe den Namen Klara
empfangen soll. Ja, so gnädig half ihr der Herr, obgleich nach Aussage des
Doktors Grabow die Geburt um etwas zu früh eintrat und sich vordem nicht
alles zum besten verhielt und Bethsy große Schmerzen gelitten hat. Ach, wo
ist doch ein solcher Gott, wie du bist, du Herr Zebaoth, der du hilfst in allen
Nöten und Gefahren und uns lehrst deinen Willen recht zu erkennen, damit
wir dich fürchten und in deinem Willen und Geboten treu mögen erfunden
werden! Ach Herr, leite und führe uns alle, so lange wir leben auf
Erden …« – Die Feder eilte weiter, glatt, behende, und indem sie hie und da
einen kaufmännischen Schnörkel ausführte, und redete Zeile für Zeile zu
Gott. Zwei Seiten weiter hieß es:
»Ich habe meiner jüngsten Tochter eine Police von 150 Kuranttalern
ausgeschrieben. Führe du sie, ach Herr! auf deinen Wegen, und schenke du
ihr ein reines Herz, auf daß sie einstmals eingehe in die Wohnungen des
ewigen Friedens. Denn wir wissen wohl, wie schwer es sei, von ganzer
Page 49
Seele zu glauben, daß der ganze liebe süße Jesus mein sei, weil unser
irdisches kleines schwaches Herz …« Nach drei Seiten schrieb der Konsul
ein »Amen«, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem Geräusch noch
über manches Blatt, sie schrieb von der köstlichen Quelle, die den müden
Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen, bluttriefenden Wunden,
vom engen und vom breiten Wege und von Gottes großer Herrlichkeit. Es
kann nicht geleugnet werden, daß der Konsul nach diesem oder jenem Satze
die Neigung verspürte, es nun genug sein zu lassen, die Feder fortzulegen,
hinein zu seiner Gattin zu gehen oder sich ins Kontor zu begeben. Wie aber!
Wurde er es so bald müde, sich mit seinem Schöpfer und Erhalter zu
bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem Herrn, schon jetzt einzuhalten mit
Schreiben … Nein, nein, als Züchtigung gerade für sein unfrommes
Gelüste, zitierte er noch längere Abschnitte aus den heiligen Schriften,
betete für seine Eltern, seine Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch
für seinen Bruder Gotthold, – und endlich, nach einem letzten Bibelspruch
und einem letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift
und lehnte sich aufatmend zurück.
Ein Bein über das andere geschlagen, blätterte er langsam in dem Hefte
zurück, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu
lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal
dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes
Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, daß alle
Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal – er
war noch ein Knabe – hatte er den Vorbereitungen zu einer Hochzeit
beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die alte Sitte,
das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein großes
Brauküben vor der Türe aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder und die
Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt, daß die
Nachbarn vor die Türe kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten, es
wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann heftig
über alle seine Gliedmaßen. Er wurde in einen Laden getragen, und da noch
ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt
geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er möge sich in Gottes Willen
schicken, es sei unmöglich, daß der Knabe am Leben bliebe … Und nun
höre: Gott der Allmächtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur
vollkommenen Gesundheit! – Als der Konsul diesen Unglücksfall im Geiste
irdisches kleines schwaches Herz …« Nach drei Seiten schrieb der Konsul
ein »Amen«, allein die Feder glitt weiter, sie glitt mit feinem Geräusch noch
über manches Blatt, sie schrieb von der köstlichen Quelle, die den müden
Wandersmann labt, von des Seligmachers heiligen, bluttriefenden Wunden,
vom engen und vom breiten Wege und von Gottes großer Herrlichkeit. Es
kann nicht geleugnet werden, daß der Konsul nach diesem oder jenem Satze
die Neigung verspürte, es nun genug sein zu lassen, die Feder fortzulegen,
hinein zu seiner Gattin zu gehen oder sich ins Kontor zu begeben. Wie aber!
Wurde er es so bald müde, sich mit seinem Schöpfer und Erhalter zu
bereden? Welch ein Raub an Ihm, dem Herrn, schon jetzt einzuhalten mit
Schreiben … Nein, nein, als Züchtigung gerade für sein unfrommes
Gelüste, zitierte er noch längere Abschnitte aus den heiligen Schriften,
betete für seine Eltern, seine Frau, seine Kinder und sich selbst, betete auch
für seinen Bruder Gotthold, – und endlich, nach einem letzten Bibelspruch
und einem letzten, dreimaligen Amen, streute er Goldsand auf die Schrift
und lehnte sich aufatmend zurück.
Ein Bein über das andere geschlagen, blätterte er langsam in dem Hefte
zurück, um hie und da einen Abschnitt der Daten und Betrachtungen zu
lesen, die sich von seiner Hand dort vorfanden, und sich wieder einmal
dankbar der Erkenntnis zu freuen, wie immer und in aller Gefahr Gottes
Hand ihn sichtbar gesegnet. Er hatte die Pocken gehabt so stark, daß alle
Leute ihm das Leben absprachen, aber er war gerettet worden. Einmal – er
war noch ein Knabe – hatte er den Vorbereitungen zu einer Hochzeit
beigewohnt, wobei viel Bier gebraut wurde (denn es bestand die alte Sitte,
das Bier im Hause zu brauen), und zu diesem Ende stand ein großes
Brauküben vor der Türe aufgerichtet. Nun, dasselbe schlug nieder und die
Bodenseite auf den Knaben, mit solchem Knall und solcher Gewalt, daß die
Nachbarn vor die Türe kamen und ihrer sechs genug zu tun hatten, es
wieder aufzurichten. Sein Kopf ward gequetscht, und das Blut rann heftig
über alle seine Gliedmaßen. Er wurde in einen Laden getragen, und da noch
ein wenig Leben in ihm war, ward zum Doktor und zum Wundarzt
geschickt. Dem Vater aber sprach man zu, er möge sich in Gottes Willen
schicken, es sei unmöglich, daß der Knabe am Leben bliebe … Und nun
höre: Gott der Allmächtige segnete die Mittel und half ihm wieder zur
vollkommenen Gesundheit! – Als der Konsul diesen Unglücksfall im Geiste
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aufs neue erlebt hatte, ergriff er noch einmal die Feder und schrieb hinter
sein letztes Amen: »Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!«
Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen
gekommen war, hatte Gott ihn aus großer Wassersgefahr errettet. »Indem
wir«, stand dort, »in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen sind,
sehr viel arbeiten mußten, durch die Jagden zu kommen und zu unserer
Brücke zu gelangen, so ging es mir dabei so, daß ich auf dem Rande der
Schute stand, die Füße gegen die Dollen und den Rücken gegen die Jagd
gestützt, um die Schute immer näher zu bringen; zu meinem Unglück
brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Füße gesetzt hatte, und ich
falle über Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber niemand ist
so nahe, daß er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal auf, allein
die Schute geht mir über den Kopf. Es waren Leute genug da, die mich
gerne retten wollten, allein sie mußten erst schieben, daß die Jagd und
Schute nicht über mich kämen, und all' ihr Schieben hätte doch nichts
geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer
Nordfahrerjagd von selbst gerissen wäre, wodurch die Jagd hinaustrieb, und
ich also durch Gottes Verhängnis Raum erhielt, und obwohl ich zum
drittenmal nicht weiter aufkam, als daß nur die Haare zur Sicht kamen, so
gelang es, weil alle die Köpfe, der eine hier, der andere dort, aus der Schute
über dem Wasser waren, daß einer, der nach vorne zu aus der Schute lag,
mich an den Haaren faßte, und ich griff ihn am Arm. Allein da er sich selbst
nicht halten konnte, schrie und brüllte er so gewaltig, daß die anderen es
hörten und ihn so geschwind an den Hüften faßten und mit Macht
festhielten, daß er standhalten konnte. Auch ich hielt immer fest,
wenngleich er mich in den Arm biß, und kam es dadurch dahin, daß er auch
mir helfen konnte …« Und dann folgte ein sehr langes Dankgebet, das der
Konsul mit feuchten Augen überlas.
»Ich könnte gar vieles anführen«, hieß es an anderer Stelle, »wenn ich
gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein …« Nun,
hierüber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen aus
der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen. Diese
Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen, was man
eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter geklopft und
ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine stattliche Mitgift
zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen einverstanden gewesen
sein letztes Amen: »Ja, Herr, ich will dich loben ewiglich!«
Ein anderes Mal, als er, ein ganz junger Mensch noch, nach Bergen
gekommen war, hatte Gott ihn aus großer Wassersgefahr errettet. »Indem
wir«, stand dort, »in der Stromzeit, wenn die Nordfahrer angekommen sind,
sehr viel arbeiten mußten, durch die Jagden zu kommen und zu unserer
Brücke zu gelangen, so ging es mir dabei so, daß ich auf dem Rande der
Schute stand, die Füße gegen die Dollen und den Rücken gegen die Jagd
gestützt, um die Schute immer näher zu bringen; zu meinem Unglück
brechen die eichnen Dollen, wogegen ich die Füße gesetzt hatte, und ich
falle über Kopf ins Wasser. Ich komme zum erstenmal auf, aber niemand ist
so nahe, daß er mich fassen kann; ich komme zum zweitenmal auf, allein
die Schute geht mir über den Kopf. Es waren Leute genug da, die mich
gerne retten wollten, allein sie mußten erst schieben, daß die Jagd und
Schute nicht über mich kämen, und all' ihr Schieben hätte doch nichts
geholfen, wenn nicht in diesem Augenblick ein Tau auf einer
Nordfahrerjagd von selbst gerissen wäre, wodurch die Jagd hinaustrieb, und
ich also durch Gottes Verhängnis Raum erhielt, und obwohl ich zum
drittenmal nicht weiter aufkam, als daß nur die Haare zur Sicht kamen, so
gelang es, weil alle die Köpfe, der eine hier, der andere dort, aus der Schute
über dem Wasser waren, daß einer, der nach vorne zu aus der Schute lag,
mich an den Haaren faßte, und ich griff ihn am Arm. Allein da er sich selbst
nicht halten konnte, schrie und brüllte er so gewaltig, daß die anderen es
hörten und ihn so geschwind an den Hüften faßten und mit Macht
festhielten, daß er standhalten konnte. Auch ich hielt immer fest,
wenngleich er mich in den Arm biß, und kam es dadurch dahin, daß er auch
mir helfen konnte …« Und dann folgte ein sehr langes Dankgebet, das der
Konsul mit feuchten Augen überlas.
»Ich könnte gar vieles anführen«, hieß es an anderer Stelle, »wenn ich
gewilligt wäre, meine Leidenschaften zu entdecken, allein …« Nun,
hierüber ging der Konsul hinweg und begann hie und da ein paar Zeilen aus
der Zeit seiner Verheiratung und seiner ersten Vaterschaft zu lesen. Diese
Verbindung war, sollte er ehrlich sein, nicht gerade das gewesen, was man
eine Liebesheirat nennt. Sein Vater hatte ihm auf die Schulter geklopft und
ihn auf die Tochter des reichen Kröger, die der Firma eine stattliche Mitgift
zuführte, aufmerksam gemacht, er war von Herzen einverstanden gewesen
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und hatte fortan seine Gattin verehrt, als die ihm von Gott vertraute
Gefährtin …
Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders
verhalten.
»Ein guter Mann, ein braver Mann,
Ein Mann von Complaisancen« …
trällerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er für alle
diese alten Aufzeichnungen und Papiere besaß. Er stand mit beiden Beinen
in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der Vergangenheit der
Familie, wenngleich er ehemals dem dicken Goldschnittheft immerhin ein
paar Notizen in seiner etwas schnörkeligen Handschrift hinzugefügt hatte,
und zwar hauptsächlich in betreff seiner ersten Ehe.
Der Konsul schlug die Blätter auf, die stärker und rauher waren als das
Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben begannen …
Ja, Johann Buddenbrook mußte diese erste Gattin, die Tochter eines Bremer
Kaufmannes, in rührender Weise geliebt haben, und das eine, kurze Jahr,
das er an ihrer Seite hatte verleben dürfen, schien sein schönstes gewesen
zu sein. »L'année la plus heureuse de ma vie«, stand dort, mit einer
krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die Gefahr hin, daß Madame
Antoinette es las …
Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen
zugrunde gerichtet … Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft,
auf dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen
ehrlich und bitterlich gehaßt zu haben, von dem Augenblick an, wo seine
ersten kecken Regungen der Mutter gräßliche Schmerzen bereitet hatten, –
gehaßt zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, während
Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewühlt, verschied, – und
niemals diesem skrupellosen Eindringling, der kräftig und sorglos
heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben … Der Konsul
verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des
Weibes erfüllte, und ich hätte die Liebe zu ihr zärtlich auf das Wesen
übertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend
hinterließ … Er aber, der Vater, hat in seinem ältesten Sohne nie etwas
Gefährtin …
Mit der zweiten Heirat seines Vaters hatte es sich ja nicht anders
verhalten.
»Ein guter Mann, ein braver Mann,
Ein Mann von Complaisancen« …
trällerte er leise im Schlafzimmer. Bedauerlich, wie wenig Sinn er für alle
diese alten Aufzeichnungen und Papiere besaß. Er stand mit beiden Beinen
in der Gegenwart und beschäftigte sich nicht viel mit der Vergangenheit der
Familie, wenngleich er ehemals dem dicken Goldschnittheft immerhin ein
paar Notizen in seiner etwas schnörkeligen Handschrift hinzugefügt hatte,
und zwar hauptsächlich in betreff seiner ersten Ehe.
Der Konsul schlug die Blätter auf, die stärker und rauher waren als das
Papier, das er selbst hineingeheftet, und die schon zu vergilben begannen …
Ja, Johann Buddenbrook mußte diese erste Gattin, die Tochter eines Bremer
Kaufmannes, in rührender Weise geliebt haben, und das eine, kurze Jahr,
das er an ihrer Seite hatte verleben dürfen, schien sein schönstes gewesen
zu sein. »L'année la plus heureuse de ma vie«, stand dort, mit einer
krausen Wellenlinie unterstrichen, auf die Gefahr hin, daß Madame
Antoinette es las …
Dann aber war Gotthold gekommen, und das Kind hatte Josephinen
zugrunde gerichtet … Wunderliche Bemerkungen standen, was dies betrifft,
auf dem rauhen Papier. Johann Buddenbrook schien dieses neue Wesen
ehrlich und bitterlich gehaßt zu haben, von dem Augenblick an, wo seine
ersten kecken Regungen der Mutter gräßliche Schmerzen bereitet hatten, –
gehaßt zu haben, bis es gesund und lebhaft zur Welt kam, während
Josephine, den blutleeren Kopf in die Kissen gewühlt, verschied, – und
niemals diesem skrupellosen Eindringling, der kräftig und sorglos
heranwuchs, den Mord der Mutter verziehen zu haben … Der Konsul
verstand das nicht. Sie starb, dachte er, indem sie die hohe Pflicht des
Weibes erfüllte, und ich hätte die Liebe zu ihr zärtlich auf das Wesen
übertragen, dem sie das Leben schenkte, und das sie mir scheidend
hinterließ … Er aber, der Vater, hat in seinem ältesten Sohne nie etwas
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anderes als den ruchlosen Zerstörer seines Glückes erblickt. Dann, später,
hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen und
hochangesehenen Hamburger Familie, vermählt und respektvoll und
aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt …
Der Konsul blätterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die
kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und
Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken überstanden
hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und
Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurück bis zu
den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blättern, die der
alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blaßgrauer Tinte in
weitläufigen Schnörkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen
begannen mit einer weitläufigen Genealogie, welche die Hauptlinie
verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der älteste,
der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau Ratsherr
geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider seines
Zeichens, zu Rostock geheiratet, »sich sehr gut gestanden« – was
unterstrichen war – und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe,
tote und lebendige, wie es gerade kam … Wie wiederum einer, der schon
Johan geheißen, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schließlich,
am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Großvater
hierhergekommen sei und die Getreidefirma gegründet habe. Von diesem
Vorfahren waren schon alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann
die echten Blattern gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten
Boden auf die Darre gestürzt und am Leben geblieben, obgleich eine
Menge Balken im Wege gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit
Raserei verfallen, stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen
manche gute Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefügt, von denen,
sorgfältig in hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz
hervorstach: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber
mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.« Und dann
war umständlich nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte
Bibel zugehöre, und daß sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf
dessen Ältesten übergehen solle …
Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder
jenes der übrigen Papiere herauszugreifen und zu überlesen. Da waren
hatte er sich mit Antoinette Duchamps, dem Kinde einer reichen und
hochangesehenen Hamburger Familie, vermählt und respektvoll und
aufmerksam hatten die beiden nebeneinander gelebt …
Der Konsul blätterte hin und her im Hefte. Er las, ganz hinten, die
kleinen Geschichten seiner eigenen Kinder, wann Tom die Masern und
Antonie die Gelbsucht gehabt und Christian die Windpocken überstanden
hatte; er las von den verschiedenen Reisen nach Paris, der Schweiz und
Marienbad, die er mit seiner Gattin unternommen, und schlug zurück bis zu
den pergamentartigen, eingerissenen, gelbgesprenkelten Blättern, die der
alte Johann Buddenbrook, der Vater des Vaters, mit blaßgrauer Tinte in
weitläufigen Schnörkeln beschrieben hatte. Diese Aufzeichnungen
begannen mit einer weitläufigen Genealogie, welche die Hauptlinie
verfolgte. Wie am Ende des 16. Jahrhunderts ein Buddenbrook, der älteste,
der bekannt, in Parchim gelebt, und sein Sohn zu Grabau Ratsherr
geworden sei. Wie ein fernerer Buddenbrook, Gewandschneider seines
Zeichens, zu Rostock geheiratet, »sich sehr gut gestanden« – was
unterstrichen war – und eine ungemeine Menge von Kindern gezeugt habe,
tote und lebendige, wie es gerade kam … Wie wiederum einer, der schon
Johan geheißen, als Kaufmann zu Rostock verblieben, und wie schließlich,
am Ende und nach manchem Jahr, des Konsuls Großvater
hierhergekommen sei und die Getreidefirma gegründet habe. Von diesem
Vorfahren waren schon alle Daten bekannt: Wann er die Frieseln und wann
die echten Blattern gehabt, war treu verzeichnet; wann er vom dritten
Boden auf die Darre gestürzt und am Leben geblieben, obgleich eine
Menge Balken im Wege gewesen seien, und wann er in ein hitzig Fieber mit
Raserei verfallen, stand reinlich vermerkt. Und er hatte seinen Notizen
manche gute Ermahnung an seine Nachkommen hinzugefügt, von denen,
sorgfältig in hoher gotischer Schrift gemalt und umrahmt, der Satz
hervorstach: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber
mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.« Und dann
war umständlich nachgewiesen, daß ihm die alte, zu Wittenberg gedruckte
Bibel zugehöre, und daß sie auf seinen Erstgeborenen und wiederum auf
dessen Ältesten übergehen solle …
Konsul Buddenbrook zog die Ledermappe zu sich heran, um dies oder
jenes der übrigen Papiere herauszugreifen und zu überlesen. Da waren
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uralte, gelbe, zerrissene Briefe, welche sorgende Mütter an ihre in der
Fremde arbeitenden Söhne geschrieben hatten, und die vom Empfänger mit
der Bemerkung versehen waren: »Wohl empfangen und den Inhalt
beherzigt.« Da waren Bürgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und
Hansestadt, Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese
rührenden Geschäftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon
aus Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in
betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden,
s o g l e i c h Frau und Kinder zu grüßen … Da war ein besonderes Tagebuch
des Konsuls über seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf
dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schloß mit dem Graßmarkte
darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bösen Briefe Gottholds an
seinen Vater und schließlich, als heiterer Abschluß, das letzte Festgedicht
Jean Jacques Hoffstedes …
Ein feines, eiliges Klingeln ließ sich vernehmen. Der Kirchturm droben,
auf dem mattfarbigen Gemälde, das über dem Sekretär hing und einen
altertümlichen Marktplatz darstellte, besaß eine wirkliche Uhr, die nun auf
ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschloß die Familienmappe und
verwahrte sie sorgfältig in einem hinteren Fache des Sekretärs. Dann ging
er ins Schlafzimmer hinüber.
Hier waren die Wände mit dunklem, großgeblümtem Tuche
ausgeschlagen, dem gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des
Wochenbettes bestanden. Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach
überstandenen Ängsten und Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch
leise erwärmt, mit einem Mischgeruch von Eau de Cologne und
Medikamenten durchsetzt war. Die geschlossenen Vorhänge ließen das
Licht nur dämmernd herein.
Über die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und
betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten
Spitzenjacke, das rötliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig bleich
noch, aber mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten die schöne Hand
entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise klirrte.
Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handfläche soweit als
möglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhöhen schien …
Fremde arbeitenden Söhne geschrieben hatten, und die vom Empfänger mit
der Bemerkung versehen waren: »Wohl empfangen und den Inhalt
beherzigt.« Da waren Bürgerbriefe mit Wappen und Siegel der freien und
Hansestadt, Policen, Gratulationspoeme und Patenbriefe. Da waren diese
rührenden Geschäftsbriefe, die etwa der Sohn an den Vater und Kompagnon
aus Stockholm oder Amsterdam geschrieben, die mit einer Beruhigung in
betreff des ziemlich gesicherten Weizens die dringende Bitte verbanden,
s o g l e i c h Frau und Kinder zu grüßen … Da war ein besonderes Tagebuch
des Konsuls über seine Reise durch England und Brabant, ein Heft, auf
dessen Umschlag ein Kupfer das Edinburger Schloß mit dem Graßmarkte
darstellte. Da waren als traurige Dokumente die bösen Briefe Gottholds an
seinen Vater und schließlich, als heiterer Abschluß, das letzte Festgedicht
Jean Jacques Hoffstedes …
Ein feines, eiliges Klingeln ließ sich vernehmen. Der Kirchturm droben,
auf dem mattfarbigen Gemälde, das über dem Sekretär hing und einen
altertümlichen Marktplatz darstellte, besaß eine wirkliche Uhr, die nun auf
ihre Weise zehn schlug. Der Konsul verschloß die Familienmappe und
verwahrte sie sorgfältig in einem hinteren Fache des Sekretärs. Dann ging
er ins Schlafzimmer hinüber.
Hier waren die Wände mit dunklem, großgeblümtem Tuche
ausgeschlagen, dem gleichen Stoffe, aus dem die hohen Gardinen des
Wochenbettes bestanden. Eine Stimmung von Erholung und Frieden nach
überstandenen Ängsten und Schmerzen lag in der Luft, die, vom Ofen noch
leise erwärmt, mit einem Mischgeruch von Eau de Cologne und
Medikamenten durchsetzt war. Die geschlossenen Vorhänge ließen das
Licht nur dämmernd herein.
Über die Wiege gebeugt standen die beiden Alten nebeneinander und
betrachteten das schlafende Kind. Die Konsulin aber, in einer eleganten
Spitzenjacke, das rötliche Haar aufs beste frisiert, streckte, ein wenig bleich
noch, aber mit einem glücklichen Lächeln ihrem Gatten die schöne Hand
entgegen, an deren Gelenk auch jetzt ein goldenes Armband leise klirrte.
Sie wandte dabei, nach ihrer Gewohnheit, die Handfläche soweit als
möglich herum, was die Herzlichkeit der Bewegung zu erhöhen schien …
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»Nun, Bethsy, wie geht es?«
»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!«
Ihre Hand in der seinen, näherte er, den Eltern gegenüber, sein Gesicht
dem Kinde, das rasch und geräuschvoll Luft holte, und atmete während
einer Minute den warmen, gutmütigen und rührenden Duft ein, der von ihm
ausging. »Gott segne dich«, sagte er leise, indem er die Stirn des kleinen
Wesens küßte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine verzweifelte
Ähnlichkeit mit Hühnerklauen besaßen.
»Sie hat prächtig getrunken«, bemerkte Madame Antoinette. »Sieh nur,
sie hat stupende zugenommen …«
»Wollt ihr mir glauben, daß sie Netten ähnlich sieht?« Johann
Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glück und Stolz.
»Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel …«
Die alte Dame wehrte bescheiden ab. »Ach, wie kann man schon jetzt
von einer Ähnlichkeit sprechen … Du willst zur Kirche, Jean?«
»Ja, es ist zehn, – hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder …«
Und die Kinder ließen sich bereits hören. Sie lärmten ungebührlich auf
der Treppe, während man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm;
dann aber traten sie in ihren Pelzmäntelchen – denn in der Marienkirche
war es natürlich noch winterlich – leise und vorsichtig herein, erstens
wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es nötig war, sich vor dem
Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch ein
Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln, entschieden,
hatte außer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles mitgebracht: eine
neue Schulmappe mit Seehundsfell für Thomas, eine große Puppe mit
wirklichem – dies war das Außerordentliche – mit wirklichem Haar für
Antonie, ein buntes Bilderbuch für die artige Klothilde, die sich aber still
und dankbar fast ausschließlich mit den Zuckertüten beschäftigte, die
gleichfalls eingetroffen waren, und für Christian ein komplettes Kasperle-
Theater mit Sultan, Tod und Teufel …
Sie küßten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter
die grünseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen
»Vortrefflich, vortrefflich, mein lieber Jean!«
Ihre Hand in der seinen, näherte er, den Eltern gegenüber, sein Gesicht
dem Kinde, das rasch und geräuschvoll Luft holte, und atmete während
einer Minute den warmen, gutmütigen und rührenden Duft ein, der von ihm
ausging. »Gott segne dich«, sagte er leise, indem er die Stirn des kleinen
Wesens küßte, dessen gelbe, runzlige Fingerchen eine verzweifelte
Ähnlichkeit mit Hühnerklauen besaßen.
»Sie hat prächtig getrunken«, bemerkte Madame Antoinette. »Sieh nur,
sie hat stupende zugenommen …«
»Wollt ihr mir glauben, daß sie Netten ähnlich sieht?« Johann
Buddenbrooks Gesicht strahlte heute geradezu vor Glück und Stolz.
»Blitzschwarze Augen hat sie, hole mich der Teufel …«
Die alte Dame wehrte bescheiden ab. »Ach, wie kann man schon jetzt
von einer Ähnlichkeit sprechen … Du willst zur Kirche, Jean?«
»Ja, es ist zehn, – hohe Zeit also, ich warte auf die Kinder …«
Und die Kinder ließen sich bereits hören. Sie lärmten ungebührlich auf
der Treppe, während man das beruhigende Zischen Klothildens vernahm;
dann aber traten sie in ihren Pelzmäntelchen – denn in der Marienkirche
war es natürlich noch winterlich – leise und vorsichtig herein, erstens
wegen der kleinen Schwester und zweitens, weil es nötig war, sich vor dem
Gottesdienste zu sammeln. Ihre Gesichter waren rot und erregt. Welch ein
Festtag heute! Der Storch, ein Storch mit braven Muskeln, entschieden,
hatte außer dem Schwesterchen noch allerlei Prachtvolles mitgebracht: eine
neue Schulmappe mit Seehundsfell für Thomas, eine große Puppe mit
wirklichem – dies war das Außerordentliche – mit wirklichem Haar für
Antonie, ein buntes Bilderbuch für die artige Klothilde, die sich aber still
und dankbar fast ausschließlich mit den Zuckertüten beschäftigte, die
gleichfalls eingetroffen waren, und für Christian ein komplettes Kasperle-
Theater mit Sultan, Tod und Teufel …
Sie küßten ihre Mutter und durften rasch noch einmal behutsam hinter
die grünseidne Gardine blicken, worauf sie mit dem Vater, der seinen
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Pelerinenmantel übergeworfen und das Gesangbuch zur Hand genommen
hatte, schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem
durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das plötzlich erwacht
war …
Zweites Kapitel
Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony
Buddenbrook immer zu den Großeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit
heller Freude.
Es lebte sich gut dort draußen im Freien, in der luxuriös eingerichteten
Villa mit weitläufigen Nebengebäuden, Dienerschaftswohnungen und
Remisen und dem ungeheuren Obst-, Gemüse- und Blumengarten, der sich
schräg abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krögers lebten auf großem
Fuße, und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken
Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerfälligen Wohlstand
in Tonys Elternhause, so war es augenfällig, daß bei den Großeltern alles
immer noch um zwei Grade prächtiger war, als zu Hause; und das machte
Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook.
An eine Tätigkeit im Hause oder gar in der Küche war hier niemals zu
denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl
gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die
Großmama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die
ergebene, fromme und fleißige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die
feudalen Neigungen der mütterlichen Familie regten sich in dem kleinen
Fräulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen
Befehl erteilte … Zwei Mädchen und ein Kutscher gehörten außer ihnen
zum Personale der alten Herrschaften.
Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen
morgens in dem großen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die
erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist
nennenswert, wenn zum ersten Frühstück vorn im Terrassenzimmer,
während durch die offene Glastür vom Garten die Morgenluft
hereinstreicht, statt des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade
hatte, schweigend und ruhigen Schrittes zur Kirche zogen, gefolgt von dem
durchdringenden Geschrei des neuen Familiengliedes, das plötzlich erwacht
war …
Zweites Kapitel
Zum Sommer, im Mai vielleicht schon, oder im Juni, zog Tony
Buddenbrook immer zu den Großeltern vors Burgtor hinaus, und zwar mit
heller Freude.
Es lebte sich gut dort draußen im Freien, in der luxuriös eingerichteten
Villa mit weitläufigen Nebengebäuden, Dienerschaftswohnungen und
Remisen und dem ungeheuren Obst-, Gemüse- und Blumengarten, der sich
schräg abfallend bis zur Trave hinunterzog. Die Krögers lebten auf großem
Fuße, und obgleich ein Unterschied bestand zwischen diesem blitzblanken
Reichtum und dem soliden, wenn auch ein wenig schwerfälligen Wohlstand
in Tonys Elternhause, so war es augenfällig, daß bei den Großeltern alles
immer noch um zwei Grade prächtiger war, als zu Hause; und das machte
Eindruck auf die junge Demoiselle Buddenbrook.
An eine Tätigkeit im Hause oder gar in der Küche war hier niemals zu
denken, während in der Mengstraße der Großvater und die Mama wohl
gleichfalls nicht viel Gewicht darauf legten, der Vater aber und die
Großmama sie oft genug mahnten, den Staub zu wischen und ihr die
ergebene, fromme und fleißige Kusine Thilda als Muster vorhielten. Die
feudalen Neigungen der mütterlichen Familie regten sich in dem kleinen
Fräulein, wenn sie vom Schaukelstuhle aus der Zofe oder dem Diener einen
Befehl erteilte … Zwei Mädchen und ein Kutscher gehörten außer ihnen
zum Personale der alten Herrschaften.
Was man sagen mag, so ist es etwas Angenehmes, wenn beim Erwachen
morgens in dem großen, mit hellem Stoff tapezierten Schlafzimmer die
erste Bewegung der Hand eine schwere Atlassteppdecke trifft; und es ist
nennenswert, wenn zum ersten Frühstück vorn im Terrassenzimmer,
während durch die offene Glastür vom Garten die Morgenluft
hereinstreicht, statt des Kaffees oder des Tees eine Tasse Schokolade
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verabreicht wird, ja, jeden Tag Geburtstagsschokolade mit einem dicken
Stück feuchten Napfkuchens.
Dieses Frühstück freilich mußte Tony, abgesehen von den Sonntagen,
ohne Gesellschaft einnehmen, da die Großeltern lange nach Beginn der
Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur
Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Büchermappe, trippelte die
Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten.
Sie war höchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem
Strohhut quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler
wurde, natürlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende
Oberlippe gab dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren
Augen einen Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer graziösen
kleinen Gestalt wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den
schneeweißen Strümpfen mit einer wiegenden und elastischen
Zuversichtlichkeit. Viele Leute kannten und begrüßten die kleine Tochter
des Konsuls Buddenbrook, wenn sie durch die Gartenpforte in die
Kastanienallee hinaustrat. Eine Gemüsefrau vielleicht, die, ihre große
Strohschute mit hellgrünen Bändern auf dem Kopf, in ihrem Wägelchen
vom Dorfe hereinkutschierte, rief ihr ein freundliches »God'n Morgen ook,
Mamselling!« zu, und der große Kornträger Matthiesen, der in seinem
schwarzen Habit mit Pumphosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen
vorüberging, nahm vor Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab …
Tony blieb ein bißchen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen
Hagenström zu warten, mit der sie den Schulweg zurückzulegen pflegte.
Dies war ein Kind mit etwas zu hohen Schultern und großen, blanken,
schwarzen Augen, das nebenan in der völlig von Weinlaub bewachsenen
Villa wohnte. Ihr Vater, Herr Hagenström, dessen Familie noch nicht lange
am Orte ansässig war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame
mit außerordentlich dickem schwarzen Haar und den größten Brillanten der
Stadt an den Ohren, die übrigens Semlinger hieß. Herr Hagenström,
welcher Teilhaber einer Exportfirma – Strunck & Hagenström – war,
entwickelte in städtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte
jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Möllendorpfs, Langhals'
und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt und war,
davon abgesehen, trotz seiner Rührigkeit als Mitglied von Ausschüssen,
Stück feuchten Napfkuchens.
Dieses Frühstück freilich mußte Tony, abgesehen von den Sonntagen,
ohne Gesellschaft einnehmen, da die Großeltern lange nach Beginn der
Schulzeit herunterzukommen pflegten. Wenn sie ihren Kuchen zur
Schokolade verzehrt hatte, so ergriff sie die Büchermappe, trippelte die
Terrasse hinunter und schritt durch den wohlgepflegten Vorgarten.
Sie war höchst niedlich, die kleine Tony Buddenbrook. Unter dem
Strohhut quoll ihr starkes Haar, dessen Blond mit den Jahren dunkler
wurde, natürlich gelockt hervor, und die ein wenig hervorstehende
Oberlippe gab dem frischen Gesichtchen mit den graublauen, munteren
Augen einen Ausdruck von Keckheit, der sich auch in ihrer graziösen
kleinen Gestalt wiederfand; sie setzte ihre schmalen Beinchen in den
schneeweißen Strümpfen mit einer wiegenden und elastischen
Zuversichtlichkeit. Viele Leute kannten und begrüßten die kleine Tochter
des Konsuls Buddenbrook, wenn sie durch die Gartenpforte in die
Kastanienallee hinaustrat. Eine Gemüsefrau vielleicht, die, ihre große
Strohschute mit hellgrünen Bändern auf dem Kopf, in ihrem Wägelchen
vom Dorfe hereinkutschierte, rief ihr ein freundliches »God'n Morgen ook,
Mamselling!« zu, und der große Kornträger Matthiesen, der in seinem
schwarzen Habit mit Pumphosen, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen
vorüberging, nahm vor Ehrerbietung sogar seinen rauhen Zylinder ab …
Tony blieb ein bißchen stehen, um auf ihre Nachbarin Julchen
Hagenström zu warten, mit der sie den Schulweg zurückzulegen pflegte.
Dies war ein Kind mit etwas zu hohen Schultern und großen, blanken,
schwarzen Augen, das nebenan in der völlig von Weinlaub bewachsenen
Villa wohnte. Ihr Vater, Herr Hagenström, dessen Familie noch nicht lange
am Orte ansässig war, hatte eine junge Frankfurterin geheiratet, eine Dame
mit außerordentlich dickem schwarzen Haar und den größten Brillanten der
Stadt an den Ohren, die übrigens Semlinger hieß. Herr Hagenström,
welcher Teilhaber einer Exportfirma – Strunck & Hagenström – war,
entwickelte in städtischen Angelegenheiten viel Eifer und Ehrgeiz, hatte
jedoch bei Leuten mit strengeren Traditionen, den Möllendorpfs, Langhals'
und Buddenbrooks, mit seiner Heirat einiges Befremden erregt und war,
davon abgesehen, trotz seiner Rührigkeit als Mitglied von Ausschüssen,
Page 57
Kollegien, Verwaltungsräten und dergleichen nicht sonderlich beliebt. Er
schien es darauf abgesehen zu haben, den Angehörigen der alteingesessenen
Familien bei jeder Gelegenheit zu opponieren, ihre Meinungen auf schlaue
Weise zu widerlegen, die seine dagegen durchzusetzen und sich als weit
tüchtiger und unentbehrlicher zu erweisen als sie. Konsul Buddenbrook
sagte von ihm: »Hinrich Hagenström ist aufdringlich mit seinen
Schwierigkeiten … Er muß es geradezu auf mich persönlich abgesehen
haben; wo er kann, behindert er mich … Heute gab es eine Szene in der
Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein paar Tagen im Finanz-
Departement …« Und Johann Buddenbrook fügte hinzu: »Ein oller
Stänker!« – Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn zornig und deprimiert
zu Tische … Was passiert sei? Ach, nichts … Eine große Lieferung Roggen
nach Holland sei ihnen verloren gegangen; Strunck & Hagenström hätten
sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein Fuchs, dieser Hinrich
Hagenström …
Solche Äußerungen hatte Tony oft genug angehört, um gar nicht zum
besten gegen Julchen Hagenström gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam,
weil sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens ärgerten sie einander.
»Mein Vater hat tausend Taler!« sagte Julchen und glaubte entsetzlich
zu lügen. »Deiner vielleicht –?«
Tony schwieg vor Neid und Demütigung. Dann sagte sie ganz ruhig und
beiläufig:
»Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt … Was trinkst
du eigentlich zum Frühstück, Julchen?«
»Ja, ehe ich es vergesse«, antwortete Julchen; »möchtest du gern einen
von meinen Äpfeln haben? – Ja päh! ich gebe dir aber keinen!« Und dabei
kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht
vor Vergnügen. –
Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre älter als sie,
gleichzeitig zur Schule. Sie besaß noch einen zweiten Bruder namens
Moritz, aber dieser war kränklich und ward zu Hause unterrichtet. Hermann
war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der Oberlippe. Auch
schien es darauf abgesehen zu haben, den Angehörigen der alteingesessenen
Familien bei jeder Gelegenheit zu opponieren, ihre Meinungen auf schlaue
Weise zu widerlegen, die seine dagegen durchzusetzen und sich als weit
tüchtiger und unentbehrlicher zu erweisen als sie. Konsul Buddenbrook
sagte von ihm: »Hinrich Hagenström ist aufdringlich mit seinen
Schwierigkeiten … Er muß es geradezu auf mich persönlich abgesehen
haben; wo er kann, behindert er mich … Heute gab es eine Szene in der
Sitzung der Zentral-Armen-Deputation, vor ein paar Tagen im Finanz-
Departement …« Und Johann Buddenbrook fügte hinzu: »Ein oller
Stänker!« – Ein anderes Mal kamen Vater und Sohn zornig und deprimiert
zu Tische … Was passiert sei? Ach, nichts … Eine große Lieferung Roggen
nach Holland sei ihnen verloren gegangen; Strunck & Hagenström hätten
sie ihnen vor der Nase weggeschnappt; ein Fuchs, dieser Hinrich
Hagenström …
Solche Äußerungen hatte Tony oft genug angehört, um gar nicht zum
besten gegen Julchen Hagenström gestimmt zu sein. Sie gingen gemeinsam,
weil sie einmal Nachbarinnen waren, aber meistens ärgerten sie einander.
»Mein Vater hat tausend Taler!« sagte Julchen und glaubte entsetzlich
zu lügen. »Deiner vielleicht –?«
Tony schwieg vor Neid und Demütigung. Dann sagte sie ganz ruhig und
beiläufig:
»Meine Schokolade eben hat furchtbar gut geschmeckt … Was trinkst
du eigentlich zum Frühstück, Julchen?«
»Ja, ehe ich es vergesse«, antwortete Julchen; »möchtest du gern einen
von meinen Äpfeln haben? – Ja päh! ich gebe dir aber keinen!« Und dabei
kniff sie ihre Lippen zusammen, und ihre schwarzen Augen wurden feucht
vor Vergnügen. –
Manchmal ging Julchens Bruder Hermann, ein paar Jahre älter als sie,
gleichzeitig zur Schule. Sie besaß noch einen zweiten Bruder namens
Moritz, aber dieser war kränklich und ward zu Hause unterrichtet. Hermann
war blond, aber seine Nase lag ein wenig platt auf der Oberlippe. Auch
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schmatzte er beständig mit den Lippen, denn er atmete nur durch den
Mund.
»Unsinn!« sagte er, »Papa hat viel mehr als tausend Taler.« Das
Interessante an ihm aber war, daß er als zweites Frühstück zur Schule nicht
Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales Milchgebäck,
das Korinthen enthielt, und das er sich zum Überfluß mit Zungenwurst oder
Gänsebrust belegte … Dies war so sein Geschmack.
Für Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit
Gänsebrust, – übrigens mußte es gut schmecken! Und wenn er sie in seine
Blechbüchse blicken ließ, so verriet sie den Wunsch, ein Stück zu
probieren. Eines Morgens sagte Hermann:
»Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stück
mehr mitbringen, und das soll für dich sein, wenn du mir etwas dafür
wiedergeben willst.«
Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fünf
Minuten, ohne daß Julchen gekommen wäre. Sie wartete noch eine Minute,
und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frühstücksdose am
Riemen hin und her und schmatzte leise.
»Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
nicht einmal Fett daran, – das pure Fleisch … Was gibst du mir dafür?«
»Ja, – einen Schilling vielleicht?« fragte Tony. Sie standen mitten in der
Allee.
»Einen Schilling …« wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter
und sagte:
»Nein, ich will etwas anderes haben.«
»Was denn?« fragte Tony; sie war bereit, alles Mögliche für den
Leckerbissen zu geben …
»Einen Kuß!« rief Hermann Hagenström, schlang beide Arme um Tony
und küßte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berühren, denn sie hielt
mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurück, stemmte die linke Hand mit
der Büchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten drei oder
Mund.
»Unsinn!« sagte er, »Papa hat viel mehr als tausend Taler.« Das
Interessante an ihm aber war, daß er als zweites Frühstück zur Schule nicht
Brot mitnahm, sondern Zitronensemmel: ein weiches, ovales Milchgebäck,
das Korinthen enthielt, und das er sich zum Überfluß mit Zungenwurst oder
Gänsebrust belegte … Dies war so sein Geschmack.
Für Tony Buddenbrook war das etwas Neues. Zitronensemmel mit
Gänsebrust, – übrigens mußte es gut schmecken! Und wenn er sie in seine
Blechbüchse blicken ließ, so verriet sie den Wunsch, ein Stück zu
probieren. Eines Morgens sagte Hermann:
»Ich kann nichts entbehren, Tony, aber morgen werde ich ein Stück
mehr mitbringen, und das soll für dich sein, wenn du mir etwas dafür
wiedergeben willst.«
Nun, am nächsten Morgen trat Tony in die Allee hinaus und wartete fünf
Minuten, ohne daß Julchen gekommen wäre. Sie wartete noch eine Minute,
und dann kam Hermann allein; er schwenkte seine Frühstücksdose am
Riemen hin und her und schmatzte leise.
»Na«, sagte er, »hier ist eine Zitronensemmel mit Gänsebrust; es ist
nicht einmal Fett daran, – das pure Fleisch … Was gibst du mir dafür?«
»Ja, – einen Schilling vielleicht?« fragte Tony. Sie standen mitten in der
Allee.
»Einen Schilling …« wiederholte Hermann; dann schluckte er hinunter
und sagte:
»Nein, ich will etwas anderes haben.«
»Was denn?« fragte Tony; sie war bereit, alles Mögliche für den
Leckerbissen zu geben …
»Einen Kuß!« rief Hermann Hagenström, schlang beide Arme um Tony
und küßte blindlings darauf los, ohne ihr Gesicht zu berühren, denn sie hielt
mit ungeheurer Gelenkigkeit den Kopf zurück, stemmte die linke Hand mit
der Büchermappe gegen seine Brust und klatschte mit der rechten drei oder
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viermal aus allen Kräften in sein Gesicht … Er taumelte zurück; aber im
selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester Julchen wie ein
schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor Wut, auf Tony, riß ihr
den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen aufs jämmerlichste …
Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit der Kameradschaft.
Übrigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schüchternheit dem jungen
Hagenström den Kuß verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschöpf,
das mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul,
manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Köpfchen besaß,
das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr Betragen in
so hohem Grade mangelhaft, daß schließlich sogar die Schulvorsteherin,
welche Fräulein Agathe Vermehren hieß, ein wenig schwitzend vor
Verlegenheit, in der Mengstraße erschien und der Konsulin höflichst
anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung zuteil werden zu
lassen – denn dieselbe habe sich, trotz vieler liebevoller Verwarnungen, auf
der Straße aufs neue offenkundigen Unfugs schuldig gemacht.
Es war kein Schade, daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle
Welt kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit
einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und
Nächstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den
Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen
umher, die auf den Böden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den
Arbeitern und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu
ebener Erde saßen, ja, sie half sogar draußen beim Aufwinden der Säcke.
Sie kannte die Schlachter, die mit ihren weißen Schürzen und Mulden durch
die Breite Straße wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren
Blechkannen vom Lande hereinkamen und ließ sich manchmal ein Stück
von ihnen kutschieren; sie kannte die graubärtigen Meister in den kleinen,
hölzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut
waren, die Fisch-, Obst- und Gemüsefrauen auf dem Markte, sowie die
Dienstmänner, die an den Straßenecken ihren Tabak kauten … Gut und
schön!
Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist
und der morgens mit einem traurigen Lächeln in der Breiten Straße zu
lustwandeln pflegt, kann nichts dafür, wenn er gezwungen ist, bei jedem
selben Augenblick fuhr hinter einem Baume Schwester Julchen wie ein
schwarzes Teufelchen hervor, warf sich, zischend vor Wut, auf Tony, riß ihr
den Hut vom Kopf und zerkratzte ihr die Wangen aufs jämmerlichste …
Seit diesem Ereignis war es beinahe zu Ende mit der Kameradschaft.
Übrigens hatte Tony sicherlich nicht aus Schüchternheit dem jungen
Hagenström den Kuß verweigert. Sie war ein ziemlich keckes Geschöpf,
das mit seiner Ausgelassenheit seinen Eltern, im besondern dem Konsul,
manche Sorge bereitete, und obgleich sie ein intelligentes Köpfchen besaß,
das flink in der Schule erlernte, was man begehrte, so war ihr Betragen in
so hohem Grade mangelhaft, daß schließlich sogar die Schulvorsteherin,
welche Fräulein Agathe Vermehren hieß, ein wenig schwitzend vor
Verlegenheit, in der Mengstraße erschien und der Konsulin höflichst
anheim gab, der jungen Tochter eine ernstliche Ermahnung zuteil werden zu
lassen – denn dieselbe habe sich, trotz vieler liebevoller Verwarnungen, auf
der Straße aufs neue offenkundigen Unfugs schuldig gemacht.
Es war kein Schade, daß Tony auf ihren Gängen durch die Stadt alle
Welt kannte und mit aller Welt plauderte; der Konsul zumal war hiermit
einverstanden, weil es keinen Hochmut, sondern Gemeinsinn und
Nächstenliebe verriet. Sie kletterte, gemeinsam mit Thomas, in den
Speichern an der Trave zwischen den Mengen von Hafer und Weizen
umher, die auf den Böden ausgebreitet waren, sie schwatzte mit den
Arbeitern und den Schreibern, die dort in den kleinen dunklen Kontoren zu
ebener Erde saßen, ja, sie half sogar draußen beim Aufwinden der Säcke.
Sie kannte die Schlachter, die mit ihren weißen Schürzen und Mulden durch
die Breite Straße wanderten; sie kannte die Milchfrauen, die mit ihren
Blechkannen vom Lande hereinkamen und ließ sich manchmal ein Stück
von ihnen kutschieren; sie kannte die graubärtigen Meister in den kleinen,
hölzernen Goldschmiedebuden, die in die Marktarkaden hineingebaut
waren, die Fisch-, Obst- und Gemüsefrauen auf dem Markte, sowie die
Dienstmänner, die an den Straßenecken ihren Tabak kauten … Gut und
schön!
Aber ein bleicher, bartloser Mensch, dessen Alter nicht zu bestimmen ist
und der morgens mit einem traurigen Lächeln in der Breiten Straße zu
lustwandeln pflegt, kann nichts dafür, wenn er gezwungen ist, bei jedem
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plötzlichen Laut, den man ausstößt – zum Beispiel »Ha!« oder »Ho!« – auf
einem Beine zu tanzen; und dennoch ließ Tony ihn tanzen, sobald sie ihn zu
Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schön, eine ganz winzige kleine Frau
mit großem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder Witterung einen
ungeheuren, durchlöcherten Schirm über sich aufgespannt zu halten,
beständig durch Rufe wie »Schirmmadame!« oder »Champignon!« zu
betrüben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei
gleichgesinnten Freundinnen vor dem Häuschen der alten Puppenliese
erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstraße mit wollenen
Puppen handelt und allerdings ganz merkwürdig rote Augen hat, – dort aus
Leibeskräften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit
falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame
Spucknapf wohnen, worauf man mit großem Gekreisch davonrennt … Das
alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit völlig gutem
Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequälten eine Drohung
zuteil, so mußte man sehen, wie sie einen Schritt zurücktrat, den hübschen
Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurückwarf und ein halb entrüstetes,
halb mokantes »Pa!« hervorstieß, als wollte sie sagen: »Wage es nur, mir
etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks Tochter, wenn du
es vielleicht nicht weißt …«
Sie ging in der Stadt wie eine kleine Königin umher, die sich das gute
Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und
Laune.
Drittes Kapitel
Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Söhne des Konsuls
Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefällt.
Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen
Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung
der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger,
regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs köstlichste
amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger
Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick
einem Beine zu tanzen; und dennoch ließ Tony ihn tanzen, sobald sie ihn zu
Gesichte bekam. Es ist ferner nicht schön, eine ganz winzige kleine Frau
mit großem Kopfe, welche die Gewohnheit hat, bei jeder Witterung einen
ungeheuren, durchlöcherten Schirm über sich aufgespannt zu halten,
beständig durch Rufe wie »Schirmmadame!« oder »Champignon!« zu
betrüben; und es ist tadelnswert, wenn man mit zwei oder drei
gleichgesinnten Freundinnen vor dem Häuschen der alten Puppenliese
erscheint, die in einer engen Twiete bei der Johannisstraße mit wollenen
Puppen handelt und allerdings ganz merkwürdig rote Augen hat, – dort aus
Leibeskräften die Glocke zieht und, wenn die Alte herauskommt, mit
falscher Freundlichkeit fragt, ob hier vielleicht Herr und Madame
Spucknapf wohnen, worauf man mit großem Gekreisch davonrennt … Das
alles aber tat Tony Buddenbrook und zwar, wie es schien, mit völlig gutem
Gewissen. Denn wurde ihr von seiten irgendeines Gequälten eine Drohung
zuteil, so mußte man sehen, wie sie einen Schritt zurücktrat, den hübschen
Kopf mit der vorstehenden Oberlippe zurückwarf und ein halb entrüstetes,
halb mokantes »Pa!« hervorstieß, als wollte sie sagen: »Wage es nur, mir
etwas anhaben zu wollen! Ich bin Konsul Buddenbrooks Tochter, wenn du
es vielleicht nicht weißt …«
Sie ging in der Stadt wie eine kleine Königin umher, die sich das gute
Recht vorbehält, freundlich oder grausam zu sein, je nach Geschmack und
Laune.
Drittes Kapitel
Jean Jacques Hoffstede hatte, was die beiden Söhne des Konsuls
Buddenbrook anging, sicherlich ein treffendes Urteil gefällt.
Thomas, der seit seiner Geburt bereits zum Kaufmann und künftigen
Inhaber der Firma bestimmt war und die realwissenschaftliche Abteilung
der alten Schule mit den gotischen Gewölben besuchte, war ein kluger,
regsamer und verständiger Mensch, der sich übrigens aufs köstlichste
amüsierte, wenn Christian, welcher Gymnasiast war und nicht weniger
Begabung, aber weniger Ernsthaftigkeit zeigte, mit ungeheurem Geschick
Page 61
die Lehrer nachahmte – im besonderen den tüchtigen Herrn Marcellus
Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fächern den
Unterricht erteilte.
Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend
wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote Perücke
und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die Knöchel
reichte, besaß Vatermörder, die sogar noch seine Schläfen bedeckten, und
war ein witziger Kopf, der philosophische Unterscheidungen liebte, wie
etwa: »Du sollst 'ne Linie machen, mein gutes Kind, und was machst du?
Du machst 'nen Strich!« – Er sagte »Line« statt »Linie«. Oder zu einem
Faulen: »Du sitzest in Quarta nicht Jahre, will ich dir sagen, sondern
Jahren!« – Wobei er »Quäta« statt »Quarta« sagte und nicht »Jahre«,
sondern beinahe »Schahre« aussprach … Sein Lieblingsunterricht bestand
darin, in der Gesangstunde das schöne Lied »Der grüne Wald« üben zu
lassen, wobei einige Schüler auf den Korridor hinausgehen mußten, um,
wenn der Chorus angestimmt hatte: »Wir ziehen so fröhlich durch Feld und
Wald …« ganz leise und vorsichtig das letzte Wort als Echo zu
wiederholen. Waren jedoch Christian Buddenbrook, sein Vetter Jürgen
Kröger oder sein Freund Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors,
hiermit beamtet, so warfen sie, statt das zarte Echo zu vollführen, den
Kohlenkasten die Treppe hinunter und mußten nachmittags um vier Uhr in
der Wohnung des Herrn Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich
zu. Herr Stengel hatte alles vergessen und befahl seiner Haushälterin, den
Schülern Buddenbrook, Kröger und Giesecke »je« eine Tasse Kaffee zu
verabreichen, worauf er die jungen Herren wieder entließ …
In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen
Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den
Gewölben der alten Schule – einer ehemaligen Klosterschule – ihres Amtes
walteten, waren harmlose und gutmütige Leute, einig in der Ansicht, daß
Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlössen, und bestrebt, mit
Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in den mittleren
Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen unterrichtete, ein
gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem Backenbart und
munteren Augen, dessen Lebensglück geradezu in dieser Übereinstimmung
seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht oft genug die
Vokabel pastor sich übersetzen lassen konnte. Seine Lieblingsredensart
Stengel, der im Singen, Zeichnen und derartigen lustigen Fächern den
Unterricht erteilte.
Herr Stengel, aus dessen Westentaschen stets ein halbes Dutzend
wundervoll gespitzter Bleistifte hervorstarrten, trug eine fuchsrote Perücke
und einen offenen, hellbraunen Rock, der ihm fast bis an die Knöchel
reichte, besaß Vatermörder, die sogar noch seine Schläfen bedeckten, und
war ein witziger Kopf, der philosophische Unterscheidungen liebte, wie
etwa: »Du sollst 'ne Linie machen, mein gutes Kind, und was machst du?
Du machst 'nen Strich!« – Er sagte »Line« statt »Linie«. Oder zu einem
Faulen: »Du sitzest in Quarta nicht Jahre, will ich dir sagen, sondern
Jahren!« – Wobei er »Quäta« statt »Quarta« sagte und nicht »Jahre«,
sondern beinahe »Schahre« aussprach … Sein Lieblingsunterricht bestand
darin, in der Gesangstunde das schöne Lied »Der grüne Wald« üben zu
lassen, wobei einige Schüler auf den Korridor hinausgehen mußten, um,
wenn der Chorus angestimmt hatte: »Wir ziehen so fröhlich durch Feld und
Wald …« ganz leise und vorsichtig das letzte Wort als Echo zu
wiederholen. Waren jedoch Christian Buddenbrook, sein Vetter Jürgen
Kröger oder sein Freund Andreas Giesecke, Sohn des Branddirektors,
hiermit beamtet, so warfen sie, statt das zarte Echo zu vollführen, den
Kohlenkasten die Treppe hinunter und mußten nachmittags um vier Uhr in
der Wohnung des Herrn Stengel nachsitzen. Hier ging es ziemlich behaglich
zu. Herr Stengel hatte alles vergessen und befahl seiner Haushälterin, den
Schülern Buddenbrook, Kröger und Giesecke »je« eine Tasse Kaffee zu
verabreichen, worauf er die jungen Herren wieder entließ …
In der Tat, die vortrefflichen Gelehrten, die unter der freundlichen
Herrschaft eines humanen, tabakschnupfenden, alten Direktors in den
Gewölben der alten Schule – einer ehemaligen Klosterschule – ihres Amtes
walteten, waren harmlose und gutmütige Leute, einig in der Ansicht, daß
Wissenschaft und Heiterkeit einander nicht ausschlössen, und bestrebt, mit
Wohlwollen und Behagen zu Werke zu gehen. Es war da in den mittleren
Klassen ein ehemaliger Prediger, der im Lateinischen unterrichtete, ein
gewisser Pastor Hirte, ein langer Herr mit braunem Backenbart und
munteren Augen, dessen Lebensglück geradezu in dieser Übereinstimmung
seines Namens mit seinem Titel bestand, und der nicht oft genug die
Vokabel pastor sich übersetzen lassen konnte. Seine Lieblingsredensart
Page 62
lautete »grenzenlos borniert!« und es ist niemals aufgeklärt worden, ob dies
ein bewußter Scherz war. Beabsichtigte er aber, seine Schüler völlig zu
verblüffen, so gebot er über die Kunst, die Lippen in den Mund zu klemmen
und sie wieder hinauszuschnellen, in einer Art, daß es knallte wie ein
springender Champagnerpfropfen. Er liebte es, mit langen Schritten im
Klassenzimmer umherzugehen und einzelnen Schülern mit ungeheurer
Lebhaftigkeit ihr ganzes zukünftiges Leben zu erzählen, und zwar zu dem
ausgesprochenen Zwecke, ihre Phantasie ein bißchen anzuregen. Dann aber
ging er ernstlich zur Arbeit über, das heißt, er überhörte die Verse, die er
über genus-Regeln – er sagte »Genußregeln« – und allerhand schwierige
Konstruktionen mit wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor
Hirte mit unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der
Reime hervorbrachte …
Toms und Christians Jugendzeit … es ist nichts Bedeutendes davon zu
melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook,
wo in den Kontoren die Geschäfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal
gab es ein Gewitter, ein kleines Unglück wie dieses:
Herr Stuht in der Glockengießerstraße, ein Schneidermeister, dessen
Gattin alte Kleidungsstücke kaufte und darum in den ersten Kreisen
verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet
war und in erstaunlicher Rundung über das Beinkleid hinunterfiel … Herr
Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzüge gefertigt, die
zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der
beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf die
Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhändigen. Das war ein
kleines Geschäft … kein ganz säuberliches wohl, aber durchaus kein
ungewöhnliches. Das Unglück aber bestand darin, daß durch das Walten
irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, daß Herr
Stuht, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd, im Privatkontor
des Konsuls erscheinen mußte und Tom und Christian in seiner Gegenwart
einem strengen Verhör unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber
mit seitwärts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem
Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltönende Rede, des Inhaltes,
daß »dat nu so'n Saak« sei und daß er froh sein werde, die siebenzig
Kurantmark wiederzubekommen, »indem de Saak ja nu mal scheep
gangen« sei. Der Konsul war heftig aufgebracht über diesen Streich. Nach
ein bewußter Scherz war. Beabsichtigte er aber, seine Schüler völlig zu
verblüffen, so gebot er über die Kunst, die Lippen in den Mund zu klemmen
und sie wieder hinauszuschnellen, in einer Art, daß es knallte wie ein
springender Champagnerpfropfen. Er liebte es, mit langen Schritten im
Klassenzimmer umherzugehen und einzelnen Schülern mit ungeheurer
Lebhaftigkeit ihr ganzes zukünftiges Leben zu erzählen, und zwar zu dem
ausgesprochenen Zwecke, ihre Phantasie ein bißchen anzuregen. Dann aber
ging er ernstlich zur Arbeit über, das heißt, er überhörte die Verse, die er
über genus-Regeln – er sagte »Genußregeln« – und allerhand schwierige
Konstruktionen mit wirklichem Geschick gedichtet hatte, Verse, die Pastor
Hirte mit unaussprechlich triumphierender Betonung des Rhythmus und der
Reime hervorbrachte …
Toms und Christians Jugendzeit … es ist nichts Bedeutendes davon zu
melden. In jenen Tagen herrschte Sonnenschein im Hause Buddenbrook,
wo in den Kontoren die Geschäfte so ausgezeichnet gingen. Und manchmal
gab es ein Gewitter, ein kleines Unglück wie dieses:
Herr Stuht in der Glockengießerstraße, ein Schneidermeister, dessen
Gattin alte Kleidungsstücke kaufte und darum in den ersten Kreisen
verkehrte, Herr Stuht, dessen Bauch von einem wollenen Hemd bekleidet
war und in erstaunlicher Rundung über das Beinkleid hinunterfiel … Herr
Stuht hatte den jungen Herren Buddenbrook zwei Anzüge gefertigt, die
zusammen siebenzig Kurantmark kosteten; allein auf den Wunsch der
beiden hatte er sich bereit finden lassen, schlanker Hand achtzig auf die
Rechnung zu setzen und ihnen bar den Rest einzuhändigen. Das war ein
kleines Geschäft … kein ganz säuberliches wohl, aber durchaus kein
ungewöhnliches. Das Unglück aber bestand darin, daß durch das Walten
irgendeines finsteren Schicksales das Ganze an den Tag kam, daß Herr
Stuht, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd, im Privatkontor
des Konsuls erscheinen mußte und Tom und Christian in seiner Gegenwart
einem strengen Verhör unterzogen wurden. Herr Stuht, der breitbeinig, aber
mit seitwärts geneigtem Kopf und in achtungsvoller Haltung neben dem
Armsessel des Konsuls stand, hielt eine wohltönende Rede, des Inhaltes,
daß »dat nu so'n Saak« sei und daß er froh sein werde, die siebenzig
Kurantmark wiederzubekommen, »indem de Saak ja nu mal scheep
gangen« sei. Der Konsul war heftig aufgebracht über diesen Streich. Nach
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ernster Überlegung aber auf seiner Seite war das Ergebnis, daß er das
Taschengeld seiner Söhne erhöhte; denn es hieß: Führe uns nicht in
Versuchung.
Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen
zu setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmäßig und von
verständiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte
einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte
Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken …
Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter
behaglichen Gesprächen. Plötzlich jedoch legt Christian einen angebissenen
Pfirsich auf den Teller zurück, sein Gesicht ist bleich, und seine runden,
tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase haben sich erweitert.
»Ich esse nie wieder einen Pfirsich«, sagt er.
»Warum nicht, Christian … Was für ein Unsinn … Was ist dir?«
»Denkt euch, wenn ich aus Versehen … diesen großen Kern
verschluckte, und wenn er mir im Halse steckte … und ich nicht Luft
bekommen könnte … und ich spränge auf und würgte gräßlich, und ihr alle
spränget auch auf …« Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes »Oh!«
hinzu, das voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle
empor und wendet sich seitwärts, als wollte er fliehen.
Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatsächlich auf.
»Gott im Himmel, – Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!«
Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen.
»Nein, nein«, sagt Christian und beruhigt sich allmählich, »aber w e n n
ich ihn verschluckte!«
Der Konsul, der gleichfalls blaß vor Schrecken ist, beginnt nun zu
schelten, und auch der Großvater pocht indigniert auf den Tisch und
verbittet sich die Narrenspossen … Allein Christian ißt wirklich längere
Zeit keinen Pfirsich mehr. –
Taschengeld seiner Söhne erhöhte; denn es hieß: Führe uns nicht in
Versuchung.
Augenscheinlich waren auf Thomas Buddenbrook größere Hoffnungen
zu setzen als auf seinen Bruder. Sein Benehmen war gleichmäßig und von
verständiger Munterkeit; Christian dagegen erschien launenhaft, neigte
einerseits zu einer albernen Komik und konnte andererseits die gesamte
Familie auf die sonderbarste Weise erschrecken …
Man sitzt bei Tische, man ist beim Obste angelangt und speist unter
behaglichen Gesprächen. Plötzlich jedoch legt Christian einen angebissenen
Pfirsich auf den Teller zurück, sein Gesicht ist bleich, und seine runden,
tiefliegenden Augen über der allzu großen Nase haben sich erweitert.
»Ich esse nie wieder einen Pfirsich«, sagt er.
»Warum nicht, Christian … Was für ein Unsinn … Was ist dir?«
»Denkt euch, wenn ich aus Versehen … diesen großen Kern
verschluckte, und wenn er mir im Halse steckte … und ich nicht Luft
bekommen könnte … und ich spränge auf und würgte gräßlich, und ihr alle
spränget auch auf …« Und plötzlich fügt er ein kurzes, stöhnendes »Oh!«
hinzu, das voll ist von Entsetzen, richtet sich unruhig auf seinem Stuhle
empor und wendet sich seitwärts, als wollte er fliehen.
Die Konsulin und Mamsell Jungmann springen tatsächlich auf.
»Gott im Himmel, – Christian, du hast ihn doch nicht verschluckt?!«
Denn es hat vollkommen den Anschein, als sei es wirklich geschehen.
»Nein, nein«, sagt Christian und beruhigt sich allmählich, »aber w e n n
ich ihn verschluckte!«
Der Konsul, der gleichfalls blaß vor Schrecken ist, beginnt nun zu
schelten, und auch der Großvater pocht indigniert auf den Tisch und
verbittet sich die Narrenspossen … Allein Christian ißt wirklich längere
Zeit keinen Pfirsich mehr. –
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Vi e r t e s K a p i t e l
Es war nicht bloß Altersschwäche, was die alte Madame Antoinette
Buddenbrook, sechs Jahre ungefähr nachdem die Familie das Haus in der
Mengstraße bezogen, an einem kalten Januartag endgültig auf ihr hohes
Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die
alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weißen
Seitenlocken mit aufrechter Würde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem
Gatten und ihren Kindern die hauptsächlichsten Diners besucht, die in der
Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks selbst
veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im Repräsentieren nicht
nachgestanden. Eines Tages aber, ganz plötzlich, hatte sich ein halb
unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter Darmkatarrh anfangs nur,
gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und Franzbrot verordnet hatte,
eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit unbegreiflicher Schnelligkeit
Entkräftung herbeiführte, einen sanften und hinfälligen Zustand, der
beängstigend war.
Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste
Unterredung draußen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu
hinzugezogener Arzt, ein untersetzter, schwarzbärtiger, düsterblickender
Mann, neben Grabow aus und ein zu gehen begann, da änderte sich
gleichsam die Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher,
man flüsterte ernst, und die Wagen durften nicht über die Diele rollen.
Etwas Neues, Fremdes, Außerordentliches schien eingekehrt, ein
Geheimnis, das einer in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod
hatte sich Einlaß geschafft und herrschte stumm in den weiten Räumen.
Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit
währte vierzehn oder fünfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte
Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von
Hamburg an, während ein paar Tage später des Konsuls Schwester mit
ihrem Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten
im Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hände voll zu tun, für die
verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frühstücke mit Krabben
und Portwein bereitzuhalten, während in der Küche gebraten und gebacken
ward …
Es war nicht bloß Altersschwäche, was die alte Madame Antoinette
Buddenbrook, sechs Jahre ungefähr nachdem die Familie das Haus in der
Mengstraße bezogen, an einem kalten Januartag endgültig auf ihr hohes
Himmelbett im Schlafzimmer des Zwischengeschosses darniederwarf. Die
alte Dame war rüstig gewesen bis zuletzt und hatte ihre dicken weißen
Seitenlocken mit aufrechter Würde getragen; sie hatte zusammen mit ihrem
Gatten und ihren Kindern die hauptsächlichsten Diners besucht, die in der
Stadt gegeben wurden, und bei den Gesellschaften, die Buddenbrooks selbst
veranstalteten, ihrer eleganten Schwiegertochter im Repräsentieren nicht
nachgestanden. Eines Tages aber, ganz plötzlich, hatte sich ein halb
unbestimmbares Leiden eingestellt, ein leichter Darmkatarrh anfangs nur,
gegen den Doktor Grabow ein wenig Taube und Franzbrot verordnet hatte,
eine mit Erbrechen verbundene Kolik, die mit unbegreiflicher Schnelligkeit
Entkräftung herbeiführte, einen sanften und hinfälligen Zustand, der
beängstigend war.
Als dann Doktor Grabow mit dem Konsul eine kurze, ernste
Unterredung draußen auf der Treppe gehabt hatte, als ein zweiter, neu
hinzugezogener Arzt, ein untersetzter, schwarzbärtiger, düsterblickender
Mann, neben Grabow aus und ein zu gehen begann, da änderte sich
gleichsam die Physiognomie des Hauses. Man ging auf den Zehen umher,
man flüsterte ernst, und die Wagen durften nicht über die Diele rollen.
Etwas Neues, Fremdes, Außerordentliches schien eingekehrt, ein
Geheimnis, das einer in des anderen Augen las; der Gedanke an den Tod
hatte sich Einlaß geschafft und herrschte stumm in den weiten Räumen.
Dabei durfte nicht gefeiert werden, denn es kam Besuch. Die Krankheit
währte vierzehn oder fünfzehn Tage, und nach einer Woche kam der alte
Senator Duchamps, ein Bruder der Sterbenden, nebst seiner Tochter von
Hamburg an, während ein paar Tage später des Konsuls Schwester mit
ihrem Gatten, dem Bankier aus Frankfurt eintraf. Die Herrschaften wohnten
im Hause, und Ida Jungmann hatte alle Hände voll zu tun, für die
verschiedenen Schlafzimmer zu sorgen und gute Frühstücke mit Krabben
und Portwein bereitzuhalten, während in der Küche gebraten und gebacken
ward …
Page 65
Droben saß Johann Buddenbrook am Krankenbette und blickte, die
matte Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein
wenig hängender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf
und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal
kurz und oberflächlich auf … Eine schwarze Schwester machte sich am
Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen
wollte; dann und wann trat geräuschlos ein Familienmitglied ein und
verschwand wieder.
Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am
Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden
Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche
Wehmut vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das veränderte,
ausdruckslose und entsetzlich gleichgültige Gesicht der alten Frau blickte,
die ihm niemals ein großes Glück, niemals einen großen Schmerz bereitet,
die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm ausgehalten und nun
ebenfalls langsam davonging.
Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen
Kopfschütteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurück, das
ihm plötzlich so fern und wunderlich erschien, dieses überflüssig
geräuschvolle Getümmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich unmerklich
von ihm zurückgezogen hatte und nun vor seinem verwundert
aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte … Manchmal sagte er mit halber
Stimme vor sich hin:
»Kurios! Kurios!«
Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und
kampflosen Seufzer getan hatte, als im Eßsaal, woselbst die Einsegnung
stattfand, die Träger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn
schwerfällig davonzuschaffen, – da änderte sich seine Stimmung nicht, da
weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschütteln blieb ihm,
und dies beinahe lächelnde »Kurios!« wurde sein Lieblingswort … Kein
Zweifel, daß es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging.
Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn
er einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht
eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel:
matte Hand seiner alten Nette in der seinen, mit erhobenen Brauen und ein
wenig hängender Unterlippe stumm vor sich hin. Die Wanduhr tickte dumpf
und mit langen Pausen, viel seltener aber noch atmete die Kranke einmal
kurz und oberflächlich auf … Eine schwarze Schwester machte sich am
Tisch mit dem Beeftee zu schaffen, den man versuchsweise noch reichen
wollte; dann und wann trat geräuschlos ein Familienmitglied ein und
verschwand wieder.
Der Alte mochte sich erinnern, wie er vor 46 Jahren zum erstenmal am
Sterbebette einer Gattin gesessen hatte, und er mochte der wilden
Verzweiflung, die damals in ihm aufbegehrt war, die nachdenkliche
Wehmut vergleichen, mit der er, nun selbst so alt, in das veränderte,
ausdruckslose und entsetzlich gleichgültige Gesicht der alten Frau blickte,
die ihm niemals ein großes Glück, niemals einen großen Schmerz bereitet,
die aber viele lange Jahre mit klugem Anstand bei ihm ausgehalten und nun
ebenfalls langsam davonging.
Er dachte nicht viel, er sah nur unverwandt und mit einem leisen
Kopfschütteln auf sein Leben und das Leben im allgemeinen zurück, das
ihm plötzlich so fern und wunderlich erschien, dieses überflüssig
geräuschvolle Getümmel, in dessen Mitte er gestanden, das sich unmerklich
von ihm zurückgezogen hatte und nun vor seinem verwundert
aufhorchenden Ohr in der Ferne erhallte … Manchmal sagte er mit halber
Stimme vor sich hin:
»Kurios! Kurios!«
Und als dann Madame Buddenbrook ihren letzten, ganz kurzen und
kampflosen Seufzer getan hatte, als im Eßsaal, woselbst die Einsegnung
stattfand, die Träger den blumenbedeckten Sarg aufgehoben hatten, um ihn
schwerfällig davonzuschaffen, – da änderte sich seine Stimmung nicht, da
weinte er nicht einmal; aber dies leise, erstaunte Kopfschütteln blieb ihm,
und dies beinahe lächelnde »Kurios!« wurde sein Lieblingswort … Kein
Zweifel, daß es auch mit Johann Buddenbrook zu Ende ging.
Er fing an, stumm und abwesend im Familienkreise zu sitzen, und wenn
er einmal die kleine Klara auf die Knie genommen hatte, um ihr vielleicht
eines seiner alten drolligen Lieder vorzusingen, zum Beispiel:
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»Der Omnibus fährt durch die Stadt …«
oder
»Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand …«
so konnte er plötzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam aus
einem langen, halb unbewußten Gedankengange heraus, mit einem
kopfschüttelnden »Kurios!« zu Boden zu setzen und sich abzuwenden …
Eines Tages sagte er:
»Jean, – assez, du?«
Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei
Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann
Buddenbrook senior sich kundzutun erlaubte, daß sein zunehmendes Alter
ihn veranlasse, seine bisherige kaufmännische Wirksamkeit aufzugeben,
und daß er infolgedessen die von seinem seligen Vater Anno 1768
gegründete Handlung J o h a n n B u d d e n b r o o k mit Activis und
Passivis unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen
Associé Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber übertrage, mit der
Bitte, das ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten
… Hochachtungsvoll – Johann Buddenbrook senior, welcher aufhören
wird zu zeichnen.
Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich
weigerte, noch einen Fuß ins Kontor zu setzen, da nahm seine
nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da genügte, Mitte März,
ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner
Frühlingsschnupfen, um ihn bettlägerig zu machen, – und dann, in einer
Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum
Konsul sagte:
»Alles Glück, – du? Jean? Und immer courage!«
Und zu Thomas:
»Hilf deinem Vater!«
Und zu Christian:
oder
»Kiek, doa sitt'n Brummer an de Wand …«
so konnte er plötzlich stillschweigen, um dann die Enkelin, gleichsam aus
einem langen, halb unbewußten Gedankengange heraus, mit einem
kopfschüttelnden »Kurios!« zu Boden zu setzen und sich abzuwenden …
Eines Tages sagte er:
»Jean, – assez, du?«
Und alsbald begannen in der Stadt die reinlich gedruckten und mit zwei
Unterschriften versehenen Formulare zu zirkulieren, auf denen Johann
Buddenbrook senior sich kundzutun erlaubte, daß sein zunehmendes Alter
ihn veranlasse, seine bisherige kaufmännische Wirksamkeit aufzugeben,
und daß er infolgedessen die von seinem seligen Vater Anno 1768
gegründete Handlung J o h a n n B u d d e n b r o o k mit Activis und
Passivis unter gleicher Firma von heute an seinem Sohne und seitherigen
Associé Johann Buddenbrook als alleinigen Inhaber übertrage, mit der
Bitte, das ihm so vielseitig geschenkte Vertrauen seinem Sohne zu erhalten
… Hochachtungsvoll – Johann Buddenbrook senior, welcher aufhören
wird zu zeichnen.
Als aber diese Kundgebung erfolgt war, als der Alte fortan sich
weigerte, noch einen Fuß ins Kontor zu setzen, da nahm seine
nachdenkliche Apathie in erschreckender Weise zu, da genügte, Mitte März,
ein paar Monate nur nach dem Tode seiner Frau, irgendein kleiner
Frühlingsschnupfen, um ihn bettlägerig zu machen, – und dann, in einer
Nacht, kam die Stunde, wo die Familie auch sein Bett umstand, wo er zum
Konsul sagte:
»Alles Glück, – du? Jean? Und immer courage!«
Und zu Thomas:
»Hilf deinem Vater!«
Und zu Christian:
Page 67
»Werde was Ordentliches!«
– worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten »Kurios!«
nach der Wand kehrte …
Er hatte Gottholds bis zum Schluß nicht Erwähnung getan, und auf die
schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu
erscheinen, hatte der älteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nächsten
Morgen jedoch, ganz früh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren
und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste
zu erledigen, geschah das Merkwürdige, daß Gotthold Buddenbrook,
Inhaber der Leinenhandlung Siegmund Stüwing & Komp. in der
Breitenstraße, raschen Schrittes über die Diele kam. Sechsundvierzigjährig,
klein und beleibt, besaß er starke, aschblonde, mit weißen Fäden
durchsetzte Kotelettes. Er war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen
aus rauhem, kariertem Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul
entgegen, indem er die Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes
erhob und sie dennoch zusammenzog.
»Johann«, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher,
angenehmer Stimme, »wie steht es?«
»Heute nacht ist er heimgegangen!« sagte der Konsul bewegt und
ergriff die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. »Er, der beste
Vater!«
Gotthold senkte die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach
einem Schweigen sagte er nachdrücklich:
»Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?«
Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine Stufe
zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden, sagte
er:
»Nichts.«
Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und
seine Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder.
– worauf er schwieg, alle anblickte und sich mit einem letzten »Kurios!«
nach der Wand kehrte …
Er hatte Gottholds bis zum Schluß nicht Erwähnung getan, und auf die
schriftliche Aufforderung des Konsuls, am Sterbebette des Vaters zu
erscheinen, hatte der älteste Sohn mit Schweigen geantwortet. Am nächsten
Morgen jedoch, ganz früh, als die Todesanzeigen noch nicht versandt waren
und der Konsul auf die Treppe hinaustrat, um im Kontor das Notwendigste
zu erledigen, geschah das Merkwürdige, daß Gotthold Buddenbrook,
Inhaber der Leinenhandlung Siegmund Stüwing & Komp. in der
Breitenstraße, raschen Schrittes über die Diele kam. Sechsundvierzigjährig,
klein und beleibt, besaß er starke, aschblonde, mit weißen Fäden
durchsetzte Kotelettes. Er war kurzbeinig und trug sackartig weite Hosen
aus rauhem, kariertem Stoff. Die Treppe hinauf schritt er dem Konsul
entgegen, indem er die Brauen hoch unter die Krempe seines grauen Hutes
erhob und sie dennoch zusammenzog.
»Johann«, sagte er, ohne dem Bruder die Hand zu reichen, mit hoher,
angenehmer Stimme, »wie steht es?«
»Heute nacht ist er heimgegangen!« sagte der Konsul bewegt und
ergriff die Hand des Bruders, die einen Regenschirm hielt. »Er, der beste
Vater!«
Gotthold senkte die Brauen so tief, daß seine Lider sich schlossen. Nach
einem Schweigen sagte er nachdrücklich:
»Es ist nichts geändert worden, bis zum Schlusse, Johann?«
Und sofort ließ der Konsul seine Hand fahren, ja, er trat sogar eine Stufe
zurück, und während seine runden, tiefliegenden Augen klar wurden, sagte
er:
»Nichts.«
Gottholds Brauen wanderten wieder unter die Hutkrempe hinauf, und
seine Augen richteten sich mit Anstrengung auf den Bruder.
Page 68
»Und was habe ich von d e i n e r Gerechtigkeit zu gewärtigen?« sagte er
mit gesenkter Stimme.
Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn
wieder zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben
nach unten und antwortete leise und fest:
»Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand
als Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir
immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, deren
alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir
gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir d i e s e
Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen.«
Gotthold ging … Zum Begräbnis jedoch, als die Menge der
Verwandten, Bekannten, Geschäftsfreunde, der Deputationen, Kornträger,
Kontoristen und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore füllte
und die sämtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstraße
hinunterstanden, – zum Begräbnis kam er zur aufrichtigen Freude des
Konsuls aufs neue; ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stüwing,
und seine drei schon erwachsenen Töchter mit: Friederike und Henriette,
die beide sehr lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjährige
Jüngste, die allzu klein und beleibt erschien.
Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegräbnis dort
draußen vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehölzes, Pastor Kölling
von Sankt Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber
Redeweise, das maßvolle, gottgefällige Leben des Verstorbenen gepriesen
hatte, im Gegensatze zu dem der »Wollüstigen, Fresser und Säufer« – dies
war sein Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des
jüngst verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten, –
als die Feierlichkeiten und Formalitäten beendet waren und die 70 oder 80
Mietkutschen in die Stadt zurückzurollen begannen … da erbot sich
Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier
Augen zu sprechen wünsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf
dem Rücksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen
Beine über das andere gelegt, zeigte er sich versöhnlich und sanft. Er
erkenne, sagte er, mehr und mehr, daß der Konsul handeln müsse, wie er es
mit gesenkter Stimme.
Der Konsul seinerseits senkte nun den Blick; dann aber, ohne ihn
wieder zu erheben, machte er jene entschiedene Handbewegung von oben
nach unten und antwortete leise und fest:
»Ich habe dir in diesem schweren und ernsten Augenblick meine Hand
als Bruder gereicht; was aber geschäftliche Dinge betrifft, so kann ich dir
immer nur als Chef der ehrwürdigen Firma gegenüberstehen, deren
alleiniger Inhaber ich heute geworden bin. Du kannst nichts von mir
gewärtigen, was den Verpflichtungen widerspricht, die mir d i e s e
Eigenschaft auferlegt; meine sonstigen Gefühle müssen schweigen.«
Gotthold ging … Zum Begräbnis jedoch, als die Menge der
Verwandten, Bekannten, Geschäftsfreunde, der Deputationen, Kornträger,
Kontoristen und Speicherarbeiter Zimmer, Treppen und Korridore füllte
und die sämtlichen Mietkutschen der Stadt die ganze Mengstraße
hinunterstanden, – zum Begräbnis kam er zur aufrichtigen Freude des
Konsuls aufs neue; ja, er brachte sogar seine Gattin, die geborene Stüwing,
und seine drei schon erwachsenen Töchter mit: Friederike und Henriette,
die beide sehr lang und hager waren, und Pfiffi, die achtzehnjährige
Jüngste, die allzu klein und beleibt erschien.
Und als dann am Grabe, am Buddenbrookschen Erbbegräbnis dort
draußen vorm Burgtore, am Rande des Friedhofgehölzes, Pastor Kölling
von Sankt Marien, ein robuster Mann mit dickem Kopf und derber
Redeweise, das maßvolle, gottgefällige Leben des Verstorbenen gepriesen
hatte, im Gegensatze zu dem der »Wollüstigen, Fresser und Säufer« – dies
war sein Ausdruck, obgleich manche Leute, die sich der Diskretion des
jüngst verstorbenen alten Wunderlich erinnerten, die Köpfe schüttelten, –
als die Feierlichkeiten und Formalitäten beendet waren und die 70 oder 80
Mietkutschen in die Stadt zurückzurollen begannen … da erbot sich
Gotthold Buddenbrook, den Konsul zu begleiten, weil er ihn unter vier
Augen zu sprechen wünsche. Und siehe da: hier, neben dem Stiefbruder auf
dem Rücksitz der hohen, weiten, plumpen Kutsche, eins seiner kurzen
Beine über das andere gelegt, zeigte er sich versöhnlich und sanft. Er
erkenne, sagte er, mehr und mehr, daß der Konsul handeln müsse, wie er es
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tue, und das Andenken des Vaters solle für ihn kein böses sein. Er verzichte
auf seine Ansprüche, und zwar um so lieber, als er gesonnen sei, sich von
allen Geschäften zurückzuziehen und sich mit seinem Erbe und dem, was
ihm sonst erübrige, zur Ruhe zu setzen, denn das Leinengeschäft mache
ihm wenig Freude und gehe so mäßig, daß er sich nicht entschließen werde,
noch mehr hineinzustecken … »Der Trotz gegen den Vater hat ihm keinen
Segen gebracht!« dachte der Konsul mit einem inneren frommen Aufblick;
und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe.
In der Mengstraße aber begleitete er den Bruder ins Frühstückszimmer
hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der
Frühlingsluft in ihren Fräcken fröstelnd, einen alten Kognak miteinander
tranken. Und als dann Gotthold ein paar höfliche und ernste Worte mit
seiner Schwägerin gewechselt und den Kindern die Köpfe gestreichelt
hatte, ging er davon, um am nächsten »Kindertag« bei Krögers draußen im
Gartenhause zu erscheinen … Er begann schon zu liquidieren.
Fünftes Kapitel
Eines schmerzte den Konsul: daß nämlich der Vater nicht mehr den
Eintritt seines ältesten Enkels ins Geschäft hatte erleben dürfen, der schon
um Ostern desselben Jahres erfolgte.
Thomas war sechzehnjährig, als er die Schule verließ. Er war stark
gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der Pastor
Kölling ihm mit starken Ausdrücken Mäßigkeit! empfohlen hatte, ganz
herrenmäßige Kleidung, die ihn noch größer erscheinen ließ. Um seinen
Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Großvater ihm zugesprochen
hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie hing, diesem
melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmäßig schraffierte Fläche,
ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten Weide am Ufer
zeigte. Der noch ältere Siegelring mit grünem Stein, den wahrscheinlich
schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock getragen hatte,
war nebst der großen Bibel auf den Konsul übergegangen.
Die Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte sich bei Thomas so stark
entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein rundes
auf seine Ansprüche, und zwar um so lieber, als er gesonnen sei, sich von
allen Geschäften zurückzuziehen und sich mit seinem Erbe und dem, was
ihm sonst erübrige, zur Ruhe zu setzen, denn das Leinengeschäft mache
ihm wenig Freude und gehe so mäßig, daß er sich nicht entschließen werde,
noch mehr hineinzustecken … »Der Trotz gegen den Vater hat ihm keinen
Segen gebracht!« dachte der Konsul mit einem inneren frommen Aufblick;
und Gotthold dachte wahrscheinlich dasselbe.
In der Mengstraße aber begleitete er den Bruder ins Frühstückszimmer
hinauf, woselbst die beiden Herren, nach dem langen Stehen in der
Frühlingsluft in ihren Fräcken fröstelnd, einen alten Kognak miteinander
tranken. Und als dann Gotthold ein paar höfliche und ernste Worte mit
seiner Schwägerin gewechselt und den Kindern die Köpfe gestreichelt
hatte, ging er davon, um am nächsten »Kindertag« bei Krögers draußen im
Gartenhause zu erscheinen … Er begann schon zu liquidieren.
Fünftes Kapitel
Eines schmerzte den Konsul: daß nämlich der Vater nicht mehr den
Eintritt seines ältesten Enkels ins Geschäft hatte erleben dürfen, der schon
um Ostern desselben Jahres erfolgte.
Thomas war sechzehnjährig, als er die Schule verließ. Er war stark
gewachsen in letzter Zeit und trug seit seiner Konfirmation, bei der Pastor
Kölling ihm mit starken Ausdrücken Mäßigkeit! empfohlen hatte, ganz
herrenmäßige Kleidung, die ihn noch größer erscheinen ließ. Um seinen
Hals hing die lange goldene Uhrkette, die der Großvater ihm zugesprochen
hatte, und an der ein Medaillon mit dem Wappen der Familie hing, diesem
melancholischen Wappenschilde, das eine unregelmäßig schraffierte Fläche,
ein flaches Moorland mit einer einsamen und nackten Weide am Ufer
zeigte. Der noch ältere Siegelring mit grünem Stein, den wahrscheinlich
schon der sehr gut situierte Gewandschneider in Rostock getragen hatte,
war nebst der großen Bibel auf den Konsul übergegangen.
Die Ähnlichkeit mit dem Großvater hatte sich bei Thomas so stark
entwickelt wie bei Christian diejenige mit dem Vater; besonders sein rundes
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und festes Kinn und die feingeschnittene, gerade Nase waren die des Alten.
Sein seitwärts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen von den
schmalen und auffällig geäderten Schläfen zurücktrat, war dunkelblond,
und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die Brauen,
von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewöhnlich hell und
farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das seine
ziemlich mangelhaften Zähne sehen ließ, war ruhig und verständig. Er
blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen …
Es war ein äußerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten
Frühstück mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus,
dem Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem übrigen
Personale zu präsentieren, mit dem er eigentlich längst gut Freund war; als
er zum ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte saß, emsig mit
Stempeln, Ordnen, Kopieren beschäftigt, und als der Vater ihn nachmittags
auch an die Trave hinunter in die Speicher »Linde«, »Eiche«, »Löwe« und
»Walfisch« führte, wo Thomas eigentlich ebenfalls längst zu Hause war, wo
er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde …
Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen
Fleiß des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete und
manches Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die
bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der
»Firma«, diesem vergötterten Begriff, verlorengegangen waren … Eines
Abends, sehr spät, im Landschaftszimmer, ließ er sich gegen die Konsulin
ziemlich eingehend über die Verhältnisse aus.
Es war halb zwölf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann
schliefen draußen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock
stand nun leer und wurde nur dann und wann für Fremde gebraucht. Die
Konsulin saß auf dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im
Munde, die Kursnotizen der städtischen Anzeigen überblickte. Sie beugte
sich über eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, während
sie mit der Nadel eine Reihe von Stichen zählte. Neben ihr, auf dem
zierlichen Nähtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines
Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt.
Sein seitwärts gescheiteltes Haar, das in zwei Einbuchtungen von den
schmalen und auffällig geäderten Schläfen zurücktrat, war dunkelblond,
und im Gegensatz dazu erschienen die langen Wimpern und die Brauen,
von denen er gern die eine ein wenig emporzog, ungewöhnlich hell und
farblos. Seine Bewegungen, seine Sprache, sowie sein Lachen, das seine
ziemlich mangelhaften Zähne sehen ließ, war ruhig und verständig. Er
blickte seinem Beruf mit Ernst und Eifer entgegen …
Es war ein äußerst feierlicher Tag, als der Konsul ihn nach dem ersten
Frühstück mit sich in die Kontore hinunternahm, um ihn Herrn Marcus,
dem Prokuristen, Herrn Havermann, dem Kassierer, sowie dem übrigen
Personale zu präsentieren, mit dem er eigentlich längst gut Freund war; als
er zum ersten Male auf seinem Drehsessel am Pulte saß, emsig mit
Stempeln, Ordnen, Kopieren beschäftigt, und als der Vater ihn nachmittags
auch an die Trave hinunter in die Speicher »Linde«, »Eiche«, »Löwe« und
»Walfisch« führte, wo Thomas eigentlich ebenfalls längst zu Hause war, wo
er aber nun als Mitarbeiter vorgestellt wurde …
Er war mit Hingebung bei der Sache und ahmte den stillen und zähen
Fleiß des Vaters nach, der mit zusammengebissenen Zähnen arbeitete und
manches Gebet um Beistand in sein Tagebuch schrieb; denn es galt, die
bedeutenden Mittel wieder einzubringen, die beim Tode des Alten der
»Firma«, diesem vergötterten Begriff, verlorengegangen waren … Eines
Abends, sehr spät, im Landschaftszimmer, ließ er sich gegen die Konsulin
ziemlich eingehend über die Verhältnisse aus.
Es war halb zwölf Uhr, und die Kinder sowie Mamsell Jungmann
schliefen draußen in den Zimmern am Korridor, denn der zweite Stock
stand nun leer und wurde nur dann und wann für Fremde gebraucht. Die
Konsulin saß auf dem gelben Sofa neben ihrem Gatten, der, eine Zigarre im
Munde, die Kursnotizen der städtischen Anzeigen überblickte. Sie beugte
sich über eine Seidenstickerei und bewegte leichthin die Lippen, während
sie mit der Nadel eine Reihe von Stichen zählte. Neben ihr, auf dem
zierlichen Nähtisch mit Goldornamenten, brannten die sechs Kerzen eines
Armleuchters; der Kronleuchter hing unbenutzt.
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Johann Buddenbrook, der sich allgemach der Mitte der Vierziger
näherte, hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen,
runden Augen schienen noch tiefer zu liegen, die große, gebogene Nase
sprang, wie die Wangenknochen, noch schärfer hervor, und ein Puderquast
schien an den Schläfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfältig
gescheiteltes Haar berührt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am Ende
der Dreißiger, aber sie konservierte ihre nicht schöne und dennoch
glänzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweißer Teint mit den
vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebüßt. Ihr
rötliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen
durchleuchtet. Während sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite
gleiten ließ, sagte sie:
»Eines wollte ich dir zur Überlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es
nämlich nicht ratsam wäre, einen Bedienten zu engagieren … Ich bin zu
dieser Überzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke …«
Der Konsul ließ die Zeitung auf die Knie sinken, und während er die
Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es
handelte sich um Geldausgeben.
»Ja, meine liebe und verehrte Bethsy«, fing er an und zog die Anrede in
die Länge, denn er mußte seine Einwände ordnen. »Einen Bedienten? Wir
haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mädchen, von Mamsell
Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dünkt …«
»Ach, das Haus ist so groß, Jean, daß es beinahe fatal ist. Ich sage:
›Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestäubt
worden!‹ aber ich mag die Leute nicht überanstrengen, denn sie müssen
schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist … Ein Diener wäre
so angenehm für Kommissionen und dergleichen … Man bekommt einen
braven und anspruchslosen Mann vom Lande … Aber ehe ich es vergesse,
Jean: Louise Möllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit
Sicherheit servieren sehen …«
»Ich muß gestehen«, sagte der Konsul und rückte ein wenig
unbehaglich hin und her, »daß dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen
jetzt weder Gesellschaften, noch geben wir selbst welche …«
näherte, hatte in den letzten Jahren ersichtlich gealtert. Seine kleinen,
runden Augen schienen noch tiefer zu liegen, die große, gebogene Nase
sprang, wie die Wangenknochen, noch schärfer hervor, und ein Puderquast
schien an den Schläfen ein paarmal ganz leicht sein aschblondes, sorgfältig
gescheiteltes Haar berührt zu haben. Die Konsulin ihrerseits stand am Ende
der Dreißiger, aber sie konservierte ihre nicht schöne und dennoch
glänzende Erscheinung aufs beste, und ihr mattweißer Teint mit den
vereinzelten Sommersprossen hatte an Zartheit nichts eingebüßt. Ihr
rötliches, kunstvoll frisiertes Haar war vom Schein der Kerzen
durchleuchtet. Während sie die ganz hellblauen Augen ein wenig beiseite
gleiten ließ, sagte sie:
»Eines wollte ich dir zur Überlegung empfehlen, mein lieber Jean: ob es
nämlich nicht ratsam wäre, einen Bedienten zu engagieren … Ich bin zu
dieser Überzeugung gekommen. Wenn ich an meine Eltern denke …«
Der Konsul ließ die Zeitung auf die Knie sinken, und während er die
Zigarre aus dem Munde nahm, wurden seine Augen aufmerksam, denn es
handelte sich um Geldausgeben.
»Ja, meine liebe und verehrte Bethsy«, fing er an und zog die Anrede in
die Länge, denn er mußte seine Einwände ordnen. »Einen Bedienten? Wir
haben nach dem Tode der seligen Eltern alle drei Mädchen, von Mamsell
Jungmann abgesehen, im Hause behalten, und mich dünkt …«
»Ach, das Haus ist so groß, Jean, daß es beinahe fatal ist. Ich sage:
›Lina, mein Kind, im Hinterhaus ist schrecklich lange nicht abgestäubt
worden!‹ aber ich mag die Leute nicht überanstrengen, denn sie müssen
schon pusten, wenn hier vorn alles nett und reinlich ist … Ein Diener wäre
so angenehm für Kommissionen und dergleichen … Man bekommt einen
braven und anspruchslosen Mann vom Lande … Aber ehe ich es vergesse,
Jean: Louise Möllendorpf will ihren Anton gehen lassen; ich habe ihn mit
Sicherheit servieren sehen …«
»Ich muß gestehen«, sagte der Konsul und rückte ein wenig
unbehaglich hin und her, »daß dieser Gedanke mir fremd ist. Wir besuchen
jetzt weder Gesellschaften, noch geben wir selbst welche …«
Page 72
»Nein, nein; aber Besuch haben wir trotzdem häufig genug, und das ist
nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weißt, daß ich mich herzlich
darüber freue. Es kommt ein auswärtiger Geschäftsfreund von dir, du bittest
ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen und
übernachtet natürlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der vielleicht
acht Tage bei uns bleibt … Für übernächste Woche erwarten wir Pastor
Mathias aus Kannstatt … Nun, um kurz zu sein, die Salairs sind so
gering …«
»Aber sie häufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und
du vergissest die vielen Männer, die im Dienste der Firma stehen!«
»Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen können?«
fragte die Konsulin lächelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwärts
geneigtem Kopfe anblickte. »Wenn ich an das Personal meiner Eltern
denke …«
»Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun muß ich dich fragen, ob du dir
eigentlich über unsere Verhältnisse klar bist?«
»Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlängliche
Einsicht …«
»Nun, die ist leicht zu beschaffen«, sagte der Konsul. Er setzte sich im
Sofa zurecht, schlug ein Bein über das andere, tat einen Zug aus seiner
Zigarre und begann, während er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit
außerordentlicher Geläufigkeit seine Zahlen hervorzubringen …
»Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester
Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich
versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als
Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen:
macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme
für das kleine in der Alfstraße mit Verbesserungen und Neuanschaffungen
volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als
Entschädigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so hätten die
Dinge bei Vaters Tode gelegen, wären alle diese Spesen nicht im Laufe der
Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das
Gesamtvermögen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an
nicht meine Schuld, lieber Jean, obgleich du weißt, daß ich mich herzlich
darüber freue. Es kommt ein auswärtiger Geschäftsfreund von dir, du bittest
ihn zum Essen, er hat noch kein Gasthauszimmer genommen und
übernachtet natürlich bei uns. Dann kommt ein Missionar, der vielleicht
acht Tage bei uns bleibt … Für übernächste Woche erwarten wir Pastor
Mathias aus Kannstatt … Nun, um kurz zu sein, die Salairs sind so
gering …«
»Aber sie häufen sich, Bethsy! Wir honorieren vier Leute im Hause, und
du vergissest die vielen Männer, die im Dienste der Firma stehen!«
»Sollten wir wirklich einen Bedienten nicht erschwingen können?«
fragte die Konsulin lächelnd, indem sie ihren Gatten mit seitwärts
geneigtem Kopfe anblickte. »Wenn ich an das Personal meiner Eltern
denke …«
»Deine Eltern, liebe Bethsy! Nein, nun muß ich dich fragen, ob du dir
eigentlich über unsere Verhältnisse klar bist?«
»Nein, das ist wahr, Jean, ich habe wohl nicht die hinlängliche
Einsicht …«
»Nun, die ist leicht zu beschaffen«, sagte der Konsul. Er setzte sich im
Sofa zurecht, schlug ein Bein über das andere, tat einen Zug aus seiner
Zigarre und begann, während er die Augen ein wenig zusammenkniff, mit
außerordentlicher Geläufigkeit seine Zahlen hervorzubringen …
»Kurz und gut: Mein seliger Vater hat seinerzeit, vor meiner Schwester
Heirat, rund und nett 900000 Mark Kurant besessen, abgesehen, wie sich
versteht, von dem Grundbesitz und dem Werte der Firma. 80000 sind als
Mitgift nach Frankfurt und 100000 bei Gottholds Etablierung abgegangen:
macht 720000. Dann kam der Kauf dieses Hauses, das trotz der Einnahme
für das kleine in der Alfstraße mit Verbesserungen und Neuanschaffungen
volle 100000 gekostet hat: macht 620000. Nach Frankfurt wurden als
Entschädigungssumme 25000 gezahlt: macht 595000, und so hätten die
Dinge bei Vaters Tode gelegen, wären alle diese Spesen nicht im Laufe der
Jahre durch rund 200000 Kurantmark Verdienst korrigiert worden. Das
Gesamtvermögen betrug also 795000. Dann wurden ferner 100000 an
Page 73
Gotthold ausgekehrt und noch 267000 nach Frankfurt; das macht, wenn ich
noch ein paar tausend Kurantmark kleinerer Vermächtnisse abrechne, die
nach Vaters Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-
Witwenkasse usw. gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000
mehr. Das sind, in runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren
Schwankungen des Vermögens, ungefähr die Verhältnisse. Wir sind nicht so
ungemein reich, meine liebe Bethsy, und bei alledem muß man bedenken,
daß das Geschäft zwar kleiner geworden ist, daß aber die Geschäftsspesen
dieselben geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschäftes es nicht
gestattet, die Unkosten herabzusetzen … Hast du mir folgen können?«
Die Konsulin nickte ein wenig zögernd, die Stickerei im Schoße.
»Recht gut, mein lieber Jean«, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden
hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese großen Summen sie
hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren.
Der Konsul ließ seine Zigarre aufglimmen, stieß mit zurückgeneigtem
Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort:
»Du denkst, daß wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott
gerufen werden, noch etwas Beträchtliches zu erwarten haben, und das ist
richtig. Jedoch … wir dürfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen. Ich
weiß, daß dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und zwar, wie
bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein äußerst liebenswürdiger Mensch,
aber er ist nicht eben ein starker Geschäftsmann und hat auch
unverschuldetes Unglück gehabt. Er hat bei mehreren Kunden höchst
störende Einbußen erlitten, die Folge seines geschwächten Betriebskapitals
war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und dein Vater hat
mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen müssen, damit kein
Unglück geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird sich,
fürchte ich, wiederholen, denn – verzeih mir, Bethsy, wenn ich aufrichtig
rede – die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem Vater, der mit
Geschäften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt, kommt deinem
Bruder, als Geschäftsmann, schlecht zustatten … Du verstehst mich … er
ist nicht sehr behutsam, wie? ein bißchen rasch und obenhinaus … Im
übrigen lassen sich deine Eltern, was mich so aufrichtig freut, nichts
abgehen, sie führen ein herrschaftliches Leben, wie es … ihren
Verhältnissen entspricht …«
noch ein paar tausend Kurantmark kleinerer Vermächtnisse abrechne, die
nach Vaters Testament an das Heilige-Geist-Hospital, die Kaufleute-
Witwenkasse usw. gingen, etwa 420000, mit deiner Mitgift um 100000
mehr. Das sind, in runden Summen und abgesehen von allerhand kleineren
Schwankungen des Vermögens, ungefähr die Verhältnisse. Wir sind nicht so
ungemein reich, meine liebe Bethsy, und bei alledem muß man bedenken,
daß das Geschäft zwar kleiner geworden ist, daß aber die Geschäftsspesen
dieselben geblieben sind, weil der Zuschnitt des Geschäftes es nicht
gestattet, die Unkosten herabzusetzen … Hast du mir folgen können?«
Die Konsulin nickte ein wenig zögernd, die Stickerei im Schoße.
»Recht gut, mein lieber Jean«, sagte sie, obgleich sie nicht alles verstanden
hatte und durchaus nicht begriff, warum alle diese großen Summen sie
hindern sollten, einen Bedienten zu engagieren.
Der Konsul ließ seine Zigarre aufglimmen, stieß mit zurückgeneigtem
Kopfe den Rauch von sich und fuhr dann fort:
»Du denkst, daß wir ja, wenn einmal deine lieben Eltern zu Gott
gerufen werden, noch etwas Beträchtliches zu erwarten haben, und das ist
richtig. Jedoch … wir dürfen damit nicht allzu unvorsichtig rechnen. Ich
weiß, daß dein Vater ziemlich peinliche Verluste gehabt hat, und zwar, wie
bekannt ist, durch Justus. Justus ist ein äußerst liebenswürdiger Mensch,
aber er ist nicht eben ein starker Geschäftsmann und hat auch
unverschuldetes Unglück gehabt. Er hat bei mehreren Kunden höchst
störende Einbußen erlitten, die Folge seines geschwächten Betriebskapitals
war teures Geld, durch Transaktionen mit Bankiers, und dein Vater hat
mehrere Male mit bedeutenden Summen einspringen müssen, damit kein
Unglück geschah. Dergleichen kann sich wiederholen und wird sich,
fürchte ich, wiederholen, denn – verzeih mir, Bethsy, wenn ich aufrichtig
rede – die gewisse heitere Leichtlebigkeit, die bei deinem Vater, der mit
Geschäften nichts mehr zu tun hat, so angenehm wirkt, kommt deinem
Bruder, als Geschäftsmann, schlecht zustatten … Du verstehst mich … er
ist nicht sehr behutsam, wie? ein bißchen rasch und obenhinaus … Im
übrigen lassen sich deine Eltern, was mich so aufrichtig freut, nichts
abgehen, sie führen ein herrschaftliches Leben, wie es … ihren
Verhältnissen entspricht …«
Page 74
Die Konsulin lächelte nachsichtig; sie kannte das Vorurteil ihres Gatten
gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie.
»Genug«, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den
Aschbecher, »ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, daß
der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner
gnädigen Hilfe das Vermögen der Firma auf die ehemalige Höhe
zurückführen kann … Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere, liebe
Bethsy –?«
»Vollkommen, Jean, vollkommen!« beeilte sich die Konsulin zu
antworten, denn sie gab für heute abend den Bedienten auf. »Aber laß uns
zur Ruhe gehn, wie? es ist allzu spät geworden …«
Übrigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem
Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschluß gefaßt, Möllendorpfs Anton
zu engagieren.
Sechstes Kapitel
»Tony geben wir in Pension, und zwar zu Fräulein Weichbrodt«, sagte
Konsul Buddenbrook, und er äußerte das so bestimmt, daß es dabei blieb.
Weniger zufrieden nämlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich
mit Talent in die Geschäfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und
der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mußte, konnte
man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das
wenigste, daß er beinahe jeden Nachmittag genötigt war, bei Herrn Stengel
Kaffee zu trinken, – obgleich die Konsulin, der dies zu viel wurde, eines
Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum Zwecke einer
Rücksprache zu sich in die Mengstraße entbot. Herr Stengel erschien in
seiner Sonntagsperücke, mit seinen höchsten Vatermördern, die Weste von
lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und saß mit der Konsulin im
Landschaftszimmer, während Christian heimlich im Eßsaale der
Unterredung zuhörte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn auch
ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen
Unterschied zwischen »Line« und »Strich«, erwähnte des schönen grünen
gegen die eleganten Neigungen ihrer Familie.
»Genug«, fuhr er fort und legte den Rest seiner Zigarre in den
Aschbecher, »ich meinesteils verlasse mich in der Hauptsache darauf, daß
der Herr mir meine Arbeitskraft erhalten wird, damit ich mit seiner
gnädigen Hilfe das Vermögen der Firma auf die ehemalige Höhe
zurückführen kann … Ich hoffe, deine Einsicht ist nun eine klarere, liebe
Bethsy –?«
»Vollkommen, Jean, vollkommen!« beeilte sich die Konsulin zu
antworten, denn sie gab für heute abend den Bedienten auf. »Aber laß uns
zur Ruhe gehn, wie? es ist allzu spät geworden …«
Übrigens wurde nach ein paar Tagen, als der Konsul gutgelaunt aus dem
Kontor zu Tische kam, dennoch der Beschluß gefaßt, Möllendorpfs Anton
zu engagieren.
Sechstes Kapitel
»Tony geben wir in Pension, und zwar zu Fräulein Weichbrodt«, sagte
Konsul Buddenbrook, und er äußerte das so bestimmt, daß es dabei blieb.
Weniger zufrieden nämlich, wie angedeutet, als mit Thomas, der sich
mit Talent in die Geschäfte einlebte, mit Klara, die munter heranwuchs, und
der armen Klothilde, deren Appetit jeden Menschen erfreuen mußte, konnte
man mit Tony und Christian sein. Was den letzteren anging, so war es das
wenigste, daß er beinahe jeden Nachmittag genötigt war, bei Herrn Stengel
Kaffee zu trinken, – obgleich die Konsulin, der dies zu viel wurde, eines
Tages den Herrn Lehrer durch ein zierliches Handbillett zum Zwecke einer
Rücksprache zu sich in die Mengstraße entbot. Herr Stengel erschien in
seiner Sonntagsperücke, mit seinen höchsten Vatermördern, die Weste von
lanzenartig gespitzten Bleistiften starrend, und saß mit der Konsulin im
Landschaftszimmer, während Christian heimlich im Eßsaale der
Unterredung zuhörte. Der ausgezeichnete Erzieher legte beredt, wenn auch
ein wenig befangen, seine Ansichten dar, sprach von dem bedeutsamen
Unterschied zwischen »Line« und »Strich«, erwähnte des schönen grünen
Page 75
Waldes sowie des Kohlenkastens und gebrauchte im übrigen während
dieser Visite beständig das Wort »infolgedessen«, das ihm wohl dieser
vornehmen Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer
Viertelstunde erschien der Konsul, jagte Christian davon und drückte Herrn
Stengel sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß sein Sohn ihm Ursache
zur Unzufriedenheit gegeben habe … »Oh, behüte, Herr Konsul, ich bitte
ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schüler
Buddenbrook. Und infolgedessen … Allein ein wenig übermütig, wenn ich
mir erlauben darf, hm … und infolgedessen …« Der Konsul führte ihn
höflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete … Das
alles aber war nicht das Schlimme.
Das Schlimme bestand darin, daß folgendes bekannt wurde: Der
Schüler Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten
Freunde das Stadttheater besuchen, woselbst »Wilhelm Tell« von Schiller
gegeben wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine
junge Dame, eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne
Bewandtnis hatte. Sie pflegte nämlich, war es ihrer Rolle nun angemessen
oder nicht, auf der Bühne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt
war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls
Peter Döhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgroßhändlers Döhlmann in der
Ersten Wallstraße vorm Holstentor. Konsul Peter gehörte zu den Herren, die
in der Stadt »Suitiers« genannt wurden – wie zum Beispiel auch Justus
Kröger –, das heißt seine Lebensführung war ein wenig locker. Er war
verheiratet und besaß sogar eine kleine Tochter, befand sich aber seit
längerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie ein
Junggeselle. Das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte, dessen
Geschäft er sozusagen fortführte, war ziemlich bedeutend gewesen; aber
man sagte sich, daß er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich meistens
im »Klub« oder im Ratskeller auf, um zu frühstücken, ward jeden Morgen
um 4 Uhr irgendwo in den Straßen gesehen und unternahm häufig
Geschäftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger
Theaterliebhaber, versäumte keine Vorstellung und nahm persönliches
Interesse an dem ausübenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war
die letzte der jungen Künstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren mit
Brillanten ausgezeichnet hatte …
dieser Visite beständig das Wort »infolgedessen«, das ihm wohl dieser
vornehmen Umgebung am besten zu entsprechen schien. Nach einer
Viertelstunde erschien der Konsul, jagte Christian davon und drückte Herrn
Stengel sein lebhaftes Bedauern darüber aus, daß sein Sohn ihm Ursache
zur Unzufriedenheit gegeben habe … »Oh, behüte, Herr Konsul, ich bitte
ergebenst! Ein geweckter Kopf, ein munterer Patron, der Schüler
Buddenbrook. Und infolgedessen … Allein ein wenig übermütig, wenn ich
mir erlauben darf, hm … und infolgedessen …« Der Konsul führte ihn
höflich im Hause umher, worauf Herr Stengel sich verabschiedete … Das
alles aber war nicht das Schlimme.
Das Schlimme bestand darin, daß folgendes bekannt wurde: Der
Schüler Christian Buddenbrook durfte eines Abends mit einem guten
Freunde das Stadttheater besuchen, woselbst »Wilhelm Tell« von Schiller
gegeben wurde; die Rolle von Tells Knaben Walter jedoch spielte eine
junge Dame, eine Demoiselle Meyer-de la Grange, mit der es eine eigne
Bewandtnis hatte. Sie pflegte nämlich, war es ihrer Rolle nun angemessen
oder nicht, auf der Bühne eine Brillantbrosche zu tragen, die notorisch echt
war, denn wie allgemein bekannt, war sie ein Geschenk des jungen Konsuls
Peter Döhlmann, Sohn des verstorbenen Holzgroßhändlers Döhlmann in der
Ersten Wallstraße vorm Holstentor. Konsul Peter gehörte zu den Herren, die
in der Stadt »Suitiers« genannt wurden – wie zum Beispiel auch Justus
Kröger –, das heißt seine Lebensführung war ein wenig locker. Er war
verheiratet und besaß sogar eine kleine Tochter, befand sich aber seit
längerer Zeit mit seiner Gattin in Zwietracht und lebte ganz wie ein
Junggeselle. Das Vermögen, das sein Vater ihm hinterlassen hatte, dessen
Geschäft er sozusagen fortführte, war ziemlich bedeutend gewesen; aber
man sagte sich, daß er dennoch vom Kapitale zehre. Er hielt sich meistens
im »Klub« oder im Ratskeller auf, um zu frühstücken, ward jeden Morgen
um 4 Uhr irgendwo in den Straßen gesehen und unternahm häufig
Geschäftsreisen nach Hamburg. Vor allem jedoch war er ein eifriger
Theaterliebhaber, versäumte keine Vorstellung und nahm persönliches
Interesse an dem ausübenden Personal. Demoiselle Meyer-de la Grange war
die letzte der jungen Künstlerinnen, die er in den vergangenen Jahren mit
Brillanten ausgezeichnet hatte …
Page 76
Um zur Sache zu kommen, so sah die junge Dame als Walter Tell – sie
trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche – ganz allerliebst aus und
spielte so rührend, daß dem Schüler Buddenbrook vor innerer Begeisterung
die Tränen in die Augen traten, ja daß er sich zu einer Handlungsweise
hinreißen ließ, wie sie nur aus einem allzu starken Empfinden hervorgehen
kann. In einer Pause nämlich erstand er im gegenübergelegenen
Blumenladen für 1 Mark 8½ Schilling ein Bukett, mit welchem dieser
vierzehnjährige Knirps mit seiner großen Nase und seinen kleinen
tiefliegenden Augen den Weg zum Bühnenraum marschierte und, da
niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentür auf Fräulein Meyer-de la
Grange stieß, die im Gespräche mit Konsul Peter Döhlmann stand. Der
Konsul wäre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian
mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft
sein bestes Kompliment vor Walter Tell, überreichte ihm die Blumen,
schüttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor
Aufrichtigkeit beinahe bekümmert klang:
»Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!«
»Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook!« schrie Konsul
Döhlmann mit seiner breiten Aussprache. Fräulein Meyer-de la Grange aber
zog die hübschen Brauen empor und fragte:
»Sohn von Konsul Buddenbrook?« Dann streichelte sie ihrem neuen
Verehrer mit vielem Wohlwollen die Wange.
Dies war der Tatbestand, den Peter Döhlmann am selben Abend im
»Klub« zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt
bekannt wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn
wiederum zum Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook
machte. Wie faßte dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu
überwältigt und geschlagen … Als er der Konsulin Mitteilung machte, saß
er beinahe gebrochen im Landschaftszimmer.
»Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich …«
»Jean, mein Gott, dein Vater hätte gelacht darüber … Und erzähle es nur
Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich köstlich amüsieren …«
trug auch in dieser Rolle ihre Brillantbrosche – ganz allerliebst aus und
spielte so rührend, daß dem Schüler Buddenbrook vor innerer Begeisterung
die Tränen in die Augen traten, ja daß er sich zu einer Handlungsweise
hinreißen ließ, wie sie nur aus einem allzu starken Empfinden hervorgehen
kann. In einer Pause nämlich erstand er im gegenübergelegenen
Blumenladen für 1 Mark 8½ Schilling ein Bukett, mit welchem dieser
vierzehnjährige Knirps mit seiner großen Nase und seinen kleinen
tiefliegenden Augen den Weg zum Bühnenraum marschierte und, da
niemand ihn aufhielt, vor einer Garderobentür auf Fräulein Meyer-de la
Grange stieß, die im Gespräche mit Konsul Peter Döhlmann stand. Der
Konsul wäre vor Lachen beinahe gegen die Wand gefallen, als er Christian
mit dem Bukett daherkommen sah; der neue Suitier aber machte ernsthaft
sein bestes Kompliment vor Walter Tell, überreichte ihm die Blumen,
schüttelte langsam den Kopf und sagte in einem Tone, der vor
Aufrichtigkeit beinahe bekümmert klang:
»Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!«
»Nun seh' mal einer diesen Krischan Buddenbrook!« schrie Konsul
Döhlmann mit seiner breiten Aussprache. Fräulein Meyer-de la Grange aber
zog die hübschen Brauen empor und fragte:
»Sohn von Konsul Buddenbrook?« Dann streichelte sie ihrem neuen
Verehrer mit vielem Wohlwollen die Wange.
Dies war der Tatbestand, den Peter Döhlmann am selben Abend im
»Klub« zum besten gab, der mit ungeheurer Schnelligkeit in der Stadt
bekannt wurde und sogar dem Schuldirektor zu Ohren kam, der ihn
wiederum zum Gegenstande einer Unterredung mit Konsul Buddenbrook
machte. Wie faßte dieser die Sache auf? Er war weniger zornig als geradezu
überwältigt und geschlagen … Als er der Konsulin Mitteilung machte, saß
er beinahe gebrochen im Landschaftszimmer.
»Das ist unser Sohn, so entwickelt er sich …«
»Jean, mein Gott, dein Vater hätte gelacht darüber … Und erzähle es nur
Donnerstag bei meinen Eltern, Papa wird sich köstlich amüsieren …«
Page 77
Hier begehrte der Konsul auf. »Ha! Ja! ich bin überzeugt, daß er sich
amüsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, daß sein leichtfertiges Blut
und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem … Suitier,
sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben … sapperlot, du
zwingst mich zu dieser Äußerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt sein
Taschengeld aus für diese Lorette –! Er weiß es nicht, nein; aber die
Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!…«
Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als
auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete sie
mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die
Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den Kopf
in den Nacken zu werfen und äußerte, besonders wenn sie den Sommer
draußen bei den Großeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart und
Eitelkeit.
Eines Tages überraschte der Konsul sie mit Verdruß dabei, daß sie
gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens »Mimili« las; er blätterte in
dem Bändchen, schwieg und verschloß es auf immer. Kurz darauf kam es
an den Tag, daß Tony – Antonie Buddenbrook – ganz allein mit einem
Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brüder, vorm Tore spazieren gegangen
war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte die
beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei
Möllendorpfs, darüber geäußert, daß nun wahrhaftig auch Mamsell
Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo … und Frau Senatorin
Möllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzählt. Diese
Spaziergänge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, daß
Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bäumen, gleich hinter dem
Burgtore, die nur lückenhaft mit Mörtelmasse gefüllt waren, kleine
Korrespondenzen abholte oder daselbst zurückließ, die von ebendemselben
Gymnasiasten herrührten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte
war, erschien es geboten, die nun fünfzehnjährige Tony in strengere Obhut
zu geben, in eine Pension, in diejenige von Fräulein Weichbrodt, am
Mühlenbrink Numero 7.
amüsieren wird, Bethsy! Er wird sich freuen, daß sein leichtfertiges Blut
und seine unfrommen Neigungen nicht nur in Justus, dem … Suitier,
sondern ersichtlich auch in einem seiner Enkel fortleben … sapperlot, du
zwingst mich zu dieser Äußerung! Er geht zu dieser Person! Er gibt sein
Taschengeld aus für diese Lorette –! Er weiß es nicht, nein; aber die
Neigung zeigt sich! Die Neigung zeigt sich!…«
Ja, das war ein schlimmer Fall; und der Konsul war um so entsetzter, als
auch Tony, wie gesagt, sich nicht zum besten betrug. Zwar verzichtete sie
mit den Jahren darauf, den bleichen Mann tanzen zu lassen und die
Puppenliese zu besuchen; aber sie zeigte eine immer keckere Art, den Kopf
in den Nacken zu werfen und äußerte, besonders wenn sie den Sommer
draußen bei den Großeltern verlebt hatte, einen argen Hang zu Hoffart und
Eitelkeit.
Eines Tages überraschte der Konsul sie mit Verdruß dabei, daß sie
gemeinsam mit Mamsell Jungmann Claurens »Mimili« las; er blätterte in
dem Bändchen, schwieg und verschloß es auf immer. Kurz darauf kam es
an den Tag, daß Tony – Antonie Buddenbrook – ganz allein mit einem
Gymnasiasten, einem Freunde ihrer Brüder, vorm Tore spazieren gegangen
war. Frau Stuht, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, hatte die
beiden erblickt, hatte sich, gelegentlich eines Kleiderankaufes bei
Möllendorpfs, darüber geäußert, daß nun wahrhaftig auch Mamsell
Buddenbrook schon in die Jahre komme, wo … und Frau Senatorin
Möllendorpf hatte in heiterem Tone dem Konsul davon erzählt. Diese
Spaziergänge wurden verhindert. Dann aber erwies es sich, daß
Mademoiselle Tony aus jenen alten, hohlen Bäumen, gleich hinter dem
Burgtore, die nur lückenhaft mit Mörtelmasse gefüllt waren, kleine
Korrespondenzen abholte oder daselbst zurückließ, die von ebendemselben
Gymnasiasten herrührten oder an ihn gerichtet waren. Als dies am Lichte
war, erschien es geboten, die nun fünfzehnjährige Tony in strengere Obhut
zu geben, in eine Pension, in diejenige von Fräulein Weichbrodt, am
Mühlenbrink Numero 7.
Page 78
Siebentes Kapitel
Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, daß sie nicht viel
höher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals Gewicht
auf äußere Wohlgefälligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet wie eine
Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten Ohrlocken saß
eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen Kinderschultern
hinabfielen, und nie war an ihrem kümmerlichen schwarzen Kleidchen
etwas wie Putz gesehen worden … ausgenommen die große, ovale Brosche,
auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte.
Das kleine Fräulein Weichbrodt besaß kluge und scharfe braune Augen,
eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste
zusammenpressen konnte … Überhaupt lag in ihrer geringen Figur und
allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber durchaus
respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre Sprache bei.
Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des Unterkiefers und
einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt und dialektfrei, klar,
bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes Konsonanten. Den Klang der
Vokale aber übertrieb sie sogar in einer Weise, daß sie z. B. nicht
»Butterkruke«, sondern »Botter«- oder gar »Batterkruke« sprach und ihr
eigensinnig kläffendes Hündchen nicht »Bobby«, sondern »Babby« rief.
Wenn sie zu einer Schülerin sagte: »Kind, sei nich–t sa domm!« und
zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrümmten Zeigefinger auf den Tisch
pochte, so machte dies Eindruck, das ist sicher; und wenn Mademoiselle
Popinet, die Französin, sich beim Kaffee mit allzuviel Zucker bediente, so
hatte Fräulein Weichbrodt eine Art, die Zimmerdecke zu betrachten, mit
einer Hand auf dem Tischtuch Klavier zu spielen und zu sagen: »Ich wörde
die g a n z e Zockerböchse nehmen!« daß Mademoiselle Popinet heftig
errötete …
Als Kind – mein Gott, wie winzig mußte sie als Kind gewesen sein! –
hatte Therese Weichbrodt sich selber »Sesemi« genannt, und diese
Änderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren
und tüchtigeren Schülerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete, sie
Therese Weichbrodt war bucklig, sie war so bucklig, daß sie nicht viel
höher war als ein Tisch. Sie war 41 Jahre alt, aber da sie niemals Gewicht
auf äußere Wohlgefälligkeit gelegt hatte, so ging sie gekleidet wie eine
Dame von 60 bis 70 Jahren. Auf ihren grauen, gepolsterten Ohrlocken saß
eine Haube mit grünen Bändern, die über die schmalen Kinderschultern
hinabfielen, und nie war an ihrem kümmerlichen schwarzen Kleidchen
etwas wie Putz gesehen worden … ausgenommen die große, ovale Brosche,
auf der in Porzellanmalerei das Bild ihrer Mutter prangte.
Das kleine Fräulein Weichbrodt besaß kluge und scharfe braune Augen,
eine leichtgebogene Nase und schmale Lippen, die sie aufs entschiedenste
zusammenpressen konnte … Überhaupt lag in ihrer geringen Figur und
allen ihren Bewegungen ein Nachdruck, der zwar possierlich, aber durchaus
respektgebietend wirkte. Dazu trug in hohem Grade auch ihre Sprache bei.
Sie sprach mit lebhafter und stoßweiser Bewegung des Unterkiefers und
einem schnellen, eindringlichen Kopfschütteln, exakt und dialektfrei, klar,
bestimmt und mit sorgfältiger Betonung jedes Konsonanten. Den Klang der
Vokale aber übertrieb sie sogar in einer Weise, daß sie z. B. nicht
»Butterkruke«, sondern »Botter«- oder gar »Batterkruke« sprach und ihr
eigensinnig kläffendes Hündchen nicht »Bobby«, sondern »Babby« rief.
Wenn sie zu einer Schülerin sagte: »Kind, sei nich–t sa domm!« und
zweimal dabei ganz kurz mit dem gekrümmten Zeigefinger auf den Tisch
pochte, so machte dies Eindruck, das ist sicher; und wenn Mademoiselle
Popinet, die Französin, sich beim Kaffee mit allzuviel Zucker bediente, so
hatte Fräulein Weichbrodt eine Art, die Zimmerdecke zu betrachten, mit
einer Hand auf dem Tischtuch Klavier zu spielen und zu sagen: »Ich wörde
die g a n z e Zockerböchse nehmen!« daß Mademoiselle Popinet heftig
errötete …
Als Kind – mein Gott, wie winzig mußte sie als Kind gewesen sein! –
hatte Therese Weichbrodt sich selber »Sesemi« genannt, und diese
Änderung ihres Vornamens hatte sie beibehalten, indem sie den besseren
und tüchtigeren Schülerinnen, Internen sowohl wie Externen, gestattete, sie
Page 79
so zu nennen. »Nenne mich ›Sesemi‹, Kind«, sagte sie gleich am ersten
Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht
knallenden Geräusch auf die Stirn küßte … »Ich höre es gern.« Ihre ältere
Schwester Madame Kethelsen aber hieß Nelly.
Madame Kethelsen, die ungefähr 48 Jahre zählte, war von ihrem
verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden, bewohnte
bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte
sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich ähnlich wie Sesemi, war
aber im Gegensatz zu ihr außerordentlich lang; an ihren hageren
Handgelenken trug sie wollene Pulswärmer. Sie war nicht Lehrerin, sie
wußte nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn
bestand ihr Wesen. Hatte ein Zögling Fräulein Weichbrodts einen Streich
vollführt, so stieß sie darüber ein gutmütiges und vor Herzlichkeit beinahe
klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so eindringlich
»Nelly!« rief, daß es wie »Nally« klang; dann verstummte sie
eingeschüchtert.
Madame Kethelsen gehorchte ihrer jüngeren Schwester, sie ließ sich
von ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, daß Sesemi sie
herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe
gelehrtes Mädchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive
Religiosität und die Zuversicht, dort drüben einst für ihr schwieriges und
glanzloses Leben entschädigt zu werden, in ernstlichen kleinen Kämpfen
bewahren müssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt, unschuldig
und einfältigen Gemütes. »Die gute Nelly!« sagte Sesemi. »Mein Gott, sie
ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel gestoßen, sie hat niemals
einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist glücklich …« In solchen Worten
lag ebensoviel Geringschätzung wie Neid, und das war ein schwacher,
wenn auch verzeihlicher Charakterzug Sesemis.
Das hochgelegene Erdgeschoß des ziegelroten Vorstadthäuschens, das
von einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den
Unterrichtsräumen und dem Speisezimmer eingenommen, während sich im
oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden.
Die Zöglinge Fräulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension
nahm nur größere Mädchen auf und besaß, auch für externe Schülerinnen,
nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf, daß
Tage zu Tony Buddenbrook, indem sie sie kurz und mit einem leicht
knallenden Geräusch auf die Stirn küßte … »Ich höre es gern.« Ihre ältere
Schwester Madame Kethelsen aber hieß Nelly.
Madame Kethelsen, die ungefähr 48 Jahre zählte, war von ihrem
verstorbenen Gatten mittellos im Leben zurückgelassen worden, bewohnte
bei ihrer Schwester im oberen Stockwerk eine kleine Stube und beteiligte
sich an der allgemeinen Tafel. Sie kleidete sich ähnlich wie Sesemi, war
aber im Gegensatz zu ihr außerordentlich lang; an ihren hageren
Handgelenken trug sie wollene Pulswärmer. Sie war nicht Lehrerin, sie
wußte nichts von Strenge, und in Harmlosigkeit und stillem Frohsinn
bestand ihr Wesen. Hatte ein Zögling Fräulein Weichbrodts einen Streich
vollführt, so stieß sie darüber ein gutmütiges und vor Herzlichkeit beinahe
klagendes Lachen aus, bis Sesemi auf den Tisch pochte und so eindringlich
»Nelly!« rief, daß es wie »Nally« klang; dann verstummte sie
eingeschüchtert.
Madame Kethelsen gehorchte ihrer jüngeren Schwester, sie ließ sich
von ihr ausschelten wie ein Kind, und die Sache war die, daß Sesemi sie
herzlich verachtete. Therese Weichbrodt war ein belesenes, ja beinahe
gelehrtes Mädchen und hatte sich ihren Kinderglauben, ihre positive
Religiosität und die Zuversicht, dort drüben einst für ihr schwieriges und
glanzloses Leben entschädigt zu werden, in ernstlichen kleinen Kämpfen
bewahren müssen. Madame Kethelsen dagegen war ungelehrt, unschuldig
und einfältigen Gemütes. »Die gute Nelly!« sagte Sesemi. »Mein Gott, sie
ist ein Kind, sie ist niemals auf einen Zweifel gestoßen, sie hat niemals
einen Kampf zu bestehen gehabt, sie ist glücklich …« In solchen Worten
lag ebensoviel Geringschätzung wie Neid, und das war ein schwacher,
wenn auch verzeihlicher Charakterzug Sesemis.
Das hochgelegene Erdgeschoß des ziegelroten Vorstadthäuschens, das
von einem nett gehaltenen Garten umgeben war, wurde von den
Unterrichtsräumen und dem Speisezimmer eingenommen, während sich im
oberen Stockwerk und auch im Bodenraum die Schlafzimmer befanden.
Die Zöglinge Fräulein Weichbrodts waren nicht zahlreich, denn die Pension
nahm nur größere Mädchen auf und besaß, auch für externe Schülerinnen,
nur die drei ersten Schulklassen; auch sah Sesemi mit Strenge darauf, daß
Page 80
nur Töchter aus zweifellos vornehmen Familien in ihr Haus kamen … Tony
Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zärtlichkeit empfangen; ja, zum
Abendessen hatte Therese »Bischof« gemacht, einen roten und süßen
Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft
verstand … »Noch ein bißchen Beschaf?« fragte sie mit herzlichem
Kopfschütteln … und das klang so appetitlich, daß niemand widerstand.
Fräulein Weichbrodt saß auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel
und beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr
verwachsenes Körperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den
Tisch, rief »Nally!« und »Babby!« und demütigte Mlle. Popinet mit einem
Blicke, wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gelée des kalten
Kalbsbratens anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer
Pensionärinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden
und stämmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda
Arnoldsen, die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und
fremdartigen Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe
beieinander liegenden braunen Augen und einem weißen, schönen, ein
wenig hochmütigen Gesicht. Ihr gegenüber plapperte die Französin, die
aussah wie eine Negerin und ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren
Tischende saß mit säuerlichem Lächeln die hagere Engländerin Miß Brown,
die gleichfalls im Hause wohnte.
Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle.
Popinet hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrücken gehabt, erzählte sie …
Ah, quelle horreur! Sie pflegte dann »Ülfen, Ülfen! Dieben, Dieben!« zu
rufen, daß alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus, daß Gerda
Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern Geige, und daß
Papa – ihre Mutter war nicht mehr am Leben – ihr eine echte Stradivari
versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten Buddenbrooks und
alle Krögers waren es. Sie konnte nicht einmal die Choräle erkennen, die in
der Marienkirche gespielt wurden … Oh, die Orgel in der Nieuwe Kerk zu
Amsterdam hatte eine vox humana, eine Menschenstimme, die prachtvoll
klang! – Armgard von Schilling erzählte von den Kühen zu Hause.
Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den größten Eindruck
auf Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mädchen, mit dem sie in
Berührung kam. Von Schilling zu heißen, welch ein Glück! Die Eltern
Buddenbrook ward, wie angedeutet, mit Zärtlichkeit empfangen; ja, zum
Abendessen hatte Therese »Bischof« gemacht, einen roten und süßen
Punsch, der kalt getrunken ward, und auf den sie sich mit Meisterschaft
verstand … »Noch ein bißchen Beschaf?« fragte sie mit herzlichem
Kopfschütteln … und das klang so appetitlich, daß niemand widerstand.
Fräulein Weichbrodt saß auf zwei Sofakissen am oberen Ende der Tafel
und beherrschte die Mahlzeit mit Tatkraft und Umsicht; sie richtete ihr
verwachsenes Körperchen ganz stramm empor, pochte wachsam auf den
Tisch, rief »Nally!« und »Babby!« und demütigte Mlle. Popinet mit einem
Blicke, wenn diese im Begriffe stand, sich alles Gelée des kalten
Kalbsbratens anzueignen. Tony hatte ihren Platz inmitten zweier anderer
Pensionärinnen erhalten. Zwischen Armgard von Schilling, einer blonden
und stämmigen Gutsbesitzerstochter aus Mecklenburg, und Gerda
Arnoldsen, die in Amsterdam zu Hause war, einer eleganten und
fremdartigen Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe
beieinander liegenden braunen Augen und einem weißen, schönen, ein
wenig hochmütigen Gesicht. Ihr gegenüber plapperte die Französin, die
aussah wie eine Negerin und ungeheure goldene Ohrringe trug. Am unteren
Tischende saß mit säuerlichem Lächeln die hagere Engländerin Miß Brown,
die gleichfalls im Hause wohnte.
Man befreundete sich rasch mit Hilfe von Sesemis Bischof. Mlle.
Popinet hatte in der letzten Nacht wieder Alpdrücken gehabt, erzählte sie …
Ah, quelle horreur! Sie pflegte dann »Ülfen, Ülfen! Dieben, Dieben!« zu
rufen, daß alles aus dem Bette sprang. Ferner stellte sich heraus, daß Gerda
Arnoldsen nicht Klavier spielte, wie die anderen, sondern Geige, und daß
Papa – ihre Mutter war nicht mehr am Leben – ihr eine echte Stradivari
versprochen habe. Tony war unmusikalisch; die meisten Buddenbrooks und
alle Krögers waren es. Sie konnte nicht einmal die Choräle erkennen, die in
der Marienkirche gespielt wurden … Oh, die Orgel in der Nieuwe Kerk zu
Amsterdam hatte eine vox humana, eine Menschenstimme, die prachtvoll
klang! – Armgard von Schilling erzählte von den Kühen zu Hause.
Diese Armgard hatte vom ersten Augenblicke an den größten Eindruck
auf Tony gemacht, und zwar als das erste adelige Mädchen, mit dem sie in
Berührung kam. Von Schilling zu heißen, welch ein Glück! Die Eltern
Page 81
hatten das schönste alte Haus der Stadt, und die Großeltern waren
vornehme Leute; aber sie hießen doch ganz einfach »Buddenbrook« und
»Kröger«, und das war außerordentlich schade. Die Enkelin des noblen
Lebrecht Kröger erglühte in Bewunderung für Armgards Adel, und im
geheimen dachte sie manchmal, daß für sie selbst dieses prächtige »von«
eigentlich viel besser gepaßt haben würde, – denn Armgard, mein Gott, sie
wußte ihr Glück nicht einmal zu schätzen, sie ging umher mit ihrem dicken
Zopf, ihren gutmütigen blauen Augen und ihrer breiten mecklenburgischen
Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war durchaus nicht vornehm, sie
machte nicht den geringsten Anspruch darauf, sie hatte keinen Sinn für
Vornehmheit. Dieses Wort »vornehm« saß erstaunlich fest in Tonys
Köpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem Nachdruck auf Gerda
Arnoldsen an.
Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches
an sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch
etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es a l b e r n, daß sie die
Geige spiele – wobei zu bemerken ist, daß »albern« einen sehr harten
Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mußte man mit Tony
übereinstimmen, daß Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mädchen war. Ihre
für ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge,
die sie besaß, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne
Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schätzen wußte, da
sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstände vorfanden, die ihre Eltern
oder Großeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert hielten.
Die drei jungen Mädchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie
gehörten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den
größten der Schlafräume im oberen Stockwerke. Welche amüsanten und
behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und
beim Auskleiden plauderte – mit halber Stimme nur, denn nebenan begann
Mlle. Popinet von Dieben zu träumen … Sie schlief zusammen mit der
kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwärmer
und Sammler, sich in München angesiedelt hatte.
Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige,
rotverhüllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen
vornehme Leute; aber sie hießen doch ganz einfach »Buddenbrook« und
»Kröger«, und das war außerordentlich schade. Die Enkelin des noblen
Lebrecht Kröger erglühte in Bewunderung für Armgards Adel, und im
geheimen dachte sie manchmal, daß für sie selbst dieses prächtige »von«
eigentlich viel besser gepaßt haben würde, – denn Armgard, mein Gott, sie
wußte ihr Glück nicht einmal zu schätzen, sie ging umher mit ihrem dicken
Zopf, ihren gutmütigen blauen Augen und ihrer breiten mecklenburgischen
Aussprache und dachte gar nicht daran; sie war durchaus nicht vornehm, sie
machte nicht den geringsten Anspruch darauf, sie hatte keinen Sinn für
Vornehmheit. Dieses Wort »vornehm« saß erstaunlich fest in Tonys
Köpfchen, und sie wandte es mit anerkennendem Nachdruck auf Gerda
Arnoldsen an.
Gerda war ein wenig apart und hatte etwas Fremdes und Ausländisches
an sich; sie liebte es, ihr prachtvolles rotes Haar trotz Sesemis Einspruch
etwas auffallend zu frisieren, und viele fanden es a l b e r n, daß sie die
Geige spiele – wobei zu bemerken ist, daß »albern« einen sehr harten
Ausdruck der Verurteilung bedeutete. Darin jedoch mußte man mit Tony
übereinstimmen, daß Gerda Arnoldsen ein vornehmes Mädchen war. Ihre
für ihr Alter voll entwickelte Erscheinung, ihre Gewohnheiten, die Dinge,
die sie besaß, alles war vornehm: Zum Beispiel die elfenbeinerne
Toiletteneinrichtung aus Paris, die Tony besonders zu schätzen wußte, da
sich auch bei ihr zu Hause allerlei Gegenstände vorfanden, die ihre Eltern
oder Großeltern aus Paris mitgebracht hatten und sehr wert hielten.
Die drei jungen Mädchen schlossen rasch einen Freundschaftsbund, sie
gehörten der gleichen Unterrichtsklasse an und bewohnten gemeinsam den
größten der Schlafräume im oberen Stockwerke. Welche amüsanten und
behaglichen Stunden waren das, wenn man um zehn Uhr zur Ruhe ging und
beim Auskleiden plauderte – mit halber Stimme nur, denn nebenan begann
Mlle. Popinet von Dieben zu träumen … Sie schlief zusammen mit der
kleinen Eva Ewers, einer Hamburgerin, deren Vater, ein Kunstschwärmer
und Sammler, sich in München angesiedelt hatte.
Die braungestreiften Rouleaus waren geschlossen, die niedrige,
rotverhüllte Lampe brannte auf dem Tische, ein leiser Duft nach Veilchen
Page 82
und frischer Wäsche erfüllte das Zimmer und eine gemächliche, gedämpfte
Stimmung von Müdigkeit, Sorglosigkeit und Träumerei.
»Mein Gott«, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres
Bettes saß, »wie geläufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die Klasse,
stellt sich an den Tisch und spricht von Racine …«
»Er hat eine schöne, hohe Stirn«, bemerkte Gerda, während sie sich vor
dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die
Haare kämmte.
»Ja!« sagte Armgard rasch.
»Und du hast auch n u r von ihm angefangen, um das zu hören zu
bekommen, Armgard, denn du blickst ihn beständig mit deinen blauen
Augen an, als ob …«
»Liebst du ihn?« fragte Tony. »Mein Schuhband geht einfach nicht auf,
b i t t e Gerda … so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es ist
eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.«
»Gott, ihr seid scheußlich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde sicherlich
keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann …«
»Einen Adligen?« Tony ließ den Strumpf sinken, den sie in der Hand
hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht.
»Das weiß ich noch nicht; aber ein großes Gut muß er haben … Ach,
wie freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fünf Uhr aufstehen und
wirtschaften …« Sie zog die Bettdecke über sich und sah träumend zum
Plafond empor.
»Vor ihrem geistigen Auge stehen fünfhundert Kühe«, sprach Gerda und
betrachtete ihre Freundin im Spiegel.
Tony war noch nicht fertig; aber sie ließ ihren Kopf im voraus aufs
Kissen sinken, verschränkte die Hände im Nacken und betrachtete auch
ihrerseits sinnend die Zimmerdecke.
»Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten«, sagte sie. »Er muß
recht viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin
Stimmung von Müdigkeit, Sorglosigkeit und Träumerei.
»Mein Gott«, sagte Armgard, die halb ausgekleidet auf dem Rande ihres
Bettes saß, »wie geläufig Doktor Neumann spricht! Er kommt in die Klasse,
stellt sich an den Tisch und spricht von Racine …«
»Er hat eine schöne, hohe Stirn«, bemerkte Gerda, während sie sich vor
dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern beim Schein zweier Kerzen die
Haare kämmte.
»Ja!« sagte Armgard rasch.
»Und du hast auch n u r von ihm angefangen, um das zu hören zu
bekommen, Armgard, denn du blickst ihn beständig mit deinen blauen
Augen an, als ob …«
»Liebst du ihn?« fragte Tony. »Mein Schuhband geht einfach nicht auf,
b i t t e Gerda … so! nun! Liebst du ihn, Armgard? Heirate ihn doch; es ist
eine sehr gute Partie, er wird Professor am Gymnasium werden.«
»Gott, ihr seid scheußlich. Ich liebe ihn gar nicht. Ich werde sicherlich
keinen Lehrer heiraten, sondern einen Landmann …«
»Einen Adligen?« Tony ließ den Strumpf sinken, den sie in der Hand
hielt, und blickte gedankenvoll in Armgards Gesicht.
»Das weiß ich noch nicht; aber ein großes Gut muß er haben … Ach,
wie freue ich mich darauf, Kinder! Ich werde um fünf Uhr aufstehen und
wirtschaften …« Sie zog die Bettdecke über sich und sah träumend zum
Plafond empor.
»Vor ihrem geistigen Auge stehen fünfhundert Kühe«, sprach Gerda und
betrachtete ihre Freundin im Spiegel.
Tony war noch nicht fertig; aber sie ließ ihren Kopf im voraus aufs
Kissen sinken, verschränkte die Hände im Nacken und betrachtete auch
ihrerseits sinnend die Zimmerdecke.
»Ich werde natürlich einen Kaufmann heiraten«, sagte sie. »Er muß
recht viel Geld haben, damit wir uns vornehm einrichten können; das bin
Page 83
ich meiner Familie und der Firma schuldig«, fügte sie ernsthaft hinzu. »Ja,
ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.«
Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weißen
Zähne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente.
»Ich werde w a h r s c h e i n l i c h gar nicht heiraten«, sagte sie ein
wenig mühsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. »Ich sehe nicht
ein, warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und
spiele Duos mit Papa und lebe später bei meiner verheirateten
Schwester …«
»Wie schade!« rief Tony lebhaft. »Nein, wie schade, Gerda! Du solltest
dich hier verheiraten und immer hier bleiben … Höre mal, du solltest zum
Beispiel einen von meinen Brüdern heiraten …«
»Den mit der großen Nase?« fragte Gerda und gähnte mit einem kleinen
zierlichen und nachlässigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den
Mund hielt.
»Oder den anderen, das ist ja gleichgültig … Gott, wie ihr euch
einrichten würdet! Jakobs müßte es machen, Tapezierer Jakobs in der
Fischstraße, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich würde täglich zu
Besuch kommen …«
Aber dann ließ sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen:
»Ah! voyons, mesdames! zu Bette, s'il vous plaît! Sie werden sich
heute abend nicht mehr verheiraten!«
Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstraße oder
draußen bei den Großeltern. Welch Glück, wenn am Ostersonntag gutes
Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren
Krögerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See,
wenn man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und
Esel ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschäfte
gemacht, Reisen von größerer Ausdehnung unternommen. Aber welch
Weihnachtsfest, vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den
Großeltern und bei Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in
Strömen floß … Am herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu
ihr sollt sehn, das werde ich schon machen.«
Gerda hatte ihre Schlaffrisur beendet und putzte ihre breiten, weißen
Zähne, wobei sie sich ihres elfenbeinernen Handspiegels bediente.
»Ich werde w a h r s c h e i n l i c h gar nicht heiraten«, sagte sie ein
wenig mühsam, denn das Pfefferminzpulver behinderte sie. »Ich sehe nicht
ein, warum. Ich habe gar keine Lust dazu. Ich gehe nach Amsterdam und
spiele Duos mit Papa und lebe später bei meiner verheirateten
Schwester …«
»Wie schade!« rief Tony lebhaft. »Nein, wie schade, Gerda! Du solltest
dich hier verheiraten und immer hier bleiben … Höre mal, du solltest zum
Beispiel einen von meinen Brüdern heiraten …«
»Den mit der großen Nase?« fragte Gerda und gähnte mit einem kleinen
zierlichen und nachlässigen Seufzer, wobei sie den Handspiegel vor den
Mund hielt.
»Oder den anderen, das ist ja gleichgültig … Gott, wie ihr euch
einrichten würdet! Jakobs müßte es machen, Tapezierer Jakobs in der
Fischstraße, er hat einen vornehmen Geschmack. Ich würde täglich zu
Besuch kommen …«
Aber dann ließ sich Mlle. Popinets Stimme vernehmen:
»Ah! voyons, mesdames! zu Bette, s'il vous plaît! Sie werden sich
heute abend nicht mehr verheiraten!«
Die Sonntage aber und die Ferien verlebte Tony in der Mengstraße oder
draußen bei den Großeltern. Welch Glück, wenn am Ostersonntag gutes
Wetter war und man die Eier und Marzipanhasen in dem ungeheuren
Krögerschen Garten suchen konnte! Welche Sommerferien an der See,
wenn man im Kurhause wohnte, an der Table d'hote speiste, badete und
Esel ritt! Auch wurden in einigen Jahren, wenn der Konsul Geschäfte
gemacht, Reisen von größerer Ausdehnung unternommen. Aber welch
Weihnachtsfest, vor allem, mit drei Bescherungen: zu Hause, bei den
Großeltern und bei Sesemi, woselbst an diesem Abend der Bischof in
Strömen floß … Am herrlichsten aber war dennoch der Weihnachtsabend zu
Page 84
Hause, denn der Konsul hielt darauf, daß das heilige Christfest mit Weihe,
Glanz und Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im
Landschaftszimmer versammelt war, während die Dienstboten und allerlei
alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hände drückte, sich in
der Säulenhalle drängten, dann erscholl dort draußen vierstimmiger Gesang,
den die Chorknaben der Marienkirche vollführten, und man bekam
Herzklopfen, so festlich war es. Dann, während schon durch die Spalten der
hohen, weißen Flügeltür der Tannenduft drang, verlas die Konsulin aus der
alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam das
Weihnachtskapitel, und war draußen noch ein Gesang verklungen, so
stimmte man »O Tannebaum« an, während man sich in feierlichem Umzuge
durch die Säulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen in
der Tapete, wo der mit weißen Lilien geschmückte Baum flimmernd,
leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den
Fenstern bis zur Tür reichte. Aber draußen, auf dem hartgefrorenen Schnee
der Straßen musizierten die italienischen Drehorgelmänner, und vom
Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herüber. Außer der
kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem späten Abendessen in
der Säulenhalle, bei dem es Karpfen und gefüllten Puter in übergewaltigen
Mengen gab …
Hier ist zu erwähnen, daß Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei
mecklenburgische Güter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie
mit ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling,
das Travemünde gegenüber jenseits der Bucht an der Küste lag. Und ein
anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard
Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hieß »Ungnade« und brachte nicht
einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu
verachten.
So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine
glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte.
Glanz und Stimmung begangen ward. Wenn man in tiefer Feierlichkeit im
Landschaftszimmer versammelt war, während die Dienstboten und allerlei
alte und arme Leute, denen der Konsul die blauroten Hände drückte, sich in
der Säulenhalle drängten, dann erscholl dort draußen vierstimmiger Gesang,
den die Chorknaben der Marienkirche vollführten, und man bekam
Herzklopfen, so festlich war es. Dann, während schon durch die Spalten der
hohen, weißen Flügeltür der Tannenduft drang, verlas die Konsulin aus der
alten Familienbibel mit den ungeheuerlichen Buchstaben langsam das
Weihnachtskapitel, und war draußen noch ein Gesang verklungen, so
stimmte man »O Tannebaum« an, während man sich in feierlichem Umzuge
durch die Säulenhalle in den Saal begab, den weiten Saal mit den Statuen in
der Tapete, wo der mit weißen Lilien geschmückte Baum flimmernd,
leuchtend und duftend zur Decke ragte und die Geschenktafel von den
Fenstern bis zur Tür reichte. Aber draußen, auf dem hartgefrorenen Schnee
der Straßen musizierten die italienischen Drehorgelmänner, und vom
Marktplatz scholl der Trubel des Weihnachtsmarktes herüber. Außer der
kleinen Klara beteiligten sich auch die Kinder an dem späten Abendessen in
der Säulenhalle, bei dem es Karpfen und gefüllten Puter in übergewaltigen
Mengen gab …
Hier ist zu erwähnen, daß Tony Buddenbrook in diesen Jahren zwei
mecklenburgische Güter besuchte. Ein paar Sommerwochen verlebte sie
mit ihrer Freundin Armgard auf dem Besitztum des Herrn von Schilling,
das Travemünde gegenüber jenseits der Bucht an der Küste lag. Und ein
anderes Mal reiste sie mit Cousine Thilda dorthin, wo Herr Bernhard
Buddenbrook Inspektor war. Dieses Gut hieß »Ungnade« und brachte nicht
einen Heller ein; aber als Ferienaufenthalt war es trotzdem nicht zu
verachten.
So wanderten die Jahre vorbei, und es war, alles in allem, eine
glückliche Jugendzeit, die Tony verlebte.
Page 85
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Kurz nach fünf Uhr, eines Juni-Nachmittages, saß man vor dem
»Portale« im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem
weißgetünchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel,
dessen Fläche mit flatternden Vögeln bemalt war, und den beiden lackierten
Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen waren
und nur gemalte Klinken besaßen, war die Luft zu warm und dumpfig, und
man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Möbel
hinausgestellt.
Im Halbkreise saßen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde
um den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte,
während Christian, ein wenig seitwärts, mit einem unglücklichen
Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede präparierte. Der
Konsul war mit seiner Zigarre und den »Anzeigen« beschäftigt. Die
Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lächelnd der
kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen
suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide
Hände gestützt und las versunken in Hoffmanns »Serapionsbrüdern«,
während Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte,
was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die
mager und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide dasaß, las eine
Erzählung, welche den Titel trug: »Blind, taub, stumm und dennoch
glückselig«; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem Tischtuche
zusammen, worauf sie das Häufchen mit allen fünf Fingern ergriff und
behutsam verzehrte.
Erstes Kapitel
Kurz nach fünf Uhr, eines Juni-Nachmittages, saß man vor dem
»Portale« im Garten, woselbst man Kaffee getrunken hatte. Drinnen in dem
weißgetünchten Raum des Gartenhauses mit dem hohen Wandspiegel,
dessen Fläche mit flatternden Vögeln bemalt war, und den beiden lackierten
Flügeltüren im Hintergrunde, die genau betrachtet gar keine Türen waren
und nur gemalte Klinken besaßen, war die Luft zu warm und dumpfig, und
man hatte die aus knorrigem, gebeiztem Holze leicht gearbeiteten Möbel
hinausgestellt.
Im Halbkreise saßen der Konsul, seine Gattin, Tony, Tom und Klothilde
um den runden gedeckten Tisch, auf dem das benutzte Service schimmerte,
während Christian, ein wenig seitwärts, mit einem unglücklichen
Gesichtsausdruck Ciceros zweite Catilinarische Rede präparierte. Der
Konsul war mit seiner Zigarre und den »Anzeigen« beschäftigt. Die
Konsulin hatte ihre Seidenstickerei sinken lassen und sah lächelnd der
kleinen Klara zu, die mit Ida Jungmann auf dem Rasenplatze Veilchen
suchte, denn es gab zuweilen Veilchen dort. Tony hatte den Kopf in beide
Hände gestützt und las versunken in Hoffmanns »Serapionsbrüdern«,
während Tom sie mit einem Grashalm ganz vorsichtig im Nacken kitzelte,
was sie aus Klugheit aber durchaus nicht bemerkte. Und Klothilde, die
mager und ältlich in ihrem geblümten Kattunkleide dasaß, las eine
Erzählung, welche den Titel trug: »Blind, taub, stumm und dennoch
glückselig«; zwischendurch schabte sie die Biskuitreste auf dem Tischtuche
zusammen, worauf sie das Häufchen mit allen fünf Fingern ergriff und
behutsam verzehrte.
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Der Himmel, an dem unbeweglich ein paar weiße Wolken standen,
begann langsam blasser zu werden. Das Stadtgärtchen lag mit symmetrisch
angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne.
Der Duft der Reseden, die die Beete umsäumten, kam dann und wann durch
die Luft daher.
»Na, Tom«, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem
Mund; »die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich
dir erzählte, arrangiert sich.«
»Was gibt er?« fragte Thomas interessiert und hörte auf, Tony zu
plagen.
»Sechzig Taler für tausend Kilo … nicht übel, wie?«
»Das ist vorzüglich!« Tom wußte, daß dies ein sehr gutes Geschäft war.
»Tony, deine Haltung ist nicht comme il faut«, bemerkte die Konsulin,
worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen
vom Tische nahm.
»Das schadet nichts«, sagte Tom. »Sie kann sitzen, wie sie will, sie
bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die
Schönsten in der Familie.«
Klothilde war zum Sterben erstaunt. »Gott! Tom –?« machte sie, und es
war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte.
Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr überlegen, da half nichts; er
würde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben.
Sie zog nur mit geöffneten Nasenflügeln heftig die Luft ein und hob die
Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei
Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas über neue Lackschuhe fallen
ließ, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich
lebhaft bei der Sache.
»Ihr redet und redet«, rief Christian kläglich, »und dies ist so
fürchterlich schwer! Ich wollte, ich wäre auch Kaufmann –!«
»Ja, du willst jeden Tag etwas anderes«, sagte Tom. – Hierauf kam
Anton über den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah
begann langsam blasser zu werden. Das Stadtgärtchen lag mit symmetrisch
angelegten Wegen und Beeten bunt und reinlich in der Nachmittagssonne.
Der Duft der Reseden, die die Beete umsäumten, kam dann und wann durch
die Luft daher.
»Na, Tom«, sagte der Konsul gutgelaunt und nahm die Zigarre aus dem
Mund; »die Roggenangelegenheit mit van Henkdom & Comp., von der ich
dir erzählte, arrangiert sich.«
»Was gibt er?« fragte Thomas interessiert und hörte auf, Tony zu
plagen.
»Sechzig Taler für tausend Kilo … nicht übel, wie?«
»Das ist vorzüglich!« Tom wußte, daß dies ein sehr gutes Geschäft war.
»Tony, deine Haltung ist nicht comme il faut«, bemerkte die Konsulin,
worauf Tony, ohne die Augen von ihrem Buche zu erheben, einen Ellbogen
vom Tische nahm.
»Das schadet nichts«, sagte Tom. »Sie kann sitzen, wie sie will, sie
bleibt immer Tony Buddenbrook. Thilda und sie sind unstreitig die
Schönsten in der Familie.«
Klothilde war zum Sterben erstaunt. »Gott! Tom –?« machte sie, und es
war unbegreiflich, wie lang sie diese kurzen Silben zu ziehen vermochte.
Tony duldete schweigend, denn Tom war ihr überlegen, da half nichts; er
würde wieder eine Antwort finden und die Lacher auf seiner Seite haben.
Sie zog nur mit geöffneten Nasenflügeln heftig die Luft ein und hob die
Schultern empor. Als aber die Konsulin von dem bevorstehenden Ball bei
Konsul Huneus zu sprechen begann und etwas über neue Lackschuhe fallen
ließ, nahm Tony auch den anderen Ellenbogen vom Tisch und zeigte sich
lebhaft bei der Sache.
»Ihr redet und redet«, rief Christian kläglich, »und dies ist so
fürchterlich schwer! Ich wollte, ich wäre auch Kaufmann –!«
»Ja, du willst jeden Tag etwas anderes«, sagte Tom. – Hierauf kam
Anton über den Hof; er kam mit einer Karte auf dem Teebrett, und man sah
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ihm erwartungsvoll entgegen.
»G r ü n l i c h, Agent«, las der Konsul. »Aus Hamburg. Ein angenehmer,
gut empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschäfte mit ihm. Es ist
da eine Sache … Sage dem Herrn, Anton – es ist dir recht Bethsy? – er
möge sich hierher bemühen …«
– Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit
ziemlich kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroßer
Mann von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und
langschößigen Anzug und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter
dem hellblonden, spärlichen Haupthaar war rosig und lächelte; neben dem
einen Nasenflügel aber befand sich eine auffällige Warze. Er trug Kinn und
Oberlippe glattrasiert und ließ den Backenbart nach englischer Mode lang
hinunterhängen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe.
– Schon von weitem vollführte er mit seinem großen, hellgrauen Hut eine
Gebärde der Ergebenheit …
Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem
Oberkörper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen
verbeugte.
»Ich störe, ich trete in einen Familienkreis«, sprach er mit weicher
Stimme und feiner Zurückhaltung. »Man hat gute Bücher zur Hand
genommen, man plaudert … Ich muß um Verzeihung bitten!«
»Sie sind willkommen, mein werter Herr Grünlich!« sagte der Konsul,
der sich, wie seine beiden Söhne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand
drückte. »Ich freue mich, Sie auch außerhalb des Kontors und im Kreise
meiner Familie begrüßen zu können. Herr Grünlich, Bethsy, mein wackerer
Geschäftsfreund … Meine Tochter Antonie … Meine Nichte Klothilde …
Sie kennen Thomas bereits … Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein
Gymnasiast.«
Herr Grünlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung
geantwortet.
»Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich habe nicht die Absicht, den Eindringling
zu spielen … Ich komme in Geschäften, und wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen dürfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu tun …«
»G r ü n l i c h, Agent«, las der Konsul. »Aus Hamburg. Ein angenehmer,
gut empfohlener Mann, ein Pastorssohn. Ich habe Geschäfte mit ihm. Es ist
da eine Sache … Sage dem Herrn, Anton – es ist dir recht Bethsy? – er
möge sich hierher bemühen …«
– Durch den Garten kam, Hut und Stock in derselben Hand, mit
ziemlich kurzen Schritten und etwas vorgestrecktem Kopf, ein mittelgroßer
Mann von etwa 32 Jahren in einem grüngelben, wolligen und
langschößigen Anzug und grauen Zwirnhandschuhen. Sein Gesicht, unter
dem hellblonden, spärlichen Haupthaar war rosig und lächelte; neben dem
einen Nasenflügel aber befand sich eine auffällige Warze. Er trug Kinn und
Oberlippe glattrasiert und ließ den Backenbart nach englischer Mode lang
hinunterhängen; diese Favoris waren von ausgesprochen goldgelber Farbe.
– Schon von weitem vollführte er mit seinem großen, hellgrauen Hut eine
Gebärde der Ergebenheit …
Mit einem letzten, sehr langen Schritte trat er heran, indem er mit dem
Oberkörper einen Halbkreis beschrieb und sich auf diese Weise vor allen
verbeugte.
»Ich störe, ich trete in einen Familienkreis«, sprach er mit weicher
Stimme und feiner Zurückhaltung. »Man hat gute Bücher zur Hand
genommen, man plaudert … Ich muß um Verzeihung bitten!«
»Sie sind willkommen, mein werter Herr Grünlich!« sagte der Konsul,
der sich, wie seine beiden Söhne, erhoben hatte und dem Gaste die Hand
drückte. »Ich freue mich, Sie auch außerhalb des Kontors und im Kreise
meiner Familie begrüßen zu können. Herr Grünlich, Bethsy, mein wackerer
Geschäftsfreund … Meine Tochter Antonie … Meine Nichte Klothilde …
Sie kennen Thomas bereits … Das ist mein zweiter Sohn, Christian, ein
Gymnasiast.«
Herr Grünlich hatte wiederum auf jeden Namen mit einer Verbeugung
geantwortet.
»Wie gesagt«, fuhr er fort, »ich habe nicht die Absicht, den Eindringling
zu spielen … Ich komme in Geschäften, und wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen dürfte, einen Gang mit mir durch den Garten zu tun …«
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Die Konsulin antwortete:
»Sie erweisen uns eine Liebenswürdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit
meinem Manne von Geschäften reden, sondern ein Weilchen mit unserer
Gesellschaft fürlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!«
»Tausend Dank«, sagte Herr Grünlich bewegt. Hierauf ließ er sich auf
dem Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich,
Hut und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand über seinen
einen Backenbart und ließ ein Hüsteln vernehmen, das ungefähr klang wie:
»Hä-ä-hm!« Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: »Das wäre
die Einleitung. Was nun?«
Die Konsulin eröffnete den Hauptteil der Unterhaltung.
»Sie sind in Hamburg zu Hause?« fragte sie, indem sie den Kopf zur
Seite neigte und ihre Arbeit im Schoße ruhen ließ.
»Allerdings, Frau Konsulin«, entgegnete Herr Grünlich mit einer neuen
Verbeugung. »Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel
unterwegs, ich bin stark beschäftigt, mein Geschäft ist ein außerordentlich
reges … hä-ä-hm, ja, das darf ich sagen.«
Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung,
als sagte sie mit respektvoller Betonung: »So?«
»Rastlose Tätigkeit ist für mich Lebensbedingung«, setzte Herr
Grünlich halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hüstelte aufs neue, als er
den Blick bemerkte, den Fräulein Antonie auf ihm ruhen ließ, diesen kalten
und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren
messen, und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in
Verachtung überzugehen.
»Wir haben Verwandte in Hamburg«, bemerkte Tony, um etwas zu
sagen.
»Die Duchamps«, erklärte der Konsul, »die Familie meiner seligen
Mutter.«
»Oh, ich bin vollkommen orientiert!« beeilte sich Herr Grünlich zu
erwidern. »Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu
»Sie erweisen uns eine Liebenswürdigkeit, wenn Sie nicht sofort mit
meinem Manne von Geschäften reden, sondern ein Weilchen mit unserer
Gesellschaft fürlieb nehmen wollten. Nehmen Sie Platz!«
»Tausend Dank«, sagte Herr Grünlich bewegt. Hierauf ließ er sich auf
dem Rande des Stuhles nieder, den Tom herbeigebracht hatte, setzte sich,
Hut und Stock auf den Knien, zurecht, strich mit der Hand über seinen
einen Backenbart und ließ ein Hüsteln vernehmen, das ungefähr klang wie:
»Hä-ä-hm!« Dies alles machte den Eindruck, als wollte er sagen: »Das wäre
die Einleitung. Was nun?«
Die Konsulin eröffnete den Hauptteil der Unterhaltung.
»Sie sind in Hamburg zu Hause?« fragte sie, indem sie den Kopf zur
Seite neigte und ihre Arbeit im Schoße ruhen ließ.
»Allerdings, Frau Konsulin«, entgegnete Herr Grünlich mit einer neuen
Verbeugung. »Ich habe meinen Wohnsitz in Hamburg, allein ich bin viel
unterwegs, ich bin stark beschäftigt, mein Geschäft ist ein außerordentlich
reges … hä-ä-hm, ja, das darf ich sagen.«
Die Konsulin zog die Brauen empor und machte eine Mundbewegung,
als sagte sie mit respektvoller Betonung: »So?«
»Rastlose Tätigkeit ist für mich Lebensbedingung«, setzte Herr
Grünlich halb zum Konsul gewendet hinzu, und er hüstelte aufs neue, als er
den Blick bemerkte, den Fräulein Antonie auf ihm ruhen ließ, diesen kalten
und musternden Blick, mit dem junge Mädchen fremde junge Herren
messen, und dessen Ausdruck jeden Augenblick bereit scheint, in
Verachtung überzugehen.
»Wir haben Verwandte in Hamburg«, bemerkte Tony, um etwas zu
sagen.
»Die Duchamps«, erklärte der Konsul, »die Familie meiner seligen
Mutter.«
»Oh, ich bin vollkommen orientiert!« beeilte sich Herr Grünlich zu
erwidern. »Ich habe die Ehre, ein wenig bei den Herrschaften bekannt zu
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sein. Es sind ausgezeichnete Menschen insgesamt, Menschen von Herz und
Geist, – hä-ä-hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist herrschte wie
in dieser, so stünde es besser um die Welt. Hier findet man Gottesglaube,
Mildherzigkeit, innige Frömmigkeit, kurz die wahre Christlichkeit, die mein
Ideal ist; und damit verbinden diese Herrschaften eine edle Weltläufigkeit,
eine Vornehmheit, eine glänzende Eleganz, Frau Konsulin, die mich
persönlich nun einmal charmiert!«
Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hören
wollen … Der Konsul aber sprach beifällig:
»Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.«
Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen
Klirren des Armbandes die Hand zu reichen, deren Fläche sie in herzlicher
Weise ganz weit herumdrehte.
»Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grünlich!« sagte sie.
Hierauf verbeugte sich Herr Grünlich, setzte sich zurecht, strich über
seinen Backenbart und hüstelte, als wollte er sagen: »Fahren wir fort.«
Die Konsulin ließ ein paar Worte fallen über die für Herrn Grünlichs
Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage … »In der Tat«,
bemerkte Herr Grünlich, »ein schweres Unglück, eine betrübende
Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist
ziemlich genau berechnet. Übrigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu
hohem Danke verpflichtet … ich bin nicht im geringsten getroffen worden.
Das Feuer wütete hauptsächlich in den Kirchspielen Sankt Petri und Nikolai
… Welch reizender Garten«, unterbrach er sich, während er sich dankend
mit einer Zigarre des Konsuls bediente, »– doch, für einen Stadtgarten ist er
ungewöhnlich groß! Und welch farbiger Blumenflor … oh, mein Gott, ich
gestehe meine Schwäche für Blumen und für die Natur im allgemeinen!
Diese Klatschrosen dort drüben putzen ganz ungemein …«
Herr Grünlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze
Stadt überhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte für jeden
ein liebenswürdiges Wort.
Geist, – hä-ä-hm. In der Tat, wenn in allen Familien ein Geist herrschte wie
in dieser, so stünde es besser um die Welt. Hier findet man Gottesglaube,
Mildherzigkeit, innige Frömmigkeit, kurz die wahre Christlichkeit, die mein
Ideal ist; und damit verbinden diese Herrschaften eine edle Weltläufigkeit,
eine Vornehmheit, eine glänzende Eleganz, Frau Konsulin, die mich
persönlich nun einmal charmiert!«
Tony dachte: Woher kennt er meine Eltern? Er sagt ihnen, was sie hören
wollen … Der Konsul aber sprach beifällig:
»Diese doppelte Geschmacksrichtung kleidet jeden Mann aufs beste.«
Und die Konsulin konnte nicht umhin, dem Gaste mit einem leisen
Klirren des Armbandes die Hand zu reichen, deren Fläche sie in herzlicher
Weise ganz weit herumdrehte.
»Sie reden mir aus der Seele, mein werter Herr Grünlich!« sagte sie.
Hierauf verbeugte sich Herr Grünlich, setzte sich zurecht, strich über
seinen Backenbart und hüstelte, als wollte er sagen: »Fahren wir fort.«
Die Konsulin ließ ein paar Worte fallen über die für Herrn Grünlichs
Vaterstadt so furchtbaren zweiundvierziger Maitage … »In der Tat«,
bemerkte Herr Grünlich, »ein schweres Unglück, eine betrübende
Heimsuchung, dieser Brand. Ein Schade von 135 Millionen, ja, das ist
ziemlich genau berechnet. Übrigens bin ich meinerseits der Vorsehung zu
hohem Danke verpflichtet … ich bin nicht im geringsten getroffen worden.
Das Feuer wütete hauptsächlich in den Kirchspielen Sankt Petri und Nikolai
… Welch reizender Garten«, unterbrach er sich, während er sich dankend
mit einer Zigarre des Konsuls bediente, »– doch, für einen Stadtgarten ist er
ungewöhnlich groß! Und welch farbiger Blumenflor … oh, mein Gott, ich
gestehe meine Schwäche für Blumen und für die Natur im allgemeinen!
Diese Klatschrosen dort drüben putzen ganz ungemein …«
Herr Grünlich lobte die vornehme Anlage des Hauses, er lobte die ganze
Stadt überhaupt, er lobte auch die Zigarre des Konsuls und hatte für jeden
ein liebenswürdiges Wort.
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»Darf ich es wagen, mich nach Ihrer Lektüre zu erkundigen,
Mademoiselle Antonie?« fragte er lächelnd.
Tony zog aus irgendeinem Grunde plötzlich die Brauen zusammen und
antwortete ohne Herrn Grünlich anzublicken:
»Hoffmanns Serapionsbrüder.«
»In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet«,
bemerkte er. »Aber um Vergebung … ich vergaß den Namen Ihres zweiten
Herrn Sohnes, Frau Konsulin.«
»Christian.«
»Ein schöner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf« – und
Herr Grünlich wandte sich wieder an den Hausherrn – »die Namen, welche
schon an und für sich erkennen lassen, daß ihr Träger ein Christ ist. In Ihrer
Familie ist, wie ich weiß, der Name Johann erblich … wer dächte dabei
nicht an den Lieblingsjünger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir
diese Bemerkung gestatten darf«, fuhr er mit Beredsamkeit fort, »heiße wie
die meisten meiner Vorfahren Bendix, – ein Name, der ja nur als eine
mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und Sie
lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektüre, die Werke
dieses großen römischen Redners. Quousque tandem, Catilina … hä-ä-
hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht völlig vergessen!«
Der Konsul sagte:
»Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine
Einwände gehabt gegen diese fortwährende Beschäftigung der jungen
Köpfe mit dem Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und
wichtige Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben nötig
sind …«
»Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul«, beeilte sich Herr
Grünlich zu antworten, »bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine
schwierige und, wie ich hinzuzufügen vergaß, n i c h t u n a n f e c h t b a r e
Lektüre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt anstößiger
Stellen in diesen Reden …«
Mademoiselle Antonie?« fragte er lächelnd.
Tony zog aus irgendeinem Grunde plötzlich die Brauen zusammen und
antwortete ohne Herrn Grünlich anzublicken:
»Hoffmanns Serapionsbrüder.«
»In der Tat! Dieser Schriftsteller hat Hervorragendes geleistet«,
bemerkte er. »Aber um Vergebung … ich vergaß den Namen Ihres zweiten
Herrn Sohnes, Frau Konsulin.«
»Christian.«
»Ein schöner Name! Ich liebe, wenn ich das aussprechen darf« – und
Herr Grünlich wandte sich wieder an den Hausherrn – »die Namen, welche
schon an und für sich erkennen lassen, daß ihr Träger ein Christ ist. In Ihrer
Familie ist, wie ich weiß, der Name Johann erblich … wer dächte dabei
nicht an den Lieblingsjünger des Herrn. Ich zum Beispiel, wenn ich mir
diese Bemerkung gestatten darf«, fuhr er mit Beredsamkeit fort, »heiße wie
die meisten meiner Vorfahren Bendix, – ein Name, der ja nur als eine
mundartliche Zusammenziehung von Benedikt zu betrachten ist. Und Sie
lesen, Herr Buddenbrook? Ah, Cicero! Eine schwierige Lektüre, die Werke
dieses großen römischen Redners. Quousque tandem, Catilina … hä-ä-
hm, ja, ich habe mein Latein gleichfalls noch nicht völlig vergessen!«
Der Konsul sagte:
»Ich habe, im Gegensatze zu meinem seligen Vater, immer meine
Einwände gehabt gegen diese fortwährende Beschäftigung der jungen
Köpfe mit dem Griechischen und Lateinischen. Es gibt so viele ernste und
wichtige Dinge, die zur Vorbereitung auf das praktische Leben nötig
sind …«
»Sie sprechen meine Meinung aus, Herr Konsul«, beeilte sich Herr
Grünlich zu antworten, »bevor ich ihr Worte verleihen konnte! Eine
schwierige und, wie ich hinzuzufügen vergaß, n i c h t u n a n f e c h t b a r e
Lektüre. Von allem abgesehen, erinnere ich mich einiger direkt anstößiger
Stellen in diesen Reden …«
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Als eine Pause entstand, dachte Tony: Jetzt komme ich an die Reihe.
Denn Herrn Grünlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die
Reihe. Herr Grünlich nämlich schnellte plötzlich ein wenig auf seinem Sitze
empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante
Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flüsterte heftig:
»Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? – Ich beschwöre Sie, mein
Fräulein«, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen sollte,
»bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung …! – Beachten Sie«,
fuhr er wieder flüsternd fort, »wie die Sonne in dem Haare Ihres Fräulein
Tochter spielt? – Ich habe niemals schöneres Haar gesehen!« sprach er
plötzlich ernst vor Entzücken in die Luft hinein, als ob er zu Gott oder
seinem Herzen redete.
Die Konsulin lächelte wohlgefällig, der Konsul sagte: »Setzen Sie der
Dirn keine Schwachheiten in den Kopf!« und Tony zog wiederum stumm
die Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grünlich.
»Aber ich inkommodiere nicht länger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich
inkommodiere nicht länger! Ich kam in Geschäften … allein wer könnte
widerstehen … Nun ruft die Tätigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen dürfte …«
»Ich brauche Sie nicht zu versichern«, sagte die Konsulin, »wie sehr es
mich freuen würde, wenn Sie während der Dauer Ihres Aufenthaltes am
Orte in unserem Hause vorlieb nehmen möchten …«
Herr Grünlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. »Ich bin
Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin!« sagte er mit dem
Ausdruck der Rührung. »Aber ich darf Ihre Liebenswürdigkeit nicht
mißbrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt
Hamburg …«
»Ein p a a r Zimmer«, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was
sie nach Herrn Grünlichs Absicht denken sollte.
»Jedenfalls«, beschloß sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher
Bewegung die Hand bot, »hoffe ich, daß wir uns nicht zum letzten Male
gesehen haben.«
Denn Herrn Grünlichs Blicke ruhten auf ihr. Und richtig, sie kam an die
Reihe. Herr Grünlich nämlich schnellte plötzlich ein wenig auf seinem Sitze
empor, machte eine kurze, krampfhafte und dennoch elegante
Handbewegung nach der Seite der Konsulin und flüsterte heftig:
»Ich bitte Sie, Frau Konsulin, beachten Sie? – Ich beschwöre Sie, mein
Fräulein«, unterbrach er sich laut, als ob Tony nur dies verstehen sollte,
»bleiben Sie noch einen Moment in dieser Stellung …! – Beachten Sie«,
fuhr er wieder flüsternd fort, »wie die Sonne in dem Haare Ihres Fräulein
Tochter spielt? – Ich habe niemals schöneres Haar gesehen!« sprach er
plötzlich ernst vor Entzücken in die Luft hinein, als ob er zu Gott oder
seinem Herzen redete.
Die Konsulin lächelte wohlgefällig, der Konsul sagte: »Setzen Sie der
Dirn keine Schwachheiten in den Kopf!« und Tony zog wiederum stumm
die Brauen zusammen. Einige Minuten darauf erhob sich Herr Grünlich.
»Aber ich inkommodiere nicht länger, nein, bei Gott, Frau Konsulin, ich
inkommodiere nicht länger! Ich kam in Geschäften … allein wer könnte
widerstehen … Nun ruft die Tätigkeit! Wenn ich den Herrn Konsul
ersuchen dürfte …«
»Ich brauche Sie nicht zu versichern«, sagte die Konsulin, »wie sehr es
mich freuen würde, wenn Sie während der Dauer Ihres Aufenthaltes am
Orte in unserem Hause vorlieb nehmen möchten …«
Herr Grünlich blieb einen Augenblick stumm vor Dankbarkeit. »Ich bin
Ihnen von ganzer Seele verbunden, Frau Konsulin!« sagte er mit dem
Ausdruck der Rührung. »Aber ich darf Ihre Liebenswürdigkeit nicht
mißbrauchen. Ich bewohne ein paar Zimmer im Gasthause Stadt
Hamburg …«
»Ein p a a r Zimmer«, dachte die Konsulin, und dies war es auch, was
sie nach Herrn Grünlichs Absicht denken sollte.
»Jedenfalls«, beschloß sie, indem sie ihm noch einmal mit herzlicher
Bewegung die Hand bot, »hoffe ich, daß wir uns nicht zum letzten Male
gesehen haben.«
Page 92
Herr Grünlich küßte der Konsulin die Hand, wartete einen Augenblick,
daß auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb
einen Halbkreis mit dem Oberkörper, trat einen großen Schritt zurück,
verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er
das Haupt zurückwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul
davon …
»Ein angenehmer Mann!« wiederholte der letztere, als er zu seiner
Familie zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm.
»Ich finde ihn a l b e r n«, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit
Nachdruck.
»Tony! Mein Gott! Was für ein Urteil!« rief die Konsulin ein wenig
entrüstet. »Ein so christlicher junger Mann!«
»Ein so wohlerzogener und weltläufiger Mann!« ergänzte der Konsul.
»Du weißt nicht, was du sagst.« – Es geschah manchmal, daß die Eltern in
dieser Weise aus Höflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie
desto sicherer, einig zu sein.
Christian zog seine große Nase in Falten und sagte:
»Wie wichtig er immer spricht!… Man plaudert! Wir plauderten gar
nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz
laut zu sich selbst spräche. Ich störe – ich muß um Verzeihung bitten!… Ich
habe niemals schöneres Haar gesehen!…« Und Christian ahmte Herrn
Grünlich so vortrefflich nach, daß selbst der Konsul lachen mußte.
»Ja, er macht sich allzu wichtig!« fing Tony wieder an. »Er sprach
beständig von sich selbst! S e i n Geschäft ist rege, e r liebt die Natur, e r
bevorzugt die und die Namen, e r heißt Bendix … Was geht uns das an,
möchte ich wissen … Er sagt alles nur, um sich herauszustreichen!« rief sie
plötzlich ganz wütend. »Er sagte dir, Mama, und dir, Papa, n u r, was ihr
gern hört, um sich bei euch einzuschmeicheln!«
»Das ist kein Vorwurf, Tony!« sagte der Konsul streng. »Man befindet
sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt seine
Worte und sucht zu gefallen – das ist klar …«
daß auch Antonie ihm die ihrige reiche, was aber nicht geschah, beschrieb
einen Halbkreis mit dem Oberkörper, trat einen großen Schritt zurück,
verbeugte sich nochmals, setzte dann mit einem Schwunge und indem er
das Haupt zurückwarf, seinen grauen Hut auf und schritt mit dem Konsul
davon …
»Ein angenehmer Mann!« wiederholte der letztere, als er zu seiner
Familie zurückkehrte und seinen Platz wieder einnahm.
»Ich finde ihn a l b e r n«, erlaubte sich Tony zu bemerken und zwar mit
Nachdruck.
»Tony! Mein Gott! Was für ein Urteil!« rief die Konsulin ein wenig
entrüstet. »Ein so christlicher junger Mann!«
»Ein so wohlerzogener und weltläufiger Mann!« ergänzte der Konsul.
»Du weißt nicht, was du sagst.« – Es geschah manchmal, daß die Eltern in
dieser Weise aus Höflichkeit den Standpunkt wechselten; dann waren sie
desto sicherer, einig zu sein.
Christian zog seine große Nase in Falten und sagte:
»Wie wichtig er immer spricht!… Man plaudert! Wir plauderten gar
nicht. Und Klatschrosen putzen ungemein! Manchmal tut er, als ob er ganz
laut zu sich selbst spräche. Ich störe – ich muß um Verzeihung bitten!… Ich
habe niemals schöneres Haar gesehen!…« Und Christian ahmte Herrn
Grünlich so vortrefflich nach, daß selbst der Konsul lachen mußte.
»Ja, er macht sich allzu wichtig!« fing Tony wieder an. »Er sprach
beständig von sich selbst! S e i n Geschäft ist rege, e r liebt die Natur, e r
bevorzugt die und die Namen, e r heißt Bendix … Was geht uns das an,
möchte ich wissen … Er sagt alles nur, um sich herauszustreichen!« rief sie
plötzlich ganz wütend. »Er sagte dir, Mama, und dir, Papa, n u r, was ihr
gern hört, um sich bei euch einzuschmeicheln!«
»Das ist kein Vorwurf, Tony!« sagte der Konsul streng. »Man befindet
sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite, setzt seine
Worte und sucht zu gefallen – das ist klar …«
Page 93
»Ich finde, er ist ein guter Mensch«, sagte Klothilde sanft und gedehnt,
obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grünlich sich nicht im
geringsten bekümmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils.
»Genug«, beschloß der Konsul, »er ist ein christlicher, tüchtiger, tätiger
und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18 oder
nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen hat, du
solltest deine Tadelsucht bezähmen. Wir alle sind schwache Menschen, und
du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein aufheben dürfte …
Tom, an die Arbeit!«
Tony aber murmelte vor sich hin: »Ein goldgelber Backenbart!« und
dabei zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan
hatte.
Zweites Kapitel
»Wie aufrichtig betrübt war ich, mein Fräulein, Sie zu verfehlen!«
sprach Herr Grünlich einige Tage später, als Tony, die von einem Ausgang
zurückkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstraße mit ihm
zusammentraf. »Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu
machen, und ich vermißte Sie schmerzlich … Wie entzückt aber bin ich, Sie
nun doch noch zu treffen!«
Fräulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grünlich zu
sprechen begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die
plötzlich dunkel wurden, richteten sich nicht höher als auf Herrn Grünlichs
Brust, und um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen
unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und
verwirft … Ihre Lippen bewegten sich – was sollte sie antworten? Ha! es
mußte ein Wort sein, das diesen Bendix Grünlich ein für allemal
zurückschleuderte, vernichtete … aber es mußte ein gewandtes, witziges,
schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und ihm
imponierte …
»Das ist nicht gegenseitig!« sagte sie, immer den Blick auf Herrn
Grünlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil
obgleich sie die einzige Person war, um die Herr Grünlich sich nicht im
geringsten bekümmert hatte. Thomas enthielt sich des Urteils.
»Genug«, beschloß der Konsul, »er ist ein christlicher, tüchtiger, tätiger
und feingebildeter Mann, und du, Tony, ein großes Mädchen von 18 oder
nächstens 19 Jahren, gegen das er sich so artig und galant betragen hat, du
solltest deine Tadelsucht bezähmen. Wir alle sind schwache Menschen, und
du bist, verzeih mir, wahrlich die letzte, die einen Stein aufheben dürfte …
Tom, an die Arbeit!«
Tony aber murmelte vor sich hin: »Ein goldgelber Backenbart!« und
dabei zog sie die Brauen zusammen, wie sie es schon mehrere Male getan
hatte.
Zweites Kapitel
»Wie aufrichtig betrübt war ich, mein Fräulein, Sie zu verfehlen!«
sprach Herr Grünlich einige Tage später, als Tony, die von einem Ausgang
zurückkehrte, an der Ecke der Breiten- und Mengstraße mit ihm
zusammentraf. »Ich erlaubte mir, Ihrer Frau Mama meine Aufwartung zu
machen, und ich vermißte Sie schmerzlich … Wie entzückt aber bin ich, Sie
nun doch noch zu treffen!«
Fräulein Buddenbrook war stehengeblieben, da Herr Grünlich zu
sprechen begann; aber ihre Augen, die sie halb geschlossen hatte und die
plötzlich dunkel wurden, richteten sich nicht höher als auf Herrn Grünlichs
Brust, und um ihren Mund lag das spöttische und vollkommen
unbarmherzige Lächeln, mit dem ein junges Mädchen einen Mann mißt und
verwirft … Ihre Lippen bewegten sich – was sollte sie antworten? Ha! es
mußte ein Wort sein, das diesen Bendix Grünlich ein für allemal
zurückschleuderte, vernichtete … aber es mußte ein gewandtes, witziges,
schlagendes Wort sein, das ihn zugleich spitzig verwundete und ihm
imponierte …
»Das ist nicht gegenseitig!« sagte sie, immer den Blick auf Herrn
Grünlichs Brust geheftet; und nachdem sie diesen fein vergifteten Pfeil
Page 94
abgeschossen, ließ sie ihn stehen, legte den Kopf zurück und ging rot vor
Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst sie
erfuhr, daß Herr Grünlich zum nächsten Sonntag auf einen Kalbsbraten
gebeten sei …
Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen,
glockenförmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst
und Solidität verlieh, – rosig übrigens und lächelnd, das spärliche Haar
sorgfältig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er aß
Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit
Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel
mit Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er
mit Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen
Dessertlöffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut zu
sich selbst: »Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein großes
Stück genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prächtig gelungen; ich m u ß
die gütige Wirtin noch um ein Stückchen ersuchen!« Worauf er der
Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul über Geschäfte
und Politik, wobei er ernste und tüchtige Grundsätze an den Tag legte, er
plauderte mit der Konsulin über Theater, Gesellschaften und Toiletten; er
hatte auch für Tom, Christian und die arme Klothilde, ja selbst für die
kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswürdige Worte … Tony
verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es nicht, sich ihr zu
nähern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit seitwärts geneigtem
Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrübnis wie Ermunterung lag.
Als Herr Grünlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den
Eindruck verstärkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. »Ein
vollkommen erzogener Mann«, sagte die Konsulin. »Ein christlicher und
achtbarer Mensch«, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen
und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren
Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, daß sie diesen Herrn, der sich
mit so ungewöhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert hatte,
nicht zum letztenmal gesehen habe.
In der Tat, sie fand Herrn Grünlich, wenn sie nachmittags von einem
Besuche, einer Mädchengesellschaft zurückkehrte, eingenistet im
Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts »Waverley«
Stolz über ihre sarkastische Redegewandtheit nach Hause, woselbst sie
erfuhr, daß Herr Grünlich zum nächsten Sonntag auf einen Kalbsbraten
gebeten sei …
Und er kam. Er kam in einem nicht ganz neumodischen, aber feinen,
glockenförmigen und faltigen Gehrock, der ihm einen Anstrich von Ernst
und Solidität verlieh, – rosig übrigens und lächelnd, das spärliche Haar
sorgfältig gescheitelt und mit duftig frisierten Favoris. Er aß
Muschelragout, Juliennesuppe, gebackene Seezungen, Kalbsbraten mit
Rahmkartoffeln und Blumenkohl, Marasquino-Pudding und Pumpernickel
mit Roquefort und fand bei jedem Gerichte einen neuen Lobspruch, den er
mit Delikatesse vorzubringen verstand. Er hob zum Beispiel seinen
Dessertlöffel empor, blickte eine Statue der Tapete an und sprach laut zu
sich selbst: »Gott verzeihe mir, ich kann nicht anders; ich habe ein großes
Stück genossen, aber dieser Pudding ist gar zu prächtig gelungen; ich m u ß
die gütige Wirtin noch um ein Stückchen ersuchen!« Worauf er der
Konsulin schalkhaft zublinzelte. Er sprach mit dem Konsul über Geschäfte
und Politik, wobei er ernste und tüchtige Grundsätze an den Tag legte, er
plauderte mit der Konsulin über Theater, Gesellschaften und Toiletten; er
hatte auch für Tom, Christian und die arme Klothilde, ja selbst für die
kleine Klara und Mamsell Jungmann liebenswürdige Worte … Tony
verhielt sich schweigsam, und er seinerseits unternahm es nicht, sich ihr zu
nähern, sondern betrachtete sie nur dann und wann mit seitwärts geneigtem
Kopfe und einem Blick, in dem sowohl Betrübnis wie Ermunterung lag.
Als Herr Grünlich sich an diesem Abend verabschiedete, hatte er den
Eindruck verstärkt, den sein erster Besuch hervorgebracht. »Ein
vollkommen erzogener Mann«, sagte die Konsulin. »Ein christlicher und
achtbarer Mensch«, sagte der Konsul. Christian konnte seine Bewegungen
und Sprache nun noch besser nachahmen, und Tony sagte mit finsteren
Brauen gute Nacht, denn sie ahnte undeutlich, daß sie diesen Herrn, der sich
mit so ungewöhnlicher Schnelligkeit die Herzen ihrer Eltern erobert hatte,
nicht zum letztenmal gesehen habe.
In der Tat, sie fand Herrn Grünlich, wenn sie nachmittags von einem
Besuche, einer Mädchengesellschaft zurückkehrte, eingenistet im
Landschaftszimmer, woselbst er der Konsulin aus Walter Scotts »Waverley«
Page 95
vorlas – und zwar mit mustergültiger Aussprache, denn die Reisen im
Dienste seines regen Geschäftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach
England geführt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und
Herr Grünlich fragte mit weicher Stimme: »Es entspricht wohl nicht Ihrem
Geschmacke, mein Fräulein, was ich lese?« Worauf sie mit
zurückgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie
zum Beispiel: »Nicht im geringsten!«
Aber er ließ sich nicht stören, er begann von seinen zu früh
verstorbenen Eltern zu erzählen und berichtete von seinem Vater, der ein
Prediger, ein Pastor, ein höchst christlicher und dabei in ebenso hohem
Grade weltläufiger Mann gewesen war … Dann jedoch, ohne daß Tony
seiner Abschiedsvisite beigewohnt hätte, war Herr Grünlich nach Hamburg
abgereist. »Ida!« sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine vertraute
Freundin besaß. »Der Mensch ist fort!« Ida Jungmann aber antwortete:
»Kindchen, wirst sehen …«
Acht Tage später ereignete sich jene Szene im Frühstückszimmer …
Tony kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben
der Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte
küssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen an
ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grünem
Kräuterkäse.
»Wie hübsch, Papa, daß ich dich einmal noch vorfinde!« sagte sie,
während sie mit der Serviette ihr heißes Ei erfaßte und es mit dem Teelöffel
öffnete.
»Ich habe heute auf unsere Langschläferin gewartet«, sagte der Konsul,
der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten
Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits beendete
langsam und mit graziösen Bewegungen ihr Frühstück und lehnte sich dann
ins Sofa zurück.
»Thilda ist schon in der Küche tätig«, fuhr der Konsul bedeutsam fort,
»und ich wäre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich nicht
in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Töchterchen zu sprechen
hätten.«
Dienste seines regen Geschäftes hatten ihn, wie er berichtete, auch nach
England geführt. Tony setzte sich seitab mit einem anderen Buche, und
Herr Grünlich fragte mit weicher Stimme: »Es entspricht wohl nicht Ihrem
Geschmacke, mein Fräulein, was ich lese?« Worauf sie mit
zurückgeworfenem Kopf etwas recht spitzig Sarkastisches erwiderte, wie
zum Beispiel: »Nicht im geringsten!«
Aber er ließ sich nicht stören, er begann von seinen zu früh
verstorbenen Eltern zu erzählen und berichtete von seinem Vater, der ein
Prediger, ein Pastor, ein höchst christlicher und dabei in ebenso hohem
Grade weltläufiger Mann gewesen war … Dann jedoch, ohne daß Tony
seiner Abschiedsvisite beigewohnt hätte, war Herr Grünlich nach Hamburg
abgereist. »Ida!« sagte sie zu Mamsell Jungmann, an der sie eine vertraute
Freundin besaß. »Der Mensch ist fort!« Ida Jungmann aber antwortete:
»Kindchen, wirst sehen …«
Acht Tage später ereignete sich jene Szene im Frühstückszimmer …
Tony kam um neun Uhr herunter und war erstaunt, ihren Vater noch neben
der Konsulin am Kaffeetische zu finden. Nachdem sie sich die Stirn hatte
küssen lassen, setzte sie sich frisch, hungrig und mit schlafroten Augen an
ihren Platz, nahm Zucker und Butter und bediente sich mit grünem
Kräuterkäse.
»Wie hübsch, Papa, daß ich dich einmal noch vorfinde!« sagte sie,
während sie mit der Serviette ihr heißes Ei erfaßte und es mit dem Teelöffel
öffnete.
»Ich habe heute auf unsere Langschläferin gewartet«, sagte der Konsul,
der eine Zigarre rauchte und beharrlich mit dem zusammengefalteten
Zeitungsblatt leicht auf den Tisch schlug. Die Konsulin ihrerseits beendete
langsam und mit graziösen Bewegungen ihr Frühstück und lehnte sich dann
ins Sofa zurück.
»Thilda ist schon in der Küche tätig«, fuhr der Konsul bedeutsam fort,
»und ich wäre ebenfalls bei meiner Arbeit, wenn deine Mutter und ich nicht
in einer ernsthaften Angelegenheit mit unserem Töchterchen zu sprechen
hätten.«
Page 96
Tony, den Mund voll Butterbrot, blickte ihrem Vater und dann ihrer
Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht.
»Iß nur zuvor, mein Kind«, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem
ihr Messer niederlegte und rief: »Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!«
wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhörte, mit der Zeitung zu
spielen: »Iß nur.«
Während Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank,
ihr Ei und ihren grünen Käse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um
was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht, sie
ward ein wenig bleich, sie dankte für Honig und erklärte bald mit leiser
Stimme, daß sie fertig sei …
»Mein liebes Kind«, sagte der Konsul, nachdem er noch einen
Augenblick geschwiegen hatte, »die Frage, über die wir mit dir zu reden
haben, ist in diesem Briewe enthalten.« Und er pochte nun, statt mit der
Zeitung, mit einem großen, bläulichen Kuvert auf den Tisch. »Um kurz zu
sein: Herr Bendix Grünlich, den wir alle als einen braven und
liebenswürdigen Mann kennengelernt haben, schreibt mir, daß er während
seines hiesigen Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt
habe, und bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind
darüber?«
Tony saß mit gesenktem Kopfe zurückgelehnt, und ihre rechte Hand
drehte den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Plötzlich aber
schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll
von Tränen standen. Und mit bedrängter Stimme stieß sie hervor:
»Was will dieser Mensch von mir –! Was habe ich ihm getan –?!«
Worauf sie in Weinen ausbrach. –
Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig
verlegen seine leere Tasse.
»Liebe Tony«, sagte die Konsulin sanft, »wozu dies Echauffement! Du
kannst sicher sein, nicht wahr, daß deine Eltern nur dein Bestes im Auge
haben, und daß sie dir nicht raten können, die Lebensstellung
auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, daß du noch
keine entscheidenden Empfindungen für Herrn Grünlich hegst, aber das
Mutter mit einem Gemisch von Neugier und Erschrockenheit ins Gesicht.
»Iß nur zuvor, mein Kind«, sagte die Konsulin, und als Tony trotzdem
ihr Messer niederlegte und rief: »Nur gleich heraus damit, bitte, Papa!«
wiederholte der Konsul, der durchaus nicht aufhörte, mit der Zeitung zu
spielen: »Iß nur.«
Während Tony unter Stillschweigen und appetitlos ihren Kaffee trank,
ihr Ei und ihren grünen Käse zum Brote verzehrte, fing sie zu ahnen an, um
was es sich handelte. Die Morgenfrische verschwand von ihrem Gesicht, sie
ward ein wenig bleich, sie dankte für Honig und erklärte bald mit leiser
Stimme, daß sie fertig sei …
»Mein liebes Kind«, sagte der Konsul, nachdem er noch einen
Augenblick geschwiegen hatte, »die Frage, über die wir mit dir zu reden
haben, ist in diesem Briewe enthalten.« Und er pochte nun, statt mit der
Zeitung, mit einem großen, bläulichen Kuvert auf den Tisch. »Um kurz zu
sein: Herr Bendix Grünlich, den wir alle als einen braven und
liebenswürdigen Mann kennengelernt haben, schreibt mir, daß er während
seines hiesigen Aufenthaltes eine tiefe Neigung zu unserer Tochter gefaßt
habe, und bittet in aller Form um ihre Hand. Was denkt unser gutes Kind
darüber?«
Tony saß mit gesenktem Kopfe zurückgelehnt, und ihre rechte Hand
drehte den silbernen Serviettenring langsam um sich selbst. Plötzlich aber
schlug sie die Augen auf, Augen, die ganz dunkel geworden waren und voll
von Tränen standen. Und mit bedrängter Stimme stieß sie hervor:
»Was will dieser Mensch von mir –! Was habe ich ihm getan –?!«
Worauf sie in Weinen ausbrach. –
Der Konsul warf seiner Gattin einen Blick zu und betrachtete ein wenig
verlegen seine leere Tasse.
»Liebe Tony«, sagte die Konsulin sanft, »wozu dies Echauffement! Du
kannst sicher sein, nicht wahr, daß deine Eltern nur dein Bestes im Auge
haben, und daß sie dir nicht raten können, die Lebensstellung
auszuschlagen, die man dir anbietet. Siehst du, ich nehme an, daß du noch
keine entscheidenden Empfindungen für Herrn Grünlich hegst, aber das
Page 97
kommt, ich versichere dich, das kommt mit der Zeit … Einem so jungen
Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will … Im Kopfe sieht
es so wirr aus wie im Herzen … Man muß dem Herzen Zeit lassen und den
Kopf offen halten für die Zusprüche erfahrener Leute, die planvoll für unser
Glück sorgen …«
»Ich weiß gar nichts von ihm –« brachte Tony trostlos hervor und
drückte mit der kleinen weißen Batistserviette, in der sich Eiflecke
befanden, ihre Augen. »Ich weiß nur, daß er einen goldgelben Backenbart
hat und ein reges Geschäft …« Ihre Oberlippe, die beim Weinen zitterte,
machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck.
Der Konsul rückte mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit seinen
Stuhl an sie heran und strich lächelnd über ihr Haar.
»Meine kleine Tony«, sagte er, »was solltest du auch von ihm wissen?
Du bist ein Kind, siehst du, du würdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er
nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfünfzig hier verlebt hätte … Du
bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und das
sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im Sinne
haben …«
»Ich verstehe es nicht … ich verstehe es nicht …« schluchzte Tony
fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Kätzchen unter die
streichelnde Hand. »Er kommt hierher … sagt allen etwas Angenehmes …
reist wieder ab … und schreibt, daß er mich … ich verstehe es nicht … wie
kommt er dazu … was habe ich ihm getan?!…«
Der Konsul lächelte wieder. »Das hast du schon einmal gesagt, Tony,
und es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Töchterchen muß
durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will … Das alles
kann mit Ruhe erwogen werden, m u ß mit Ruhe erwogen werden, denn es
ist eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grünlich vorläufig
antworten und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen … Es gibt da
viele Dinge zu überlegen … So … sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht
Papa an seine Arbeit … Adieu, Bethsy …«
»Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.«
Dinge, wie du, ist es niemals klar, was es eigentlich will … Im Kopfe sieht
es so wirr aus wie im Herzen … Man muß dem Herzen Zeit lassen und den
Kopf offen halten für die Zusprüche erfahrener Leute, die planvoll für unser
Glück sorgen …«
»Ich weiß gar nichts von ihm –« brachte Tony trostlos hervor und
drückte mit der kleinen weißen Batistserviette, in der sich Eiflecke
befanden, ihre Augen. »Ich weiß nur, daß er einen goldgelben Backenbart
hat und ein reges Geschäft …« Ihre Oberlippe, die beim Weinen zitterte,
machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck.
Der Konsul rückte mit einer Bewegung plötzlicher Zärtlichkeit seinen
Stuhl an sie heran und strich lächelnd über ihr Haar.
»Meine kleine Tony«, sagte er, »was solltest du auch von ihm wissen?
Du bist ein Kind, siehst du, du würdest nicht mehr von ihm wissen, wenn er
nicht vier Wochen, sondern deren zweiundfünfzig hier verlebt hätte … Du
bist ein kleines Mädchen, das noch keine Augen hat für die Welt, und das
sich auf die Augen anderer Leute verlassen muß, die Gutes mit dir im Sinne
haben …«
»Ich verstehe es nicht … ich verstehe es nicht …« schluchzte Tony
fassungslos und schmiegte ihren Kopf wie ein Kätzchen unter die
streichelnde Hand. »Er kommt hierher … sagt allen etwas Angenehmes …
reist wieder ab … und schreibt, daß er mich … ich verstehe es nicht … wie
kommt er dazu … was habe ich ihm getan?!…«
Der Konsul lächelte wieder. »Das hast du schon einmal gesagt, Tony,
und es zeigt so recht deine kindliche Ratlosigkeit. Mein Töchterchen muß
durchaus nicht glauben, daß ich es drängen und quälen will … Das alles
kann mit Ruhe erwogen werden, m u ß mit Ruhe erwogen werden, denn es
ist eine ernste Sache. Das werde ich auch Herrn Grünlich vorläufig
antworten und sein Gesuch weder abschlagen noch bewilligen … Es gibt da
viele Dinge zu überlegen … So … sehen wir wohl? abgemacht! Nun geht
Papa an seine Arbeit … Adieu, Bethsy …«
»Auf Wiedersehen, mein lieber Jean.«
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– »Du solltest immerhin noch ein wenig Honig nehmen, Tony«, sagte
die Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die unbeweglich
und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. »Essen muß man
hinlänglich …«
Tonys Tränen versiegten allmählich. Ihr Kopf war heiß und voll von
Gedanken … Gott! was für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewußt, daß
sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und
vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der
Firma entsprach … Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male, daß
jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte man sich
dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich plötzlich um
alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie bislang nur gelesen
hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« … »fürs Leben« … Gott! Was für
eine gänzlich neue Lage auf einmal!
»Und du, Mama?« sagte sie. »Du rätst mir also auch, mein … Jawort zu
geben?« Sie zögerte einen Augenblick vor dem »Jawort«, weil es ihr allzu
hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male
in ihrem Leben mit Würde aus. Sie begann, sich ihrer anfänglichen
Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen. Es erschien ihr nicht weniger
unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die
Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen.
Die Konsulin sagte:
»Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht
abgeraten, das ist alles. Und es wäre unverantwortlich, von ihm wie von
mir, wenn wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist
vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony … Du
kämest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse und würdest auf
großem Fuße leben …«
Tony saß bewegungslos. Etwas wie seidene Portièren tauchte plötzlich
vor ihr auf, wie es deren im Salon der Großeltern gab … Ob sie als
Madame Grünlich morgens Schokolade trinken würde? Es schickte sich
nicht, danach zu fragen.
die Konsulin, als sie mit ihrer Tochter allein geblieben war, die unbeweglich
und mit gesenktem Kopfe an ihrem Platze blieb. »Essen muß man
hinlänglich …«
Tonys Tränen versiegten allmählich. Ihr Kopf war heiß und voll von
Gedanken … Gott! was für eine Angelegenheit! Sie hatte es ja gewußt, daß
sie eines Tages die Frau eines Kaufmannes werden, eine gute und
vorteilhafte Ehe eingehen werde, wie es der Würde der Familie und der
Firma entsprach … Aber nun geschah es ihr plötzlich zum ersten Male, daß
jemand sie wirklich und allen Ernstes heiraten wollte! Wie sollte man sich
dabei benehmen? Für sie, Tony Buddenbrook, handelte es sich plötzlich um
alle diese furchtbar gewichtigen Ausdrücke, die sie bislang nur gelesen
hatte: um ihr »Jawort«, um ihre »Hand« … »fürs Leben« … Gott! Was für
eine gänzlich neue Lage auf einmal!
»Und du, Mama?« sagte sie. »Du rätst mir also auch, mein … Jawort zu
geben?« Sie zögerte einen Augenblick vor dem »Jawort«, weil es ihr allzu
hochtrabend und genant erschien; dann aber sprach sie es zum ersten Male
in ihrem Leben mit Würde aus. Sie begann, sich ihrer anfänglichen
Fassungslosigkeit ein wenig zu schämen. Es erschien ihr nicht weniger
unsinnig, als zehn Minuten früher, Herrn Grünlich zu heiraten, aber die
Wichtigkeit ihrer Stellung fing an, sie mit Wohlgefallen zu erfüllen.
Die Konsulin sagte:
»Zuraten, mein Kind? Hat Papa dir zugeraten? Er hat dir nicht
abgeraten, das ist alles. Und es wäre unverantwortlich, von ihm wie von
mir, wenn wir das tun wollten. Die Verbindung, die sich dir darbietet, ist
vollkommen das, was man eine gute Partie nennt, meine liebe Tony … Du
kämest nach Hamburg in ausgezeichnete Verhältnisse und würdest auf
großem Fuße leben …«
Tony saß bewegungslos. Etwas wie seidene Portièren tauchte plötzlich
vor ihr auf, wie es deren im Salon der Großeltern gab … Ob sie als
Madame Grünlich morgens Schokolade trinken würde? Es schickte sich
nicht, danach zu fragen.
Page 99
»Wie dein Vater dir sagte: du hast Zeit zur Überlegung«, fuhr die
Konsulin fort. »Aber wir müssen dir zu bedenken geben, daß sich eine
solche Gelegenheit, dein Glück zu machen, nicht alle Tage bietet, und daß
diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir vorschreiben.
Ja, mein Kind, auch das muß ich dir vorhalten. Der Weg, der sich dir heute
eröffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weißt du selbst recht wohl …«
»Ja«, sagte Tony gedankenvoll. »Gewiß.« Sie war sich ihrer
Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewußt, und sie war
stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der
Träger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als Tochter
des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin
umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der
Gewandschneider zu Rostock hatte sich s e h r gut gestanden, und seit seiner
Zeit war es immer glänzender bergauf gegangen. Sie hatte den Beruf, auf
ihre Art den Glanz der Familie und der Firma »Johann Buddenbrook« zu
fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat einging … Tom
arbeitete dafür im Kontor … Ja, die Art dieser Partie war sicherlich die
richtige; aber ausgemacht Herr Grünlich … Sie sah ihn vor sich, seine
goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht mit der Warze am
Nasenflügel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen wolligen Anzug zu
fühlen und seine weiche Stimme zu hören …
»Ich wußte wohl«, sagte die Konsulin, »daß wir ruhigen Vorstellungen
zugänglich sind … haben wir vielleicht schon einen Entschluß gefaßt?«
»O bewahre!« rief Tony, und sie betonte das »O« mit plötzlicher
Entrüstung. »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten! Ich habe ihn
beständig mit spitzen Redensarten verhöhnt … Ich begreife überhaupt
nicht, daß er mich noch leiden mag! Er müßte doch ein bißchen Stolz im
Leibe haben …«
Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu
träufeln.
Drittes Kapitel
Konsulin fort. »Aber wir müssen dir zu bedenken geben, daß sich eine
solche Gelegenheit, dein Glück zu machen, nicht alle Tage bietet, und daß
diese Heirat genau das ist, was Pflicht und Bestimmung dir vorschreiben.
Ja, mein Kind, auch das muß ich dir vorhalten. Der Weg, der sich dir heute
eröffnet, ist der dir vorgeschriebene, das weißt du selbst recht wohl …«
»Ja«, sagte Tony gedankenvoll. »Gewiß.« Sie war sich ihrer
Verpflichtungen gegen die Familie und die Firma wohl bewußt, und sie war
stolz auf diese Verpflichtungen. Sie, Antonie Buddenbrook, vor der der
Träger Matthiesen tief seinen rauhen Zylinder abnahm, und die als Tochter
des Konsuls Buddenbrook in der Stadt wie eine kleine Herrscherin
umherging, war von der Geschichte ihrer Familie durchdrungen. Schon der
Gewandschneider zu Rostock hatte sich s e h r gut gestanden, und seit seiner
Zeit war es immer glänzender bergauf gegangen. Sie hatte den Beruf, auf
ihre Art den Glanz der Familie und der Firma »Johann Buddenbrook« zu
fördern, indem sie eine reiche und vornehme Heirat einging … Tom
arbeitete dafür im Kontor … Ja, die Art dieser Partie war sicherlich die
richtige; aber ausgemacht Herr Grünlich … Sie sah ihn vor sich, seine
goldgelben Favoris, sein rosiges, lächelndes Gesicht mit der Warze am
Nasenflügel, seine kurzen Schritte, sie glaubte seinen wolligen Anzug zu
fühlen und seine weiche Stimme zu hören …
»Ich wußte wohl«, sagte die Konsulin, »daß wir ruhigen Vorstellungen
zugänglich sind … haben wir vielleicht schon einen Entschluß gefaßt?«
»O bewahre!« rief Tony, und sie betonte das »O« mit plötzlicher
Entrüstung. »Was für ein Unsinn, Grünlich zu heiraten! Ich habe ihn
beständig mit spitzen Redensarten verhöhnt … Ich begreife überhaupt
nicht, daß er mich noch leiden mag! Er müßte doch ein bißchen Stolz im
Leibe haben …«
Und damit fing sie an, sich Honig auf eine Scheibe Landbrot zu
träufeln.
Drittes Kapitel
Page 100
In diesem Jahre unternahmen Buddenbrooks auch während der
Schulferien Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul
erklärte, geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die
schwebende Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, daß man abwartend in
der Mengstraße verblieb. An Herrn Grünlich war, von der Hand des
Konsuls geschrieben, ein überaus diplomatischer Brief abgegangen; aber
der Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen
geäußerte Hartnäckigkeit behindert. »Bewahre, Mama!« sagte sie. »Ich
kann ihn nicht ausstehen!« wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit
höchstem Nachdruck betonte und das »st« ausnahmsweise nicht getrennt
sprach. Oder sie erklärte mit Feierlichkeit: »Vater!« – sonst pflegte Tony
»Papa« zu sagen – »Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.«
Auf diesem Punkte wäre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit
stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener
Unterredung im Frühstückszimmer – man stand in der Mitte des Juli –, das
Folgende ereignet hätte …
Es war Nachmittag – ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war
ausgegangen, und Tony saß mit einem Romane allein im
Landschaftszimmer am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte überbrachte.
Bevor sie noch Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in
glockenförmigem Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es
war, wie sich versteht, Herr Grünlich, und auf seinem Gesicht lag ein
Ausdruck flehender Zärtlichkeit.
Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung,
als wollte sie in den Eßsaal entfliehen … Wie war es möglich, noch mit
einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz
pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden.
Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften
Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person
und Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da!
Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie
weinen werde.
Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite
geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich!
Schulferien Christians und Klaras keine Erholungsreise. Der Konsul
erklärte, geschäftlich zu sehr in Anspruch genommen zu sein, und die
schwebende Frage in betreff Antoniens trug dazu bei, daß man abwartend in
der Mengstraße verblieb. An Herrn Grünlich war, von der Hand des
Konsuls geschrieben, ein überaus diplomatischer Brief abgegangen; aber
der Fortgang der Dinge ward durch Tonys in den kindischsten Formen
geäußerte Hartnäckigkeit behindert. »Bewahre, Mama!« sagte sie. »Ich
kann ihn nicht ausstehen!« wobei sie die zweite Silbe des letzten Wortes mit
höchstem Nachdruck betonte und das »st« ausnahmsweise nicht getrennt
sprach. Oder sie erklärte mit Feierlichkeit: »Vater!« – sonst pflegte Tony
»Papa« zu sagen – »Ich werde ihm mein Jawort niemals erteilen.«
Auf diesem Punkte wäre die Angelegenheit sicherlich noch lange Zeit
stehengeblieben, wenn sich nicht, zehn Tage vielleicht nach jener
Unterredung im Frühstückszimmer – man stand in der Mitte des Juli –, das
Folgende ereignet hätte …
Es war Nachmittag – ein blauer, warmer Nachmittag; die Konsulin war
ausgegangen, und Tony saß mit einem Romane allein im
Landschaftszimmer am Fenster, als Anton ihr eine Visitkarte überbrachte.
Bevor sie noch Zeit gehabt, den Namen zu lesen, betrat ein Herr in
glockenförmigem Gehrock und erbsenfarbenem Beinkleid das Zimmer; es
war, wie sich versteht, Herr Grünlich, und auf seinem Gesicht lag ein
Ausdruck flehender Zärtlichkeit.
Tony fuhr entsetzt auf ihrem Stuhle empor und machte eine Bewegung,
als wollte sie in den Eßsaal entfliehen … Wie war es möglich, noch mit
einem Herrn zu sprechen, der um ihre Hand angehalten hatte? Das Herz
pochte ihr bis in den Hals hinauf, und sie war sehr bleich geworden.
Solange sie Herrn Grünlich weit entfernt wußte, hatten die ernsthaften
Verhandlungen mit den Eltern und die plötzliche Wichtigkeit ihrer Person
und Entscheidung ihr geradezu Spaß gemacht. Nun aber war er wieder da!
Er stand vor ihr! Was würde geschehen? Sie fühlte schon wieder, daß sie
weinen werde.
Mit raschen Schritten, die Arme ausgebreitet und den Kopf zur Seite
geneigt, in der Haltung eines Mannes, welcher sagen will: Hier bin ich!
Page 101
Töte mich, wenn du willst! kam Herr Grünlich auf sie zu. »Welch eine
Fügung!« rief er. »Ich finde S i e, Antonie!« Er sagte »Antonie«.
Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle
stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine
Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit
einer tiefen Entrüstung betonte, stieß sie hervor:
»Was – fällt – Ihnen – ein!«
Trotzdem standen ihr die Tränen bereits in der Kehle.
Herrn Grünlichs Bewegung war allzu groß, als daß er diesen Einwurf
hätte beachten können.
»Konnte ich länger warten … Mußte ich nicht hierher zurückkehren?«
fragte er eindringlich. »Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres l i e b e n
Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung erfüllt hat!
Konnte ich noch länger in halber Gewißheit verharren, Fräulein Antonie?
Ich hielt es nicht länger aus … Ich habe mich in einen Wagen geworfen …
Ich bin hierher geeilt … Ich habe ein paar Zimmer im Gasthofe Stadt
Hamburg genommen … und da bin ich, Antonie, um von Ihren Lippen das
letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen, das mich glücklicher
machen wird, als ich es zu sagen vermag!«
Tony war erstarrt; ihre Tränen traten zurück vor Verblüffung. Das also
war die Wirkung des vorsichtigen väterlichen Briefes, der jede
Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! – Sie stammelte
drei- oder viermal:
»Sie irren sich. – Sie irren sich …«
Herr Grünlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz
herangezogen, er setzte sich, er nötigte auch sie selbst, sich wieder
niederzulassen, und während er, vornübergebeugt, ihre Hand, die schlaff
war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme fort:
»Fräulein Antonie … Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem
Nachmittage … Sie erinnern sich jenes Nachmittages?… als ich Sie zum
ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft liebliche
Fügung!« rief er. »Ich finde S i e, Antonie!« Er sagte »Antonie«.
Tony, die, ihren Roman in der Rechten, aufgerichtet an ihrem Stuhle
stand, schob die Lippen hervor, und indem sie bei jedem Worte eine
Kopfbewegung von unten nach oben machte und jedes dieser Worte mit
einer tiefen Entrüstung betonte, stieß sie hervor:
»Was – fällt – Ihnen – ein!«
Trotzdem standen ihr die Tränen bereits in der Kehle.
Herrn Grünlichs Bewegung war allzu groß, als daß er diesen Einwurf
hätte beachten können.
»Konnte ich länger warten … Mußte ich nicht hierher zurückkehren?«
fragte er eindringlich. »Ich habe vor einer Woche den Brief Ihres l i e b e n
Herrn Vaters erhalten, diesen Brief, der mich mit Hoffnung erfüllt hat!
Konnte ich noch länger in halber Gewißheit verharren, Fräulein Antonie?
Ich hielt es nicht länger aus … Ich habe mich in einen Wagen geworfen …
Ich bin hierher geeilt … Ich habe ein paar Zimmer im Gasthofe Stadt
Hamburg genommen … und da bin ich, Antonie, um von Ihren Lippen das
letzte, entscheidende Wort in Empfang zu nehmen, das mich glücklicher
machen wird, als ich es zu sagen vermag!«
Tony war erstarrt; ihre Tränen traten zurück vor Verblüffung. Das also
war die Wirkung des vorsichtigen väterlichen Briefes, der jede
Entscheidung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben hatte! – Sie stammelte
drei- oder viermal:
»Sie irren sich. – Sie irren sich …«
Herr Grünlich hatte einen Armsessel ganz dicht an ihren Fenstersitz
herangezogen, er setzte sich, er nötigte auch sie selbst, sich wieder
niederzulassen, und während er, vornübergebeugt, ihre Hand, die schlaff
war vor Ratlosigkeit, in der seinen hielt, fuhr er mit bewegter Stimme fort:
»Fräulein Antonie … Seit dem ersten Augenblicke, seit jenem
Nachmittage … Sie erinnern sich jenes Nachmittages?… als ich Sie zum
ersten Male im Kreise der Ihrigen, eine so vornehme, so traumhaft liebliche
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Erscheinung, erblickte … ist Ihr Name mit unauslöschlichen Buchstaben in
mein Herz geschrieben …« Er verbesserte sich und sagte: »gegraben«.
»Seit jenem Tage, Fräulein Antonie, ist es mein einziger, mein heißer
Wunsch, Ihre schöne Hand fürs Leben zu gewinnen, und was der Brief
Ihres l i e b e n Herrn Vaters mich nur hoffen ließ, das werden Sie mir nun
zur glücklichen Gewißheit machen … nicht wahr?! ich darf mit Ihrer
Gegenneigung rechnen … Ihrer Gegenneigung sicher sein!« Hierbei ergriff
er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in die ängstlich
geöffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe; seine Hände
waren lang, weiß und von hohen, blauen Adern durchzogen.
Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und
in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans.
»Nein, nein!« brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie
noch: »Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!« Sie bemühte sich fest zu
sprechen, aber sie weinte schon.
»Womit habe ich dieses Zweifeln und Zögern Ihrerseits verdient?«
fragte er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. »Sie sind ein
von liebender Sorgfalt behütetes und verwöhntes Mädchen … aber ich
schwöre Ihnen, ja, ich verpfände Ihnen mein Manneswort, daß ich Sie auf
Händen tragen werde, daß Sie als meine Gattin nichts entbehren werden,
daß Sie in Hamburg ein Ihrer würdiges Leben führen werden …«
Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und während ihre Tränen
hervorstürzten, rief sie völlig verzweifelt:
»Nein … nein! Ich habe ja n e i n gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb,
verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!…«
Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er
breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflächen entgegenhielt, und
sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluß:
»Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, daß ich mich nicht in dieser
Weise beleidigen lassen darf?«
»Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grünlich«, sagte Tony, denn sie
bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mußte gerade ihr dies
mein Herz geschrieben …« Er verbesserte sich und sagte: »gegraben«.
»Seit jenem Tage, Fräulein Antonie, ist es mein einziger, mein heißer
Wunsch, Ihre schöne Hand fürs Leben zu gewinnen, und was der Brief
Ihres l i e b e n Herrn Vaters mich nur hoffen ließ, das werden Sie mir nun
zur glücklichen Gewißheit machen … nicht wahr?! ich darf mit Ihrer
Gegenneigung rechnen … Ihrer Gegenneigung sicher sein!« Hierbei ergriff
er auch mit der anderen Hand die ihre und blickte ihr tief in die ängstlich
geöffneten Augen. Er trug heute keine Zwirnhandschuhe; seine Hände
waren lang, weiß und von hohen, blauen Adern durchzogen.
Tony starrte in sein rosiges Gesicht, auf die Warze an seiner Nase, und
in seine Augen, die so blau waren wie diejenigen einer Gans.
»Nein, nein!« brachte sie rasch und angstvoll hervor. Hierauf sagte sie
noch: »Ich gebe Ihnen nicht mein Jawort!« Sie bemühte sich fest zu
sprechen, aber sie weinte schon.
»Womit habe ich dieses Zweifeln und Zögern Ihrerseits verdient?«
fragte er mit tief gesenkter und fast vorwurfsvoller Stimme. »Sie sind ein
von liebender Sorgfalt behütetes und verwöhntes Mädchen … aber ich
schwöre Ihnen, ja, ich verpfände Ihnen mein Manneswort, daß ich Sie auf
Händen tragen werde, daß Sie als meine Gattin nichts entbehren werden,
daß Sie in Hamburg ein Ihrer würdiges Leben führen werden …«
Tony sprang auf, sie befreite ihre Hand, und während ihre Tränen
hervorstürzten, rief sie völlig verzweifelt:
»Nein … nein! Ich habe ja n e i n gesagt! Ich gebe Ihnen einen Korb,
verstehen Sie das denn nicht, Gott im Himmel?!…«
Allein auch Herr Grünlich erhob sich. Er trat einen Schritt zurück, er
breitete die Arme aus, indem er ihr beide Handflächen entgegenhielt, und
sprach mit dem Ernst eines Mannes von Ehre und Entschluß:
»Wissen Sie, Mademoiselle Buddenbrook, daß ich mich nicht in dieser
Weise beleidigen lassen darf?«
»Aber ich beleidige Sie nicht, Herr Grünlich«, sagte Tony, denn sie
bereute, so heftig gewesen zu sein. Mein Gott, mußte gerade ihr dies
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begegnen! Sie hatte sich so eine Werbung nicht vorgestellt. Sie hatte
geglaubt, man brauche nur zu sagen: »Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann
ihn nicht annehmen«, damit alles erledigt sei …
»Ihr Antrag ehrt mich«, sagte sie so ruhig sie konnte; »aber ich kann ihn
nicht annehmen … So, und ich muß Sie nun … verlassen, entschuldigen
Sie, ich habe keine Zeit mehr.«
Aber Herr Grünlich stand ihr im Wege.
»Sie weisen mich zurück?« fragte er tonlos …
»Ja«, sagte Tony; und aus Vorsicht fügte sie hinzu: »Leider« …
Da atmete Herr Grünlich heftig auf, er machte zwei große Schritte
rückwärts, beugte den Oberkörper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf
den Teppich und rief mit fürchterlicher Stimme:
»Antonie –!«
So standen sie sich während eines Augenblicks gegenüber; er in
aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung, Tony blaß, verweint und
zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab und
durchmaß, die Hände auf dem Rücken, zweimal das Zimmer, als sei er hier
zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die Scheiben
in die beginnende Dämmerung.
Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die
Glastür zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr
Grünlich aufs neue bei ihr stand.
»Tony!« sagte er ganz leise, während er sanft ihre Hand erfaßte; und er
sank … sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden
goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand.
»Tony …«, wiederholte er, »sehen Sie mich hier … Dahin haben Sie es
gebracht … Haben Sie ein Herz, ein fühlendes Herz?… Hören Sie mich an
… Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet ist,
wenn … ja, der vor Kummer sterben wird«, unterbrach er sich mit einer
gewissen Hast, »wenn Sie seine Liebe verschmähen! Hier liege ich …
bringen Sie es über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie –?«
geglaubt, man brauche nur zu sagen: »Ihr Antrag ehrt mich, aber ich kann
ihn nicht annehmen«, damit alles erledigt sei …
»Ihr Antrag ehrt mich«, sagte sie so ruhig sie konnte; »aber ich kann ihn
nicht annehmen … So, und ich muß Sie nun … verlassen, entschuldigen
Sie, ich habe keine Zeit mehr.«
Aber Herr Grünlich stand ihr im Wege.
»Sie weisen mich zurück?« fragte er tonlos …
»Ja«, sagte Tony; und aus Vorsicht fügte sie hinzu: »Leider« …
Da atmete Herr Grünlich heftig auf, er machte zwei große Schritte
rückwärts, beugte den Oberkörper zur Seite, wies mit dem Zeigefinger auf
den Teppich und rief mit fürchterlicher Stimme:
»Antonie –!«
So standen sie sich während eines Augenblicks gegenüber; er in
aufrichtig erzürnter und gebietender Haltung, Tony blaß, verweint und
zitternd, das feuchte Taschentuch am Munde. Endlich wandte er sich ab und
durchmaß, die Hände auf dem Rücken, zweimal das Zimmer, als sei er hier
zu Hause. Dann blieb er am Fenster stehen und blickte durch die Scheiben
in die beginnende Dämmerung.
Tony schritt langsam und mit einer gewissen Behutsamkeit auf die
Glastür zu; aber sie befand sich erst in der Mitte des Zimmers, als Herr
Grünlich aufs neue bei ihr stand.
»Tony!« sagte er ganz leise, während er sanft ihre Hand erfaßte; und er
sank … sank langsam bei ihr zu Boden auf die Knie. Seine beiden
goldgelben Favoris lagen auf ihrer Hand.
»Tony …«, wiederholte er, »sehen Sie mich hier … Dahin haben Sie es
gebracht … Haben Sie ein Herz, ein fühlendes Herz?… Hören Sie mich an
… Sie sehen einen Mann vor sich, der vernichtet, zugrunde gerichtet ist,
wenn … ja, der vor Kummer sterben wird«, unterbrach er sich mit einer
gewissen Hast, »wenn Sie seine Liebe verschmähen! Hier liege ich …
bringen Sie es über das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue Sie –?«
Page 104
»Nein, nein!« sagte Tony plötzlich in tröstendem Ton. Ihre Tränen
waren versiegt, Rührung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr
mußte er sie lieben, daß er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz fremd
und gleichgültig war, so weit trieb! War es möglich, daß s i e dies erlebte?
In Romanen las man dergleichen, und nun lag im gewöhnlichen Leben ein
Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und flehte!… Ihr war der Gedanke,
ihn zu heiraten, einfach unsinnig erschienen, weil sie Herrn Grünlich albern
gefunden hatte. Aber, bei Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus
nicht albern! Aus seiner Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche
Angst, eine so aufrichtige und verzweifelte Bitte …
»Nein, nein«, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen über ihn
beugte, »ich verabscheue Sie nicht, Herr Grünlich, wie können Sie
dergleichen sagen!… Aber nun stehen Sie auf … bitte …«
»Sie wollen mich nicht töten?« fragte er wieder, und sie sagte noch
einmal in einem beinahe mütterlich tröstenden Ton:
»Nein – nein …«
»Das ist ein Wort!« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße. Sofort
aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, ließ er sich noch einmal
nieder und sagte ängstlich beschwichtigend:
»Gut, gut … sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug für diesmal,
ich bitte Sie, von dieser Sache … Wir reden weiter davon … Ein anderes
Mal … Ein anderes Mal … Leben Sie wohl für heute … Leben Sie wohl …
Ich kehre zurück … Leben Sie wohl! –«
Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen großen grauen Hut vom
Tische gerissen, hatte ihre Hand geküßt und war durch die Glastür
hinausgeeilt.
Tony sah, wie er in der Säulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor
verschwand. Sie stand, völlig verwirrt und erschöpft, inmitten des Zimmers,
das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhängenden Hände.
Vi e r t e s K a p i t e l
waren versiegt, Rührung und Mitleid stiegen in ihr auf. Mein Gott, wie sehr
mußte er sie lieben, daß er diese Sache, die ihr selbst innerlich ganz fremd
und gleichgültig war, so weit trieb! War es möglich, daß s i e dies erlebte?
In Romanen las man dergleichen, und nun lag im gewöhnlichen Leben ein
Herr im Gehrock vor ihr auf den Knien und flehte!… Ihr war der Gedanke,
ihn zu heiraten, einfach unsinnig erschienen, weil sie Herrn Grünlich albern
gefunden hatte. Aber, bei Gott, in diesem Augenblicke war er durchaus
nicht albern! Aus seiner Stimme und seinem Gesicht sprach eine so ehrliche
Angst, eine so aufrichtige und verzweifelte Bitte …
»Nein, nein«, wiederholte sie, indem sie sich ganz ergriffen über ihn
beugte, »ich verabscheue Sie nicht, Herr Grünlich, wie können Sie
dergleichen sagen!… Aber nun stehen Sie auf … bitte …«
»Sie wollen mich nicht töten?« fragte er wieder, und sie sagte noch
einmal in einem beinahe mütterlich tröstenden Ton:
»Nein – nein …«
»Das ist ein Wort!« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße. Sofort
aber, als er Tonys erschrockene Bewegung sah, ließ er sich noch einmal
nieder und sagte ängstlich beschwichtigend:
»Gut, gut … sprechen Sie nun nichts mehr, Antonie! Genug für diesmal,
ich bitte Sie, von dieser Sache … Wir reden weiter davon … Ein anderes
Mal … Ein anderes Mal … Leben Sie wohl für heute … Leben Sie wohl …
Ich kehre zurück … Leben Sie wohl! –«
Er hatte sich rasch erhoben, er hatte seinen großen grauen Hut vom
Tische gerissen, hatte ihre Hand geküßt und war durch die Glastür
hinausgeeilt.
Tony sah, wie er in der Säulenhalle seinen Stock ergriff und im Korridor
verschwand. Sie stand, völlig verwirrt und erschöpft, inmitten des Zimmers,
das feuchte Taschentuch in einer ihrer hinabhängenden Hände.
Vi e r t e s K a p i t e l
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Konsul Buddenbrook sagte zu seiner Gattin:
»Wenn ich mir denken könnte, daß Tony irgendeinen delikaten
Beweggrund hat, sich für diese Verbindung nicht entschließen zu können!
Aber sie ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergnügungslustig, tanzt auf Bällen,
läßt sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Pläsier, denn sie
weiß, daß sie hübsch und von Familie ist … sie ist vielleicht im geheimen
und unbewußt auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie man
zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt … Fragte man sie, so würde sie den
Kopf hin und her drehen und nachdenken … aber sie würde niemanden
finden … Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld … Sagt sie ja, so
wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett installieren können,
wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon nach ein paar Tagen
lieben … Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein, er ist kein Beau … aber er
ist immerhin im höchsten Grade präsentabel, und man kann am Ende nicht
fünf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du mir die kaufmännische Phrase
zugut halten willst!… Wenn sie warten will, bis jemand kommt, der eine
Schönheit und außerdem eine gute Partie ist – nun, Gott befohlen! Tony
Buddenbrook findet immer noch etwas. Indessen andererseits … es bleibt
ein Risiko, und, um wieder kaufmännisch zu reden, Fischzug ist alle Tage,
aber nicht alle Tage Fangetag!… Ich habe gestern vormittag in einer
längeren Unterredung mit Grünlich, der sich ja mit dem andauerndsten
Ernste bewirbt, seine Bücher gesehen … er hat sie mir vorgelegt … Bücher,
Bethsy, zum Einrahmen! Ich habe ihm mein höchstes Vergnügen
ausgesprochen! Seine Sachen stehen für ein so junges Geschäft recht gut,
recht gut. Sein Vermögen beläuft sich auf etwa 120000 Taler, was
ersichtlich nur die vorläufige Grundlage ist, denn er macht jährlich einen
hübschen Schnitt … Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch
nicht übel: Seine Verhältnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe
gentleman like, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschäft sei
ein notorisch lebhaftes und weit verzweigtes … Was ich bei einigen anderen
Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer,
erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weißt,
Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der
Firma nur zum Vorteil gereichen würde, dringend erwünschen! – Es tut mir
ja leid, mein Gott, daß das Kind sich in einer bedrängten Lage befindet, daß
sie von allen Seiten umlagert ist, bedrückt umhergeht und kaum noch
»Wenn ich mir denken könnte, daß Tony irgendeinen delikaten
Beweggrund hat, sich für diese Verbindung nicht entschließen zu können!
Aber sie ist ein Kind, Bethsy, sie ist vergnügungslustig, tanzt auf Bällen,
läßt sich von den jungen Leuten bekuren, und zwar mit Pläsier, denn sie
weiß, daß sie hübsch und von Familie ist … sie ist vielleicht im geheimen
und unbewußt auf der Suche, aber ich kenne sie, sie hat ihr Herz, wie man
zu sagen pflegt, noch gar nicht entdeckt … Fragte man sie, so würde sie den
Kopf hin und her drehen und nachdenken … aber sie würde niemanden
finden … Sie ist ein Kind, ein Spatz, ein Springinsfeld … Sagt sie ja, so
wird sie ihren Platz gefunden haben, sie wird sich nett installieren können,
wonach ihr der Sinn steht, und ihren Mann schon nach ein paar Tagen
lieben … Er ist kein Beau, nein, mein Gott, nein, er ist kein Beau … aber er
ist immerhin im höchsten Grade präsentabel, und man kann am Ende nicht
fünf Beine auf ein Schaf verlangen, wenn du mir die kaufmännische Phrase
zugut halten willst!… Wenn sie warten will, bis jemand kommt, der eine
Schönheit und außerdem eine gute Partie ist – nun, Gott befohlen! Tony
Buddenbrook findet immer noch etwas. Indessen andererseits … es bleibt
ein Risiko, und, um wieder kaufmännisch zu reden, Fischzug ist alle Tage,
aber nicht alle Tage Fangetag!… Ich habe gestern vormittag in einer
längeren Unterredung mit Grünlich, der sich ja mit dem andauerndsten
Ernste bewirbt, seine Bücher gesehen … er hat sie mir vorgelegt … Bücher,
Bethsy, zum Einrahmen! Ich habe ihm mein höchstes Vergnügen
ausgesprochen! Seine Sachen stehen für ein so junges Geschäft recht gut,
recht gut. Sein Vermögen beläuft sich auf etwa 120000 Taler, was
ersichtlich nur die vorläufige Grundlage ist, denn er macht jährlich einen
hübschen Schnitt … Was Duchamps sagen, die ich befragte, klingt auch
nicht übel: Seine Verhältnisse seien ihnen zwar nicht bekannt, aber er lebe
gentleman like, verkehre in der besten Gesellschaft, und sein Geschäft sei
ein notorisch lebhaftes und weit verzweigtes … Was ich bei einigen anderen
Hamburger Leuten, wie zum Beispiel bei einem Bankier Kesselmeyer,
erfahren, hat mich gleichfalls vollauf befriedigt. Kurz, wie du weißt,
Bethsy, ich kann nicht anders, als diese Heirat, die der Familie und der
Firma nur zum Vorteil gereichen würde, dringend erwünschen! – Es tut mir
ja leid, mein Gott, daß das Kind sich in einer bedrängten Lage befindet, daß
sie von allen Seiten umlagert ist, bedrückt umhergeht und kaum noch
Page 106
spricht; aber ich kann mich schlechterdings nicht entschließen, Grünlich
kurzerhand abzuweisen … denn noch eines, Bethsy, und das kann ich nicht
oft genug wiederholen: Wir haben uns in den letzten Jahren bei Gott nicht
in allzu hocherfreulicher Weise aufgenommen. Nicht als ob der Segen
fehlte, behüte, nein, treue Arbeit wird redlich belohnt. Die Geschäfte gehen
ruhig … ach, allzu ruhig, und auch das nur, weil ich mit äußerster Vorsicht
zu Werke gehe. Wir sind nicht vorwärts gekommen, nicht wesentlich, seit
Vater abgerufen wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut für den
Kaufmann … Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist
heiratsfähig und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als
vorteilhaft und rühmlich in die Augen springt – sie soll sie machen! Warten
ist nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe
ihr heute Nachmittag nach Kräften zugeredet …«
– Tony war in bedrängter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte
nicht mehr »nein«, aber sie vermochte auch das »Ja« nicht über die Lippen
zu bringen – Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht recht, warum
sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte.
Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes
Wort, ließ dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche
Entschließung zu fordern … Onkel Gotthold und seine Familie hatte man in
die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bißchen mokant
gegen die in der Mengstraße gestimmt waren. Aber sogar Sesemi
Weichbrodt hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache
zum guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: »Tonychen, mein Kindchen,
brauchst keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen …« und Tony
konnte nicht den verehrten seidnen Salon draußen vorm Burgtore besuchen,
ohne daß die alte Madame Kröger anfing: »A propos, ich höre da von einer
Affäre, ich hoffe, du wirst Räson annehmen, Kleine …«
Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der
Marienkirche saß, redete Pastor Kölling in starken Worten über den Text,
der da besagt, daß das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne
nachfolgen soll – wobei er plötzlich ausfallend wurde. Tony starrte entsetzt
zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar ansähe … Nein, Gott sei Dank, er
hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt und predigte nur
im allgemeinen über die andächtige Menge hin; und dennoch war es nur
kurzerhand abzuweisen … denn noch eines, Bethsy, und das kann ich nicht
oft genug wiederholen: Wir haben uns in den letzten Jahren bei Gott nicht
in allzu hocherfreulicher Weise aufgenommen. Nicht als ob der Segen
fehlte, behüte, nein, treue Arbeit wird redlich belohnt. Die Geschäfte gehen
ruhig … ach, allzu ruhig, und auch das nur, weil ich mit äußerster Vorsicht
zu Werke gehe. Wir sind nicht vorwärts gekommen, nicht wesentlich, seit
Vater abgerufen wurde. Die Zeiten jetzt sind wahrhaftig nicht gut für den
Kaufmann … Kurz, es ist nicht viele Freude dabei. Unsere Tochter ist
heiratsfähig und in der Lage, eine Partie zu machen, die allen Leuten als
vorteilhaft und rühmlich in die Augen springt – sie soll sie machen! Warten
ist nicht ratsam, nicht ratsam, Bethsy! Sprich noch einmal mit ihr; ich habe
ihr heute Nachmittag nach Kräften zugeredet …«
– Tony war in bedrängter Lage, darin hatte der Konsul recht. Sie sagte
nicht mehr »nein«, aber sie vermochte auch das »Ja« nicht über die Lippen
zu bringen – Gott mochte ihr helfen! Sie begriff selbst nicht recht, warum
sie sich die Zusage nicht abgewinnen konnte.
Unterdessen nahm sie hier der Vater beiseite und sprach ein ernstes
Wort, ließ dort die Mutter sie bei sich Platz nehmen, um eine endliche
Entschließung zu fordern … Onkel Gotthold und seine Familie hatte man in
die Angelegenheit nicht eingeweiht, weil sie immer ein bißchen mokant
gegen die in der Mengstraße gestimmt waren. Aber sogar Sesemi
Weichbrodt hatte von der Sache erfahren und riet mit korrekter Aussprache
zum guten, selbst Mamsell Jungmann sagte: »Tonychen, mein Kindchen,
brauchst keine Sorge haben, bleibst in den ersten Kreisen …« und Tony
konnte nicht den verehrten seidnen Salon draußen vorm Burgtore besuchen,
ohne daß die alte Madame Kröger anfing: »A propos, ich höre da von einer
Affäre, ich hoffe, du wirst Räson annehmen, Kleine …«
Eines Sonntags, als sie mit den Eltern und Geschwistern in der
Marienkirche saß, redete Pastor Kölling in starken Worten über den Text,
der da besagt, daß das Weib Vater und Mutter verlassen und dem Manne
nachfolgen soll – wobei er plötzlich ausfallend wurde. Tony starrte entsetzt
zu ihm empor, ob er sie vielleicht sogar ansähe … Nein, Gott sei Dank, er
hielt seinen dicken Kopf nach einer anderen Seite gewandt und predigte nur
im allgemeinen über die andächtige Menge hin; und dennoch war es nur
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allzu klar, daß dies ein neuer Angriff auf sie war und jedes Wort ihr galt. Ein
jugendliches, ein noch kindliches Weib, verkündete er, das noch keinen
eigenen Willen und keine eigene Einsicht besitze und dennoch den
liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich widersetze, das sei strafbar, das
wolle der Herr ausspeien aus seinem Munde … und bei dieser Wendung,
welche zu denen gehörte, für die Pastor Kölling schwärmte und die er mit
Begeisterung hervorbrachte, traf Tony dennoch ein durchdringender Blick
aus seinen Augen, der von einer furchtbaren Armbewegung begleitet war …
Tony sah, wie ihr Vater neben ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: »So!
nicht zu heftig …« Aber es war kein Zweifel, daß Pastor Kölling von ihm
oder der Mutter ins Einverständnis gezogen war. Rot und gebückt saß sie an
ihrem Platze, mit dem Gefühle, daß die Augen aller Welt auf ihr ruhten –
und am nächsten Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche
zu besuchen.
Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor
geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie
mit einem Entschlusse, um dann die Ihren kläglich anzusehen … Man
mußte Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und büßte an
Frische ein. Schließlich sagte der Konsul:
»Das geht nicht länger, Bethsy, wir dürfen das Kind nicht malträtieren.
Sie muß mal ein bißchen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du
sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen,
und die Ferien sind beinahe vorüber … aber wir können auch alle ganz gut
zu Hause bleiben. Gestern war zufällig der alte Schwarzkopf von
Travemünde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich ließ
ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergnügen bereit, die Dirn für
einige Zeit bei sich aufzunehmen … Ich gebe ihm eine kleine
Entschädigung … Da hat sie eine behagliche Häuslichkeit, kann baden und
Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fährt mit ihr, und alles
ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als später …«
Mit diesem Einfalle erklärte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam
Herrn Grünlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wußte, daß er in der Stadt
war, mit den Eltern verhandelte und wartete … Mein Gott, er konnte jeden
Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In Travemünde
und in einem fremden Hause würde sie sicherer vor ihm sein … So packte
jugendliches, ein noch kindliches Weib, verkündete er, das noch keinen
eigenen Willen und keine eigene Einsicht besitze und dennoch den
liebevollen Ratschlüssen der Eltern sich widersetze, das sei strafbar, das
wolle der Herr ausspeien aus seinem Munde … und bei dieser Wendung,
welche zu denen gehörte, für die Pastor Kölling schwärmte und die er mit
Begeisterung hervorbrachte, traf Tony dennoch ein durchdringender Blick
aus seinen Augen, der von einer furchtbaren Armbewegung begleitet war …
Tony sah, wie ihr Vater neben ihr eine Hand erhob, als wollte er sagen: »So!
nicht zu heftig …« Aber es war kein Zweifel, daß Pastor Kölling von ihm
oder der Mutter ins Einverständnis gezogen war. Rot und gebückt saß sie an
ihrem Platze, mit dem Gefühle, daß die Augen aller Welt auf ihr ruhten –
und am nächsten Sonntage weigerte sie sich aufs bestimmteste, die Kirche
zu besuchen.
Sie ging schweigsam umher, sie lachte nicht mehr genug, sie verlor
geradezu den Appetit und seufzte manchmal so herzbrechend, als ringe sie
mit einem Entschlusse, um dann die Ihren kläglich anzusehen … Man
mußte Mitleid mit ihr haben. Sie magerte wahrhaftig ab und büßte an
Frische ein. Schließlich sagte der Konsul:
»Das geht nicht länger, Bethsy, wir dürfen das Kind nicht malträtieren.
Sie muß mal ein bißchen heraus, zur Ruhe kommen und sich besinnen; du
sollst sehen, dann nimmt sie Vernunft an. Ich kann mich nicht losmachen,
und die Ferien sind beinahe vorüber … aber wir können auch alle ganz gut
zu Hause bleiben. Gestern war zufällig der alte Schwarzkopf von
Travemünde hier, Diederich Schwarzkopf, der Lotsenkommandeur. Ich ließ
ein paar Worte fallen, und er zeigte sich mit Vergnügen bereit, die Dirn für
einige Zeit bei sich aufzunehmen … Ich gebe ihm eine kleine
Entschädigung … Da hat sie eine behagliche Häuslichkeit, kann baden und
Luft schnappen und mit sich ins reine kommen. Tom fährt mit ihr, und alles
ist in Ordnung. Das geschieht besser morgen als später …«
Mit diesem Einfalle erklärte Tony sich freudig einverstanden. Sie bekam
Herrn Grünlich zwar kaum zu Gesicht, aber sie wußte, daß er in der Stadt
war, mit den Eltern verhandelte und wartete … Mein Gott, er konnte jeden
Tag wieder vor ihr stehen, um zu schreien und zu flehen! In Travemünde
und in einem fremden Hause würde sie sicherer vor ihm sein … So packte
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sie eilig und vergnügt ihren Koffer, und dann, an einem der letzten Julitage,
stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in die majestätische Krögersche
Equipage, sagte in bester Laune Adieu und fuhr aufatmend zum Burgtor
hinaus.
Fünftes Kapitel
Nach Travemünde geht es immer geradeaus, mit der Fähre übers Wasser
und dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue
Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmäßig aufschlagenden Hufen
von Lebrecht Krögers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die
Sonne brannte und der Staub die spärliche Aussicht verhüllte. Man hatte
ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren
punkt 2 Uhr abgefahren, so würden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn
wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krögersche
Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen.
Tony nickte in träumerischem Halbschlaf unter ihrem großen, flachen
Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der
bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und den
sie gegen das Rückverdeck gelehnt hatte. Ihre Füße in Schuhen mit
Kreuzbändern und weißen Strümpfen hatte sie zierlich übereinander
gestellt; sie saß bequem und elegant zurückgelehnt, wie für die Equipage
geschaffen.
Tom, schon zwanzigjährig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch
gekleidet, hatte den Strohhut zurückgeschoben und rauchte russische
Zigaretten. Er war nicht sehr groß geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler
als Haar und Wimpern, begann kräftig zu wachsen. Indem er nach seiner
Gewohnheit eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken
und auf die vorüberziehenden Chausseebäume.
Tony sagte:
»Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemünde zu kommen,
wie diesmal, … erstens aus allerhand Gründen, Tom, du brauchst dich
durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich könnte ein gewisses Paar
stieg sie mit Tom, der sie begleiten sollte, in die majestätische Krögersche
Equipage, sagte in bester Laune Adieu und fuhr aufatmend zum Burgtor
hinaus.
Fünftes Kapitel
Nach Travemünde geht es immer geradeaus, mit der Fähre übers Wasser
und dann wieder geradeaus; der Weg war beiden wohlbekannt. Die graue
Chaussee glitt flink unter den hohl und taktmäßig aufschlagenden Hufen
von Lebrecht Krögers dicken Braunen aus Mecklenburg dahin, obgleich die
Sonne brannte und der Staub die spärliche Aussicht verhüllte. Man hatte
ausnahmsweise um 1 Uhr zu Mittag gegessen, und die Geschwister waren
punkt 2 Uhr abgefahren, so würden sie kurz nach 4 Uhr anlangen, denn
wenn eine Droschke drei Stunden gebraucht, so hatte der Krögersche
Jochen Ehrgeiz genug, den Weg in zweien zu machen.
Tony nickte in träumerischem Halbschlaf unter ihrem großen, flachen
Strohhut und ihrem mit cremefarbenen Spitzen besetzten Sonnenschirm, der
bindfadengrau war, wie ihr schlicht gearbeitetes, schlankes Kleid, und den
sie gegen das Rückverdeck gelehnt hatte. Ihre Füße in Schuhen mit
Kreuzbändern und weißen Strümpfen hatte sie zierlich übereinander
gestellt; sie saß bequem und elegant zurückgelehnt, wie für die Equipage
geschaffen.
Tom, schon zwanzigjährig, mit Akkuratesse in blaugraues Tuch
gekleidet, hatte den Strohhut zurückgeschoben und rauchte russische
Zigaretten. Er war nicht sehr groß geworden; aber sein Schnurrbart, dunkler
als Haar und Wimpern, begann kräftig zu wachsen. Indem er nach seiner
Gewohnheit eine Braue ein wenig emporzog, blickte er in die Staubwolken
und auf die vorüberziehenden Chausseebäume.
Tony sagte:
»Ich bin noch niemals so froh gewesen, nach Travemünde zu kommen,
wie diesmal, … erstens aus allerhand Gründen, Tom, du brauchst dich
durchaus nicht zu mokieren; ich wollte, ich könnte ein gewisses Paar
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goldgelber Kotelettes noch einige Meilen weiter zurücklassen … Dann aber
wird es ein ganz neues Travemünde sein, da in der Vorderreihe bei
Schwarzkopfs … Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft
bekümmern … Das kenne ich zur Genüge … Und ich bin gar nicht dazu
aufgelegt … Überdies steht dem … Menschen da draußen alles offen, er
geniert sich nicht, paß auf, er würde eines Tages hold lächelnd neben mir
auftauchen …«
Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Büchse, in
deren Deckel eine von Wölfen überfallene Troika kunstvoll eingelegt war:
das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die
Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstück waren
Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme
Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so daß er beim
Sprechen langsam wieder hervorsprudelte.
»Ja«, sagte er, »was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von
Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst einer
… Er soll augenblicklich glänzende Geschäfte machen, sagt Papa …
Übrigens läßt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein bißchen
mittust … Peter Döhlmann ist natürlich dort; um diese Zeit ist er nie in der
Stadt; sein Geschäft geht ja wohl von selbst im Hundetrab … komisch! Na
… Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bißchen hinaus und macht
der Roulette einen Besuch … Dann sind da Möllendorpfs und
Kistenmakers, glaube ich, vollzählig, und Hagenströms …«
»Ha! – Natürlich! Wie wäre Sarah Semlinger wohl entbehrlich …«
»Sie heißt übrigens Laura, mein Kind, man muß gerecht sein.«
»Mit Julchen natürlich … Julchen s o l l sich diesen Sommer mit August
Möllendorpf verloben, und Julchen w i r d es tun! Dann gehören sie doch
endgültig dazu! Weißt du, Tom, es ist empörend! Diese hergelaufene
Familie …«
»Ja, lieber Gott … Strunck & Hagenström machen sich geschäftlich
heraus; das ist die Hauptsache …«
»Selbstverständlich! und man weiß ja auch, wie sie's machen … Mit
den Ellenbogen, weißt du … ohne jede Kulanz und Vornehmheit …
wird es ein ganz neues Travemünde sein, da in der Vorderreihe bei
Schwarzkopfs … Ich werde mich gar nicht um die Kurgesellschaft
bekümmern … Das kenne ich zur Genüge … Und ich bin gar nicht dazu
aufgelegt … Überdies steht dem … Menschen da draußen alles offen, er
geniert sich nicht, paß auf, er würde eines Tages hold lächelnd neben mir
auftauchen …«
Tom warf die Zigarette fort und nahm sich eine neue aus der Büchse, in
deren Deckel eine von Wölfen überfallene Troika kunstvoll eingelegt war:
das Geschenk irgendeines russischen Kunden an den Konsul. Die
Zigaretten, diese kleinen scharfen Dinger mit gelbem Mundstück waren
Toms Leidenschaft; er rauchte sie massenweise und hatte die schlimme
Gewohnheit, den Rauch tief in die Lunge zu atmen, so daß er beim
Sprechen langsam wieder hervorsprudelte.
»Ja«, sagte er, »was das betrifft, im Kurgarten wimmelt es von
Hamburgern. Konsul Fritsche, der das ganze gekauft hat, ist ja selbst einer
… Er soll augenblicklich glänzende Geschäfte machen, sagt Papa …
Übrigens läßt du dir doch manches entgehen, wenn du nicht ein bißchen
mittust … Peter Döhlmann ist natürlich dort; um diese Zeit ist er nie in der
Stadt; sein Geschäft geht ja wohl von selbst im Hundetrab … komisch! Na
… Und Onkel Justus kommt sicher Sonntags ein bißchen hinaus und macht
der Roulette einen Besuch … Dann sind da Möllendorpfs und
Kistenmakers, glaube ich, vollzählig, und Hagenströms …«
»Ha! – Natürlich! Wie wäre Sarah Semlinger wohl entbehrlich …«
»Sie heißt übrigens Laura, mein Kind, man muß gerecht sein.«
»Mit Julchen natürlich … Julchen s o l l sich diesen Sommer mit August
Möllendorpf verloben, und Julchen w i r d es tun! Dann gehören sie doch
endgültig dazu! Weißt du, Tom, es ist empörend! Diese hergelaufene
Familie …«
»Ja, lieber Gott … Strunck & Hagenström machen sich geschäftlich
heraus; das ist die Hauptsache …«
»Selbstverständlich! und man weiß ja auch, wie sie's machen … Mit
den Ellenbogen, weißt du … ohne jede Kulanz und Vornehmheit …
Page 110
Großvater sagte von Hinrich Hagenström: ›Dem kalbt der Ochse‹, das
waren seine Worte …«
»Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird groß geschrieben. Und
was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft. Julchen
wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen Posten …«
»Ach … du willst mich übrigens ärgern, Tom, das ist alles … Ich
verachte diese Menschen …«
Tom fing an zu lachen. »Mein Gott … man wird sich mit ihnen
einrichten müssen, weißt du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die
Heraufkommenden … Während zum Beispiel Möllendorpfs … Und dann
kann man den Hagenströms die Tüchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist
schon sehr nützlich im Geschäft und Moritz hat trotz seiner schwachen
Brust die Schule glänzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert
Jura.«
»Schön … aber dann freut es mich wenigstens, Tom, daß es auch noch
andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bücken brauchen, und daß
zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch …«
»So«, sagte Tom, »nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre
wunden Punkte hat jede Familie«, fuhr er mit einem Blick auf Jochens
breiten Rücken leiser fort. »Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht,
weiß der liebe Gott. Papa schüttelt immer den Kopf, wenn er von ihm
spricht, und Großvater Kröger hat ein paarmal, glaube ich, mit großen
Summen aushelfen müssen … Und mit den Vettern ist auch nicht alles in
Ordnung. Jürgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum
Abgangsexamen … Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll
man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus,
obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das
schickt ihm Tante Rosalie … Nein, ich finde, man soll keinen Stein
aufheben. Wenn du übrigens den Hagenströms die Waagschale halten willst,
so solltest du doch Grünlich heiraten!«
»Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich
sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will es
waren seine Worte …«
»Ja, ja, ja, das ist nun einerlei. Verdienen wird groß geschrieben. Und
was diese Verlobung betrifft, so ist das ein ganz korrektes Geschäft. Julchen
wird eine Möllendorpf, und August bekommt einen hübschen Posten …«
»Ach … du willst mich übrigens ärgern, Tom, das ist alles … Ich
verachte diese Menschen …«
Tom fing an zu lachen. »Mein Gott … man wird sich mit ihnen
einrichten müssen, weißt du. Wie Papa neulich sagte: Sie sind die
Heraufkommenden … Während zum Beispiel Möllendorpfs … Und dann
kann man den Hagenströms die Tüchtigkeit nicht absprechen. Hermann ist
schon sehr nützlich im Geschäft und Moritz hat trotz seiner schwachen
Brust die Schule glänzend absolviert. Er soll sehr gescheut sein und studiert
Jura.«
»Schön … aber dann freut es mich wenigstens, Tom, daß es auch noch
andere Familien gibt, die sich vor ihnen nicht zu bücken brauchen, und daß
zum Beispiel wir Buddenbrooks denn doch …«
»So«, sagte Tom, »nun wollen wir nur nicht anfangen zu prahlen. Ihre
wunden Punkte hat jede Familie«, fuhr er mit einem Blick auf Jochens
breiten Rücken leiser fort. »Wie es zum Beispiel mit Onkel Justus steht,
weiß der liebe Gott. Papa schüttelt immer den Kopf, wenn er von ihm
spricht, und Großvater Kröger hat ein paarmal, glaube ich, mit großen
Summen aushelfen müssen … Und mit den Vettern ist auch nicht alles in
Ordnung. Jürgen, der ja studieren will, kommt immer noch nicht zum
Abgangsexamen … Und mit Jakob, bei Dalbeck & Comp. in Hamburg, soll
man gar nicht zufrieden sein. Er kommt niemals mit seinem Gelde aus,
obgleich er wohl versorgt wird; und was Onkel Justus ihm verweigert, das
schickt ihm Tante Rosalie … Nein, ich finde, man soll keinen Stein
aufheben. Wenn du übrigens den Hagenströms die Waagschale halten willst,
so solltest du doch Grünlich heiraten!«
»Sind wir in diesen Wagen gestiegen, um davon zu sprechen? Ja! Ja! ich
sollte es vielleicht! Aber ich will jetzt nicht daran denken. Ich will es
Page 111
einfach vergessen. Nun fahren wir zu Schwarzkopfs. Ich habe sie
wissentlich nie gesehen … Es sind wohl nette Leute?«
»Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl … Das
heißt, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fünf Gläser
Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen wir
zusammen in die Schiffergesellschaft … Er trank wie ein Loch. Sein Vater
ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitän auf dieser
Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht; die
Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut bezahlte
Stellung. Er ist ein alter Seebär … aber immer galant mit den Damen. Paß
auf, er wird dir die Kur machen …«
»Ha! – Und die Frau?«
»Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemütlich sein.
Übrigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima saß und
jetzt wohl studiert … Sieh mal, da ist die See! Eine kleine Viertelstunde
noch …«
In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am
Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe
Leuchtturm tauchte auf, sie übersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die
roten Dächer des Städtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und
Tauwerk der Böte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Häusern hindurch,
ließen die Kirche zurück und rollten die »Vorderreihe«, die sich am Flusse
hinzog, entlang bis zu einem hübschen kleinen Hause, dessen Veranda dicht
mit Weinlaub bewachsen war.
Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tür und nahm beim
Herannahen der Kalesche die Schiffermütze ab. Es war ein untersetzter,
breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen,
stacheligen Bart, der fächerförmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein
abwärts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen
rasierte Oberlippe hart, rot und gewölbt war, machte einen Eindruck von
Würde und Biederkeit. Eine weiße Pikeeweste leuchtete unter seinem
offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas
vorgestrecktem Bauche stand er da.
wissentlich nie gesehen … Es sind wohl nette Leute?«
»Oh! Diederich Swattkopp, dat is'n ganz passablen ollen Kierl … Das
heißt, so spricht er nicht immer, sondern nur, wenn er mehr als fünf Gläser
Grog getrunken hat. Einmal, als er im Kontor gewesen war, gingen wir
zusammen in die Schiffergesellschaft … Er trank wie ein Loch. Sein Vater
ist auf einem Norwegenfahrer geboren und nachher Kapitän auf dieser
Linie gewesen. Diederich hat einen guten Bildungsgang gemacht; die
Lotsenkommandantur ist eine verantwortliche und ziemlich gut bezahlte
Stellung. Er ist ein alter Seebär … aber immer galant mit den Damen. Paß
auf, er wird dir die Kur machen …«
»Ha! – Und die Frau?«
»Seine Frau kenne ich selbst nicht. Sie wird schon gemütlich sein.
Übrigens ist da ein Sohn, der zu meiner Zeit in Sekunda oder Prima saß und
jetzt wohl studiert … Sieh mal, da ist die See! Eine kleine Viertelstunde
noch …«
In einer Allee von jungen Buchen fuhren sie eine Strecke ganz dicht am
Meere entlang, das blau und friedlich in der Sonne lag. Der runde gelbe
Leuchtturm tauchte auf, sie übersahen eine Weile Bucht und Bollwerk, die
roten Dächer des Städtchens und den kleinen Hafen mit dem Segel- und
Tauwerk der Böte. Dann fuhren sie zwischen den ersten Häusern hindurch,
ließen die Kirche zurück und rollten die »Vorderreihe«, die sich am Flusse
hinzog, entlang bis zu einem hübschen kleinen Hause, dessen Veranda dicht
mit Weinlaub bewachsen war.
Lotsenkommandeur Schwarzkopf stand vor seiner Tür und nahm beim
Herannahen der Kalesche die Schiffermütze ab. Es war ein untersetzter,
breiter Mann mit rotem Gesicht, wasserblauen Augen und einem eisgrauen,
stacheligen Bart, der fächerförmig von einem Ohr zum anderen lief. Sein
abwärts gezogener Mund, in dem er eine Holzpfeife hielt und dessen
rasierte Oberlippe hart, rot und gewölbt war, machte einen Eindruck von
Würde und Biederkeit. Eine weiße Pikeeweste leuchtete unter seinem
offenen mit Goldborten verzierten Rock. Breitbeinig und mit etwas
vorgestrecktem Bauche stand er da.
Page 112
»Ist wahrhaftig eine Ehre für mich, Mamsell, alles was recht ist, daß Sie
eine Zeitlang bei uns fürliebnehmen wollen …« Er hob Tony mit
Behutsamkeit aus dem Wagen. »Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf,
der Herr Papa? Und die Frau Konsulin?… Ist mir ein aufrichtiges Pläsier!…
Na, treten die Herrschaften näher! Meine Frau hat wohl so etwas wie einen
kleinen Imbiß bereit. – Fahr'n Se man to Gastwirt Peddersen«, sagte er zum
Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen hatte; »da sünd de Pierd ganz
gaut unnerbracht … Sie übernachten doch bei uns, Herr Buddenbrook?… I,
warum nicht gar! Die Pferde müssen doch verschnaufen, und dann kämen
Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur Stadt …«
»Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie draußen im
Kurhaus«, sagte Tony eine Viertelstunde später, als man in der Veranda um
den Kaffeetisch saß. »Was für prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis
hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!«
Zwischen den grünbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte
man auf den breiten, in der Sonne glitzernden Fluß mit Kähnen und
Landungsbrücken und hinüber zum Fährhaus auf dem »Priwal«, der
vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen
Tassen mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem
zierlichen alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz
ein Strauß von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte
Hunger gemacht.
»Ja, Mamsell soll sehen, daß sie sich hier herausmacht«, sagte die
Hausfrau. »Sie sieht ein bißchen strap'ziert aus, wenn ich mich so
ausdrücken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen
Fêten …«
Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefähr 50
Jahre zu zählen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich schmächtig.
Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak in einem
großmaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem kleinen
weißgehäkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war sauber,
sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes Korinthenbrot,
das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig, in dem
bootförmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmückte eine Borte von
eine Zeitlang bei uns fürliebnehmen wollen …« Er hob Tony mit
Behutsamkeit aus dem Wagen. »Kompliment, Herr Buddenbrook! Wohlauf,
der Herr Papa? Und die Frau Konsulin?… Ist mir ein aufrichtiges Pläsier!…
Na, treten die Herrschaften näher! Meine Frau hat wohl so etwas wie einen
kleinen Imbiß bereit. – Fahr'n Se man to Gastwirt Peddersen«, sagte er zum
Kutscher, der den Koffer ins Haus getragen hatte; »da sünd de Pierd ganz
gaut unnerbracht … Sie übernachten doch bei uns, Herr Buddenbrook?… I,
warum nicht gar! Die Pferde müssen doch verschnaufen, und dann kämen
Sie ja nicht vor Dunkelwerden zur Stadt …«
»Wissen Sie, hier wohnt man mindestens so gut, wie draußen im
Kurhaus«, sagte Tony eine Viertelstunde später, als man in der Veranda um
den Kaffeetisch saß. »Was für prachtvolle Luft! Man riecht den Tang bis
hierher. Ich bin entsetzlich froh, wieder in Travemünde zu sein!«
Zwischen den grünbewachsenen Pfeilern der Veranda hindurch blickte
man auf den breiten, in der Sonne glitzernden Fluß mit Kähnen und
Landungsbrücken und hinüber zum Fährhaus auf dem »Priwal«, der
vorgeschobenen Halbinsel Mecklenburgs. Die weiten, kummenartigen
Tassen mit blauem Rande waren ungewohnt plump im Vergleich mit dem
zierlichen alten Porzellan zu Hause; aber der Tisch, auf dem an Tonys Platz
ein Strauß von Wiesenblumen stand, war einladend, und die Fahrt hatte
Hunger gemacht.
»Ja, Mamsell soll sehen, daß sie sich hier herausmacht«, sagte die
Hausfrau. »Sie sieht ein bißchen strap'ziert aus, wenn ich mich so
ausdrücken darf; das macht die Stadtluft, und dann sind da die vielen
Fêten …«
Frau Schwarzkopf, eine Pastorstochter aus Schlutup, schien ungefähr 50
Jahre zu zählen, war einen Kopf kleiner als Tony und ziemlich schmächtig.
Ihr noch schwarzes, glatt und reinlich frisiertes Haar stak in einem
großmaschigen Netze. Sie trug ein dunkelbraunes Kleid mit einem kleinen
weißgehäkelten Kragen und ebensolchen Manschetten. Sie war sauber,
sanft und freundlich und empfahl eifrig ihr selbstgebackenes Korinthenbrot,
das, umgeben von Rahm, Zucker, Butter und Scheibenhonig, in dem
bootförmigen Brotkorb lag. Diesen Korb schmückte eine Borte von
Page 113
Perlenstickerei, welche die kleine Meta gearbeitet hatte, ein achtjähriges,
artiges, kleines Mädchen, das in schottischem Kleidchen und mit einem
flachsblonden, steif abstehenden Zöpfchen neben seiner Mutter saß.
Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das für Tony
bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte. Es
sei so einfach …
»Pah allerliebst!« sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die
Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in ihren
Kaffee. Tom sprach mit dem Alten über den »Wullenwewer«, der jetzt in
der Stadt repariert wurde …
Plötzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in
die Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errötend und etwas
linkisch verbeugte.
»Na, min Söhn«, sagte der Lotsenkommandeur, »du kömmst spät …«
Dann stellte er vor: »Das ist mein Sohn –«, er nannte einen Vornamen, den
Tony nicht verstand. »Studiert auf den Doktor … bringt seine Ferien bei uns
zu …«
»Sehr angenehm«, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf
und gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals,
legte sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errötend, am Tische
Platz.
Er war von mittlerer Größe, ziemlich schmal und so blond wie möglich.
Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar,
das seinen länglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem
entsprach ein außerordentlich heller Teint, eine Haut wie poröses Porzellan,
die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte. Seine Augen
waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und hatten
denselben, nicht sehr lebhaften, gutmütig prüfenden Ausdruck; seine
Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm. Als er anfing zu
essen, zeigte er ungewöhnlich gutgeformte, engstehende Zähne, die
spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. Übrigens trug er eine graue,
geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug im
Rücken.
artiges, kleines Mädchen, das in schottischem Kleidchen und mit einem
flachsblonden, steif abstehenden Zöpfchen neben seiner Mutter saß.
Frau Schwarzkopf entschuldigte sich wegen des Zimmers, das für Tony
bestimmt war, und in dem diese schon ein wenig Toilette gemacht hatte. Es
sei so einfach …
»Pah allerliebst!« sagte Tony. Es habe Aussicht auf die See, das sei die
Hauptsache. Und dabei tauchte sie die vierte Scheibe Korinthenbrot in ihren
Kaffee. Tom sprach mit dem Alten über den »Wullenwewer«, der jetzt in
der Stadt repariert wurde …
Plötzlich kam ein junger Mensch von etwa 20 Jahren mit einem Buch in
die Veranda, der seinen grauen Filzhut abnahm und sich errötend und etwas
linkisch verbeugte.
»Na, min Söhn«, sagte der Lotsenkommandeur, »du kömmst spät …«
Dann stellte er vor: »Das ist mein Sohn –«, er nannte einen Vornamen, den
Tony nicht verstand. »Studiert auf den Doktor … bringt seine Ferien bei uns
zu …«
»Sehr angenehm«, sagte Tony, wie sie es gelernt hatte. Tom stand auf
und gab ihm die Hand. Der junge Schwarzkopf verbeugte sich nochmals,
legte sein Buch aus der Hand und nahm, aufs neue errötend, am Tische
Platz.
Er war von mittlerer Größe, ziemlich schmal und so blond wie möglich.
Sein beginnender Schnurrbart, so farblos wie das kurzgeschnittene Haar,
das seinen länglichen Kopf bedeckte, war kaum zu sehen; und dem
entsprach ein außerordentlich heller Teint, eine Haut wie poröses Porzellan,
die bei der geringsten Gelegenheit hellrot anlaufen konnte. Seine Augen
waren von etwas dunklerem Blau als die seines Vaters, und hatten
denselben, nicht sehr lebhaften, gutmütig prüfenden Ausdruck; seine
Gesichtszüge waren ebenmäßig und ziemlich angenehm. Als er anfing zu
essen, zeigte er ungewöhnlich gutgeformte, engstehende Zähne, die
spiegelnd blank waren, wie poliertes Elfenbein. Übrigens trug er eine graue,
geschlossene Joppe mit Klappen an den Taschen und einem Gummizug im
Rücken.
Page 114
»Ja, ich bitte um Entschuldigung, ich komme zu spät«, sagte er. Seine
Sprache war ein wenig schwerfällig und knarrend. »Ich habe ein bißchen
am Strande gelesen und nicht früh genug nach der Uhr gesehen.« Hierauf
kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann
prüfend von unten herauf.
Später, als Tony wieder einmal von der Hausfrau genötigt wurde,
zuzulangen, sagte er:
»Dem Scheibenhonig können Sie vertrauen, Fräulein Buddenbrook …
Das ist reines Naturprodukt … Da weiß man doch, was man verschluckt …
Sie müssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt … die
beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen, so
fallen Sie ab …« Er hatte eine naive und sympathische Art, sich beim
Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei
anzublicken als die, an die er sich wandte.
Seine Mutter hörte ihm zärtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht
nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrächten. Der alte Schwarzkopf
aber sagte:
»Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel … Da
wollen wir gar nichts von wissen«, worauf der junge Mensch lachte und
wieder errötend auf Tonys Teller blickte.
Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines
Sohnes, aber Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie
»Moor« oder »Mord« … unmöglich, es in der breiten und platten
Aussprache des Alten zu erkennen.
Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit
von der weißen Weste zurückgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne
blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und
Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein
lebhaftes Gespräch über alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich
munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert … »Du sollst 'ne Line machen,
und was machst du? Du machst 'n Strich!« Schade, daß Christian nicht da
war; er konnte das noch viel besser …
Sprache war ein wenig schwerfällig und knarrend. »Ich habe ein bißchen
am Strande gelesen und nicht früh genug nach der Uhr gesehen.« Hierauf
kaute er schweigsam und musterte Tom und Tony nur dann und wann
prüfend von unten herauf.
Später, als Tony wieder einmal von der Hausfrau genötigt wurde,
zuzulangen, sagte er:
»Dem Scheibenhonig können Sie vertrauen, Fräulein Buddenbrook …
Das ist reines Naturprodukt … Da weiß man doch, was man verschluckt …
Sie müssen ordentlich essen, wissen Sie! Diese Luft hier, die zehrt … die
beschleunigt den Stoffwechsel. Wenn Sie nicht genug zu sich nehmen, so
fallen Sie ab …« Er hatte eine naive und sympathische Art, sich beim
Sprechen vorzubeugen und manchmal eine andere Person dabei
anzublicken als die, an die er sich wandte.
Seine Mutter hörte ihm zärtlich zu und forschte dann in Tonys Gesicht
nach dem Eindruck, den seine Worte hervorbrächten. Der alte Schwarzkopf
aber sagte:
»Nu speel di man nich up, Herr Dokter, mit deinem Stoffwechsel … Da
wollen wir gar nichts von wissen«, worauf der junge Mensch lachte und
wieder errötend auf Tonys Teller blickte.
Ein paarmal nannte der Lotsenkommandeur den Vornamen seines
Sohnes, aber Tony konnte ihn durchaus nicht verstehen. Es war etwas wie
»Moor« oder »Mord« … unmöglich, es in der breiten und platten
Aussprache des Alten zu erkennen.
Als die Mahlzeit beendet war, als Diederich Schwarzkopf, der, mit weit
von der weißen Weste zurückgeschlagenem Rock, behaglich in die Sonne
blinzelte, und sein Sohn ihre kurzen Holzpfeifen zu rauchen begannen und
Tom sich wieder seinen Zigaretten widmete, waren die jungen Leute in ein
lebhaftes Gespräch über alte Schulgeschichten geraten, an dem Tony sich
munter beteiligte. Herr Stengel wurde zitiert … »Du sollst 'ne Line machen,
und was machst du? Du machst 'n Strich!« Schade, daß Christian nicht da
war; er konnte das noch viel besser …
Page 115
Einmal sagte Tom zu seiner Schwester, indem er auf die vor ihr
stehenden Blumen wies:
»Herr Grünlich würde sagen: Das putzt ganz ungemein!«
Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stieß und einen scheuen
Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinübergleiten ließ.
Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewöhnlich lange gewartet,
und man saß lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und über den
»Priwal« drüben begann sich die Dämmerung zu senken, als der
Kommandeur sich erhob.
»Na, die Herrschaften entschuldigen«, sagte er. »Ich habe nun noch
drüben im Lotsenhause zu tun … Wir essen um achte, wenn's gefällig ist …
Oder heut' mal ein bißchen später, Meta, wie?… Und du –« hier nannte er
wieder den Vornamen, – »nun sitz hier nur nicht herum … Nun geh nur
hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab … Mamsell
Buddenbrook wird wohl auspacken … Oder wenn die Herrschaften an den
Strand gehen wollen … Störe nur nicht!«
»Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben«, sagte
Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. »Und wenn die Herrschaften an
den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch Ferien,
Diederich!… Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche haben?«
Sechstes Kapitel
In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Möbel mit hellgeblümtem
Kattun überzogen waren, erwachte Tony am nächsten Morgen mit dem
angeregten und freudigen Gefühl, mit dem man in einer neuen Lebenslage
die Augen öffnet.
Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang
und den zerzausten Kopf zurücklegte, blinzelte sie in den schmalen und
blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen
Läden hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Muße die gestrigen
Erlebnisse wieder hervor.
stehenden Blumen wies:
»Herr Grünlich würde sagen: Das putzt ganz ungemein!«
Worauf Tony ihn, rot vor Zorn, in die Seite stieß und einen scheuen
Blick zu dem jungen Schwarzkopf hinübergleiten ließ.
Man hatte mit dem Kaffeetrinken heute ungewöhnlich lange gewartet,
und man saß lange beieinander. Es war schon halb sieben Uhr, und über den
»Priwal« drüben begann sich die Dämmerung zu senken, als der
Kommandeur sich erhob.
»Na, die Herrschaften entschuldigen«, sagte er. »Ich habe nun noch
drüben im Lotsenhause zu tun … Wir essen um achte, wenn's gefällig ist …
Oder heut' mal ein bißchen später, Meta, wie?… Und du –« hier nannte er
wieder den Vornamen, – »nun sitz hier nur nicht herum … Nun geh nur
hinaus und gib dich wieder mit deinen Knochen ab … Mamsell
Buddenbrook wird wohl auspacken … Oder wenn die Herrschaften an den
Strand gehen wollen … Störe nur nicht!«
»Diederich, mein Gott, warum soll er nicht noch sitzen bleiben«, sagte
Frau Schwarzkopf sanft und vorwurfsvoll. »Und wenn die Herrschaften an
den Strand gehen wollen, warum soll er nicht mitgehen? Er hat doch Ferien,
Diederich!… Und soll er denn gar nichts von unserem Besuche haben?«
Sechstes Kapitel
In ihrem kleinen, reinlichen Zimmer, dessen Möbel mit hellgeblümtem
Kattun überzogen waren, erwachte Tony am nächsten Morgen mit dem
angeregten und freudigen Gefühl, mit dem man in einer neuen Lebenslage
die Augen öffnet.
Sie setzte sich empor, und indem sie die Arme um ihre Knie schlang
und den zerzausten Kopf zurücklegte, blinzelte sie in den schmalen und
blendenden Streifen vom Tageslicht, der zwischen den geschlossenen
Läden hindurch ins Zimmer fiel, und kramte mit Muße die gestrigen
Erlebnisse wieder hervor.
Page 116
Kaum ein Gedanke streifte Herrn Grünlichs Person. Die Stadt und der
gräßliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie
und Pastor Köllings lagen weit zurück. Hier würde sie nun jeden Morgen
ganz sorglos erwachen … Diese Schwarzkopfs waren prächtige Leute.
Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man
hatte auf ein glückliches Zusammenleben angestoßen. Man war sehr
vergnügt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten
gegeben und der junge von Göttingen berichtet, wo er studierte … Aber es
war doch sonderbar, daß sie noch immer seinen Vornamen nicht wußte! Sie
hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen nicht
mehr genannt worden, und es hätte sich wohl nicht geschickt, danach zu
fragen. Sie dachte angestrengt nach … Mein Gott, wie hieß der junge
Mensch! Moor … Mord …? Übrigens hatte er ihr gut gefallen, dieser Moor
oder Mord. Er hatte ein so gutmütig verschmitztes Lachen, wenn er um
Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen dahinter
nannte, so daß der Alte ganz böse wurde. Ja, das sei aber die
wissenschaftliche Formel für Wasser … allerdings nicht für d i e s e s
Wasser, denn die Formel für d i e s e Travemünder Flüssigkeit sei wohl viel
komplizierter. Jeden Augenblick könne man eine Qualle darin finden … Die
hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Süßwasser … Worauf ihm
wieder ein väterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er in
wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau
Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht,
und wahrhaftig, er sprach sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt … Er
hatte sich ziemlich viel um sie gekümmert, der junge Herr. Sie hatte
geklagt, daß sie beim Essen einen heißen Kopf bekäme, sie glaube zu viel
Blut zu haben … Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und
gesagt: Ja, die Arterien an den Schläfen seien gefüllt, aber das schließe
nicht aus, daß nicht genug Blut oder genug rote Blutkörperchen im Kopfe
seien … Sie sei vielleicht ein b i ß c h e n bleichsüchtig …
Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele
Male hell und hohl. »Sieben, acht, neun«, zählte Tony, »aufgestanden!«
Und damit sprang sie aus dem Bette und stieß die Fensterläden auf. Der
Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah über das
Leuchtenfeld mit dem Turm weit über die krause See hinaus, die rechts im
Bogen von der mecklenburgischen Küste begrenzt war und sich in
gräßliche Auftritt im Landschaftszimmer und die Ermahnungen der Familie
und Pastor Köllings lagen weit zurück. Hier würde sie nun jeden Morgen
ganz sorglos erwachen … Diese Schwarzkopfs waren prächtige Leute.
Gestern abend hatte es wahrhaftig eine Apfelsinenbowle gegeben, und man
hatte auf ein glückliches Zusammenleben angestoßen. Man war sehr
vergnügt gewesen. Der alte Schwarzkopf hatte Seegeschichten zum besten
gegeben und der junge von Göttingen berichtet, wo er studierte … Aber es
war doch sonderbar, daß sie noch immer seinen Vornamen nicht wußte! Sie
hatte mit Spannung darauf geachtet, aber er war beim Abendessen nicht
mehr genannt worden, und es hätte sich wohl nicht geschickt, danach zu
fragen. Sie dachte angestrengt nach … Mein Gott, wie hieß der junge
Mensch! Moor … Mord …? Übrigens hatte er ihr gut gefallen, dieser Moor
oder Mord. Er hatte ein so gutmütig verschmitztes Lachen, wenn er um
Wasser bat und statt dessen ein paar Buchstaben mit Zahlen dahinter
nannte, so daß der Alte ganz böse wurde. Ja, das sei aber die
wissenschaftliche Formel für Wasser … allerdings nicht für d i e s e s
Wasser, denn die Formel für d i e s e Travemünder Flüssigkeit sei wohl viel
komplizierter. Jeden Augenblick könne man eine Qualle darin finden … Die
hohe Obrigkeit habe ihre eignen Begriffe von Süßwasser … Worauf ihm
wieder ein väterlicher Verweis zuteil geworden war, weil er in
wegwerfendem Tone von der Obrigkeit gesprochen hatte. Frau
Schwarzkopf hatte immer in Tonys Gesicht nach Bewunderung gesucht,
und wahrhaftig, er sprach sehr amüsant, zugleich lustig und gelehrt … Er
hatte sich ziemlich viel um sie gekümmert, der junge Herr. Sie hatte
geklagt, daß sie beim Essen einen heißen Kopf bekäme, sie glaube zu viel
Blut zu haben … Was hatte er geantwortet? Er hatte sie gemustert und
gesagt: Ja, die Arterien an den Schläfen seien gefüllt, aber das schließe
nicht aus, daß nicht genug Blut oder genug rote Blutkörperchen im Kopfe
seien … Sie sei vielleicht ein b i ß c h e n bleichsüchtig …
Der Kuckuck sprang aus der geschnitzten Wanduhr und gluckste viele
Male hell und hohl. »Sieben, acht, neun«, zählte Tony, »aufgestanden!«
Und damit sprang sie aus dem Bette und stieß die Fensterläden auf. Der
Himmel war ein wenig bedeckt, aber die Sonne schien. Man sah über das
Leuchtenfeld mit dem Turm weit über die krause See hinaus, die rechts im
Bogen von der mecklenburgischen Küste begrenzt war und sich in
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grünlichen und blauen Streifen erstreckte, bis sie mit dem dunstigen
Horizont zusammenfloß. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher
ordentlich frühstücken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt … Und
damit machte sie sich lächelnd und mit raschen, vergnügten Bewegungen
ans Waschen und Ankleiden.
Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verließ. Die Tür des
Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frühe
wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch gelegenen
Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee. Das
schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und er
nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen
Holzgeländer versehene Treppe hinunterstieg und drunten über den
Korridor ging, an dem Wohn- und Eßzimmer und das Büro des
Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem
weißen Pikeekleide die Veranda.
Frau Schwarzkopf saß mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der
schon teilweise abgeräumt war. Sie trug eine blaukarierte Küchenschürze
über ihrem braunen Kleid. Ein Schlüsselkorb stand vor ihr.
»Tausendmal um Vergebung«, sagte sie, indem sie aufstand, »daß wir
nicht gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind früh auf, wir
einfachen Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun … Schwarzkopf ist in
seinem Büro … Nicht wahr, Mamsell ist nicht böse?«
Tony ihrerseits entschuldigte sich. »Sie müssen nicht glauben, daß ich
immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr böses Gewissen. Aber die Bowle
von gestern abend …«
Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze
Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm.
»Ja, Sie sind schuld«, sagte Tony; »guten Morgen!… Sie haben
beständig mit mir angestoßen … Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee.
Ich müßte schon gefrühstückt und gebadet haben …«
»Nein, das wäre zu früh für eine junge Dame! Um sieben war das
Wasser noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad … das schneidet ein
bißchen nach der Bettwärme …«
Horizont zusammenfloß. Nachher will ich baden, dachte Tony, aber vorher
ordentlich frühstücken, damit der Stoffwechsel nicht an mir zehrt … Und
damit machte sie sich lächelnd und mit raschen, vergnügten Bewegungen
ans Waschen und Ankleiden.
Es war kurz nach halb 10 Uhr, als sie die Stube verließ. Die Tür des
Zimmers, wo Tom geschlafen hatte, stand offen; er war in aller Frühe
wieder zur Stadt gefahren. Schon hier oben in dem ziemlich hoch gelegenen
Stockwerk, in dem nur Schlafzimmer lagen, roch es nach Kaffee. Das
schien der charakteristische Geruch des kleinen Hauses zu sein, und er
nahm zu, als Tony die mit einem schlichten, undurchbrochenen
Holzgeländer versehene Treppe hinunterstieg und drunten über den
Korridor ging, an dem Wohn- und Eßzimmer und das Büro des
Lotsenkommandeurs lagen. Frisch und in bester Laune betrat sie in ihrem
weißen Pikeekleide die Veranda.
Frau Schwarzkopf saß mit ihrem Sohne allein am Kaffeetische, der
schon teilweise abgeräumt war. Sie trug eine blaukarierte Küchenschürze
über ihrem braunen Kleid. Ein Schlüsselkorb stand vor ihr.
»Tausendmal um Vergebung«, sagte sie, indem sie aufstand, »daß wir
nicht gewartet haben, Mamsell Buddenbrook! Wir sind früh auf, wir
einfachen Leute. Da gibt es hunderterlei zu tun … Schwarzkopf ist in
seinem Büro … Nicht wahr, Mamsell ist nicht böse?«
Tony ihrerseits entschuldigte sich. »Sie müssen nicht glauben, daß ich
immer so lange schlafe. Ich habe ein sehr böses Gewissen. Aber die Bowle
von gestern abend …«
Hier fing der junge Sohn des Hauses an zu lachen. Er stand, seine kurze
Holzpfeife in der Hand, hinter dem Tische. Die Zeitung lag vor ihm.
»Ja, Sie sind schuld«, sagte Tony; »guten Morgen!… Sie haben
beständig mit mir angestoßen … Jetzt verdiene ich nur noch kalten Kaffee.
Ich müßte schon gefrühstückt und gebadet haben …«
»Nein, das wäre zu früh für eine junge Dame! Um sieben war das
Wasser noch ziemlich kalt, wissen Sie; 11 Grad … das schneidet ein
bißchen nach der Bettwärme …«
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»Woher wissen Sie denn, daß ich lauwarm baden will, monsieur?« Und
Tony nahm am Tische Platz. »Sie haben mir den Kaffee warm gehalten,
Frau Schwarzkopf!… Aber einschenken tue ich mir selbst … vielen Dank!«
Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen aß.
»Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die
Matratze ist mit Seegras gefüllt … wir sind einfache Leute … Aber nun
wünsche ich guten Appetit und einen vergnügten Vormittag. Mamsell wird
sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen … Wenn es angenehm ist,
begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, daß ich nicht länger
Gesellschaft leiste, aber ich m u ß nach dem Essen sehen. Ich habe eine
Bratwurst … Wir geben es so gut, wie wir können.«
»Ich halte mich an den Scheibenhonig«, sagte Tony, als die beiden allein
waren. »Sehen Sie, da weiß man doch, was man verschluckt!«
Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die
Brüstung der Veranda.
»Aber rauchen Sie doch! Nein, das stört mich ganz und gar nicht. Wenn
ich zu Hause zum Frühstück komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch
in der Stube … Sagen Sie mal«, fragte sie plötzlich, »ist es wahr, daß ein Ei
soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?«
Er wurde über und über rot. »Wollen Sie mich eigentlich zum besten
haben, Fräulein Buddenbrook?« fragte er zwischen Lachen und Ärger. »Ich
habe gestern abend noch einen Rüffel von Vater bekommen wegen meiner
Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte …«
»Aber ich habe ganz harmlos gefragt?!« Tony hörte vor Bestürzung
einen Augenblick auf zu essen. »Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen
sagen!… Ich möchte gern etwas erfahren … Mein Gott, ich bin eine Gans,
sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den Faulsten. Und
Sie wissen, glaube ich, so viel …« Innerlich dachte sie: Wichtigtuerei? Man
befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite,
setzt seine Worte und sucht zu gefallen – das ist doch klar …
»Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise«, sagte er geschmeichelt. »Was
gewisse Nährstoffe betrifft …«
Tony nahm am Tische Platz. »Sie haben mir den Kaffee warm gehalten,
Frau Schwarzkopf!… Aber einschenken tue ich mir selbst … vielen Dank!«
Die Hausfrau sah zu, wie ihr Gast die ersten Bissen aß.
»Und Mamsell hat gut geschlafen die erste Nacht? Ja, mein Gott, die
Matratze ist mit Seegras gefüllt … wir sind einfache Leute … Aber nun
wünsche ich guten Appetit und einen vergnügten Vormittag. Mamsell wird
sicher mancherlei Bekannte am Strande treffen … Wenn es angenehm ist,
begleitet mein Sohn Sie hin. Um Verzeihung, daß ich nicht länger
Gesellschaft leiste, aber ich m u ß nach dem Essen sehen. Ich habe eine
Bratwurst … Wir geben es so gut, wie wir können.«
»Ich halte mich an den Scheibenhonig«, sagte Tony, als die beiden allein
waren. »Sehen Sie, da weiß man doch, was man verschluckt!«
Der junge Schwarzkopf stand auf und legte seine Pfeife auf die
Brüstung der Veranda.
»Aber rauchen Sie doch! Nein, das stört mich ganz und gar nicht. Wenn
ich zu Hause zum Frühstück komme, ist immer schon Papas Zigarrenrauch
in der Stube … Sagen Sie mal«, fragte sie plötzlich, »ist es wahr, daß ein Ei
soviel wert ist wie ein Viertelpfund Fleisch?«
Er wurde über und über rot. »Wollen Sie mich eigentlich zum besten
haben, Fräulein Buddenbrook?« fragte er zwischen Lachen und Ärger. »Ich
habe gestern abend noch einen Rüffel von Vater bekommen wegen meiner
Fachsimpelei und Wichtigtuerei, wie er sagte …«
»Aber ich habe ganz harmlos gefragt?!« Tony hörte vor Bestürzung
einen Augenblick auf zu essen. »Wichtigtuerei! Wie kann man dergleichen
sagen!… Ich möchte gern etwas erfahren … Mein Gott, ich bin eine Gans,
sehen Sie! Bei Sesemi Weichbrodt war ich immer unter den Faulsten. Und
Sie wissen, glaube ich, so viel …« Innerlich dachte sie: Wichtigtuerei? Man
befindet sich in fremder Gesellschaft, zeigt sich von seiner besten Seite,
setzt seine Worte und sucht zu gefallen – das ist doch klar …
»Nun ja, es deckt sich in gewisser Weise«, sagte er geschmeichelt. »Was
gewisse Nährstoffe betrifft …«
Page 119
Hierauf, während Tony frühstückte und der junge Schwarzkopf fortfuhr,
seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu schwatzen,
von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda Arnoldsen, die nun
wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling, deren weißes Haus
man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei klarem Wetter …
Später, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte,
fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:
»Steht etwas Neues darin?«
Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid
den Kopf.
»Ach nein … Was soll wohl darin stehen?… Wissen Sie, diese
Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!«
»Oh?… Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?«
»Ja, nun!« sagte er und wurde rot … »Ich lese sie ja auch, wie Sie
sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler
Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht allzu
erschütternd … Ja – ja! Sie lachen … Aber Sie sollten mal andere Blätter
lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung … oder die Rheinische
Zeitung … da würden Sie etwas anderes finden! Was der König von
Preußen auch sagen mag …«
»Was sagt er denn?«
»Ja … nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren …« Und
er wurde abermals rot. »Er hat sich ziemlich ungnädig über diese Presse
geäußert«, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lächeln fort, das
Tony einen Augenblick peinlich berührte. »Sie geht nicht sehr glimpflich
mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit Pfaffen und
Junkern … sie weiß allzu geschickt die Zensur an der Nase zu führen …«
»Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?«
»Ich?« fragte er und geriet in Verlegenheit … Tony stand auf.
seine Pfeife zu rauchen, fing man an, von Sesemi Weichbrodt zu schwatzen,
von Tonys Pensionszeit, von ihren Freundinnen, Gerda Arnoldsen, die nun
wieder in Amsterdam war, und Armgard von Schilling, deren weißes Haus
man vom Strande aus sehen konnte, wenigstens bei klarem Wetter …
Später, als sie schon mit essen fertig war und sich den Mund wischte,
fragte Tony, indem sie auf die Zeitung deutete:
»Steht etwas Neues darin?«
Der junge Schwarzkopf lachte und schüttelte mit spöttischem Mitleid
den Kopf.
»Ach nein … Was soll wohl darin stehen?… Wissen Sie, diese
Städtischen Anzeigen sind ein klägliches Blättchen!«
»Oh?… Aber Papa und Mama haben sie immer gehalten?«
»Ja, nun!« sagte er und wurde rot … »Ich lese sie ja auch, wie Sie
sehen, weil eben nichts anderes zur Hand ist. Aber daß der Großhändler
Konsul So und So seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, ist nicht allzu
erschütternd … Ja – ja! Sie lachen … Aber Sie sollten mal andere Blätter
lesen, die Königsberger Hartungsche Zeitung … oder die Rheinische
Zeitung … da würden Sie etwas anderes finden! Was der König von
Preußen auch sagen mag …«
»Was sagt er denn?«
»Ja … nein, das kann ich leider vor einer Dame nicht zitieren …« Und
er wurde abermals rot. »Er hat sich ziemlich ungnädig über diese Presse
geäußert«, fuhr er mit einem etwas gewaltsam ironischen Lächeln fort, das
Tony einen Augenblick peinlich berührte. »Sie geht nicht sehr glimpflich
mit der Regierung um, wissen Sie, mit den Adligen, mit Pfaffen und
Junkern … sie weiß allzu geschickt die Zensur an der Nase zu führen …«
»Nun und Sie, gehen Sie auch nicht glimpflich mit den Adligen um?«
»Ich?« fragte er und geriet in Verlegenheit … Tony stand auf.
Page 120
»Na, darüber müssen wir ein anderes Mal reden. Wie wäre es, wenn ich
nun zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden.
Heute wird es nicht mehr regnen. Ich habe die größte Lust, wieder einmal in
die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?…«
Siebentes Kapitel
Sie hatte ihren großen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm
aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging, heftige
Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut, sein Buch
in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von der Seite. Sie
gingen die »Vorderreihe« entlang und spazierten durch den Kurgarten, der
stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und Rosenanlagen dalag. Der
Musiktempel, zwischen Nadelbäumen versteckt, stand schweigend dem
Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein langes
Zwischengebäude miteinander verbundenen Schweizerhäusern gegenüber.
Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegäste mußten sich noch am Strande
befinden.
Die beiden gingen über den Kinderspielplatz mit den Bänken und der
großen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und
wanderten langsam über das Leuchtenfeld. Die Sonne brütete auf dem
Grase und ließ diesen heißen, würzigen Geruch von Klee und Kraut daraus
aufsteigen, in dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein
monotones, gedämpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne
dann und wann kleine Schaumköpfe aufblitzten.
»Was lesen Sie da eigentlich?« fragte Tony.
Der junge Mann nahm das Buch in beide Hände und blätterte es schnell
von hinten nach vorne durch.
»Ach, das ist nichts für Sie, Fräulein Buddenbrook! Lauter Blut und
Gedärme und Elend … Sehen Sie, hier ist gerade von Lungenödem die
Rede, auf deutsch: Stickfluß. Dabei sind nämlich die Lungenbläschen mit
einer so wässerigen Flüssigkeit angefüllt … das ist hochgradig gefährlich
und kommt bei Lungenentzündung vor. Wenn es schlimm ist, kann man
nun zum Strande ginge? Sehen Sie, es ist beinahe ganz blau geworden.
Heute wird es nicht mehr regnen. Ich habe die größte Lust, wieder einmal in
die See zu springen. Wollen Sie mich hinunter begleiten?…«
Siebentes Kapitel
Sie hatte ihren großen Strohhut aufgesetzt und ihren Sonnenschirm
aufgespannt, denn es herrschte, obgleich ein kleiner Seewind ging, heftige
Hitze. Der junge Schwarzkopf schritt, in seinem grauen Filzhut, sein Buch
in der Hand, neben ihr her und betrachtete sie manchmal von der Seite. Sie
gingen die »Vorderreihe« entlang und spazierten durch den Kurgarten, der
stumm und schattenlos mit seinen Kieswegen und Rosenanlagen dalag. Der
Musiktempel, zwischen Nadelbäumen versteckt, stand schweigend dem
Kurhaus, der Konditorei und den beiden, durch ein langes
Zwischengebäude miteinander verbundenen Schweizerhäusern gegenüber.
Es war gegen halb 12 Uhr; die Badegäste mußten sich noch am Strande
befinden.
Die beiden gingen über den Kinderspielplatz mit den Bänken und der
großen Schaukel; sie gingen nahe am Warmbadehause vorbei und
wanderten langsam über das Leuchtenfeld. Die Sonne brütete auf dem
Grase und ließ diesen heißen, würzigen Geruch von Klee und Kraut daraus
aufsteigen, in dem blaue Fliegen surrend standen und umherschossen. Ein
monotones, gedämpftes Rauschen kam vom Meere her, in dessen Ferne
dann und wann kleine Schaumköpfe aufblitzten.
»Was lesen Sie da eigentlich?« fragte Tony.
Der junge Mann nahm das Buch in beide Hände und blätterte es schnell
von hinten nach vorne durch.
»Ach, das ist nichts für Sie, Fräulein Buddenbrook! Lauter Blut und
Gedärme und Elend … Sehen Sie, hier ist gerade von Lungenödem die
Rede, auf deutsch: Stickfluß. Dabei sind nämlich die Lungenbläschen mit
einer so wässerigen Flüssigkeit angefüllt … das ist hochgradig gefährlich
und kommt bei Lungenentzündung vor. Wenn es schlimm ist, kann man
Page 121
nicht mehr atmen und stirbt ganz einfach. Und das alles ist ganz kühl von
oben herab behandelt …«
»Ja, pfui!… Aber wenn man Doktor werden will … Ich werde dafür
sorgen, daß Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich später einmal
zur Ruhe setzt, passen Sie auf!«
»Ha!… Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Fräulein
Buddenbrook?«
»Kennen Sie Hoffmann?« fragte Tony.
»Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr
hübsch … Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr für Damen. Männer
müssen heute etwas anderes lesen.«
»Jetzt muß ich Sie e i n e s fragen«, sagte Tony nach ein paar Schritten
und faßte einen Entschluß. »Nämlich, w i e heißen Sie eigentlich mit
Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden … das macht
mich förmlich nervös! Ich habe geradezu darüber gegrübelt …«
»Sie haben darüber gegrübelt?«
»Ach ja – nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl
nicht, daß ich frage; aber ich bin natürlich neugierig … Übrigens brauche
ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.«
»Na, ich heiße Morten«, sagte er und wurde so rot wie noch niemals.
»Morten? Das ist hübsch!«
»Nun! hübsch …«
»Ja, mein Gott … es ist doch hübscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz
hießen. Es ist etwas Besonderes, etwas Ausländisches …«
»Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben
zuviel Hoffmann gelesen … Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein
Großvater war ein halber Norweger und hieß Morten. Nach ihm bin ich
getauft worden. Das ist alles …«
oben herab behandelt …«
»Ja, pfui!… Aber wenn man Doktor werden will … Ich werde dafür
sorgen, daß Sie bei uns Hausarzt werden, wenn Grabow sich später einmal
zur Ruhe setzt, passen Sie auf!«
»Ha!… Und was lesen Sie denn, wenn ich fragen darf, Fräulein
Buddenbrook?«
»Kennen Sie Hoffmann?« fragte Tony.
»Den mit dem Kapellmeister und dem goldenen Topf? Ja, das ist sehr
hübsch … Aber, wissen Sie, es ist doch wohl mehr für Damen. Männer
müssen heute etwas anderes lesen.«
»Jetzt muß ich Sie e i n e s fragen«, sagte Tony nach ein paar Schritten
und faßte einen Entschluß. »Nämlich, w i e heißen Sie eigentlich mit
Vornamen! Ich habe ihn noch kein einziges Mal verstanden … das macht
mich förmlich nervös! Ich habe geradezu darüber gegrübelt …«
»Sie haben darüber gegrübelt?«
»Ach ja – nun erschweren Sie mir die Sache nicht! Es schickt sich wohl
nicht, daß ich frage; aber ich bin natürlich neugierig … Übrigens brauche
ich es ja, solange ich lebe, nicht zu erfahren.«
»Na, ich heiße Morten«, sagte er und wurde so rot wie noch niemals.
»Morten? Das ist hübsch!«
»Nun! hübsch …«
»Ja, mein Gott … es ist doch hübscher, als wenn Sie Hinz oder Kunz
hießen. Es ist etwas Besonderes, etwas Ausländisches …«
»Sie sind eine Romantikerin, Mademoiselle Buddenbrook; Sie haben
zuviel Hoffmann gelesen … Ja, die Sache ist ganz einfach die: Mein
Großvater war ein halber Norweger und hieß Morten. Nach ihm bin ich
getauft worden. Das ist alles …«
Page 122
Tony stieg behutsam durch das hohe, scharfe Schilfgras, das am Rande
des nackten Strandes stand. Die Reihe der hölzernen Strandpavillons mit
ihren kegelförmigen Dächern lag vor ihnen und ließ den Durchblick auf die
Strandkörbe frei, die näher am Wasser standen, und um die Familien im
warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und
Leihbibliotheksbänden, Herren in hellen Anzügen, die müßig mit ihren
Spazierstöcken Figuren in den Sand zeichneten, gebräunte Kinder mit
großen Strohhüten auf den Köpfen, die schaufelten, sich wälzten, nach
Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit
bloßen Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe
schwimmen ließen … Rechts ragte das Holzgebäude der Badeanstalt in die
See hinaus.
»Nun marschieren wir geradeswegs auf den Möllendorpfschen Pavillon
zu«, sagte Tony. »Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!«
»Gern … aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften
anschließen … Ich setze mich da hinten auf die Steine.«
»Anschließen … ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen müssen. Aber
es ist mir recht zuwider, müssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um
meinen Frieden zu haben …«
»Frieden? Vor wem?«
»Nun! Vor wem …«
»Hören Sie, Fräulein Buddenbrook, ich muß Sie auch noch e i n e s
fragen … aber bei Gelegenheit, später, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben
Sie, daß ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine …«
»Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf?« fragte Tony mit
Wichtigkeit.
»Nein, ach nein« … sagte Morten eilig, »ich danke sehr. Ich gehöre
doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die
Steine …«
Es war eine größere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, während
Morten Schwarzkopf sich rechter Hand zu den großen Steinblöcken begab,
des nackten Strandes stand. Die Reihe der hölzernen Strandpavillons mit
ihren kegelförmigen Dächern lag vor ihnen und ließ den Durchblick auf die
Strandkörbe frei, die näher am Wasser standen, und um die Familien im
warmen Sande lagerten: Damen mit blauen Schutzpincenez und
Leihbibliotheksbänden, Herren in hellen Anzügen, die müßig mit ihren
Spazierstöcken Figuren in den Sand zeichneten, gebräunte Kinder mit
großen Strohhüten auf den Köpfen, die schaufelten, sich wälzten, nach
Wasser gruben, mit Holzformen Kuchen buken, Tunnels bohrten, mit
bloßen Beinen in die niedrigen Wellen hineinwateten und Schiffe
schwimmen ließen … Rechts ragte das Holzgebäude der Badeanstalt in die
See hinaus.
»Nun marschieren wir geradeswegs auf den Möllendorpfschen Pavillon
zu«, sagte Tony. »Lassen Sie uns doch etwas abbiegen!«
»Gern … aber Sie werden sich nun ja wohl den Herrschaften
anschließen … Ich setze mich da hinten auf die Steine.«
»Anschließen … ja, ja, ich werde wohl guten Tag sagen müssen. Aber
es ist mir recht zuwider, müssen Sie wissen. Ich bin hierher gekommen, um
meinen Frieden zu haben …«
»Frieden? Vor wem?«
»Nun! Vor wem …«
»Hören Sie, Fräulein Buddenbrook, ich muß Sie auch noch e i n e s
fragen … aber bei Gelegenheit, später, wenn Zeit dazu ist. Nun erlauben
Sie, daß ich Ihnen Adieu sage. Ich setze mich dahinten auf die Steine …«
»Soll ich Sie nicht vorstellen, Herr Schwarzkopf?« fragte Tony mit
Wichtigkeit.
»Nein, ach nein« … sagte Morten eilig, »ich danke sehr. Ich gehöre
doch wohl kaum dazu, wissen Sie. Ich setze mich dahinten auf die
Steine …«
Es war eine größere Gesellschaft, auf die Tony zuschritt, während
Morten Schwarzkopf sich rechter Hand zu den großen Steinblöcken begab,
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die neben der Badeanstalt vom Wasser bespült wurden, – eine Gruppe, die
vor dem Möllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien
Möllendorpf, Hagenström, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward.
Abgesehen von Konsul Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen,
und Peter Döhlmann, dem Suitier, bestand sie ausschließlich aus Damen
und Kindern, denn es war Alltag, und die meisten Herren befanden sich in
der Stadt bei ihren Geschäften. Konsul Fritsche, ein älterer Herr mit
glattrasiertem, distinguiertem Gesicht, beschäftigte sich droben im offenen
Pavillon mit einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler
richtete. Peter Döhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und
rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf
Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saßen: Frau
Senatorin Möllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten
Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich
umstanden war; Frau Hagenström nebst Julchen, die ziemlich klein
geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren trug;
Frau Konsul Kistenmaker nebst Töchtern und die Konsulin Fritsche, eine
runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade Wirtspflichten
versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als Reunions, Kinderbälle,
Verlosungen und Segelpartien … Ihre Vorleserin saß in einiger Entfernung.
Die Kinder spielten am Wasser.
Kistenmaker & Sohn war die aufblühende Weinhandlung, die in den
letzten Jahren C. F. Köppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden
Söhne, Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem väterlichen Geschäft.
– Dem Konsul Döhlmann fehlten gänzlich die ausgesuchten Manieren, über
die etwa Justus Kröger verfügte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier,
dessen Spezialität die gutmütige Grobheit war und der sich in der
Gesellschaft außerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wußte, daß
er besonders bei den Damen mit seinem behäbigen, dreisten und lauten
Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei
Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzögerte,
die Hausfrau in Verlegenheit und die beschäftigungslose Gesellschaft in
Mißstimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit
seiner breiten und lärmenden Stimme über die ganze Tafel brüllte: »Ick bün
so wied, Fru Konsulin!«
vor dem Möllendorpfschen Pavillon lagerte und von den Familien
Möllendorpf, Hagenström, Kistenmaker und Fritsche gebildet ward.
Abgesehen von Konsul Fritsche aus Hamburg, dem Besitzer des Ganzen,
und Peter Döhlmann, dem Suitier, bestand sie ausschließlich aus Damen
und Kindern, denn es war Alltag, und die meisten Herren befanden sich in
der Stadt bei ihren Geschäften. Konsul Fritsche, ein älterer Herr mit
glattrasiertem, distinguiertem Gesicht, beschäftigte sich droben im offenen
Pavillon mit einem Fernrohr, das er auf einen in der Ferne sichtbaren Segler
richtete. Peter Döhlmann, mit einem breitkrempigen Strohhut und
rundgeschnittenem Schifferbart, stand plaudernd bei den Damen, die auf
Plaids im Sande lagen oder auf kleinen Sesseln aus Segeltuch saßen: Frau
Senatorin Möllendorpf, geborene Langhals, die mit einer langgestielten
Lorgnette hantierte, und deren Haupt von grauem Haar unordentlich
umstanden war; Frau Hagenström nebst Julchen, die ziemlich klein
geblieben war, aber, wie ihre Mutter, bereits Brillanten in den Ohren trug;
Frau Konsul Kistenmaker nebst Töchtern und die Konsulin Fritsche, eine
runzelige kleine Dame, die eine Haube trug und im Bade Wirtspflichten
versah. Rot und ermattet sann sie auf nichts als Reunions, Kinderbälle,
Verlosungen und Segelpartien … Ihre Vorleserin saß in einiger Entfernung.
Die Kinder spielten am Wasser.
Kistenmaker & Sohn war die aufblühende Weinhandlung, die in den
letzten Jahren C. F. Köppen aus der Mode zu bringen begann. Die beiden
Söhne, Eduard und Stephan, arbeiteten bereits in dem väterlichen Geschäft.
– Dem Konsul Döhlmann fehlten gänzlich die ausgesuchten Manieren, über
die etwa Justus Kröger verfügte; er war ein biederer Suitier, ein Suitier,
dessen Spezialität die gutmütige Grobheit war und der sich in der
Gesellschaft außerordentlich viel herausnehmen durfte, weil er wußte, daß
er besonders bei den Damen mit seinem behäbigen, dreisten und lauten
Gebaren als ein Original beliebt war. Als auf einem Diner bei
Buddenbrooks sich das Erscheinen eines Gerichtes lange Zeit verzögerte,
die Hausfrau in Verlegenheit und die beschäftigungslose Gesellschaft in
Mißstimmung geriet, stellte er die gute Laune wieder her, indem er mit
seiner breiten und lärmenden Stimme über die ganze Tafel brüllte: »Ick bün
so wied, Fru Konsulin!«
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Mit eben dieser schallenden und groben Stimme erzählte er
augenblicklich fragwürdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen
Wendungen würzte … Die Senatorin Möllendorpf rief, erschöpft und außer
sich vor Lachen, einmal über das andere: »Mein Gott, Herr Konsul, hören
Sie einen Augenblick auf!«
– Tony Buddenbrook ward von den Hagenströms kalt, von der übrigen
Gesellschaft mit großer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche
kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, daß
wenigstens im nächsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen würden, das
Bad zu bevölkern.
»Der Ihrige, Mamsell!« sagte Konsul Döhlmann, mit möglichst feiner
Aussprache, denn er wußte, daß Fräulein Buddenbrook seine Manieren
nicht besonders bevorzugte.
»Mademoiselle Buddenbrook!«
»Sie hier?«
»Wie reizend!«
»Und seit wann?«
»Und welch inzückende Toilette!« – Man sagte »inzückend«. –
»Und Sie wohnen?«
»Bei Schwarzkopfs?«
»Beim Lotsenkommandeur?«
»Wie originell!«
»Wie f i n d e ich das f o r c h t b a r originell!« – Man sagte
»forchtbar«. –
»Sie wohnen in der Stadt?« wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer
des Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, daß ihn dies peinlich berührte …
»Werden Sie uns nicht das Vergnügen machen bei der nächsten
Reunion?« fragte seine Gattin …
augenblicklich fragwürdige Anekdoten, die er mit plattdeutschen
Wendungen würzte … Die Senatorin Möllendorpf rief, erschöpft und außer
sich vor Lachen, einmal über das andere: »Mein Gott, Herr Konsul, hören
Sie einen Augenblick auf!«
– Tony Buddenbrook ward von den Hagenströms kalt, von der übrigen
Gesellschaft mit großer Herzlichkeit empfangen. Selbst Konsul Fritsche
kam eilfertig die Stufen des Pavillons herunter, denn er hoffte, daß
wenigstens im nächsten Jahre wieder die Buddenbrooks helfen würden, das
Bad zu bevölkern.
»Der Ihrige, Mamsell!« sagte Konsul Döhlmann, mit möglichst feiner
Aussprache, denn er wußte, daß Fräulein Buddenbrook seine Manieren
nicht besonders bevorzugte.
»Mademoiselle Buddenbrook!«
»Sie hier?«
»Wie reizend!«
»Und seit wann?«
»Und welch inzückende Toilette!« – Man sagte »inzückend«. –
»Und Sie wohnen?«
»Bei Schwarzkopfs?«
»Beim Lotsenkommandeur?«
»Wie originell!«
»Wie f i n d e ich das f o r c h t b a r originell!« – Man sagte
»forchtbar«. –
»Sie wohnen in der Stadt?« wiederholte Konsul Fritsche, der Besitzer
des Kurhauses, ohne ahnen zu lassen, daß ihn dies peinlich berührte …
»Werden Sie uns nicht das Vergnügen machen bei der nächsten
Reunion?« fragte seine Gattin …
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»Oh, nur für kurze Zeit in Travemünde?« antwortete eine andere
Dame …
»Finden Sie nicht, Liebe, daß die Buddenbrooks ein bißchen allzu
exklusiv sind?« wandte sich Frau Hagenström ganz leise an die Senatorin
Möllendorpf …
»Und Sie haben noch nicht gebadet?« fragte jemand. »Wer von den
jungen Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen,
Luischen? Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Fräulein
Antonie …«
Einige junge Mädchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony
zu baden, und Peter Döhlmann ließ es sich nicht nehmen, die Damen den
Strand entlang zu geleiten.
»Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgänge von damals?« fragte
Tony Julchen Hagenström.
»J–ja! Sie spielten immer die Boshafte«, sagte Julchen mit mitleidigem
Lächeln.
Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten
Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorüberkam, wo
Morten Schwarzkopf mit seinem Buche saß, nickte Tony ihm aus der Ferne
mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: »Wen
grüßtest du, Tony?«
»Oh, das war der junge Schwarzkopf«, sagte Tony; »er hat mich
herunterbegleitet …«
»Der Sohn des Lotsenkommandeurs?« fragte Julchen Hagenström und
blickte mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinüber, der
seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft
musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: »Eines bedaure ich: nämlich,
daß zum Beispiel August Möllendorpf nicht hier ist … Es muß doch alltags
recht langweilig am Strande sein!«
Dame …
»Finden Sie nicht, Liebe, daß die Buddenbrooks ein bißchen allzu
exklusiv sind?« wandte sich Frau Hagenström ganz leise an die Senatorin
Möllendorpf …
»Und Sie haben noch nicht gebadet?« fragte jemand. »Wer von den
jungen Damen hat sonst heute noch nicht gebadet? Mariechen, Julchen,
Luischen? Selbstredend begleiten Ihre Freundinnen Sie, Fräulein
Antonie …«
Einige junge Mädchen trennten sich von der Gesellschaft, um mit Tony
zu baden, und Peter Döhlmann ließ es sich nicht nehmen, die Damen den
Strand entlang zu geleiten.
»Gott! erinnerst du dich noch unserer Schulgänge von damals?« fragte
Tony Julchen Hagenström.
»J–ja! Sie spielten immer die Boshafte«, sagte Julchen mit mitleidigem
Lächeln.
Man ging oberhalb des Strandes auf dem Steg von paarweise gelegten
Brettern der Badeanstalt zu; und als man an den Steinen vorüberkam, wo
Morten Schwarzkopf mit seinem Buche saß, nickte Tony ihm aus der Ferne
mehrmals mit rascher Kopfbewegung zu. Jemand erkundigte sich: »Wen
grüßtest du, Tony?«
»Oh, das war der junge Schwarzkopf«, sagte Tony; »er hat mich
herunterbegleitet …«
»Der Sohn des Lotsenkommandeurs?« fragte Julchen Hagenström und
blickte mit ihren blanken schwarzen Augen scharf zu Morten hinüber, der
seinerseits mit einer gewissen Melancholie die elegante Gesellschaft
musterte. Tony aber sagte mit lauter Stimme: »Eines bedaure ich: nämlich,
daß zum Beispiel August Möllendorpf nicht hier ist … Es muß doch alltags
recht langweilig am Strande sein!«
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Achtes Kapitel
Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook,
kurzweiligere und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte.
Sie blühte auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen
kehrten Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit
Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde
kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den
Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der
Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann,
sich drängten: Der Konsul spielte niemals. –
Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und
machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort,
den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«, der eine weite
Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das
hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hote-Glocke
hing … Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein zu
finden gab …
Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein
wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein strenges
und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit hervorbrachte,
obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie schalt ihn, wenn er
mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle Adeligen für Idioten und
Elende erklärte; aber sie war sehr stolz darauf, daß er ihr gegenüber offen
und zutraulich seine Anschauungen aussprach, die er den Eltern verschwieg
… Einmal sagte er: »Dies muß ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude
in Göttingen habe ich ein vollkommenes Gerippe … wissen Sie, so ein
Knochengerippe, notdürftig mit etwas Draht zusammengehalten. Na,
diesem Gerippe habe ich eine alte Polizistenuniform angezogen … ha!
Finden Sie das nicht ausgezeichnet? Aber sagen Sie es um Gottes willen
nicht meinem Vater!« –
Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen
Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser
oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten
»auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den
Hiermit begannen schöne Sommerwochen für Tony Buddenbrook,
kurzweiligere und angenehmere, als sie jemals in Travemünde erlebt hatte.
Sie blühte auf, nichts lastete mehr auf ihr; in ihre Worte und Bewegungen
kehrten Keckheit und Sorglosigkeit zurück. Der Konsul betrachtete sie mit
Wohlgefallen, wenn er Sonntags mit Tom und Christian nach Travemünde
kam. Dann speiste man an der Table d'hote, trank bei der Kurmusik den
Kaffee unter dem Zeltdach der Konditorei und sah drinnen im Saale der
Roulette zu, um die lustige Leute, wie Justus Kröger und Peter Döhlmann,
sich drängten: Der Konsul spielte niemals. –
Tony sonnte sich, sie badete, aß Bratwurst mit Pfeffernußsauce und
machte weite Spaziergänge mit Morten: den Chausseeweg zum Nachbarort,
den Strand entlang zu dem hoch gelegenen »Seetempel«, der eine weite
Aussicht über See und Land beherrschte, oder in das Wäldchen hinauf, das
hinterm Kurhause lag und auf dessen Höhe die große Table d'hote-Glocke
hing … Oder sie ruderten über die Trave zum »Priwal«, wo es Bernstein zu
finden gab …
Morten war ein unterhaltender Begleiter, wiewohl seine Meinungen ein
wenig hitzig und absprechend waren. Er führte über alle Dinge ein strenges
und gerechtes Urteil mit sich, das er mit Entschiedenheit hervorbrachte,
obgleich er rot dabei wurde. Tony ward betrübt und sie schalt ihn, wenn er
mit etwas ungeschickter aber zorniger Geste alle Adeligen für Idioten und
Elende erklärte; aber sie war sehr stolz darauf, daß er ihr gegenüber offen
und zutraulich seine Anschauungen aussprach, die er den Eltern verschwieg
… Einmal sagte er: »Dies muß ich Ihnen noch erzählen: Auf meiner Bude
in Göttingen habe ich ein vollkommenes Gerippe … wissen Sie, so ein
Knochengerippe, notdürftig mit etwas Draht zusammengehalten. Na,
diesem Gerippe habe ich eine alte Polizistenuniform angezogen … ha!
Finden Sie das nicht ausgezeichnet? Aber sagen Sie es um Gottes willen
nicht meinem Vater!« –
Es konnte nicht fehlen, daß Tony oftmals mit ihrer städtischen
Bekanntschaft am Strande oder im Kurgarten verkehrte, daß sie zu dieser
oder jener Reunion und Segelpartie hinzugezogen wurde. Dann saß Morten
»auf den Steinen«. Diese Steine waren seit dem ersten Tage zwischen den
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beiden zur stehenden Redewendung geworden. »Auf den Steinen sitzen«,
das bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag,
der die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig mit
dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die
Wege überschwemmte, dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den
Steinen sitzen … das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es bleibt
nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen, Morten,
obgleich es mich greulich langweilt.«
»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns … Aber wissen Sie, wenn Sie dabei
sind, so sind es keine Steine mehr!« … Übrigens sagte er dergleichen nicht,
wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.
»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem
Mittagessen Tony und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten,
auf und davon zu gehen … »Wohin mit den jungen Herrschaften!«
»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.«
»So, darfst du das? – Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am
Ende angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine
Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen
kommst …«
Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll
er nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er
denn gar nichts von unserem Besuche haben?« – So gingen sie.
Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand
von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, so daß man mühelos gehen
kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und andere,
längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses Seegras mit
runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie zerdrückt; und
Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe, giftige, welche das
Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt …
»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte
die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze Menge
Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf den
Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten … dann mußten die Sterne
das bedeutete: »Vereinsamt sein und sich langweilen«. Kam ein Regentag,
der die See weit und breit in einen grauen Schleier hüllte, daß sie völlig mit
dem tiefen Himmel zusammenfloß, der den Strand durchweichte und die
Wege überschwemmte, dann sagte Tony: »Heute müssen wir beide auf den
Steinen sitzen … das heißt in der Veranda oder im Wohnzimmer. Es bleibt
nichts übrig, als daß Sie mir Ihre Studentenlieder vorspielen, Morten,
obgleich es mich greulich langweilt.«
»Ja«, sagte Morten, »setzen wir uns … Aber wissen Sie, wenn Sie dabei
sind, so sind es keine Steine mehr!« … Übrigens sagte er dergleichen nicht,
wenn sein Vater zugegen war; seine Mutter durfte es hören.
»Was nun?« fragte der Lotsenkommandeur, wenn nach dem
Mittagessen Tony und Morten gleichzeitig aufstanden und sich anschickten,
auf und davon zu gehen … »Wohin mit den jungen Herrschaften!«
»Ja, ich darf Fräulein Antonie ein bißchen zum Seetempel begleiten.«
»So, darfst du das? – Sage mal, mein Sohn Filius, wäre es nicht am
Ende angebrachter, du setztest dich auf deine Stube und repetiertest deine
Nervenstränge? Du hast alles vergessen, bis du wieder nach Göttingen
kommst …«
Frau Schwarzkopf aber sprach sanft: »Diederich, mein Gott! warum soll
er nicht mitgehen? Laß ihn doch mitgehen! Er hat doch Ferien! Und soll er
denn gar nichts von unserem Besuche haben?« – So gingen sie.
Sie gingen den Strand entlang, ganz unten am Wasser, dort wo der Sand
von der Flut benetzt, geglättet und gehärtet ist, so daß man mühelos gehen
kann; wo kleine, gewöhnliche, weiße Muscheln verstreut liegen und andere,
längliche, große, opalisierende; dazwischen gelbgrünes, nasses Seegras mit
runden, hohlen Früchten, welche knallen, wenn man sie zerdrückt; und
Quallen, einfache, wasserfarbene sowohl wie rotgelbe, giftige, welche das
Bein verbrennen, wenn man sie beim Baden berührt …
»Wollen Sie wissen, wie dumm ich früher war?« sagte Tony. »Ich wollte
die bunten Sterne aus den Quallen heraus haben. Ich trug eine ganze Menge
Quallen im Taschentuche nach Hause und legte sie säuberlich auf den
Balkon in die Sonne, damit sie verdunsteten … dann mußten die Sterne
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doch übrigbleiben! Ja, schön … Als ich nachsah, war da ein ziemlich großer
nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem Seetang …«
Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen
neben sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis
daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine
gedämpfte Betäubung hervorruft … Sie gingen in diesem weiten, still
sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah,
zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt …
Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll,
gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die
Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu steinig
wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den ansteigenden
Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder Pavillon, war
aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren Innenseiten mit
Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war … Tony und Morten
setzten sich in eine der kleinen abgeteilten Kammern, die der See
zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie in den Kabinen der
Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im Hintergrunde.
Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde.
Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte
sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in dessen
Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor dem
Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie plötzlich
eine nachdenklich stimmende Stille.
Tony erkundigte sich: »Kommt der oder geht er?«
»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme … und als ob
er aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das
ist der ›Bürgermeister Steenbock‹, der nach Rußland fährt. – Ich möchte
nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch empörender
zugehen als bei uns!«
»So!« sagte Tony. »Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen
anzufangen, Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von
Ihnen … Haben Sie jemals einen gekannt?«
nasser Fleck. Es roch nur ein bißchen nach faulem Seetang …«
Sie gingen, das rhythmische Rauschen der langgestreckten Wellen
neben sich, den frischen Salzwind im Gesicht, der frei und ohne Hindernis
daherkommt, die Ohren umhüllt und einen angenehmen Schwindel, eine
gedämpfte Betäubung hervorruft … Sie gingen in diesem weiten, still
sausenden Frieden am Meere, der jedes kleine Geräusch, ob fern oder nah,
zu geheimnisvoller Bedeutung erhebt …
Links befanden sich zerklüftete Abhänge aus gelbem Lehm und Geröll,
gleichförmig, mit immer neu hervorspringenden Ecken, welche die
Biegungen der Küste verdeckten. Hier irgendwo, weil der Strand zu steinig
wurde, kletterten sie hinauf, um droben durch das Gehölz den ansteigenden
Weg zum Seetempel fortzusetzen. Der Seetempel, ein runder Pavillon, war
aus rohen Borkenstämmen und Brettern erbaut, deren Innenseiten mit
Inschriften, Initialen, Herzen, Gedichten bedeckt war … Tony und Morten
setzten sich in eine der kleinen abgeteilten Kammern, die der See
zugewandt waren, und in denen es nach Holz roch wie in den Kabinen der
Badeanstalt, auf die schmale, roh gezimmerte Bank im Hintergrunde.
Es war sehr still und feierlich hier oben um diese Nachmittagsstunde.
Ein paar Vögel schwatzten, und das leise Rauschen der Bäume vermischte
sich mit dem des Meeres, das sich dort tief unten ausbreitete und in dessen
Ferne das Takelwerk eines Schiffes zu sehen war. Geschützt vor dem
Winde, der bislang um ihre Ohren gespielt hatte, empfanden sie plötzlich
eine nachdenklich stimmende Stille.
Tony erkundigte sich: »Kommt der oder geht er?«
»Wie?« fragte Morten mit seiner schwerfälligen Stimme … und als ob
er aus irgendeiner tiefen Abwesenheit erwachte, sagte er rasch: »Geht! Das
ist der ›Bürgermeister Steenbock‹, der nach Rußland fährt. – Ich möchte
nicht mit«, setzte er nach einer Pause hinzu. »Dort muß es noch empörender
zugehen als bei uns!«
»So!« sagte Tony. »Nun gedenken Sie wieder mit den Adligen
anzufangen, Morten, ich sehe es Ihrem Gesichte an. Es ist nicht schön von
Ihnen … Haben Sie jemals einen gekannt?«
Page 129
»Nein!« rief Morten beinahe entrüstet. »Gott sei Dank!«
»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von
Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war
gutmütiger als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie ›von‹ hieß, sie aß
Mettwurst und sprach von ihren Kühen …«
»Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber
hören Sie … Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an. Sie
kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch!
Gewiß … aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu
verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die
Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen … Wie? Jemand braucht nur
geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein … der
verächtlich auf uns anderen herabblicken darf, … die wir mit allen
Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können?…« Morten sprach mit
einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen
zu machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder.
Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen
zwischen den Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen
einen trotzigen Ausdruck … »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir
bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des
Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir
leugnen die jetzige Rangordnung der Stände … wir wollen, daß alle
Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist,
sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind!… Es soll keine Privilegien
und keine Willkür mehr geben!… Alle sollen gleichberechtigte Kinder des
Staates sein, und wie keine Mittlerschaft mehr existiert zwischen dem Laien
und dem lieben Gott, so soll auch der Bürger zum Staate in unmittelbarem
Verhältnis stehen!… Wir wollen Freiheit der Presse, der Gewerbe, des
Handels … Wir wollen, daß alle Menschen ohne Vorrechte miteinander
konkurrieren können und daß dem Verdienste seine Krone wird!… Aber wir
sind geknechtet, geknebelt … was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie
auf: Vor vier Jahren sind die Bundesgesetze über die Universitäten und die
Presse erneuert worden – schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit
niedergeschrieben oder gelehrt werden, die vielleicht nicht mit der
bestehenden Ordnung der Dinge übereinstimmt … Verstehen Sie? Die
Wahrheit wird unterdrückt, sie kommt nicht zum Worte … und warum?
»Ja! ja, sehen Sie wohl? Ich aber. Ein Mädchen allerdings, Armgard von
Schilling dort drüben, von der ich Ihnen schon erzählte. Nun, sie war
gutmütiger als Sie und ich, sie wußte kaum, daß sie ›von‹ hieß, sie aß
Mettwurst und sprach von ihren Kühen …«
»Sicherlich gibt es Ausnahmen, Fräulein Tony!« sagte er eifrig. »Aber
hören Sie … Sie sind eine junge Dame, Sie sehen alles persönlich an. Sie
kennen einen Adligen und sagen: Aber er ist doch ein braver Mensch!
Gewiß … aber man braucht gar keinen zu kennen, um sie alle zu
verurteilen! Denn es handelt sich um das Prinzip, wissen Sie, um die
Einrichtung! Ja, darauf müssen Sie schweigen … Wie? Jemand braucht nur
geboren zu werden, um ein Auserlesener und Edler zu sein … der
verächtlich auf uns anderen herabblicken darf, … die wir mit allen
Verdiensten nicht auf seine Höhe gelangen können?…« Morten sprach mit
einer naiven und gutherzigen Entrüstung; er versuchte, Handbewegungen
zu machen, sah selbst, daß sie ungeschickt waren, und unterließ sie wieder.
Aber er redete fort. Er war in Stimmung. Er saß vorgebeugt, einen Daumen
zwischen den Knöpfen seiner Joppe, und gab seinen gutmütigen Augen
einen trotzigen Ausdruck … »Wir, die Bourgeoisie, der dritte Stand, wie wir
bis jetzt genannt worden sind, wir wollen, daß nur noch ein Adel des
Verdienstes bestehe, wir erkennen den faulen Adel nicht mehr an, wir
leugnen die jetzige Rangordnung der Stände … wir wollen, daß alle
Menschen frei und gleich sind, daß niemand einer Person unterworfen ist,
sondern alle nur den Gesetzen untertänig sind!… Es soll keine Privilegien
und keine Willkür mehr geben!… Alle sollen gleichberechtigte Kinder des
Staates sein, und wie keine Mittlerschaft mehr existiert zwischen dem Laien
und dem lieben Gott, so soll auch der Bürger zum Staate in unmittelbarem
Verhältnis stehen!… Wir wollen Freiheit der Presse, der Gewerbe, des
Handels … Wir wollen, daß alle Menschen ohne Vorrechte miteinander
konkurrieren können und daß dem Verdienste seine Krone wird!… Aber wir
sind geknechtet, geknebelt … was wollte ich eben sagen? Ja, passen Sie
auf: Vor vier Jahren sind die Bundesgesetze über die Universitäten und die
Presse erneuert worden – schöne Gesetze! Es darf keine Wahrheit
niedergeschrieben oder gelehrt werden, die vielleicht nicht mit der
bestehenden Ordnung der Dinge übereinstimmt … Verstehen Sie? Die
Wahrheit wird unterdrückt, sie kommt nicht zum Worte … und warum?
Page 130
einem idiotischen, veralteten, hinfälligen Zustande zuliebe, der, wie
jedermann weiß, früher oder später ja dennoch abgeschafft werden wird …
Ich glaube, Sie begreifen diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die
dumme, rohe, augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für
das Geistige und Neue … Nein, von allem abgesehen will ich nur noch
eines sagen … Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen!
Damals, anno dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns
gerufen und uns die Konstitution versprochen … wir sind gekommen, wir
haben Deutschland befreit …«
Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete,
überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich geholfen
haben könne, Napoleon zu vertreiben.
»… aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach
nein! – Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein Romantiker,
wie Sie, Fräulein Tony … Denn eines müssen Sie beachten: Wenn die
Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein Prinzip
soeben wieder überwunden und abgetan haben, dann kommt allmählich ein
König, der nun gerade d a bei angelangt ist, der nun gerade d i e s für das
Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu müssen glaubt … Ja,
so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige sind nicht nur Menschen,
sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen, sie sind immer um mehrere
Postmeilen zurück … Ach, mit Deutschland ist es gegangen, wie mit einem
Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der Freiheitskriege seine mutige
und begeisterte Jugend hatte und nun zum kläglichen Philister geworden
ist …«
»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen …
Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße …«
»Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren
Familiennamen, und zwar mit Absicht … und ich müßte eigentlich noch
›Demoiselle‹ Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen?
Schranken, Abstand, Aristokratie – hier wie dort!… Sie haben Sympathie
für die Adligen … soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie selbst eine Adlige
sind! Ja–ha, haben Sie das noch nicht gewußt?… Ihr Vater ist ein großer
jedermann weiß, früher oder später ja dennoch abgeschafft werden wird …
Ich glaube, Sie begreifen diese Gemeinheit gar nicht! Die Gewalt, die
dumme, rohe, augenblickliche Polizistengewalt, ganz ohne Verständnis für
das Geistige und Neue … Nein, von allem abgesehen will ich nur noch
eines sagen … Der König von Preußen hat ein großes Unrecht begangen!
Damals, anno dreizehn, als die Franzosen im Lande waren, hat er uns
gerufen und uns die Konstitution versprochen … wir sind gekommen, wir
haben Deutschland befreit …«
Tony, die ihn, das Kinn in die Hand gestützt, von der Seite betrachtete,
überlegte einen Augenblick ernstlich, ob er selbst wohl wirklich geholfen
haben könne, Napoleon zu vertreiben.
»… aber meinen Sie, daß das Versprechen eingelöst worden ist? Ach
nein! – Der jetzige König ist ein Schönredner, ein Träumer, ein Romantiker,
wie Sie, Fräulein Tony … Denn eines müssen Sie beachten: Wenn die
Philosophen und Dichter eine Wahrheit, eine Anschauung, ein Prinzip
soeben wieder überwunden und abgetan haben, dann kommt allmählich ein
König, der nun gerade d a bei angelangt ist, der nun gerade d i e s für das
Neueste und Beste hält und sich danach benehmen zu müssen glaubt … Ja,
so ist es mit dem Königtum bestellt! Die Könige sind nicht nur Menschen,
sie sind sogar höchst mittelmäßige Menschen, sie sind immer um mehrere
Postmeilen zurück … Ach, mit Deutschland ist es gegangen, wie mit einem
Burschenschafts-Studenten, der zur Zeit der Freiheitskriege seine mutige
und begeisterte Jugend hatte und nun zum kläglichen Philister geworden
ist …«
»Jaja«, sagte Tony. »Alles gut. Aber lassen Sie mich das eine fragen …
Was geht Sie das eigentlich an? Sie sind ja gar kein Preuße …«
»Ach, das ist alles eins, Fräulein Buddenbrook! Ja, ich nenne Ihren
Familiennamen, und zwar mit Absicht … und ich müßte eigentlich noch
›Demoiselle‹ Buddenbrook sagen, damit Ihnen Ihr ganzes Recht wird! Sind
bei uns etwa die Menschen freier, gleicher, brüderlicher als in Preußen?
Schranken, Abstand, Aristokratie – hier wie dort!… Sie haben Sympathie
für die Adligen … soll ich Ihnen sagen warum? Weil Sie selbst eine Adlige
sind! Ja–ha, haben Sie das noch nicht gewußt?… Ihr Vater ist ein großer
Page 131
Herr, und Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt Sie von uns anderen,
die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden Familien gehören. Sie
können wohl einmal mit einem von uns zur Erholung ein bißchen an der
See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren Kreis der Bevorzugten
und Auserwählten treten, dann kann man auf den Steinen sitzen …« Seine
Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.
»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich d o c h geärgert,
wenn Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen
zu lassen …«
»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich,
Fräulein Tony! Ich spreche doch im Prinzip … Ich sage, daß bei uns nicht
mehr brüderliche Menschlichkeit herrscht als in Preußen … Und wenn ich
persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer Stimme
fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden war, »so
würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht die Zukunft,
… wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgültig in Ihrem
vornehmen Bereich verschwinden werden und … man Zeit seines Lebens
auf den Steinen sitzen kann …«
Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an,
sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es herrschte
ziemlich lange eine beklommene Stille.
»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal
sagte, ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit
dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen … Raten
Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich frage ein
anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich im Grunde gar
nichts an, es ist bloß Neugierde … Nein, heute will ich Ihnen nur das eine
verraten … etwas anderes … Sehen Sie mal.«
Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines
schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von
Erwartung und Triumph in Tonys Augen.
»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?«
die wir nicht zu Ihrem Kreise von herrschenden Familien gehören. Sie
können wohl einmal mit einem von uns zur Erholung ein bißchen an der
See spazieren gehen, aber wenn Sie wieder in Ihren Kreis der Bevorzugten
und Auserwählten treten, dann kann man auf den Steinen sitzen …« Seine
Stimme war ganz fremdartig erregt geworden.
»Morten«, sagte Tony traurig. »Nun haben Sie sich d o c h geärgert,
wenn Sie auf den Steinen saßen! Ich habe Sie doch gebeten, sich vorstellen
zu lassen …«
»Oh, Sie nehmen die Sache wieder als junge Dame, zu persönlich,
Fräulein Tony! Ich spreche doch im Prinzip … Ich sage, daß bei uns nicht
mehr brüderliche Menschlichkeit herrscht als in Preußen … Und wenn ich
persönlich spräche«, fuhr er nach einer kleinen Pause mit leiserer Stimme
fort, aus der aber die eigentümliche Erregung nicht verschwunden war, »so
würde ich nicht die Gegenwart meinen, sondern eher vielleicht die Zukunft,
… wenn Sie als eine Madame So und So einmal endgültig in Ihrem
vornehmen Bereich verschwinden werden und … man Zeit seines Lebens
auf den Steinen sitzen kann …«
Er schwieg, und auch Tony schwieg. Sie blickte ihn nicht mehr an,
sondern nach der anderen Seite, auf die Bretterwand neben ihr. Es herrschte
ziemlich lange eine beklommene Stille.
»Erinnern Sie sich«, fing Morten wieder an, »daß ich Ihnen einmal
sagte, ich hätte eine Frage an Sie zu richten? Ja, die beschäftigt mich seit
dem ersten Nachmittage, als Sie hier ankamen, müssen Sie wissen … Raten
Sie nur nicht! Sie können unmöglich wissen, was ich meine. Ich frage ein
anderes Mal, bei Gelegenheit; es hat keine Eile, es geht mich im Grunde gar
nichts an, es ist bloß Neugierde … Nein, heute will ich Ihnen nur das eine
verraten … etwas anderes … Sehen Sie mal.«
Hierbei zog Morten aus einer Tasche seiner Joppe das Ende eines
schmalen, buntgestreiften Bandes hervor und sah mit einem Gemisch von
Erwartung und Triumph in Tonys Augen.
»Wie hübsch«, sagte sie verständnislos. »Was bedeutet das?«
Page 132
Morten aber sprach feierlich: »Das bedeutet, daß ich in Göttingen einer
Burschenschaftsverbindung angehöre – nun wissen Sie es! Ich habe auch
eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem
Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt … denn hier dürfte ich mich
nicht damit sehen lassen, verstehen Sie … Ich kann doch darauf rechnen,
daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache erführe, so
gäbe es ein Unglück …«
»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen!… Aber ich
weiß gar nichts davon … Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?…
Was wollen Sie?«
»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten.
»Die Freiheit?« fragte sie.
»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit …!« wiederholte er,
indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung
hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener
Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern
dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden
grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig und
unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte …
Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während
nicht viel fehlte, daß beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen
Holzbank lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne.
Sie schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen
heraufrauschte … und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten in
einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen Verständnis
dessen, was »Freiheit« bedeutete.
Neuntes Kapitel
»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann,
Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden
Burschenschaftsverbindung angehöre – nun wissen Sie es! Ich habe auch
eine Mütze in diesen Farben, aber die habe ich für die Ferienzeit dem
Gerippe in der Polizistenuniform aufgesetzt … denn hier dürfte ich mich
nicht damit sehen lassen, verstehen Sie … Ich kann doch darauf rechnen,
daß Sie reinen Mund halten? Wenn mein Vater von der Sache erführe, so
gäbe es ein Unglück …«
»Kein Wort, Morten! Nein, auf mich können Sie zählen!… Aber ich
weiß gar nichts davon … Sind Sie alle gegen die Adligen verschworen?…
Was wollen Sie?«
»Wir wollen die Freiheit!« sagte Morten.
»Die Freiheit?« fragte sie.
»Nun ja, die Freiheit, wissen Sie, die Freiheit …!« wiederholte er,
indem er eine vage, ein wenig linkische, aber begeisterte Armbewegung
hinaus, hinunter, über die See hin vollführte, und zwar nicht nach jener
Seite, wo die mecklenburgische Küste die Bucht beschränkte, sondern
dorthin, wo das Meer offen war, wo es sich in immer schmaler werdenden
grünen, blauen, gelben und grauen Streifen leicht gekräuselt, großartig und
unabsehbar dem verwischten Horizont entgegendehnte …
Tony folgte mit den Augen der Richtung seiner Hand; und während
nicht viel fehlte, daß beider Hände, die nebeneinander auf der rauhen
Holzbank lagen, sich vereinigten, blickten sie gemeinsam in dieselbe Ferne.
Sie schwiegen lange, indes das Meer ruhig und schwerfällig zu ihnen
heraufrauschte … und Tony glaubte plötzlich einig zu sein mit Morten in
einem großen, unbestimmten, ahnungsvollen und sehnsüchtigen Verständnis
dessen, was »Freiheit« bedeutete.
Neuntes Kapitel
»Es ist merkwürdig, daß man sich an der See nicht langweilen kann,
Morten. Liegen Sie einmal an einem anderen Orte drei oder vier Stunden
Page 133
lang auf dem Rücken, ohne etwas zu tun, ohne auch nur einem Gedanken
nachzuhängen …«
»Ja, ja … Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal
gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her …«
Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue,
dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe,
zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand.
Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die
Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile
schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben da.
Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten Gegend:
dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am
»Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr
einen festgeklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken,
die Füße in Kreuzbandschuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt,
in ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr
zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möwe
schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei
vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der
Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der
sich ihnen entgegenstellte … in diesem irren, ewigen Getöse, das betäubt,
stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet.
Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte,
und fragte: »Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?«
»Nein … wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis.
»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, … meine Ferien sind
ohnehin bald zu Ende … wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich
auf die Gesellschaften in der Stadt …? Sagen Sie mal: Es sind wohl
liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen … Nein, das wollte ich auch
nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir eines beantworten«, sagte er, indem er
nachzuhängen …«
»Ja, ja … Übrigens muß ich gestehen, daß ich mich früher manchmal
gelangweilt habe, Fräulein Tony; aber das ist einige Wochen her …«
Der Herbst kam, der erste starke Wind hatte sich aufgemacht. Graue,
dünne und zerrissene Wolken flatterten eilig über den Himmel. Die trübe,
zerwühlte See war weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
Rundung bildeten, und stürzten lärmend über den Sand.
Die Saison war völlig zu Ende. Der Teil des Strandes, den sonst die
Menge der Badegäste bevölkerte und wo jetzt die Pavillons zum Teile
schon abgebrochen waren, lag mit wenigen Sitzkörben fast ausgestorben da.
Aber Tony und Morten lagerten nachmittags in einer entfernten Gegend:
dort, wo die gelben Lehmwände begannen, und wo die Wellen am
»Möwenstein« ihren Gischt hoch emporschleuderten. Morten hatte ihr
einen festgeklopften Sandberg getürmt: daran lehnte sie mit dem Rücken,
die Füße in Kreuzbandschuhen und weißen Strümpfen übereinandergelegt,
in ihrer weichen grauen Herbstjacke mit großen Knöpfen; Morten, ihr
zugewandt, lag, das Kinn in die Hand gestützt, auf der Seite. Eine Möwe
schoß dann und wann über die See und ließ ihren Raubvogelschrei
vernehmen. Sie sahen die grünen, mit Seegras durchwachsenen Wände der
Wellen an, die drohend daherkamen und an dem Steinblock zerbarsten, der
sich ihnen entgegenstellte … in diesem irren, ewigen Getöse, das betäubt,
stumm macht und das Gefühl der Zeit ertötet.
Endlich machte Morten eine Bewegung, als ob er sich selbst erweckte,
und fragte: »Nun werden Sie wohl bald abreisen, Fräulein Tony?«
»Nein … wieso?« sagte Tony abwesend und ohne Verständnis.
»Ja, mein Gott, wir haben den zehnten September, … meine Ferien sind
ohnehin bald zu Ende … wie lange kann das noch dauern! Freuen Sie sich
auf die Gesellschaften in der Stadt …? Sagen Sie mal: Es sind wohl
liebenswürdige Herren, mit denen Sie tanzen … Nein, das wollte ich auch
nicht fragen! Jetzt müssen Sie mir eines beantworten«, sagte er, indem er
Page 134
mit plötzlichem Entschlusse sein Kinn in der Hand zurechtrückte und sie
anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe, … wissen
Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?«
Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre
Augen umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert
wird. Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn
Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit.
»D a s wollen Sie wissen, Morten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich
es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß
Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn
einmal gehört haben … genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein
Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg,
der in der Stadt um meine Hand angehalten hat … aber nein!« antwortete
sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich
habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu
erteilen.«
»Und warum nicht … wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt.
»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht a u s s t e h e n konnte!« rief sie
beinahe entrüstet … »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er
sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris … völlig
unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sich mit dem Pulver frisierte, mit
dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet … Außerdem war er falsch. Er
schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise
nach dem Munde …«
Morten unterbrach sie.
»Aber was heißt … Sie müssen mir noch eines sagen … was heißt: Das
putzt ganz ungemein?«
Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen.
»Ja … so sprach er, Morten! Er sagte nicht: ›Das nimmt sich gut aus‹,
oder: ›Das schmückt das Zimmer‹, sondern: ›Das putzt ganz ungemein‹ …
so albern war er, ich versichere Sie!… Dabei war er im höchsten Grade
aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders als
anblickte. »Es ist die Frage, die ich so lange aufgespart habe, … wissen
Sie? Nun! Wer ist Herr Grünlich?«
Tony fuhr zusammen, sah ihm rasch ins Gesicht und ließ dann ihre
Augen umherschweifen wie jemand, der an einen fernen Traum erinnert
wird. Dabei wurde das Gefühl in ihr lebendig, das sie in der Zeit nach Herrn
Grünlichs Werbung erprobt hatte: Das Gefühl persönlicher Wichtigkeit.
»D a s wollen Sie wissen, Morten?« fragte sie ernst. »Nun, dann will ich
es Ihnen sagen. Es war mir zwar höchst peinlich, verstehen Sie, daß
Thomas den Namen am ersten Nachmittage erwähnte; aber da Sie ihn
einmal gehört haben … genug: Herr Grünlich, Bendix Grünlich, das ist ein
Geschäftsfreund meines Vaters, ein wohlsituierter Kaufmann aus Hamburg,
der in der Stadt um meine Hand angehalten hat … aber nein!« antwortete
sie rasch auf eine Bewegung Mortens, »ich habe ihn zurückgewiesen, ich
habe mich nicht entschließen können, ihm mein Jawort fürs Leben zu
erteilen.«
»Und warum nicht … wenn ich fragen darf?« sagte Morten ungeschickt.
»Warum? O Gott, weil ich ihn nicht a u s s t e h e n konnte!« rief sie
beinahe entrüstet … »Sie hätten ihn kennen sollen, wie er aussah und wie er
sich benahm! Unter anderem hatte er goldgelbe Favoris … völlig
unnatürlich! Ich bin überzeugt, daß er sich mit dem Pulver frisierte, mit
dem man die Weihnachtsnüsse vergoldet … Außerdem war er falsch. Er
schwänzelte um meine Eltern herum und sprach ihnen in schamloser Weise
nach dem Munde …«
Morten unterbrach sie.
»Aber was heißt … Sie müssen mir noch eines sagen … was heißt: Das
putzt ganz ungemein?«
Tony geriet in ein nervöses und kicherndes Lachen.
»Ja … so sprach er, Morten! Er sagte nicht: ›Das nimmt sich gut aus‹,
oder: ›Das schmückt das Zimmer‹, sondern: ›Das putzt ganz ungemein‹ …
so albern war er, ich versichere Sie!… Dabei war er im höchsten Grade
aufdringlich; er ließ nicht von mir ab, obgleich ich ihn niemals anders als
Page 135
mit Ironie behandelte. Einmal machte er mir eine Szene, bei der er beinahe
weinte … ich bitte Sie: ein Mann, der weint …«
»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise.
»Aber was ging das m i c h an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an
ihrem Sandberg zur Seite wandte …
»Sie sind grausam, Fräulein Tony … Sind Sie immer grausam? Sagen
Sie mir … Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind
Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?… Manchmal denke ich: Haben
Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen … es ist so wahr,
daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil er
darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen … das ist es. Ich bin
nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls … Sehen Sie, Sie
sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf … Mokieren Sie sich immer nur
über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie wirklich ein kaltes
Herz?«
Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu
zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die
langsam blank von Tränen wurden, und sagte leise: »Nein, Morten, glauben
Sie das von mir?… Das müssen Sie nicht von mir glauben.«
»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem
Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war … Er wälzte
sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff,
indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die ihre und sah mit
seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr
Gesicht.
»Und Sie … Sie mokieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage,
daß …«
»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf
ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die
Finger gleiten ließ.
»Sie wissen …! Und Sie … S i e, Fräulein Tony …«
weinte … ich bitte Sie: ein Mann, der weint …«
»Er muß Sie sehr verehrt haben«, sagte Morten leise.
»Aber was ging das m i c h an!« rief sie erstaunt, indem sie sich an
ihrem Sandberg zur Seite wandte …
»Sie sind grausam, Fräulein Tony … Sind Sie immer grausam? Sagen
Sie mir … Sie haben diesen Herrn Grünlich nicht leiden können, aber sind
Sie jemals einem anderen zugetan gewesen?… Manchmal denke ich: Haben
Sie vielleicht ein kaltes Herz? Eines will ich Ihnen sagen … es ist so wahr,
daß ich es Ihnen beschwören kann: Ein Mann ist nicht albern, weil er
darüber weint, daß Sie nichts von ihm wissen wollen … das ist es. Ich bin
nicht sicher, durchaus nicht sicher, daß ich nicht ebenfalls … Sehen Sie, Sie
sind ein verwöhntes, vornehmes Geschöpf … Mokieren Sie sich immer nur
über die Leute, die zu Ihren Füßen liegen? Haben Sie wirklich ein kaltes
Herz?«
Nach der kurzen Heiterkeit begann nun plötzlich Tonys Oberlippe zu
zittern. Sie richtete ein Paar großer und betrübter Augen auf ihn, die
langsam blank von Tränen wurden, und sagte leise: »Nein, Morten, glauben
Sie das von mir?… Das müssen Sie nicht von mir glauben.«
»Ich glaube es ja auch nicht!« rief Morten mit einem Lachen, in dem
Ergriffenheit und mühsam unterdrückter Jubel zu hören war … Er wälzte
sich völlig herum, so daß er nun auf dem Bauche neben ihr lag, ergriff,
indem er die Ellenbogen aufstützte, mit beiden Händen die ihre und sah mit
seinen stahlblauen, gutmütigen Augen entzückt und begeistert in ihr
Gesicht.
»Und Sie … Sie mokieren sich nicht über mich, wenn ich Ihnen sage,
daß …«
»Ich weiß, Morten«, unterbrach sie ihn leise, während sie seitwärts auf
ihre freie Hand blickte, die langsam den weichen, weißen Sand durch die
Finger gleiten ließ.
»Sie wissen …! Und Sie … S i e, Fräulein Tony …«
Page 136
»Ja, Morten. Ich halte große Stücke auf Sie. Ich habe Sie sehr gern. Ich
habe Sie lieber als alle, die ich kenne.«
Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was
er tun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr nieder
und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug und wieder
tönend wurde vor Glück: »Ach, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sehen
Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem Leben!…« Dann
fing er an, ihre Hände zu küssen.
Plötzlich sagte er leiser: »Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen,
Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende … dann muß ich
wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen
Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme
… und Doktor bin … und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so schwer es
sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich erhören
werden?… Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich werde
arbeiten, wie ein … und es ist gar nicht schwer …«
»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen,
seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten …
Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und
bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht … Darf ich das nicht …
bekräftigen …?«
Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz
leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und
Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie
nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die
Maßen.
Zehntes Kapitel
»Teuerste Demoiselle Buddenbrook!
habe Sie lieber als alle, die ich kenne.«
Er fuhr auf, er machte ein paar Armbewegungen und wußte nicht, was
er tun sollte. Er sprang auf die Füße, warf sich sofort wieder bei ihr nieder
und rief mit einer Stimme, die stockte, wankte, sich überschlug und wieder
tönend wurde vor Glück: »Ach, ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sehen
Sie, nun bin ich so glücklich, wie noch niemals in meinem Leben!…« Dann
fing er an, ihre Hände zu küssen.
Plötzlich sagte er leiser: »Sie werden nun bald nach der Stadt abreisen,
Tony, und meine Ferien sind in vierzehn Tagen zu Ende … dann muß ich
wieder nach Göttingen. Aber wollen Sie mir versprechen, daß Sie diesen
Nachmittag hier am Strande nicht vergessen werden, bis ich zurückkomme
… und Doktor bin … und bei Ihrem Vater für uns bitten kann, so schwer es
sein wird? Und daß Sie unterdessen keinen Herrn Grünlich erhören
werden?… Oh, es wird nicht lange dauern, passen Sie auf! Ich werde
arbeiten, wie ein … und es ist gar nicht schwer …«
»Ja, Morten«, sagte sie glücklich und abwesend, indem sie seine Augen,
seinen Mund und seine Hände betrachtete, die die ihren hielten …
Er zog ihre Hand noch näher an seine Brust und fragte gedämpft und
bittend: »Wollen Sie mir daraufhin nicht … Darf ich das nicht …
bekräftigen …?«
Sie antwortete nicht, sie sah ihn nicht einmal an, sie schob nur ganz
leise ihren Oberkörper am Sandberg ein wenig näher zu ihm hin, und
Morten küßte sie langsam und umständlich auf den Mund. Dann sahen sie
nach verschiedenen Richtungen in den Sand und schämten sich über die
Maßen.
Zehntes Kapitel
»Teuerste Demoiselle Buddenbrook!
Page 137
Wie lange ist es her, daß Unterzeichneter das Angesicht des reizendsten
Mädchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen
Ihnen sagen, daß dieses Angesicht nicht aufgehört hat, vor seinem geistigen
Auge zu schweben, daß er während dieser hangenden und bangenden
Wochen unablässig eingedenk gewesen ist des köstlichen Nachmittags in
Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen, ein halbes und
verschämtes zwar noch, und doch so beseligendes entschlüpfen ließen.
Seitdem sind lange Wochen verflossen, während derer Sie sich behufs
Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurückgezogen haben, so daß
ich nun wohl hoffen darf, daß die Zeit der Prüfung vorüber ist.
Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle, mitfolgendes
Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zärtlichkeit
hochachtungsvollst zu übersenden. Mit den devotesten Komplimenten und
liebevollsten Handküssen zeichne als
Dero Hochwohlgeboren ergebenster
G r ü n l i c h.«
»Lieber Papa!
O Gott, wie habe ich mich geärgert! Beifolgenden Brief und Ring
erhielt ich soeben von Gr., so daß ich Kopfweh vor Aufregung habe, und
weiß ich nichts Besseres zu tun, als beides an D i c h zurückgehen zu lassen.
Gr. w i l l mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem
›Versprechen‹ schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so
dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, daß i c h j e t z t
n o c h t a u s e n d m a l w e n i g e r als vor sechs Wochen in der Lage bin,
ihm mein Jawort fürs Leben zu erteilen und daß er mich endlich in Frieden
lassen soll, er m a c h t sich ja l ä c h e r l i c h. Dir, dem besten Vater, kann
ich es ja sagen, daß ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich
liebt, und den ich liebe, daß es sich gar nicht sagen läßt. O Papa! Darüber
könnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn Morten
Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um meine
Hand anhalten will. Ich weiß ja, daß es Sitte ist, einen Kaufmann zu
heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen Teil von angesehenen
Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl für Dich und Mama
gewichtig ist, aber das muß ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin, aber
Mädchens nicht mehr erblicken durfte? Diese so wenigen Zeilen sollen
Ihnen sagen, daß dieses Angesicht nicht aufgehört hat, vor seinem geistigen
Auge zu schweben, daß er während dieser hangenden und bangenden
Wochen unablässig eingedenk gewesen ist des köstlichen Nachmittags in
Ihrem elterlichen Salon, an dem Sie sich ein Versprechen, ein halbes und
verschämtes zwar noch, und doch so beseligendes entschlüpfen ließen.
Seitdem sind lange Wochen verflossen, während derer Sie sich behufs
Sammlung und Selbsterkenntnis von der Welt zurückgezogen haben, so daß
ich nun wohl hoffen darf, daß die Zeit der Prüfung vorüber ist.
Endesunterfertigter erlaubt sich, Ihnen, teuerste Demoiselle, mitfolgendes
Ringlein als Unterpfand seiner unsterblichen Zärtlichkeit
hochachtungsvollst zu übersenden. Mit den devotesten Komplimenten und
liebevollsten Handküssen zeichne als
Dero Hochwohlgeboren ergebenster
G r ü n l i c h.«
»Lieber Papa!
O Gott, wie habe ich mich geärgert! Beifolgenden Brief und Ring
erhielt ich soeben von Gr., so daß ich Kopfweh vor Aufregung habe, und
weiß ich nichts Besseres zu tun, als beides an D i c h zurückgehen zu lassen.
Gr. w i l l mich nicht verstehen, und ist das, was er so poetisch von dem
›Versprechen‹ schreibt, einfach nicht der Fall, und bitte ich Dich so
dringend, ihm nun doch kurzerhand plausibel zu machen, daß i c h j e t z t
n o c h t a u s e n d m a l w e n i g e r als vor sechs Wochen in der Lage bin,
ihm mein Jawort fürs Leben zu erteilen und daß er mich endlich in Frieden
lassen soll, er m a c h t sich ja l ä c h e r l i c h. Dir, dem besten Vater, kann
ich es ja sagen, daß ich anderweitig gebunden bin an jemanden, der mich
liebt, und den ich liebe, daß es sich gar nicht sagen läßt. O Papa! Darüber
könnte ich viele Bogen vollschreiben, ich spreche von Herrn Morten
Schwarzkopf, der Arzt werden will, und, sowie er Doktor ist, um meine
Hand anhalten will. Ich weiß ja, daß es Sitte ist, einen Kaufmann zu
heiraten, aber Morten gehört eben zu dem anderen Teil von angesehenen
Herren, den Gelehrten. Er ist nicht reich, was wohl für Dich und Mama
gewichtig ist, aber das muß ich Dir sagen, lieber Papa, so jung ich bin, aber
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das wird das Leben manchen gelehrt haben, daß Reichtum allein nicht
immer jeden glücklich macht. Mit tausend Küssen verbleibe ich
Deine gehorsame Tochter
A n t o n i e.
PS. Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.«
»Meine liebe Tony!
Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend,
teile ich Dir mit, daß ich pflichtgemäß nicht ermangelt habe, Herrn Gr. über
Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das
Resultat jedoch war derartig, daß es mich aufrichtig erschüttert hat. Du bist
ein erwachsenes Mädchen und befindest Dich in einer so ernsten
Lebenslage, daß ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu machen,
die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen kann. Herr Gr.
nämlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus, indem er rief, so
sehr liebe er Dich und so wenig könne er Deinen Verlust verschmerzen, daß
er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn Du auf Deinem Entschlusse
bestündest. Da ich das, was Du mir von einer anderweitigen Neigung
schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich Dich, Deine Erregung über
den zugesandten Ring zu bemeistern und alles noch einmal bei Dir selbst
mit Ernst zu erwägen. Meiner christlichen Überzeugung nach, liebe Tochter,
ist es des Menschen Pflicht, die Gefühle eines anderen zu achten, und wir
wissen nicht, ob Du nicht einst würdest von einem höchsten Richter dafür
haftbar gemacht werden, daß der Mann, dessen Gefühle Du hartnäckig und
kalt verschmähtest, sich gegen sein eigenes Leben versündigte. Das eine
aber, welches ich Dir mündlich schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich
Dir ins Gedächtnis zurückrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben,
es Dir schriftlich zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede
lebendiger und unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene
Wort den Vorzug, daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß
es feststeht und in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und
berechneten Form und Stellung wieder und wieder gelesen werden und
gleichmäßig wirken kann. – Wir sind, meine liebe Tochter, nicht d a f ü r
geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines,
immer jeden glücklich macht. Mit tausend Küssen verbleibe ich
Deine gehorsame Tochter
A n t o n i e.
PS. Der Ring ist niedriges Gold und ziemlich schmal, wie ich sehe.«
»Meine liebe Tony!
Dein Schreiben ist mir richtig geworden. Auf seinen Gehalt eingehend,
teile ich Dir mit, daß ich pflichtgemäß nicht ermangelt habe, Herrn Gr. über
Deine Anschauung der Dinge in geziemender Form zu unterrichten; das
Resultat jedoch war derartig, daß es mich aufrichtig erschüttert hat. Du bist
ein erwachsenes Mädchen und befindest Dich in einer so ernsten
Lebenslage, daß ich nicht anstehen darf, Dir die Folgen namhaft zu machen,
die ein leichtfertiger Schritt Deinerseits nach sich ziehen kann. Herr Gr.
nämlich brach bei meinen Worten in Verzweiflung aus, indem er rief, so
sehr liebe er Dich und so wenig könne er Deinen Verlust verschmerzen, daß
er willens sei, sich das Leben zu nehmen, wenn Du auf Deinem Entschlusse
bestündest. Da ich das, was Du mir von einer anderweitigen Neigung
schreibst, nicht ernst nehmen kann, so bitte ich Dich, Deine Erregung über
den zugesandten Ring zu bemeistern und alles noch einmal bei Dir selbst
mit Ernst zu erwägen. Meiner christlichen Überzeugung nach, liebe Tochter,
ist es des Menschen Pflicht, die Gefühle eines anderen zu achten, und wir
wissen nicht, ob Du nicht einst würdest von einem höchsten Richter dafür
haftbar gemacht werden, daß der Mann, dessen Gefühle Du hartnäckig und
kalt verschmähtest, sich gegen sein eigenes Leben versündigte. Das eine
aber, welches ich Dir mündlich schon oft zu verstehen gegeben, möchte ich
Dir ins Gedächtnis zurückrufen und freue ich mich, Gelegenheit zu haben,
es Dir schriftlich zu wiederholen. Denn obgleich die mündliche Rede
lebendiger und unmittelbarer wirken mag, so hat doch das geschriebene
Wort den Vorzug, daß es mit Muße gewählt und gesetzt werden konnte, daß
es feststeht und in dieser vom Schreibenden wohl erwogenen und
berechneten Form und Stellung wieder und wieder gelesen werden und
gleichmäßig wirken kann. – Wir sind, meine liebe Tochter, nicht d a f ü r
geboren, was wir mit kurzsichtigen Augen für unser eigenes, kleines,
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persönliches Glück halten, denn wir sind nicht lose, unabhängige und für
sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir
wären, so wie wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns
vorangingen und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und
ohne nach rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen
Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren
Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müßtest nicht meine
Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Großvaters und
überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im
Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen,
unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich Dich, in
Deinem Herzen zu bewegen. –
Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere
mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell
Jungmann grüßen Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald
wieder in unsere Arme schließen zu können.
In treuer Liebe
D e i n Va t e r.«
Elftes Kapitel
Es regnete in Strömen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen
ineinander, während der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die
Fensterscheiben trieb, daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran
hinunterflossen und sie undurchsichtig machten. Klagende und
verzweifelnde Stimmen redeten in den Ofenröhren …
Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife
vor die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei,
stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ülster und grauem Hute
vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und
deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte
fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes, die
aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die
Weihnachtsnüsse vergoldet.
sich bestehende Einzelwesen, sondern wie Glieder in einer Kette, und wir
wären, so wie wir sind, nicht denkbar ohne die Reihe derjenigen, die uns
vorangingen und uns die Wege wiesen, indem sie ihrerseits mit Strenge und
ohne nach rechts oder links zu blicken, einer erprobten und ehrwürdigen
Überlieferung folgten. Dein Weg, wie mich dünkt, liegt seit längeren
Wochen klar und scharf abgegrenzt vor Dir, und du müßtest nicht meine
Tochter sein, nicht die Enkelin Deines in Gott ruhenden Großvaters und
überhaupt nicht ein würdig Glied unserer Familie, wenn Du ernstlich im
Sinne hättest, Du allein, mit Trotz und Flattersinn Deine eigenen,
unordentlichen Pfade zu gehen. Dies, meine liebe Antonie, bitte ich Dich, in
Deinem Herzen zu bewegen. –
Deine Mutter, Thomas, Christian, Klara und Klothilde (welch letztere
mehrere Wochen bei ihrem Vater auf Ungnade verlebt hat), auch Mamsell
Jungmann grüßen Dich von ganzem Herzen; wir freuen uns alle, Dich bald
wieder in unsere Arme schließen zu können.
In treuer Liebe
D e i n Va t e r.«
Elftes Kapitel
Es regnete in Strömen. Himmel, Erde und Wasser verschwammen
ineinander, während der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die
Fensterscheiben trieb, daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran
hinunterflossen und sie undurchsichtig machten. Klagende und
verzweifelnde Stimmen redeten in den Ofenröhren …
Als Morten Schwarzkopf bald nach dem Mittagessen mit seiner Pfeife
vor die Veranda trat, um nachzusehen, wie es mit dem Himmel bestellt sei,
stand ein Herr in langem, engem, gelbkariertem Ülster und grauem Hute
vor ihm; eine geschlossene Droschke, deren Verdeck vor Nässe glänzte und
deren Räder so mit Kot besprengt waren, hielt vorm Hause. Morten starrte
fassungslos in das rosige Gesicht des Herrn. Er hatte Bartkotelettes, die
aussahen, als seien sie mit dem Pulver frisiert, mit dem man die
Weihnachtsnüsse vergoldet.
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Der Herr im Ülster sah Morten an, wie man einen Bedienten ansieht,
leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: »Ist der
Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?«
»Allerdings …« stammelte Morten, »ich glaube, daß mein Vater …«
Hier faßte ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie
diejenigen einer Gans.
»Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf?« fragte er …
»Ja, mein Herr«, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen
festen Gesichtsausdruck zu gewinnen.
»Sieh da! In der Tat …« bemerkte der Herr im Ülster, und dann fuhr er
fort: »Haben Sie die Güte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger
Mann. Mein Name ist Grünlich.«
Morten führte den Herrn durch die Veranda, öffnete ihm im Korridor
rechterhand die Tür zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um
seinen Vater zu benachrichtigen. Während Herr Schwarzkopf hinausging,
ließ der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, stützte die
Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am
trüben Fenster mit dem Stopfen von Strümpfen beschäftigt war, in das
»klägliche Blättchen« zu vertiefen, das von nichts anderem als der silbernen
Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wußte. – Tony befand sich
droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen.
Der Lotsenkommandeur betrat sein Büro mit der Miene eines Mannes,
der mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein
Uniformrock, über der gewölbten weißen Weste, stand offen. Von seinem
roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge fuhr
behaglich zwischen den Zähnen umher, wobei sein biederer Mund in die
abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz, ruckartig und
mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!
»Gesegnete Mahlzeit«, sagte er; »dem Herrn zu Diensten!«
Herr Grünlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine
Mundwinkel sich ein wenig abwärts zogen. Hierbei sagte er leise: »Hä-ä-
leicht blinzelnd, ohne ihn zu sehen, und fragte mit weicher Stimme: »Ist der
Herr Lotsenkommandeur zu sprechen?«
»Allerdings …« stammelte Morten, »ich glaube, daß mein Vater …«
Hier faßte ihn der Herr ins Auge; seine Augen waren so blau wie
diejenigen einer Gans.
»Sind Sie Herr Morten Schwarzkopf?« fragte er …
»Ja, mein Herr«, antwortete Morten, indem er sich anstrengte, einen
festen Gesichtsausdruck zu gewinnen.
»Sieh da! In der Tat …« bemerkte der Herr im Ülster, und dann fuhr er
fort: »Haben Sie die Güte, mich Ihrem Herrn Vater zu melden, junger
Mann. Mein Name ist Grünlich.«
Morten führte den Herrn durch die Veranda, öffnete ihm im Korridor
rechterhand die Tür zum Bureau, und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um
seinen Vater zu benachrichtigen. Während Herr Schwarzkopf hinausging,
ließ der junge Mensch sich an dem runden Tische nieder, stützte die
Ellenbogen darauf und schien sich, ohne seine Mutter anzusehen, die am
trüben Fenster mit dem Stopfen von Strümpfen beschäftigt war, in das
»klägliche Blättchen« zu vertiefen, das von nichts anderem als der silbernen
Hochzeit des Konsuls So und So zu berichten wußte. – Tony befand sich
droben in ihrem Zimmer, um auszuruhen.
Der Lotsenkommandeur betrat sein Büro mit der Miene eines Mannes,
der mit dem Mittagessen zufrieden ist, das er zu sich genommen. Sein
Uniformrock, über der gewölbten weißen Weste, stand offen. Von seinem
roten Gesicht hob sich scharf der eisgraue Schifferbart ab. Seine Zunge fuhr
behaglich zwischen den Zähnen umher, wobei sein biederer Mund in die
abenteuerlichsten Stellungen geriet. Er verbeugte sich kurz, ruckartig und
mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!
»Gesegnete Mahlzeit«, sagte er; »dem Herrn zu Diensten!«
Herr Grünlich, von seiner Seite, verneigte sich mit Bedacht, indem seine
Mundwinkel sich ein wenig abwärts zogen. Hierbei sagte er leise: »Hä-ä-
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hm.«
Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wände einige Fuß
hoch mit Holz bekleidet waren und im übrigen den untapezierten Kalk
zeigten. Vor dem Fenster, an welches unablässig der Regen trommelte,
hingen gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tür befand sich ein
langer, roher, mit Papieren bedeckter Tisch, über welchem eine große Karte
von Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der
Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes
unter vollen Segeln herab.
Der Lotsenkommandeur nötigte seinen Gast auf das geschweifte, mit
schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tür
gegenüberstand, und machte es sich selbst mit über dem Bauch gefalteten
Händen in einem hölzernen Armstuhl bequem, während Herr Grünlich in
fest geschlossenem Ülster, den Hut auf den Knien, ohne die Rückenlehne zu
berühren, genau auf der Kante des Sofas saß.
»Mein Name«, sagte er, »ist, wie ich wiederhole, G r ü n l i c h, Grünlich
von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwähne ich, daß ich mich
einen nahen Geschäftsfreund des Großhändlers Konsul Buddenbrook
nennen darf.«
»Allabonöhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grünlich! Aber wollen der Herr
sich's nicht ein bißchen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich
rufe sofort in die Küche …«
»Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken«, sprach Herr Grünlich mit Ruhe,
»daß meine Zeit gemessen ist, daß mein Wagen mich erwartet, und daß ich
lediglich genötigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu
ersuchen.«
»Dem Herrn zu Diensten«, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig
eingeschüchtert. Es entstand eine Pause.
»Herr Kommandeur!« begann Herr Grünlich, indem er den Kopf mit
Entschlossenheit schüttelte und ihn dabei ein wenig zurückwarf. Dann
schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstärken; er
schloß seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit
Schnüren zusammenzieht.
Das Bureau war eine ziemlich kleine Stube, deren Wände einige Fuß
hoch mit Holz bekleidet waren und im übrigen den untapezierten Kalk
zeigten. Vor dem Fenster, an welches unablässig der Regen trommelte,
hingen gelbgerauchte Gardinen. Rechterhand von der Tür befand sich ein
langer, roher, mit Papieren bedeckter Tisch, über welchem eine große Karte
von Europa und eine kleinere der Ostsee an der Wand befestigt war. Von der
Mitte der Zimmerdecke hing das sauber gearbeitete Modell eines Schiffes
unter vollen Segeln herab.
Der Lotsenkommandeur nötigte seinen Gast auf das geschweifte, mit
schwarzem, zersprungenem Wachstuch bezogene Sofa, das der Tür
gegenüberstand, und machte es sich selbst mit über dem Bauch gefalteten
Händen in einem hölzernen Armstuhl bequem, während Herr Grünlich in
fest geschlossenem Ülster, den Hut auf den Knien, ohne die Rückenlehne zu
berühren, genau auf der Kante des Sofas saß.
»Mein Name«, sagte er, »ist, wie ich wiederhole, G r ü n l i c h, Grünlich
von Hamburg. Um mich Ihnen zu empfehlen, erwähne ich, daß ich mich
einen nahen Geschäftsfreund des Großhändlers Konsul Buddenbrook
nennen darf.«
»Allabonöhr! Ist mir eine Ehre, Herr Grünlich! Aber wollen der Herr
sich's nicht ein bißchen bequemer machen? Einen Grog nach der Fahrt? Ich
rufe sofort in die Küche …«
»Ich erlaube mir, Ihnen zu bemerken«, sprach Herr Grünlich mit Ruhe,
»daß meine Zeit gemessen ist, daß mein Wagen mich erwartet, und daß ich
lediglich genötigt bin, Sie um eine Unterredung von zwei Worten zu
ersuchen.«
»Dem Herrn zu Diensten«, wiederholte Herr Schwarzkopf ein wenig
eingeschüchtert. Es entstand eine Pause.
»Herr Kommandeur!« begann Herr Grünlich, indem er den Kopf mit
Entschlossenheit schüttelte und ihn dabei ein wenig zurückwarf. Dann
schwieg er aufs neue, um die Wirkung dieser Anrede zu verstärken; er
schloß seinen Mund dabei so fest wie einen Geldbeutel, den man mit
Schnüren zusammenzieht.
Page 142
»Herr Kommandeur«, wiederholte er und sagte dann rasch: »Die
Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die junge
Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.«
»Mamsell Buddenbrook?« fragte Herr Schwarzkopf …
»Allerdings«, versetzte Herr Grünlich tonlos und mit gesenktem Kopfe;
an seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fältchen.
»Ich … sehe mich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen«, fuhr er mit leichthin
trällernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer
Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann
zum Fenster sprangen, »daß ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser
Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, daß ich mich im vollen Besitz
der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und daß das Fräulein
selbst mir, ohne daß zwar die Verlobung bereits in aller Form stattgefunden
hätte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand gegeben hat.«
»Wahrhaftigen Gott?« fragte Herr Schwarzkopf lebhaft … »Davon hab'
ich noch gar nichts gewußt! Gratuliere, Herr … Grünlich! Gratuliere Ihnen
aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles …«
»Sehr obligiert«, sagte Herr Grünlich mit kaltem Nachdruck. »Was
mich jedoch«, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, »in dieser
Angelegenheit zu Ihnen führt, mein werter Herr Kommandeur, ist der
Umstand, daß sich dieser Verbindung ganz neuerdings
S c h w i e r i g k e i t e n in den Weg stellen, und daß diese Schwierigkeiten
… von Ihrem Hause ausgehen –?« Die letzten Worte sprach er mit
fragender Betonung, als wollte er sagen: Kann es möglich sein, was mir zu
Ohren gekommen ist?
Herr Schwarzkopf antwortete ausschließlich dadurch, daß er seine
ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Händen,
braunen, blondbehaarten Schifferhänden, die Armlehnen seines Stuhles
ergriff.
»Ja. In der Tat. So höre ich«, sprach Herr Grünlich mit trauriger
Bestimmtheit. »Ich h ö r e, daß Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicinä es
sich … unwissentlich zwar … gestattet hat, in meine Rechte einzugreifen,
Angelegenheit, in der ich zu Ihnen komme, betrifft unmittelbar die junge
Dame, die seit einigen Wochen in Ihrem Hause wohnt.«
»Mamsell Buddenbrook?« fragte Herr Schwarzkopf …
»Allerdings«, versetzte Herr Grünlich tonlos und mit gesenktem Kopfe;
an seinen Mundwinkeln bildeten sich straffe Fältchen.
»Ich … sehe mich veranlaßt, Ihnen zu eröffnen«, fuhr er mit leichthin
trällernder Betonung fort, indem seine Augen mit ungeheurer
Aufmerksamkeit von einem Punkt des Zimmers auf einen anderen und dann
zum Fenster sprangen, »daß ich vor einiger Zeit um die Hand eben dieser
Demoiselle Buddenbrook angehalten habe, daß ich mich im vollen Besitz
der beiderseitigen elterlichen Zustimmung befinde, und daß das Fräulein
selbst mir, ohne daß zwar die Verlobung bereits in aller Form stattgefunden
hätte, mit unzweideutigen Worten Anrechte auf ihre Hand gegeben hat.«
»Wahrhaftigen Gott?« fragte Herr Schwarzkopf lebhaft … »Davon hab'
ich noch gar nichts gewußt! Gratuliere, Herr … Grünlich! Gratuliere Ihnen
aufrichtig! Da haben Sie was Gutes, was Reelles …«
»Sehr obligiert«, sagte Herr Grünlich mit kaltem Nachdruck. »Was
mich jedoch«, fuhr er mit singend erhobener Stimme fort, »in dieser
Angelegenheit zu Ihnen führt, mein werter Herr Kommandeur, ist der
Umstand, daß sich dieser Verbindung ganz neuerdings
S c h w i e r i g k e i t e n in den Weg stellen, und daß diese Schwierigkeiten
… von Ihrem Hause ausgehen –?« Die letzten Worte sprach er mit
fragender Betonung, als wollte er sagen: Kann es möglich sein, was mir zu
Ohren gekommen ist?
Herr Schwarzkopf antwortete ausschließlich dadurch, daß er seine
ergrauten Augenbrauen hoch in die Stirne zog und mit beiden Händen,
braunen, blondbehaarten Schifferhänden, die Armlehnen seines Stuhles
ergriff.
»Ja. In der Tat. So höre ich«, sprach Herr Grünlich mit trauriger
Bestimmtheit. »Ich h ö r e, daß Ihr Sohn, der Herr Studiosus Medicinä es
sich … unwissentlich zwar … gestattet hat, in meine Rechte einzugreifen,
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ich h ö r e, daß er die hiesige Anwesenheit des Fräuleins dazu benutzt hat,
ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen …«
»Was?« rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die
Armlehnen stützte und emporsprang … »Da soll doch gleich … I, dat wier
je denn doch woll …« Und mit zwei Schritten war er an der Tür, riß sie auf
und rief mit einer Stimme über den Korridor, welche die ärgste Brandung
übertönt hätte: »Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!«
»Ich würde lebhaft bedauern«, sprach Herr Grünlich mit einem feinen
Lächeln, »wenn ich durch die Geltendmachung meiner älteren Rechte Ihre
eigenen väterlichen Pläne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur …«
Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen
scharfen, von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als
bemühte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen.
»Herr!« sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als hätte soeben ein
scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt … »Ich bin man'n einfachen
Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen … aber
wenn Sie vielleicht meinen sollten, daß … na! denn lassen Sie sich gesagt
sein, daß Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und daß Sie sich über meine
Grundsätze täuschen! Ich weiß, wer mein Sohn ist, und weiß, wer Mamsell
Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel Stolz im
Leibe, Herr, um solche väterlichen Pläne zu machen! Und nun redet mal,
nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was höre ich da
eigentlich, was?…«
Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tür; die erstere
ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schürze beschäftigt, Morten mit der
Miene eines verstockten Sünders … Herr Grünlich hatte sich bei ihrem
Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller Haltung
fest in seinen Ülster geknöpft auf der Sofakante.
»Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen?« fuhr der
Lotsenkommandeur Morten an.
Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knöpfen seiner
Joppe; er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen
aufgeblasen.
ihr gewisse Versprechungen abzugewinnen …«
»Was?« rief der Lotsenkommandeur, indem er sich heftig auf die
Armlehnen stützte und emporsprang … »Da soll doch gleich … I, dat wier
je denn doch woll …« Und mit zwei Schritten war er an der Tür, riß sie auf
und rief mit einer Stimme über den Korridor, welche die ärgste Brandung
übertönt hätte: »Meta! Morten! Tretet mal an! Tretet mal alle beide an!«
»Ich würde lebhaft bedauern«, sprach Herr Grünlich mit einem feinen
Lächeln, »wenn ich durch die Geltendmachung meiner älteren Rechte Ihre
eigenen väterlichen Pläne durchkreuzen sollte, Herr Kommandeur …«
Diederich Schwarzkopf wandte sich um und starrte ihm mit seinen
scharfen, von kleinen Fältchen umgebenen blauen Augen ins Gesicht, als
bemühte er sich vergebens, seine Worte zu verstehen.
»Herr!« sagte er dann mit einer Stimme, die klang, als hätte soeben ein
scharfer Schluck Grog seine Kehle verbrannt … »Ich bin man'n einfachen
Mann und versteh mich schlecht auf Medisangsen und Finessen … aber
wenn Sie vielleicht meinen sollten, daß … na! denn lassen Sie sich gesagt
sein, daß Sie auf dem Holzwege sind, Herr, und daß Sie sich über meine
Grundsätze täuschen! Ich weiß, wer mein Sohn ist, und weiß, wer Mamsell
Buddenbrook ist, und ich habe zuviel Respekt und auch zuviel Stolz im
Leibe, Herr, um solche väterlichen Pläne zu machen! Und nun redet mal,
nun antwortet mir mal! Was ist das eigentlich, wie? Was höre ich da
eigentlich, was?…«
Frau Schwarzkopf und ihr Sohn standen in der Tür; die erstere
ahnungslos, mit dem Ordnen ihrer Schürze beschäftigt, Morten mit der
Miene eines verstockten Sünders … Herr Grünlich hatte sich bei ihrem
Eintritt keineswegs erhoben; er verharrte in gerader und ruhevoller Haltung
fest in seinen Ülster geknöpft auf der Sofakante.
»Du hast dich also wie ein dummer Junge betragen?« fuhr der
Lotsenkommandeur Morten an.
Der junge Mensch hielt einen Daumen zwischen den Knöpfen seiner
Joppe; er machte finstere Augen und hatte vor Trotz sogar seine Wangen
aufgeblasen.
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»Ja, Vater«, sagte er, »Fräulein Buddenbrook und ich …«
»So, na, denn will 'k di man vertellen, daß du 'n Döskopp büs', 'n
Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und daß du morgen nach Göttingen
abkutschierst, hörst du wohl? morgenden Tages! Und daß das Ganze 'n
Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!«
»Diederich, mein Gott«, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hände
faltete; »das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiß …«
Sie schwieg und man sah, wie eine schöne Hoffnung vor ihren Augen
zusammenstürzte.
»Wünschen der Herr das Fräulein zu sprechen?« wandte sich der
Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grünlich …
»Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schläft!« erklärte Frau Schwarzkopf
mitleidig und gerührt.
»Das bedaure ich«, sagte Herr Grünlich, obgleich er ein wenig
aufatmete, und erhob sich. »Übrigens wiederhole ich, daß meine Zeit
gemessen ist und daß mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir«, fuhr er
fort, indem er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von
oben nach unten beschrieb, »Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste
Genugtuung und Anerkennung angesichts Ihres männlichen und
charaktervollen Benehmens auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich
habe die Ehre. Adieu.«
Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er ließ nur
kurz und ruckartig seinen schweren Oberkörper ein wenig nach vorne
fallen, als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!
Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grünlich
gemessenen Schrittes zur Tür hinaus.
Zwölftes Kapitel
Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da.
»So, na, denn will 'k di man vertellen, daß du 'n Döskopp büs', 'n
Hanswurst, 'n groten Dummerjahn! Und daß du morgen nach Göttingen
abkutschierst, hörst du wohl? morgenden Tages! Und daß das Ganze 'n
Kinderkram ist, ein nichtsnutziger Kinderkram und damit Punktum!«
»Diederich, mein Gott«, sagte Frau Schwarzkopf, indem sie die Hände
faltete; »das kann man doch nicht so ohne weiteres sagen! Wer weiß …«
Sie schwieg und man sah, wie eine schöne Hoffnung vor ihren Augen
zusammenstürzte.
»Wünschen der Herr das Fräulein zu sprechen?« wandte sich der
Lotsenkommandeur mit rauher Stimme an Herrn Grünlich …
»Sie ist in ihrem Zimmer! Sie schläft!« erklärte Frau Schwarzkopf
mitleidig und gerührt.
»Das bedaure ich«, sagte Herr Grünlich, obgleich er ein wenig
aufatmete, und erhob sich. »Übrigens wiederhole ich, daß meine Zeit
gemessen ist und daß mein Wagen mich erwartet. Ich gestatte mir«, fuhr er
fort, indem er vor Herrn Schwarzkopf mit dem Hute eine Bewegung von
oben nach unten beschrieb, »Ihnen, Herr Kommandeur, meine vollste
Genugtuung und Anerkennung angesichts Ihres männlichen und
charaktervollen Benehmens auszusprechen. Ich empfehle mich Ihnen. Ich
habe die Ehre. Adieu.«
Diederich Schwarzkopf reichte ihm keineswegs die Hand: Er ließ nur
kurz und ruckartig seinen schweren Oberkörper ein wenig nach vorne
fallen, als wollte er sagen: So macht man es ja wohl!
Zwischen Morten und seiner Mutter hindurch ging Herr Grünlich
gemessenen Schrittes zur Tür hinaus.
Zwölftes Kapitel
Thomas erschien mit der Krögerschen Kalesche. Der Tag war da.
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Der junge Herr kam um zehn Uhr des Vormittags und nahm einen
kleinen Imbiß mit der Familie in der Wohnstube. Man saß beieinander wie
am ersten Tage; nur daß der Sommer dahin war, daß es zu kalt und windig
war, in der Veranda zu sitzen und daß Morten fehlte … Er war in Göttingen.
Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied voneinander
genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und gesagt: »So,
Punktum. Hü.«
Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem
Teile Tonys großer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war blaß und
fröstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Kälte, Müdigkeit, Reisefieber und
einer Wehmut, die dann und wann plötzlich in ihr aufstieg und ihre Brust
mit einem drängenden Schmerzgefühl erfüllte. Sie küßte die kleine Meta,
drückte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als er
sagte: »Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts für ungut,
was?«
»So, und glückliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa
und die Frau Konsulin …« Dann schnappte der Schlag ins Schloß, die
dicken Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre
Tücher …
Tony drückte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus.
Der Himmel war weißlich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die
schnell vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine
Tropfen gegen die Scheiben. Am Ausgang der »Vorderreihe« saßen die
Leute vor ihren Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen
herbeigelaufen und betrachteten neugierig den Wagen. D i e blieben hier …
Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um
noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und
schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht
fast nicht geschlafen vor Erregung, war früh aufgestanden, um ihren Koffer
in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frühstücken mögen. In ihrem
ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fühlte sich so
hinfällig, daß sie es nicht einmal versuchte, die Tränen zurückzudrängen,
die jeden Augenblick langsam und heiß in ihre Augen emporstiegen.
kleinen Imbiß mit der Familie in der Wohnstube. Man saß beieinander wie
am ersten Tage; nur daß der Sommer dahin war, daß es zu kalt und windig
war, in der Veranda zu sitzen und daß Morten fehlte … Er war in Göttingen.
Tony und er hatten nicht einmal ordentlich Abschied voneinander
genommen. Der Lotsenkommandeur hatte dabeigestanden und gesagt: »So,
Punktum. Hü.«
Um elf Uhr stiegen die Geschwister in den Wagen, an dessen hinterem
Teile Tonys großer Koffer festgeschnallt worden war. Sie war blaß und
fröstelte in ihrer weichen Herbstjacke vor Kälte, Müdigkeit, Reisefieber und
einer Wehmut, die dann und wann plötzlich in ihr aufstieg und ihre Brust
mit einem drängenden Schmerzgefühl erfüllte. Sie küßte die kleine Meta,
drückte der Hausfrau die Hand und nickte Herrn Schwarzkopf zu, als er
sagte: »Na, vergessen Sie uns nicht, Mamselling. Und nichts für ungut,
was?«
»So, und glückliche Reise und beste Empfehlungen an den Herrn Papa
und die Frau Konsulin …« Dann schnappte der Schlag ins Schloß, die
dicken Braunen zogen an, und die drei Schwarzkopfs schwenkten ihre
Tücher …
Tony drückte den Kopf in die Wagenecke und sah zum Fenster hinaus.
Der Himmel war weißlich bedeckt, die Trave warf kleine Wellen, die
schnell vor dem Winde dahineilten. Dann und wann prickelten kleine
Tropfen gegen die Scheiben. Am Ausgang der »Vorderreihe« saßen die
Leute vor ihren Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen
herbeigelaufen und betrachteten neugierig den Wagen. D i e blieben hier …
Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Tony sich vor, um
noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte sie sich zurück und
schloß die Augen, die müde und empfindlich waren. Sie hatte in der Nacht
fast nicht geschlafen vor Erregung, war früh aufgestanden, um ihren Koffer
in Ordnung zu bringen, und hatte nicht frühstücken mögen. In ihrem
ausgetrockneten Munde hatte sie einen faden Geschmack. Sie fühlte sich so
hinfällig, daß sie es nicht einmal versuchte, die Tränen zurückzudrängen,
die jeden Augenblick langsam und heiß in ihre Augen emporstiegen.
Page 146
Kaum hatte sie ihre Lider geschlossen, als sie sich wieder in
Travemünde in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig
vor sich, wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie
und da einen anderen gutmütig forschend ansah; wie er lachend seine
schönen Zähne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wußte … und es
wurde ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins
Gedächtnis zurück, was sie in vielen Gesprächen von ihm gehört und
erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglückende Genugtuung, sich
feierlich zu versprechen, daß sie dies alles als etwas Heiliges und
Unantastbares in sich bewahren wollte. Daß der König von Preußen ein
großes Unrecht begangen, daß die Städtischen Anzeigen ein klägliches
Blättchen seien, ja selbst, daß vor vier Jahren die Bundesgesetze über die
Universitäten erneuert worden, das würden ihr fortan ehrwürdige und
tröstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie würde betrachten
können, wann sie wollte. Mitten auf der Straße, im Familienkreise, beim
Essen würde sie daran denken … Wer weiß? vielleicht würde sie ihren
vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grünlich heiraten, das war ganz
gleichgültig; aber wenn er zu ihr sprach, würde sie plötzlich denken: Ich
weiß etwas, was du nicht weißt … Die Adeligen sind – im P r i n z i p
gesprochen – verächtlich!
Sie lächelte zufrieden vor sich hin … Aber da, plötzlich, vernahm sie in
dem Geräusch der Räder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger
Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner
gutmütigen, ein wenig schwerfällig knarrenden Stimme, sie hörte mit
leiblichem Ohr, wie er sagte: »Heute müssen wir beide auf den Steinen
sitzen, Fräulein Tony …«, und diese kleine Erinnerung überwältigte sie.
Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr
ließ sie die Tränen hervorstürzen … In ihren Winkel gedrückt, hielt sie das
Taschentuch mit beiden Händen vors Gesicht und weinte bitterlich.
Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die
Chaussee hinaus.
»Arme Tony!« sagte er schließlich, indem er ihre Jacke streichelte. »Du
tust mir herzlich leid … ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was ist da
zu tun? Dergleichen muß durchgemacht werden. Glaube mir nur … ich
kenne das auch …«
Travemünde in der Veranda befand. Sie sah Morten Schwarzkopf leibhaftig
vor sich, wie er zu ihr sprach, sich nach seiner Art dabei vorbeugte und hie
und da einen anderen gutmütig forschend ansah; wie er lachend seine
schönen Zähne zeigte, von denen er ersichtlich gar nichts wußte … und es
wurde ihr ganz ruhig und heiter dabei zu Sinn. Sie rief sich alles ins
Gedächtnis zurück, was sie in vielen Gesprächen von ihm gehört und
erfahren hatte, und es bereitete ihr eine beglückende Genugtuung, sich
feierlich zu versprechen, daß sie dies alles als etwas Heiliges und
Unantastbares in sich bewahren wollte. Daß der König von Preußen ein
großes Unrecht begangen, daß die Städtischen Anzeigen ein klägliches
Blättchen seien, ja selbst, daß vor vier Jahren die Bundesgesetze über die
Universitäten erneuert worden, das würden ihr fortan ehrwürdige und
tröstliche Wahrheiten sein, ein geheimer Schatz, den sie würde betrachten
können, wann sie wollte. Mitten auf der Straße, im Familienkreise, beim
Essen würde sie daran denken … Wer weiß? vielleicht würde sie ihren
vorgezeichneten Weg gehen und Herrn Grünlich heiraten, das war ganz
gleichgültig; aber wenn er zu ihr sprach, würde sie plötzlich denken: Ich
weiß etwas, was du nicht weißt … Die Adeligen sind – im P r i n z i p
gesprochen – verächtlich!
Sie lächelte zufrieden vor sich hin … Aber da, plötzlich, vernahm sie in
dem Geräusch der Räder mit vollkommener, mit unglaublich lebendiger
Deutlichkeit Mortens Sprache; sie unterschied jeden Laut seiner
gutmütigen, ein wenig schwerfällig knarrenden Stimme, sie hörte mit
leiblichem Ohr, wie er sagte: »Heute müssen wir beide auf den Steinen
sitzen, Fräulein Tony …«, und diese kleine Erinnerung überwältigte sie.
Ihre Brust zog sich zusammen vor Wehmut und Schmerz, ohne Gegenwehr
ließ sie die Tränen hervorstürzen … In ihren Winkel gedrückt, hielt sie das
Taschentuch mit beiden Händen vors Gesicht und weinte bitterlich.
Thomas, seine Zigarette im Munde, blickte ein wenig ratlos auf die
Chaussee hinaus.
»Arme Tony!« sagte er schließlich, indem er ihre Jacke streichelte. »Du
tust mir herzlich leid … ich verstehe dich so gut, siehst du! Aber was ist da
zu tun? Dergleichen muß durchgemacht werden. Glaube mir nur … ich
kenne das auch …«
Page 147
»Ach, du kennst gar nichts, Tom!« schluchzte Tony.
»Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, daß ich Anfang
nächsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle für mich … bei
van der Kellen & Comp. … Da werde ich Abschied nehmen müssen für
lange, lange Zeit …«
»Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar
nichts!«
»Ja –!« sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch
mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem
Mundwinkel in den anderen wandern ließ, zog er eine Braue empor und
wandte den Kopf zur Seite.
»Und es dauert ja nicht lange«, fing er nach einer Weile wieder an. »Das
gibt sich. Man vergißt …«
»Aber ich will ja gerade nicht vergessen!« rief Tony ganz verzweifelt.
»Vergessen … ist das denn ein Trost?!« –
Dreizehntes Kapitel
Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefängnisses aufragten, er rollte die Burgstraße entlang und
über den Koberg … Tony betrachtete die grauen Giebelhäuser, die über die
Straße gespannten Öllampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon fast
entblätterten Linden davor … Mein Gott, alles das war geblieben, wie es
gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabänderlich und ehrwürdig,
während sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten Traum erinnert
hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und Überlieferte, das
sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben sollte. Sie weinte
nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das Abschiedsleid war beinahe
betäubt, angesichts dieser Straßen und dieser altbekannten Gesichter darin.
In diesem Augenblick – der Wagen rasselte durch die Breite Straße – ging
der Träger Matthiesen vorüber und nahm tief seinen rauhen Zylinder ab mit
»Na, sage das nicht. Jetzt steht es zum Beispiel fest, daß ich Anfang
nächsten Jahres nach Amsterdam gehe. Papa hat eine Stelle für mich … bei
van der Kellen & Comp. … Da werde ich Abschied nehmen müssen für
lange, lange Zeit …«
»Ach, Tom! Ein Abschied von Eltern und Geschwistern! Das ist gar
nichts!«
»Ja –!« sagte er ziemlich langgedehnt. Er atmete auf, als ob er noch
mehr sagen wollte und schwieg dann. Indem er die Zigarette von einem
Mundwinkel in den anderen wandern ließ, zog er eine Braue empor und
wandte den Kopf zur Seite.
»Und es dauert ja nicht lange«, fing er nach einer Weile wieder an. »Das
gibt sich. Man vergißt …«
»Aber ich will ja gerade nicht vergessen!« rief Tony ganz verzweifelt.
»Vergessen … ist das denn ein Trost?!« –
Dreizehntes Kapitel
Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld. Der Wagen passierte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefängnisses aufragten, er rollte die Burgstraße entlang und
über den Koberg … Tony betrachtete die grauen Giebelhäuser, die über die
Straße gespannten Öllampen, das Heilige-Geist-Hospital mit den schon fast
entblätterten Linden davor … Mein Gott, alles das war geblieben, wie es
gewesen war! Es hatte hier gestanden, unabänderlich und ehrwürdig,
während sie sich daran als an einen alten, vergessenswerten Traum erinnert
hatte! Diese grauen Giebel waren das Alte, Gewohnte und Überlieferte, das
sie wieder aufgenommen und in dem sie nun wieder leben sollte. Sie weinte
nicht mehr; sie sah sich neugierig um. Das Abschiedsleid war beinahe
betäubt, angesichts dieser Straßen und dieser altbekannten Gesichter darin.
In diesem Augenblick – der Wagen rasselte durch die Breite Straße – ging
der Träger Matthiesen vorüber und nahm tief seinen rauhen Zylinder ab mit
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einem so bärbeißigen Pflichtgesicht, als dächte er: Ich wäre ja wohl ein
Hundsfott …!
Die Equipage bog in die Mengstraße ein und die dicken Braunen
standen schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom
war seiner Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, während
Anton und Line herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man
mußte warten, bevor man ins Haus gelangte. Drei mächtige Transportwagen
schoben sich soeben dicht hintereinander durch die Haustür, hochbepackt
mit vollen Kornsäcken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die
Firma »Johann Buddenbrook« zu lesen war. Mit schwerfällig
widerhallendem Gepolter schwankten sie über die große Diele und die
flachen Stufen zum Hofe hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im
Hinterhause verladen werden und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen«
oder die »Eiche« wandern …
Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die
Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme
entgegen.
»Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!«
Sie küßte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in
denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht böse, er erwähnte
kein Wort. Er sagte nur: »Es ist spät, aber wir haben mit dem zweiten
Frühstück gewartet.«
Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur
Begrüßung droben auf dem Treppenabsatz versammelt …
Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstraße, und sie
stieg am nächsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen Sinnes
ins Frühstückszimmer hinunter. Es war noch ganz früh, kaum sieben Uhr.
Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den
Morgenkaffee.
Hundsfott …!
Die Equipage bog in die Mengstraße ein und die dicken Braunen
standen schnaubend und stampfend vorm Buddenbrookschen Hause. Tom
war seiner Schwester aufmerksam beim Aussteigen behilflich, während
Anton und Line herbeieilten, um den Koffer herunterzuschnallen. Aber man
mußte warten, bevor man ins Haus gelangte. Drei mächtige Transportwagen
schoben sich soeben dicht hintereinander durch die Haustür, hochbepackt
mit vollen Kornsäcken, auf denen in breiten schwarzen Buchstaben die
Firma »Johann Buddenbrook« zu lesen war. Mit schwerfällig
widerhallendem Gepolter schwankten sie über die große Diele und die
flachen Stufen zum Hofe hinunter. Ein Teil des Kornes sollte wohl im
Hinterhause verladen werden und der Rest in den »Walfisch«, den »Löwen«
oder die »Eiche« wandern …
Der Konsul kam, die Feder hinterm Ohr, aus dem Kontor heraus, als die
Geschwister die Diele betraten, und streckte seiner Tochter die Arme
entgegen.
»Willkommen zu Hause, meine liebe Tony!«
Sie küßte ihn und sah ihn mit Augen an, die noch verweint waren und in
denen etwas wie Scham zu lesen war. Aber er war nicht böse, er erwähnte
kein Wort. Er sagte nur: »Es ist spät, aber wir haben mit dem zweiten
Frühstück gewartet.«
Die Konsulin, Christian, Klothilde, Klara und Ida Jungmann standen zur
Begrüßung droben auf dem Treppenabsatz versammelt …
Tony schlief fest und gut die erste Nacht in der Mengstraße, und sie
stieg am nächsten Morgen, den 22. September, erfrischt und ruhigen Sinnes
ins Frühstückszimmer hinunter. Es war noch ganz früh, kaum sieben Uhr.
Nur Mamsell Jungmann war schon anwesend und bereitete den
Morgenkaffee.
Page 149
»Ei, ei, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie und sah sich mit kleinen,
verschlafenen braunen Augen um; »schon so zeitig?«
Tony setzte sich an den Sekretär, dessen Deckel zurückgeschoben war,
faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor Nässe
schwarz glänzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und feuchten
Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den Visitkarten und
Briefschaften auf dem Sekretär zu kramen …
Dicht beim Tintenfaß lag das wohlbekannte große Schreibheft mit
gepreßtem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es
mußte noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, daß
Papa es nicht wie gewöhnlich in der Ledermappe und in der besonderen
Schublade dort hinten verschlossen hatte.
Sie nahm es, blätterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was sie
las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der
Schreibenden hatte von seinem Vorgänger eine ohne Übertreibung
feierliche Vortragsweise übernommen, einen instinktiv und ungewollt
angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto
würdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor Überlieferung und
Historie sprach. Für Tony war das nichts Neues; sie hatte sich manchesmal
mit diesen Blättern beschäftigen dürfen. Aber noch niemals hatte ihr Inhalt
einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die ehrerbietige
Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten Tatsachen behandelt
waren, die der Familiengeschichte angehörten, stieg ihr zu Kopf … Sie
stützte die Ellenbogen auf und las mit wachsender Hingebung, mit Stolz
und Ernst.
Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre
Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in Mlle.
Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation … Alles war in der kleinen,
fließenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfältig und mit einer fast
religiösen Achtung vor Tatsachen überhaupt verzeichnet: Denn war nicht
der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke der Familie
wunderbar gelenkt?… Was würde hier hinter ihrem Namen, den sie von
ihrer Großmutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu berichten
verschlafenen braunen Augen um; »schon so zeitig?«
Tony setzte sich an den Sekretär, dessen Deckel zurückgeschoben war,
faltete die Hände hinter dem Kopf und blickte eine Weile auf das vor Nässe
schwarz glänzende Pflaster des Hofes und den vergilbten und feuchten
Garten hinaus. Dann fing sie an, neugierig unter den Visitkarten und
Briefschaften auf dem Sekretär zu kramen …
Dicht beim Tintenfaß lag das wohlbekannte große Schreibheft mit
gepreßtem Umschlag, goldenem Schnitt und verschiedenartigem Papier. Es
mußte noch gestern abend gebraucht worden sein, und ein Wunder nur, daß
Papa es nicht wie gewöhnlich in der Ledermappe und in der besonderen
Schublade dort hinten verschlossen hatte.
Sie nahm es, blätterte darin, geriet ins Lesen und vertiefte sich. Was sie
las, waren meistens einfache und ihr vertraute Dinge; aber jeder der
Schreibenden hatte von seinem Vorgänger eine ohne Übertreibung
feierliche Vortragsweise übernommen, einen instinktiv und ungewollt
angedeuteten Chronikenstil, aus dem der diskrete und darum desto
würdevollere Respekt einer Familie vor sich selbst, vor Überlieferung und
Historie sprach. Für Tony war das nichts Neues; sie hatte sich manchesmal
mit diesen Blättern beschäftigen dürfen. Aber noch niemals hatte ihr Inhalt
einen Eindruck auf sie gemacht, wie diesen Morgen. Die ehrerbietige
Bedeutsamkeit, mit der hier auch die bescheidensten Tatsachen behandelt
waren, die der Familiengeschichte angehörten, stieg ihr zu Kopf … Sie
stützte die Ellenbogen auf und las mit wachsender Hingebung, mit Stolz
und Ernst.
Auch in ihrer eigenen kleinen Vergangenheit fehlte kein Punkt. Ihre
Geburt, ihre Kinderkrankheiten, ihr erster Schulgang, ihr Eintritt in Mlle.
Weichbrodts Pensionat, ihre Konfirmation … Alles war in der kleinen,
fließenden Kaufmannsschrift des Konsuls sorgfältig und mit einer fast
religiösen Achtung vor Tatsachen überhaupt verzeichnet: Denn war nicht
der geringsten eine Gottes Wille und Werk, der die Geschicke der Familie
wunderbar gelenkt?… Was würde hier hinter ihrem Namen, den sie von
ihrer Großmutter Antoinette empfangen hatte, in Zukunft noch zu berichten
Page 150
sein? Und alles würde von späteren Familiengliedern mit der nämlichen
Pietät gelesen werden, mit der jetzt sie die früheren Begebnisse verfolgte.
Sie lehnte sich aufatmend zurück, und ihr Herz pochte feierlich.
Ehrfurcht vor sich selbst erfüllte sie, und das Gefühl persönlicher
Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstärkt durch den
Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein Schauer. »Wie
ein Glied in einer Kette«, hatte Papa geschrieben … ja, ja! Gerade als Glied
dieser Kette war sie von hoher und verantwortungsvoller Bedeutung, –
berufen, mit Tat und Entschluß an der Geschichte ihrer Familie
mitzuarbeiten!
Sie blätterte zurück bis ans Ende des großen Heftes, wo auf einem
rauhen Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern
und Rubriken in übersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resümiert
worden war: Von der Eheschließung des frühesten Stammhalters mit der
Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann
Buddenbrook mit Elisabeth Kröger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hieß
es, entsprossen vier Kinder … worauf mit den Geburtsjahren und -tagen die
Taufnamen untereinander aufgeführt waren; hinter demjenigen des älteren
Sohnes aber war bereits verzeichnet, daß er Ostern 1842 in das väterliche
Geschäft als Lehrling eingetreten sei.
Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum
dahinter. Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und
eifrigen Mienenspiel – sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten
sich einen Augenblick ganz schnell aneinander – ergriff sie die Feder,
tauchte sie nicht, sondern stieß sie in das Tintenfaß und schrieb mit
gekrümmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem
Kopf, in ihrer ungelenken und schräg von links nach rechts
emporfliegenden Schrift: »… Verlobte sich am 22. September 1845 mit
Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg.«
Vi e r z e h n t e s K a p i t e l
»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage
ist von Wichtigkeit und muß erledigt werden. Kurz und gut: Die
Pietät gelesen werden, mit der jetzt sie die früheren Begebnisse verfolgte.
Sie lehnte sich aufatmend zurück, und ihr Herz pochte feierlich.
Ehrfurcht vor sich selbst erfüllte sie, und das Gefühl persönlicher
Wichtigkeit, das ihr vertraut war, durchrieselte sie, verstärkt durch den
Geist, den sie soeben hatte auf sich wirken lassen, wie ein Schauer. »Wie
ein Glied in einer Kette«, hatte Papa geschrieben … ja, ja! Gerade als Glied
dieser Kette war sie von hoher und verantwortungsvoller Bedeutung, –
berufen, mit Tat und Entschluß an der Geschichte ihrer Familie
mitzuarbeiten!
Sie blätterte zurück bis ans Ende des großen Heftes, wo auf einem
rauhen Foliobogen die ganze Genealogie der Buddenbrooks mit Klammern
und Rubriken in übersichtlichen Daten von des Konsuls Hand resümiert
worden war: Von der Eheschließung des frühesten Stammhalters mit der
Predigerstochter Brigitta Schuren bis zu der Heirat des Konsuls Johann
Buddenbrook mit Elisabeth Kröger im Jahre 1825. Aus dieser Ehe, so hieß
es, entsprossen vier Kinder … worauf mit den Geburtsjahren und -tagen die
Taufnamen untereinander aufgeführt waren; hinter demjenigen des älteren
Sohnes aber war bereits verzeichnet, daß er Ostern 1842 in das väterliche
Geschäft als Lehrling eingetreten sei.
Tony blickte lange Zeit auf ihren Namen und auf den freien Raum
dahinter. Und dann, plötzlich, mit einem Ruck, mit einem nervösen und
eifrigen Mienenspiel – sie schluckte hinunter, und ihre Lippen bewegten
sich einen Augenblick ganz schnell aneinander – ergriff sie die Feder,
tauchte sie nicht, sondern stieß sie in das Tintenfaß und schrieb mit
gekrümmtem Zeigefinger und tief auf die Schulter geneigtem, hitzigem
Kopf, in ihrer ungelenken und schräg von links nach rechts
emporfliegenden Schrift: »… Verlobte sich am 22. September 1845 mit
Herrn Bendix Grünlich, Kaufmann zu Hamburg.«
Vi e r z e h n t e s K a p i t e l
»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, mein werter Freund. Diese Frage
ist von Wichtigkeit und muß erledigt werden. Kurz und gut: Die
Page 151
traditionelle Barmitgift für ein junges Mädchen aus unserer Familie beträgt
70000 Mark.«
Herr Grünlich warf seinem zukünftigen Schwiegervater den kurzen und
prüfenden Seitenblick eines Geschäftsmannes zu.
»In der Tat …«, sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie
sein linker goldgelber Backenbart, den er bedächtig durch die Finger gleiten
ließ … Er ließ die Spitze los, als das In der Tat vollendet war.
»Sie kennen«, fuhr er fort, »verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die
ich ehrwürdigen Überlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein …
sollte im gegenwärtigen Falle diese schöne Rücksicht nicht eine
Übertreibung bedeuten?… Ein Geschäft vergrößert sich … eine Familie
blüht empor … kurzum die Bedingungen werden andere und bessere …«
»Mein werter Freund«, sprach der Konsul … »Sie sehen in mir einen
Geschäftsmann von Kulanz! Mein Gott … Sie haben mich nicht einmal
ausreden lassen, sonst wüßten Sie bereits, daß ich willig und bereit bin,
Ihnen den Umständen entsprechend entgegenzukommen, und daß ich den
70000 schlankerhand 10000 hinzufüge.«
»80000 also …«, sagte Herr Grünlich; und dann machte er eine
Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es genügt.
Man einigte sich in der liebenswürdigsten Weise, und der Konsul
klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem großen Schlüsselbund in
seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die »traditionelle Höhe
der Barmitgift« erreicht. –
Hierauf empfahl sich Herr Grünlich und reiste nach Hamburg ab. Tony
verspürte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei
Möllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf
dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die
Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen … Mitte Oktober hatte
sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei
Möllendorpfs zu Ehren des ältesten Sohnes und Julchen Hagenströms
veranstaltete. »Tom!« sagte sie. »Ich gehe nicht hin. Es ist empörend!« Aber
sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste.
70000 Mark.«
Herr Grünlich warf seinem zukünftigen Schwiegervater den kurzen und
prüfenden Seitenblick eines Geschäftsmannes zu.
»In der Tat …«, sagte er, und dieses In der Tat war genau so lang wie
sein linker goldgelber Backenbart, den er bedächtig durch die Finger gleiten
ließ … Er ließ die Spitze los, als das In der Tat vollendet war.
»Sie kennen«, fuhr er fort, »verehrter Vater, die tiefe Hochachtung, die
ich ehrwürdigen Überlieferungen und Prinzipien entgegenbringe! Allein …
sollte im gegenwärtigen Falle diese schöne Rücksicht nicht eine
Übertreibung bedeuten?… Ein Geschäft vergrößert sich … eine Familie
blüht empor … kurzum die Bedingungen werden andere und bessere …«
»Mein werter Freund«, sprach der Konsul … »Sie sehen in mir einen
Geschäftsmann von Kulanz! Mein Gott … Sie haben mich nicht einmal
ausreden lassen, sonst wüßten Sie bereits, daß ich willig und bereit bin,
Ihnen den Umständen entsprechend entgegenzukommen, und daß ich den
70000 schlankerhand 10000 hinzufüge.«
»80000 also …«, sagte Herr Grünlich; und dann machte er eine
Mundbewegung, als wollte er sagen: Nicht zu viel; aber es genügt.
Man einigte sich in der liebenswürdigsten Weise, und der Konsul
klapperte, als er sich erhob, zufrieden mit dem großen Schlüsselbund in
seiner Beinkleidtasche. Erst mit den 80000 hatte er die »traditionelle Höhe
der Barmitgift« erreicht. –
Hierauf empfahl sich Herr Grünlich und reiste nach Hamburg ab. Tony
verspürte wenig von ihrer neuen Lebenslage. Niemand hinderte sie, bei
Möllendorpfs, Langhals', Kistenmakers und im eignen Hause zu tanzen, auf
dem Burgfelde und den Travenwiesen Schlittschuh zu laufen und die
Huldigungen der jungen Herren entgegenzunehmen … Mitte Oktober hatte
sie Gelegenheit, der Verlobungsgesellschaft beizuwohnen, die man bei
Möllendorpfs zu Ehren des ältesten Sohnes und Julchen Hagenströms
veranstaltete. »Tom!« sagte sie. »Ich gehe nicht hin. Es ist empörend!« Aber
sie ging dennoch hin und unterhielt sich aufs beste.
Page 152
Im übrigen hatte sie sich mit den Federstrichen, die sie der
Familiengeschichte hinzugefügt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin
oder allein in allen Läden der Stadt Kommissionen größeren Stiles zu
machen und für ihre Aussteuer, eine v o r n e h m e Aussteuer, Sorge zu
tragen. Tagelang saßen im Frühstückszimmer am Fenster zwei Nähterinnen,
welche säumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit
grünem Käse aßen …
»Ist das Leinenzeug von Lentföhr gekommen, Mama?«
»Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.«
»Schön. – Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu
schicken. Mein Gott, die Laken müssen gesäumt werden!«
»Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen für die Kissenbühren, Ida.«
»Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.«
»Line – –!«
»Könntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen …«
»O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen …«
»Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?«
»Moirée antique, Mama!… Ich lasse mich nicht trauen ohne moirée
antique!«
So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien
Herr Grünlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen
Familie zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten
Krögers schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenüber seiner Braut war
erfüllt von dem Zartgefühl, das man von ihm zu gewärtigen berechtigt war.
Keine unnötige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine
taktlosen Zärtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Kuß auf die Stirn in
Gegenwart der Eltern hatte das Verlöbnis besiegelt … Zuweilen
verwunderte Tony sich ein wenig, daß sein Glück jetzt der Verzweiflung,
die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu entsprechen
schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren Besitzermiene … Hie
Familiengeschichte hinzugefügt, die Erlaubnis erworben, mit der Konsulin
oder allein in allen Läden der Stadt Kommissionen größeren Stiles zu
machen und für ihre Aussteuer, eine v o r n e h m e Aussteuer, Sorge zu
tragen. Tagelang saßen im Frühstückszimmer am Fenster zwei Nähterinnen,
welche säumten, Monogramme stickten und eine Menge Landbrot mit
grünem Käse aßen …
»Ist das Leinenzeug von Lentföhr gekommen, Mama?«
»Nein, mein Kind, aber hier sind zwei Dutzend Teeservietten.«
»Schön. – Und er hatte versprochen, es bis heute nachmittag zu
schicken. Mein Gott, die Laken müssen gesäumt werden!«
»Mamsell Bitterlich fragt nach den Spitzen für die Kissenbühren, Ida.«
»Im Leinenschrank auf der Diele rechts, Tonychen, mein Kindchen.«
»Line – –!«
»Könntest auch gern mal selbst springen, mein Herzchen …«
»O Gott, wenn ich darum heirate, um selber die Treppen zu laufen …«
»Hast du an die Trauungstoilette gedacht, Tony?«
»Moirée antique, Mama!… Ich lasse mich nicht trauen ohne moirée
antique!«
So verging der Oktober, der November. Zur Weihnachtszeit erschien
Herr Grünlich, um den heiligen Abend im Kreise der Buddenbrookschen
Familie zu verleben, und auch die Einladung zur Feier bei den alten
Krögers schlug er nicht aus. Sein Benehmen gegenüber seiner Braut war
erfüllt von dem Zartgefühl, das man von ihm zu gewärtigen berechtigt war.
Keine unnötige Feierlichkeit! Keine gesellschaftliche Behinderung! Keine
taktlosen Zärtlichkeiten! Ein hingehaucht diskreter Kuß auf die Stirn in
Gegenwart der Eltern hatte das Verlöbnis besiegelt … Zuweilen
verwunderte Tony sich ein wenig, daß sein Glück jetzt der Verzweiflung,
die er bei ihren Weigerungen an den Tag gelegt hatte, kaum zu entsprechen
schien. Er betrachtete sie lediglich mit einer heiteren Besitzermiene … Hie
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und da freilich, wenn er zufällig mit ihr allein geblieben war, konnte eine
scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn überkommen, konnte er den
Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen, um seine Favoris ihrem
Gesichte zu nähern, und sie mit vor Heiterkeit zitternder Stimme zu fragen:
»Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich doch noch ergattert?…«
Worauf Tony antwortete: »O Gott, Sie vergessen sich!« und sich mit
Geschicklichkeit befreite.
Herr Grünlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg
zurück, denn sein reges Geschäft forderte unerbittlich seine persönliche
Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin
überein, daß Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine
Bekanntschaft zu machen.
Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz
außerordentlich auf das Leben in einer Großstadt freute, gab dem Wunsche
Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch – und zwar
in der Spitalerstraße – sich Herrn Grünlichs Kontore befanden. Allein der
Bräutigam erlangte mit männlicher Beharrlichkeit die Ermächtigung zum
Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbüttel … in romantischer und
weltentrückter Lage, als idyllisches Nestchen so recht geeignet für ein
junges Ehepaar – »procul negotiis« – nein, er hatte sein Latein gleichfalls
noch nicht völlig vergessen!
Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig
ward Hochzeit gemacht. Es gab einen prächtigen Polterabend, bei dem die
halbe Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen – darunter auch Armgard
von Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war –
tanzten mit Toms und Christians Freunden –, darunter auch Andreas
Gieseke, Sohn des Branddirektors und studiosus iuris, sowie Stephan und
Eduard Kistenmaker, von »Kistenmaker & Sohn« –, im Eßsaale und auf
dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war …
Für das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Döhlmann, der auf den
Steinfliesen der großen Diele alle irdenen Töpfe zerschlug, deren er habhaft
werden konnte.
Frau Stuht aus der Glockengießerstraße hatte wieder einmal
Gelegenheit, in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell
scherzhafte, eine neckische Stimmung ihn überkommen, konnte er den
Versuch machen, sie auf seine Knie zu ziehen, um seine Favoris ihrem
Gesichte zu nähern, und sie mit vor Heiterkeit zitternder Stimme zu fragen:
»Habe ich dich doch erwischt? Habe ich dich doch noch ergattert?…«
Worauf Tony antwortete: »O Gott, Sie vergessen sich!« und sich mit
Geschicklichkeit befreite.
Herr Grünlich kehrte bald nach dem Weihnachtsfeste nach Hamburg
zurück, denn sein reges Geschäft forderte unerbittlich seine persönliche
Gegenwart, und Buddenbrooks stimmten mit ihm stillschweigend darin
überein, daß Tony vor der Verlobung Zeit genug gehabt habe, seine
Bekanntschaft zu machen.
Die Wohnungsfrage ward brieflich geordnet. Tony, die sich ganz
außerordentlich auf das Leben in einer Großstadt freute, gab dem Wunsche
Ausdruck, sich im Innern Hamburgs niederzulassen, wo ja auch – und zwar
in der Spitalerstraße – sich Herrn Grünlichs Kontore befanden. Allein der
Bräutigam erlangte mit männlicher Beharrlichkeit die Ermächtigung zum
Ankaufe einer Villa vor der Stadt, bei Eimsbüttel … in romantischer und
weltentrückter Lage, als idyllisches Nestchen so recht geeignet für ein
junges Ehepaar – »procul negotiis« – nein, er hatte sein Latein gleichfalls
noch nicht völlig vergessen!
Es verging der Dezember, und zu Beginn des Jahres sechsundvierzig
ward Hochzeit gemacht. Es gab einen prächtigen Polterabend, bei dem die
halbe Stadt anwesend war. Tonys Freundinnen – darunter auch Armgard
von Schilling, die in einer turmhohen Kutsche zur Stadt gekommen war –
tanzten mit Toms und Christians Freunden –, darunter auch Andreas
Gieseke, Sohn des Branddirektors und studiosus iuris, sowie Stephan und
Eduard Kistenmaker, von »Kistenmaker & Sohn« –, im Eßsaale und auf
dem Korridor, der zu diesem Behufe mit Talkum bestreut worden war …
Für das Poltern sorgte in erster Linie Konsul Peter Döhlmann, der auf den
Steinfliesen der großen Diele alle irdenen Töpfe zerschlug, deren er habhaft
werden konnte.
Frau Stuht aus der Glockengießerstraße hatte wieder einmal
Gelegenheit, in den ersten Kreisen zu verkehren, indem sie Mamsell
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Jungmann und die Schneiderin am Hochzeitstage bei Tonys Toilette
unterstützte. Sie hatte, strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen,
lag, so dick sie war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd
erhobenen Augen die kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen moirée
antique … Dies geschah im Frühstückszimmer. Herr Grünlich wartete in
langschößigem Frack und seidener Weste vor der Tür. Sein rosiges Gesicht
zeigte einen ernsten und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem
linken Nasenflügel bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben
Favoris waren mit Sorgfalt frisiert.
Droben in der Säulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden,
hatte sich die Familie versammelt – eine stattliche Gesellschaft! Da saßen
die alten Krögers, ein wenig kümmerlich beide schon, aber wie stets die
distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krögers mit ihren
Söhnen Jürgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten Duchamps,
von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und seine
Frau, die geborene Stüwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi, die sich
leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten würden … Da war die
mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt
Buddenbrook vertreten, der von »Ungnade« hereingekommen war und mit
großen Augen das unerhört herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten
betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die
Reise war doch zu umständlich … An ihrer Stelle aber waren, als einzige,
die nicht der Familie zugehörten, Doktor Grabow, der Hausarzt, und
Mamsell Weichbrodt, Tonys mütterliche Freundin, zugegen – Sesemi
Weichbrodt mit ganz neuen grünen Haubenbändern über den Seitenlocken
und einem schwarzen Kleidchen. »Sei glöcklich, du g u t e s Kind!« sagte
sie, als Tony an Herrn Grünlichs Seite in der Säulenhalle erschien, reckte
sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. – Die
Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hübsch, unbefangen und
heiter aus, wenn auch ein wenig blaß vor Neugier und Reisefieber.
Die Halle war mit Blumen geschmückt und ein Altar an ihrer rechten
Seite errichtet worden. Pastor Kölling von St. Marien hielt die Trauung,
wobei er mit starken Worten im besonderen zur M ä ß i g k e i t ermahnte.
Alles verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und
gutmütiges »Ja« heraus, während Herr Grünlich zuvor »Hä-ä-hm!« sagte,
unterstützte. Sie hatte, strafe sie Gott, niemals eine schönere Braut gesehen,
lag, so dick sie war, auf den Knien und befestigte mit bewundernd
erhobenen Augen die kleinen Myrtenzweiglein auf der weißen moirée
antique … Dies geschah im Frühstückszimmer. Herr Grünlich wartete in
langschößigem Frack und seidener Weste vor der Tür. Sein rosiges Gesicht
zeigte einen ernsten und korrekten Ausdruck; auf der Warze an seinem
linken Nasenflügel bemerkte man ein wenig Puder, und seine goldgelben
Favoris waren mit Sorgfalt frisiert.
Droben in der Säulenhalle, denn dort sollte die Trauung stattfinden,
hatte sich die Familie versammelt – eine stattliche Gesellschaft! Da saßen
die alten Krögers, ein wenig kümmerlich beide schon, aber wie stets die
distinguiertesten Erscheinungen. Da waren Konsul Krögers mit ihren
Söhnen Jürgen und Jakob, welch letzterer, wie die Verwandten Duchamps,
von Hamburg gekommen war. Da war Gotthold Buddenbrook und seine
Frau, die geborene Stüwing, mit Friederike, Henriette und Pfiffi, die sich
leider alle drei wohl nicht mehr verheiraten würden … Da war die
mecklenburgische Nebenlinie durch Klothildens Vater, Herrn Bernhardt
Buddenbrook vertreten, der von »Ungnade« hereingekommen war und mit
großen Augen das unerhört herrschaftliche Haus seines reichen Verwandten
betrachtete. Die in Frankfurt hatten nur Geschenke geschickt, denn die
Reise war doch zu umständlich … An ihrer Stelle aber waren, als einzige,
die nicht der Familie zugehörten, Doktor Grabow, der Hausarzt, und
Mamsell Weichbrodt, Tonys mütterliche Freundin, zugegen – Sesemi
Weichbrodt mit ganz neuen grünen Haubenbändern über den Seitenlocken
und einem schwarzen Kleidchen. »Sei glöcklich, du g u t e s Kind!« sagte
sie, als Tony an Herrn Grünlichs Seite in der Säulenhalle erschien, reckte
sich empor und küßte sie mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. – Die
Familie war zufrieden mit der Braut; Tony sah hübsch, unbefangen und
heiter aus, wenn auch ein wenig blaß vor Neugier und Reisefieber.
Die Halle war mit Blumen geschmückt und ein Altar an ihrer rechten
Seite errichtet worden. Pastor Kölling von St. Marien hielt die Trauung,
wobei er mit starken Worten im besonderen zur M ä ß i g k e i t ermahnte.
Alles verlief nach Ordnung und Brauch. Tony brachte ein naives und
gutmütiges »Ja« heraus, während Herr Grünlich zuvor »Hä-ä-hm!« sagte,
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um seine Kehle zu reinigen. Dann ward ganz außerordentlich gut und viel
gegessen.
… Während droben im Saale die Gäste, mit dem Pastor in ihrer Mitte,
zu speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge
Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weißnebelige Schneeluft
hinaus. Der große Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor
der Haustür.
Nachdem Tony mehrere Male die Überzeugung ausgesprochen hatte,
daß sie sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und daß auch der Besuch
der Eltern in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie
guten Mutes in die Kutsche und ließ sich von der Konsulin sorgfältig in die
warme Pelzdecke hüllen. Auch ihr Gatte nahm Platz.
»Und … Grünlich«, sagte der Konsul, »die neuen Spitzen liegen in der
kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bißchen
unter den Paletot, wie? Diese Akzise … man muß das nach Möglichkeit
umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott
sei mit dir!«
»Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden?« fragte die
Konsulin …
»Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt!« antwortete Herr Grünlich.
Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von »Ma'm
Grünlich« …
Man war im Begriffe, den Schlag zu schließen, als Tony von einer
plötzlichen Bewegung überkommen ward. Trotz der Umstände, die es
verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus, stieg
rücksichtslos über Herrn Grünlichs Knie hinweg, der zu murren begann,
und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater.
»Adieu, Papa … Mein guter Papa!« Und dann flüsterte sie ganz leise:
»Bist du zufrieden mit mir?«
Der Konsul preßte sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er
sie ein wenig von sich und schüttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden
gegessen.
… Während droben im Saale die Gäste, mit dem Pastor in ihrer Mitte,
zu speisen fortfuhren, geleiteten der Konsul und seine Gattin das junge
Paar, das sich reisefertig gemacht hatte, in die weißnebelige Schneeluft
hinaus. Der große Reisewagen hielt, mit Koffern und Taschen bepackt, vor
der Haustür.
Nachdem Tony mehrere Male die Überzeugung ausgesprochen hatte,
daß sie sehr bald zu Besuch nach Hause kommen und daß auch der Besuch
der Eltern in Hamburg nicht lange auf sich warten lassen werde, stieg sie
guten Mutes in die Kutsche und ließ sich von der Konsulin sorgfältig in die
warme Pelzdecke hüllen. Auch ihr Gatte nahm Platz.
»Und … Grünlich«, sagte der Konsul, »die neuen Spitzen liegen in der
kleineren Handtasche zu oberst. Sie nehmen sie vor Hamburg ein bißchen
unter den Paletot, wie? Diese Akzise … man muß das nach Möglichkeit
umgehen. Leben Sie wohl! Leb' wohl, noch einmal, meine liebe Tony! Gott
sei mit dir!«
»Sie werden doch in Arensburg gute Unterkunft finden?« fragte die
Konsulin …
»Bestellt, teuerste Mama, alles bestellt!« antwortete Herr Grünlich.
Anton, Line, Trine, Sophie verabschiedeten sich von »Ma'm
Grünlich« …
Man war im Begriffe, den Schlag zu schließen, als Tony von einer
plötzlichen Bewegung überkommen ward. Trotz der Umstände, die es
verursachte, wickelte sie sich noch einmal aus der Reisedecke heraus, stieg
rücksichtslos über Herrn Grünlichs Knie hinweg, der zu murren begann,
und umarmte mit Leidenschaft ihren Vater.
»Adieu, Papa … Mein guter Papa!« Und dann flüsterte sie ganz leise:
»Bist du zufrieden mit mir?«
Der Konsul preßte sie einen Augenblick wortlos an sich; dann schob er
sie ein wenig von sich und schüttelte mit innigem Nachdruck ihre beiden
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Hände …
Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte, die
Pferde zogen an, daß die Scheiben klirrten, und die Konsulin ließ ihr
Batisttüchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die Straße
hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann.
Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre
Pelzpelerine mit graziöser Bewegung fester um die Schultern zog.
»Da fährt sie hin, Bethsy.«
»Ja, Jean, das Erste, das davongeht. – Glaubst du, daß sie glücklich ist
mit ihm?«
»Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste
Glück, das wir auf Erden erlangen können.«
Sie kehrten zu ihren Gästen zurück.
Fünfzehntes Kapitel
Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum
»Fünfhausen«. Er vermied es, oben herum durch die Breitestraße zu gehen,
um nicht der vielen Bekannten wegen den Hut beständig in der Hand tragen
zu müssen. Beide Hände in den weiten Taschen seines warmen,
dunkelgrauen Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt über den
hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen Stiefeln
knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte … Der
Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe, würzige
Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von fünf Grad
Frost, ein Februartag sondergleichen.
Thomas schritt den »Fünfhausen« hinunter, er durchquerte die
Bäckergrube und gelangte durch eine schmale Querstraße in die
Fischergrube. Diese Straße, die in gleicher Richtung mit der Mengstraße
steil zur Trave hin abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwärts, bis er
vor einem kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit
Hierauf war alles bereit. Der Schlag knallte, der Kutscher schnalzte, die
Pferde zogen an, daß die Scheiben klirrten, und die Konsulin ließ ihr
Batisttüchlein im Winde spielen, bis der Wagen, der rasselnd die Straße
hinunterfuhr, im Schneenebel zu verschwinden begann.
Der Konsul stand gedankenvoll neben seiner Gattin, die ihre
Pelzpelerine mit graziöser Bewegung fester um die Schultern zog.
»Da fährt sie hin, Bethsy.«
»Ja, Jean, das Erste, das davongeht. – Glaubst du, daß sie glücklich ist
mit ihm?«
»Ach, Bethsy, sie ist zufrieden mit sich selbst; das ist das solideste
Glück, das wir auf Erden erlangen können.«
Sie kehrten zu ihren Gästen zurück.
Fünfzehntes Kapitel
Thomas Buddenbrook ging die Mengstraße hinunter bis zum
»Fünfhausen«. Er vermied es, oben herum durch die Breitestraße zu gehen,
um nicht der vielen Bekannten wegen den Hut beständig in der Hand tragen
zu müssen. Beide Hände in den weiten Taschen seines warmen,
dunkelgrauen Kragenmantels schritt er ziemlich in sich gekehrt über den
hartgefrorenen, kristallisch aufblitzenden Schnee, der unter seinen Stiefeln
knarrte. Er ging seinen eigenen Weg, von dem niemand wußte … Der
Himmel leuchtete hell, blau und kalt; es war eine frische, herbe, würzige
Luft, ein windstilles, hartes, klares und reinliches Wetter von fünf Grad
Frost, ein Februartag sondergleichen.
Thomas schritt den »Fünfhausen« hinunter, er durchquerte die
Bäckergrube und gelangte durch eine schmale Querstraße in die
Fischergrube. Diese Straße, die in gleicher Richtung mit der Mengstraße
steil zur Trave hin abfiel, verfolgte er ein paar Schritte weit abwärts, bis er
vor einem kleinen Hause stand, einem ganz bescheidenen Blumenladen mit
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schmaler Tür und dürftigem Schaufensterchen, in dem ein paar Töpfe mit
Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe standen.
Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kleffen begann
wie ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im
Gespräch mit der jungen Verkäuferin eine kleine, dicke, ältliche Dame in
türkischem Umhang. Sie wählte unter einigen Blumentöpfen, prüfte, roch,
mäkelte und schwatzte, daß sie beständig genötigt war, sich mit dem
Schnupftuch den Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grüßte sie
höflich und trat zur Seite … Sie war eine unbegüterte Verwandte der
Langhals', eine gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen
einer Familie aus der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft
doch zuzugehören, die nicht zu großen Diners und Bällen, sondern nur zu
kleinen Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller
Welt »Tante Lottchen« genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten
Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas sagte,
nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmädchen:
»Geben Sie mir … ein paar Rosen, bitte … Ja, gleichgültig. La France …«
Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte und
verschwunden war, sagte er leiser: »So, leg' nur wieder weg, Anna … Guten
Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens gekommen.«
Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide.
Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen
beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende
Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers
und einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht ähnlich zu
finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein
Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit.
Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen
Ladens, wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas
folgte ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinüber und küßte sie auf die
Lippen und die Augen.
»Du bist ganz verfroren, du Ärmster!« sagte sie.
Zwiebelgewächsen nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe standen.
Er trat ein, wobei die Blechglocke oben an der Tür zu kleffen begann
wie ein wachsames Hündchen. Drinnen vorm Ladentisch stand im
Gespräch mit der jungen Verkäuferin eine kleine, dicke, ältliche Dame in
türkischem Umhang. Sie wählte unter einigen Blumentöpfen, prüfte, roch,
mäkelte und schwatzte, daß sie beständig genötigt war, sich mit dem
Schnupftuch den Mund zu wischen. Thomas Buddenbrook grüßte sie
höflich und trat zur Seite … Sie war eine unbegüterte Verwandte der
Langhals', eine gutmütige und schwatzhafte alte Jungfer, die den Namen
einer Familie aus der ersten Gesellschaft trug, ohne dieser Gesellschaft
doch zuzugehören, die nicht zu großen Diners und Bällen, sondern nur zu
kleinen Kaffeezirkeln gebeten ward und mit wenigen Ausnahmen von aller
Welt »Tante Lottchen« genannt wurde. Einen in Seidenpapier gewickelten
Blumentopf unter dem Arme, wandte sie sich zur Tür, und Thomas sagte,
nachdem er aufs neue gegrüßt hatte, mit lauter Stimme zum Ladenmädchen:
»Geben Sie mir … ein paar Rosen, bitte … Ja, gleichgültig. La France …«
Dann als Tante Lottchen die Tür hinter sich geschlossen hatte und
verschwunden war, sagte er leiser: »So, leg' nur wieder weg, Anna … Guten
Tag, kleine Anna! Ja, heute bin ich recht schweren Herzens gekommen.«
Anna trug eine weiße Schürze über ihrem schwarzen, schlichten Kleide.
Sie war wunderbar hübsch. Sie war zart wie eine Gazelle und besaß einen
beinahe malaiischen Gesichtstypus: ein wenig hervorstehende
Wangenknochen, schmale, schwarze Augen voll eines weichen Schimmers
und einen mattgelblichen Teint, wie er weit und breit nicht ähnlich zu
finden war. Ihre Hände, von derselben Farbe, waren schmal und für ein
Ladenmädchen von außerordentlicher Schönheit.
Sie ging hinter dem Verkaufstisch an das rechte Ende des kleinen
Ladens, wo man durchs Schaufenster nicht gesehen werden konnte. Thomas
folgte ihr diesseits des Tisches, beugte sich hinüber und küßte sie auf die
Lippen und die Augen.
»Du bist ganz verfroren, du Ärmster!« sagte sie.
Page 158
»Fünf Grad!« sagte Tom … »Ich habe nichts gemerkt, ich ging ziemlich
traurig hierher.«
Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und
fuhr fort: »Ja, hörst du, Anna?… heute müssen wir nun vernünftig sein. Es
ist so weit.«
»Ach Gott …!« sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und Kummer
ihre Schürze …
»Einmal mußte es doch herankommen, Anna … So! nicht weinen! Wir
wollten doch vernünftig sein, wie? – Was ist da zu tun? Dergleichen muß
durchgemacht werden.«
»Wann …?« fragte Anna schluchzend.
»Übermorgen.«
»Ach Gott … warum übermorgen? Eine Woche noch … Bitte!… Fünf
Tage!…«
»Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung
… Sie erwarten mich in Amsterdam … Ich könnte auch nicht einen Tag
zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!«
»Und das ist so fürchterlich weit fort …!«
»Amsterdam? Pah! gar nicht! Und d e n k e n kann man doch immer
aneinander, wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe, sowie ich dort
bin …«
»Weißt du noch …«, sagte sie, »vor einundeinhalb Jahren? Beim
Schützenfest?…«
Er unterbrach sie entzückt …
»Gott, ja, einundeinhalb Jahre!… Ich hielt dich für eine Italienerin …
Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch … Ich habe sie noch …
Ich nehme sie mit nach Amsterdam … Was für ein Staub und eine Hitze
war auf der Wiese!…«
traurig hierher.«
Er setzte sich auf den Ladentisch, behielt ihre Hand in der seinen und
fuhr fort: »Ja, hörst du, Anna?… heute müssen wir nun vernünftig sein. Es
ist so weit.«
»Ach Gott …!« sagte sie kläglich und erhob voll Furcht und Kummer
ihre Schürze …
»Einmal mußte es doch herankommen, Anna … So! nicht weinen! Wir
wollten doch vernünftig sein, wie? – Was ist da zu tun? Dergleichen muß
durchgemacht werden.«
»Wann …?« fragte Anna schluchzend.
»Übermorgen.«
»Ach Gott … warum übermorgen? Eine Woche noch … Bitte!… Fünf
Tage!…«
»Das geht nicht, liebe kleine Anna. Alles ist bestimmt und in Ordnung
… Sie erwarten mich in Amsterdam … Ich könnte auch nicht einen Tag
zulegen, wenn ich es noch so gerne wollte!«
»Und das ist so fürchterlich weit fort …!«
»Amsterdam? Pah! gar nicht! Und d e n k e n kann man doch immer
aneinander, wie? Und ich schreibe! Paß auf, ich schreibe, sowie ich dort
bin …«
»Weißt du noch …«, sagte sie, »vor einundeinhalb Jahren? Beim
Schützenfest?…«
Er unterbrach sie entzückt …
»Gott, ja, einundeinhalb Jahre!… Ich hielt dich für eine Italienerin …
Ich kaufte eine Nelke und steckte sie ins Knopfloch … Ich habe sie noch …
Ich nehme sie mit nach Amsterdam … Was für ein Staub und eine Hitze
war auf der Wiese!…«
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»Ja, du holtest mir ein Glas Limonade aus der Bude nebenan … Ich
erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck und Menschen …«
»Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an,
was für eine Bewandtnis es mit uns hatte?«
»Und du wolltest mit mir Karussell fahren … aber das ging nicht; ich
mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten …«
»Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.«
Sie sagte leise: »Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir
abgeschlagen habe.«
Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.
»Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!… Ja, man muß anfangen,
Adieu zu sagen!«
»Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?«
»Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch, wenn ich
mich irgend losmachen kann … Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna …
Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit, Amsterdam
… und du bleibst hier zurück. Aber wirf dich nicht weg, hörst du, Anna?…
Denn bis jetzt hast du dich n i c h t weggeworfen, das sage ich dir!«
Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht
hielt.
»Und du?… Und du?…«
»Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht
immer jung … du bist ein kluges Mädchen, du hast niemals etwas von
heiraten gesagt und dergleichen …«
»Nein, behüte!… daß ich das von dir verlange …«
»Man wird getragen, siehst du … Wenn ich am Leben bin, werde ich
das Geschäft übernehmen, werde eine Partie machen … ja, ich bin offen
gegen dich, beim Abschied … Und auch du … das wird so gehen … Ich
wünsche dir alles Glück, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich
erinnere das wie heute! Alles roch nach Schmalzgebäck und Menschen …«
»Aber schön war es doch! Sahen wir uns nicht gleich an den Augen an,
was für eine Bewandtnis es mit uns hatte?«
»Und du wolltest mit mir Karussell fahren … aber das ging nicht; ich
mußte doch verkaufen! Die Frau hätte gescholten …«
»Nein, es ging nicht, Anna, das sehe ich vollkommen ein.«
Sie sagte leise: »Und es ist auch das Einzige geblieben, was ich dir
abgeschlagen habe.«
Er küßte sie aufs neue, auf die Lippen und die Augen.
»Adieu, meine liebe, gute, kleine Anna!… Ja, man muß anfangen,
Adieu zu sagen!«
»Ach, du kommst doch morgen noch einmal wieder?«
»Ja, sicher, um diese Zeit. Und auch übermorgen früh noch, wenn ich
mich irgend losmachen kann … Aber jetzt will ich dir eines sagen, Anna …
Ich gehe nun ziemlich weit fort, ja, es ist immerhin recht weit, Amsterdam
… und du bleibst hier zurück. Aber wirf dich nicht weg, hörst du, Anna?…
Denn bis jetzt hast du dich n i c h t weggeworfen, das sage ich dir!«
Sie weinte in ihre Schürze, die sie mit ihrer freien Hand vors Gesicht
hielt.
»Und du?… Und du?…«
»Das weiß Gott, Anna, wie die Dinge gehen werden! Man bleibt nicht
immer jung … du bist ein kluges Mädchen, du hast niemals etwas von
heiraten gesagt und dergleichen …«
»Nein, behüte!… daß ich das von dir verlange …«
»Man wird getragen, siehst du … Wenn ich am Leben bin, werde ich
das Geschäft übernehmen, werde eine Partie machen … ja, ich bin offen
gegen dich, beim Abschied … Und auch du … das wird so gehen … Ich
wünsche dir alles Glück, meine liebe, gute, kleine Anna! Aber wirf dich
Page 160
nicht weg, hörst du?… Denn bis jetzt hast du dich n i c h t weggeworfen,
das sage ich dir …!«
Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag
in dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die Wintersonne sich an,
unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses
Abendrot schmückte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die
aufgeschlagenen Kragen ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am
Schaufenster vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel
des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.
das sage ich dir …!«
Hier drinnen war es warm. Ein feuchter Duft von Erde und Blumen lag
in dem kleinen Laden. Draußen schickte schon die Wintersonne sich an,
unterzugehen. Ein zartes, reines und wie auf Porzellan gemalt blasses
Abendrot schmückte jenseits des Flusses den Himmel. Das Kinn in die
aufgeschlagenen Kragen ihrer Überzieher versteckt, eilten die Leute am
Schaufenster vorüber und sahen nichts von den beiden, die in dem Winkel
des kleinen Blumenladens voneinander Abschied nahmen.
Page 161
Page 162
Vierter Teil
Erstes Kapitel
Den 30. April 1846.
Meine liebe Mama,
tausend Dank für Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von
Schillings Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pöppenrade mitteiltest.
Armgard selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm,
Goldrand) und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich äußerst
entzückt über den Bräutigam ausläßt. Es soll ein bildschöner Mann sein und
von vornehmem Wesen. Wie glücklich sie sein muß! Alles heiratet; auch
aus München habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekömmt einen
Brauereidirektor.
Aber nun muß ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nämlich noch
immer nichts über einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst
verlautet! Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grünlichs? Das
wäre nicht nötig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich
ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun. Oder
glaubt Ihr vielleicht, Ihr stört mich? Ach nein, nicht im allergeringsten!
Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder Heimweh? Du lieber
Gott, ich bin doch eine verständige Frau, ich stehe mitten im Leben und bin
gereift.
Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind
angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann
(aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche
Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier
Erstes Kapitel
Den 30. April 1846.
Meine liebe Mama,
tausend Dank für Deinen Brief, in welchem Du mir Armgard von
Schillings Verlobung mit Herrn von Maiboom auf Pöppenrade mitteiltest.
Armgard selbst hat mir ebenfalls eine Anzeige geschickt (sehr vornehm,
Goldrand) und dazu einen Brief geschrieben, in dem sie sich äußerst
entzückt über den Bräutigam ausläßt. Es soll ein bildschöner Mann sein und
von vornehmem Wesen. Wie glücklich sie sein muß! Alles heiratet; auch
aus München habe ich eine Anzeige von Eva Ewers. Sie bekömmt einen
Brauereidirektor.
Aber nun muß ich Dich eines fragen, liebe Mama: warum nämlich noch
immer nichts über einen Besuch von Konsul Buddenbrooks hierselbst
verlautet! Wartet Ihr vielleicht auf eine offizielle Einladung Grünlichs? Das
wäre nicht nötig, denn er denkt, glaube ich, gar nicht daran, und wenn ich
ihn erinnere, so sagt er: Ja, ja, Kind, Dein Vater hat anderes zu tun. Oder
glaubt Ihr vielleicht, Ihr stört mich? Ach nein, nicht im allergeringsten!
Oder glaubt Ihr vielleicht, Ihr macht mir nur wieder Heimweh? Du lieber
Gott, ich bin doch eine verständige Frau, ich stehe mitten im Leben und bin
gereift.
Soeben war ich zum Kaffee bei Madame Käselau, in der Nähe; es sind
angenehme Leute, und auch unsere Nachbarn linkerhand, namens Gußmann
(aber die Häuser liegen ziemlich weit voneinander), sind umgängliche
Menschen. Wir haben ein paar gute Hausfreunde, die beide ebenfalls hier
Page 163
draußen wohnen: den Doktor Klaaßen (von welchem ich Dir nachher noch
werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen
Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er hat
einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare auf
dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge flattern.
Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und ziemlich
geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber Grünlich verbietet
mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr Kesselmeyer aber sei ein
Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert mit den Armen. Seine
Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des Hinterkopfes, und von da an ist
sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat etwas so äußerst Fröhliches an sich!
Manchmal klopft er mir auf die Wange und sagt: Sie gute kleine Frau,
welch Gottessegen für Grünlich, daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er
einen Zwicker hervor (er hat stets drei davon bei sich, an langen Schnüren,
die sich beständig auf seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf
die Nase, die er ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde
so vergnüglich an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er
gar nicht übel.
Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen
gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal
sitzt er bei mir und liest die Zeitung.
Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder
Konsul Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der
Rathausstraße, so müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich
schon oft um Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier
draußen. Er hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich
merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht
es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt
unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein?
Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist
wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen
noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts
einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr
hübsch getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich
sitze im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein
werde erzählen müssen) und den Bankier Kesselmeyer, Grünlichs intimen
Freund. Du glaubst nicht, was für ein komischer alter Herr das ist! Er hat
einen weißen, geschorenen Backenbart und schwarz-weiße dünne Haare auf
dem Kopf, die aussehen wie Flaumfedern und in jedem Luftzuge flattern.
Da er auch so drollige Kopfbewegungen hat wie ein Vogel und ziemlich
geschwätzig ist, nenne ich ihn immer »die Elster«; aber Grünlich verbietet
mir dies, denn er sagt, die Elster stehle, Herr Kesselmeyer aber sei ein
Ehrenmann. Beim Gehen bückt er sich und rudert mit den Armen. Seine
Flaumfedern reichen nur bis zur Hälfte des Hinterkopfes, und von da an ist
sein Nacken ganz rot und rissig. Er hat etwas so äußerst Fröhliches an sich!
Manchmal klopft er mir auf die Wange und sagt: Sie gute kleine Frau,
welch Gottessegen für Grünlich, daß er Sie bekommen hat! Dann sucht er
einen Zwicker hervor (er hat stets drei davon bei sich, an langen Schnüren,
die sich beständig auf seiner weißen Weste verwickeln), schlägt ihn sich auf
die Nase, die er ganz kraus dabei macht, und sieht mich mit offenem Munde
so vergnüglich an, daß ich ihm laut ins Gesicht lache. Aber das nimmt er
gar nicht übel.
Grünlich selbst ist viel beschäftigt, fährt morgens mit unserem kleinen
gelben Wagen zur Stadt und kommt oft erst spät nach Hause. Manchmal
sitzt er bei mir und liest die Zeitung.
Wenn wir in Gesellschaft fahren, zum Beispiel zu Kesselmeyer oder
Konsul Goudstikker am Alsterdamm oder Senator Bock in der
Rathausstraße, so müssen wir eine Mietkutsche nehmen. Ich habe Grünlich
schon oft um Anschaffung eines Coupés gebeten, denn das ist nötig hier
draußen. Er hat es mir auch halb und halb versprochen, aber er begibt sich
merkwürdigerweise überhaupt nicht gern mit mir in Gesellschaft und sieht
es augenscheinlich nicht gern, wenn ich mich mit den Leuten in der Stadt
unterhalte. Sollte er eifersüchtig sein?
Unsere Villa, die ich Dir schon eingehend beschrieb, liebe Mama, ist
wirklich sehr hübsch und hat sich durch neuerliche Möbelanschaffungen
noch verschönert. Gegen den Salon im Hochparterre hättest Du nichts
einzuwenden: ganz in brauner Seide. Das Eßzimmer nebenan ist sehr
hübsch getäfelt; die Stühle haben 25 Kurant-Mark das Stück gekostet. Ich
sitze im Penseezimmer, das als Wohnstube dient. Dann ist da noch ein
Page 164
Rauch- und Spielkabinett. Der Saal, der jenseits des Korridors die andere
Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und
nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und
Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen
Groom. Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß
nicht, ob sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf
jeden Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.
Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir
bis zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein
bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch
anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein ganz
kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren
geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als
Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der beinahe
hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun, Du hättest ihn
sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner Brille, zwinkerte mit
seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner Kartoffelnase zu, kicherte und
musterte mich so impertinent, daß ich nicht wußte, wo ich bleiben sollte.
Dann untersuchte er mich und sagte, alles lasse sich aufs prächtigste an, nur
müsse ich Mineralwasser trinken, denn ich sei vielleicht ein b i ß c h e n
bleichsüchtig. – O Mama, vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an,
damit er es in die Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du
Weiteres!
Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir.
An Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben.
Deine treugehorsame Tochter
A n t o n i e.
Den 2. August 1846.
Mein lieber Thomas,
mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein
mit Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage
gewesen sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach
Hälfte des Parterres einnimmt, hat jetzt noch gelbe Stores bekommen und
nimmt sich vornehm aus. Oben sind Schlaf-, Bade-, Ankleide- und
Dienerschaftszimmer. Für den gelben Wagen haben wir einen kleinen
Groom. Mit den beiden Mädchen bin ich ziemlich zufrieden. Ich weiß
nicht, ob sie ganz ehrlich sind; aber Gott sei Dank brauche ich ja nicht auf
jeden Dreier zu sehen! Kurz, es ist alles, wie es unserem Namen zukommt.
Nun aber kommt etwas, liebe Mama, das Wichtigste, welches ich mir
bis zum Schlusse aufgehoben. Vor einiger Zeit nämlich fühlte ich mich ein
bißchen sonderbar, weißt Du, nicht ganz gesund und doch wieder noch
anders; bei Gelegenheit sagte ich es dem Doktor Klaaßen. Das ist ein ganz
kleiner Mensch mit einem großen Kopf und einem noch größeren
geschweiften Hut darauf. Immer drückt er sein spanisches Rohr, das als
Griff eine runde Knochenplatte hat, an seinen langen Kinnbart, der beinahe
hellgrün ist, weil er ihn lange Jahre schwarz gefärbt hat. Nun, Du hättest ihn
sehen sollen! Er antwortete gar nicht, rückte an seiner Brille, zwinkerte mit
seinen roten Äuglein, nickte mir mit seiner Kartoffelnase zu, kicherte und
musterte mich so impertinent, daß ich nicht wußte, wo ich bleiben sollte.
Dann untersuchte er mich und sagte, alles lasse sich aufs prächtigste an, nur
müsse ich Mineralwasser trinken, denn ich sei vielleicht ein b i ß c h e n
bleichsüchtig. – O Mama, vertraue es dem guten Papa ganz vorsichtig an,
damit er es in die Familienpapiere schreibt. Sobald als möglich hörst Du
Weiteres!
Grüße Papa, Christian, Klara, Thilda und Ida Jungmann innig von mir.
An Thomas, nach Amsterdam, habe ich kürzlich geschrieben.
Deine treugehorsame Tochter
A n t o n i e.
Den 2. August 1846.
Mein lieber Thomas,
mit Vergnügen habe ich Deine Mitteilungen über Dein Zusammensein
mit Christian in Amsterdam empfangen; es mögen einige fröhliche Tage
gewesen sein. Ich habe über Deines Bruders Weiterreise über Ostende nach
Page 165
England noch keine Nachrichten, hoffe jedoch zu Gott, daß sie glücklich
vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich
entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht zu
spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas Tüchtiges zu
lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und Segen
begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du weißt, ein
naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich glücklich, meine
beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir freundschaftlichst
verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon verspüren: Ich
empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen Dein Salair
bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin Nebenverdienste
einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein tüchtig Führen Dich
dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und zeigen wirst.
Bei alledem schmerzt es mich, daß Deine Gesundheit sich nicht völlig
auf der Höhe befindet. Was Du mir von Nervosität geschrieben, gemahnte
mich an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort
nach Ems gehen mußte, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas ähnliches
sich für Dich als nötig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich,
bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich für uns andere
derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue.
Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine
Fahrt nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen.
Ihr Gatte hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit großer
Herzlichkeit und widmete sich uns während der zwei Tage, die wir bei ihm
verbrachten, so vollständig, daß er sein Geschäft vernachlässigte und mir
kaum Zeit zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' ließ. Antonie befand
sich im fünften Monat; ihr Arzt versicherte, daß alles in normaler und
erfreulicher Weise verlaufen werde. –
Noch möchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwähnen, dem
ich mit Freude entnahm, daß Du auch privatim in seinem Familienkreise ein
gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du die
Früchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir zuteil
werden ließen. Es möge Dir als Ratschlag dienen, daß ich in Deinem Alter,
sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen sein ließ, mich
meinen P r i n z i p a l i n n e n dienstlich und angenehm zu machen, was mir
vonstatten gegangen sein wird. Möchte es doch, nachdem Christian sich
entschlossen, den wissenschaftlichen Beruf fahren zu lassen, noch nicht zu
spät für ihn sein, bei seinem Prinzipale Mr. Richardson etwas Tüchtiges zu
lernen, und möchte seine merkantile Laufbahn von Erfolg und Segen
begleitet sein! Mr. Richardson (Threedneedle Street) ist, wie Du weißt, ein
naher Geschäftsfreund meines Hauses. Ich schätze mich glücklich, meine
beiden Söhne in Firmen untergebracht zu haben, die mir freundschaftlichst
verbunden sind. Den Segen davon darfst Du jetzt schon verspüren: Ich
empfinde vollkommene Genugtuung, daß Herr van der Kellen Dein Salair
bereits in diesem Vierteljahr erhöht hat und Dir weiterhin Nebenverdienste
einräumen wird; ich bin überzeugt, daß Du durch ein tüchtig Führen Dich
dieses Entgegenkommens würdig gezeigt hast und zeigen wirst.
Bei alledem schmerzt es mich, daß Deine Gesundheit sich nicht völlig
auf der Höhe befindet. Was Du mir von Nervosität geschrieben, gemahnte
mich an meine eigene Jugend, als ich in Antwerpen arbeitete und von dort
nach Ems gehen mußte, um die Kur zu gebrauchen. Wenn etwas ähnliches
sich für Dich als nötig erweisen sollte, mein Sohn, so bin ich, versteht sich,
bereit, Dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, wiewohl ich für uns andere
derartige Ausgaben in diesen politisch unruhigen Zeiten scheue.
Immerhin haben Deine Mutter und ich um die Mitte des Junius eine
Fahrt nach Hamburg unternommen, um Deine Schwester Tony zu besuchen.
Ihr Gatte hatte uns nicht aufgefordert, empfing uns jedoch mit großer
Herzlichkeit und widmete sich uns während der zwei Tage, die wir bei ihm
verbrachten, so vollständig, daß er sein Geschäft vernachlässigte und mir
kaum Zeit zu einer Visite in der Stadt bei Duchamps' ließ. Antonie befand
sich im fünften Monat; ihr Arzt versicherte, daß alles in normaler und
erfreulicher Weise verlaufen werde. –
Noch möchte ich eines Briefes des Herrn van der Kellen erwähnen, dem
ich mit Freude entnahm, daß Du auch privatim in seinem Familienkreise ein
gern gesehener Gast bist. Du bist nun, mein Sohn, in dem Alter, wo Du die
Früchte der Erziehung zu ernten beginnst, die Deine Eltern Dir zuteil
werden ließen. Es möge Dir als Ratschlag dienen, daß ich in Deinem Alter,
sowohl in Bergen als in Antwerpen, es mir immer angelegen sein ließ, mich
meinen P r i n z i p a l i n n e n dienstlich und angenehm zu machen, was mir
Page 166
zum höchsten Vorteil gereicht hat. Abgesehen selbst von der ehrenden
Annehmlichkeit eines näheren Verkehrs mit der Vorstandsfamilie, schafft
man sich in der Prinzipalin eine fördernde Fürsprecherin, wenn der
allerdings möglichst zu vermeidende, nichtsdestoweniger mögliche Fall
eintreten sollte, daß ein Versehen im Geschäft sich ereignete oder die
Zufriedenheit des Prinzipals hie oder da zu wünschen übrigließe. –
Was Deine geschäftlichen Zukunftspläne angeht, mein Sohn, so
erfreuen sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht,
ohne zwar, daß ich ihnen vollkommen beizustimmen vermöchte. Du gehst
von der Ansicht aus, daß der Absatz derjenigen Produkte, welche die
Umgegend unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Häute
und Felle, Wolle, Öl, Ölkuchen, Knochen usw. das natürlichste,
nachhaltigste Geschäft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem
Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe
mich zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschäftszweige noch
sehr gering war (während sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit
diesem Gedanken beschäftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu
vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England
hatte hauptsächlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen für
meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis
Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften,
erkannte aber alsbald auch den gefährlichen Charakter, welchen die
Exportgeschäfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere Kultivierung
derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des Mahnwortes
eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Gründer der Firma, uns
hinterlassen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber
mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!«
Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende,
obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von Leuten,
die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an Strunck &
Hagenström, die eminent im Wachsen begriffen sind, während unsere
Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weißt, daß das Haus
nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Großvaters nicht mehr
gewachsen ist, und ich bete zu Gott, daß ich Dir die Geschäfte wenigstens
in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen können. An dem Prokuristen
Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedächtigen Helfer. Wenn
Annehmlichkeit eines näheren Verkehrs mit der Vorstandsfamilie, schafft
man sich in der Prinzipalin eine fördernde Fürsprecherin, wenn der
allerdings möglichst zu vermeidende, nichtsdestoweniger mögliche Fall
eintreten sollte, daß ein Versehen im Geschäft sich ereignete oder die
Zufriedenheit des Prinzipals hie oder da zu wünschen übrigließe. –
Was Deine geschäftlichen Zukunftspläne angeht, mein Sohn, so
erfreuen sie mich durch das lebhafte Interesse, das sich in ihnen ausspricht,
ohne zwar, daß ich ihnen vollkommen beizustimmen vermöchte. Du gehst
von der Ansicht aus, daß der Absatz derjenigen Produkte, welche die
Umgegend unserer Vaterstadt hervorbringe, als: Getreide, Rappsaat, Häute
und Felle, Wolle, Öl, Ölkuchen, Knochen usw. das natürlichste,
nachhaltigste Geschäft Deiner Vaterstadt sei und denkst Dich neben dem
Kommissionshandel vorzugsweise jener Branche zuzuwenden. Ich habe
mich zu einer Zeit, als die Konkurrenz in diesem Geschäftszweige noch
sehr gering war (während sie jetzt erheblich gewachsen), gleichfalls mit
diesem Gedanken beschäftigt und, soweit Raum und Gelegenheit dazu
vorlagen, auch einige Experimente gemacht. Meine Reise nach England
hatte hauptsächlich den Zweck, auch in diesem Lande Verbindungen für
meine Unternehmungen nachzusuchen. Ich ging zu diesem Ende bis
Schottland hinauf und machte manche nutzbringende Bekanntschaften,
erkannte aber alsbald auch den gefährlichen Charakter, welchen die
Exportgeschäfte dorthin an sich trugen, weshalb eine weitere Kultivierung
derselben in der Folge auch unterblieb, zumal ich immer des Mahnwortes
eingedenk gewesen bin, welches unser Vorfahr, der Gründer der Firma, uns
hinterlassen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber
mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können!«
Diesen Grundsatz gedenke ich heilig zu halten bis an mein Lebensende,
obgleich man ja hie und da in Zweifel geraten kann angesichts von Leuten,
die ohne solche Prinzipien scheinbar besser fahren. Ich denke an Strunck &
Hagenström, die eminent im Wachsen begriffen sind, während unsere
Angelegenheiten einen allzu ruhigen Gang gehen. Du weißt, daß das Haus
nach der Verkleinerung infolge des Todes Deines Großvaters nicht mehr
gewachsen ist, und ich bete zu Gott, daß ich Dir die Geschäfte wenigstens
in dem jetzigen Zustande werde hinterlassen können. An dem Prokuristen
Herrn Marcus habe ich ja einen erfahrenen und bedächtigen Helfer. Wenn
Page 167
nur die Familie Deiner Mutter ihre Groschen ein wenig besser beieinander
halten wollte; die Erbschaft wird für uns von so großer Wichtigkeit sein!
Ich bin mit geschäftlichen und städtischen Arbeiten außerordentlich
überhäuft. Ich bin Ältermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man
mich sukzessive zum bürgerlichen Deputierten fürs Finanzdepartement, das
Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St. Annen-
Armenhaus gewählt.
Deine Mutter, Klara und Klothilde grüßen Dich herzlich. Auch haben
mir mehrere Herren: die Senatoren Möllendorpf und Doktor Överdieck,
Konsul Kistenmaker, der Makler Gosch, C. F. Köppen sowie im Kontor
Herr Marcus und die Kapitäne Kloot und Klötermann Grüße an Dich
aufgetragen. Gottes Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!
In sorgender Liebe
Dein Va t e r.
Den 8. Oktober 1846.
Liebe und hochverehrte Eltern!
Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer
halben Stunde erfolgten, glücklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner
innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes
Willen ein Mädchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig
bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wöchnerin sowie des Kindes ist
ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaßen völligst vom Verlaufe
der Sache befriedigt. Auch Frau Großgeorgis, die Hebamme, sagt, es wäre
gar nichts gewesen. – Die Erregung zwingt mich, die Feder niederzulegen.
Ich empfehle mich den würdigsten Eltern in hochachtungsvoller
Zärtlichkeit.
B. G r ü n l i c h.
Wenn es ein Junge wäre, so wüßte ich einen sehr hübschen Namen. Jetzt
möchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist für Erika.
T.
halten wollte; die Erbschaft wird für uns von so großer Wichtigkeit sein!
Ich bin mit geschäftlichen und städtischen Arbeiten außerordentlich
überhäuft. Ich bin Ältermann des Bergenfahrer-Kollegiums, und hat man
mich sukzessive zum bürgerlichen Deputierten fürs Finanzdepartement, das
Kommerzkollegium, die Rechnungsrevisionsdeputation und das St. Annen-
Armenhaus gewählt.
Deine Mutter, Klara und Klothilde grüßen Dich herzlich. Auch haben
mir mehrere Herren: die Senatoren Möllendorpf und Doktor Överdieck,
Konsul Kistenmaker, der Makler Gosch, C. F. Köppen sowie im Kontor
Herr Marcus und die Kapitäne Kloot und Klötermann Grüße an Dich
aufgetragen. Gottes Segen mit Dir, mein Sohn! Arbeite, bete und spare!
In sorgender Liebe
Dein Va t e r.
Den 8. Oktober 1846.
Liebe und hochverehrte Eltern!
Unterfertigter sieht sich in der angenehmen Lage, Sie von der vor einer
halben Stunde erfolgten, glücklichen Niederkunft Ihrer Tochter, meiner
innig geliebten Gattin Antonie zu benachrichtigen. Es ist nach Gottes
Willen ein Mädchen, und finde ich keine Worte, zu sagen, wie freudig
bewegt ich bin. Das Befinden der teuren Wöchnerin sowie des Kindes ist
ein ausgezeichnetes, und zeigte sich Doktor Klaaßen völligst vom Verlaufe
der Sache befriedigt. Auch Frau Großgeorgis, die Hebamme, sagt, es wäre
gar nichts gewesen. – Die Erregung zwingt mich, die Feder niederzulegen.
Ich empfehle mich den würdigsten Eltern in hochachtungsvoller
Zärtlichkeit.
B. G r ü n l i c h.
Wenn es ein Junge wäre, so wüßte ich einen sehr hübschen Namen. Jetzt
möchte ich sie Meta nennen, aber Gr. ist für Erika.
T.
Page 168
Zweites Kapitel
»Was fehlt dir, Bethsy?« sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den
Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. »Fühlst du dich
unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?«
Der runde Tisch in dem weitläufigen Speisesaal war sehr klein
geworden. Außer den Eltern saßen alltäglich nur Mamsell Jungmann, die
zehnjährige Klara und die hagere, demütige und still essende Klothilde
daran. Der Konsul blickte umher … alle Gesichter waren lang und
bekümmert. Was war geschehen? Er selbst war nervös und sorgenvoll, denn
die Börse ward in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-
holsteinischen Angelegenheit … Und noch eine andere Unruhe lag in der
Luft: Später, als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu
holen, erfuhr der Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Köchin
Trina, ein Mädchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag
gelegt hatte, war plötzlich zu unverhüllter Empörung übergegangen. Zum
großen Verdrusse der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine
Freundschaft, eine Art von geistigem Bündnis mit einem
Schlachtergesellen, und dieser ewig blutige Mensch mußte die Entwicklung
ihrer politischen Ansichten in der nachteiligsten Weise beeinflußt haben.
Als die Konsulin ihr wegen einer mißratenen Chalottensauce einen Verweis
hatte zuteil werden lassen, hatte sie die nackten Arme in die Hüften
gestemmt und sich wie folgt geäußert: »Warten Sie man bloß, Fru Konsulin,
dat duert nu nich mehr lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak;
denn sitt i c k doar up'm Sofa in' sieden Kleed, un S e i bedeinen mich
denn …« Selbstverständlich war ihr sofort gekündigt worden.
Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit allerhand
Besorgniserregendes verspüren müssen. Freilich, die älteren Träger und
Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf setzen zu
lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener durch sein
Benehmen Zeugnis davon gegeben, daß der neue Geist der Empörung sich
tückisch Einlaß zu verschaffen gewußt hatte … Im Frühjahr hatte ein
Straßenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue Verfassung, die den
Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im Entwurf vorhanden
war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches Lebrecht Krögers
und einiger anderer störrischer alter Herren, durch Senatsdekret zum
»Was fehlt dir, Bethsy?« sagte der Konsul, als er zu Tische kam und den
Teller erhob, mit dem man seine Suppe bedeckt hatte. »Fühlst du dich
unwohl? Was hast du? Mir scheint du siehst leidend aus?«
Der runde Tisch in dem weitläufigen Speisesaal war sehr klein
geworden. Außer den Eltern saßen alltäglich nur Mamsell Jungmann, die
zehnjährige Klara und die hagere, demütige und still essende Klothilde
daran. Der Konsul blickte umher … alle Gesichter waren lang und
bekümmert. Was war geschehen? Er selbst war nervös und sorgenvoll, denn
die Börse ward in Unruhe gehalten von dieser verzwickten schleswig-
holsteinischen Angelegenheit … Und noch eine andere Unruhe lag in der
Luft: Später, als Anton hinausgegangen war, um das Fleischgericht zu
holen, erfuhr der Konsul, was im Hause vorgefallen war. Trina, die Köchin
Trina, ein Mädchen, das bislang nur Treue und Biedersinn an den Tag
gelegt hatte, war plötzlich zu unverhüllter Empörung übergegangen. Zum
großen Verdrusse der Konsulin unterhielt sie seit einiger Zeit eine
Freundschaft, eine Art von geistigem Bündnis mit einem
Schlachtergesellen, und dieser ewig blutige Mensch mußte die Entwicklung
ihrer politischen Ansichten in der nachteiligsten Weise beeinflußt haben.
Als die Konsulin ihr wegen einer mißratenen Chalottensauce einen Verweis
hatte zuteil werden lassen, hatte sie die nackten Arme in die Hüften
gestemmt und sich wie folgt geäußert: »Warten Sie man bloß, Fru Konsulin,
dat duert nu nich mehr lang, denn kommt ne annere Ordnung in de Saak;
denn sitt i c k doar up'm Sofa in' sieden Kleed, un S e i bedeinen mich
denn …« Selbstverständlich war ihr sofort gekündigt worden.
Der Konsul schüttelte den Kopf. Er selbst hatte in letzter Zeit allerhand
Besorgniserregendes verspüren müssen. Freilich, die älteren Träger und
Speicherarbeiter waren bieder genug, sich nichts in den Kopf setzen zu
lassen; aber unter den jungen Leuten hatte dieser und jener durch sein
Benehmen Zeugnis davon gegeben, daß der neue Geist der Empörung sich
tückisch Einlaß zu verschaffen gewußt hatte … Im Frühjahr hatte ein
Straßenkrawall stattgefunden, obgleich eine neue Verfassung, die den
Anforderungen der neuen Zeit entsprach, bereits im Entwurf vorhanden
war, welcher ein wenig später, trotz des Widerspruches Lebrecht Krögers
und einiger anderer störrischer alter Herren, durch Senatsdekret zum
Page 169
Staatsgrundgesetz erhoben wurde. Volksvertreter wurden gewählt, eine
Bürgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die Welt war ganz in
Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das Wahlrecht revidieren, und
die Bürger zankten sich. »Ständisches Prinzip!« sagten die einen; auch
Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte es. »Allgemeines Wahlrecht!«
sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström sagte es. Noch andere
schrien: »Allgemeine Ständewahl!« und vielleicht wußten sie sogar, was
darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch solche Ideen in der Luft
umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen Bürgern und
Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu erlangen,
auch auf Nichtchristen … Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina auf
Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach, es
sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine fürchterliche Wendung
zu nehmen …
Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer
Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberweiß
durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so groß war,
daß nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer schon
der Ofen geknistert hätte.
Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen,
saß mit einer Strickerei vorm Nähtische am Fenster, während Klothilde, auf
gleiche Weise beschäftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin innehatte.
Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel älter war als ihre verheiratete
Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zählte, begann ihr langes Gesicht
bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr glattgescheiteltes Haar, das
niemals blond, sondern von jeher mattgrau gewesen, trug dazu bei, daß das
Bild der alten Jungfer schon fertig war. Sie war zufrieden damit, sie tat
nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht war es ihr Bedürfnis, schnell alt zu
werden, um schnell über alle Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen.
Da sie keinen Silbergroschen besaß, so wußte sie, daß niemand in der
weiten Welt sich finden würde, sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer
Zukunft entgegen, die darin bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine
kleine Rente zu verzehren, die ihr mächtiger Onkel ihr aus der Kasse
irgendeiner wohltätigen Anstalt für arme Mädchen aus angesehener Familie
verschaffen würde.
Bürgerschaft trat zusammen. Aber es gab keine Ruhe. Die Welt war ganz in
Unordnung. Jeder wollte die Verfassung und das Wahlrecht revidieren, und
die Bürger zankten sich. »Ständisches Prinzip!« sagten die einen; auch
Johann Buddenbrook, der Konsul, sagte es. »Allgemeines Wahlrecht!«
sagten die anderen; auch Hinrich Hagenström sagte es. Noch andere
schrien: »Allgemeine Ständewahl!« und vielleicht wußten sie sogar, was
darunter zu verstehen war. Dann schwirrten noch solche Ideen in der Luft
umher wie Aufhebung des Unterschiedes zwischen Bürgern und
Einwohnern, Ausdehnung der Möglichkeit, das Bürgerrecht zu erlangen,
auch auf Nichtchristen … Kein Wunder, daß Buddenbrooks Trina auf
Gedanken verfiel, wie der mit dem Sofa und dem seidenen Kleid! Ach, es
sollte noch ärger kommen. Die Dinge drohten eine fürchterliche Wendung
zu nehmen …
Es war ein erster Oktobertag des Jahres achtundvierzig, ein blauer
Himmel mit einigen leichten, schwebenden Wolken daran, silberweiß
durchleuchtet von einer Sonne, deren Kraft freilich nicht mehr so groß war,
daß nicht hinter dem hohen, blanken Gitter im Landschaftszimmer schon
der Ofen geknistert hätte.
Die kleine Klara, ein dunkelblondes Kind mit ziemlich strengen Augen,
saß mit einer Strickerei vorm Nähtische am Fenster, während Klothilde, auf
gleiche Weise beschäftigt, den Sofaplatz neben der Konsulin innehatte.
Obgleich Klothilde Buddenbrook nicht viel älter war als ihre verheiratete
Kusine, also erst einundzwanzig Jahre zählte, begann ihr langes Gesicht
bereits scharfe Linien zu zeigen, und ihr glattgescheiteltes Haar, das
niemals blond, sondern von jeher mattgrau gewesen, trug dazu bei, daß das
Bild der alten Jungfer schon fertig war. Sie war zufrieden damit, sie tat
nichts, um dem abzuhelfen. Vielleicht war es ihr Bedürfnis, schnell alt zu
werden, um schnell über alle Zweifel und Hoffnungen hinauszugelangen.
Da sie keinen Silbergroschen besaß, so wußte sie, daß niemand in der
weiten Welt sich finden würde, sie zu heiraten, und mit Demut sah sie ihrer
Zukunft entgegen, die darin bestand, in irgendeiner kleinen Stube eine
kleine Rente zu verzehren, die ihr mächtiger Onkel ihr aus der Kasse
irgendeiner wohltätigen Anstalt für arme Mädchen aus angesehener Familie
verschaffen würde.
Page 170
Die Konsulin ihrerseits war mit der Lektüre zweier Briefe beschäftigt.
Tony erzählte von dem glücklichen Gedeihen der kleinen Erika, und
Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne
freilich seiner Tätigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwähnen … Die
Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger näherte, beklagte sich bitterlich
über das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern. Der zarte Teint,
der einem rötlichen Haar entspricht, wird in diesen Jahren trotz aller
Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst würde unerbittlich zu ergrauen
beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das Rezept einer Pariser Tinktur
besäße, die das fürs erste verhütete. Die Konsulin war entschlossen, niemals
weiß zu werden. Wenn das Färbemittel sich nicht mehr als tauglich erwiese,
so würde sie eine Perücke von der Farbe ihres jugendlichen Haares tragen
… Auf der Höhe ihrer noch immer kunstvollen Coiffure war eine kleine,
von weißen Spitzen umgebene seidene Schleife angebracht: der Beginn, die
erste Andeutung einer Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und
bauschig; ihre glockenförmigen Ärmel waren mit steifem Mull unterlegt.
Wie stets klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. – Es
war drei Uhr nachmittags.
Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen,
Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein
Lärm, der sich näherte und anwuchs …
»Mama, was ist das?« sagte Klara, die durchs Fenster und in den
»Spion« blickte. »All die Leute … Was haben sie? Worüber freuen sie sich
so?«
»Mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf,
angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. »Sollte es … O mein Gott, ja,
die Revolution … Es ist das Volk …«
Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in
der Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die
Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittels Steinwurfes
zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn
Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte.
»Anton?!« rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Eßsaal
hinüber, wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte … »Anton, geh
Tony erzählte von dem glücklichen Gedeihen der kleinen Erika, und
Christian berichtete eifrig von dem Londoner Leben und Treiben, ohne
freilich seiner Tätigkeit bei Mr. Richardson eingehend zu erwähnen … Die
Konsulin, die sich der Mitte der Vierziger näherte, beklagte sich bitterlich
über das Schicksal der blonden Frauen, so rasch zu altern. Der zarte Teint,
der einem rötlichen Haar entspricht, wird in diesen Jahren trotz aller
Erfrischungsmittel matt, und das Haar selbst würde unerbittlich zu ergrauen
beginnen, wenn man nicht Gott sei Dank das Rezept einer Pariser Tinktur
besäße, die das fürs erste verhütete. Die Konsulin war entschlossen, niemals
weiß zu werden. Wenn das Färbemittel sich nicht mehr als tauglich erwiese,
so würde sie eine Perücke von der Farbe ihres jugendlichen Haares tragen
… Auf der Höhe ihrer noch immer kunstvollen Coiffure war eine kleine,
von weißen Spitzen umgebene seidene Schleife angebracht: der Beginn, die
erste Andeutung einer Haube. Ihr seidener Kleiderrock umgab sie weit und
bauschig; ihre glockenförmigen Ärmel waren mit steifem Mull unterlegt.
Wie stets klirrten ein paar goldene Reifen leise an ihrem Handgelenk. – Es
war drei Uhr nachmittags.
Plötzlich wurde Rufen und Schreien, eine Art von übermütigem Johlen,
Pfeifen und das Gestampf vieler Schritte auf der Straße vernehmbar, ein
Lärm, der sich näherte und anwuchs …
»Mama, was ist das?« sagte Klara, die durchs Fenster und in den
»Spion« blickte. »All die Leute … Was haben sie? Worüber freuen sie sich
so?«
»Mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Briefe von sich warf,
angstvoll aufsprang und zum Fenster eilte. »Sollte es … O mein Gott, ja,
die Revolution … Es ist das Volk …«
Die Sache war die, daß während des ganzen Tages bereits Unruhen in
der Stadt geherrscht hatten. In der Breiten Straße war am Morgen die
Schaufensterscheibe des Tuchhändlers Benthien vermittels Steinwurfes
zertrümmert worden, wobei Gott allein wußte, was das Fenster des Herrn
Benthien mit der hohen Politik zu schaffen hatte.
»Anton?!« rief die Konsulin mit bebender Stimme in den Eßsaal
hinüber, wo der Bediente mit dem Silberzeug hantierte … »Anton, geh
Page 171
hinunter! Schließe die Haustür! Mach' alles zu! Es ist das Volk …«
»Ja, Frau Konsulin!« sagte Anton. »Kann ich das auch wagen? Ich bin
ein Herrschaftsknecht … Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen …«
»Die bösen Menschen«, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer
Handarbeit Einhalt zu tun. – In diesem Augenblick kam der Konsul durch
die Säulenhalle und trat durch die Glastür ein. Er trug seinen Paletot über
dem Arm und den Hut in der Hand.
»Du willst ausgehen, Jean?« fragte die Konsulin entsetzt …
»Ja, Liebe, ich muß in die Bürgerschaft …«
»Aber das Volk, Jean, die Revolution …«
»Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy … Wir stehen in Gottes
Hand. Sie sind schon am Hause vorüber. Ich gehe durch das Hinterhaus …«
»Jean, wenn du mich lieb hast … Du willst dich dieser Gefahr
aussetzen, willst uns hier allein lassen … Oh, ich ängstige mich, ich
ängstige mich!«
»Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise … die Leute
werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bißchen spektakeln …
Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das ist
alles.«
»W o h i n willst du, Jean?«
»In die Bürgerschaft … Ich komme schon fast zu spät, die Geschäfte
haben mich aufgehalten. Es wäre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst
du, daß dein Vater sich abhalten läßt? So alt er ist …«
»Ja, dann geh mit Gott, Jean … Aber sei vorsichtig, ich bitte dich, nimm
dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas
zustieße …«
»Unbesorgt, meine Liebe …«
»Wann kommst du zurück?« rief die Konsulin ihm nach …
»Ja, Frau Konsulin!« sagte Anton. »Kann ich das auch wagen? Ich bin
ein Herrschaftsknecht … Wenn sie meine Livree zu sehen kriegen …«
»Die bösen Menschen«, sagte Klothilde traurig und gedehnt, ohne ihrer
Handarbeit Einhalt zu tun. – In diesem Augenblick kam der Konsul durch
die Säulenhalle und trat durch die Glastür ein. Er trug seinen Paletot über
dem Arm und den Hut in der Hand.
»Du willst ausgehen, Jean?« fragte die Konsulin entsetzt …
»Ja, Liebe, ich muß in die Bürgerschaft …«
»Aber das Volk, Jean, die Revolution …«
»Ach, lieber Gott, das ist nicht so ernst, Bethsy … Wir stehen in Gottes
Hand. Sie sind schon am Hause vorüber. Ich gehe durch das Hinterhaus …«
»Jean, wenn du mich lieb hast … Du willst dich dieser Gefahr
aussetzen, willst uns hier allein lassen … Oh, ich ängstige mich, ich
ängstige mich!«
»Liebste, ich bitte dich, du echauffierst dich auf eine Weise … die Leute
werden vorm Rathaus oder auf dem Markt ein bißchen spektakeln …
Vielleicht wird es dem Staat noch ein paar Fensterscheiben kosten, das ist
alles.«
»W o h i n willst du, Jean?«
»In die Bürgerschaft … Ich komme schon fast zu spät, die Geschäfte
haben mich aufgehalten. Es wäre eine Schande, da heute zu fehlen. Meinst
du, daß dein Vater sich abhalten läßt? So alt er ist …«
»Ja, dann geh mit Gott, Jean … Aber sei vorsichtig, ich bitte dich, nimm
dich in acht! Und habe ein Auge auf meinen Vater! Wenn ihm etwas
zustieße …«
»Unbesorgt, meine Liebe …«
»Wann kommst du zurück?« rief die Konsulin ihm nach …
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»Je nun, um halb fünf, um fünf Uhr … je nachdem. Es steht Wichtiges
auf der Tagesordnung, es kommt darauf an …«
»Ach, ich ängstige mich, ich ängstige mich!« wiederholte die Konsulin,
indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder
bewegte.
Drittes Kapitel
Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitläufiges Grundstück.
Als er in die Bäckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und
erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel
gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte. Während
er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut lüftete
und mit der anderen eine glatte Gebärde der Demut vollführte, sprach er mit
gepreßter und verbissener Stimme: »Herr Konsul … ich grüße Sie!«
Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig
Jahren, war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch
von der Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf. Sein
glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein spitz
hervorspringendes Kinn, scharfe Züge und einen breiten, abwärts
gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und
bösartiger Weise zusammenpreßte. Es war sein Bestreben - und es gelang
ihm nicht übel – ein wildes, schönes und teuflisches Intrigantenhaupt zur
Schau zu stellen, eine böse, hämische, interessante und furchtgebietende
Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon … Sein ergrautes
Haar war tief und düster in die Stirn gestrichen. Er bedauerte aufrichtig,
nicht bucklig zu sein. – Er war eine fremdartige und liebenswürdige
Erscheinung unter den Bewohnern der alten Handelsstadt. Er gehörte zu
ihnen, weil er in aller Bürgerlichkeit ein kleines, solides und in seiner
Bescheidenheit geachtetes Vermittlungsgeschäft betrieb; in seinem engen,
dunklen Kontor aber stand ein großer Bücherschrank, der mit Dichtwerken
in allen Sprachen gefüllt war, und es ging das Gerücht, daß er seit seinem
zwanzigsten Jahre an einer Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen
Dramen arbeite … Einmal jedoch hatte er bei einer Liebhaberaufführung
auf der Tagesordnung, es kommt darauf an …«
»Ach, ich ängstige mich, ich ängstige mich!« wiederholte die Konsulin,
indem sie mit ratlosen Seitenblicken sich im Zimmer auf und nieder
bewegte.
Drittes Kapitel
Konsul Buddenbrook durchschritt eilig sein weitläufiges Grundstück.
Als er in die Bäckergrube hinaustrat, vernahm er hinter sich Schritte und
erblickte den Makler Gosch, welcher, malerisch in seinen langen Mantel
gehüllt, gleichfalls die schräge Straße hinauf zur Sitzung strebte. Während
er mit der einen seiner langen und mageren Hände den Jesuitenhut lüftete
und mit der anderen eine glatte Gebärde der Demut vollführte, sprach er mit
gepreßter und verbissener Stimme: »Herr Konsul … ich grüße Sie!«
Dieser Makler Siegismund Gosch, ein Junggeselle von etwa vierzig
Jahren, war trotz seines Gebarens der ehrlichste und gutmütigste Mensch
von der Welt; nur war er ein Schöngeist, ein origineller Kopf. Sein
glattrasiertes Gesicht zeichnete sich aus durch eine gebogene Nase, ein spitz
hervorspringendes Kinn, scharfe Züge und einen breiten, abwärts
gezogenen Mund, dessen schmale Lippen er in verschlossener und
bösartiger Weise zusammenpreßte. Es war sein Bestreben - und es gelang
ihm nicht übel – ein wildes, schönes und teuflisches Intrigantenhaupt zur
Schau zu stellen, eine böse, hämische, interessante und furchtgebietende
Charakterfigur zwischen Mephistopheles und Napoleon … Sein ergrautes
Haar war tief und düster in die Stirn gestrichen. Er bedauerte aufrichtig,
nicht bucklig zu sein. – Er war eine fremdartige und liebenswürdige
Erscheinung unter den Bewohnern der alten Handelsstadt. Er gehörte zu
ihnen, weil er in aller Bürgerlichkeit ein kleines, solides und in seiner
Bescheidenheit geachtetes Vermittlungsgeschäft betrieb; in seinem engen,
dunklen Kontor aber stand ein großer Bücherschrank, der mit Dichtwerken
in allen Sprachen gefüllt war, und es ging das Gerücht, daß er seit seinem
zwanzigsten Jahre an einer Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen
Dramen arbeite … Einmal jedoch hatte er bei einer Liebhaberaufführung
Page 173
von Schillers »Don Carlos« den Domingo gespielt. Dies war der Höhepunkt
seines Lebens. – Niemals war ein unedles Wort über seine Lippen
gekommen, und selbst in geschäftlichen Gesprächen brachte er die üblichen
Redewendungen nur zwischen den Zähnen und mit einem Mienenspiele
hervor, als wollte er sagen: »Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine
Ahnen!« Er war, in mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des
seligen Jean Jacques Hoffstede; nur daß sein Wesen düsterer und
pathetischer war und daß ihm nichts von der scherzhaften Heiterkeit
eignete, die der Freund des älteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen
Jahrhundert herübergerettet hatte. – Eines Tages verlor er an der Börse mit
einem Schlage sechs und einen halben Kuranttaler an zwei oder drei
Papieren, die er spekulativerweise gekauft hatte. Da riß sein dramatisches
Empfinden ihn mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er ließ sich auf
einer Bank nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo
verloren, preßte eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte
mehrere Male mit einem gotteslästerlichen Augenaufschlag: »Ha,
verflucht!« Da die kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim
Verkaufe dieses oder jenes Grundstückes einstrich, ihn im Grunde
langweilten, so war dieser Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der
Himmel ihn, den Intriganten, getroffen, ein Genuß, ein Glück für ihn, an
dem er wochenlang zehrte. Auf die Anrede: »Ich höre, Sie haben Unglück
gehabt, Herr Gosch? Das tut mir leid …«, pflegte er zu antworten: »Oh,
mein werter Freund! Uomo non educato dal dolore riman sempre
bambino!« Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de
Vega? Fest stand, daß dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und
merkwürdiger Mensch war.
»Welche Zeiten, in denen wir leben!« sagte er zu Konsul Buddenbrook,
während er, in gebückter Haltung auf seinen Stock gestützt, neben ihm die
Straße hinaufschritt. »Zeiten des Sturmes und der Bewegung!«
»Da haben Sie recht«, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt.
Man dürfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das ständische Prinzip …
»Nein, hören Sie!« fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. »Ich bin den
ganzen Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren
herrliche Bursche darunter, das Auge flammend von Haß und
Begeisterung …«
seines Lebens. – Niemals war ein unedles Wort über seine Lippen
gekommen, und selbst in geschäftlichen Gesprächen brachte er die üblichen
Redewendungen nur zwischen den Zähnen und mit einem Mienenspiele
hervor, als wollte er sagen: »Schurke, ha! Im Grab verfluch' ich deine
Ahnen!« Er war, in mancher Beziehung, der Erbe und Nachfolger des
seligen Jean Jacques Hoffstede; nur daß sein Wesen düsterer und
pathetischer war und daß ihm nichts von der scherzhaften Heiterkeit
eignete, die der Freund des älteren Johann Buddenbrook aus dem vorigen
Jahrhundert herübergerettet hatte. – Eines Tages verlor er an der Börse mit
einem Schlage sechs und einen halben Kuranttaler an zwei oder drei
Papieren, die er spekulativerweise gekauft hatte. Da riß sein dramatisches
Empfinden ihn mit sich fort, und er gab eine Vorstellung. Er ließ sich auf
einer Bank nieder in einer Haltung, als habe er die Schlacht bei Waterloo
verloren, preßte eine geballte Faust gegen die Stirn und wiederholte
mehrere Male mit einem gotteslästerlichen Augenaufschlag: »Ha,
verflucht!« Da die kleinen, ruhigen, sicheren Gewinste, die er beim
Verkaufe dieses oder jenes Grundstückes einstrich, ihn im Grunde
langweilten, so war dieser Verlust, dieser tragische Schlag, mit dem der
Himmel ihn, den Intriganten, getroffen, ein Genuß, ein Glück für ihn, an
dem er wochenlang zehrte. Auf die Anrede: »Ich höre, Sie haben Unglück
gehabt, Herr Gosch? Das tut mir leid …«, pflegte er zu antworten: »Oh,
mein werter Freund! Uomo non educato dal dolore riman sempre
bambino!« Begreiflicherweise verstand das niemand. War es von Lope de
Vega? Fest stand, daß dieser Siegismund Gosch ein gelehrter und
merkwürdiger Mensch war.
»Welche Zeiten, in denen wir leben!« sagte er zu Konsul Buddenbrook,
während er, in gebückter Haltung auf seinen Stock gestützt, neben ihm die
Straße hinaufschritt. »Zeiten des Sturmes und der Bewegung!«
»Da haben Sie recht«, erwiderte der Konsul. Die Zeiten seien bewegt.
Man dürfe auf die heutige Sitzung gespannt sein. Das ständische Prinzip …
»Nein, hören Sie!« fuhr Herr Gosch zu sprechen fort. »Ich bin den
ganzen Tag unterwegs gewesen, ich habe den Pöbel beobachtet. Es waren
herrliche Bursche darunter, das Auge flammend von Haß und
Begeisterung …«
Page 174
Johann Buddenbrook fing an zu lachen. »Sie sind mir der Rechte, mein
Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir …
eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl
ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen
Spektakel zu machen …«
»Gewiß! Allein man kann nicht leugnen … Ich war dabei, als
Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf …
Er war wie ein Panther!« Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders
fest zusammengebissenen Zähnen und fuhr dann fort: »Oh, man kann nicht
leugnen, daß die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich einmal
etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttätiges, Sturm,
Wildheit … ein Gewitter … Ach, das Volk ist unwissend, ich weiß es!
Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm …« Sie waren schon
vor das einfache, mit gelber Ölfarbe gestrichene Haus gelangt, in dessen
Erdgeschoß sich der Sitzungssaal der Bürgerschaft befand.
Dieser Saal gehörte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe
namens Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der
»Bürgerschaft« zur Verfügung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor
aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitäten befanden, und auf
dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch eine
aus grüngestrichenen Brettern gefertigte Tür, die weder Griff noch Schloß
besaß und so schmal und niedrig war, daß niemand hinter ihr einen so
großen Raum vermutet hätte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig, mit
geweißter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweißten Wänden;
seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grüngemalte Kreuze und waren
ohne Gardinen. Ihnen gegenüber erhoben sich amphitheatralisch
aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fuß ein grün gedeckter, mit einer
großen Glocke, Aktenstücken und Schreibutensilien geschmückter Tisch für
den Wortführer, den Protokollführer und die anwesenden Senatskommissare
bestimmt war. An der Wand, die den Türen gegenüberlag, waren mehrere
hohe Garderobehalter mit Mänteln und Hüten bedeckt.
Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als
sie hintereinander durch die schmale Tür den Saal betraten. Sie waren
ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefüllt mit Bürgern,
welche, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Rücken, in der Luft, in
Freund! Sie scheinen Gefallen daran zu finden? Nein, erlauben Sie mir …
eine Kinderei, das alles! Was wollen diese Menschen? Eine Anzahl
ungezogener junger Leute, die die Gelegenheit benützen, ein bißchen
Spektakel zu machen …«
»Gewiß! Allein man kann nicht leugnen … Ich war dabei, als
Schlachtergeselle Berkemeyer Herrn Benthiens Fensterscheibe zerwarf …
Er war wie ein Panther!« Das letzte Wort sprach Herr Gosch mit besonders
fest zusammengebissenen Zähnen und fuhr dann fort: »Oh, man kann nicht
leugnen, daß die Sache ihre erhabene Seite besitzt! Es ist endlich einmal
etwas anderes, wissen Sie, etwas Unalltägliches, Gewalttätiges, Sturm,
Wildheit … ein Gewitter … Ach, das Volk ist unwissend, ich weiß es!
Jedoch mein Herz, dieses mein Herz, es ist mit ihm …« Sie waren schon
vor das einfache, mit gelber Ölfarbe gestrichene Haus gelangt, in dessen
Erdgeschoß sich der Sitzungssaal der Bürgerschaft befand.
Dieser Saal gehörte zu der Bier- und Tanzwirtschaft einer Witwe
namens Suerkringel, stand aber an gewissen Tagen den Herren von der
»Bürgerschaft« zur Verfügung. Von einem schmalen, gepflasterten Korridor
aus, an dessen rechter Seite sich Restaurationslokalitäten befanden, und auf
dem es nach Bier und Speisen roch, betrat man ihn linkerhand durch eine
aus grüngestrichenen Brettern gefertigte Tür, die weder Griff noch Schloß
besaß und so schmal und niedrig war, daß niemand hinter ihr einen so
großen Raum vermutet hätte. Der Saal war kalt, kahl, scheunenartig, mit
geweißter Decke, an der die Balken hervortraten, und geweißten Wänden;
seine drei ziemlich hohen Fenster hatten grüngemalte Kreuze und waren
ohne Gardinen. Ihnen gegenüber erhoben sich amphitheatralisch
aufsteigend die Sitzreihen, an deren Fuß ein grün gedeckter, mit einer
großen Glocke, Aktenstücken und Schreibutensilien geschmückter Tisch für
den Wortführer, den Protokollführer und die anwesenden Senatskommissare
bestimmt war. An der Wand, die den Türen gegenüberlag, waren mehrere
hohe Garderobehalter mit Mänteln und Hüten bedeckt.
Stimmengewirr schlug dem Konsul und seinem Begleiter entgegen, als
sie hintereinander durch die schmale Tür den Saal betraten. Sie waren
ersichtlich die Letzten, die ankamen. Der Raum war gefüllt mit Bürgern,
welche, die Hände in den Hosentaschen, auf dem Rücken, in der Luft, in
Page 175
Gruppen beieinander standen und disputierten. Von den 120 Mitgliedern der
Körperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von
Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umständen
vorgezogen, zu Hause zu bleiben.
Dem Eingang zunächst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus
zwei oder drei unbedeutenden Geschäftsinhabern, einem Gymnasiallehrer,
dem »Waisenvater« Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten
Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, kräftiger Mann mit schwarzem
Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Händen, hatte den Konsul
noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er rasierte
nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschließlich die Möllendorpfs,
Langhals', Buddenbrooks und Överdiecks, und seiner Allwissenheit in
städtischen Dingen, seiner Umgänglichkeit und Gewandtheit, seinem bei
aller Unterordnung merklichen Selbstbewußtsein verdankte er seine Wahl in
die Bürgerschaft.
»Wissen Herr Konsul das Neueste?« rief er eifrig und mit ernsten Augen
seinem Gönner entgegen …
»Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?«
»Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben … Herr
Konsul entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das
Rathaus oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Bürgerschaft
bedrohen! Redakteur Rübsam hat es aufgewiegelt …«
»Ei, nicht möglich!« sagte der Konsul. Er drängte sich zwischen den
vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen
Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals
und James Möllendorpf erblickte. »Ist es denn wahr, meine Herren?« fragte
er, indem er ihnen die Hände schüttelte …
In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten
zogen hierher, sie waren schon zu hören …
»Die Canaille!« sagte Lebrecht Kröger kalt und verächtlich. Er war in
seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des
ehemaligen »à la mode-Kavaliers« begann, unter gewöhnlichen
Umständen von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber
Körperschaft waren sicherlich 100 versammelt. Eine Anzahl von
Abgeordneten der Landbezirke hatte es unter den obwaltenden Umständen
vorgezogen, zu Hause zu bleiben.
Dem Eingang zunächst stand eine Gruppe, die aus kleineren Leuten, aus
zwei oder drei unbedeutenden Geschäftsinhabern, einem Gymnasiallehrer,
dem »Waisenvater« Herrn Mindermann und Herrn Wenzel, dem beliebten
Barbier, bestand. Herr Wenzel, ein kleiner, kräftiger Mann mit schwarzem
Schnurrbart, intelligentem Gesicht und roten Händen, hatte den Konsul
noch heute morgen rasiert; hier jedoch war er ihm gleichgestellt. Er rasierte
nur in den ersten Kreisen, er rasierte fast ausschließlich die Möllendorpfs,
Langhals', Buddenbrooks und Överdiecks, und seiner Allwissenheit in
städtischen Dingen, seiner Umgänglichkeit und Gewandtheit, seinem bei
aller Unterordnung merklichen Selbstbewußtsein verdankte er seine Wahl in
die Bürgerschaft.
»Wissen Herr Konsul das Neueste?« rief er eifrig und mit ernsten Augen
seinem Gönner entgegen …
»Was soll ich wissen, mein lieber Wenzel?«
»Man konnte es heute morgen noch nicht erfahren haben … Herr
Konsul entschuldigen, es ist das Neueste! Das Volk zieht nicht vor das
Rathaus oder auf den Markt! Es kommt hierher und will die Bürgerschaft
bedrohen! Redakteur Rübsam hat es aufgewiegelt …«
»Ei, nicht möglich!« sagte der Konsul. Er drängte sich zwischen den
vorderen Gruppen hindurch nach der Mitte des Saales, wo er seinen
Schwiegervater zusammen mit den anwesenden Senatoren Doktor Langhals
und James Möllendorpf erblickte. »Ist es denn wahr, meine Herren?« fragte
er, indem er ihnen die Hände schüttelte …
In der Tat, die ganze Versammlung war voll davon; die Tumultuanten
zogen hierher, sie waren schon zu hören …
»Die Canaille!« sagte Lebrecht Kröger kalt und verächtlich. Er war in
seiner Equipage hierhergekommen. Die hohe, distinguierte Gestalt des
ehemaligen »à la mode-Kavaliers« begann, unter gewöhnlichen
Umständen von der Last seiner achtzig Jahre gebeugt zu werden; heute aber
Page 176
stand er ganz aufrecht, mit halb geschlossenen Augen, die Mundwinkel,
über denen die kurzen Spitzen seines weißen Schnurrbartes senkrecht
emporstarrten, vornehm und geringschätzig gesenkt. An seiner schwarzen
Sammetweste blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen …
Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenström, einen
untersetzten, beleibten Herrn mit rötlichem, ergrautem Backenbart, einer
dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er
stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grüßte den
Konsul durchaus nicht.
Weiterhin hatte der Tuchhändler Benthien, ein wohlhabend aussehender
Mann, eine große Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er
haarklein erzählte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe …
»Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach … hindurch
und dann auf eine Rolle grünen Rips … Das Pack!… Nun, es ist Sache des
Staates …«
In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhörlich die Stimme des
Herrn Stuht aus der Glockengießerstraße, welcher, einen schwarzen Rock
über dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem
er mit entrüsteter Betonung beständig wiederholte: »Unerhörte Infamie!« –
Übrigens sagte er »Infamje«.
Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C. F.
Köppen, dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu
begrüßen. Er drückte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar
Worte mit dem Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem
Wortführer Doktor Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten,
Lehrern und Advokaten …
Die Sitzung war nicht eröffnet, aber die Debatte war äußerst rege. Alle
Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rübsam, von
dem man wußte, daß er die Menge aufgewiegelt habe … und zwar wozu?
Man war hier, um festzustellen, ob das ständische Prinzip in der
Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht
einzuführen sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was aber
wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles. Es
war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals befunden
über denen die kurzen Spitzen seines weißen Schnurrbartes senkrecht
emporstarrten, vornehm und geringschätzig gesenkt. An seiner schwarzen
Sammetweste blitzten zwei Reihen von Edelsteinknöpfen …
Unweit dieser Gruppe gewahrte man Hinrich Hagenström, einen
untersetzten, beleibten Herrn mit rötlichem, ergrautem Backenbart, einer
dicken Uhrkette auf der blau karierten Weste und offenem Leibrock. Er
stand zusammen mit seinem Kompagnon, Herrn Strunck, und grüßte den
Konsul durchaus nicht.
Weiterhin hatte der Tuchhändler Benthien, ein wohlhabend aussehender
Mann, eine große Anzahl anderer Herren um sich versammelt, denen er
haarklein erzählte, wie es sich mit seiner Fensterscheibe begeben habe …
»Ein Ziegelstein, ein halber Ziegelstein, meine Herren! Krach … hindurch
und dann auf eine Rolle grünen Rips … Das Pack!… Nun, es ist Sache des
Staates …«
In irgendeinem Winkel vernahm man unaufhörlich die Stimme des
Herrn Stuht aus der Glockengießerstraße, welcher, einen schwarzen Rock
über dem wollenen Hemd, sich an der Auseinandersetzung beteiligte, indem
er mit entrüsteter Betonung beständig wiederholte: »Unerhörte Infamie!« –
Übrigens sagte er »Infamje«.
Johann Buddenbrook ging umher, um hier seinen alten Freund C. F.
Köppen, dort den Konkurrenten desselben, Konsul Kistenmaker, zu
begrüßen. Er drückte dem Doktor Grabow die Hand und wechselte ein paar
Worte mit dem Branddirektor Gieseke, dem Baumeister Voigt, dem
Wortführer Doktor Langhals, einem Bruder des Senators, mit Kaufleuten,
Lehrern und Advokaten …
Die Sitzung war nicht eröffnet, aber die Debatte war äußerst rege. Alle
Herren verfluchten diesen Skribifax, diesen Redakteur, diesen Rübsam, von
dem man wußte, daß er die Menge aufgewiegelt habe … und zwar wozu?
Man war hier, um festzustellen, ob das ständische Prinzip in der
Volksvertretung beizubehalten oder das allgemeine und gleiche Wahlrecht
einzuführen sei. Der Senat hatte bereits das letztere beantragt. Was aber
wollte das Volk? Es wollte den Herren an den Kragen, das war alles. Es
war, zum Teufel, die faulste Lage, in der sich die Herren jemals befunden
Page 177
hatten! Man umringte die Senatskommissare, um ihre Meinung zu erfahren.
Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mußte, wie
Bürgermeister Överdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im
vorigen Jahre Senator Doktor Överdieck, ein Schwager Konsul Justus
Krögers, Senatspräsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem
Bürgermeister verwandt, was sie in der öffentlichen Achtung beträchtlich
hatte steigen lassen …
Plötzlich schwoll draußen das Getöse an … Die Revolution war unter
den Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage
verstummten die erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete,
stumm vor Entsetzen, die Hände auf dem Bauch und sah einander ins
Gesicht oder auf die Fenster, hinter denen sich Fäuste erhoben und ein
ausgelassenes, unsinniges und betäubendes Hoh- und Höhgeheul die Luft
erfüllte. Dann jedoch, ganz überraschend, als ob die Aufständischen selbst
über ihr Betragen erschrocken gewesen wären, ward es draußen ebenso still
wie im Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über das Ganze legte,
ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht Kröger
sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam und
nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: »D i e C a n a i l l e!«
Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrüstetes
Organ den Ausspruch: »Unerhörte Infamje!«
Und dann flatterte plötzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle
Stimme des Tuchhändlers Benthien über die Versammlung hin …
»Meine Herren … meine Herren … hören Sie auf mich … Ich kenne
das Haus … Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke
… Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen … Man kann ganz
gut aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen …«
»Nichtswürdige Feigheit!« zischte der Makler Gosch zwischen den
Zähnen. Er lehnte mit verschränkten Armen am Wortführertische und
starrte, gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den
Fenstern hinüber.
»Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner … Die Leute werfen mit
Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von …«
Man umringte auch Konsul Buddenbrook, der wissen mußte, wie
Bürgermeister Överdieck sich zu der Sache verhielt; denn seitdem im
vorigen Jahre Senator Doktor Överdieck, ein Schwager Konsul Justus
Krögers, Senatspräsident geworden war, waren Buddenbrooks mit dem
Bürgermeister verwandt, was sie in der öffentlichen Achtung beträchtlich
hatte steigen lassen …
Plötzlich schwoll draußen das Getöse an … Die Revolution war unter
den Fenstern des Sitzungssaales angelangt! Mit einem Schlage
verstummten die erregten Meinungsäußerungen hier drinnen. Man faltete,
stumm vor Entsetzen, die Hände auf dem Bauch und sah einander ins
Gesicht oder auf die Fenster, hinter denen sich Fäuste erhoben und ein
ausgelassenes, unsinniges und betäubendes Hoh- und Höhgeheul die Luft
erfüllte. Dann jedoch, ganz überraschend, als ob die Aufständischen selbst
über ihr Betragen erschrocken gewesen wären, ward es draußen ebenso still
wie im Saale, und in der tiefen Lautlosigkeit, die sich über das Ganze legte,
ward lediglich in der Gegend der untersten Sitzreihen, wo Lebrecht Kröger
sich niedergelassen hatte, ein Wort vernehmbar, das kalt, langsam und
nachdrücklich sich dem Schweigen entrang: »D i e C a n a i l l e!«
Gleich darauf tat in irgendeinem Winkel ein dumpfes und entrüstetes
Organ den Ausspruch: »Unerhörte Infamje!«
Und dann flatterte plötzlich die eilige, zitternde und geheimnisvolle
Stimme des Tuchhändlers Benthien über die Versammlung hin …
»Meine Herren … meine Herren … hören Sie auf mich … Ich kenne
das Haus … Wenn man auf den Boden steigt, so gibt es da eine Dachluke
… Ich habe schon als Junge Katzen dadurch geschossen … Man kann ganz
gut aufs Nachbardach klettern und sich in Sicherheit bringen …«
»Nichtswürdige Feigheit!« zischte der Makler Gosch zwischen den
Zähnen. Er lehnte mit verschränkten Armen am Wortführertische und
starrte, gesenkten Hauptes, mit einem grauenerregenden Blick zu den
Fenstern hinüber.
»Feigheit, Herr? Wieso? Gottesdunner … Die Leute werfen mit
Ziegelsteinen! Ick heww da nu 'naug von …«
Page 178
In diesem Augenblick wuchs draußen der Lärm von neuem an, aber
ohne sich wieder zu der anfänglichen stürmischen Höhe zu erheben, tönte
er nun ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und
beinahe vergnügt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe
sowie einzelne Ausrufe wie »Prinzip!« und »Bürgerrecht!« unterschied …
Die Bürgerschaft lauschte mit Andacht.
»Meine Herren«, sprach nach einer Weile der Wortführer Herr Doktor
Langhals mit gedämpfter Stimme über die Versammlung hin. »Ich hoffe,
mich mit Ihnen im Einverständnis zu befinden, wenn ich nunmehr die
Sitzung eröffne …«
Das war ein unmaßgeblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht
die geringste Unterstützung zuteil wurde.
»Da bün ick nich für tau haben«, sagte jemand mit einer biederen
Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein bäuerlicher
Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte für das
Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon
einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der
gegenwärtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer
ins Gewicht … Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt hatte
Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Bürgerschaft Ausdruck verliehen.
»Gott soll uns bewahren!« sagte Herr Benthien entrüstet. »Da oben auf
den Sitzen kann man von der Straße aus gesehen werden! Die Leute werfen
mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von …«
»Daß auch die verfluchte Tür so eng ist!« stieß der Weinhändler Köppen
verzweifelt hervor. »Wenn wir hinaus wollen, drücken wir ja wol dot …
drücken wir uns ja wol!«
»Unerhörte Infamje«, sprach dumpf Herr Stuht.
»Meine Herren!« begann der Wortführer eindringlich aufs neue. »Ich
bitte Sie, doch zu erwägen … Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung
des heute zu führenden Protokolles dem regierenden Bürgermeister
zuzustellen … Überdies erwartet die Stadt die Veröffentlichung durch den
Druck … Ich möchte jedenfalls zur Abstimmung darüber schreiten, ob die
Sitzung eröffnet werden soll …«
ohne sich wieder zu der anfänglichen stürmischen Höhe zu erheben, tönte
er nun ruhig und ununterbrochen fort, ein geduldiges, singendes und
beinahe vergnügt klingendes Gesumme, in welchem man hie und da Pfiffe
sowie einzelne Ausrufe wie »Prinzip!« und »Bürgerrecht!« unterschied …
Die Bürgerschaft lauschte mit Andacht.
»Meine Herren«, sprach nach einer Weile der Wortführer Herr Doktor
Langhals mit gedämpfter Stimme über die Versammlung hin. »Ich hoffe,
mich mit Ihnen im Einverständnis zu befinden, wenn ich nunmehr die
Sitzung eröffne …«
Das war ein unmaßgeblicher Vorschlag, dem aber weit und breit nicht
die geringste Unterstützung zuteil wurde.
»Da bün ick nich für tau haben«, sagte jemand mit einer biederen
Entschlossenheit, die keinen Einwand gestattete. Es war ein bäuerlicher
Mann namens Pfahl, aus dem Ritzerauer Landbezirk, der Deputierte für das
Dorf Klein-Schretstaken. Niemand erinnerte sich, seine Stimme schon
einmal in den Verhandlungen vernommen zu haben; allein in der
gegenwärtigen Lage fiel die Meinung auch des schlichtesten Kopfes schwer
ins Gewicht … Unerschrocken und mit sicherem politischen Instinkt hatte
Herr Pfahl der Anschauung der gesamten Bürgerschaft Ausdruck verliehen.
»Gott soll uns bewahren!« sagte Herr Benthien entrüstet. »Da oben auf
den Sitzen kann man von der Straße aus gesehen werden! Die Leute werfen
mit Ziegelsteinen! Nee, Gottesdunner, ick heww da nu 'naug von …«
»Daß auch die verfluchte Tür so eng ist!« stieß der Weinhändler Köppen
verzweifelt hervor. »Wenn wir hinaus wollen, drücken wir ja wol dot …
drücken wir uns ja wol!«
»Unerhörte Infamje«, sprach dumpf Herr Stuht.
»Meine Herren!« begann der Wortführer eindringlich aufs neue. »Ich
bitte Sie, doch zu erwägen … Ich habe binnen drei Tagen eine Ausfertigung
des heute zu führenden Protokolles dem regierenden Bürgermeister
zuzustellen … Überdies erwartet die Stadt die Veröffentlichung durch den
Druck … Ich möchte jedenfalls zur Abstimmung darüber schreiten, ob die
Sitzung eröffnet werden soll …«
Page 179
Aber abgesehen von einigen wenigen Bürgern, die den Wortführer
unterstützten, fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, zur
Tagesordnung überzugehen. Eine Abstimmung hätte sich als zwecklos
erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wußte, was es wollte.
Man durfte es nicht durch einen Beschluß nach irgendeiner Richtung hin
vor den Kopf stoßen. Man mußte abwarten und sich nicht regen. Von der
Marienkirche schlug es halb fünf …
Man bestärkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man
begann, sich an das Geräusch zu gewöhnen, das dort draußen anschwoll,
abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden,
sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den
Stühlen niederzulassen … Die Betriebsamkeit all dieser tüchtigen Bürger
begann sich zu regen … Man wagte hie und da, über Geschäfte zu
sprechen, hie und da sogar ein Geschäft zu machen … Die Makler näherten
sich den Großkaufleuten … Die eingeschlossenen Herren plauderten
miteinander wie Leute, die während eines heftigen Gewitters beisammen
sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und
respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fünf Uhr, halb
sechs Uhr, und die Dämmerung sank. Dann und wann seufzte jemand
darüber, daß seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich
erlaubte, die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten
darüber wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschütteln erklärte:
»Ich bin ja doch zu dick dazu!«
Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin,
neben seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas
besorgt, als er ihn fragte: »Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich
nicht nahe, Vater?«
Unter dem schneeweißen Toupet waren auf Lebrecht Krögers Stirn zwei
bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während
die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden
Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen
Brillanten geschmückt, auf seinen Knien.
»Papperlapapp, Buddenbrook!« sagte er mit sonderbarer Müdigkeit.
»Ich bin ennuyiert, das ist das Ganze.« Aber er strafte sich selber Lügen,
unterstützten, fand sich niemand, der bereit gewesen wäre, zur
Tagesordnung überzugehen. Eine Abstimmung hätte sich als zwecklos
erwiesen. Man durfte das Volk nicht reizen. Niemand wußte, was es wollte.
Man durfte es nicht durch einen Beschluß nach irgendeiner Richtung hin
vor den Kopf stoßen. Man mußte abwarten und sich nicht regen. Von der
Marienkirche schlug es halb fünf …
Man bestärkte einander in dem Entschlusse, geduldig auszuharren. Man
begann, sich an das Geräusch zu gewöhnen, das dort draußen anschwoll,
abnahm, pausierte und wieder einsetzte. Man fing an, ruhiger zu werden,
sich's bequemer zu machen, sich auf den unteren Sitzreihen und den
Stühlen niederzulassen … Die Betriebsamkeit all dieser tüchtigen Bürger
begann sich zu regen … Man wagte hie und da, über Geschäfte zu
sprechen, hie und da sogar ein Geschäft zu machen … Die Makler näherten
sich den Großkaufleuten … Die eingeschlossenen Herren plauderten
miteinander wie Leute, die während eines heftigen Gewitters beisammen
sitzen, von anderen Dingen reden und manchmal mit ernsten und
respektvollen Gesichtern auf den Donner horchen. Es wurde fünf Uhr, halb
sechs Uhr, und die Dämmerung sank. Dann und wann seufzte jemand
darüber, daß seine Frau mit dem Kaffee warte, worauf Herr Benthien sich
erlaubte, die Dachluke in Erinnerung zu bringen. Aber die meisten dachten
darüber wie Herr Stuht, der mit einem fatalistischen Kopfschütteln erklärte:
»Ich bin ja doch zu dick dazu!«
Johann Buddenbrook hatte sich, eingedenk der Mahnung der Konsulin,
neben seinem Schwiegervater gehalten, und er betrachtete ihn etwas
besorgt, als er ihn fragte: »Dies kleine Abenteuer geht Ihnen hoffentlich
nicht nahe, Vater?«
Unter dem schneeweißen Toupet waren auf Lebrecht Krögers Stirn zwei
bläuliche Adern in besorgniserregender Weise geschwollen, und während
die eine seiner aristokratischen Greisenhände mit den opalisierenden
Knöpfen an seiner Weste spielte, zitterte die andere, mit einem großen
Brillanten geschmückt, auf seinen Knien.
»Papperlapapp, Buddenbrook!« sagte er mit sonderbarer Müdigkeit.
»Ich bin ennuyiert, das ist das Ganze.« Aber er strafte sich selber Lügen,
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indem er plötzlich hervorzischte: »Parbleu, Jean! man müßte diesen
infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib
knallen … Das Pack …! Die Canaille …!«
Der Konsul summte begütigend. »So … so … Sie haben ja recht, es ist
eine ziemlich unwürdige Komödie … Aber was soll man tun? Man muß
gute Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen …«
»Wo ist mein Wagen?… Ich befehle meinen Wagen!« kommandierte
Lebrecht Kröger gänzlich außer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am
ganzen Leibe. »Ich habe ihn auf fünf Uhr bestellt!… Wo ist er?… Die
Sitzung wird nicht abgehalten … Was soll ich hier?… Ich bin nicht
gesonnen, mich narren zu lassen!… Ich will meinen Wagen!… Insultiert
man meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!«
»Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie
alterieren sich … das bekommt Ihnen nicht! Selbstverständlich … ich gehe
nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage
überdrüssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach Hause
zu gehen …«
Und obgleich Lebrecht Kröger protestierte, obgleich er mit plötzlich
ganz kalter und verächtlicher Betonung befahl: »Halt, hiergeblieben! Sie
vergeben sich nichts, Buddenbrook!« schritt der Konsul schnell durch den
Saal.
Dicht bei der kleinen grünen Tür wurde er von Siegismund Gosch
eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit gräßlicher
Flüsterstimme fragte: »Wohin, Herr Konsul?…«
Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem
Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis zur
Nase empor, sein graues Haar fiel düster in Schläfen und Stirn, und er hielt
seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, daß es ihm wahrhaftig gelang,
das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er hervorstieß: »Sie sehen
mich gewillt, zum Volke zu reden!«
Der Konsul sagte: »Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch … Ich
habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten …«
infamen Schmierfinken den Respekt mit Pulver und Blei in den Leib
knallen … Das Pack …! Die Canaille …!«
Der Konsul summte begütigend. »So … so … Sie haben ja recht, es ist
eine ziemlich unwürdige Komödie … Aber was soll man tun? Man muß
gute Miene machen. Es wird Abend. Die Leute werden schon abziehen …«
»Wo ist mein Wagen?… Ich befehle meinen Wagen!« kommandierte
Lebrecht Kröger gänzlich außer sich. Seine Wut explodierte, er bebte am
ganzen Leibe. »Ich habe ihn auf fünf Uhr bestellt!… Wo ist er?… Die
Sitzung wird nicht abgehalten … Was soll ich hier?… Ich bin nicht
gesonnen, mich narren zu lassen!… Ich will meinen Wagen!… Insultiert
man meinen Kutscher? Sehen Sie nach, Buddenbrook!«
»Lieber Schwiegervater, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Sie
alterieren sich … das bekommt Ihnen nicht! Selbstverständlich … ich gehe
nun, mich nach Ihrem Wagen umzusehen. Ich selbst bin dieser Lage
überdrüssig. Ich werde mit den Leuten sprechen, sie auffordern, nach Hause
zu gehen …«
Und obgleich Lebrecht Kröger protestierte, obgleich er mit plötzlich
ganz kalter und verächtlicher Betonung befahl: »Halt, hiergeblieben! Sie
vergeben sich nichts, Buddenbrook!« schritt der Konsul schnell durch den
Saal.
Dicht bei der kleinen grünen Tür wurde er von Siegismund Gosch
eingeholt, der ihn mit knochiger Hand am Arm ergriff und mit gräßlicher
Flüsterstimme fragte: »Wohin, Herr Konsul?…«
Das Gesicht des Maklers war in tausend tiefe Falten gelegt. Mit dem
Ausdruck wilder Entschlossenheit schob sich sein spitzes Kinn fast bis zur
Nase empor, sein graues Haar fiel düster in Schläfen und Stirn, und er hielt
seinen Kopf so tief zwischen den Schultern, daß es ihm wahrhaftig gelang,
das Aussehen eines Verwachsenen zu bieten, als er hervorstieß: »Sie sehen
mich gewillt, zum Volke zu reden!«
Der Konsul sagte: »Nein, lassen Sie mich das lieber tun, Gosch … Ich
habe wahrscheinlich mehr Bekannte unter den Leuten …«
Page 181
»Es sei!« antwortete der Makler tonlos. »Sie sind ein größerer Mensch
als ich.« Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: »Aber ich werde
Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag
die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreißen …«
»Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend!« sagte er, als sie hinausgingen
… Sicherlich hatte er sich noch niemals so glücklich gefühlt. »Ha, Herr
Konsul! Da ist das Volk!«
Die beiden hatten den Korridor überschritten und traten vor die Haustür
hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen blieben,
die auf das Trottoir führten. Die Straße bot einen befremdenden Anblick.
Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon erleuchteten Fenstern der
umliegenden Häuser gewahrte man Neugierige, die auf die schwärzliche,
sich vorm Bürgerschaftshause drängende Menge der Aufrührer
hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel stärker als die
Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und
Lagerarbeitern, Dienstmännern, Volksschülern, einigen Matrosen von
Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen
Stadtgegenden, in den »Twieten«, »Gängen«, »Wischen« und »Höfen« zu
Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem
Unternehmen wohl ähnliche Erfolge versprachen, wie die
Buddenbrooksche Köchin. Einige Empörer, des Stehens müde, hatten sich,
die Füße im Rinnstein, auf den Bürgersteig gesetzt und aßen Butterbrot.
Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dämmerung weit
vorgeschritten war, hingen die Öllampen unangezündet an ihren Ketten
über der Straße. Diese Tatsache, diese offenbare und unerhörte
Unterbrechung der Ordnung, war das erste, was den Konsul Buddenbrook
aufrichtig erzürnte, und sie war schuld daran, daß er in ziemlich kurzem
und ärgerlichem Tone zu sprechen begann: »Lüd, wat is dat nu bloß für
dumm Tüg, wat Ji da anstellt!«
Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren,
jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige
Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mützen ab.
Man machte sich aufmerksam, stieß sich in die Seiten und sagte gedämpft:
»Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red' hollen!
als ich.« Und indem er seine Stimme erhob, fuhr er fort: »Aber ich werde
Sie begleiten, ich werde an Ihrer Seite stehen, Konsul Buddenbrook! Mag
die Wut der entfesselten Sklaven mich zerreißen …«
»Ach, welch ein Tag! Welch ein Abend!« sagte er, als sie hinausgingen
… Sicherlich hatte er sich noch niemals so glücklich gefühlt. »Ha, Herr
Konsul! Da ist das Volk!«
Die beiden hatten den Korridor überschritten und traten vor die Haustür
hinaus, indem sie auf der oberen der drei schmalen Stufen stehen blieben,
die auf das Trottoir führten. Die Straße bot einen befremdenden Anblick.
Sie war ausgestorben, und an den offenen, schon erleuchteten Fenstern der
umliegenden Häuser gewahrte man Neugierige, die auf die schwärzliche,
sich vorm Bürgerschaftshause drängende Menge der Aufrührer
hinabblickten. Diese Menge war an Zahl nicht viel stärker als die
Versammlung im Saale und bestand aus jugendlichen Hafen- und
Lagerarbeitern, Dienstmännern, Volksschülern, einigen Matrosen von
Kauffahrteischiffen und anderen Leuten, die in den geringen
Stadtgegenden, in den »Twieten«, »Gängen«, »Wischen« und »Höfen« zu
Hause waren. Auch drei oder vier Frauen waren dabei, die sich von diesem
Unternehmen wohl ähnliche Erfolge versprachen, wie die
Buddenbrooksche Köchin. Einige Empörer, des Stehens müde, hatten sich,
die Füße im Rinnstein, auf den Bürgersteig gesetzt und aßen Butterbrot.
Es war bald sechs Uhr, und obgleich die Dämmerung weit
vorgeschritten war, hingen die Öllampen unangezündet an ihren Ketten
über der Straße. Diese Tatsache, diese offenbare und unerhörte
Unterbrechung der Ordnung, war das erste, was den Konsul Buddenbrook
aufrichtig erzürnte, und sie war schuld daran, daß er in ziemlich kurzem
und ärgerlichem Tone zu sprechen begann: »Lüd, wat is dat nu bloß für
dumm Tüg, wat Ji da anstellt!«
Die Vespernden waren vom Trottoir emporgesprungen. Die Hinteren,
jenseits des Fahrdammes, stellten sich auf die Zehenspitzen. Einige
Hafenarbeiter, die im Dienste des Konsuls standen, nahmen ihre Mützen ab.
Man machte sich aufmerksam, stieß sich in die Seiten und sagte gedämpft:
»Dat's Kunsel Buddenbrook! Kunsel Buddenbrook will 'ne Red' hollen!
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Holl din Mul, Krischan, hei kann höllschen fuchtig warn!… Dat's Makler
Gosch … kiek! Dat's son Aap!… Is hei 'n beeten öwerspönig?«
»Corl Smolt!« fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen,
tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jährigen Lagerarbeiter mit krummen
Beinen richtete, der, die Mütze in der Hand und den Mund voll Brot,
unmittelbar vor den Stufen stand. »Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet! Ji
heww hier den leewen langen Namiddag bröllt …«
»Je, Herr Kunsel …«, brachte Corl Smolt kauend hervor. »Dat's nu so 'n
Saak … öäwer … Dat is nu so wied … Wi maaken nu Revolutschon.«
»Wat's dat för Undög, Smolt!«
»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, öäwer dat is nu so wied … wi
sünd nu nich mihr taufreeden mit de Saak … Wie verlangen nu ne anner
Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, daß dat w a t is …«
»Hür mal, Smolt, un ihr annern Lüd! Wer nu 'n verstännigen Kierl is,
der geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und stört hier
nich de Ordnung …«
»Die heilige Ordnung!« unterbrach Herr Gosch ihn zischend …
»De Ordnung, seg ick!« beschloß Konsul Buddenbrook. »Nicht mal die
Lampen sind angezündet … Dat geiht denn doch tau wied mit de
Revolution!«
Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im
Rücken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwände …
»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! Öäwer dat is man bloß wegen
das allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht …«
»Großer Gott, du Tropf!« rief der Konsul und vergaß, platt zu sprechen
vor Indignation … »Du redest ja lauter Unsinn …«
»Je, Herr Kunsel«, sagte Corl Smolt ein bißchen eingeschüchtert; »dat
is nu allens so as dat is. Öäwer Revolutschon mütt sien, dat is tau gewiß.
Revolutschon is öwerall, in Berlin und in Poris …«
Gosch … kiek! Dat's son Aap!… Is hei 'n beeten öwerspönig?«
»Corl Smolt!« fing der Konsul wieder an, indem er seine kleinen,
tiefliegenden Augen auf einen etwa 22jährigen Lagerarbeiter mit krummen
Beinen richtete, der, die Mütze in der Hand und den Mund voll Brot,
unmittelbar vor den Stufen stand. »Nu red' mal, Corl Smolt! Nu is' Tiet! Ji
heww hier den leewen langen Namiddag bröllt …«
»Je, Herr Kunsel …«, brachte Corl Smolt kauend hervor. »Dat's nu so 'n
Saak … öäwer … Dat is nu so wied … Wi maaken nu Revolutschon.«
»Wat's dat för Undög, Smolt!«
»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll, öäwer dat is nu so wied … wi
sünd nu nich mihr taufreeden mit de Saak … Wie verlangen nu ne anner
Ordnung, un dat is ja ook gor nich mihr, daß dat w a t is …«
»Hür mal, Smolt, un ihr annern Lüd! Wer nu 'n verstännigen Kierl is,
der geht naa Hus un scheert sich nich mihr um Revolution und stört hier
nich de Ordnung …«
»Die heilige Ordnung!« unterbrach Herr Gosch ihn zischend …
»De Ordnung, seg ick!« beschloß Konsul Buddenbrook. »Nicht mal die
Lampen sind angezündet … Dat geiht denn doch tau wied mit de
Revolution!«
Corl Smolt aber hatte nun seinen Bissen verschluckt und, die Menge im
Rücken, stand er breitbeinig da und hatte seine Einwände …
»Je, Herr Kunsel, dat seggen Sei woll! Öäwer dat is man bloß wegen
das allgemeine Prinzip von dat Wahlrecht …«
»Großer Gott, du Tropf!« rief der Konsul und vergaß, platt zu sprechen
vor Indignation … »Du redest ja lauter Unsinn …«
»Je, Herr Kunsel«, sagte Corl Smolt ein bißchen eingeschüchtert; »dat
is nu allens so as dat is. Öäwer Revolutschon mütt sien, dat is tau gewiß.
Revolutschon is öwerall, in Berlin und in Poris …«
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»Smolt, wat wull Ji nu eentlich! Nu seggen Sei dat mal!«
»Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wi wull nu 'ne Republike, seg ick
man bloß …«
»Öwer du Döskopp … Ji h e w w ja schon een!«
»Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.«
Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig
und herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl
Smolts verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze
Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand. An
den Fenstern des Bürgerschaftssaales erschienen mit neugierigen
Gesichtern einige Herren mit Bierseideln in den Händen … Der einzige,
den diese Wendung der Dinge enttäuschte und schmerzte, war Siegismund
Gosch.
»Na Lüd«, sagte schließlich Konsul Buddenbrook, »ick glöw, dat is nu
dat beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!«
Corl Smolt, gänzlich verdutzt über die Wirkung, die er hervorgebracht,
antwortete: »Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn möht man de Saak je
woll up sick beruhn laten, un ick bün je ook man froh, dat Herr Kunsel mi
dat nich öwelnehmen daut, un adjüs denn ook, Herr Kunsel …«
Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen.
»Smolt, töf mal 'n Oogenblick!« rief der Konsul. »Seg mal, hast du den
Krögerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?«
»Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr
Kunsel sin Hoff ruppfoahrn …«
»Schön; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal
'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.«
»Jewoll, Herr Kunsel!« … Und indem er seine Mütze auf den Kopf
warf und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit
breitspurigen, wiegenden Schritten die Straße hinunter.
»Je, Herr Kunsel, ick seg man bloß: wi wull nu 'ne Republike, seg ick
man bloß …«
»Öwer du Döskopp … Ji h e w w ja schon een!«
»Je, Herr Kunsel, denn wull wi noch een.«
Einige der Umstehenden, die es besser wußten, begannen schwerfällig
und herzlich zu lachen, und obgleich die wenigsten die Antwort Corl
Smolts verstanden hatten, pflanzte diese Heiterkeit sich fort, bis die ganze
Menge der Republikaner in breitem und gutmütigem Gelächter stand. An
den Fenstern des Bürgerschaftssaales erschienen mit neugierigen
Gesichtern einige Herren mit Bierseideln in den Händen … Der einzige,
den diese Wendung der Dinge enttäuschte und schmerzte, war Siegismund
Gosch.
»Na Lüd«, sagte schließlich Konsul Buddenbrook, »ick glöw, dat is nu
dat beste, wenn ihr alle naa Hus gaht!«
Corl Smolt, gänzlich verdutzt über die Wirkung, die er hervorgebracht,
antwortete: »Je, Herr Kunsel, dat is nu so, un denn möht man de Saak je
woll up sick beruhn laten, un ick bün je ook man froh, dat Herr Kunsel mi
dat nich öwelnehmen daut, un adjüs denn ook, Herr Kunsel …«
Die Menge fing an, sich in der allerbesten Laune zu zerstreuen.
»Smolt, töf mal 'n Oogenblick!« rief der Konsul. »Seg mal, hast du den
Krögerschen Wagen nich seihn, de Kalesch' vorm Burgtor?«
»Jewoll, Herr Kunsel! De is kamen. De is doar unnerwarts upp Herr
Kunsel sin Hoff ruppfoahrn …«
»Schön; denn loop mal fixing hin, Smolt, un seg tau Jochen, hei sall mal
'n beeten rannerkommen; sin Herr will naa Hus.«
»Jewoll, Herr Kunsel!« … Und indem er seine Mütze auf den Kopf
warf und den Lederschirm ganz tief in die Augen zog, lief Corl Smolt mit
breitspurigen, wiegenden Schritten die Straße hinunter.
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Vi e r t e s K a p i t e l
Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung
zurückkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer
Viertelstunde. Er war von zwei großen Paraffinlampen erleuchtet, die auf
dem Wortführertisch standen, und in ihrem gelben Licht saßen und standen
die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel, stießen
an und plauderten geräuschvoll in fröhlichster Stimmung. Frau Suerkringel,
die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich treuherzig ihrer
eingeschlossenen Gäste angenommen, mit beredten Worten, da die
Belagerung ja noch lange dauern könne, eine kleine Stärkung in Vorschlag
gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine bedeutende
Quantität ihres hellen und ziemlich spirituösen Bieres abzusetzen. Soeben,
beim Wiedereintritt der beiden Unterhändler, schleppte der Hausknecht in
Hemdärmeln und mit wohlmeinendem Lächeln einen neuen Vorrat von
Flaschen herbei, und obgleich der Abend vorgeschritten, obgleich es zu spät
war, der Verfassungsrevision noch Aufmerksamkeit zu schenken, war
niemand geneigt, schon jetzt dies Beisammensein zu unterbrechen und nach
Hause zu gehen. Mit dem Kaffee war es in jedem Fall für heute vorbei …
Nachdem der Konsul mehrere Händedrücke entgegengenommen, die
ihn zu seinem Erfolge beglückwünschten, begab er sich ohne Verzug zu
seinem Schwiegervater. Lebrecht Kröger schien der einzige zu sein, dessen
Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend saß er an
seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre
der Wagen vor, mit höhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor
Greisenalter zitterte: »Beliebt der Pöbel, mich in mein Haus zurückkehren
zu lassen?«
Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten
Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, ließ er sich den
Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot, ihn
zu begleiten, mit einem nachlässigen »merci« seinen Arm unter den seines
Schwiegersohnes.
Die majestätische Kalesche, mit zwei großen Laternen am Bock, hielt
vor der Tür, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls
begann, die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil,
Als Konsul Buddenbrook mit Siegismund Gosch in die Versammlung
zurückkehrte, bot der Saal ein behaglicheres Bild als vor einer
Viertelstunde. Er war von zwei großen Paraffinlampen erleuchtet, die auf
dem Wortführertisch standen, und in ihrem gelben Licht saßen und standen
die Herren beieinander, gossen sich Flaschenbier in blanke Seidel, stießen
an und plauderten geräuschvoll in fröhlichster Stimmung. Frau Suerkringel,
die Witwe Suerkringel war dagewesen, sie hatte sich treuherzig ihrer
eingeschlossenen Gäste angenommen, mit beredten Worten, da die
Belagerung ja noch lange dauern könne, eine kleine Stärkung in Vorschlag
gebracht und sich die erregten Zeiten zunutze gemacht, um eine bedeutende
Quantität ihres hellen und ziemlich spirituösen Bieres abzusetzen. Soeben,
beim Wiedereintritt der beiden Unterhändler, schleppte der Hausknecht in
Hemdärmeln und mit wohlmeinendem Lächeln einen neuen Vorrat von
Flaschen herbei, und obgleich der Abend vorgeschritten, obgleich es zu spät
war, der Verfassungsrevision noch Aufmerksamkeit zu schenken, war
niemand geneigt, schon jetzt dies Beisammensein zu unterbrechen und nach
Hause zu gehen. Mit dem Kaffee war es in jedem Fall für heute vorbei …
Nachdem der Konsul mehrere Händedrücke entgegengenommen, die
ihn zu seinem Erfolge beglückwünschten, begab er sich ohne Verzug zu
seinem Schwiegervater. Lebrecht Kröger schien der einzige zu sein, dessen
Stimmung sich nicht verbessert hatte. Hoch, kalt und abweisend saß er an
seinem Platze und antwortete auf den Bericht, in diesem Augenblick fahre
der Wagen vor, mit höhnischer Stimme, die vor Erbitterung mehr als vor
Greisenalter zitterte: »Beliebt der Pöbel, mich in mein Haus zurückkehren
zu lassen?«
Mit steifen Bewegungen, die nicht im entferntesten an die scharmanten
Gesten gemahnten, die man sonst an ihm kannte, ließ er sich den
Pelzmantel um die Schultern legen und schob, da der Konsul sich erbot, ihn
zu begleiten, mit einem nachlässigen »merci« seinen Arm unter den seines
Schwiegersohnes.
Die majestätische Kalesche, mit zwei großen Laternen am Bock, hielt
vor der Tür, woselbst man nun zur herzlichen Genugtuung des Konsuls
begann, die Lampen in Brand zu setzen, und die beiden stiegen ein. Steil,
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stumm, ohne sich zurückzulehnen, mit halb geschlossenen Augen saß
Lebrecht Kröger, die Wagendecke über den Knien, zur Rechten des
Konsuls, während der Wagen durch die Straßen rollte, und unter den kurzen
Spitzen seines weißen Schnurrbartes liefen seine abwärts gezogenen
Mundwinkel in zwei senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn
hinunterzogen. Der Grimm über die erlittene Demütigung zehrte und nagte
in ihm. Matt und kalt blickte er auf das leere Polster ihm gegenüber.
In den Straßen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend.
Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzückt über den
glücklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde
sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen
vorüberfuhr, und warfen ihre Mützen in die Luft.
»Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater«,
sagte der Konsul. »Wenn man bedenkt, was für eine Narrensposse das
Ganze war … Eine Farce …« Und um irgendeine Antwort und Äußerung
des Alten zu erlangen, fing er an, lebhaft über die Revolution im
allgemeinen zu sprechen … »Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis
gelangte, wie wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient … Ach,
mein Gott, es ist überall das nämliche! Ich hatte heute nachmittag ein
kurzes Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der
alles mit den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet … Sehen
Sie, Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen
vorbereitet worden … Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und seine
Haut zu Markte getragen … Wird es auf seine Kosten kommen?«
»Sie täten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu öffnen«, sagte Herr Kröger.
Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und ließ eilig die
Glasscheibe nieder.
»Fühlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater?« fragte er besorgt …
»Nein. Durchaus nicht«, antwortete Lebrecht Kröger streng.
»Sie haben einen Imbiß und Ruhe nötig«, sagte der Konsul, indem er,
um irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines
Schwiegervaters zog.
Lebrecht Kröger, die Wagendecke über den Knien, zur Rechten des
Konsuls, während der Wagen durch die Straßen rollte, und unter den kurzen
Spitzen seines weißen Schnurrbartes liefen seine abwärts gezogenen
Mundwinkel in zwei senkrechte Falten aus, die sich bis zum Kinn
hinunterzogen. Der Grimm über die erlittene Demütigung zehrte und nagte
in ihm. Matt und kalt blickte er auf das leere Polster ihm gegenüber.
In den Straßen ging es lebhafter zu als an einem Sonntagabend.
Augenscheinlich herrschte Feststimmung. Das Volk, entzückt über den
glücklichen Verlauf der Revolution, zog wohlgelaunt umher. Es wurde
sogar gesungen. Hie und da schrien Jungen Hurra! wenn der Wagen
vorüberfuhr, und warfen ihre Mützen in die Luft.
»Ich glaube wahrhaftig, Sie lassen sich die Sache zu nahegehn, Vater«,
sagte der Konsul. »Wenn man bedenkt, was für eine Narrensposse das
Ganze war … Eine Farce …« Und um irgendeine Antwort und Äußerung
des Alten zu erlangen, fing er an, lebhaft über die Revolution im
allgemeinen zu sprechen … »Wenn die besitzlose Menge zu der Erkenntnis
gelangte, wie wenig sie in diesen Zeiten ihrer eigenen Sache dient … Ach,
mein Gott, es ist überall das nämliche! Ich hatte heute nachmittag ein
kurzes Gespräch mit dem Makler Gosch, diesem wunderlichen Manne, der
alles mit den Augen eines Poeten und Stückeschreibers betrachtet … Sehen
Sie, Schwiegervater, die Revolution ist in Berlin an ästhetischen Teetischen
vorbereitet worden … Dann hat das Volk die Sache ausgefochten und seine
Haut zu Markte getragen … Wird es auf seine Kosten kommen?«
»Sie täten gut, das Fenster an Ihrer Seite zu öffnen«, sagte Herr Kröger.
Johann Buddenbrook warf ihm einen raschen Blick zu und ließ eilig die
Glasscheibe nieder.
»Fühlen Sie sich nicht ganz wohl, lieber Vater?« fragte er besorgt …
»Nein. Durchaus nicht«, antwortete Lebrecht Kröger streng.
»Sie haben einen Imbiß und Ruhe nötig«, sagte der Konsul, indem er,
um irgend etwas zu tun, die Felldecke fester um die Knie seines
Schwiegervaters zog.
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Plötzlich – die Equipage rasselte durch die Burgstraße – geschah etwas
Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in
Halbdunkel getauchten Gemäuer des Tores, eine Ansammlung lärmender
und vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein
Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe
eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines
Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint
und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos
kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krögers von
dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke hinab
und blieb am Boden liegen.
»Täppische Flegelei!« sagte der Konsul ärgerlich. »Ist man denn heute
abend aus Rand und Band?… Aber er hat Sie nicht verletzt, wie,
Schwiegervater?«
Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend. Es war zu dunkel im
Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader,
höher, steifer noch, denn zuvor, saß er, ohne das Rückenpolster zu berühren.
Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus … langsam, kalt und schwer, ein
einziges Wort: »D i e C a n a i l l e.«
Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht.
Der Wagen rollte mit hallendem Geräusch durch das Tor und befand sich
drei Minuten später in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen
versehenen Gatter, welches das Krögersche Besitztum begrenzte. Zu beiden
Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien
besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit
vergoldeten Knöpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er
hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von
schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verächtliche Ausdruck, den
der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen,
hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt … Der Wagen hielt an der
Terrasse.
»Helfen Sie mir«, sagte Lebrecht Kröger, obgleich der Konsul, der
zuerst ausgestiegen war, schon die Felldecke zurückwarf und ihm Arm und
Schulter als Stütze darbot. Er führte ihn auf dem Kiesboden langsam die
Erschreckendes. Als nämlich der Wagen, fünfzehn Schritte etwa von dem in
Halbdunkel getauchten Gemäuer des Tores, eine Ansammlung lärmender
und vergnügter Gassenjungen passierte, flog durch das offene Fenster ein
Stein herein. Es war ein ganz harmloser Feldstein, kaum von der Größe
eines Hühnereies, der, zur Feier der Revolution von der Hand irgendeines
Krischan Snut oder Heine Voß geschleudert, sicherlich nicht böse gemeint
und wahrscheinlich gar nicht nach dem Wagen gezielt worden war. Lautlos
kam er durchs Fenster herein, prallte lautlos gegen Lebrecht Krögers von
dickem Pelze bedeckte Brust, rollte ebenso lautlos an der Felldecke hinab
und blieb am Boden liegen.
»Täppische Flegelei!« sagte der Konsul ärgerlich. »Ist man denn heute
abend aus Rand und Band?… Aber er hat Sie nicht verletzt, wie,
Schwiegervater?«
Der alte Kröger schwieg, er schwieg beängstigend. Es war zu dunkel im
Wagen, um den Ausdruck seines Gesichtes zu unterscheiden. Gerader,
höher, steifer noch, denn zuvor, saß er, ohne das Rückenpolster zu berühren.
Dann aber kam es ganz tief aus ihm heraus … langsam, kalt und schwer, ein
einziges Wort: »D i e C a n a i l l e.«
Aus Besorgnis, ihn noch mehr zu reizen, antwortete der Konsul nicht.
Der Wagen rollte mit hallendem Geräusch durch das Tor und befand sich
drei Minuten später in der breiten Allee vor dem mit vergoldeten Spitzen
versehenen Gatter, welches das Krögersche Besitztum begrenzte. Zu beiden
Seiten der breiten Gartenpforte, die den Eingang zu einer mit Kastanien
besetzten Anfahrt zur Terrasse bildete, brannten hell zwei Laternen mit
vergoldeten Knöpfen auf ihren Deckeln. Der Konsul entsetzte sich, als er
hier in das Gesicht seines Schwiegervaters sah. Es war gelb und von
schlaffen Furchen zerrissen. Der kalte, feste und verächtliche Ausdruck, den
der Mund bis dahin bewahrt, hatte sich zu einer schwachen, schiefen,
hängenden und blöden Greisengrimasse verzerrt … Der Wagen hielt an der
Terrasse.
»Helfen Sie mir«, sagte Lebrecht Kröger, obgleich der Konsul, der
zuerst ausgestiegen war, schon die Felldecke zurückwarf und ihm Arm und
Schulter als Stütze darbot. Er führte ihn auf dem Kiesboden langsam die
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wenigen Schritte bis zu der weißglänzenden Freitreppe, die zum
Speisezimmer emporführte. Am Fuße der Stufen knickte der Greis in die
Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, daß der hängende Unterkiefer
mit klapperndem Geräusch gegen den oberen schlug. Die Augen verdrehten
sich und brachen …
Lebrecht Kröger, der à la mode-Kavalier, war bei seinen Vätern.
Fünftes Kapitel
Ein Jahr und zwei Monate später, an einem schneedunstigen
Januarmorgen des Jahres 1850, saßen Herr und Madame Grünlich nebst
ihrem kleinen dreijährigen Töchterchen in dem mit hellbraunfarbigem
Holze getäfelten Speisezimmer auf Stühlen, von denen ein jeder 25
Kurantmark gekostet hatte, beim ersten Frühstück.
Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig;
verschwommen gewahrte man nackte Bäume und Sträucher dahinter. In
dem grünglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand – neben der
offenen Tür, die ins »Penseezimmer« führte, woselbst man Blattgewächse
erblickte – knisterte die rote Glut und erfüllte den Raum mit einer sanften,
ein wenig riechenden Wärme. An der entgegengesetzten Seite gestatteten
halb zurückgeschlagene grüne Tuchportieren den Durchblick in den
braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastür, deren Ritzen mit wattierten
Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse sich in dem
weißgrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwärts führte ein dritter
Ausgang auf den Korridor.
Der schneeweiße gewirkte Damast auf dem runden Tische war von
einem grüngestickten Tischläufer durchzogen und bedeckt mit
goldgerändertem und so durchsichtigem Porzellan, daß es hie und da wie
Perlmutter schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dünnsilbernen,
flachen Brotkorb, der die Gestalt eines großen, gezackten, leicht gerollten
Blattes hatte, lagen Rundstücke und Schnitten von Milchgebäck. Unter
einer Kristallglocke türmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter einer
anderen waren verschiedene Arten von Käse, gelber, grünmarmorierter und
Speisezimmer emporführte. Am Fuße der Stufen knickte der Greis in die
Knie. Der Kopf fiel so schwer auf die Brust, daß der hängende Unterkiefer
mit klapperndem Geräusch gegen den oberen schlug. Die Augen verdrehten
sich und brachen …
Lebrecht Kröger, der à la mode-Kavalier, war bei seinen Vätern.
Fünftes Kapitel
Ein Jahr und zwei Monate später, an einem schneedunstigen
Januarmorgen des Jahres 1850, saßen Herr und Madame Grünlich nebst
ihrem kleinen dreijährigen Töchterchen in dem mit hellbraunfarbigem
Holze getäfelten Speisezimmer auf Stühlen, von denen ein jeder 25
Kurantmark gekostet hatte, beim ersten Frühstück.
Die Scheiben der Fenster waren vor Nebel beinahe undurchsichtig;
verschwommen gewahrte man nackte Bäume und Sträucher dahinter. In
dem grünglasierten niedrigen Ofen, der in einem Winkel stand – neben der
offenen Tür, die ins »Penseezimmer« führte, woselbst man Blattgewächse
erblickte – knisterte die rote Glut und erfüllte den Raum mit einer sanften,
ein wenig riechenden Wärme. An der entgegengesetzten Seite gestatteten
halb zurückgeschlagene grüne Tuchportieren den Durchblick in den
braunseidenen Salon und auf eine hohe Glastür, deren Ritzen mit wattierten
Rollen verstopft waren und hinter der eine kleine Terrasse sich in dem
weißgrauen, undurchsichtigen Nebel verlor. Seitwärts führte ein dritter
Ausgang auf den Korridor.
Der schneeweiße gewirkte Damast auf dem runden Tische war von
einem grüngestickten Tischläufer durchzogen und bedeckt mit
goldgerändertem und so durchsichtigem Porzellan, daß es hie und da wie
Perlmutter schimmerte. Eine Teemaschine summte. In einem dünnsilbernen,
flachen Brotkorb, der die Gestalt eines großen, gezackten, leicht gerollten
Blattes hatte, lagen Rundstücke und Schnitten von Milchgebäck. Unter
einer Kristallglocke türmten sich kleine, geriefelte Butterkugeln, unter einer
anderen waren verschiedene Arten von Käse, gelber, grünmarmorierter und
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weißer sichtbar. Es fehlte nicht an einer Flasche Rotwein, welche vor dem
Hausherrn stand, denn Herr Grünlich frühstückte warm.
Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese
Morgenstunde besonders rosig erschien, saß er, den Rücken dem Salon
zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen,
großkarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein leicht
gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm, außerdem aber
auch in so hohem Grade widerlich, daß sie sich niemals hatte entschließen
können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen einzutauschen.
Tony war im Schlafrock; sie schwärmte für Schlafröcke. Nichts erschien
ihr vornehmer als ein elegantes Negligé, und da sie sich im Elternhause
dieser Leidenschaft nicht hatte überlassen dürfen, frönte sie ihr nun als
verheiratete Frau desto eifriger. Sie besaß drei dieser schmiegsamen und
zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack,
Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer Balltoilette.
Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen Farbe genau mit
dem Tone der Tapete über der Holztäfelung übereinstimmte und dessen
großgeblümter Stoff, weicher als Watte, überall mit einem Sprühregen ganz
winziger Glasperlchen von derselben Färbung durchwirkt war … Eine
gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom Halsverschluß
bis zum Saume hinunter.
Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife
geschmückt, war über der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl
wußte, ihr Äußeres seinen Höhepunkt bereits erreicht hatte, war der
kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden
Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen
Augen waren vom kalten Wasser gerötet. Ihre Hände, die weißen, ein wenig
kurzen, aber feingegliederten Hände der Buddenbrooks, deren zarte
Gelenke von den Sammetrevers der Ärmel weich umschlossen wurden,
handhabten Messer, Löffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus
irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren.
Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem
aus dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Röckchen,
saß die kleine Erika, ein wohlgenährtes Kind mit kurzen hellblonden
Hausherrn stand, denn Herr Grünlich frühstückte warm.
Mit frisch frisierten Favoris und einem Gesicht, das um diese
Morgenstunde besonders rosig erschien, saß er, den Rücken dem Salon
zugewandt, fertig angekleidet, in schwarzem Rock und hellen,
großkarierten Beinkleidern, und verspeiste nach englischer Sitte ein leicht
gebratenes Kotelett. Seine Gattin fand dies zwar vornehm, außerdem aber
auch in so hohem Grade widerlich, daß sie sich niemals hatte entschließen
können, ihr gewohntes Brot- und Eifrühstück dagegen einzutauschen.
Tony war im Schlafrock; sie schwärmte für Schlafröcke. Nichts erschien
ihr vornehmer als ein elegantes Negligé, und da sie sich im Elternhause
dieser Leidenschaft nicht hatte überlassen dürfen, frönte sie ihr nun als
verheiratete Frau desto eifriger. Sie besaß drei dieser schmiegsamen und
zarten Kleidungsstücke, bei deren Herstellung mehr Geschmack,
Raffinement und Phantasie entfaltet werden kann, als bei einer Balltoilette.
Heute aber trug sie das dunkelrote Morgenkleid, dessen Farbe genau mit
dem Tone der Tapete über der Holztäfelung übereinstimmte und dessen
großgeblümter Stoff, weicher als Watte, überall mit einem Sprühregen ganz
winziger Glasperlchen von derselben Färbung durchwirkt war … Eine
gerade und dichte Reihe von roten Sammetschleifen lief vom Halsverschluß
bis zum Saume hinunter.
Ihr starkes aschblondes Haar, mit einer dunkelroten Sammetschleife
geschmückt, war über der Stirn gelockt. Obgleich, wie sie selbst wohl
wußte, ihr Äußeres seinen Höhepunkt bereits erreicht hatte, war der
kindliche, naive und kecke Ausdruck ihrer etwas hervorstehenden
Oberlippe derselbe geblieben wie ehemals. Die Lider ihrer graublauen
Augen waren vom kalten Wasser gerötet. Ihre Hände, die weißen, ein wenig
kurzen, aber feingegliederten Hände der Buddenbrooks, deren zarte
Gelenke von den Sammetrevers der Ärmel weich umschlossen wurden,
handhabten Messer, Löffel und Tasse mit Bewegungen, die heute aus
irgendeinem Grunde ein wenig abrupt und hastig waren.
Neben ihr, in einem turmartigen Kinderstuhl und bekleidet mit einem
aus dicker hellblauer Wolle gestrickten, formlosen und drolligen Röckchen,
saß die kleine Erika, ein wohlgenährtes Kind mit kurzen hellblonden
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Locken. Sie hielt mit beiden Händchen eine große Tasse umklammert, in
der ihr Gesichtchen völlig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem sie
hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen ließ.
Hierauf klingelte Frau Grünlich, und Thinka, das Folgmädchen, trat
vom Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in
die Spielstube zu tragen.
»Du kannst sie eine halbe Stunde draußen spazierenfahren, Thinka«,
sagte Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?… Es
nebelt.« – Sie blieb mit ihrem Gatten allein.
»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen,
indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm …
»Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an!… Ich k a n n mich
nicht immer um das Kind bekümmern …«
»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.«
»Kinderlieb … kinderlieb … Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt
mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber
auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht ausgeführt
sind …«
»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau …«
»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen,
reinzumachen, zu bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du
ißt schon am frühen Morgen Koteletts … Denke doch nach, Grünlich! Erika
muß über kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben …«
»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr schon jetzt ein eigenes
Kindermädchen zu halten.«
»Unseren Verhältnissen!… O Gott, du m a c h s t dich lächerlich! Sind
wir denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu
lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe
gebracht …«
»Ach, mit deinen achtzigtausend!«
der ihr Gesichtchen völlig verschwand, und schluckte ihre Milch, indem sie
hie und da kleine, hingebende Seufzer vernehmen ließ.
Hierauf klingelte Frau Grünlich, und Thinka, das Folgmädchen, trat
vom Korridor ein, um das Kind aus dem Turm zu heben und es hinauf in
die Spielstube zu tragen.
»Du kannst sie eine halbe Stunde draußen spazierenfahren, Thinka«,
sagte Tony. »Aber nicht länger, und in der dickeren Jacke, hörst du?… Es
nebelt.« – Sie blieb mit ihrem Gatten allein.
»Du machst dich ja lächerlich«, sagte sie nach einigem Stillschweigen,
indem sie ersichtlich ein unterbrochenes Gespräch wieder aufnahm …
»Hast du Gegengründe? Gib doch Gegengründe an!… Ich k a n n mich
nicht immer um das Kind bekümmern …«
»Du bist nicht kinderlieb, Antonie.«
»Kinderlieb … kinderlieb … Es fehlt mir an Zeit! Der Haushalt nimmt
mich in Anspruch! Ich wache mit zwanzig Gedanken auf, die tagsüber
auszuführen sind, und gehe mit vierzig zu Bett, die noch nicht ausgeführt
sind …«
»Es sind zwei Mädchen da. Eine so junge Frau …«
»Zwei Mädchen, gut. Thinka hat abzuwaschen, zu putzen,
reinzumachen, zu bedienen. Die Köchin ist über und über beschäftigt. Du
ißt schon am frühen Morgen Koteletts … Denke doch nach, Grünlich! Erika
muß über kurz oder lang jedenfalls eine Bonne, eine Erzieherin haben …«
»Es entspricht nicht unseren Verhältnissen, ihr schon jetzt ein eigenes
Kindermädchen zu halten.«
»Unseren Verhältnissen!… O Gott, du m a c h s t dich lächerlich! Sind
wir denn Bettler? Sind wir gezwungen, uns das Notwendigste abgehen zu
lassen? Meines Wissens habe ich dir achtzigtausend Mark in die Ehe
gebracht …«
»Ach, mit deinen achtzigtausend!«
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»Gewiß!… Du sprichst geringschätzig davon … Es kam dir nicht darauf
an … Du hast mich aus Liebe geheiratet … Gut. Aber liebst du mich
überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das
Kind soll kein Mädchen haben … Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie
das tägliche Brot, ist überhaupt keine Rede mehr … Warum läßt du uns
dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren
Ve r h ä l t n i s s e n nicht e n t s p r i c h t, einen Wagen zu halten, in dem wir
anständigerweise in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es
niemals gern, daß ich in die Stadt komme?… Am liebsten möchtest du, daß
wir uns hier ein für alle Male vergrüben und daß ich keinen Menschen mehr
zu Gesichte bekäme. Du bist sauertöpfig!«
Herr Grünlich goß sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und
ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht.
»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony … »Dein
Schweigen ist so ungezogen, daß ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an
einen gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern …
Damals machtest du eine andere Figur!… Vom ersten Tage an hast du nur
abends bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs
nahmst du wenigstens einige Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit
langer Zeit ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!«
»Und du? Du ruinierst mich.«
»Ich?… Ich ruiniere dich …«
»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach
Bedienung und Aufwand …«
»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen
Eltern nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich
mühsam in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, daß du
mir nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher
Mann; er konnte nicht erwarten, daß es mir jemals an Personal fehlen
würde …«
»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas
nützt.«
an … Du hast mich aus Liebe geheiratet … Gut. Aber liebst du mich
überhaupt noch? Du gehst über meine berechtigten Wünsche hinweg. Das
Kind soll kein Mädchen haben … Von dem Coupé, das uns nötig ist, wie
das tägliche Brot, ist überhaupt keine Rede mehr … Warum läßt du uns
dann beständig auf dem Lande wohnen, wenn es unseren
Ve r h ä l t n i s s e n nicht e n t s p r i c h t, einen Wagen zu halten, in dem wir
anständigerweise in Gesellschaft fahren können? Warum siehst du es
niemals gern, daß ich in die Stadt komme?… Am liebsten möchtest du, daß
wir uns hier ein für alle Male vergrüben und daß ich keinen Menschen mehr
zu Gesichte bekäme. Du bist sauertöpfig!«
Herr Grünlich goß sich Rotwein ins Glas, erhob die Kristallglocke und
ging zum Käse über. Er antwortete durchaus nicht.
»Liebst du mich überhaupt noch?« wiederholte Tony … »Dein
Schweigen ist so ungezogen, daß ich mir sehr wohl erlauben darf, dich an
einen gewissen Auftritt in unserem Landschaftszimmer zu erinnern …
Damals machtest du eine andere Figur!… Vom ersten Tage an hast du nur
abends bei mir gesessen, und das nur, um die Zeitung zu lesen. Anfangs
nahmst du wenigstens einige Rücksicht auf meine Wünsche. Aber seit
langer Zeit ist es auch damit zu Ende. Du vernachlässigst mich!«
»Und du? Du ruinierst mich.«
»Ich?… Ich ruiniere dich …«
»Ja. Du ruinierst mich mit deiner Trägheit, deiner Sucht nach
Bedienung und Aufwand …«
»Oh! wirf mir nicht meine gute Erziehung vor! Ich habe bei meinen
Eltern nicht nötig gehabt, einen Finger zu rühren. Jetzt habe ich mich
mühsam in den Haushalt einleben müssen, aber ich kann verlangen, daß du
mir nicht die einfachsten Hilfsmittel verweigerst. Vater ist ein reicher
Mann; er konnte nicht erwarten, daß es mir jemals an Personal fehlen
würde …«
»Dann warte mit dem dritten Mädchen, bis dieser Reichtum uns etwas
nützt.«
Page 191
»Willst du etwa Vaters Tod wünschen?!… Ich sage, daß wir
vermögende Leute sind, daß ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen
bin …«
Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte
überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony.
»Grünlich«, sagte sie ruhiger … »Du lächelst, du sprichst von unseren
Verhältnissen … Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte
Geschäfte gemacht? Hast du …«
In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel
gegen die Korridortür, und Herr Kesselmeyer trat ein.
Sechstes Kapitel
Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und
Paletot in die Stube und blieb an der Türe stehen. Sein Äußeres entsprach
durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon
gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick noch
dünn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock, ebensolche
Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weiße Weste, auf der sich
eine lange dünne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnüren kreuzte. Von
seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weiße Backenbart ab,
der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei ließ. Sein Mund war
klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im Unterkiefer zwei Zähne.
Während Herr Kesselmeyer, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen
vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich stehenblieb, setzte er diese
beiden gelben, kegelförmigen Eckzähne auf die Oberlippe. Die weißen und
schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe flatterten leise, obgleich nicht
der geringste Lufthauch fühlbar war.
Endlich zog er die Hände hervor, bückte sich, ließ die Unterlippe
hängen und befreite mühselig ein Kneiferband aus der allgemeinen
Verwicklung auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem
Schlag auf die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt,
musterte das Ehepaar und bemerkte: »Ahah.«
vermögende Leute sind, daß ich nicht mit leeren Händen zu dir gekommen
bin …«
Obgleich Herr Grünlich im Kauen begriffen war, lächelte er; er lächelte
überlegen, wehmütig und schweigend. Dies verwirrte Tony.
»Grünlich«, sagte sie ruhiger … »Du lächelst, du sprichst von unseren
Verhältnissen … Täusche ich mich über die Lage? Hast du schlechte
Geschäfte gemacht? Hast du …«
In diesem Augenblicke geschah ein Klopfen, ein kurzer Trommelwirbel
gegen die Korridortür, und Herr Kesselmeyer trat ein.
Sechstes Kapitel
Herr Kesselmeyer kam als Hausfreund unangemeldet, ohne Hut und
Paletot in die Stube und blieb an der Türe stehen. Sein Äußeres entsprach
durchaus der Beschreibung, die Tony in einem Briefe an ihre Mutter davon
gemacht hatte. Er war von leicht untersetzter Gestalt und weder dick noch
dünn. Er trug einen schwarzen und schon etwas blanken Rock, ebensolche
Beinkleider, die eng und kurz waren und eine weiße Weste, auf der sich
eine lange dünne Uhrkette mit zwei oder drei Kneiferschnüren kreuzte. Von
seinem roten Gesicht hob sich scharf der geschorene weiße Backenbart ab,
der die Wangen bedeckte und Kinn und Lippen frei ließ. Sein Mund war
klein, beweglich, drollig und enthielt lediglich im Unterkiefer zwei Zähne.
Während Herr Kesselmeyer, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen
vergraben, konfus, abwesend und nachdenklich stehenblieb, setzte er diese
beiden gelben, kegelförmigen Eckzähne auf die Oberlippe. Die weißen und
schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe flatterten leise, obgleich nicht
der geringste Lufthauch fühlbar war.
Endlich zog er die Hände hervor, bückte sich, ließ die Unterlippe
hängen und befreite mühselig ein Kneiferband aus der allgemeinen
Verwicklung auf seiner Brust. Dann hieb er sich das Pincenez mit einem
Schlag auf die Nase, wobei er die abenteuerlichste Grimasse schnitt,
musterte das Ehepaar und bemerkte: »Ahah.«
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Es ist, da er diese Redewendung außerordentlich oft gebrauchte, sofort
zu bemerken, daß er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger Weise
hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurückgelegtem Kopf,
krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft
umherfuchtelnden Händen mit einem langgezogenen, nasalen und
metallischen Klange ertönen lassen, der an den Gesang eines chinesischen
Gongs erinnerte … und er konnte sie, andererseits und abgesehen von
vielen Nuancen, ganz kurz, beiläufig und sanft beiseite werfen, was sich
vielleicht noch drolliger ausnahm; denn er sprach ein sehr getrübtes und
näselndes A. Heute ließ er ein flüchtiges, heiteres und von einem kleinen
krampfhaften Kopfschütteln begleitetes »Ahah« verlauten, das aus einer
ungeheuer fröhlichen Gemütsstimmung hervorzugehen schien … und doch
durfte dem nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, daß der
Bankier Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefährlicherer Laune
er sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf
die Nase hieb und wieder fallen ließ, mit den Armen flatterte, schwatzte und
sich vor übermäßiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wußte, so
konnte man sicher sein, daß die Bosheit an seinem Inneren zehrte … Herr
Grünlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mißtrauen an.
»Schon so früh?« fragte er …
»Jaha …« antwortete Herr Kesselmeyer und schüttelte eine seiner
kleinen, roten, runzligen Hände in der Luft, als wollte er sagen: Gedulde
dich nur, es gibt eine Überraschung!… »Ich habe mit Ihnen zu reden!
Unverzüglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber!« Er sprach höchst
lächerlich. Er wälzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit
unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes
von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet. Herrn
Grünlichs Blinzeln wurde noch mißtrauischer.
»Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer«, sagte Tony. »Setzen Sie sich
hin. Es ist hübsch, daß Sie kommen … Passen Sie mal auf. Sie sollen
Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grünlich gehabt … Nun
sagen Sie mal: Muß ein dreijähriges Kind ein Kindermädchen haben oder
nicht! Nun?…«
zu bemerken, daß er sie in sehr verschiedener und sehr eigenartiger Weise
hervorzubringen pflegte. Er konnte sie mit zurückgelegtem Kopf,
krausgezogener Nase, weit offenem Munde und in der Luft
umherfuchtelnden Händen mit einem langgezogenen, nasalen und
metallischen Klange ertönen lassen, der an den Gesang eines chinesischen
Gongs erinnerte … und er konnte sie, andererseits und abgesehen von
vielen Nuancen, ganz kurz, beiläufig und sanft beiseite werfen, was sich
vielleicht noch drolliger ausnahm; denn er sprach ein sehr getrübtes und
näselndes A. Heute ließ er ein flüchtiges, heiteres und von einem kleinen
krampfhaften Kopfschütteln begleitetes »Ahah« verlauten, das aus einer
ungeheuer fröhlichen Gemütsstimmung hervorzugehen schien … und doch
durfte dem nicht getraut werden, denn es bestand die Tatsache, daß der
Bankier Kesselmeyer sich desto lustiger benahm, in je gefährlicherer Laune
er sich befand. Wenn er mit tausend Ahahs umhersprang, den Kneifer auf
die Nase hieb und wieder fallen ließ, mit den Armen flatterte, schwatzte und
sich vor übermäßiger Albernheit ersichtlich nicht zu lassen wußte, so
konnte man sicher sein, daß die Bosheit an seinem Inneren zehrte … Herr
Grünlich sah ihn blinzelnd und mit unverhohlenem Mißtrauen an.
»Schon so früh?« fragte er …
»Jaha …« antwortete Herr Kesselmeyer und schüttelte eine seiner
kleinen, roten, runzligen Hände in der Luft, als wollte er sagen: Gedulde
dich nur, es gibt eine Überraschung!… »Ich habe mit Ihnen zu reden!
Unverzüglich zu reden mit Ihnen, mein Lieber!« Er sprach höchst
lächerlich. Er wälzte jedes Wort im Munde umher und gab es mit
unsinnigem Kraftaufwand seines kleinen, zahnarmen, beweglichen Mundes
von sich. Das R rollte er in einer Weise, als sei sein Gaumen gefettet. Herrn
Grünlichs Blinzeln wurde noch mißtrauischer.
»Kommen Sie her, Herr Kesselmeyer«, sagte Tony. »Setzen Sie sich
hin. Es ist hübsch, daß Sie kommen … Passen Sie mal auf. Sie sollen
Schiedsrichter sein. Ich habe eben einen Streit mit Grünlich gehabt … Nun
sagen Sie mal: Muß ein dreijähriges Kind ein Kindermädchen haben oder
nicht! Nun?…«
Page 193
Allein Herr Kesselmeyer schien gar nicht auf sie zu achten. Er hatte
Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur
immer möglich öffnete und die Nase in Falten legte, mit einem Zeigefinger
seinen geschorenen Backenbart, was ein nervös machendes Geräusch ergab,
und musterte über das Pincenez hinweg mit unsäglich fröhlicher Miene den
eleganten Frühstückstisch, den silbernen Brotkorb, die Etikette der
Rotweinflasche …
»Nämlich«, fuhr Tony fort, »Grünlich behauptet, ich ruiniere ihn!«
Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an … und dann blickte er Herrn
Grünlich an … und dann brach er in ein unerhörtes Gelächter aus! »Sie
ruinieren ihn …?« rief er. »Sie … ruin … Sie … Sie ruinieren ihn also?…
O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!… Das ist spaßhaft!… Das ist höchst,
höchst, h ö c h s t spaßhaft!« Worauf er sich einer Flut von unterschiedlichen
Ahahs überließ.
Herr Grünlich rückte sichtlich nervös auf seinem Stuhl hin und her.
Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und
Hals und ließ hastig seine goldgelben Favoris durch die Hände gleiten …
»Kesselmeyer!« sagte er. »Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen?
Hören Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine
Zigarre haben? Worüber lachen Sie eigentlich?«
»Worüber ich lache?… Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir
eine Zigarre … Worüber ich lache? Sie finden also, daß Ihre Frau Gemahlin
Sie ruiniert?«
»Sie ist allzu luxuriös veranlagt«, sagte Herr Grünlich ärgerlich.
Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurückgelehnt, die Hände
im Schoße, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit keck
hervorgeschobener Oberlippe: »Ja … So bin ich einmal. Das ist klar. Ich
habe es von Mama. Alle Krögers haben immer Hang zum Luxus gehabt.«
Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie leichtsinnig,
jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete sie
nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und
machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre
Platz genommen, kraute, indem er seinen winzigen Mund so weit wie nur
immer möglich öffnete und die Nase in Falten legte, mit einem Zeigefinger
seinen geschorenen Backenbart, was ein nervös machendes Geräusch ergab,
und musterte über das Pincenez hinweg mit unsäglich fröhlicher Miene den
eleganten Frühstückstisch, den silbernen Brotkorb, die Etikette der
Rotweinflasche …
»Nämlich«, fuhr Tony fort, »Grünlich behauptet, ich ruiniere ihn!«
Hier blickte Herr Kesselmeyer sie an … und dann blickte er Herrn
Grünlich an … und dann brach er in ein unerhörtes Gelächter aus! »Sie
ruinieren ihn …?« rief er. »Sie … ruin … Sie … Sie ruinieren ihn also?…
O Gott! Ach Gott! Du liebe Zeit!… Das ist spaßhaft!… Das ist höchst,
höchst, h ö c h s t spaßhaft!« Worauf er sich einer Flut von unterschiedlichen
Ahahs überließ.
Herr Grünlich rückte sichtlich nervös auf seinem Stuhl hin und her.
Abwechselnd fuhr er mit seinem langen Zeigefinger zwischen Kragen und
Hals und ließ hastig seine goldgelben Favoris durch die Hände gleiten …
»Kesselmeyer!« sagte er. »Fassen Sie sich doch! Sind Sie von Sinnen?
Hören Sie doch auf zu lachen! Wollen Sie Wein haben? Wollen Sie eine
Zigarre haben? Worüber lachen Sie eigentlich?«
»Worüber ich lache?… Ja, geben Sie mir ein Glas Wein, geben Sie mir
eine Zigarre … Worüber ich lache? Sie finden also, daß Ihre Frau Gemahlin
Sie ruiniert?«
»Sie ist allzu luxuriös veranlagt«, sagte Herr Grünlich ärgerlich.
Tony bestritt dies durchaus nicht. Ganz ruhig zurückgelehnt, die Hände
im Schoße, auf den Sammetschleifen ihres Schlafrockes, sagte sie mit keck
hervorgeschobener Oberlippe: »Ja … So bin ich einmal. Das ist klar. Ich
habe es von Mama. Alle Krögers haben immer Hang zum Luxus gehabt.«
Sie würde mit der gleichen Ruhe erklärt haben, daß sie leichtsinnig,
jähzornig, rachsüchtig sei. Ihr ausgeprägter Familiensinn entfremdete sie
nahezu den Begriffen des freien Willens und der Selbstbestimmung und
machte, daß sie mit einem beinahe fatalistischen Gleichmut ihre
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Eigenschaften feststellte und anerkannte … ohne Unterschied und ohne den
Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der Meinung,
daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück, eine
Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor man
in jedem Falle Respekt haben müsse.
Herr Grünlich hatte fertig gefrühstückt, und der Duft der beiden
Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst.
»Haben Sie Luft, Kesselmeyer?« fragte der Hausherr … »Nehmen Sie
eine andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein … Sie wollen
also mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?… Finden Sie es vielleicht zu
warm hier?… Wir fahren nachher zusammen zur Stadt … Im Rauchzimmer
ist es übrigens kühler …« Aber zu allen diesen Bemühungen schüttelte Herr
Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen: Das führt
zu nichts, mein Lieber!
Endlich erhob man sich, und während Tony im Speisezimmer verblieb,
um das Folgmädchen beim Abdecken zu überwachen, führte Herr Grünlich
seinen Geschäftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze seines
linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte, schritt er
geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand Herr
Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer.
Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den
Salon begeben, um persönlich mit einem bunten Federbüschel über die
glänzende Nußholzplatte des winzigen Sekretärs und die geschweiften
Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Eßzimmer ins
Wohngemach hinüber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Würde.
Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grünlich ersichtlich an
Selbstbewußtsein nichts eingebüßt. Sie hielt sich überaus aufrecht, drückte
das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von oben herab.
In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlüsselkorb, die andere
leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes geschoben, ließ
sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten umspielen, während doch
der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes verriet, daß diese ganze
Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und Spielerisches war.
Versuch, sie zu korrigieren. Sie war, ohne es selbst zu wissen, der Meinung,
daß jede Eigenschaft, gleichviel welcher Art, ein Erbstück, eine
Familientradition bedeute und folglich etwas Ehrwürdiges sei, wovor man
in jedem Falle Respekt haben müsse.
Herr Grünlich hatte fertig gefrühstückt, und der Duft der beiden
Zigarren vermischte sich mit dem warmen Ofendunst.
»Haben Sie Luft, Kesselmeyer?« fragte der Hausherr … »Nehmen Sie
eine andere. Ich schenke Ihnen noch ein Glas Rotwein ein … Sie wollen
also mit mir reden? Ist es eilig? Von Belang?… Finden Sie es vielleicht zu
warm hier?… Wir fahren nachher zusammen zur Stadt … Im Rauchzimmer
ist es übrigens kühler …« Aber zu allen diesen Bemühungen schüttelte Herr
Kesselmeyer lediglich eine Hand in der Luft, als wollte er sagen: Das führt
zu nichts, mein Lieber!
Endlich erhob man sich, und während Tony im Speisezimmer verblieb,
um das Folgmädchen beim Abdecken zu überwachen, führte Herr Grünlich
seinen Geschäftsfreund durch das Penseezimmer. Indem er die Spitze seines
linken Backenbartes nachdenklich zwischen den Fingern drehte, schritt er
geneigten Hauptes voran; mit den Armen rudernd, verschwand Herr
Kesselmeyer hinter ihm im Rauchzimmer.
Zehn Minuten verstrichen. Tony hatte sich auf einen Augenblick in den
Salon begeben, um persönlich mit einem bunten Federbüschel über die
glänzende Nußholzplatte des winzigen Sekretärs und die geschweiften
Beine des Tisches zu fahren, und ging nun langsam durch das Eßzimmer ins
Wohngemach hinüber. Sie schritt ruhig und mit unverkennbarer Würde.
Demoiselle Buddenbrook hatte als Madame Grünlich ersichtlich an
Selbstbewußtsein nichts eingebüßt. Sie hielt sich überaus aufrecht, drückte
das Kinn ein wenig auf die Brust und betrachtete die Dinge von oben herab.
In der einen Hand den zierlichen lackierten Schlüsselkorb, die andere
leichthin in die Seitentasche ihres dunkelroten Schlafrockes geschoben, ließ
sie sich ernsthaft von den langen, weichen Falten umspielen, während doch
der naive und unwissende Ausdruck ihres Mundes verriet, daß diese ganze
Würde etwas unendlich Kindliches, Harmloses und Spielerisches war.
Page 195
Im Penseezimmer bewegte sie sich mit der kleinen messingnen Brause
umher, um die schwarze Erde der Blattgewächse zu tränken. Sie liebte ihre
Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung beitrugen. Sie
betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der dicken, runden Schäfte,
prüfte zärtlich die majestätisch entfalteten Fächer und entfernte hie und da
eine gelbe Spitze mit der Schere … Plötzlich horchte sie auf. Die
Unterredung im Rauchzimmer, die schon seit mehreren Minuten einen
lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt so laut, daß man hier
drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Türe stark und die Portiere
schwer war.
»Schreien Sie doch nicht! Mäßigen Sie sich doch, Gott im Himmel!«
hörte man Herrn Grünlich rufen, dessen weiche Stimme die
Überanstrengung nicht vertragen konnte und sich daher quiekend
überschlug … »Nehmen Sie doch noch eine Zigarre!« setzte er dann mit
verzweifelter Milde hinzu.
»Ja, mit dem größesten Vergnügen, danke sehr«, antwortete der Bankier,
worauf eine Pause eintrat, während derer Herr Kesselmeyer sich wohl
bediente. Hierauf sagte er: »Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen Sie
nicht, eins von beidem!«
»Kesselmeyer, prolongieren Sie!«
»Ahah? Na…hein, n e i n, mein Lieber, keineswegs, davon ist überhaupt
nicht die Rede …«
»Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verständig um des
Himmels willen! Haben Sie so lange gewartet …«
»Keinen Tag länger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine
Stunde länger! Verläßt sich denn noch irgend jemand auf …«
»Keinen Namen, Kesselmeyer!«
»Keinen Namen … schön. Verläßt sich noch irgend jemand auf Ihren
wohllöblichen Herrn Schw …«
»Keine Bezeichnung …! Allmächtiger Gott, seien Sie doch nicht
albern!«
umher, um die schwarze Erde der Blattgewächse zu tränken. Sie liebte ihre
Palmen sehr, die so prachtvoll zur Vornehmheit der Wohnung beitrugen. Sie
betastete behutsam einen jungen Trieb an einem der dicken, runden Schäfte,
prüfte zärtlich die majestätisch entfalteten Fächer und entfernte hie und da
eine gelbe Spitze mit der Schere … Plötzlich horchte sie auf. Die
Unterredung im Rauchzimmer, die schon seit mehreren Minuten einen
lebhaften Klang angenommen hatte, ward jetzt so laut, daß man hier
drinnen jedes Wort verstand, obgleich die Türe stark und die Portiere
schwer war.
»Schreien Sie doch nicht! Mäßigen Sie sich doch, Gott im Himmel!«
hörte man Herrn Grünlich rufen, dessen weiche Stimme die
Überanstrengung nicht vertragen konnte und sich daher quiekend
überschlug … »Nehmen Sie doch noch eine Zigarre!« setzte er dann mit
verzweifelter Milde hinzu.
»Ja, mit dem größesten Vergnügen, danke sehr«, antwortete der Bankier,
worauf eine Pause eintrat, während derer Herr Kesselmeyer sich wohl
bediente. Hierauf sagte er: »Kurz und gut, wollen Sie nun oder wollen Sie
nicht, eins von beidem!«
»Kesselmeyer, prolongieren Sie!«
»Ahah? Na…hein, n e i n, mein Lieber, keineswegs, davon ist überhaupt
nicht die Rede …«
»Warum nicht? Was ficht Sie an? Seien Sie doch verständig um des
Himmels willen! Haben Sie so lange gewartet …«
»Keinen Tag länger, mein Lieber! Ja, sagen wir acht Tage, aber keine
Stunde länger! Verläßt sich denn noch irgend jemand auf …«
»Keinen Namen, Kesselmeyer!«
»Keinen Namen … schön. Verläßt sich noch irgend jemand auf Ihren
wohllöblichen Herrn Schw …«
»Keine Bezeichnung …! Allmächtiger Gott, seien Sie doch nicht
albern!«
Page 196
»Schön, keine Bezeichnung! Verläßt sich noch irgend jemand auf die
bewußte Firma, mit der Ihr Kredit steht und fällt, mein Lieber? Wieviel hat
sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fünfzigtausend?
Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Daß sie engagiert war, ganz
ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dächern …
Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war … schön, keinen Namen!
Gestern war die bewußte Firma gut und schützte Sie unbewußt vollkommen
vor Bedrängnis … Heute ist sie flau, und B. Grünlich ist fläuer-am-
fläuesten … das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie sind doch der
erste, der solche Schwankungen zu fühlen hat … Wie begegnet man Ihnen
denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker sind wohl
ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich denn die
Kreditbank?«
»Sie prolongiert.«
»Ahah? Sie lügen ja? Ich weiß ja, daß sie Ihnen schon gestern einen
Tritt versetzt hat? Einen höchst, höchst aufmunternden Tritt?… Nun sehen
Sie mal!… Aber schämen Sie sich nur nicht. Es liegt natürlich in Ihrem
Interesse, mir weiszumachen, daß die anderen nach wie vor ruhig und
sicher sind … Na – hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul. Ich warte
eine Woche.«
»Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!«
»Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen läßt man sich
erlegen, um sich vorderhand von jemandes Zahlungsfähigkeit zu
überzeugen! Habe ich das Bedürfnis, d a r ü b e r Experimente anzustellen?
Ich weiß doch wundervoll Bescheid, wie es mit I h r e r Zahlungsfähigkeit
bestellt ist! Ha-ahah … Abschlagssumme finde ich höchst, höchst
spaßhaft …«
»Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht
fortwährend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst … ja, ich gestehe, sie
ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschäfte in der Schwebe … Alles
kann sich zum Guten wenden. Hören Sie, passen Sie auf: Prolongieren Sie,
und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent …«
bewußte Firma, mit der Ihr Kredit steht und fällt, mein Lieber? Wieviel hat
sie verloren bei dem Bankerott in Bremen? Fünfzigtausend?
Siebzigtausend? Hunderttausend? Noch mehr? Daß sie engagiert war, ganz
ungeheuer engagiert war, das wissen die Spatzen auf den Dächern …
Dergleichen ist Stimmungssache. Gestern war … schön, keinen Namen!
Gestern war die bewußte Firma gut und schützte Sie unbewußt vollkommen
vor Bedrängnis … Heute ist sie flau, und B. Grünlich ist fläuer-am-
fläuesten … das ist doch klar? Merken Sie es denn nicht? Sie sind doch der
erste, der solche Schwankungen zu fühlen hat … Wie begegnet man Ihnen
denn? Wie sieht man Sie denn an? Bock und Goudstikker sind wohl
ungeheuer zuvorkommend und vertrauensvoll? Wie benimmt sich denn die
Kreditbank?«
»Sie prolongiert.«
»Ahah? Sie lügen ja? Ich weiß ja, daß sie Ihnen schon gestern einen
Tritt versetzt hat? Einen höchst, höchst aufmunternden Tritt?… Nun sehen
Sie mal!… Aber schämen Sie sich nur nicht. Es liegt natürlich in Ihrem
Interesse, mir weiszumachen, daß die anderen nach wie vor ruhig und
sicher sind … Na – hein, mein Lieber! Schreiben Sie dem Konsul. Ich warte
eine Woche.«
»Eine Abschlagssumme, Kesselmeyer!«
»Abschlagssumme her und hin! Abschlagssummen läßt man sich
erlegen, um sich vorderhand von jemandes Zahlungsfähigkeit zu
überzeugen! Habe ich das Bedürfnis, d a r ü b e r Experimente anzustellen?
Ich weiß doch wundervoll Bescheid, wie es mit I h r e r Zahlungsfähigkeit
bestellt ist! Ha-ahah … Abschlagssumme finde ich höchst, höchst
spaßhaft …«
»Mäßigen Sie doch Ihre Stimme, Kesselmeyer! Lachen Sie doch nicht
fortwährend so gottverflucht! Meine Lage ist so ernst … ja, ich gestehe, sie
ist ernst; aber ich habe soundso viele Geschäfte in der Schwebe … Alles
kann sich zum Guten wenden. Hören Sie, passen Sie auf: Prolongieren Sie,
und ich unterschreibe Ihnen 20 Prozent …«
Page 197
»Nichtsda, nichtsda … höchst lächerlich, mein Lieber! Na-hein, ich bin
ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent geboten,
und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent geboten, und ich
habe jedesmal prolongiert. Jetzt könnten Sie mir 40 bieten, und ich würde
nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran denken, mein Lieber!…
Seit Gebrüder Westfahl in Bremen auf die Nase fielen, sucht für den
Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten Firma abzuwickeln
und sich sicherzustellen … Wie gesagt, ich bin für rechtzeitigen Verkauf.
Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange Johann Buddenbrook
zweifellos gut war … mittlerweile konnte ich ja die rückständigen Zinsen
zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente steigern! Aber man behält
eine Sache doch nur so lange, als sie steigt oder wenigstens solide feststeht
… wenn sie anfängt zu fallen, so verkauft man … will sagen, ich verlange
mein Kapital.«
»Kesselmeyer, Sie sind schamlos!«
»A-aha, schamlos finde ich höchst spaßhaft!… Was wollen Sie
überhaupt? Sie müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden!
Die Kreditbank tobt, und im übrigen sind Sie doch auch nicht grade
fleckenlos …«
»Nein, Kesselmeyer … ich beschwöre Sie, hören Sie jetzt mal ruhig
zu!… Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist
ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen … Es sind mir
Wechsel vorgelegt worden … Alles scheint sich verabredet zu haben …«
»Selbstverständlich. Unter diesen Umständen … Aber da ist es doch ein
Aufwaschen …«
»Nein, Kesselmeyer, hören Sie mich an!… Tun Sie mir doch die Liebe,
noch eine Zigarre zu nehmen …«
»Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hälfte fertig?! Lassen Sie mich mit
Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie …«
»Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen … Sie sind mein
Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen …«
»Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?«
ein Freund des Verkaufs zur rechten Zeit! Sie haben mir 8 Prozent geboten,
und ich habe prolongiert. Sie haben mir 12 und 16 Prozent geboten, und ich
habe jedesmal prolongiert. Jetzt könnten Sie mir 40 bieten, und ich würde
nicht denken an Prolongation, nicht einmal daran denken, mein Lieber!…
Seit Gebrüder Westfahl in Bremen auf die Nase fielen, sucht für den
Augenblick jeder seine Interessen von der bewußten Firma abzuwickeln
und sich sicherzustellen … Wie gesagt, ich bin für rechtzeitigen Verkauf.
Ich habe Ihre Unterschriften behalten, solange Johann Buddenbrook
zweifellos gut war … mittlerweile konnte ich ja die rückständigen Zinsen
zum Kapitale schlagen und Ihnen die Prozente steigern! Aber man behält
eine Sache doch nur so lange, als sie steigt oder wenigstens solide feststeht
… wenn sie anfängt zu fallen, so verkauft man … will sagen, ich verlange
mein Kapital.«
»Kesselmeyer, Sie sind schamlos!«
»A-aha, schamlos finde ich höchst spaßhaft!… Was wollen Sie
überhaupt? Sie müssen sich ja sowieso an Ihren Schwiegervater wenden!
Die Kreditbank tobt, und im übrigen sind Sie doch auch nicht grade
fleckenlos …«
»Nein, Kesselmeyer … ich beschwöre Sie, hören Sie jetzt mal ruhig
zu!… Ja, ich bin offen, ich gestehe Ihnen unumwunden, meine Lage ist
ernst. Sie und die Kreditbank sind ja nicht die einzigen … Es sind mir
Wechsel vorgelegt worden … Alles scheint sich verabredet zu haben …«
»Selbstverständlich. Unter diesen Umständen … Aber da ist es doch ein
Aufwaschen …«
»Nein, Kesselmeyer, hören Sie mich an!… Tun Sie mir doch die Liebe,
noch eine Zigarre zu nehmen …«
»Ich bin ja mit dieser noch nicht zur Hälfte fertig?! Lassen Sie mich mit
Ihren Zigarren in Ruhe! Bezahlen Sie …«
»Kesselmeyer, lassen Sie mich jetzt nicht fallen … Sie sind mein
Freund, Sie haben an meinem Tische gesessen …«
»Sie vielleicht nicht an meinem, mein Lieber?«
Page 198
»Jaja … aber kündigen Sie mir jetzt Ihren Kredit nicht,
Kesselmeyer …!«
»Kredit? K r e d i t auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue
Anleihe …?«
»Ja, Kesselmeyer, ich beschwöre Sie … wenig, eine Kleinigkeit!… Ich
brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen zu
machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen … Halten Sie
mich, und Sie werden ein großes Geschäft machen! Wie gesagt, eine Menge
Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe … Alles wird sich zum
Guten wenden … Sie wissen, ich bin rege und findig …«
»Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die
übergroße Güte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen
wollen?… Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen auch
nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen
Schwiegervater?… Ach nein … Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl
hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung! Na-
hein, meine höchste Anerkennung …«
»Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen …«
»Ein Geck sind Sie! Rege und findig … ja, aber immer nur zugunsten
anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupulös, und doch haben Sie noch
niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbübereien begangen, Sie
haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen. Sie
haben Ihre ganze Ehrlichkeit über Bord geworfen, ohne den geringsten
Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund
und sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche
Leute; sie sind höchst, höchst spaßhaft!… Warum haben Sie eigentlich
solche Angst, sich endgültig mit der ganzen Geschichte an den Bewußten
zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fühlen? Weil es damals vor
vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz säuberlich
zugegangen ist, wie? Fürchten Sie, daß gewisse Dinge …«
»Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert?
Wenn er mich fallen läßt?…«
Kesselmeyer …!«
»Kredit? K r e d i t auch noch? Sind Sie eigentlich bei Troste? Eine neue
Anleihe …?«
»Ja, Kesselmeyer, ich beschwöre Sie … wenig, eine Kleinigkeit!… Ich
brauche nur nach rechts und links ein paar Aus- und Abschlagszahlungen zu
machen, um mir wieder Respekt und Geduld zu verschaffen … Halten Sie
mich, und Sie werden ein großes Geschäft machen! Wie gesagt, eine Menge
Angelegenheiten befinden sich in der Schwebe … Alles wird sich zum
Guten wenden … Sie wissen, ich bin rege und findig …«
»Ja, ein Geck, ein Tapps sind Sie, mein Lieber! Wollen Sie nicht die
übergroße Güte haben, mir zu sagen, was Sie jetzt noch ausfindig machen
wollen?… Vielleicht irgendwo in der weiten Welt eine Bank, die Ihnen auch
nur einen Silbergroschen auf den Tisch legt? Oder noch einen
Schwiegervater?… Ach nein … Ihren Hauptcoup haben Sie doch wohl
hinter sich! Dergleichen machen Sie nicht noch einmal! Alle Achtung! Na-
hein, meine höchste Anerkennung …«
»Sprechen Sie doch leiser in Teufels Namen …«
»Ein Geck sind Sie! Rege und findig … ja, aber immer nur zugunsten
anderer Leute! Sie sind gar nicht skrupulös, und doch haben Sie noch
niemals Vorteile davon gehabt. Sie haben Spitzbübereien begangen, Sie
haben sich Kapital ergaunert, nur um mir statt 12 Prozent 16 zu zahlen. Sie
haben Ihre ganze Ehrlichkeit über Bord geworfen, ohne den geringsten
Nutzen davon zu haben. Sie haben ein Gewissen wie ein Schlachterhund
und sind doch ein Pechvogel, ein Tropf, ein armer Narr! Es gibt solche
Leute; sie sind höchst, höchst spaßhaft!… Warum haben Sie eigentlich
solche Angst, sich endgültig mit der ganzen Geschichte an den Bewußten
zu wenden? Weil Sie sich nicht ganz wohl dabei fühlen? Weil es damals vor
vier Jahren nicht alles in Ordnung war? nicht alles ganz säuberlich
zugegangen ist, wie? Fürchten Sie, daß gewisse Dinge …«
»Gut, Kesselmeyer, ich werde schreiben. Aber wenn er sich weigert?
Wenn er mich fallen läßt?…«
Page 199
»Oh … aha! Dann machen wir einen kleinen Bankerott, ein höchst
spaßhaftes Bankeröttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an, nicht
im allermindesten! Ich persönlich bin durch die Zinsen, die Sie hie und da
zusammengekratzt haben, schon ungefähr auf meine Kosten gekommen …
und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer … Und
passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich weiß hier Bescheid bei
Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon zum voraus in
der Tasche … aha! ich werde schon dafür sorgen, daß auch kein silbernes
Brotkörbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft wird …«
»Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen …«
»Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!… In acht Tagen hole ich
mir Antwort. Ich g e h e zur Stadt; ein bißchen Bewegung wird mir
ungeheuer gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Fröhlichen guten
Morgen …«
Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm
seine sonderbaren, schlürfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im
Geiste mit den Armen rudern …
Als Herr Grünlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die
messingne Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen.
»Was stehst du … was starrst du …«, sagte er, indem er die Zähne
zeigte, mit den Händen vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den
Oberkörper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besaß nicht die
Fähigkeit, völlig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines
Scharlachkranken.
Siebentes Kapitel
Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa
ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grünlichs und umarmte
mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich
und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, seine
Nase sprang scharf und groß zwischen den eingefallenen Wangen hervor,
spaßhaftes Bankeröttchen, mein Lieber! Das ficht mich gar nicht an, nicht
im allermindesten! Ich persönlich bin durch die Zinsen, die Sie hie und da
zusammengekratzt haben, schon ungefähr auf meine Kosten gekommen …
und bei der Konkursmasse habe ich die Vorhand, mein Teurer … Und
passen Sie auf, ich werde nicht zu kurz kommen. Ich weiß hier Bescheid bei
Ihnen, mein Verehrter! Ich habe die Inventaraufnahme schon zum voraus in
der Tasche … aha! ich werde schon dafür sorgen, daß auch kein silbernes
Brotkörbchen und kein Schlafrock beiseite geschafft wird …«
»Kesselmeyer, Sie haben an meinem Tische gesessen …«
»Lassen Sie mich mit Ihrem Tische in Ruhe!… In acht Tagen hole ich
mir Antwort. Ich g e h e zur Stadt; ein bißchen Bewegung wird mir
ungeheuer gut tun. Guten Morgen, mein Lieber! Fröhlichen guten
Morgen …«
Und Herr Kesselmeyer schien aufzubrechen; ja, er ging. Man vernahm
seine sonderbaren, schlürfenden Schritte auf dem Korridor und sah ihn im
Geiste mit den Armen rudern …
Als Herr Grünlich ins Penseezimmer trat, stand Tony dort, die
messingne Brause in der Hand, und blickte ihm in die Augen.
»Was stehst du … was starrst du …«, sagte er, indem er die Zähne
zeigte, mit den Händen vage Bewegungen in der Luft beschrieb und den
Oberkörper hin und her wiegte. Sein rosiges Gesicht besaß nicht die
Fähigkeit, völlig bleich zu werden. Es war rot gefleckt, wie das eines
Scharlachkranken.
Siebentes Kapitel
Der Konsul Johann Buddenbrook traf nachmittags um 2 Uhr in der Villa
ein; im grauen Reisemantel betrat er den Salon der Grünlichs und umarmte
mit einer gewissen schmerzlichen Innigkeit seine Tochter. Er war bleich
und schien gealtert. Seine kleinen Augen lagen tief in den Höhlen, seine
Nase sprang scharf und groß zwischen den eingefallenen Wangen hervor,
Page 200
seine Lippen schienen schmaler geworden zu sein, und sein Bart, den er
neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den Schläfen
bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von den steifen
Vatermördern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes und der
Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein Haupthaar.
Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas
war an einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der
Kellen war der Vater von dem Unglücksfalle benachrichtigt worden. Er
hatte die Geschäfte in den bedächtigen Händen seines Prokuristen
zurückgelassen und war auf dem kürzesten Wege nach Amsterdam geeilt.
Es hatte sich erwiesen, daß die Erkrankung seines Sohnes keine
unmittelbare Gefahr in sich schließe, daß aber eine Luftkur im Süden, in
Südfrankreich, dringend ratsam sei, und da es sich günstig getroffen hatte,
daß auch für den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant
worden war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefähig
war, gemeinsam nach Pau abreisen lassen.
Kaum nach Hause zurückgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen
worden, der sein Haus für einen Augenblick in seinen Grundfesten
erschüttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er »auf einem
Brett« achtzigtausend Mark verloren hatte … wodurch? Die auf »Gebr.
Westfahl« gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Käufer ihre
Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurückgekommen. Nicht als ob
Deckung gefehlt hätte; die Firma hatte gezeigt, was sie vermochte, sofort,
ohne Zögern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war kein Hindernis
dafür gewesen, daß der Konsul all die plötzliche Kälte, die Zurückhaltung,
das Mißtrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein solcher
Unglücksfall, eine solche Schwächung des Betriebskapitals bei Banken, bei
»Freunden«, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt …
Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefaßt, beruhigt,
geregelt, die Stirne geboten … Da aber, mitten im Kampf, mitten unter
Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies über ihn
hereingebrochen: Grünlich, B. Grünlich, der Mann seiner Tochter, war
zahlungsunfähig, und in einem langen, verwirrten und unendlich kläglichen
Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von hundert- bis
hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz, oberflächlich und
neuerdings nicht mehr als zwei gelockte Streifen trug, die von den Schläfen
bis zur Mitte der Wangen liefen, sondern der, halb verdeckt von den steifen
Vatermördern und der hohen Halsbinde, unterhalb des Kinnes und der
Kinnladen an seinem Halse wuchs, war so stark ergraut wie sein Haupthaar.
Der Konsul hatte schwere und aufreibende Tage hinter sich. Thomas
war an einer Lungenblutung erkrankt; durch einen Brief des Herrn van der
Kellen war der Vater von dem Unglücksfalle benachrichtigt worden. Er
hatte die Geschäfte in den bedächtigen Händen seines Prokuristen
zurückgelassen und war auf dem kürzesten Wege nach Amsterdam geeilt.
Es hatte sich erwiesen, daß die Erkrankung seines Sohnes keine
unmittelbare Gefahr in sich schließe, daß aber eine Luftkur im Süden, in
Südfrankreich, dringend ratsam sei, und da es sich günstig getroffen hatte,
daß auch für den jungen Sohn des Prinzipals eine Erholungsreise geplant
worden war, so hatte er die beiden jungen Leute, sobald Thomas reisefähig
war, gemeinsam nach Pau abreisen lassen.
Kaum nach Hause zurückgekehrt, war er von diesem Schlage getroffen
worden, der sein Haus für einen Augenblick in seinen Grundfesten
erschüttert hatte: diesem Bankerotte in Bremen, bei welchem er »auf einem
Brett« achtzigtausend Mark verloren hatte … wodurch? Die auf »Gebr.
Westfahl« gezogenen, diskontierten Wechsel waren, da die Käufer ihre
Zahlungen eingestellt hatten, auf die Firma zurückgekommen. Nicht als ob
Deckung gefehlt hätte; die Firma hatte gezeigt, was sie vermochte, sofort,
ohne Zögern und Verlegenheit vermochte. Dies aber war kein Hindernis
dafür gewesen, daß der Konsul all die plötzliche Kälte, die Zurückhaltung,
das Mißtrauen auszukosten bekommen hatte, welches ein solcher
Unglücksfall, eine solche Schwächung des Betriebskapitals bei Banken, bei
»Freunden«, bei Firmen im Auslande hervorzurufen pflegt …
Nun, er hatte sich aufgerichtet, hatte alles ins Auge gefaßt, beruhigt,
geregelt, die Stirne geboten … Da aber, mitten im Kampf, mitten unter
Depeschen, Briefen, Berechnungen, war noch dies über ihn
hereingebrochen: Grünlich, B. Grünlich, der Mann seiner Tochter, war
zahlungsunfähig, und in einem langen, verwirrten und unendlich kläglichen
Brief erbat, erflehte, erjammerte er eine Aushilfe von hundert- bis
hundertzwanzigtausend Mark! Der Konsul hatte kurz, oberflächlich und
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schonend seiner Gattin Mitteilung gemacht, hatte kalt und unverbindlich
geantwortet, er ersuche Herrn Grünlich in Gemeinschaft mit dem erwähnten
Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des ersteren, und war
abgereist.
Tony empfing ihn im Salon. Sie schwärmte dafür, in dem braunseidenen
Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine
durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der
gegenwärtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine
Ausnahme. Sie sah wohl, hübsch und ernsthaft aus und trug ein hellgraues,
auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes Kleid mit
Glockenärmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode und einer
kleinen Brillantspange am Halsverschluß.
»Guten Tag, Papa, e n d l i c h sieht man dich einmal wieder! Wie geht es
Mama?… Hast du gute Nachrichten von Tom?… Lege doch ab, setz' dich
doch, bitte, lieber Papa!… Willst du nicht ein bißchen Toilette machen? Ich
habe das Fremdenzimmer oben für dich herrichten lassen … Grünlich
macht auch gerade Toilette …«
»Laß ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weißt, ich
bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen … zu einer sehr,
sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?«
»Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album …«
»Wo ist Erika?«
»Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre
Puppe … natürlich nicht im Wasser … eine Wachspuppe … kurzum, sie tut
nur so …«
»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht
annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage … die Lage deines Mannes
unterrichtet bist?«
Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen
Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg
übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß. Die
geantwortet, er ersuche Herrn Grünlich in Gemeinschaft mit dem erwähnten
Bankier Kesselmeyer um eine Unterredung im Hause des ersteren, und war
abgereist.
Tony empfing ihn im Salon. Sie schwärmte dafür, in dem braunseidenen
Salon Besuch zu empfangen, und da sie, ohne klar zu sehen, eine
durchdringende und feierliche Empfindung von der Wichtigkeit der
gegenwärtigen Lage hatte, so machte sie heute auch mit dem Vater keine
Ausnahme. Sie sah wohl, hübsch und ernsthaft aus und trug ein hellgraues,
auf der Brust und an den Handgelenken mit Spitzen besetztes Kleid mit
Glockenärmeln, stark geschweiftem Reifrock nach neuester Mode und einer
kleinen Brillantspange am Halsverschluß.
»Guten Tag, Papa, e n d l i c h sieht man dich einmal wieder! Wie geht es
Mama?… Hast du gute Nachrichten von Tom?… Lege doch ab, setz' dich
doch, bitte, lieber Papa!… Willst du nicht ein bißchen Toilette machen? Ich
habe das Fremdenzimmer oben für dich herrichten lassen … Grünlich
macht auch gerade Toilette …«
»Laß ihn nur, mein Kind; ich will ihn hier unten erwarten. Du weißt, ich
bin zu einer Unterredung mit deinem Mann gekommen … zu einer sehr,
sehr ernsten Unterredung, meine liebe Tony. Ist Herr Kesselmeyer hier?«
»Jawohl, Papa, er sitzt im Penseezimmer und besieht das Album …«
»Wo ist Erika?«
»Oben, mit Thinka, im Kinderzimmer, es geht ihr gut. Sie badet ihre
Puppe … natürlich nicht im Wasser … eine Wachspuppe … kurzum, sie tut
nur so …«
»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht
annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage … die Lage deines Mannes
unterrichtet bist?«
Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen
Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg
übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß. Die
Page 202
Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem
Halse.
»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar
nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine Einsicht!
Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit Grünlich
sprach … Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer wieder nur
Spaß machte … er redet immer so lächerlich. Ein- oder zweimal verstand
ich deinen Namen …«
»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?«
»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!… Grünlich war
seit diesem Tage mürrisch … ja, unausstehlich, das muß ich sagen!… Bis
gestern … gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder zwölfmal,
ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn einlegen würde, wenn
er dich etwas zu bitten hätte …«
»Ah …«
»Ja … er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen …
Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich … Grünlich hat den
grünen Spieltisch hergerichtet … es liegen eine Menge Papiere und
Bleistifte darauf … daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer eine
Beratung abhalten …«
»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand
über ihr Haar strich … »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes!
Sage mir einmal … du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?«
»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen
Gesicht, wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte:
Du wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?… Der
Konsul schwieg einen Augenblick.
»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben
könntest … unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen
seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden
würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen
Dingen zu umgeben …?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige
Halse.
»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar
nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine Einsicht!
Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit Grünlich
sprach … Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer wieder nur
Spaß machte … er redet immer so lächerlich. Ein- oder zweimal verstand
ich deinen Namen …«
»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?«
»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!… Grünlich war
seit diesem Tage mürrisch … ja, unausstehlich, das muß ich sagen!… Bis
gestern … gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder zwölfmal,
ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn einlegen würde, wenn
er dich etwas zu bitten hätte …«
»Ah …«
»Ja … er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen …
Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich … Grünlich hat den
grünen Spieltisch hergerichtet … es liegen eine Menge Papiere und
Bleistifte darauf … daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer eine
Beratung abhalten …«
»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand
über ihr Haar strich … »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes!
Sage mir einmal … du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?«
»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen
Gesicht, wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte:
Du wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?… Der
Konsul schwieg einen Augenblick.
»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben
könntest … unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen
seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden
würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen
Dingen zu umgeben …?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige
Page 203
Bewegung über die Möbel und Portieren des Zimmers hin, über die
vergoldete Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid
hinunter.
»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie
beinahe immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an
ihres Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und
dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von
einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim
Märchenvorlesen so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral
und Pflichten einfließen zu lassen … einem Mischausdruck von
Verlegenheit und Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit.
Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit
nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte
daheim und unterwegs alles reiflich erwogen …
Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und
aufrichtigster Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an
seinen Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber
erinnerte, wie dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe
befürwortet hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem
das Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn
gefragt hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich
niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben
und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen
entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung
nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der
Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des
Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne
mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und
weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen
konnte. In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe
jeder Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und
Frauenwürde, daß Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins
Unglück folgte; wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag
legen würde, so fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die
Verschönerungen und Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von
vergoldete Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid
hinunter.
»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie
beinahe immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an
ihres Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und
dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von
einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim
Märchenvorlesen so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral
und Pflichten einfließen zu lassen … einem Mischausdruck von
Verlegenheit und Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit.
Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit
nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte
daheim und unterwegs alles reiflich erwogen …
Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und
aufrichtigster Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an
seinen Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber
erinnerte, wie dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe
befürwortet hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem
das Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn
gefragt hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich
niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben
und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen
entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung
nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der
Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des
Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne
mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und
weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen
konnte. In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe
jeder Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und
Frauenwürde, daß Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins
Unglück folgte; wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag
legen würde, so fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die
Verschönerungen und Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von
Page 204
Kindesbeinen an gewöhnt war, unverschuldet entbehren zu lassen … so
fühlte er sich verpflichtet, eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um
jeden Preis zu halten. Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der
Wunsch gewesen, seine Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen
und Herrn Grünlich seiner Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies
Äußerste verhüten! Für jeden Fall bewegte er den Rechtsparagraphen bei
sich, der bei bestehender Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu
ernähren, zur Scheidung berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten
seiner Tochter erforschen …
»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu streicheln,
»ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und lobenswerten
Grundsätzen beseelt bist. Allein … ich kann nicht annehmen, daß du die
Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt, betrachtet werden müssen:
nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht gefragt, was du in diesem oder
jenem Falle vielleicht tun w ü r d e s t, sondern was du jetzt, heute, sogleich
tun w i r s t. Ich weiß nicht, inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst
… ich habe also die traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich
genötigt sieht, seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht
mehr halten kann … ich glaube, du verstehst mich …«
»Grünlich macht Bankerott …?« fragte Tony leise, indem sie sich halb
von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff …
»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?«
»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet …«, stammelte sie. »Dann hat
Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht …?« fuhr sie fort, indem sie schräg
vor sich hin auf den braunen Teppich starrte … »O G o t t!« stieß sie
plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in diesem Augenblick
ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott« verschlossen lag,
alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem und Fürchterlichem
empfunden hatte … »Bankerott« … das war etwas Gräßlicheres als der Tod,
das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach, Schande, Verzweiflung
und Elend … »Er macht Bankerott!« wiederholte sie. Sie war dermaßen
geschlagen und niedergeschmettert von diesem Schicksalswort, daß sie an
keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die von ihrem Vater kommen könnte.
fühlte er sich verpflichtet, eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um
jeden Preis zu halten. Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der
Wunsch gewesen, seine Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen
und Herrn Grünlich seiner Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies
Äußerste verhüten! Für jeden Fall bewegte er den Rechtsparagraphen bei
sich, der bei bestehender Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu
ernähren, zur Scheidung berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten
seiner Tochter erforschen …
»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu streicheln,
»ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und lobenswerten
Grundsätzen beseelt bist. Allein … ich kann nicht annehmen, daß du die
Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt, betrachtet werden müssen:
nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht gefragt, was du in diesem oder
jenem Falle vielleicht tun w ü r d e s t, sondern was du jetzt, heute, sogleich
tun w i r s t. Ich weiß nicht, inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst
… ich habe also die traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich
genötigt sieht, seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht
mehr halten kann … ich glaube, du verstehst mich …«
»Grünlich macht Bankerott …?« fragte Tony leise, indem sie sich halb
von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff …
»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?«
»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet …«, stammelte sie. »Dann hat
Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht …?« fuhr sie fort, indem sie schräg
vor sich hin auf den braunen Teppich starrte … »O G o t t!« stieß sie
plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in diesem Augenblick
ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott« verschlossen lag,
alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem und Fürchterlichem
empfunden hatte … »Bankerott« … das war etwas Gräßlicheres als der Tod,
das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach, Schande, Verzweiflung
und Elend … »Er macht Bankerott!« wiederholte sie. Sie war dermaßen
geschlagen und niedergeschmettert von diesem Schicksalswort, daß sie an
keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die von ihrem Vater kommen könnte.
Page 205
Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen,
tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz
außerordentliche Spannung verrieten.
»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich
bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?…« Gleich
darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv als
Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich wieder
emporarbeiten …«
»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in
Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen
besetzt war und das Monogramm AG trug. Sie hatte noch völlig ihr
Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte
einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei.
Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst,
mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.
»Muß ich nicht …«, schluchzte sie. »Ich muß doch …«
»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er
sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe
Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an
deinen Mann fesselten …«
Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen
an.
»Wieso, Papa …?«
Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein
Auskunftsmittel.
»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft
empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu
müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des
Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt
werden … Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu
tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz
außerordentliche Spannung verrieten.
»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich
bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?…« Gleich
darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv als
Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich wieder
emporarbeiten …«
»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in
Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen
besetzt war und das Monogramm AG trug. Sie hatte noch völlig ihr
Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte
einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei.
Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst,
mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.
»Muß ich nicht …«, schluchzte sie. »Ich muß doch …«
»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er
sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe
Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an
deinen Mann fesselten …«
Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen
an.
»Wieso, Papa …?«
Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein
Auskunftsmittel.
»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft
empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu
müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des
Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt
werden … Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu
Page 206
entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach
Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst …?«
Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen
trocknete. Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es
gegen die Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in
entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, i s t Grünlich
schuldig! k o m m t er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!«
»Höchst wahrscheinlich!…« sagte der Konsul. »Das heißt … nein, ich
weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit
ihm und seinem Bankier noch aussteht …«
Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf
ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und das
Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und
träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.
»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen,
»wäre es damals nicht besser gewesen …«
Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck,
der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster
ihres kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte … Ihr einer Arm ruhte
auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze nach
unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und
zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die in
die Ferne schweifte.
»Besser …?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen
wäre, mein Kind?«
Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen
wäre, diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer:
»Ach, nichts!«
Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte
und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich genötigt,
selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte.
Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst …?«
Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen
trocknete. Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es
gegen die Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in
entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, i s t Grünlich
schuldig! k o m m t er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!«
»Höchst wahrscheinlich!…« sagte der Konsul. »Das heißt … nein, ich
weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit
ihm und seinem Bankier noch aussteht …«
Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf
ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und das
Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und
träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.
»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen,
»wäre es damals nicht besser gewesen …«
Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck,
der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster
ihres kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte … Ihr einer Arm ruhte
auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze nach
unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und
zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die in
die Ferne schweifte.
»Besser …?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen
wäre, mein Kind?«
Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen
wäre, diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer:
»Ach, nichts!«
Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte
und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich genötigt,
selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte.
Page 207
»Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony«, sagte er, »und auch
ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt, der
mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde bereue
… aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu sein. Ich glaube,
meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte, dir eine deiner
Herkunft angemessene Existenz zu schaffen … Der Himmel hat es anders
gewollt … du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß er damals,
leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt hat! Grünlich trat
mit mir in Verbindung, versehen mit den besten Empfehlungen, ein
Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann … Später habe ich
geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die so günstig lauteten
als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft … Das alles ist dunkel,
dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht wahr, du klagst mich
nicht an …«
»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht
zu Herzen gehen, armer Papa … Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar
Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt
und küßte ihn auf die Wangen.
»Ich danke dir«, sagte er; »so, so … laß nur, ich danke dir. Ja, ich habe
angreifende Tage hinter mir … Was soll man tun? Ich habe viel Ärgernis
gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht, daß ich mich
dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein Kind. Alles kommt
jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt habe, die du mir aber noch
nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich offen zu mir, Tony … hast du in
diesen Jahren der Ehe deinen Mann lieben gelernt?«
Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie
das Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen
hervor: »Ach … was fragst du, Papa!… Ich habe ihn niemals geliebt … er
war mir immer widerlich … weißt du das denn nicht …?«
Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks
sich abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch
kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich
falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes Geschäft
zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre …«
ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt, der
mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde bereue
… aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu sein. Ich glaube,
meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte, dir eine deiner
Herkunft angemessene Existenz zu schaffen … Der Himmel hat es anders
gewollt … du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß er damals,
leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt hat! Grünlich trat
mit mir in Verbindung, versehen mit den besten Empfehlungen, ein
Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann … Später habe ich
geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die so günstig lauteten
als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft … Das alles ist dunkel,
dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht wahr, du klagst mich
nicht an …«
»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht
zu Herzen gehen, armer Papa … Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar
Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt
und küßte ihn auf die Wangen.
»Ich danke dir«, sagte er; »so, so … laß nur, ich danke dir. Ja, ich habe
angreifende Tage hinter mir … Was soll man tun? Ich habe viel Ärgernis
gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht, daß ich mich
dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein Kind. Alles kommt
jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt habe, die du mir aber noch
nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich offen zu mir, Tony … hast du in
diesen Jahren der Ehe deinen Mann lieben gelernt?«
Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie
das Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen
hervor: »Ach … was fragst du, Papa!… Ich habe ihn niemals geliebt … er
war mir immer widerlich … weißt du das denn nicht …?«
Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks
sich abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch
kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich
falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes Geschäft
zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre …«
Page 208
Tonys Tränen versiegten plötzlich. Das feuchte Taschentuch in der
Hand, richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre
… ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen in
diesen vier Jahren …!«
»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt …«, sagte der Konsul
bewegt.
»Ja, Papa … und ich habe Erika sehr lieb … obgleich Grünlich
behauptet, ich sei nicht kinderlieb … Ich würde mich nie von ihr trennen,
das sage ich dir … aber Grünlich – nein!… Grünlich – nein!… Nun macht
er auch noch Bankerott!… Ach Papa, wenn du mich und Erika nach Hause
nehmen willst … mit Freuden! Nun weißt du es!«
Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst
zufrieden. Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei
der Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.
»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind,
daß ja Hilfe denkbar wäre … und zwar durch mich. Dein Vater hat dir
bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos fühlen
kann, und in dem Falle … nun, in dem Falle, daß du es von ihm erhoffst …
erwartest … würde er einspringen, würde er das Falliment verhüten, würde
er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und sein Geschäft
flott erhalten …«
Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung.
Es drückte Enttäuschung aus.
»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie.
»Was tut das zur Sache, mein Kind … um eine große, große Summe!«
Und Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die
Wucht des Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte.
»Dabei«, fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz
abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe
dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich
schwer … schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs, um …«
Hand, richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre
… ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen in
diesen vier Jahren …!«
»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt …«, sagte der Konsul
bewegt.
»Ja, Papa … und ich habe Erika sehr lieb … obgleich Grünlich
behauptet, ich sei nicht kinderlieb … Ich würde mich nie von ihr trennen,
das sage ich dir … aber Grünlich – nein!… Grünlich – nein!… Nun macht
er auch noch Bankerott!… Ach Papa, wenn du mich und Erika nach Hause
nehmen willst … mit Freuden! Nun weißt du es!«
Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst
zufrieden. Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei
der Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.
»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind,
daß ja Hilfe denkbar wäre … und zwar durch mich. Dein Vater hat dir
bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos fühlen
kann, und in dem Falle … nun, in dem Falle, daß du es von ihm erhoffst …
erwartest … würde er einspringen, würde er das Falliment verhüten, würde
er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und sein Geschäft
flott erhalten …«
Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung.
Es drückte Enttäuschung aus.
»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie.
»Was tut das zur Sache, mein Kind … um eine große, große Summe!«
Und Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die
Wucht des Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte.
»Dabei«, fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz
abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe
dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich
schwer … schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs, um …«
Page 209
Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar
Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der
Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!«
Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen.
Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung
gegen Herrn Grünlich.
»Das tust du n i c h t, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst
auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd,
und Herr Grünlich trat ein.
Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche
ausdrückte: Erledigt.
Achtes Kapitel
Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste
gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden Leibrock,
ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen er einstmals in
der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer schlaffen Haltung
blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden gerichtet, mit weicher und
matter Stimme: »Vater …«
Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen
energischen Griffen seine Halsbinde.
»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu.
»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur
fürchte ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun
vermag.«
Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann
eine noch schlaffere Haltung an.
Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der
Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!«
Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen.
Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung
gegen Herrn Grünlich.
»Das tust du n i c h t, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst
auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd,
und Herr Grünlich trat ein.
Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche
ausdrückte: Erledigt.
Achtes Kapitel
Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste
gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden Leibrock,
ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen er einstmals in
der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer schlaffen Haltung
blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden gerichtet, mit weicher und
matter Stimme: »Vater …«
Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen
energischen Griffen seine Halsbinde.
»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu.
»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur
fürchte ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun
vermag.«
Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann
eine noch schlaffere Haltung an.
Page 210
»Ich höre«, fuhr der Konsul fort, »daß Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer,
uns erwartet … welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich
stehe zu Ihrer Verfügung …«
»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich.
Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh
hinauf zu deinem Kinde, Antonie!«
Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter
ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins
Wohngemach.
Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten
die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und
sanken dann sanft auf den Schädel zurück.
»Herr Bankier Kesselmeyer … Großhändler Konsul Buddenbrook,
mein Schwiegervater …«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des
Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit
hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die
Oberlippe setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte
Satisfaktion, das Vergnügen zu haben!«
»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«,
sagte Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den
anderen.
»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend
hin und her wandte … Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte
die Herren …«
Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer
aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?… Aha, Regen?
Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit! Gäbe es
ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee …! Aber nichts da! Regen! Kot!
Höchst, höchst widerwärtig …«
Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.
uns erwartet … welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich
stehe zu Ihrer Verfügung …«
»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich.
Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh
hinauf zu deinem Kinde, Antonie!«
Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter
ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins
Wohngemach.
Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten
die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und
sanken dann sanft auf den Schädel zurück.
»Herr Bankier Kesselmeyer … Großhändler Konsul Buddenbrook,
mein Schwiegervater …«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des
Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit
hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die
Oberlippe setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte
Satisfaktion, das Vergnügen zu haben!«
»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«,
sagte Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den
anderen.
»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend
hin und her wandte … Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte
die Herren …«
Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer
aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?… Aha, Regen?
Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit! Gäbe es
ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee …! Aber nichts da! Regen! Kot!
Höchst, höchst widerwärtig …«
Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.
Page 211
In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt
waren, stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch.
Der Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr
Grünlich die drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen,
alsbald entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene
Geschäftsbriefe und abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und
Namenszügen bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem
bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften
Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus
Metall.
Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und
zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei
einem Begräbnis komplimentiert.
»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr
Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich h i e r zu setzen?…«
Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn
gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches
präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür.
Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf
seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er
dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem
nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die
Hände auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und
fröhlich: »Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!«
»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der
Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch.
Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den
Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die
ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick!
Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende
Bemerkung vorausschicken!… Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem
Blick wird nichts entgehen … Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick in
die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen Sie
in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal
waren, stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch.
Der Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr
Grünlich die drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen,
alsbald entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene
Geschäftsbriefe und abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und
Namenszügen bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem
bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften
Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus
Metall.
Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und
zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei
einem Begräbnis komplimentiert.
»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr
Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich h i e r zu setzen?…«
Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn
gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches
präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür.
Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf
seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er
dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem
nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die
Hände auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und
fröhlich: »Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!«
»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der
Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch.
Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den
Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die
ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick!
Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende
Bemerkung vorausschicken!… Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem
Blick wird nichts entgehen … Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick in
die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen Sie
in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal
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gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem
Sinne …«
»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit
sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem
Geschicke seinen Lauf zu lassen.
Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem
unruhigen Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier
dunklen Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das
Rascheln des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen
der fallende Regen das einzige Geräusch.
Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste
geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und
sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß
ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich
hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem
Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit
dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem
Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein abgespanntes
Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die er nun
»Einblick gewann« … Endlich legte er seine Linke auf Herrn Grünlichs
Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!«
»Vater …« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten
Menschen liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die
goldgelben Favoris hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser
beiden Tropfen mit dem größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf,
beugte sich vor und starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins
Gesicht. Konsul Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das
Unglück, das ihn selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich
fortriß; aber rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle.
»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln …
»In diesen wenigen Jahren!«
»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier
Jahren kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt,
Sinne …«
»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit
sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem
Geschicke seinen Lauf zu lassen.
Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem
unruhigen Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier
dunklen Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das
Rascheln des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen
der fallende Regen das einzige Geräusch.
Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste
geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und
sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß
ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich
hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem
Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit
dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem
Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein abgespanntes
Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die er nun
»Einblick gewann« … Endlich legte er seine Linke auf Herrn Grünlichs
Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!«
»Vater …« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten
Menschen liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die
goldgelben Favoris hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser
beiden Tropfen mit dem größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf,
beugte sich vor und starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins
Gesicht. Konsul Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das
Unglück, das ihn selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich
fortriß; aber rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle.
»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln …
»In diesen wenigen Jahren!«
»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier
Jahren kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt,
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wie munter Gebrüder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch
umhersprangen …«
Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hörte. Er
hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, über den
er grübelte … Warum, fragte er sich argwöhnisch und dennoch
verständnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grünlich hätte schon vor
zwei, vor drei Jahren stehen können, wo er jetzt stand; das übersah man mit
einem Blick. Aber sein Kredit war unerschöpflich gewesen, er hatte von den
Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von soliden Häusern
wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder für seine
Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten kursiert
wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt – und der Chef der Firma
Johann Buddenbrook wußte wohl, was er unter diesem Jetzt verstand –
dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale Zurückziehen alles
Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmütige Herfallen über B.
Grünlich unter Hintansetzung jeder Rücksicht, ja jeder Höflichkeitsform?
Der Konsul wäre allzu naiv gewesen, hätte er nicht gewußt, daß das
Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung Grünlichs mit seiner
Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute kommen müssen. Aber
hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so eklatant, so ausschließlich
von dem seinen abgehangen? War Grünlich selbst denn nichts gewesen?
Und die Erkundigungen, die der Konsul eingezogen, die Bücher, die er
geprüft hatte?… Mochte es sich damit verhalten, wie es wollte, so stand
sein Entschluß, in dieser Sache auch nicht das Glied eines Fingers zu regen,
fester als jemals. Man sollte sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte
B. Grünlich die Anschauung zu erwecken gewußt, als sei er mit Johann
Buddenbrook solidarisch? Diesem, wie es schien, entsetzlich weit
verbreiteten Irrtum mußte ein für alle Male vorgebeugt werden! Und auch
dieser Kesselmeyer sollte sich wundern! Besaß dieser Bajazz ein Gewissen?
Es sprang in die Augen, wie schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte,
daß er, Johann Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht würde fallen
lassen, wie er dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit
gewährt, ihn aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben
lassen …
»Gleichviel«, sagte er kurz. »Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als
Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu
umhersprangen …«
Der Konsul sah ihn blinzelnd an, indem er ihn weder sah noch hörte. Er
hatte keineswegs seinem wirklichen Gedanken Ausdruck gegeben, über den
er grübelte … Warum, fragte er sich argwöhnisch und dennoch
verständnislos, warum dies alles gerade jetzt? B. Grünlich hätte schon vor
zwei, vor drei Jahren stehen können, wo er jetzt stand; das übersah man mit
einem Blick. Aber sein Kredit war unerschöpflich gewesen, er hatte von den
Banken Kapital erhalten, er hatte die Unterschriften von soliden Häusern
wie Senator Bock und Konsul Goudstikker immer wieder für seine
Unternehmungen in Empfang genommen, und seine Wechsel hatten kursiert
wie Bargeld. Warum gerade jetzt, jetzt, jetzt – und der Chef der Firma
Johann Buddenbrook wußte wohl, was er unter diesem Jetzt verstand –
dieser Zusammenbruch auf allen Seiten, dieses totale Zurückziehen alles
Vertrauens wie auf Verabredung, dieses einmütige Herfallen über B.
Grünlich unter Hintansetzung jeder Rücksicht, ja jeder Höflichkeitsform?
Der Konsul wäre allzu naiv gewesen, hätte er nicht gewußt, daß das
Ansehen seines eignen Hauses nach der Verlobung Grünlichs mit seiner
Tochter auch seinem Schwiegersohne hatte zugute kommen müssen. Aber
hatte der Kredit des Letzteren so vollkommen, so eklatant, so ausschließlich
von dem seinen abgehangen? War Grünlich selbst denn nichts gewesen?
Und die Erkundigungen, die der Konsul eingezogen, die Bücher, die er
geprüft hatte?… Mochte es sich damit verhalten, wie es wollte, so stand
sein Entschluß, in dieser Sache auch nicht das Glied eines Fingers zu regen,
fester als jemals. Man sollte sich verrechnet haben! Augenscheinlich hatte
B. Grünlich die Anschauung zu erwecken gewußt, als sei er mit Johann
Buddenbrook solidarisch? Diesem, wie es schien, entsetzlich weit
verbreiteten Irrtum mußte ein für alle Male vorgebeugt werden! Und auch
dieser Kesselmeyer sollte sich wundern! Besaß dieser Bajazz ein Gewissen?
Es sprang in die Augen, wie schamlos er ganz allein darauf spekuliert hatte,
daß er, Johann Buddenbrook, den Mann seiner Tochter nicht würde fallen
lassen, wie er dem längst vernichteten Grünlich zwar fort und fort Kredit
gewährt, ihn aber immer blutigere Wucherzinsen hatte unterschreiben
lassen …
»Gleichviel«, sagte er kurz. »Kommen wir zur Sache. Wenn ich hier als
Kaufmann mein Gutachten abgeben soll, so bedauere ich, aussprechen zu
Page 214
müssen, daß dies die Lage eines zwar unglücklichen, aber auch eines in
hohem Grade schuldigen Mannes ist.«
»Vater …« stammelte Herr Grünlich.
»Diese Anrede klingt mir s c h l e c h t in die Ohren!« sagte der Konsul
rasch und hart. »Ihre Forderungen, mein Herr«, fuhr er fort, indem er sich
flüchtig dem Bankier zuwandte, »an Herrn Grünlich betragen
sechzigtausend Mark …«
»Mit den rückständigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen
achtundsechzigtausendsiebenhundertundfünfundfünfzig Mark und fünfzehn
Schillinge«, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich.
»Sehr wohl … Und Sie wären unter keinen Umständen geneigt, Ihre
Geduld zu verlängern?«
Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem
Munde, stoßweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmütig, indem er
dem Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls
einzustimmen.
Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trübten sich und
umgaben sich plötzlich mit roten Rändern, die sich bis zu den
Wangenknochen hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wußte
sehr wohl, daß ein Aufschub von seiten dieses einen Gläubigers die
Sachlage ganz unwesentlich verändert haben würde. Aber die Art, in der
dieser Mensch ihn zurückwies, beschämte und erbitterte ihn aufs äußerste.
Mit einer einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor
ihm lag, legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: »So
erkläre ich, daß ich nicht willens bin, mich länger in irgendeiner Weise mit
dieser Angelegenheit zu beschäftigen.«
»Aha!« rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hände in der Luft
schüttelte … »Das nenne ich ein Wort, das nenne ich würdig gesprochen.
Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes
Parlamentieren! Schlanker Hand!«
Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an.
hohem Grade schuldigen Mannes ist.«
»Vater …« stammelte Herr Grünlich.
»Diese Anrede klingt mir s c h l e c h t in die Ohren!« sagte der Konsul
rasch und hart. »Ihre Forderungen, mein Herr«, fuhr er fort, indem er sich
flüchtig dem Bankier zuwandte, »an Herrn Grünlich betragen
sechzigtausend Mark …«
»Mit den rückständigen und den zum Kapital geschlagenen Zinsen
achtundsechzigtausendsiebenhundertundfünfundfünfzig Mark und fünfzehn
Schillinge«, antwortete Herr Kesselmeyer behaglich.
»Sehr wohl … Und Sie wären unter keinen Umständen geneigt, Ihre
Geduld zu verlängern?«
Herr Kesselmeyer begann einfach zu lachen. Er lachte mit offenem
Munde, stoßweise, ohne eine Spur von Hohn und sogar gutmütig, indem er
dem Konsul ins Gesicht sah, als wollte er ihn auffordern, gleichfalls
einzustimmen.
Johann Buddenbrooks kleine, tiefliegende Augen trübten sich und
umgaben sich plötzlich mit roten Rändern, die sich bis zu den
Wangenknochen hinzogen. Er hatte nur der Form wegen gefragt und wußte
sehr wohl, daß ein Aufschub von seiten dieses einen Gläubigers die
Sachlage ganz unwesentlich verändert haben würde. Aber die Art, in der
dieser Mensch ihn zurückwies, beschämte und erbitterte ihn aufs äußerste.
Mit einer einzigen Handbewegung schob er alles weit von sich, was vor
ihm lag, legte mit einem Ruck den Bleistift auf den Tisch und sagte: »So
erkläre ich, daß ich nicht willens bin, mich länger in irgendeiner Weise mit
dieser Angelegenheit zu beschäftigen.«
»Aha!« rief Herr Kesselmeyer, indem er seine Hände in der Luft
schüttelte … »Das nenne ich ein Wort, das nenne ich würdig gesprochen.
Der Herr Konsul wird die Sache ganz einfach regeln! Ohne langes
Parlamentieren! Schlanker Hand!«
Johann Buddenbrook sah ihn nicht einmal an.
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»Ich kann Ihnen nicht helfen, mein Freund«, wandte er sich ruhig an
Herrn Grünlich. »Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie
eingeschlagen haben … Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten.
Fassen Sie sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich muß diese
Unterredung als geschlossen betrachten.«
Überraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten
Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn
Grünlich aufmunternd zu. Dieser saß bewegungslos und rang nur seine
langen Hände auf dem Tische so heftig, daß die Finger leise krachten.
»Vater … Herr Konsul …« sagte er mit wankender Stimme, »Sie
werden … Sie können meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hören Sie
mich an! Es handelt sich in Summa um ein Manko von
hundertzwanzigtausend … Sie können mich retten! Sie sind ein reicher
Mann! Betrachten Sie die Summe wie Sie wollen … als eine endgültige
Abfindung, als das Erbteil Ihrer Tochter, als ein verzinsbares Darlehen …
Ich werde arbeiten … Sie wissen, daß ich rege und findig bin …«
»Ich habe mein letztes Wort gesprochen«, sagte der Konsul.
»Erlauben Sie nur … k ö n n e n Sie nicht?« fragte Herr Kesselmeyer
und sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an … »Wenn ich dem
Herrn Konsul zu bedenken geben dürfte … dies wäre eigentlich gerade jetzt
eine allerliebste Okkasion, die Stärke der Firma Johann Buddenbrook zu
beweisen …«
»Sie täten gut daran, mein Herr, die Sorge für das Ansehen meines
Hauses mir selbst zu überlassen. Um meine Zahlungsfähigkeit
klarzustellen, habe ich nicht nötig, mein Geld in die nächste Pfütze zu
werfen …«
»Nicht doch, nicht doch! A-aha, ›Pfütze‹ ist höchst spaßhaft! Aber
meinen Herr Konsul nicht, daß der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes
auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung … wie?… bringen
würde … wie?… rücken würde?…«
»Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der
Geschäftswelt meine eigene Sache sein zu lassen«, sagte der Konsul.
Herrn Grünlich. »Die Dinge müssen den Weg nehmen, den sie
eingeschlagen haben … Ich sehe mich nicht in der Lage, sie aufzuhalten.
Fassen Sie sich und suchen Sie Trost und Kraft bei Gott. Ich muß diese
Unterredung als geschlossen betrachten.«
Überraschenderweise nahm Herrn Kesselmeyers Gesicht einen ernsten
Ausdruck an, was sich ganz wunderlich ausnahm; dann aber nickte er Herrn
Grünlich aufmunternd zu. Dieser saß bewegungslos und rang nur seine
langen Hände auf dem Tische so heftig, daß die Finger leise krachten.
»Vater … Herr Konsul …« sagte er mit wankender Stimme, »Sie
werden … Sie können meinen Ruin, mein Elend nicht wollen! Hören Sie
mich an! Es handelt sich in Summa um ein Manko von
hundertzwanzigtausend … Sie können mich retten! Sie sind ein reicher
Mann! Betrachten Sie die Summe wie Sie wollen … als eine endgültige
Abfindung, als das Erbteil Ihrer Tochter, als ein verzinsbares Darlehen …
Ich werde arbeiten … Sie wissen, daß ich rege und findig bin …«
»Ich habe mein letztes Wort gesprochen«, sagte der Konsul.
»Erlauben Sie nur … k ö n n e n Sie nicht?« fragte Herr Kesselmeyer
und sah ihn durch seinen Kneifer mit krauser Nase an … »Wenn ich dem
Herrn Konsul zu bedenken geben dürfte … dies wäre eigentlich gerade jetzt
eine allerliebste Okkasion, die Stärke der Firma Johann Buddenbrook zu
beweisen …«
»Sie täten gut daran, mein Herr, die Sorge für das Ansehen meines
Hauses mir selbst zu überlassen. Um meine Zahlungsfähigkeit
klarzustellen, habe ich nicht nötig, mein Geld in die nächste Pfütze zu
werfen …«
»Nicht doch, nicht doch! A-aha, ›Pfütze‹ ist höchst spaßhaft! Aber
meinen Herr Konsul nicht, daß der Konkurs Ihres Herrn Schwiegersohnes
auch Ihre Lage in eine falsche und schiefe Beleuchtung … wie?… bringen
würde … wie?… rücken würde?…«
»Ich kann Ihnen nur noch einmal empfehlen, meinen Ruf in der
Geschäftswelt meine eigene Sache sein zu lassen«, sagte der Konsul.
Page 216
Herr Grünlich sah ratlos seinem Bankier ins Gesicht und begann von
neuem: »Vater … ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!… Ist denn
von mir allein die Rede? Oh, ich … mag ich immerhin zugrunde gehen!
Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir in so heißem
Kampfe erworben … und unser Kind, unser beider unschuldiges Kind …
auch sie im Elend! Nein, Vater, ich würde es nicht tragen! Ich würde mich
töten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand würde ich mich töten … glauben
Sie mir! Und möge der Himmel Sie dann von jeder Schuld freisprechen!«
Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in
seinem Armsessel. Zum zweiten Male stürmten die Empfindungen dieses
Mannes auf ihn ein, deren Äußerung durchaus das Gepräge der Echtheit
trug, wieder mußte er, wie damals, als er Herrn Grünlich den Travemünder
Brief seiner Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe gräßliche Drohung
vernehmen, und wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht
seiner Generation vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem
nüchternen und praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser
Anfall aber währte nicht länger als eine Sekunde.
Hundertundzwanzigtausend Mark … wiederholte er innerlich, und dann
sagte er ruhig und fest: »Antonie ist meine Tochter. Ich werde zu verhindern
wissen, daß sie unschuldig leidet.«
»Was wollen Sie damit sagen …?« fragte Herr Grünlich, indem er
langsam erstarrte …
»Das werden Sie erfahren«, antwortete der Konsul. »Für jetzt habe ich
meinen Worten nichts hinzuzufügen.« Und damit erhob er sich, stellte
seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tür.
Herr Grünlich saß stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte
sich ruckweise nach beiden Seiten, ohne daß sich ihm ein Wort zu entringen
vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser
abschließenden und endgültigen Bewegung des Konsuls zurück … ja, sie
nahm überhand, sie überschritt alle Grenzen und wurde fürchterlich! Das
Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog,
während sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzähne gelb und einsam
ragten, zu zerreißen drohte. Seine kleinen, roten Hände ruderten in der Luft,
seine Flaumfedern flatterten, sein gänzlich verschobenes und vor
neuem: »Vater … ich flehe Sie an, bedenken Sie, was Sie tun!… Ist denn
von mir allein die Rede? Oh, ich … mag ich immerhin zugrunde gehen!
Aber Ihre Tochter, mein Weib, sie, die ich so liebe, die ich mir in so heißem
Kampfe erworben … und unser Kind, unser beider unschuldiges Kind …
auch sie im Elend! Nein, Vater, ich würde es nicht tragen! Ich würde mich
töten! Ja, mit dieser meiner eigenen Hand würde ich mich töten … glauben
Sie mir! Und möge der Himmel Sie dann von jeder Schuld freisprechen!«
Johann Buddenbrook lehnte bleich und mit pochendem Herzen in
seinem Armsessel. Zum zweiten Male stürmten die Empfindungen dieses
Mannes auf ihn ein, deren Äußerung durchaus das Gepräge der Echtheit
trug, wieder mußte er, wie damals, als er Herrn Grünlich den Travemünder
Brief seiner Tochter mitgeteilt hatte, dieselbe gräßliche Drohung
vernehmen, und wieder durchschauerte ihn die schwärmerische Ehrfurcht
seiner Generation vor menschlichen Gefühlen, die stets mit seinem
nüchternen und praktischen Geschäftssinn in Hader gelegen hatte. Dieser
Anfall aber währte nicht länger als eine Sekunde.
Hundertundzwanzigtausend Mark … wiederholte er innerlich, und dann
sagte er ruhig und fest: »Antonie ist meine Tochter. Ich werde zu verhindern
wissen, daß sie unschuldig leidet.«
»Was wollen Sie damit sagen …?« fragte Herr Grünlich, indem er
langsam erstarrte …
»Das werden Sie erfahren«, antwortete der Konsul. »Für jetzt habe ich
meinen Worten nichts hinzuzufügen.« Und damit erhob er sich, stellte
seinen Stuhl fest auf den Boden und wandte sich zur Tür.
Herr Grünlich saß stumm, steif, fassungslos, und sein Mund bewegte
sich ruckweise nach beiden Seiten, ohne daß sich ihm ein Wort zu entringen
vermochte. Herrn Kesselmeyers Munterkeit aber kehrte bei dieser
abschließenden und endgültigen Bewegung des Konsuls zurück … ja, sie
nahm überhand, sie überschritt alle Grenzen und wurde fürchterlich! Das
Binokel fiel von seiner Nase, die sich zwischen die Augen hinaufzog,
während sein winziger Mund, in dem die beiden Eckzähne gelb und einsam
ragten, zu zerreißen drohte. Seine kleinen, roten Hände ruderten in der Luft,
seine Flaumfedern flatterten, sein gänzlich verschobenes und vor
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übermäßiger Fröhlichkeit verzerrtes Gesicht mit dem weißen, geschorenen
Backenbart war zinnoberfarben …
»A-aha!« schrie er, daß seine Stimme sich überschlug … »Das finde ich
höchst … höchst spaßhaft! Aber Sie sollten es sich überlegen, Herr Konsul
Buddenbrook, ein solch allerliebstes, ein solch köstliches Exemplar von
einem Schwiegersöhnchen in den Graben zu werfen!… So etwas von
Regsamkeit und Findigkeit gibt es auf Gottes weiter, lieber Erdenwelt nicht
zum zweiten Male! Aha! schon vor vier Jahren, als uns schon einmal das
Messer an der Kehle stand … der Strick um den Hals lag … wie wir da
plötzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook an der Börse
ausschreien ließen, noch bevor sie wirklich stattgefunden hatte … jederlei
Achtung! Na-hein, meine höchste Anerkennung …!«
»Kesselmeyer!« kreischte Herr Grünlich, machte krampfhafte
Bewegungen mit den Händen, als ob er ein Gespenst von sich abwehrte,
und lief in einen Winkel des Zimmers, woselbst er sich auf einen Stuhl
setzte, das Gesicht in den Händen verbarg und sich so tief bückte, daß die
Enden seiner Favoris auf seinen Schenkeln lagen. Einige Male zog er sogar
die Knie empor.
»Wie haben wir das eigentlich gemacht?« fuhr Herr Kesselmeyer fort.
»Wie haben wir es eigentlich angefangen, das Töchterchen und die
achtzigtausend Mark zu ergattern? O-ho! das arrangiert sich! Wenn man
auch nur für einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so
arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hübsche
Bücher vor, allerliebste, reinliche Bücher, in denen alles aufs beste bestellt
ist … nur daß sie mit der rauhen Wirklichkeit nicht völlig übereinstimmen
… Denn in der rauhen Wirklichkeit sind drei Viertel der Mitgift schon
Wechselschulden!«
Der Konsul stand totenblaß an der Tür, den Griff in der Hand. Das
Grauen rann ihm den Rücken hinunter. Befand er sich in dieser kleinen,
unruhig beleuchteten Stube allein mit einem Gauner und einem vor Bosheit
tollen Affen?
»Herr, ich verachte Ihre Worte«, brachte er mit geringer Sicherheit
hervor. »Ich verachte Ihre wahnsinnigen Verleumdungen um so mehr, als
sie auch mich treffen … mich, der ich meine Tochter nicht
Backenbart war zinnoberfarben …
»A-aha!« schrie er, daß seine Stimme sich überschlug … »Das finde ich
höchst … höchst spaßhaft! Aber Sie sollten es sich überlegen, Herr Konsul
Buddenbrook, ein solch allerliebstes, ein solch köstliches Exemplar von
einem Schwiegersöhnchen in den Graben zu werfen!… So etwas von
Regsamkeit und Findigkeit gibt es auf Gottes weiter, lieber Erdenwelt nicht
zum zweiten Male! Aha! schon vor vier Jahren, als uns schon einmal das
Messer an der Kehle stand … der Strick um den Hals lag … wie wir da
plötzlich die Verlobung mit Mademoiselle Buddenbrook an der Börse
ausschreien ließen, noch bevor sie wirklich stattgefunden hatte … jederlei
Achtung! Na-hein, meine höchste Anerkennung …!«
»Kesselmeyer!« kreischte Herr Grünlich, machte krampfhafte
Bewegungen mit den Händen, als ob er ein Gespenst von sich abwehrte,
und lief in einen Winkel des Zimmers, woselbst er sich auf einen Stuhl
setzte, das Gesicht in den Händen verbarg und sich so tief bückte, daß die
Enden seiner Favoris auf seinen Schenkeln lagen. Einige Male zog er sogar
die Knie empor.
»Wie haben wir das eigentlich gemacht?« fuhr Herr Kesselmeyer fort.
»Wie haben wir es eigentlich angefangen, das Töchterchen und die
achtzigtausend Mark zu ergattern? O-ho! das arrangiert sich! Wenn man
auch nur für einen Sechsling Regsamkeit und Findigkeit besitzt, so
arrangiert sich das! Man legt dem rettenden Herrn Papa recht hübsche
Bücher vor, allerliebste, reinliche Bücher, in denen alles aufs beste bestellt
ist … nur daß sie mit der rauhen Wirklichkeit nicht völlig übereinstimmen
… Denn in der rauhen Wirklichkeit sind drei Viertel der Mitgift schon
Wechselschulden!«
Der Konsul stand totenblaß an der Tür, den Griff in der Hand. Das
Grauen rann ihm den Rücken hinunter. Befand er sich in dieser kleinen,
unruhig beleuchteten Stube allein mit einem Gauner und einem vor Bosheit
tollen Affen?
»Herr, ich verachte Ihre Worte«, brachte er mit geringer Sicherheit
hervor. »Ich verachte Ihre wahnsinnigen Verleumdungen um so mehr, als
sie auch mich treffen … mich, der ich meine Tochter nicht
Page 218
leichtfertigerweise ins Unglück gebracht habe. Ich habe sichere
Erkundigungen über meinen Schwiegersohn eingezogen … das übrige war
Gottes Wille!«
Er wandte sich, er w o l l t e nichts mehr hören, er öffnete die Tür. Aber
Herr Kesselmeyer schrie ihm nach: »Aha? Erkundigungen? Bei wem? Bei
Bock? Bei Goudstikker? Bei Petersen? Bei Maßmann & Timm? Die waren
ja alle engagiert! Die waren ja alle ganz ungeheuer engagiert! Die waren ja
alle ungemein froh, daß sie durch die Heirat sichergestellt wurden …«
Der Konsul schlug die Tür hinter sich zu.
Neuntes Kapitel
Im Speisezimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Köchin.
»Bitte Madame Grünlich herunterzukommen«, befahl der Konsul.
»Mach' dich fertig, mein Kind«, sagte er, als Tony erschien. Er ging mit
ihr in den Salon hinüber. »Mach' dich in aller Eile bereit und trage Sorge,
daß auch Erika bald reisefertig ist … Wir fahren zur Stadt … Wir werden
im Gasthof übernachten und morgen nach Hause fahren.«
»Ja, Papa«, sagte Tony. Ihr Gesicht war rot, verstört und ratlos. Sie
machte unnütze und eilfertige Handbewegungen an ihrer Taille, ohne zu
wissen, womit sie ihre Vorbereitungen beginnen sollte, und ohne noch recht
an die Wirklichkeit dieses Erlebnisses glauben zu können.
»Was soll ich mitnehmen, Papa?« fragte sie ängstlich und erregt …
»Alles? Alle Kleider? Einen oder zwei Koffer?… Macht Grünlich wirklich
Bankerott?… O Gott!… Aber kann ich dann meine Schmucksachen
mitnehmen?… Papa, die Mädchen müssen doch gehen … ich kann sie nicht
mehr ablohnen … Grünlich hätte mir heute oder morgen Wirtschaftsgeld
geben müssen …«
»Laß das, mein Kind; diese Dinge werden hier geordnet werden. Nimm
nur das Notwendigste … einen Koffer … einen kleinen. Man wird dir dein
Eigentum nachschicken. Spute dich, hörst du? Wir haben …«
Erkundigungen über meinen Schwiegersohn eingezogen … das übrige war
Gottes Wille!«
Er wandte sich, er w o l l t e nichts mehr hören, er öffnete die Tür. Aber
Herr Kesselmeyer schrie ihm nach: »Aha? Erkundigungen? Bei wem? Bei
Bock? Bei Goudstikker? Bei Petersen? Bei Maßmann & Timm? Die waren
ja alle engagiert! Die waren ja alle ganz ungeheuer engagiert! Die waren ja
alle ungemein froh, daß sie durch die Heirat sichergestellt wurden …«
Der Konsul schlug die Tür hinter sich zu.
Neuntes Kapitel
Im Speisezimmer hantierte Dora, die nicht ganz ehrliche Köchin.
»Bitte Madame Grünlich herunterzukommen«, befahl der Konsul.
»Mach' dich fertig, mein Kind«, sagte er, als Tony erschien. Er ging mit
ihr in den Salon hinüber. »Mach' dich in aller Eile bereit und trage Sorge,
daß auch Erika bald reisefertig ist … Wir fahren zur Stadt … Wir werden
im Gasthof übernachten und morgen nach Hause fahren.«
»Ja, Papa«, sagte Tony. Ihr Gesicht war rot, verstört und ratlos. Sie
machte unnütze und eilfertige Handbewegungen an ihrer Taille, ohne zu
wissen, womit sie ihre Vorbereitungen beginnen sollte, und ohne noch recht
an die Wirklichkeit dieses Erlebnisses glauben zu können.
»Was soll ich mitnehmen, Papa?« fragte sie ängstlich und erregt …
»Alles? Alle Kleider? Einen oder zwei Koffer?… Macht Grünlich wirklich
Bankerott?… O Gott!… Aber kann ich dann meine Schmucksachen
mitnehmen?… Papa, die Mädchen müssen doch gehen … ich kann sie nicht
mehr ablohnen … Grünlich hätte mir heute oder morgen Wirtschaftsgeld
geben müssen …«
»Laß das, mein Kind; diese Dinge werden hier geordnet werden. Nimm
nur das Notwendigste … einen Koffer … einen kleinen. Man wird dir dein
Eigentum nachschicken. Spute dich, hörst du? Wir haben …«
Page 219
In diesem Augenblicke wurden die Portieren auseinandergeschlagen
und in den Salon kam Herr Grünlich. Mit raschen Schritten, die Arme
ausgebreitet und den Kopf zur Seite geneigt, in der Haltung eines Mannes,
welcher sagen will: Hier bin ich! Töte mich, wenn du willst! eilte er auf
seine Gattin zu und sank dicht vor ihr auf beide Knie nieder. Sein Anblick
war mitleiderregend. Seine goldgelben Favoris waren zerzaust, sein
Leibrock war zerknittert, seine Halsbinde verschoben, sein Kragen stand
offen, und auf seiner Stirn waren kleine Tropfen zu bemerken.
»Antonie …!« sagte er. »Sieh mich hier … Hast du ein Herz, ein
fühlendes Herz?… Höre mich an … du siehst einen Mann vor dir, der
vernichtet, zugrunde gerichtet ist, wenn … ja, der vor Kummer sterben
wird, wenn du seine Liebe verschmähst! Hier liege ich … bringst du es über
das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue dich –? Ich verlasse dich –?«
Tony weinte. Es war genau wie damals im Landschaftszimmer. Wieder
sah sie dies angstverzerrte Gesicht, diese flehenden Augen auf sich
gerichtet, und wieder sah sie mit Erstaunen und Rührung, daß diese Angst
und dieses Flehen ehrlich und ungeheuchelt waren.
»Steh' auf, Grünlich«, sagte sie schluchzend. »Bitte, steh' doch auf!«
Und sie versuchte, ihn an den Schultern emporzuheben. Ich verabscheue
dich nicht! Wie kannst du dergleichen sagen!…« Ohne zu wissen, was sie
sonst noch sprechen sollte, wandte sie sich vollkommen hilflos ihrem Vater
zu. Der Konsul ergriff ihre Hand, verneigte sich vor seinem Schwiegersohn
und ging mit ihr der Korridortüre zu.
»Du gehst?« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße …
»Ich habe Ihnen schon ausgesprochen«, sagte der Konsul, »daß ich es
nicht verantworten kann, mein Kind so ganz unverschuldet dem Unglück zu
überlassen, und ich füge hinzu, daß auch Sie das nicht können. Nein, mein
Herr, Sie haben den Besitz meiner Tochter verscherzt. Und danken Sie
Ihrem Schöpfer dafür, daß er das Herz dieses Kindes so rein und ahnungslos
erhalten hat, daß sie sich o h n e Abscheu von Ihnen trennt! Leben Sie
wohl.«
Hier aber verlor Herr Grünlich den Kopf. Er hätte von kurzer Trennung,
von Rückkehr und neuem Leben sprechen und vielleicht die Erbschaft
und in den Salon kam Herr Grünlich. Mit raschen Schritten, die Arme
ausgebreitet und den Kopf zur Seite geneigt, in der Haltung eines Mannes,
welcher sagen will: Hier bin ich! Töte mich, wenn du willst! eilte er auf
seine Gattin zu und sank dicht vor ihr auf beide Knie nieder. Sein Anblick
war mitleiderregend. Seine goldgelben Favoris waren zerzaust, sein
Leibrock war zerknittert, seine Halsbinde verschoben, sein Kragen stand
offen, und auf seiner Stirn waren kleine Tropfen zu bemerken.
»Antonie …!« sagte er. »Sieh mich hier … Hast du ein Herz, ein
fühlendes Herz?… Höre mich an … du siehst einen Mann vor dir, der
vernichtet, zugrunde gerichtet ist, wenn … ja, der vor Kummer sterben
wird, wenn du seine Liebe verschmähst! Hier liege ich … bringst du es über
das Herz, mir zu sagen: Ich verabscheue dich –? Ich verlasse dich –?«
Tony weinte. Es war genau wie damals im Landschaftszimmer. Wieder
sah sie dies angstverzerrte Gesicht, diese flehenden Augen auf sich
gerichtet, und wieder sah sie mit Erstaunen und Rührung, daß diese Angst
und dieses Flehen ehrlich und ungeheuchelt waren.
»Steh' auf, Grünlich«, sagte sie schluchzend. »Bitte, steh' doch auf!«
Und sie versuchte, ihn an den Schultern emporzuheben. Ich verabscheue
dich nicht! Wie kannst du dergleichen sagen!…« Ohne zu wissen, was sie
sonst noch sprechen sollte, wandte sie sich vollkommen hilflos ihrem Vater
zu. Der Konsul ergriff ihre Hand, verneigte sich vor seinem Schwiegersohn
und ging mit ihr der Korridortüre zu.
»Du gehst?« rief Herr Grünlich und sprang auf die Füße …
»Ich habe Ihnen schon ausgesprochen«, sagte der Konsul, »daß ich es
nicht verantworten kann, mein Kind so ganz unverschuldet dem Unglück zu
überlassen, und ich füge hinzu, daß auch Sie das nicht können. Nein, mein
Herr, Sie haben den Besitz meiner Tochter verscherzt. Und danken Sie
Ihrem Schöpfer dafür, daß er das Herz dieses Kindes so rein und ahnungslos
erhalten hat, daß sie sich o h n e Abscheu von Ihnen trennt! Leben Sie
wohl.«
Hier aber verlor Herr Grünlich den Kopf. Er hätte von kurzer Trennung,
von Rückkehr und neuem Leben sprechen und vielleicht die Erbschaft
Page 220
retten können; aber es war zu Ende mit seiner Überlegung, seiner
Regsamkeit und Findigkeit. Er hätte den großen, unzerbrechlichen,
bronzenen Teller nehmen können, der auf der Spiegeletagere stand, aber er
nahm die dünne, mit Blumen bemalte Vase, die sich dicht daneben befand,
und warf sie zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang …
»Ha! Schön! Gut!« schrie er. »Geh' nur! Meinst du, daß ich dir
nachheule, du Gans? Ach nein, Sie irren sich, meine Teuerste! Ich habe dich
n u r deines Geldes wegen geheiratet, aber da es noch lange nicht genug
war, so mach' nur, daß du wieder nach Hause kommst! Ich bin deiner
überdrüssig … überdrüssig … überdrüssig …!«
Johann Buddenbrook führte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst
aber kehrte noch einmal zurück, schritt auf Herrn Grünlich zu, der, die
Hände auf dem Rücken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte,
berührte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: »Fassen Sie
sich. B e t e n Sie.«
Zehntes Kapitel
Das große Haus in der Mengstraße blieb lange Zeit von einer
gedämpften Stimmung erfüllt, als Madame Grünlich, zusammen mit ihrer
kleinen Tochter, dort wieder eingezogen war. Man ging behutsam umher
und sprach nicht gerne »davon« … ausgenommen die Hauptperson der
ganzen Angelegenheit selbst, die im Gegenteile mit Leidenschaft davon
sprach und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fühlte.
Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals,
zur Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. Sie war ein
wenig enttäuscht, als ihr Papa es sich keineswegs in den Sinn kommen ließ,
ein eignes Dienstmädchen für sie zu engagieren, und sie durchlebte eine
nachdenkliche halbe Stunde, als er ihr mit sanften Worten
auseinandersetzte, es zieme sich vorderhand nichts anderes für sie, als in
Zurückgezogenheit zu leben und auf die Geselligkeit in der Stadt zu
verzichten, denn wenn sie auch an dem Geschick, das Gott als Prüfung über
sie verhängt, nach menschlichen Begriffen unschuldig sei, so lege doch ihre
Stellung als geschiedene Frau ihr fürs erste die äußerste Zurückhaltung auf.
Regsamkeit und Findigkeit. Er hätte den großen, unzerbrechlichen,
bronzenen Teller nehmen können, der auf der Spiegeletagere stand, aber er
nahm die dünne, mit Blumen bemalte Vase, die sich dicht daneben befand,
und warf sie zu Boden, daß sie in tausend Stücke zersprang …
»Ha! Schön! Gut!« schrie er. »Geh' nur! Meinst du, daß ich dir
nachheule, du Gans? Ach nein, Sie irren sich, meine Teuerste! Ich habe dich
n u r deines Geldes wegen geheiratet, aber da es noch lange nicht genug
war, so mach' nur, daß du wieder nach Hause kommst! Ich bin deiner
überdrüssig … überdrüssig … überdrüssig …!«
Johann Buddenbrook führte seine Tochter schweigend hinaus. Er selbst
aber kehrte noch einmal zurück, schritt auf Herrn Grünlich zu, der, die
Hände auf dem Rücken, am Fenster stand und in den Regen hinausstarrte,
berührte sanft seine Schulter und sprach leise und mahnend: »Fassen Sie
sich. B e t e n Sie.«
Zehntes Kapitel
Das große Haus in der Mengstraße blieb lange Zeit von einer
gedämpften Stimmung erfüllt, als Madame Grünlich, zusammen mit ihrer
kleinen Tochter, dort wieder eingezogen war. Man ging behutsam umher
und sprach nicht gerne »davon« … ausgenommen die Hauptperson der
ganzen Angelegenheit selbst, die im Gegenteile mit Leidenschaft davon
sprach und sich dabei wahrhaft in ihrem Elemente fühlte.
Tony bezog mit Erika im zweiten Stockwerk die Zimmer, die ehemals,
zur Zeit der alten Buddenbrooks, ihre Eltern innegehabt hatten. Sie war ein
wenig enttäuscht, als ihr Papa es sich keineswegs in den Sinn kommen ließ,
ein eignes Dienstmädchen für sie zu engagieren, und sie durchlebte eine
nachdenkliche halbe Stunde, als er ihr mit sanften Worten
auseinandersetzte, es zieme sich vorderhand nichts anderes für sie, als in
Zurückgezogenheit zu leben und auf die Geselligkeit in der Stadt zu
verzichten, denn wenn sie auch an dem Geschick, das Gott als Prüfung über
sie verhängt, nach menschlichen Begriffen unschuldig sei, so lege doch ihre
Stellung als geschiedene Frau ihr fürs erste die äußerste Zurückhaltung auf.
Page 221
Aber Tony besaß die schöne Gabe, sich jeder Lebenslage mit Talent,
Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen anzupassen. Sie gefiel sich
bald in ihrer Rolle als eine von unverschuldetem Unglück heimgesuchte
Frau, kleidete sich dunkel, trug ihr hübsches aschblondes Haar glatt
gescheitelt wie als junges Mädchen und hielt sich für die mangelnde
Geselligkeit schadlos, indem sie zu Hause mit ungeheurer Wichtigkeit und
unermüdlicher Freude an dem Ernst und der Bedeutsamkeit ihrer Lage
Betrachtungen über ihre Ehe, über Herrn Grünlich und über Leben und
Schicksal im allgemeinen anstellte.
Nicht jedermann bot ihr Gelegenheit dazu. Die Konsulin war zwar
überzeugt, daß ihr Gatte korrekt und pflichtgemäß gehandelt habe; aber sie
erhob, wenn Tony zu sprechen begann, nur leicht ihre schöne weiße Hand
und sagte: »Assez, mein Kind. Ich höre nicht gern von dieser Affäre.«
Klara, erst zwölfjährig, verstand nichts von der Sache, und Cousine
Thilda war gleichfalls zu dumm. »O Tony, wie traurig!« war alles, was sie
langgedehnt und erstaunt hervorzubringen wußte. Dagegen fand die junge
Frau eine aufmerksame Zuhörerin in Mamsell Jungmann, die nun schon 35
Jahre zählte und sich rühmen durfte, im Dienste der ersten Kreise ergraut zu
sein. »Brauchst nicht Furcht haben, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie;
»bist noch jung, wirst dich wieder verheiraten.« Übrigens widmete sie sich
mit Liebe und Treue der Erziehung der kleinen Erika und erzählte ihr
dieselben Erinnerungen und Geschichten, denen vor fünfzehn Jahren die
Kinder des Konsuls gelauscht hatten: von einem Onkel im besonderen, der
zu Marienwerder am Schluckauf gestorben war, weil er »sich das Herz
abgestoßen« hatte.
Am liebsten und längsten aber plauderte Tony, nach dem Mittagessen
oder morgens beim ersten Frühstück, mit ihrem Vater. Ihr Verhältnis zu ihm
war mit einem Schlage weit inniger geworden als früher. Sie hatte bislang,
bei seiner Machtstellung in der Stadt, bei seiner emsigen, soliden, strengen
und frommen Tüchtigkeit, mehr ängstliche Ehrfurcht als Zärtlichkeit für ihn
empfunden; während jener Auseinandersetzung aber in ihrem Salon war er
ihr menschlich nahegetreten, und es hatte sie mit Stolz und Rührung erfüllt,
daß er sie eines vertrauten und ernsten Gespräches über diese Sache
gewürdigt, daß er die Entscheidung ihr selbst anheim gestellt und daß er der
Unantastbare, ihr fast mit Demut gestanden, er fühle sich nicht schuldlos ihr
Gewandtheit und lebhafter Freude am Neuen anzupassen. Sie gefiel sich
bald in ihrer Rolle als eine von unverschuldetem Unglück heimgesuchte
Frau, kleidete sich dunkel, trug ihr hübsches aschblondes Haar glatt
gescheitelt wie als junges Mädchen und hielt sich für die mangelnde
Geselligkeit schadlos, indem sie zu Hause mit ungeheurer Wichtigkeit und
unermüdlicher Freude an dem Ernst und der Bedeutsamkeit ihrer Lage
Betrachtungen über ihre Ehe, über Herrn Grünlich und über Leben und
Schicksal im allgemeinen anstellte.
Nicht jedermann bot ihr Gelegenheit dazu. Die Konsulin war zwar
überzeugt, daß ihr Gatte korrekt und pflichtgemäß gehandelt habe; aber sie
erhob, wenn Tony zu sprechen begann, nur leicht ihre schöne weiße Hand
und sagte: »Assez, mein Kind. Ich höre nicht gern von dieser Affäre.«
Klara, erst zwölfjährig, verstand nichts von der Sache, und Cousine
Thilda war gleichfalls zu dumm. »O Tony, wie traurig!« war alles, was sie
langgedehnt und erstaunt hervorzubringen wußte. Dagegen fand die junge
Frau eine aufmerksame Zuhörerin in Mamsell Jungmann, die nun schon 35
Jahre zählte und sich rühmen durfte, im Dienste der ersten Kreise ergraut zu
sein. »Brauchst nicht Furcht haben, Tonychen, mein Kindchen«, sagte sie;
»bist noch jung, wirst dich wieder verheiraten.« Übrigens widmete sie sich
mit Liebe und Treue der Erziehung der kleinen Erika und erzählte ihr
dieselben Erinnerungen und Geschichten, denen vor fünfzehn Jahren die
Kinder des Konsuls gelauscht hatten: von einem Onkel im besonderen, der
zu Marienwerder am Schluckauf gestorben war, weil er »sich das Herz
abgestoßen« hatte.
Am liebsten und längsten aber plauderte Tony, nach dem Mittagessen
oder morgens beim ersten Frühstück, mit ihrem Vater. Ihr Verhältnis zu ihm
war mit einem Schlage weit inniger geworden als früher. Sie hatte bislang,
bei seiner Machtstellung in der Stadt, bei seiner emsigen, soliden, strengen
und frommen Tüchtigkeit, mehr ängstliche Ehrfurcht als Zärtlichkeit für ihn
empfunden; während jener Auseinandersetzung aber in ihrem Salon war er
ihr menschlich nahegetreten, und es hatte sie mit Stolz und Rührung erfüllt,
daß er sie eines vertrauten und ernsten Gespräches über diese Sache
gewürdigt, daß er die Entscheidung ihr selbst anheim gestellt und daß er der
Unantastbare, ihr fast mit Demut gestanden, er fühle sich nicht schuldlos ihr
Page 222
gegenüber. Es ist sicher, daß Tony selbst niemals auf diesen Gedanken
gekommen wäre; da er es aber sagte, so glaubte sie es, und ihre Gefühle für
ihn wurden weicher und zarter dadurch. Was den Konsul selbst anging, so
änderte er seine Anschauungsweise nicht und glaubte seiner Tochter mit
verdoppelter Liebe ihr schweres Geschick entgelten zu müssen.
Johann Buddenbrook war in keiner Weise persönlich gegen seinen
betrügerischen Schwiegersohn vorgegangen. Zwar hatten Tony und ihre
Mutter aus dem Verlaufe einiger Gespräche erfahren, zu welch unredlichen
Mitteln Herr Grünlich gegriffen hatte, um 80000 Mark zu erlangen; aber der
Konsul hütete sich wohl, die Sache der Öffentlichkeit oder gar der Justiz zu
übergeben. Er fühlte in seinem Stolz als Geschäftsmann sich bitter gekränkt
und verwand schweigend die Schmach, so plump übers Ohr gehauen
worden zu sein.
Jedenfalls strengte er, sobald der Konkurs des Hauses B. Grünlich
erfolgt – der übrigens in Hamburg verschiedenen Firmen nicht unerhebliche
Verluste bereitete –, mit Entschlossenheit den Scheidungsprozeß an … und
dieser Prozeß war es hauptsächlich, der Gedanke, daß sie, sie selbst den
Mittelpunkt eines wirklichen Prozesses bildete, der Tony mit einem
unbeschreiblichen Würdegefühl erfüllte.
»Vater«, sagte sie; denn in solchen Gesprächen nannte sie den Konsul
niemals »Papa«. »Vater, wie geht unsere Sache vorwärts? Du meinst doch,
daß alles gut gehen wird? Der Paragraph ist vollkommen klar; ich habe ihn
genau studiert! ›Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu ernähren …‹ Die
Herren müssen das einsehen. Wenn ein Sohn da wäre, würde Grünlich ihn
behalten …«
Ein anderes Mal sagte sie: »Ich habe noch viel über die Jahre meiner
Ehe nachgedacht, Vater. Ha! also d e s h a l b wollte der Mensch durchaus
nicht, daß wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wünschte. Also
d e s h a l b sah er es niemals gern, daß ich überhaupt in der Stadt verkehrte
und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl größer als in
Eimsbüttel, daß ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es eigentlich um ihn
bestellt war!… Was für ein Filou!«
»Wir sollen nicht richten, mein Kind«, erwiderte der Konsul.
gekommen wäre; da er es aber sagte, so glaubte sie es, und ihre Gefühle für
ihn wurden weicher und zarter dadurch. Was den Konsul selbst anging, so
änderte er seine Anschauungsweise nicht und glaubte seiner Tochter mit
verdoppelter Liebe ihr schweres Geschick entgelten zu müssen.
Johann Buddenbrook war in keiner Weise persönlich gegen seinen
betrügerischen Schwiegersohn vorgegangen. Zwar hatten Tony und ihre
Mutter aus dem Verlaufe einiger Gespräche erfahren, zu welch unredlichen
Mitteln Herr Grünlich gegriffen hatte, um 80000 Mark zu erlangen; aber der
Konsul hütete sich wohl, die Sache der Öffentlichkeit oder gar der Justiz zu
übergeben. Er fühlte in seinem Stolz als Geschäftsmann sich bitter gekränkt
und verwand schweigend die Schmach, so plump übers Ohr gehauen
worden zu sein.
Jedenfalls strengte er, sobald der Konkurs des Hauses B. Grünlich
erfolgt – der übrigens in Hamburg verschiedenen Firmen nicht unerhebliche
Verluste bereitete –, mit Entschlossenheit den Scheidungsprozeß an … und
dieser Prozeß war es hauptsächlich, der Gedanke, daß sie, sie selbst den
Mittelpunkt eines wirklichen Prozesses bildete, der Tony mit einem
unbeschreiblichen Würdegefühl erfüllte.
»Vater«, sagte sie; denn in solchen Gesprächen nannte sie den Konsul
niemals »Papa«. »Vater, wie geht unsere Sache vorwärts? Du meinst doch,
daß alles gut gehen wird? Der Paragraph ist vollkommen klar; ich habe ihn
genau studiert! ›Unfähigkeit des Mannes, seine Familie zu ernähren …‹ Die
Herren müssen das einsehen. Wenn ein Sohn da wäre, würde Grünlich ihn
behalten …«
Ein anderes Mal sagte sie: »Ich habe noch viel über die Jahre meiner
Ehe nachgedacht, Vater. Ha! also d e s h a l b wollte der Mensch durchaus
nicht, daß wir in der Stadt wohnten, was ich doch so sehr wünschte. Also
d e s h a l b sah er es niemals gern, daß ich überhaupt in der Stadt verkehrte
und Gesellschaften besuchte! Die Gefahr war dort wohl größer als in
Eimsbüttel, daß ich auf irgendeine Weise erfuhr, wie es eigentlich um ihn
bestellt war!… Was für ein Filou!«
»Wir sollen nicht richten, mein Kind«, erwiderte der Konsul.
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Oder sie begann, als die Ehescheidung ausgesprochen war, mit
wichtiger Miene: »Du hast es doch schon in die Familienpapiere
eingetragen, Vater? Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun … Bitte, gib mir
den Schlüssel zum Sekretär.«
Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier Jahren
hinter ihren Namen gesetzt: »Diese Ehe ward anno 1850 im Februar
rechtskräftig wieder aufgelöst.«
Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach.
»Vater«, sagte sie, »ich weiß wohl, daß dies Ereignis einen Flecken in
unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darüber
nachgedacht. Es ist genau, als wäre hier ein Tintenklecks in diesem Buche.
Aber sei ruhig … es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren! Ich bin
noch jung … findest du nicht, daß ich noch ziemlich hübsch bin? Obgleich
Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: ›O Gott, Madame
Grünlich, wie sind Sie alt geworden!‹ Nun, man kann unmöglich sein
Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren war … das Leben
nimmt einen natürlich mit … Kurz, nein, ich werde mich wieder
verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue vorteilhafte Partie
wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?«
»Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus
nicht, jetzt über solche Dinge zu sprechen.«
Im übrigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung
»Wie es im Leben so geht …« zu bedienen, und bei dem Worte »Leben«
hatte sie einen hübschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen
gab, welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan …
Der Tisch im Eßsaale vergrößerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue
Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von
Pau nach Hause zurückkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der ja
auch damals bei der Abreise von Travemünde ihren Schmerz gekannt und
gewürdigt hatte und in dem sie den zukünftigen Firmenchef, das
einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen.
»Ja, ja«, sagte er, »wir beide haben schon allerhand durchgemacht,
Tony …« Dann zog er eine Braue empor, ließ die russische Zigarette in den
wichtiger Miene: »Du hast es doch schon in die Familienpapiere
eingetragen, Vater? Nein? Oh, dann darf ich es wohl tun … Bitte, gib mir
den Schlüssel zum Sekretär.«
Und emsig und stolz schrieb sie unter die Zeilen, die sie vor vier Jahren
hinter ihren Namen gesetzt: »Diese Ehe ward anno 1850 im Februar
rechtskräftig wieder aufgelöst.«
Dann legte sie die Feder fort und dachte einen Augenblick nach.
»Vater«, sagte sie, »ich weiß wohl, daß dies Ereignis einen Flecken in
unserer Familiengeschichte bildet. Ja, ich habe schon viel darüber
nachgedacht. Es ist genau, als wäre hier ein Tintenklecks in diesem Buche.
Aber sei ruhig … es ist meine Sache, ihn wieder fortzuradieren! Ich bin
noch jung … findest du nicht, daß ich noch ziemlich hübsch bin? Obgleich
Madame Stuht, als sie mich wiedersah, zu mir sagte: ›O Gott, Madame
Grünlich, wie sind Sie alt geworden!‹ Nun, man kann unmöglich sein
Lebtag eine solche Gans bleiben, wie ich vor vier Jahren war … das Leben
nimmt einen natürlich mit … Kurz, nein, ich werde mich wieder
verheiraten! Du sollst sehen, alles wird durch eine neue vorteilhafte Partie
wieder gut gemacht werden! Meinst du nicht?«
»Das steht in Gottes Hand, mein Kind. Aber es schickt sich durchaus
nicht, jetzt über solche Dinge zu sprechen.«
Im übrigen begann Tony um diese Zeit sich sehr oft der Redewendung
»Wie es im Leben so geht …« zu bedienen, und bei dem Worte »Leben«
hatte sie einen hübschen und ernsten Augenaufschlag, welcher zu ahnen
gab, welch tiefe Blicke sie in Menschenleben und -schicksal getan …
Der Tisch im Eßsaale vergrößerte sich noch mehr, und Tony erhielt neue
Gelegenheit, sich auszusprechen, als Thomas im August dieses Jahres von
Pau nach Hause zurückkehrte. Sie liebte und verehrte diesen Bruder, der ja
auch damals bei der Abreise von Travemünde ihren Schmerz gekannt und
gewürdigt hatte und in dem sie den zukünftigen Firmenchef, das
einstmalige Familienhaupt erblickte, von ganzem Herzen.
»Ja, ja«, sagte er, »wir beide haben schon allerhand durchgemacht,
Tony …« Dann zog er eine Braue empor, ließ die russische Zigarette in den
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anderen Mundwinkel wandern und dachte wahrscheinlich an das kleine
Blumenmädchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit
den Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das
Blumengeschäft in der Fischergrube fortführte.
Thomas Buddenbrook, noch ein wenig blaß, war eine auffallend
elegante Erscheinung. Es schien, daß diese letzten Jahre seine Erziehung
durchaus vollendet hatten. Mit seiner über den Ohren zu kleinen Hügeln
zusammengebürsteten Frisur, mit seinen nach französischer Mode sehr spitz
gedrehten und mit der Brennzange waagerecht ausgezogenen Schnurrbart
und seiner untersetzten, ziemlich breitschulterigen Gestalt machte seine
Figur einen beinahe militärischen Eindruck. Aber das bläuliche, allzu
sichtbare Geäder an seinen schmalen Schläfen, von denen das Haar in zwei
Einbuchtungen zurücktrat, sowie eine leichte Neigung zum Schüttelfrost,
die der gute Doktor Grabow vergebens bekämpfte, deutete an, daß seine
Konstitution nicht besonders kräftig war. Was Einzelheiten der
Körperbildung, wie das Kinn, die Nase und besonders die Hände …
wunderbar echt Buddenbrooksche Hände! betraf, so war seine Ähnlichkeit
mit dem Großvater noch größer geworden.
Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Französisch und
setzte jedermann durch seine Liebhaberei für gewisse moderne
Schriftsteller satirischen und polemischen Charakters in Erstaunen … Nur
bei dem finsteren Makler, Herrn Gosch, fand er in der Stadt für diese
Neigung Verständnis; sein Vater verurteilte sie aufs strengste.
Das hinderte nicht, daß der Stolz und das Glück, das der Konsul über
seinen ältesten Sohn empfand, ihm in den Augen zu lesen war. Mit Rührung
und Freude begrüßte er ihn alsbald nach seiner Ankunft aufs neue als
Mitarbeiter in seinen Kontors, in denen er selbst jetzt wieder mit größerer
Genugtuung zu wirken begann: und zwar nach dem Tode der alten Madame
Kröger, der am Ende des Jahres erfolgte.
Man mußte den Verlust der alten Dame mit Fassung ertragen. Sie war
steinalt geworden und hatte zuletzt ganz einsam gelebt. Sie ging zu Gott,
und Buddenbrooks bekamen eine Menge Geld, volle runde 100000 Taler
Kurant, die das Betriebskapital der Firma in wünschenswertester Weise
verstärkten.
Blumenmädchen mit dem malaiischen Gesichtstypus, das vor kurzer Zeit
den Sohn ihrer Brotgeberin geheiratet hatte und nun auf eigene Hand das
Blumengeschäft in der Fischergrube fortführte.
Thomas Buddenbrook, noch ein wenig blaß, war eine auffallend
elegante Erscheinung. Es schien, daß diese letzten Jahre seine Erziehung
durchaus vollendet hatten. Mit seiner über den Ohren zu kleinen Hügeln
zusammengebürsteten Frisur, mit seinen nach französischer Mode sehr spitz
gedrehten und mit der Brennzange waagerecht ausgezogenen Schnurrbart
und seiner untersetzten, ziemlich breitschulterigen Gestalt machte seine
Figur einen beinahe militärischen Eindruck. Aber das bläuliche, allzu
sichtbare Geäder an seinen schmalen Schläfen, von denen das Haar in zwei
Einbuchtungen zurücktrat, sowie eine leichte Neigung zum Schüttelfrost,
die der gute Doktor Grabow vergebens bekämpfte, deutete an, daß seine
Konstitution nicht besonders kräftig war. Was Einzelheiten der
Körperbildung, wie das Kinn, die Nase und besonders die Hände …
wunderbar echt Buddenbrooksche Hände! betraf, so war seine Ähnlichkeit
mit dem Großvater noch größer geworden.
Er sprach ein mit spanischen Lauten untermischtes Französisch und
setzte jedermann durch seine Liebhaberei für gewisse moderne
Schriftsteller satirischen und polemischen Charakters in Erstaunen … Nur
bei dem finsteren Makler, Herrn Gosch, fand er in der Stadt für diese
Neigung Verständnis; sein Vater verurteilte sie aufs strengste.
Das hinderte nicht, daß der Stolz und das Glück, das der Konsul über
seinen ältesten Sohn empfand, ihm in den Augen zu lesen war. Mit Rührung
und Freude begrüßte er ihn alsbald nach seiner Ankunft aufs neue als
Mitarbeiter in seinen Kontors, in denen er selbst jetzt wieder mit größerer
Genugtuung zu wirken begann: und zwar nach dem Tode der alten Madame
Kröger, der am Ende des Jahres erfolgte.
Man mußte den Verlust der alten Dame mit Fassung ertragen. Sie war
steinalt geworden und hatte zuletzt ganz einsam gelebt. Sie ging zu Gott,
und Buddenbrooks bekamen eine Menge Geld, volle runde 100000 Taler
Kurant, die das Betriebskapital der Firma in wünschenswertester Weise
verstärkten.
Page 225
Eine weitere Folge dieses Sterbefalles war diejenige, daß des Konsuls
Schwager Justus, sobald er den Rest seines Erbteiles in Händen hatte, müde
seiner beständigen geschäftlichen Mißerfolge, liquidierte und sich zur Ruhe
setzte. Justus Kröger, der Suitier, des à la mode-Kavaliers lebensfroher
Sohn, war kein sehr glücklicher Mensch. Er hatte, mit seiner Kulanz und
seiner heiteren Leichtlebigkeit, es niemals zu einer sicheren, soliden und
zweifellosen Position in der Kaufmannswelt bringen können, er hatte einen
bedeutenden Teil seines elterlichen Erbes im voraus eingebüßt, und
neuerdings kam hinzu, daß Jakob, sein ältester Sohn, ihm schwere
Kümmernisse bereitete.
Der junge Mann, der in dem großen Hamburg sich sittenlose
Gesellschaft gewählt zu haben schien, hatte seinem Vater mit den Jahren
eine ungebührliche Menge Kurantmark gekostet, und da, wenn Konsul
Kröger sich weigerte, noch mehr zu leisten, seine Gattin, eine schwache
und zärtliche Frau, dem lockeren Sohne heimlich weitere Geldsummen
zukommen ließ, so waren zwischen dem Ehepaar traurige Mißhelligkeiten
entstanden. Um allem die Krone aufzusetzen, war fast zur selben Zeit, als
B. Grünlich seine Zahlungen einstellte, in Hamburg, wo Jakob Kröger bei
den Herren Dalbeck & Comp. arbeitete, noch etwas anderes, Unheimliches
vorgefallen … Ein Übergriff, eine Unredlichkeit hatte stattgefunden … Man
sprach nicht davon und richtete keine Fragen an Justus Kröger; aber es hieß,
daß Jakob in Neuyork eine Stellung als Reisender gefunden habe und
demnächst zu Schiff gehen werde. Einmal, vor seiner Fahrt, wurde er in der
Stadt gesehen, wohin er wahrscheinlich gekommen war, um außer dem
Reisegelde, das sein Vater ihm zugeschickt, von seiner Mutter noch mehr zu
erlangen: ein geckenhaft gekleideter Jüngling von ungesundem Aussehen.
Kurz, es war dahin gekommen, daß Konsul Justus, als ob er nur einen
Leibeserben besäße, ausschließlich von »meinem Sohne« sprach … womit
er Jürgen meinte, der sich zwar niemals eines Vergehens schuldig gemacht,
aber geistig allzu beschränkt erschien. Er hatte das Gymnasium mit großer
Mühe absolviert und befand sich seit einiger Zeit in Jena, wo er sich, ohne
viel Freude und Erfolg, wie es den Anschein hatte, der Jurisprudenz
widmete.
Johann Buddenbrook empfand aufs schmerzlichste die wenig ehrenvolle
Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ängstlicherer
Schwager Justus, sobald er den Rest seines Erbteiles in Händen hatte, müde
seiner beständigen geschäftlichen Mißerfolge, liquidierte und sich zur Ruhe
setzte. Justus Kröger, der Suitier, des à la mode-Kavaliers lebensfroher
Sohn, war kein sehr glücklicher Mensch. Er hatte, mit seiner Kulanz und
seiner heiteren Leichtlebigkeit, es niemals zu einer sicheren, soliden und
zweifellosen Position in der Kaufmannswelt bringen können, er hatte einen
bedeutenden Teil seines elterlichen Erbes im voraus eingebüßt, und
neuerdings kam hinzu, daß Jakob, sein ältester Sohn, ihm schwere
Kümmernisse bereitete.
Der junge Mann, der in dem großen Hamburg sich sittenlose
Gesellschaft gewählt zu haben schien, hatte seinem Vater mit den Jahren
eine ungebührliche Menge Kurantmark gekostet, und da, wenn Konsul
Kröger sich weigerte, noch mehr zu leisten, seine Gattin, eine schwache
und zärtliche Frau, dem lockeren Sohne heimlich weitere Geldsummen
zukommen ließ, so waren zwischen dem Ehepaar traurige Mißhelligkeiten
entstanden. Um allem die Krone aufzusetzen, war fast zur selben Zeit, als
B. Grünlich seine Zahlungen einstellte, in Hamburg, wo Jakob Kröger bei
den Herren Dalbeck & Comp. arbeitete, noch etwas anderes, Unheimliches
vorgefallen … Ein Übergriff, eine Unredlichkeit hatte stattgefunden … Man
sprach nicht davon und richtete keine Fragen an Justus Kröger; aber es hieß,
daß Jakob in Neuyork eine Stellung als Reisender gefunden habe und
demnächst zu Schiff gehen werde. Einmal, vor seiner Fahrt, wurde er in der
Stadt gesehen, wohin er wahrscheinlich gekommen war, um außer dem
Reisegelde, das sein Vater ihm zugeschickt, von seiner Mutter noch mehr zu
erlangen: ein geckenhaft gekleideter Jüngling von ungesundem Aussehen.
Kurz, es war dahin gekommen, daß Konsul Justus, als ob er nur einen
Leibeserben besäße, ausschließlich von »meinem Sohne« sprach … womit
er Jürgen meinte, der sich zwar niemals eines Vergehens schuldig gemacht,
aber geistig allzu beschränkt erschien. Er hatte das Gymnasium mit großer
Mühe absolviert und befand sich seit einiger Zeit in Jena, wo er sich, ohne
viel Freude und Erfolg, wie es den Anschein hatte, der Jurisprudenz
widmete.
Johann Buddenbrook empfand aufs schmerzlichste die wenig ehrenvolle
Entwicklung der Familie seiner Frau und blickte mit desto ängstlicherer
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Erwartung auf seine eigenen Kinder. Er war berechtigt, die vollste
Zuversicht in die Tüchtigkeit und den Ernst seines ältesten Sohnes zu
setzen; was aber Christian betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben, der
junge Mann habe sich zwar mit entschiedener Begabung die englische
Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im Geschäft nicht immer
hinreichendes Interesse und lege eine allzu große Schwäche für die
Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel für das Theater, an den Tag.
Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedürfnis und
bat eifrig um die Erlaubnis, »drüben«, das heißt in Südamerika, vielleicht in
Chile, eine Stellung annehmen zu dürfen. »Aber das ist Abenteuerlust«,
sagte der Konsul und befahl ihm, vorerst während eines vierten Jahres seine
merkantilen Kenntnisse bei Mr. Richardson zu vervollständigen. Es wurden
dann noch einige Briefe über seine Pläne gewechselt, und im Sommer 1851
segelte Christian Buddenbrook in der Tat nach Valparaiso, wo er sich eine
Position verschafft hatte. Er reiste direkt von England, ohne vorher in die
Heimat zurückzukehren.
Abgesehen aber von den beiden Söhnen, bemerkte der Konsul zu seiner
Genugtuung, mit welcher Entschiedenheit und welchem Selbstgefühle Tony
ihre Stellung als eine geborene Buddenbrook in der Stadt verteidigte …
obgleich man hatte vorhersehen müssen, daß sie in ihrer Eigenschaft als
geschiedene Frau allerlei Schadenfreude und Voreingenommenheiten auf
seiten der anderen Familien werde zu überwinden haben.
»Ha!« sagte sie, als sie mit gerötetem Gesicht von einem Spaziergang
zurückkam, und warf ihren Hut auf das Sofa im Landschaftszimmer …
»Diese Möllendorpf, diese geborene Hagenström, diese Semmlinger, dieses
Julchen, dieses Geschöpf … was meinst du wohl, Mama! Sie grüßt mich
nicht … nein, sie grüßt mich nicht! Sie wartet, daß ich sie zuerst grüße! Was
sagst du dazu! Ich bin in der Breiten Straße mit erhobenem Kopfe an ihr
vorübergegangen und habe ihr gerade ins Gesicht gesehen …«
»Du gehst zu weit, Tony … Nein, alles hat seine Grenzen. Warum
konntest du Madame Möllendorpf nicht zuerst grüßen? Ihr seid gleichaltrig,
und sie ist eine verheiratete Frau so gut wie du es warst …«
»Niemals, Mama! O Gott, das Geschmeiß!«
»Assez, meine Liebe! So undelikate Worte …«
Zuversicht in die Tüchtigkeit und den Ernst seines ältesten Sohnes zu
setzen; was aber Christian betraf, so hatte Mr. Richardson geschrieben, der
junge Mann habe sich zwar mit entschiedener Begabung die englische
Sprache zu eigen gemacht, zeige aber im Geschäft nicht immer
hinreichendes Interesse und lege eine allzu große Schwäche für die
Zerstreuungen der Weltstadt, zum Beispiel für das Theater, an den Tag.
Christian selbst bewies in seinen Briefen ein lebhaftes Wanderbedürfnis und
bat eifrig um die Erlaubnis, »drüben«, das heißt in Südamerika, vielleicht in
Chile, eine Stellung annehmen zu dürfen. »Aber das ist Abenteuerlust«,
sagte der Konsul und befahl ihm, vorerst während eines vierten Jahres seine
merkantilen Kenntnisse bei Mr. Richardson zu vervollständigen. Es wurden
dann noch einige Briefe über seine Pläne gewechselt, und im Sommer 1851
segelte Christian Buddenbrook in der Tat nach Valparaiso, wo er sich eine
Position verschafft hatte. Er reiste direkt von England, ohne vorher in die
Heimat zurückzukehren.
Abgesehen aber von den beiden Söhnen, bemerkte der Konsul zu seiner
Genugtuung, mit welcher Entschiedenheit und welchem Selbstgefühle Tony
ihre Stellung als eine geborene Buddenbrook in der Stadt verteidigte …
obgleich man hatte vorhersehen müssen, daß sie in ihrer Eigenschaft als
geschiedene Frau allerlei Schadenfreude und Voreingenommenheiten auf
seiten der anderen Familien werde zu überwinden haben.
»Ha!« sagte sie, als sie mit gerötetem Gesicht von einem Spaziergang
zurückkam, und warf ihren Hut auf das Sofa im Landschaftszimmer …
»Diese Möllendorpf, diese geborene Hagenström, diese Semmlinger, dieses
Julchen, dieses Geschöpf … was meinst du wohl, Mama! Sie grüßt mich
nicht … nein, sie grüßt mich nicht! Sie wartet, daß ich sie zuerst grüße! Was
sagst du dazu! Ich bin in der Breiten Straße mit erhobenem Kopfe an ihr
vorübergegangen und habe ihr gerade ins Gesicht gesehen …«
»Du gehst zu weit, Tony … Nein, alles hat seine Grenzen. Warum
konntest du Madame Möllendorpf nicht zuerst grüßen? Ihr seid gleichaltrig,
und sie ist eine verheiratete Frau so gut wie du es warst …«
»Niemals, Mama! O Gott, das Geschmeiß!«
»Assez, meine Liebe! So undelikate Worte …«
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»Oh, man kann sich hinreißen lassen!«
Ihr Haß gegen diese »hergelaufene Familie« wurde durch die bloße
Vorstellung genährt, daß die Hagenströms sich nun vielleicht berechtigt
fühlen könnten, auf sie herabzusehen, und nicht minder durch das Glück,
mit dem dies Geschlecht emporblühte. Der alte Hinrich starb zu Anfang des
Jahres 51, und sein Sohn Hermann … Hermann mit den Zitronensemmeln
und der Ohrfeige, führte nun an der Seite des Herrn Strunck das glänzend
gehende Exportgeschäft fort und heiratete ein kurzes Jahr später die Tochter
des Konsuls Huneus, des reichsten Mannes der Stadt, der es mit seinem
Holzhandel dahin gebracht hatte, jedem seiner drei Kinder zwei Millionen
hinterlassen zu können. Sein Bruder Moritz hatte trotz seiner
Brustschwächlichkeit ein ungewöhnlich erfolgreiches Studium hinter sich
und ließ sich in der Stadt als Rechtsgelehrter nieder. Er galt für einen hellen,
schlauen, witzigen, ja sogar schöngeistigen Kopf und zog rasch eine
beträchtliche Praxis an sich. Er hatte nichts Semlingersches in seinem
Äußern, besaß aber ein gelbes Gesicht und spitzige, lückenhafte Zähne.
Sogar in der Familie selbst galt es den Kopf hochzuhalten. Seit Onkel
Gotthold fern den Geschäften lebte, mit seinen kurzen Beinen und weiten
Hosen sorglos in seiner bescheidenen Wohnung umherging und aus einer
Blechbüchse Brustbonbons aß, denn er liebte sehr die Süßigkeiten … war
seine Stimmung gegen den bevorzugten Stiefbruder mit den Jahren immer
milder und resignierter geworden, was freilich nicht ausschloß, daß er
angesichts seiner drei unverheirateten Töchter einige stille Genugtuung über
Tonys mißglückte Ehe empfand. Um aber vor seiner Frau, der geborenen
Stüwing, und besonders von den drei nun schon sechs-, sieben- und
achtundzwanzig Jahre alten Mädchen zu reden, so bewiesen sie für das
Unglück ihrer Cousine und den Scheidungsprozeß ein beinahe
übertriebenes, ein weitaus lebhafteres Interesse, als sie damals für die
Verlobung und Hochzeit selbst offenbart hatten. An den »Kindertagen«, die
seit dem Tode der alten Madame Kröger Donnerstags wieder in der
Mengstraße abgehalten wurden, hatte Tony keinen leichten Stand ihnen
gegenüber …
»O Gott, du Ärmste!« sagte Pfiffi, die Jüngste, die klein und beleibt war
und eine drollige Art hatte, sich bei jedem Worte zu schütteln und
Ihr Haß gegen diese »hergelaufene Familie« wurde durch die bloße
Vorstellung genährt, daß die Hagenströms sich nun vielleicht berechtigt
fühlen könnten, auf sie herabzusehen, und nicht minder durch das Glück,
mit dem dies Geschlecht emporblühte. Der alte Hinrich starb zu Anfang des
Jahres 51, und sein Sohn Hermann … Hermann mit den Zitronensemmeln
und der Ohrfeige, führte nun an der Seite des Herrn Strunck das glänzend
gehende Exportgeschäft fort und heiratete ein kurzes Jahr später die Tochter
des Konsuls Huneus, des reichsten Mannes der Stadt, der es mit seinem
Holzhandel dahin gebracht hatte, jedem seiner drei Kinder zwei Millionen
hinterlassen zu können. Sein Bruder Moritz hatte trotz seiner
Brustschwächlichkeit ein ungewöhnlich erfolgreiches Studium hinter sich
und ließ sich in der Stadt als Rechtsgelehrter nieder. Er galt für einen hellen,
schlauen, witzigen, ja sogar schöngeistigen Kopf und zog rasch eine
beträchtliche Praxis an sich. Er hatte nichts Semlingersches in seinem
Äußern, besaß aber ein gelbes Gesicht und spitzige, lückenhafte Zähne.
Sogar in der Familie selbst galt es den Kopf hochzuhalten. Seit Onkel
Gotthold fern den Geschäften lebte, mit seinen kurzen Beinen und weiten
Hosen sorglos in seiner bescheidenen Wohnung umherging und aus einer
Blechbüchse Brustbonbons aß, denn er liebte sehr die Süßigkeiten … war
seine Stimmung gegen den bevorzugten Stiefbruder mit den Jahren immer
milder und resignierter geworden, was freilich nicht ausschloß, daß er
angesichts seiner drei unverheirateten Töchter einige stille Genugtuung über
Tonys mißglückte Ehe empfand. Um aber vor seiner Frau, der geborenen
Stüwing, und besonders von den drei nun schon sechs-, sieben- und
achtundzwanzig Jahre alten Mädchen zu reden, so bewiesen sie für das
Unglück ihrer Cousine und den Scheidungsprozeß ein beinahe
übertriebenes, ein weitaus lebhafteres Interesse, als sie damals für die
Verlobung und Hochzeit selbst offenbart hatten. An den »Kindertagen«, die
seit dem Tode der alten Madame Kröger Donnerstags wieder in der
Mengstraße abgehalten wurden, hatte Tony keinen leichten Stand ihnen
gegenüber …
»O Gott, du Ärmste!« sagte Pfiffi, die Jüngste, die klein und beleibt war
und eine drollige Art hatte, sich bei jedem Worte zu schütteln und
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Feuchtigkeit in die Mundwinkel zu bekommen. »Nun ist es also
ausgesprochen? Nun bist du also gerade so weit wie vorher?«
»Ach, im Gegenteile!« sagte Henriette, die wie ihre ältere Schwester
von außerordentlich langer und dürrer Gestalt war. »Du bist sehr viel
trauriger daran, als wenn du dich überhaupt nicht verheiratet hättest.«
»Das muß ich sagen«, bestätigte Friederike. »D a n n ist es ja
unvergleichlich viel besser, n i e m a l s zu heiraten.«
»O nein, liebe Friederike!« sagte Tony, indem sie den Kopf zurücklegte
und sich eine recht schlagkräftige und formgewandte Erwiderung
ausdachte. »Da dürftest du denn doch wohl in einem Irrtum befangen sein,
nicht wahr?! Man hat doch immerhin das Leben kennengelernt, weißt du!
Man ist doch keine Gans mehr! Und dann habe ich ja immer noch mehr
Aussicht, mich wieder zu verheiraten, als so manche andere, es zum ersten
Male zu tun.«
»Zo?« sagten die Kusinen einstimmig … Sie sagten »Zo« mit einem Z,
was sich desto spitziger und ungläubiger ausnahm.
Sesemi Weichbrodt aber war viel zu gut und taktvoll, um die Sache auch
nur zu erwähnen. Tony besuchte ihre ehemalige Pflegerin zuweilen in dem
roten Häuschen, am Mühlenbrink Nr. 7, das noch immer von einer Anzahl
junger Mädchen belebt wurde, obgleich die Pension anfing, langsam aus
der Mode zu kommen; und auch das tüchtige alte Mädchen ward hie und da
in die Mengstraße auf einen Rehrücken oder eine gefüllte Gans gebeten.
Dann erhob sie sich auf die Zehenspitzen und küßte Tony gerührt,
ausdrucksvoll und mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. Was ihre
ungelehrte Schwester, Madame Kethelsen anging, so begann sie neuerdings
mit großer Schnelligkeit taub zu werden und hatte fast nichts von Tonys
Geschichte verstanden. Sie stieß bei immer unpassenderen Gelegenheiten
ihr unwissendes und vor unbefangener Herzlichkeit fast klagendes Lachen
aus, so daß Sesemi sich beständig genötigt sah, auf den Tisch zu pochen
und »Nally!« zu rufen …
Die Jahre schwanden dahin. Der Eindruck, den das Erlebnis von Konsul
Buddenbrooks Tochter in der Stadt und in der Familie hervorgerufen hatte,
verwischte sich mehr und mehr. Tony selbst wurde an ihre Ehe nur dann
ausgesprochen? Nun bist du also gerade so weit wie vorher?«
»Ach, im Gegenteile!« sagte Henriette, die wie ihre ältere Schwester
von außerordentlich langer und dürrer Gestalt war. »Du bist sehr viel
trauriger daran, als wenn du dich überhaupt nicht verheiratet hättest.«
»Das muß ich sagen«, bestätigte Friederike. »D a n n ist es ja
unvergleichlich viel besser, n i e m a l s zu heiraten.«
»O nein, liebe Friederike!« sagte Tony, indem sie den Kopf zurücklegte
und sich eine recht schlagkräftige und formgewandte Erwiderung
ausdachte. »Da dürftest du denn doch wohl in einem Irrtum befangen sein,
nicht wahr?! Man hat doch immerhin das Leben kennengelernt, weißt du!
Man ist doch keine Gans mehr! Und dann habe ich ja immer noch mehr
Aussicht, mich wieder zu verheiraten, als so manche andere, es zum ersten
Male zu tun.«
»Zo?« sagten die Kusinen einstimmig … Sie sagten »Zo« mit einem Z,
was sich desto spitziger und ungläubiger ausnahm.
Sesemi Weichbrodt aber war viel zu gut und taktvoll, um die Sache auch
nur zu erwähnen. Tony besuchte ihre ehemalige Pflegerin zuweilen in dem
roten Häuschen, am Mühlenbrink Nr. 7, das noch immer von einer Anzahl
junger Mädchen belebt wurde, obgleich die Pension anfing, langsam aus
der Mode zu kommen; und auch das tüchtige alte Mädchen ward hie und da
in die Mengstraße auf einen Rehrücken oder eine gefüllte Gans gebeten.
Dann erhob sie sich auf die Zehenspitzen und küßte Tony gerührt,
ausdrucksvoll und mit leise knallendem Geräusch auf die Stirn. Was ihre
ungelehrte Schwester, Madame Kethelsen anging, so begann sie neuerdings
mit großer Schnelligkeit taub zu werden und hatte fast nichts von Tonys
Geschichte verstanden. Sie stieß bei immer unpassenderen Gelegenheiten
ihr unwissendes und vor unbefangener Herzlichkeit fast klagendes Lachen
aus, so daß Sesemi sich beständig genötigt sah, auf den Tisch zu pochen
und »Nally!« zu rufen …
Die Jahre schwanden dahin. Der Eindruck, den das Erlebnis von Konsul
Buddenbrooks Tochter in der Stadt und in der Familie hervorgerufen hatte,
verwischte sich mehr und mehr. Tony selbst wurde an ihre Ehe nur dann
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und wann erinnert, wenn sie im Gesicht der gesund heranwachsenden
kleinen Erika diese oder jene Ähnlichkeit mit Bendix Grünlich bemerkte.
Aber sie kleidete sich wieder hell, trug ihr Haar wieder über die Stirn
gekraust und besuchte wie ehemals Gesellschaften in ihrem
Bekanntenkreise.
Immerhin war sie recht froh, daß ihr Gelegenheit geboten wurde,
jährlich im Sommer die Stadt auf längere Zeit zu verlassen … denn leider
machte das Befinden des Konsuls jetzt weitere Kurreisen notwendig.
»Man weiß nicht, was es heißt, alt zu werden!« sagte er. »Ich bekomme
einen Kaffeefleck in mein Beinkleid und kann nicht kaltes Wasser
daraufbringen, ohne sofort den heftigsten Rheumatismus davonzutragen …
Was konnte man sich früher erlauben?« Auch litt er manchmal an
Schwindelanfällen.
Man ging nach Obersalzbrunn, nach Ems und Baden-Baden, nach
Kissingen, man machte von dort aus sogar eine so bildende wie
unterhaltende Reise über Nürnberg nach München, durchs Salzburgische
über Ischl nach Wien, über Prag, Dresden, Berlin nach Hause … und
obgleich Madame Grünlich wegen einer nervösen Magenschwäche, die sich
neuerdings bei ihr bemerkbar zu machen begann, in den Bädern gezwungen
war, sich einer strengen Kur zu unterwerfen, empfand sie diese Reisen als
eine höchst erwünschte Abwechselung, denn sie verhehlte durchaus nicht,
daß sie sich zu Hause ein wenig langweilte.
»Oh, mein Gott, weißt du, wie es im Leben so geht, Vater!« sagte sie,
indem sie gedankenvoll die Zimmerdecke betrachtete … »Gewiß, ich habe
das Leben kennengelernt … aber gerade darum ist es eine etwas trübe
Aussicht für mich, hier nun immer zu Hause sitzen zu müssen wie ein
dummes Ding. Du glaubst hoffentlich nicht, daß ich nicht gern bei euch bin,
Papa … ich müßte ja Schläge haben, es wäre die höchste Undankbarkeit!
Aber wie es im Leben so ist, weißt du …«
Hauptsächlich aber ärgerte sie sich über den immer religiöseren Geist,
der ihr weitläufiges Vaterhaus erfüllte, denn des Konsuls fromme
Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde,
immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie an
dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden. Die Tischgebete waren stets
kleinen Erika diese oder jene Ähnlichkeit mit Bendix Grünlich bemerkte.
Aber sie kleidete sich wieder hell, trug ihr Haar wieder über die Stirn
gekraust und besuchte wie ehemals Gesellschaften in ihrem
Bekanntenkreise.
Immerhin war sie recht froh, daß ihr Gelegenheit geboten wurde,
jährlich im Sommer die Stadt auf längere Zeit zu verlassen … denn leider
machte das Befinden des Konsuls jetzt weitere Kurreisen notwendig.
»Man weiß nicht, was es heißt, alt zu werden!« sagte er. »Ich bekomme
einen Kaffeefleck in mein Beinkleid und kann nicht kaltes Wasser
daraufbringen, ohne sofort den heftigsten Rheumatismus davonzutragen …
Was konnte man sich früher erlauben?« Auch litt er manchmal an
Schwindelanfällen.
Man ging nach Obersalzbrunn, nach Ems und Baden-Baden, nach
Kissingen, man machte von dort aus sogar eine so bildende wie
unterhaltende Reise über Nürnberg nach München, durchs Salzburgische
über Ischl nach Wien, über Prag, Dresden, Berlin nach Hause … und
obgleich Madame Grünlich wegen einer nervösen Magenschwäche, die sich
neuerdings bei ihr bemerkbar zu machen begann, in den Bädern gezwungen
war, sich einer strengen Kur zu unterwerfen, empfand sie diese Reisen als
eine höchst erwünschte Abwechselung, denn sie verhehlte durchaus nicht,
daß sie sich zu Hause ein wenig langweilte.
»Oh, mein Gott, weißt du, wie es im Leben so geht, Vater!« sagte sie,
indem sie gedankenvoll die Zimmerdecke betrachtete … »Gewiß, ich habe
das Leben kennengelernt … aber gerade darum ist es eine etwas trübe
Aussicht für mich, hier nun immer zu Hause sitzen zu müssen wie ein
dummes Ding. Du glaubst hoffentlich nicht, daß ich nicht gern bei euch bin,
Papa … ich müßte ja Schläge haben, es wäre die höchste Undankbarkeit!
Aber wie es im Leben so ist, weißt du …«
Hauptsächlich aber ärgerte sie sich über den immer religiöseren Geist,
der ihr weitläufiges Vaterhaus erfüllte, denn des Konsuls fromme
Neigungen traten in dem Grade, in welchem er betagt und kränklich wurde,
immer stärker hervor, und seitdem die Konsulin alterte, begann auch sie an
dieser Geistesrichtung Geschmack zu finden. Die Tischgebete waren stets
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im Buddenbrookschen Hause üblich gewesen; jetzt aber bestand seit
längerer Zeit das Gesetz, daß sich morgens und abends die Familie
gemeinsam mit den Dienstboten im Frühstückszimmer versammelte, um
aus dem Munde des Hausherrn einen Bibelabschnitt zu vernehmen.
Außerdem mehrten die Besuche von Pastoren und Missionaren sich von
Jahr zu Jahr, denn das würdige Patrizierhaus in der Mengstraße, wo man,
nebenbei bemerkt, so vorzüglich speiste, war in der Welt der lutherischen
und reformierten Geistlichkeit, der inneren und äußeren Mission längst als
ein gastlicher Hafen bekannt, und aus allen Teilen des Vaterlandes kamen
gelegentlich schwarzgekleidete und langhaarige Herren herbei, um ein paar
Tage hier zu verweilen … gottgefälliger Gespräche, einiger nahrhafter
Mahlzeiten und klingender Unterstützung zu heiligen Zwecken gewiß.
Auch die Prediger der Stadt gingen als Hausfreunde aus und ein …
Tom war viel zu diskret und verständig, um auch nur ein Lächeln
sichtbar werden zu lassen, aber Tony mokierte sich ganz einfach, ja, sie ließ
es sich leider angelegen sein, die geistlichen Herren lächerlich zu machen,
sobald sich ihr Gelegenheit dazu bot.
Zuweilen, wenn die Konsulin an Migräne litt, war es Madame
Grünlichs Sache, die Wirtschaft zu besorgen und das Menü zu bestimmen.
Eines Tages, als eben ein fremder Prediger, dessen Appetit die allgemeine
Freude erregte, im Hause zu Gast war, ordnete sie heimtückisch
Specksuppe an, das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem Kraute
bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken, Kartoffeln,
saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Rüben und
andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die niemand auf
der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran gewöhnt war.
»Schmeckt es? Schmeckt es, Herr Pastor?« fragte Tony beständig …
»Nein? O Gott, wer hätte das gedacht!« Und dabei machte sie ein wahrhaft
spitzbübisches Gesicht und ließ ihre Zungenspitze, wie sie es zu tun pflegte,
wenn sie einen Streich erdachte oder ausführte, ganz leicht an der Oberlippe
spielen.
Der dicke Herr legte mit Ergebung den Löffel nieder und sagte arglos:
»Ich werde mich an das nächste Gericht halten.«
längerer Zeit das Gesetz, daß sich morgens und abends die Familie
gemeinsam mit den Dienstboten im Frühstückszimmer versammelte, um
aus dem Munde des Hausherrn einen Bibelabschnitt zu vernehmen.
Außerdem mehrten die Besuche von Pastoren und Missionaren sich von
Jahr zu Jahr, denn das würdige Patrizierhaus in der Mengstraße, wo man,
nebenbei bemerkt, so vorzüglich speiste, war in der Welt der lutherischen
und reformierten Geistlichkeit, der inneren und äußeren Mission längst als
ein gastlicher Hafen bekannt, und aus allen Teilen des Vaterlandes kamen
gelegentlich schwarzgekleidete und langhaarige Herren herbei, um ein paar
Tage hier zu verweilen … gottgefälliger Gespräche, einiger nahrhafter
Mahlzeiten und klingender Unterstützung zu heiligen Zwecken gewiß.
Auch die Prediger der Stadt gingen als Hausfreunde aus und ein …
Tom war viel zu diskret und verständig, um auch nur ein Lächeln
sichtbar werden zu lassen, aber Tony mokierte sich ganz einfach, ja, sie ließ
es sich leider angelegen sein, die geistlichen Herren lächerlich zu machen,
sobald sich ihr Gelegenheit dazu bot.
Zuweilen, wenn die Konsulin an Migräne litt, war es Madame
Grünlichs Sache, die Wirtschaft zu besorgen und das Menü zu bestimmen.
Eines Tages, als eben ein fremder Prediger, dessen Appetit die allgemeine
Freude erregte, im Hause zu Gast war, ordnete sie heimtückisch
Specksuppe an, das städtische Spezialgericht, eine mit säuerlichem Kraute
bereitete Bouillon, in die man das ganze Mittagsmahl: Schinken, Kartoffeln,
saure Pflaumen, Backbirnen, Blumenkohl, Erbsen, Bohnen, Rüben und
andere Dinge mitsamt der Fruchtsauce hineinrührte, und die niemand auf
der Welt genießen konnte, der nicht von Kindesbeinen daran gewöhnt war.
»Schmeckt es? Schmeckt es, Herr Pastor?« fragte Tony beständig …
»Nein? O Gott, wer hätte das gedacht!« Und dabei machte sie ein wahrhaft
spitzbübisches Gesicht und ließ ihre Zungenspitze, wie sie es zu tun pflegte,
wenn sie einen Streich erdachte oder ausführte, ganz leicht an der Oberlippe
spielen.
Der dicke Herr legte mit Ergebung den Löffel nieder und sagte arglos:
»Ich werde mich an das nächste Gericht halten.«
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»Ja, es gibt noch ein kleines Apres«, sagte die Konsulin hastig … denn
ein »nächstes Gericht« war nach dieser Suppe undenkbar, und trotz einiger
Armeritter mit Apfelgelee, welche nachfolgten, mußte der betrogene
Geistliche, während Tony vor sich hin kicherte und Tom mit
Selbstüberwindung eine Braue emporzog, sich ungesättigt vom Tische
erheben …
Ein anderes Mal stand Tony mit der Köchin Stina in häuslichem
Gespräche auf der Diele, als Pastor Mathias aus Kannstatt, der wieder
einmal während einiger Tage im Hause weilte, von einem Ausgang
zurückkehrte und an der Windfangtür klingelte. Mit ländlich watschelnden
Schritten ging Trina zu öffnen, und der Pastor, in der Absicht, ein
leutseliges Wort an sie zu richten und sie ein wenig zu prüfen, fragte
freundlich: »Liebscht den Herrn?« … Vielleicht war er willens, ihr etwas zu
schenken, wenn sie sich treu zu ihrem Heiland bekannte.
»Je, Herr Paster« … sagte Trine zögernd, errötend und mit großen
Augen. »Wekken meenen's denn? den Ollen oder den Jungen?«
Madame Grünlich verfehlte nicht, diese Geschichte bei Tische mit
lauter Stimme zu erzählen, so daß selbst die Konsulin in ihr pruschendes
Krögersches Lachen ausbrach.
Der Konsul freilich sah ernst und indigniert auf seinen Teller nieder.
»Ein Mißverständnis …« sagte Pastor Mathias verwirrt.
Elftes Kapitel
Was folgt, geschah im Spätsommer des Jahres fünfundfünfzig, an einem
Sonntagnachmittage. Buddenbrooks saßen im Landschaftszimmer und
warteten auf den Konsul, der sich unten noch ankleidete. Man hatte mit der
Familie Kistenmaker ein Festtagsunternehmen, einen Spaziergang zu einem
Vergnügungsgarten vorm Tore, verabredet. Ausgenommen Klara und
Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine
Negerkinder Strümpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken und
ein »nächstes Gericht« war nach dieser Suppe undenkbar, und trotz einiger
Armeritter mit Apfelgelee, welche nachfolgten, mußte der betrogene
Geistliche, während Tony vor sich hin kicherte und Tom mit
Selbstüberwindung eine Braue emporzog, sich ungesättigt vom Tische
erheben …
Ein anderes Mal stand Tony mit der Köchin Stina in häuslichem
Gespräche auf der Diele, als Pastor Mathias aus Kannstatt, der wieder
einmal während einiger Tage im Hause weilte, von einem Ausgang
zurückkehrte und an der Windfangtür klingelte. Mit ländlich watschelnden
Schritten ging Trina zu öffnen, und der Pastor, in der Absicht, ein
leutseliges Wort an sie zu richten und sie ein wenig zu prüfen, fragte
freundlich: »Liebscht den Herrn?« … Vielleicht war er willens, ihr etwas zu
schenken, wenn sie sich treu zu ihrem Heiland bekannte.
»Je, Herr Paster« … sagte Trine zögernd, errötend und mit großen
Augen. »Wekken meenen's denn? den Ollen oder den Jungen?«
Madame Grünlich verfehlte nicht, diese Geschichte bei Tische mit
lauter Stimme zu erzählen, so daß selbst die Konsulin in ihr pruschendes
Krögersches Lachen ausbrach.
Der Konsul freilich sah ernst und indigniert auf seinen Teller nieder.
»Ein Mißverständnis …« sagte Pastor Mathias verwirrt.
Elftes Kapitel
Was folgt, geschah im Spätsommer des Jahres fünfundfünfzig, an einem
Sonntagnachmittage. Buddenbrooks saßen im Landschaftszimmer und
warteten auf den Konsul, der sich unten noch ankleidete. Man hatte mit der
Familie Kistenmaker ein Festtagsunternehmen, einen Spaziergang zu einem
Vergnügungsgarten vorm Tore, verabredet. Ausgenommen Klara und
Klothilde, die jeden Sonntagabend im Hause einer Freundin für kleine
Negerkinder Strümpfe strickten, wollte man dort Kaffee trinken und
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vielleicht, wenn das Wetter es erlaubte, eine Ruderpartie auf dem Flusse
unternehmen …
»Mit Papa ist es zum Heulen«, sagte Tony, indem sie nach ihrer
Gewohnheit starke Worte wählte. »Kann er jemals zur festgesetzten Zeit
fertig sein? Er sitzt an seinem Pult und sitzt … und sitzt … dies und das
m u ß noch fertig werden … großer Gott, vielleicht ist es wirklich
notwendig, ich will nichts gesagt haben … obgleich ich nicht glaube, daß
wir geradezu Bankerott ansagen müßten, wenn er die Feder eine
Viertelstunde früher weggelegt hätte. Gut … wenn es schon zehn Minuten
zu spät ist, fällt ihm sein Versprechen ein, und er kommt die Treppen
herauf, indem er immer zwei Stufen überspringt, obgleich er weiß, daß er
oben Kongestionen und Herzklopfen bekommt … So ist es vor jeder
Gesellschaft, vor jedem Ausgang! Kann er sich nicht Zeit lassen? Kann er
nicht rechtzeitig aufbrechen und langsam gehen? Es ist unverantwortlich.
Ich würde meinem Manne einmal ernstlich ins Gewissen reden, Mama …«
Sie saß, nach der Mode in changierende Seide gekleidet, auf dem Sofa
bei der Konsulin, die ihrerseits eine schwerere Robe aus grauer, gerippter,
mit schwarzen Spitzen besetzter Seide trug. Die Enden ihrer aus Spitzen
und steifem Tüll gefertigten Haube, die unterm Kinn mit einer Atlasschleife
zusammengefaßt waren, fielen auf die Brust hinab. Ihr glattgescheiteltes
Haar war unveränderlich rotblond. Sie hielt einen Pompadour in ihren
beiden weißen und zartblau geäderten Händen. Neben ihr im Fauteuil lehnte
Tom und rauchte seine Zigarette, während am Fenster Klara und Thilda
einander gegenübersaßen. Es war unfaßlich, wie völlig erfolglos die arme
Klothilde täglich so gute und reichliche Nahrung zu sich nahm. Sie wurde
beständig magerer, und ihr schwarzes Kleid, welches überhaupt gar keinen
Schnitt hatte, beschönigte diese Tatsache nicht. In ihrem langen, stillen,
grauen Gesicht unter dem glatten, aschfarbenen Scheitel stand eine gerade
und poröse Nase, die sich vorn verdickte …
»Meint ihr, daß es n i c h t regnen wird!« sagte Klara. Das junge
Mädchen hatte die Gewohnheit, bei einer Frage niemals die Stimme zu
erheben, und sah mit einem bestimmten und ziemlich strengen Blick jedem
einzelnen ins Gesicht. Ihr braunes Kleid war lediglich mit einem kleinen,
weißen, gestärkten Fallkragen und ebensolchen Manschetten geschmückt.
Sie saß aufrecht, die Hände im Schoße zusammengelegt. Die Dienstboten
unternehmen …
»Mit Papa ist es zum Heulen«, sagte Tony, indem sie nach ihrer
Gewohnheit starke Worte wählte. »Kann er jemals zur festgesetzten Zeit
fertig sein? Er sitzt an seinem Pult und sitzt … und sitzt … dies und das
m u ß noch fertig werden … großer Gott, vielleicht ist es wirklich
notwendig, ich will nichts gesagt haben … obgleich ich nicht glaube, daß
wir geradezu Bankerott ansagen müßten, wenn er die Feder eine
Viertelstunde früher weggelegt hätte. Gut … wenn es schon zehn Minuten
zu spät ist, fällt ihm sein Versprechen ein, und er kommt die Treppen
herauf, indem er immer zwei Stufen überspringt, obgleich er weiß, daß er
oben Kongestionen und Herzklopfen bekommt … So ist es vor jeder
Gesellschaft, vor jedem Ausgang! Kann er sich nicht Zeit lassen? Kann er
nicht rechtzeitig aufbrechen und langsam gehen? Es ist unverantwortlich.
Ich würde meinem Manne einmal ernstlich ins Gewissen reden, Mama …«
Sie saß, nach der Mode in changierende Seide gekleidet, auf dem Sofa
bei der Konsulin, die ihrerseits eine schwerere Robe aus grauer, gerippter,
mit schwarzen Spitzen besetzter Seide trug. Die Enden ihrer aus Spitzen
und steifem Tüll gefertigten Haube, die unterm Kinn mit einer Atlasschleife
zusammengefaßt waren, fielen auf die Brust hinab. Ihr glattgescheiteltes
Haar war unveränderlich rotblond. Sie hielt einen Pompadour in ihren
beiden weißen und zartblau geäderten Händen. Neben ihr im Fauteuil lehnte
Tom und rauchte seine Zigarette, während am Fenster Klara und Thilda
einander gegenübersaßen. Es war unfaßlich, wie völlig erfolglos die arme
Klothilde täglich so gute und reichliche Nahrung zu sich nahm. Sie wurde
beständig magerer, und ihr schwarzes Kleid, welches überhaupt gar keinen
Schnitt hatte, beschönigte diese Tatsache nicht. In ihrem langen, stillen,
grauen Gesicht unter dem glatten, aschfarbenen Scheitel stand eine gerade
und poröse Nase, die sich vorn verdickte …
»Meint ihr, daß es n i c h t regnen wird!« sagte Klara. Das junge
Mädchen hatte die Gewohnheit, bei einer Frage niemals die Stimme zu
erheben, und sah mit einem bestimmten und ziemlich strengen Blick jedem
einzelnen ins Gesicht. Ihr braunes Kleid war lediglich mit einem kleinen,
weißen, gestärkten Fallkragen und ebensolchen Manschetten geschmückt.
Sie saß aufrecht, die Hände im Schoße zusammengelegt. Die Dienstboten
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fürchteten sie am meisten, und sie hielt morgens und abends die Andacht
ab, denn der Konsul konnte nicht mehr vorlesen, ohne sich Beschwerden im
Kopf zu verursachen.
»Nimmst du für heute abend deinen B a s c h l i k mit, Tony!« fragte sie
wieder. »Er wird verregnen. Schade um den neuen Baschlik. Ich halte es für
richtiger, daß ihr euren Spaziergang verschiebt …«
»Nein«, erwiderte Tom; »Kistenmakers kommen. Es macht nichts …
das Barometer ist zu plötzlich gefallen … Es gibt irgendeine kleine
Katastrophe, einen Guß … nichts Dauerndes. Papa ist noch nicht fertig,
schön. Wir können ruhig warten, bis es vorüber ist.«
Die Konsulin erhob abwehrend eine Hand. »Du glaubst, daß ein
Gewitter kommt, Tom? Ach, du weißt, ich ängstige mich.«
»Nein«, sagte Tom. »Ich habe heute morgen am Hafen mit Kapitän
Kloot gesprochen. Er ist unfehlbar. Es gibt bloß einen Platzregen … nicht
einmal stärkeren Wind.«
Verspätete Hundstage hatte diese zweite Septemberwoche gebracht. Bei
Süd-Süd-Ostwind hatte der Sommer schwerer als im Juli auf der Stadt
gelastet. Ein fremdartig dunkelblauer Himmel hatte über den Giebeln
geleuchtet, fahl am Horizonte, wie in der Wüste; und nach
Sonnenuntergang hatten in den schmalen Straßen Häuser und Bürgersteige
wie Öfen eine dumpfe Wärme ausgestrahlt. Heute war der Wind ganz nach
Westen hin umgeschlagen, und gleichzeitig hatte dieser plötzliche
Barometersturz stattgefunden … Noch war ein großer Teil des Himmels
blau, aber langsam zog ein Komplex von graublauen Wolken daran herauf,
dick und weich wie Kissen.
Tom fügte hinzu: »Ich finde auch, der Regen käme höchst erwünscht.
Wir würden verschmachten, wenn wir in dieser Luft marschieren müßten.
Es ist eine unnatürliche Wärme. Ich habe dergleichen in Pau nicht
gehabt …«
In diesem Augenblick trat Ida Jungmann, die kleine Erika an der Hand,
ins Zimmer. Das Kind stak in einem frisch gesteiften Kattunkleidchen,
verbreitete einen Geruch von Stärke und Seife und sah sehr drollig aus. Es
ab, denn der Konsul konnte nicht mehr vorlesen, ohne sich Beschwerden im
Kopf zu verursachen.
»Nimmst du für heute abend deinen B a s c h l i k mit, Tony!« fragte sie
wieder. »Er wird verregnen. Schade um den neuen Baschlik. Ich halte es für
richtiger, daß ihr euren Spaziergang verschiebt …«
»Nein«, erwiderte Tom; »Kistenmakers kommen. Es macht nichts …
das Barometer ist zu plötzlich gefallen … Es gibt irgendeine kleine
Katastrophe, einen Guß … nichts Dauerndes. Papa ist noch nicht fertig,
schön. Wir können ruhig warten, bis es vorüber ist.«
Die Konsulin erhob abwehrend eine Hand. »Du glaubst, daß ein
Gewitter kommt, Tom? Ach, du weißt, ich ängstige mich.«
»Nein«, sagte Tom. »Ich habe heute morgen am Hafen mit Kapitän
Kloot gesprochen. Er ist unfehlbar. Es gibt bloß einen Platzregen … nicht
einmal stärkeren Wind.«
Verspätete Hundstage hatte diese zweite Septemberwoche gebracht. Bei
Süd-Süd-Ostwind hatte der Sommer schwerer als im Juli auf der Stadt
gelastet. Ein fremdartig dunkelblauer Himmel hatte über den Giebeln
geleuchtet, fahl am Horizonte, wie in der Wüste; und nach
Sonnenuntergang hatten in den schmalen Straßen Häuser und Bürgersteige
wie Öfen eine dumpfe Wärme ausgestrahlt. Heute war der Wind ganz nach
Westen hin umgeschlagen, und gleichzeitig hatte dieser plötzliche
Barometersturz stattgefunden … Noch war ein großer Teil des Himmels
blau, aber langsam zog ein Komplex von graublauen Wolken daran herauf,
dick und weich wie Kissen.
Tom fügte hinzu: »Ich finde auch, der Regen käme höchst erwünscht.
Wir würden verschmachten, wenn wir in dieser Luft marschieren müßten.
Es ist eine unnatürliche Wärme. Ich habe dergleichen in Pau nicht
gehabt …«
In diesem Augenblick trat Ida Jungmann, die kleine Erika an der Hand,
ins Zimmer. Das Kind stak in einem frisch gesteiften Kattunkleidchen,
verbreitete einen Geruch von Stärke und Seife und sah sehr drollig aus. Es
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hatte ganz die rosige Gesichtsfarbe und die Augen des Herrn Grünlich; aber
die Oberlippe war diejenige Tonys.
Die gute Ida war schon ganz grau, beinahe weiß, obgleich sie kaum die
Vierzig überschritten hatte. Aber das lag in ihrer Familie; auch der Onkel,
welcher am Schluckauf zugrunde gegangen war, hatte mit dreißig Jahren
schon weißes Haar gehabt; übrigens blickten ihre kleinen braunen Augen
treu, frisch und aufmerksam. Sie war nun zwanzig Jahre bei Buddenbrooks
und empfand mit Stolz ihre Unentbehrlichkeit. Sie führte die Aufsicht über
Küche, Speisekammer, Wäscheschränke und Porzellan, sie machte die
wichtigeren Einkäufe, sie las der kleinen Erika vor, machte ihr
Puppenkleider, arbeitete mit ihr und holte sie, bewaffnet mit einem Paket
von belegtem Franzbrot, mittags von der Schule ab, um mit ihr auf dem
Mühlenwall spazieren zu gehen. Jede Dame sagte zur Konsulin
Buddenbrook oder ihrer Tochter: »Was für eine Mamsell haben Sie, Liebe!
Gott, die Person ist goldeswert, was ich Ihnen sage! Zwanzig Jahre!… und
sie wird mit sechzig und länger noch rüstig sein! Diese knochigen Leute …
und dann die treuen Augen! Ich beneide Sie, – Liebe!« Aber Ida Jungmann
hielt auch auf sich. Sie wußte, wer sie war, und wenn auf dem Mühlenwall
sich ein gewöhnliches Dienstmädchen mit ihrem Zögling auf derselben
Bank niederließ und von gleich zu gleich ein Gespräch beginnen wollte, so
sagte Mamsell Jungmann: »Erikachen, hier zieht's«, und ging von dannen.
Tony zog ihre kleine Tochter zu sich heran und küßte sie auf eine der
rosigen Bäckchen, worauf die Konsulin ihr mit etwas zerstreutem Lächeln
die Handfläche entgegenstreckte … denn sie beobachtete ängstlich den
Himmel, der dunkler und dunkler wurde. Ihre linke Hand fingerte nervös
auf dem Sofapolster, und ihre hellen Augen wanderten unruhig seitwärts
zum Fenster.
Erika durfte sich neben die Großmutter setzen, und Ida nahm, ohne die
Rückenlehne zu benützen, auf einem Sessel Platz und begann zu häkeln. So
saßen alle eine Weile schweigend und warteten auf den Konsul. Die Luft
war dumpf. Draußen war das letzte Stück Blau verschwunden, und tief,
schwer und trächtig hing der dunkelgraue Himmel hernieder. Die Farben
des Zimmers, die Tinten der Landschaften auf den Tapeten, das Gelb der
Möbel und der Vorhänge, waren erloschen, die Nuancen in Tonys Kleide
spielten nicht mehr, und die Augen der Menschen waren ohne Glanz. Und
die Oberlippe war diejenige Tonys.
Die gute Ida war schon ganz grau, beinahe weiß, obgleich sie kaum die
Vierzig überschritten hatte. Aber das lag in ihrer Familie; auch der Onkel,
welcher am Schluckauf zugrunde gegangen war, hatte mit dreißig Jahren
schon weißes Haar gehabt; übrigens blickten ihre kleinen braunen Augen
treu, frisch und aufmerksam. Sie war nun zwanzig Jahre bei Buddenbrooks
und empfand mit Stolz ihre Unentbehrlichkeit. Sie führte die Aufsicht über
Küche, Speisekammer, Wäscheschränke und Porzellan, sie machte die
wichtigeren Einkäufe, sie las der kleinen Erika vor, machte ihr
Puppenkleider, arbeitete mit ihr und holte sie, bewaffnet mit einem Paket
von belegtem Franzbrot, mittags von der Schule ab, um mit ihr auf dem
Mühlenwall spazieren zu gehen. Jede Dame sagte zur Konsulin
Buddenbrook oder ihrer Tochter: »Was für eine Mamsell haben Sie, Liebe!
Gott, die Person ist goldeswert, was ich Ihnen sage! Zwanzig Jahre!… und
sie wird mit sechzig und länger noch rüstig sein! Diese knochigen Leute …
und dann die treuen Augen! Ich beneide Sie, – Liebe!« Aber Ida Jungmann
hielt auch auf sich. Sie wußte, wer sie war, und wenn auf dem Mühlenwall
sich ein gewöhnliches Dienstmädchen mit ihrem Zögling auf derselben
Bank niederließ und von gleich zu gleich ein Gespräch beginnen wollte, so
sagte Mamsell Jungmann: »Erikachen, hier zieht's«, und ging von dannen.
Tony zog ihre kleine Tochter zu sich heran und küßte sie auf eine der
rosigen Bäckchen, worauf die Konsulin ihr mit etwas zerstreutem Lächeln
die Handfläche entgegenstreckte … denn sie beobachtete ängstlich den
Himmel, der dunkler und dunkler wurde. Ihre linke Hand fingerte nervös
auf dem Sofapolster, und ihre hellen Augen wanderten unruhig seitwärts
zum Fenster.
Erika durfte sich neben die Großmutter setzen, und Ida nahm, ohne die
Rückenlehne zu benützen, auf einem Sessel Platz und begann zu häkeln. So
saßen alle eine Weile schweigend und warteten auf den Konsul. Die Luft
war dumpf. Draußen war das letzte Stück Blau verschwunden, und tief,
schwer und trächtig hing der dunkelgraue Himmel hernieder. Die Farben
des Zimmers, die Tinten der Landschaften auf den Tapeten, das Gelb der
Möbel und der Vorhänge, waren erloschen, die Nuancen in Tonys Kleide
spielten nicht mehr, und die Augen der Menschen waren ohne Glanz. Und
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der Wind, der Westwind, der eben noch drüben in den Bäumen auf dem
Marienkirchhof gespielt hatte und den Staub auf der dunklen Straße in
kleinen Wirbeln umhergetrieben hatte, regte sich nicht mehr. Es war einen
Augenblick vollkommen still.
Da, plötzlich, trat dieser Moment ein … ereignete sich etwas Lautloses,
Erschreckendes. Die Schwüle schien verdoppelt, die Atmosphäre schien
einen, sich binnen einer Sekunde rapide steigernden Druck auszuüben, der
das Gehirn beängstigte, das Herz bedrängte, die Atmung verwehrte …
drunten flatterte eine Schwalbe so dicht über der Straße, daß ihre Flügel das
Pflaster schlugen … Und dieser unentwirrbare Druck, diese Spannung,
diese wachsende Beklemmung des Organismus wäre unerträglich
geworden, wenn sie den geringsten Teil eines Augenblicks länger gedauert
hätte, wenn nicht auf ihrem sofort erreichten Höhepunkt eine Abspannung,
ein Überspringen stattgefunden hätte … ein kleiner, erlösender Bruch, der
sich unhörbar irgendwo ereignete und den man gleichwohl zu hören glaubte
… wenn nicht in demselben Moment, fast ohne daß ein Tropfenfall
vorhergegangen wäre, der Regen herniedergebrochen wäre, daß das Wasser
im Rinnstein schäumte und auf dem Bürgersteig hoch emporsprang …
Thomas, durch Krankheit daran gewöhnt, die Kundgebungen seiner
Nerven zu beobachten, hatte sich in dieser seltsamen Sekunde vorgebeugt,
eine Handbewegung nach dem Kopfe gemacht und die Zigarette
fortgeworfen. Er sah im Kreise umher, ob auch die anderen es gefühlt und
beachtet hätten. Er glaubte etwas bei seiner Mutter bemerkt zu haben; den
übrigen schien nichts bewußt geworden zu sein. Jetzt blickte die Konsulin
in den dicken Regen hinaus, der die Marienkirche völlig verhüllte, und
seufzte: »Gott sei Dank.«
»So«, sagte Tom. »Das kühlt in zwei Minuten. Nun werden draußen die
Tropfen an den Bäumen hängen, und wir werden in der Veranda Kaffee
trinken. Thilda, mach' mal das Fenster auf.«
Das Geräusch des Regens drang stärker herein. Er lärmte förmlich.
Alles rauschte, plätscherte, rieselte und schäumte. Der Wind war wieder
aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn und
trieb ihn umher. Jede Minute brachte neue Kühlung.
Marienkirchhof gespielt hatte und den Staub auf der dunklen Straße in
kleinen Wirbeln umhergetrieben hatte, regte sich nicht mehr. Es war einen
Augenblick vollkommen still.
Da, plötzlich, trat dieser Moment ein … ereignete sich etwas Lautloses,
Erschreckendes. Die Schwüle schien verdoppelt, die Atmosphäre schien
einen, sich binnen einer Sekunde rapide steigernden Druck auszuüben, der
das Gehirn beängstigte, das Herz bedrängte, die Atmung verwehrte …
drunten flatterte eine Schwalbe so dicht über der Straße, daß ihre Flügel das
Pflaster schlugen … Und dieser unentwirrbare Druck, diese Spannung,
diese wachsende Beklemmung des Organismus wäre unerträglich
geworden, wenn sie den geringsten Teil eines Augenblicks länger gedauert
hätte, wenn nicht auf ihrem sofort erreichten Höhepunkt eine Abspannung,
ein Überspringen stattgefunden hätte … ein kleiner, erlösender Bruch, der
sich unhörbar irgendwo ereignete und den man gleichwohl zu hören glaubte
… wenn nicht in demselben Moment, fast ohne daß ein Tropfenfall
vorhergegangen wäre, der Regen herniedergebrochen wäre, daß das Wasser
im Rinnstein schäumte und auf dem Bürgersteig hoch emporsprang …
Thomas, durch Krankheit daran gewöhnt, die Kundgebungen seiner
Nerven zu beobachten, hatte sich in dieser seltsamen Sekunde vorgebeugt,
eine Handbewegung nach dem Kopfe gemacht und die Zigarette
fortgeworfen. Er sah im Kreise umher, ob auch die anderen es gefühlt und
beachtet hätten. Er glaubte etwas bei seiner Mutter bemerkt zu haben; den
übrigen schien nichts bewußt geworden zu sein. Jetzt blickte die Konsulin
in den dicken Regen hinaus, der die Marienkirche völlig verhüllte, und
seufzte: »Gott sei Dank.«
»So«, sagte Tom. »Das kühlt in zwei Minuten. Nun werden draußen die
Tropfen an den Bäumen hängen, und wir werden in der Veranda Kaffee
trinken. Thilda, mach' mal das Fenster auf.«
Das Geräusch des Regens drang stärker herein. Er lärmte förmlich.
Alles rauschte, plätscherte, rieselte und schäumte. Der Wind war wieder
aufgekommen und fuhr lustig in den dichten Wasserschleier, zerriß ihn und
trieb ihn umher. Jede Minute brachte neue Kühlung.
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Da kam Line, das Folgmädchen Line im Laufschritt durch die
Säulenhalle und fuhr so heftig ins Zimmer herein, daß Ida Jungmann
beschwichtigend und vorwurfsvoll ausrief: »Gott, ich sage!…«
Lines ausdruckslose blaue Augen waren weit aufgerissen, und ihre
Kinnbacken arbeiteten eine Weile vergebens …
»Ach, Fru Konsulin, ach nee, nu kamen's man flink … ach Gottes nee,
wat heww ick mi verfiert …!«
»Gut«, sagte Tony, »nun hat sie wieder Stücke gemacht! Wahrscheinlich
aus gutem Porzellan! Nein, Mama, dein Personal …!«
Aber das Mädchen stieß geängstigt hervor: »Ach nee, Ma'm' Grünlich
… un wenn es dat man wier … öäwer dat is mit den Herrn, und ick wollt
man die Stiefel bringen, un doar sitt Herr Kunsel doar upp'm Lehnstaul und
kann nich reden und kiemt man immer bloß so, un ick glöw, dat geht nich
gaut, denn Herr Kunsel is ook goar tau geel …«
»Zu Grabow!« schrie Thomas und drängte sie zur Tür hinaus.
»Mein Gott! O mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Hände
neben ihrem Gesichte faltete und hinauseilte …
»Zu Grabow … mit einem Wagen … sofort!« wiederholte Tony
atemlos.
Man flog die Treppe hinunter, durchs Frühstückszimmer, ins
Schlafzimmer.
Aber Johann Buddenbrook war schon tot.
Säulenhalle und fuhr so heftig ins Zimmer herein, daß Ida Jungmann
beschwichtigend und vorwurfsvoll ausrief: »Gott, ich sage!…«
Lines ausdruckslose blaue Augen waren weit aufgerissen, und ihre
Kinnbacken arbeiteten eine Weile vergebens …
»Ach, Fru Konsulin, ach nee, nu kamen's man flink … ach Gottes nee,
wat heww ick mi verfiert …!«
»Gut«, sagte Tony, »nun hat sie wieder Stücke gemacht! Wahrscheinlich
aus gutem Porzellan! Nein, Mama, dein Personal …!«
Aber das Mädchen stieß geängstigt hervor: »Ach nee, Ma'm' Grünlich
… un wenn es dat man wier … öäwer dat is mit den Herrn, und ick wollt
man die Stiefel bringen, un doar sitt Herr Kunsel doar upp'm Lehnstaul und
kann nich reden und kiemt man immer bloß so, un ick glöw, dat geht nich
gaut, denn Herr Kunsel is ook goar tau geel …«
»Zu Grabow!« schrie Thomas und drängte sie zur Tür hinaus.
»Mein Gott! O mein Gott!« rief die Konsulin, indem sie die Hände
neben ihrem Gesichte faltete und hinauseilte …
»Zu Grabow … mit einem Wagen … sofort!« wiederholte Tony
atemlos.
Man flog die Treppe hinunter, durchs Frühstückszimmer, ins
Schlafzimmer.
Aber Johann Buddenbrook war schon tot.
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Page 238
Fünfter Teil
Erstes Kapitel
»Guten Abend, Justus«, sagte die Konsulin. »Geht es dir gut? Nimm
Platz.«
Konsul Kröger umarmte sie zart und flüchtig und schüttelte seiner
ältesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Eßsaale zugegen war. Er zählte
nun ungefähr fünfundfünfzig Jahre und hatte sich zu seinem kleinen
Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der das Kinn
frei ließ und ganz grau war. Über seine breite und rosige Glatze waren
sorgfältig ein paar spärliche Haarstreifen frisiert. Ein breiter Trauerflor saß
an dem Ärmel seines eleganten Leibrockes.
»Weißt du das Neueste, Bethsy?« fragte er. »Ja, Tony, dich wird es
besonders interessieren. Kurz, unser Grundstück vorm Burgtor ist nun
verkauft … an wen? Nicht etwa an e i n e n Mann, sondern an zwei, denn es
wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer hindurchgezogen,
und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links Kaufmann
Sörenson eine Hundehütte … nun, Gott befohlen.«
»Unerhört«, sagte Frau Grünlich, indem sie die Hände im Schoße faltete
und zum Plafond emporblickte … »Großvaters Grundstück! Gut, damit ist
das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitläufigkeit …
die eigentlich überflüssig war … aber das war das Vornehme. Der große
Garten … bis zur Trave hinunter … und das zurückliegende Haus mit der
Auffahrt, der Kastanienallee … Nun wird es also geteilt. Benthien wird vor
der einen Tür stehen und seine Pfeife rauchen, und Sörenson vor der
anderen. Ja, ich sage auch ›Gott befohlen‹, Onkel Justus. Es ist wohl
Erstes Kapitel
»Guten Abend, Justus«, sagte die Konsulin. »Geht es dir gut? Nimm
Platz.«
Konsul Kröger umarmte sie zart und flüchtig und schüttelte seiner
ältesten Nichte die Hand, die gleichfalls im Eßsaale zugegen war. Er zählte
nun ungefähr fünfundfünfzig Jahre und hatte sich zu seinem kleinen
Schnurrbart einen starken runden Backenbart wachsen lassen, der das Kinn
frei ließ und ganz grau war. Über seine breite und rosige Glatze waren
sorgfältig ein paar spärliche Haarstreifen frisiert. Ein breiter Trauerflor saß
an dem Ärmel seines eleganten Leibrockes.
»Weißt du das Neueste, Bethsy?« fragte er. »Ja, Tony, dich wird es
besonders interessieren. Kurz, unser Grundstück vorm Burgtor ist nun
verkauft … an wen? Nicht etwa an e i n e n Mann, sondern an zwei, denn es
wird geteilt, das Haus wird abgebrochen, ein Zaun quer hindurchgezogen,
und dann baut sich rechts Kaufmann Benthien und links Kaufmann
Sörenson eine Hundehütte … nun, Gott befohlen.«
»Unerhört«, sagte Frau Grünlich, indem sie die Hände im Schoße faltete
und zum Plafond emporblickte … »Großvaters Grundstück! Gut, damit ist
das Besitztum verpfuscht. Der Reiz bestand gerade in der Weitläufigkeit …
die eigentlich überflüssig war … aber das war das Vornehme. Der große
Garten … bis zur Trave hinunter … und das zurückliegende Haus mit der
Auffahrt, der Kastanienallee … Nun wird es also geteilt. Benthien wird vor
der einen Tür stehen und seine Pfeife rauchen, und Sörenson vor der
anderen. Ja, ich sage auch ›Gott befohlen‹, Onkel Justus. Es ist wohl
Page 239
niemand mehr vornehm genug, um das Ganze zu bewohnen. Gut, daß
Großpapa es nicht mehr zu sehen bekommt …«
Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als daß
Tony ihrer Entrüstung in lauteren und stärkeren Worten hätte Ausdruck
geben mögen. Es war am Tage der Testamentseröffnung, zwei Wochen nach
des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin
Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstraße gebeten, damit er sich
mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung über
die Verfügungen des Verstorbenen und die Vermögensverhältnisse beteilige,
und Tony hatte den Entschluß kundgetan, gleichfalls an den
Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt, sei
sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge, dieser
Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu
verleihen. Sie hatte die Fenstervorhänge geschlossen und trotz der beiden
Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grüngedeckten Speisetisch
brannten, zum Überfluß sämtliche Kerzen auf den großen vergoldeten
Kandelabern entzündet. Außerdem hatte sie auf der Tafel eine Menge
Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen niemand wußte,
wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten.
Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mädchenhafte Schlankheit,
und obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie während der letzten Zeit so
herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand,
obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere Tränen
ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen Familienrat,
diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Würde teilzunehmen
gedachte, ihre hübschen Wangen zu röten, ihren Blick zu beleben, ihren
Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben … Die Konsulin dagegen,
ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend Trauerformalitäten
und den Begräbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus. Ihr Gesicht, von den
schwarzen Spitzen der Haubenbänder umrahmt, erschien noch bleicher
dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt. In ihrem
glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein einziges
weißes Fädchen zu sehen … War auch dies noch die Pariser Tinktur oder
schon die Perücke? Das wußte Mamsell Jungmann allein, und sie würde es
nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben.
Großpapa es nicht mehr zu sehen bekommt …«
Die Trauerstimmung lag noch zu schwer und ernst in der Luft, als daß
Tony ihrer Entrüstung in lauteren und stärkeren Worten hätte Ausdruck
geben mögen. Es war am Tage der Testamentseröffnung, zwei Wochen nach
des Konsuls Ableben, nachmittags halb sechs Uhr. Die Konsulin
Buddenbrook hatte ihren Bruder in die Mengstraße gebeten, damit er sich
mit Thomas und Herrn Marcus, dem Prokuristen, an einer Unterredung über
die Verfügungen des Verstorbenen und die Vermögensverhältnisse beteilige,
und Tony hatte den Entschluß kundgetan, gleichfalls an den
Auseinandersetzungen teilzunehmen. Dieses Interesse, hatte sie gesagt, sei
sie der Firma sowohl wie der Familie schuldig, und sie trug Sorge, dieser
Zusammenkunft den Charakter einer Sitzung, eines Familienrates zu
verleihen. Sie hatte die Fenstervorhänge geschlossen und trotz der beiden
Paraffinlampen, die auf dem ausgezogenen, grüngedeckten Speisetisch
brannten, zum Überfluß sämtliche Kerzen auf den großen vergoldeten
Kandelabern entzündet. Außerdem hatte sie auf der Tafel eine Menge
Schreibpapiers und gespitzter Bleistifte verteilt, von denen niemand wußte,
wozu sie eigentlich gebraucht werden sollten.
Das schwarze Kleid gab ihrer Gestalt eine mädchenhafte Schlankheit,
und obgleich sie den Tod des Konsuls, dem sie während der letzten Zeit so
herzlich nahegestanden, vielleicht von allen am schmerzlichsten empfand,
obgleich sie noch heute bei dem Gedanken an ihn zweimal in bittere Tränen
ausgebrochen war, vermochte die Aussicht auf diesen kleinen Familienrat,
diese kleine ernsthafte Unterredung, an der sie mit Würde teilzunehmen
gedachte, ihre hübschen Wangen zu röten, ihren Blick zu beleben, ihren
Bewegungen Freude und Wichtigkeit zu geben … Die Konsulin dagegen,
ermattet vom Schrecken, vom Schmerz, von tausend Trauerformalitäten
und den Begräbnisfeierlichkeiten, sah leidend aus. Ihr Gesicht, von den
schwarzen Spitzen der Haubenbänder umrahmt, erschien noch bleicher
dadurch, und ihre hellblauen Augen blickten matt. In ihrem
glattgescheitelten, rotblonden Haar aber war noch immer kein einziges
weißes Fädchen zu sehen … War auch dies noch die Pariser Tinktur oder
schon die Perücke? Das wußte Mamsell Jungmann allein, und sie würde es
nicht einmal den Damen des Hauses verraten haben.
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Man saß am Ende des Speisetisches und wartete, daß Thomas und Herr
Marcus aus dem Kontor kämen. Weiß und stolz hoben sich die gemalten
Götterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab.
Die Konsulin sagte: »Die Sache ist diese, mein lieber Justus … ich habe
dich bitten lassen … kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das Kind. Mein
lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die Dirn noch
während dreier Jahre bedarf, mir überlassen … Ich weiß, du liebst es nicht,
mit Verpflichtungen überhäuft zu werden; du hast Pflichten gegen deine
Frau, gegen deine Söhne …«
»Gegen meinen Sohn, Bethsy.«
»Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir
vergeben unseren Schuldigern, heißt es. Gedenke unseres gnädigen Vaters
im Himmel.«
Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus
des verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen …
»Genug!« fuhr sie fort, »es sind so gut wie keine Mühseligkeiten mit
diesem Liebesamte verbunden … Ich möchte dich bitten, die
Vormundschaft zu übernehmen.«
»Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mündel nicht
sehen? Ein bißchen zu ernst das gute Kind …«
Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit
traurig zurückhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters
Tode fast unaufhörlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen
Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und Gottesfurcht.
Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich
beinahe, als er ihr die Hand drückte; dann richtete er einige wohlgesetzte
Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der Konsulin einen Kuß
auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte.
»Wie geht es dem guten Jürgen?« begann die Konsulin aufs neue. »Wie
fühlt er sich in Wismar?«
Marcus aus dem Kontor kämen. Weiß und stolz hoben sich die gemalten
Götterbilder auf ihren Sockeln von dem himmelblauen Hintergrunde ab.
Die Konsulin sagte: »Die Sache ist diese, mein lieber Justus … ich habe
dich bitten lassen … kurz zu sein, es handelt sich um Klara, das Kind. Mein
lieber seliger Jean hat die Wahl eines Vormundes, dessen die Dirn noch
während dreier Jahre bedarf, mir überlassen … Ich weiß, du liebst es nicht,
mit Verpflichtungen überhäuft zu werden; du hast Pflichten gegen deine
Frau, gegen deine Söhne …«
»Gegen meinen Sohn, Bethsy.«
»Gut, gut, wir sollen christlich und barmherzig sein, Justus. Wie wir
vergeben unseren Schuldigern, heißt es. Gedenke unseres gnädigen Vaters
im Himmel.«
Ihr Bruder sah sie ein wenig verwundert an. Man hatte bisher nur aus
des verstorbenen Konsuls Munde solche Redewendungen vernommen …
»Genug!« fuhr sie fort, »es sind so gut wie keine Mühseligkeiten mit
diesem Liebesamte verbunden … Ich möchte dich bitten, die
Vormundschaft zu übernehmen.«
»Gern, Bethsy, wahrhaftig, das tu ich gern. Darf ich mein Mündel nicht
sehen? Ein bißchen zu ernst das gute Kind …«
Klara ward gerufen. Schwarz und bleich erschien sie langsam, mit
traurig zurückhaltenden Bewegungen. Sie hatte die Zeit nach ihres Vaters
Tode fast unaufhörlich mit Beten auf ihrem Zimmer verbracht. Ihre dunklen
Augen waren unbeweglich; sie schien erstarrt in Schmerz und Gottesfurcht.
Onkel Justus, galant wie er war, schritt ihr entgegen und verbeugte sich
beinahe, als er ihr die Hand drückte; dann richtete er einige wohlgesetzte
Worte an sie, und sie ging wieder, nachdem sie von der Konsulin einen Kuß
auf ihre unbeweglichen Lippen entgegengenommen hatte.
»Wie geht es dem guten Jürgen?« begann die Konsulin aufs neue. »Wie
fühlt er sich in Wismar?«
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»Gut«, antwortete Justus Kröger, indem er sich mit einem Achselzucken
wieder niedersetzte … »Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden. Er ist
ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber … nachdem ihm das
Examen zweimal mißglückt, war es das beste … Die Jurisprudenz machte
ihm selbst keinen Spaß, und die Position an der Post in Wismar ist ganz
akzeptabel … Sage mal, ich höre, dein Christian kommt?«
»Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behüte ihn auf der See! Ach, es
dauert so fürchterlich lange! Obgleich ich ihm am nächsten Tage nach Jeans
Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann braucht
er mit dem Segelschiff noch ungefähr zwei Monate. Aber er muß kommen,
ich habe so sehr das Bedürfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean würde es
niemals zugegeben haben, daß er seine Stelle in Valparaiso fahren läßt …
aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, daß ich ihn nicht gesehen habe! Und
dann unter diesen Umständen! Nein, ich will sie alle um mich haben in
dieser schweren Zeit … das ist natürlich für eine Mutter …«
»Sicherlich, sicherlich!« sagte Konsul Kröger, denn ihr kamen die
Tränen.
»Jetzt ist auch Thomas einverstanden«, fuhr sie fort, »denn wo ist
Christian besser aufgehoben als in dem Geschäft seines seligen Vaters, in
Toms Geschäft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten … ach, ich bin auch
beständig in Angst, daß ihm dort drüben das Klima ein Übel tut …«
Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den
Saal. Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjähriger
Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schoßrock mit
Trauerflor. Er sprach sehr leise, zögernd, ein wenig stotternd, jedes Wort
eine Sekunde lang überlegend, und pflegte mit dem gerade ausgestreckten
Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und vorsichtig über seinen
rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden Schnurrbart zu streichen
oder sich mit Sorgfalt die Hände zu reiben, wobei er seine runden, braunen
Augen so bedächtig zur Seite wandern ließ, daß er den Eindruck völliger
Konfusion und Abwesenheit machte, obgleich er stets aufmerksam prüfend
bei der Sache war.
Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des großen
Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Würdegefühl an den
wieder niedersetzte … »Ich glaube, er hat nun seinen Platz gefunden. Er ist
ein braver Junge, Bethsy, ein Junge von Ehre; aber … nachdem ihm das
Examen zweimal mißglückt, war es das beste … Die Jurisprudenz machte
ihm selbst keinen Spaß, und die Position an der Post in Wismar ist ganz
akzeptabel … Sage mal, ich höre, dein Christian kommt?«
»Ja, Justus, er wird kommen, und Gott behüte ihn auf der See! Ach, es
dauert so fürchterlich lange! Obgleich ich ihm am nächsten Tage nach Jeans
Tode geschrieben habe, hat er den Brief noch lange nicht, und dann braucht
er mit dem Segelschiff noch ungefähr zwei Monate. Aber er muß kommen,
ich habe so sehr das Bedürfnis, Justus! Tom sagte zwar, Jean würde es
niemals zugegeben haben, daß er seine Stelle in Valparaiso fahren läßt …
aber ich bitte dich: acht Jahre beinahe, daß ich ihn nicht gesehen habe! Und
dann unter diesen Umständen! Nein, ich will sie alle um mich haben in
dieser schweren Zeit … das ist natürlich für eine Mutter …«
»Sicherlich, sicherlich!« sagte Konsul Kröger, denn ihr kamen die
Tränen.
»Jetzt ist auch Thomas einverstanden«, fuhr sie fort, »denn wo ist
Christian besser aufgehoben als in dem Geschäft seines seligen Vaters, in
Toms Geschäft? Er kann hierbleiben, hier arbeiten … ach, ich bin auch
beständig in Angst, daß ihm dort drüben das Klima ein Übel tut …«
Nun kam, begleitet von Herrn Marcus, Thomas Buddenbrook in den
Saal. Friedrich Wilhelm Marcus, des verstorbenen Konsuls langjähriger
Prokurist, war ein hochgewachsener Mann in braunem Schoßrock mit
Trauerflor. Er sprach sehr leise, zögernd, ein wenig stotternd, jedes Wort
eine Sekunde lang überlegend, und pflegte mit dem gerade ausgestreckten
Zeige- und Mittelfinger seiner Linken langsam und vorsichtig über seinen
rotbraunen, ungepflegt den Mund bedeckenden Schnurrbart zu streichen
oder sich mit Sorgfalt die Hände zu reiben, wobei er seine runden, braunen
Augen so bedächtig zur Seite wandern ließ, daß er den Eindruck völliger
Konfusion und Abwesenheit machte, obgleich er stets aufmerksam prüfend
bei der Sache war.
Thomas Buddenbrook, in so jungen Jahren bereits der Chef des großen
Handelshauses, legte in Miene und Haltung ein ernstes Würdegefühl an den
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Tag; aber er war bleich, und seine Hände im besonderen, an deren einer nun
der große Erbsiegelring mit grünem Steine glänzte, waren weiß wie die
Manschetten, die aus den schwarzen Tuchärmeln hervorsahen, von einer
frostigen Blässe, die erkennen ließ, daß sie vollkommen trocken und kalt
waren. Diese Hände, deren schön gepflegte ovale Fingernägel dazu neigten,
eine bläuliche Färbung zu zeigen, konnten in gewissen Augenblicken, in
gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewußten Stellungen einen
unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender Empfindsamkeit und einer
beinahe ängstlichen Zurückhaltung annehmen, einen Ausdruck, der den
ziemlich breiten und bürgerlichen, wenn auch fein gegliederten Händen der
Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war und wenig zu ihnen paßte …
Toms erste Sorge war, die Flügeltür zum Landschaftszimmer zu öffnen, um
die Wärme des Ofens, der dort hinter dem schmiedeeisernen Gitter brannte,
dem Saale zugute kommen zu lassen.
Dann wechselte er einen Händedruck mit Konsul Kröger und nahm,
Herrn Marcus gegenüber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony
mit erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in
einer Weise den Kopf zurück und das Kinn auf die Brust, daß er jede
Bemerkung über ihre Gegenwart unterdrückte.
»Also man darf noch nicht ›Herr Konsul‹ sagen?« fragte Justus Kröger
… »Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?«
»Ja, Onkel Justus; ich habe es für besser gehalten … sieh mal, ich hätte
das Konsulat sofort übernehmen können, mit so manch anderer
Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bißchen jung … und dann habe
ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.«
»Sehr vernünftig, mein Junge. Sehr politisch … Vollkommen
gentlemanlike.«
»Herr Marcus«, sagte die Konsulin, »mein lieber Herr Marcus!« Und
sie reichte ihm die Hand, deren Fläche sie ganz weit herumdrehte, und die
er langsam, mit einem bedächtigen und verbindlichen Seitenblick
entgegennahm. »Ich habe Sie heraufgebeten … Sie wissen, um was es sich
handelt, und ich weiß, daß Sie einig mit uns sind. Mein seliger Mann hat in
seinen letztwilligen Verfügungen den Wunsch ausgesprochen, Sie möchten
der große Erbsiegelring mit grünem Steine glänzte, waren weiß wie die
Manschetten, die aus den schwarzen Tuchärmeln hervorsahen, von einer
frostigen Blässe, die erkennen ließ, daß sie vollkommen trocken und kalt
waren. Diese Hände, deren schön gepflegte ovale Fingernägel dazu neigten,
eine bläuliche Färbung zu zeigen, konnten in gewissen Augenblicken, in
gewissen, ein wenig krampfhaften und unbewußten Stellungen einen
unbeschreiblichen Ausdruck von abweisender Empfindsamkeit und einer
beinahe ängstlichen Zurückhaltung annehmen, einen Ausdruck, der den
ziemlich breiten und bürgerlichen, wenn auch fein gegliederten Händen der
Buddenbrooks bis dahin fremd gewesen war und wenig zu ihnen paßte …
Toms erste Sorge war, die Flügeltür zum Landschaftszimmer zu öffnen, um
die Wärme des Ofens, der dort hinter dem schmiedeeisernen Gitter brannte,
dem Saale zugute kommen zu lassen.
Dann wechselte er einen Händedruck mit Konsul Kröger und nahm,
Herrn Marcus gegenüber, Platz an der Tafel, wobei er seine Schwester Tony
mit erhobener Augenbraue ziemlich verwundert ansah. Aber sie legte in
einer Weise den Kopf zurück und das Kinn auf die Brust, daß er jede
Bemerkung über ihre Gegenwart unterdrückte.
»Also man darf noch nicht ›Herr Konsul‹ sagen?« fragte Justus Kröger
… »Die Niederlande hoffen vergebens auf deine Vertretung, alter Tom?«
»Ja, Onkel Justus; ich habe es für besser gehalten … sieh mal, ich hätte
das Konsulat sofort übernehmen können, mit so manch anderer
Verpflichtung; aber erstens bin ich noch ein bißchen jung … und dann habe
ich mit Onkel Gotthold gesprochen; er freute sich und akzeptierte.«
»Sehr vernünftig, mein Junge. Sehr politisch … Vollkommen
gentlemanlike.«
»Herr Marcus«, sagte die Konsulin, »mein lieber Herr Marcus!« Und
sie reichte ihm die Hand, deren Fläche sie ganz weit herumdrehte, und die
er langsam, mit einem bedächtigen und verbindlichen Seitenblick
entgegennahm. »Ich habe Sie heraufgebeten … Sie wissen, um was es sich
handelt, und ich weiß, daß Sie einig mit uns sind. Mein seliger Mann hat in
seinen letztwilligen Verfügungen den Wunsch ausgesprochen, Sie möchten
Page 243
nach seinem Heimgang Ihre treue, bewährte Kraft nicht länger als fremder
Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma stellen …«
»Gewiß, allerdings Frau Konsulin«, sprach Herr Marcus. »Ich bitte
ergebenst, überzeugt zu sein, daß ich die Ehrung meiner Person, welche in
diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schätzen weiß, denn die Mittel,
welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu geringe.
Ich weiß vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als Ihre und
Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.«
»Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit,
einen Teil der großen Verantwortlichkeit zu übernehmen, die für mich
vielleicht zu schwer wäre.« Dies sprach Thomas schnell und leichthin,
indem er seinem Associé über den Tisch hinüber die Hand reichte, denn die
beiden waren längst einig, und dies alles war Formalität.
»Kumpanie is Lumperie … na, Sie beide werden den Schnack ja wohl
zuschanden machen!« sagte Konsul Kröger. »Und nun wollen wir die
Verhältnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier bloß auf die Mitgift
meines Mündels zu achten; das übrige ist mir egal. Hast du eine Kopie des
Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen Überschlag?«
»Den habe ich im Kopf«, sagte Thomas und begann, während er sein
goldnes Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und,
zurückgelehnt, ins Landschaftszimmer hinüberblickte, den Stand der Dinge
auseinanderzusetzen …
Die Sache war die, daß des Konsuls hinterlassenes Vermögen
beträchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift seiner
ältesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbuße, die die Firma
gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre 51 erlitten, war ein schwerer
Schlag gewesen. Und auch das Jahr 48 sowie das gegenwärtige Jahr 55 mit
ihren Unruhen und Kriegsläuften hatten Verluste gebracht. Aber der
Buddenbrooksche Anteil an der Krögerschen Hinterlassenschaft von
400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht,
volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach
Kaufmannsart beständig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen
etwa fünfzehnjährigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage
Mitarbeiter, sondern als Teilhaber in den Dienst der Firma stellen …«
»Gewiß, allerdings Frau Konsulin«, sprach Herr Marcus. »Ich bitte
ergebenst, überzeugt zu sein, daß ich die Ehrung meiner Person, welche in
diesem Anerbieten liegt, mit Dankbarkeit zu schätzen weiß, denn die Mittel,
welche ich der Firma entgegenzubringen vermag, sind nur allzu geringe.
Ich weiß vor Gott und den Menschen nichts Besseres zu tun, als Ihre und
Ihres Herrn Sohnes Offerte dankbarst zu akzeptieren.«
»Ja, Marcus, dann danke ich Ihnen herzlich für Ihre Bereitwilligkeit,
einen Teil der großen Verantwortlichkeit zu übernehmen, die für mich
vielleicht zu schwer wäre.« Dies sprach Thomas schnell und leichthin,
indem er seinem Associé über den Tisch hinüber die Hand reichte, denn die
beiden waren längst einig, und dies alles war Formalität.
»Kumpanie is Lumperie … na, Sie beide werden den Schnack ja wohl
zuschanden machen!« sagte Konsul Kröger. »Und nun wollen wir die
Verhältnisse mal durchgehen, Kinder. Ich habe hier bloß auf die Mitgift
meines Mündels zu achten; das übrige ist mir egal. Hast du eine Kopie des
Testamentes da, Bethsy? Und du, Tom, einen kleinen Überschlag?«
»Den habe ich im Kopf«, sagte Thomas und begann, während er sein
goldnes Crayon auf der Tischplatte hin und her bewegte und,
zurückgelehnt, ins Landschaftszimmer hinüberblickte, den Stand der Dinge
auseinanderzusetzen …
Die Sache war die, daß des Konsuls hinterlassenes Vermögen
beträchtlicher war, als irgendein Mensch geglaubt hatte. Die Mitgift seiner
ältesten Tochter freilich war verlorengegangen, die Einbuße, die die Firma
gelegentlich des Bremer Konkurses im Jahre 51 erlitten, war ein schwerer
Schlag gewesen. Und auch das Jahr 48 sowie das gegenwärtige Jahr 55 mit
ihren Unruhen und Kriegsläuften hatten Verluste gebracht. Aber der
Buddenbrooksche Anteil an der Krögerschen Hinterlassenschaft von
400000 Kurantmark hatte, da Justus eine Menge im voraus verbraucht,
volle 300000 betragen, und obgleich Johann Buddenbrook nach
Kaufmannsart beständig geklagt hatte, war den Verlusten doch durch einen
etwa fünfzehnjährigen Verdienst von 30000 Talern Kurant die Waage
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gehalten worden. Das Vermögen also betrug, abgesehen von jedem
Grundbesitz, in runder Zahl 750000 Mark Kurant.
Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschäftsgang, von seinem
Vater über diese Höhe im unklaren gelassen worden, und während die
Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, während Tony mit
einer allerliebsten und verständnislosen Würde geradeaus blickte und
dennoch einen ängstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen konnte,
welcher ausdrückte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch reiche
Leute?… während Herr Marcus sich langsam und anscheinend zerstreut die
Hände rieb und Konsul Kröger sich ersichtlich langweilte, erfüllte ihn selbst
diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervösen und treibenden Stolz, der
sich beinahe wie Unmut ausnahm.
»Wir müßten längst die Million erreicht haben!« sagte er mit vor
Erregung gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten … »Großvater hat
in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfügung gehabt … Und welche
Anstrengungen seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups hie
und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die beständige
Zersplitterung … Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge; verzeiht,
wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschließlich im Sinne der Firma
rede und wenig familiär … Diese Mitgiften, diese Auszahlungen an Onkel
Gotthold und nach Frankfurt, diese Hunderttausende, die dem Betrieb
entzogen werden mußten … Und das waren damals nur z w e i Geschwister
des Firmenchefs … Genug, wir werden zu tun bekommen, Marcus!«
Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glück auf die
Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fühlte
die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das Prestige
der Firma, der alten Familie zu fördern und auch nur zu wahren wissen
werde. An der Börse begegnete er diesen musternden Seitenblicken aus
alten jovialen, skeptischen und ein bißchen mokanten
Geschäftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: »Wirst de Saak ook
unnerkregen, min Söhn?« Ich werde es, dachte er …
Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedächtig die Hände, und Justus
Kröger sagte:
Grundbesitz, in runder Zahl 750000 Mark Kurant.
Selbst Thomas war, bei aller Einsicht in den Geschäftsgang, von seinem
Vater über diese Höhe im unklaren gelassen worden, und während die
Konsulin mit ruhiger Diskretion die Zahl entgegennahm, während Tony mit
einer allerliebsten und verständnislosen Würde geradeaus blickte und
dennoch einen ängstlichen Zweifel aus ihrer Miene nicht verbannen konnte,
welcher ausdrückte: Ist das auch viel? Sehr viel? Sind wir auch reiche
Leute?… während Herr Marcus sich langsam und anscheinend zerstreut die
Hände rieb und Konsul Kröger sich ersichtlich langweilte, erfüllte ihn selbst
diese Zahl, die er aussprach, mit einem nervösen und treibenden Stolz, der
sich beinahe wie Unmut ausnahm.
»Wir müßten längst die Million erreicht haben!« sagte er mit vor
Erregung gepreßter Stimme, indes seine Hände zitterten … »Großvater hat
in seiner besten Zeit schon 900000 zur Verfügung gehabt … Und welche
Anstrengungen seitdem, welch hübscher Erfolg, welche guten Coups hie
und da! Und Mamas Mitgift! Mamas Erbe! Ach, aber die beständige
Zersplitterung … Mein Gott, sie liegt in der Natur der Dinge; verzeiht,
wenn ich in diesem Augenblick allzu ausschließlich im Sinne der Firma
rede und wenig familiär … Diese Mitgiften, diese Auszahlungen an Onkel
Gotthold und nach Frankfurt, diese Hunderttausende, die dem Betrieb
entzogen werden mußten … Und das waren damals nur z w e i Geschwister
des Firmenchefs … Genug, wir werden zu tun bekommen, Marcus!«
Die Sehnsucht nach Tat, Sieg und Macht, die Begier, das Glück auf die
Knie zu zwingen, flammte kurz und heftig in seinen Augen auf. Er fühlte
die Blicke aller Welt auf sich gerichtet, erwartungsvoll, ob er das Prestige
der Firma, der alten Familie zu fördern und auch nur zu wahren wissen
werde. An der Börse begegnete er diesen musternden Seitenblicken aus
alten jovialen, skeptischen und ein bißchen mokanten
Geschäftsmannsaugen, welche zu fragen schienen: »Wirst de Saak ook
unnerkregen, min Söhn?« Ich werde es, dachte er …
Friedrich Wilhelm Marcus rieb sich bedächtig die Hände, und Justus
Kröger sagte:
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»Na, ruhig Blut, alter Tom! Die Zeiten sind nicht mehr wie damals, als
dein Großpapa preußischer Heereslieferant war.« –
Und nun begann ein ausführliches Gespräch über die großen und
kleinen Anordnungen des Testamentes, ein Gespräch, an dem sich alle
beteiligten, und in welchem Konsul Kröger die gute Laune vertrat, indem er
von Thomas beständig als von »Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden
Fürsten« sprach. »Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gemäß
ohne weiteres bei der Krone«, sagte er.
Im übrigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, daß
alles nach Möglichkeit beisammengelassen werden sollte, daß Frau
Elisabeth Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze
Vermögen im Geschäfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, daß er
das Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstärke. Für Thomas
waren als vorläufiges Privatvermögen 50000 ausgesetzt und die gleiche
Summe für Christian, in dem Falle, daß er sich selbständig etabliere. Justus
Kröger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward: »Die
Fixierung der Mitgiftsumme für meine inniggeliebte jüngere Tochter Klara
im Falle ihrer Verehelichung überlasse ich dem Ermessen meiner
inniggeliebten Frau« … »Sagen wir 100000!« schlug er vor, indem er sich
zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und mit beiden Händen
seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst.
Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest.
»Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ältesten
Tochter Antonie«, hieß es weiter, »darf, angesichts der Tatsache, daß bereits
an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als Aussteuer die
Summe von 17000 Talern Kurant nicht überschritten werden …« Frau
Antonie bewegte mit ebenso graziöser wie erregter Geste die Arme nach
vorn, um die Ärmel der Taille zurückzuschieben, und sie blickte zur Decke
empor, indem sie ausrief: »G r ü n l i c h – h a!« Es klang wie ein
Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetenstoß. »Wissen Sie eigentlich, wie es
sich mit dem Manne verhält, Herr Marcus?« fragte sie. »Wir sitzen eines
harmlosen Nachmittags im Garten … vorm Portal … Sie wissen, Herr
Marcus: unser Portal. – Gut! Wer erscheint? Eine Person mit einem
goldfarbenen Backenbart … Was für ein Filou!…«
dein Großpapa preußischer Heereslieferant war.« –
Und nun begann ein ausführliches Gespräch über die großen und
kleinen Anordnungen des Testamentes, ein Gespräch, an dem sich alle
beteiligten, und in welchem Konsul Kröger die gute Laune vertrat, indem er
von Thomas beständig als von »Seiner Hoheit dem nunmehr regierenden
Fürsten« sprach. »Der Speicher-Grundbesitz bleibt der Tradition gemäß
ohne weiteres bei der Krone«, sagte er.
Im übrigen gingen, wie sich versteht, die Bestimmungen dahin, daß
alles nach Möglichkeit beisammengelassen werden sollte, daß Frau
Elisabeth Buddenbrook im Prinzip Universalerbin sei und das ganze
Vermögen im Geschäfte verbleibe, wobei Herr Marcus konstatierte, daß er
das Betriebskapital als Teilhaber um 120000 Kurant verstärke. Für Thomas
waren als vorläufiges Privatvermögen 50000 ausgesetzt und die gleiche
Summe für Christian, in dem Falle, daß er sich selbständig etabliere. Justus
Kröger war eifrig bei der Sache, als der Passus verlesen ward: »Die
Fixierung der Mitgiftsumme für meine inniggeliebte jüngere Tochter Klara
im Falle ihrer Verehelichung überlasse ich dem Ermessen meiner
inniggeliebten Frau« … »Sagen wir 100000!« schlug er vor, indem er sich
zurücklehnte, ein Bein über das andere schlug und mit beiden Händen
seinen kurzen grauen Schnurrbart empordrehte. Er war die Kulanz selbst.
Aber man setzte die hergebrachte Summe von 80000 Kurantmark fest.
»Im Falle einer abermaligen Verheiratung meiner inniggeliebten ältesten
Tochter Antonie«, hieß es weiter, »darf, angesichts der Tatsache, daß bereits
an ihre erste Ehe 80000 Kurantmark gewendet worden, als Aussteuer die
Summe von 17000 Talern Kurant nicht überschritten werden …« Frau
Antonie bewegte mit ebenso graziöser wie erregter Geste die Arme nach
vorn, um die Ärmel der Taille zurückzuschieben, und sie blickte zur Decke
empor, indem sie ausrief: »G r ü n l i c h – h a!« Es klang wie ein
Kriegsruf, wie ein kleiner Trompetenstoß. »Wissen Sie eigentlich, wie es
sich mit dem Manne verhält, Herr Marcus?« fragte sie. »Wir sitzen eines
harmlosen Nachmittags im Garten … vorm Portal … Sie wissen, Herr
Marcus: unser Portal. – Gut! Wer erscheint? Eine Person mit einem
goldfarbenen Backenbart … Was für ein Filou!…«
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»So«, sagte Thomas. »Wir reden nachher von Herrn Grünlich, nicht
wahr?«
»Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger
Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weißt du, obgleich ich vor
kurzer Zeit noch so sehr einfältig war, nämlich daß im Leben nicht alles
immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht« …
»Ja …«, sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm
Kenntnis von den Bestimmungen über die große Familienbibel, über des
Konsuls Diamantknöpfe, über viele einzelne Dinge … Justus Kröger und
Herr Marcus blieben zum Abendbrot.
Zweites Kapitel
Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjähriger Abwesenheit, kehrte
Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurück. Er kam, in einem gelben
und großkarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte, mit
der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines Schwertfisches
und ein großes Zuckerrohr mit und nahm in halb zerstreuter, halb
verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin entgegen.
Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nächsten Vormittag nach
seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um auf
dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander auf
dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die
Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie
umgaben … vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des
kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehölzes lehnte: Alle, ausgenommen
Klothilde, die auf »Ungnade« weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen.
Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die
Platte eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees
am Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie,
und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr
ausgebreitet. Gott allein wußte, wieviel Schmerz und Religiosität, und
andererseits wieviel Selbstgefälligkeit einer hübschen Frau in dieser
wahr?«
»Gut, gut; aber das wirst du mir zugeben, Tom, du bist ein kluger
Mensch, und die Erfahrung habe ich gemacht, weißt du, obgleich ich vor
kurzer Zeit noch so sehr einfältig war, nämlich daß im Leben nicht alles
immer mit ehrlichen und gerechten Dingen zugeht« …
»Ja …«, sagte Tom. Und man fuhr fort, man ging ins Detail, man nahm
Kenntnis von den Bestimmungen über die große Familienbibel, über des
Konsuls Diamantknöpfe, über viele einzelne Dinge … Justus Kröger und
Herr Marcus blieben zum Abendbrot.
Zweites Kapitel
Zu Beginn des Februar 1856, nach achtjähriger Abwesenheit, kehrte
Christian Buddenbrook in die Vaterstadt zurück. Er kam, in einem gelben
und großkarierten Anzug, der durchaus etwas Tropisches an sich hatte, mit
der Postkutsche von Hamburg, brachte den Schnabel eines Schwertfisches
und ein großes Zuckerrohr mit und nahm in halb zerstreuter, halb
verlegener Haltung die Umarmungen der Konsulin entgegen.
Diese Haltung bewahrte er auch, als gleich am nächsten Vormittag nach
seiner Ankunft die Familie vors Burgtor hinaus zum Friedhofe ging, um auf
dem Grabe einen Kranz niederzulegen. Sie standen alle beieinander auf
dem verschneiten Wege vor der umfangreichen Platte, auf welcher die
Namen der hier Ruhenden das in Stein gearbeitete Wappen der Familie
umgaben … vor dem aufrechten Marmorkreuz, das sich an den Rand des
kleinen, winterlich kahlen Friedhofgehölzes lehnte: Alle, ausgenommen
Klothilde, die auf »Ungnade« weilte, um ihren kranken Vater zu pflegen.
Tony legte den Kranz auf den in goldenen Buchstaben frisch in die
Platte eingelassenen Namen des Vaters und kniete dann trotz des Schnees
am Grabe nieder, um leise zu beten; der schwarze Schleier umspielte sie,
und ihr weiter Kleiderrock lag ein wenig malerisch schwungvoll neben ihr
ausgebreitet. Gott allein wußte, wieviel Schmerz und Religiosität, und
andererseits wieviel Selbstgefälligkeit einer hübschen Frau in dieser
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hingegossenen Stellung lag. Thomas war nicht in der Stimmung, darüber
nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem
Mischausdruck von Moquerie und Ängstlichkeit von der Seite an, als wollte
er sagen: »Wirst du das auch verantworten können? Wirst du auch nicht
verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm!« Tony fing diesen
Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in Verlegenheit.
Sie legte den Kopf zurück, ordnete Schleier und Rock und wandte sich mit
würdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian sichtlich erleichterte.
War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott
und dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der
unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und
gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks zu
sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle
empfindlich zurückschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer
Schmerzfähigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Großvater den
Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu
sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch
geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten
Grade peinlich, die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen
Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die
Charaktereigenschaften und die Person des toten Vaters zu feiern liebte.
Solchen Ausbrüchen gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes
Schweigen, ein zurückhaltendes Kopfnicken … und gerade dann, wenn
niemand des Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne
daß sein Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit
Tränen.
Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und
kindlichen Ergüssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung
zu bewahren; er bückte sich über seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das
Bedürfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit
einem leisen und gequälten: »Gott … Tony …«, wobei seine große Nase in
unzählige Fältchen gezogen war.
Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gespräch
sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die
nachzudenken. Christian aber blickte seine Schwester mit einem
Mischausdruck von Moquerie und Ängstlichkeit von der Seite an, als wollte
er sagen: »Wirst du das auch verantworten können? Wirst du auch nicht
verlegen werden, wenn du aufstehst? Wie unangenehm!« Tony fing diesen
Blick auf, als sie sich erhob; aber sie geriet durchaus nicht in Verlegenheit.
Sie legte den Kopf zurück, ordnete Schleier und Rock und wandte sich mit
würdevoller Sicherheit zum Gehen, was Christian sichtlich erleichterte.
War der verstorbene Konsul, mit seiner schwärmerischen Liebe zu Gott
und dem Gekreuzigten, der erste seines Geschlechtes gewesen, der
unalltägliche, unbürgerliche und differenzierte Gefühle gekannt und
gepflegt hatte, so schienen seine beiden Söhne die ersten Buddenbrooks zu
sein, die vor dem freien und naiven Hervortreten solcher Gefühle
empfindlich zurückschreckten. Sicherlich hatte Thomas mit reizbarerer
Schmerzfähigkeit den Tod seines Vaters erlebt, als etwa sein Großvater den
Verlust des seinen. Dennoch pflegte er nicht am Grabe in die Knie zu
sinken, hatte er sich niemals, wie seine Schwester Tony, über den Tisch
geworfen, um zu schluchzen wie ein Kind, empfand er als im höchsten
Grade peinlich, die großen, mit Tränen gemischten Worte, mit denen
Madame Grünlich zwischen Braten und Nachtisch die
Charaktereigenschaften und die Person des toten Vaters zu feiern liebte.
Solchen Ausbrüchen gegenüber hatte er einen taktvollen Ernst, ein gefaßtes
Schweigen, ein zurückhaltendes Kopfnicken … und gerade dann, wenn
niemand des Verstorbenen erwähnt oder gedacht hatte, füllten sich, ohne
daß sein Gesichtsausdruck sich verändert hätte, langsam seine Augen mit
Tränen.
Es war anders mit Christian. Er vermochte bei den naiven und
kindlichen Ergüssen seiner Schwester schlechterdings nicht, seine Haltung
zu bewahren; er bückte sich über seinen Teller, wandte sich ab, zeigte das
Bedürfnis, sich zu verkriechen und unterbrach sie mehrere Male sogar mit
einem leisen und gequälten: »Gott … Tony …«, wobei seine große Nase in
unzählige Fältchen gezogen war.
Ja, er legte Unruhe und Verlegenheit an den Tag, sobald das Gespräch
sich dem Verstorbenen zuwandte, und es schien, als ob er nicht nur die
Page 248
undelikaten Äußerungen tiefer und feierlicher Gefühle, sondern auch die
Gefühle selbst fürchtete und mied.
Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen
sehen. Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merkwürdige
aber war, daß er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen
derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein
beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes fürchterlichen
Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzählen zu
lassen: denn Madame Grünlich erzählte am lebhaftesten.
»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male … »Was schrie das
Mädchen, als es zu euch hereinstürzte?… Er sah also ganz gelb aus?… Und
hat nichts mehr sagen können, bevor er starb?… Was sagte das Mädchen?
Wie hat er nur noch machen können? ›Ua … ua‹?…« Er schwieg, schwieg
lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen schnell und
gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »G r ä ß l i c h«, sagte er plötzlich,
und man sah, daß ein Schauer ihn überlief, während er aufstand. Und immer
mit unruhigen und grübelnden Augen ging er auf und nieder, während Tony
sich wunderte, daß ihr Bruder, der sich aus unbegreiflichen Gründen zu
schämen schien, wenn sie laut den Vater betrauerte, mit einer Art
schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die Todeslaute desselben
wiederholen mochte, die er mit vieler Mühe von Line, dem Mädchen,
erfragt hatte …
Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich.
Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den
Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf
und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet. Sein
Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine starke
Krümmung nach außen … Übrigens schien sein Londoner Aufenthalt ihn
am nachhaltigsten beeinflußt zu haben, und da er auch in Valparaiso am
meisten mit Engländern verkehrt hatte, so hatte seine ganze Erscheinung
etwas Englisches angenommen, was nicht übel zu ihr paßte. Es lag etwas
davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff seines
Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in der Art,
wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem Ausdruck
ihm über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem matten und
Gefühle selbst fürchtete und mied.
Man hatte ihn noch keine Träne über den Tod des Vaters vergießen
sehen. Die lange Entwöhnung allein erklärte dies nicht. Das Merkwürdige
aber war, daß er, im Gegensatze zu seinem sonstigen Widerwillen gegen
derartige Gespräche, immer wieder seine Schwester Tony ganz allein
beiseite nahm, um sich von ihr die Vorgänge jenes fürchterlichen
Sterbenachmittages so recht anschaulich und im einzelnen erzählen zu
lassen: denn Madame Grünlich erzählte am lebhaftesten.
»Also gelb sah er aus?« fragte er zum fünften Male … »Was schrie das
Mädchen, als es zu euch hereinstürzte?… Er sah also ganz gelb aus?… Und
hat nichts mehr sagen können, bevor er starb?… Was sagte das Mädchen?
Wie hat er nur noch machen können? ›Ua … ua‹?…« Er schwieg, schwieg
lange Zeit, indes seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen schnell und
gedankenvoll im Zimmer umherirrten. »G r ä ß l i c h«, sagte er plötzlich,
und man sah, daß ein Schauer ihn überlief, während er aufstand. Und immer
mit unruhigen und grübelnden Augen ging er auf und nieder, während Tony
sich wunderte, daß ihr Bruder, der sich aus unbegreiflichen Gründen zu
schämen schien, wenn sie laut den Vater betrauerte, mit einer Art
schauerlicher Nachdenklichkeit ganz laut die Todeslaute desselben
wiederholen mochte, die er mit vieler Mühe von Line, dem Mädchen,
erfragt hatte …
Christian hatte sich durchaus nicht verschönt. Er war hager und bleich.
Die Haut umspannte überall straff seinen Schädel, zwischen den
Wangenknochen sprang die große, mit einem Höcker versehene Nase scharf
und fleischlos hervor, und das Haupthaar war schon merklich gelichtet. Sein
Hals war dünn und zu lang, und seine mageren Beine zeigten eine starke
Krümmung nach außen … Übrigens schien sein Londoner Aufenthalt ihn
am nachhaltigsten beeinflußt zu haben, und da er auch in Valparaiso am
meisten mit Engländern verkehrt hatte, so hatte seine ganze Erscheinung
etwas Englisches angenommen, was nicht übel zu ihr paßte. Es lag etwas
davon in dem bequemen Schnitt und dem wolligen, durablen Stoff seines
Anzuges, in der breiten und soliden Eleganz seiner Stiefel und in der Art,
wie sein rotblonder, starker Schnurrbart mit etwas säuerlichem Ausdruck
ihm über den Mund hing. Ja selbst seine Hände, die von jenem matten und
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porösen Weiß waren, wie die Hitze es hervorbringt, machten mit ihren rund
und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgendwelchen Gründen einen
englischen Eindruck.
»Sage mal …« fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl … es ist
schwer zu beschreiben … wenn man einen harten Bissen verschluckt und es
tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wieder seine
ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen.
»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen
Schluck Wasser …«
»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir
dasselbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem
Gesichte hin und her …
Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer
abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen
Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft stundenlang
in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem Stadttheater …
ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde …
»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben
gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich jetzt
nicht darum.«
Christian aber überhörte dies völlig und fing an, vom Theater zu
sprechen … »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin! Schon
das Wort ›Theater‹ macht mich geradezu glücklich … Ich weiß nicht, ob
jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stundenlang stillsitzen und
den geschlossenen Vorhang ansehen … Dabei freue ich mich wie als Kind,
wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen … Schon das
Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich würde ins Theater gehen, nur um
d a s zu hören!… Besonders gern habe ich die Liebesszenen … Einige
Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des Liebhabers so zwischen beide
Hände zu nehmen … Überhaupt die Schauspieler … ich habe in London
und auch in Valparaiso viel mit Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich
wahrhaftig stolz, mit ihnen so im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu
können. Im Theater achte ich auf jede ihrer Bewegungen … das ist sehr
und kurz geschnittenen sauberen Nägeln aus irgendwelchen Gründen einen
englischen Eindruck.
»Sage mal …« fragte er unvermittelt, »kennst du das Gefühl … es ist
schwer zu beschreiben … wenn man einen harten Bissen verschluckt und es
tut hinten den ganzen Rücken hinunter weh?« Dabei war wieder seine
ganze Nase in straffe kleine Fältchen gezogen.
»Ja«, sagte Tony, »das ist etwas ganz Gewöhnliches. Man trinkt einen
Schluck Wasser …«
»So?« erwiderte er unbefriedigt. »Nein, ich glaube nicht, daß wir
dasselbe meinen.« Und ein unruhiger Ernst bewegte sich auf seinem
Gesichte hin und her …
Dabei war er der erste, der im Hause eine freie und der Trauer
abgewandte Stimmung vertrat. Er hatte von der Kunst, den verstorbenen
Marcellus Stengel nachzuahmen, nichts verlernt und redete oft stundenlang
in seiner Sprache. Bei Tische erkundigte er sich nach dem Stadttheater …
ob eine gute Truppe dort sei, was gespielt werde …
»Ich weiß nicht«, sagte Tom mit einer Betonung, die übertrieben
gleichgültig war, um nicht ungeduldig zu sein. »Ich kümmere mich jetzt
nicht darum.«
Christian aber überhörte dies völlig und fing an, vom Theater zu
sprechen … »Ich kann gar nicht sagen, wie gern ich im Theater bin! Schon
das Wort ›Theater‹ macht mich geradezu glücklich … Ich weiß nicht, ob
jemand von euch dies Gefühl kennt? Ich könnte stundenlang stillsitzen und
den geschlossenen Vorhang ansehen … Dabei freue ich mich wie als Kind,
wenn wir hier herein zur Weihnachtsbescherung gingen … Schon das
Stimmen der Orchesterinstrumente! Ich würde ins Theater gehen, nur um
d a s zu hören!… Besonders gern habe ich die Liebesszenen … Einige
Liebhaberinnen verstehen es, den Kopf des Liebhabers so zwischen beide
Hände zu nehmen … Überhaupt die Schauspieler … ich habe in London
und auch in Valparaiso viel mit Schauspielern verkehrt. Zu Anfang war ich
wahrhaftig stolz, mit ihnen so im ganz gewöhnlichen Leben sprechen zu
können. Im Theater achte ich auf jede ihrer Bewegungen … das ist sehr
Page 250
interessant! Einer sagt sein letztes Wort, dreht sich in aller Ruhe um und
geht ganz langsam und sicher und ohne Verlegenheit zur Tür, obgleich er
weiß, daß die Augen des ganzen Theaters auf seinem Rücken liegen … wie
man das kann!… Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter
die Kulissen zu kommen – ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann
ich sagen. Stellt euch vor … in einem Operettentheater – es war in London
– ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bühne stand …
Ich unterhielt mich mit Miß Watercloose … einem Fräulein Watercloose …
ein sehr hübsches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der
Zuschauerraum … mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne
heruntergekommen bin!«
Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde;
aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er
sprach von englischen Kaffee-Konzertsängerinnen, er erzählte von einer
Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit einem langen
Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens »That's Maria«!
gesungen habe … »Maria, wißt ihr, Maria ist die Schändlichste von allen
… Wenn eine das Sündhafteste begangen hat: that's Maria! Maria ist die
A l l e r s c h l i m m s t e, wißt ihr … das Laster …« Und das letzte Wort
sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase krauste und die
rechte Hand mit gekrümmten Fingern erhob.
»Assez, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns durchaus
nicht.«
Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte
auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn, während seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein
tiefes, unruhiges Nachdenken über Maria und das Laster versunken.
Plötzlich sagte er: »Sonderbar … manchmal kann ich nicht schlucken!
Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt ein, daß
ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es wirklich nicht.
Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der Hals, die Muskeln …
es versagt ganz einfach … Es gehorcht dem Willen nicht, wißt ihr. Ja, die
Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich zu wollen.«
geht ganz langsam und sicher und ohne Verlegenheit zur Tür, obgleich er
weiß, daß die Augen des ganzen Theaters auf seinem Rücken liegen … wie
man das kann!… Früher habe ich mich fortwährend gesehnt, einmal hinter
die Kulissen zu kommen – ja, jetzt bin ich da ziemlich zu Hause, das kann
ich sagen. Stellt euch vor … in einem Operettentheater – es war in London
– ging eines Abends der Vorhang auf, als ich noch auf der Bühne stand …
Ich unterhielt mich mit Miß Watercloose … einem Fräulein Watercloose …
ein sehr hübsches Mädchen! Genug! plötzlich öffnet sich der
Zuschauerraum … mein Gott, ich weiß nicht, wie ich von der Bühne
heruntergekommen bin!«
Madame Grünlich lachte so ziemlich allein in der kleinen Tafelrunde;
aber Christian fuhr mit umherwandernden Augen zu sprechen fort. Er
sprach von englischen Kaffee-Konzertsängerinnen, er erzählte von einer
Dame, die mit einer gepuderten Perücke aufgetreten sei, mit einem langen
Stock auf die Erde gestoßen und ein Lied namens »That's Maria«!
gesungen habe … »Maria, wißt ihr, Maria ist die Schändlichste von allen
… Wenn eine das Sündhafteste begangen hat: that's Maria! Maria ist die
A l l e r s c h l i m m s t e, wißt ihr … das Laster …« Und das letzte Wort
sprach er mit abscheulichem Ausdruck, indem er die Nase krauste und die
rechte Hand mit gekrümmten Fingern erhob.
»Assez, Christian!« sagte die Konsulin. »Dies interessiert uns durchaus
nicht.«
Allein Christians Blick schweifte abwesend über sie hin, und er hätte
auch wohl ohne ihren Einwurf zu sprechen aufgehört, denn, während seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen rastlos wanderten, schien er in ein
tiefes, unruhiges Nachdenken über Maria und das Laster versunken.
Plötzlich sagte er: »Sonderbar … manchmal kann ich nicht schlucken!
Nein, da ist nichts zu lachen; ich finde es furchtbar ernst. Mir fällt ein, daß
ich vielleicht nicht schlucken kann, und dann kann ich es wirklich nicht.
Der Bissen sitzt schon ganz hinten, aber dies hier, der Hals, die Muskeln …
es versagt ganz einfach … Es gehorcht dem Willen nicht, wißt ihr. Ja, die
Sache ist: ich wage nicht einmal, es ordentlich zu wollen.«
Page 251
Tony rief ganz außer sich: »Christian! mein Gott, was für dummes
Zeug! Du wagst nicht, schlucken zu wollen … Nein, du machst dich ja
lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles …!«
Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven,
Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Klima
drüben hätte dich noch krank gemacht.« –
Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale
stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar
zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins Zimmer;
dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte durchaus nicht
spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die meisten Buddenbrooks,
begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten, vollführte
wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blickte entzückt nach oben und
griff mit beiden Händen machtvoll und sieghaft in die Tasten … Selbst
Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war täuschend, voll von Leidenschaft
und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die den burlesken
und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug und weit
entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berühren, denn er selbst
fühlte sich allzu wohl und sicher darin.
»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich sehe
es gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!… Ja,
es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!«
Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz
unvermittelt wurde er ernst: so überraschend, daß es aussah, als ob eine
Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand
durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb
dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen und einem
Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Geräusch.
… »Manchmal finde ich Christian ein bißchen sonderbar«, sagte
Madame Grünlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein
waren … »Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwürdig ins Detail,
dünkt mich … oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so
fremdartigen Seite an, wie?…«
Zeug! Du wagst nicht, schlucken zu wollen … Nein, du machst dich ja
lächerlich! Was erzählst du uns eigentlich alles …!«
Thomas schwieg. Die Konsulin aber sagte: »Das sind die Nerven,
Christian, ja, es war höchste Zeit, daß du nach Hause kamst; das Klima
drüben hätte dich noch krank gemacht.« –
Nach Tische setzte er sich an das kleine Harmonium, das im Eßsaale
stand, und machte einen Klaviervirtuosen. Er tat, als ob er sein Haar
zurückwürfe, rieb sich die Hände und blickte von unten herauf ins Zimmer;
dann, lautlos, ohne die Bälge zu treten, denn er konnte durchaus nicht
spielen und war überhaupt unmusikalisch wie die meisten Buddenbrooks,
begann er, emsig vornübergebeugt, den Baß zu bearbeiten, vollführte
wahnsinnige Passagen, warf sich zurück, blickte entzückt nach oben und
griff mit beiden Händen machtvoll und sieghaft in die Tasten … Selbst
Klara geriet ins Lachen. Sein Spiel war täuschend, voll von Leidenschaft
und Charlatanerie, voll von unwiderstehlicher Komik, die den burlesken
und exzentrischen englisch-amerikanischen Charakter trug und weit
entfernt war, einen Augenblick unangenehm zu berühren, denn er selbst
fühlte sich allzu wohl und sicher darin.
»Ich bin immer sehr häufig in Konzerte gegangen«, sagte er; »ich sehe
es gar zu gern, wie die Leute sich mit ihren Instrumenten benehmen!… Ja,
es ist wahrhaftig wunderschön, ein Künstler zu sein!«
Dann begann er von neuem. Plötzlich jedoch brach er ab. Ganz
unvermittelt wurde er ernst: so überraschend, daß es aussah, als ob eine
Maske von seinem Gesicht hinunterfiel; er stand auf, strich mit der Hand
durch sein spärliches Haar, begab sich an einen anderen Platz und blieb
dort, schweigsam, übellaunig, mit unruhigen Augen und einem
Gesichtsausdruck, als horche er auf irgendein unheimliches Geräusch.
… »Manchmal finde ich Christian ein bißchen sonderbar«, sagte
Madame Grünlich eines Abends zu ihrem Bruder Thomas, als sie allein
waren … »Wie spricht er eigentlich? Er geht so merkwürdig ins Detail,
dünkt mich … oder wie soll ich sagen! Er sieht die Dinge von einer so
fremdartigen Seite an, wie?…«
Page 252
»Ja«, sagte Tom, »ich verstehe recht wohl, was du meinst, Tony.
Christian ist herzlich indiskret … es ist schwer, es auszudrücken. Ihm fehlt
etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht nennen
kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten anderer Leute
gegenüber die Fassung zu bewahren … Er ist dem nicht gewachsen, er
versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar die Contenance …
Aber andererseits kann er auch in d e r Weise die Contenance verlieren, daß
er selbst in das unangenehmste Ausplaudern gerät und sein Intimstes nach
außen kehrt. Das mutet manchmal geradezu unheimlich an. Ist es nicht, wie
wenn einer im Fieber spricht? Dem Phantasierenden fehlt in ganz derselben
Weise die Haltung und die Rücksicht … Ach, die Sache ist ganz einfach
die, daß Christian sich zu viel mit sich selbst beschäftigt, mit den
Vorgängen in seinem eignen Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre
Manie, die kleinsten und tiefsten dieser Vorgänge ans Licht zu ziehen und
auszusprechen … Vorgänge, um die ein verständiger Mensch sich gar nicht
bekümmert, von denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil er sich genieren würde, sie mitzuteilen. Es liegt so
viel Schamlosigkeit in solcher Mitteilerei, Tony!… Siehst du: auch ein
anderer Mensch als Christian mag sagen, daß er das Theater liebt; aber er
wird es mit einem anderen Akzent, beiläufiger, kurz: bescheidener sagen.
Christian aber sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine
Schwärmerei für die Bühne nicht etwas ungeheuer Merkwürdiges und
Interessantes? Er kämpft mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach,
etwas ausbündig Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu
bringen …«
»Ich will dir eines sagen«, fuhr er nach einer Pause fort, indem er seine
Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertür in den Ofen warf … »Ich
selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige
Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher ebenfalls
dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren, untüchtig und
haltlos macht … und die Haltung, das Gleichgewicht ist für mich
meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die zu diesem
Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer
Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben mit
Sicherheit und Schönheit auszusprechen vermögen und damit die
Gefühlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind bloß einfache
Christian ist herzlich indiskret … es ist schwer, es auszudrücken. Ihm fehlt
etwas, was man das Gleichgewicht, das persönliche Gleichgewicht nennen
kann. Einerseits ist er nicht imstande, taktlosen Naivitäten anderer Leute
gegenüber die Fassung zu bewahren … Er ist dem nicht gewachsen, er
versteht nicht, es zu vertuschen, er verliert ganz und gar die Contenance …
Aber andererseits kann er auch in d e r Weise die Contenance verlieren, daß
er selbst in das unangenehmste Ausplaudern gerät und sein Intimstes nach
außen kehrt. Das mutet manchmal geradezu unheimlich an. Ist es nicht, wie
wenn einer im Fieber spricht? Dem Phantasierenden fehlt in ganz derselben
Weise die Haltung und die Rücksicht … Ach, die Sache ist ganz einfach
die, daß Christian sich zu viel mit sich selbst beschäftigt, mit den
Vorgängen in seinem eignen Inneren. Manchmal ergreift ihn eine wahre
Manie, die kleinsten und tiefsten dieser Vorgänge ans Licht zu ziehen und
auszusprechen … Vorgänge, um die ein verständiger Mensch sich gar nicht
bekümmert, von denen er gar nichts wissen will, und zwar aus dem
einfachen Grunde, weil er sich genieren würde, sie mitzuteilen. Es liegt so
viel Schamlosigkeit in solcher Mitteilerei, Tony!… Siehst du: auch ein
anderer Mensch als Christian mag sagen, daß er das Theater liebt; aber er
wird es mit einem anderen Akzent, beiläufiger, kurz: bescheidener sagen.
Christian aber sagt es mit einer Betonung, die bedeutet: Ist meine
Schwärmerei für die Bühne nicht etwas ungeheuer Merkwürdiges und
Interessantes? Er kämpft mit den Worten dabei, er tut, als ringe er danach,
etwas ausbündig Feines, Verborgenes und Seltsames zum Ausdruck zu
bringen …«
»Ich will dir eines sagen«, fuhr er nach einer Pause fort, indem er seine
Zigarette durch die schmiedeeiserne Gittertür in den Ofen warf … »Ich
selbst habe manchmal über diese ängstliche, eitle und neugierige
Beschäftigung mit sich selbst nachgedacht, denn ich habe früher ebenfalls
dazu geneigt. Aber ich habe gemerkt, daß sie zerfahren, untüchtig und
haltlos macht … und die Haltung, das Gleichgewicht ist für mich
meinerseits die Hauptsache. Es wird immer Menschen geben, die zu diesem
Interesse an sich selbst, diesem eingehenden Beobachten ihrer
Empfindungen berechtigt sind, Dichter, die ihr bevorzugtes Innenleben mit
Sicherheit und Schönheit auszusprechen vermögen und damit die
Gefühlswelt der anderen Leute bereichern. Aber wir sind bloß einfache
Page 253
Kaufleute, mein Kind; unsere Selbstbeobachtungen sind verzweifelt
unbeträchtlich. Wir können zur Not hervorbringen, daß das Stimmen von
Orchesterinstrumenten uns ein merkwürdiges Vergnügen macht, und daß
wir manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen … Ach, wir sollen uns
hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas
geleistet haben …«
»Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese
Hagenströms sich immer mehr aufnehmen … O Gott, das G e s c h m e i ß,
weißt du … Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig richtige.
Glauben sie vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen Familien mehr
gibt in der Stadt? Ha! ich muß lachen, weißt du, ich muß laut lachen …!«
Drittes Kapitel
Der Chef der Firma »Johann Buddenbrook« hatte seinen Bruder bei
dessen Ankunft mit einem längeren, prüfenden Blick gemessen, er hatte
ihm während der ersten Tage eine ganz unauffällige und beiläufige
Beobachtung zugewandt, und dann, ohne daß ein Urteil auf seinem ruhigen
und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wäre, schien seine Neugier
befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im
Familienkreise mit gleichgültigem Tone über gleichgültige Dinge und
amüsierte sich wie die übrigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung
gab …
Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: »Wir werden also zusammen
arbeiten, mein Junge?… Soviel ich weiß, bist du mit Mamas Wunsch im
Einverständnis, nicht wahr?… Na, wie du weißt, ist Marcus mein
Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten
Vermögen entspricht. Ich denke mir, daß du äußerlich, als mein Bruder,
ungefähr seinen früheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung
… wenigstens repräsentativ … Was deine Beschäftigung betrifft, so weiß
ich ja nicht, wie weit deine kaufmännischen Kenntnisse vorgeschritten sind.
Ich denke mir, daß du bislang ein bißchen gebummelt hast, wie?…
Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am
meisten zusagen … Dann aber muß ich dich um eines bitten, mein Lieber!
unbeträchtlich. Wir können zur Not hervorbringen, daß das Stimmen von
Orchesterinstrumenten uns ein merkwürdiges Vergnügen macht, und daß
wir manchmal nicht wagen, schlucken zu wollen … Ach, wir sollen uns
hinsetzen, zum Teufel, und etwas leisten, wie unsere Vorfahren etwas
geleistet haben …«
»Ja, Tom, du sprichst meine Ansicht aus. Wenn ich bedenke, daß diese
Hagenströms sich immer mehr aufnehmen … O Gott, das G e s c h m e i ß,
weißt du … Mutter will das Wort nicht hören, aber es ist das einzig richtige.
Glauben sie vielleicht, daß es außer ihnen keine vornehmen Familien mehr
gibt in der Stadt? Ha! ich muß lachen, weißt du, ich muß laut lachen …!«
Drittes Kapitel
Der Chef der Firma »Johann Buddenbrook« hatte seinen Bruder bei
dessen Ankunft mit einem längeren, prüfenden Blick gemessen, er hatte
ihm während der ersten Tage eine ganz unauffällige und beiläufige
Beobachtung zugewandt, und dann, ohne daß ein Urteil auf seinem ruhigen
und diskreten Gesicht zu lesen gewesen wäre, schien seine Neugier
befriedigt, seine Meinung abgeschlossen zu sein. Er sprach mit ihm im
Familienkreise mit gleichgültigem Tone über gleichgültige Dinge und
amüsierte sich wie die übrigen, wenn Christian irgendeine Vorstellung
gab …
Nach acht Tagen etwa sagte er zu ihm: »Wir werden also zusammen
arbeiten, mein Junge?… Soviel ich weiß, bist du mit Mamas Wunsch im
Einverständnis, nicht wahr?… Na, wie du weißt, ist Marcus mein
Kompagnon geworden, gegen die Quote, die seinem eingezahlten
Vermögen entspricht. Ich denke mir, daß du äußerlich, als mein Bruder,
ungefähr seinen früheren Platz einnehmen wirst, eine Prokuristenstellung
… wenigstens repräsentativ … Was deine Beschäftigung betrifft, so weiß
ich ja nicht, wie weit deine kaufmännischen Kenntnisse vorgeschritten sind.
Ich denke mir, daß du bislang ein bißchen gebummelt hast, wie?…
Jedenfalls wird dir in der Hauptsache die englische Korrespondenz am
meisten zusagen … Dann aber muß ich dich um eines bitten, mein Lieber!
Page 254
In deiner Eigenschaft als Bruder des Chefs nimmst du natürlich tatsächlich
unter den übrigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein … aber ich
brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, daß du ihnen viel mehr durch
Gleichstellung und energische Pflichterfüllung imponierst, als indem du
von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst. Also die
Kontorstunden innehalten und immer die dehors wahren, wie?…«
Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den
Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen
und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen
Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen.
Am folgenden Tage führte Thomas ihn in die Kontors ein, und
Christians Tätigkeit im Dienste der alten Firma begann …
Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren
ununterbrochenen und soliden Gang genommen. Aber bald wurde
bemerkbar, daß, seitdem Thomas Buddenbrook die Zügel in Händen hielt,
ein genialerer, ein frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb
beherrschte. Hie und da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des
Hauses, der unter dem früheren régime eigentlich bloß ein Begriff, eine
Theorie, ein Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein angespannt und
ausgenützt … Die Herren an der Börse nickten einander zu. »Buddenbrook
will mit avec Geld verdienen«, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz
gut, daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine
Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus' Einfluß
bildete das retardierende Moment im Gang der Geschäfte. Er strich mit
zwei Fingern sorgsam über seinen Schnurrbart, rückte mit peinlicher
Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser zurecht, das
stets auf seinem Pulte stand, prüfte eine Sache mit abwesendem
Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte übrigens die Gewohnheit,
fünf- oder sechsmal während der Kontorzeit hinaus auf den Hof und in die
Waschküche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den Strahl der
Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen.
»Die beiden ergänzen sich«, sagten die Chefs der größeren Häuser
zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter
Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Bürgersfamilien
unter den übrigen Angestellten eine bevorzugte Stellung ein … aber ich
brauche dir nicht zu sagen, nicht wahr, daß du ihnen viel mehr durch
Gleichstellung und energische Pflichterfüllung imponierst, als indem du
von Vorrechten Gebrauch machst und dir Freiheiten nimmst. Also die
Kontorstunden innehalten und immer die dehors wahren, wie?…«
Und dann machte er ihm einen Vorschlag in betreff der Prokura, den
Christian ohne Besinnen und Handeln akzeptierte: mit einem verlegenen
und zerstreuten Gesicht, das von sehr wenig Habsucht und einem eifrigen
Bestreben zeugte, die Sache rasch zu erledigen.
Am folgenden Tage führte Thomas ihn in die Kontors ein, und
Christians Tätigkeit im Dienste der alten Firma begann …
Die Geschäfte hatten nach dem Tode des Konsuls ihren
ununterbrochenen und soliden Gang genommen. Aber bald wurde
bemerkbar, daß, seitdem Thomas Buddenbrook die Zügel in Händen hielt,
ein genialerer, ein frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb
beherrschte. Hie und da ward etwas gewagt, hie und da ward der Kredit des
Hauses, der unter dem früheren régime eigentlich bloß ein Begriff, eine
Theorie, ein Luxus gewesen war, mit Selbstbewußtsein angespannt und
ausgenützt … Die Herren an der Börse nickten einander zu. »Buddenbrook
will mit avec Geld verdienen«, sagten sie. Aber sie fanden es doch ganz
gut, daß Thomas den ehrenfesten Herrn Friedrich Wilhelm Marcus wie eine
Bleikugel am Fuße hinter sich drein zu ziehen hatte. Herrn Marcus' Einfluß
bildete das retardierende Moment im Gang der Geschäfte. Er strich mit
zwei Fingern sorgsam über seinen Schnurrbart, rückte mit peinlicher
Ordnungsliebe seine Schreibutensilien und das Glas Wasser zurecht, das
stets auf seinem Pulte stand, prüfte eine Sache mit abwesendem
Gesichtsausdruck von mehreren Seiten und hatte übrigens die Gewohnheit,
fünf- oder sechsmal während der Kontorzeit hinaus auf den Hof und in die
Waschküche zu gehen, um seinen ganzen Kopf unter den Strahl der
Wasserleitung zu halten und sich so zu erfrischen.
»Die beiden ergänzen sich«, sagten die Chefs der größeren Häuser
zueinander: Konsul Huneus vielleicht zu Konsul Kistenmaker; und unter
Schiffsleuten und Speichereiarbeitern wie in den kleinen Bürgersfamilien
Page 255
wiederholte man sich dieses Urteil, denn die Stadt nahm Anteil daran, wie
der junge Buddenbrook »de Saak woll befingern« werde … Auch Herr
Stuht in der Glockengießerstraße sagte zu seiner Frau, welche in den ersten
Kreisen verkehrte: »Die beiden ergänzen sich ganz gaut, will 'k di man
vertellen!«
Die »Persönlichkeit« im Geschäfte aber, darüber bestand kein Zweifel,
war dennoch der jüngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon
darin, daß er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den
Kapitänen, den Geschäftsführern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten
und den Lagerarbeitern zu verkehren wußte. Er verstand es, mit
Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer
Entfernung zu halten … Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen
Arbeitsmann: »Verstahn Sie mich?« sagte, so klang dies so völlig
unmöglich, daß sein Sozius, ihm gegenüber am Pulte, einfach anfing zu
lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit überließ.
Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den
Glanz zu wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte
es überhaupt, im täglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen,
denn er wußte wohl, daß er seinem sicheren und eleganten Auftreten, seiner
gewinnenden Liebenswürdigkeit, seinem gewandten Takt im Gespräche
manch gutes Geschäft verdankte.
»Ein Geschäftsmann darf kein Bürokrat sein!« sagte er zu Stephan
Kistenmaker – von »Kistenmaker & Söhne« – seinem ehemaligen
Schulkameraden, dessen geistig überlegener Freund er geblieben war, und
der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung
weiterzugeben … »Es gehört Persönlichkeit dazu, das ist m e i n
Geschmack. Ich glaube nicht, daß ein großer Erfolg vom Kontorbock aus zu
erkämpfen ist … wenigstens würde er mir nicht viel Freude machen. Der
Erfolg will nicht bloß am Pulte berechnet sein … Ich habe stets das
Bedürfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwärtig mit Blick, Mund und
Geste zu dirigieren … ihn mit dem unmittelbaren Einfluß meines Willens,
meines Talentes, meines Glückes, wie du es nennen willst, zu beherrschen.
Aber das kommt leider allmählich aus der Mode, dies persönliche
Eingreifen des Kaufmannes … Die Zeit schreitet fort, aber sie läßt, wie
mich dünkt, das Beste zurück … Der Verkehr erleichtert sich immer mehr,
der junge Buddenbrook »de Saak woll befingern« werde … Auch Herr
Stuht in der Glockengießerstraße sagte zu seiner Frau, welche in den ersten
Kreisen verkehrte: »Die beiden ergänzen sich ganz gaut, will 'k di man
vertellen!«
Die »Persönlichkeit« im Geschäfte aber, darüber bestand kein Zweifel,
war dennoch der jüngere der beiden Kompagnons. Das zeigte sich schon
darin, daß er es war, der mit den Bediensteten des Hauses, mit den
Kapitänen, den Geschäftsführern in den Speicherkontors, den Fuhrleuten
und den Lagerarbeitern zu verkehren wußte. Er verstand es, mit
Ungezwungenheit ihre Sprache zu reden und sich dennoch in unnahbarer
Entfernung zu halten … Wenn aber Herr Marcus zu einem biederen
Arbeitsmann: »Verstahn Sie mich?« sagte, so klang dies so völlig
unmöglich, daß sein Sozius, ihm gegenüber am Pulte, einfach anfing zu
lachen, auf welches Zeichen das ganze Kontor sich der Heiterkeit überließ.
Thomas Buddenbrook, ganz voll von dem Wunsche, der Firma den
Glanz zu wahren und zu mehren, der ihrem alten Namen entsprach, liebte
es überhaupt, im täglichen Kampf um den Erfolg seine Person einzusetzen,
denn er wußte wohl, daß er seinem sicheren und eleganten Auftreten, seiner
gewinnenden Liebenswürdigkeit, seinem gewandten Takt im Gespräche
manch gutes Geschäft verdankte.
»Ein Geschäftsmann darf kein Bürokrat sein!« sagte er zu Stephan
Kistenmaker – von »Kistenmaker & Söhne« – seinem ehemaligen
Schulkameraden, dessen geistig überlegener Freund er geblieben war, und
der auf jedes seiner Worte horchte, um es dann als seine eigene Meinung
weiterzugeben … »Es gehört Persönlichkeit dazu, das ist m e i n
Geschmack. Ich glaube nicht, daß ein großer Erfolg vom Kontorbock aus zu
erkämpfen ist … wenigstens würde er mir nicht viel Freude machen. Der
Erfolg will nicht bloß am Pulte berechnet sein … Ich habe stets das
Bedürfnis, den Gang der Dinge ganz gegenwärtig mit Blick, Mund und
Geste zu dirigieren … ihn mit dem unmittelbaren Einfluß meines Willens,
meines Talentes, meines Glückes, wie du es nennen willst, zu beherrschen.
Aber das kommt leider allmählich aus der Mode, dies persönliche
Eingreifen des Kaufmannes … Die Zeit schreitet fort, aber sie läßt, wie
mich dünkt, das Beste zurück … Der Verkehr erleichtert sich immer mehr,
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die Kurse sind immer schneller bekannt … Das Risiko verringert sich und
mit ihm auch der Profit … Ja, die alten Leute hatten es anders. Mein
Großvater zum Beispiel … er kutschierte vierspännig nach Süddeutschland,
der alte Herr mit seinem Puderkopf und seinen Eskarpins, als preußischer
Heereslieferant. Und dann scharmierte er umher und ließ seine Künste
spielen und machte ein unglaubliches Geld, Kistenmaker! – Ach, ich
fürchte beinahe, daß der Kaufmann eine immer banalere Existenz wird, mit
der Zeit …«
So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten
Geschäfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange
vielleicht, in eine Mühle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt fühlte,
plauderte und leichthin, en passant, in guter Laune, einen guten Kontrakt
mit ihm abschloß … Dergleichen lag seinem Sozius fern.
… Was Christian betraf, so schien er sich zunächst mit wirklichem Eifer
und Vergnügen seiner Tätigkeit zu widmen; ja, er schien sich ausnehmend
wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte während mehrerer Tage
eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu rauchen und seine
Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben, die seiner
behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefähr
gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus
und seinem Bruder schräg gegenüber in seinem verstellbaren Armsessel
Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunächst las er
die »Anzeigen«, wobei er in Gemütlichkeit seine Morgenzigarette zu Ende
rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen alten
Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu verschaffen,
sagte »Na!« und ging, während er die Zunge zwischen den Zähnen
umherwandern ließ, guten Mutes zur Arbeit über. Seine englischen Briefe
waren ganz außerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das
Englische sprach, schlechthin, ungewählt, gleichgültig und mühelos
dahinplätschernd, so schrieb er es auch.
Seiner Art gemäß verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die
ihn erfüllte.
»Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender
Beruf!« sagte er. »Solide, genügsam, emsig, behaglich … ich bin
mit ihm auch der Profit … Ja, die alten Leute hatten es anders. Mein
Großvater zum Beispiel … er kutschierte vierspännig nach Süddeutschland,
der alte Herr mit seinem Puderkopf und seinen Eskarpins, als preußischer
Heereslieferant. Und dann scharmierte er umher und ließ seine Künste
spielen und machte ein unglaubliches Geld, Kistenmaker! – Ach, ich
fürchte beinahe, daß der Kaufmann eine immer banalere Existenz wird, mit
der Zeit …«
So klagte er manchmal, und darum waren es im Grunde seine liebsten
Geschäfte, wenn er ganz gelegentlich, auf einem Familienspaziergange
vielleicht, in eine Mühle eintrat, mit dem Besitzer, der sich geehrt fühlte,
plauderte und leichthin, en passant, in guter Laune, einen guten Kontrakt
mit ihm abschloß … Dergleichen lag seinem Sozius fern.
… Was Christian betraf, so schien er sich zunächst mit wirklichem Eifer
und Vergnügen seiner Tätigkeit zu widmen; ja, er schien sich ausnehmend
wohl und zufrieden darin zu befinden und hatte während mehrerer Tage
eine Art, mit Appetit zu essen, seine kurze Pfeife zu rauchen und seine
Schultern in dem englischen Jackett zurechtzuschieben, die seiner
behaglichen Genugtuung Ausdruck gab. Er ging morgens ungefähr
gleichzeitig mit Thomas ins Kontor hinunter und nahm neben Herrn Marcus
und seinem Bruder schräg gegenüber in seinem verstellbaren Armsessel
Platz, denn er hatte wie die beiden Chefs einen Armsessel. Zunächst las er
die »Anzeigen«, wobei er in Gemütlichkeit seine Morgenzigarette zu Ende
rauchte. Dann holte er sich aus dem unteren Pultschranke einen alten
Kognak, streckte die Arme aus, um sich Bewegungsfreiheit zu verschaffen,
sagte »Na!« und ging, während er die Zunge zwischen den Zähnen
umherwandern ließ, guten Mutes zur Arbeit über. Seine englischen Briefe
waren ganz außerordentlich gewandt und wirksam, denn wie er das
Englische sprach, schlechthin, ungewählt, gleichgültig und mühelos
dahinplätschernd, so schrieb er es auch.
Seiner Art gemäß verlieh er im Familienkreise der Stimmung Worte, die
ihn erfüllte.
»Der Kaufmannsstand ist doch ein schöner, wirklich beglückender
Beruf!« sagte er. »Solide, genügsam, emsig, behaglich … ich bin
Page 257
wahrhaftig ganz dafür geboren! Und so als Angehöriger des Hauses, wißt
ihr … kurz, ich fühle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins
Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und
wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein
bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man ißt mit seiner Familie, ruht sich
aus, und dann geht's wieder an die Arbeit … Man schreibt, man hat gutes,
glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder … Lineal, Papiermesser,
Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich … und damit erledigt man alles,
emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis man schließlich
zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man zum Abendbrot
hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden … jedes Glied fühlt
sich zufrieden … die Hände fühlen sich zufrieden …!«
»Gott, Christian!« rief Tony. »Du machst dich ja lächerlich! Die Hände
fühlen sich zufrieden …«
»Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine …« Und ereiferte sich
in dem Bestreben, dies auszudrücken, dies zu erklären … »Man schließt die
Faust, weißt du … sie ist nicht besonders kräftig, denn man ist müde von
der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht … sie ärgert einen nicht … Sie fühlt
sich selbst gut und behaglich an … Es ist ein Gefühl von
Selbstgenügsamkeit … Man kann ganz stillsitzen, ohne sich zu
langweilen …«
Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgültig, um seinen
Widerwillen zu verbergen: »Mir scheint, daß man nicht arbeitet, damit …«
Aber er brach ab, er wiederholte nichts. »Ich wenigstens habe andere Ziele
dabei vor Augen«, fügte er hinzu.
Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er
befand sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus
Valparaiso zu erzählen, eine Mord- und Totschlagaffäre, bei der er
persönlich zugegen gewesen war … »Aber da reißt der Kerl das Messer
heraus – –« Aus irgendwelchen Gründen wurden solche Erzählungen, an
denen Christian reich war, und über die Madame Grünlich sich köstlich
amüsierte, während die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und
Mamsell Jungmann nebst Erika mit offenem Munde zuhörten, von Thomas
stets ohne Beifall aufgenommen. Er pflegte sie mit kühlen und spöttischen
ihr … kurz, ich fühle mich so wohl wie nie. Man kommt morgens frisch ins
Kontor, man sieht die Zeitung durch, raucht, denkt an dies und jenes und
wie gut man es hat, nimmt seinen Kognak und arbeitet mal eben ein
bißchen. Es kommt die Mittagszeit, man ißt mit seiner Familie, ruht sich
aus, und dann geht's wieder an die Arbeit … Man schreibt, man hat gutes,
glattes, reinliches Firmenpapier, eine gute Feder … Lineal, Papiermesser,
Stempel, alles ist prima Sorte, ordentlich … und damit erledigt man alles,
emsig, nach der Reihe, eins nach dem anderen, bis man schließlich
zusammenpackt. Morgen ist wieder ein Tag. Und wenn man zum Abendbrot
hinaufgeht, fühlt man sich so durchdringend zufrieden … jedes Glied fühlt
sich zufrieden … die Hände fühlen sich zufrieden …!«
»Gott, Christian!« rief Tony. »Du machst dich ja lächerlich! Die Hände
fühlen sich zufrieden …«
»Doch! Ja! Das kennst du also nicht? Ich meine …« Und ereiferte sich
in dem Bestreben, dies auszudrücken, dies zu erklären … »Man schließt die
Faust, weißt du … sie ist nicht besonders kräftig, denn man ist müde von
der Arbeit. Aber sie ist nicht feucht … sie ärgert einen nicht … Sie fühlt
sich selbst gut und behaglich an … Es ist ein Gefühl von
Selbstgenügsamkeit … Man kann ganz stillsitzen, ohne sich zu
langweilen …«
Alle schwiegen. Dann sagte Thomas ganz gleichgültig, um seinen
Widerwillen zu verbergen: »Mir scheint, daß man nicht arbeitet, damit …«
Aber er brach ab, er wiederholte nichts. »Ich wenigstens habe andere Ziele
dabei vor Augen«, fügte er hinzu.
Christian jedoch, dessen Augen wanderten, überhörte dies, denn er
befand sich in Gedanken, und alsbald begann er eine Geschichte aus
Valparaiso zu erzählen, eine Mord- und Totschlagaffäre, bei der er
persönlich zugegen gewesen war … »Aber da reißt der Kerl das Messer
heraus – –« Aus irgendwelchen Gründen wurden solche Erzählungen, an
denen Christian reich war, und über die Madame Grünlich sich köstlich
amüsierte, während die Konsulin, Klara und Klothilde sich entsetzten und
Mamsell Jungmann nebst Erika mit offenem Munde zuhörten, von Thomas
stets ohne Beifall aufgenommen. Er pflegte sie mit kühlen und spöttischen
Page 258
Bemerkungen zu begleiten und sich den deutlichen Anschein zu geben, als
glaube er, daß Christian übertreibe und blagiere … was sicherlich nicht der
Fall war; aber er erzählte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht
gern, daß sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr
gesehen habe als er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der
Unordnung und der exotischen Gewalttätigkeit in diesen Messer- und
Revolvergeschichten?… Feststeht, daß Christian sich durchaus nicht um die
Ablehnung seiner Erzählungen von seiten seines Bruders bekümmerte; er
selbst war allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als
daß er auf Erfolg oder Mißerfolg bei anderen geachtet hätte, und wenn er
geendet hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um.
Wenn überhaupt das Verhältnis der beiden Buddenbrooks zueinander
mit der Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht
derjenige, der es sich beifallen ließ, irgendwelche Gehässigkeit gegen
seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein Urteil,
eine Abschätzung desselben anzumaßen. Er ließ mit stillschweigender
Selbstverständlichkeit keinen Zweifel darüber, daß er die Überlegenheit,
den größeren Ernst, die größere Fähigkeit, Tüchtigkeit und Respektabilität
des Älteren anerkannte. Aber gerade diese unbegrenzte, gleichgültige und
kampflose Unterordnung reizte Thomas, denn Christian ging bei jeder
Gelegenheit leichten Herzens so weit darin, daß es den Anschein gewann,
als lege er überhaupt gar keinen Wert auf Überlegenheit, Tüchtigkeit,
Respektabilität und Ernst.
Er schien es durchaus nicht zu bemerken, daß der Firmenchef ihm mehr
und mehr mit stillem Unwillen entgegenkam … wozu derselbe Gründe
hatte, denn leider begann Christians geschäftlicher Eifer bereits nach der
ersten Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu
verringern. Dies äußerte sich zuerst darin, daß die Vorbereitungen zur
Arbeit, die anfangs wie eine künstlich und raffiniert verlängerte Vorfreude
ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frühstückszigarettenrauchen und
Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schließlich
über den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz von
selbst, daß Christian sich über den Zwang der Kontorstunden
hinwegzusetzen begann, daß er des Morgens immer später mit seiner
Frühstückszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen, daß
glaube er, daß Christian übertreibe und blagiere … was sicherlich nicht der
Fall war; aber er erzählte mit Verve und Farbe. Erfuhr Thomas es nicht
gern, daß sein jüngerer Bruder weiter herumgekommen sei und mehr
gesehen habe als er? Oder empfand er mit Widerwillen ein Lob der
Unordnung und der exotischen Gewalttätigkeit in diesen Messer- und
Revolvergeschichten?… Feststeht, daß Christian sich durchaus nicht um die
Ablehnung seiner Erzählungen von seiten seines Bruders bekümmerte; er
selbst war allzusehr in Anspruch genommen von seinen Schilderungen, als
daß er auf Erfolg oder Mißerfolg bei anderen geachtet hätte, und wenn er
geendet hatte, so blickte er nachdenklich und abwesend im Zimmer um.
Wenn überhaupt das Verhältnis der beiden Buddenbrooks zueinander
mit der Zeit sich nicht zum Guten gestaltete, so war Christian dabei nicht
derjenige, der es sich beifallen ließ, irgendwelche Gehässigkeit gegen
seinen Bruder zu zeigen oder zu hegen, sich irgendeine Meinung, ein Urteil,
eine Abschätzung desselben anzumaßen. Er ließ mit stillschweigender
Selbstverständlichkeit keinen Zweifel darüber, daß er die Überlegenheit,
den größeren Ernst, die größere Fähigkeit, Tüchtigkeit und Respektabilität
des Älteren anerkannte. Aber gerade diese unbegrenzte, gleichgültige und
kampflose Unterordnung reizte Thomas, denn Christian ging bei jeder
Gelegenheit leichten Herzens so weit darin, daß es den Anschein gewann,
als lege er überhaupt gar keinen Wert auf Überlegenheit, Tüchtigkeit,
Respektabilität und Ernst.
Er schien es durchaus nicht zu bemerken, daß der Firmenchef ihm mehr
und mehr mit stillem Unwillen entgegenkam … wozu derselbe Gründe
hatte, denn leider begann Christians geschäftlicher Eifer bereits nach der
ersten Woche, mehr noch jedoch nach der zweiten, sich erheblich zu
verringern. Dies äußerte sich zuerst darin, daß die Vorbereitungen zur
Arbeit, die anfangs wie eine künstlich und raffiniert verlängerte Vorfreude
ausgesehen hatten: das Zeitunglesen, Frühstückszigarettenrauchen und
Kognaktrinken immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und sich schließlich
über den ganzen Vormittag erstreckten. Dann aber machte es sich ganz von
selbst, daß Christian sich über den Zwang der Kontorstunden
hinwegzusetzen begann, daß er des Morgens immer später mit seiner
Frühstückszigarette erschien, um Vorbereitungen zur Arbeit zu treffen, daß
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er mittags zum Essen in den Klub ging und zu spät, zuweilen erst abends,
zuweilen auch gar nicht zurückkehrte …
Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten,
besaß im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable
Lokalitäten, woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen
und oft nicht ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab
eine Roulette. Auch einige ein wenig flatterhafte Familienväter, wie Konsul
Kröger und selbstverständlicherweise Peter Döhlmann, waren Mitglieder,
und der Polizeisenator Cremer war hier »der erste Mann an der Spritze«. So
drückte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors, sich
aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als Rechtsanwalt
niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er für einen ziemlich wüsten
Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in erneuerter Freundschaft
anschloß.
Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde,
Krischan, der aus früherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder
befreundet war – denn die meisten waren Schüler des seligen Marcellus
Stengel –, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder
Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfähigkeiten für groß hielten, so
kannte man doch seine amüsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat
gab er hier seine besten Vorstellungen, erzählte er hier seine besten
Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte
englische und transatlantische Schauspieler und Opernsänger nach, er gab
in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffären aus
verschiedenen Gegenden zum besten – denn kein Zweifel: Christian
Buddenbrook war ein »Suitier« –, er berichtete Abenteuer, die er auf
Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald erlebt
hatte … Er erzählte bezwingend, hinreißend, in mühelosem Fluß, mit leicht
klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos wie ein
englischer Humorist. Er erzählte die Geschichte eines Hundes, der in einer
Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt worden und
obendrein räudig war. Gott weiß, worin eigentlich die Pointe der Anekdote
bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik. Und wenn
dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte, so saß er selbst,
mit seiner großen, gebogenen Nase, seinem dünnen, zu langen Halse und
seinem rötlichblonden, schon spärlichen Haar und ließ, einen unruhigen und
zuweilen auch gar nicht zurückkehrte …
Dieser Klub, dem vorwiegend unverheiratete Kaufleute angehörten,
besaß im ersten Stock eines Weinrestaurants ein paar komfortable
Lokalitäten, woselbst man seine Mahlzeiten nahm und sich zu zwanglosen
und oft nicht ganz harmlosen Unterhaltungen zusammenfand: denn es gab
eine Roulette. Auch einige ein wenig flatterhafte Familienväter, wie Konsul
Kröger und selbstverständlicherweise Peter Döhlmann, waren Mitglieder,
und der Polizeisenator Cremer war hier »der erste Mann an der Spritze«. So
drückte Doktor Gieseke, Andreas Gieseke, Sohn des Branddirektors, sich
aus, Christians alter Schulkamerad, der in der Stadt sich als Rechtsanwalt
niedergelassen hatte, und dem sich, trotzdem er für einen ziemlich wüsten
Suitier galt, der junge Buddenbrook alsbald in erneuerter Freundschaft
anschloß.
Christian oder, wie er schlecht und recht meistens genannt wurde,
Krischan, der aus früherer Zeit mit allen mehr oder weniger bekannt oder
befreundet war – denn die meisten waren Schüler des seligen Marcellus
Stengel –, ward hier mit offenen Armen empfangen, denn wenn auch weder
Kaufleute noch Gelehrte seine Geistesfähigkeiten für groß hielten, so
kannte man doch seine amüsante, gesellschaftliche Begabung. In der Tat
gab er hier seine besten Vorstellungen, erzählte er hier seine besten
Geschichten. Er machte am Klubklavier einen Virtuosen, er ahmte
englische und transatlantische Schauspieler und Opernsänger nach, er gab
in der harmlosesten und unterhaltendsten Art Weiberaffären aus
verschiedenen Gegenden zum besten – denn kein Zweifel: Christian
Buddenbrook war ein »Suitier« –, er berichtete Abenteuer, die er auf
Schiffen, auf Eisenbahnen, in St. Pauli, in Whitechapel, im Urwald erlebt
hatte … Er erzählte bezwingend, hinreißend, in mühelosem Fluß, mit leicht
klagender und schleppender Aussprache, burlesk und harmlos wie ein
englischer Humorist. Er erzählte die Geschichte eines Hundes, der in einer
Schachtel von Valparaiso nach San Franzisko geschickt worden und
obendrein räudig war. Gott weiß, worin eigentlich die Pointe der Anekdote
bestand; aber in seinem Munde war sie von ungeheurer Komik. Und wenn
dann ringsumher sich niemand vor Lachen zu lassen wußte, so saß er selbst,
mit seiner großen, gebogenen Nase, seinem dünnen, zu langen Halse und
seinem rötlichblonden, schon spärlichen Haar und ließ, einen unruhigen und
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unerklärlichen Ernst auf dem Gesichte, eins seiner mageren, nach außen
gekrümmten Beine über das andere geschlagen, seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen … Beinahe schien es,
als lache man auf seine Kosten, als lache man über ihn … Aber daran
dachte er nicht.
Zu Hause erzählte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in
Valparaiso, von der unmäßigen Temperatur, die dort geherrscht, und von
einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem
Bummelanten, einem unglaublichen Kerl, den er, »Gott verdamm' mich,
niemals hatte arbeiten sehen«, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann
gewesen sei … »Du lieber Gott!« sagte er. »Bei der Hitze! Na, der Chef
kommt ins Kontor … wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und
rauchen Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber
Gott! ›Nun‹, sagt der Chef, ›Sie arbeiten nicht, meine Herren?!‹ … ›No,
Sir!‹ sagt Johnny Thunderstorm. ›Wie Sie sehen, Sir!‹ Und dabei blasen wir
ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!«
»Warum sagst du eigentlich fortwährend ›Du lieber Gott‹?« fragte
Thomas gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte,
daß Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil
sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu
sprechen.
Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem über.
Es gibt viele häßliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin
Buddenbrook, geborene Kröger. Auch Brüder können sich hassen und
verachten; das kommt vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht
davon. Man vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen.
Vi e r t e s K a p i t e l
Im Mai geschah es, daß Onkel Gotthold, Konsul Gotthold
Buddenbrook, nun sechzigjährig, in einer traurigen Nacht von
Herzkrämpfen befallen ward und in den Armen seiner Gattin, der geborenen
Stüwing, eines schweren Todes starb.
gekrümmten Beine über das andere geschlagen, seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen nachdenklich umherschweifen … Beinahe schien es,
als lache man auf seine Kosten, als lache man über ihn … Aber daran
dachte er nicht.
Zu Hause erzählte er mit besonderer Vorliebe von seinem Kontor in
Valparaiso, von der unmäßigen Temperatur, die dort geherrscht, und von
einem jungen Londoner namens Johnny Thunderstorm, einem
Bummelanten, einem unglaublichen Kerl, den er, »Gott verdamm' mich,
niemals hatte arbeiten sehen«, und der doch ein sehr gewandter Kaufmann
gewesen sei … »Du lieber Gott!« sagte er. »Bei der Hitze! Na, der Chef
kommt ins Kontor … wir liegen, acht Mann, wie die Fliegen umher und
rauchen Zigaretten, um wenigstens die Moskitos wegzujagen. Du lieber
Gott! ›Nun‹, sagt der Chef, ›Sie arbeiten nicht, meine Herren?!‹ … ›No,
Sir!‹ sagt Johnny Thunderstorm. ›Wie Sie sehen, Sir!‹ Und dabei blasen wir
ihm alle unseren Zigarettenrauch ins Gesicht. Du lieber Gott!«
»Warum sagst du eigentlich fortwährend ›Du lieber Gott‹?« fragte
Thomas gereizt. Aber das war es nicht, was ihn ärgerte. Sondern er fühlte,
daß Christian diese Geschichte nur deshalb mit soviel Freude erzählte, weil
sie ihm eine Gelegenheit bot, mit Spott und Verachtung von der Arbeit zu
sprechen.
Dann ging ihre Mutter diskret zu etwas anderem über.
Es gibt viele häßliche Dinge auf Erden, dachte die Konsulin
Buddenbrook, geborene Kröger. Auch Brüder können sich hassen und
verachten; das kommt vor, so schauerlich es klingt. Aber man spricht nicht
davon. Man vertuscht es. Man braucht nichts davon zu wissen.
Vi e r t e s K a p i t e l
Im Mai geschah es, daß Onkel Gotthold, Konsul Gotthold
Buddenbrook, nun sechzigjährig, in einer traurigen Nacht von
Herzkrämpfen befallen ward und in den Armen seiner Gattin, der geborenen
Stüwing, eines schweren Todes starb.
Page 261
Der Sohn der armen Madame Josephine, der, gegenüber seiner
nachgeborenen und mächtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame
Antoinettens, im Leben zu kurz gekommen war, hatte sich längst mit
seinem Geschicke beschieden und in den letzten Jahren, besonders
nachdem ihm sein Neffe das niederländische Konsulat überlassen, ganz
ohne Ranküne aus seiner Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten
Familienzwist in Form einer allgemeinen und unbestimmten Animosität
hegte und bewahrte, das waren vielmehr seine Damen: seine gutmütige und
beschränkte Gattin nicht sowohl, wie die drei ältlichen Mädchen, die weder
die Konsulin, noch Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges
Flämmchen in den Augen anzublicken vermochten …
Donnerstags, an den überlieferungsgemäßen »Kindertagen«, um vier
Uhr, fand man sich in dem großen Hause in der Mengstraße zusammen, um
dort zu Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen – manchmal
erschienen auch Konsul Krögers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer
ungelehrten Schwester – und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus
der Breiten Straße mit ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys
verflossene Ehe brachten, um Madame Grünlich zu einigen großen Worten
zu veranlassen und sich dabei kurze, spitzige Blicke zuzusenden … oder wo
sie allgemeine Betrachtungen darüber anstellten, welche unwürdige
Eitelkeit es doch sei, sich das Haar zu färben, und allzu anteilnehmende
Erkundigungen über Jakob Kröger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie
gaben der armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die
sich in der Tat auch ihnen noch unterlegen fühlen mußte, einen Spott zu
kosten, der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und
hungrige Mädchen alltäglich von Tom oder Tony mit gedehnter und
erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich über Klaras
Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, daß Christian mit Thomas
sich nicht zum besten stand, und daß sie ihn überhaupt, Gott sei Dank, nicht
zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein lächerlicher Mensch.
Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine Schwäche erfindlich war,
und der ihnen seinerseits mit einem nachsichtigen Gleichmut entgegenkam,
welcher andeutete: Ich verstehe euch, und ihr tut mir leid … so behandelten
sie ihn mit leicht vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig
und wohlgepflegt, wie sie war, mußte denn doch gesagt werden, daß sie in
beunruhigender Weise im Wachstum zurückgeblieben sei. Worauf Pfiffi,
nachgeborenen und mächtigeren Geschwisterschaft von seiten Madame
Antoinettens, im Leben zu kurz gekommen war, hatte sich längst mit
seinem Geschicke beschieden und in den letzten Jahren, besonders
nachdem ihm sein Neffe das niederländische Konsulat überlassen, ganz
ohne Ranküne aus seiner Blechdose Brustbonbons gegessen. Wer den alten
Familienzwist in Form einer allgemeinen und unbestimmten Animosität
hegte und bewahrte, das waren vielmehr seine Damen: seine gutmütige und
beschränkte Gattin nicht sowohl, wie die drei ältlichen Mädchen, die weder
die Konsulin, noch Antonie, noch Thomas ohne ein kleines giftiges
Flämmchen in den Augen anzublicken vermochten …
Donnerstags, an den überlieferungsgemäßen »Kindertagen«, um vier
Uhr, fand man sich in dem großen Hause in der Mengstraße zusammen, um
dort zu Mittag zu speisen und den Abend zuzubringen – manchmal
erschienen auch Konsul Krögers oder Sesemi Weichbrodt mit ihrer
ungelehrten Schwester – und hier war es, wo die Damen Buddenbrook aus
der Breiten Straße mit ungezwungener Vorliebe die Rede auf Tonys
verflossene Ehe brachten, um Madame Grünlich zu einigen großen Worten
zu veranlassen und sich dabei kurze, spitzige Blicke zuzusenden … oder wo
sie allgemeine Betrachtungen darüber anstellten, welche unwürdige
Eitelkeit es doch sei, sich das Haar zu färben, und allzu anteilnehmende
Erkundigungen über Jakob Kröger, den Neffen der Konsulin, einzogen. Sie
gaben der armen, unschuldigen und geduldigen Klothilde, der einzigen, die
sich in der Tat auch ihnen noch unterlegen fühlen mußte, einen Spott zu
kosten, der durchaus nicht so harmlos war wie der, den das mittellose und
hungrige Mädchen alltäglich von Tom oder Tony mit gedehnter und
erstaunter Freundlichkeit entgegennahm. Sie mokierten sich über Klaras
Strenge und Bigotterie, sie fanden schnell heraus, daß Christian mit Thomas
sich nicht zum besten stand, und daß sie ihn überhaupt, Gott sei Dank, nicht
zu achten brauchten, denn er war ein Hans Quast, ein lächerlicher Mensch.
Was Thomas selbst betraf, an dem durchaus keine Schwäche erfindlich war,
und der ihnen seinerseits mit einem nachsichtigen Gleichmut entgegenkam,
welcher andeutete: Ich verstehe euch, und ihr tut mir leid … so behandelten
sie ihn mit leicht vergifteter Hochachtung. Von der kleinen Erika aber, rosig
und wohlgepflegt, wie sie war, mußte denn doch gesagt werden, daß sie in
beunruhigender Weise im Wachstum zurückgeblieben sei. Worauf Pfiffi,
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indem sie sich schüttelte und Feuchtigkeit in die Mundwinkel bekam, zum
Überfluß auf die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Betrüger
Grünlich aufmerksam machte …
Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters,
und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der
Verwandtschaft in der Mengstraße verschuldet sei, ward doch ein Bote
dorthin entsandt.
Mitten in der Nacht hallte die Haustürglocke über die große Diele, und
da Christian spät nach Hause gekommen war und sich leidend fühlte,
machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frühlingsregen hinaus.
Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen
des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Händen im
Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den
Umhüllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas weichlichen
Zügen und den weißen Koteletts …
»Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold«, dachte er. »Du hast
es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen …
Aber das ist nötig … Wenn ich wäre wie du, hätte ich vor Jahr und Tag
bereits einen Laden geheiratet … Die dehors wahren!… Wolltest du es
überhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst und wohl
glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besaß dein Geist wenig
Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der jemanden
befähigt, mit einem stillen Enthusiasmus, süßer, beglückender,
befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen
alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu
Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn für Poesie ging dir ab,
obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben und zu
heiraten. Du besaßest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold. Freilich, der
alte Name ist bloß ein Bürgername, und man pflegt ihn, indem man einer
Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine eigene Person in
einem kleinen Stück Welt geehrt, beliebt und mächtig macht … Dachtest
du: Ich heirate die Stüwing, die ich liebe, und schere mich um keine
praktischen Rücksichten, denn sie sind Kleinkram und Pfahlbürgertum?…
Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet genug, um recht gut zu
Überfluß auf die erschreckende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Betrüger
Grünlich aufmerksam machte …
Nun umstanden sie weinend mit ihrer Mutter das Sterbebett des Vaters,
und trotzdem es ihnen schien, als ob selbst dieser Tod noch von der
Verwandtschaft in der Mengstraße verschuldet sei, ward doch ein Bote
dorthin entsandt.
Mitten in der Nacht hallte die Haustürglocke über die große Diele, und
da Christian spät nach Hause gekommen war und sich leidend fühlte,
machte Thomas sich allein auf den Weg, in den Frühlingsregen hinaus.
Er kam nur zur rechten Zeit, um die letzten konvulsivischen Zuckungen
des alten Herrn zu sehen, und dann stand er lange mit gefalteten Händen im
Sterbezimmer und blickte auf diese kurze Gestalt, die sich unter den
Umhüllungen abzeichnete, in dieses tote Gesicht mit den etwas weichlichen
Zügen und den weißen Koteletts …
»Du hast es nicht sehr gut gehabt, Onkel Gotthold«, dachte er. »Du hast
es zu spät gelernt, Zugeständnisse zu machen, Rücksicht zu nehmen …
Aber das ist nötig … Wenn ich wäre wie du, hätte ich vor Jahr und Tag
bereits einen Laden geheiratet … Die dehors wahren!… Wolltest du es
überhaupt anders, als du es gehabt hast? Obgleich du trotzig warst und wohl
glaubtest, dieser Trotz sei etwas Idealistisches, besaß dein Geist wenig
Schwungkraft, wenig Phantasie, wenig von dem Idealismus, der jemanden
befähigt, mit einem stillen Enthusiasmus, süßer, beglückender,
befriedigender als eine heimliche Liebe, irgendein abstraktes Gut, einen
alten Namen, ein Firmenschild zu hegen, zu pflegen, zu verteidigen, zu
Ehren und Macht und Glanz zu bringen. Der Sinn für Poesie ging dir ab,
obgleich du so tapfer warst, trotz dem Befehl deines Vaters zu lieben und zu
heiraten. Du besaßest auch keinen Ehrgeiz, Onkel Gotthold. Freilich, der
alte Name ist bloß ein Bürgername, und man pflegt ihn, indem man einer
Getreidehandlung zum Flor verhilft, indem man seine eigene Person in
einem kleinen Stück Welt geehrt, beliebt und mächtig macht … Dachtest
du: Ich heirate die Stüwing, die ich liebe, und schere mich um keine
praktischen Rücksichten, denn sie sind Kleinkram und Pfahlbürgertum?…
Oh, auch wir sind gerade gereist und gebildet genug, um recht gut zu
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erkennen, daß die Grenzen, die unserem Ehrgeize gesteckt sind, von außen
und oben gesehen nur eng und kläglich sind. Aber alles ist bloß ein
Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wußtest du nicht, daß man auch in
einer kleinen Stadt ein großer Mann sein kann? Daß man ein Cäsar sein
kann an einem mäßigen Handelsplatz an der Ostsee? Freilich, dazu gehört
ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus … und den besaßest du nicht,
was du auch von dir selbst gedacht haben magst.«
Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und
blickte, die Hände auf dem Rücken, ein Lächeln auf seinem intelligenten
Gesicht, zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehüllten gotischen
Fassade des Rathauses hinüber.
Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des königlich
niederländischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines
Vaters hätte für sich in Anspruch nehmen können, zu Tony Grünlichs
maßlosem Stolze jetzt an ihn über, und das gewölbte Schild mit Löwen,
Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der
Mengstraße unter dem »Dominus providebit« zu sehen.
Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben
Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschäftsreise nach
Amsterdam, von der er nicht wußte, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen
werde.
Fünftes Kapitel
Todesfälle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung
hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin
Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene
hochreligiöse Wendung zu vernehmen, die man früher nicht an ihr gewohnt
gewesen war.
Bald jedoch zeigte es sich, daß dies nichts Vorübergehendes war, und
rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, daß die Konsulin gewillt war,
und oben gesehen nur eng und kläglich sind. Aber alles ist bloß ein
Gleichnis auf Erden, Onkel Gotthold! Wußtest du nicht, daß man auch in
einer kleinen Stadt ein großer Mann sein kann? Daß man ein Cäsar sein
kann an einem mäßigen Handelsplatz an der Ostsee? Freilich, dazu gehört
ein wenig Phantasie, ein wenig Idealismus … und den besaßest du nicht,
was du auch von dir selbst gedacht haben magst.«
Und Thomas Buddenbrook wandte sich ab. Er trat ans Fenster und
blickte, die Hände auf dem Rücken, ein Lächeln auf seinem intelligenten
Gesicht, zu der schwachbeleuchteten und in Regen gehüllten gotischen
Fassade des Rathauses hinüber.
Wie es in der Natur der Dinge lag, gingen Amt und Titel des königlich
niederländischen Konsulats, das Thomas sofort nach dem Tode seines
Vaters hätte für sich in Anspruch nehmen können, zu Tony Grünlichs
maßlosem Stolze jetzt an ihn über, und das gewölbte Schild mit Löwen,
Wappen und Krone war nunmehr wieder an der Giebelfront in der
Mengstraße unter dem »Dominus providebit« zu sehen.
Gleich nach Erledigung dieser Angelegenheit, im Juni bereits desselben
Jahres, trat der junge Konsul eine Reise an, eine Geschäftsreise nach
Amsterdam, von der er nicht wußte, wieviel Zeit sie in Anspruch nehmen
werde.
Fünftes Kapitel
Todesfälle pflegen eine dem Himmlischen zugewandte Stimmung
hervorzubringen, und niemand wunderte sich, aus dem Munde der Konsulin
Buddenbrook nach dem Dahinscheiden ihres Gatten diese oder jene
hochreligiöse Wendung zu vernehmen, die man früher nicht an ihr gewohnt
gewesen war.
Bald jedoch zeigte es sich, daß dies nichts Vorübergehendes war, und
rasch war in der Stadt die Tatsache bekannt, daß die Konsulin gewillt war,
Page 264
das Andenken des Verewigten in erster Linie dadurch zu ehren, daß sie, die
schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie alterte, mit
seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine fromme
Weltanschauung vollends zu der ihren machte.
Sie strebte danach, das weitläufige Haus mit dem Geiste des
Heimgegangenen zu erfüllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der
eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschloß. Die Morgen- und
Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die
Familie versammelte sich im Eßsaale, während das Dienstpersonal in der
Säulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der großen
Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus
dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin
spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und
Erbauungsbücher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser
Schatzkästchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklänge und Pilgerstäbe,
deren beständige Zärtlichkeit für das süße, wonnesame Jesulein ein wenig
widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren.
Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den
Thomas bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die
Übungen erhoben hatte, war mit Milde und Würde zurückgewiesen worden.
Was Madame Grünlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer völlig
korrekt dabei. Eines Morgens – es war gerade ein fremder Prediger bei
Buddenbrooks zu Gast – war man genötigt, zu einer feierlichen,
glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen:
»Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Rost den Zwippel.
Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr,
Wirf mir den Gnadenknochen vor
Und nimm mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel!«
… worauf Frau Grünlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich
warf und den Saal verließ.
schon in den letzten Jahren seines Lebens, und zwar seit sie alterte, mit
seinen geistlichen Neigungen sympathisiert hatte, nun seine fromme
Weltanschauung vollends zu der ihren machte.
Sie strebte danach, das weitläufige Haus mit dem Geiste des
Heimgegangenen zu erfüllen, mit dem milden und christlichen Ernst, der
eine vornehme Herzensheiterkeit nicht ausschloß. Die Morgen- und
Abendandachten wurden in ausgedehnterem Umfange fortgesetzt. Die
Familie versammelte sich im Eßsaale, während das Dienstpersonal in der
Säulenhalle stand, und die Konsulin oder Klara verlasen aus der großen
Familienbibel mit den ungeheuren Lettern einen Abschnitt, worauf man aus
dem Gesangbuch ein paar Verse zum Harmonium sang, das die Konsulin
spielte. Auch trat oft an die Stelle der Bibel eines der Predigt- und
Erbauungsbücher mit schwarzem Einband und Goldschnitt, dieser
Schatzkästchen, Psalter, Weihestunden, Morgenklänge und Pilgerstäbe,
deren beständige Zärtlichkeit für das süße, wonnesame Jesulein ein wenig
widerlich anmutete und von denen allzu viele im Hause vorhanden waren.
Christian erschien nicht oft zu den Andachten. Ein Einwand, den
Thomas bei Gelegenheit ganz vorsichtig und halb im Scherze gegen die
Übungen erhoben hatte, war mit Milde und Würde zurückgewiesen worden.
Was Madame Grünlich anging, so benahm sie sich leider nicht immer völlig
korrekt dabei. Eines Morgens – es war gerade ein fremder Prediger bei
Buddenbrooks zu Gast – war man genötigt, zu einer feierlichen,
glaubensfesten und innigen Melodie die Worte zu singen:
»Ich bin ein rechtes Rabenaas,
Ein wahrer Sündenkrüppel,
Der seine Sünden in sich fraß,
Als wie der Rost den Zwippel.
Ach Herr, so nimm mich Hund beim Ohr,
Wirf mir den Gnadenknochen vor
Und nimm mich Sündenlümmel
In deinen Gnadenhimmel!«
… worauf Frau Grünlich vor innerlicher Zerknirschung das Buch von sich
warf und den Saal verließ.
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Die Konsulin selbst aber verlangte weit mehr noch von sich, als von
ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am
Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmädchen in der
Mengstraße, und Stine Voß, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der
Glockengießerstraße, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen
Gröpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem
semmelblonden, mit Wasser gekämmtem Haar über die große Diele in das
helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit längerer Zeit nicht
mehr benutzt wurde, wo Sitzbänke aufgeschlagen waren und wo die
Konsulin Buddenbrook, geborene Kröger, mit ihrem Kleid aus schwerem
schwarzem Atlas, ihrem weißen, vornehmen Gesicht und ihrer noch
weißeren Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas
Zuckerwasser stand, gegenübersaß und sie eine Stunde lang katechisierte.
Auch begründete sie den »Jerusalemsabend«, und an diesem mußte
außer Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder übel beteiligen.
Einmal wöchentlich saßen an der langausgezogenen Tafel im Eßsaale beim
Scheine von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter
standen, wo es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel
umzusehen, tranken Tee oder Bischof, aßen fein belegtes Butterbrot und
Pudding, lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten
Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden
und deren Erlös zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward.
Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der
Gesellschaftssphäre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals, die
Konsulin Möllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehörten ihm an,
während andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt waren,
wie Madame Köppen, sich über ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch die
Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin Buddenbrook,
geborene Stüwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer ungelehrten
Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang und kein
Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere und
seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges
Geschöpf, reich an Gottgefälligkeit und Häkelmustern, das im Heiligen-
Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbürger hieß und die Letzte ihres
Geschlechtes war … »Die letzte Himmelsbürgern« nannte sie sich
ihren Kindern. Sie richtete zum Beispiel eine Sonntagsschule ein. Am
Sonntagvormittag klingelten lauter kleine Volksschulmädchen in der
Mengstraße, und Stine Voß, die an der Mauer, und Mike Stuht, die in der
Glockengießerstraße, und Fike Snut, die an der Trave oder in der Kleinen
Gröpelgrube oder im Engelswisch zu Hause waren, wanderten mit ihrem
semmelblonden, mit Wasser gekämmtem Haar über die große Diele in das
helle Gartenzimmer, dort hinten, das als Kontor seit längerer Zeit nicht
mehr benutzt wurde, wo Sitzbänke aufgeschlagen waren und wo die
Konsulin Buddenbrook, geborene Kröger, mit ihrem Kleid aus schwerem
schwarzem Atlas, ihrem weißen, vornehmen Gesicht und ihrer noch
weißeren Spitzenhaube, ihnen an einem Tischchen, auf welchem ein Glas
Zuckerwasser stand, gegenübersaß und sie eine Stunde lang katechisierte.
Auch begründete sie den »Jerusalemsabend«, und an diesem mußte
außer Klara und Klothilde auch Tony sich wohl oder übel beteiligen.
Einmal wöchentlich saßen an der langausgezogenen Tafel im Eßsaale beim
Scheine von Lampen und Kerzen etwa zwanzig Damen, die in dem Alter
standen, wo es an der Zeit ist, sich nach einem guten Platze im Himmel
umzusehen, tranken Tee oder Bischof, aßen fein belegtes Butterbrot und
Pudding, lasen sich geistliche Lieder und Abhandlungen vor und fertigten
Handarbeiten an, die am Ende des Jahres in einem Basar verkauft wurden
und deren Erlös zu Missionszwecken nach Jerusalem geschickt ward.
Der fromme Verein ward in der Hauptsache von Damen aus der
Gesellschaftssphäre der Konsulin gebildet, und die Senatorin Langhals, die
Konsulin Möllendorpf und die alte Konsulin Kistenmaker gehörten ihm an,
während andere alte Damen, die weltlicher und profaner angelegt waren,
wie Madame Köppen, sich über ihre Freundin Bethsy mokierten. Auch die
Predigersgattinnen der Stadt sowie die verwitwete Konsulin Buddenbrook,
geborene Stüwing, und Sesemi Weichbrodt nebst ihrer ungelehrten
Schwester waren Mitglieder. Vor Jesu jedoch ist kein Rang und kein
Unterschied, und so nahmen am Jerusalemsabend auch armseligere und
seltsamere Gestalten teil, wie zum Beispiel ein kleines, runzeliges
Geschöpf, reich an Gottgefälligkeit und Häkelmustern, das im Heiligen-
Geist-Hospitale wohnte, Himmelsbürger hieß und die Letzte ihres
Geschlechtes war … »Die letzte Himmelsbürgern« nannte sie sich
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wehmütig, und dabei fuhr sie mit der Stricknadel unter ihre Haube, um sich
zu krauen.
Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein
Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mädchen, die mit Schäferhüten aus
dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen
Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie
hießen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt
abzustammen. Man sagte, daß sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie
lebten aufs jämmerlichste und gaben alles den Armen … »Liebe!« bemerkte
die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bißchen schämte,
»Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett … Man muß auf
sich halten …« Aber dann küßten sie ihre elegante Freundin, welche die
Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn … mit der ganzen
nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen Überlegenheit des Geringen über
den Vornehmen, der das Heil sucht. Es waren keineswegs dumme
Geschöpfe, und in ihren kleinen, häßlichen, verschrumpften Papageiköpfen
saßen blanke, sanft verschleierte braune Augen, die mit einem seltsamen
Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt schauten … Ihre Herzen waren
voll von wunderbaren und geheimnisvollen Kenntnissen. Sie wußten, daß in
unserer letzten Stunde all unsere zu Gott vorangegangenen Lieben in Sang
und Seligkeit kommen, uns abzuholen. Sie sprachen das Wort »der Herr«
mit der Leichtigkeit und Ursprünglichkeit von ersten Christen, die aus des
Meisters eigenem Munde noch das Ȇber ein Kleines, so werdet ihr mich
sehen« vernommen haben. Sie besaßen die merkwürdigsten Theorien über
innere Lichter und Ahnungen, über Gedankenübertragung und -
wanderungen … denn Lea, die eine von ihnen, war taub und wußte
gleichwohl fast immer, wovon die Rede war.
Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewöhnlich, die an den
Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, daß sie schön und
ergreifend läse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches
lächerlich und unverhältnismäßig viel höher als breit war und vorn, in
Kupfer gestochen, das übermenschlich pausbäckige Bildnis ihres Ahnherrn
enthielt, nahm es in beide Hände und las, damit sie selbst sich ein wenig
hören konnte, mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der Wind sich
im Ofenrohre verfängt:
zu krauen.
Weit bemerkenswerter aber waren zwei andere Mitglieder, ein
Zwillingspaar, zwei sonderbare alte Mädchen, die mit Schäferhüten aus
dem achtzehnten Jahrhundert und seit manchem Jahr schon verblichenen
Kleidern Hand in Hand in der Stadt umhergingen und Gutes taten. Sie
hießen Gerhardt und beteuerten, in gerader Linie von Paul Gerhardt
abzustammen. Man sagte, daß sie durchaus nicht mittellos seien; aber sie
lebten aufs jämmerlichste und gaben alles den Armen … »Liebe!« bemerkte
die Konsulin Buddenbrook, die sich ihrer zuweilen ein bißchen schämte,
»Gott sieht ins Herze, aber Ihre Kleider sind wenig adrett … Man muß auf
sich halten …« Aber dann küßten sie ihre elegante Freundin, welche die
Weltdame nicht verleugnen konnte, nur auf die Stirn … mit der ganzen
nachsichtigen, liebevollen und mitleidigen Überlegenheit des Geringen über
den Vornehmen, der das Heil sucht. Es waren keineswegs dumme
Geschöpfe, und in ihren kleinen, häßlichen, verschrumpften Papageiköpfen
saßen blanke, sanft verschleierte braune Augen, die mit einem seltsamen
Ausdruck von Milde und Wissen in die Welt schauten … Ihre Herzen waren
voll von wunderbaren und geheimnisvollen Kenntnissen. Sie wußten, daß in
unserer letzten Stunde all unsere zu Gott vorangegangenen Lieben in Sang
und Seligkeit kommen, uns abzuholen. Sie sprachen das Wort »der Herr«
mit der Leichtigkeit und Ursprünglichkeit von ersten Christen, die aus des
Meisters eigenem Munde noch das Ȇber ein Kleines, so werdet ihr mich
sehen« vernommen haben. Sie besaßen die merkwürdigsten Theorien über
innere Lichter und Ahnungen, über Gedankenübertragung und -
wanderungen … denn Lea, die eine von ihnen, war taub und wußte
gleichwohl fast immer, wovon die Rede war.
Da Lea Gerhardt taub war, war sie es gewöhnlich, die an den
Jerusalemsabenden vorlas; auch fanden die Damen, daß sie schön und
ergreifend läse. Sie nahm aus ihrem Beutel ein uraltes Buch, welches
lächerlich und unverhältnismäßig viel höher als breit war und vorn, in
Kupfer gestochen, das übermenschlich pausbäckige Bildnis ihres Ahnherrn
enthielt, nahm es in beide Hände und las, damit sie selbst sich ein wenig
hören konnte, mit fürchterlicher Stimme, die klang, wie wenn der Wind sich
im Ofenrohre verfängt:
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»Will Satan mich verschlingen …«
Nun! dachte Tony Grünlich. Welcher Satan möchte die wohl
verschlingen! Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und
dachte darüber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so häßlich sein werde
wie die beiden Fräulein Gerhardt.
Sie war nicht glücklich, sie empfand Langeweile und ärgerte sich über
die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls
sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause
allzusehr das Regiment führten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere
Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darüber, während seine Schwester
hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Häuser
fressen und lange Gebete vorwenden.
Sie haßte diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau,
die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie
sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben. »Mutter!«
sagte sie; »o Gott, man soll seinem Nächsten nichts Übles nachsagen …
gut, ich weiß es! Aber das eine muß ich denn doch aussprechen, und ich
würde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht gelehrt hätte, nämlich,
daß nicht alle, die einen langen Rock tragen und ›Herr, Herr!‹ sagen, immer
ganz makellos sind!«
Es blieb unaufgeklärt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt,
die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber hatte
gar keine Meinung; er beschränkte sich darauf, die Herren mit krauser Nase
zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre Kopie zu
liefern …
Aber es ist wahr, daß Tony am meisten von den geistlichen Gästen zu
leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, daß ein
Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien
gewesen war, ein Mann mit großen, vorwurfsvollen Augen und betrübt
herniederhängenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge
zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken sich
eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren ließen … Ach! er
hatte nicht mit Tony Grünlichs spitzig sarkastischer Redegewandtheit
gerechnet. Sie schwieg während einiger Augenblicke, und man sah, wie ihr
Nun! dachte Tony Grünlich. Welcher Satan möchte die wohl
verschlingen! Aber sie sagte nichts, hielt sich ihrerseits an den Pudding und
dachte darüber nach, ob sie wohl auch dermaleinst so häßlich sein werde
wie die beiden Fräulein Gerhardt.
Sie war nicht glücklich, sie empfand Langeweile und ärgerte sich über
die Pastoren und Missionare, deren Besuche nach dem Tode des Konsuls
sich vielleicht noch vermehrt hatten und die nach Tonys Meinung im Hause
allzusehr das Regiment führten und allzuviel Geld bekamen. Der letztere
Punkt ging Thomas an; aber er schwieg darüber, während seine Schwester
hie und da etwas von Leuten vor sich hin murmelte, die der Witwen Häuser
fressen und lange Gebete vorwenden.
Sie haßte diese schwarzen Herren aufs bitterlichste. Als gereifte Frau,
die das Leben kennengelernt hatte und kein dummes Ding mehr war, sah sie
sich nicht in der Lage, an ihre unbedingte Heiligkeit zu glauben. »Mutter!«
sagte sie; »o Gott, man soll seinem Nächsten nichts Übles nachsagen …
gut, ich weiß es! Aber das eine muß ich denn doch aussprechen, und ich
würde mich wundern, wenn das Leben dich das nicht gelehrt hätte, nämlich,
daß nicht alle, die einen langen Rock tragen und ›Herr, Herr!‹ sagen, immer
ganz makellos sind!«
Es blieb unaufgeklärt, wie Thomas sich zu solchen Wahrheiten verhielt,
die seine Schwester mit ungeheurem Nachdruck vertrat. Christian aber hatte
gar keine Meinung; er beschränkte sich darauf, die Herren mit krauser Nase
zu beobachten, um hernach im Klub oder in der Familie ihre Kopie zu
liefern …
Aber es ist wahr, daß Tony am meisten von den geistlichen Gästen zu
leiden hatte. Eines Tages geschah es wahr und wahrhaftig, daß ein
Missionar namens Jonathan, der sowohl in Syrien als auch in Arabien
gewesen war, ein Mann mit großen, vorwurfsvollen Augen und betrübt
herniederhängenden Wangen, vor sie hintrat und sie mit trauriger Strenge
zur Entscheidung der Frage aufforderte, ob ihre gebrannten Stirnlocken sich
eigentlich mit der wahren christlichen Demut vereinbaren ließen … Ach! er
hatte nicht mit Tony Grünlichs spitzig sarkastischer Redegewandtheit
gerechnet. Sie schwieg während einiger Augenblicke, und man sah, wie ihr
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Hirn arbeitete. Dann aber kam es: »D a r f i c h S i e b i t t e n , m e i n
Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu
b e k ü m m e r n?!« … Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein
wenig emporzog, den Kopf zurückwarf und trotzdem das Kinn auf die
Brust zu drücken suchte. – Und Pastor Jonathan besaß äußerst wenig
Haupthaar, ja, sein Schädel war nackt zu nennen!
Einst aber wurde ihr ein noch größerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke
nämlich, Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führte, weil er
allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu weinen
begann … Tränen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht, rote
Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn Tage
lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die Wette
aß und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in Tony …
nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre Oberlippe, ihr
starkes Haar, ihre hübschen Augen und ihre blühende Gestalt! Und dieser
Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder besaß, entblödete sich
nicht, durch den Bedienten Anton in Madame Grünlichs Schlafzimmer im
zweiten Stock einen Brief niederlegen zu lassen, der aus Bibelextrakten und
einer sonderbar anschmiegsamen Zärtlichkeit wirksam gemischt war … Sie
fand ihn beim Zubettegehen, sie las ihn und ging festen Schrittes die
Treppen hinunter ins Zwischengeschoß und ins Schlafzimmer der Konsulin,
woselbst sie ihrer Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des
Seelsorgers völlig ungeniert und mit lauter Stimme vortrug, so daß Tränen-
Trieschke fortan in der Mengstraße unmöglich war.
»So sind sie alle!« sagte Madame Grünlich … »Ha! so sind sie alle! O
Gott, ich war eine Gans früher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben
hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous
… ja, das ist leider wahr. G r ü n l i c h – –!« Und der Name klang wie eine
Fanfare, wie ein kleiner Trompetenstoß, den sie mit etwas erhobenen
Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertönen ließ.
Sechstes Kapitel
Herr Pastor, sich um Ihre eigenen Locken zu
b e k ü m m e r n?!« … Und hinaus rauschte sie, indem sie die Schultern ein
wenig emporzog, den Kopf zurückwarf und trotzdem das Kinn auf die
Brust zu drücken suchte. – Und Pastor Jonathan besaß äußerst wenig
Haupthaar, ja, sein Schädel war nackt zu nennen!
Einst aber wurde ihr ein noch größerer Triumph zuteil. Pastor Trieschke
nämlich, Tränen-Trieschke aus Berlin, der diesen Beinamen führte, weil er
allsonntäglich einmal inmitten seiner Predigt an geeigneter Stelle zu weinen
begann … Tränen-Trieschke, der sich durch ein bleiches Gesicht, rote
Augen und wahre Pferdekinnbacken auszeichnete und acht oder zehn Tage
lang bei Buddenbrooks wechselweise mit der armen Klothilde um die Wette
aß und Andachten abhielt, verliebte sich bei dieser Gelegenheit in Tony …
nicht etwa in ihre unsterbliche Seele, o nein, sondern in ihre Oberlippe, ihr
starkes Haar, ihre hübschen Augen und ihre blühende Gestalt! Und dieser
Gottesmann, der zu Berlin ein Weib und viele Kinder besaß, entblödete sich
nicht, durch den Bedienten Anton in Madame Grünlichs Schlafzimmer im
zweiten Stock einen Brief niederlegen zu lassen, der aus Bibelextrakten und
einer sonderbar anschmiegsamen Zärtlichkeit wirksam gemischt war … Sie
fand ihn beim Zubettegehen, sie las ihn und ging festen Schrittes die
Treppen hinunter ins Zwischengeschoß und ins Schlafzimmer der Konsulin,
woselbst sie ihrer Mutter beim Kerzenscheine das Schreiben des
Seelsorgers völlig ungeniert und mit lauter Stimme vortrug, so daß Tränen-
Trieschke fortan in der Mengstraße unmöglich war.
»So sind sie alle!« sagte Madame Grünlich … »Ha! so sind sie alle! O
Gott, ich war eine Gans früher, ein dummes Ding, Mama, aber das Leben
hat mir das Vertrauen zu den Menschen genommen. Die meisten sind Filous
… ja, das ist leider wahr. G r ü n l i c h – –!« Und der Name klang wie eine
Fanfare, wie ein kleiner Trompetenstoß, den sie mit etwas erhobenen
Schultern und emporgerichteten Augen in die Luft hinein ertönen ließ.
Sechstes Kapitel
Page 269
Sievert Tiburtius war ein kleiner schmaler Mann mit großem Kopfe und
trug einen dünnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und
dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten
hin über die Schultern legte. Seinen runden Schädel bedeckte eine Unzahl
ganz kleiner wolliger Ringellöckchen. Seine Ohrmuscheln waren groß,
äußerst abstehend, an den Rändern weit nach innen zusammengerollt und
oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase saß wie ein kleiner platter
Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und seine
grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blöde
umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise
erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe
herausspringen …
Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre
in Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner
Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berührte.
Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in der
Mengstraße Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen
hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward für die Dauer seines
Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte, zu Gaste
geladen und bewohnte das geräumige Fremdenzimmer im ersten Stockwerk
am Korridor.
Aber er verweilte länger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage,
und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswürdigkeit, den Totentanz
und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die
»Schiffergesellschaft« oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom
nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von seiner
Abreise; infolge des ersten Wörtchens jedoch, das ihn zum Bleiben
aufforderte, verzog er aufs neue.
Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Tränen-
Trieschke. Er bekümmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens
gebrannte Stirnlöckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto
aufmerksamer aber beschäftigte er sich mit Klara, ihrer jüngeren und
ernsthafteren Schwester. In i h r e r Gegenwart, wenn s i e sprach, ging oder
kam, konnte es geschehen, daß seine Augen sich in ungeahnter Weise
erweiterten, größer und größer wurden, hervorquollen, fast heraussprangen
trug einen dünnen, aber langen blonden Backenbart, der geteilt war und
dessen Enden er manchmal, der Bequemlichkeit halber, nach beiden Seiten
hin über die Schultern legte. Seinen runden Schädel bedeckte eine Unzahl
ganz kleiner wolliger Ringellöckchen. Seine Ohrmuscheln waren groß,
äußerst abstehend, an den Rändern weit nach innen zusammengerollt und
oben so spitz, wie die eines Fuchses. Seine Nase saß wie ein kleiner platter
Knopf in seinem Gesicht, seine Wangenknochen standen hervor, und seine
grauen Augen, die gemeinhin eng zusammengekniffen ein wenig blöde
umherblinzelten, konnten in gewissen Momenten sich in ungeahnter Weise
erweitern, größer und größer werden, hervorquellen, beinahe
herausspringen …
Dies war der Pastor Tiburtius, welcher aus Riga stammte, einige Jahre
in Mitteldeutschland amtiert hatte und nun, auf der Reise nach seiner
Heimat, wo eine Predigersstelle ihm zugefallen war, die Stadt berührte.
Versehen mit der Empfehlung eines Amtsbruders, der ebenfalls einst in der
Mengstraße Mockturtlesuppe und Schinken mit Schalottensauce gegessen
hatte, machte er der Konsulin seine Aufwartung, ward für die Dauer seines
Aufenthaltes, der einige wenige Tage in Anspruch nehmen sollte, zu Gaste
geladen und bewohnte das geräumige Fremdenzimmer im ersten Stockwerk
am Korridor.
Aber er verweilte länger, als er erwartet hatte. Es vergingen acht Tage,
und noch immer hatte er diese oder jene Sehenswürdigkeit, den Totentanz
und das Aposteluhrwerk in der Marienkirche, das Rathaus, die
»Schiffergesellschaft« oder die Sonne mit den beweglichen Augen im Dom
nicht besucht. Es vergingen zehn Tage, und er sprach wiederholt von seiner
Abreise; infolge des ersten Wörtchens jedoch, das ihn zum Bleiben
aufforderte, verzog er aufs neue.
Er war ein besserer Mensch als die Herren Jonathan und Tränen-
Trieschke. Er bekümmerte sich durchaus nicht um Frau Antoniens
gebrannte Stirnlöckchen und schrieb ihr keinerlei Briefe. Desto
aufmerksamer aber beschäftigte er sich mit Klara, ihrer jüngeren und
ernsthafteren Schwester. In i h r e r Gegenwart, wenn s i e sprach, ging oder
kam, konnte es geschehen, daß seine Augen sich in ungeahnter Weise
erweiterten, größer und größer wurden, hervorquollen, fast heraussprangen
Page 270
… und beinahe den ganzen Tag hielt er sich bei ihr auf, indem er geistliche
und weltliche Gespräche mit ihr pflog oder ihr vorlas … mit seiner hohen,
sich überschlagenden Stimme und in der drollig hüpfenden Aussprache
seiner baltischen Heimat.
Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: »Erbarmen Sie sich, Frau
Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer
Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!«
»Sie haben recht«, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so
oft, daß sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prüfung zu ihm
hinschweifen ließ und ihn veranlaßte, ein wenig eingehender von seiner
Herkunft, seinen Verhältnissen, seinen Aussichten zu erzählen. Es ergab
sich, daß er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, daß seine Mutter bei Gott
sei, daß er Geschwister nicht besitze und daß sein alter Vater zu Riga als
Privatier mit einem auskömmlichen Vermögen lebe, welches einstmals ihm
selbst, dem Pastor Tiburtius, gehören werde; übrigens sichere sein Amt ihm
ein hinreichendes Einkommen.
Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre
und war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und
dennoch träumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen
Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen,
schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentümlicher
Schönheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und
ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater kürzlich
gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnächst einmal
zu »etablieren«, das heißt, mit einigen Groschen und Möbeln, die sie ererbt,
sich irgendwo in Pension zu begeben … Von Thildas gedehnter, geduldiger
und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im Gegenteil eignete ihr
im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren Geschwistern und ihrer
Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre Altstimme schon, die sich nur mit
Bestimmtheit zu senken, nie aber fragend zu heben verstand, trug einen
befehlshaberischen Charakter und konnte oft eine kurze, harte, unduldsame
und hochfahrende Klangfarbe annehmen: an Tagen nämlich, wo Klara an
Kopfschmerzen litt.
und weltliche Gespräche mit ihr pflog oder ihr vorlas … mit seiner hohen,
sich überschlagenden Stimme und in der drollig hüpfenden Aussprache
seiner baltischen Heimat.
Gleich am ersten Tage hatte er gesagt: »Erbarmen Sie sich, Frau
Konsulin! Welch einen Schatz und Gottessegen besitzen Sie an Ihrer
Tochter Klara. Das ist wohl ein herrliches Kind!«
»Sie haben recht«, erwiderte die Konsulin. Aber er wiederholte es so
oft, daß sie ihre hellen blauen Augen in diskreter Prüfung zu ihm
hinschweifen ließ und ihn veranlaßte, ein wenig eingehender von seiner
Herkunft, seinen Verhältnissen, seinen Aussichten zu erzählen. Es ergab
sich, daß er aus einer Kaufmannsfamilie stammte, daß seine Mutter bei Gott
sei, daß er Geschwister nicht besitze und daß sein alter Vater zu Riga als
Privatier mit einem auskömmlichen Vermögen lebe, welches einstmals ihm
selbst, dem Pastor Tiburtius, gehören werde; übrigens sichere sein Amt ihm
ein hinreichendes Einkommen.
Was Klara Buddenbrook betraf, so stand sie nun im neunzehnten Jahre
und war, mit ihrem dunklen, glattgescheitelten Haar, ihren strenge und
dennoch träumerisch blickenden braunen Augen, ihrer leicht gebogenen
Nase, ihrem ein wenig zu fest geschlossenen Munde und ihrer hohen,
schlanken Gestalt, zu einer jungen Dame von herber und eigentümlicher
Schönheit erwachsen. Im Hause hielt sie am festesten mit ihrer armen und
ebenfalls frommen Cousine Klothilde zusammen, deren Vater kürzlich
gestorben war und die mit dem Gedanken umging, sich demnächst einmal
zu »etablieren«, das heißt, mit einigen Groschen und Möbeln, die sie ererbt,
sich irgendwo in Pension zu begeben … Von Thildas gedehnter, geduldiger
und hungriger Demut freilich kannte Klara nichts. Im Gegenteil eignete ihr
im Verkehr mit den Dienstboten, ja, auch mit ihren Geschwistern und ihrer
Mutter ein etwas herrischer Ton, und ihre Altstimme schon, die sich nur mit
Bestimmtheit zu senken, nie aber fragend zu heben verstand, trug einen
befehlshaberischen Charakter und konnte oft eine kurze, harte, unduldsame
und hochfahrende Klangfarbe annehmen: an Tagen nämlich, wo Klara an
Kopfschmerzen litt.
Page 271
Sie hatte, bevor der Tod des Konsuls die Familie in Trauer hüllte, mit
unnahbarer Würde die Gesellschaften im Elternhause und den Häusern von
gleicher Rangstufe mitgemacht … Die Konsulin betrachtete sie, und sie
konnte sich nicht verhehlen, daß es trotz der stattlichen Mitgift und Klaras
häuslicher Tüchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu verehelichen.
Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen Kaufherren ihrer
Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich an der Seite des
ernsten und gottesfürchtigen Mädchens vorstellen, und da dieser Gedanke
die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors Tiburtius zarte
Einleitungen von ihrer Seite ein maßvolles und freundliches
Entgegenkommen.
Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit großer
Präzision. An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die
Familie einen Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda,
Erika Grünlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius
zogen weit vors Burgtor hinaus, um bei einem ländlichen Wirte im Freien
an Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grütze zu essen, und nach
der Vespermahlzeit erging man sich in dem großen Nutzgarten, der bis zum
Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbäumen zwischen
Johannis- und Stachelbeerbüschen, Spargel- und Kartoffelfeldern.
Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurück. Er,
sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart über beiden Schultern,
hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem großen Kopfe
genommen und führte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die Stirn
trocknete, mit großen Augen ein langes und sanftes Gespräch mit ihr, in
dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit ernster und
ruhiger Stimme ein Ja sprach.
Dann, nach der Rückkehr, als die Konsulin, ein wenig ermüdet und
erhitzt, allein im Landschaftszimmer saß, setzte sich Pastor Tiburtius –
draußen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags – zu ihr in den
sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und sanftes
Gespräch, an dessen Ende die Konsulin sagte: »Genug, mein lieber Herr
Pastor … Ihr Antrag entspricht meinen mütterlichen Wünschen, und Sie
Ihrerseits haben nicht schlecht gewählt, dessen kann ich Sie versichern. Wer
hätte gedacht, daß Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem Hause so
unnahbarer Würde die Gesellschaften im Elternhause und den Häusern von
gleicher Rangstufe mitgemacht … Die Konsulin betrachtete sie, und sie
konnte sich nicht verhehlen, daß es trotz der stattlichen Mitgift und Klaras
häuslicher Tüchtigkeit schwer halten werde, dies Kind zu verehelichen.
Keinen der skeptischen, rotspontrinkenden und jovialen Kaufherren ihrer
Umgebung, wohl aber einen Geistlichen konnte sie sich an der Seite des
ernsten und gottesfürchtigen Mädchens vorstellen, und da dieser Gedanke
die Konsulin freudig bewegte, so fanden des Pastors Tiburtius zarte
Einleitungen von ihrer Seite ein maßvolles und freundliches
Entgegenkommen.
Und wahrhaftig entwickelte sich die Angelegenheit mit großer
Präzision. An einem warmen und wolkenlosen Julinachmittag machte die
Familie einen Spaziergang. Die Konsulin, Antonie, Christian, Klara, Thilda,
Erika Grünlich mit Mamsell Jungmann und in ihrer Mitte Pastor Tiburtius
zogen weit vors Burgtor hinaus, um bei einem ländlichen Wirte im Freien
an Holztischen Erdbeeren, Sattenmilch oder Rote Grütze zu essen, und nach
der Vespermahlzeit erging man sich in dem großen Nutzgarten, der bis zum
Flusse sich hinzog, im Schatten von allerlei Obstbäumen zwischen
Johannis- und Stachelbeerbüschen, Spargel- und Kartoffelfeldern.
Sievert Tiburtius und Klara Buddenbrook blieben ein wenig zurück. Er,
sehr viel kleiner als sie, den geteilten Backenbart über beiden Schultern,
hatte den geschweiften schwarzen Strohhut von seinem großen Kopfe
genommen und führte, indem er sich hie und da mit dem Tuche die Stirn
trocknete, mit großen Augen ein langes und sanftes Gespräch mit ihr, in
dessen Verlaufe sie beide einmal stehenblieben und Klara mit ernster und
ruhiger Stimme ein Ja sprach.
Dann, nach der Rückkehr, als die Konsulin, ein wenig ermüdet und
erhitzt, allein im Landschaftszimmer saß, setzte sich Pastor Tiburtius –
draußen lag die nachdenkliche Stille des Sonntagnachmittags – zu ihr in den
sommerlichen Abendglanz und begann auch mit ihr ein langes und sanftes
Gespräch, an dessen Ende die Konsulin sagte: »Genug, mein lieber Herr
Pastor … Ihr Antrag entspricht meinen mütterlichen Wünschen, und Sie
Ihrerseits haben nicht schlecht gewählt, dessen kann ich Sie versichern. Wer
hätte gedacht, daß Ihr Eingang und Aufenthalt in unserem Hause so
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wunderbar gesegnet sein werde!… Ich will heute mein letztes Wort noch
nicht sprechen, denn es gehört sich, daß ich zuvor meinem Sohne, dem
Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im Auslande
befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga ab, um Ihr
Amt anzutreten, und wir gedenken, uns für einige Wochen an die See zu
begeben … Sie werden in Bälde Nachricht von mir empfangen, und der
Herr gebe, daß wir uns glücklich wiedersehen.«
Siebentes Kapitel
Amsterdam, den 20. Juli 56.
Hotel »Het Haasje«
Meine liebe Mutter!
Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile
ich mich, Dir auf das herzlichste für die Aufmerksamkeit zu danken, die
darin liegt, daß Du in der bewußten Angelegenheit meine Zustimmung
einziehst; ich erteile selbstverständlicherweise nicht nur sie, sondern füge
auch meine freudigsten Glückwünsche hinzu, vollauf überzeugt, daß Ihr,
Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schöne Name
Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, daß Papa mit dem Alten
in geschäftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in angenehme
Verhältnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem Temperamente
zusagen.
Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August
noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann
bei uns in der Mengstraße – munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn Ihr
wißt nicht, aus welchen absonderlichen Gründen ich so überaus froh
erstaunt über Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches
allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine
ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen
gravitätischen Konsens zu Klaras irdischem Glücke von der Amstel zur
Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, daß
ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in
nicht sprechen, denn es gehört sich, daß ich zuvor meinem Sohne, dem
Konsul, schreibe, der sich augenblicklich, wie Sie wissen, im Auslande
befindet. Sie reisen bei Leben und Gesundheit morgen nach Riga ab, um Ihr
Amt anzutreten, und wir gedenken, uns für einige Wochen an die See zu
begeben … Sie werden in Bälde Nachricht von mir empfangen, und der
Herr gebe, daß wir uns glücklich wiedersehen.«
Siebentes Kapitel
Amsterdam, den 20. Juli 56.
Hotel »Het Haasje«
Meine liebe Mutter!
Soeben in den Besitz Deines inhaltreichen Schreibens gelangt, beeile
ich mich, Dir auf das herzlichste für die Aufmerksamkeit zu danken, die
darin liegt, daß Du in der bewußten Angelegenheit meine Zustimmung
einziehst; ich erteile selbstverständlicherweise nicht nur sie, sondern füge
auch meine freudigsten Glückwünsche hinzu, vollauf überzeugt, daß Ihr,
Du und Klara, eine gute Wahl werdet getroffen haben. Der schöne Name
Tiburtius ist mir bekannt, und ich glaube bestimmt, daß Papa mit dem Alten
in geschäftlicher Verbindung stand. Klara kommt jedenfalls in angenehme
Verhältnisse, und die Position als Pastorin wird ihrem Temperamente
zusagen.
Tiburtius ist also nach Riga abgereist und wird seine Braut im August
noch einmal besuchen? Nun, es wird wahrhaftig munter zugehen alsdann
bei uns in der Mengstraße – munterer noch, als Ihr alle vorausseht, denn Ihr
wißt nicht, aus welchen absonderlichen Gründen ich so überaus froh
erstaunt über Mademoiselle Klaras Verlobung bin und um welches
allerliebste Zusammentreffen es sich dabei handelt. Ja, meine
ausgezeichnete Frau Mama, wenn ich mich heute bequeme, meinen
gravitätischen Konsens zu Klaras irdischem Glücke von der Amstel zur
Ostsee zu senden, so geschieht es ganz einfach unter der Bedingung, daß
ich mit wendender Post aus Deiner Feder einen ebensolchen Konsens in
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betreff einer ebensolchen Angelegenheit zurückempfange! Drei harte
Gulden würde ich dafür geben, könnte ich Dein Gesicht, besonders aber
dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest … Aber
ich will zur Sache reden.
Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hübscher Aussicht auf den Kanal,
inmitten der Stadt, unweit der Börse gelegen, und die Geschäfte, denen
zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknüpfung einer
neuen, wertvollen Verbindung: Du weißt, ich besorge dergleichen mit
Vorliebe persönlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in erwünschter
Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der Stadt, war ich,
obgleich viele Familien sich in den Seebädern befinden, auch
gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe
kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht,
und schon am dritten Tage meines Hierseins mußte ich mich in Gala
werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der
Kellen beizuwohnen, das er so außerhalb der Saison, ersichtlich mir zu
Ehren, arrangierte. Zu Tische aber führte ich … habt Ihr Lust zu raten?
Fräulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige Pensionsgenossin,
deren Vater, der große Kaufmann, und beinahe noch größere Geigenvirtuos,
sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte ebenfalls zugegen waren.
Ich erinnere mich sehr wohl, daß Gerda – gestattet, daß ich mich bereits
ausschließlich des Vornamens bediene – schon als ganz junges Mädchen,
als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mühlenbrink zur Schule
ging, einen starken und nie ganz verlöschten Eindruck auf mich gemacht
hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: größer, entwickelter, schöner, geistreicher
… Erlaßt mir, da sie leicht ein wenig ungestüm ausfallen könnte, die
Beschreibung ihrer Persönlichkeit, die Ihr bald von Angesicht zu Angesicht
werdet schauen können!
Ihr könnt Euch denken, daß sich eine Menge von Ausgangspunkten zu
einem guten Tischgespräche darboten; aber wir verließen schon nach der
Suppe das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und
fesselnderen Dingen über. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart
halten, denn wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon;
aber in der niederländischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in
der Literatur verstanden wir uns durchaus.
Gulden würde ich dafür geben, könnte ich Dein Gesicht, besonders aber
dasjenige unserer wackeren Tony sehen, wenn Ihr diese Zeilen lest … Aber
ich will zur Sache reden.
Mein kleines, reinliches Hotel ist mit hübscher Aussicht auf den Kanal,
inmitten der Stadt, unweit der Börse gelegen, und die Geschäfte, denen
zuliebe ich hierher gekommen (es handelte sich um die Anknüpfung einer
neuen, wertvollen Verbindung: Du weißt, ich besorge dergleichen mit
Vorliebe persönlich), entwickelten sich vom ersten Tage an in erwünschter
Weise. Von meiner Lehrzeit her aber wohlbekannt in der Stadt, war ich,
obgleich viele Familien sich in den Seebädern befinden, auch
gesellschaftlich sofort sehr lebhaft in Anspruch genommen. Ich habe
kleinere Abendgesellschaften bei Van Henkdoms und Moelens mitgemacht,
und schon am dritten Tage meines Hierseins mußte ich mich in Gala
werfen, um einem Diner bei meinem ehemaligen Prinzipale Herrn van der
Kellen beizuwohnen, das er so außerhalb der Saison, ersichtlich mir zu
Ehren, arrangierte. Zu Tische aber führte ich … habt Ihr Lust zu raten?
Fräulein Arnoldsen, Gerda Arnoldsen, Tonys ehemalige Pensionsgenossin,
deren Vater, der große Kaufmann, und beinahe noch größere Geigenvirtuos,
sowie seine verheiratete Tochter und ihr Gatte ebenfalls zugegen waren.
Ich erinnere mich sehr wohl, daß Gerda – gestattet, daß ich mich bereits
ausschließlich des Vornamens bediene – schon als ganz junges Mädchen,
als sie noch bei Mademoiselle Weichbrodt am Mühlenbrink zur Schule
ging, einen starken und nie ganz verlöschten Eindruck auf mich gemacht
hat. Jetzt aber sah ich sie wieder: größer, entwickelter, schöner, geistreicher
… Erlaßt mir, da sie leicht ein wenig ungestüm ausfallen könnte, die
Beschreibung ihrer Persönlichkeit, die Ihr bald von Angesicht zu Angesicht
werdet schauen können!
Ihr könnt Euch denken, daß sich eine Menge von Ausgangspunkten zu
einem guten Tischgespräche darboten; aber wir verließen schon nach der
Suppe das Gebiet der alten Anekdoten und gingen zu ernsteren und
fesselnderen Dingen über. In der Musik konnte ich ihr nicht Widerpart
halten, denn wir bedauernswerten Buddenbrooks wissen allzuwenig davon;
aber in der niederländischen Malerei war ich schon besser zu Hause, und in
der Literatur verstanden wir uns durchaus.
Page 274
Wahrlich, die Zeit verging im Fluge. Nach Tische ließ ich mich dem
alten Arnoldsen präsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit
entgegenkam. Später, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und
auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich ich
keine Ahnung vom Violinspiel habe, so weiß ich, daß sie auf ihrem
Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, daß einem beinahe
die Tränen in die Augen traten.
Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich
wurde zunächst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich
mich französisch unterhalten mußte; dann aber kam Gerda hinzu, und wir
plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur daß wir uns diesmal
noch mehr einander näherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu
verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony,
von unserer guten, alten Stadt und meiner Tätigkeit daselbst die Rede …
Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese
oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines
Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu
einer kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren
Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und
sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde … und
nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen
begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu
werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«,
sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem
Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie
hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit
aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt,
als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu
einiger Hoffnung gegeben habe.
Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er
hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich bin der
Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung perfekt.
Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen
schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise ich
alten Arnoldsen präsentieren, der mir mit ausgesuchter Verbindlichkeit
entgegenkam. Später, im Salon, trug er mehrere Konzertpiecen vor, und
auch Gerda produzierte sich. Sie sah prachtvoll dabei aus, und obgleich ich
keine Ahnung vom Violinspiel habe, so weiß ich, daß sie auf ihrem
Instrument (einer echten Stradivari) zu singen verstand, daß einem beinahe
die Tränen in die Augen traten.
Am folgenden Tage machte ich Besuch bei Arnoldsens, Buitenkant. Ich
wurde zunächst von einer alten Gesellschaftsdame empfangen, mit der ich
mich französisch unterhalten mußte; dann aber kam Gerda hinzu, und wir
plauderten wie tagszuvor wohl eine Stunde lang: nur daß wir uns diesmal
noch mehr einander näherten, uns noch mehr bestrebten, einander zu
verstehen und kennenzulernen. Es war wieder von Dir, Mama, von Tony,
von unserer guten, alten Stadt und meiner Tätigkeit daselbst die Rede …
Schon an diesem Tage stand mein Entschluß fest, welcher lautete: Diese
oder keine, jetzt oder niemals! Ich traf mit ihr noch gelegentlich eines
Gartenfestes bei meinem Freunde van Svindren zusammen, ich ward zu
einer kleinen musikalischen Soiree bei Arnoldsens selbst gebeten, in deren
Verlauf ich der jungen Dame gegenüber das Experiment einer halben und
sondierenden Erklärung machte, die ermutigend beantwortet wurde … und
nun ist es fünf Tage her, daß ich mich vormittags zu Herrn Arnoldsen
begab, um mir die Erlaubnis zu erbitten, um die Hand seiner Tochter zu
werben. Er empfing mich in seinem Privatkontor. »Mein lieber Konsul«,
sagte er, »Sie sind mir aufs höchste willkommen, so schwer es mir altem
Witwer fallen würde, mich von meiner Tochter zu trennen! Aber sie? Sie
hat bislang ihren Entschluß, niemals zu heiraten, mit Festigkeit
aufrechterhalten. Haben Sie denn Chancen?« Und er war äußerst erstaunt,
als ich ihm erwiderte, daß Fräulein Gerda mir in der Tat Veranlassung zu
einiger Hoffnung gegeben habe.
Er hat ihr einige Tage Zeit zum Besinnen gelassen, und ich glaube, er
hat ihr aus argem Egoismus sogar abgeraten. Aber es hilft nichts: ich bin der
Auserwählte, und seit gestern Nachmittag ist die Verlobung perfekt.
Nein, meine liebe Mama, ich bitte Dich jetzt nicht um Deinen
schriftlichen Segen zu dieser Verbindung, denn schon übermorgen reise ich
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ab; aber ich nehme das Versprechen der Arnoldsens mit, daß sie uns, der
Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August besuchen
werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß dies die
Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand darin, daß
Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals angenommen
haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem Kreise
Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde.
Und was die »Partie« betrifft?… Ach, ich ängstige mich beinahe davor,
daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann
und Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn
man von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist
Millionär … Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel Halbes
in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda Arnoldsen
mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief genug in mich
selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern die hohe Mitgift,
die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in ziemlich zynischer Weise
ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus beigetragen hat. Ich liebe sie,
aber es macht mein Glück und meinen Stolz desto größer, daß ich, indem
sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden
Kapitalzufluß erobere.
Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des
Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück
werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir
einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die
Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen.
In treuer Liebe
Dein gehorsamer Sohn
T.
Achtes Kapitel
In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen
Hochsommer im Buddenbrookschen Hause.
Vater, Gerda und auch ihre verheiratete Schwester, im August besuchen
werden, und dann wirst Du nicht umhin können zuzugestehen, daß dies die
Rechte für mich ist. Denn es liegt für Dich doch kein Einwand darin, daß
Gerda nur drei Jahr jünger ist als ich? Du wirst wohl niemals angenommen
haben, hoffe ich, daß ich irgendeinen Backfisch aus dem Kreise
Möllendorpf-Langhals-Kistenmaker-Hagenström heimführen würde.
Und was die »Partie« betrifft?… Ach, ich ängstige mich beinahe davor,
daß Stephan Kistenmaker und Hermann Hagenström und Peter Döhlmann
und Onkel Justus und die ganze Stadt mich pfiffig anblinzeln wird, wenn
man von der Partie erfährt; denn mein zukünftiger Schwiegervater ist
Millionär … Mein Gott, was läßt sich darüber sagen? Es gibt so viel Halbes
in uns, das so oder so gedeutet werden kann. Ich verehre Gerda Arnoldsen
mit Enthusiasmus, aber ich bin durchaus nicht gesonnen, tief genug in mich
selbst hinabzusteigen, um zu ergründen, ob und inwiefern die hohe Mitgift,
die man mir gleich bei der ersten Vorstellung in ziemlich zynischer Weise
ins Ohr flüsterte, zu diesem Enthusiasmus beigetragen hat. Ich liebe sie,
aber es macht mein Glück und meinen Stolz desto größer, daß ich, indem
sie mein eigen wird, gleichzeitig unserer Firma einen bedeutenden
Kapitalzufluß erobere.
Ich schließe, liebe Mutter, diesen Brief, der in Anbetracht des
Umstandes, daß wir uns in wenigen Tagen schon mündlich über mein Glück
werden bereden können, schon allzulang geworden ist. Ich wünsche dir
einen angenehmen und erholsamen Badeaufenthalt und bitte Dich, alle die
Unsrigen auf das Herzlichste von mir zu grüßen.
In treuer Liebe
Dein gehorsamer Sohn
T.
Achtes Kapitel
In der Tat, es gab dieses Jahr einen lebhaften und festlichen
Hochsommer im Buddenbrookschen Hause.
Page 276
Am Ende des Juli traf Thomas wieder in der Mengstraße ein und
besuchte, gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in
Anspruch genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während
Christian sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte
über einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow
durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto
eingehender nachdachte …
»Es ist kein Schmerz … so kann man es nicht nennen«, erklärte er
mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine
große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine
fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein … und an der
linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt … Sonderbar … ich finde es
sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom …«
»Ja, ja …« sagte Tom. »Du hast nun Ruhe und Seebäder …«
Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft
Geschichten zu erzählen, daß der Strand von Lachen widerhallte, oder in
den Kursaal, um mit Peter Döhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und
einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen.
Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in
Travemünde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe … »Good'n
Dag ook, Ma'm' Grünlich!« sagte der Lotsenkommandeur und redete vor
Freude platt. »Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her, öäwer
dat wier ne verdammt nette Tied … Un uns Morten, de is nu all lang Dokter
in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis, der Bengel …«
Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und sie vesperten in
der grünen Veranda wie ehemals … nur daß alle um volle zehn Jahre älter
waren nunmehr, daß Morten und die kleine Meta, die den Ortsvorsteher von
Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, daß der Kommandeur, schon ganz
weiß und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, daß seine Frau in ihrem Netze
ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame Grünlich keine Gans mehr
war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was sie aber nicht hinderte,
eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie sagte: »Das ist reines
Naturprodukt; da weiß man doch, was man verschluckt!«
besuchte, gleich den übrigen Herren, die in der Stadt geschäftlich in
Anspruch genommen waren, seine Familie einige Male am Meere, während
Christian sich daselbst vollkommene Ferien gemacht hatte, denn er klagte
über einen unbestimmten Schmerz im linken Bein, mit dem Doktor Grabow
durchaus nichts anzufangen wußte, und über den Christian daher desto
eingehender nachdachte …
»Es ist kein Schmerz … so kann man es nicht nennen«, erklärte er
mühsam, indem er mit der Hand an dem Beine auf und nieder fuhr, seine
große Nase krauste und die Augen wandern ließ. »Es ist eine Qual, eine
fortwährende, leise, beunruhigende Qual im ganzen Bein … und an der
linken Seite, an der Seite, wo das Herz sitzt … Sonderbar … ich finde es
sonderbar! Was denkst du eigentlich darüber, Tom …«
»Ja, ja …« sagte Tom. »Du hast nun Ruhe und Seebäder …«
Und dann ging Christian an die See hinunter, um der Badegesellschaft
Geschichten zu erzählen, daß der Strand von Lachen widerhallte, oder in
den Kursaal, um mit Peter Döhlmann, Onkel Justus, Doktor Gieseke und
einigen Hamburger Suitiers Roulette zu spielen.
Und Konsul Buddenbrook besuchte mit Tony, wie immer, wenn man in
Travemünde war, die alten Schwarzkopfs in der Vorderreihe … »Good'n
Dag ook, Ma'm' Grünlich!« sagte der Lotsenkommandeur und redete vor
Freude platt. »Na, weetens woll noch? Dat's nu all bangig lang her, öäwer
dat wier ne verdammt nette Tied … Un uns Morten, de is nu all lang Dokter
in Breslau, un hei hett ook all ne ganz staatsche Praxis, der Bengel …«
Dann lief Frau Schwarzkopf umher und machte Kaffee, und sie vesperten in
der grünen Veranda wie ehemals … nur daß alle um volle zehn Jahre älter
waren nunmehr, daß Morten und die kleine Meta, die den Ortsvorsteher von
Haffkrug geheiratet hatte, fern waren, daß der Kommandeur, schon ganz
weiß und ziemlich taub, im Ruhestand lebte, daß seine Frau in ihrem Netze
ebenfalls sehr graues Haar trug und Madame Grünlich keine Gans mehr
war, sondern das Leben kennengelernt hatte, was sie aber nicht hinderte,
eine Menge Scheibenhonig zu essen, denn sie sagte: »Das ist reines
Naturprodukt; da weiß man doch, was man verschluckt!«
Page 277
Zu Anfang des August jedoch kehrten Buddenbrooks wie die meisten
anderen Familien in die Stadt zurück, und dann kam der große Augenblick,
wo, fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Rußland und die Arnoldsens von
Holland her zu längerem Besuche in der Mengstraße eintrafen.
Es war eine sehr schöne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine
Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter führte, die ihr mit
ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda, die
mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt, war hoch
und üppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren nahe
beieinander liegenden, braunen, von feinen bläulichen Schatten umlagerten
Augen, ihren breiten, schimmernden Zähnen, die sie lächelnd zeigte, ihrer
geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten Munde war
dieses siebenundzwanzigjährige Mädchen von einer eleganten,
fremdartigen, fesselnden und rätselhaften Schönheit. Ihr Gesicht war
mattweiß und ein wenig hochmütig; aber sie neigte es dennoch, als die
Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hände nahm und
ihr die schneeige, makellose Stirne küßte … »Ja, nun heiße ich dich
willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schöne,
gesegnete Tochter«, sagte sie. »Du wirst ihn glücklich machen … sehe ich
es nicht schon, wie glücklich du ihn machst?« Und sie zog mit dem rechten
Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu küssen.
Niemals, höchstens vielleicht zu Großvaters Zeiten, war es heiterer und
geselliger zugegangen in dem großen Hause, das mit Leichtigkeit die Gäste
aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im
Rückgebäude beim Billardsaale ein Zimmer erwählt; die übrigen, Herr
Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fünfziger mit
grauem Spitzbart und einem liebenswürdigen Elan in jeder Bewegung,
seine ältere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn,
ein eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in
den Klub führen ließ, und Gerda verteilten sich in den überflüssigen
Räumen zu ebener Erde, bei der Säulenhalle, im ersten Stock …
Antonie Grünlich war froh, daß Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige
Geistliche im elterlichen Hause war … sie war mehr als froh! Die
Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, daß ausgemacht ihre
Freundin Gerda die Erwählte war, das Glänzende dieser Partie, die den
anderen Familien in die Stadt zurück, und dann kam der große Augenblick,
wo, fast gleichzeitig, Pastor Tiburtius von Rußland und die Arnoldsens von
Holland her zu längerem Besuche in der Mengstraße eintrafen.
Es war eine sehr schöne Szene, als der Konsul zum ersten Male seine
Braut ins Landschaftszimmer und zu seiner Mutter führte, die ihr mit
ausgebreiteten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, entgegenkam. Gerda, die
mit freier und stolzer Anmut auf dem hellen Teppich dahinschritt, war hoch
und üppig gewachsen. Mit ihrem schweren dunkelroten Haar, ihren nahe
beieinander liegenden, braunen, von feinen bläulichen Schatten umlagerten
Augen, ihren breiten, schimmernden Zähnen, die sie lächelnd zeigte, ihrer
geraden, starken Nase und ihrem wundervoll edel geformten Munde war
dieses siebenundzwanzigjährige Mädchen von einer eleganten,
fremdartigen, fesselnden und rätselhaften Schönheit. Ihr Gesicht war
mattweiß und ein wenig hochmütig; aber sie neigte es dennoch, als die
Konsulin ihr Haupt mit sanfter Innigkeit zwischen beide Hände nahm und
ihr die schneeige, makellose Stirne küßte … »Ja, nun heiße ich dich
willkommen in unserem Hause und unserer Familie, du liebe, schöne,
gesegnete Tochter«, sagte sie. »Du wirst ihn glücklich machen … sehe ich
es nicht schon, wie glücklich du ihn machst?« Und sie zog mit dem rechten
Arme Thomas herbei, um ihn ebenfalls zu küssen.
Niemals, höchstens vielleicht zu Großvaters Zeiten, war es heiterer und
geselliger zugegangen in dem großen Hause, das mit Leichtigkeit die Gäste
aufnahm. Nur Pastor Tiburtius hatte aus Bescheidenheit sich im
Rückgebäude beim Billardsaale ein Zimmer erwählt; die übrigen, Herr
Arnoldsen, ein beweglicher, witziger Mann am Ende der Fünfziger mit
grauem Spitzbart und einem liebenswürdigen Elan in jeder Bewegung,
seine ältere Tochter, eine leidend aussehende Dame, sein Schwiegersohn,
ein eleganter Lebemann, der sich von Christian in der Stadt umher und in
den Klub führen ließ, und Gerda verteilten sich in den überflüssigen
Räumen zu ebener Erde, bei der Säulenhalle, im ersten Stock …
Antonie Grünlich war froh, daß Sievert Tiburtius zur Zeit der einzige
Geistliche im elterlichen Hause war … sie war mehr als froh! Die
Verlobung ihres verehrten Bruders, die Tatsache, daß ausgemacht ihre
Freundin Gerda die Erwählte war, das Glänzende dieser Partie, die den
Page 278
Familiennamen und die Firma mit neuem Schimmer bestrahlte, die 300000
Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hören, der Gedanke, was die
Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenströms dazu
sagen würden … das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand beständiger
Entzückung zu versetzen. Dreimal stündlich zum wenigsten umarmte sie
ihre zukünftige Schwägerin mit Leidenschaft …
»Oh, Gerda!« rief sie. »Ich liebe dich, weißt du, ich habe dich immer
geliebt! Ich weiß ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer
gehaßt, aber …«
»Aber ich bitte dich, Tony!« sagte Fräulein Arnoldsen. »Wie sollte ich
wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir
eigentlich Greuliches angetan hast?«
Aus irgendwelchen Gründen jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus
übermäßiger Freude und bloßer Lust am Reden, beharrte Tony störrisch
dabei, daß Gerda sie immer gehaßt habe, daß sie aber ihrerseits – und ihre
Augen füllten sich mit Tränen – diesen Haß stets mit Liebe vergolten habe.
Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: »Das hast du gut
gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, daß Va t e r dies
nicht mehr erlebt … es ist zum Heulen, weißt du! Ja, hiermit wird manches
ausgewetzt … nicht zuletzt die Sache mit jener Persönlichkeit, deren
Namen ich nicht gern in den Mund nehme …« Worauf es ihr einfiel, Gerda
in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze Ehe mit Bendix Grünlich
in fürchterlicher Ausführlichkeit zu erzählen. Auch plauderte sie lange
Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren abendlichen Gesprächen
damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg und Eva Ewers in
München … Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung mit Klara
bekümmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden trachteten auch
nicht danach. Sie saßen meist stille Hand in Hand und sprachen sanft und
ernst von einer schönen Zukunft.
Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so
wurden die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda
Arnoldsen aber war dennoch rasch genug berühmt in der Stadt, ja, ihre
Person bildete den hauptsächlichen Gesprächsstoff an der Börse, im Klub,
im Stadttheater, in Gesellschaft … »Tipptopp«, sagten die Suitiers und
Kurantmark Mitgift, von der sie hatte munkeln hören, der Gedanke, was die
Stadt, was die anderen Familien, was im besonderen Hagenströms dazu
sagen würden … das alles trug dazu bei, sie in einen Zustand beständiger
Entzückung zu versetzen. Dreimal stündlich zum wenigsten umarmte sie
ihre zukünftige Schwägerin mit Leidenschaft …
»Oh, Gerda!« rief sie. »Ich liebe dich, weißt du, ich habe dich immer
geliebt! Ich weiß ja, du kannst mich nicht leiden, du hast mich immer
gehaßt, aber …«
»Aber ich bitte dich, Tony!« sagte Fräulein Arnoldsen. »Wie sollte ich
wohl dazu gekommen sein, dich zu hassen? Darf ich fragen, was du mir
eigentlich Greuliches angetan hast?«
Aus irgendwelchen Gründen jedoch, wahrscheinlich ganz allein aus
übermäßiger Freude und bloßer Lust am Reden, beharrte Tony störrisch
dabei, daß Gerda sie immer gehaßt habe, daß sie aber ihrerseits – und ihre
Augen füllten sich mit Tränen – diesen Haß stets mit Liebe vergolten habe.
Hierauf nahm sie Thomas beiseite und sagte zu ihm: »Das hast du gut
gemacht, Tom, o Gott, wie hast du das gut gemacht! Nein, daß Va t e r dies
nicht mehr erlebt … es ist zum Heulen, weißt du! Ja, hiermit wird manches
ausgewetzt … nicht zuletzt die Sache mit jener Persönlichkeit, deren
Namen ich nicht gern in den Mund nehme …« Worauf es ihr einfiel, Gerda
in ein leeres Zimmer zu ziehen und ihr ihre ganze Ehe mit Bendix Grünlich
in fürchterlicher Ausführlichkeit zu erzählen. Auch plauderte sie lange
Stunden mit ihr von der Pensionszeit, von ihren abendlichen Gesprächen
damals, von Armgard von Schilling in Mecklenburg und Eva Ewers in
München … Um Sievert Tiburtius und seine Verlobung mit Klara
bekümmerte sie sich beinahe gar nicht; aber die beiden trachteten auch
nicht danach. Sie saßen meist stille Hand in Hand und sprachen sanft und
ernst von einer schönen Zukunft.
Da das Trauerjahr der Buddenbrooks noch nicht abgelaufen war, so
wurden die beiden Verlobungen nur in der Familie gefeiert; Gerda
Arnoldsen aber war dennoch rasch genug berühmt in der Stadt, ja, ihre
Person bildete den hauptsächlichen Gesprächsstoff an der Börse, im Klub,
im Stadttheater, in Gesellschaft … »Tipptopp«, sagten die Suitiers und
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schnalzten mit der Zunge, denn das war der neueste hamburgische
Ausdruck für etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine
Rotweinmarke, um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschäftliche
Bonität. Aber unter den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren
viele, die den Kopf schüttelten … »Sonderbar … diese Toiletten, dieses
Haar, diese Haltung, dieses Gesicht … ein bißchen reichlich sonderbar.«
Kaufmann Sörensen drückte es aus: »Sie hat ein bißchen was
Gewisses …«, und dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie
wenn ihm an der Börse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war
Konsul Buddenbrook … es sah ihm ähnlich. Ein bißchen prätentiös, dieser
Thomas Buddenbrook, ein bißchen … anders: anders auch als seine
Vorfahren. Man wußte, besonders der Tuchhändler Benthien wußte es, daß
er nicht nur seine sämtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstücke –
und er besaß deren ungewöhnlich viele: Pardessus, Röcke, Hüte, Westen,
Beinkleider und Krawatten – ja auch seine Wäsche aus Hamburg bezog.
Man wußte sogar, daß er tagtäglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das
Hemd wechselte und sich das Taschentuch und den à la Napoleon III.
ausgezogenen Schnurrbart parfümierte. Und das alles tat er nicht der Firma
und der Repräsentation zuliebe – das Haus »Johann Buddenbrook« hatte
das nicht nötig –, sondern aus einer persönlichen Neigung zum Superfeinen
und Aristokratischen … wie sollte man das ausdrücken, Teufel noch mal!
Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern, die er manchmal
bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschäftlichen oder städtischen
Fragen in seine Rede einfließen ließ … Und nun diese Frau … Nein, auch
an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war »ein bißchen was Gewisses« – –
was selbstverständlich mit jederlei Respekt bemerkt werden sollte, denn die
Familie war hoch achtbar, und die Firma war von höchster Bonität, und der
Chef war ein gescheuter, liebenswürdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr
sicher noch erfolgreich dienen würde … Und es war ja auch eine höllisch
feine Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant … Indessen …
Und unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz
einfach »a l b e r n« fanden; wobei daran zu erinnern ist, daß »albern« einen
sehr harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.
Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Straße erschaut,
Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte,
das war der Makler Gosch. »Ha!« sagte er im Klub oder in der
Ausdruck für etwas auserlesen Feines, handelte es sich nun um eine
Rotweinmarke, um eine Zigarre, um ein Diner oder um geschäftliche
Bonität. Aber unter den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren
viele, die den Kopf schüttelten … »Sonderbar … diese Toiletten, dieses
Haar, diese Haltung, dieses Gesicht … ein bißchen reichlich sonderbar.«
Kaufmann Sörensen drückte es aus: »Sie hat ein bißchen was
Gewisses …«, und dabei wand er sich und machte ein krauses Gesicht, wie
wenn ihm an der Börse eine faule Offerte gemacht wurde. Aber es war
Konsul Buddenbrook … es sah ihm ähnlich. Ein bißchen prätentiös, dieser
Thomas Buddenbrook, ein bißchen … anders: anders auch als seine
Vorfahren. Man wußte, besonders der Tuchhändler Benthien wußte es, daß
er nicht nur seine sämtlichen feinen und neumodischen Kleidungsstücke –
und er besaß deren ungewöhnlich viele: Pardessus, Röcke, Hüte, Westen,
Beinkleider und Krawatten – ja auch seine Wäsche aus Hamburg bezog.
Man wußte sogar, daß er tagtäglich, manchmal sogar zweimal am Tage, das
Hemd wechselte und sich das Taschentuch und den à la Napoleon III.
ausgezogenen Schnurrbart parfümierte. Und das alles tat er nicht der Firma
und der Repräsentation zuliebe – das Haus »Johann Buddenbrook« hatte
das nicht nötig –, sondern aus einer persönlichen Neigung zum Superfeinen
und Aristokratischen … wie sollte man das ausdrücken, Teufel noch mal!
Und dann diese Zitate aus Heine und anderen Dichtern, die er manchmal
bei den praktischsten Gelegenheiten, bei geschäftlichen oder städtischen
Fragen in seine Rede einfließen ließ … Und nun diese Frau … Nein, auch
an ihm selbst, an Konsul Buddenbrook war »ein bißchen was Gewisses« – –
was selbstverständlich mit jederlei Respekt bemerkt werden sollte, denn die
Familie war hoch achtbar, und die Firma war von höchster Bonität, und der
Chef war ein gescheuter, liebenswürdiger Mann, der die Stadt liebte und ihr
sicher noch erfolgreich dienen würde … Und es war ja auch eine höllisch
feine Partie, man sprach von runden 100000 Talern Kurant … Indessen …
Und unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen ganz
einfach »a l b e r n« fanden; wobei daran zu erinnern ist, daß »albern« einen
sehr harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.
Wer aber, seitdem er sie zum ersten Male auf der Straße erschaut,
Thomas Buddenbrooks Braut mit einer ingrimmigen Begeisterung verehrte,
das war der Makler Gosch. »Ha!« sagte er im Klub oder in der
Page 280
»Schiffergesellschaft«, indem er sein Punschglas emporhielt und sein
Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte … »Welch ein Weib,
meine Herren! Here und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person
… Ha, das Leben ist doch schön!« fügte er unvermittelt hinzu; und keiner
der Bürger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten Holzbänken des
alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und großen Fischen, die von
der Decke herabhingen, saßen und ihren Schoppen tranken, keiner verstand,
welches Ereignis das Erscheinen Gerda Arnoldsens in dem bescheidenen
und nach Außerordentlichem sehnsüchtigen Leben des Maklers Gosch
bedeutete …
Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu größeren Festlichkeiten, hatte die
kleine Gesellschaft in der Mengstraße desto bessere Muße, vertraut
miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzählte, Klaras Hand in der
seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplänen; die
Arnoldsens erzählten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war,
und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden
sei; und dann verlangte Madame Grünlich nach dem Schlüssel zum
Sekretär im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den
Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits
vermerkt hatte. Sie kündete mit Wichtigkeit von der Geschichte der
Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits
so sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor:
»Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
Sich vor unsrem Blick verband:
Venus Anadyomene
Und Vulcani fleiß'ge Hand …«
wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe
spielen ließ; und aus Achtung vor der Historie überging sie keineswegs das
Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer Persönlichkeit, deren
Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund nahm …
Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gäste: Justus
Kröger kam mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte,
weil sie selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob
Geld über Geld sandte … sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde
Intrigantengesicht in greulicher Mimik verzerrte … »Welch ein Weib,
meine Herren! Here und Aphrodite, Brünhilde und Melusine in einer Person
… Ha, das Leben ist doch schön!« fügte er unvermittelt hinzu; und keiner
der Bürger, die um ihn her auf den schweren geschnitzten Holzbänken des
alten Schifferhauses unter den Seglermodellen und großen Fischen, die von
der Decke herabhingen, saßen und ihren Schoppen tranken, keiner verstand,
welches Ereignis das Erscheinen Gerda Arnoldsens in dem bescheidenen
und nach Außerordentlichem sehnsüchtigen Leben des Maklers Gosch
bedeutete …
Nicht verpflichtet, wie gesagt, zu größeren Festlichkeiten, hatte die
kleine Gesellschaft in der Mengstraße desto bessere Muße, vertraut
miteinander zu werden. Sievert Tiburtius erzählte, Klaras Hand in der
seinen, von seinen Eltern, seiner Jugend und seinen Zukunftsplänen; die
Arnoldsens erzählten von ihrem Stammbaum, der in Dresden zu Hause war,
und von dem nur dieser eine Zweig in die Niederlande verpflanzt worden
sei; und dann verlangte Madame Grünlich nach dem Schlüssel zum
Sekretär im Landschaftszimmer und schleppte ernsthaft die Mappe mit den
Familienpapieren herbei, in denen Thomas auch die neuesten Daten bereits
vermerkt hatte. Sie kündete mit Wichtigkeit von der Geschichte der
Buddenbrooks, von dem Gewandschneider zu Rostock an, der sich bereits
so sehr gut gestanden, sie las alte Festgedichte vor:
»Tüchtigkeit und zücht'ge Schöne
Sich vor unsrem Blick verband:
Venus Anadyomene
Und Vulcani fleiß'ge Hand …«
wobei sie Tom und Gerda anblinzelte und die Zunge an der Oberlippe
spielen ließ; und aus Achtung vor der Historie überging sie keineswegs das
Eingreifen in die Familiengeschichte von seiten einer Persönlichkeit, deren
Namen sie eigentlich nicht gern in den Mund nahm …
Donnerstags um vier Uhr aber kamen die gewohnten Gäste: Justus
Kröger kam mit seiner schwachen Gattin, mit der er sehr in Unfrieden lebte,
weil sie selbst nach Amerika noch dem ungeratenen und enterbten Jakob
Geld über Geld sandte … sie ersparte es ganz einfach vom Wirtschaftsgelde
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und aß mit ihrem Manne beinahe nichts als Buchweizengrütze, da war
nichts zu machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße, die denn doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen mußten,
daß Erika Grünlich wieder nicht zugenommen habe, daß sie ihrem Vater,
dem Betrüger, noch ähnlicher geworden sei, und daß des Konsuls Braut
eine z i e m l i c h auffällige Frisur trage … Und auch Sesemi Weichbrodt
kam, stellte sich auf die Zehenspitzen, küßte Gerda mit leise knallendem
Geräusch auf die Stirn und sagte bewegt: »Sei glöcklich, du gutes Kend!«
Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und
phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, während man
den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer Wildheit,
einer Leidenschaft, einer Fertigkeit … aber auch Gerda holte ihre Stradivari
herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit ihrer süßen Cantilene
in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse Duos, im
Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo einstmals
des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der Flöte
geblasen hatte.
»Erhaben!« sagte Tony, die weit zurückgebeugt in ihrem Lehnsessel saß
… »O Gott, wie finde ich es erhaben!« Und ernst, langsam und gewichtig,
mit aufwärts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften und aufrichtigen
Empfindungen auszudrücken … »Nein, wißt ihr, wie es im Leben so geht
… nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil! Mir hat der Himmel
dergleichen versagt, wißt ihr, obgleich ich ihn in mancher Nacht darum
angefleht … Ich bin eine Gans, ein dummes Ding … Ja, Gerda, laß dir
sagen … ich bin die Ältere und habe das Leben kennengelernt .... Du
solltest täglich deinem Schöpfer auf den Knien dafür danken, ein solch
gottbegnadigtes Geschöpf zu sein …!«
»… Begnadetes«, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schönen, weißen,
breiten Zähne.
Später aber rückten alle zusammen, um gemeinsam über die nächste
Zukunft das Nötige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am
Ende des Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, würden
Sievert Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurückkehren.
Gleich nach der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Säulenhalle mit
nichts zu machen. Es kamen die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße, die denn doch der Wahrheit die Ehre geben und feststellen mußten,
daß Erika Grünlich wieder nicht zugenommen habe, daß sie ihrem Vater,
dem Betrüger, noch ähnlicher geworden sei, und daß des Konsuls Braut
eine z i e m l i c h auffällige Frisur trage … Und auch Sesemi Weichbrodt
kam, stellte sich auf die Zehenspitzen, küßte Gerda mit leise knallendem
Geräusch auf die Stirn und sagte bewegt: »Sei glöcklich, du gutes Kend!«
Dann sprach bei Tische Herr Arnoldsen einen seiner witzigen und
phantasievollen Toaste zu Ehren der Brautpaare, und hernach, während man
den Kaffee nahm, spielte er die Geige wie ein Zigeuner, mit einer Wildheit,
einer Leidenschaft, einer Fertigkeit … aber auch Gerda holte ihre Stradivari
herbei, von der sie sich niemals trennte, und griff mit ihrer süßen Cantilene
in seine Passagen ein, und sie spielten pompöse Duos, im
Landschaftszimmer, beim Harmonium, an derselben Stelle, wo einstmals
des Konsuls Großvater seine kleinen, sinnigen Melodien auf der Flöte
geblasen hatte.
»Erhaben!« sagte Tony, die weit zurückgebeugt in ihrem Lehnsessel saß
… »O Gott, wie finde ich es erhaben!« Und ernst, langsam und gewichtig,
mit aufwärts gerichteten Augen fuhr sie fort, ihre lebhaften und aufrichtigen
Empfindungen auszudrücken … »Nein, wißt ihr, wie es im Leben so geht
… nicht jedem wird ja immer eine solche Gabe zuteil! Mir hat der Himmel
dergleichen versagt, wißt ihr, obgleich ich ihn in mancher Nacht darum
angefleht … Ich bin eine Gans, ein dummes Ding … Ja, Gerda, laß dir
sagen … ich bin die Ältere und habe das Leben kennengelernt .... Du
solltest täglich deinem Schöpfer auf den Knien dafür danken, ein solch
gottbegnadigtes Geschöpf zu sein …!«
»… Begnadetes«, sagte Gerda und zeigte lachend ihre schönen, weißen,
breiten Zähne.
Später aber rückten alle zusammen, um gemeinsam über die nächste
Zukunft das Nötige zu beratschlagen und Weingelee dazu zu essen. Am
Ende des Monats oder Anfang September, so ward beschlossen, würden
Sievert Tiburtius sowohl wie Arnoldsens in die Heimat zurückkehren.
Gleich nach der Weihnacht sollte Klaras Trauung in der Säulenhalle mit
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allem Aufwand gefeiert werden, während die Hochzeit in Amsterdam, der
»bei Leben und Gesundheit« auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis
zum Beginn des nächsten Jahres verschoben werden mußte: damit eine
Ruhepause vorherginge. Es half nichts, daß Thomas sich widersetzte.
»Bitte!« sagte die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm … »Sievert
hat das prévenir!«
Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda
und Thomas aber wurden sich einig über eine Route durch Oberitalien nach
Florenz. Sie würden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber
sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstraße,
das hübsche kleine Haus in der Breiten Straße bereitmachen, das einem
nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehörte, und dessen Ankauf der
Konsul bereits betrieb. Oh, Tony würde das schon zur Zufriedenheit
ausführen! »Ihr sollt es v o r n e h m haben!« sagte sie; und davon waren alle
überzeugt.
Christian aber ging mit seinen dünnen, gebogenen Beinen und seiner
großen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den
Händen hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer
und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte
Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schließlich sagte
er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine, die ältlich,
still, dürr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten der Glücklichen
saß: »Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heißt … jeder für sich!«
Neuntes Kapitel
Ungefähr sieben Monate später kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner
Gattin aus Italien zurück. Märzschnee lag in der Breiten Straße, als fünf
Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit Ölfarbe gestrichenen
Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und erwachsene Bürger
blieben stehen, um die Ankömmlinge aussteigen zu sehen. Frau Antonie
Grünlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die sie getroffen, in der
Haustür, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls zum Empfange bereit, mit
»bei Leben und Gesundheit« auch die Konsulin beizuwohnen gedachte, bis
zum Beginn des nächsten Jahres verschoben werden mußte: damit eine
Ruhepause vorherginge. Es half nichts, daß Thomas sich widersetzte.
»Bitte!« sagte die Konsulin und legte die Hand auf seinen Arm … »Sievert
hat das prévenir!«
Der Pastor und seine Braut verzichteten auf eine Hochzeitsreise. Gerda
und Thomas aber wurden sich einig über eine Route durch Oberitalien nach
Florenz. Sie würden etwa zwei Monate abwesend sein; unterdessen aber
sollte Antonie, zusammen mit dem Tapezierer Jacobs aus der Fischstraße,
das hübsche kleine Haus in der Breiten Straße bereitmachen, das einem
nach Hamburg verzogenen Junggesellen gehörte, und dessen Ankauf der
Konsul bereits betrieb. Oh, Tony würde das schon zur Zufriedenheit
ausführen! »Ihr sollt es v o r n e h m haben!« sagte sie; und davon waren alle
überzeugt.
Christian aber ging mit seinen dünnen, gebogenen Beinen und seiner
großen Nase in diesem Zimmer umher, in dem zwei Brautpaare sich an den
Händen hielten, und in dem von nichts anderem als von Trauung, Aussteuer
und Hochzeitsreisen die Rede war. Er empfand eine Qual, eine unbestimmte
Qual in seinem linken Bein und sah alle aus seinen kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ernst, unruhig und nachdenklich an. Schließlich sagte
er in der Aussprache Marcellus Stengels zu seiner armen Kusine, die ältlich,
still, dürr und selbst nach Tische noch hungrig inmitten der Glücklichen
saß: »Na, Thilda, nun heiraten wir auch bald; das heißt … jeder für sich!«
Neuntes Kapitel
Ungefähr sieben Monate später kehrte Konsul Buddenbrook mit seiner
Gattin aus Italien zurück. Märzschnee lag in der Breiten Straße, als fünf
Uhr nachmittags die Droschke an der schlichten, mit Ölfarbe gestrichenen
Fassade ihres Hauses vorfuhr. Ein paar Kinder und erwachsene Bürger
blieben stehen, um die Ankömmlinge aussteigen zu sehen. Frau Antonie
Grünlich stand, stolz auf die Vorbereitungen, die sie getroffen, in der
Haustür, und hinter ihr hielten sich, gleichfalls zum Empfange bereit, mit
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weißen Mützen, nackten Armen und dicken, gestreiften Röcken, die beiden
Dienstmädchen, die sie ihrer Schwägerin kundig erwählt hatte.
Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen
hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern
bepackten Wagen verließen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein …
»Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glücklichen, die ihr so weit
herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Säulen ruht sein
Dach?… Gerda, du bist noch schöner geworden, komm, laß mich dich
küssen … nein, auch auf den Mund … so! Guten Tag, alter Tom, ja, du
bekömmst auch einen Kuß. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut
gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstraße; aber zuvor
macht ihr es euch bequem … Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist
alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich
angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte …«
Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, während die Mädchen mit dem
Kutscher das Gepäck hereinschleppten. Tony sagte: »Die Zimmer hier im
Parterre werdet ihr vorläufig nicht viel gebrauchen … vorläufig«,
wiederholte sie und ließ die Zungenspitze an der Oberlippe spielen. »Dies
hier ist hübsch« – und sie öffnete gleich rechts beim Windfang eine Tür. –
»Da ist Efeu vor den Fenstern … einfache Holzmöbel … Eiche … Dort
hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes, größeres. Hier rechts sind
Küche und Speisekammer … Aber wir wollen hinaufgehen; oh, ich will
euch alles zeigen!«
Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Läufer die bequeme Treppe
empor. Droben, hinter einer gläsernen Etagentür, war ein schmaler Korridor.
Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden Tisch, auf dem
der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen Tapeten, an denen
geschnitzte Nußholzstühle mit Rohrsitzen und ein massives Büfett standen.
Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war da, nur durch Portieren
getrennt von einem schmalen Salon mit grüngestreiften Ripsfauteuils und
einem Erker. Ein Viertel des ganzen Stockwerkes aber nahm ein Saal von
drei Fenstern ein. Dann gingen sie ins Schlafzimmer hinüber.
Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblümten Gardinen und
mächtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen
Dienstmädchen, die sie ihrer Schwägerin kundig erwählt hatte.
Eilfertig und erhitzt von Arbeit und Freude lief sie die flachen Stufen
hinunter und zog Gerda und Thomas, die in ihren Pelzen den mit Koffern
bepackten Wagen verließen, unter Umarmungen in den Hausflur hinein …
»Da seid ihr! Da seid ihr, ihr Glücklichen, die ihr so weit
herumgekommen seid! Habt ihr das Haus gesehen: auf Säulen ruht sein
Dach?… Gerda, du bist noch schöner geworden, komm, laß mich dich
küssen … nein, auch auf den Mund … so! Guten Tag, alter Tom, ja, du
bekömmst auch einen Kuß. Marcus hat gesagt, es sei hier alles sehr gut
gegangen unterdessen. Mutter erwartet euch in der Mengstraße; aber zuvor
macht ihr es euch bequem … Wollt ihr Tee haben? Ein Bad nehmen? Es ist
alles bereit. Ihr werdet euch nicht zu beklagen haben. Jacobs hat sich
angestrengt, und ich habe auch getan, was ich konnte …«
Sie gingen zusammen auf den Vorplatz, während die Mädchen mit dem
Kutscher das Gepäck hereinschleppten. Tony sagte: »Die Zimmer hier im
Parterre werdet ihr vorläufig nicht viel gebrauchen … vorläufig«,
wiederholte sie und ließ die Zungenspitze an der Oberlippe spielen. »Dies
hier ist hübsch« – und sie öffnete gleich rechts beim Windfang eine Tür. –
»Da ist Efeu vor den Fenstern … einfache Holzmöbel … Eiche … Dort
hinten, jenseits des Korridors, liegt ein anderes, größeres. Hier rechts sind
Küche und Speisekammer … Aber wir wollen hinaufgehen; oh, ich will
euch alles zeigen!«
Sie stiegen auf dem breiten, dunkelroten Läufer die bequeme Treppe
empor. Droben, hinter einer gläsernen Etagentür, war ein schmaler Korridor.
Es lag das Speisezimmer daran, mit einem schweren runden Tisch, auf dem
der Samowar kochte, und dunkelroten, damastartigen Tapeten, an denen
geschnitzte Nußholzstühle mit Rohrsitzen und ein massives Büfett standen.
Ein behagliches Wohnzimmer in grauem Tuche war da, nur durch Portieren
getrennt von einem schmalen Salon mit grüngestreiften Ripsfauteuils und
einem Erker. Ein Viertel des ganzen Stockwerkes aber nahm ein Saal von
drei Fenstern ein. Dann gingen sie ins Schlafzimmer hinüber.
Es lag zur rechten Hand am Korridor, mit geblümten Gardinen und
mächtigen Mahagonibetten. Tony aber ging zu der kleinen, durchbrochenen
Page 284
Pforte dort hinten, drückte die Klinke und legte den Zugang zu einer
Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabführten: ins
Badezimmer und die Mädchenkammern.
»Hier ist es hübsch. Hier will ich bleiben«, sagte Gerda und sank
aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten.
Der Konsul beugte sich zu ihr und küßte ihr die Stirne. »Müde? Aber es
ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bißchen zu säubern …«
»Und ich werde nach dem Teewasser sehen«, sagte Frau Grünlich; »ich
erwarte euch im Eßzimmer …« Und sie ging dorthin.
Der Tee stand dampfend in Meißener Tassen bereit, als Thomas
herüberkam. »Da bin ich«, sagte er, »Gerda möchte noch eine halbe Stunde
ruhen. Sie hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstraße …
Alles wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?… Aber nun«,
fuhr er mit seiner liebenswürdigsten Bewegung fort, »unseren herzlichsten
Dank, auch Gerdas, für all deine Mühen, du Gute! Wie hübsch du das alles
gemacht hast! Es fehlt nichts, als daß meine Frau ein paar Palmen für ihren
Erker bekommt, und daß ich mich nach einigen brauchbaren Ölgemälden
umsehe … Aber nun erzähle mal! Wie geht es dir, was hast du getrieben
unterdessen!«
Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank
langsam seinen Tee und aß ein Biskuit, während sie sprachen.
»Ach, Tom«, antwortete sie. »Was soll ich treiben? Mein Leben liegt
hinter mir …«
»Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben … Aber wir langweilen uns wohl
ziemlich stark?«
»Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor
Langerweile. Die Beschäftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht,
und du glaubst nicht, wie glücklich ich über eure Rückkehr bin … Aber ich
bin nicht gern zu Hause, weißt du; Gott strafe mich, wenn das eine Sünde
ist. Ich bin nun im Dreißigsten, aber das ist noch nicht das Alter, um mit der
letzten Himmelsbürgern oder den Damen Gerhardt oder einem von Mutters
Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen, Busenfreundschaft zu
Wendeltreppe frei, deren Windungen ins Souterrain hinabführten: ins
Badezimmer und die Mädchenkammern.
»Hier ist es hübsch. Hier will ich bleiben«, sagte Gerda und sank
aufatmend in den Lehnsessel an einem der Betten.
Der Konsul beugte sich zu ihr und küßte ihr die Stirne. »Müde? Aber es
ist wahr, ich habe auch Lust, mich ein bißchen zu säubern …«
»Und ich werde nach dem Teewasser sehen«, sagte Frau Grünlich; »ich
erwarte euch im Eßzimmer …« Und sie ging dorthin.
Der Tee stand dampfend in Meißener Tassen bereit, als Thomas
herüberkam. »Da bin ich«, sagte er, »Gerda möchte noch eine halbe Stunde
ruhen. Sie hat Kopfschmerzen. Wir wollen nachher in die Mengstraße …
Alles wohlauf, meine liebe Tony? Mutter, Erika, Christian?… Aber nun«,
fuhr er mit seiner liebenswürdigsten Bewegung fort, »unseren herzlichsten
Dank, auch Gerdas, für all deine Mühen, du Gute! Wie hübsch du das alles
gemacht hast! Es fehlt nichts, als daß meine Frau ein paar Palmen für ihren
Erker bekommt, und daß ich mich nach einigen brauchbaren Ölgemälden
umsehe … Aber nun erzähle mal! Wie geht es dir, was hast du getrieben
unterdessen!«
Er hatte seiner Schwester einen Stuhl zu sich herangezogen, trank
langsam seinen Tee und aß ein Biskuit, während sie sprachen.
»Ach, Tom«, antwortete sie. »Was soll ich treiben? Mein Leben liegt
hinter mir …«
»Unsinn, Tony! Du mit deinem Leben … Aber wir langweilen uns wohl
ziemlich stark?«
»Ja, Tom, ich langweile mich ganz ungemein. Manchmal heule ich vor
Langerweile. Die Beschäftigung mit diesem Hause hat mir Freude gemacht,
und du glaubst nicht, wie glücklich ich über eure Rückkehr bin … Aber ich
bin nicht gern zu Hause, weißt du; Gott strafe mich, wenn das eine Sünde
ist. Ich bin nun im Dreißigsten, aber das ist noch nicht das Alter, um mit der
letzten Himmelsbürgern oder den Damen Gerhardt oder einem von Mutters
Dunkelmännern, die der Witwen Häuser fressen, Busenfreundschaft zu
Page 285
schließen … Ich glaube nicht an sie, Tom, es sind Wölfe in Schafspelzen …
Otterngezücht … Wir sind alle schwache Menschen mit sündigen Herzen,
und wenn sie mitleidig auf mich armes Weltkind herabsehen wollen, so
lache ich sie aus. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß alle Menschen
gleich sind, und daß es keiner Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem
lieben Gott. Du kennst auch meine politischen Grundsätze. Ich will, daß der
Bürger zum Staate …«
»Also du fühlst dich ein wenig vereinsamt, wie?« fragte Thomas, um sie
wieder auf den Weg zu bringen. »Aber höre, du hast doch Erika?«
»Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine
gewisse Persönlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb … Aber, siehst
du … ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich rede, wie's mir
ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen …«
»Was sehr hübsch von dir ist, Tony.«
»Kurz, das traurige ist, daß das Kind mich allzusehr an Grünlich
erinnert … auch Buddenbrooks in der Breiten Straße sagen, daß es ihm so
sehr ähnlich ist … Und dann, wenn ich es vor mir habe, muß ich beständig
denken: Du bist eine alte Frau mit einer großen Tochter und das Leben liegt
hinter dir. Du hast einmal während einiger Jahre daringestanden, aber nun
kannst du siebzig und achtzig Jahre alt werden und wirst hier sitzen bleiben
und Lea Gerhardt vorlesen hören. Der Gedanke ist mir so traurig, Tom, daß
er mir hier in der Kehle sitzt und drückt. Denn ich empfinde noch so
jugendlich, weißt du, und sehne mich danach, noch einmal ins Leben
hinauszukommen … Und schließlich: nicht bloß im Hause, auch in der
ganzen Stadt fühle ich mich nicht ganz wohl, denn du mußt nicht glauben,
daß ich mit Blindheit geschlagen bin für die Verhältnisse, ich bin keine
Gans mehr und habe meine Augen im Kopfe. Ich bin eine geschiedene Frau
und bekomme es zu fühlen, das ist sehr klar. Du kannst mir glauben, Tom,
daß es mir immer schwer auf dem Herzen liegt, unseren Namen, wenn auch
ohne eigene Schuld, so befleckt zu haben. Du kannst tun, was du willst, du
kannst Geld verdienen und der erste Mann in der Stadt werden, – die Leute
werden immer noch sagen: ›Ja … seine Schwester ist übrigens eine
geschiedene Frau.‹ Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, grüßt mich
nicht … nun, sie ist eine Gans! Aber so geht es bei allen Familien … Und
Otterngezücht … Wir sind alle schwache Menschen mit sündigen Herzen,
und wenn sie mitleidig auf mich armes Weltkind herabsehen wollen, so
lache ich sie aus. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß alle Menschen
gleich sind, und daß es keiner Mittlerschaft bedarf zwischen uns und dem
lieben Gott. Du kennst auch meine politischen Grundsätze. Ich will, daß der
Bürger zum Staate …«
»Also du fühlst dich ein wenig vereinsamt, wie?« fragte Thomas, um sie
wieder auf den Weg zu bringen. »Aber höre, du hast doch Erika?«
»Ja, Tom, und ich liebe das Kind von ganzem Herzen, obgleich eine
gewisse Persönlichkeit behauptete, ich sei nicht kinderlieb … Aber, siehst
du … ich bin offen zu dir, ich bin ein ehrliches Weib, ich rede, wie's mir
ums Herz ist und halte nichts vom Wortemachen …«
»Was sehr hübsch von dir ist, Tony.«
»Kurz, das traurige ist, daß das Kind mich allzusehr an Grünlich
erinnert … auch Buddenbrooks in der Breiten Straße sagen, daß es ihm so
sehr ähnlich ist … Und dann, wenn ich es vor mir habe, muß ich beständig
denken: Du bist eine alte Frau mit einer großen Tochter und das Leben liegt
hinter dir. Du hast einmal während einiger Jahre daringestanden, aber nun
kannst du siebzig und achtzig Jahre alt werden und wirst hier sitzen bleiben
und Lea Gerhardt vorlesen hören. Der Gedanke ist mir so traurig, Tom, daß
er mir hier in der Kehle sitzt und drückt. Denn ich empfinde noch so
jugendlich, weißt du, und sehne mich danach, noch einmal ins Leben
hinauszukommen … Und schließlich: nicht bloß im Hause, auch in der
ganzen Stadt fühle ich mich nicht ganz wohl, denn du mußt nicht glauben,
daß ich mit Blindheit geschlagen bin für die Verhältnisse, ich bin keine
Gans mehr und habe meine Augen im Kopfe. Ich bin eine geschiedene Frau
und bekomme es zu fühlen, das ist sehr klar. Du kannst mir glauben, Tom,
daß es mir immer schwer auf dem Herzen liegt, unseren Namen, wenn auch
ohne eigene Schuld, so befleckt zu haben. Du kannst tun, was du willst, du
kannst Geld verdienen und der erste Mann in der Stadt werden, – die Leute
werden immer noch sagen: ›Ja … seine Schwester ist übrigens eine
geschiedene Frau.‹ Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, grüßt mich
nicht … nun, sie ist eine Gans! Aber so geht es bei allen Familien … Und
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doch, ich k a n n die Hoffnung nicht aufgeben, Tom, daß alles noch wieder
gutzumachen ist! Ich bin noch jung … Bin ich nicht noch ziemlich hübsch?
Mama kann mir nicht mehr viel mitgeben, aber es ist immerhin ein
annehmbares Stück Geld. Wenn ich mich wieder verheiratete? Offen
gestanden, Tom, es ist mein lebhaftester Wunsch! Damit wäre alles in
Ordnung, der Fleck wäre ausgelöscht … O Gott, wenn ich eine unseres
Namens würdige Partie machen, mich wieder einrichten könnte –! Glaubst
du, daß es so völlig ausgeschlossen ist?«
»Bewahre, Tony! Oh, keineswegs! Ich habe niemals aufgehört, damit zu
rechnen. Aber vor allem scheint es mir nötig, daß du mal ein bißchen
hinauskommst, dich ein wenig aufmunterst, Abwechselung hast …«
»Das ist es eben!« sagte sie eifrig. »Nun muß ich dir mal eine
Geschichte erzählen.«
Sehr befriedigt von diesem Vorschlage lehnte sich Thomas zurück. Er
war schon bei der zweiten Zigarette. Die Dämmerung begann
vorzuschreiten.
»Also während euerer Abwesenheit hätte ich beinahe eine Stelle
angenommen, eine Stelle als Gesellschafterin in Liverpool! Hättest du es
empörend gefunden?… Aber immerhin etwas fragwürdig?… Ja, ja, es wäre
wahrscheinlich unwürdig gewesen. Aber es war mein so dringender
Wunsch, fortzukommen … Kurz, es hat sich zerschlagen. Ich schickte der
Missis meine Photographie, und sie mußte auf meine Dienste verzichten,
weil ich zu hübsch sei; es sei ein erwachsener Sohn im Hause. ›Sie sind zu
hübsch‹, schrieb sie … ha, ich habe mich niemals so amüsiert!«
Die beiden lachten sehr herzlich.
»Aber nun habe ich etwas anderes in Aussicht genommen«, fuhr Tony
fort. »Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers
… ja, sie heißt übrigens nun Eva Niederpaur, und ihr Mann ist
Brauereidirektor. Genug, sie hat mich gebeten, sie zu besuchen, und ich
denke demnächst von der Aufforderung Gebrauch zu machen. Freilich,
Erika könnte nicht mitgehen. Ich würde sie zu Sesemi Weichbrodt in
Pension geben. Dort wäre sie ausgezeichnet aufgehoben. Hättest du etwas
dagegen einzuwenden?«
gutzumachen ist! Ich bin noch jung … Bin ich nicht noch ziemlich hübsch?
Mama kann mir nicht mehr viel mitgeben, aber es ist immerhin ein
annehmbares Stück Geld. Wenn ich mich wieder verheiratete? Offen
gestanden, Tom, es ist mein lebhaftester Wunsch! Damit wäre alles in
Ordnung, der Fleck wäre ausgelöscht … O Gott, wenn ich eine unseres
Namens würdige Partie machen, mich wieder einrichten könnte –! Glaubst
du, daß es so völlig ausgeschlossen ist?«
»Bewahre, Tony! Oh, keineswegs! Ich habe niemals aufgehört, damit zu
rechnen. Aber vor allem scheint es mir nötig, daß du mal ein bißchen
hinauskommst, dich ein wenig aufmunterst, Abwechselung hast …«
»Das ist es eben!« sagte sie eifrig. »Nun muß ich dir mal eine
Geschichte erzählen.«
Sehr befriedigt von diesem Vorschlage lehnte sich Thomas zurück. Er
war schon bei der zweiten Zigarette. Die Dämmerung begann
vorzuschreiten.
»Also während euerer Abwesenheit hätte ich beinahe eine Stelle
angenommen, eine Stelle als Gesellschafterin in Liverpool! Hättest du es
empörend gefunden?… Aber immerhin etwas fragwürdig?… Ja, ja, es wäre
wahrscheinlich unwürdig gewesen. Aber es war mein so dringender
Wunsch, fortzukommen … Kurz, es hat sich zerschlagen. Ich schickte der
Missis meine Photographie, und sie mußte auf meine Dienste verzichten,
weil ich zu hübsch sei; es sei ein erwachsener Sohn im Hause. ›Sie sind zu
hübsch‹, schrieb sie … ha, ich habe mich niemals so amüsiert!«
Die beiden lachten sehr herzlich.
»Aber nun habe ich etwas anderes in Aussicht genommen«, fuhr Tony
fort. »Ich bin eingeladen worden; eingeladen nach München von Eva Ewers
… ja, sie heißt übrigens nun Eva Niederpaur, und ihr Mann ist
Brauereidirektor. Genug, sie hat mich gebeten, sie zu besuchen, und ich
denke demnächst von der Aufforderung Gebrauch zu machen. Freilich,
Erika könnte nicht mitgehen. Ich würde sie zu Sesemi Weichbrodt in
Pension geben. Dort wäre sie ausgezeichnet aufgehoben. Hättest du etwas
dagegen einzuwenden?«
Page 287
»Gar nichts. Jedenfalls ist es nötig, daß du einmal wieder in neue
Verhältnisse kommst.«
»Ja, das ist es!« sagte sie dankbar. »Aber nun du, Tom! Ich spreche
beständig von mir, ich bin ein eigennütziges Weib! Nun erzähle du. O Gott,
wie glücklich du sein mußt!«
»Ja, Tony!« sagte er nachdrücklich. Es entstand eine Pause. Er atmete
den Rauch über den Tisch hinüber und fuhr fort: »Zunächst bin ich sehr
froh, verheiratet zu sein und einen eigenen Hausstand begründet zu haben.
Du kennst mich: ich hätte schlecht zum Garçon getaugt. Alles
Junggesellentum hat einen Beigeschmack von Isoliertheit und Bummelei,
und ich besitze einigen Ehrgeiz, wie du weißt. Ich halte meine Karriere
weder geschäftlich, noch, sagen wir scherzeshalber: politisch für beendigt
… aber das rechte Vertrauen der Welt gewinnt man erst, wenn man
Hausherr und Familienvater ist. Dennoch hat es an einem Haar gehangen,
Tony … Ich bin ein bißchen wählerisch. Ich habe es lange Zeit nicht für
möglich gehalten, auf der Welt eine Passende zu finden. Aber Gerdas
Anblick gab den Ausschlag. Ich sah sofort, daß sie die einzige sei,
ausgemacht sie … obgleich ich weiß, daß viele Leute in der Stadt mir böse
sind ob meines Geschmackes. Sie ist ein wundervolles Wesen, wie es deren
sicher wenige gibt auf Erden. Freilich ist sie sehr anders als du, Tony. Du
bist einfacher von Gemüt, du bist auch natürlicher … Meine Frau
Schwester ist ganz einfach temperamentvoller«, fuhr er fort, indem er
plötzlich zu einem leichteren Tone überging. »Daß übrigens auch Gerda
Temperament besitzt, das beweist wahrhaftig ihr Geigenspiel; aber sie kann
manchmal ein bißchen kalt sein … Kurz, es ist nicht der gewöhnliche
Maßstab an sie zu legen. Sie ist eine Künstlernatur, ein eigenartiges,
rätselhaftes, entzückendes Geschöpf.«
»Ja, ja«, sagte Tony. Sie hatte ihrem Bruder ernst und aufmerksam
zugehört. Ohne an die Lampe zu denken, hatten sie den Abend
hereinbrechen lassen.
Da öffnete sich die Korridortür, und von der Dämmerung umgeben
stand vor den beiden, in einem faltig hinabwallenden Hauskleide aus
schneeweißem Pikee, eine aufrechte Gestalt. Das schwere, dunkelrote Haar
Verhältnisse kommst.«
»Ja, das ist es!« sagte sie dankbar. »Aber nun du, Tom! Ich spreche
beständig von mir, ich bin ein eigennütziges Weib! Nun erzähle du. O Gott,
wie glücklich du sein mußt!«
»Ja, Tony!« sagte er nachdrücklich. Es entstand eine Pause. Er atmete
den Rauch über den Tisch hinüber und fuhr fort: »Zunächst bin ich sehr
froh, verheiratet zu sein und einen eigenen Hausstand begründet zu haben.
Du kennst mich: ich hätte schlecht zum Garçon getaugt. Alles
Junggesellentum hat einen Beigeschmack von Isoliertheit und Bummelei,
und ich besitze einigen Ehrgeiz, wie du weißt. Ich halte meine Karriere
weder geschäftlich, noch, sagen wir scherzeshalber: politisch für beendigt
… aber das rechte Vertrauen der Welt gewinnt man erst, wenn man
Hausherr und Familienvater ist. Dennoch hat es an einem Haar gehangen,
Tony … Ich bin ein bißchen wählerisch. Ich habe es lange Zeit nicht für
möglich gehalten, auf der Welt eine Passende zu finden. Aber Gerdas
Anblick gab den Ausschlag. Ich sah sofort, daß sie die einzige sei,
ausgemacht sie … obgleich ich weiß, daß viele Leute in der Stadt mir böse
sind ob meines Geschmackes. Sie ist ein wundervolles Wesen, wie es deren
sicher wenige gibt auf Erden. Freilich ist sie sehr anders als du, Tony. Du
bist einfacher von Gemüt, du bist auch natürlicher … Meine Frau
Schwester ist ganz einfach temperamentvoller«, fuhr er fort, indem er
plötzlich zu einem leichteren Tone überging. »Daß übrigens auch Gerda
Temperament besitzt, das beweist wahrhaftig ihr Geigenspiel; aber sie kann
manchmal ein bißchen kalt sein … Kurz, es ist nicht der gewöhnliche
Maßstab an sie zu legen. Sie ist eine Künstlernatur, ein eigenartiges,
rätselhaftes, entzückendes Geschöpf.«
»Ja, ja«, sagte Tony. Sie hatte ihrem Bruder ernst und aufmerksam
zugehört. Ohne an die Lampe zu denken, hatten sie den Abend
hereinbrechen lassen.
Da öffnete sich die Korridortür, und von der Dämmerung umgeben
stand vor den beiden, in einem faltig hinabwallenden Hauskleide aus
schneeweißem Pikee, eine aufrechte Gestalt. Das schwere, dunkelrote Haar
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umrahmte das weiße Gesicht, und in den Winkeln der nahe beieinander
liegenden braunen Augen lagerten bläuliche Schatten.
Es war Gerda, die Mutter zukünftiger Buddenbrooks.
liegenden braunen Augen lagerten bläuliche Schatten.
Es war Gerda, die Mutter zukünftiger Buddenbrooks.
Page 289
Sechster Teil
Erstes Kapitel
Thomas Buddenbrook nahm das erste Frühstück in seinem hübschen
Speisezimmer fast immer allein, denn seine Gattin pflegte sehr spät das
Schlafzimmer zu verlassen, da sie während des Vormittags oft einer
Migräne und allgemeiner Mißstimmung unterworfen war. Der Konsul
begab sich dann sofort in die Mengstraße, wo die Kontors der Firma
verblieben waren, nahm das zweite Frühstück im Zwischengeschoß
gemeinsam mit seiner Mutter, Christian und Ida Jungmann und traf mit
Gerda erst wieder um vier Uhr beim Mittagessen zusammen.
Das geschäftliche Treiben bewahrte dem Erdgeschoß Leben und
Bewegung; die Stockwerke aber des großen Mengstraßenhauses lagen nun
recht leer und vereinsamt da. Die kleine Erika war von Mademoiselle
Weichbrodt als interner Zögling aufgenommen worden, die arme Klothilde
hatte sich mit ihren vier oder fünf Möbeln bei der Witwe eines
Gymnasiallehrers, einer Doktorin Krauseminz, in wohlfeile Pension
begeben, selbst der Bediente Anton hatte das Haus verlassen, um zu den
jungen Herrschaften überzugehen, wo er nötiger war, und wenn Christian
im Klub weilte, so saßen um vier Uhr die Konsulin und Mamsell Jungmann
an dem runden Tisch, in den kein einziges Brett mehr eingelassen war, und
der sich in dem weiten Speisetempel mit seinen Götterbildern verlor, nun
ganz allein beieinander.
Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das
gesellschaftliche Leben in der Mengstraße erloschen, und die Konsulin sah,
abgesehen von dem Besuche dieses oder jenes Geistlichen, keine anderen
Gäste mehr um sich als am Donnerstag die Glieder ihrer Familie. Ihr Sohn
aber und seine Gattin hatten bereits ihr erstes Diner hinter sich, ein Diner,
Erstes Kapitel
Thomas Buddenbrook nahm das erste Frühstück in seinem hübschen
Speisezimmer fast immer allein, denn seine Gattin pflegte sehr spät das
Schlafzimmer zu verlassen, da sie während des Vormittags oft einer
Migräne und allgemeiner Mißstimmung unterworfen war. Der Konsul
begab sich dann sofort in die Mengstraße, wo die Kontors der Firma
verblieben waren, nahm das zweite Frühstück im Zwischengeschoß
gemeinsam mit seiner Mutter, Christian und Ida Jungmann und traf mit
Gerda erst wieder um vier Uhr beim Mittagessen zusammen.
Das geschäftliche Treiben bewahrte dem Erdgeschoß Leben und
Bewegung; die Stockwerke aber des großen Mengstraßenhauses lagen nun
recht leer und vereinsamt da. Die kleine Erika war von Mademoiselle
Weichbrodt als interner Zögling aufgenommen worden, die arme Klothilde
hatte sich mit ihren vier oder fünf Möbeln bei der Witwe eines
Gymnasiallehrers, einer Doktorin Krauseminz, in wohlfeile Pension
begeben, selbst der Bediente Anton hatte das Haus verlassen, um zu den
jungen Herrschaften überzugehen, wo er nötiger war, und wenn Christian
im Klub weilte, so saßen um vier Uhr die Konsulin und Mamsell Jungmann
an dem runden Tisch, in den kein einziges Brett mehr eingelassen war, und
der sich in dem weiten Speisetempel mit seinen Götterbildern verlor, nun
ganz allein beieinander.
Mit dem Tode des Konsuls Johann Buddenbrook war das
gesellschaftliche Leben in der Mengstraße erloschen, und die Konsulin sah,
abgesehen von dem Besuche dieses oder jenes Geistlichen, keine anderen
Gäste mehr um sich als am Donnerstag die Glieder ihrer Familie. Ihr Sohn
aber und seine Gattin hatten bereits ihr erstes Diner hinter sich, ein Diner,
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bei dem im Speise- und Wohnzimmer gedeckt worden war, ein Diner mit
Kochfrau, Lohndienern und Kistenmakerschen Weinen, eine
Mittagsgesellschaft, die um fünf Uhr begonnen, und deren Gerüche und
Geräusche um elf Uhr noch fortgeherrscht hatten, bei der alle Langhals',
Hagenströms, Huneus', Kistenmakers, Överdiecks und Möllendorpfs
zugegen gewesen waren, Kaufleute und Gelehrte, Ehepaare und Suitiers,
die mit Whist und ein paar Ohren voll Musik geschlossen hatte, und von der
man an der Börse noch acht Tage lang in den lobendsten Ausdrücken
sprach. Wahrhaftig, es hatte sich gezeigt, daß die junge Frau Konsulin zu
repräsentieren verstand … Der Konsul hatte an jenem Abend, allein
geblieben mit ihr in den von hinabgebrannten Kerzen erleuchteten Räumen,
zwischen den durcheinandergerückten Möbeln, in dem dichten, süßen und
schweren Dunst von feinen Speisen, Parfüms, Weinen, Kaffee, Zigarren und
den Blumen der Toiletten und Tafelaufsätze, ihre Hände gedrückt und
gesagt: »Sehr brav, Gerda! Wir haben uns nicht zu schämen brauchen.
Dergleichen ist sehr wichtig … Ich habe gar keine Lust, mich viel mit
Bällen abzugeben und die jungen Leute hier umherspringen zu lassen; dazu
reicht auch der Raum nicht. Aber den gesetzten Leuten muß es schmecken
bei uns. So ein Diner kostet ein wenig mehr … aber das ist nicht übel
angelegt.«
»Du hast recht«, hatte sie geantwortet und die Spitzen geordnet, durch
die ihre Brust wie Marmor hindurchschimmerte. »Auch ich ziehe durchaus
die Diners den Bällen vor. Ein Diner wirkt so außerordentlich beruhigend
… Ich hatte heute nachmittag musiziert und fühlte mich ein wenig
merkwürdig … Jetzt ist mein Gehirn so tot, daß hier der Blitz einschlagen
könnte, ohne daß ich bleich oder rot würde.«
*
Als um halb zwölf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am
Frühstückstische niederließ, las sie ihm folgenden Brief vor:
München, den 2. April 1857.
Am Marienplatz Nr. 5.
Kochfrau, Lohndienern und Kistenmakerschen Weinen, eine
Mittagsgesellschaft, die um fünf Uhr begonnen, und deren Gerüche und
Geräusche um elf Uhr noch fortgeherrscht hatten, bei der alle Langhals',
Hagenströms, Huneus', Kistenmakers, Överdiecks und Möllendorpfs
zugegen gewesen waren, Kaufleute und Gelehrte, Ehepaare und Suitiers,
die mit Whist und ein paar Ohren voll Musik geschlossen hatte, und von der
man an der Börse noch acht Tage lang in den lobendsten Ausdrücken
sprach. Wahrhaftig, es hatte sich gezeigt, daß die junge Frau Konsulin zu
repräsentieren verstand … Der Konsul hatte an jenem Abend, allein
geblieben mit ihr in den von hinabgebrannten Kerzen erleuchteten Räumen,
zwischen den durcheinandergerückten Möbeln, in dem dichten, süßen und
schweren Dunst von feinen Speisen, Parfüms, Weinen, Kaffee, Zigarren und
den Blumen der Toiletten und Tafelaufsätze, ihre Hände gedrückt und
gesagt: »Sehr brav, Gerda! Wir haben uns nicht zu schämen brauchen.
Dergleichen ist sehr wichtig … Ich habe gar keine Lust, mich viel mit
Bällen abzugeben und die jungen Leute hier umherspringen zu lassen; dazu
reicht auch der Raum nicht. Aber den gesetzten Leuten muß es schmecken
bei uns. So ein Diner kostet ein wenig mehr … aber das ist nicht übel
angelegt.«
»Du hast recht«, hatte sie geantwortet und die Spitzen geordnet, durch
die ihre Brust wie Marmor hindurchschimmerte. »Auch ich ziehe durchaus
die Diners den Bällen vor. Ein Diner wirkt so außerordentlich beruhigend
… Ich hatte heute nachmittag musiziert und fühlte mich ein wenig
merkwürdig … Jetzt ist mein Gehirn so tot, daß hier der Blitz einschlagen
könnte, ohne daß ich bleich oder rot würde.«
*
Als um halb zwölf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am
Frühstückstische niederließ, las sie ihm folgenden Brief vor:
München, den 2. April 1857.
Am Marienplatz Nr. 5.
Page 291
Meine liebe Mama,
ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, daß ich noch nicht
geschrieben habe, während ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu
sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt –
aber davon später. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und
Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut
geht; das ist das Wichtigste.
Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die
Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbräuhaus und das Hoftheater
und die Kirchen und viele andere Dinge. Ich muß davon mündlich erzählen,
sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir
schon gemacht, und für morgen ist ein Ausflug an den Würmsee in Aussicht
genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr
Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemütlicher Mann. Wir wohnen an
einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in der
Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der Nähe
des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist von oben
bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den Drachen
töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen. Stellt
Euch vor!
Ja, München gefällt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr
nervenstärkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in
Ordnung. Ich trinke mit großem Vergnügen sehr viel Bier, um so mehr, als
das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch
nicht recht gewöhnen. Es gibt zuwenig Gemüse und zuviel Mehl, zum
Beispiel in den Soßen, deren sich Gott erbarmen möge. Was ein
ordentlicher Kalbsrücken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die
Schlachter zerschneiden alles aufs jämmerlichste. Und mir fehlen sehr die
Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, beständig Gurken- und
Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Töne
von sich dabei.
Überhaupt muß man ja an mancherlei sich erst gewöhnen, könnt Ihr
Euch denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die
ungewohnte Münze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen
ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, daß ich noch nicht
geschrieben habe, während ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu
sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt –
aber davon später. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und
Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut
geht; das ist das Wichtigste.
Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die
Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbräuhaus und das Hoftheater
und die Kirchen und viele andere Dinge. Ich muß davon mündlich erzählen,
sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir
schon gemacht, und für morgen ist ein Ausflug an den Würmsee in Aussicht
genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr
Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemütlicher Mann. Wir wohnen an
einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in der
Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der Nähe
des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist von oben
bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den Drachen
töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen. Stellt
Euch vor!
Ja, München gefällt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr
nervenstärkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in
Ordnung. Ich trinke mit großem Vergnügen sehr viel Bier, um so mehr, als
das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch
nicht recht gewöhnen. Es gibt zuwenig Gemüse und zuviel Mehl, zum
Beispiel in den Soßen, deren sich Gott erbarmen möge. Was ein
ordentlicher Kalbsrücken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die
Schlachter zerschneiden alles aufs jämmerlichste. Und mir fehlen sehr die
Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, beständig Gurken- und
Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Töne
von sich dabei.
Überhaupt muß man ja an mancherlei sich erst gewöhnen, könnt Ihr
Euch denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die
ungewohnte Münze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen
Page 292
Leuten, dem Dienstpersonal zu verständigen, denn ich spreche ihnen zu
rasch und sie mir zu kauderwelsch – und dann ist da der Katholizismus; ich
hasse ihn, wie Ihr wißt, ich halte gar nichts davon …
Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stück Butterbrot mit
geriebenem Kräuterkäse in der Hand, sich in das Sofa zurücklehnte.
»Ja, Tom, du lachst …«, sagte seine Mutter, und ließ ein paarmal den
Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. »Aber mir gefällt es völlig
an ihr, daß sie an dem Glauben ihrer Väter festhält und die unevangelischen
Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich weiß, daß du in Frankreich und Italien
eine gewisse Sympathie für die päpstliche Kirche gefaßt hast, aber das ist
nicht Religiosität bei dir, Tom, sondern etwas anderes, und ich verstehe
auch, was; aber obgleich wir duldsam sein sollen, ist Spielerei und
Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade strafbar, und ich muß Gott
bitten, daß er dir und deiner Gerda – denn ich weiß, sie gehört ebenfalls
nicht gerade zu den Gefesteten, mit den Jahren den nötigen Ernst darin gibt.
Diese Bemerkung wirst du deiner Mutter verzeihen.«
»Oben auf dem Brunnen«, las sie weiter, »den ich von meinem Fenster
aus sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann
knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht
hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein. Oft
sieht man hier Mönche auf der Straße, und sie sehen recht ehrwürdig aus.
Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstraße irgendein
höherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorüber, vielleicht war es
der Erzbischof, ein älterer Herr – genug, und dieser Herr wirft mir aus dem
Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weißt, Mutter, ich
halte nicht so sehr große Stücke auf Deine Freunde, die Missionare und
Pastoren, aber Tränen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen Suitier
von einem Kirchenfürsten …«
»Pfui!« schaltete die Konsulin bekümmert ein.
»Echt Tony!« sagte der Konsul.
»Wieso, Tom?«
»Na, sollte sie ihn nicht ein bißchen provoziert haben … zur Prüfung?
Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses ›Paar Augen‹ sie köstlich
rasch und sie mir zu kauderwelsch – und dann ist da der Katholizismus; ich
hasse ihn, wie Ihr wißt, ich halte gar nichts davon …
Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stück Butterbrot mit
geriebenem Kräuterkäse in der Hand, sich in das Sofa zurücklehnte.
»Ja, Tom, du lachst …«, sagte seine Mutter, und ließ ein paarmal den
Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. »Aber mir gefällt es völlig
an ihr, daß sie an dem Glauben ihrer Väter festhält und die unevangelischen
Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich weiß, daß du in Frankreich und Italien
eine gewisse Sympathie für die päpstliche Kirche gefaßt hast, aber das ist
nicht Religiosität bei dir, Tom, sondern etwas anderes, und ich verstehe
auch, was; aber obgleich wir duldsam sein sollen, ist Spielerei und
Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade strafbar, und ich muß Gott
bitten, daß er dir und deiner Gerda – denn ich weiß, sie gehört ebenfalls
nicht gerade zu den Gefesteten, mit den Jahren den nötigen Ernst darin gibt.
Diese Bemerkung wirst du deiner Mutter verzeihen.«
»Oben auf dem Brunnen«, las sie weiter, »den ich von meinem Fenster
aus sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann
knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht
hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein. Oft
sieht man hier Mönche auf der Straße, und sie sehen recht ehrwürdig aus.
Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstraße irgendein
höherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorüber, vielleicht war es
der Erzbischof, ein älterer Herr – genug, und dieser Herr wirft mir aus dem
Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weißt, Mutter, ich
halte nicht so sehr große Stücke auf Deine Freunde, die Missionare und
Pastoren, aber Tränen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen Suitier
von einem Kirchenfürsten …«
»Pfui!« schaltete die Konsulin bekümmert ein.
»Echt Tony!« sagte der Konsul.
»Wieso, Tom?«
»Na, sollte sie ihn nicht ein bißchen provoziert haben … zur Prüfung?
Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses ›Paar Augen‹ sie köstlich
Page 293
amüsiert … was wohl die Absicht des alten Herrn gewesen ist.«
Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort:
»Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhübsch war,
obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton
manchmal ziemlich équivoque fand. Sogar ein Hofopernsänger war da,
welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von
ihm porträtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht für
passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn P e r m a n e d e r
unterhalten – hättest Du jemals gedacht, daß jemand so heißen könnte? –,
Hopfenhändler, ein netter, spaßhafter Mann in gesetzten Jahren und
Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn, weil er der
einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er ein guter
Münchener Bürger ist, stammt seine Familie aus Nürnberg. Er versicherte,
daß er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du kannst Dir
denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte, in welchem
er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie viele Geschwister
wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und sogar nach Grünlich
fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird wohl morgen mit
uns zum Würmsee fahren.
Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und
Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen
hier, und dann kann ich Euch mündlich von München erzählen, denn
brieflich weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefällt mir sehr
gut, das kann ich sagen, nur müßte man sich eine Köchin auf anständige
Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das Leben hinter
sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber wenn zum
Beispiel Erika später bei Leben und Gesundheit sich hierher verheiratete, so
würde ich nichts dagegen haben, das muß ich sagen …«
Hier mußte der Konsul wieder aufhören, zu essen, und sich lachend in
das Sofa zurücklegen.
»Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie
unvergleichlich! Ich schwärme für sie, weil sie einfach nicht imstande ist,
sich zu verstellen, nicht über tausend Meilen weg …«
Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort:
»Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhübsch war,
obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton
manchmal ziemlich équivoque fand. Sogar ein Hofopernsänger war da,
welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von
ihm porträtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht für
passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn P e r m a n e d e r
unterhalten – hättest Du jemals gedacht, daß jemand so heißen könnte? –,
Hopfenhändler, ein netter, spaßhafter Mann in gesetzten Jahren und
Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn, weil er der
einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er ein guter
Münchener Bürger ist, stammt seine Familie aus Nürnberg. Er versicherte,
daß er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du kannst Dir
denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte, in welchem
er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie viele Geschwister
wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und sogar nach Grünlich
fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird wohl morgen mit
uns zum Würmsee fahren.
Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und
Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen
hier, und dann kann ich Euch mündlich von München erzählen, denn
brieflich weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefällt mir sehr
gut, das kann ich sagen, nur müßte man sich eine Köchin auf anständige
Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das Leben hinter
sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber wenn zum
Beispiel Erika später bei Leben und Gesundheit sich hierher verheiratete, so
würde ich nichts dagegen haben, das muß ich sagen …«
Hier mußte der Konsul wieder aufhören, zu essen, und sich lachend in
das Sofa zurücklegen.
»Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie
unvergleichlich! Ich schwärme für sie, weil sie einfach nicht imstande ist,
sich zu verstellen, nicht über tausend Meilen weg …«
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»Ja, Tom«, sagte die Konsulin; »sie ist ein gutes Kind, das alles Glück
verdient.«
Dann las sie den Brief zu Ende …
Zweites Kapitel
Am Ende des April zog Frau Grünlich wieder im Elternhause ein, und
obgleich nun abermals ein Stück Leben hinter ihr lag, obgleich das alte
Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am
Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hören mußte, befand sie sich ganz
augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung.
Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte –
sie war von Büchen gekommen – und mit ihr durch das Holstentor in die
Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu
machen, daß – nächst Klothilden – sie doch noch immer die Schönste in der
Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: »O Gott, Tom, ich hasse dich!
Eine alte Frau in dieser Weise zu verhöhnen …«
Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grünlich
konservierte sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken,
aschblonden Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, über den
kleinen Ohren zurückgestrichen und auf der Höhe des Kopfes mit einem
breiten Schildkrotkamm zusammengefaßt war – angesichts des weichen
Ausdrucks, der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hübschen Oberlippe,
des feinen Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes hätte man nicht auf
dreißig, sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug höchst elegante
herabhängende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre
Großmutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem, dunklem
Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen gab ihrer
Büste einen entzückenden Ausdruck von Weichheit …
Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzählte Donnerstags,
wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der
Breitenstraße, Konsul Krögers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika
zu Tische kamen, aufs anschaulichste von München, von dem Biere, den
verdient.«
Dann las sie den Brief zu Ende …
Zweites Kapitel
Am Ende des April zog Frau Grünlich wieder im Elternhause ein, und
obgleich nun abermals ein Stück Leben hinter ihr lag, obgleich das alte
Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am
Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hören mußte, befand sie sich ganz
augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung.
Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte –
sie war von Büchen gekommen – und mit ihr durch das Holstentor in die
Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu
machen, daß – nächst Klothilden – sie doch noch immer die Schönste in der
Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: »O Gott, Tom, ich hasse dich!
Eine alte Frau in dieser Weise zu verhöhnen …«
Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grünlich
konservierte sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken,
aschblonden Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, über den
kleinen Ohren zurückgestrichen und auf der Höhe des Kopfes mit einem
breiten Schildkrotkamm zusammengefaßt war – angesichts des weichen
Ausdrucks, der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hübschen Oberlippe,
des feinen Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes hätte man nicht auf
dreißig, sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug höchst elegante
herabhängende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre
Großmutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem, dunklem
Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen gab ihrer
Büste einen entzückenden Ausdruck von Weichheit …
Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzählte Donnerstags,
wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der
Breitenstraße, Konsul Krögers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika
zu Tische kamen, aufs anschaulichste von München, von dem Biere, den
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Dampfnudeln, dem Kunstmaler, der sie hatte porträtieren wollen, und den
Hofequipagen, die ihr den größten Eindruck gemacht hatten. Sie erwähnte
im Vorübergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, daß
Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darüber fallen ließ,
daß so eine Reise ja recht angenehm sei, daß jedoch irgendein praktischer
Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so überhörte Frau Grünlich
das mit einer unsäglichen Würde, indem sie den Kopf zurücklegte und
trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte …
Übrigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke
der Windfangtür über die große Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu
eilen, um zu sehen, wer käme … Was mochte dies zu bedeuten haben? Das
wußte wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjährige Vertraute,
die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: »Tonychen, mein Kindchen, sollst
sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen …«
Die einzelnen Familienglieder wußten der heimgekehrten Antonie Dank
für ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der
Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhältnis zwischen
dem Firmenchef und seinem jüngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit
nicht gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter,
die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte
genug zu tun, zwischen den beiden notdürftig zu vermitteln … Ihren
Ermahnungen, das Kontor mit größerer Regelmäßigkeit zu besuchen, war
Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines
Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen
Beschämung ohne Widerspruch über sich ergehen lassen, um dann während
weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer
obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem Älteren eine
gereizte Verachtung gegen den Jüngeren, die dadurch nicht beeinträchtigt
wurde, daß Christian ihre gelegentlichen Äußerungen ohne Gegenwehr und
mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm.
Thomas' angestrengte Tätigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete
ihm nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende
Mitteilungen über seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhören,
und seiner Mutter oder Schwester gegenüber nannte er sie mit Unwillen
»die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung«.
Hofequipagen, die ihr den größten Eindruck gemacht hatten. Sie erwähnte
im Vorübergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, daß
Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darüber fallen ließ,
daß so eine Reise ja recht angenehm sei, daß jedoch irgendein praktischer
Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so überhörte Frau Grünlich
das mit einer unsäglichen Würde, indem sie den Kopf zurücklegte und
trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte …
Übrigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke
der Windfangtür über die große Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu
eilen, um zu sehen, wer käme … Was mochte dies zu bedeuten haben? Das
wußte wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjährige Vertraute,
die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: »Tonychen, mein Kindchen, sollst
sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen …«
Die einzelnen Familienglieder wußten der heimgekehrten Antonie Dank
für ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der
Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhältnis zwischen
dem Firmenchef und seinem jüngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit
nicht gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter,
die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte
genug zu tun, zwischen den beiden notdürftig zu vermitteln … Ihren
Ermahnungen, das Kontor mit größerer Regelmäßigkeit zu besuchen, war
Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines
Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen
Beschämung ohne Widerspruch über sich ergehen lassen, um dann während
weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer
obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem Älteren eine
gereizte Verachtung gegen den Jüngeren, die dadurch nicht beeinträchtigt
wurde, daß Christian ihre gelegentlichen Äußerungen ohne Gegenwehr und
mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm.
Thomas' angestrengte Tätigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete
ihm nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende
Mitteilungen über seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhören,
und seiner Mutter oder Schwester gegenüber nannte er sie mit Unwillen
»die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung«.
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Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit
einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die
Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und
neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel
hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für
Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner
Familie mit gekrauster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen
bemüht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß
Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche
Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen
sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den Gebrauch
eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man entzünden und
dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers bediente Christian sich
auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs antwortete er, daß in
Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen einen Fächer besessen
habe: »Johnny Thunderstorm … du lieber Gott!« Als er aber eines Tages,
nachdem er längere Zeit ernst und unruhig auf seinem Sessel hin und her
gerückt, auch sein Pulver im Kontor aus der Tasche zog und einen so
starken und übelriechenden Qualm entwickelte, daß mehrere Leute heftig
zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz blaß wurde … da gab es
einen öffentlichen Eklat, einen Skandal, eine fürchterliche
Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch geführt haben würde, hätte
nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit Vernunft besprochen
und zum Guten gewandt …
Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian außerhalb des
Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor
Gieseke, seinem Schulkameraden, führte, verfolgte der Konsul mit
Widerwillen. Er war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich
wohl seiner eigenen Jugendsünden. Er wußte wohl, daß seine Vaterstadt,
diese Hafen- und Handelsstadt, in der die geschäftlich hochachtbaren
Bürger mit so unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren
Spazierstöcken stießen, keineswegs die Heimstätte makelloser Moralität sei.
Man entschädigte sich hier für seine auf dem Kontorbock seßhaft
verbrachten Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten
… Aber ein dicker Mantel von biederer Solidität bedeckte diese
Entschädigungen, und wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war,
einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die
Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und
neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel
hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für
Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner
Familie mit gekrauster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen
bemüht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß
Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche
Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen
sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den Gebrauch
eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man entzünden und
dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers bediente Christian sich
auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs antwortete er, daß in
Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen einen Fächer besessen
habe: »Johnny Thunderstorm … du lieber Gott!« Als er aber eines Tages,
nachdem er längere Zeit ernst und unruhig auf seinem Sessel hin und her
gerückt, auch sein Pulver im Kontor aus der Tasche zog und einen so
starken und übelriechenden Qualm entwickelte, daß mehrere Leute heftig
zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz blaß wurde … da gab es
einen öffentlichen Eklat, einen Skandal, eine fürchterliche
Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch geführt haben würde, hätte
nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit Vernunft besprochen
und zum Guten gewandt …
Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian außerhalb des
Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor
Gieseke, seinem Schulkameraden, führte, verfolgte der Konsul mit
Widerwillen. Er war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich
wohl seiner eigenen Jugendsünden. Er wußte wohl, daß seine Vaterstadt,
diese Hafen- und Handelsstadt, in der die geschäftlich hochachtbaren
Bürger mit so unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren
Spazierstöcken stießen, keineswegs die Heimstätte makelloser Moralität sei.
Man entschädigte sich hier für seine auf dem Kontorbock seßhaft
verbrachten Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten
… Aber ein dicker Mantel von biederer Solidität bedeckte diese
Entschädigungen, und wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war,
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»die Dehors zu wahren«, so zeigte er sich in dieser Beziehung
durchdrungen von der Weltanschauung seiner Mitbürger. Der Rechtsanwalt
Gieseke gehörte zu den »Gelehrten«, die sich der Daseinsform der
»Kaufleute« behaglich anpaßten, und zu den notorischen »Suitiers«, was
ihm übrigens jedermann ansehen konnte. Aber wie die übrigen behäbigen
Lebemänner verstand er es, die richtige Miene dazu zu machen, Ärgernis zu
vermeiden und seinen politischen und beruflichen Grundsätzen den Ruf
unanfechtbarer Solidität zu wahren. Seine Verlobung mit einem Fräulein
Huneus war soeben publik geworden. Er erheiratete also einen Platz in der
ersten Gesellschaft und eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark
unterstrichenem Interesse in städtischen Angelegenheiten tätig, und man
sagte sich, daß er sein Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt
wohl auf den Sessel des alten Bürgermeisters Doktor Överdieck gerichtet
halte.
Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst
entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen
war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: »O Fräulein,
wie schön haben Sie gespielt!« – Christian hatte sich infolge seines
Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu
naiver und unbekümmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so
wenig wie im übrigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun,
Diskretion zu üben, die Würde zu wahren. Über sein Verhältnis zu einer
Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amüsierte sich die ganze Stadt,
und Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe, die in den ersten
Kreisen verkehrte, erzählte es jeder Dame, die es hören wollte, daß
»Krischan« wieder einmal mit der vom »Tivoli« auf offener, hellichter
Straße gesehen worden sei.
Auch das nahm man nicht übel … Man war von einer zu biderben
Skepsis, um ernstlich moralische Entrüstung an den Tag zu legen. Christian
Buddenbrook und etwa Konsul Peter Döhlmann, den sein gänzlich
darniederliegendes Geschäft veranlaßte, in ähnlich harmloser Weise zu
Werke zu gehen, waren als Amüseurs beliebt und in Herrengesellschaft
geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie
zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend, daß
in der ganzen Stadt, im Klub, an der Börse, am Hafen, nur ihre Vornamen
genannt wurden: »Krischan« und »Peter«, und Übelwollenden, wie den
durchdrungen von der Weltanschauung seiner Mitbürger. Der Rechtsanwalt
Gieseke gehörte zu den »Gelehrten«, die sich der Daseinsform der
»Kaufleute« behaglich anpaßten, und zu den notorischen »Suitiers«, was
ihm übrigens jedermann ansehen konnte. Aber wie die übrigen behäbigen
Lebemänner verstand er es, die richtige Miene dazu zu machen, Ärgernis zu
vermeiden und seinen politischen und beruflichen Grundsätzen den Ruf
unanfechtbarer Solidität zu wahren. Seine Verlobung mit einem Fräulein
Huneus war soeben publik geworden. Er erheiratete also einen Platz in der
ersten Gesellschaft und eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark
unterstrichenem Interesse in städtischen Angelegenheiten tätig, und man
sagte sich, daß er sein Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt
wohl auf den Sessel des alten Bürgermeisters Doktor Överdieck gerichtet
halte.
Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst
entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen
war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: »O Fräulein,
wie schön haben Sie gespielt!« – Christian hatte sich infolge seines
Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu
naiver und unbekümmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so
wenig wie im übrigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun,
Diskretion zu üben, die Würde zu wahren. Über sein Verhältnis zu einer
Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amüsierte sich die ganze Stadt,
und Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe, die in den ersten
Kreisen verkehrte, erzählte es jeder Dame, die es hören wollte, daß
»Krischan« wieder einmal mit der vom »Tivoli« auf offener, hellichter
Straße gesehen worden sei.
Auch das nahm man nicht übel … Man war von einer zu biderben
Skepsis, um ernstlich moralische Entrüstung an den Tag zu legen. Christian
Buddenbrook und etwa Konsul Peter Döhlmann, den sein gänzlich
darniederliegendes Geschäft veranlaßte, in ähnlich harmloser Weise zu
Werke zu gehen, waren als Amüseurs beliebt und in Herrengesellschaft
geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie
zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend, daß
in der ganzen Stadt, im Klub, an der Börse, am Hafen, nur ihre Vornamen
genannt wurden: »Krischan« und »Peter«, und Übelwollenden, wie den
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Hagenströms, stand es frei, nicht über Krischans Geschichten und Späße,
sondern über Krischan selbst zu lachen.
Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem
Augenblick seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder,
der Konsul, aber wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der
Familie einen Angriffspunkt bot, und … es waren der Angriffspunkte
bereits zu viele. Die Verwandtschaft mit den Överdiecks war weitläufig und
würde nach dem Tode des Bürgermeisters ganz wertlos sein. Die Krögers
spielten gar keine Rolle mehr, lebten zurückgezogen und hatten arge
Geschichten mit ihrem Sohne … Des seligen Onkel Gotthold Mißheirat
blieb etwas Unangenehmes … Des Konsuls Schwester war eine
geschiedene Frau, wenn man auch die Hoffnung auf ihre
Wiedervermählung nicht fahren zu lassen brauchte – und sein Bruder sollte
ein lächerlicher Mensch sein, durch dessen Clownerien sich tätige Herren
mit wohlwollendem oder höhnischem Lachen die Mußestunden ausfüllen
ließen, der zu alledem Schulden machte und am Ende des Quartals, wenn er
kein Geld mehr hatte, sich ganz offenkundig von Doktor Gieseke freihalten
ließ … eine unmittelbare Blamage der Firma.
Die gehässige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen ließ
und die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, äußerte sich in
all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern, die
aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das
Gespräch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die
Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand, mit
Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen Vorfahren
zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten Bemerkung das
Gespräch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder so sehr, daß er
ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst liebte. Er hätte es viel
lieber gehört, wenn Christian im Dialekte Marcellus Stengels davon
gesprochen hätte. Er hatte ein Buch gelesen, irgendein historisches Werk,
das starken Eindruck auf ihn gemacht und das er mit bewegten Worten
rühmte. Christian, ein unselbständiger Kopf, der das Buch allein gar nicht
ausfindig gemacht haben würde, aber eindrucksfähig und jeder
Beeinflussung zugänglich, las es, in dieser Weise vorbereitet und
empfänglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz herrlich, gab seinen
Empfindungen möglichst genauen Ausdruck … und fortan war das Buch
sondern über Krischan selbst zu lachen.
Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem
Augenblick seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder,
der Konsul, aber wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der
Familie einen Angriffspunkt bot, und … es waren der Angriffspunkte
bereits zu viele. Die Verwandtschaft mit den Överdiecks war weitläufig und
würde nach dem Tode des Bürgermeisters ganz wertlos sein. Die Krögers
spielten gar keine Rolle mehr, lebten zurückgezogen und hatten arge
Geschichten mit ihrem Sohne … Des seligen Onkel Gotthold Mißheirat
blieb etwas Unangenehmes … Des Konsuls Schwester war eine
geschiedene Frau, wenn man auch die Hoffnung auf ihre
Wiedervermählung nicht fahren zu lassen brauchte – und sein Bruder sollte
ein lächerlicher Mensch sein, durch dessen Clownerien sich tätige Herren
mit wohlwollendem oder höhnischem Lachen die Mußestunden ausfüllen
ließen, der zu alledem Schulden machte und am Ende des Quartals, wenn er
kein Geld mehr hatte, sich ganz offenkundig von Doktor Gieseke freihalten
ließ … eine unmittelbare Blamage der Firma.
Die gehässige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen ließ
und die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, äußerte sich in
all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern, die
aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das
Gespräch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die
Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand, mit
Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen Vorfahren
zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten Bemerkung das
Gespräch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder so sehr, daß er
ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst liebte. Er hätte es viel
lieber gehört, wenn Christian im Dialekte Marcellus Stengels davon
gesprochen hätte. Er hatte ein Buch gelesen, irgendein historisches Werk,
das starken Eindruck auf ihn gemacht und das er mit bewegten Worten
rühmte. Christian, ein unselbständiger Kopf, der das Buch allein gar nicht
ausfindig gemacht haben würde, aber eindrucksfähig und jeder
Beeinflussung zugänglich, las es, in dieser Weise vorbereitet und
empfänglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz herrlich, gab seinen
Empfindungen möglichst genauen Ausdruck … und fortan war das Buch
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für Thomas erledigt. Er sprach mit Gleichgültigkeit und Kälte davon. Er tat,
als habe er es kaum gelesen. Er überließ seinem Bruder, es allein zu
bewundern …
Drittes Kapitel
Konsul Buddenbrook kehrte aus der »Harmonie«, dem Lesezirkel für
Herren, in dem er nach dem zweiten Frühstück eine Stunde verbracht hatte,
in die Mengstraße zurück. Er durchschritt das Grundstück von hinten, kam
rasch zur Seite des Gartens über den gepflasterten Gang, der, zwischen
bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen
verband, ging über die Diele und rief in die Küche hinein, ob sein Bruder zu
Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er käme. Dann schritt er
durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem Erscheinen sich
tiefer über die Rechnungen beugten, in sein Privatbureau, legte Hut und
Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und begab sich an seinen
Fensterplatz, Herrn Marcus gegenüber. Zwei Falten standen zwischen
seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstück einer aufgerauchten
russischen Zigarette wanderte unruhig von einem Mundwinkel in den
anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und Schreibzeug zur Hand
nahm, waren so kurz und schroff, daß Herr Marcus sich mit zwei Fingern
bedächtig den Schnurrbart strich und einen ganz langsamen, prüfenden
Blick zu seinem Sozius gleiten ließ, während die jungen Leute sich mit
erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im Zorn.
Nach Verlauf einer halben Stunde, während der man nichts als das
Kratzen der Federn und das bedächtige Räuspern des Herrn Marcus
vernommen hatte, blickte der Konsul über den grünen Fenstervorsatz
hinweg und sah Christian die Straße daherkommen. Er rauchte. Er kam aus
dem Klub, wo er gefrühstückt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug
den Hut ein wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock,
der »von drüben« stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte
Büste einer Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und
bester Laune. Irgendeinen song vor sich hinsummend, kam er ins Kontor,
sagte »Morgen, meine Herren!«, wiewohl es ein heller Frühlingsnachmittag
war, und schritt auf seinen Platz zu, um »mal eben ein bißchen zu arbeiten«.
als habe er es kaum gelesen. Er überließ seinem Bruder, es allein zu
bewundern …
Drittes Kapitel
Konsul Buddenbrook kehrte aus der »Harmonie«, dem Lesezirkel für
Herren, in dem er nach dem zweiten Frühstück eine Stunde verbracht hatte,
in die Mengstraße zurück. Er durchschritt das Grundstück von hinten, kam
rasch zur Seite des Gartens über den gepflasterten Gang, der, zwischen
bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen
verband, ging über die Diele und rief in die Küche hinein, ob sein Bruder zu
Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er käme. Dann schritt er
durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem Erscheinen sich
tiefer über die Rechnungen beugten, in sein Privatbureau, legte Hut und
Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und begab sich an seinen
Fensterplatz, Herrn Marcus gegenüber. Zwei Falten standen zwischen
seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstück einer aufgerauchten
russischen Zigarette wanderte unruhig von einem Mundwinkel in den
anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und Schreibzeug zur Hand
nahm, waren so kurz und schroff, daß Herr Marcus sich mit zwei Fingern
bedächtig den Schnurrbart strich und einen ganz langsamen, prüfenden
Blick zu seinem Sozius gleiten ließ, während die jungen Leute sich mit
erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im Zorn.
Nach Verlauf einer halben Stunde, während der man nichts als das
Kratzen der Federn und das bedächtige Räuspern des Herrn Marcus
vernommen hatte, blickte der Konsul über den grünen Fenstervorsatz
hinweg und sah Christian die Straße daherkommen. Er rauchte. Er kam aus
dem Klub, wo er gefrühstückt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug
den Hut ein wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock,
der »von drüben« stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte
Büste einer Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und
bester Laune. Irgendeinen song vor sich hinsummend, kam er ins Kontor,
sagte »Morgen, meine Herren!«, wiewohl es ein heller Frühlingsnachmittag
war, und schritt auf seinen Platz zu, um »mal eben ein bißchen zu arbeiten«.
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Aber der Konsul erhob sich, und im Vorübergehen sagte er, ohne ihn
anzublicken: »Ach … auf zwei Worte, mein Lieber.«
Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch über die Diele. Thomas
hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und unwillkürlich tat Christian
dasselbe, wobei er dem Bruder seine große Nase zuwandte, die oberhalb
des englisch über den Mund hängenden rotblonden Schnurrbartes scharf,
knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Während sie
über den Hof gingen, sagte Thomas: »Du mußt mich mal ein paar Schritte
durch den Garten begleiten, mein Freund.«
»Schön«, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein längeres
Schweigen, während sie, links herum, auf dem äußeren Wege, an der
Rokokofassade des »Portals« vorbei, den Garten umschritten, der die ersten
Knospen trieb. Schließlich sagte der Konsul nach einem schnellen
Aufatmen mit lauter Stimme: »Ich habe eben schweren Ärger gehabt, und
zwar infolge deines Betragens.«
»Meines …«
»Ja. – Man hat mir in der ›Harmonie‹ von einer Bemerkung erzählt, die
du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so über
alle Begriffe taktlos war, daß ich keine Worte finde … Die Blamage hat
nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klägliche Abfertigung zuteil
geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?«
»Ach … nun weiß ich, was du meinst. – Wer hat dir denn das erzählt?«
»Was tut das zur Sache. – Döhlmann. – Mit einer Stimme
selbstverständlich, daß die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht
kannten, sich nun ebenfalls darüber freuen können …«
»Ja, Tom, ich muß dir sagen … Ich habe mich für Hagenström
geschämt!«
»Du hast dich für … Aber das ist denn doch … Höre mal!« rief der
Konsul, indem er beide Hände, die Innenflächen nach oben, vor sich
ausstreckte und sie, mit seitwärts geneigtem Kopfe, erregt demonstrierend
schüttelte. »Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl aus Kaufleuten als
aus Gelehrten besteht, daß alle es hören können: Eigentlich und bei Lichte
anzublicken: »Ach … auf zwei Worte, mein Lieber.«
Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch über die Diele. Thomas
hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und unwillkürlich tat Christian
dasselbe, wobei er dem Bruder seine große Nase zuwandte, die oberhalb
des englisch über den Mund hängenden rotblonden Schnurrbartes scharf,
knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Während sie
über den Hof gingen, sagte Thomas: »Du mußt mich mal ein paar Schritte
durch den Garten begleiten, mein Freund.«
»Schön«, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein längeres
Schweigen, während sie, links herum, auf dem äußeren Wege, an der
Rokokofassade des »Portals« vorbei, den Garten umschritten, der die ersten
Knospen trieb. Schließlich sagte der Konsul nach einem schnellen
Aufatmen mit lauter Stimme: »Ich habe eben schweren Ärger gehabt, und
zwar infolge deines Betragens.«
»Meines …«
»Ja. – Man hat mir in der ›Harmonie‹ von einer Bemerkung erzählt, die
du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so über
alle Begriffe taktlos war, daß ich keine Worte finde … Die Blamage hat
nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klägliche Abfertigung zuteil
geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?«
»Ach … nun weiß ich, was du meinst. – Wer hat dir denn das erzählt?«
»Was tut das zur Sache. – Döhlmann. – Mit einer Stimme
selbstverständlich, daß die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht
kannten, sich nun ebenfalls darüber freuen können …«
»Ja, Tom, ich muß dir sagen … Ich habe mich für Hagenström
geschämt!«
»Du hast dich für … Aber das ist denn doch … Höre mal!« rief der
Konsul, indem er beide Hände, die Innenflächen nach oben, vor sich
ausstreckte und sie, mit seitwärts geneigtem Kopfe, erregt demonstrierend
schüttelte. »Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl aus Kaufleuten als
aus Gelehrten besteht, daß alle es hören können: Eigentlich und bei Lichte
Page 301
besehen sei doch jeder Geschäftsmann ein Gauner … du, selbst ein
Kaufmann, Angehöriger einer Firma, die aus allen Kräften nach absoluter
Integrität, nach makelloser Solidität strebt …«
»Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spaß!… Obgleich …
eigentlich …« fügte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den
Kopf ein wenig schräge nach vorne schob … In dieser Haltung machte er
mehrere Schritte.
»Spaß! Spaß!« rief der Konsul. »Ich bilde mir ein, einen Spaß zu
verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spaß verstanden worden ist!
›Ich meinerseits halte meinen Beruf s e h r hoch‹, hat Hermann Hagenström
dir geantwortet … Und da saßest du nun, ein verbummelter Mensch, der
von seinem eignen Beruf nichts hält …«
»Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die
ganze Gemütlichkeit war plötzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob sie
mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenström und sagt fürchterlich ernst:
›Ich meinerseits …‹ Der dumme Kerl. Ich habe mich wahrhaftig für ihn
geschämt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange darüber nachgedacht
und hatte ein ganz sonderbares Gefühl dabei … Ich weiß nicht, ob du das
kennst …«
»Schwatze nicht, ich bitte dich, schwatze nicht!« unterbrach ihn der
Konsul. Er zitterte am ganzen Körper vor Unwillen. »Ich gebe ja zu … ich
gebe dir ja zu, daß die Antwort vielleicht nicht der Stimmung entsprach,
daß sie geschmacklos war. Aber man sucht sich eben die Leute aus, zu
denen man dergleichen sagt … wenn es schon einmal durchaus gesagt
werden muß … und setzt sich nicht in seiner Albernheit einer so schnöden
Abfertigung aus! Hagenström hat die Gelegenheit benutzt, uns … ja, nicht
nur dir, sondern u n s eins zu versetzen, denn weißt du, was sein ›Ich
meinerseits‹ bedeutete? ›Solche Erkenntnisse verschaffen Sie sich wohl im
Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?‹ D a s bedeutete es, du Esel!«
»Na … Esel …«, sagte Christian und machte ein verlegenes und
unruhiges Gesicht …
»Schließlich gehörst du nicht dir allein an«, fuhr der Konsul fort, »aber
trotzdem soll es mir gleichgültig sein, wenn du dich persönlich lächerlich
Kaufmann, Angehöriger einer Firma, die aus allen Kräften nach absoluter
Integrität, nach makelloser Solidität strebt …«
»Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spaß!… Obgleich …
eigentlich …« fügte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den
Kopf ein wenig schräge nach vorne schob … In dieser Haltung machte er
mehrere Schritte.
»Spaß! Spaß!« rief der Konsul. »Ich bilde mir ein, einen Spaß zu
verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spaß verstanden worden ist!
›Ich meinerseits halte meinen Beruf s e h r hoch‹, hat Hermann Hagenström
dir geantwortet … Und da saßest du nun, ein verbummelter Mensch, der
von seinem eignen Beruf nichts hält …«
»Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die
ganze Gemütlichkeit war plötzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob sie
mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenström und sagt fürchterlich ernst:
›Ich meinerseits …‹ Der dumme Kerl. Ich habe mich wahrhaftig für ihn
geschämt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange darüber nachgedacht
und hatte ein ganz sonderbares Gefühl dabei … Ich weiß nicht, ob du das
kennst …«
»Schwatze nicht, ich bitte dich, schwatze nicht!« unterbrach ihn der
Konsul. Er zitterte am ganzen Körper vor Unwillen. »Ich gebe ja zu … ich
gebe dir ja zu, daß die Antwort vielleicht nicht der Stimmung entsprach,
daß sie geschmacklos war. Aber man sucht sich eben die Leute aus, zu
denen man dergleichen sagt … wenn es schon einmal durchaus gesagt
werden muß … und setzt sich nicht in seiner Albernheit einer so schnöden
Abfertigung aus! Hagenström hat die Gelegenheit benutzt, uns … ja, nicht
nur dir, sondern u n s eins zu versetzen, denn weißt du, was sein ›Ich
meinerseits‹ bedeutete? ›Solche Erkenntnisse verschaffen Sie sich wohl im
Kontor Ihres Bruders, Herr Buddenbrook?‹ D a s bedeutete es, du Esel!«
»Na … Esel …«, sagte Christian und machte ein verlegenes und
unruhiges Gesicht …
»Schließlich gehörst du nicht dir allein an«, fuhr der Konsul fort, »aber
trotzdem soll es mir gleichgültig sein, wenn du dich persönlich lächerlich
Page 302
machst … und womit machst du dich n i c h t lächerlich!« rief er. Er war
blaß, und die blauen Äderchen an seinen schmalen Schläfen, von denen das
Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, waren deutlich zu sehen. Eine
seiner hellen Brauen hielt er emporgezogen, und selbst die steifen, lang
ausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes hatten etwas Zorniges, während
er mit hinwerfenden Handbewegungen seine Worte seitwärts vor Christians
Füße hin auf den Kiesweg niedersprach … »Du machst dich lächerlich mit
deinen Liebschaften, mit deinen Harlekiniaden, mit deinen Krankheiten, mit
deinen Mitteln dagegen …«
»Oh, Thomas«, sagte Christian, schüttelte ganz ernsthaft den Kopf und
hob in etwas ungeschickter Weise einen Zeigefinger empor … »Was das
betrifft, das kannst du nicht so ganz verstehen, siehst du … Die Sache ist
die … Man muß sozusagen sein Gewissen in Ordnung halten … Ich weiß
nicht, ob du das kennst … Grabow hat mir eine Salbe für die Halsmuskeln
verordnet … gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich es, sie zu
gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor, bin unruhig
und unsicher und ängstlich und in Unordnung und kann nicht schlucken.
Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich, daß ich meine Pflicht getan habe
und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen, bin still und
zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut es, glaube ich,
nicht, weißt du … aber die Sache ist, daß so eine Vorstellung, versteh mich
recht, nur durch eine andere Vorstellung, eine Gegenvorstellung aufgehoben
werden kann … Ich weiß nicht, ob du das kennst …«
»Ach ja –! Ach ja –!« rief der Konsul und hielt einen Augenblick seinen
Kopf mit beiden Händen fest … »Tue es doch! Handele doch danach! Aber
rede nicht darüber! Schwatze nicht darüber! Laß andere Leute mit deinen
widerlichen Finessen in Ruhe! Auch mit dieser unanständigen
Geschwätzigkeit machst du dich lächerlich vom Morgen bis zum Abend!
Aber das sage ich dir, das wiederhole ich dir: Es soll mich kalt lassen, wie
sehr du dich persönlich zum Narren machst; aber ich verbiete dir, hörst du
mich wohl? ich v e r b i e t e es dir, die Firma in einer Weise zu
kompromittieren, wie du es gestern abend getan hast!«
Hierauf antwortete Christian nicht, sondern fuhr langsam mit der Hand
über sein schon spärliches rötlichblondes Haar und ließ, einen unruhigen
Ernst auf dem Gesichte, seine Augen haltlos und abwesend
blaß, und die blauen Äderchen an seinen schmalen Schläfen, von denen das
Haar in zwei Einbuchtungen zurücktrat, waren deutlich zu sehen. Eine
seiner hellen Brauen hielt er emporgezogen, und selbst die steifen, lang
ausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes hatten etwas Zorniges, während
er mit hinwerfenden Handbewegungen seine Worte seitwärts vor Christians
Füße hin auf den Kiesweg niedersprach … »Du machst dich lächerlich mit
deinen Liebschaften, mit deinen Harlekiniaden, mit deinen Krankheiten, mit
deinen Mitteln dagegen …«
»Oh, Thomas«, sagte Christian, schüttelte ganz ernsthaft den Kopf und
hob in etwas ungeschickter Weise einen Zeigefinger empor … »Was das
betrifft, das kannst du nicht so ganz verstehen, siehst du … Die Sache ist
die … Man muß sozusagen sein Gewissen in Ordnung halten … Ich weiß
nicht, ob du das kennst … Grabow hat mir eine Salbe für die Halsmuskeln
verordnet … gut! Gebrauche ich sie nicht, unterlasse ich es, sie zu
gebrauchen, so komme ich mir ganz verloren und hilflos vor, bin unruhig
und unsicher und ängstlich und in Unordnung und kann nicht schlucken.
Habe ich sie aber gebraucht, so fühle ich, daß ich meine Pflicht getan habe
und in Ordnung bin; dann habe ich ein gutes Gewissen, bin still und
zufrieden, und das Schlucken geht herrlich. Die Salbe tut es, glaube ich,
nicht, weißt du … aber die Sache ist, daß so eine Vorstellung, versteh mich
recht, nur durch eine andere Vorstellung, eine Gegenvorstellung aufgehoben
werden kann … Ich weiß nicht, ob du das kennst …«
»Ach ja –! Ach ja –!« rief der Konsul und hielt einen Augenblick seinen
Kopf mit beiden Händen fest … »Tue es doch! Handele doch danach! Aber
rede nicht darüber! Schwatze nicht darüber! Laß andere Leute mit deinen
widerlichen Finessen in Ruhe! Auch mit dieser unanständigen
Geschwätzigkeit machst du dich lächerlich vom Morgen bis zum Abend!
Aber das sage ich dir, das wiederhole ich dir: Es soll mich kalt lassen, wie
sehr du dich persönlich zum Narren machst; aber ich verbiete dir, hörst du
mich wohl? ich v e r b i e t e es dir, die Firma in einer Weise zu
kompromittieren, wie du es gestern abend getan hast!«
Hierauf antwortete Christian nicht, sondern fuhr langsam mit der Hand
über sein schon spärliches rötlichblondes Haar und ließ, einen unruhigen
Ernst auf dem Gesichte, seine Augen haltlos und abwesend
Page 303
umherschweifen. Ohne Zweifel beschäftigte er sich noch mit dem, was er
zuletzt gesagt hatte. Es herrschte eine Pause. Thomas schritt in stiller
Verzweiflung daher.
»Alle Kaufleute sind Schwindler, sagst du«, begann er von neuem …
»Gut! bist du deines Berufes überdrüssig? Bereust du es, Kaufmann
geworden zu sein? Du hast damals die Erlaubnis von Vater erwirkt …«
»Ja, Tom«, sagte Christian nachdenklich; »ich würde wahrhaftig lieber
studieren! Auf der Universität, weißt du, das muß sehr nett sein … Man
geht hin, wenn man Lust hat, ganz freiwillig, setzt sich und hört zu, wie im
Theater …«
»Wie im Theater … Ach, ins Café chantant gehörst du als
Possenreißer … Ich scherze nicht! Es ist meine vollkommen ernsthafte
Überzeugung, daß das dein heimliches Ideal ist!« beteuerte der Konsul, und
Christian widersprach dem durchaus nicht; er blickte gedankenvoll in der
Luft umher.
»Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du,
der du keine Ahnung … nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit
ist, der du dein Leben ausfüllst, indem du dir mit Theater und Bummelei
und Narreteien eine Reihe von Gefühlen und Empfindungen und Zuständen
verschaffst, mit denen du dich beschäftigen, die du beobachten und pflegen,
über die du in schamloser Weise schwatzen kannst …«
»Ja, Tom«, sagte Christian ein wenig betrübt und strich wieder mit der
Hand über seinen Schädel. »Das ist wahr; das hast du ganz richtig
ausgedrückt. Das ist der Unterschied zwischen uns, siehst du. Du siehst
auch gern ein Theaterstück an und hast früher, unter uns gesagt, auch deine
Techtelmechtel gehabt und lasest eine Zeitlang mal mit Vorliebe Romane
und Gedichte und dergleichen … Aber du hast es immer so gut verstanden,
das alles mit der ordentlichen Arbeit und dem Ernst des Lebens zu
verbinden … Das geht mir ab, siehst du. Ich werde von dem anderen, von
dem Kram, ganz und gar aufgebraucht, weißt du, und behalte für das
Ordentliche gar nichts übrig … Ich weiß nicht, ob du mich verstehst …«
»Also, das siehst du ein!« rief Thomas, indem er stehenblieb und die
Arme auf der Brust kreuzte. »Das gibst du kleinlaut zu, und dennoch läßt du
zuletzt gesagt hatte. Es herrschte eine Pause. Thomas schritt in stiller
Verzweiflung daher.
»Alle Kaufleute sind Schwindler, sagst du«, begann er von neuem …
»Gut! bist du deines Berufes überdrüssig? Bereust du es, Kaufmann
geworden zu sein? Du hast damals die Erlaubnis von Vater erwirkt …«
»Ja, Tom«, sagte Christian nachdenklich; »ich würde wahrhaftig lieber
studieren! Auf der Universität, weißt du, das muß sehr nett sein … Man
geht hin, wenn man Lust hat, ganz freiwillig, setzt sich und hört zu, wie im
Theater …«
»Wie im Theater … Ach, ins Café chantant gehörst du als
Possenreißer … Ich scherze nicht! Es ist meine vollkommen ernsthafte
Überzeugung, daß das dein heimliches Ideal ist!« beteuerte der Konsul, und
Christian widersprach dem durchaus nicht; er blickte gedankenvoll in der
Luft umher.
»Und du erfrechst dich, eine solche Bemerkung von dir zu geben, du,
der du keine Ahnung … nicht einmal eine Ahnung davon hast, was Arbeit
ist, der du dein Leben ausfüllst, indem du dir mit Theater und Bummelei
und Narreteien eine Reihe von Gefühlen und Empfindungen und Zuständen
verschaffst, mit denen du dich beschäftigen, die du beobachten und pflegen,
über die du in schamloser Weise schwatzen kannst …«
»Ja, Tom«, sagte Christian ein wenig betrübt und strich wieder mit der
Hand über seinen Schädel. »Das ist wahr; das hast du ganz richtig
ausgedrückt. Das ist der Unterschied zwischen uns, siehst du. Du siehst
auch gern ein Theaterstück an und hast früher, unter uns gesagt, auch deine
Techtelmechtel gehabt und lasest eine Zeitlang mal mit Vorliebe Romane
und Gedichte und dergleichen … Aber du hast es immer so gut verstanden,
das alles mit der ordentlichen Arbeit und dem Ernst des Lebens zu
verbinden … Das geht mir ab, siehst du. Ich werde von dem anderen, von
dem Kram, ganz und gar aufgebraucht, weißt du, und behalte für das
Ordentliche gar nichts übrig … Ich weiß nicht, ob du mich verstehst …«
»Also, das siehst du ein!« rief Thomas, indem er stehenblieb und die
Arme auf der Brust kreuzte. »Das gibst du kleinlaut zu, und dennoch läßt du
Page 304
alles beim alten! Bist du denn ein Hund, Christian?! Man hat doch seinen
Stolz, Herrgott im Himmel! Man führt doch nicht ein Leben fort, das man
selbst nicht einmal zu verteidigen wagt! Aber so bist du! D a s ist dein
Wesen! Wenn du eine Sache nur einsiehst und verstehst und sie beschreiben
kannst … Nein, meine Geduld ist zu Ende, Christian!« Und der Konsul tat
einen raschen Schritt rückwärts, wobei er mit dem Arme waagrecht eine
heftige Bewegung machte … »Sie ist zu Ende, sage ich dir! Du beziehst
deine Prokura, aber du kommst niemals ins Kontor … das ist es nicht, was
mich aufbringt. Gehe hin und verjökele dein Leben, wie du es bisher getan!
Aber du kompromittierst uns, uns alle, wo du gehst und stehst! Du bist ein
Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Körper unserer Familie! Du bist vom
Übel hier in dieser Stadt, und wenn dies Haus mein eigen wäre, so würde
ich dich hinausweisen, da hinaus, zur Türe hinaus!« schrie er, indem er eine
wilde und weite Bewegung über den Garten, den Hof, die große Diele hin
vollführte … Er hielt nicht mehr an sich. Eine lange aufgespeicherte Menge
von Wut entlud sich …
»Was fällt dir ein, Thomas!« sagte Christian. Er hatte einen Anfall von
Entrüstung, was sich ziemlich sonderbar ausnahm. Er stand da in der
Haltung, die oft Krummbeinigen eigen ist, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, Kopf, Bauch und Knie nach vorn geschoben, und seine
runden, tiefliegenden Augen, die er so groß wie möglich machte, hatten
sich, wie bei seinem Vater, wenn er zornig war, mit roten Rändern
umgeben, die bis zu den Wangenknochen liefen. »Wie sprichst du zu mir!«
sagte er. »Was habe ich dir getan! Ich gehe schon von selbst, du brauchst
mich nicht hinauszuwerfen. – P f u i!« fügte er mit aufrichtigem Vorwurf
hinzu, und dieses Wort begleitete er mit einer kurzen, schnappenden
Handbewegung nach vorn, als finge er eine Fliege.
Merkwürdigerweise entgegnete Thomas hierauf durchaus nicht noch
heftiger, sondern senkte schweigend den Kopf und nahm dann langsam den
Weg um den Garten wieder auf. Es schien ihn zu befriedigen, ihm geradezu
wohlzutun, seinen Bruder endlich in Zorn gebracht … ihn endlich zu einer
energischen Erwiderung, einem Protest vermocht zu haben.
»Du kannst mir glauben«, sagte er ruhig, indem er die Hände wieder auf
dem Rücken zusammenlegte, »daß diese Unterredung mir aufrichtig leid
tut, Christian, aber sie mußte einmal stattfinden. Solche Szenen innerhalb
Stolz, Herrgott im Himmel! Man führt doch nicht ein Leben fort, das man
selbst nicht einmal zu verteidigen wagt! Aber so bist du! D a s ist dein
Wesen! Wenn du eine Sache nur einsiehst und verstehst und sie beschreiben
kannst … Nein, meine Geduld ist zu Ende, Christian!« Und der Konsul tat
einen raschen Schritt rückwärts, wobei er mit dem Arme waagrecht eine
heftige Bewegung machte … »Sie ist zu Ende, sage ich dir! Du beziehst
deine Prokura, aber du kommst niemals ins Kontor … das ist es nicht, was
mich aufbringt. Gehe hin und verjökele dein Leben, wie du es bisher getan!
Aber du kompromittierst uns, uns alle, wo du gehst und stehst! Du bist ein
Auswuchs, eine ungesunde Stelle am Körper unserer Familie! Du bist vom
Übel hier in dieser Stadt, und wenn dies Haus mein eigen wäre, so würde
ich dich hinausweisen, da hinaus, zur Türe hinaus!« schrie er, indem er eine
wilde und weite Bewegung über den Garten, den Hof, die große Diele hin
vollführte … Er hielt nicht mehr an sich. Eine lange aufgespeicherte Menge
von Wut entlud sich …
»Was fällt dir ein, Thomas!« sagte Christian. Er hatte einen Anfall von
Entrüstung, was sich ziemlich sonderbar ausnahm. Er stand da in der
Haltung, die oft Krummbeinigen eigen ist, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, Kopf, Bauch und Knie nach vorn geschoben, und seine
runden, tiefliegenden Augen, die er so groß wie möglich machte, hatten
sich, wie bei seinem Vater, wenn er zornig war, mit roten Rändern
umgeben, die bis zu den Wangenknochen liefen. »Wie sprichst du zu mir!«
sagte er. »Was habe ich dir getan! Ich gehe schon von selbst, du brauchst
mich nicht hinauszuwerfen. – P f u i!« fügte er mit aufrichtigem Vorwurf
hinzu, und dieses Wort begleitete er mit einer kurzen, schnappenden
Handbewegung nach vorn, als finge er eine Fliege.
Merkwürdigerweise entgegnete Thomas hierauf durchaus nicht noch
heftiger, sondern senkte schweigend den Kopf und nahm dann langsam den
Weg um den Garten wieder auf. Es schien ihn zu befriedigen, ihm geradezu
wohlzutun, seinen Bruder endlich in Zorn gebracht … ihn endlich zu einer
energischen Erwiderung, einem Protest vermocht zu haben.
»Du kannst mir glauben«, sagte er ruhig, indem er die Hände wieder auf
dem Rücken zusammenlegte, »daß diese Unterredung mir aufrichtig leid
tut, Christian, aber sie mußte einmal stattfinden. Solche Szenen innerhalb
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der Familie sind etwas Fürchterliches, aber aussprechen mußten wir uns
einmal … und wir können ganz gelassen über die Dinge reden, mein Junge.
Du gefällst dir nicht in deiner jetzigen Position, wie ich sehe, nicht
wahr …?«
»Nein, Tom, das hast du richtig erkannt. Siehst du: zu Anfang war ich ja
außerordentlich zufrieden … und ich habe es hier ja auch besser, als in
einem fremden Geschäft. Aber was mir fehlt, ist die Selbständigkeit, glaube
ich … Ich habe dich immer beneidet, wenn ich dich sitzen sah und arbeiten,
denn es ist eigentlich gar keine Arbeit für dich; du arbeitest nicht, weil du
mußt, sondern als Herr und Chef, und läßt andere für dich arbeiten und
machst deine Berechnungen und regierst und bist frei … Das ist ganz etwas
anderes …«
»Gut, Christian; hättest du das nicht schon früher sagen können? Es
steht dir doch frei, dich selbständig oder selbständiger zu machen. Du
weißt, daß Vater dir so gut wie mir ein vorläufiges Erbteil von 50000
Kurantmark ausgesetzt hat und daß ich selbstverständlicherweise in jeder
Sekunde bereit bin, dir diese Summe zu einer vernünftigen und soliden
Verwertung auszuzahlen. Es gibt, in Hamburg oder wo auch immer, sichere,
aber beschränkte Geschäfte genug, die einen Kapitalzufluß gebrauchen
können und in denen du als Teilhaber eintreten könntest … Laß uns, jeder
für sich, die Sache mal überlegen und gelegentlich auch mit Mutter darüber
sprechen. Ich habe jetzt zu tun, und du könntest in diesen Tagen die
englische Korrespondenz noch erledigen, bitte …«
»Wie denkst du zum Beispiel über H. C. F. Burmeester & Comp. in
Hamburg?« fragte er noch auf der Diele … »Import und Export … Ich
kenne den Mann. Ich bin überzeugt, daß er zugreifen würde …«
*
Das war Ende Mai des Jahres siebenundfünfzig. Zu Beginn des Juni
bereits reiste Christian über Büchen nach Hamburg ab … ein schwerer
Verlust für den Klub, das Stadttheater, das »Tivoli« und die ganze freiere
Geselligkeit der Stadt. Sämtliche »Suitiers«, darunter Doktor Gieseke und
Peter Döhlmann, verabschiedeten ihn am Bahnhofe und überbrachten ihm
Blumen und sogar Zigarren, wobei sie aus Leibeskräften lachten … in der
einmal … und wir können ganz gelassen über die Dinge reden, mein Junge.
Du gefällst dir nicht in deiner jetzigen Position, wie ich sehe, nicht
wahr …?«
»Nein, Tom, das hast du richtig erkannt. Siehst du: zu Anfang war ich ja
außerordentlich zufrieden … und ich habe es hier ja auch besser, als in
einem fremden Geschäft. Aber was mir fehlt, ist die Selbständigkeit, glaube
ich … Ich habe dich immer beneidet, wenn ich dich sitzen sah und arbeiten,
denn es ist eigentlich gar keine Arbeit für dich; du arbeitest nicht, weil du
mußt, sondern als Herr und Chef, und läßt andere für dich arbeiten und
machst deine Berechnungen und regierst und bist frei … Das ist ganz etwas
anderes …«
»Gut, Christian; hättest du das nicht schon früher sagen können? Es
steht dir doch frei, dich selbständig oder selbständiger zu machen. Du
weißt, daß Vater dir so gut wie mir ein vorläufiges Erbteil von 50000
Kurantmark ausgesetzt hat und daß ich selbstverständlicherweise in jeder
Sekunde bereit bin, dir diese Summe zu einer vernünftigen und soliden
Verwertung auszuzahlen. Es gibt, in Hamburg oder wo auch immer, sichere,
aber beschränkte Geschäfte genug, die einen Kapitalzufluß gebrauchen
können und in denen du als Teilhaber eintreten könntest … Laß uns, jeder
für sich, die Sache mal überlegen und gelegentlich auch mit Mutter darüber
sprechen. Ich habe jetzt zu tun, und du könntest in diesen Tagen die
englische Korrespondenz noch erledigen, bitte …«
»Wie denkst du zum Beispiel über H. C. F. Burmeester & Comp. in
Hamburg?« fragte er noch auf der Diele … »Import und Export … Ich
kenne den Mann. Ich bin überzeugt, daß er zugreifen würde …«
*
Das war Ende Mai des Jahres siebenundfünfzig. Zu Beginn des Juni
bereits reiste Christian über Büchen nach Hamburg ab … ein schwerer
Verlust für den Klub, das Stadttheater, das »Tivoli« und die ganze freiere
Geselligkeit der Stadt. Sämtliche »Suitiers«, darunter Doktor Gieseke und
Peter Döhlmann, verabschiedeten ihn am Bahnhofe und überbrachten ihm
Blumen und sogar Zigarren, wobei sie aus Leibeskräften lachten … in der
Page 306
Erinnerung ohne Zweifel an all die Geschichten, die Christian ihnen erzählt
hatte. Zum Schlusse befestigte Rechtsanwalt Doktor Gieseke unter
allgemeinem Hallo einen großen Kotillonorden aus Goldpapier an
Christians Paletot. Dieser Orden stammte aus einem Hause in der Nähe des
Hafens, einem Gasthause, das abends eine rote Laterne über der Haustür
führte, einem Orte zwangloser Zusammenkunft, an dem es stets heiter
herging … und war dem scheidenden Krischan Buddenbrook für
hervorragende Verdienste verliehen worden.
Vi e r t e s K a p i t e l
Es klingelte am Windfang, und ihrer neuen Gewohnheit gemäß erschien
Frau Grünlich auf dem Treppenabsatz, um über das weißlackierte Geländer
hinweg auf die Diele hinabzulugen. Kaum aber war drunten geöffnet
worden, als sie sich mit einem jähen Ruck noch weiter hinabbeugte, dann
zurückprallte, dann mit der einen Hand ihr Taschentuch vor den Mund
drückte, mit der anderen ihre Röcke zusammenfaßte und in etwas gebückter
Haltung nach oben eilte … Auf der Treppe zur zweiten Etage begegnete ihr
Mamsell Jungmann, der sie mit ersterbender Stimme etwas zuflüsterte,
worauf Ida vor freudigem Schreck etwas Polnisches antwortete, das klang
wie: »Meiboschekochhanne!« –
Zur selben Zeit saß die Konsulin Buddenbrook im Landschaftszimmer
und häkelte mit zwei großen hölzernen Nadeln einen Schal, eine Decke
oder etwas Ähnliches. Es war elf Uhr vormittags.
Plötzlich kam das Folgmädchen durch die Säulenhalle, pochte an die
Glastür und überbrachte der Konsulin watschelnden Schrittes eine
Visitenkarte. Die Konsulin nahm die Karte, rückte ihre Brille zurecht, denn
sie trug bei der Handarbeit eine Brille, und las. Dann blickte sie wieder zu
dem roten Gesichte des Mädchens empor, las abermals und sah aufs neue
das Mädchen an. Schließlich sagte sie freundlich, aber bestimmt: »Was soll
dies, Liebe? Was bedeutet dies, du?«
Auf der Karte stand gedruckt: »X. Noppe & Comp.« X. Noppe aber
sowohl wie das &-Zeichen waren mit einem Blaustift stark durchstrichen,
so daß nur das »Comp.« übrigblieb.
hatte. Zum Schlusse befestigte Rechtsanwalt Doktor Gieseke unter
allgemeinem Hallo einen großen Kotillonorden aus Goldpapier an
Christians Paletot. Dieser Orden stammte aus einem Hause in der Nähe des
Hafens, einem Gasthause, das abends eine rote Laterne über der Haustür
führte, einem Orte zwangloser Zusammenkunft, an dem es stets heiter
herging … und war dem scheidenden Krischan Buddenbrook für
hervorragende Verdienste verliehen worden.
Vi e r t e s K a p i t e l
Es klingelte am Windfang, und ihrer neuen Gewohnheit gemäß erschien
Frau Grünlich auf dem Treppenabsatz, um über das weißlackierte Geländer
hinweg auf die Diele hinabzulugen. Kaum aber war drunten geöffnet
worden, als sie sich mit einem jähen Ruck noch weiter hinabbeugte, dann
zurückprallte, dann mit der einen Hand ihr Taschentuch vor den Mund
drückte, mit der anderen ihre Röcke zusammenfaßte und in etwas gebückter
Haltung nach oben eilte … Auf der Treppe zur zweiten Etage begegnete ihr
Mamsell Jungmann, der sie mit ersterbender Stimme etwas zuflüsterte,
worauf Ida vor freudigem Schreck etwas Polnisches antwortete, das klang
wie: »Meiboschekochhanne!« –
Zur selben Zeit saß die Konsulin Buddenbrook im Landschaftszimmer
und häkelte mit zwei großen hölzernen Nadeln einen Schal, eine Decke
oder etwas Ähnliches. Es war elf Uhr vormittags.
Plötzlich kam das Folgmädchen durch die Säulenhalle, pochte an die
Glastür und überbrachte der Konsulin watschelnden Schrittes eine
Visitenkarte. Die Konsulin nahm die Karte, rückte ihre Brille zurecht, denn
sie trug bei der Handarbeit eine Brille, und las. Dann blickte sie wieder zu
dem roten Gesichte des Mädchens empor, las abermals und sah aufs neue
das Mädchen an. Schließlich sagte sie freundlich, aber bestimmt: »Was soll
dies, Liebe? Was bedeutet dies, du?«
Auf der Karte stand gedruckt: »X. Noppe & Comp.« X. Noppe aber
sowohl wie das &-Zeichen waren mit einem Blaustift stark durchstrichen,
so daß nur das »Comp.« übrigblieb.
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»Je, Fru Kunsel«, sagte das Mädchen, »doar wier'n Herr, öäwer hei red'
nich dütsch un is ook goar tau snaksch …«
»Bitte den Herrn«, sagte die Konsulin, denn sie begriff nun, daß es die
»Comp.« sei, die Einlaß begehrte. Das Mädchen ging. Gleich darauf öffnete
es die Glastür aufs neue und ließ eine untersetzte Gestalt eintreten, die im
schattigen Hintergrunde des Zimmers einen Augenblick stehenblieb und
etwas Langgezogenes verlauten ließ, das klang wie: »Hab' die Ähre …«
»Guten Morgen!« sagte die Konsulin. »Wollen Sie nicht nähertreten?«
Dabei stützte sie sich leicht mit der Hand auf das Sofapolster und erhob sich
ein wenig, denn sie wußte noch nicht, ob es angezeigt sei, sich ganz zu
erheben …
»I bin so frei …«, antwortete der Herr wiederum mit einer gemütlich
singenden und gedehnten Betonung, indem er, höflich gebückt, zwei
Schritte vorwärts tat, worauf er abermals stehenblieb und sich suchend
umblickte: sei es nun nach einer Sitzgelegenheit oder nach einem
Aufbewahrungsort für Hut und Stock, denn beides, auch den Stock, dessen
klauenartig gebogene Hornkrücke gut und gern anderthalb Fuß maß, hatte
er mit ins Zimmer gebracht.
Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er
einen weit offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und
geblümte Weste, die in weicher Wölbung seinen Bauch bedeckte und auf
der eine goldene Uhrkette mit einem wahren Bukett, einer ganzen
Sammlung von Anhängseln aus Horn, Knochen, Silber und Korallen
prangte – ein Beinkleid ferner von unbestimmter graugrüner Farbe, welches
zu kurz war und aus ungewöhnlich steifem Stoff gearbeitet schien, denn
seine Ränder umstanden unten kreisförmig und faltenlos die Schäfte der
kurzen und breiten Stiefel. – Der hellblonde, spärliche, fransenartig den
Mund überhängende Schnurrbart gab dem kugelrunden Kopfe mit seiner
gedrungenen Nase und seinem ziemlich dünnen und unfrisierten Haar etwas
Seehundartiges. Die »Fliege«, die der fremde Herr zwischen Kinn und
Unterlippe trug, stand im Gegensatze zum Schnurrbart ein wenig borstig
empor. Die Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und
gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen,
hellblauen Ritzen zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen
nich dütsch un is ook goar tau snaksch …«
»Bitte den Herrn«, sagte die Konsulin, denn sie begriff nun, daß es die
»Comp.« sei, die Einlaß begehrte. Das Mädchen ging. Gleich darauf öffnete
es die Glastür aufs neue und ließ eine untersetzte Gestalt eintreten, die im
schattigen Hintergrunde des Zimmers einen Augenblick stehenblieb und
etwas Langgezogenes verlauten ließ, das klang wie: »Hab' die Ähre …«
»Guten Morgen!« sagte die Konsulin. »Wollen Sie nicht nähertreten?«
Dabei stützte sie sich leicht mit der Hand auf das Sofapolster und erhob sich
ein wenig, denn sie wußte noch nicht, ob es angezeigt sei, sich ganz zu
erheben …
»I bin so frei …«, antwortete der Herr wiederum mit einer gemütlich
singenden und gedehnten Betonung, indem er, höflich gebückt, zwei
Schritte vorwärts tat, worauf er abermals stehenblieb und sich suchend
umblickte: sei es nun nach einer Sitzgelegenheit oder nach einem
Aufbewahrungsort für Hut und Stock, denn beides, auch den Stock, dessen
klauenartig gebogene Hornkrücke gut und gern anderthalb Fuß maß, hatte
er mit ins Zimmer gebracht.
Es war ein Mann von vierzig Jahren. Kurzgliedrig und beleibt, trug er
einen weit offenstehenden Rock aus braunem Loden, eine helle und
geblümte Weste, die in weicher Wölbung seinen Bauch bedeckte und auf
der eine goldene Uhrkette mit einem wahren Bukett, einer ganzen
Sammlung von Anhängseln aus Horn, Knochen, Silber und Korallen
prangte – ein Beinkleid ferner von unbestimmter graugrüner Farbe, welches
zu kurz war und aus ungewöhnlich steifem Stoff gearbeitet schien, denn
seine Ränder umstanden unten kreisförmig und faltenlos die Schäfte der
kurzen und breiten Stiefel. – Der hellblonde, spärliche, fransenartig den
Mund überhängende Schnurrbart gab dem kugelrunden Kopfe mit seiner
gedrungenen Nase und seinem ziemlich dünnen und unfrisierten Haar etwas
Seehundartiges. Die »Fliege«, die der fremde Herr zwischen Kinn und
Unterlippe trug, stand im Gegensatze zum Schnurrbart ein wenig borstig
empor. Die Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und
gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen,
hellblauen Ritzen zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen
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bildeten. Dies gab dem solcherart verquollenen Gesicht einen
Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rührender
Gutmütigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die
schmale weiße Halsbinde hinein … die Linie eines kropfartigen Halses, der
keine Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals,
Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos
und gepolstert ineinander über … Die ganze Gesichtshaut war infolge aller
dieser Schwellungen über die Gebühr straff gespannt und zeigte an
einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrläppchen und zu beiden Seiten der
Nase, eine spröde Rötung … In der einen seiner kurzen, weißen und fetten
Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grünes
Tirolerhütchen, geschmückt mit einem Gemsbart.
Die Konsulin hatte die Brille abgenommen und stützte sich noch immer
in halb stehender Haltung auf das Sofapolster.
»Wie kann ich Ihnen dienen«, sagte sie höflich, aber bestimmt.
Da legte der Herr mit einer entschlossenen Bewegung Hut und Stock
auf den Deckel des Harmoniums, rieb sich dann befriedigt die
freigewordenen Hände, blickte die Konsulin treuherzig aus seinen hellen,
verquollenen Äuglein an und sagte: »I bitt' die gnädige Frau um Verzeihung
von wegen dem Kartl; i hob kei onderes zur Hond k'habt. Mei Name ist
Permaneder; Alois Permaneder aus München. Vielleicht hat die gnädige
Frau schon von der Frau Tochter meinen Namen k'hert –«
Dies alles sagte er laut und mit ziemlich grober Betonung, in seinem
knorrigen Dialekt voller plötzlicher Zusammenziehungen, aber mit einem
vertraulichen Blinzeln seiner Augenritzen, welches andeutete: »Wir
verstehen uns schon …«
Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts
geneigtem Kopfe und ausgestreckten Händen auf ihn zu …
»Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen
erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den Aufenthalt
in München angenehm und unterhaltend zu machen … Und Sie sind in
unsere Stadt verschlagen worden?«
Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rührender
Gutmütigkeit. Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die
schmale weiße Halsbinde hinein … die Linie eines kropfartigen Halses, der
keine Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals,
Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos
und gepolstert ineinander über … Die ganze Gesichtshaut war infolge aller
dieser Schwellungen über die Gebühr straff gespannt und zeigte an
einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrläppchen und zu beiden Seiten der
Nase, eine spröde Rötung … In der einen seiner kurzen, weißen und fetten
Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grünes
Tirolerhütchen, geschmückt mit einem Gemsbart.
Die Konsulin hatte die Brille abgenommen und stützte sich noch immer
in halb stehender Haltung auf das Sofapolster.
»Wie kann ich Ihnen dienen«, sagte sie höflich, aber bestimmt.
Da legte der Herr mit einer entschlossenen Bewegung Hut und Stock
auf den Deckel des Harmoniums, rieb sich dann befriedigt die
freigewordenen Hände, blickte die Konsulin treuherzig aus seinen hellen,
verquollenen Äuglein an und sagte: »I bitt' die gnädige Frau um Verzeihung
von wegen dem Kartl; i hob kei onderes zur Hond k'habt. Mei Name ist
Permaneder; Alois Permaneder aus München. Vielleicht hat die gnädige
Frau schon von der Frau Tochter meinen Namen k'hert –«
Dies alles sagte er laut und mit ziemlich grober Betonung, in seinem
knorrigen Dialekt voller plötzlicher Zusammenziehungen, aber mit einem
vertraulichen Blinzeln seiner Augenritzen, welches andeutete: »Wir
verstehen uns schon …«
Die Konsulin hatte sich nun völlig erhoben und trat mit seitwärts
geneigtem Kopfe und ausgestreckten Händen auf ihn zu …
»Herr Permaneder! Sie sind es? Gewiß hat meine Tochter uns von Ihnen
erzählt. Ich weiß, wie sehr Sie dazu beigetragen haben, ihr den Aufenthalt
in München angenehm und unterhaltend zu machen … Und Sie sind in
unsere Stadt verschlagen worden?«
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»Geltn's, da schaun's!« sagte Herr Permaneder, indem er sich bei der
Konsulin in einem Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer
Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine
kurzen und runden Oberschenkel zu reiben …
»Wie beliebt?« fragte die Konsulin …
»Geltn's, da spitzen's!« antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte,
seine Knie zu reiben.
»Nett!« sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich, die Hände im
Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder
merkte das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß warum, mit der Hand
Kreise in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung: »Da tun sich die
gnädige Frau halt … wundern!«
»Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!« erwiderte die
Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um
aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden
Seufzer: »Es is halt a Kreiz!«
»Hm … wie beliebt?« fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen
ein wenig beiseite gleiten ließ …
»A Kreiz is'!« wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und
grob.
»Nett«, sagte die Konsulin begütigend; und somit war auch dieser Punkt
abgetan.
»Darf man fragen«, fuhr sie fort, »was Sie so weit hergeführt hat, lieber
Herr? Es ist eine tüchtige Reise von München …«
»A G'schäfterl«, sagte Herr Permaneder, indem er seine kurze Hand in
der Luft hin und her drehte, »a kloans G'schäfterl, gnädige Frau, mit der
Brauerei zur Walkmühle!«
»Oh, richtig, Sie sind Hopfenhändler, mein lieber Herr Permaneder!
Noppe & Comp., nicht wahr? Seien Sie überzeugt, ich habe von meinem
Sohne, dem Konsul, hie und da viel Vorteilhaftes über Ihre Firma gehört«,
sagte die Konsulin höflich. Aber Herr Permaneder wehrte ab: »Is scho
Konsulin in einem Lehnsessel niederließ, auf den sie mit vornehmer
Bewegung gedeutet hatte, und begann, mit beiden Händen behaglich seine
kurzen und runden Oberschenkel zu reiben …
»Wie beliebt?« fragte die Konsulin …
»Geltn's, da spitzen's!« antwortete Herr Permaneder, indem er aufhörte,
seine Knie zu reiben.
»Nett!« sagte die Konsulin verständnislos und lehnte sich, die Hände im
Schoß, mit erheuchelter Befriedigung zurück. Aber Herr Permaneder
merkte das; er beugte sich vor, beschrieb, Gott weiß warum, mit der Hand
Kreise in der Luft und sagte mit großer Kraftanstrengung: »Da tun sich die
gnädige Frau halt … wundern!«
»Ja, ja, mein lieber Herr Permaneder, das ist wahr!« erwiderte die
Konsulin freudig, und nachdem dies erledigt war, trat eine Pause ein. Um
aber diese Pause auszufüllen, sagte Herr Permaneder mit einem ächzenden
Seufzer: »Es is halt a Kreiz!«
»Hm … wie beliebt?« fragte die Konsulin, indem sie ihre hellen Augen
ein wenig beiseite gleiten ließ …
»A Kreiz is'!« wiederholte Herr Permaneder außerordentlich laut und
grob.
»Nett«, sagte die Konsulin begütigend; und somit war auch dieser Punkt
abgetan.
»Darf man fragen«, fuhr sie fort, »was Sie so weit hergeführt hat, lieber
Herr? Es ist eine tüchtige Reise von München …«
»A G'schäfterl«, sagte Herr Permaneder, indem er seine kurze Hand in
der Luft hin und her drehte, »a kloans G'schäfterl, gnädige Frau, mit der
Brauerei zur Walkmühle!«
»Oh, richtig, Sie sind Hopfenhändler, mein lieber Herr Permaneder!
Noppe & Comp., nicht wahr? Seien Sie überzeugt, ich habe von meinem
Sohne, dem Konsul, hie und da viel Vorteilhaftes über Ihre Firma gehört«,
sagte die Konsulin höflich. Aber Herr Permaneder wehrte ab: »Is scho
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recht. Davon is koa Red'. Ah, naa, die Hauptsach' is halt, daß i allweil den
Wunsch k'habt hob, der gnädigen Frau amol mei Aufwartung z' mochn und
die Frau Grünlich wiederzusehn! Dös is Sach' gnua, um die Reis' net z'
scheun!«
»Ich danke Ihnen«, sagte die Konsulin herzlich, indem sie ihm
nochmals die Hand reichte, deren Fläche sie ganz weit herumwandte. »Aber
nun soll man meine Tochter benachrichtigen!« fügte sie hinzu, stand auf
und schritt auf den gestickten Klingelzug zu, der neben der Glastür hing.
»Ja, Himmi Sakrament, werd' i a Freid' ha'm!« rief Herr Permaneder
und drehte sich mitsamt seinem Lehnsessel der Tür zu.
Die Konsulin befahl dem Mädchen: »Bitte Madame Grünlich herunter,
Liebe.«
Dann kehrte sie zum Sofa zurück, worauf auch Herr Permaneder seinen
Sessel wieder herumdrehte.
»Werd' i a Freid' ha'm …« wiederholte er abwesend, indem er die
Tapeten, das große Sevrestintenfaß auf dem Sekretär und die Möbel
betrachtete. Dann sagte er mehrere Male: »Is dös a Kreiz!… Es is halt a
Kreiz!…« wobei er sich die Knie rieb und ohne ersichtlichen Grund schwer
seufzte. Dies füllte ungefähr die Zeit bis zu Frau Grünlichs Erscheinen aus.
Sie hatte entschieden ein wenig Toilette gemacht, eine helle Taille
angelegt, ihre Frisur geordnet. Ihr Gesicht war frischer und hübscher denn
je. Ihre Zungenspitze spielte verschmitzt in einem Mundwinkel …
Kaum war sie eingetreten, als Herr Permaneder emporsprang und ihr
mit einer ungeheuren Begeisterung entgegenkam. Alles an ihm geriet in
Bewegung. Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte sie und rief: »Ja, die
Frau Grünlich! Ja, grüß Eana Gott! Ja, wie hat's denn derweil gegangen?
was haben's denn allweil g'macht, da heroben? Jessas, hab' i a narrische
Freid'! Denken's denn noch amol an d' Münchnerstadt und an unsre Berg'?
O mei, ham wir a Gaudi k'habt, geltn's ja?! Kruzi Türken nei! und da san
mer wieder! Jetzt wer hätt' denn des glaubt …«
Auch Tony ihrerseits begrüßte ihn mit großer Lebhaftigkeit, zog einen
Stuhl herbei und begann, mit ihm von ihren Münchener Wochen zu
Wunsch k'habt hob, der gnädigen Frau amol mei Aufwartung z' mochn und
die Frau Grünlich wiederzusehn! Dös is Sach' gnua, um die Reis' net z'
scheun!«
»Ich danke Ihnen«, sagte die Konsulin herzlich, indem sie ihm
nochmals die Hand reichte, deren Fläche sie ganz weit herumwandte. »Aber
nun soll man meine Tochter benachrichtigen!« fügte sie hinzu, stand auf
und schritt auf den gestickten Klingelzug zu, der neben der Glastür hing.
»Ja, Himmi Sakrament, werd' i a Freid' ha'm!« rief Herr Permaneder
und drehte sich mitsamt seinem Lehnsessel der Tür zu.
Die Konsulin befahl dem Mädchen: »Bitte Madame Grünlich herunter,
Liebe.«
Dann kehrte sie zum Sofa zurück, worauf auch Herr Permaneder seinen
Sessel wieder herumdrehte.
»Werd' i a Freid' ha'm …« wiederholte er abwesend, indem er die
Tapeten, das große Sevrestintenfaß auf dem Sekretär und die Möbel
betrachtete. Dann sagte er mehrere Male: »Is dös a Kreiz!… Es is halt a
Kreiz!…« wobei er sich die Knie rieb und ohne ersichtlichen Grund schwer
seufzte. Dies füllte ungefähr die Zeit bis zu Frau Grünlichs Erscheinen aus.
Sie hatte entschieden ein wenig Toilette gemacht, eine helle Taille
angelegt, ihre Frisur geordnet. Ihr Gesicht war frischer und hübscher denn
je. Ihre Zungenspitze spielte verschmitzt in einem Mundwinkel …
Kaum war sie eingetreten, als Herr Permaneder emporsprang und ihr
mit einer ungeheuren Begeisterung entgegenkam. Alles an ihm geriet in
Bewegung. Er ergriff ihre beiden Hände, schüttelte sie und rief: »Ja, die
Frau Grünlich! Ja, grüß Eana Gott! Ja, wie hat's denn derweil gegangen?
was haben's denn allweil g'macht, da heroben? Jessas, hab' i a narrische
Freid'! Denken's denn noch amol an d' Münchnerstadt und an unsre Berg'?
O mei, ham wir a Gaudi k'habt, geltn's ja?! Kruzi Türken nei! und da san
mer wieder! Jetzt wer hätt' denn des glaubt …«
Auch Tony ihrerseits begrüßte ihn mit großer Lebhaftigkeit, zog einen
Stuhl herbei und begann, mit ihm von ihren Münchener Wochen zu
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plaudern … Die Unterhaltung floß nun ohne Hindernis dahin, und die
Konsulin folgte ihr, indem sie Herrn Permaneder nachsichtig und
ermunternd zunickte, diese oder jene seiner Redewendungen ins
Schriftdeutsche übersetzte und sich dann jedesmal, zufrieden, daß sie es
verstanden, ins Sofa zurücklehnte.
Herr Permaneder mußte auch Frau Antonien nochmals den Grund seines
Hierseins erklären, aber er legte diesem »G'schäfterl« mit der Brauerei
ersichtlich so wenig Bedeutung bei, daß es den Anschein gewann, als habe
er eigentlich gar nichts in der Stadt zu suchen. Dagegen erkundigte er sich
mit Interesse nach der zweiten Tochter sowie nach den Söhnen der
Konsulin und bedauerte laut die Abwesenheit Klaras und Christians, da er
»allweil den Wunsch k'habt« habe, »die gonze Famili« kennenzulernen …
Über die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt äußerte er sich überaus
unbestimmt; als aber die Konsulin bemerkte: »Ich erwarte in jedem
Augenblick meinen Sohn zum Frühstück, Herr Permaneder; machen Sie
uns das Vergnügen, ein Butterbrot mit uns zu essen …?« – da nahm er diese
Einladung, noch ehe sie ausgesprochen war, mit einer Bereitwilligkeit an,
als habe er darauf gewartet.
Der Konsul kam. Er hatte das Frühstückszimmer leer gefunden und
erschien im Kontorrock, eilig, ein wenig abgespannt und überhäuft, um zu
einem flüchtigen Imbiß zu mahnen … Aber kaum war er der fremden
Erscheinung des Gastes mit seinen ungeheuren Uhrgehängen und seiner
Lodenjacke sowie des Gemsbartes auf dem Harmonium gewahr geworden,
als er aufmerksam den Kopf erhob, und kaum war der Name genannt
worden, den er aus Frau Antoniens Munde oft genug gehört hatte, als er
einen raschen Blick zu seiner Schwester hinüberwarf und Herrn
Permaneder mit seiner gewinnendsten Liebenswürdigkeit begrüßte … Er
nahm nicht erst Platz. Man ging sofort ins Zwischengeschoß hinunter, wo
Mamsell Jungmann den Tisch gedeckt hatte und den Samowar summen ließ
– einen echten Samowar, ein Geschenk des Pastors Tiburtius und seiner
Gattin.
»Ös tuats enk leicht!« sagte Herr Permaneder, als er sich niederließ und
die Auswahl an kalter Küche auf dem Tische überblickte … Hie und da, in
Konsulin folgte ihr, indem sie Herrn Permaneder nachsichtig und
ermunternd zunickte, diese oder jene seiner Redewendungen ins
Schriftdeutsche übersetzte und sich dann jedesmal, zufrieden, daß sie es
verstanden, ins Sofa zurücklehnte.
Herr Permaneder mußte auch Frau Antonien nochmals den Grund seines
Hierseins erklären, aber er legte diesem »G'schäfterl« mit der Brauerei
ersichtlich so wenig Bedeutung bei, daß es den Anschein gewann, als habe
er eigentlich gar nichts in der Stadt zu suchen. Dagegen erkundigte er sich
mit Interesse nach der zweiten Tochter sowie nach den Söhnen der
Konsulin und bedauerte laut die Abwesenheit Klaras und Christians, da er
»allweil den Wunsch k'habt« habe, »die gonze Famili« kennenzulernen …
Über die Dauer seines Aufenthaltes in der Stadt äußerte er sich überaus
unbestimmt; als aber die Konsulin bemerkte: »Ich erwarte in jedem
Augenblick meinen Sohn zum Frühstück, Herr Permaneder; machen Sie
uns das Vergnügen, ein Butterbrot mit uns zu essen …?« – da nahm er diese
Einladung, noch ehe sie ausgesprochen war, mit einer Bereitwilligkeit an,
als habe er darauf gewartet.
Der Konsul kam. Er hatte das Frühstückszimmer leer gefunden und
erschien im Kontorrock, eilig, ein wenig abgespannt und überhäuft, um zu
einem flüchtigen Imbiß zu mahnen … Aber kaum war er der fremden
Erscheinung des Gastes mit seinen ungeheuren Uhrgehängen und seiner
Lodenjacke sowie des Gemsbartes auf dem Harmonium gewahr geworden,
als er aufmerksam den Kopf erhob, und kaum war der Name genannt
worden, den er aus Frau Antoniens Munde oft genug gehört hatte, als er
einen raschen Blick zu seiner Schwester hinüberwarf und Herrn
Permaneder mit seiner gewinnendsten Liebenswürdigkeit begrüßte … Er
nahm nicht erst Platz. Man ging sofort ins Zwischengeschoß hinunter, wo
Mamsell Jungmann den Tisch gedeckt hatte und den Samowar summen ließ
– einen echten Samowar, ein Geschenk des Pastors Tiburtius und seiner
Gattin.
»Ös tuats enk leicht!« sagte Herr Permaneder, als er sich niederließ und
die Auswahl an kalter Küche auf dem Tische überblickte … Hie und da, in
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der Mehrzahl wenigstens, bediente er sich mit dem harmlosesten
Gesichtsausdruck der zweiten Person bei der Anrede.
»Es ist nicht gerade Hofbräu, Herr Permaneder, aber immerhin
genießbarer, als unser einheimisches Gebräu.« Und der Konsul schenkte
ihm von dem braun schäumenden Porter ein, den er selbst um diese Zeit zu
trinken pflegte.
»I donk scheen, Herr Nachbohr!« sagte Herr Permaneder kauend und
merkte nichts von dem entsetzten Blick, den Mamsell Jungmann ihm
zuwarf. Von dem Porter aber genoß er mit solcher Zurückhaltung, daß die
Konsulin eine Bouteille Rotwein heraufkommen ließ, worauf er merklich
munterer wurde und wieder mit Frau Grünlich zu plaudern begann. Er saß,
des Bauches wegen, ziemlich weit vom Tische entfernt, hielt seine Beine
weit voneinander entfernt und ließ meistens den einen seiner kurzen Arme
mit der feisten, weißen Hand senkrecht an der Stuhllehne hinunterhängen,
während er, den dicken Kopf mit dem Seehundsschnurrbart ein wenig zur
Seite gelegt, mit dem Ausdruck einer verdrießlichen Behaglichkeit und
einem treuherzigen Blinzeln seiner Augenritzen, Tonys Reden und
Antworten anhörte.
Mit zierlichen Bewegungen zerlegte sie ihm Brätlinge, worin er gar
keine Übung besaß, und hielt nicht mit dieser oder jener Betrachtung über
das Leben zurück …
»O Gott, wie traurig ist es doch, Herr Permaneder, daß alles Gute und
Schöne im Leben so schnell vorübergeht!« sagte sie mit Bezug auf ihren
Münchener Aufenthalt, legte für einen Augenblick Messer und Gabel fort
und sah ernst zur Decke empor. Übrigens machte sie dann und wann ebenso
drollige wie talentlose Versuche, in bayerischer Mundart zu sprechen …
Während der Mahlzeit pochte es, und der Kontorlehrling überbrachte
ein Telegramm. Der Konsul las es, indem er die lange Spitze seines
Schnurrbartes langsam durch die Finger gleiten ließ, und obgleich man sah,
daß er angestrengt mit dem Inhalt der Depesche beschäftigt war, fragte er
dabei im leichtesten Tone: »Wie gehen die Geschäfte, Herr Permaneder?…«
»Es ist gut«, sagte er gleich darauf zu dem Lehrling, und der junge
Mensch verschwand.
Gesichtsausdruck der zweiten Person bei der Anrede.
»Es ist nicht gerade Hofbräu, Herr Permaneder, aber immerhin
genießbarer, als unser einheimisches Gebräu.« Und der Konsul schenkte
ihm von dem braun schäumenden Porter ein, den er selbst um diese Zeit zu
trinken pflegte.
»I donk scheen, Herr Nachbohr!« sagte Herr Permaneder kauend und
merkte nichts von dem entsetzten Blick, den Mamsell Jungmann ihm
zuwarf. Von dem Porter aber genoß er mit solcher Zurückhaltung, daß die
Konsulin eine Bouteille Rotwein heraufkommen ließ, worauf er merklich
munterer wurde und wieder mit Frau Grünlich zu plaudern begann. Er saß,
des Bauches wegen, ziemlich weit vom Tische entfernt, hielt seine Beine
weit voneinander entfernt und ließ meistens den einen seiner kurzen Arme
mit der feisten, weißen Hand senkrecht an der Stuhllehne hinunterhängen,
während er, den dicken Kopf mit dem Seehundsschnurrbart ein wenig zur
Seite gelegt, mit dem Ausdruck einer verdrießlichen Behaglichkeit und
einem treuherzigen Blinzeln seiner Augenritzen, Tonys Reden und
Antworten anhörte.
Mit zierlichen Bewegungen zerlegte sie ihm Brätlinge, worin er gar
keine Übung besaß, und hielt nicht mit dieser oder jener Betrachtung über
das Leben zurück …
»O Gott, wie traurig ist es doch, Herr Permaneder, daß alles Gute und
Schöne im Leben so schnell vorübergeht!« sagte sie mit Bezug auf ihren
Münchener Aufenthalt, legte für einen Augenblick Messer und Gabel fort
und sah ernst zur Decke empor. Übrigens machte sie dann und wann ebenso
drollige wie talentlose Versuche, in bayerischer Mundart zu sprechen …
Während der Mahlzeit pochte es, und der Kontorlehrling überbrachte
ein Telegramm. Der Konsul las es, indem er die lange Spitze seines
Schnurrbartes langsam durch die Finger gleiten ließ, und obgleich man sah,
daß er angestrengt mit dem Inhalt der Depesche beschäftigt war, fragte er
dabei im leichtesten Tone: »Wie gehen die Geschäfte, Herr Permaneder?…«
»Es ist gut«, sagte er gleich darauf zu dem Lehrling, und der junge
Mensch verschwand.
Page 313
»O mei, Herr Nachbohr!« antwortete Herr Permaneder und wandte sich
mit der Unbeholfenheit eines Mannes, der einen dicken und steifen Hals
hat, nach des Konsuls Seite, um nun den anderen Arm an der Stuhllehne
hinunterhängen zu lassen. »Do is nix'n z'red'n, dös is halt a Plog! Schaun's,
München« – er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in einer Weise aus,
daß man nur erraten konnte, was gemeint war – »München is koane
G'schäftsstadt … Da will an jeder sei' Ruh' und sei' Maß … Und a
Depeschen tuat ma fei nöt lesen beim Essen, dös fei net. Jetzt da haben's
daheroben an onderen Schneid, Sakrament!… I donk scheen, i nehm' scho
noch a Glaserl … Es is a Kreiz! Mei' Kompagnon, der Noppe, hat allweil
nach Nürnberg g'wollt, weil's da die Börs' ham und an Unternehmungsgeist
… aber i verloß mei München nöt … Dös fei nöt! – Es is halt a Kreiz!…
Schaun's, da hamer dö damische Konkurrenz, dö damische … und der
Export, dös is scho z'm Lochen … Sogar in Rußland werden's nächstens
anfangen, selber a Pflanzen z' bauen …«
Plötzlich aber warf er dem Konsul einen ungewöhnlich hurtigen Blick
zu und sagte: »Übrigens … i will nixen g'sagt ham, Herr Nachbohr! Dös is
fei a nett's G'schäfterl! Mer machen a Geld mit der Aktien-Brauerei, wovon
der Niederpaur Direktor is, wissen's. Dös is a ganz a kloane G'sellschaft
g'wesen, aber mer ham eahna an Kredit geben und a bares Göld … zu 4
Prozent, auf Hypothek … damit's eahnere Gebäud' ham vergreßern können
… Und jatzt mochen's an G'schäft, und mer ham an Umsatz und a
Jahreseinnahm' – dös haut scho!« schloß Herr Permaneder, lehnte dankend
Zigarette und Zigarre ab, zog, mit Verlaub, seine Pfeife mit langem
Hornkopf aus der Tasche und ließ sich, von Qualm umhüllt, mit dem
Konsul in ein geschäftliches Gespräch ein, welches sodann auf das
politische Gebiet hinüberglitt und von Bayerns Verhältnis zu Preußen, vom
Könige Max und dem Kaiser Napoleon handelte … ein Gespräch, das Herr
Permaneder hie und da mit vollkommen unverständlichen Redewendungen
würzte, und dessen Pausen er ohne erkennbare Beziehung mit Stoßseufzern
ausfüllte, wie: »Is dös a Hetz!« oder: »Des san G'schichten!« …
Mamsell Jungmann vergaß vor Erstaunen, auch wenn sie einen Bissen
im Munde hatte, beständig zu kauen und blickte den Gast sprachlos aus
ihren blanken, braunen Augen an, wobei sie, ihrer Gewohnheit nach,
Messer und Gabel senkrecht auf dem Tische hielt, und beides leicht hin und
her bewegte. Solche Laute hatten diese Räume noch nicht vernommen,
mit der Unbeholfenheit eines Mannes, der einen dicken und steifen Hals
hat, nach des Konsuls Seite, um nun den anderen Arm an der Stuhllehne
hinunterhängen zu lassen. »Do is nix'n z'red'n, dös is halt a Plog! Schaun's,
München« – er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in einer Weise aus,
daß man nur erraten konnte, was gemeint war – »München is koane
G'schäftsstadt … Da will an jeder sei' Ruh' und sei' Maß … Und a
Depeschen tuat ma fei nöt lesen beim Essen, dös fei net. Jetzt da haben's
daheroben an onderen Schneid, Sakrament!… I donk scheen, i nehm' scho
noch a Glaserl … Es is a Kreiz! Mei' Kompagnon, der Noppe, hat allweil
nach Nürnberg g'wollt, weil's da die Börs' ham und an Unternehmungsgeist
… aber i verloß mei München nöt … Dös fei nöt! – Es is halt a Kreiz!…
Schaun's, da hamer dö damische Konkurrenz, dö damische … und der
Export, dös is scho z'm Lochen … Sogar in Rußland werden's nächstens
anfangen, selber a Pflanzen z' bauen …«
Plötzlich aber warf er dem Konsul einen ungewöhnlich hurtigen Blick
zu und sagte: »Übrigens … i will nixen g'sagt ham, Herr Nachbohr! Dös is
fei a nett's G'schäfterl! Mer machen a Geld mit der Aktien-Brauerei, wovon
der Niederpaur Direktor is, wissen's. Dös is a ganz a kloane G'sellschaft
g'wesen, aber mer ham eahna an Kredit geben und a bares Göld … zu 4
Prozent, auf Hypothek … damit's eahnere Gebäud' ham vergreßern können
… Und jatzt mochen's an G'schäft, und mer ham an Umsatz und a
Jahreseinnahm' – dös haut scho!« schloß Herr Permaneder, lehnte dankend
Zigarette und Zigarre ab, zog, mit Verlaub, seine Pfeife mit langem
Hornkopf aus der Tasche und ließ sich, von Qualm umhüllt, mit dem
Konsul in ein geschäftliches Gespräch ein, welches sodann auf das
politische Gebiet hinüberglitt und von Bayerns Verhältnis zu Preußen, vom
Könige Max und dem Kaiser Napoleon handelte … ein Gespräch, das Herr
Permaneder hie und da mit vollkommen unverständlichen Redewendungen
würzte, und dessen Pausen er ohne erkennbare Beziehung mit Stoßseufzern
ausfüllte, wie: »Is dös a Hetz!« oder: »Des san G'schichten!« …
Mamsell Jungmann vergaß vor Erstaunen, auch wenn sie einen Bissen
im Munde hatte, beständig zu kauen und blickte den Gast sprachlos aus
ihren blanken, braunen Augen an, wobei sie, ihrer Gewohnheit nach,
Messer und Gabel senkrecht auf dem Tische hielt, und beides leicht hin und
her bewegte. Solche Laute hatten diese Räume noch nicht vernommen,
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solcher Pfeifenrauch hatte sie noch nicht erfüllt, solche verdrossen
behagliche Formlosigkeit des Benehmens war ihnen fremd … Die Konsulin
verharrte, nachdem sie eine besorgte Erkundigung über die Anfechtungen
eingezogen, denen eine so kleine evangelische Gemeinde unter lauter
Papisten ausgesetzt sein mußte, in freundlicher Verständnislosigkeit, und
Tony schien im Verlauf der Mahlzeit ein wenig nachdenklich und unruhig
geworden zu sein. Der Konsul aber amüsierte sich ganz vortrefflich, bewog
sogar seine Mutter, eine zweite Flasche Rotwein heraufkommen zu lassen
und lud Herrn Permaneder lebhaft zu einem Besuche in der Breitenstraße
ein; seine Frau werde außerordentlich erfreut sein …
Volle drei Stunden nach seiner Ankunft begann der Hopfenhändler
Anstalten zum Aufbruch zu treffen, klopfte seine Pfeife aus, leerte sein
Glas, erklärte irgend etwas für ein »Kreiz« und erhob sich.
»I hob die Ähre, gnädige Frau … Pfüaht Ihna Gott, Frau Grünlich …
Pfüaht Gott, Herr Buddenbrook …« Bei dieser Anrede zuckte Ida
Jungmann sogar zusammen und verfärbte sich … »Guten Tag, Freilein …«
Er sagte beim Fortgehen »Guten Tag«!…
Die Konsulin und ihr Sohn wechselten einen Blick … Herr Permaneder
hatte die Absicht kundgegeben, nun in den bescheidenen Gasthof an der
Trave zurückzukehren, woselbst er abgestiegen war …
»Die Münchener Freundin meiner Tochter und ihr Gatte«, sagte die alte
Dame, indem sie noch einmal auf Herrn Permaneder zutrat, »sind fern, und
wir werden wohl nicht so bald Gelegenheit haben, uns für ihre
Gastfreundschaft erkenntlich zu erweisen. Aber wenn Sie, lieber Herr, uns
die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns
vorlieb zu nehmen … Sie würden uns herzlich willkommen sein …«
Sie hielt ihm die Hand hin, und siehe da: Herr Permaneder schlug ohne
Bedenken ein; ebenso rasch und bereitwillig wie diejenige zum Frühstück
nahm er auch diese Einladung an, küßte den beiden Damen die Hand, was
ihm ziemlich merkwürdig zu Gesichte stand, holte Hut und Stock aus dem
Landschaftszimmer, versprach nochmals, sogleich seinen Koffer
herbeischaffen zu lassen und um vier Uhr, nach Erledigung seiner
Geschäfte, wieder zur Stelle zu sein und ließ sich vom Konsul die Treppe
hinunterbegleiten. Am Windfang aber wendete er sich noch einmal um und
behagliche Formlosigkeit des Benehmens war ihnen fremd … Die Konsulin
verharrte, nachdem sie eine besorgte Erkundigung über die Anfechtungen
eingezogen, denen eine so kleine evangelische Gemeinde unter lauter
Papisten ausgesetzt sein mußte, in freundlicher Verständnislosigkeit, und
Tony schien im Verlauf der Mahlzeit ein wenig nachdenklich und unruhig
geworden zu sein. Der Konsul aber amüsierte sich ganz vortrefflich, bewog
sogar seine Mutter, eine zweite Flasche Rotwein heraufkommen zu lassen
und lud Herrn Permaneder lebhaft zu einem Besuche in der Breitenstraße
ein; seine Frau werde außerordentlich erfreut sein …
Volle drei Stunden nach seiner Ankunft begann der Hopfenhändler
Anstalten zum Aufbruch zu treffen, klopfte seine Pfeife aus, leerte sein
Glas, erklärte irgend etwas für ein »Kreiz« und erhob sich.
»I hob die Ähre, gnädige Frau … Pfüaht Ihna Gott, Frau Grünlich …
Pfüaht Gott, Herr Buddenbrook …« Bei dieser Anrede zuckte Ida
Jungmann sogar zusammen und verfärbte sich … »Guten Tag, Freilein …«
Er sagte beim Fortgehen »Guten Tag«!…
Die Konsulin und ihr Sohn wechselten einen Blick … Herr Permaneder
hatte die Absicht kundgegeben, nun in den bescheidenen Gasthof an der
Trave zurückzukehren, woselbst er abgestiegen war …
»Die Münchener Freundin meiner Tochter und ihr Gatte«, sagte die alte
Dame, indem sie noch einmal auf Herrn Permaneder zutrat, »sind fern, und
wir werden wohl nicht so bald Gelegenheit haben, uns für ihre
Gastfreundschaft erkenntlich zu erweisen. Aber wenn Sie, lieber Herr, uns
die Freude machen würden, solange Sie in unserer Stadt sind, bei uns
vorlieb zu nehmen … Sie würden uns herzlich willkommen sein …«
Sie hielt ihm die Hand hin, und siehe da: Herr Permaneder schlug ohne
Bedenken ein; ebenso rasch und bereitwillig wie diejenige zum Frühstück
nahm er auch diese Einladung an, küßte den beiden Damen die Hand, was
ihm ziemlich merkwürdig zu Gesichte stand, holte Hut und Stock aus dem
Landschaftszimmer, versprach nochmals, sogleich seinen Koffer
herbeischaffen zu lassen und um vier Uhr, nach Erledigung seiner
Geschäfte, wieder zur Stelle zu sein und ließ sich vom Konsul die Treppe
hinunterbegleiten. Am Windfang aber wendete er sich noch einmal um und
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sprach mit einem stillbegeisterten Kopfschütteln: »Nix für ungut, Herr
Nachbohr, Ihre Frau Schwester, dös is scho a liaber Kerl! Pfüaht Ihna
Gott!« … Und immer noch kopfschüttelnd verschwand er.
Der Konsul empfand das dringendste Bedürfnis, sich nochmals hinauf
zu begeben und nach den Damen umzusehen. Ida Jungmann lief bereits mit
Bettwäsche im Hause umher, um eine Stube am Korridor herzurichten.
Die Konsulin saß noch am Frühstückstisch, hielt ihre hellen Augen auf
einen Fleck der Zimmerdecke gerichtet und trommelte mit ihren weißen
Fingern leicht auf das Tischtuch. Tony saß am Fenster, hielt die Arme
verschränkt und blickte weder rechts noch links, sondern mit würdiger und
sogar strenger Miene geradeaus. Es herrschte Schweigen.
»Nun?« fragte Thomas, indem er in der Tür stehenblieb und der Dose
mit der Troika eine Zigarette entnahm … Seine Schultern bewegten sich auf
und ab vor Lachen.
»Ein angenehmer Mann«, erwiderte die Konsulin harmlos.
»Ganz meine Ansicht!« Dann machte der Konsul eine schnelle und
überaus galante humoristische Wendung nach Tonys Seite, als befragte er
ehrerbietigst auch sie um ihre Meinung. Sie schwieg. Sie blickte streng
geradeaus.
»Aber mich dünkt, Tom, er sollte das Fluchen lassen«, fuhr die
Konsulin ein wenig bekümmert fort. »Verstand ich ihn recht, so sprach er in
einer Weise vom Sakramente und vom Kreuze …«
»Oh, das macht nichts, Mutter, dabei denkt er nichts Böses …«
»Und vielleicht ein wenig zu viel Nonchalance im Benehmen, Tom,
wie?«
»Ja, lieber Gott, das ist süddeutsch!« sagte der Konsul, atmete langsam
den Rauch in die Stube hinein, lächelte seiner Mutter zu und ließ verstohlen
seine Augen auf Tony ruhen. Die Konsulin bemerkte das durchaus nicht.
»Du kommst heute mit Gerda zu Tische, nicht wahr, Tom? Tut mir die
Liebe.«
Nachbohr, Ihre Frau Schwester, dös is scho a liaber Kerl! Pfüaht Ihna
Gott!« … Und immer noch kopfschüttelnd verschwand er.
Der Konsul empfand das dringendste Bedürfnis, sich nochmals hinauf
zu begeben und nach den Damen umzusehen. Ida Jungmann lief bereits mit
Bettwäsche im Hause umher, um eine Stube am Korridor herzurichten.
Die Konsulin saß noch am Frühstückstisch, hielt ihre hellen Augen auf
einen Fleck der Zimmerdecke gerichtet und trommelte mit ihren weißen
Fingern leicht auf das Tischtuch. Tony saß am Fenster, hielt die Arme
verschränkt und blickte weder rechts noch links, sondern mit würdiger und
sogar strenger Miene geradeaus. Es herrschte Schweigen.
»Nun?« fragte Thomas, indem er in der Tür stehenblieb und der Dose
mit der Troika eine Zigarette entnahm … Seine Schultern bewegten sich auf
und ab vor Lachen.
»Ein angenehmer Mann«, erwiderte die Konsulin harmlos.
»Ganz meine Ansicht!« Dann machte der Konsul eine schnelle und
überaus galante humoristische Wendung nach Tonys Seite, als befragte er
ehrerbietigst auch sie um ihre Meinung. Sie schwieg. Sie blickte streng
geradeaus.
»Aber mich dünkt, Tom, er sollte das Fluchen lassen«, fuhr die
Konsulin ein wenig bekümmert fort. »Verstand ich ihn recht, so sprach er in
einer Weise vom Sakramente und vom Kreuze …«
»Oh, das macht nichts, Mutter, dabei denkt er nichts Böses …«
»Und vielleicht ein wenig zu viel Nonchalance im Benehmen, Tom,
wie?«
»Ja, lieber Gott, das ist süddeutsch!« sagte der Konsul, atmete langsam
den Rauch in die Stube hinein, lächelte seiner Mutter zu und ließ verstohlen
seine Augen auf Tony ruhen. Die Konsulin bemerkte das durchaus nicht.
»Du kommst heute mit Gerda zu Tische, nicht wahr, Tom? Tut mir die
Liebe.«
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»Gern, Mutter; mit dem größten Vergnügen. Ehrlich gesagt, ich
verspreche mir viel Vergnügen von diesem Hausbesuch. Du nicht auch?
Das ist doch einmal etwas anderes, als deine Geistlichen …«
»Jeder nach seiner Art, Tom.«
»Einverstanden! Ich gehe … Apropos!« sagte er, den Türgriff in der
Hand. »Du hast entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht, Tony! Nein, ganz
ohne Zweifel! Weißt du, wie er dich eben da unten genannt hat? ›Ein lieber
Kerl‹ – das sind seine Worte …«
Hier aber wandte Frau Grünlich sich um und sagte mit lauter Stimme:
»Gut, Tom, du erzählst mir dies … er wird es dir wohl nicht verboten
haben, aber trotzdem weiß ich nicht, ob es passend ist, daß du es mir
hinterbringst. Das aber weiß ich, und das möchte ich denn doch
aussprechen, daß es in diesem Leben nicht darauf ankommt, wie etwas
ausgesprochen und ausgedrückt wird, sondern wie es im Herzen gemeint
und empfunden ist, und wenn du dich über Herrn Permaneders
Ausdrucksweise mokierst … wenn du ihn etwa lächerlich findest …«
»Wen?! Aber Tony, ich denke gar nicht daran! Worüber ereiferst du
dich …«
»Assez!« sagte die Konsulin und warf ihrem Sohne einen ernsten und
bittenden Blick zu, welcher bedeutete: Schone sie!
»Na, nicht böse sein, Tony!« sagte er. »Ich habe dich nicht ärgern
wollen. So, und nun gehe ich und gebe Order, daß jemand von den
Speicherleuten den Koffer hierherbesorgt … Auf Wiedersehn!«
Fünftes Kapitel
Herr Permaneder zog in der Mengstraße ein, er speiste am folgenden
Tage bei Thomas Buddenbrook und seiner Gattin und machte am dritten,
einem Donnerstag, die Bekanntschaft Justus Krögers und seiner Frau, der
Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße, die ihn forchtbar komisch
fanden – sie sagten »forchtbar« … Sesemi Weichbrodts, die ihn ziemlich
streng behandelte, sowie diejenige der armen Klothilde und der kleinen
verspreche mir viel Vergnügen von diesem Hausbesuch. Du nicht auch?
Das ist doch einmal etwas anderes, als deine Geistlichen …«
»Jeder nach seiner Art, Tom.«
»Einverstanden! Ich gehe … Apropos!« sagte er, den Türgriff in der
Hand. »Du hast entschiedenen Eindruck auf ihn gemacht, Tony! Nein, ganz
ohne Zweifel! Weißt du, wie er dich eben da unten genannt hat? ›Ein lieber
Kerl‹ – das sind seine Worte …«
Hier aber wandte Frau Grünlich sich um und sagte mit lauter Stimme:
»Gut, Tom, du erzählst mir dies … er wird es dir wohl nicht verboten
haben, aber trotzdem weiß ich nicht, ob es passend ist, daß du es mir
hinterbringst. Das aber weiß ich, und das möchte ich denn doch
aussprechen, daß es in diesem Leben nicht darauf ankommt, wie etwas
ausgesprochen und ausgedrückt wird, sondern wie es im Herzen gemeint
und empfunden ist, und wenn du dich über Herrn Permaneders
Ausdrucksweise mokierst … wenn du ihn etwa lächerlich findest …«
»Wen?! Aber Tony, ich denke gar nicht daran! Worüber ereiferst du
dich …«
»Assez!« sagte die Konsulin und warf ihrem Sohne einen ernsten und
bittenden Blick zu, welcher bedeutete: Schone sie!
»Na, nicht böse sein, Tony!« sagte er. »Ich habe dich nicht ärgern
wollen. So, und nun gehe ich und gebe Order, daß jemand von den
Speicherleuten den Koffer hierherbesorgt … Auf Wiedersehn!«
Fünftes Kapitel
Herr Permaneder zog in der Mengstraße ein, er speiste am folgenden
Tage bei Thomas Buddenbrook und seiner Gattin und machte am dritten,
einem Donnerstag, die Bekanntschaft Justus Krögers und seiner Frau, der
Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße, die ihn forchtbar komisch
fanden – sie sagten »forchtbar« … Sesemi Weichbrodts, die ihn ziemlich
streng behandelte, sowie diejenige der armen Klothilde und der kleinen
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Erika, welcher er eine Tüte mit »Gutzeln«, das heißt: Bonbons,
überreichte …
Er war von unverwüstlich gemütlicher Laune mit seinen verdrießlichen
Stoßseufzern, die nichts bedeuteten und aus einem Überfluß mit
Behaglichkeit hervorzugehen schienen, seiner Pfeife, seiner kuriosen
Sprache, der unverdrossenen Seßhaftigkeit, mit der er lange nach den
Mahlzeiten in bequemster Haltung an seinem Platze verharrte, rauchte,
trank und plauschte, und obgleich er dem stillen Leben in dem alten Hause
einen ganz neuen und fremden Ton hinzufügte, obgleich sein ganzes Wesen
gleichsam etwas Stilwidriges in diese Räume brachte, störte er doch keine
der herrschenden Gewohnheiten. Er wohnte treu den Morgen- und
Abendandachten bei, erbat sich die Erlaubnis, einmal der Sonntagsschule
der Konsulin zuzuhören und erschien sogar am »Jerusalemsabend« auf
einen Augenblick im Saale, um sich den Damen vorstellen zu lassen,
worauf er sich freilich, als Lea Gerhardt vorzulesen begann, verstört
zurückzog.
Seine Erscheinung war rasch bekannt in der Stadt, und in den großen
Häusern sprach man mit Neugier von dem Buddenbrookschen Gaste aus
Bayern; aber weder in den Familien noch an der Börse besaß er
Verbindungen, und da die Jahreszeit vorgeschritten war, da man zum
großen Teile sich anschickte, an die See zu gehen, nahm der Konsul
Abstand von einer Einführung Herrn Permaneders in die Gesellschaft. Er
selbst widmete sich dem Gaste lebhaft und angelegentlich. Trotz allen
geschäftlichen und städtischen Pflichten nahm er sich Zeit, ihn in der Stadt
umherzuführen, ihm alle mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten, die Kirchen,
die Tore, die Brunnen, den Markt, das Rathaus, die »Schiffergesellschaft«,
zu zeigen, ihn in all und jeder Weise zu unterhalten, ihn immerhin auch an
der Börse mit seinen nächsten Freunden bekannt zu machen … und als die
Konsulin, seine Mutter, Gelegenheit nahm, ihm für seine Opferwilligkeit
Dank zu sagen, bemerkte er trocken: »Tja, Mutter, was tut man nicht
alles …«
Dieses Wort ließ die Konsulin so unbeantwortet, daß sie nicht einmal
lächelte, nicht einmal die Lider bewegte, sondern ihre hellen Augen still
beiseitegleiten ließ und irgendeine Frage in anderer Beziehung tat …
überreichte …
Er war von unverwüstlich gemütlicher Laune mit seinen verdrießlichen
Stoßseufzern, die nichts bedeuteten und aus einem Überfluß mit
Behaglichkeit hervorzugehen schienen, seiner Pfeife, seiner kuriosen
Sprache, der unverdrossenen Seßhaftigkeit, mit der er lange nach den
Mahlzeiten in bequemster Haltung an seinem Platze verharrte, rauchte,
trank und plauschte, und obgleich er dem stillen Leben in dem alten Hause
einen ganz neuen und fremden Ton hinzufügte, obgleich sein ganzes Wesen
gleichsam etwas Stilwidriges in diese Räume brachte, störte er doch keine
der herrschenden Gewohnheiten. Er wohnte treu den Morgen- und
Abendandachten bei, erbat sich die Erlaubnis, einmal der Sonntagsschule
der Konsulin zuzuhören und erschien sogar am »Jerusalemsabend« auf
einen Augenblick im Saale, um sich den Damen vorstellen zu lassen,
worauf er sich freilich, als Lea Gerhardt vorzulesen begann, verstört
zurückzog.
Seine Erscheinung war rasch bekannt in der Stadt, und in den großen
Häusern sprach man mit Neugier von dem Buddenbrookschen Gaste aus
Bayern; aber weder in den Familien noch an der Börse besaß er
Verbindungen, und da die Jahreszeit vorgeschritten war, da man zum
großen Teile sich anschickte, an die See zu gehen, nahm der Konsul
Abstand von einer Einführung Herrn Permaneders in die Gesellschaft. Er
selbst widmete sich dem Gaste lebhaft und angelegentlich. Trotz allen
geschäftlichen und städtischen Pflichten nahm er sich Zeit, ihn in der Stadt
umherzuführen, ihm alle mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten, die Kirchen,
die Tore, die Brunnen, den Markt, das Rathaus, die »Schiffergesellschaft«,
zu zeigen, ihn in all und jeder Weise zu unterhalten, ihn immerhin auch an
der Börse mit seinen nächsten Freunden bekannt zu machen … und als die
Konsulin, seine Mutter, Gelegenheit nahm, ihm für seine Opferwilligkeit
Dank zu sagen, bemerkte er trocken: »Tja, Mutter, was tut man nicht
alles …«
Dieses Wort ließ die Konsulin so unbeantwortet, daß sie nicht einmal
lächelte, nicht einmal die Lider bewegte, sondern ihre hellen Augen still
beiseitegleiten ließ und irgendeine Frage in anderer Beziehung tat …
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Sie war von gleichmäßig herzlicher Freundlichkeit gegen Herrn
Permaneder, was so unbedingt von ihrer Tochter nicht gesagt werden
konnte. Zwei »Kindertagen« hatte der Hopfenhändler schon angewohnt –
denn, obgleich er bereits am dritten oder vierten Tage nach seiner Ankunft
beiläufig zu erkennen gegeben hatte, daß sein Geschäft mit der hiesigen
Brauerei erledigt sei, waren allgemach anderthalb Wochen seitdem
verflossen – und an jedem dieser Donnerstagabende hatte Frau Grünlich
mehrmals, wenn Herr Permaneder sprach und agierte, hurtige und scheue
Blicke auf den Familienkreis, auf Onkel Justus, die Cousinen Buddenbrook
oder Thomas geworfen, war errötet, hatte sich während längerer Minuten
steif und stumm verhalten oder sogar das Zimmer verlassen …
*
Die grünen Stores in Frau Grünlichs Schlafzimmer im zweiten
Stockwerk wurden sacht von dem lauen Atem einer klaren Juninacht
bewegt, denn die beiden Fenster standen offen. Auf dem Nachttischchen zur
Seite des Himmelbettes brannten in einem Glase auf einer Ölschicht, die
ihrerseits auf dem Wasser schwamm, mit dem das Glas zur Hälfte gefüllt
war, mehrere kleine Dochte und gaben dem großen Zimmer mit seinen
gradlinigen Armstühlen, deren Polster zum Schutze mit grauer Leinwand
bezogen waren, ein stilles, ebenmäßiges und schwaches Licht. Frau
Grünlich ruhte im Bette. Ihr hübscher Kopf war weich in die von breiten
Spitzenborten umgebenen Kissen gesunken, und ihre Hände lagen gefaltet
auf der Steppdecke. Aber ihre Augen, zu nachdenklich, um sich zu
schließen, folgten langsam den Bewegungen eines großen Insektes mit
langem Leibe, das standhaft mit Millionen lautloser Flügelschwingungen
das helle Glas umkreiste … Neben dem Bett an der Wand, zwischen zwei
alten Kupferstichen, Ansichten der Stadt aus dem Mittelalter, war
eingerahmt der Spruch zu lesen: »Befiehl dem Herrn deine Wege …« aber
ist das ein Trost, wenn man um Mitternacht mit offenen Augen liegt und
sich entschließen, sich entscheiden, ganz allein und ohne Rat mit Ja oder
Nein über sein Leben und nicht nur darüber entscheiden soll?
Es war sehr still. Nur die Wanduhr tickte, und dann und wann erklang
im Nebenzimmer, das von Tonys Schlafzimmer nur durch Portieren
getrennt war, das Räuspern Mamsell Jungmanns. Dort war noch helles
Permaneder, was so unbedingt von ihrer Tochter nicht gesagt werden
konnte. Zwei »Kindertagen« hatte der Hopfenhändler schon angewohnt –
denn, obgleich er bereits am dritten oder vierten Tage nach seiner Ankunft
beiläufig zu erkennen gegeben hatte, daß sein Geschäft mit der hiesigen
Brauerei erledigt sei, waren allgemach anderthalb Wochen seitdem
verflossen – und an jedem dieser Donnerstagabende hatte Frau Grünlich
mehrmals, wenn Herr Permaneder sprach und agierte, hurtige und scheue
Blicke auf den Familienkreis, auf Onkel Justus, die Cousinen Buddenbrook
oder Thomas geworfen, war errötet, hatte sich während längerer Minuten
steif und stumm verhalten oder sogar das Zimmer verlassen …
*
Die grünen Stores in Frau Grünlichs Schlafzimmer im zweiten
Stockwerk wurden sacht von dem lauen Atem einer klaren Juninacht
bewegt, denn die beiden Fenster standen offen. Auf dem Nachttischchen zur
Seite des Himmelbettes brannten in einem Glase auf einer Ölschicht, die
ihrerseits auf dem Wasser schwamm, mit dem das Glas zur Hälfte gefüllt
war, mehrere kleine Dochte und gaben dem großen Zimmer mit seinen
gradlinigen Armstühlen, deren Polster zum Schutze mit grauer Leinwand
bezogen waren, ein stilles, ebenmäßiges und schwaches Licht. Frau
Grünlich ruhte im Bette. Ihr hübscher Kopf war weich in die von breiten
Spitzenborten umgebenen Kissen gesunken, und ihre Hände lagen gefaltet
auf der Steppdecke. Aber ihre Augen, zu nachdenklich, um sich zu
schließen, folgten langsam den Bewegungen eines großen Insektes mit
langem Leibe, das standhaft mit Millionen lautloser Flügelschwingungen
das helle Glas umkreiste … Neben dem Bett an der Wand, zwischen zwei
alten Kupferstichen, Ansichten der Stadt aus dem Mittelalter, war
eingerahmt der Spruch zu lesen: »Befiehl dem Herrn deine Wege …« aber
ist das ein Trost, wenn man um Mitternacht mit offenen Augen liegt und
sich entschließen, sich entscheiden, ganz allein und ohne Rat mit Ja oder
Nein über sein Leben und nicht nur darüber entscheiden soll?
Es war sehr still. Nur die Wanduhr tickte, und dann und wann erklang
im Nebenzimmer, das von Tonys Schlafzimmer nur durch Portieren
getrennt war, das Räuspern Mamsell Jungmanns. Dort war noch helles
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Licht. Die treue Preußin saß noch aufrecht am Ausziehtische unter der
Hängelampe und stopfte Strümpfe für die kleine Erika, deren tiefe und
friedliche Atemzüge man vernehmen konnte, denn Sesemi Weichbrodts
Zöglinge hatten nun Sommerferien, und das Kind wohnte in der
Mengstraße.
Frau Grünlich richtete sich mit einem Seufzer ein wenig empor und
stützte den Kopf in die Hand.
»Ida?« fragte sie mit verhaltener Stimme, »sitzest du noch da und
stopfst?«
»Ja, ja, Tonychen, mein Kindchen«, ließ sich Idas Stimme hören …
»Schlaf nur, wirst morgen früh aufstehen müssen, wirst nicht ausgeschlafen
haben.«
»Schon gut, Ida … Du weckst mich also morgen um sechs?«
»Halb sieben ist früh genug, mein Kindchen. Der Wagen ist auf acht
bestellt. Schlaf nun weiter, daß du wirst hübsch frisch sein …«
»Ach, ich habe noch gar nicht geschlafen!«
»Ei, ei, Tonychen, das ist nicht recht; wirst doch in Schwartau nicht
marode sein wollen? Trink sieben Schluck Wasser, leg' dich rechts und zähl'
bis tausend …«
»Ach, Ida, bitte, komm doch noch ein bißchen herüber! Ich kann nicht
schlafen, will ich dir sagen, ich muß so viel denken, daß der Kopf mir weh
tut … sieh mal, ich glaube, ich habe Fieber, und dann ist es wieder der
Magen; oder es ist Bleichsucht, denn die Adern an meinen Schläfen sind
ganz geschwollen und pulsieren, daß es weh tut, so voll sind sie, was ja
nicht ausschließt, daß trotzdem zu wenig Blut im Kopfe ist …«
Ein Stuhl ward gerückt, und Ida Jungmanns knochige, rüstige Gestalt in
ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den
Portieren.
»Ei, ei, Tonychen, Fieber? Laß mal fühlen, mein Kindchen … Woll'n
mal ein Kompreßchen machen …«
Hängelampe und stopfte Strümpfe für die kleine Erika, deren tiefe und
friedliche Atemzüge man vernehmen konnte, denn Sesemi Weichbrodts
Zöglinge hatten nun Sommerferien, und das Kind wohnte in der
Mengstraße.
Frau Grünlich richtete sich mit einem Seufzer ein wenig empor und
stützte den Kopf in die Hand.
»Ida?« fragte sie mit verhaltener Stimme, »sitzest du noch da und
stopfst?«
»Ja, ja, Tonychen, mein Kindchen«, ließ sich Idas Stimme hören …
»Schlaf nur, wirst morgen früh aufstehen müssen, wirst nicht ausgeschlafen
haben.«
»Schon gut, Ida … Du weckst mich also morgen um sechs?«
»Halb sieben ist früh genug, mein Kindchen. Der Wagen ist auf acht
bestellt. Schlaf nun weiter, daß du wirst hübsch frisch sein …«
»Ach, ich habe noch gar nicht geschlafen!«
»Ei, ei, Tonychen, das ist nicht recht; wirst doch in Schwartau nicht
marode sein wollen? Trink sieben Schluck Wasser, leg' dich rechts und zähl'
bis tausend …«
»Ach, Ida, bitte, komm doch noch ein bißchen herüber! Ich kann nicht
schlafen, will ich dir sagen, ich muß so viel denken, daß der Kopf mir weh
tut … sieh mal, ich glaube, ich habe Fieber, und dann ist es wieder der
Magen; oder es ist Bleichsucht, denn die Adern an meinen Schläfen sind
ganz geschwollen und pulsieren, daß es weh tut, so voll sind sie, was ja
nicht ausschließt, daß trotzdem zu wenig Blut im Kopfe ist …«
Ein Stuhl ward gerückt, und Ida Jungmanns knochige, rüstige Gestalt in
ihrem schlichten und unmodernen braunen Kleid erschien zwischen den
Portieren.
»Ei, ei, Tonychen, Fieber? Laß mal fühlen, mein Kindchen … Woll'n
mal ein Kompreßchen machen …«
Page 320
Und mit ihren ein wenig männlich langen und festen Schritten ging sie
zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschüssel,
trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie es
noch ein paarmal mit beiden Händen glatt strich.
»Danke, Ida, das tut gut … Ach, setz' dich noch ein bißchen zu mir, gute
alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich muß beständig an morgen
denken … Was soll ich bloß tun? Bei mir dreht sich alles im Kopfe herum.«
Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den über die
Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und während
sie den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermüdlich blanken
braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: »Meinst du, daß er wird
fragen, morgen?«
»Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht
verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie … Ich könnte es ja
vermeiden, siehst du. Ich könnte mich ja zu den anderen halten und ihn
nicht herankommen lassen … Aber damit ist es dann auch vorbei! Er reist
übermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmöglich länger bleiben,
wenn morgen nichts daraus wird … Es m u ß sich morgen entscheiden …
Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du bist noch nie
verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich nicht, aber du
bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist zweiundvierzig
Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so nötig …«
Ida Jungmann ließ den Strumpf in den Schoß sinken.
»Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drüber nachjedacht. Aber was
ich finde, das ist, daß da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er
kann gar nicht mehr weg« – Ida sagte, »weck« – »ohne mit dir und deiner
Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da hätt'st ihn
müssen früher weckschicken …«
»Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja
schließlich doch sein! Ich muß nur immer denken: Noch kann ich zurück,
noch ist es nicht zu spät! Und da liege ich nun und quäle mich …«
»Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!«
zur Kommode und holte ein Taschentuch, tauchte es in die Waschschüssel,
trat wieder ans Bett und legte es behutsam auf Tonys Stirn, worauf sie es
noch ein paarmal mit beiden Händen glatt strich.
»Danke, Ida, das tut gut … Ach, setz' dich noch ein bißchen zu mir, gute
alte Ida, hier, auf den Bettrand. Sieh mal, ich muß beständig an morgen
denken … Was soll ich bloß tun? Bei mir dreht sich alles im Kopfe herum.«
Ida hatte sich zu ihr gesetzt, hatte ihre Nadel und den über die
Stopfkugel gezogenen Strumpf wieder zur Hand genommen, und während
sie den glatten grauen Scheitel neigte und mit ihren unermüdlich blanken
braunen Augen die Stiche verfolgte, sagte sie: »Meinst du, daß er wird
fragen, morgen?«
»Sicher, Ida! Da ist gar kein Zweifel. Die Gelegenheit wird er nicht
verpassen. Wie war's mit Klara? Auch auf solcher Partie … Ich könnte es ja
vermeiden, siehst du. Ich könnte mich ja zu den anderen halten und ihn
nicht herankommen lassen … Aber damit ist es dann auch vorbei! Er reist
übermorgen, das hat er gesagt, und er kann auch unmöglich länger bleiben,
wenn morgen nichts daraus wird … Es m u ß sich morgen entscheiden …
Aber was soll ich nur sagen, Ida, wenn er fragt?! Du bist noch nie
verheiratet gewesen und kennst daher das Leben eigentlich nicht, aber du
bist ein ehrliches Weib und hast deinen Verstand und bist zweiundvierzig
Jahre alt. Kannst du mir nicht raten? Ich hab' es so nötig …«
Ida Jungmann ließ den Strumpf in den Schoß sinken.
»Ja, ja, Tonychen, hab' auch schon viel drüber nachjedacht. Aber was
ich finde, das ist, daß da gar nichts mehr zu raten ist, mein Kindchen. Er
kann gar nicht mehr weg« – Ida sagte, »weck« – »ohne mit dir und deiner
Mama zu sprechen, und wenn du nicht wirst wollen, ja, da hätt'st ihn
müssen früher weckschicken …«
»Da hast du recht, Ida; aber das konnte ich doch nicht, denn es soll ja
schließlich doch sein! Ich muß nur immer denken: Noch kann ich zurück,
noch ist es nicht zu spät! Und da liege ich nun und quäle mich …«
»Magst ihn leiden, Tonychen? Sag' mal ehrlich!«
Page 321
»Ja, Ida. Da müßte ich lügen, wenn ich das leugnen wollte. Er ist nicht
schön, aber darauf kommt es nicht an in diesem Leben, und er ist ein
grundguter Mann und keiner Bosheit fähig, das glaube mir. Wenn ich an
Grünlich denke … o Gott! er sagte beständig, daß er rege und findig sei,
und bemäntelte in tückischer Weise seine Filouhaftigkeit … So ist
Permaneder nicht, siehst du. Er ist, möchte ich sagen, zu bequem dazu, und
nimmt das Leben zu gemütlich dazu, was übrigens andererseits auch wieder
ein Vorwurf ist, denn Millionär wird er sicher nicht werden und neigt,
glaube ich, ein bißchen dazu, sich gehen zu lassen und so weiterzuwursteln,
wie sie da unten sagen … Denn sie sind alle so dort unten, und das ist es,
was ich sagen wollte, Ida, das ist die Sache. Nämlich in München, wo er
unter seinesgleichen war, unter Leuten, die so sprachen und so waren wie
er, da liebte ich ihn geradezu, so nett fand ich ihn, so treuherzig und
behaglich. Und ich merkte auch gleich, daß es gegenseitig war, – wozu
vielleicht beitrug, daß er mich für eine reiche Frau hält, für reicher, fürchte
ich, als ich bin, denn Mutter kann mir nicht mehr viel mitgeben, wie du
weißt … Aber das wird ihm nichts ausmachen, bin ich überzeugt. So sehr
viel Geld, das ist gar nicht nach seinem Sinn … Genug … was wollte ich
sagen, Ida?«
»In München, Tonychen; aber hier?«
»Aber hier, Ida! Du merkst schon, was ich sagen will. Hier, wo er so
ganz aus seiner eigentlichen Umgebung herausgerissen ist, wo alle anders
sind, strenger und ehrgeiziger und würdiger, sozusagen … hier muß ich
mich oft für ihn genieren, ja, ich gestehe es dir offen, Ida, ich bin ein
ehrliches Weib, ich geniere mich für ihn, obgleich es vielleicht eine
Schlechtigkeit von mir ist! Siehst du … mehrere Male ist es ganz einfach
vorgekommen, daß er im Gespräche »mir« statt »mich« gesagt hat. Das tut
man da unten, Ida, das kommt vor, das passiert den gebildetsten Menschen,
wenn sie guter Laune sind, und tut keinem weh und kostet nichts und läuft
so mit unter, und niemand wundert sich. Aber hier sieht Mutter ihn von der
Seite an, und Tom zieht die Augenbraue hoch, und Onkel Justus gibt sich
einen Ruck und pruscht beinahe, wie die Krögers immer tun, und Pfiffi
Buddenbrook wirft ihrer Mutter oder Friederike oder Henriette einen Blick
zu, und dann schäme ich mich so sehr, daß ich am liebsten aus der Stube
laufen möchte, und kann mir nicht denken, daß ich ihn heiraten könnte …«
schön, aber darauf kommt es nicht an in diesem Leben, und er ist ein
grundguter Mann und keiner Bosheit fähig, das glaube mir. Wenn ich an
Grünlich denke … o Gott! er sagte beständig, daß er rege und findig sei,
und bemäntelte in tückischer Weise seine Filouhaftigkeit … So ist
Permaneder nicht, siehst du. Er ist, möchte ich sagen, zu bequem dazu, und
nimmt das Leben zu gemütlich dazu, was übrigens andererseits auch wieder
ein Vorwurf ist, denn Millionär wird er sicher nicht werden und neigt,
glaube ich, ein bißchen dazu, sich gehen zu lassen und so weiterzuwursteln,
wie sie da unten sagen … Denn sie sind alle so dort unten, und das ist es,
was ich sagen wollte, Ida, das ist die Sache. Nämlich in München, wo er
unter seinesgleichen war, unter Leuten, die so sprachen und so waren wie
er, da liebte ich ihn geradezu, so nett fand ich ihn, so treuherzig und
behaglich. Und ich merkte auch gleich, daß es gegenseitig war, – wozu
vielleicht beitrug, daß er mich für eine reiche Frau hält, für reicher, fürchte
ich, als ich bin, denn Mutter kann mir nicht mehr viel mitgeben, wie du
weißt … Aber das wird ihm nichts ausmachen, bin ich überzeugt. So sehr
viel Geld, das ist gar nicht nach seinem Sinn … Genug … was wollte ich
sagen, Ida?«
»In München, Tonychen; aber hier?«
»Aber hier, Ida! Du merkst schon, was ich sagen will. Hier, wo er so
ganz aus seiner eigentlichen Umgebung herausgerissen ist, wo alle anders
sind, strenger und ehrgeiziger und würdiger, sozusagen … hier muß ich
mich oft für ihn genieren, ja, ich gestehe es dir offen, Ida, ich bin ein
ehrliches Weib, ich geniere mich für ihn, obgleich es vielleicht eine
Schlechtigkeit von mir ist! Siehst du … mehrere Male ist es ganz einfach
vorgekommen, daß er im Gespräche »mir« statt »mich« gesagt hat. Das tut
man da unten, Ida, das kommt vor, das passiert den gebildetsten Menschen,
wenn sie guter Laune sind, und tut keinem weh und kostet nichts und läuft
so mit unter, und niemand wundert sich. Aber hier sieht Mutter ihn von der
Seite an, und Tom zieht die Augenbraue hoch, und Onkel Justus gibt sich
einen Ruck und pruscht beinahe, wie die Krögers immer tun, und Pfiffi
Buddenbrook wirft ihrer Mutter oder Friederike oder Henriette einen Blick
zu, und dann schäme ich mich so sehr, daß ich am liebsten aus der Stube
laufen möchte, und kann mir nicht denken, daß ich ihn heiraten könnte …«
Page 322
»Ach wo, Tonychen! Sollst ja auch in München mit ihm leben.«
»Da hast du recht, Ida. Aber nun kommt die Verlobung, und die wird
gefeiert, und nun bitte ich dich, wenn ich mich vor der Familie und vor
Kistenmakers und Möllendorpfs und den anderen beständig schämen muß,
weil er so wenig vornehm ist … ach, Grünlich war vornehmer, wofür er
allerdings innerlich schwarz war, wie Herr Stengel seinerzeit immer gesagt
haben soll … Ida, der Kopf dreht sich mir, bitte, tauch' die Kompresse ein.«
»Schließlich soll es ja doch sein«, sagte sie wieder, indem sie aufatmend
den kalten Umschlag entgegennahm, »denn die Hauptsache ist und bleibt,
daß ich wieder unter die Haube komme und hier nicht länger als
geschiedene Frau herumliege … Ach, Ida, ich muß soviel zurückdenken in
diesen Tagen, an damals, als Grünlich zuerst erschien, und an die Auftritte,
die er mir machte – skandalös, Ida! – und dann Travemünde,
Schwarzkopfs …«, sagte sie langsam, und ihre Augen ruhten eine Weile
träumerisch auf der gestopften Stelle von Erikas Strumpf … »und dann die
Verlobung und Eimsbüttel, und unser Haus – es war vornehm, Ida; wenn
ich an meine Schlafröcke denke … So werde ich es nicht wieder haben, mit
Permaneder; das Leben macht einen immer bescheidener, weißt du – und
Doktor Klaaßen, und das Kind, und Bankier Kesselmeyer … und dann das
Ende – es war entsetzlich, du machst dir keinen Begriff, und wenn man so
grauenhafte Erfahrungen gemacht hat im Leben … Aber Permaneder wird
sich nicht auf schmutzige Sachen einlassen; – das ist das letzte, was ich ihm
zutraue, und geschäftlich können wir uns gut auf ihn verlassen, denn ich
glaube wirklich, daß er mit Noppe bei der Niederpaurschen Brauerei
ziemlich viel verdient. Und wenn ich seine Frau bin, Ida, das sollst du
sehen, dann will ich schon dafür sorgen, daß er ehrgeiziger wird und uns
weiterbringt und sich anstrengt und mir und uns allen Ehre macht, denn
d i e Verpflichtung übernimmt er schließlich, wenn er eine Buddenbrook
heiratet!«
Sie faltete die Hände unterm Kopf und sah zur Decke hinauf.
»Ja, das ist nun gut und gern seine zehn Jahre her, seit ich Grünlich
nahm … Zehn Jahre! Und nun bin ich wieder so weit und soll wieder
jemandem mein Jawort erteilen. Weißt du, Ida, das Leben ist furchtbar
ernst!… Aber der Unterschied ist, daß damals ein großes Wesen gemacht
»Da hast du recht, Ida. Aber nun kommt die Verlobung, und die wird
gefeiert, und nun bitte ich dich, wenn ich mich vor der Familie und vor
Kistenmakers und Möllendorpfs und den anderen beständig schämen muß,
weil er so wenig vornehm ist … ach, Grünlich war vornehmer, wofür er
allerdings innerlich schwarz war, wie Herr Stengel seinerzeit immer gesagt
haben soll … Ida, der Kopf dreht sich mir, bitte, tauch' die Kompresse ein.«
»Schließlich soll es ja doch sein«, sagte sie wieder, indem sie aufatmend
den kalten Umschlag entgegennahm, »denn die Hauptsache ist und bleibt,
daß ich wieder unter die Haube komme und hier nicht länger als
geschiedene Frau herumliege … Ach, Ida, ich muß soviel zurückdenken in
diesen Tagen, an damals, als Grünlich zuerst erschien, und an die Auftritte,
die er mir machte – skandalös, Ida! – und dann Travemünde,
Schwarzkopfs …«, sagte sie langsam, und ihre Augen ruhten eine Weile
träumerisch auf der gestopften Stelle von Erikas Strumpf … »und dann die
Verlobung und Eimsbüttel, und unser Haus – es war vornehm, Ida; wenn
ich an meine Schlafröcke denke … So werde ich es nicht wieder haben, mit
Permaneder; das Leben macht einen immer bescheidener, weißt du – und
Doktor Klaaßen, und das Kind, und Bankier Kesselmeyer … und dann das
Ende – es war entsetzlich, du machst dir keinen Begriff, und wenn man so
grauenhafte Erfahrungen gemacht hat im Leben … Aber Permaneder wird
sich nicht auf schmutzige Sachen einlassen; – das ist das letzte, was ich ihm
zutraue, und geschäftlich können wir uns gut auf ihn verlassen, denn ich
glaube wirklich, daß er mit Noppe bei der Niederpaurschen Brauerei
ziemlich viel verdient. Und wenn ich seine Frau bin, Ida, das sollst du
sehen, dann will ich schon dafür sorgen, daß er ehrgeiziger wird und uns
weiterbringt und sich anstrengt und mir und uns allen Ehre macht, denn
d i e Verpflichtung übernimmt er schließlich, wenn er eine Buddenbrook
heiratet!«
Sie faltete die Hände unterm Kopf und sah zur Decke hinauf.
»Ja, das ist nun gut und gern seine zehn Jahre her, seit ich Grünlich
nahm … Zehn Jahre! Und nun bin ich wieder so weit und soll wieder
jemandem mein Jawort erteilen. Weißt du, Ida, das Leben ist furchtbar
ernst!… Aber der Unterschied ist, daß damals ein großes Wesen gemacht
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wurde und alle mich drängten und quälten, und daß sich jetzt alle ganz still
verhalten und es als selbstverständlich nehmen, daß ich Ja sage; denn du
mußt wissen, Ida, diese Verlobung mit Alois – ich sage schon Alois, denn es
soll ja schließlich doch sein – ist gar nichts Festliches und Freudiges, und
um mein Glück handelt es sich eigentlich gar nicht dabei, sondern, indem
ich diese zweite Ehe eingehe, mache ich nur in aller Ruhe und
Selbstverständlichkeit meine erste Ehe wieder gut, denn das ist meine
Pflicht unserem Namen gegenüber. So denkt Mutter, und so denkt Tom …«
»Ach wo, Tonychen! wenn ihn nicht wirst wollen, und wenn er dich
nicht wird glücklich machen …«
»Ida, ich kenne das Leben und bin keine Gans mehr und habe meine
Augen im Kopf. Mutter … das mag sein, die würde nicht geradezu darauf
dringen, denn über fragwürdige Dinge geht sie hinweg und sagt Assez.
Aber Tom, der will es. Lehre du mich Tom kennen! Weißt du, wie Tom
denkt? Er denkt: ›Jeder! Jeder, der nicht absolut unwürdig ist. Denn es
handelt sich diesmal nicht um eine glänzende Partie, sondern nur darum,
daß die Scharte von damals durch eine zweite Ehe so ungefähr wieder
ausgewetzt wird.‹ So denkt er. Und sobald Permaneder angekommen war,
hat Tom in aller Stille geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, da
sei überzeugt, und als die ziemlich günstig und sicher lauteten, da war es
beschlossene Sache bei ihm … Tom ist ein Politiker und weiß, was er will.
Wer hat Christian an die Luft gesetzt?… Obgleich das ein hartes Wort ist,
Ida, aber es verhält sich so. Und warum? Weil er die Firma und die Familie
kompromittierte, und das tue ich in seinen Augen auch, Ida, nicht mit Taten
und Worten, sondern mit meiner bloßen Existenz als geschiedene Frau. Das,
will er, soll aufhören, und damit hat er recht, und ich liebe ihn darum bei
Gott nicht weniger und hoffe auch, daß das auf Gegenseitigkeit beruht.
Schließlich habe ich mich in all diesen Jahren immer danach gesehnt,
wieder ins Leben hinauszutreten, denn ich langweile mich bei Mutter, Gott
strafe mich, wenn das eine Sünde ist, aber ich bin kaum dreißig und fühle
mich jung. Das ist verschieden verteilt im Leben, Ida; du hattest mit dreißig
schon graues Haar, das liegt in eurer Familie, und dein Onkel Prahl, der am
Schluckauf starb …«
Sie stellte noch mehrere Betrachtungen an in dieser Nacht, sagte hie und
da noch einmal: »Schließlich soll es ja doch so sein«, und schlummerte
verhalten und es als selbstverständlich nehmen, daß ich Ja sage; denn du
mußt wissen, Ida, diese Verlobung mit Alois – ich sage schon Alois, denn es
soll ja schließlich doch sein – ist gar nichts Festliches und Freudiges, und
um mein Glück handelt es sich eigentlich gar nicht dabei, sondern, indem
ich diese zweite Ehe eingehe, mache ich nur in aller Ruhe und
Selbstverständlichkeit meine erste Ehe wieder gut, denn das ist meine
Pflicht unserem Namen gegenüber. So denkt Mutter, und so denkt Tom …«
»Ach wo, Tonychen! wenn ihn nicht wirst wollen, und wenn er dich
nicht wird glücklich machen …«
»Ida, ich kenne das Leben und bin keine Gans mehr und habe meine
Augen im Kopf. Mutter … das mag sein, die würde nicht geradezu darauf
dringen, denn über fragwürdige Dinge geht sie hinweg und sagt Assez.
Aber Tom, der will es. Lehre du mich Tom kennen! Weißt du, wie Tom
denkt? Er denkt: ›Jeder! Jeder, der nicht absolut unwürdig ist. Denn es
handelt sich diesmal nicht um eine glänzende Partie, sondern nur darum,
daß die Scharte von damals durch eine zweite Ehe so ungefähr wieder
ausgewetzt wird.‹ So denkt er. Und sobald Permaneder angekommen war,
hat Tom in aller Stille geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, da
sei überzeugt, und als die ziemlich günstig und sicher lauteten, da war es
beschlossene Sache bei ihm … Tom ist ein Politiker und weiß, was er will.
Wer hat Christian an die Luft gesetzt?… Obgleich das ein hartes Wort ist,
Ida, aber es verhält sich so. Und warum? Weil er die Firma und die Familie
kompromittierte, und das tue ich in seinen Augen auch, Ida, nicht mit Taten
und Worten, sondern mit meiner bloßen Existenz als geschiedene Frau. Das,
will er, soll aufhören, und damit hat er recht, und ich liebe ihn darum bei
Gott nicht weniger und hoffe auch, daß das auf Gegenseitigkeit beruht.
Schließlich habe ich mich in all diesen Jahren immer danach gesehnt,
wieder ins Leben hinauszutreten, denn ich langweile mich bei Mutter, Gott
strafe mich, wenn das eine Sünde ist, aber ich bin kaum dreißig und fühle
mich jung. Das ist verschieden verteilt im Leben, Ida; du hattest mit dreißig
schon graues Haar, das liegt in eurer Familie, und dein Onkel Prahl, der am
Schluckauf starb …«
Sie stellte noch mehrere Betrachtungen an in dieser Nacht, sagte hie und
da noch einmal: »Schließlich soll es ja doch so sein«, und schlummerte
Page 324
dann fünf Stunden lang sanft und tief.
Sechstes Kapitel
Dunst lag über der Stadt, aber Herr Longuet, Mietkutschenbesitzer in
der Johannisstraße, der um acht Uhr in eigener Person einen gedeckten,
aber an allen Seiten offenen Gesellschaftswagen in der Mengstraße vorfuhr,
sagte: »In 'ner lütten Stund' is de Sünn durch«, und somit konnte man
beruhigt sein.
Die Konsulin, Antonie, Herr Permaneder, Erika und Ida Jungmann
hatten miteinander gefrühstückt und fanden sich nun einer nach dem
anderen reisefertig auf der großen Diele ein, um Gerda und Tom zu
erwarten. Frau Grünlich, in cremefarbenem Kleide mit einer Atlaskrawatte
unterm Kinn, sah trotz der verkürzten Nachtruhe ganz vortrefflich aus;
Zagen und Fragen schienen in ihr ein Ende gefunden zu haben, denn ihre
Miene, während sie im Gespräch mit dem Gaste langsam die Knöpfe ihrer
leichten Handschuhe schloß, war ruhig, sicher, fast feierlich … Sie hatte die
Stimmung wiedergefunden, die ihr aus früheren Zeiten her wohlbekannt
war. Das Gefühl ihrer Wichtigkeit, der Bedeutsamkeit der Entscheidung, die
ihr anheimgestellt war, das Bewußtsein, daß abermals ein Tag gekommen
sei, der es ihr zur Pflicht mache, mit ernstem Entschluß in die Geschichte
ihrer Familie einzugreifen, erfüllte sie und machte ihr Herz höher schlagen.
Diese Nacht hatte sie im Traume die Stelle in den Familienpapieren vor
Augen gesehen, an der sie die Tatsache ihrer zweiten Verlobung zu
vermerken gedachte … diese Tatsache, die jenen schwarzen Flecken, den
die Blätter enthielten, tilgte und bedeutungslos machte, und nun freute sie
sich mit Spannung auf den Augenblick, wo Tom erscheinen und sie ihn mit
ernsthaftem Nicken begrüßen würde …
Etwas verspätet, denn die junge Konsulin Buddenbrook war nicht
gewohnt, so früh ihre Toilette zu beenden, traf der Konsul mit seiner Gattin
ein. Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,
dessen breite Reverse den Rand der Sommerweste sehen ließen, und seine
Augen lächelten, als er Tonys unvergleichlich würdevolle Miene gewahrte.
Aber Gerda, deren ein wenig morbide und rätselhafte Schönheit einen
Sechstes Kapitel
Dunst lag über der Stadt, aber Herr Longuet, Mietkutschenbesitzer in
der Johannisstraße, der um acht Uhr in eigener Person einen gedeckten,
aber an allen Seiten offenen Gesellschaftswagen in der Mengstraße vorfuhr,
sagte: »In 'ner lütten Stund' is de Sünn durch«, und somit konnte man
beruhigt sein.
Die Konsulin, Antonie, Herr Permaneder, Erika und Ida Jungmann
hatten miteinander gefrühstückt und fanden sich nun einer nach dem
anderen reisefertig auf der großen Diele ein, um Gerda und Tom zu
erwarten. Frau Grünlich, in cremefarbenem Kleide mit einer Atlaskrawatte
unterm Kinn, sah trotz der verkürzten Nachtruhe ganz vortrefflich aus;
Zagen und Fragen schienen in ihr ein Ende gefunden zu haben, denn ihre
Miene, während sie im Gespräch mit dem Gaste langsam die Knöpfe ihrer
leichten Handschuhe schloß, war ruhig, sicher, fast feierlich … Sie hatte die
Stimmung wiedergefunden, die ihr aus früheren Zeiten her wohlbekannt
war. Das Gefühl ihrer Wichtigkeit, der Bedeutsamkeit der Entscheidung, die
ihr anheimgestellt war, das Bewußtsein, daß abermals ein Tag gekommen
sei, der es ihr zur Pflicht mache, mit ernstem Entschluß in die Geschichte
ihrer Familie einzugreifen, erfüllte sie und machte ihr Herz höher schlagen.
Diese Nacht hatte sie im Traume die Stelle in den Familienpapieren vor
Augen gesehen, an der sie die Tatsache ihrer zweiten Verlobung zu
vermerken gedachte … diese Tatsache, die jenen schwarzen Flecken, den
die Blätter enthielten, tilgte und bedeutungslos machte, und nun freute sie
sich mit Spannung auf den Augenblick, wo Tom erscheinen und sie ihn mit
ernsthaftem Nicken begrüßen würde …
Etwas verspätet, denn die junge Konsulin Buddenbrook war nicht
gewohnt, so früh ihre Toilette zu beenden, traf der Konsul mit seiner Gattin
ein. Er sah gut und munter aus in seinem hellbraunen, kleinkarierten Anzug,
dessen breite Reverse den Rand der Sommerweste sehen ließen, und seine
Augen lächelten, als er Tonys unvergleichlich würdevolle Miene gewahrte.
Aber Gerda, deren ein wenig morbide und rätselhafte Schönheit einen
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seltsamen Gegensatz zu der hübschen Gesundheit ihrer Schwägerin bildete,
zeigte durchaus keine Sonntags- und Ausflugsstimmung. Wahrscheinlich
hatte sie nicht ausgeschlafen. Das satte Lila, das die Grundfarbe ihrer Robe
ausmachte und in höchst eigenartiger Weise mit dem Dunkelrot ihres
schweren Haares zusammenklang, ließ ihren Teint noch weißer, noch matter
erscheinen; tiefer und dunkler als sonst lagerten in den Winkeln ihrer nahe
beieinander liegenden braunen Augen bläuliche Schatten … Kalt bot sie
ihrer Schwiegermutter die Stirn zum Kusse, reichte Herrn Permaneder mit
ziemlich ironischem Ausdruck die Hand, und als Frau Grünlich bei ihrem
Anblick die Hände zusammenschlug und mit lauter Stimme ausrief:
»Gerda, o Gott, wie s c h ö n bist du wieder –!« antwortete sie lediglich mit
einem ablehnenden Lächeln.
Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige:
zumal im Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnräume
meistens verhängt, im Dämmerlicht lagen, und die selten ausging, fürchtete
die Sonne, den Staub, die festtäglich gekleideten Kleinbürger, den Geruch
von Kaffee, Bier, Tabak … und über alles in der Welt verabscheute sie die
Erhitzung, das Derangement. »Mein lieber Freund«, hatte sie beiläufig zu
Thomas gesagt, als die Ausfahrt nach Schwartau und dem »Riesebusch«
verabredet worden war, damit der Münchener Gast auch ein wenig von der
Umgebung der alten Stadt kennenlerne – »du weißt: wie Gott mich gemacht
hat, bin ich auf Ruhe und Alltag angewiesen … In diesem Falle ist man für
Anregung und Abwechselung nicht geschaffen. Nicht wahr, ihr dispensiert
mich …«
Sie würde ihn nicht geheiratet haben, wenn sie nicht bei solchen Dingen
im wesentlichen seiner Zustimmung sicher gewesen wäre.
»Ja, lieber Gott, du hast natürlich recht, Gerda. Daß man sich bei
derartigen Sachen amüsiert, ist meistens bloß Einbildung … Aber man
macht sie eben mit, weil man vor den anderen und sich selbst nicht gern als
Sonderling erscheinen möchte. Diese Eitelkeit hegt jeder, du nicht?… Man
gerät sonst leicht in einen Schein von Vereinsamung und Unglück und büßt
an Achtung ein. Und dann noch eins, liebe Gerda … Wir alle haben
Ursache, dem Herrn Permaneder ein bißchen den Hof zu machen. Ich
zweifle nicht, daß du die Situation übersiehst. Es entwickelt sich da etwas,
und es wäre schade, ganz einfach schade, käme es nicht zustande …«
zeigte durchaus keine Sonntags- und Ausflugsstimmung. Wahrscheinlich
hatte sie nicht ausgeschlafen. Das satte Lila, das die Grundfarbe ihrer Robe
ausmachte und in höchst eigenartiger Weise mit dem Dunkelrot ihres
schweren Haares zusammenklang, ließ ihren Teint noch weißer, noch matter
erscheinen; tiefer und dunkler als sonst lagerten in den Winkeln ihrer nahe
beieinander liegenden braunen Augen bläuliche Schatten … Kalt bot sie
ihrer Schwiegermutter die Stirn zum Kusse, reichte Herrn Permaneder mit
ziemlich ironischem Ausdruck die Hand, und als Frau Grünlich bei ihrem
Anblick die Hände zusammenschlug und mit lauter Stimme ausrief:
»Gerda, o Gott, wie s c h ö n bist du wieder –!« antwortete sie lediglich mit
einem ablehnenden Lächeln.
Sie hegte eine tiefe Abneigung gegen Unternehmungen wie die heutige:
zumal im Sommer, und nun gar am Sonntag. Sie, deren Wohnräume
meistens verhängt, im Dämmerlicht lagen, und die selten ausging, fürchtete
die Sonne, den Staub, die festtäglich gekleideten Kleinbürger, den Geruch
von Kaffee, Bier, Tabak … und über alles in der Welt verabscheute sie die
Erhitzung, das Derangement. »Mein lieber Freund«, hatte sie beiläufig zu
Thomas gesagt, als die Ausfahrt nach Schwartau und dem »Riesebusch«
verabredet worden war, damit der Münchener Gast auch ein wenig von der
Umgebung der alten Stadt kennenlerne – »du weißt: wie Gott mich gemacht
hat, bin ich auf Ruhe und Alltag angewiesen … In diesem Falle ist man für
Anregung und Abwechselung nicht geschaffen. Nicht wahr, ihr dispensiert
mich …«
Sie würde ihn nicht geheiratet haben, wenn sie nicht bei solchen Dingen
im wesentlichen seiner Zustimmung sicher gewesen wäre.
»Ja, lieber Gott, du hast natürlich recht, Gerda. Daß man sich bei
derartigen Sachen amüsiert, ist meistens bloß Einbildung … Aber man
macht sie eben mit, weil man vor den anderen und sich selbst nicht gern als
Sonderling erscheinen möchte. Diese Eitelkeit hegt jeder, du nicht?… Man
gerät sonst leicht in einen Schein von Vereinsamung und Unglück und büßt
an Achtung ein. Und dann noch eins, liebe Gerda … Wir alle haben
Ursache, dem Herrn Permaneder ein bißchen den Hof zu machen. Ich
zweifle nicht, daß du die Situation übersiehst. Es entwickelt sich da etwas,
und es wäre schade, ganz einfach schade, käme es nicht zustande …«
Page 326
»Ich sehe nicht ein, lieber Freund, inwiefern meine Gegenwart … aber
gleichviel. Da du es wünschest, so sei es. Lassen wir dies Vergnügen über
uns ergehen.«
»Ich werde dir aufrichtig verbunden sein.« –
Man trat auf die Straße hinaus … Wahrhaftig, schon jetzt begann die
Sonne durch den Morgendunst zu dringen; sonntäglich läuteten die Glocken
von Sankt Marien, und Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Der Kutscher
zog den Hut, und mit dem patriarchalischen Wohlwollen, das Thomas
manchmal ein bißchen in Verlegenheit brachte, nickte die Konsulin ein
überaus herzliches »Guten Morgen, lieber Mann!« zu ihm hinauf. »Also
eingestiegen denn nun, ihr Lieben! Es wäre Zeit zur Frühpredigt, aber heut'
wollen wir Gott in seiner freien Natur mit unseren Herzen loben, nicht
wahr, Herr Permaneder?«
»Is scho recht, Frau Konsul.«
Und man kletterte nacheinander über die beiden Blechstufen durch das
schmale Hintertürchen in den Wagen hinein, der zehn Personen gefaßt
haben würde, und machte es sich auf den Polstern bequem, die – ohne
Zweifel zu Ehren Herrn Permaneders – blau und weiß gestreift waren. Dann
klinkte das Türchen ins Schloß, Herr Longuet schnalzte mit der Zunge und
stieß unterschiedliche Ho- und Hürufe aus, seine muskulösen Braunen
zogen an, und das Gefährt rollte die Mengstraße hinunter, entlang der
Trave, am Holstentore vorbei, und später nach rechts auf der Schwartauer
Landstraße dahin …
Felder, Wiesen, Baumgruppen, Gehöfte … und man suchte in dem
immer höheren, dünneren, blaueren Dunst nach den Lerchen, deren
Stimmen man vernahm. Thomas, der Zigaretten rauchte, sah aufmerksam
um sich, wenn man an Getreide vorüberkam, und zeigte Herrn Permaneder,
wie es stand. Der Hopfenhändler war in einer wahrhaft jugendlichen Laune,
hatte seinen grünen Hut mit dem Gemsbart ein wenig schief gesetzt,
balancierte seinen Stock mit dem ungeheuren Horngriff auf seiner weißen
und breiten Handfläche und sogar auf der Unterlippe, ein Kunststück,
welchem, obgleich es beständig mißlang, besonders von seiten der kleinen
Erika lauter Beifall zuteil ward, und wiederholte mehrere Male: »Die
gleichviel. Da du es wünschest, so sei es. Lassen wir dies Vergnügen über
uns ergehen.«
»Ich werde dir aufrichtig verbunden sein.« –
Man trat auf die Straße hinaus … Wahrhaftig, schon jetzt begann die
Sonne durch den Morgendunst zu dringen; sonntäglich läuteten die Glocken
von Sankt Marien, und Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Der Kutscher
zog den Hut, und mit dem patriarchalischen Wohlwollen, das Thomas
manchmal ein bißchen in Verlegenheit brachte, nickte die Konsulin ein
überaus herzliches »Guten Morgen, lieber Mann!« zu ihm hinauf. »Also
eingestiegen denn nun, ihr Lieben! Es wäre Zeit zur Frühpredigt, aber heut'
wollen wir Gott in seiner freien Natur mit unseren Herzen loben, nicht
wahr, Herr Permaneder?«
»Is scho recht, Frau Konsul.«
Und man kletterte nacheinander über die beiden Blechstufen durch das
schmale Hintertürchen in den Wagen hinein, der zehn Personen gefaßt
haben würde, und machte es sich auf den Polstern bequem, die – ohne
Zweifel zu Ehren Herrn Permaneders – blau und weiß gestreift waren. Dann
klinkte das Türchen ins Schloß, Herr Longuet schnalzte mit der Zunge und
stieß unterschiedliche Ho- und Hürufe aus, seine muskulösen Braunen
zogen an, und das Gefährt rollte die Mengstraße hinunter, entlang der
Trave, am Holstentore vorbei, und später nach rechts auf der Schwartauer
Landstraße dahin …
Felder, Wiesen, Baumgruppen, Gehöfte … und man suchte in dem
immer höheren, dünneren, blaueren Dunst nach den Lerchen, deren
Stimmen man vernahm. Thomas, der Zigaretten rauchte, sah aufmerksam
um sich, wenn man an Getreide vorüberkam, und zeigte Herrn Permaneder,
wie es stand. Der Hopfenhändler war in einer wahrhaft jugendlichen Laune,
hatte seinen grünen Hut mit dem Gemsbart ein wenig schief gesetzt,
balancierte seinen Stock mit dem ungeheuren Horngriff auf seiner weißen
und breiten Handfläche und sogar auf der Unterlippe, ein Kunststück,
welchem, obgleich es beständig mißlang, besonders von seiten der kleinen
Erika lauter Beifall zuteil ward, und wiederholte mehrere Male: »Die
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Zugspitz' wird's halt net sein, aber a weng kraxeln wermer doch, und a Hetz
wermer ham, a Gaudi a sakrisches, gelten's, Frau Grünlich?!«
Dann begann er mit vielem Temperament von Bergpartien mit Rucksack
und Eispickel zu erzählen, wofür ihn die Konsulin mit mehreren
bewundernden »Dausend!« belohnte, und bedauerte dann aus irgendeinem
Gedankengange heraus mit bewegten Worten die Abwesenheit Christians,
von dem er gehört habe, daß er gar so ein lustiger Herr sei.
»Unterschiedlich«, sagte der Konsul. »Aber bei solchen Gelegenheiten
ist er unvergleichlich, das ist wahr. – Wir werden Krebse essen, Herr
Permaneder!« rief er aufgeräumt. »Krebse und Ostseekrabben! Sie haben
schon bei meiner Mutter ein paarmal davon gekostet, aber mein Freund
Dieckmann, der Besitzer der Restauration ›Zum Riesebusch‹, führt sie stets
in hervorragender Qualität. Und Pfeffernüsse, die berühmten Pfeffernüsse
dieser Gegend! Oder ist ihr Ruf bis an die Isar noch nicht gedrungen? Nun,
Sie werden sehen.«
Frau Grünlich ließ zwei- oder dreimal den Wagen halten, um am
Chausseerande Mohn- und Kornblumen zu pflücken, und jedesmal
beteuerte Herr Permaneder mit wahrer Wildheit, ihr dabei behilflich sein zu
wollen; da er sich aber vor dem Ein- und Aussteigen ein wenig fürchtete, so
unterließ er es dennoch.
Erika jubelte über jede Krähe, die aufflog, und Ida Jungmann, die wie
immer beim sichersten Wetter einen langen, offenen Regenmantel nebst
Regenschirm trug, stimmte als eine richtige Kinderpflegerin, die auf die
kindlichen Stimmungen nicht nur äußerlich eingeht, sondern sie ebenso
kindlich mitempfindet, mit ihrem ungenierten und etwas wiehernden
Lachen ein, so daß Gerda, die sie nicht hatte in der Familie grau werden
sehen, sie wiederholt einigermaßen kalt und erstaunt betrachtete …
Man war im Oldenburgischen. Buchenwaldungen kamen in Sicht, der
Wagen fuhr durch den Ort, über das Marktplätzchen mit seinem
Ziehbrunnen, gelangte wieder ins Freie, rollte über die Brücke, die über das
Flüßchen Au führt und hielt endlich vor dem einstöckigen Wirtshaus »Zum
Riesebusch«. Dies war an der einen Seite eines flachen Platzes mit
Grasflächen, sandigen Wegen und ländlichen Beeten gelegen, und jenseits
dieses Platzes erhob sich amphitheatralisch aufsteigend der Wald. Die
wermer ham, a Gaudi a sakrisches, gelten's, Frau Grünlich?!«
Dann begann er mit vielem Temperament von Bergpartien mit Rucksack
und Eispickel zu erzählen, wofür ihn die Konsulin mit mehreren
bewundernden »Dausend!« belohnte, und bedauerte dann aus irgendeinem
Gedankengange heraus mit bewegten Worten die Abwesenheit Christians,
von dem er gehört habe, daß er gar so ein lustiger Herr sei.
»Unterschiedlich«, sagte der Konsul. »Aber bei solchen Gelegenheiten
ist er unvergleichlich, das ist wahr. – Wir werden Krebse essen, Herr
Permaneder!« rief er aufgeräumt. »Krebse und Ostseekrabben! Sie haben
schon bei meiner Mutter ein paarmal davon gekostet, aber mein Freund
Dieckmann, der Besitzer der Restauration ›Zum Riesebusch‹, führt sie stets
in hervorragender Qualität. Und Pfeffernüsse, die berühmten Pfeffernüsse
dieser Gegend! Oder ist ihr Ruf bis an die Isar noch nicht gedrungen? Nun,
Sie werden sehen.«
Frau Grünlich ließ zwei- oder dreimal den Wagen halten, um am
Chausseerande Mohn- und Kornblumen zu pflücken, und jedesmal
beteuerte Herr Permaneder mit wahrer Wildheit, ihr dabei behilflich sein zu
wollen; da er sich aber vor dem Ein- und Aussteigen ein wenig fürchtete, so
unterließ er es dennoch.
Erika jubelte über jede Krähe, die aufflog, und Ida Jungmann, die wie
immer beim sichersten Wetter einen langen, offenen Regenmantel nebst
Regenschirm trug, stimmte als eine richtige Kinderpflegerin, die auf die
kindlichen Stimmungen nicht nur äußerlich eingeht, sondern sie ebenso
kindlich mitempfindet, mit ihrem ungenierten und etwas wiehernden
Lachen ein, so daß Gerda, die sie nicht hatte in der Familie grau werden
sehen, sie wiederholt einigermaßen kalt und erstaunt betrachtete …
Man war im Oldenburgischen. Buchenwaldungen kamen in Sicht, der
Wagen fuhr durch den Ort, über das Marktplätzchen mit seinem
Ziehbrunnen, gelangte wieder ins Freie, rollte über die Brücke, die über das
Flüßchen Au führt und hielt endlich vor dem einstöckigen Wirtshaus »Zum
Riesebusch«. Dies war an der einen Seite eines flachen Platzes mit
Grasflächen, sandigen Wegen und ländlichen Beeten gelegen, und jenseits
dieses Platzes erhob sich amphitheatralisch aufsteigend der Wald. Die
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einzelnen Stufen waren durch rauh angelegte Treppen verbunden, zu denen
man hochliegende Baumwurzeln und vorspringendes Gestein benutzt hatte,
und auf den Etagen, zwischen den Bäumen, waren weiß gestrichene Tische,
Bänke und Stühle aufgeschlagen.
Buddenbrooks waren keineswegs die ersten Gäste. Ein paar
wohlgenährte Mägde und sogar ein Kellner in fettigem Frack marschierten
eilfertig über den Platz und trugen kalte Küche, Limonaden, Milch und Bier
zu den Tischen hinauf, an denen, wenn auch in weiteren Abständen, schon
mehrere Familien mit Kindern Platz genommen hatten.
Herr Dieckmann, der Wirt, in gelbgesticktem Käppchen und
Hemdärmeln, trat persönlich an den Schlag, um den Herrschaften beim
Aussteigen behilflich zu sein, und während Longuet beiseite fuhr, um
auszuspannen, sagte die Konsulin: »Wir machen nun also zunächst einen
Spaziergang, guter Mann, und möchten dann, nach einer Stunde oder
anderthalb, ein Frühstück haben. Bitte, lassen Sie uns drüben servieren …
aber nicht zu hoch; auf dem zweiten Absatz dünkt mich …«
»Strengen Sie sich an, Dieckmann«, fügte der Konsul hinzu. »Wir
haben einen verwöhnten Gast …«
Herr Permaneder protestierte. »I ka Spur! A Bier und a Kaas …«
Allein das verstand Herr Dieckmann nicht, sondern er begann mit
großer Geläufigkeit: »Allens, was da is, Herr Kunsel … Krebse, Krabben,
diverse Wurst, diverse Käse, geräucherten Aal, geräucherten Lachs,
geräucherten Stör …«
»Schön, Dieckmann, Sie werden das schon machen. Und dann geben
Sie uns – sechs Gläser Milch und ein Seidel Bier, wenn ich nicht irre, Herr
Permaneder, wie?…«
»Einmal Bier, sechsmal Milch … Süße Milch, Buttermilch, dicke
Milch, Sattenmilch, Herr Kunsel …«
»Halb und halb, Dieckmann; süße Milch und Buttermilch. In einer
Stunde also.«
Und sie gingen über den Platz.
man hochliegende Baumwurzeln und vorspringendes Gestein benutzt hatte,
und auf den Etagen, zwischen den Bäumen, waren weiß gestrichene Tische,
Bänke und Stühle aufgeschlagen.
Buddenbrooks waren keineswegs die ersten Gäste. Ein paar
wohlgenährte Mägde und sogar ein Kellner in fettigem Frack marschierten
eilfertig über den Platz und trugen kalte Küche, Limonaden, Milch und Bier
zu den Tischen hinauf, an denen, wenn auch in weiteren Abständen, schon
mehrere Familien mit Kindern Platz genommen hatten.
Herr Dieckmann, der Wirt, in gelbgesticktem Käppchen und
Hemdärmeln, trat persönlich an den Schlag, um den Herrschaften beim
Aussteigen behilflich zu sein, und während Longuet beiseite fuhr, um
auszuspannen, sagte die Konsulin: »Wir machen nun also zunächst einen
Spaziergang, guter Mann, und möchten dann, nach einer Stunde oder
anderthalb, ein Frühstück haben. Bitte, lassen Sie uns drüben servieren …
aber nicht zu hoch; auf dem zweiten Absatz dünkt mich …«
»Strengen Sie sich an, Dieckmann«, fügte der Konsul hinzu. »Wir
haben einen verwöhnten Gast …«
Herr Permaneder protestierte. »I ka Spur! A Bier und a Kaas …«
Allein das verstand Herr Dieckmann nicht, sondern er begann mit
großer Geläufigkeit: »Allens, was da is, Herr Kunsel … Krebse, Krabben,
diverse Wurst, diverse Käse, geräucherten Aal, geräucherten Lachs,
geräucherten Stör …«
»Schön, Dieckmann, Sie werden das schon machen. Und dann geben
Sie uns – sechs Gläser Milch und ein Seidel Bier, wenn ich nicht irre, Herr
Permaneder, wie?…«
»Einmal Bier, sechsmal Milch … Süße Milch, Buttermilch, dicke
Milch, Sattenmilch, Herr Kunsel …«
»Halb und halb, Dieckmann; süße Milch und Buttermilch. In einer
Stunde also.«
Und sie gingen über den Platz.
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»Zunächst liegt es uns nun ob, die Quelle zu besuchen, Herr
Permaneder«, sagte Thomas. »Die Quelle: das heißt die Quelle der Au, und
die Au ist das kleine Flüßchen, daran Schwartau liegt und daran im grauen
Mittelalter ursprünglich unsere Stadt gelegen war, bis sie niederbrannte –
sie wird wohl nicht sehr durabel gewesen sein, wissen Sie – und an der
Trave wieder aufgebaut wurde. Übrigens knüpfen sich schmerzliche
Erinnerungen an den Namen des Flüßchens. Als Jungen fanden wir es
witzig, uns einander in den Arm zu kneifen und zu fragen: Wie heißt der
Fluß bei Schwartau? Worauf man natürlich, weil's wehtat, wider Willen den
Namen rief … Da!« unterbrach er sich plötzlich, zehn Schritte von dem
Anstieg entfernt; »wir sind überholt worden. Möllendorpfs und
Hagenströms.«
In der Tat, dort oben auf der dritten Etage der waldigen Terrasse saßen
die hauptsächlichsten Mitglieder dieser beiden vorteilhaft liierten Familien
an zwei zusammengerückten Tischen und speisten unter angeregten
Gesprächen. Der alte Senator Möllendorpf präsidierte, ein blasser Herr mit
weißen, dünnen, spitzen Kotelettes; er war zuckerkrank. Seine Gattin,
geborene Langhals, hantierte mit ihrer langgestielten Lorgnette, und nach
wie vor umstand das graue Haar unordentlich ihren Kopf. Ihr Sohn war da,
August, ein blonder junger Mann von wohlsituiertem Äußeren und Gatte
Julchens, der geborenen Hagenström, welche, klein, lebhaft, mit großen,
blanken, schwarzen Augen und beinahe ebenso großen Brillanten an den
Ohrläppchen, zwischen ihren Brüdern Hermann und Moritz saß. Konsul
Hermann Hagenström begann sehr stark zu werden, denn er lebte
vortrefflich und man sagte sich, daß er gleich morgens mit
Gänseleberpastete beginne. Er trug einen rötlich blonden kurzgehaltenen
Vollbart, und seine Nase – die Nase seiner Mutter – lag auffallend platt auf
der Oberlippe. Doktor Moritz, mit flacher Brust und gelblichem Teint,
zeigte in lebhaftem Gespräch seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Beide
Brüder hatten ihre Damen bei sich, denn auch der Rechtsgelehrte war seit
mehreren Jahren verheiratet, und zwar mit einem Fräulein Puttfarken aus
Hamburg, einer Dame mit butterfarbenem Haar und übermäßig
leidenschaftslosen, augenscheinlich anglisierenden, aber außerordentlich
schönen und regelmäßigen Gesichtszügen, denn Doktor Hagenström hätte
es mit seinem Rufe als Schöngeist nicht vereinbaren können, ein häßliches
Mädchen zu ehelichen. Schließlich waren noch die kleine Tochter von
Permaneder«, sagte Thomas. »Die Quelle: das heißt die Quelle der Au, und
die Au ist das kleine Flüßchen, daran Schwartau liegt und daran im grauen
Mittelalter ursprünglich unsere Stadt gelegen war, bis sie niederbrannte –
sie wird wohl nicht sehr durabel gewesen sein, wissen Sie – und an der
Trave wieder aufgebaut wurde. Übrigens knüpfen sich schmerzliche
Erinnerungen an den Namen des Flüßchens. Als Jungen fanden wir es
witzig, uns einander in den Arm zu kneifen und zu fragen: Wie heißt der
Fluß bei Schwartau? Worauf man natürlich, weil's wehtat, wider Willen den
Namen rief … Da!« unterbrach er sich plötzlich, zehn Schritte von dem
Anstieg entfernt; »wir sind überholt worden. Möllendorpfs und
Hagenströms.«
In der Tat, dort oben auf der dritten Etage der waldigen Terrasse saßen
die hauptsächlichsten Mitglieder dieser beiden vorteilhaft liierten Familien
an zwei zusammengerückten Tischen und speisten unter angeregten
Gesprächen. Der alte Senator Möllendorpf präsidierte, ein blasser Herr mit
weißen, dünnen, spitzen Kotelettes; er war zuckerkrank. Seine Gattin,
geborene Langhals, hantierte mit ihrer langgestielten Lorgnette, und nach
wie vor umstand das graue Haar unordentlich ihren Kopf. Ihr Sohn war da,
August, ein blonder junger Mann von wohlsituiertem Äußeren und Gatte
Julchens, der geborenen Hagenström, welche, klein, lebhaft, mit großen,
blanken, schwarzen Augen und beinahe ebenso großen Brillanten an den
Ohrläppchen, zwischen ihren Brüdern Hermann und Moritz saß. Konsul
Hermann Hagenström begann sehr stark zu werden, denn er lebte
vortrefflich und man sagte sich, daß er gleich morgens mit
Gänseleberpastete beginne. Er trug einen rötlich blonden kurzgehaltenen
Vollbart, und seine Nase – die Nase seiner Mutter – lag auffallend platt auf
der Oberlippe. Doktor Moritz, mit flacher Brust und gelblichem Teint,
zeigte in lebhaftem Gespräch seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Beide
Brüder hatten ihre Damen bei sich, denn auch der Rechtsgelehrte war seit
mehreren Jahren verheiratet, und zwar mit einem Fräulein Puttfarken aus
Hamburg, einer Dame mit butterfarbenem Haar und übermäßig
leidenschaftslosen, augenscheinlich anglisierenden, aber außerordentlich
schönen und regelmäßigen Gesichtszügen, denn Doktor Hagenström hätte
es mit seinem Rufe als Schöngeist nicht vereinbaren können, ein häßliches
Mädchen zu ehelichen. Schließlich waren noch die kleine Tochter von
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Hermann Hagenström und der kleine Sohn von Moritz Hagenström
zugegen, zwei weißgekleidete Kinder, die schon jetzt sogut wie miteinander
verlobt waren, denn das Huneus-Hagenströmsche Vermögen sollte nicht
verzettelt werden. – Alle aßen Rührei mit Schinken.
Man grüßte sich erst, als Buddenbrooks in geringer Entfernung an der
Gesellschaft vorüberstiegen. Die Konsulin neigte ein wenig zerstreut und
gleichsam verwundert den Kopf, Thomas lüftete den Hut, indem er die
Lippen bewegte, als sagte er irgend etwas Verbindliches und Kühles, und
Gerda verbeugte sich fremd und formell. Herr Permaneder aber, angeregt
durch das Steigen, schwenkte unbefangen seinen grünen Hut und rief mit
lauter und fröhlicher Stimme: »Wünsch' recht an guat'n Morg'n!« – Worauf
die Senatorin Möllendorpf ihr Lorgnon zur Hand nahm … Tony ihrerseits
zog ein wenig die Schultern empor, legte den Kopf zurück, suchte trotzdem
das Kinn auf die Brust zu drücken und grüßte gleichsam von einer
unabsehbaren Höhe herab, wobei sie genau über Julchen Möllendorpfs
breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte … In dieser Minute setzte
sich ihr Entschluß endgültig und unerschütterlich in ihr fest …
»Gott sei Lob und tausend Dank, Tom, daß wir erst in einer Stunde
frühstücken! Ich möchte mir von diesem Julchen nicht gern auf den Bissen
sehen lassen, weißt du … Hast du beachtet, wie sie grüßte? Beinahe gar
nicht. Dabei war meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ihr Hut ganz
unmäßig geschmacklos …«
»Na, was den Hut betrifft … Und mit dem Grüßen warst du wohl auch
nicht viel entgegenkommender, meine Liebe. Übrigens ärgere dich nicht;
das macht Falten.«
Ȁrgern, Tom? Ach nein! Wenn diese Leute meinen, sie seien die ersten
an der Spritze, so ist das zum Lachen und weiter nichts. Was ist für ein
Unterschied zwischen diesem Julchen und mir, wenn ich fragen darf? Daß
sie keinen Filou, sondern bloß einen ›Duschack‹ zum Manne bekommen
hat, wie Ida sagen würde, und wenn sie einmal in meiner Lage wäre im
Leben, so würde es sich ja erweisen, ob sie einen zweiten finden würde …«
»Was besagt, daß du deinerseits einen finden wirst?«
»Einen Duschack, Thomas?«
zugegen, zwei weißgekleidete Kinder, die schon jetzt sogut wie miteinander
verlobt waren, denn das Huneus-Hagenströmsche Vermögen sollte nicht
verzettelt werden. – Alle aßen Rührei mit Schinken.
Man grüßte sich erst, als Buddenbrooks in geringer Entfernung an der
Gesellschaft vorüberstiegen. Die Konsulin neigte ein wenig zerstreut und
gleichsam verwundert den Kopf, Thomas lüftete den Hut, indem er die
Lippen bewegte, als sagte er irgend etwas Verbindliches und Kühles, und
Gerda verbeugte sich fremd und formell. Herr Permaneder aber, angeregt
durch das Steigen, schwenkte unbefangen seinen grünen Hut und rief mit
lauter und fröhlicher Stimme: »Wünsch' recht an guat'n Morg'n!« – Worauf
die Senatorin Möllendorpf ihr Lorgnon zur Hand nahm … Tony ihrerseits
zog ein wenig die Schultern empor, legte den Kopf zurück, suchte trotzdem
das Kinn auf die Brust zu drücken und grüßte gleichsam von einer
unabsehbaren Höhe herab, wobei sie genau über Julchen Möllendorpfs
breitrandigen und eleganten Hut hinwegblickte … In dieser Minute setzte
sich ihr Entschluß endgültig und unerschütterlich in ihr fest …
»Gott sei Lob und tausend Dank, Tom, daß wir erst in einer Stunde
frühstücken! Ich möchte mir von diesem Julchen nicht gern auf den Bissen
sehen lassen, weißt du … Hast du beachtet, wie sie grüßte? Beinahe gar
nicht. Dabei war meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ihr Hut ganz
unmäßig geschmacklos …«
»Na, was den Hut betrifft … Und mit dem Grüßen warst du wohl auch
nicht viel entgegenkommender, meine Liebe. Übrigens ärgere dich nicht;
das macht Falten.«
Ȁrgern, Tom? Ach nein! Wenn diese Leute meinen, sie seien die ersten
an der Spritze, so ist das zum Lachen und weiter nichts. Was ist für ein
Unterschied zwischen diesem Julchen und mir, wenn ich fragen darf? Daß
sie keinen Filou, sondern bloß einen ›Duschack‹ zum Manne bekommen
hat, wie Ida sagen würde, und wenn sie einmal in meiner Lage wäre im
Leben, so würde es sich ja erweisen, ob sie einen zweiten finden würde …«
»Was besagt, daß du deinerseits einen finden wirst?«
»Einen Duschack, Thomas?«
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»Sehr viel besser als ein Filou.«
»Es braucht weder das eine noch das andere zu sein. Aber darüber
spricht man nicht.«
»Richtig. Wir bleiben auch zurück. Herr Permaneder steigt mit Elan …«
Der schattige Waldweg wurde eben, und es dauerte gar nicht lange, bis
sie die »Quelle« erreicht hatten, einen hübschen, romantischen Punkt mit
einer hölzernen Brücke über einem kleinen Abgrund, zerklüfteten
Abhängen und überhängenden Bäumen, deren Wurzeln bloßlagen. Sie
schöpften mit einem silbernen, zusammenschiebbaren Becher, den die
Konsulin mitgebracht hatte, aus dem kleinen, steinernen Bassin gleich
unterhalb der Austrittsstelle und erquickten sich mit dem frischen,
eisenhaltigen Wasser, wobei Herr Permaneder einen kleinen Anfall von
Galanterie hatte, indem er darauf bestand, daß Frau Grünlich ihm den Trunk
kredenzte. Er war voll Dankbarkeit, wiederholte mehrmals: »A, des is fei
nett!« und plauderte umsichtig und aufmerksam sowohl mit der Konsulin
und Thomas als mit Gerda und Tony und sogar mit der kleinen Erika …
Selbst Gerda, die bislang unter fliegender Hitze gelitten und in einer Art
von stummer und starrer Nervosität einhergegangen war, begann nun
aufzuleben, und als man nach einem beschleunigten Rückwege wieder vor
dem Wirtshause anlangte und sich auf der zweiten Stufe der Waldterrasse an
einem überreichlich besetzten Tische niederließ, war sie es, die es in
liebenswürdigen Wendungen bedauerte, daß Herrn Permaneders Abreise so
nahe bevorstehe: jetzt, wo man einander ein wenig kennengelernt, wo es
zum Beispiel ganz leicht zu beobachten sei, daß auf beiden Seiten immer
seltener Miß- und Nichtverständnisse des Dialektes wegen unterliefen …
Sie könne die Behauptung vertreten, daß ihre Freundin und Schwägerin
Tony zwei- oder dreimal mit Virtuosität »Pfüaht Gott!« gesagt habe …
Herr Permaneder unterließ es, auf das Wort »Abreise« irgendeine
bestätigende Antwort zu geben, sondern widmete sich vorderhand den
Leckerbissen, von denen die Tafel strotzte, und die er jenseits der Donau
nicht alle Tage bekam.
Sie verzehrten die guten Sachen mit Muße, wobei die kleine Erika sich
beinahe am meisten über die Servietten aus Seidenpapier freute, die ihr
unvergleichlich schöner schienen als die großen leinenen zu Hause, und von
»Es braucht weder das eine noch das andere zu sein. Aber darüber
spricht man nicht.«
»Richtig. Wir bleiben auch zurück. Herr Permaneder steigt mit Elan …«
Der schattige Waldweg wurde eben, und es dauerte gar nicht lange, bis
sie die »Quelle« erreicht hatten, einen hübschen, romantischen Punkt mit
einer hölzernen Brücke über einem kleinen Abgrund, zerklüfteten
Abhängen und überhängenden Bäumen, deren Wurzeln bloßlagen. Sie
schöpften mit einem silbernen, zusammenschiebbaren Becher, den die
Konsulin mitgebracht hatte, aus dem kleinen, steinernen Bassin gleich
unterhalb der Austrittsstelle und erquickten sich mit dem frischen,
eisenhaltigen Wasser, wobei Herr Permaneder einen kleinen Anfall von
Galanterie hatte, indem er darauf bestand, daß Frau Grünlich ihm den Trunk
kredenzte. Er war voll Dankbarkeit, wiederholte mehrmals: »A, des is fei
nett!« und plauderte umsichtig und aufmerksam sowohl mit der Konsulin
und Thomas als mit Gerda und Tony und sogar mit der kleinen Erika …
Selbst Gerda, die bislang unter fliegender Hitze gelitten und in einer Art
von stummer und starrer Nervosität einhergegangen war, begann nun
aufzuleben, und als man nach einem beschleunigten Rückwege wieder vor
dem Wirtshause anlangte und sich auf der zweiten Stufe der Waldterrasse an
einem überreichlich besetzten Tische niederließ, war sie es, die es in
liebenswürdigen Wendungen bedauerte, daß Herrn Permaneders Abreise so
nahe bevorstehe: jetzt, wo man einander ein wenig kennengelernt, wo es
zum Beispiel ganz leicht zu beobachten sei, daß auf beiden Seiten immer
seltener Miß- und Nichtverständnisse des Dialektes wegen unterliefen …
Sie könne die Behauptung vertreten, daß ihre Freundin und Schwägerin
Tony zwei- oder dreimal mit Virtuosität »Pfüaht Gott!« gesagt habe …
Herr Permaneder unterließ es, auf das Wort »Abreise« irgendeine
bestätigende Antwort zu geben, sondern widmete sich vorderhand den
Leckerbissen, von denen die Tafel strotzte, und die er jenseits der Donau
nicht alle Tage bekam.
Sie verzehrten die guten Sachen mit Muße, wobei die kleine Erika sich
beinahe am meisten über die Servietten aus Seidenpapier freute, die ihr
unvergleichlich schöner schienen als die großen leinenen zu Hause, und von
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denen sie mit Erlaubnis des Kellners sogar einige zum Andenken in die
Tasche steckte; und dann saß, während Herr Permaneder mehrere
tiefschwarze Zigarren zum Biere und der Konsul seine Zigaretten rauchte,
die Familie mit ihrem Gaste noch längere Zeit beisammen und plauderte; –
bemerkenswert aber war, daß niemand mehr der Abreise des Herrn
Permaneder gedachte und daß überhaupt die Zukunft völlig unberührt
gelassen ward. Vielmehr tauschte man Erinnerungen aus, besprach die
politischen Ereignisse der letzten Jahre, und Herr Permaneder berichtete,
nachdem er über einige achtundvierziger Anekdoten, die die Konsulin
ihrem verstorbenen Gatten nacherzählte, sich vor Lachen geschüttelt hatte,
von der Revolution in München und von Lola Montez, für welche Frau
Grünlich sich unbändig interessierte. Dann aber, als allgemach die erste
Stunde nach Mittag vorüber war, als Erika, ganz erhitzt und bepackt mit
Gänseblumen, Wiesenschaumkraut und Gräsern, von einem Streifzug mit
Ida zurückkehrte und die Pfeffernüsse in Erinnerung brachte, die noch
einzukaufen seien, brach man zu einem Gang in den Ort hinunter auf …
nicht bevor die Konsulin, deren Gäste heut alle waren, mit einem gar nicht
kleinen Goldstück die Rechnung beglichen hatte.
Vorm Gasthaus ward Order gegeben, daß in einer Stunde der Wagen
bereitstehen solle, denn man wollte in der Stadt vor Tisch noch ein wenig
ruhen können; und dann wanderten sie langsam, denn die Sonne brannte auf
den Staub, den niedrigen Häusern des Fleckens zu.
Gleich nach der Au-Brücke ordnete sich ungezwungen und von selbst
die Reihenfolge, die dann während des Weges innegehalten ward: Voran
nämlich war Mamsell Jungmann, vermöge ihrer langen Schritte, neben der
unermüdlich springenden und nach Kohlweißlingen jagenden Erika, dann
folgten miteinander die Konsulin, Thomas und Gerda und zuletzt, in
einigem Abstande sogar, Frau Grünlich mit Herrn Permaneder. Vorn war es
laut, denn das kleine Mädchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem
eigentümlich tiefen, gutmütigen Wiehern ein. In der Mitte schwiegen alle
drei, denn Gerda war wegen des Staubes aufs neue in eine nervöse
Verzagtheit verfallen, und die alte Konsulin sowohl wie ihr Sohn waren in
Gedanken. Auch hinten war es still … aber nur scheinbar, denn Tony und
der Gast aus Bayern unterhielten sich gedämpft und intim. – Wovon
sprachen sie? Von Herrn Grünlich …
Tasche steckte; und dann saß, während Herr Permaneder mehrere
tiefschwarze Zigarren zum Biere und der Konsul seine Zigaretten rauchte,
die Familie mit ihrem Gaste noch längere Zeit beisammen und plauderte; –
bemerkenswert aber war, daß niemand mehr der Abreise des Herrn
Permaneder gedachte und daß überhaupt die Zukunft völlig unberührt
gelassen ward. Vielmehr tauschte man Erinnerungen aus, besprach die
politischen Ereignisse der letzten Jahre, und Herr Permaneder berichtete,
nachdem er über einige achtundvierziger Anekdoten, die die Konsulin
ihrem verstorbenen Gatten nacherzählte, sich vor Lachen geschüttelt hatte,
von der Revolution in München und von Lola Montez, für welche Frau
Grünlich sich unbändig interessierte. Dann aber, als allgemach die erste
Stunde nach Mittag vorüber war, als Erika, ganz erhitzt und bepackt mit
Gänseblumen, Wiesenschaumkraut und Gräsern, von einem Streifzug mit
Ida zurückkehrte und die Pfeffernüsse in Erinnerung brachte, die noch
einzukaufen seien, brach man zu einem Gang in den Ort hinunter auf …
nicht bevor die Konsulin, deren Gäste heut alle waren, mit einem gar nicht
kleinen Goldstück die Rechnung beglichen hatte.
Vorm Gasthaus ward Order gegeben, daß in einer Stunde der Wagen
bereitstehen solle, denn man wollte in der Stadt vor Tisch noch ein wenig
ruhen können; und dann wanderten sie langsam, denn die Sonne brannte auf
den Staub, den niedrigen Häusern des Fleckens zu.
Gleich nach der Au-Brücke ordnete sich ungezwungen und von selbst
die Reihenfolge, die dann während des Weges innegehalten ward: Voran
nämlich war Mamsell Jungmann, vermöge ihrer langen Schritte, neben der
unermüdlich springenden und nach Kohlweißlingen jagenden Erika, dann
folgten miteinander die Konsulin, Thomas und Gerda und zuletzt, in
einigem Abstande sogar, Frau Grünlich mit Herrn Permaneder. Vorn war es
laut, denn das kleine Mädchen jubelte, und Ida stimmte mit ihrem
eigentümlich tiefen, gutmütigen Wiehern ein. In der Mitte schwiegen alle
drei, denn Gerda war wegen des Staubes aufs neue in eine nervöse
Verzagtheit verfallen, und die alte Konsulin sowohl wie ihr Sohn waren in
Gedanken. Auch hinten war es still … aber nur scheinbar, denn Tony und
der Gast aus Bayern unterhielten sich gedämpft und intim. – Wovon
sprachen sie? Von Herrn Grünlich …
Page 333
Herr Permaneder hatte die treffende Bemerkung gemacht, daß Erika
»fei« ein gar zu liebes und hübsches Kind sei, daß sie aber trotzdem der
Frau Mama fast gar nicht ähnlich sehe; worauf Tony geantwortet hatte: »Sie
ist ganz der Vater, und man kann sagen: nicht zu ihrem Schaden, denn
äußerlich war Grünlich ein Gentleman – alles, was wahr ist! So hatte er
goldfarbene Favoris; völlig originell; ich habe nie wieder dergleichen
gesehen …«
Und dann erkundigte er sich, obgleich Tony ihm schon bei Niederpaurs
in München die Geschichte ihrer Ehe ziemlich genau erzählt hatte, noch
einmal genau nach allem und erfragte eingehend und mit einem ängstlich
teilnehmenden Blinzeln alle Einzelheiten bei dem Bankerott …
»Er war ein böser Mensch, Herr Permaneder, sonst hätte Vater mich ihm
nicht wieder weggenommen, das können Sie mir glauben. Nicht alle
Menschen haben auf Erden immer ein gutes Herz, das hat das Leben mich
gelehrt, wissen Sie, so jung wie ich für eine Person, die seit zehn Jahren
Witwe oder etwas Ähnliches ist, noch bin. Er war böse, und Kesselmeyer,
sein Bankier, der obendrein so albern war wie ein junger Hund, war noch
böser. Aber das soll nicht heißen, daß ich mich selbst für einen Engel halte
und aller Schuld bar erachte … mißverstehen Sie mich nicht! Grünlich
vernachlässigte mich, und wenn er einmal bei mir saß, so las er die Zeitung,
und er hinterging mich und ließ mich beständig in Eimsbüttel sitzen, weil
ich in der Stadt von dem Morast hätte erfahren können, darin er steckte …
Aber ich bin auch nur eine schwache Frau und habe meine Fehler und bin
ganz sicher nicht immer richtig zu Werke gegangen. Zum Beispiel gab ich
meinem Mann durch Leichtsinn und Verschwendungssucht und neue
Schlafröcke Grund zu Sorge und Klage … Aber eins darf ich hinzufügen:
ich habe eine Entschuldigung, und die besteht darin, daß ich ein Kind war,
als ich heiratete, eine Gans war ich, ein dummes Ding. Glauben Sie zum
Beispiel, daß ich ganz kurze Zeit vor meiner Verlobung auch nur gewußt
hätte, daß vier Jahre früher die Bundesgesetze über die Universitäten und
die Presse erneuert worden seien? Schöne Gesetze übrigens!… Ach, ja, es
ist wahrhaftig so sehr traurig, daß man nur einmal lebt, Herr Permaneder,
daß man das Leben nicht noch einmal anfangen kann; man würde so
manches geschickter anfassen …«
»fei« ein gar zu liebes und hübsches Kind sei, daß sie aber trotzdem der
Frau Mama fast gar nicht ähnlich sehe; worauf Tony geantwortet hatte: »Sie
ist ganz der Vater, und man kann sagen: nicht zu ihrem Schaden, denn
äußerlich war Grünlich ein Gentleman – alles, was wahr ist! So hatte er
goldfarbene Favoris; völlig originell; ich habe nie wieder dergleichen
gesehen …«
Und dann erkundigte er sich, obgleich Tony ihm schon bei Niederpaurs
in München die Geschichte ihrer Ehe ziemlich genau erzählt hatte, noch
einmal genau nach allem und erfragte eingehend und mit einem ängstlich
teilnehmenden Blinzeln alle Einzelheiten bei dem Bankerott …
»Er war ein böser Mensch, Herr Permaneder, sonst hätte Vater mich ihm
nicht wieder weggenommen, das können Sie mir glauben. Nicht alle
Menschen haben auf Erden immer ein gutes Herz, das hat das Leben mich
gelehrt, wissen Sie, so jung wie ich für eine Person, die seit zehn Jahren
Witwe oder etwas Ähnliches ist, noch bin. Er war böse, und Kesselmeyer,
sein Bankier, der obendrein so albern war wie ein junger Hund, war noch
böser. Aber das soll nicht heißen, daß ich mich selbst für einen Engel halte
und aller Schuld bar erachte … mißverstehen Sie mich nicht! Grünlich
vernachlässigte mich, und wenn er einmal bei mir saß, so las er die Zeitung,
und er hinterging mich und ließ mich beständig in Eimsbüttel sitzen, weil
ich in der Stadt von dem Morast hätte erfahren können, darin er steckte …
Aber ich bin auch nur eine schwache Frau und habe meine Fehler und bin
ganz sicher nicht immer richtig zu Werke gegangen. Zum Beispiel gab ich
meinem Mann durch Leichtsinn und Verschwendungssucht und neue
Schlafröcke Grund zu Sorge und Klage … Aber eins darf ich hinzufügen:
ich habe eine Entschuldigung, und die besteht darin, daß ich ein Kind war,
als ich heiratete, eine Gans war ich, ein dummes Ding. Glauben Sie zum
Beispiel, daß ich ganz kurze Zeit vor meiner Verlobung auch nur gewußt
hätte, daß vier Jahre früher die Bundesgesetze über die Universitäten und
die Presse erneuert worden seien? Schöne Gesetze übrigens!… Ach, ja, es
ist wahrhaftig so sehr traurig, daß man nur einmal lebt, Herr Permaneder,
daß man das Leben nicht noch einmal anfangen kann; man würde so
manches geschickter anfassen …«
Page 334
Sie schwieg und blickte gespannt auf den Weg nieder; sie hatte ihm,
nicht ohne Geschick, einen Anhaltspunkt gegeben, denn die Erwägung lag
gar nicht fern, daß ein ganz neues Leben zu beginnen zwar unmöglich, der
Wiederbeginn einer neuen, besseren Ehe aber doch nicht ausgeschlossen
sei. Allein Herr Permaneder ließ die Gelegenheit vorübergehen und
beschränkte sich darauf, mit heftigen Worten auf Herrn Grünlich zu
schelten, wobei die Fliege über seinem kleinen, runden Kinn sich
sträubte …
»Der fade Kerl, der z'widre! Den wann i dahier hätt', den Hund, den
ausg'schamten, der wann net a Watschen dawischen tät' …«
»Pfui, Herr Permaneder! Nein, damit müssen Sie aufhören. Wir sollen
vergeben und vergessen, und die Rache ist mein, spricht der Herr … fragen
Sie nur Mutter. Bewahre … ich weiß nicht, wo Grünlich sich aufhält, und
wie es ihm ergangen ist im Leben; aber ich wünsche ihm alles Gute, wenn
er es auch vielleicht nicht verdient hat …«
Sie waren im Ort und standen vor dem kleinen Häuschen, in dem der
Bäckerladen sich befand. Beinahe, ohne es zu wissen, waren sie
stehengeblieben, und ohne sich Rechenschaft davon zu geben, hatten sie
mit ernsten und abwesenden Augen Erika, Ida, die Konsulin, Thomas und
Gerda gebückt durch die lächerlich niedrige Ladentür verschwinden sehen:
so vertieft waren sie in ihr Gespräch, obgleich sie bis jetzt nichts als
überflüssige und alberne Dinge geredet hatten.
Neben ihnen war ein Zaun, und daran lief ein langes, schmales Beet
entlang, auf dem ein paar Reseden wuchsen und dessen lockere, schwarze
Erde Frau Grünlich, geneigten und etwas erhitzten Hauptes, ungeheuer
eifrig mit der Spitze ihres Sonnenschirms pflügte. Herr Permaneder, dessen
grünes Hütchen mit dem Gemsbart in die Stirn geglitten war, stand dicht bei
ihr und beteiligte sich hie und da vermittels seines Spazierstockes an dem
Umgraben des Beetes. Auch er ließ den Kopf hängen; aber seine kleinen,
hellblauen, verquollenen Augen, die ganz blank geworden und sogar ein
wenig gerötet waren, blickten von unten herauf mit einem Gemisch von
Ergebenheit, Betrübtheit und Spannung zu ihr empor, und mit
ebendemselben Ausdruck überhing der ausgefranste Schnauzbart seinen
Mund …
nicht ohne Geschick, einen Anhaltspunkt gegeben, denn die Erwägung lag
gar nicht fern, daß ein ganz neues Leben zu beginnen zwar unmöglich, der
Wiederbeginn einer neuen, besseren Ehe aber doch nicht ausgeschlossen
sei. Allein Herr Permaneder ließ die Gelegenheit vorübergehen und
beschränkte sich darauf, mit heftigen Worten auf Herrn Grünlich zu
schelten, wobei die Fliege über seinem kleinen, runden Kinn sich
sträubte …
»Der fade Kerl, der z'widre! Den wann i dahier hätt', den Hund, den
ausg'schamten, der wann net a Watschen dawischen tät' …«
»Pfui, Herr Permaneder! Nein, damit müssen Sie aufhören. Wir sollen
vergeben und vergessen, und die Rache ist mein, spricht der Herr … fragen
Sie nur Mutter. Bewahre … ich weiß nicht, wo Grünlich sich aufhält, und
wie es ihm ergangen ist im Leben; aber ich wünsche ihm alles Gute, wenn
er es auch vielleicht nicht verdient hat …«
Sie waren im Ort und standen vor dem kleinen Häuschen, in dem der
Bäckerladen sich befand. Beinahe, ohne es zu wissen, waren sie
stehengeblieben, und ohne sich Rechenschaft davon zu geben, hatten sie
mit ernsten und abwesenden Augen Erika, Ida, die Konsulin, Thomas und
Gerda gebückt durch die lächerlich niedrige Ladentür verschwinden sehen:
so vertieft waren sie in ihr Gespräch, obgleich sie bis jetzt nichts als
überflüssige und alberne Dinge geredet hatten.
Neben ihnen war ein Zaun, und daran lief ein langes, schmales Beet
entlang, auf dem ein paar Reseden wuchsen und dessen lockere, schwarze
Erde Frau Grünlich, geneigten und etwas erhitzten Hauptes, ungeheuer
eifrig mit der Spitze ihres Sonnenschirms pflügte. Herr Permaneder, dessen
grünes Hütchen mit dem Gemsbart in die Stirn geglitten war, stand dicht bei
ihr und beteiligte sich hie und da vermittels seines Spazierstockes an dem
Umgraben des Beetes. Auch er ließ den Kopf hängen; aber seine kleinen,
hellblauen, verquollenen Augen, die ganz blank geworden und sogar ein
wenig gerötet waren, blickten von unten herauf mit einem Gemisch von
Ergebenheit, Betrübtheit und Spannung zu ihr empor, und mit
ebendemselben Ausdruck überhing der ausgefranste Schnauzbart seinen
Mund …
Page 335
»Und da haben's jetzt wohl«, sagte er, »a damische Furcht vor der Eh'
und wollen's nimmer noch amal versuchen, gelten's nei, Frau Grünlich …?«
Wie ungeschickt! dachte sie. Das muß ich ja bestätigen?… Sie
antwortete: »Ja, lieber Herr Permaneder, ich bekenne Ihnen offen, daß es
mir schwer fallen würde, noch einmal jemandem mein Jawort fürs Leben zu
erteilen, denn ich bin belehrt worden, wissen Sie, was für ein furchtbar
ernster Entschluß das ist … und dazu bedürfte es der festen Überzeugung,
daß es sich um einen wirklich braven, einen edlen, einen herzensguten
Mann handelt …«
Hierauf erlaubte er sich die Frage, ob sie ihn für einen solchen Mann
halte, worauf sie antwortete: »Ja, Herr Permaneder, dafür halte ich Sie.«
Und dann folgten noch ganz wenige leise und kurze Worte, in denen das
Verlöbnis enthalten war, und für Herrn Permaneder die Erlaubnis, sich zu
Hause an die Konsulin und Thomas zu wenden …
Als die übrigen Mitglieder der Gesellschaft, bepackt mit mehreren
großen Düten voll Pfeffernüssen, wieder im Freien erschienen, ließ der
Konsul seine Augen diskret über die Köpfe der beiden hinwegschweifen,
denn sie waren in starker Verlegenheit: Herr Permaneder ohne Versuch, das
zu verbergen, Tony unter der Maske einer fast majestätischen Würde.
Man beeilte sich, den Wagen zu gewinnen, denn der Himmel hatte sich
bedeckt und Tropfen fielen.
*
Wie Tony angenommen, hatte ihr Bruder bald nach Herrn Permaneders
Erscheinen genaue Erkundigungen über seine Lebensstellung eingezogen,
die als Resultat ergeben hatten, daß X. Noppe & Comp. eine etwas
beschränkte aber durchaus solide Firma sei, die im gemeinsamen Wirken
mit der Aktienbrauerei, der Herr Niederpaur als Direktor vorstand, einen
hübschen Gewinn erzielte, und daß, im Verein mit Tonys 17000
Kuranttalern, Herrn Permaneders Anteil für ein gutbürgerliches
Zusammenleben ohne Luxus ausreichen würde. Die Konsulin war
unterrichtet darüber, und in einem ausführlichen Gespräche zwischen ihr,
und wollen's nimmer noch amal versuchen, gelten's nei, Frau Grünlich …?«
Wie ungeschickt! dachte sie. Das muß ich ja bestätigen?… Sie
antwortete: »Ja, lieber Herr Permaneder, ich bekenne Ihnen offen, daß es
mir schwer fallen würde, noch einmal jemandem mein Jawort fürs Leben zu
erteilen, denn ich bin belehrt worden, wissen Sie, was für ein furchtbar
ernster Entschluß das ist … und dazu bedürfte es der festen Überzeugung,
daß es sich um einen wirklich braven, einen edlen, einen herzensguten
Mann handelt …«
Hierauf erlaubte er sich die Frage, ob sie ihn für einen solchen Mann
halte, worauf sie antwortete: »Ja, Herr Permaneder, dafür halte ich Sie.«
Und dann folgten noch ganz wenige leise und kurze Worte, in denen das
Verlöbnis enthalten war, und für Herrn Permaneder die Erlaubnis, sich zu
Hause an die Konsulin und Thomas zu wenden …
Als die übrigen Mitglieder der Gesellschaft, bepackt mit mehreren
großen Düten voll Pfeffernüssen, wieder im Freien erschienen, ließ der
Konsul seine Augen diskret über die Köpfe der beiden hinwegschweifen,
denn sie waren in starker Verlegenheit: Herr Permaneder ohne Versuch, das
zu verbergen, Tony unter der Maske einer fast majestätischen Würde.
Man beeilte sich, den Wagen zu gewinnen, denn der Himmel hatte sich
bedeckt und Tropfen fielen.
*
Wie Tony angenommen, hatte ihr Bruder bald nach Herrn Permaneders
Erscheinen genaue Erkundigungen über seine Lebensstellung eingezogen,
die als Resultat ergeben hatten, daß X. Noppe & Comp. eine etwas
beschränkte aber durchaus solide Firma sei, die im gemeinsamen Wirken
mit der Aktienbrauerei, der Herr Niederpaur als Direktor vorstand, einen
hübschen Gewinn erzielte, und daß, im Verein mit Tonys 17000
Kuranttalern, Herrn Permaneders Anteil für ein gutbürgerliches
Zusammenleben ohne Luxus ausreichen würde. Die Konsulin war
unterrichtet darüber, und in einem ausführlichen Gespräche zwischen ihr,
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Herrn Permaneder, Antonie und Thomas, welches gleich am Abend des
Verlobungstages im Landschaftszimmer stattfand, wurden ohne Hindernis
alle Fragen geregelt: auch in betreff der kleinen Erika, welche auf Tonys
Wunsch und mit dem gerührten Einverständnis ihres Verlobten ebenfalls
nach München übersiedeln sollte.
Verlobungstages im Landschaftszimmer stattfand, wurden ohne Hindernis
alle Fragen geregelt: auch in betreff der kleinen Erika, welche auf Tonys
Wunsch und mit dem gerührten Einverständnis ihres Verlobten ebenfalls
nach München übersiedeln sollte.
Page 337
Zwei Tage später reiste der Hopfenhändler ab – »weil der Noppe sonst
schimpfen tät'« –, aber schon im Monat Juli traf Frau Grünlich wiederum in
seiner Vaterstadt mit ihm zusammen: gemeinsam mit Tom und Gerda, die
sie für vier oder fünf Wochen nach Bad Kreuth begleitete, während die
Konsulin mit Erika und der Jungmann an der Ostsee verblieb. Übrigens
hatten die beiden Paare in München bereits Gelegenheit, das Haus zu
besichtigen, das Herr Permaneder in der Kaufinger Straße – ganz in der
Nähe also der Niederpaurs – anzukaufen im Begriffe war, und dessen
größten Teil er zu vermieten gedachte; ein ganz merkwürdiges, altes Haus,
mit einer schmalen Treppe, die gleich hinter der Haustür schnurgerade und
ohne Absatz und Biegung wie eine Himmelsleiter in den ersten Stock
hinanführte, woselbst man erst nach beiden Seiten über den Korridor
zurückschreitend zu den nach vorn gelegenen Zimmern gelangte …
Mitte August kehrte Tony nach Hause zurück, um sich während der
nächsten Wochen der Sorge für ihre Aussteuer zu widmen. Vieles zwar war
noch aus der Zeit ihrer ersten Ehe vorhanden, aber es mußte durch
Neuankäufe ergänzt werden, und eines Tages langte aus Hamburg, woher
manches bezogen ward, sogar ein Schlafrock an … nicht mit Sammet
freilich, sondern diesmal nur mit Tuchschleifen garniert.
Zu vorgeschrittener Herbstzeit traf Herr Permaneder wieder in der
Mengstraße ein; man wollte die Sache nicht länger verzögern …
Was die Hochzeitsfeierlichkeiten anging, so verliefen sie genau, wie
Tony es erwartet und nicht anders gewünscht hatte: Es wurde nicht viel
Aufhebens davon gemacht. »Lassen wir den Pomp«, sagte der Konsul; »du
bist wieder verheiratet, und es ist ganz einfach, als hättest du niemals
aufgehört, es zu sein.« Nur wenige Verlobungskarten waren versandt
worden – daß aber Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, eine
erhalten hatte, dafür hatte Madame Grünlich gesorgt –, von einer
Hochzeitsreise ward abgesehen, weil Herr Permaneder »so a Hetz'«
verabscheute und Tony, vor kurzem vom Sommeraufenthalt zurückgekehrt,
schon die Reise nach München zu weit fand, und die Trauung, die diesmal
nicht die Säulenhalle, sondern die Marienkirche zum Schauplatze hatte,
fand in engem Familienkreise statt. Tony trug mit Würde die Orangeblüten
statt der Myrten, und Hauptpastor Kölling predigte mit etwas schwächerer
schimpfen tät'« –, aber schon im Monat Juli traf Frau Grünlich wiederum in
seiner Vaterstadt mit ihm zusammen: gemeinsam mit Tom und Gerda, die
sie für vier oder fünf Wochen nach Bad Kreuth begleitete, während die
Konsulin mit Erika und der Jungmann an der Ostsee verblieb. Übrigens
hatten die beiden Paare in München bereits Gelegenheit, das Haus zu
besichtigen, das Herr Permaneder in der Kaufinger Straße – ganz in der
Nähe also der Niederpaurs – anzukaufen im Begriffe war, und dessen
größten Teil er zu vermieten gedachte; ein ganz merkwürdiges, altes Haus,
mit einer schmalen Treppe, die gleich hinter der Haustür schnurgerade und
ohne Absatz und Biegung wie eine Himmelsleiter in den ersten Stock
hinanführte, woselbst man erst nach beiden Seiten über den Korridor
zurückschreitend zu den nach vorn gelegenen Zimmern gelangte …
Mitte August kehrte Tony nach Hause zurück, um sich während der
nächsten Wochen der Sorge für ihre Aussteuer zu widmen. Vieles zwar war
noch aus der Zeit ihrer ersten Ehe vorhanden, aber es mußte durch
Neuankäufe ergänzt werden, und eines Tages langte aus Hamburg, woher
manches bezogen ward, sogar ein Schlafrock an … nicht mit Sammet
freilich, sondern diesmal nur mit Tuchschleifen garniert.
Zu vorgeschrittener Herbstzeit traf Herr Permaneder wieder in der
Mengstraße ein; man wollte die Sache nicht länger verzögern …
Was die Hochzeitsfeierlichkeiten anging, so verliefen sie genau, wie
Tony es erwartet und nicht anders gewünscht hatte: Es wurde nicht viel
Aufhebens davon gemacht. »Lassen wir den Pomp«, sagte der Konsul; »du
bist wieder verheiratet, und es ist ganz einfach, als hättest du niemals
aufgehört, es zu sein.« Nur wenige Verlobungskarten waren versandt
worden – daß aber Julchen Möllendorpf, geborene Hagenström, eine
erhalten hatte, dafür hatte Madame Grünlich gesorgt –, von einer
Hochzeitsreise ward abgesehen, weil Herr Permaneder »so a Hetz'«
verabscheute und Tony, vor kurzem vom Sommeraufenthalt zurückgekehrt,
schon die Reise nach München zu weit fand, und die Trauung, die diesmal
nicht die Säulenhalle, sondern die Marienkirche zum Schauplatze hatte,
fand in engem Familienkreise statt. Tony trug mit Würde die Orangeblüten
statt der Myrten, und Hauptpastor Kölling predigte mit etwas schwächerer
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Stimme als ehemals, aber noch immer in starken Ausdrücken über
M ä ß i g k e i t.
Christian kam von Hamburg, sehr elegant gekleidet und ein wenig
angegriffen, aber lustig aussehend, erzählte, daß sein Geschäft mit
Burmeester »tip-top« sei, erklärte, daß Klothilde und er sich wohl erst »da
oben« verheiraten würden – »das heißt: Jeder für sich!…« und kam viel zu
spät zur Kirche, weil er dem Klub einen Besuch abgestattet hatte. Onkel
Justus war sehr gerührt und zeigte sich so kulant wie stets, indem er den
Neuvermählten einen außerordentlich schönen, schwersilbernen
Tafelaufsatz verehrte … Er und seine Frau hungerten zu Hause beinahe,
denn die schwache Mutter bezahlte dem längst enterbten und verstoßenen
Jakob, der sich, wie verlautete, augenblicklich in Paris aufhielt, nach wie
vor von ihrem Wirtschaftsgelde die Schulden. – Die Damen Buddenbrook
aus der Breitenstraße bemerkten: »Nun, hoffentlich hält es diesmal.« Wobei
das Unangenehme der allgemeine Zweifel war, ob sie dies wirklich hofften
… Sesemi Weichbrodt jedoch erhob sich auf die Zehenspitzen, küßte ihren
Zögling, die nunmehrige Frau Permaneder, mit leicht knallendem Geräusch
auf die Stirn und sagte mit ihren herzlichsten Vokalen: »Sei glöcklich, du
g u t e s Kend!«
Siebentes Kapitel
Gleich morgens um acht Uhr, sobald er das Bett verlassen hatte, über
die Wendeltreppe hinter der kleinen Pforte ins Souterrain hinabgestiegen
war, ein Bad genommen und seinen Schlafrock wieder angelegt hatte,
begann Konsul Buddenbrook sich mit öffentlichen Dingen zu beschäftigen.
Dann nämlich erschien, mit seinen roten Händen und seinem intelligenten
Gesicht, mit einem Topfe warmen Wassers, den er sich aus der Küche
geholt, und den übrigen Utensilien, Herr Wenzel, Barbier und Mitglied der
Bürgerschaft, in der Badestube, und während der Konsul sich,
zurückgebeugten Hauptes, in einem großen Lehnstuhle niederließ und Herr
Wenzel Schaum zu schlagen begann, entspann sich fast immer ein
Gespräch, das, mit Nachtruhe und Witterung beginnend, alsbald zu
Ereignissen in der großen Welt überging, sich hierauf mit intim städtischen
Angelegenheiten beschäftigte und mit ganz eng geschäftlichen und
M ä ß i g k e i t.
Christian kam von Hamburg, sehr elegant gekleidet und ein wenig
angegriffen, aber lustig aussehend, erzählte, daß sein Geschäft mit
Burmeester »tip-top« sei, erklärte, daß Klothilde und er sich wohl erst »da
oben« verheiraten würden – »das heißt: Jeder für sich!…« und kam viel zu
spät zur Kirche, weil er dem Klub einen Besuch abgestattet hatte. Onkel
Justus war sehr gerührt und zeigte sich so kulant wie stets, indem er den
Neuvermählten einen außerordentlich schönen, schwersilbernen
Tafelaufsatz verehrte … Er und seine Frau hungerten zu Hause beinahe,
denn die schwache Mutter bezahlte dem längst enterbten und verstoßenen
Jakob, der sich, wie verlautete, augenblicklich in Paris aufhielt, nach wie
vor von ihrem Wirtschaftsgelde die Schulden. – Die Damen Buddenbrook
aus der Breitenstraße bemerkten: »Nun, hoffentlich hält es diesmal.« Wobei
das Unangenehme der allgemeine Zweifel war, ob sie dies wirklich hofften
… Sesemi Weichbrodt jedoch erhob sich auf die Zehenspitzen, küßte ihren
Zögling, die nunmehrige Frau Permaneder, mit leicht knallendem Geräusch
auf die Stirn und sagte mit ihren herzlichsten Vokalen: »Sei glöcklich, du
g u t e s Kend!«
Siebentes Kapitel
Gleich morgens um acht Uhr, sobald er das Bett verlassen hatte, über
die Wendeltreppe hinter der kleinen Pforte ins Souterrain hinabgestiegen
war, ein Bad genommen und seinen Schlafrock wieder angelegt hatte,
begann Konsul Buddenbrook sich mit öffentlichen Dingen zu beschäftigen.
Dann nämlich erschien, mit seinen roten Händen und seinem intelligenten
Gesicht, mit einem Topfe warmen Wassers, den er sich aus der Küche
geholt, und den übrigen Utensilien, Herr Wenzel, Barbier und Mitglied der
Bürgerschaft, in der Badestube, und während der Konsul sich,
zurückgebeugten Hauptes, in einem großen Lehnstuhle niederließ und Herr
Wenzel Schaum zu schlagen begann, entspann sich fast immer ein
Gespräch, das, mit Nachtruhe und Witterung beginnend, alsbald zu
Ereignissen in der großen Welt überging, sich hierauf mit intim städtischen
Angelegenheiten beschäftigte und mit ganz eng geschäftlichen und
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familiären Gegenständen zu schließen pflegte … Dies alles zog die
Prozedur sehr in die Länge, denn immer, wenn der Konsul sprach, mußte
Herr Wenzel das Messer von seinem Gesicht entfernen.
»Wohl geruht, Herr Konsul?«
»Danke, Wenzel. Gutes Wetter heute?«
»Frost und ein bißchen Schneenebel, Herr Konsul. Vor der Jacobikirche
haben die Jungens schon wieder 'ne Schleisterbahn, zehn Meter lang, daß
ich beinah' hingeschlagen wär', als ich vom Bürgermeister kam. Hol' sie der
Düwel …«
»Schon Zeitungen gesehen?«
»Die Anzeigen und die Hamburger Nachrichten, ja. Nichts als
Orsinibomben … Schauderhaft. Auf dem Weg in die Oper … Eine nette
Gesellschaft da drüben …«
»Na, es hat nichts zu bedeuten, denke ich. Mit dem Volke hat das nichts
zu tun, und der Effekt ist nun bloß, daß die Polizei und der Druck auf die
Presse und all das verdoppelt wird. Er ist auf seiner Hut … Ja, es ist eine
ewige Unruhe, das muß wahr sein, denn er ist immer auf Unternehmungen
angewiesen, um sich zu halten. Aber meinen Respekt hat er – ganz einerlei.
Mit d e n Traditionen kann man wenigstens kein Dujack sein, wie Mamsell
Jungmann sagt, und das mit der Bäckereikasse und den billigen Brotpreisen
zum Beispiel hat mir wahrhaftig imponiert. Er tut ohne Zweifel eine Menge
fürs Volk …«
»Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.«
»Stephan? Wir sprachen gestern darüber.«
»Und mit Friedrich Wilhelm von Preußen, das steht schlimm, Herr
Konsul, das wird nichts mehr. Man sagt schon, daß der Prinz endgültig
Regent werden soll …«
»Oh, darauf muß man gespannt sein. Er hat sich schon jetzt als ein
liberaler Kopf gezeigt, dieser Wilhelm, und steht sicher der Konstitution
nicht mit dem geheimen Ekel seines Bruders gegenüber … Es ist doch am
Prozedur sehr in die Länge, denn immer, wenn der Konsul sprach, mußte
Herr Wenzel das Messer von seinem Gesicht entfernen.
»Wohl geruht, Herr Konsul?«
»Danke, Wenzel. Gutes Wetter heute?«
»Frost und ein bißchen Schneenebel, Herr Konsul. Vor der Jacobikirche
haben die Jungens schon wieder 'ne Schleisterbahn, zehn Meter lang, daß
ich beinah' hingeschlagen wär', als ich vom Bürgermeister kam. Hol' sie der
Düwel …«
»Schon Zeitungen gesehen?«
»Die Anzeigen und die Hamburger Nachrichten, ja. Nichts als
Orsinibomben … Schauderhaft. Auf dem Weg in die Oper … Eine nette
Gesellschaft da drüben …«
»Na, es hat nichts zu bedeuten, denke ich. Mit dem Volke hat das nichts
zu tun, und der Effekt ist nun bloß, daß die Polizei und der Druck auf die
Presse und all das verdoppelt wird. Er ist auf seiner Hut … Ja, es ist eine
ewige Unruhe, das muß wahr sein, denn er ist immer auf Unternehmungen
angewiesen, um sich zu halten. Aber meinen Respekt hat er – ganz einerlei.
Mit d e n Traditionen kann man wenigstens kein Dujack sein, wie Mamsell
Jungmann sagt, und das mit der Bäckereikasse und den billigen Brotpreisen
zum Beispiel hat mir wahrhaftig imponiert. Er tut ohne Zweifel eine Menge
fürs Volk …«
»Ja, das sagte Herr Kistenmaker vorhin auch schon.«
»Stephan? Wir sprachen gestern darüber.«
»Und mit Friedrich Wilhelm von Preußen, das steht schlimm, Herr
Konsul, das wird nichts mehr. Man sagt schon, daß der Prinz endgültig
Regent werden soll …«
»Oh, darauf muß man gespannt sein. Er hat sich schon jetzt als ein
liberaler Kopf gezeigt, dieser Wilhelm, und steht sicher der Konstitution
nicht mit dem geheimen Ekel seines Bruders gegenüber … Es ist doch am
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Ende nur der Gram, der ihn aufreibt, den armen Mann … Was Neues aus
Kopenhagen?«
»Gar nichts, Herr Konsul. Sie wollen nicht. Da hat der Bund gut
erklären, daß die Gesamtverfassung für Holstein und Lauenburg
rechtswidrig ist … Sie sind da oben ganz einfach nicht dafür zu haben, sie
aufzuheben …«
»Ja, es ist ganz unerhört, Wenzel. Sie fordern den Bundestag ja zur
Exekution heraus, und wenn er ein bißchen alerter wäre … Ach ja, diese
Dänen! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mich schon als ganz kleiner
Junge beständig über einen Gesangvers ärgerte, der anfing: ›Gib mir, gib
allen denen, die sich von Herzen sehnen …‹ wobei ich ›denen‹ im Geiste
immer mit ›ä‹ schrieb und nicht begriff, daß der Herrgott auch den Dänen
irgend etwas geben sollte …«
»Sehen Sie sich mit der spröden Stelle vor, Wenzel, Sie lachen … Nun,
und jetzt wieder mit unserer direkten Hamburger Eisenbahn! Das hat schon
diplomatische Kämpfe gekostet und wird noch welche kosten, bis sie in
Kopenhagen die Konzession geben …«
»Ja, Herr Konsul, und das Dumme ist, daß die Altona-Kieler
Eisenbahngesellschaft und genau besehen ganz Holstein dagegen ist; das
sagte Bürgermeister Doktor Överdieck vorhin auch schon. Sie haben eine
verfluchte Angst für den Aufschwung von Kiel …«
»Versteht sich, Wenzel. Solche neue Verbindung zwischen Ost- und
Nordsee … Und Sie sollen sehn, die Altona-Kieler wird nicht aufhören, zu
intriguieren. Sie sind imstande, eine Konkurrenzbahn zu bauen:
Ostholsteinisch, Neumünster-Neustadt, ja, das ist nicht ausgeschlossen.
Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, und direkte Fahrt nach
Hamburg müssen wir haben.«
»Herr Konsul nehmen sich der Sache warm an.«
»Tja … soweit das in meinen Kräften steht, und soweit mein bißchen
Einfluß reicht … Ich interessiere mich für unsere Eisenbahnpolitik, und das
ist Tradition bei uns, denn mein Vater hat schon seit 51 dem Vorstand der
Büchener Bahn angehört, und daran liegt es denn auch wohl, daß ich mit
Kopenhagen?«
»Gar nichts, Herr Konsul. Sie wollen nicht. Da hat der Bund gut
erklären, daß die Gesamtverfassung für Holstein und Lauenburg
rechtswidrig ist … Sie sind da oben ganz einfach nicht dafür zu haben, sie
aufzuheben …«
»Ja, es ist ganz unerhört, Wenzel. Sie fordern den Bundestag ja zur
Exekution heraus, und wenn er ein bißchen alerter wäre … Ach ja, diese
Dänen! Ich erinnere mich lebhaft, wie ich mich schon als ganz kleiner
Junge beständig über einen Gesangvers ärgerte, der anfing: ›Gib mir, gib
allen denen, die sich von Herzen sehnen …‹ wobei ich ›denen‹ im Geiste
immer mit ›ä‹ schrieb und nicht begriff, daß der Herrgott auch den Dänen
irgend etwas geben sollte …«
»Sehen Sie sich mit der spröden Stelle vor, Wenzel, Sie lachen … Nun,
und jetzt wieder mit unserer direkten Hamburger Eisenbahn! Das hat schon
diplomatische Kämpfe gekostet und wird noch welche kosten, bis sie in
Kopenhagen die Konzession geben …«
»Ja, Herr Konsul, und das Dumme ist, daß die Altona-Kieler
Eisenbahngesellschaft und genau besehen ganz Holstein dagegen ist; das
sagte Bürgermeister Doktor Överdieck vorhin auch schon. Sie haben eine
verfluchte Angst für den Aufschwung von Kiel …«
»Versteht sich, Wenzel. Solche neue Verbindung zwischen Ost- und
Nordsee … Und Sie sollen sehn, die Altona-Kieler wird nicht aufhören, zu
intriguieren. Sie sind imstande, eine Konkurrenzbahn zu bauen:
Ostholsteinisch, Neumünster-Neustadt, ja, das ist nicht ausgeschlossen.
Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen, und direkte Fahrt nach
Hamburg müssen wir haben.«
»Herr Konsul nehmen sich der Sache warm an.«
»Tja … soweit das in meinen Kräften steht, und soweit mein bißchen
Einfluß reicht … Ich interessiere mich für unsere Eisenbahnpolitik, und das
ist Tradition bei uns, denn mein Vater hat schon seit 51 dem Vorstand der
Büchener Bahn angehört, und daran liegt es denn auch wohl, daß ich mit
Page 341
meinen zweiunddreißig Jahren hineingewählt bin; meine Verdienste sind ja
noch nicht beträchtlich …«
»Oh, Herr Konsul; nach Herrn Konsuls Rede damals in der
Bürgerschaft …«
»Ja, damit habe ich wohl etwas Eindruck gemacht, und der gute Wille
ist jedenfalls vorhanden. Ich kann nur dankbar sein, wissen Sie, daß mein
Vater, Großvater und Urgroßvater mir die Wege geebnet haben, und daß viel
von dem Vertrauen und dem Ansehen, das sie sich in der Stadt erworben
haben, ohne weiteres auf mich übertragen wird, denn sonst könnte ich mich
gar nicht so regen … Was hat zum Beispiel nach 48 und zu Anfang dieses
Jahrzehnts mein Vater nicht alles für die Reformation unseres Postwesens
getan! Denken Sie mal, Wenzel, wie er in der Bürgerschaft gemahnt hat, die
Hamburger Diligencen mit der Post zu vereinigen, und wie er anno 50
beim Senate, der damals ganz unverantwortlich langsam war, mit immer
neuen Anträgen zum Anschluß an den deutsch-österreichischen Postverein
getrieben hat … Wenn wir jetzt einen niedrigen Portosatz für Briefe haben
und die Kreuzbandsendungen und die Freimarken und Briefkasten und die
telegraphischen Verbindungen mit Berlin und Travemünde, er ist nicht der
Letzte, dem wir dafür zu danken haben, und wenn er und ein paar andere
Leute den Senat nicht immer wieder gedrängt hätten, so wären wir wohl
ewig hinter der dänischen und der Thurn- und Taxischen Post
zurückgeblieben. Nun, und wenn ich jetzt in solchen Sachen meine
Meinung sage, so hört man darauf …«
»Das weiß Gott, Herr Konsul, da sagen Herr Konsul ein wahres Wort.
Und was die Hamburger Bahn betrifft: Das ist keine drei Tage her, daß
Bürgermeister Doktor Överdieck zu mir gesagt hat: ›Wenn wir erst so weit
sind, daß wir in Hamburg ein geeignetes Terrain für den Bahnhof ankaufen
können, dann schicken wir Konsul Buddenbrook mit; Konsul Buddenbrook
ist bei solchen Verhandlungen besser zu gebrauchen als mancher Jurist‹ …
Das waren seine Worte …«
»Na, das ist mir sehr schmeichelhaft, Wenzel. Aber geben Sie da überm
Kinn noch ein bißchen Schaum; das muß da noch sauberer werden.«
»Ja, kurz und gut, wir müssen uns regen! Nichts gegen Överdieck, aber
er ist eben bei Jahren, und wenn ich Bürgermeister wäre, so ginge alles ein
noch nicht beträchtlich …«
»Oh, Herr Konsul; nach Herrn Konsuls Rede damals in der
Bürgerschaft …«
»Ja, damit habe ich wohl etwas Eindruck gemacht, und der gute Wille
ist jedenfalls vorhanden. Ich kann nur dankbar sein, wissen Sie, daß mein
Vater, Großvater und Urgroßvater mir die Wege geebnet haben, und daß viel
von dem Vertrauen und dem Ansehen, das sie sich in der Stadt erworben
haben, ohne weiteres auf mich übertragen wird, denn sonst könnte ich mich
gar nicht so regen … Was hat zum Beispiel nach 48 und zu Anfang dieses
Jahrzehnts mein Vater nicht alles für die Reformation unseres Postwesens
getan! Denken Sie mal, Wenzel, wie er in der Bürgerschaft gemahnt hat, die
Hamburger Diligencen mit der Post zu vereinigen, und wie er anno 50
beim Senate, der damals ganz unverantwortlich langsam war, mit immer
neuen Anträgen zum Anschluß an den deutsch-österreichischen Postverein
getrieben hat … Wenn wir jetzt einen niedrigen Portosatz für Briefe haben
und die Kreuzbandsendungen und die Freimarken und Briefkasten und die
telegraphischen Verbindungen mit Berlin und Travemünde, er ist nicht der
Letzte, dem wir dafür zu danken haben, und wenn er und ein paar andere
Leute den Senat nicht immer wieder gedrängt hätten, so wären wir wohl
ewig hinter der dänischen und der Thurn- und Taxischen Post
zurückgeblieben. Nun, und wenn ich jetzt in solchen Sachen meine
Meinung sage, so hört man darauf …«
»Das weiß Gott, Herr Konsul, da sagen Herr Konsul ein wahres Wort.
Und was die Hamburger Bahn betrifft: Das ist keine drei Tage her, daß
Bürgermeister Doktor Överdieck zu mir gesagt hat: ›Wenn wir erst so weit
sind, daß wir in Hamburg ein geeignetes Terrain für den Bahnhof ankaufen
können, dann schicken wir Konsul Buddenbrook mit; Konsul Buddenbrook
ist bei solchen Verhandlungen besser zu gebrauchen als mancher Jurist‹ …
Das waren seine Worte …«
»Na, das ist mir sehr schmeichelhaft, Wenzel. Aber geben Sie da überm
Kinn noch ein bißchen Schaum; das muß da noch sauberer werden.«
»Ja, kurz und gut, wir müssen uns regen! Nichts gegen Överdieck, aber
er ist eben bei Jahren, und wenn ich Bürgermeister wäre, so ginge alles ein
Page 342
wenig schneller, meine ich. Ich kann nicht sagen, welche Genugtuung ich
empfinde, daß nun die Arbeiten für die Gasbeleuchtung begonnen haben
und endlich die fatalen Öllampen mit ihren Ketten verschwinden; ich darf
mir gestehen, daß ich auch nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolge bin …
Ach, was gibt es nicht noch alles zu tun! Denn, Wenzel, die Zeiten ändern
sich, und wir haben eine Menge von Verpflichtungen gegen die neue Zeit.
Wenn ich an meine erste Jugend denke … Sie wissen besser, als ich, wie es
damals bei uns aussah. Die Straßen ohne Trottoirs und zwischen den
Pflastersteinen fußhoher Graswuchs und die Häuser mit Vorbauten und
Beischlägen und Bänken … Und unsere Bauten aus dem Mittelalter waren
durch Anbauten verhäßlicht und bröckelten nur so herunter, denn die
einzelnen Leute hatten wohl Geld, und niemand hungerte; aber der Staat
hatte gar nichts, und alles wurstelte so weiter, wie mein Schwager
Permaneder sagt, und an Reparaturen war nicht zu denken. Das waren ganz
behäbige und glückliche Generationen damals, und der Intimus meines
Großvaters, wissen Sie, der gute Jean Jacques Hoffstede, spazierte umher
und übersetzte kleine unanständige Gedichte aus dem Französischen …
aber beständig so weiter konnte es nicht gehen; es hat sich vieles geändert
und wird sich noch immer mehr ändern müssen … Wir haben nicht mehr
37000 Einwohner, sondern schon über 50, wie Sie wissen, und der
Charakter der Stadt ändert sich. Da haben wir Neubauten, und die
Vorstädte, die sich ausdehnen, und gute Straßen und können die Denkmäler
aus unserer großen Zeit restaurieren. Aber das ist am Ende bloß äußerlich.
Das meiste vom Wichtigsten steht noch aus, mein lieber Wenzel; und nun
bin ich wieder bei dem ceterum censeo meines seligen Vaters angelangt:
der Zollverein, Wenzel, wir müssen in den Zollverein, das sollte gar keine
Frage mehr sein, und Sie müssen mir alle helfen, wenn ich dafür kämpfe …
Als Kaufmann, glauben Sie mir, weiß ich da besser Bescheid als unsere
Diplomaten, und die Angst, an Selbständigkeit und Freiheit einzubüßen, ist
lächerlich in diesem Falle. Das Inland, die Mecklenburg und Schleswig-
Holstein, würde sich uns erschließen, und das ist um so wünschenswerter,
als wir den Verkehr mit dem Norden nicht mehr so vollständig beherrschen
wie früher … genug … bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul,
und wenn dann noch über den augenblicklichen Kurs des Roggens ein Wort
gesagt worden war, der auf 55 Taler stehe und noch immer verflucht zum
Fallen inkliniere, wenn vielleicht noch eine Bemerkung über irgendein
Familienereignis in der Stadt gefallen war, so verschwand Herr Wenzel
empfinde, daß nun die Arbeiten für die Gasbeleuchtung begonnen haben
und endlich die fatalen Öllampen mit ihren Ketten verschwinden; ich darf
mir gestehen, daß ich auch nicht ganz unbeteiligt an diesem Erfolge bin …
Ach, was gibt es nicht noch alles zu tun! Denn, Wenzel, die Zeiten ändern
sich, und wir haben eine Menge von Verpflichtungen gegen die neue Zeit.
Wenn ich an meine erste Jugend denke … Sie wissen besser, als ich, wie es
damals bei uns aussah. Die Straßen ohne Trottoirs und zwischen den
Pflastersteinen fußhoher Graswuchs und die Häuser mit Vorbauten und
Beischlägen und Bänken … Und unsere Bauten aus dem Mittelalter waren
durch Anbauten verhäßlicht und bröckelten nur so herunter, denn die
einzelnen Leute hatten wohl Geld, und niemand hungerte; aber der Staat
hatte gar nichts, und alles wurstelte so weiter, wie mein Schwager
Permaneder sagt, und an Reparaturen war nicht zu denken. Das waren ganz
behäbige und glückliche Generationen damals, und der Intimus meines
Großvaters, wissen Sie, der gute Jean Jacques Hoffstede, spazierte umher
und übersetzte kleine unanständige Gedichte aus dem Französischen …
aber beständig so weiter konnte es nicht gehen; es hat sich vieles geändert
und wird sich noch immer mehr ändern müssen … Wir haben nicht mehr
37000 Einwohner, sondern schon über 50, wie Sie wissen, und der
Charakter der Stadt ändert sich. Da haben wir Neubauten, und die
Vorstädte, die sich ausdehnen, und gute Straßen und können die Denkmäler
aus unserer großen Zeit restaurieren. Aber das ist am Ende bloß äußerlich.
Das meiste vom Wichtigsten steht noch aus, mein lieber Wenzel; und nun
bin ich wieder bei dem ceterum censeo meines seligen Vaters angelangt:
der Zollverein, Wenzel, wir müssen in den Zollverein, das sollte gar keine
Frage mehr sein, und Sie müssen mir alle helfen, wenn ich dafür kämpfe …
Als Kaufmann, glauben Sie mir, weiß ich da besser Bescheid als unsere
Diplomaten, und die Angst, an Selbständigkeit und Freiheit einzubüßen, ist
lächerlich in diesem Falle. Das Inland, die Mecklenburg und Schleswig-
Holstein, würde sich uns erschließen, und das ist um so wünschenswerter,
als wir den Verkehr mit dem Norden nicht mehr so vollständig beherrschen
wie früher … genug … bitte, das Handtuch, Wenzel«, schloß der Konsul,
und wenn dann noch über den augenblicklichen Kurs des Roggens ein Wort
gesagt worden war, der auf 55 Taler stehe und noch immer verflucht zum
Fallen inkliniere, wenn vielleicht noch eine Bemerkung über irgendein
Familienereignis in der Stadt gefallen war, so verschwand Herr Wenzel
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durch das Souterrain, um auf der Straße sein blankes Schaumgefäß aufs
Pflaster zu entleeren, und der Konsul stieg über die Wendeltreppe ins
Schlafzimmer hinauf, wo er Gerda, die unterdessen erwacht war, auf die
Stirn küßte und sich ankleidete.
Diese kleinen Morgengespräche mit dem aufgeweckten Barbier bildeten
die Einleitung zu den lebhaftesten und tätigsten Tagen, über und über
ausgefüllt mit Denken, Reden, Handeln, Schreiben, Berechnen, Hin- und
Widergehen … Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen
war Thomas Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten
bürgerlich beschränkte Kopf, und sicherlich war er der erste, die Enge und
Kleinheit der Verhältnisse zu empfinden, in denen er sich bewegte. Aber
draußen in seinem weiteren Vaterlande war auf den Aufschwung des
öffentlichen Lebens, den die Revolutionsjahre gebracht hatten, eine Periode
der Erschlaffung, des Stillstandes und der Umkehr gefolgt, zu öde, um
einen lebendigen Sinn zu beschäftigen, und so besaß er denn Geist genug,
um den Spruch von der bloß symbolischen Bedeutung alles menschlichen
Tuns zu seiner Lieblingswahrheit zu machen und alles, was an Wollen,
Können, Enthusiasmus und aktivem Schwung sein eigen war, in den Dienst
des kleinen Gemeinwesens zu stellen, in dessen Bezirk sein Name zu den
ersten gehörte – sowie in den Dienst dieses Namens und des
Firmenschildes, das er ererbt … Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im kleinen
zu Größe und Macht zu bringen, gleichzeitig zu belächeln und ernst zu
nehmen.
Kaum hatte er, von Anton bedient, im Speisezimmer das Frühstück
genommen, so machte er Straßentoilette und begab sich in sein Kontor an
der Mengstraße. Er verweilte dort nicht viel länger als eine Stunde. Er
schrieb zwei oder drei dringende Briefe und Telegramme, erteilte diese oder
jene Weisung, gab gleichsam dem großen Triebrade des Geschäftes einen
kleinen Stoß und überließ dann die Überwachung des Fortganges dem
bedächtigen Seitenblick des Herrn Marcus.
Er zeigte sich und sprach in Sitzungen und Versammlungen, verweilte
an der Börse unter den gotischen Arkaden am Marktplatz, tat
Inspektionsgänge an den Hafen, in die Speicher, verhandelte als Reeder mit
Kapitänen … und es folgten, unterbrochen nur durch ein flüchtiges
Frühstück mit der alten Konsulin und das Mittagessen mit Gerda, nach
Pflaster zu entleeren, und der Konsul stieg über die Wendeltreppe ins
Schlafzimmer hinauf, wo er Gerda, die unterdessen erwacht war, auf die
Stirn küßte und sich ankleidete.
Diese kleinen Morgengespräche mit dem aufgeweckten Barbier bildeten
die Einleitung zu den lebhaftesten und tätigsten Tagen, über und über
ausgefüllt mit Denken, Reden, Handeln, Schreiben, Berechnen, Hin- und
Widergehen … Dank seinen Reisen, seinen Kenntnissen, seinen Interessen
war Thomas Buddenbrook in seiner Umgebung der am wenigsten
bürgerlich beschränkte Kopf, und sicherlich war er der erste, die Enge und
Kleinheit der Verhältnisse zu empfinden, in denen er sich bewegte. Aber
draußen in seinem weiteren Vaterlande war auf den Aufschwung des
öffentlichen Lebens, den die Revolutionsjahre gebracht hatten, eine Periode
der Erschlaffung, des Stillstandes und der Umkehr gefolgt, zu öde, um
einen lebendigen Sinn zu beschäftigen, und so besaß er denn Geist genug,
um den Spruch von der bloß symbolischen Bedeutung alles menschlichen
Tuns zu seiner Lieblingswahrheit zu machen und alles, was an Wollen,
Können, Enthusiasmus und aktivem Schwung sein eigen war, in den Dienst
des kleinen Gemeinwesens zu stellen, in dessen Bezirk sein Name zu den
ersten gehörte – sowie in den Dienst dieses Namens und des
Firmenschildes, das er ererbt … Geist genug, seinen Ehrgeiz, es im kleinen
zu Größe und Macht zu bringen, gleichzeitig zu belächeln und ernst zu
nehmen.
Kaum hatte er, von Anton bedient, im Speisezimmer das Frühstück
genommen, so machte er Straßentoilette und begab sich in sein Kontor an
der Mengstraße. Er verweilte dort nicht viel länger als eine Stunde. Er
schrieb zwei oder drei dringende Briefe und Telegramme, erteilte diese oder
jene Weisung, gab gleichsam dem großen Triebrade des Geschäftes einen
kleinen Stoß und überließ dann die Überwachung des Fortganges dem
bedächtigen Seitenblick des Herrn Marcus.
Er zeigte sich und sprach in Sitzungen und Versammlungen, verweilte
an der Börse unter den gotischen Arkaden am Marktplatz, tat
Inspektionsgänge an den Hafen, in die Speicher, verhandelte als Reeder mit
Kapitänen … und es folgten, unterbrochen nur durch ein flüchtiges
Frühstück mit der alten Konsulin und das Mittagessen mit Gerda, nach
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welchem er eine halbe Stunde auf dem Diwan mit einer Zigarre und der
Zeitung verbrachte, bis in den Abend hinein eine Menge von Arbeiten:
handelte es sich nun um sein eigenes Geschäft oder um Zoll, Steuer, Bau,
Eisenbahn, Post, Armenpflege; auch in Gebiete, die ihm eigentlich
fernlagen und in der Regel den »Gelehrten« zustanden, verschaffte er sich
Einsicht, und besonders in Finanzangelegenheiten bewies er rasch eine
glänzende Begabung …
Er hütete sich, das gesellige Leben zu vernachlässigen. Zwar ließ in
dieser Beziehung seine Pünktlichkeit zu wünschen übrig, und beständig erst
in der letzten Sekunde, wenn seine Gattin, in großer Toilette, und der
Wagen unten schon eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien er mit
einem »Pardon, Gerda; Geschäfte …« um sich hastig in den Frack zu
werfen. Aber an Ort und Stelle, bei Diners, Bällen und Abendgesellschaften
verstand er es doch, ein lebhaftes Interesse an den Tag zu legen, sich als
liebenswürdigen Causeur zu zeigen … und er und seine Gattin standen den
anderen reichen Häusern an Repräsentation nicht nach; seine Küche, sein
Keller galten für »tip-top«, er war als verbindlicher, aufmerksamer und
umsichtiger Gastgeber geschätzt, und der Witz seiner Toaste erhob sich
über das Durchschnittsniveau. Stille Abende aber verbrachte er in Gerdas
Gesellschaft, indem er rauchend ihrem Geigenspiel lauschte oder ein Buch
mit ihr las, deutsche, französische und russische Erzählungen, die sie
auswählte …
So arbeitete er und zwang den Erfolg, denn sein Ansehen wuchs in der
Stadt, und trotz der Kapitalsentziehungen durch Christians Etablierung und
Tonys zweite Heirat hatte die Firma vortreffliche Jahre. Bei alledem aber
gab es manches, was für Stunden seinen Mut lähmte, die Elastizität seines
Geistes beeinträchtigte, seine Stimmung trübte.
Da war Christian in Hamburg, dessen Sozius, Herr Burmeester, im
Frühling dieses Jahres 58 ganz plötzlich einem Schlaganfalle erlag. Seine
Erben entzogen der Firma das Kapital des Verstorbenen, und der Konsul
widerriet es seinem Bruder dringend, sie mit seinen eigenen Mitteln
fortzuführen, denn er wisse wohl, wie schwer es sei, ein größer
zugeschnittenes Geschäft mit plötzlich stark vermindertem Kapital zu
halten. Aber Christian drang auf die Fortdauer seiner Selbständigkeit, er
Zeitung verbrachte, bis in den Abend hinein eine Menge von Arbeiten:
handelte es sich nun um sein eigenes Geschäft oder um Zoll, Steuer, Bau,
Eisenbahn, Post, Armenpflege; auch in Gebiete, die ihm eigentlich
fernlagen und in der Regel den »Gelehrten« zustanden, verschaffte er sich
Einsicht, und besonders in Finanzangelegenheiten bewies er rasch eine
glänzende Begabung …
Er hütete sich, das gesellige Leben zu vernachlässigen. Zwar ließ in
dieser Beziehung seine Pünktlichkeit zu wünschen übrig, und beständig erst
in der letzten Sekunde, wenn seine Gattin, in großer Toilette, und der
Wagen unten schon eine halbe Stunde gewartet hatten, erschien er mit
einem »Pardon, Gerda; Geschäfte …« um sich hastig in den Frack zu
werfen. Aber an Ort und Stelle, bei Diners, Bällen und Abendgesellschaften
verstand er es doch, ein lebhaftes Interesse an den Tag zu legen, sich als
liebenswürdigen Causeur zu zeigen … und er und seine Gattin standen den
anderen reichen Häusern an Repräsentation nicht nach; seine Küche, sein
Keller galten für »tip-top«, er war als verbindlicher, aufmerksamer und
umsichtiger Gastgeber geschätzt, und der Witz seiner Toaste erhob sich
über das Durchschnittsniveau. Stille Abende aber verbrachte er in Gerdas
Gesellschaft, indem er rauchend ihrem Geigenspiel lauschte oder ein Buch
mit ihr las, deutsche, französische und russische Erzählungen, die sie
auswählte …
So arbeitete er und zwang den Erfolg, denn sein Ansehen wuchs in der
Stadt, und trotz der Kapitalsentziehungen durch Christians Etablierung und
Tonys zweite Heirat hatte die Firma vortreffliche Jahre. Bei alledem aber
gab es manches, was für Stunden seinen Mut lähmte, die Elastizität seines
Geistes beeinträchtigte, seine Stimmung trübte.
Da war Christian in Hamburg, dessen Sozius, Herr Burmeester, im
Frühling dieses Jahres 58 ganz plötzlich einem Schlaganfalle erlag. Seine
Erben entzogen der Firma das Kapital des Verstorbenen, und der Konsul
widerriet es seinem Bruder dringend, sie mit seinen eigenen Mitteln
fortzuführen, denn er wisse wohl, wie schwer es sei, ein größer
zugeschnittenes Geschäft mit plötzlich stark vermindertem Kapital zu
halten. Aber Christian drang auf die Fortdauer seiner Selbständigkeit, er
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übernahm Aktiva und Passiva von H. C. F. Burmeester & Comp. … und
Unannehmlichkeiten standen zu befürchten.
Da war ferner des Konsuls Schwester Klara in Riga … Daß ihre Ehe mit
dem Pastor Tiburtius ohne Kindersegen geblieben war, mochte hingehen,
denn Klara Buddenbrook hatte sich niemals Kinder gewünscht und besaß
ohne Zweifel höchst wenig mütterliches Talent. Aber ihre Gesundheit ließ,
ihren und ihres Mannes Briefen zufolge, allzuviel zu wünschen übrig, und
die Gehirnschmerzen, an denen sie schon als junges Mädchen gelitten,
traten, so hieß es, neuerdings periodisch in fast unerträglichem Grade auf.
Das war beunruhigend. Eine dritte Sorge aber bestand darin, daß auch
hier, an Ort und Stelle selbst, für das Fortleben des Familiennamens noch
immer keine Sicherheit gegeben war. Gerda behandelte diese Frage mit
einem souveränen Gleichmut, der einer degoutierten Ablehnung äußerst
nahe kam. Thomas verschwieg seinen Kummer. Die alte Konsulin aber
nahm die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite. »Doktor, unter uns,
da muß endlich etwas geschehen, nicht wahr? Ein bißchen Bergluft in
Kreuth und ein bißchen Seeluft in Glücksburg oder Travemünde scheint da
nicht anzuschlagen. Was meinen Sie …« Und Grabow, weil sein
angenehmes Rezept: »Strenge Diät; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot«
in diesem Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug
eingegriffen haben würde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad …
Das waren drei Bedenken. Und Tony? – Arme Tony!
Achtes Kapitel
Sie schrieb: »Und wenn ich ›Frikadellen‹ sage, so begreift sie es nicht,
denn es heißt hier ›Pflanzerln‹; und wenn sie ›Karfiol‹ sagt, so findet sich
wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfällt, daß sie
Blumenkohl meint; und wenn ich sage: ›Bratkartoffeln‹, so schreit sie so
lange ›Wahs!‹, bis ich ›Geröhste Kartoffeln‹ sage, denn so heißt es hier, und
mit ›Wahs‹ meint sie ›Wie beliebt‹. Und das ist nun schon die zweite, denn
die erste Person, welche Kathi hieß, habe ich mir erlaubt, aus dem Hause zu
schicken, weil sie immer gleich grob wurde; oder wenigstens schien es mir
so, denn ich kann mich auch geirrt haben, wie ich nachträglich einsehe,
Unannehmlichkeiten standen zu befürchten.
Da war ferner des Konsuls Schwester Klara in Riga … Daß ihre Ehe mit
dem Pastor Tiburtius ohne Kindersegen geblieben war, mochte hingehen,
denn Klara Buddenbrook hatte sich niemals Kinder gewünscht und besaß
ohne Zweifel höchst wenig mütterliches Talent. Aber ihre Gesundheit ließ,
ihren und ihres Mannes Briefen zufolge, allzuviel zu wünschen übrig, und
die Gehirnschmerzen, an denen sie schon als junges Mädchen gelitten,
traten, so hieß es, neuerdings periodisch in fast unerträglichem Grade auf.
Das war beunruhigend. Eine dritte Sorge aber bestand darin, daß auch
hier, an Ort und Stelle selbst, für das Fortleben des Familiennamens noch
immer keine Sicherheit gegeben war. Gerda behandelte diese Frage mit
einem souveränen Gleichmut, der einer degoutierten Ablehnung äußerst
nahe kam. Thomas verschwieg seinen Kummer. Die alte Konsulin aber
nahm die Sache in die Hand und zog Grabow beiseite. »Doktor, unter uns,
da muß endlich etwas geschehen, nicht wahr? Ein bißchen Bergluft in
Kreuth und ein bißchen Seeluft in Glücksburg oder Travemünde scheint da
nicht anzuschlagen. Was meinen Sie …« Und Grabow, weil sein
angenehmes Rezept: »Strenge Diät; ein wenig Taube, ein wenig Franzbrot«
in diesem Falle doch wohl wieder einmal nicht energisch genug
eingegriffen haben würde, verordnete Pyrmont und Schlangenbad …
Das waren drei Bedenken. Und Tony? – Arme Tony!
Achtes Kapitel
Sie schrieb: »Und wenn ich ›Frikadellen‹ sage, so begreift sie es nicht,
denn es heißt hier ›Pflanzerln‹; und wenn sie ›Karfiol‹ sagt, so findet sich
wohl nicht so leicht ein Christenmensch, der darauf verfällt, daß sie
Blumenkohl meint; und wenn ich sage: ›Bratkartoffeln‹, so schreit sie so
lange ›Wahs!‹, bis ich ›Geröhste Kartoffeln‹ sage, denn so heißt es hier, und
mit ›Wahs‹ meint sie ›Wie beliebt‹. Und das ist nun schon die zweite, denn
die erste Person, welche Kathi hieß, habe ich mir erlaubt, aus dem Hause zu
schicken, weil sie immer gleich grob wurde; oder wenigstens schien es mir
so, denn ich kann mich auch geirrt haben, wie ich nachträglich einsehe,
Page 346
denn man weiß hier nicht recht, ob die Leute eigentlich grob oder
freundlich reden. Diese jetzige, welche Babette heißt, was Babett
auszusprechen ist, hat übrigens ein recht angenehmes Exterieur und schon
etwas ganz Südliches, wie es hier manche gibt, mit schwarzem Haar und
schwarzen Augen und Zähnen, um die man sie beneiden könnte. Auch sie
ist willig und bereitet unter meiner Anleitung manches von unseren
heimatlichen Gerichten, so gestern zum Beispiel Sauerampfer mit
Korinthen, aber davon habe ich großen Kummer gehabt, denn Permaneder
nahm mir dies Gemüse so übel (obgleich er die Korinthen mit der Gabel
herauspickte), daß er den ganzen Nachmittag nicht mit mir sprach, sondern
nur murrte, und kann ich sagen, Mutter, daß das Leben nicht immer leicht
ist.«
Allein, es waren nicht nur die »Pflanzerln« und der Sauerampfer, die ihr
das Leben verbitterten … Gleich in den Flitterwochen hatte ein Schlag sie
getroffen, ein Unvorhergesehenes, Ungeahntes, Unfaßliches war über sie
hereingebrochen, ein Ereignis, das ihr alle Freudigkeit genommen hatte und
das sie nicht zu verwinden vermochte. Dieses Ereignis war folgendes.
Erst als das Ehepaar Permaneder bereits einige Wochen in München
lebte, hatte Konsul Buddenbrook die testamentarisch fixierte Mitgift seiner
Schwester, das heißt 51000 Mark Kurant, flüssig machen können, und diese
Summe war hierauf, in Gulden umgesetzt vollkommen richtig in Herrn
Permaneders Hände gelangt. Herr Permaneder hatte sie sicher und nicht
ungünstig deponiert. Was er aber dann, ohne Zögern und Erröten, seiner
Gattin gesagt hatte, war dies: »Tonerl« – er nannte sie Tonerl – »Tonerl, mir
war's gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab' mi allweil g'schunden, und
jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten's Parterre und die
zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und können a
Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi
z'sammrichten und aufdrahn … und am Abend hab' i 's Hofbräuhaus. I bin
ka Prozen net und mag net allweil a Göld z'ammscharrn; i mag mei
G'müatlichkeit! Von morgen ab mach' i Schluß und werd' Privatier!«
»Permaneder!« hatte sie ausgerufen, und zwar zum ersten Male mit dem
ganz besonderen Kehllaut, mit dem sie Herrn Grünlichs Namen zu nennen
pflegte. Er aber hatte nur geantwortet: »A geh, sei stad!« und dann hatte ein
Streit sich entsponnen, wie er, so früh, so ernst und heftig, das Glück einer
freundlich reden. Diese jetzige, welche Babette heißt, was Babett
auszusprechen ist, hat übrigens ein recht angenehmes Exterieur und schon
etwas ganz Südliches, wie es hier manche gibt, mit schwarzem Haar und
schwarzen Augen und Zähnen, um die man sie beneiden könnte. Auch sie
ist willig und bereitet unter meiner Anleitung manches von unseren
heimatlichen Gerichten, so gestern zum Beispiel Sauerampfer mit
Korinthen, aber davon habe ich großen Kummer gehabt, denn Permaneder
nahm mir dies Gemüse so übel (obgleich er die Korinthen mit der Gabel
herauspickte), daß er den ganzen Nachmittag nicht mit mir sprach, sondern
nur murrte, und kann ich sagen, Mutter, daß das Leben nicht immer leicht
ist.«
Allein, es waren nicht nur die »Pflanzerln« und der Sauerampfer, die ihr
das Leben verbitterten … Gleich in den Flitterwochen hatte ein Schlag sie
getroffen, ein Unvorhergesehenes, Ungeahntes, Unfaßliches war über sie
hereingebrochen, ein Ereignis, das ihr alle Freudigkeit genommen hatte und
das sie nicht zu verwinden vermochte. Dieses Ereignis war folgendes.
Erst als das Ehepaar Permaneder bereits einige Wochen in München
lebte, hatte Konsul Buddenbrook die testamentarisch fixierte Mitgift seiner
Schwester, das heißt 51000 Mark Kurant, flüssig machen können, und diese
Summe war hierauf, in Gulden umgesetzt vollkommen richtig in Herrn
Permaneders Hände gelangt. Herr Permaneder hatte sie sicher und nicht
ungünstig deponiert. Was er aber dann, ohne Zögern und Erröten, seiner
Gattin gesagt hatte, war dies: »Tonerl« – er nannte sie Tonerl – »Tonerl, mir
war's gnua. Mehr brauchen mer nimmer. I hab' mi allweil g'schunden, und
jetzt will i mei Ruh, Himmi Sakrament. Mer vermieten's Parterre und die
zwoate Etasch, und dahier hamer a guate Wohnung und können a
Schweinshaxen essen und brauchen uns net allweil gar so nobi
z'sammrichten und aufdrahn … und am Abend hab' i 's Hofbräuhaus. I bin
ka Prozen net und mag net allweil a Göld z'ammscharrn; i mag mei
G'müatlichkeit! Von morgen ab mach' i Schluß und werd' Privatier!«
»Permaneder!« hatte sie ausgerufen, und zwar zum ersten Male mit dem
ganz besonderen Kehllaut, mit dem sie Herrn Grünlichs Namen zu nennen
pflegte. Er aber hatte nur geantwortet: »A geh, sei stad!« und dann hatte ein
Streit sich entsponnen, wie er, so früh, so ernst und heftig, das Glück einer
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Ehe für alle Zeit erschüttern muß … Er war Sieger geblieben. Ihr
leidenschaftlicher Widerstand war an seinem Drang nach »G'müatlichkeit«
gescheitert, das Ende war gewesen, daß Herr Permaneder sein in dem
Hopfengeschäft steckendes Kapital liquidiert hatte, so daß nun Herr Noppe
seinerseits das »Komp.« auf seiner Karte blau durchstreichen konnte … und
wie die Mehrzahl seiner Freunde, mit denen er abends am Stammtische im
Hofbräuhause Karten spielte und seine regelmäßigen drei Liter trank,
beschränkte Tonys Gatte nun seine Tätigkeit auf Mietesteigern als
Hausbesitzer und ein bescheidenes und friedliches Kuponschneiden.
Der Konsulin war dies ganz einfach mitgeteilt worden. In den Briefen
aber, die Frau Permaneder darüber an ihren Bruder geschrieben hatte, war
der Schmerz zu erkennen gewesen, den sie empfand … arme Tony! ihre
schlimmsten Befürchtungen waren weitaus übertroffen worden. Sie hatte
zuvor gewußt, daß Herr Permaneder nichts von der »Regsamkeit« besaß,
von der ihr erster Gatte zu viel an den Tag gelegt hatte; daß er aber so
gänzlich die Erwartungen zuschanden machen werde, die sie noch am
Vorabend ihrer Verlobung gegen Mamsell Jungmann ausgesprochen hatte,
daß er so völlig die Verpflichtungen verkennen werde, die er übernahm,
indem er eine Buddenbrook ehelichte, das hatte sie nicht geahnt …
Es mußte verwunden werden, und ihre Familie zu Hause ersah aus ihren
Briefen, wie sie resignierte. Ziemlich einförmig lebte sie mit ihrem Manne
und Erika, welche die Schule besuchte, dahin, besorgte ihren Hausstand,
verkehrte freundschaftlich mit den Leuten, die für das Parterre und den
ersten Stock sich als Mieter gefunden hatten, sowie mit der Familie
Niederpaur am Marienplatz und berichtete dann und wann von
Hoftheaterbesuchen, die sie mit ihrer Freundin Eva vornahm, denn Herr
Permaneder liebte dergleichen nicht, und es erwies sich, daß er, der in
seinem »liaben« München mehr als vierzig Jahre alt geworden war, noch
niemals das Innere der Pinakothek erblickt hatte.
Die Tage gingen … Die rechte Freude aber an ihrem neuen Leben war
für Tony dahin, seit Herr Permaneder sich sofort nach dem Empfang ihrer
Mitgift zur Ruhe gesetzt hatte. Die Hoffnung fehlte. Niemals würde sie
einen Erfolg, einen Aufschwung nach Hause berichten können. So wie es
jetzt war, sorglos aber beschränkt und so herzlich wenig »vornehm«, so
sollte es unabänderlich bleiben bis an ihr Lebensende. Das lastete auf ihr.
leidenschaftlicher Widerstand war an seinem Drang nach »G'müatlichkeit«
gescheitert, das Ende war gewesen, daß Herr Permaneder sein in dem
Hopfengeschäft steckendes Kapital liquidiert hatte, so daß nun Herr Noppe
seinerseits das »Komp.« auf seiner Karte blau durchstreichen konnte … und
wie die Mehrzahl seiner Freunde, mit denen er abends am Stammtische im
Hofbräuhause Karten spielte und seine regelmäßigen drei Liter trank,
beschränkte Tonys Gatte nun seine Tätigkeit auf Mietesteigern als
Hausbesitzer und ein bescheidenes und friedliches Kuponschneiden.
Der Konsulin war dies ganz einfach mitgeteilt worden. In den Briefen
aber, die Frau Permaneder darüber an ihren Bruder geschrieben hatte, war
der Schmerz zu erkennen gewesen, den sie empfand … arme Tony! ihre
schlimmsten Befürchtungen waren weitaus übertroffen worden. Sie hatte
zuvor gewußt, daß Herr Permaneder nichts von der »Regsamkeit« besaß,
von der ihr erster Gatte zu viel an den Tag gelegt hatte; daß er aber so
gänzlich die Erwartungen zuschanden machen werde, die sie noch am
Vorabend ihrer Verlobung gegen Mamsell Jungmann ausgesprochen hatte,
daß er so völlig die Verpflichtungen verkennen werde, die er übernahm,
indem er eine Buddenbrook ehelichte, das hatte sie nicht geahnt …
Es mußte verwunden werden, und ihre Familie zu Hause ersah aus ihren
Briefen, wie sie resignierte. Ziemlich einförmig lebte sie mit ihrem Manne
und Erika, welche die Schule besuchte, dahin, besorgte ihren Hausstand,
verkehrte freundschaftlich mit den Leuten, die für das Parterre und den
ersten Stock sich als Mieter gefunden hatten, sowie mit der Familie
Niederpaur am Marienplatz und berichtete dann und wann von
Hoftheaterbesuchen, die sie mit ihrer Freundin Eva vornahm, denn Herr
Permaneder liebte dergleichen nicht, und es erwies sich, daß er, der in
seinem »liaben« München mehr als vierzig Jahre alt geworden war, noch
niemals das Innere der Pinakothek erblickt hatte.
Die Tage gingen … Die rechte Freude aber an ihrem neuen Leben war
für Tony dahin, seit Herr Permaneder sich sofort nach dem Empfang ihrer
Mitgift zur Ruhe gesetzt hatte. Die Hoffnung fehlte. Niemals würde sie
einen Erfolg, einen Aufschwung nach Hause berichten können. So wie es
jetzt war, sorglos aber beschränkt und so herzlich wenig »vornehm«, so
sollte es unabänderlich bleiben bis an ihr Lebensende. Das lastete auf ihr.
Page 348
Und aus ihren Briefen ging ganz deutlich hervor, daß gerade diese nicht
sehr gehobene Stimmung ihr die Eingewöhnung in die süddeutschen
Verhältnisse erschwerte. Es ging ja im einzelnen. Sie lernte es, sich mit den
Dienstmädchen und Lieferanten zu verständigen, »Pflanzerln« statt
»Frikadellen« zu sagen und ihrem Manne keine Fruchtsuppe mehr
vorzusetzen, nachdem er dergleichen als »a G'schlamp, a z'widres«
bezeichnet hatte. Aber im großen ganzen blieb sie stets eine Fremde in ihrer
neuen Heimat, denn die Empfindung, daß eine geborene Buddenbrook zu
sein hier unten durchaus nichts Bemerkenswertes war, bedeutete eine
beständige, eine unaufhörliche Demütigung für sie, und wenn sie brieflich
erzählte, irgendein Maurersmann habe sie, in der einen Hand einen
Maßkrug und in der anderen einen Radi am Schwanze, auf der Straße
angeredet und gesagt: »I bitt', wiea spät is', Frau Nachborin?«, so war trotz
aller Scherzhaftigkeit ein sehr starker Unterton von Entrüstung fühlbar, und
man konnte überzeugt sein, daß sie den Kopf zurückgelegt und den Mann
weder einer Antwort noch eines Blickes gewürdigt hatte … Übrigens war es
nicht diese Formlosigkeit und dieser geringe Sinn für Distanz allein, was ihr
fremd und unsympathisch blieb: Sie drang nicht tief in das Münchener
Leben und Treiben ein, aber es umgab sie doch die Münchener Luft, die
Luft einer großen Stadt, voller Künstler und Bürger, die nichts taten, eine
ein wenig demoralisierte Luft, die mit Humor einzuatmen ihre Stimmung
ihr oft verwehrte.
Die Tage gingen … Dann aber schien doch ein Glück kommen zu
wollen, und zwar dasjenige, welches man in der »Breiten Straße« und der
»Mengstraße« vergeblich ersehnte, denn nicht lange nach dem Neujahrstage
1859 ward die Hoffnung zur Gewißheit, daß Tony zum zweiten Male
Mutter werden sollte.
Die Freude zitterte nun gleichsam in ihren Briefen, die so voll von
übermütigen, kindlichen und gewichtigen Redewendungen waren, wie
lange nicht mehr. Die Konsulin, welche, abgesehen von ihren
Sommerfahrten, die sich übrigens mehr und mehr auf den Ostseestrand
beschränkten, das Reisen nicht mehr liebte, bedauerte, ihrer Tochter in
dieser Zeit fernbleiben zu müssen und versicherte sie nur schriftlich des
göttlichen Beistandes; Tom aber sowohl wie Gerda meldeten sich zur Taufe
an, und Tonys Kopf war erfüllt von Plänen in betreff eines v o r n e h m e n
Empfanges … Arme Tony! Dieser Empfang sollte sich unendlich traurig
sehr gehobene Stimmung ihr die Eingewöhnung in die süddeutschen
Verhältnisse erschwerte. Es ging ja im einzelnen. Sie lernte es, sich mit den
Dienstmädchen und Lieferanten zu verständigen, »Pflanzerln« statt
»Frikadellen« zu sagen und ihrem Manne keine Fruchtsuppe mehr
vorzusetzen, nachdem er dergleichen als »a G'schlamp, a z'widres«
bezeichnet hatte. Aber im großen ganzen blieb sie stets eine Fremde in ihrer
neuen Heimat, denn die Empfindung, daß eine geborene Buddenbrook zu
sein hier unten durchaus nichts Bemerkenswertes war, bedeutete eine
beständige, eine unaufhörliche Demütigung für sie, und wenn sie brieflich
erzählte, irgendein Maurersmann habe sie, in der einen Hand einen
Maßkrug und in der anderen einen Radi am Schwanze, auf der Straße
angeredet und gesagt: »I bitt', wiea spät is', Frau Nachborin?«, so war trotz
aller Scherzhaftigkeit ein sehr starker Unterton von Entrüstung fühlbar, und
man konnte überzeugt sein, daß sie den Kopf zurückgelegt und den Mann
weder einer Antwort noch eines Blickes gewürdigt hatte … Übrigens war es
nicht diese Formlosigkeit und dieser geringe Sinn für Distanz allein, was ihr
fremd und unsympathisch blieb: Sie drang nicht tief in das Münchener
Leben und Treiben ein, aber es umgab sie doch die Münchener Luft, die
Luft einer großen Stadt, voller Künstler und Bürger, die nichts taten, eine
ein wenig demoralisierte Luft, die mit Humor einzuatmen ihre Stimmung
ihr oft verwehrte.
Die Tage gingen … Dann aber schien doch ein Glück kommen zu
wollen, und zwar dasjenige, welches man in der »Breiten Straße« und der
»Mengstraße« vergeblich ersehnte, denn nicht lange nach dem Neujahrstage
1859 ward die Hoffnung zur Gewißheit, daß Tony zum zweiten Male
Mutter werden sollte.
Die Freude zitterte nun gleichsam in ihren Briefen, die so voll von
übermütigen, kindlichen und gewichtigen Redewendungen waren, wie
lange nicht mehr. Die Konsulin, welche, abgesehen von ihren
Sommerfahrten, die sich übrigens mehr und mehr auf den Ostseestrand
beschränkten, das Reisen nicht mehr liebte, bedauerte, ihrer Tochter in
dieser Zeit fernbleiben zu müssen und versicherte sie nur schriftlich des
göttlichen Beistandes; Tom aber sowohl wie Gerda meldeten sich zur Taufe
an, und Tonys Kopf war erfüllt von Plänen in betreff eines v o r n e h m e n
Empfanges … Arme Tony! Dieser Empfang sollte sich unendlich traurig
Page 349
gestalten, und diese Taufe, die ihr als ein entzückendes kleines Fest mit
Blumen, Konfekt und Schokolade vor Augen geschwebt hatte, sollte
überhaupt nicht stattfinden, – denn das Kind, ein kleines Mädchen, sollte
nur ins Leben treten, um nach einer armen Viertelstunde, während welcher
der Arzt sich vergeblich bemühte, den unfähigen kleinen Organismus in
Gang zu halten, dem Dasein schon nicht mehr anzugehören …
Konsul Buddenbrook und seine Gattin fanden, als sie in München
eintrafen, Tony selbst nicht außer Gefahr. Weit schwerer als das erstemal
lag sie danieder, und während mehrerer Tage verweigerte ihr Magen, an
dessen nervöser Schwäche sie schon vorher hie und da gelitten hatte, die
Annahme fast jeder Nahrung. Indessen, sie genas, und die Buddenbrooks
konnten in dieser Beziehung beruhigt abreisen, – wenn auch andererseits
nicht ohne Nachdenklichkeit, denn es hatte sich ihnen allzu deutlich gezeigt
und besonders der Beobachtung des Konsuls war es nicht entgangen, daß
nicht einmal das gemeinsame Leid imstande gewesen war, die beiden
Gatten einander erheblich zu nähern.
Nichts gegen Herrn Permaneders gutes Herz … Er war aufrichtig
erschüttert gewesen, dicke Tränen waren angesichts seines leblosen Kindes
aus den verquollenen Äuglein über die zu aufgetriebenen Wangen in den
ausgefransten Schnauzbart geflossen, und er hatte mehrere Male mit
schwerem Seufzen hervorgebracht: »Es is halt a Kreiz! A Kreiz is'! O mei!«
Aber seine »G'müatlichkeit« hatte nach Tonys Begriffen nicht lange genug
darunter gelitten, seine Abendstunden im Hofbräuhaus hatten ihn bald
darüber hinweggebracht, und mit dem bequemen, gutmütigen, ein bißchen
mürrischen und ein bißchen stumpfsinnigen Fatalismus, der in seinem »Es
is halt a Kreiz!« enthalten war, »wurstelte« er fort.
Tonys Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von
Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage … »Ach, Mutter«, schrieb sie,
»was kommt auch alles auf mich herab! Erst Grünlich und der Bankerott
und dann Permaneder als Privatier und dann das tote Kind. Womit habe ich
soviel Unglück verdient!«
Der Konsul, zu Hause, wenn er solche Äußerungen las, konnte sich
eines Lächelns nicht erwehren, denn trotz alles Schmerzes, der in den
Zeilen steckte, verspürte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz,
Blumen, Konfekt und Schokolade vor Augen geschwebt hatte, sollte
überhaupt nicht stattfinden, – denn das Kind, ein kleines Mädchen, sollte
nur ins Leben treten, um nach einer armen Viertelstunde, während welcher
der Arzt sich vergeblich bemühte, den unfähigen kleinen Organismus in
Gang zu halten, dem Dasein schon nicht mehr anzugehören …
Konsul Buddenbrook und seine Gattin fanden, als sie in München
eintrafen, Tony selbst nicht außer Gefahr. Weit schwerer als das erstemal
lag sie danieder, und während mehrerer Tage verweigerte ihr Magen, an
dessen nervöser Schwäche sie schon vorher hie und da gelitten hatte, die
Annahme fast jeder Nahrung. Indessen, sie genas, und die Buddenbrooks
konnten in dieser Beziehung beruhigt abreisen, – wenn auch andererseits
nicht ohne Nachdenklichkeit, denn es hatte sich ihnen allzu deutlich gezeigt
und besonders der Beobachtung des Konsuls war es nicht entgangen, daß
nicht einmal das gemeinsame Leid imstande gewesen war, die beiden
Gatten einander erheblich zu nähern.
Nichts gegen Herrn Permaneders gutes Herz … Er war aufrichtig
erschüttert gewesen, dicke Tränen waren angesichts seines leblosen Kindes
aus den verquollenen Äuglein über die zu aufgetriebenen Wangen in den
ausgefransten Schnauzbart geflossen, und er hatte mehrere Male mit
schwerem Seufzen hervorgebracht: »Es is halt a Kreiz! A Kreiz is'! O mei!«
Aber seine »G'müatlichkeit« hatte nach Tonys Begriffen nicht lange genug
darunter gelitten, seine Abendstunden im Hofbräuhaus hatten ihn bald
darüber hinweggebracht, und mit dem bequemen, gutmütigen, ein bißchen
mürrischen und ein bißchen stumpfsinnigen Fatalismus, der in seinem »Es
is halt a Kreiz!« enthalten war, »wurstelte« er fort.
Tonys Briefe aber verloren von nun an nicht mehr den Ton von
Hoffnungslosigkeit und selbst von Anklage … »Ach, Mutter«, schrieb sie,
»was kommt auch alles auf mich herab! Erst Grünlich und der Bankerott
und dann Permaneder als Privatier und dann das tote Kind. Womit habe ich
soviel Unglück verdient!«
Der Konsul, zu Hause, wenn er solche Äußerungen las, konnte sich
eines Lächelns nicht erwehren, denn trotz alles Schmerzes, der in den
Zeilen steckte, verspürte er einen Unterton von beinahe drolligem Stolz,
Page 350
und er wußte, daß Tony Buddenbrook als Madame Grünlich sowohl wie als
Madame Permaneder immer ein Kind blieb, daß sie alle ihre sehr
erwachsenen Erlebnisse fast ungläubig, dann aber mit kindlichem Ernst,
kindlicher Wichtigkeit und – vor allem – kindlicher Widerstandsfähigkeit
erlebte.
Sie begriff nicht, womit sie Leid verdient habe; denn, obgleich sie sich
über die große Frömmigkeit ihrer Mutter mokierte, war sie selbst so voll
davon, daß sie an Verdienst und Gerechtigkeit auf Erden inbrünstig glaubte
… arme Tony! Der Tod ihres zweiten Kindes war weder der letzte noch der
härteste Schlag, der sie treffen sollte …
Als das Jahr 1859 sich zu Ende neigte, geschah etwas Fürchterliches …
Neuntes Kapitel
Es war ein Tag gegen Ende des Novembers, ein kalter Herbsttag mit
dunstigem Himmel, der beinahe schon Schnee versprach, und wallendem
Nebel, den hie und da die Sonne durchdrang, einer von den Tagen, an denen
in der Hafenstadt der scharfe Nordost mit einem tückischen Pfeifen um die
massigen Ecken der Kirchen sauste und eine Lungenentzündung wohlfeil
zu haben war.
Als gegen Mittag Konsul Thomas Buddenbrook ins
»Frühstückszimmer« trat, fand er seine Mutter, die Brille auf der Nase, am
Tische über ein Papier gebeugt.
»Tom«, sagte sie, indem sie ihn anblickte und das Papier mit beiden
Händen beiseitehielt, als zögere sie, es ihm zu zeigen … »Erschrick nicht
… Etwas Unangenehmes … Ich begreife nicht … Es ist aus Berlin … Es
muß etwas geschehen sein …«
»Bitte!« sagte er kurz. Er verfärbte sich, und einen Augenblick traten
die Muskeln an seinen Schläfen hervor, denn er biß die Zähne zusammen.
Er streckte mit einer äußerst entschiedenen Bewegung die Hand aus, als
wollte er sagen: »Nur schnell, bitte, das Unangenehme, nur keine
Vorbereitungen!«
Madame Permaneder immer ein Kind blieb, daß sie alle ihre sehr
erwachsenen Erlebnisse fast ungläubig, dann aber mit kindlichem Ernst,
kindlicher Wichtigkeit und – vor allem – kindlicher Widerstandsfähigkeit
erlebte.
Sie begriff nicht, womit sie Leid verdient habe; denn, obgleich sie sich
über die große Frömmigkeit ihrer Mutter mokierte, war sie selbst so voll
davon, daß sie an Verdienst und Gerechtigkeit auf Erden inbrünstig glaubte
… arme Tony! Der Tod ihres zweiten Kindes war weder der letzte noch der
härteste Schlag, der sie treffen sollte …
Als das Jahr 1859 sich zu Ende neigte, geschah etwas Fürchterliches …
Neuntes Kapitel
Es war ein Tag gegen Ende des Novembers, ein kalter Herbsttag mit
dunstigem Himmel, der beinahe schon Schnee versprach, und wallendem
Nebel, den hie und da die Sonne durchdrang, einer von den Tagen, an denen
in der Hafenstadt der scharfe Nordost mit einem tückischen Pfeifen um die
massigen Ecken der Kirchen sauste und eine Lungenentzündung wohlfeil
zu haben war.
Als gegen Mittag Konsul Thomas Buddenbrook ins
»Frühstückszimmer« trat, fand er seine Mutter, die Brille auf der Nase, am
Tische über ein Papier gebeugt.
»Tom«, sagte sie, indem sie ihn anblickte und das Papier mit beiden
Händen beiseitehielt, als zögere sie, es ihm zu zeigen … »Erschrick nicht
… Etwas Unangenehmes … Ich begreife nicht … Es ist aus Berlin … Es
muß etwas geschehen sein …«
»Bitte!« sagte er kurz. Er verfärbte sich, und einen Augenblick traten
die Muskeln an seinen Schläfen hervor, denn er biß die Zähne zusammen.
Er streckte mit einer äußerst entschiedenen Bewegung die Hand aus, als
wollte er sagen: »Nur schnell, bitte, das Unangenehme, nur keine
Vorbereitungen!«
Page 351
Stehend las er die Zeilen auf dem Papier, indem er eine seiner hellen
Brauen emporzog und langsam die lange Spitze seines Schnurrbartes durch
die Finger zog. Es war ein Telegramm und lautete: »Erschreckt nicht.
Komme umgehend mit Erika. Alles ist zu Ende. Eure unglückliche
Antonie.«
»Umgehend … umgehend«, sagte er gereizt und sah die Konsulin mit
schnellem Kopfschütteln an. »Was heißt umgehend …«
»Das ist nur so eine Redensart, Tom, das hat nichts zu bedeuten. Sie
meint: ›Sogleich‹ oder etwas Ähnliches …«
»Und aus Berlin? Was tut sie in Berlin? Wie kommt sie nach Berlin?«
»Ich weiß es nicht, Tom, ich begreife es noch nicht; die Depesche ist
vor zehn Minuten gekommen. Aber es muß etwas geschehen sein, und wir
müssen abwarten, was es ist. Gott wird geben, daß alles sich zum Guten
wendet. Setze dich, mein Sohn, und iß.«
Er nahm Platz und schenkte sich mechanisch Porter in das dicke, hohe
Glas.
»Alles ist zu Ende«, wiederholte er. »Und dann ›Antonie‹. –
Kindereien …«
Dann aß und trank er schweigend.
Nach einer Weile wagte die Konsulin zu bemerken: »Sollte es etwas mit
Permaneder sein, Tom?«
Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen.
Beim Weggehen, den Türgriff in der Hand, sagte er: »Ja, Mutter, wir
müssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spät in der Nacht ins Haus
fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Daß man mich
benachrichtigt, bitte …«
*
Brauen emporzog und langsam die lange Spitze seines Schnurrbartes durch
die Finger zog. Es war ein Telegramm und lautete: »Erschreckt nicht.
Komme umgehend mit Erika. Alles ist zu Ende. Eure unglückliche
Antonie.«
»Umgehend … umgehend«, sagte er gereizt und sah die Konsulin mit
schnellem Kopfschütteln an. »Was heißt umgehend …«
»Das ist nur so eine Redensart, Tom, das hat nichts zu bedeuten. Sie
meint: ›Sogleich‹ oder etwas Ähnliches …«
»Und aus Berlin? Was tut sie in Berlin? Wie kommt sie nach Berlin?«
»Ich weiß es nicht, Tom, ich begreife es noch nicht; die Depesche ist
vor zehn Minuten gekommen. Aber es muß etwas geschehen sein, und wir
müssen abwarten, was es ist. Gott wird geben, daß alles sich zum Guten
wendet. Setze dich, mein Sohn, und iß.«
Er nahm Platz und schenkte sich mechanisch Porter in das dicke, hohe
Glas.
»Alles ist zu Ende«, wiederholte er. »Und dann ›Antonie‹. –
Kindereien …«
Dann aß und trank er schweigend.
Nach einer Weile wagte die Konsulin zu bemerken: »Sollte es etwas mit
Permaneder sein, Tom?«
Er zuckte nur die Achseln, ohne aufzusehen.
Beim Weggehen, den Türgriff in der Hand, sagte er: »Ja, Mutter, wir
müssen sie erwarten. Da sie dir vermutlich nicht spät in der Nacht ins Haus
fallen will, wird es wohl morgen im Laufe des Tages sein. Daß man mich
benachrichtigt, bitte …«
*
Page 352
Die Konsulin wartete von Stunde zu Stunde. Sie ruhte höchst
ungenügend in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr
im hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, ließ sich
Zuckerwasser bereiten und saß sogar während längerer Zeit mit einer
Handarbeit aufrecht im Bett. Auch der nächste Vormittag verstrich in
ängstlicher Spannung. Beim zweiten Frühstück erklärte der Konsul, daß
Tony, wenn sie käme, nur drei Uhr dreiunddreißig Minuten nachmittags von
Büchen eintreffen könne. Um diese Zeit saß die Konsulin im
»Landschaftszimmer« am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen,
auf dessen schwarzem Lederdeckel ein in Gold gepreßter Palmzweig zu
sehen war.
Es war ein Tag wie gestern: Kälte, Dunst und Wind; hinter dem blanken
Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und blickte
hinaus, sobald Wagenräder vernehmbar wurden. Und dann, um vier Uhr, als
sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen hatte,
entstand eine Bewegung unten im Hause … Sie wandte hastig den
Oberkörper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden
Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und
schon kam man die Treppe herauf!
Sie erfaßte mit den Händen die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen;
aber sie besann sich eines Besseren, ließ sich wieder zurücksinken und
drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter
entgegen, die, während Erika Grünlich an Ida Jungmanns Hand bei der
Glastür stehenblieb, mit schnellen und fast stürzenden Schritten durch das
Zimmer kam.
Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten Überwurf und einen
länglichen Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre
Augen waren gerötet, und ihre Oberlippe bebte wie früher, wenn Tony als
Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, ließ sie wieder sinken und glitt
alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in den
Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte. Dies
alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden Weges von
München in einem Atem dahergestürmt – und da lag sie nun, am Ziele ihrer
Flucht, erschöpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen Augenblick.
ungenügend in der Nacht, klingelte nach Ida Jungmann, die jetzt neben ihr
im hintersten Zimmer des Zwischengeschosses schlief, ließ sich
Zuckerwasser bereiten und saß sogar während längerer Zeit mit einer
Handarbeit aufrecht im Bett. Auch der nächste Vormittag verstrich in
ängstlicher Spannung. Beim zweiten Frühstück erklärte der Konsul, daß
Tony, wenn sie käme, nur drei Uhr dreiunddreißig Minuten nachmittags von
Büchen eintreffen könne. Um diese Zeit saß die Konsulin im
»Landschaftszimmer« am Fenster und versuchte, in einem Buche zu lesen,
auf dessen schwarzem Lederdeckel ein in Gold gepreßter Palmzweig zu
sehen war.
Es war ein Tag wie gestern: Kälte, Dunst und Wind; hinter dem blanken
Schmiedeeisengitter knisterte der Ofen. Die alte Dame erbebte und blickte
hinaus, sobald Wagenräder vernehmbar wurden. Und dann, um vier Uhr, als
sie eben nicht achtgegeben und beinahe ihrer Tochter vergessen hatte,
entstand eine Bewegung unten im Hause … Sie wandte hastig den
Oberkörper zum Fenster, sie wischte mit dem Spitzentuch den tropfenden
Beschlag von der Scheibe: in der Tat, eine Droschke hielt drunten, und
schon kam man die Treppe herauf!
Sie erfaßte mit den Händen die Armlehnen des Stuhles, um aufzustehen;
aber sie besann sich eines Besseren, ließ sich wieder zurücksinken und
drehte nur mit beinahe abwehrendem Ausdruck den Kopf ihrer Tochter
entgegen, die, während Erika Grünlich an Ida Jungmanns Hand bei der
Glastür stehenblieb, mit schnellen und fast stürzenden Schritten durch das
Zimmer kam.
Frau Permaneder trug einen pelzbesetzten Überwurf und einen
länglichen Filzhut mit Schleier. Sie sah sehr bleich und angegriffen aus, ihre
Augen waren gerötet, und ihre Oberlippe bebte wie früher, wenn Tony als
Kind geweint hatte. Sie erhob die Arme, ließ sie wieder sinken und glitt
alsdann bei ihrer Mutter auf die Knie nieder, indem sie das Gesicht in den
Kleiderfalten der alten Dame verbarg und bitterlich aufschluchzte. Dies
alles machte den Eindruck, als sei sie in dieser Weise geraden Weges von
München in einem Atem dahergestürmt – und da lag sie nun, am Ziele ihrer
Flucht, erschöpft und gerettet. Die Konsulin schwieg einen Augenblick.
Page 353
»Tony!« sagte sie dann mit zärtlichem Vorwurf, zog vorsichtig die große
Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte den
Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit beiden
Händen das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter …
»Was ist, mein Kind … Was ist geschehen?«
Aber man mußte sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch
ziemlich lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde.
»Mutter«, brachte Frau Permaneder hervor … »Mama!« Allein dabei
blieb es.
Die Konsulin erhob den Kopf nach der Glastür, und während sie mit
einem Arm ihre Tochter umfing, streckte sie die freie Hand ihrer Enkelin
entgegen, die dort, einen Zeigefinger am Munde, verlegen stand.
»Komm, Kind; komm her und sage guten Tag. Du bist groß geworden
und siehst frisch und wohl aus, wofür wir Gott danken wollen. Wie alt bist
du nun, Erika?«
»Dreizehn, Großmama …«
»Tausend! Eine Dame …«
Und über Tonys Kopf hinweg küßte sie das kleine Mädchen, worauf sie
fortfuhr: »Geh' nun mit Ida hinauf, mein Kind, wir werden bald essen. Aber
jetzt hat Mama mit mir zu reden, weißt du.«
Sie blieben allein.
»Nun, meine liebe Tony? Willst du nicht aufhören zu weinen? Wenn
Gott uns eine Prüfung schickt, so sollen wir sie mit Fassung ertragen.
Nimm dein Kreuz auf dich, heißt es … Aber hast du vielleicht den Wunsch,
ebenfalls erst hinaufzugehen, ein wenig zu ruhen und dich zu erfrischen und
dann zu mir herunterzukommen? Unsere gute Jungmann hat dein Zimmer
vorbereitet … Ich danke dir für dein Telegramm. Es hat uns recht sehr
erschreckt …« Sie unterbrach sich, denn Laute drangen bebend und
gedämpft aus ihren Kleiderfalten hervor: »Er ist ein verworfener Mensch …
ein verworfener Mensch ist er … ein verworfener …«
Nadel hervor, die Frau Permaneders Hut an ihrer Frisur befestigte, legte den
Hut auf die Fensterbank und streichelte liebevoll und beruhigend mit beiden
Händen das starke, aschblonde Haar ihrer Tochter …
»Was ist, mein Kind … Was ist geschehen?«
Aber man mußte sich mit Geduld waffnen, denn es dauerte noch
ziemlich lange, bis dieser Frage eine Antwort zuteil wurde.
»Mutter«, brachte Frau Permaneder hervor … »Mama!« Allein dabei
blieb es.
Die Konsulin erhob den Kopf nach der Glastür, und während sie mit
einem Arm ihre Tochter umfing, streckte sie die freie Hand ihrer Enkelin
entgegen, die dort, einen Zeigefinger am Munde, verlegen stand.
»Komm, Kind; komm her und sage guten Tag. Du bist groß geworden
und siehst frisch und wohl aus, wofür wir Gott danken wollen. Wie alt bist
du nun, Erika?«
»Dreizehn, Großmama …«
»Tausend! Eine Dame …«
Und über Tonys Kopf hinweg küßte sie das kleine Mädchen, worauf sie
fortfuhr: »Geh' nun mit Ida hinauf, mein Kind, wir werden bald essen. Aber
jetzt hat Mama mit mir zu reden, weißt du.«
Sie blieben allein.
»Nun, meine liebe Tony? Willst du nicht aufhören zu weinen? Wenn
Gott uns eine Prüfung schickt, so sollen wir sie mit Fassung ertragen.
Nimm dein Kreuz auf dich, heißt es … Aber hast du vielleicht den Wunsch,
ebenfalls erst hinaufzugehen, ein wenig zu ruhen und dich zu erfrischen und
dann zu mir herunterzukommen? Unsere gute Jungmann hat dein Zimmer
vorbereitet … Ich danke dir für dein Telegramm. Es hat uns recht sehr
erschreckt …« Sie unterbrach sich, denn Laute drangen bebend und
gedämpft aus ihren Kleiderfalten hervor: »Er ist ein verworfener Mensch …
ein verworfener Mensch ist er … ein verworfener …«
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Über dieses starke Wort kam Frau Permaneder nicht hinweg. Es schien
sie völlig zu beherrschen. Sie preßte ihr Gesicht dabei fester in den Schoß
der Konsulin und machte neben dem Stuhle sogar eine Faust.
»Solltest du etwa deinen Mann damit meinen, mein Kind?« fragte die
alte Dame nach einer Pause. »Ich sollte nicht auf diesen Gedanken
kommen, ich weiß es; aber es bleibt mir nichts anderes zu denken übrig,
Tony. Hat Permaneder dir Leid zugefügt? Hast du dich über ihn zu
beklagen?«
»Babett …!« stieß Frau Permaneder hervor … »Babett …!«
»Babette?« wiederholte die Konsulin fragend … Dann lehnte sie sich
zurück und ließ ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wußte nun,
um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von Tonys
allmählich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward.
»Tony«, sagte die Konsulin nach einer Weile, »ich sehe nun, daß dir in
der Tat ein Kummer zugefügt worden ist … daß dir Grund zur Klage
gegeben wurde … Aber war es nötig, diese Klage so stürmisch zu äußern?
War diese Reise von München hierher notwendig, zusammen mit Erika, so
daß es für weniger verständige Leute als ich und du beinahe den Anschein
haben könnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurückkehren …?«
»Das will ich auch nicht!… Nie …!« rief Frau Permaneder, indem sie
mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz
wild ins Gesicht blickte und dann ebenso plötzlich ihr Antlitz wieder in den
Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin überhörte diesen Ausruf.
»– Nun aber«, setzte sie mit erhöhter Stimme ein und wandte langsam
ihren Kopf von einer Seite zur anderen … »nun aber, da du hier bist, ist es
gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern können und wirst mir alles
erzählen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht und Bedacht
der Schaden zu korrigieren ist.«
»Nie!« sagte Tony noch einmal. »Nie!« Aber dann erzählte sie, und
obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen
Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von
Ausrufen der äußersten Entrüstung zerrissen, so ward doch klar, daß ganz
einfach folgender Sachverhalt bestand.
sie völlig zu beherrschen. Sie preßte ihr Gesicht dabei fester in den Schoß
der Konsulin und machte neben dem Stuhle sogar eine Faust.
»Solltest du etwa deinen Mann damit meinen, mein Kind?« fragte die
alte Dame nach einer Pause. »Ich sollte nicht auf diesen Gedanken
kommen, ich weiß es; aber es bleibt mir nichts anderes zu denken übrig,
Tony. Hat Permaneder dir Leid zugefügt? Hast du dich über ihn zu
beklagen?«
»Babett …!« stieß Frau Permaneder hervor … »Babett …!«
»Babette?« wiederholte die Konsulin fragend … Dann lehnte sie sich
zurück und ließ ihre hellen Augen durchs Fenster schweifen. Sie wußte nun,
um was es sich handelte. Eine Pause trat ein, die dann und wann von Tonys
allmählich seltener werdendem Schluchzen unterbrochen ward.
»Tony«, sagte die Konsulin nach einer Weile, »ich sehe nun, daß dir in
der Tat ein Kummer zugefügt worden ist … daß dir Grund zur Klage
gegeben wurde … Aber war es nötig, diese Klage so stürmisch zu äußern?
War diese Reise von München hierher notwendig, zusammen mit Erika, so
daß es für weniger verständige Leute als ich und du beinahe den Anschein
haben könnte, als wolltest du niemals zu deinem Manne zurückkehren …?«
»Das will ich auch nicht!… Nie …!« rief Frau Permaneder, indem sie
mit einem Ruck den Kopf erhob, ihrer Mutter aus weinenden Augen ganz
wild ins Gesicht blickte und dann ebenso plötzlich ihr Antlitz wieder in den
Kleiderfalten verbarg. Die Konsulin überhörte diesen Ausruf.
»– Nun aber«, setzte sie mit erhöhter Stimme ein und wandte langsam
ihren Kopf von einer Seite zur anderen … »nun aber, da du hier bist, ist es
gut so. Denn nun wirst du dein Herz erleichtern können und wirst mir alles
erzählen, und dann wollen wir sehen, wie mit Liebe, Nachsicht und Bedacht
der Schaden zu korrigieren ist.«
»Nie!« sagte Tony noch einmal. »Nie!« Aber dann erzählte sie, und
obgleich man nicht jedes Wort verstand, denn sie sprach in den faltigen
Tuchrock der Konsulin hinein, und ihr Bericht war explosiv und von
Ausrufen der äußersten Entrüstung zerrissen, so ward doch klar, daß ganz
einfach folgender Sachverhalt bestand.
Page 355
Um die Mitternacht zwischen dem 24. und 25. des laufenden Monats
war Madame Permaneder, die während des Tages an Störungen der
Magennerven gelitten und sehr spät Ruhe gefunden hatte, aus einem
leichten Schlummer geweckt worden. Ein anhaltendes Geräusch dort vorn
an der Treppe war schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrückter,
geheimnisvoller Lärm, in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes
Gekicher, gepreßte Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und
ächzende Laute unterschied … Nicht einen Augenblick konnte man über
das Wesen dieses Geräusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht
sobald, mit noch schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie
es auch schon begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen
weichen fühlen und zum Herzen strömen, das sich zusammengezogen und
mit schweren, beklemmenden Schlägen fortgearbeitet hatte. Während einer
langen, grausamen Minute hatte sie wie betäubt, wie gelähmt in den Kissen
gelegen; dann aber, als dieses schamlose Geräusch nicht verstummte, hatte
sie mit bebenden Händen Licht gemacht, hatte voll Verzweiflung, Grimm
und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tür aufgerissen und war in
Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis in die Nähe der Treppe
geeilt: jener schnurgeraden »Himmelsleiter«, die von der Haustür direkt in
das erste Stockwerk heraufführte. Und dort, auf den oberen Stufen eben
dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das Bild in voller Körperlichkeit
dargeboten, das sie drinnen im Schlafzimmer, beim Lauschen auf das
unzweideutige Geräusch, mit Augen, die das Entsetzen erweiterte, schon im
Geiste hatte erblicken müssen … Es war eine Balgerei gewesen, ein
unerlaubter und unsittlicher Ringkampf zwischen der Köchin Babette und
Herrn Permaneder. Das Mädchen, ein Schlüsselbund und ebenfalls eine
Kerze in der Hand, denn sie mußte so spät noch irgendwo im Hause
beschäftigt gewesen sein, hatte sich hin und her gewunden und den
Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den Hut auf dem
Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und beständig versucht hatte, seinen
Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drücken, was ihm hie und da auch
gelungen war … Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette etwas wie »Jessas,
Maria und Joseph!« hervorgestoßen, »Jessas, Maria und Joseph!« hatte Herr
Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen – und während das Mädchen
im selben Augenblick auf geschickte Weise spurlos verschwunden gewesen
war, hatte er mit hängenden Armen, hängendem Kopfe und hängendem
Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden und irgend etwas ausgemacht
war Madame Permaneder, die während des Tages an Störungen der
Magennerven gelitten und sehr spät Ruhe gefunden hatte, aus einem
leichten Schlummer geweckt worden. Ein anhaltendes Geräusch dort vorn
an der Treppe war schuld daran gewesen, ein schlecht unterdrückter,
geheimnisvoller Lärm, in dem man das Knarren der Stufen, ein hustendes
Gekicher, gepreßte Worte der Abwehr und ganz sonderbare knurrende und
ächzende Laute unterschied … Nicht einen Augenblick konnte man über
das Wesen dieses Geräusches im Zweifel sein. Frau Permaneder hatte nicht
sobald, mit noch schlaftrunkenen Sinnen, etwas davon aufgefangen, als sie
es auch schon begriffen, als sie auch schon das Blut hatte aus ihren Wangen
weichen fühlen und zum Herzen strömen, das sich zusammengezogen und
mit schweren, beklemmenden Schlägen fortgearbeitet hatte. Während einer
langen, grausamen Minute hatte sie wie betäubt, wie gelähmt in den Kissen
gelegen; dann aber, als dieses schamlose Geräusch nicht verstummte, hatte
sie mit bebenden Händen Licht gemacht, hatte voll Verzweiflung, Grimm
und Abscheu das Bett verlassen, hatte die Tür aufgerissen und war in
Pantoffeln, das Licht in der Hand, nach vorn bis in die Nähe der Treppe
geeilt: jener schnurgeraden »Himmelsleiter«, die von der Haustür direkt in
das erste Stockwerk heraufführte. Und dort, auf den oberen Stufen eben
dieser Himmelsleiter, hatte sich ihr das Bild in voller Körperlichkeit
dargeboten, das sie drinnen im Schlafzimmer, beim Lauschen auf das
unzweideutige Geräusch, mit Augen, die das Entsetzen erweiterte, schon im
Geiste hatte erblicken müssen … Es war eine Balgerei gewesen, ein
unerlaubter und unsittlicher Ringkampf zwischen der Köchin Babette und
Herrn Permaneder. Das Mädchen, ein Schlüsselbund und ebenfalls eine
Kerze in der Hand, denn sie mußte so spät noch irgendwo im Hause
beschäftigt gewesen sein, hatte sich hin und her gewunden und den
Hausherrn abzuwehren gestrebt, der seinerseits, den Hut auf dem
Hinterkopfe, sie umschlungen gehalten und beständig versucht hatte, seinen
Seehundsschnauzbart in ihr Gesicht zu drücken, was ihm hie und da auch
gelungen war … Bei Antoniens Erscheinen hatte Babette etwas wie »Jessas,
Maria und Joseph!« hervorgestoßen, »Jessas, Maria und Joseph!« hatte Herr
Permaneder wiederholt, hatte sie fahren lassen – und während das Mädchen
im selben Augenblick auf geschickte Weise spurlos verschwunden gewesen
war, hatte er mit hängenden Armen, hängendem Kopfe und hängendem
Schnauzbart vor seiner Gattin gestanden und irgend etwas ausgemacht
Page 356
Unsinniges wie: »Is dös a Hetz!… Es is halt a Kreiz!« gestammelt … Sie
war nicht mehr dagewesen, als er die Augen aufzuschlagen gewagt hatte;
drinnen im Schlafzimmer hatte er sie gefunden: in halb sitzender, halb
liegender Haltung, auf dem Bette, wie sie unter verzweifeltem Schluchzen
immer wieder das Wort »Schande« wiederholt hatte. Er war, in schlaffer
Haltung an die Tür gelehnt, stehengeblieben, hatte eine ruckartige
Schulterbewegung nach vorn gemacht, als erteilte er ihr einen
aufmunternden Rippenstoß, und hatte gesagt: »Sei stad! A, geh, sei stad,
Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl hat halt sei Namenstag g'feiert heit
abend … Wir san alle a weng schwar …« Aber der stark alkoholische
Geruch, den er im Zimmer verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel
gebracht. Sie hatte nicht mehr geschluchzt, sie war nicht länger hinfällig
und schwach gewesen, ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit
der Maßlosigkeit der Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel,
ihren ganzen Abscheu, ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins
und Wesens ins Gesicht geschleudert … Herr Permaneder war nicht
stillgeblieben. Sein Kopf war heiß gewesen, denn er hatte seinem Freunde
Ramsauer zu Ehren nicht nur viele »Maß«, sondern auch »Schampaninger«
getrunken; er hatte geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich
entsponnen, weit schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders
Rückzug in den Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider
zusammengerafft, um sich ins Wohnzimmer zurückzuziehen … Da aber
war, zum Schlusse, ein Wort ihr nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein
Wort, das sie nicht wiederholen würde, das über ihre Lippen niemals
kommen würde, ein Wort … ein Wort …
Dies alles war der hauptsächlichste Inhalt der Geständnisse, die
Madame Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten ließ.
Über das »Wort« aber, dieses »Wort«, das sie in jener fürchterlichen Nacht
bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht hinweg, sie
wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es nicht, beteuerte sie,
obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang, sondern nur, kaum
merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe nickte, während sie
auf Tonys schönes, aschblondes Haar herniedersah.
»Ja, ja«, sagte sie, »da habe ich traurige Dinge hören müssen, Tony. Und
ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht bloß
deine Mama, sondern auch eine Frau wie du … Ich sehe nun, wie sehr
war nicht mehr dagewesen, als er die Augen aufzuschlagen gewagt hatte;
drinnen im Schlafzimmer hatte er sie gefunden: in halb sitzender, halb
liegender Haltung, auf dem Bette, wie sie unter verzweifeltem Schluchzen
immer wieder das Wort »Schande« wiederholt hatte. Er war, in schlaffer
Haltung an die Tür gelehnt, stehengeblieben, hatte eine ruckartige
Schulterbewegung nach vorn gemacht, als erteilte er ihr einen
aufmunternden Rippenstoß, und hatte gesagt: »Sei stad! A, geh, sei stad,
Tonerl! Schau, der Ramsauer Franzl hat halt sei Namenstag g'feiert heit
abend … Wir san alle a weng schwar …« Aber der stark alkoholische
Geruch, den er im Zimmer verbreitet, hatte ihre Exaltation zum Gipfel
gebracht. Sie hatte nicht mehr geschluchzt, sie war nicht länger hinfällig
und schwach gewesen, ihr Temperament hatte sie emporgerissen, und mit
der Maßlosigkeit der Verzweiflung hatte sie ihm laut ihren ganzen Ekel,
ihren ganzen Abscheu, ihre fundamentale Verachtung seines ganzen Seins
und Wesens ins Gesicht geschleudert … Herr Permaneder war nicht
stillgeblieben. Sein Kopf war heiß gewesen, denn er hatte seinem Freunde
Ramsauer zu Ehren nicht nur viele »Maß«, sondern auch »Schampaninger«
getrunken; er hatte geantwortet, wild geantwortet, ein Streit hatte sich
entsponnen, weit schrecklicher als derjenige bei Herrn Permaneders
Rückzug in den Ruhestand, Frau Antonie hatte ihre Kleider
zusammengerafft, um sich ins Wohnzimmer zurückzuziehen … Da aber
war, zum Schlusse, ein Wort ihr nachgeklungen, ein Wort seinerseits, ein
Wort, das sie nicht wiederholen würde, das über ihre Lippen niemals
kommen würde, ein Wort … ein Wort …
Dies alles war der hauptsächlichste Inhalt der Geständnisse, die
Madame Permaneder in die Kleiderfalten ihrer Mutter hinein verlauten ließ.
Über das »Wort« aber, dieses »Wort«, das sie in jener fürchterlichen Nacht
bis in ihr Innerstes hinein hatte erstarren lassen, kam sie nicht hinweg, sie
wiederholte es nicht, oh, bei Gott, sie wiederholte es nicht, beteuerte sie,
obgleich die Konsulin durchaus nicht in sie drang, sondern nur, kaum
merklich, langsam und nachdenklich mit dem Kopfe nickte, während sie
auf Tonys schönes, aschblondes Haar herniedersah.
»Ja, ja«, sagte sie, »da habe ich traurige Dinge hören müssen, Tony. Und
ich verstehe alles ganz gut, meine arme kleine Dirn, denn ich bin nicht bloß
deine Mama, sondern auch eine Frau wie du … Ich sehe nun, wie sehr
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berechtigt dein Schmerz ist, wie völlig dein Mann während eines
Augenblickes der Schwäche vergessen hat, was er dir schuldet …«
»Während eines Augenblickes?!« rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei
Schritte zurück und trocknete fieberhaft ihre Augen. »Während eines
Augenblickes, Mama?!… Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das
hat er vergessen … das hat er nicht gewußt von Anfang an! Ein Mann, der
sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein Mann
ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des Blutes
einen dickflüssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat … ja, davon bin
ich überzeugt!… der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten herbeiläßt,
wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine Nichtswürdigkeit
vorhält, mit einem Worte antwortet … einem Worte …«
Sie war wieder bei dem Worte angelangt, diesem Worte, das sie nicht
wiederholte. Plötzlich aber tat sie einen Schritt vorwärts und sagte mit
unvermittelt ruhiger und sanft interessierter Stimme: »Wie allerliebst.
Woher ist das, Mama?«
Sie wies mit dem Kinn auf einen kleinen Behälter, einen
rohrgeflochtenen Korb, einen zierlichen kleinen Ständer, mit Atlasschleifen
geschmückt, in dem die Konsulin seit einiger Zeit ihre Handarbeit zu
bewahren pflegte.
»Ich habe ihn mir zugelegt«, antwortete die alte Dame; »ich hatte ihn
nötig.«
»Vornehm!« … sagte Tony, indem sie das Gestell mit seitwärts
geneigtem Kopfe betrachtete. Auch die Konsulin ließ ihre Augen auf dem
Gegenstande ruhen, aber ohne ihn zu sehen, in tiefen Gedanken.
»Nun, meine liebe Tony«, sagte sie endlich, indem sie ihrer Tochter
noch einmal die Hände entgegenstreckte, »wie die Dinge auch liegen
mögen: du bist da, und so sei mir denn aufs herzlichste willkommen, mein
Kind. Mit ruhigerem Gemüte wird sich alles besprechen lassen … Lege ab,
in deinem Zimmer, mach' es dir bequem … Ida!?« rief sie mit erhobener
Stimme in den Eßsaal hinein. »Daß Kuverts aufgelegt werden für Madame
Permaneder und Erika, Liebe!«
Augenblickes der Schwäche vergessen hat, was er dir schuldet …«
»Während eines Augenblickes?!« rief Tony. Sie sprang auf. Sie trat zwei
Schritte zurück und trocknete fieberhaft ihre Augen. »Während eines
Augenblickes, Mama?!… Was er mir und unserem Namen schuldig ist, das
hat er vergessen … das hat er nicht gewußt von Anfang an! Ein Mann, der
sich mit der Mitgift seiner Frau ganz einfach zur Ruhe setzt! Ein Mann
ohne Ehrgeiz, ohne Streben, ohne Ziele! Ein Mann, der statt des Blutes
einen dickflüssigen Malz- und Hopfenbrei in den Adern hat … ja, davon bin
ich überzeugt!… der sich dann noch zu solchen Niedrigkeiten herbeiläßt,
wie dies mit der Babett, und, wenn man ihm seine Nichtswürdigkeit
vorhält, mit einem Worte antwortet … einem Worte …«
Sie war wieder bei dem Worte angelangt, diesem Worte, das sie nicht
wiederholte. Plötzlich aber tat sie einen Schritt vorwärts und sagte mit
unvermittelt ruhiger und sanft interessierter Stimme: »Wie allerliebst.
Woher ist das, Mama?«
Sie wies mit dem Kinn auf einen kleinen Behälter, einen
rohrgeflochtenen Korb, einen zierlichen kleinen Ständer, mit Atlasschleifen
geschmückt, in dem die Konsulin seit einiger Zeit ihre Handarbeit zu
bewahren pflegte.
»Ich habe ihn mir zugelegt«, antwortete die alte Dame; »ich hatte ihn
nötig.«
»Vornehm!« … sagte Tony, indem sie das Gestell mit seitwärts
geneigtem Kopfe betrachtete. Auch die Konsulin ließ ihre Augen auf dem
Gegenstande ruhen, aber ohne ihn zu sehen, in tiefen Gedanken.
»Nun, meine liebe Tony«, sagte sie endlich, indem sie ihrer Tochter
noch einmal die Hände entgegenstreckte, »wie die Dinge auch liegen
mögen: du bist da, und so sei mir denn aufs herzlichste willkommen, mein
Kind. Mit ruhigerem Gemüte wird sich alles besprechen lassen … Lege ab,
in deinem Zimmer, mach' es dir bequem … Ida!?« rief sie mit erhobener
Stimme in den Eßsaal hinein. »Daß Kuverts aufgelegt werden für Madame
Permaneder und Erika, Liebe!«
Page 358
Zehntes Kapitel
Tony hatte sich gleich nach Tische in ihr Schlafzimmer zurückgezogen,
denn während des Essens war ihr durch die Konsulin die Vermutung
bestätigt worden, daß Thomas um ihre Ankunft wisse … und sie schien auf
das Zusammentreffen mit ihm nicht sonderlich begierig zu sein.
Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins
Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter
hatte.
»Und wie ist sie?« fragte er. »Wie benimmt sie sich?«
»Ach, Tom, ich fürchte, sie ist unversöhnlich … Mein Gott, sie ist so
sehr gereizt … Und dann dieses Wort … wenn ich nur das Wort wüßte, das
er gesagt hat …«
»Ich gehe zu ihr.«
»Tu' das, Tom. Aber klopfe leise, daß sie nicht erschrickt, und bleibe
ruhig, hörst du? Ihre Nerven sind in Unordnung … Sie hat fast nichts
gegessen … Es ist ihr Magen, weißt du … Sprich mit Ruhe zu ihr.«
Rasch, mit gewohnheitsmäßiger Eile immer eine Stufe überspringend,
stieg er die Treppe zur zweiten Etage empor, indem er sinnend an seinem
Schnurrbart drehte. Aber schon während er pochte, hellte sein Gesicht sich
auf, denn er war entschlossen, die Angelegenheit so lange wie nur möglich
mit Humor zu behandeln.
Er öffnete auf ein leidend klingendes Herein und fand Frau Permaneder
vollständig angekleidet auf dem Bette liegend, dessen Vorhänge
zurückgeschlagen waren, das Plumeau hinter dem Rücken, ein Fläschchen
mit Magentropfen neben sich auf dem Nachttischchen. Sie wandte sich ein
wenig, stützte den Kopf auf die Hand und sah ihm mit einem schmollenden
Lächeln entgegen. Er verbeugte sich sehr tief, indem er mit ausgebreiteten
Händen eine feierliche Geste beschrieb.
»Gnädige Frau …! Was verschafft uns die Ehre, diese Haupt- und
Residenzstädterin …«
Tony hatte sich gleich nach Tische in ihr Schlafzimmer zurückgezogen,
denn während des Essens war ihr durch die Konsulin die Vermutung
bestätigt worden, daß Thomas um ihre Ankunft wisse … und sie schien auf
das Zusammentreffen mit ihm nicht sonderlich begierig zu sein.
Um sechs Uhr nachmittags kam der Konsul herauf. Er begab sich ins
Landschaftszimmer, woselbst er eine lange Unterredung mit seiner Mutter
hatte.
»Und wie ist sie?« fragte er. »Wie benimmt sie sich?«
»Ach, Tom, ich fürchte, sie ist unversöhnlich … Mein Gott, sie ist so
sehr gereizt … Und dann dieses Wort … wenn ich nur das Wort wüßte, das
er gesagt hat …«
»Ich gehe zu ihr.«
»Tu' das, Tom. Aber klopfe leise, daß sie nicht erschrickt, und bleibe
ruhig, hörst du? Ihre Nerven sind in Unordnung … Sie hat fast nichts
gegessen … Es ist ihr Magen, weißt du … Sprich mit Ruhe zu ihr.«
Rasch, mit gewohnheitsmäßiger Eile immer eine Stufe überspringend,
stieg er die Treppe zur zweiten Etage empor, indem er sinnend an seinem
Schnurrbart drehte. Aber schon während er pochte, hellte sein Gesicht sich
auf, denn er war entschlossen, die Angelegenheit so lange wie nur möglich
mit Humor zu behandeln.
Er öffnete auf ein leidend klingendes Herein und fand Frau Permaneder
vollständig angekleidet auf dem Bette liegend, dessen Vorhänge
zurückgeschlagen waren, das Plumeau hinter dem Rücken, ein Fläschchen
mit Magentropfen neben sich auf dem Nachttischchen. Sie wandte sich ein
wenig, stützte den Kopf auf die Hand und sah ihm mit einem schmollenden
Lächeln entgegen. Er verbeugte sich sehr tief, indem er mit ausgebreiteten
Händen eine feierliche Geste beschrieb.
»Gnädige Frau …! Was verschafft uns die Ehre, diese Haupt- und
Residenzstädterin …«
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»Gib mir einen Kuß, Tom«, sagte sie und richtete sich auf, um ihm ihre
Wange darzubieten und sich dann wieder zurücksinken zu lassen. »Guten
Tag, mein guter Junge! Du bist ganz unverändert, wie ich sehe, seit euren
Münchener Tagen!«
»Na, darüber kannst du hier bei geschlossenen Rouleaus wohl kein
Urteil haben, meine Teure. Und jedenfalls hättest du mir das Kompliment
nicht vor der Nase wegnehmen dürfen, denn es gebührt natürlich dir …«
Er hatte, während er ihre Hand in der seinen hielt, einen Stuhl
herbeigezogen und sich zu ihr gesetzt.
»Wie schon so oft ausgesprochen: du und Klothilde …«
»Pfui, Tom!… Wie geht es Thilda?«
»Gut, versteht sich! Madame Krauseminz sorgt für sie und daß sie nicht
hungert. Was aber nicht hindert, daß Thilda hier Donnerstags ganz
ausnehmend schlingt, als wäre es für die nächste Woche im voraus …«
Sie lachte so herzlich wie seit langer Zeit nicht mehr, brach dann aber
mit einem Seufzer ab und fragte: »Und was machen die Geschäfte?«
»Tja … man schlägt sich durch. Man muß zufrieden sein …«
»Oh, Gott sei Dank, daß h i e r wenigstens alles steht, wie es stehen soll!
Ach, ich bin gar nicht aufgelegt, vergnügt zu schwatzen …«
»Schade. Den Humor soll man sich, quand même, bewahren.«
»Nein, damit ist es aus, Tom. – Du weißt alles?«
»Du weißt alles …!« wiederholte er, ließ ihre Hand fahren und setzte
mit einem Ruck seinen Stuhl ein Stück rückwärts. »Heiliger Gott, wie das
klingt! ›Alles!‹ Was liegt alles in diesem ›alles‹ begraben! ›Ich senkt' auch
meine Liebe und meinen Schmerz hinein‹, wie? Nein, höre mal …«
Sie schwieg. Sie streifte ihn mit einem tief erstaunten und tief
gekränkten Blick.
»Ja, dies Gesicht habe ich erwartet«, sagte er, »denn ohne dieses
Gesicht wärest du ja nicht hier. Aber erlaube mir, meine gute Tony, daß ich
Wange darzubieten und sich dann wieder zurücksinken zu lassen. »Guten
Tag, mein guter Junge! Du bist ganz unverändert, wie ich sehe, seit euren
Münchener Tagen!«
»Na, darüber kannst du hier bei geschlossenen Rouleaus wohl kein
Urteil haben, meine Teure. Und jedenfalls hättest du mir das Kompliment
nicht vor der Nase wegnehmen dürfen, denn es gebührt natürlich dir …«
Er hatte, während er ihre Hand in der seinen hielt, einen Stuhl
herbeigezogen und sich zu ihr gesetzt.
»Wie schon so oft ausgesprochen: du und Klothilde …«
»Pfui, Tom!… Wie geht es Thilda?«
»Gut, versteht sich! Madame Krauseminz sorgt für sie und daß sie nicht
hungert. Was aber nicht hindert, daß Thilda hier Donnerstags ganz
ausnehmend schlingt, als wäre es für die nächste Woche im voraus …«
Sie lachte so herzlich wie seit langer Zeit nicht mehr, brach dann aber
mit einem Seufzer ab und fragte: »Und was machen die Geschäfte?«
»Tja … man schlägt sich durch. Man muß zufrieden sein …«
»Oh, Gott sei Dank, daß h i e r wenigstens alles steht, wie es stehen soll!
Ach, ich bin gar nicht aufgelegt, vergnügt zu schwatzen …«
»Schade. Den Humor soll man sich, quand même, bewahren.«
»Nein, damit ist es aus, Tom. – Du weißt alles?«
»Du weißt alles …!« wiederholte er, ließ ihre Hand fahren und setzte
mit einem Ruck seinen Stuhl ein Stück rückwärts. »Heiliger Gott, wie das
klingt! ›Alles!‹ Was liegt alles in diesem ›alles‹ begraben! ›Ich senkt' auch
meine Liebe und meinen Schmerz hinein‹, wie? Nein, höre mal …«
Sie schwieg. Sie streifte ihn mit einem tief erstaunten und tief
gekränkten Blick.
»Ja, dies Gesicht habe ich erwartet«, sagte er, »denn ohne dieses
Gesicht wärest du ja nicht hier. Aber erlaube mir, meine gute Tony, daß ich
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die Sache um ebensoviel zu leicht nehme, als du sie zu schwer nimmst, und
du wirst sehen, daß wir uns vorteilhaft ergänzen …«
»Zu schwer, Thomas, zu schwer …?«
»Ja; Herrgott, spielen wir doch nicht Tragödie! Reden wir ein bißchen
bescheiden und nicht mit ›Alles ist zu Ende‹ und ›Eure unglückliche
Antonie‹! Versteh' mich recht, Tony; du weißt gut, daß ich der erste bin, der
sich so herzlich über dein Kommen freut. Ich habe schon lange gewünscht,
du möchtest einmal zu Besuch kommen, ohne deinen Mann, daß wir wieder
einmal so ganz en famille beieinander sitzen könnten. Aber, daß du j e t z t
kommst und s o kommst, pardon, das ist eine Dummheit, mein Kind!… Ja
… laß mich zu Ende sprechen! – Permaneder hat sich reichlich mangelhaft
betragen, das muß wahr sein, und das werde auch ich ihm zu verstehen
geben, sei überzeugt …«
»W i e er sich betragen hat, Thomas«, unterbrach sie ihn, indem sie sich
aufrichtete und eine Hand auf ihre Brust legte, »das habe ich ihm schon zu
verstehen gegeben und nicht nur ›zu verstehen gegeben‹, will ich dir sagen.
Weitere Auseinandersetzungen mit dem Manne halte ich, meinem
Taktgefühle nach, für vollkommen unangebracht!« Damit ließ sie sich
wieder zurückfallen und blickte streng und unbewegt zur Decke empor.
Er neigte sich, wie unter dem Gewichte ihrer Worte, und dabei blickte er
lächelnd auf seine Knie nieder.
»Na, so werde ich ihm denn also k e i n e n groben Brief schreiben: ganz
wie du befiehlst. Zuletzt ist es ja deine Angelegenheit, und es genügt
durchaus, daß du selbst ihm den Kopf zurechtsetzest; als seine Frau bist du
berufen dazu. Bei Lichte besehen, sind ihm ja übrigens die mildernden
Umstände nicht abzusprechen. Ein Freund hat Namenstag gefeiert, er
kommt in festlicher Stimmung, in etwas zu guter Laune nach Hause und
läßt sich einen kleinen Übergriff, einen kleinen unziemlichen Seitensprung
zuschulden kommen …«
»Thomas«, sagte sie, »ich verstehe dich nicht. Ich verstehe nicht den
Ton, in dem du redest! Du … Ein Mann von deinen Grundsätzen … Aber
du hast ihn nicht gesehen! Wie er sie anfaßte in seiner Betrunkenheit, wie er
aussah …«
du wirst sehen, daß wir uns vorteilhaft ergänzen …«
»Zu schwer, Thomas, zu schwer …?«
»Ja; Herrgott, spielen wir doch nicht Tragödie! Reden wir ein bißchen
bescheiden und nicht mit ›Alles ist zu Ende‹ und ›Eure unglückliche
Antonie‹! Versteh' mich recht, Tony; du weißt gut, daß ich der erste bin, der
sich so herzlich über dein Kommen freut. Ich habe schon lange gewünscht,
du möchtest einmal zu Besuch kommen, ohne deinen Mann, daß wir wieder
einmal so ganz en famille beieinander sitzen könnten. Aber, daß du j e t z t
kommst und s o kommst, pardon, das ist eine Dummheit, mein Kind!… Ja
… laß mich zu Ende sprechen! – Permaneder hat sich reichlich mangelhaft
betragen, das muß wahr sein, und das werde auch ich ihm zu verstehen
geben, sei überzeugt …«
»W i e er sich betragen hat, Thomas«, unterbrach sie ihn, indem sie sich
aufrichtete und eine Hand auf ihre Brust legte, »das habe ich ihm schon zu
verstehen gegeben und nicht nur ›zu verstehen gegeben‹, will ich dir sagen.
Weitere Auseinandersetzungen mit dem Manne halte ich, meinem
Taktgefühle nach, für vollkommen unangebracht!« Damit ließ sie sich
wieder zurückfallen und blickte streng und unbewegt zur Decke empor.
Er neigte sich, wie unter dem Gewichte ihrer Worte, und dabei blickte er
lächelnd auf seine Knie nieder.
»Na, so werde ich ihm denn also k e i n e n groben Brief schreiben: ganz
wie du befiehlst. Zuletzt ist es ja deine Angelegenheit, und es genügt
durchaus, daß du selbst ihm den Kopf zurechtsetzest; als seine Frau bist du
berufen dazu. Bei Lichte besehen, sind ihm ja übrigens die mildernden
Umstände nicht abzusprechen. Ein Freund hat Namenstag gefeiert, er
kommt in festlicher Stimmung, in etwas zu guter Laune nach Hause und
läßt sich einen kleinen Übergriff, einen kleinen unziemlichen Seitensprung
zuschulden kommen …«
»Thomas«, sagte sie, »ich verstehe dich nicht. Ich verstehe nicht den
Ton, in dem du redest! Du … Ein Mann von deinen Grundsätzen … Aber
du hast ihn nicht gesehen! Wie er sie anfaßte in seiner Betrunkenheit, wie er
aussah …«
Page 361
»Komisch genug, wie ich mir denken kann. Aber das ist es ja, Tony: du
nimmst die Sache nicht komisch genug, und daran ist natürlich dein Magen
schuld. Du hast deinen Mann auf einer Schwäche ertappt, du hast ihn ein
wenig lächerlich gesehen … aber das sollte dich nicht so fürchterlich
empören, sondern dich eher ein bißchen amüsieren und ihn dir menschlich
noch näher bringen … Ich will dir eines sagen: du konntest sein Betragen
natürlich nicht ohne weiteres mit Lächeln und Stillschweigen billigen,
bewahre. Du bist abgereist: das war eine Demonstration, etwas lebhaft
vielleicht, vielleicht eine zu strenge Strafe – denn wie betrübt er in diesem
Augenblick dasitzt, das möchte ich nicht sehen – aber immerhin gerecht.
Meine Bitte geht nur dahin, du möchtest die Dinge etwas weniger entrüstet
und wenig mehr vom politischen Standpunkte aus betrachten … wir reden
ja unter uns. Ich muß dir einmal andeuten, daß es doch in einer Ehe
keineswegs gleichgültig ist, auf welcher Seite sich das … moralische
Übergewicht befindet … versteh' mich, Tony! Dein Mann hat sich eine
Blöße gegeben, darüber besteht kein Zweifel. Er hat sich kompromittiert,
sich ein bißchen lächerlich gemacht … lächerlich gerade darum, weil sein
Vergehen so harmlos, so wenig ernsthaft zu nehmen ist … Kurz, seine
Würde ist nicht mehr unantastbar, eine gewisse Überlegenheit ist jetzt
entschieden auf deiner Seite, und gesetzt, daß du sie geschickt zu nutzen
verstehst, so ist dein Glück gewiß. Wenn du nun in … sagen wir vierzehn
Tagen – ja, bitte, so lange muß ich dich m i n d e s t e n s für uns in Anspruch
nehmen! – in vierzehn Tagen nach München zurückkehrst, so wirst du
sehen …«
»Ich werde nicht nach München zurückkehren, Thomas.«
»Wie beliebt?« fragte er, indem er sein Gesicht verzog, eine Hand ans
Ohr legte und sich vorwärts beugte …
Sie lag auf dem Rücken, den Hinterkopf fest in die Kissen gedrückt, so
daß das Kinn mit einer gewissen Strenge vorgeschoben schien.
»N i e m a l s«, sagte sie; worauf sie lang und geräuschvoll ausatmete und
sich räusperte: langsam und ausdrücklich – ein trockenes Räuspern, das
anfing, bei ihr zur nervösen Gewohnheit zu werden und wahrscheinlich mit
ihrem Magenleiden zusammenhing. – Eine Pause trat ein.
nimmst die Sache nicht komisch genug, und daran ist natürlich dein Magen
schuld. Du hast deinen Mann auf einer Schwäche ertappt, du hast ihn ein
wenig lächerlich gesehen … aber das sollte dich nicht so fürchterlich
empören, sondern dich eher ein bißchen amüsieren und ihn dir menschlich
noch näher bringen … Ich will dir eines sagen: du konntest sein Betragen
natürlich nicht ohne weiteres mit Lächeln und Stillschweigen billigen,
bewahre. Du bist abgereist: das war eine Demonstration, etwas lebhaft
vielleicht, vielleicht eine zu strenge Strafe – denn wie betrübt er in diesem
Augenblick dasitzt, das möchte ich nicht sehen – aber immerhin gerecht.
Meine Bitte geht nur dahin, du möchtest die Dinge etwas weniger entrüstet
und wenig mehr vom politischen Standpunkte aus betrachten … wir reden
ja unter uns. Ich muß dir einmal andeuten, daß es doch in einer Ehe
keineswegs gleichgültig ist, auf welcher Seite sich das … moralische
Übergewicht befindet … versteh' mich, Tony! Dein Mann hat sich eine
Blöße gegeben, darüber besteht kein Zweifel. Er hat sich kompromittiert,
sich ein bißchen lächerlich gemacht … lächerlich gerade darum, weil sein
Vergehen so harmlos, so wenig ernsthaft zu nehmen ist … Kurz, seine
Würde ist nicht mehr unantastbar, eine gewisse Überlegenheit ist jetzt
entschieden auf deiner Seite, und gesetzt, daß du sie geschickt zu nutzen
verstehst, so ist dein Glück gewiß. Wenn du nun in … sagen wir vierzehn
Tagen – ja, bitte, so lange muß ich dich m i n d e s t e n s für uns in Anspruch
nehmen! – in vierzehn Tagen nach München zurückkehrst, so wirst du
sehen …«
»Ich werde nicht nach München zurückkehren, Thomas.«
»Wie beliebt?« fragte er, indem er sein Gesicht verzog, eine Hand ans
Ohr legte und sich vorwärts beugte …
Sie lag auf dem Rücken, den Hinterkopf fest in die Kissen gedrückt, so
daß das Kinn mit einer gewissen Strenge vorgeschoben schien.
»N i e m a l s«, sagte sie; worauf sie lang und geräuschvoll ausatmete und
sich räusperte: langsam und ausdrücklich – ein trockenes Räuspern, das
anfing, bei ihr zur nervösen Gewohnheit zu werden und wahrscheinlich mit
ihrem Magenleiden zusammenhing. – Eine Pause trat ein.
Page 362
»Tony«, sagte er plötzlich, indem er aufstand und seine Hand fest auf
die Lehne des Empirestuhles niedersinken ließ, »du machst mir keinen
Skandal!…«
Ein Seitenblick belehrte sie, daß er bleich war, und daß die Muskeln an
seinen Schläfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht länger haltbar. Auch sie
geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm
empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie ließ die Füße
vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen, zusammengezogenen
Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie an: »Skandal,
Thomas …?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu machen, wenn man
mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht speit?! Ist das
eines Bruders würdig?… Ja, diese Frage mußt du mir gefälligst erlauben!
Rücksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber es gibt eine Grenze im
Leben, Tom – und ich kenne das Leben, so gut wie du – wo die Angst vor
dem Skandale anfängt, Feigheit zu heißen, ja! Und ich wundere mich, daß
ich dir das sagen muß, die ich bloß eine Gans und ein dummes Ding bin …
Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn Permaneder mich nie geliebt hat,
denn ich bin alt und ein häßliches Weib, das mag sein, und Babett ist
sicherlich hübscher. Aber das enthob ihn nicht der Rücksicht, die er meiner
Herkunft und meiner Erziehung und meinem Empfinden schuldete! Du hast
nicht gesehen, Tom, in welcher Weise er diese Rücksicht vergaß, und wer es
nicht gesehen hat, der weiß gar nichts, denn erzählen läßt es sich nicht, wie
widerlich er war in seinem Zustande … Und du hast das Wort nicht gehört,
das er mir, mir, deiner Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen
nahm und das Zimmer verließ, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu
schlafen … Ja! da habe ich hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhören
müssen … ein Wort … ein Wort …! … Kurz, Thomas, dies Wort war es
ganz eigentlich, daß du es weißt, was mich veranlaßt, g e z w u n g e n hat,
während der ganzen Nacht zu packen und in aller Frühe Erika zu wecken
und davonzugehen, denn bei einem Manne, in dessen Nähe ich solcher
Worte gewärtig sein muß, konnte ich nicht bleiben, und zu einem solchen
Manne werde ich, wie gesagt, niemals zurückkehren … oder ich müßte
verkommen und könnte mich nicht mehr achten und hätte keinen Halt mehr
im Leben!«
»Willst du nun die Güte haben, mir dieses gottverdammte Wort
mitzuteilen, ja oder nein?«
die Lehne des Empirestuhles niedersinken ließ, »du machst mir keinen
Skandal!…«
Ein Seitenblick belehrte sie, daß er bleich war, und daß die Muskeln an
seinen Schläfen arbeiteten. Ihre Lage war nicht länger haltbar. Auch sie
geriet in Bewegung, und, um die Furcht zu verbergen, die sie vor ihm
empfand, ward sie laut und zornig. Sie schnellte empor, sie ließ die Füße
vom Bette hinuntergleiten, und mit hitzigen Wangen, zusammengezogenen
Brauen und raschen Kopf- und Handbewegungen fing sie an: »Skandal,
Thomas …?! Du magst mir befehlen, keinen Skandal zu machen, wenn man
mich mit Schande bedeckt, mir ganz einfach ins Gesicht speit?! Ist das
eines Bruders würdig?… Ja, diese Frage mußt du mir gefälligst erlauben!
Rücksicht und Takt sind gute Sachen, bewahre! Aber es gibt eine Grenze im
Leben, Tom – und ich kenne das Leben, so gut wie du – wo die Angst vor
dem Skandale anfängt, Feigheit zu heißen, ja! Und ich wundere mich, daß
ich dir das sagen muß, die ich bloß eine Gans und ein dummes Ding bin …
Ja, das bin ich und verstehe es gut, wenn Permaneder mich nie geliebt hat,
denn ich bin alt und ein häßliches Weib, das mag sein, und Babett ist
sicherlich hübscher. Aber das enthob ihn nicht der Rücksicht, die er meiner
Herkunft und meiner Erziehung und meinem Empfinden schuldete! Du hast
nicht gesehen, Tom, in welcher Weise er diese Rücksicht vergaß, und wer es
nicht gesehen hat, der weiß gar nichts, denn erzählen läßt es sich nicht, wie
widerlich er war in seinem Zustande … Und du hast das Wort nicht gehört,
das er mir, mir, deiner Schwester, nachgerufen hat, als ich meine Sachen
nahm und das Zimmer verließ, um im Wohnzimmer auf dem Sofa zu
schlafen … Ja! da habe ich hinter mir aus seinem Munde ein Wort anhören
müssen … ein Wort … ein Wort …! … Kurz, Thomas, dies Wort war es
ganz eigentlich, daß du es weißt, was mich veranlaßt, g e z w u n g e n hat,
während der ganzen Nacht zu packen und in aller Frühe Erika zu wecken
und davonzugehen, denn bei einem Manne, in dessen Nähe ich solcher
Worte gewärtig sein muß, konnte ich nicht bleiben, und zu einem solchen
Manne werde ich, wie gesagt, niemals zurückkehren … oder ich müßte
verkommen und könnte mich nicht mehr achten und hätte keinen Halt mehr
im Leben!«
»Willst du nun die Güte haben, mir dieses gottverdammte Wort
mitzuteilen, ja oder nein?«
Page 363
»Niemals, Thomas! Niemals werde ich es mit meinen Lippen
wiederholen! Ich weiß, was ich mir und dir in diesen Räumen schuldig
bin …«
»Dann ist nicht mit dir zu reden!«
»Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr
darüber …«
»Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?«
»Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschluß. Das ist die
Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen
schuldig bin.«
»Na, das ist also Unsinn«, sagte er gelassen, drehte sich auf dem
Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit überhaupt das Ganze
erledigt sei. »Zum Scheidenlassen gehören zwei, mein Kind; und daß
Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergnügen dazu bereit finden wird,
der Gedanke ist doch wohl bloß belustigend …«
»Oh, das laß meine Sorge sein«, sagte sie, ohne sich einschüchtern zu
lassen. »Du meinst, daß er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner
17000 Taler Kurant; aber Grünlich hat auch nicht gewollt, und man hat ihn
gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das ist
Christians Freund, und der wird mir beistehen … Gewiß, es war etwas
anderes damals, ich weiß, was du sagen willst. Damals war es ›Unfähigkeit
des Mannes, seine Familie zu ernähren‹ ja! Du siehst übrigens, daß ich sehr
wohl Bescheid weiß in diesen Dingen, während du wahrhaftig tust, als wäre
es das erstemal im Leben, daß ich mich scheiden lasse!… Aber das ist ganz
gleich, Tom. Vielleicht geht es nicht an und ist unmöglich – das mag sein;
du kannst gern recht haben. Aber das ändert nichts. Das ändert nichts an
meinen Entschlüssen. Dann mag er die Groschen behalten – es gibt höhere
Dinge im Leben! Aber mich sieht er niemals wieder.«
Und darauf räusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich in
dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne
gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, daß vier gekrümmte
Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkörper seitwärts
wiederholen! Ich weiß, was ich mir und dir in diesen Räumen schuldig
bin …«
»Dann ist nicht mit dir zu reden!«
»Das mag sein; und ich wollte, wir redeten auch gar nicht mehr
darüber …«
»Was willst du tun? Willst du dich scheiden lassen?«
»Das will ich, Tom. Das ist mein fester Entschluß. Das ist die
Handlungsweise, die ich mir selbst und meinem Kinde und euch allen
schuldig bin.«
»Na, das ist also Unsinn«, sagte er gelassen, drehte sich auf dem
Absatze um und ging von ihr fort, als ob damit überhaupt das Ganze
erledigt sei. »Zum Scheidenlassen gehören zwei, mein Kind; und daß
Permaneder sich so ohne weiteres mit Vergnügen dazu bereit finden wird,
der Gedanke ist doch wohl bloß belustigend …«
»Oh, das laß meine Sorge sein«, sagte sie, ohne sich einschüchtern zu
lassen. »Du meinst, daß er sich widersetzen wird, und zwar wegen meiner
17000 Taler Kurant; aber Grünlich hat auch nicht gewollt, und man hat ihn
gezwungen, da gibt es Mittel, und ich gehe zu Doktor Gieseke; das ist
Christians Freund, und der wird mir beistehen … Gewiß, es war etwas
anderes damals, ich weiß, was du sagen willst. Damals war es ›Unfähigkeit
des Mannes, seine Familie zu ernähren‹ ja! Du siehst übrigens, daß ich sehr
wohl Bescheid weiß in diesen Dingen, während du wahrhaftig tust, als wäre
es das erstemal im Leben, daß ich mich scheiden lasse!… Aber das ist ganz
gleich, Tom. Vielleicht geht es nicht an und ist unmöglich – das mag sein;
du kannst gern recht haben. Aber das ändert nichts. Das ändert nichts an
meinen Entschlüssen. Dann mag er die Groschen behalten – es gibt höhere
Dinge im Leben! Aber mich sieht er niemals wieder.«
Und darauf räusperte sie sich. Sie hatte das Bett verlassen, hatte sich in
dem Armsessel niedergelassen, einen Ellenbogen auf die Seitenlehne
gestemmt und das Kinn so fest in die Hand vergraben, daß vier gekrümmte
Finger die Unterlippe gepackt hielten. So, den Oberkörper seitwärts
Page 364
gewandt, blickte sie mit erregten und geröteten Augen starr durchs Fenster
hinaus.
Der Konsul schritt im Zimmer auf und ab, seufzte, schüttelte den Kopf
und zuckte die Achseln. Schließlich blieb er mit gerungenen Händen vor ihr
stehen.
»Du bist ja ein Kindskopf, Tony!« sagte er verzagt und flehend. »Jedes
Wort, das du sprichst, ist ja eine Kinderei! Willst du dich nun nicht, wenn
ich dich bitte, dazu bequemen, die Dinge während eines einzigen
Augenblicks wie ein Erwachsener anzusehen?! Merkst du denn nicht, daß
du dich benimmst, als hättest du etwas Ernstes und Schweres erlebt, als
hätte dein Mann dich grausam betrogen, dich vor aller Welt mit Schmach
überhäuft!? Aber so bedenke doch nur, daß ja nichts geschehen ist! Daß von
diesem albernen Vorkommnis auf eurer Himmelsleiter in der
Kaufingerstraße ja keines Menschen Seele etwas weiß! Daß du deiner und
unserer Würde durchaus keinen Abbruch tust, wenn du in aller Ruhe und
höchstens mit einer etwas mokanten Miene zu Permaneder zurückkehrst …
im Gegenteil! daß du unserer Würde erst schadest, indem du das n i c h t
tust, denn erst dadurch machst du etwas aus dieser Bagatelle, erst dadurch
erregst du Skandal …«
Sie ließ rasch ihr Kinn los und sah ihm ins Gesicht.
»Jetzt sei still, Thomas! Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt höre zu! Wie?
ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter die
Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im stillen an einem
zehrt und die Selbstachtung wegfrißt, der ist viel schlimmer! Sind wir
Buddenbrooks Leute, die nach außen hin ›tip-top‹ sein wollen, wie ihr hier
immer sagt, und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen
hinunterwürgen? Tom, ich muß mich wundern über dich! Stelle dir Vater
vor, wie er sich heute verhalten würde, und dann urteile in seinem Sinne!
Nein, Sauberkeit und Offenheit muß herrschen … Du kannst täglich aller
Welt deine Bücher zeigen und sagen: Da … Anders darf es mit keinem von
uns sein. Ich weiß, wie Gott mich gemacht hat. Ich fürchte mich gar nicht!
Laß Julchen Möllendorpf nur an mir vorübergehen und mich nicht grüßen!
Und laß Pfiffi Buddenbrook nur Donnerstags hier sitzen und sich vor
Schadenfreude schütteln und sagen: ›Nun, das ist ja leider schon das
hinaus.
Der Konsul schritt im Zimmer auf und ab, seufzte, schüttelte den Kopf
und zuckte die Achseln. Schließlich blieb er mit gerungenen Händen vor ihr
stehen.
»Du bist ja ein Kindskopf, Tony!« sagte er verzagt und flehend. »Jedes
Wort, das du sprichst, ist ja eine Kinderei! Willst du dich nun nicht, wenn
ich dich bitte, dazu bequemen, die Dinge während eines einzigen
Augenblicks wie ein Erwachsener anzusehen?! Merkst du denn nicht, daß
du dich benimmst, als hättest du etwas Ernstes und Schweres erlebt, als
hätte dein Mann dich grausam betrogen, dich vor aller Welt mit Schmach
überhäuft!? Aber so bedenke doch nur, daß ja nichts geschehen ist! Daß von
diesem albernen Vorkommnis auf eurer Himmelsleiter in der
Kaufingerstraße ja keines Menschen Seele etwas weiß! Daß du deiner und
unserer Würde durchaus keinen Abbruch tust, wenn du in aller Ruhe und
höchstens mit einer etwas mokanten Miene zu Permaneder zurückkehrst …
im Gegenteil! daß du unserer Würde erst schadest, indem du das n i c h t
tust, denn erst dadurch machst du etwas aus dieser Bagatelle, erst dadurch
erregst du Skandal …«
Sie ließ rasch ihr Kinn los und sah ihm ins Gesicht.
»Jetzt sei still, Thomas! Jetzt bin ich an der Reihe! Jetzt höre zu! Wie?
ist nur das Schande und Skandal im Leben, was laut wird und unter die
Leute kommt? Ach nein! Der heimliche Skandal, der im stillen an einem
zehrt und die Selbstachtung wegfrißt, der ist viel schlimmer! Sind wir
Buddenbrooks Leute, die nach außen hin ›tip-top‹ sein wollen, wie ihr hier
immer sagt, und zwischen unseren vier Wänden dafür Demütigungen
hinunterwürgen? Tom, ich muß mich wundern über dich! Stelle dir Vater
vor, wie er sich heute verhalten würde, und dann urteile in seinem Sinne!
Nein, Sauberkeit und Offenheit muß herrschen … Du kannst täglich aller
Welt deine Bücher zeigen und sagen: Da … Anders darf es mit keinem von
uns sein. Ich weiß, wie Gott mich gemacht hat. Ich fürchte mich gar nicht!
Laß Julchen Möllendorpf nur an mir vorübergehen und mich nicht grüßen!
Und laß Pfiffi Buddenbrook nur Donnerstags hier sitzen und sich vor
Schadenfreude schütteln und sagen: ›Nun, das ist ja leider schon das
Page 365
zweitemal, aber es hat n a t ü r l i c h beide Male an den Männern gelegen!‹
Ich bin so unsäglich erhaben darüber, Thomas! Ich weiß, daß ich getan
habe, was ich für gut hielt. Aber aus Angst vor Julchen Möllendorpf und
Pfiffi Buddenbrook Beleidigungen hinunterzuschlucken und mich in einem
ungebildeten Bierdialekt beschimpfen zu lassen … aus Angst vor ihnen bei
einem Manne, in einer Stadt auszuhalten, wo ich mich an solche Worte, an
solche Szenen, wie die auf der Himmelsleiter, gewöhnen müßte, wo ich
mich und meine Herkunft und meine Erziehung und alles in mir ganz und
gar verleugnen lernen müßte, nur um glücklich und zufrieden zu
erscheinen, – das nenne i c h unwürdig, das nenne i c h skandalös, will ich
dir sagen …!«
Sie brach ab, warf das Kinn wieder in die Hand und starrte erregt auf
die Fensterscheiben. Er stand vor ihr, auf ein Bein gestützt, die Hände in
den Hosentaschen, und ließ seine Augen auf ihr ruhen, ohne sie zu sehen, in
Gedanken, und indem er langsam den Kopf hin und her bewegte.
»Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher
gewußt, aber in deinen letzten Worten hast du dich verraten. Es ist gar nicht
der Mann. Es ist die Stadt. Es ist gar nicht diese Albernheit auf der
Himmelsleiter. Es ist das Ganze überhaupt. Du hast dich nicht
akklimatisieren können. Sei aufrichtig.«
»Da hast du recht, Thomas!« rief sie. Sie sprang sogar empor dabei und
wies ihm mit ausgestreckter Hand gerade ins Gesicht hinein. Ihr Gesicht
war rot. Sie blieb in einer kriegerischen Haltung stehen, mit der einen Hand
den Stuhl erfaßt, gestikulierte mit der anderen und hielt eine Rede, eine
leidenschaftlich bewegte Rede, die unaufhaltsam hervorsprudelte. Der
Konsul betrachtete sie tief erstaunt. Kaum, daß sie sich Zeit ließ, Atem zu
schöpfen, so brausten und brodelten schon wieder neue Worte hervor. Ja, sie
fand Worte, sie drückte alles aus, was sich während dieser Jahre an
Widerwillen in ihr gesammelt hatte: ein bißchen ungeordnet und verworren,
aber sie drückte es aus. Es war eine Explosion, ein Ausbruch voll
verzweifelter Ehrlichkeit … Hier entlud sich etwas, gegen das es keine
Widerrede gab, etwas Elementares, worüber nicht mehr zu streiten war …
»Da hast du recht, Thomas! Das sage du nur noch einmal! Ha, ich
bemerke dir ausdrücklich, daß ich kein dummes Ding mehr bin und weiß,
Ich bin so unsäglich erhaben darüber, Thomas! Ich weiß, daß ich getan
habe, was ich für gut hielt. Aber aus Angst vor Julchen Möllendorpf und
Pfiffi Buddenbrook Beleidigungen hinunterzuschlucken und mich in einem
ungebildeten Bierdialekt beschimpfen zu lassen … aus Angst vor ihnen bei
einem Manne, in einer Stadt auszuhalten, wo ich mich an solche Worte, an
solche Szenen, wie die auf der Himmelsleiter, gewöhnen müßte, wo ich
mich und meine Herkunft und meine Erziehung und alles in mir ganz und
gar verleugnen lernen müßte, nur um glücklich und zufrieden zu
erscheinen, – das nenne i c h unwürdig, das nenne i c h skandalös, will ich
dir sagen …!«
Sie brach ab, warf das Kinn wieder in die Hand und starrte erregt auf
die Fensterscheiben. Er stand vor ihr, auf ein Bein gestützt, die Hände in
den Hosentaschen, und ließ seine Augen auf ihr ruhen, ohne sie zu sehen, in
Gedanken, und indem er langsam den Kopf hin und her bewegte.
»Tony«, sagte er, »du machst mir nichts weis. Ich habe es schon vorher
gewußt, aber in deinen letzten Worten hast du dich verraten. Es ist gar nicht
der Mann. Es ist die Stadt. Es ist gar nicht diese Albernheit auf der
Himmelsleiter. Es ist das Ganze überhaupt. Du hast dich nicht
akklimatisieren können. Sei aufrichtig.«
»Da hast du recht, Thomas!« rief sie. Sie sprang sogar empor dabei und
wies ihm mit ausgestreckter Hand gerade ins Gesicht hinein. Ihr Gesicht
war rot. Sie blieb in einer kriegerischen Haltung stehen, mit der einen Hand
den Stuhl erfaßt, gestikulierte mit der anderen und hielt eine Rede, eine
leidenschaftlich bewegte Rede, die unaufhaltsam hervorsprudelte. Der
Konsul betrachtete sie tief erstaunt. Kaum, daß sie sich Zeit ließ, Atem zu
schöpfen, so brausten und brodelten schon wieder neue Worte hervor. Ja, sie
fand Worte, sie drückte alles aus, was sich während dieser Jahre an
Widerwillen in ihr gesammelt hatte: ein bißchen ungeordnet und verworren,
aber sie drückte es aus. Es war eine Explosion, ein Ausbruch voll
verzweifelter Ehrlichkeit … Hier entlud sich etwas, gegen das es keine
Widerrede gab, etwas Elementares, worüber nicht mehr zu streiten war …
»Da hast du recht, Thomas! Das sage du nur noch einmal! Ha, ich
bemerke dir ausdrücklich, daß ich kein dummes Ding mehr bin und weiß,
Page 366
was ich vom Leben zu halten habe. Ich erstarre nicht mehr, wenn ich
erfahre, daß es nicht immer ganz säuberlich zugeht darin. Ich habe Leute
wie Tränen-Trieschke gekannt und bin mit Grünlich verheiratet gewesen
und kenne unsere Suitiers hier in der Stadt. Ich bin keine Unschuld vom
Lande, will ich dir sagen, und die Sache mit Babett an und für sich und aus
dem Zusammenhang genommen, hätte mich nicht auf und davon gejagt, das
glaube mir! Sondern die Sache ist die, Thomas, daß es das Maß voll
gemacht hat … und dazu gehörte nicht viel, denn es war eigentlich schon
voll … schon lange voll … schon lange voll! Ein Nichts hätte es
überfließen lassen und nun gar dies! Nun gar die Erkenntnis, daß ich mich
nicht einmal in diesem Punkte auf Permaneder verlassen konnte! Das hat
allem die Krone aufgesetzt! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen!
Das hat meinen Entschluß, von München auf und davon zu gehen, mit
einem Schlage zur Reife gebracht, und der war lange, lange im Reifen
begriffen gewesen, Tom, denn ich kann dort unten nicht leben, bei Gott und
seinen heiligen Heerscharen, ich kann es nicht! W i e unglücklich ich
gewesen bin, du weißt es nicht, Thomas, denn auch, als du zu Besuch
kamst, habe ich nichts merken lassen, nein, denn ich bin eine Frau von Takt,
die andere nicht mit Klagen belästigt und ihr Herz nicht an jedem
Wochentage auf der Zunge trägt, und habe immer zur Verschlossenheit
geneigt. Aber ich habe gelitten, Tom, gelitten mit allem, was in mir ist, und
sozusagen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Wie eine Pflanze, um mich
dieses Bildes zu bedienen, wie eine Blume, die in fremdes Erdreich
verpflanzt worden … obgleich du den Vergleich wohl unpassend findest,
denn ich bin ein häßliches Weib … aber in fremderes Erdreich konnte ich
nicht kommen, und lieber ginge ich in die Türkei! Oh, wir sollten niemals
fortgehen, wir hier oben! Wir sollten an unserer Seebucht bleiben und uns
redlich nähren … Ihr habt euch zuweilen über meine Vorliebe für den Adel
mokiert … ja, ich habe in diesen Jahren oft an einige Worte gedacht, die mir
vor längerer Zeit einmal jemand gesagt hat, ein gescheuter Mensch. ›Sie
haben Sympathie für die Adligen …‹ sagte er, ›soll ich Ihnen sagen,
warum? Weil Sie selbst eine Adlige sind! Ihr Vater ist ein großer Herr und
Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht
zu Ihrem Kreise von herrschenden Familien gehören …‹ Ja, Tom, wir
fühlen uns als Adel und fühlen einen Abstand und wir sollten nirgend zu
leben versuchen, wo man nichts von uns weiß und uns nicht einzuschätzen
versteht, denn wir werden nichts als Demütigungen davon haben, und man
erfahre, daß es nicht immer ganz säuberlich zugeht darin. Ich habe Leute
wie Tränen-Trieschke gekannt und bin mit Grünlich verheiratet gewesen
und kenne unsere Suitiers hier in der Stadt. Ich bin keine Unschuld vom
Lande, will ich dir sagen, und die Sache mit Babett an und für sich und aus
dem Zusammenhang genommen, hätte mich nicht auf und davon gejagt, das
glaube mir! Sondern die Sache ist die, Thomas, daß es das Maß voll
gemacht hat … und dazu gehörte nicht viel, denn es war eigentlich schon
voll … schon lange voll … schon lange voll! Ein Nichts hätte es
überfließen lassen und nun gar dies! Nun gar die Erkenntnis, daß ich mich
nicht einmal in diesem Punkte auf Permaneder verlassen konnte! Das hat
allem die Krone aufgesetzt! Das hat dem Faß den Boden ausgeschlagen!
Das hat meinen Entschluß, von München auf und davon zu gehen, mit
einem Schlage zur Reife gebracht, und der war lange, lange im Reifen
begriffen gewesen, Tom, denn ich kann dort unten nicht leben, bei Gott und
seinen heiligen Heerscharen, ich kann es nicht! W i e unglücklich ich
gewesen bin, du weißt es nicht, Thomas, denn auch, als du zu Besuch
kamst, habe ich nichts merken lassen, nein, denn ich bin eine Frau von Takt,
die andere nicht mit Klagen belästigt und ihr Herz nicht an jedem
Wochentage auf der Zunge trägt, und habe immer zur Verschlossenheit
geneigt. Aber ich habe gelitten, Tom, gelitten mit allem, was in mir ist, und
sozusagen mit meiner ganzen Persönlichkeit. Wie eine Pflanze, um mich
dieses Bildes zu bedienen, wie eine Blume, die in fremdes Erdreich
verpflanzt worden … obgleich du den Vergleich wohl unpassend findest,
denn ich bin ein häßliches Weib … aber in fremderes Erdreich konnte ich
nicht kommen, und lieber ginge ich in die Türkei! Oh, wir sollten niemals
fortgehen, wir hier oben! Wir sollten an unserer Seebucht bleiben und uns
redlich nähren … Ihr habt euch zuweilen über meine Vorliebe für den Adel
mokiert … ja, ich habe in diesen Jahren oft an einige Worte gedacht, die mir
vor längerer Zeit einmal jemand gesagt hat, ein gescheuter Mensch. ›Sie
haben Sympathie für die Adligen …‹ sagte er, ›soll ich Ihnen sagen,
warum? Weil Sie selbst eine Adlige sind! Ihr Vater ist ein großer Herr und
Sie sind eine Prinzeß. Ein Abgrund trennt Sie von uns anderen, die wir nicht
zu Ihrem Kreise von herrschenden Familien gehören …‹ Ja, Tom, wir
fühlen uns als Adel und fühlen einen Abstand und wir sollten nirgend zu
leben versuchen, wo man nichts von uns weiß und uns nicht einzuschätzen
versteht, denn wir werden nichts als Demütigungen davon haben, und man
Page 367
wird uns lächerlich hochmütig finden. Ja, – alle haben mich lächerlich
hochmütig gefunden. Man hat es mir nicht gesagt, aber gefühlt habe ich es
zu jeder Stunde und auch darunter habe ich gelitten. Ha! In einem Lande,
wo man Torte mit dem Messer ißt, und wo die Prinzen falsches Deutsch
reden, und wo es als eine verliebte Handlungsweise auffällt, wenn ein Herr
einer Dame den Fächer aufhebt, in einem solchen Lande ist es leicht,
hochmütig zu scheinen, Tom! Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne
Würde, Moral, Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten,
unhöflichen und saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit träge und
leichtsinnig, dickblütig und oberflächlich sind … bei solchen Leuten kann
ich mich nicht akklimatisieren und würde es niemals können, so wahr ich
deine Schwester bin! Eva Ewers hat es gekonnt … gut! Aber eine Ewers ist
noch keine Buddenbrook, und dann hat sie ihren Mann, der zu etwas nütze
ist im Leben. Wie aber habe ich es gehabt? Denke nach, Thomas, fang' von
vorne an und erinnere dich! Ich bin von hier, aus diesem Hause, wo es
etwas gilt, wo man sich regt und Ziele hat, dorthin gekommen, zu
Permaneder, der sich mit meiner Mitgift zur Ruhe gesetzt hat … ha, es war
echt, es war wahrhaftig kennzeichnend, aber das war auch das einzig
Erfreuliche daran. Was weiter? Ein Kind soll kommen! Wie habe ich mich
gefreut! Es hätte mir alles entgolten! Was geschieht? Es stirbt. Es ist tot.
Das war nicht Permaneders Schuld, behüte, nein. Er hatte getan, was er
konnte, und ist sogar zwei bis drei Tage nicht ins Wirtshaus gegangen,
bewahre! Aber es gehörte doch dazu, Thomas. Es machte mich nicht
glücklicher, kannst du dir denken. Ich habe ausgehalten und nicht gemurrt.
Ich bin allein und unverstanden und als hochmütig verschrien
umhergegangen und habe mir gesagt: Du hast ihm dein Jawort fürs Leben
erteilt. Er ist ein bißchen plump und träge und hat deine Hoffnungen
getäuscht; aber er meint es gut, und sein Herz ist rein. Und dann habe ich
dies erleben müssen und ihn in diesem widerlichen Augenblick gesehen.
Dann habe ich erfahren: so gut versteht er mich und um so viel besser weiß
er mich zu respektieren als die anderen, daß er mir ein Wort nachruft, ein
Wort, das keiner deiner Speicherarbeiter einem Hunde zuwerfen würde!
Und da habe ich gesehen, daß nichts mich hielt, und daß es eine Schande
gewesen wäre, zu bleiben. Und als ich hier vom Bahnhof die Holstenstraße
herauffuhr, ging der Träger Nielsen vorüber und nahm tief seinen Zylinder
ab, und ich habe wiedergegrüßt: durchaus nicht hochmütig, sondern wie
Vater die Leute grüßte … so … mit der Hand. Und jetzt bin ich hier. Und du
hochmütig gefunden. Man hat es mir nicht gesagt, aber gefühlt habe ich es
zu jeder Stunde und auch darunter habe ich gelitten. Ha! In einem Lande,
wo man Torte mit dem Messer ißt, und wo die Prinzen falsches Deutsch
reden, und wo es als eine verliebte Handlungsweise auffällt, wenn ein Herr
einer Dame den Fächer aufhebt, in einem solchen Lande ist es leicht,
hochmütig zu scheinen, Tom! Akklimatisieren? Nein, bei Leuten ohne
Würde, Moral, Ehrgeiz, Vornehmheit und Strenge, bei unsoignierten,
unhöflichen und saloppen Leuten, bei Leuten, die zu gleicher Zeit träge und
leichtsinnig, dickblütig und oberflächlich sind … bei solchen Leuten kann
ich mich nicht akklimatisieren und würde es niemals können, so wahr ich
deine Schwester bin! Eva Ewers hat es gekonnt … gut! Aber eine Ewers ist
noch keine Buddenbrook, und dann hat sie ihren Mann, der zu etwas nütze
ist im Leben. Wie aber habe ich es gehabt? Denke nach, Thomas, fang' von
vorne an und erinnere dich! Ich bin von hier, aus diesem Hause, wo es
etwas gilt, wo man sich regt und Ziele hat, dorthin gekommen, zu
Permaneder, der sich mit meiner Mitgift zur Ruhe gesetzt hat … ha, es war
echt, es war wahrhaftig kennzeichnend, aber das war auch das einzig
Erfreuliche daran. Was weiter? Ein Kind soll kommen! Wie habe ich mich
gefreut! Es hätte mir alles entgolten! Was geschieht? Es stirbt. Es ist tot.
Das war nicht Permaneders Schuld, behüte, nein. Er hatte getan, was er
konnte, und ist sogar zwei bis drei Tage nicht ins Wirtshaus gegangen,
bewahre! Aber es gehörte doch dazu, Thomas. Es machte mich nicht
glücklicher, kannst du dir denken. Ich habe ausgehalten und nicht gemurrt.
Ich bin allein und unverstanden und als hochmütig verschrien
umhergegangen und habe mir gesagt: Du hast ihm dein Jawort fürs Leben
erteilt. Er ist ein bißchen plump und träge und hat deine Hoffnungen
getäuscht; aber er meint es gut, und sein Herz ist rein. Und dann habe ich
dies erleben müssen und ihn in diesem widerlichen Augenblick gesehen.
Dann habe ich erfahren: so gut versteht er mich und um so viel besser weiß
er mich zu respektieren als die anderen, daß er mir ein Wort nachruft, ein
Wort, das keiner deiner Speicherarbeiter einem Hunde zuwerfen würde!
Und da habe ich gesehen, daß nichts mich hielt, und daß es eine Schande
gewesen wäre, zu bleiben. Und als ich hier vom Bahnhof die Holstenstraße
herauffuhr, ging der Träger Nielsen vorüber und nahm tief seinen Zylinder
ab, und ich habe wiedergegrüßt: durchaus nicht hochmütig, sondern wie
Vater die Leute grüßte … so … mit der Hand. Und jetzt bin ich hier. Und du
Page 368
kannst zwei Dutzend Arbeitspferde anspannen, Tom: nach München
bekömmst du mich nicht wieder. Und morgen gehe ich zu Gieseke! –«
Dies war die Rede, die Tony hielt, worauf sie sich ziemlich erschöpft in
den Stuhl zurücksinken ließ, das Kinn in die Hand vergrub und auf die
Fensterscheiben starrte.
Ganz erschrocken, benommen, beinahe erschüttert stand der Konsul vor
ihr und schwieg. Dann atmete er auf, erhob die Arme bis zur Höhe der
Schultern und ließ sie auf die Oberschenkel hinabfallen.
»Ja, da ist nichts zu machen!« sagte er leise, drehte sich still auf dem
Absatz um und ging zur Tür.
Sie sah ihm mit demselben Ausdruck nach, mit dem sie ihn empfangen
hatte: leidend und schmollend.
»Tom?« fragte sie. »Bist du mir böse?«
Er hielt den ovalen Türgriff in der einen und machte eine müde
Bewegung der Abwehr mit der anderen Hand. »Ach nein. Keineswegs.«
Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte den Kopf auf die Schulter.
»Komm her, Tom … Deine Schwester hat es nicht sehr gut im Leben.
Alles kommt auf sie herab … Und sie hat in diesem Augenblick wohl
niemanden, der zu ihr steht …«
Er kehrte zurück und nahm ihre Hand: von der Seite, einigermaßen
gleichgültig und matt, ohne sie anzusehen.
Plötzlich begann ihre Oberlippe zu zittern …
»Du mußt nun allein arbeiten«, sagte sie. »Mit Christian, das ist wohl
nichts Rechtes, und ich bin nun fertig … ich habe abgewirtschaftet … ich
kann nichts mehr ausrichten … ja, ihr müßt mir nun schon das Gnadenbrot
geben, mir unnützem Weibe. Ich hätte nicht gedacht, daß es mir so gänzlich
mißlingen würde, dir ein wenig zur Seite zu stehen, Tom! Nun mußt du
ganz allein zusehen, daß wir Buddenbrooks den Platz behaupten … Und
Gott sei mit dir.«
bekömmst du mich nicht wieder. Und morgen gehe ich zu Gieseke! –«
Dies war die Rede, die Tony hielt, worauf sie sich ziemlich erschöpft in
den Stuhl zurücksinken ließ, das Kinn in die Hand vergrub und auf die
Fensterscheiben starrte.
Ganz erschrocken, benommen, beinahe erschüttert stand der Konsul vor
ihr und schwieg. Dann atmete er auf, erhob die Arme bis zur Höhe der
Schultern und ließ sie auf die Oberschenkel hinabfallen.
»Ja, da ist nichts zu machen!« sagte er leise, drehte sich still auf dem
Absatz um und ging zur Tür.
Sie sah ihm mit demselben Ausdruck nach, mit dem sie ihn empfangen
hatte: leidend und schmollend.
»Tom?« fragte sie. »Bist du mir böse?«
Er hielt den ovalen Türgriff in der einen und machte eine müde
Bewegung der Abwehr mit der anderen Hand. »Ach nein. Keineswegs.«
Sie streckte die Hand nach ihm aus und legte den Kopf auf die Schulter.
»Komm her, Tom … Deine Schwester hat es nicht sehr gut im Leben.
Alles kommt auf sie herab … Und sie hat in diesem Augenblick wohl
niemanden, der zu ihr steht …«
Er kehrte zurück und nahm ihre Hand: von der Seite, einigermaßen
gleichgültig und matt, ohne sie anzusehen.
Plötzlich begann ihre Oberlippe zu zittern …
»Du mußt nun allein arbeiten«, sagte sie. »Mit Christian, das ist wohl
nichts Rechtes, und ich bin nun fertig … ich habe abgewirtschaftet … ich
kann nichts mehr ausrichten … ja, ihr müßt mir nun schon das Gnadenbrot
geben, mir unnützem Weibe. Ich hätte nicht gedacht, daß es mir so gänzlich
mißlingen würde, dir ein wenig zur Seite zu stehen, Tom! Nun mußt du
ganz allein zusehen, daß wir Buddenbrooks den Platz behaupten … Und
Gott sei mit dir.«
Page 369
Es rollten zwei Tränen, große, helle Kindertränen über ihre Wangen
hinunter, deren Haut anfing, kleine Unebenheiten zu zeigen.
Elftes Kapitel
Tony ging nicht müßig, sie nahm ihre Sache in die Hand. In der
Hoffnung, sie möchte sich beruhigen, besänftigen, anderen Sinnes werden,
hatte der Konsul vorläufig nur eines von ihr verlangt: sich still zu verhalten
und, sowie auch Erika, das Haus nicht zu verlassen. Alles konnte sich zum
besten wenden … Fürs erste sollte nichts in der Stadt bekannt werden. Der
Familientag, am Donnerstag, ward abgesagt.
Aber schon am ersten Tage nach Frau Permaneders Ankunft ward
Rechtsanwalt Doktor Gieseke durch ein Schreiben von ihrer Hand in die
Mengstraße entboten. Sie empfing ihn allein, in dem Mittelzimmer am
Korridor der ersten Etage, wo geheizt worden war und wo sie zu
irgendeinem Behufe auf einem schweren Tische ein Tintenfaß, Schreibzeug
und eine Menge weißen Papiers in Folioformat, das von unten aus dem
Kontor stammte, geordnet hatte. Man nahm in zwei Lehnstühlen Platz …
»Herr Doktor!« sagte sie, indem sie die Arme kreuzte, den Kopf
zurücklegte und zur Decke emporblickte. »Sie sind ein Mann, der das
Leben kennt, sowohl als Mensch wie von Berufs wegen; ich darf offen zu
Ihnen sprechen!« Und dann eröffnete sie ihm, wie sich mit Babett und im
Schlafzimmer alles begeben habe, worauf Doktor Gieseke bedauerte, ihr
erklären zu müssen, daß weder der betrübende Vorfall auf der Treppe, noch
die gewisse, ihr zuteil gewordene Beschimpfung, über die des Nähern sich
zu äußern sie sich weigere, einen hinlänglichen Scheidungsgrund darstelle.
»Gut«, sagte sie. »Ich danke Ihnen.«
Dann ließ sie sich eine Übersicht der zu Recht bestehenden
Scheidungsgründe liefern und nahm daranschließend mit offenem Kopf und
eindringlichem Interesse einen längeren dotalrechtlichen Vortrag entgegen,
worauf sie den Doktor Gieseke vorläufig mit ernster Freundlichkeit entließ.
hinunter, deren Haut anfing, kleine Unebenheiten zu zeigen.
Elftes Kapitel
Tony ging nicht müßig, sie nahm ihre Sache in die Hand. In der
Hoffnung, sie möchte sich beruhigen, besänftigen, anderen Sinnes werden,
hatte der Konsul vorläufig nur eines von ihr verlangt: sich still zu verhalten
und, sowie auch Erika, das Haus nicht zu verlassen. Alles konnte sich zum
besten wenden … Fürs erste sollte nichts in der Stadt bekannt werden. Der
Familientag, am Donnerstag, ward abgesagt.
Aber schon am ersten Tage nach Frau Permaneders Ankunft ward
Rechtsanwalt Doktor Gieseke durch ein Schreiben von ihrer Hand in die
Mengstraße entboten. Sie empfing ihn allein, in dem Mittelzimmer am
Korridor der ersten Etage, wo geheizt worden war und wo sie zu
irgendeinem Behufe auf einem schweren Tische ein Tintenfaß, Schreibzeug
und eine Menge weißen Papiers in Folioformat, das von unten aus dem
Kontor stammte, geordnet hatte. Man nahm in zwei Lehnstühlen Platz …
»Herr Doktor!« sagte sie, indem sie die Arme kreuzte, den Kopf
zurücklegte und zur Decke emporblickte. »Sie sind ein Mann, der das
Leben kennt, sowohl als Mensch wie von Berufs wegen; ich darf offen zu
Ihnen sprechen!« Und dann eröffnete sie ihm, wie sich mit Babett und im
Schlafzimmer alles begeben habe, worauf Doktor Gieseke bedauerte, ihr
erklären zu müssen, daß weder der betrübende Vorfall auf der Treppe, noch
die gewisse, ihr zuteil gewordene Beschimpfung, über die des Nähern sich
zu äußern sie sich weigere, einen hinlänglichen Scheidungsgrund darstelle.
»Gut«, sagte sie. »Ich danke Ihnen.«
Dann ließ sie sich eine Übersicht der zu Recht bestehenden
Scheidungsgründe liefern und nahm daranschließend mit offenem Kopf und
eindringlichem Interesse einen längeren dotalrechtlichen Vortrag entgegen,
worauf sie den Doktor Gieseke vorläufig mit ernster Freundlichkeit entließ.
Page 370
Sie begab sich ins Erdgeschoß hinab und nötigte den Konsul in sein
Privatkontor.
»Thomas«, sagte sie, »ich bitte dich, dem Manne nun unverzüglich zu
schreiben … ich nenne nicht gern seinen Namen. Was mein Geld betrifft, so
bin ich aufs genaueste unterrichtet. Er soll sich erklären. So oder so, mich
sieht er nicht wieder. Willigt er in die rechtskräftige Scheidung, gut, so
betreiben wir Rechnungslegung sowie Erstattung meiner dos. Weigert er
sich, so brauchen wir ebenfalls nicht zu verzagen, denn du mußt wissen,
Tom, daß Permaneders Recht an meiner dos nach seiner juristischen
Gestalt allerdings Eigentum ist, – gewiß, das ist zuzugeben! – daß ich aber
materiell immerhin auch meine Befugnisse habe, Gottseidank …«
Der Konsul ging, die Hände auf dem Rücken, umher und bewegte
nervös die Schultern, denn das Gesicht, mit dem sie das Wort »dos«
hervorbrachte, war gar zu unsäglich stolz.
Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott überhäuft. Sie sollte sich gedulden
und sich gefälligst noch fünfzigmal besinnen! Ihm stand jetzt zunächst, und
zwar morgenden Tages, eine Fahrt nach Hamburg bevor: zu einer
Konferenz, einer leidigen Unterredung mit Christian. Christian hatte
geschrieben, um Unterstützung, um Aushilfe geschrieben, welche die
Konsulin seinem dereinstigen Erbe entnehmen mußte. Um seine Geschäfte
stand es jammervoll, und obgleich er beständig einer Reihe von
Beschwerden unterlag, schien er sich im Restaurant, im Zirkus, im Theater
doch königlich zu amüsieren, und, den Schulden nach zu urteilen, die jetzt
zutage kamen und die er auf seinen gut klingenden Namen hin hatte
machen können, weit über seine Verhältnisse zu leben. Man wußte in der
Mengstraße, wußte es im »Klub« und in der ganzen Stadt, wer vor allem
schuld daran war. Es war eine weibliche Person, eine alleinstehende Dame,
die Aline Puvogel hieß und zwei hübsche Kinder besaß. Von den
Hamburger Kaufherren stand nicht Christian Buddenbrook allein zu ihr in
engen und kostspieligen Beziehungen …
Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen
Dinge noch mehr, und die Fahrt nach Hamburg war dringlich. Übrigens war
es wahrscheinlich, daß Permaneder seinerseits zunächst selbst von sich
hören lassen würde …
Privatkontor.
»Thomas«, sagte sie, »ich bitte dich, dem Manne nun unverzüglich zu
schreiben … ich nenne nicht gern seinen Namen. Was mein Geld betrifft, so
bin ich aufs genaueste unterrichtet. Er soll sich erklären. So oder so, mich
sieht er nicht wieder. Willigt er in die rechtskräftige Scheidung, gut, so
betreiben wir Rechnungslegung sowie Erstattung meiner dos. Weigert er
sich, so brauchen wir ebenfalls nicht zu verzagen, denn du mußt wissen,
Tom, daß Permaneders Recht an meiner dos nach seiner juristischen
Gestalt allerdings Eigentum ist, – gewiß, das ist zuzugeben! – daß ich aber
materiell immerhin auch meine Befugnisse habe, Gottseidank …«
Der Konsul ging, die Hände auf dem Rücken, umher und bewegte
nervös die Schultern, denn das Gesicht, mit dem sie das Wort »dos«
hervorbrachte, war gar zu unsäglich stolz.
Er hatte keine Zeit. Er war bei Gott überhäuft. Sie sollte sich gedulden
und sich gefälligst noch fünfzigmal besinnen! Ihm stand jetzt zunächst, und
zwar morgenden Tages, eine Fahrt nach Hamburg bevor: zu einer
Konferenz, einer leidigen Unterredung mit Christian. Christian hatte
geschrieben, um Unterstützung, um Aushilfe geschrieben, welche die
Konsulin seinem dereinstigen Erbe entnehmen mußte. Um seine Geschäfte
stand es jammervoll, und obgleich er beständig einer Reihe von
Beschwerden unterlag, schien er sich im Restaurant, im Zirkus, im Theater
doch königlich zu amüsieren, und, den Schulden nach zu urteilen, die jetzt
zutage kamen und die er auf seinen gut klingenden Namen hin hatte
machen können, weit über seine Verhältnisse zu leben. Man wußte in der
Mengstraße, wußte es im »Klub« und in der ganzen Stadt, wer vor allem
schuld daran war. Es war eine weibliche Person, eine alleinstehende Dame,
die Aline Puvogel hieß und zwei hübsche Kinder besaß. Von den
Hamburger Kaufherren stand nicht Christian Buddenbrook allein zu ihr in
engen und kostspieligen Beziehungen …
Kurz, es gab außer Tonys Scheidungswünschen der widerwärtigen
Dinge noch mehr, und die Fahrt nach Hamburg war dringlich. Übrigens war
es wahrscheinlich, daß Permaneder seinerseits zunächst selbst von sich
hören lassen würde …
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Der Konsul reiste, und er kehrte in zorniger und trüber Stimmung
zurück. Da aber aus München noch immer keine Nachricht gekommen war,
so sah er sich genötigt, den ersten Schritt zu tun. Er schrieb; schrieb kühl,
sachlich und ein wenig von oben herab: Unleugbar sei Antonie im
Zusammenleben mit Permaneder schweren Enttäuschungen ausgesetzt
gewesen … auch abgesehen von Einzelheiten habe sie im großen und
ganzen das erhoffte Glück in dieser Ehe nicht finden können … ihr
Wunsch, das Bündnis gelöst zu sehen, müsse dem billig Denkenden
berechtigt erscheinen … leider scheine ihr Entschluß, nicht nach München
zurückzukehren, unerschütterlich festzustehen … Und es folgte die Frage,
wie Permaneder sich diesen Tatsachen gegenüber verhalte …
Tage der Spannung!… Dann antwortete Herr Permaneder.
Er antwortete, wie niemand, wie weder Doktor Gieseke, noch die
Konsulin, noch Thomas, noch selbst Antonie es erwartet hatte. Er willigte
mit schlichten Worten in die Scheidung.
Er schrieb, daß er das Vorgefallene herzlich bedaure, daß er aber
Antoniens Wünsche respektiere, denn er sähe ein: sie und er paßten »doch
halt nimmer so recht zueinand'«. Wenn er ihr schwere Jahre bereitet habe,
so möge sie versuchen, sie zu vergessen und ihm zu verzeihen … Da er sie
und Erika wohl nicht wiedersehen werde, so wünsche er ihr und dem Kinde
für immer alles erdenkliche Glück … Alois Permaneder. – Ausdrücklich
erbot er sich in einer Nachschrift zur sofortigen Restituierung der Mitgift.
Er für sein Teil könne mit dem Seinen sorglos leben. Er brauche keine Frist,
denn Geschäfte seien nicht abzuwickeln, das Haus sei seine Sache, und die
Summe sei sofort liquid. –
Tony war fast ein wenig beschämt und fühlte sich zum ersten Male
geneigt, Herrn Permaneders geringe Leidenschaft in Geldangelegenheiten
lobenswert zu finden.
Nun trat Doktor Gieseke aufs neue in Funktion, er setzte sich mit dem
Gatten in betreff des Scheidungsgrundes in Verbindung, »beiderseitige
unüberwindliche Abneigung« ward festgesetzt, und der Prozeß begann –
Tonys zweiter Scheidungsprozeß, dessen Phasen sie mit Ernst,
Sachkenntnis und ungeheurem Eifer verfolgte. Sie sprach davon, wo sie
ging und stand, so daß der Konsul mehrere Male ärgerlich wurde. Sie war
zurück. Da aber aus München noch immer keine Nachricht gekommen war,
so sah er sich genötigt, den ersten Schritt zu tun. Er schrieb; schrieb kühl,
sachlich und ein wenig von oben herab: Unleugbar sei Antonie im
Zusammenleben mit Permaneder schweren Enttäuschungen ausgesetzt
gewesen … auch abgesehen von Einzelheiten habe sie im großen und
ganzen das erhoffte Glück in dieser Ehe nicht finden können … ihr
Wunsch, das Bündnis gelöst zu sehen, müsse dem billig Denkenden
berechtigt erscheinen … leider scheine ihr Entschluß, nicht nach München
zurückzukehren, unerschütterlich festzustehen … Und es folgte die Frage,
wie Permaneder sich diesen Tatsachen gegenüber verhalte …
Tage der Spannung!… Dann antwortete Herr Permaneder.
Er antwortete, wie niemand, wie weder Doktor Gieseke, noch die
Konsulin, noch Thomas, noch selbst Antonie es erwartet hatte. Er willigte
mit schlichten Worten in die Scheidung.
Er schrieb, daß er das Vorgefallene herzlich bedaure, daß er aber
Antoniens Wünsche respektiere, denn er sähe ein: sie und er paßten »doch
halt nimmer so recht zueinand'«. Wenn er ihr schwere Jahre bereitet habe,
so möge sie versuchen, sie zu vergessen und ihm zu verzeihen … Da er sie
und Erika wohl nicht wiedersehen werde, so wünsche er ihr und dem Kinde
für immer alles erdenkliche Glück … Alois Permaneder. – Ausdrücklich
erbot er sich in einer Nachschrift zur sofortigen Restituierung der Mitgift.
Er für sein Teil könne mit dem Seinen sorglos leben. Er brauche keine Frist,
denn Geschäfte seien nicht abzuwickeln, das Haus sei seine Sache, und die
Summe sei sofort liquid. –
Tony war fast ein wenig beschämt und fühlte sich zum ersten Male
geneigt, Herrn Permaneders geringe Leidenschaft in Geldangelegenheiten
lobenswert zu finden.
Nun trat Doktor Gieseke aufs neue in Funktion, er setzte sich mit dem
Gatten in betreff des Scheidungsgrundes in Verbindung, »beiderseitige
unüberwindliche Abneigung« ward festgesetzt, und der Prozeß begann –
Tonys zweiter Scheidungsprozeß, dessen Phasen sie mit Ernst,
Sachkenntnis und ungeheurem Eifer verfolgte. Sie sprach davon, wo sie
ging und stand, so daß der Konsul mehrere Male ärgerlich wurde. Sie war
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fürs erste nicht imstande, seinen Kummer zu teilen. Sie war in Anspruch
genommen von Wörtern wie »Früchte«, »Erträgnisse«, »Akzessionen«,
»Dotalsachen«, »Tangibilien«, die sie, den Kopf zurückgelegt und die
Schultern ein wenig emporgezogen, mit würdevoller Geläufigkeit beständig
hervorbrachte. Den tiefsten Eindruck von Doktor Giesekes
Auseinandersetzungen hatte ihr ein Paragraph gemacht, der von einem
etwaigen im Dotalgrundstück gefundenen »Schatze« handelte, welcher als
Bestandteil des Dotalvermögens anzusehen und nach Beendigung der Ehe
herauszugeben sei. Von diesem Schatze, der gar nicht vorhanden war,
erzählte sie aller Welt: Ida Jungmann, Onkel Justus, der armen Klothilde,
den Damen Buddenbrook in der Breiten Straße, die übrigens, als ihnen die
Ereignisse bekanntgeworden waren, die Hände im Schoße
zusammengeschlagen und sich angeblickt hatten: starr vor Erstaunen, daß
ihnen auch diese Genugtuung noch zuteil wurde … Therese Weichbrodt,
deren Unterricht Erika Grünlich nun wieder genoß, und sogar der guten
Madame Kethelsen, die aus mehr als einem Grunde nicht das geringste
davon begriff …
Dann kam der Tag, an dem die Scheidung rechtskräftig und endgültig
ausgesprochen wurde, an dem Tony die letzte notwendige Formalität
erledigte, indem sie sich von Thomas die Familienpapiere erbat und
eigenhändig das neue Faktum verzeichnete … und nun galt es, sich an die
Sachlage zu gewöhnen.
Sie tat es mit Tapferkeit. Sie überhörte mit unberührbarer Würde die
wunderbar hämischen kleinen Pointen der Damen Buddenbrook, sie
übersah auf der Straße mit unaussprechlicher Kälte die Köpfe der
Hagenströms und Möllendorpfs, die ihr begegneten, und sie verzichtete
gänzlich auf das gesellschaftliche Leben, das ja übrigens seit Jahren nicht
mehr in ihrem elterlichen Hause, sondern in dem ihres Bruders sich
abspielte. Sie hatte ihre nächsten Angehörigen: die Konsulin, Thomas,
Gerda; sie hatte Ida Jungmann, Sesemi Weichbrodt, ihre mütterliche
Freundin, Erika, auf deren v o r n e h m e Erziehung sie Sorgfalt verwandte
und in deren Zukunft sie vielleicht letzte heimliche Hoffnungen setzte …
So lebte sie, und so entschwand die Zeit.
Später, auf irgendeine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen
Familiengliedern das »Wort« bekanntgeworden, dieses desperate Wort, das
genommen von Wörtern wie »Früchte«, »Erträgnisse«, »Akzessionen«,
»Dotalsachen«, »Tangibilien«, die sie, den Kopf zurückgelegt und die
Schultern ein wenig emporgezogen, mit würdevoller Geläufigkeit beständig
hervorbrachte. Den tiefsten Eindruck von Doktor Giesekes
Auseinandersetzungen hatte ihr ein Paragraph gemacht, der von einem
etwaigen im Dotalgrundstück gefundenen »Schatze« handelte, welcher als
Bestandteil des Dotalvermögens anzusehen und nach Beendigung der Ehe
herauszugeben sei. Von diesem Schatze, der gar nicht vorhanden war,
erzählte sie aller Welt: Ida Jungmann, Onkel Justus, der armen Klothilde,
den Damen Buddenbrook in der Breiten Straße, die übrigens, als ihnen die
Ereignisse bekanntgeworden waren, die Hände im Schoße
zusammengeschlagen und sich angeblickt hatten: starr vor Erstaunen, daß
ihnen auch diese Genugtuung noch zuteil wurde … Therese Weichbrodt,
deren Unterricht Erika Grünlich nun wieder genoß, und sogar der guten
Madame Kethelsen, die aus mehr als einem Grunde nicht das geringste
davon begriff …
Dann kam der Tag, an dem die Scheidung rechtskräftig und endgültig
ausgesprochen wurde, an dem Tony die letzte notwendige Formalität
erledigte, indem sie sich von Thomas die Familienpapiere erbat und
eigenhändig das neue Faktum verzeichnete … und nun galt es, sich an die
Sachlage zu gewöhnen.
Sie tat es mit Tapferkeit. Sie überhörte mit unberührbarer Würde die
wunderbar hämischen kleinen Pointen der Damen Buddenbrook, sie
übersah auf der Straße mit unaussprechlicher Kälte die Köpfe der
Hagenströms und Möllendorpfs, die ihr begegneten, und sie verzichtete
gänzlich auf das gesellschaftliche Leben, das ja übrigens seit Jahren nicht
mehr in ihrem elterlichen Hause, sondern in dem ihres Bruders sich
abspielte. Sie hatte ihre nächsten Angehörigen: die Konsulin, Thomas,
Gerda; sie hatte Ida Jungmann, Sesemi Weichbrodt, ihre mütterliche
Freundin, Erika, auf deren v o r n e h m e Erziehung sie Sorgfalt verwandte
und in deren Zukunft sie vielleicht letzte heimliche Hoffnungen setzte …
So lebte sie, und so entschwand die Zeit.
Später, auf irgendeine niemals aufgeklärte Weise, ist einzelnen
Familiengliedern das »Wort« bekanntgeworden, dieses desperate Wort, das
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in jener Nacht Herr Permaneder sich hatte entschlüpfen lassen. Was hatte er
gesagt? – »Geh zum Deifi, S a u l u d ' r d r e c k a t s!«
So schloß Tony Buddenbrooks zweite Ehe.
gesagt? – »Geh zum Deifi, S a u l u d ' r d r e c k a t s!«
So schloß Tony Buddenbrooks zweite Ehe.
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Siebenter Teil
Erstes Kapitel
Taufe!… Taufe in der Breiten Straße!
Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung
träumend vor Augen sah, alles: Denn im Eßzimmer am Tische – behutsam
und ohne Geklapper, das drüben im Saale die Feier stören würde – füllt das
Folgmädchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heißer Schokolade,
die dicht gedrängt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten,
muschelförmigen Griffen beieinander stehen … während der Diener Anton
einen ragenden Baumkuchen in Stücke schneidet und Mamsell Jungmann
Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschüsseln ordnet, wobei
sie prüfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger
weit von den übrigen entfernt hält …
Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die
Herrschaften sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben,
umhergereicht werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist
die Familie im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im
weitesten, denn durch die Överdiecks ist man auch mit den Kistenmakers
ein wenig verwandt, durch diese mit den Möllendorpfs und so fort. Es wäre
unmöglich, eine Grenze zu ziehen!… Die Överdiecks aber sind vertreten,
und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjährigen Doktor Kaspar
Överdieck, regierender Bürgermeister.
Er ist zu Wagen gekommen und, gestützt auf seinen Krückstock und den
Arm Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine
Anwesenheit erhöht die Würde der Feier … und ohne Zweifel: Diese Feier
ist aller Würde würdig!
Erstes Kapitel
Taufe!… Taufe in der Breiten Straße!
Alles ist vorhanden, was Mme. Permaneder in Tagen der Hoffnung
träumend vor Augen sah, alles: Denn im Eßzimmer am Tische – behutsam
und ohne Geklapper, das drüben im Saale die Feier stören würde – füllt das
Folgmädchen Schlagsahne in viele Tassen mit kochend heißer Schokolade,
die dicht gedrängt auf einem ungeheuren runden Teebrett mit vergoldeten,
muschelförmigen Griffen beieinander stehen … während der Diener Anton
einen ragenden Baumkuchen in Stücke schneidet und Mamsell Jungmann
Konfekt und frische Blumen in silbernen Dessertschüsseln ordnet, wobei
sie prüfend den Kopf auf die Schulter legt und die beiden kleinen Finger
weit von den übrigen entfernt hält …
Nicht lange, und alle diese Herrlichkeiten werden, wenn die
Herrschaften sich's im Wohnzimmer und Salon bequem gemacht haben,
umhergereicht werden, und hoffentlich werden sie ausreichen, denn es ist
die Familie im weiteren Sinne versammelt, wenn auch nicht geradezu im
weitesten, denn durch die Överdiecks ist man auch mit den Kistenmakers
ein wenig verwandt, durch diese mit den Möllendorpfs und so fort. Es wäre
unmöglich, eine Grenze zu ziehen!… Die Överdiecks aber sind vertreten,
und zwar durch das Haupt, den mehr als achtzigjährigen Doktor Kaspar
Överdieck, regierender Bürgermeister.
Er ist zu Wagen gekommen und, gestützt auf seinen Krückstock und den
Arm Thomas Buddenbrooks, die Treppe heraufgestiegen. Seine
Anwesenheit erhöht die Würde der Feier … und ohne Zweifel: Diese Feier
ist aller Würde würdig!
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Denn dort im Saale, vor einem als Altar verkleideten, mit Blumen
geschmückten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und
schneeweißer, gestärkter, mühlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher
spricht, hält eine reich in Rot und Gold gekleidete, große, stämmige,
sorgfältig genährte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen
verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen … ein Erbe! Ein
Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?
Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste,
leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen
worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser
Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und – behutsamer – ihre Schwägerin
umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres
einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen
Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so viel
gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den man von
Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat … er ist da und
sieht ganz unscheinbar aus.
Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme,
und der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt
ist, liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf
dem Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden
Blinzeln in den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen
Augen, deren obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der
väterlichen und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten,
unbestimmten, nach der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden;
die Winkel aber zu beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in
bläulichem Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist,
etwas vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht
zum besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn
auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so … und
gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen die
eigentliche Freude.
Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den
Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier
Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie
geschmückten Tischchen, hinter dem in schwarzem Ornat und
schneeweißer, gestärkter, mühlsteinartiger Halskrause ein junger Geistlicher
spricht, hält eine reich in Rot und Gold gekleidete, große, stämmige,
sorgfältig genährte Person ein kleines, unter Spitzen und Atlasschleifen
verschwindendes Etwas auf ihren schwellenden Armen … ein Erbe! Ein
Stammhalter! Ein Buddenbrook! Begreift man, was das bedeutet?
Begreift man das stille Entzücken, mit dem die Kunde, als das erste,
leise, ahnende Wort gefallen, von der Breiten in die Mengstraße getragen
worden? Den stummen Enthusiasmus, mit dem Frau Permaneder bei dieser
Nachricht ihre Mutter, ihren Bruder und – behutsamer – ihre Schwägerin
umarmt hat? Und nun, da der Frühling gekommen, der Frühling des Jahres
einundsechzig, nun ist er da und empfängt das Sakrament der heiligen
Taufe, er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so viel
gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den man von
Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat … er ist da und
sieht ganz unscheinbar aus.
Die kleinen Hände spielen mit den Goldlitzen an der Taille der Amme,
und der Kopf, der mit einem hellblau garnierten Spitzenhäubchen bedeckt
ist, liegt ein wenig seitwärts und unachtsam vom Pastor abgewandt, auf
dem Kissen, so daß die Augen mit einem beinahe altklug prüfenden
Blinzeln in den Saal hinein und auf die Verwandten blicken. In diesen
Augen, deren obere Lider sehr lange Wimpern haben, ist das Hellblau der
väterlichen und das Braun der mütterlichen Iris zu einem lichten,
unbestimmten, nach der Beleuchtung wechselnden Goldbraun geworden;
die Winkel aber zu beiden Seiten der Nasenwurzel sind tief und liegen in
bläulichem Schatten. Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist,
etwas vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen altes nicht
zum besten; aber Gott wird geben, daß es nichts Ungünstiges bedeutet, denn
auch bei der Mutter, die doch wohlauf ist, verhält es sich so … und
gleichviel: er lebt, und daß es ein Knabe ist, das war vor vier Wochen die
eigentliche Freude.
Er lebt, und es könnte anders sein. Der Konsul wird niemals den
Händedruck vergessen, mit dem der gute Doktor Grabow, als er vor vier
Wochen Mutter und Kind verlassen konnte, zu ihm gesagt hat: »Seien Sie
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dankbar, lieber Freund, es hätte nicht viel gefehlt …« Der Konsul hat nicht
zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den Gedanken,
daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen Geschöpfe, das so
sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre wie mit Antoniens
zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich … Aber er weiß, daß es für
Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen ist, vor vier Wochen,
und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda nieder, welche, die
Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm und neben der alten
Konsulin in einem Armsessel lehnt.
Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit
ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit
einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist Herr
Andreas Pringsheim, pastor marianus, der nach des alten Kölling
plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist.
Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet. Er
hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes Gesicht,
dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung wechselt
und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken, woselbst er
während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine kleine
lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem Streben
nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig eigenartigen
Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten Vokalen und
einem an den Zähnen rollenden r geworden …
Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die
Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der ihr
Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast
fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und
dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von
Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur
anderen Seite schweifen läßt … Pastor Tiburtius und seine Gattin haben die
Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu können:
Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen Backenbartes über
beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue Augen sich hie und da
in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer werden, hervorquellen,
beinahe herausspringen … und Klara, die dunkel, ernst und streng
dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt, denn dort schmerzt
zu fragen gewagt, woran nicht viel gefehlt hätte. Er weist den Gedanken,
daß es mit diesem lange vergebens ersehnten, winzigen Geschöpfe, das so
sonderbar lautlos zur Welt kam, beinahe gegangen wäre wie mit Antoniens
zweitem Töchterchen, mit Entsetzen von sich … Aber er weiß, daß es für
Mutter und Kind eine verzweifelte Stunde gewesen ist, vor vier Wochen,
und er beugt sich glücklich und zärtlich zu Gerda nieder, welche, die
Lackschuhe auf einem Sammetkissen gekreuzt, vor ihm und neben der alten
Konsulin in einem Armsessel lehnt.
Wie bleich sie noch ist! Und wie fremdartig schön in ihrer Blässe, mit
ihrem schweren, dunkelroten Haar und ihren rätselhaften Augen, die mit
einer gewissen verschleierten Moquerie auf dem Prediger ruhen. Es ist Herr
Andreas Pringsheim, pastor marianus, der nach des alten Kölling
plötzlichem Tode in jungen Jahren schon zum Hauptpastor aufgerückt ist.
Er hält die Hände inbrünstig, dicht unter dem erhobenen Kinn gefaltet. Er
hat blondes, kurzgelocktes Haar und ein knochiges, glattrasiertes Gesicht,
dessen Mimik zwischen fanatischem Ernst und heller Verklärung wechselt
und ein wenig theatralisch erscheint. Er stammt aus Franken, woselbst er
während einiger Jahre inmitten von lauter Katholiken eine kleine
lutherische Gemeinde gehütet hat, und sein Dialekt ist unter dem Streben
nach reiner und pathetischer Aussprache zu einer völlig eigenartigen
Redeweise, mit langen und dunklen oder jäh akzentuierten Vokalen und
einem an den Zähnen rollenden r geworden …
Er lobt Gott mit leiser, schwellender oder starker Stimme, und die
Familie hört ihm zu: Frau Permaneder, gehüllt in würdevollen Ernst, der ihr
Entzücken und ihren Stolz verbirgt; Erika Grünlich, nun schon fast
fünfzehnjährig, ein kräftiges, junges Mädchen mit aufgestecktem Zopf und
dem rosigen Teint ihres Vaters, und Christian, der heute morgen von
Hamburg eingetroffen ist und seine tiefliegenden Augen von einer zur
anderen Seite schweifen läßt … Pastor Tiburtius und seine Gattin haben die
Reise von Riga nicht gescheut, um bei der Feier zugegen sein zu können:
Sievert Tiburtius, der die Enden seines langen, dünnen Backenbartes über
beide Schultern gelegt hat, und dessen kleine, graue Augen sich hie und da
in ungeahnter Weise erweitern, größer und größer werden, hervorquellen,
beinahe herausspringen … und Klara, die dunkel, ernst und streng
dareinblickt und manchmal eine Hand zum Kopfe führt, denn dort schmerzt
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es … Übrigens haben sie den Buddenbrooks ein prachtvolles Geschenk
mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten, ausgestopften, braunen Bären
mit offenem Rachen, den ein Verwandter des Pastors irgendwo im inneren
Rußland geschossen, und der jetzt, eine Visitenkartenschale zwischen den
Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.
Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock:
ein einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß
niemand außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen
Frau, die heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden
… Auch die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut
über das glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu
bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die
Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider
bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und
hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf
Baumkuchen mit Schokolade … Von nicht zur Familie gehörigen Personen
sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.
Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer
Pflicht. Justus Kröger ist der eine … Konsul Buddenbrook hat sich anfangs
geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu Torheiten
heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen mit seiner Frau
wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt, und er fängt
wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in seinem Äußern zu
werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter, so schenkt er dem
Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt keinen Dank
dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen Paten hörte –
Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt – in so hohem
Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen hat; und der
goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas Buddenbrooks
Befriedigung nicht übertrieben schwer.
Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der
hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock,
aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches
hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock
beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg!
mitgebracht: einen mächtigen, aufrechten, ausgestopften, braunen Bären
mit offenem Rachen, den ein Verwandter des Pastors irgendwo im inneren
Rußland geschossen, und der jetzt, eine Visitenkartenschale zwischen den
Tatzen, drunten auf dem Vorplatz steht.
Krögers haben ihren Jürgen zu Besuch, den Postbeamten aus Rostock:
ein einfach gekleideter, stiller Mensch. Wo Jakob sich aufhält, weiß
niemand außer seiner Mutter, der geborenen Överdieck, der schwachen
Frau, die heimlich Silberzeug verkauft, um dem Enterbten Geld zu senden
… Auch die Damen Buddenbrook sind anwesend, und sie sind tief erfreut
über das glückliche Familienereignis, was aber Pfiffi nicht gehindert hat, zu
bemerken, das Kind sehe ziemlich ungesund aus; und das haben die
Konsulin, geborene Stüwing, sowohl wie Friederike und Henriette leider
bestätigen müssen. Die arme Klothilde jedoch, grau, hager, geduldig und
hungrig, ist bewegt von Pastor Pringsheims Worten und der Hoffnung auf
Baumkuchen mit Schokolade … Von nicht zur Familie gehörigen Personen
sind Herr Friedrich Wilhelm Marcus und Sesemi Weichbrodt zugegen.
Nun wendet der Pastor sich an die Paten und spricht ihnen von ihrer
Pflicht. Justus Kröger ist der eine … Konsul Buddenbrook hat sich anfangs
geweigert, ihn zu bitten. »Fordern wir den alten Mann nicht zu Torheiten
heraus!« sagte er. »Täglich hat er die furchtbarsten Szenen mit seiner Frau
wegen des Sohnes, und sein bißchen Vermögen verfällt, und er fängt
wahrhaftig vor Kummer schon an, ein bißchen salopp in seinem Äußern zu
werden! Aber was meint ihr? Bitten wir ihn zu Gevatter, so schenkt er dem
Kinde ein ganzes Service aus schwerem Golde und nimmt keinen Dank
dafür!« Onkel Justus indessen ist, als er von einem anderen Paten hörte –
Stephan Kistenmaker, des Konsuls Freund, wurde genannt – in so hohem
Grade pikiert gewesen, daß man ihn dennoch herangezogen hat; und der
goldene Becher, den er gespendet, ist zu Thomas Buddenbrooks
Befriedigung nicht übertrieben schwer.
Und der zweite Pate? Es ist dieser schneeweiße, würdige, alte Herr, der
hier mit seiner hohen Halsbinde und seinem weichen, schwarzen Tuchrock,
aus dessen hinterer Tasche stets der Zipfel eines roten Schnupftuches
hervorhängt, sich in dem bequemsten Lehnstuhl über seinen Krückstock
beugt: Bürgermeister Doktor Överdieck. Es ist ein Ereignis, ein Sieg!
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Manche Leute begreifen nicht, wie es zugegangen ist. Guter Gott, es ist
doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den
Haaren herbeigezogen … Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine
Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat.
Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit waren,
ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! – Der soll den
Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat es
aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er sich die
Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So haben sie
sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer Schwägerin, der
Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die ihrerseits ihren
greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren müssen. Dann hat ein
ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem Staatsoberhaupte das
Seine getan …
Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der
Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen
vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des kleinen
Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf die er
ihn tauft: – J u s t u s, J o h a n n, K a s p a r. Dann folgt ein kurzes Gebet, und
die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen Wesen
einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken … Therese
Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig
hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm z w e i Küsse, die leise knallen
und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!«
Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer
gruppiert, und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim
in seinem langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel
hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne
von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in einer
ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer
Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich
kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind
sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der alten
Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch und
mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen,
schalkhaften Heiterkeit … Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er die
doch kaum eine Verwandtschaft! Die Buddenbrooks haben den Alten an den
Haaren herbeigezogen … Und in der Tat: es ist ein Streich, eine kleine
Intrige, die der Konsul zusammen mit Mme. Permaneder eingefädelt hat.
Eigentlich, in der ersten Freude, als Mutter und Kind in Sicherheit waren,
ist es bloß ein Scherz gewesen. »Ein Junge, Tony! – Der soll den
Bürgermeister zum Gevatter haben!« hat der Konsul gerufen; aber sie hat es
aufgegriffen und ist mit Ernst darauf eingegangen, worauf auch er sich die
Sache wohl überlegt und dann in einen Versuch gewilligt hat. So haben sie
sich hinter Onkel Justus gesteckt, der seine Frau zu ihrer Schwägerin, der
Gattin des Holzhändlers Överdieck, geschickt hat, die ihrerseits ihren
greisen Schwiegervater ein wenig hat präparieren müssen. Dann hat ein
ehrerbietiger Besuch Thomas Buddenbrooks bei dem Staatsoberhaupte das
Seine getan …
Und nun sprengt, während die Amme die Haube des Kindes lüftet, der
Pastor vorsichtig zwei oder drei Tropfen aus der silbernen, innen
vergoldeten Schale, die vor ihm steht, auf das spärliche Haar des kleinen
Buddenbrook und nennt langsam und nachdrücklich die Namen, auf die er
ihn tauft: – J u s t u s, J o h a n n, K a s p a r. Dann folgt ein kurzes Gebet, und
die Verwandten gehen vorbei, um dem stillen und gleichmütigen Wesen
einen glückwünschenden Kuß auf die Stirn zu drücken … Therese
Weichbrodt kommt zuletzt, und die Amme muß ihr das Kind ein wenig
hinunterreichen; dafür aber gibt Sesemi ihm z w e i Küsse, die leise knallen
und zwischen denen sie sagt: »Du gutes Kend!«
Drei Minuten später hat man sich im Salon und im Wohnzimmer
gruppiert, und die Süßigkeiten machen die Runde. Auch Pastor Pringsheim
in seinem langen Ornat, unter dem die breiten, blankgewichsten Stiefel
hervorsehen, und seiner Halskrause sitzt da, nippt die kühle Schlagsahne
von seiner heißen Schokolade und plaudert mit verklärtem Gesicht in einer
ganz leichten Art, die im Gegensatze zu seiner Rede von besonderer
Wirksamkeit ist. In jeder seiner Bewegungen liegt ausgedrückt: Seht, ich
kann auch den Priester ablegen und ein ganz harmlos fröhliches Weltkind
sein! Er ist ein gewandter, anschmiegsamer Mann. Er spricht mit der alten
Konsulin ein wenig salbungsvoll, mit Thomas und Gerda weltmännisch und
mit glatten Gebärden, mit Frau Permaneder im Tone einer herzlichen,
schalkhaften Heiterkeit … Hie und da, wenn er sich besinnt, kreuzt er die
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Hände im Schoß, legt den Kopf zurück, verfinstert die Brauen und macht
ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und zischend
durch die geschlossenen Zähne ein.
Plötzlich entsteht draußen auf dem Korridor Bewegung, man hört die
Dienstboten lachen, und in der Tür erscheint ein sonderbarer Gratulant. Es
ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit
beständig ein länglicher Tropfen hängt, ohne jemals hinunterzufallen.
Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat ihm
einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frühmorgens
erscheint er in der Breiten Straße, nimmt das vor die Tür gestellte
Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten
aber stellt er sich feiertäglich gekleidet ein, bringt Blumen und hält,
während der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und
salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk
entgegennimmt. Aber er tut es nicht d a r u m!
Er hat einen schwarzen Rock angezogen – es ist ein abgelegter des
Konsuls – trägt aber Schmierstiefel mit Schäften und einen blauwollenen
Schal um den Hals. In der Hand, einer dürren, roten Hand, hält er ein
großes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblühten Rosen, die sich zum
Teil langsam auf den Teppich entblättern. Seine kleinen, entzündeten Augen
blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen … Er bleibt in der Tür
stehen, hält den Strauß vor sich hin und beginnt sofort zu reden, während
die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt und kleine,
erleichternde Einwürfe macht, der Konsul ihn betrachtet, indem er eine
seiner hellen Brauen emporzieht, und einige Familienmitglieder, wie zum
Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem Taschentuch bedecken.
»Ick bün man 'n armen Mann, mine Herrschaften, öäwer ick hew 'n
empfindend Hart, un dat Glück und de Freud von min Herrn, Kunsel
Buddenbrook, welcher ümmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so
bün ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze
hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind
gedeihen mög', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n
Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn, un
uns Herrgott wird ihn das allens lohnen …«
ein langes Gesicht. Beim Lachen zieht er die Luft stoßweise und zischend
durch die geschlossenen Zähne ein.
Plötzlich entsteht draußen auf dem Korridor Bewegung, man hört die
Dienstboten lachen, und in der Tür erscheint ein sonderbarer Gratulant. Es
ist Grobleben: Grobleben, an dessen magerer Nase zu jeder Jahreszeit
beständig ein länglicher Tropfen hängt, ohne jemals hinunterzufallen.
Grobleben ist ein Speicherarbeiter des Konsuls, und sein Brotherr hat ihm
einen Nebenverdienst als Stiefelwichser angewiesen. Frühmorgens
erscheint er in der Breiten Straße, nimmt das vor die Tür gestellte
Schuhwerk und reinigt es unten auf der Diele. Bei Familienfestlichkeiten
aber stellt er sich feiertäglich gekleidet ein, bringt Blumen und hält,
während der Tropfen an seiner Nase balanciert, mit weinerlicher und
salbungsvoller Stimme eine Ansprache, worauf er ein Geldgeschenk
entgegennimmt. Aber er tut es nicht d a r u m!
Er hat einen schwarzen Rock angezogen – es ist ein abgelegter des
Konsuls – trägt aber Schmierstiefel mit Schäften und einen blauwollenen
Schal um den Hals. In der Hand, einer dürren, roten Hand, hält er ein
großes Bukett von blassen, ein wenig zu weit erblühten Rosen, die sich zum
Teil langsam auf den Teppich entblättern. Seine kleinen, entzündeten Augen
blinzeln umher, scheinbar ohne etwas zu sehen … Er bleibt in der Tür
stehen, hält den Strauß vor sich hin und beginnt sofort zu reden, während
die alte Konsulin ihm nach jedem Worte ermunternd zunickt und kleine,
erleichternde Einwürfe macht, der Konsul ihn betrachtet, indem er eine
seiner hellen Brauen emporzieht, und einige Familienmitglieder, wie zum
Beispiel Frau Permaneder, den Mund mit dem Taschentuch bedecken.
»Ick bün man 'n armen Mann, mine Herrschaften, öäwer ick hew 'n
empfindend Hart, un dat Glück und de Freud von min Herrn, Kunsel
Buddenbrook, welcher ümmer gaut tau mi west is, dat geiht mi nah, und so
bün ick kamen, um den Hern Kunsel un die Fru Kunsulin un die ganze
hochverehrte Fomili ut vollem Harten tau gratuleern, un dat dat Kind
gedeihen mög', denn dat verdeinen sei vor Gott un den Minschen, un so'n
Herr, as Kunsel Buddenbrook, giwt dat nich veele, dat is 'n edeln Herrn, un
uns Herrgott wird ihn das allens lohnen …«
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»So, Grobleben! Dat hewn Sei schön segt! Veelen Dank ook,
Grobleben! Wat wolln Sei denn mit de Rosen?«
Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche
Stimme an und übertönt die des Konsuls.
»… uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze
hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul stahn,
denn eenmal müssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin heiliger
Will' un Ratschluß, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut düern Holz,
un de andere krigt 'ne oll Kist', öäwer tau Moder müssen wi alle warn, wi
müssen all tau Moder warn, tau Moder … tau Moder …!«
»Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' hüt, un Sei mit eern Moder!…«
»Un düs wärn einige Blumens«, schließt Grobleben.
»Dank Ihnen, Grobleben! Dat is öäwer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat
kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hürt!… Na, hier!
Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag!« Und der Konsul legt ihm die Hand
auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt.
»Da, guter Mann!« sagt die alte Konsulin. »Haben Sie auch Ihren
Heiland lieb?«
»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr …!« Und
Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen
dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen
zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen, in
Gedanken wieder mitnimmt …
… Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen – der Konsul hat ihn
hinunter zum Wagen geleitet – und das ist das Zeichen zum Abschiede auch
für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung. Es
wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und Mamsell
Jungmann sind die letzten.
»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht – und meine Mutter
ist einverstanden – Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der kleine
Johann ein bißchen größer ist … jetzt hat er noch die Amme, und nach ihr
Grobleben! Wat wolln Sei denn mit de Rosen?«
Aber Grobleben ist noch nicht zu Ende, er strengt seine weinerliche
Stimme an und übertönt die des Konsuls.
»… uns Herrgott wird ihn das allens lohnen, segg ick, ihn un die ganze
hochverehrte Fomili, wenn dat so wid is, un wenn wi vor sinen Staul stahn,
denn eenmal müssen all in de Gruw fahrn, arm un riek, dat is sin heiliger
Will' un Ratschluß, un eener krigt 'nen finen polierten Sarg ut düern Holz,
un de andere krigt 'ne oll Kist', öäwer tau Moder müssen wi alle warn, wi
müssen all tau Moder warn, tau Moder … tau Moder …!«
»Nee, Grobleben! Wi hebb'm 'ne Tauf' hüt, un Sei mit eern Moder!…«
»Un düs wärn einige Blumens«, schließt Grobleben.
»Dank Ihnen, Grobleben! Dat is öäwer tau veel! Wat hebb'm Sei sik dat
kosten laten, Minsch! Un so 'ne Red' hew ick all lang nich hürt!… Na, hier!
Maken Sei sik 'nen vergneugten Dag!« Und der Konsul legt ihm die Hand
auf die Schulter, indem er ihm einen Taler gibt.
»Da, guter Mann!« sagt die alte Konsulin. »Haben Sie auch Ihren
Heiland lieb?«
»Den hew ick von Harten leiw, Fru Kunselin, dat is so woahr …!« Und
Grobleben nimmt auch von ihr einen Taler in Empfang, und dann einen
dritten von Madame Permaneder, worauf er sich unter Kratzfüßen
zurückzieht und die Rosen, soweit sie noch nicht auf dem Teppich liegen, in
Gedanken wieder mitnimmt …
… Nun ist der Bürgermeister aufgebrochen – der Konsul hat ihn
hinunter zum Wagen geleitet – und das ist das Zeichen zum Abschiede auch
für die übrigen Gäste, denn Gerda Buddenbrook bedarf der Schonung. Es
wird still in den Zimmern. Die alte Konsulin mit Tony, Erika und Mamsell
Jungmann sind die letzten.
»Ja, Ida«, sagt der Konsul, »ich habe mir gedacht – und meine Mutter
ist einverstanden – Sie haben uns alle einmal gepflegt, und wenn der kleine
Johann ein bißchen größer ist … jetzt hat er noch die Amme, und nach ihr
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wird wohl eine Kinderfrau nötig sein, aber haben Sie Lust, dann zu uns
überzusiedeln?«
»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht
sein …«
Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag
schon jetzt zum Beschluß.
Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich
noch einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide
Wangen und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie
seit manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus
dem letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten
Grade! Jetzt, wo der kleine Johann da ist – es ist so schön, daß wir ihn
wieder Johann genannt haben – jetzt ist mir, als ob noch einmal eine ganz
neue Zeit kommen muß!«
Zweites Kapitel
Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester &
Comp. zu Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock
mit der Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders,
der mit Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des
Tauftages.
»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal
dringend sprechen … Entschuldige, Gerda … Es eilt, Thomas.«
Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul
eine der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete.
Ihm ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung,
noch nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn
heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß
er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe von
Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den Saal
für mehrere Minuten verlassen hatte … Thomas hatte ihm keine Zeile mehr
überzusiedeln?«
»Ja, ja, Herr Konsul, und wenn's Ihrer Frau Gemahlin wird recht
sein …«
Auch Gerda ist zufrieden mit diesem Plan, und so wird der Vorschlag
schon jetzt zum Beschluß.
Beim Weggehen aber, schon in der Tür, wendet Frau Permaneder sich
noch einmal um. Sie kehrt zu ihrem Bruder zurück, küßt ihn auf beide
Wangen und sagt: »Das ist ein schöner Tag, Tom, ich bin so glücklich, wie
seit manchem Jahr nicht mehr! Wir Buddenbrooks pfeifen noch nicht aus
dem letzten Loch, Gott sei Dank, wer das glaubt, der irrt im höchsten
Grade! Jetzt, wo der kleine Johann da ist – es ist so schön, daß wir ihn
wieder Johann genannt haben – jetzt ist mir, als ob noch einmal eine ganz
neue Zeit kommen muß!«
Zweites Kapitel
Christian Buddenbrook, Inhaber der Firma H. C. F. Burmeester &
Comp. zu Hamburg, seinen modischen grauen Hut und seinen gelben Stock
mit der Nonnenbüste in der Hand, kam in das Wohnzimmer seines Bruders,
der mit Gerda lesend beisammen saß. Es war halb zehn Uhr am Abend des
Tauftages.
»Guten Abend«, sagte Christian. »Ach, Thomas, ich muß dich mal
dringend sprechen … Entschuldige, Gerda … Es eilt, Thomas.«
Sie gingen in das dunkle Speisezimmer hinüber, woselbst der Konsul
eine der Gaslampen an der Wand entzündete und seinen Bruder betrachtete.
Ihm ahnte nichts Gutes. Er hatte, abgesehen von der ersten Begrüßung,
noch nicht Gelegenheit gehabt, mit Christian zu sprechen; aber er hatte ihn
heute während der Feierlichkeit aufmerksam beobachtet und gesehen, daß
er ungewöhnlich ernst und unruhig gewesen war, ja, daß er im Verlaufe von
Pastor Pringsheims Rede einmal sogar aus irgendwelchen Gründen den Saal
für mehrere Minuten verlassen hatte … Thomas hatte ihm keine Zeile mehr
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geschrieben seit jenem Tage in Hamburg, an dem Christian zehntausend
Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur Deckung
von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul gesagt.
»Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich betrifft, ich
hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen wirst. Du hast meine
Freundschaft während all der Jahre auf zu harte Proben gestellt« … Warum
kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn treiben …
»Nun?« fragte der Konsul.
»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich, Hut
und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einen der
hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden.
»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir
führt?« sagte der Konsul, der stehenblieb.
»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit
fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt 33 Jahre,
aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar war so stark gelichtet,
daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag. Über den tief eingefallenen
Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber buckelte sich,
nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wölbung seine große Nase …
»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner
linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren … »Es ist kein
Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte Qual.
Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite alle
Nerven zu kurz sind … Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite sind alle
Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar … manchmal ist mir, als ob hier
an der Seite irgendein Krampf oder eine Lähmung stattfinden müßte, eine
Lähmung für immer … Du hast keine Vorstellung … Keinen Abend schlafe
ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil plötzlich mein Herz nicht mehr klopft
und ich einen ganz entsetzlichen Schreck bekomme … Das geschieht nicht
einmal, sondern zehnmal, bevor ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du es
kennst … ich will es dir ganz genau beschreiben … Es ist …«
Mark Kurant von seinem Erbe im voraus aus seinen Händen zur Deckung
von Schulden empfangen. »Fahre nur so fort!« hatte der Konsul gesagt.
»Dann werden deine Groschen rasch vertan sein. Was mich betrifft, ich
hoffe, daß du künftig recht wenig meine Wege kreuzen wirst. Du hast meine
Freundschaft während all der Jahre auf zu harte Proben gestellt« … Warum
kam er jetzt? Etwas Dringendes mußte ihn treiben …
»Nun?« fragte der Konsul.
»Ich kann es nun nicht mehr«, antwortete Christian, indem er sich, Hut
und Stock zwischen den mageren Knien, seitwärts auf einen der
hochlehnigen Stühle niederließ, die den Eßtisch umstanden.
»Darf ich fragen, was du nun nicht mehr kannst, und was dich zu mir
führt?« sagte der Konsul, der stehenblieb.
»Ich kann es nun nicht mehr«, wiederholte Christian, drehte mit
fürchterlich unruhigem Ernst seinen Kopf hin und her und ließ seine
kleinen, runden, tiefliegenden Augen schweifen. Er zählte jetzt 33 Jahre,
aber er sah weit älter aus. Sein rötlichblondes Haar war so stark gelichtet,
daß fast schon die ganze Schädeldecke freilag. Über den tief eingefallenen
Wangen traten die Knochen scharf hervor; dazwischen aber buckelte sich,
nackt, fleischlos, hager, in ungeheurer Wölbung seine große Nase …
»Wenn es nur dies wäre«, fuhr er fort, indem er mit der Hand an seiner
linken Seite hinunterstrich, ohne seinen Körper zu berühren … »Es ist kein
Schmerz, es ist eine Qual, weißt du, eine beständige, unbestimmte Qual.
Doktor Drögemüller in Hamburg hat mir gesagt, daß an dieser Seite alle
Nerven zu kurz sind … Stelle dir vor, an der ganzen linken Seite sind alle
Nerven zu kurz bei mir! Es ist so sonderbar … manchmal ist mir, als ob hier
an der Seite irgendein Krampf oder eine Lähmung stattfinden müßte, eine
Lähmung für immer … Du hast keine Vorstellung … Keinen Abend schlafe
ich ordentlich ein. Ich fahre auf, weil plötzlich mein Herz nicht mehr klopft
und ich einen ganz entsetzlichen Schreck bekomme … Das geschieht nicht
einmal, sondern zehnmal, bevor ich einschlafe. Ich weiß nicht, ob du es
kennst … ich will es dir ganz genau beschreiben … Es ist …«
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»Laß nur«, sagte der Konsul kalt. »Ich nehme nicht an, daß du
hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?«
»Nein, Thomas, wenn es nur d a s wäre; aber d a s ist es nicht allein! Es
ist mit dem Geschäft … Ich kann es nun nicht mehr.«
»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er
wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen Bruder
von der Seite mit einer müden Kälte ansah.
»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen – es ist ja nun doch
gleich – ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die
Zehntausende damals nicht, wie du selbst weißt … Die waren eigentlich
nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die … Ich
habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee … und bei dem
Bankerott in Antwerpen … Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich gar
nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man muß doch leben …
und nun sind da Wechsel und andere Schulden … fünftausend Taler … Ach,
du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese Qual …«
»Also, du hast dich still verhalten!« schrie der Konsul außer sich. In
diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. »Du hast die Karre im
Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, daß ich nicht
vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und in Klubs
und mit minderwertigen Frauenzimmern.«
»Du meinst Aline … Ja, für diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas,
und es ist vielleicht mein Unglück, daß ich zuviel Sinn dafür habe; denn
darin hast du recht, daß es mich zuviel gekostet hat und noch immer
ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen … wir sind hier
unter uns Brüdern … Das dritte Kind, das kleine Mädchen, das seit einem
halben Jahre da ist … es ist von mir.«
»Esel.«
»Sage das nicht, Thomas. Du mußt gerecht sein, auch im Zorne, gegen
sie und gegen … warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline
betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du nicht
sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgültig, mit wem sie lebt, und sie hat
meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat als ich,
hierhergekommen bist, um mir dies zu erzählen?«
»Nein, Thomas, wenn es nur d a s wäre; aber d a s ist es nicht allein! Es
ist mit dem Geschäft … Ich kann es nun nicht mehr.«
»Du bist wieder in Unordnung?« Der Konsul fuhr nicht einmal auf, er
wurde nicht mehr laut. Er fragte es ganz ruhig, während er seinen Bruder
von der Seite mit einer müden Kälte ansah.
»Nein, Thomas. Und um die Wahrheit zu sagen – es ist ja nun doch
gleich – ich bin niemals recht in Ordnung gekommen, auch durch die
Zehntausende damals nicht, wie du selbst weißt … Die waren eigentlich
nur, damit ich nicht gleich zuzumachen brauchte. Die Sache ist die … Ich
habe gleich darauf noch Verluste gehabt, in Kaffee … und bei dem
Bankerott in Antwerpen … Das ist wahr. Aber dann habe ich eigentlich gar
nichts mehr getan und mich still verhalten. Aber man muß doch leben …
und nun sind da Wechsel und andere Schulden … fünftausend Taler … Ach,
du weißt nicht, wie sehr ich herunter bin! Und zu allem diese Qual …«
»Also, du hast dich still verhalten!« schrie der Konsul außer sich. In
diesem Augenblick verlor er dennoch die Fassung. »Du hast die Karre im
Dreck gelassen und dich anderweitig unterhalten! Meinst du, daß ich nicht
vor Augen sehe, wie du gelebt hast, im Theater und im Zirkus und in Klubs
und mit minderwertigen Frauenzimmern.«
»Du meinst Aline … Ja, für diese Dinge hast du wenig Sinn, Thomas,
und es ist vielleicht mein Unglück, daß ich zuviel Sinn dafür habe; denn
darin hast du recht, daß es mich zuviel gekostet hat und noch immer
ziemlich viel kosten wird, denn ich will dir eines sagen … wir sind hier
unter uns Brüdern … Das dritte Kind, das kleine Mädchen, das seit einem
halben Jahre da ist … es ist von mir.«
»Esel.«
»Sage das nicht, Thomas. Du mußt gerecht sein, auch im Zorne, gegen
sie und gegen … warum sollte es nicht von mir sein. Was aber Aline
betrifft, so ist sie durchaus nicht minderwertig; so etwas darfst du nicht
sagen. Es ist ihr keineswegs gleichgültig, mit wem sie lebt, und sie hat
meinetwegen mit Konsul Holm gebrochen, der viel mehr Geld hat als ich,
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so gut ist sie gesinnt … Nein, du hast keinen Begriff, Thomas, was für ein
prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund … so g e s u n d …!«
wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren Rücken nach außen, mit
gekrümmten Fingern vors Gesicht hielt, ähnlich wie er zu tun pflegte, wenn
er von »That's Maria« und dem Laster in London erzählte. »Du solltest nur
ihre Zähne sehen, wenn sie lacht! Ich habe solche Zähne auf der ganzen
Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso nicht und in London nicht … Ich
werde nie den Abend vergessen, als ich sie kennenlernte … bei Uhlich in
der Austernstube … Sie hielt es damals mit Konsul Holm; aber ich erzählte
ein bißchen und war ein bißchen nett mit ihr … Und als ich sie dann
nachher bekam … tja, Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn
man ein gutes Geschäft macht … Aber du hörst nicht gern von solchen
Dingen, ich sehe es dir auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende.
Ich werde ihr nun Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr
in Verbindung bleiben werde … Ich will in Hamburg alles bezahlen, was
ich schuldig bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht
mehr. Mit Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die
fünftausend Taler im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und
damit wirst du einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz
einfach: Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland … als wenn
ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nämlich
wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die
Selbständigkeit ist so gar nichts für mich, das merke ich mehr und mehr.
Diese Verantwortlichkeit … Als Angestellter geht man abends sorglos nach
Hause … Und in London bin ich gern gewesen … Hast du etwas dagegen?«
Der Konsul hatte während dieser ganzen Auseinandersetzung seinem
Bruder den Rücken zugewandt und, die Hände in den Hosentaschen, mit
einem Fuße Figuren auf dem Boden beschrieben.
»Schön, gehe also nach London«, sagte er ganz einfach. Und ohne sich
auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, ließ er ihn
hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurück.
Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der
Lektüre saß, und gab ihr die Hand.
prachtvolles Geschöpf das ist! Sie ist so gesund … so g e s u n d …!«
wiederholte Christian, indem er eine Hand, ihren Rücken nach außen, mit
gekrümmten Fingern vors Gesicht hielt, ähnlich wie er zu tun pflegte, wenn
er von »That's Maria« und dem Laster in London erzählte. »Du solltest nur
ihre Zähne sehen, wenn sie lacht! Ich habe solche Zähne auf der ganzen
Welt noch nicht gefunden, in Valparaiso nicht und in London nicht … Ich
werde nie den Abend vergessen, als ich sie kennenlernte … bei Uhlich in
der Austernstube … Sie hielt es damals mit Konsul Holm; aber ich erzählte
ein bißchen und war ein bißchen nett mit ihr … Und als ich sie dann
nachher bekam … tja, Thomas! Das ist ein ganz anderes Gefühl, als wenn
man ein gutes Geschäft macht … Aber du hörst nicht gern von solchen
Dingen, ich sehe es dir auch jetzt wieder an, und es ist nun ja auch zu Ende.
Ich werde ihr nun Adieu sagen, obgleich ich ja, wegen des Kindes, mit ihr
in Verbindung bleiben werde … Ich will in Hamburg alles bezahlen, was
ich schuldig bin, verstehst du, und dann zumachen. Ich kann es nun nicht
mehr. Mit Mutter habe ich gesprochen, und sie will mir auch die
fünftausend Taler im voraus geben, damit ich Ordnung machen kann, und
damit wirst du einverstanden sein, denn es ist doch besser, man sagt ganz
einfach: Christian Buddenbrook liquidiert und geht ins Ausland … als wenn
ich Bankerott mache, darin wirst du mir recht geben. Ich will nämlich
wieder nach London gehen, Thomas, in London eine Stelle annehmen. Die
Selbständigkeit ist so gar nichts für mich, das merke ich mehr und mehr.
Diese Verantwortlichkeit … Als Angestellter geht man abends sorglos nach
Hause … Und in London bin ich gern gewesen … Hast du etwas dagegen?«
Der Konsul hatte während dieser ganzen Auseinandersetzung seinem
Bruder den Rücken zugewandt und, die Hände in den Hosentaschen, mit
einem Fuße Figuren auf dem Boden beschrieben.
»Schön, gehe also nach London«, sagte er ganz einfach. Und ohne sich
auch nur halbwegs noch einmal nach Christian umzuwenden, ließ er ihn
hinter sich und schritt zum Wohnzimmer zurück.
Aber Christian folgte ihm. Er ging auf Gerda zu, die dort allein bei der
Lektüre saß, und gab ihr die Hand.
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»Gute Nacht, Gerda. Ja, Gerda, ich gehe nun also demnächst wieder
nach London. Merkwürdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so
ins Ungewisse, weißt du, in solche große Stadt, wo es bei jedem dritten
Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar …
kennst du das Gefühl? Es sitzt hier, ungefähr im Magen … ganz
sonderbar …«
Drittes Kapitel
James Möllendorpf, der älteste kaufmännische Senator, starb auf
groteske und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die
Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, daß er in den letzten
Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft für Kuchen und
Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Möllendorpfs Hausarzt
war, hatte mit aller Energie, deren er fähig war, protestiert, und die besorgte
Familie hatte ihrem Oberhaupte das süße Gebäck mit sanfter Gewalt
entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig gebrochen, wie er war,
hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemäßen Straße, in der Kleinen
Gröpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein Zimmer gemietet,
eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich geschlichen hatte,
um Torte zu essen … und dort fand man auch den Entseelten, den Mund
noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste seinen Rock befleckten
und auf dem ärmlichen Tische umherlagen. Ein tödlicher Schlaganfall war
der langsamen Auszehrung zuvorgekommen.
Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie
nach Möglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der
Stadt und bildeten den Gesprächsstoff an der Börse, im »Klub«, in der
»Harmonie«, in den Kontors, in der Bürgerschaft und auf den Bällen,
Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar –
den Februar des Jahres 62 – und das gesellschaftliche Leben war noch in
vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzählten
sich am »Jerusalemsabend« von Senator Möllendorpfs Tode, wenn Lea
Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen
Sonntagsschülerinnen flüsterten davon, wenn sie ehrfürchtig über die große
Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der Glockengießerstraße
nach London. Merkwürdig, wie man umhergeworfen wird. Nun wieder so
ins Ungewisse, weißt du, in solche große Stadt, wo es bei jedem dritten
Schritt ein Abenteuer gibt und man soviel erleben kann. Sonderbar …
kennst du das Gefühl? Es sitzt hier, ungefähr im Magen … ganz
sonderbar …«
Drittes Kapitel
James Möllendorpf, der älteste kaufmännische Senator, starb auf
groteske und schauerliche Weise. Diesem diabetischen Greise waren die
Selbsterhaltungsinstinkte so sehr abhanden gekommen, daß er in den letzten
Jahren seines Lebens mehr und mehr einer Leidenschaft für Kuchen und
Torten unterlegen war. Doktor Grabow, der auch bei Möllendorpfs Hausarzt
war, hatte mit aller Energie, deren er fähig war, protestiert, und die besorgte
Familie hatte ihrem Oberhaupte das süße Gebäck mit sanfter Gewalt
entzogen. Was aber hatte der Senator getan? Geistig gebrochen, wie er war,
hatte er sich irgendwo in einer unstandesgemäßen Straße, in der Kleinen
Gröpelgrube, An der Mauer oder im Engelswisch ein Zimmer gemietet,
eine Kammer, ein wahres Loch, wohin er sich heimlich geschlichen hatte,
um Torte zu essen … und dort fand man auch den Entseelten, den Mund
noch voll halb zerkauten Kuchens, dessen Reste seinen Rock befleckten
und auf dem ärmlichen Tische umherlagen. Ein tödlicher Schlaganfall war
der langsamen Auszehrung zuvorgekommen.
Die widerlichen Einzelheiten dieses Todesfalles wurden von der Familie
nach Möglichkeit geheimgehalten; aber sie verbreiteten sich rasch in der
Stadt und bildeten den Gesprächsstoff an der Börse, im »Klub«, in der
»Harmonie«, in den Kontors, in der Bürgerschaft und auf den Bällen,
Diners und Abendgesellschaften, denn das Ereignis fiel in den Februar –
den Februar des Jahres 62 – und das gesellschaftliche Leben war noch in
vollem Gange. Selbst die Freundinnen der Konsulin Buddenbrook erzählten
sich am »Jerusalemsabend« von Senator Möllendorpfs Tode, wenn Lea
Gerhardt im Vorlesen eine Pause machte, selbst die kleinen
Sonntagsschülerinnen flüsterten davon, wenn sie ehrfürchtig über die große
Buddenbrooksche Diele gingen, und Herr Stuht in der Glockengießerstraße
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hatte mit seiner Frau, die in den ersten Kreisen verkehrte, eine ausführliche
Unterredung darüber.
Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurückliegende gerichtet
bleiben. Gleich mit dem ersten Gerücht von dem Ableben dieses alten
Ratsherrn war die eine große Frage aufgetaucht … als aber die Erde ihn
deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemüter beherrschte: Wer ist der
Nachfolger?
Welche Spannung und welche unterirdische Geschäftigkeit! Der
Fremde, der gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten und
die anmutige Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts
davon; aber welch Treiben unter der Oberfläche! Welche Agitation!
Ehrenfeste, gesunde, von keiner Skepsis angekränkelte Meinungen platzen
aufeinander, poltern vor Überzeugung, prüfen einander und verständigen
sich langsam, langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und
Eitelkeit wühlen im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf
und werden enttäuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bäckergrube, der
bei jeder Wahl drei oder vier Stimmen erhält, wird wiederum am Wahltage
bebend in seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch
diesmal nicht gewählt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll
Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock zu
stoßen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen, nicht
Senator geworden zu sein …
Als James Möllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen
Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach
einigen Ausdrücken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der
Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder
hinüberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlaßt hatte,
unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann sämtlich, wie auf
Kommando, während einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu
schließen. Der Konsul hatte einen Moment das listige Lächeln seiner
Schwester erwidert und dann dem Gespräche eine andere Richtung
gegeben. Er wußte, daß man in der Stadt den Gedanken aussprach, den
Tony glückselig in sich bewegte …
Unterredung darüber.
Allein das Interesse konnte nicht lange auf das Zurückliegende gerichtet
bleiben. Gleich mit dem ersten Gerücht von dem Ableben dieses alten
Ratsherrn war die eine große Frage aufgetaucht … als aber die Erde ihn
deckte, war es diese Frage allein, die alle Gemüter beherrschte: Wer ist der
Nachfolger?
Welche Spannung und welche unterirdische Geschäftigkeit! Der
Fremde, der gekommen ist, die mittelalterlichen Sehenswürdigkeiten und
die anmutige Umgebung der Stadt in Augenschein zu nehmen, merkt nichts
davon; aber welch Treiben unter der Oberfläche! Welche Agitation!
Ehrenfeste, gesunde, von keiner Skepsis angekränkelte Meinungen platzen
aufeinander, poltern vor Überzeugung, prüfen einander und verständigen
sich langsam, langsam. Die Leidenschaften sind aufgeregt. Ehrgeiz und
Eitelkeit wühlen im stillen. Eingesargte Hoffnungen regen sich, stehen auf
und werden enttäuscht. Der alte Kaufmann Kurz in der Bäckergrube, der
bei jeder Wahl drei oder vier Stimmen erhält, wird wiederum am Wahltage
bebend in seiner Wohnung sitzen und des Rufes harren; aber er wird auch
diesmal nicht gewählt werden, er wird fortfahren, mit einer Miene voll
Biedersinn und Selbstzufriedenheit, das Trottoir mit seinem Spazierstock zu
stoßen, und er wird sich mit diesem heimlichen Grame ins Grab legen, nicht
Senator geworden zu sein …
Als James Möllendorpfs Tod am Donnerstage beim Buddenbrookschen
Familienmittagessen besprochen worden war, hatte Frau Permaneder nach
einigen Ausdrücken des Bedauerns begonnen, ihre Zungenspitze an der
Oberlippe spielen zu lassen und verschlagen zu ihrem Bruder
hinüberzublicken, was die Damen Buddenbrook veranlaßt hatte,
unbeschreiblich spitzige Blicke zu tauschen und dann sämtlich, wie auf
Kommando, während einer Sekunde Augen und Lippen ganz fest zu
schließen. Der Konsul hatte einen Moment das listige Lächeln seiner
Schwester erwidert und dann dem Gespräche eine andere Richtung
gegeben. Er wußte, daß man in der Stadt den Gedanken aussprach, den
Tony glückselig in sich bewegte …
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Namen wurden genannt und verworfen. Andere tauchten auf und
wurden gesichtet. Henning Kurz in der Bäckergrube war zu alt. Eine frische
Kraft war endlich vonnöten. Konsul Huneus, der Holzhändler, dessen
Millionen übrigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wären, war
verfassungsmäßig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehörte.
Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhändler, und Konsul Hermann
Hagenström behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang
beständig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der
Wahltag sich näherte, desto klarer ward es, daß er zusammen mit Hermann
Hagenström die meisten Chancen besaß.
Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer.
Sein Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit,
mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich
entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er
führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht, ihren
Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit seinem
rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt auf der
Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch niemand
und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner reichen, aber
zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe unmöglich gewesen war
und der dennoch, verschwägert sowohl mit den Huneus als mit den
Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder sechs herrschenden
Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war unleugbar eine
merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das Neuartige und
damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn auszeichnete und ihm in
den Augen vieler eine führende Stellung gab, war der liberale und tolerante
Grundzug seines Wesens. Die legere und großzügige Art, mit der er Geld
verdiente und verausgabte, war etwas anderes als die zähe, geduldige und
von streng überlieferten Prinzipien geleitete Arbeit seiner kaufmännischen
Mitbürger. Dieser Mann stand frei von den hemmenden Fesseln der
Tradition und der Pietät auf seinen eigenen Füßen, und alles Altmodische
war ihm fremd. Er bewohnte keines der alten, mit unsinniger
Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um deren ungeheure
Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus in der Sandstraße
– der südlichen Verlängerung der Breiten Straße –, mit schlichter Ölfassade,
praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und reicher, eleganter,
wurden gesichtet. Henning Kurz in der Bäckergrube war zu alt. Eine frische
Kraft war endlich vonnöten. Konsul Huneus, der Holzhändler, dessen
Millionen übrigens nicht leicht ins Gewicht gefallen wären, war
verfassungsmäßig ausgeschlossen, weil sein Bruder dem Senate angehörte.
Konsul Eduard Kistenmaker, der Weinhändler, und Konsul Hermann
Hagenström behaupteten sich auf der Liste. Von Anfang an aber klang
beständig dieser Name mit: Thomas Buddenbrook. Und je mehr der
Wahltag sich näherte, desto klarer ward es, daß er zusammen mit Hermann
Hagenström die meisten Chancen besaß.
Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer.
Sein Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit,
mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich
entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er
führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht, ihren
Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit seinem
rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt auf der
Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch niemand
und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner reichen, aber
zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe unmöglich gewesen war
und der dennoch, verschwägert sowohl mit den Huneus als mit den
Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder sechs herrschenden
Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war unleugbar eine
merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das Neuartige und
damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn auszeichnete und ihm in
den Augen vieler eine führende Stellung gab, war der liberale und tolerante
Grundzug seines Wesens. Die legere und großzügige Art, mit der er Geld
verdiente und verausgabte, war etwas anderes als die zähe, geduldige und
von streng überlieferten Prinzipien geleitete Arbeit seiner kaufmännischen
Mitbürger. Dieser Mann stand frei von den hemmenden Fesseln der
Tradition und der Pietät auf seinen eigenen Füßen, und alles Altmodische
war ihm fremd. Er bewohnte keines der alten, mit unsinniger
Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um deren ungeheure
Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus in der Sandstraße
– der südlichen Verlängerung der Breiten Straße –, mit schlichter Ölfassade,
praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und reicher, eleganter,
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bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen Stiles bar. Übrigens hatte
er in dieses sein Haus noch vor kurzem, gelegentlich einer seiner größeren
Abendgesellschaften, eine ans Stadttheater engagierte Sängerin geladen,
hatte sie nach Tische vor seinen Gästen, unter denen sich auch sein
kunstliebender und schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand,
singen lassen und die Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der
Mann, in der Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur
Restaurierung und Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu
befürworten. Daß er aber der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste
gewesen war, der seine Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet
hatte, war Tatsache. Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition
lebte, so war es die von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström,
übernommene unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie
Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß.
Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur
er selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines
Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen
geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines
hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und
bezwingend liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und
verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein
selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad
formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie
Respekt erregte …
Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in
Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast
gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret
ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau
Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer
erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen
sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso eingehend
studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen. Sie sprach
dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog alle
denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den feierlichen
Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der »freimütigen
Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen Wahlkammern
er in dieses sein Haus noch vor kurzem, gelegentlich einer seiner größeren
Abendgesellschaften, eine ans Stadttheater engagierte Sängerin geladen,
hatte sie nach Tische vor seinen Gästen, unter denen sich auch sein
kunstliebender und schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand,
singen lassen und die Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der
Mann, in der Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur
Restaurierung und Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu
befürworten. Daß er aber der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste
gewesen war, der seine Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet
hatte, war Tatsache. Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition
lebte, so war es die von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström,
übernommene unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie
Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß.
Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur
er selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines
Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen
geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines
hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und
bezwingend liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und
verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein
selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad
formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie
Respekt erregte …
Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in
Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast
gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret
ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau
Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer
erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen
sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso eingehend
studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen. Sie sprach
dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog alle
denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den feierlichen
Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der »freimütigen
Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen Wahlkammern
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über alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der
Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der
»freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms
teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und
begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen:
»Edelmann – Bedelmann – Doktor – Pastor – – Ratsherr!« sagte sie und
schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen Teller
hinüber … Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie den Konsul
am Arme beiseite, in eine Fensternische.
»O Gott, Tom! wenn du es wirst … wenn unser Wappen in die
Kriegsstube im Rathause kommt … ich sterbe vor Freude! ich falle um und
bin tot, du sollst sehen!«
»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich
bitten darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie
Henning Kurz? Wir sind auch ohne ›Senator‹ was … Und du wirst
hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.«
Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen
ihren Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich
verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und
seiner 27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich
daran, indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei
einem ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den
betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator«
nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein
brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu
erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen.
»Konsul Buddenbrook, meine Herren … ha! welch ein Mann! Ich habe
an der Seite seines Vaters gestanden, als er anno 48 mit einem Worte die
Wut des entfesselten Pöbels zähmte … Gäbe es eine Gerechtigkeit auf
Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem Senate
angehören müssen …«
Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst,
dessen Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als
vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der
Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der
»freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms
teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und
begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen:
»Edelmann – Bedelmann – Doktor – Pastor – – Ratsherr!« sagte sie und
schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen Teller
hinüber … Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie den Konsul
am Arme beiseite, in eine Fensternische.
»O Gott, Tom! wenn du es wirst … wenn unser Wappen in die
Kriegsstube im Rathause kommt … ich sterbe vor Freude! ich falle um und
bin tot, du sollst sehen!«
»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich
bitten darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie
Henning Kurz? Wir sind auch ohne ›Senator‹ was … Und du wirst
hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.«
Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen
ihren Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich
verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und
seiner 27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich
daran, indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei
einem ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den
betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator«
nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein
brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu
erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen.
»Konsul Buddenbrook, meine Herren … ha! welch ein Mann! Ich habe
an der Seite seines Vaters gestanden, als er anno 48 mit einem Worte die
Wut des entfesselten Pöbels zähmte … Gäbe es eine Gerechtigkeit auf
Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem Senate
angehören müssen …«
Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst,
dessen Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als
vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der
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Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt hätte. Er gehörte nicht zu dem
Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte
nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war
nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach
Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon
erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß diese
Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig mehr
Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die ihn kaum
dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er in
Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der niemand
ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben verbissenen
Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er auf der
Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor ihr zog …
Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit, für diese Frau
eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche er, bucklig,
düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem Gleichmut
verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten gestatteten ihm
nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige Listen auf einen
Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als im Rathause für die
Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und ihr, vielleicht,
dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen zu
widmen.
Vi e r t e s K a p i t e l
Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt
werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James
Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen,
ein Tauwettertag am Ende des Februar.
In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen
Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den
grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen
ruhenden gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den
Durchblick auf den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren … vorm
Rathause drängen sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in
Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte
nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war
nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach
Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon
erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß diese
Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig mehr
Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die ihn kaum
dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er in
Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der niemand
ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben verbissenen
Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er auf der
Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor ihr zog …
Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit, für diese Frau
eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche er, bucklig,
düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem Gleichmut
verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten gestatteten ihm
nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige Listen auf einen
Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als im Rathause für die
Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und ihr, vielleicht,
dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen zu
widmen.
Vi e r t e s K a p i t e l
Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt
werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James
Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen,
ein Tauwettertag am Ende des Februar.
In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen
Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den
grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen
ruhenden gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den
Durchblick auf den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren … vorm
Rathause drängen sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in
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dem schmutzig-wässerigen Schnee der Straße, der unter ihren Füßen
vollends zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die
Hälse. Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn
im Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die
aus Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende
Wahlversammlung die Vorschläge der Wahlkammern …
Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten
in den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und
daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe
Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als
gewählt erklärt werden … Sonderbar! Niemand begreift, woher sie
kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale
auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr
Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders als
»Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit geschlossenen
Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach draußen?
Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen sind, und
daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen wurde:
Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun wenigstens
die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels Stimmzettel eine
unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme Überschuhe trägt,
fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die Füße schmerzen vor
Kälte.
Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man
sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten,
niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus
schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen
Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten
Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des
Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und
dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und
den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit
ihren Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit
holländischen Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen
Ärmeln, die aus dem buntgestickten Mieder hervorquellen … Dazwischen
Bürger, Ladenbesitzer aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und
vollends zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die
Hälse. Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn
im Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die
aus Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende
Wahlversammlung die Vorschläge der Wahlkammern …
Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten
in den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und
daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe
Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als
gewählt erklärt werden … Sonderbar! Niemand begreift, woher sie
kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale
auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr
Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders als
»Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit geschlossenen
Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach draußen?
Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen sind, und
daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen wurde:
Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun wenigstens
die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels Stimmzettel eine
unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme Überschuhe trägt,
fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die Füße schmerzen vor
Kälte.
Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man
sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten,
niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus
schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen
Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten
Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des
Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und
dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und
den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit
ihren Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit
holländischen Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen
Ärmeln, die aus dem buntgestickten Mieder hervorquellen … Dazwischen
Bürger, Ladenbesitzer aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und
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ihre Meinungen tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im
Kontor ihres Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige
Lehrzeit erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen …
Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht
eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um
zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das
Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz
besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen
zusammenhält, und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen
Schleier verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser
umher …
»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine
Arbeitsmann zum andern.
»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen
nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.«
»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.«
»Je, dat seg du man noch mal.«
»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.«
»Je, du Klaukscheeter … Red' du un de Düwel.«
Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt
ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die
Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström, dat's
so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is hei all … Nee,
wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün ick vör
Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl …«
»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker …«
»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.«
»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin
Manschetten un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart … Hest em
gehen seihn? Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel …«
Kontor ihres Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige
Lehrzeit erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen …
Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht
eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um
zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das
Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz
besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen
zusammenhält, und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen
Schleier verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser
umher …
»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine
Arbeitsmann zum andern.
»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen
nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.«
»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.«
»Je, dat seg du man noch mal.«
»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.«
»Je, du Klaukscheeter … Red' du un de Düwel.«
Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt
ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die
Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström, dat's
so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is hei all … Nee,
wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün ick vör
Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl …«
»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker …«
»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.«
»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin
Manschetten un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart … Hest em
gehen seihn? Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel …«
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»Je, du Dömelklaas, doarvon is nich de Red'.«
»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen
is?«
… Die Dame im Abendmantel erbebt …
»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der
Kunsel doar ook nix för.«
Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände
unterm Mantel zusammenpreßt … Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!
»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn
hat ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will
wat bedüden, will 'k di man vertellen …«
Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!… Sie
zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im Zick-
Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine
Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen
erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und
Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß,
wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner«
zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben …
Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is
wählt!«
Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der
Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich auf
die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im
Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick
ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die ausdrückt:
Ist dies die Stunde, Späße zu machen?… nimmt sie sich ungeduldig
zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden
Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben
Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne
öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft, vernichtet …
»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen
is?«
… Die Dame im Abendmantel erbebt …
»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der
Kunsel doar ook nix för.«
Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände
unterm Mantel zusammenpreßt … Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!
»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn
hat ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will
wat bedüden, will 'k di man vertellen …«
Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!… Sie
zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im Zick-
Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine
Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen
erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und
Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß,
wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner«
zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben …
Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is
wählt!«
Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der
Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich auf
die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im
Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick
ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die ausdrückt:
Ist dies die Stunde, Späße zu machen?… nimmt sie sich ungeduldig
zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden
Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben
Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne
öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft, vernichtet …
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H a g e n s t r ö m! – Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist
da, wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen
und ist überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden.
Hagenström! – Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu erwarten. Die
Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es immer im
Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt, wie das
Weinen in ihr aufsteigt …
Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein
plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze
Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten
fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu
gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt … Die roten
Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in Gala, mit
Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und Galanteriedegen, Seite an
Seite erscheinen und durch die zurückweichende Menge hindurch ihren
Weg gehen.
Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach
rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen … und schlagen mit
unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis der
Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist n i c h t die
Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die Breite Straße
hinunter!
Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her
sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben Richtung
den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee, Buddenbrook! nich
Hagenström!« … und schon kommen in angeregten Gesprächen allerlei
Herren aus dem Portale, biegen um und gehen geschwinden Schrittes die
Breite Straße hinunter, um die ersten bei der Gratulation zu sein.
Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie
läuft, wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt
sich und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und
obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee
beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert, überholt
sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der Bäckergrube, sie schellt
da, wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen
und ist überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden.
Hagenström! – Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu erwarten. Die
Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es immer im
Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt, wie das
Weinen in ihr aufsteigt …
Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein
plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze
Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten
fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu
gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt … Die roten
Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in Gala, mit
Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und Galanteriedegen, Seite an
Seite erscheinen und durch die zurückweichende Menge hindurch ihren
Weg gehen.
Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach
rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen … und schlagen mit
unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis der
Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist n i c h t die
Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die Breite Straße
hinunter!
Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her
sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben Richtung
den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee, Buddenbrook! nich
Hagenström!« … und schon kommen in angeregten Gesprächen allerlei
Herren aus dem Portale, biegen um und gehen geschwinden Schrittes die
Breite Straße hinunter, um die ersten bei der Gratulation zu sein.
Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie
läuft, wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt
sich und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und
obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee
beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert, überholt
sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der Bäckergrube, sie schellt
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am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem öffnenden Mädchen zu: »Sie
kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die Treppe, stürmt droben ins
Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der wahrhaftig ein bißchen bleich ist,
die Zeitung beiseite legt und ihr eine etwas abwehrende Handbewegung
entgegen macht … sie umarmt ihn und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie
kommen! Du bist es, und Hermann Hagenström ist durchgefallen!«
Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator
Buddenbrook im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James
Möllendorpf, und in Gegenwart der versammelten Väter sowie des
Bürgerausschusses leistete er diesen Eid: »Ich will meinem Amte
gewissenhaft vorstehen, das Wohl des Staates nach allen meinen Kräften
erstreben, die Verfassung desselben getreu befolgen, das öffentliche Gut
redlich verwalten und bei meiner Amtsführung, namentlich auch bei allen
Wahlen, weder auf eigenen Vorteil noch auf Verwandtschaft oder
Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die Gesetze des Staates
handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei reich oder arm. Ich
will auch verschwiegen sein in allem, was Verschwiegenheit erfordert,
besonders aber will ich geheimhalten, was geheimzuhalten mir geboten
wird. So wahr mir Gott helfe!«
Fünftes Kapitel
Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen
Bedürfnissen unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen
sind. Das, was man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt,
die er seinem Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb,
war in Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts
mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur
Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung gibt.
Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an seine
Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und öffentlichen
Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung der Ämter an die
Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das Steuerwesen
kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die Treppe, stürmt droben ins
Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der wahrhaftig ein bißchen bleich ist,
die Zeitung beiseite legt und ihr eine etwas abwehrende Handbewegung
entgegen macht … sie umarmt ihn und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie
kommen! Du bist es, und Hermann Hagenström ist durchgefallen!«
Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator
Buddenbrook im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James
Möllendorpf, und in Gegenwart der versammelten Väter sowie des
Bürgerausschusses leistete er diesen Eid: »Ich will meinem Amte
gewissenhaft vorstehen, das Wohl des Staates nach allen meinen Kräften
erstreben, die Verfassung desselben getreu befolgen, das öffentliche Gut
redlich verwalten und bei meiner Amtsführung, namentlich auch bei allen
Wahlen, weder auf eigenen Vorteil noch auf Verwandtschaft oder
Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die Gesetze des Staates
handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei reich oder arm. Ich
will auch verschwiegen sein in allem, was Verschwiegenheit erfordert,
besonders aber will ich geheimhalten, was geheimzuhalten mir geboten
wird. So wahr mir Gott helfe!«
Fünftes Kapitel
Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen
Bedürfnissen unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen
sind. Das, was man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt,
die er seinem Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb,
war in Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts
mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur
Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung gibt.
Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an seine
Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und öffentlichen
Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung der Ämter an die
Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das Steuerwesen
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zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere staatliche Geschäfte
nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen von Verwaltungs- und
Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das Präsidium zufiel, bedurfte
es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit und Elastizität, um beständig
die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute zu berücksichtigen, sich
scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen und dennoch die Macht in
Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu beobachten war, daß
gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses Bedürfnis, sich körperlich zu
erquicken, zu erneuern, mehrere Male am Tage die Kleidung zu wechseln,
sich wiederherzustellen und morgenfrisch zu machen, in auffälliger Weise
zunahm, so bedeutete das, obgleich Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre
zählte, ganz einfach ein Nachlassen seiner Spannkraft, eine raschere
Abnützbarkeit …
Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen,
so antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er
wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten habe,
bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben würde,
den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen können. In
Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn vorwärts und ließ
ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach Tisch vielleicht,
mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer gewissen langsamen
Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines Schnurrbartes drehte
und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar wurden, tausend Pläne in
seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war gleich heftig beim
Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer öffentlichen Rede, wie
bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand seinen gesamten Vorrat
an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in dieser Beziehung für einige
Zeit fertig und in Ordnung zu sein!
Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend
eine gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die
Ausgaben dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in
diesen Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters.
Der Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen
an Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein
Ansehen. Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine
Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach
nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen von Verwaltungs- und
Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das Präsidium zufiel, bedurfte
es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit und Elastizität, um beständig
die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute zu berücksichtigen, sich
scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen und dennoch die Macht in
Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu beobachten war, daß
gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses Bedürfnis, sich körperlich zu
erquicken, zu erneuern, mehrere Male am Tage die Kleidung zu wechseln,
sich wiederherzustellen und morgenfrisch zu machen, in auffälliger Weise
zunahm, so bedeutete das, obgleich Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre
zählte, ganz einfach ein Nachlassen seiner Spannkraft, eine raschere
Abnützbarkeit …
Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen,
so antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er
wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten habe,
bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben würde,
den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen können. In
Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn vorwärts und ließ
ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach Tisch vielleicht,
mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer gewissen langsamen
Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines Schnurrbartes drehte
und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar wurden, tausend Pläne in
seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war gleich heftig beim
Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer öffentlichen Rede, wie
bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand seinen gesamten Vorrat
an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in dieser Beziehung für einige
Zeit fertig und in Ordnung zu sein!
Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend
eine gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die
Ausgaben dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in
diesen Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters.
Der Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen
an Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein
Ansehen. Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine
Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach
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rang, mit Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner
planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte.
So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses
Jahres 63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus
zu bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb ihn
dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit«
zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale
Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit
Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages
vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von
Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung … und er mußte
alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach und hatte
sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.
Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren
Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort zum
Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein
Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte, kürzlich
gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus erstehen
lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft mit prüfenden
Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute Bürgerhäuser mit
Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das vis-à-vis: ein
schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im Erdgeschoß.
Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte
einen ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er
vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne
Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem
Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und
gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und die
Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine halbbewußten
Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen her in seinem
Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er sich zunächst
seiner Schwester.
»Kurz, Tony, was hältst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum
Badezimmer ist ja ganz spaßhaft, aber im Grunde ist das Ganze doch bloß
planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte.
So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses
Jahres 63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus
zu bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb ihn
dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit«
zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale
Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit
Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages
vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von
Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung … und er mußte
alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach und hatte
sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.
Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren
Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort zum
Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein
Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte, kürzlich
gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus erstehen
lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft mit prüfenden
Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute Bürgerhäuser mit
Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das vis-à-vis: ein
schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im Erdgeschoß.
Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte
einen ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er
vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne
Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem
Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und
gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und die
Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine halbbewußten
Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen her in seinem
Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er sich zunächst
seiner Schwester.
»Kurz, Tony, was hältst du von der Sache! Die Wendeltreppe zum
Badezimmer ist ja ganz spaßhaft, aber im Grunde ist das Ganze doch bloß
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eine Schachtel. Es ist so wenig repräsentabel, wie? Und jetzt, wo du es
richtig dahin gebracht hast, daß ich Senator geworden bin … Mit einem
Worte: Bin ich's mir schuldig …?«
Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht
schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf der
Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurückgelegtem Kopfe
im Zimmer umher.
»Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar
keinen Einwand, denn wer zum Überfluß eine Arnoldsen mit 100000 Talern
hat … Übrigens bin ich stolz, daß du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das
ist schön von dir!… Und w e n n schon, Tom, dann auch v o r n e h m, das
sage ich dir …!«
»Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt
soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Riß mit dir zu
besehen. Voigt hat viel Geschmack …«
Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige
Gerdas. Sie lobte den Plan durchaus. Das Getümmel des Umzuges würde
nichts Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein großes Musikzimmer mit
guter Akustik stimmte sie glücklich. Und was die alte Konsulin betraf, so
war sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der übrigen Glücksfälle zu
betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der
Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat äußerte sich ihr
Mutterstolz noch unverhohlener als früher; sie hatte eine Art, »mein Sohn,
der Senator« zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße
aufs höchste irritierte.
Die alternden Mädchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von
dem Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' äußeres Leben
nahm. Am Donnerstag die arme Klothilde zu verhöhnen, bereitete wenig
Genugtuung, und über Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons,
seines ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von
dort aus ganz kürzlich den aberwitzigen Wunsch herübertelegraphiert hatte,
Fräulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der
Konsulin aufs strengste zurückgewiesen war … über Christian, der ganz
einfach zur Rangordnung Jakob Krögers gehörte, waren die Akten
richtig dahin gebracht hast, daß ich Senator geworden bin … Mit einem
Worte: Bin ich's mir schuldig …?«
Ach, mein Gott, was war er sich in Madame Permaneders Augen nicht
schuldig! Sie war voll ernster Begeisterung. Sie kreuzte die Arme auf der
Brust und ging mit etwas erhobenen Schultern und zurückgelegtem Kopfe
im Zimmer umher.
»Da hast du recht, Tom! O Gott, wie recht du hast! Da gibt es gar
keinen Einwand, denn wer zum Überfluß eine Arnoldsen mit 100000 Talern
hat … Übrigens bin ich stolz, daß du mich zuerst ins Vertrauen ziehst, das
ist schön von dir!… Und w e n n schon, Tom, dann auch v o r n e h m, das
sage ich dir …!«
»Nun ja, der Meinung bin ich auch. Ich will etwas daranwenden. Voigt
soll es machen, und ich freue mich schon darauf, den Riß mit dir zu
besehen. Voigt hat viel Geschmack …«
Die zweite Zustimmung, die Thomas sich einholte, war diejenige
Gerdas. Sie lobte den Plan durchaus. Das Getümmel des Umzuges würde
nichts Angenehmes sein, aber die Aussicht auf ein großes Musikzimmer mit
guter Akustik stimmte sie glücklich. Und was die alte Konsulin betraf, so
war sie sofort bereit, den Bau als logische Folge der übrigen Glücksfälle zu
betrachten, die sie mit Genugtuung und Dank gegen Gott erlebte. Seit der
Geburt des Erben und des Konsuls Wahl in den Rat äußerte sich ihr
Mutterstolz noch unverhohlener als früher; sie hatte eine Art, »mein Sohn,
der Senator« zu sagen, die die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße
aufs höchste irritierte.
Die alternden Mädchen fanden wahrhaftig allzu wenig Ablenkung von
dem Anblick des eklatanten Aufschwunges, den Thomas' äußeres Leben
nahm. Am Donnerstag die arme Klothilde zu verhöhnen, bereitete wenig
Genugtuung, und über Christian, der durch Vermittlung Mr. Richardsons,
seines ehemaligen Prinzipals, in London eine Stellung gefunden und von
dort aus ganz kürzlich den aberwitzigen Wunsch herübertelegraphiert hatte,
Fräulein Puvogel als Gattin sich zu nehmen, worauf er allerdings von der
Konsulin aufs strengste zurückgewiesen war … über Christian, der ganz
einfach zur Rangordnung Jakob Krögers gehörte, waren die Akten
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geschlossen. So entschädigte man sich ein wenig an den kleinen Schwächen
der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gespräch
auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der
sanftesten Miene zu sagen, sie trage »ihr« Haar schlicht … während doch
alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die Damen
Buddenbrook sich sagen mußten, daß der unveränderlich rötlichblonde
Scheitel unter der Haube der alten Dame längst nicht mehr »ihr« Haar
genannt werden könne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony zu
veranlassen, sich ein wenig über die Personen zu äußern, die ihr bisheriges
Leben in hassenswerter Weise beeinflußt hatten. Tränen-Trieschke!
Grünlich! Permaneder! Hagenströms!… Diese Namen, die Tony, wenn sie
gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenstöße des Abscheus mit
etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten ließ, klangen
den Töchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren.
Übrigens verhehlten sie sich nicht – und übernahmen keineswegs die
Verantwortung, es zu verschweigen –, daß der kleine Johann zum
Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne … Sie waren im Rechte
damit, und es ist zuzugeben, daß Hanno – dies war der Rufname, den Frau
Senator Buddenbrook für ihren Sohn eingeführt hatte – zu einer Zeit, als er
alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu nennen
vermochte, noch immer außerstande war, die Namen Friederike, Henriette
und Pfiffi in verständlicher Weise zu bilden. Was das Gehen betraf, so war
ihm jetzt, im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein selbständiger Schritt
gelungen, und es war um diese Zeit, daß die Damen Buddenbrook mit
hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind werde stumm und
lahm bleiben für sein ganzes Leben.
Sie durften später diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber
niemand leugnete, daß Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurückstand.
Er hatte gleich in der frühesten Zeit seines Lebens schwere Kämpfe zu
bestehen gehabt und seine Umgebung in beständiger Furcht gehalten. Als
ein stilles und wenig kräftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald
nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von Brechdurchfall
beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes kleines Herz endgültig
stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute Doktor Grabow traf
nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege, Vorkehrungen gegen die
drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte die erste weiße Spitze
der Konsulin und Frau Permaneders, indem man zum Beispiel das Gespräch
auf Haartrachten brachte; denn die Konsulin war imstande, mit der
sanftesten Miene zu sagen, sie trage »ihr« Haar schlicht … während doch
alle von Gott mit Verstand begabten Menschen, vor allen aber die Damen
Buddenbrook sich sagen mußten, daß der unveränderlich rötlichblonde
Scheitel unter der Haube der alten Dame längst nicht mehr »ihr« Haar
genannt werden könne. Noch lohnender aber war es, Kusine Tony zu
veranlassen, sich ein wenig über die Personen zu äußern, die ihr bisheriges
Leben in hassenswerter Weise beeinflußt hatten. Tränen-Trieschke!
Grünlich! Permaneder! Hagenströms!… Diese Namen, die Tony, wenn sie
gereizt ward, wie ebenso viele kleine Trompetenstöße des Abscheus mit
etwas emporgezogenen Schultern in die Luft hinein verlauten ließ, klangen
den Töchtern Onkel Gottholds recht angenehm in die Ohren.
Übrigens verhehlten sie sich nicht – und übernahmen keineswegs die
Verantwortung, es zu verschweigen –, daß der kleine Johann zum
Erschrecken langsam gehen und sprechen lerne … Sie waren im Rechte
damit, und es ist zuzugeben, daß Hanno – dies war der Rufname, den Frau
Senator Buddenbrook für ihren Sohn eingeführt hatte – zu einer Zeit, als er
alle Mitglieder seiner Familie mit ziemlicher Korrektheit zu nennen
vermochte, noch immer außerstande war, die Namen Friederike, Henriette
und Pfiffi in verständlicher Weise zu bilden. Was das Gehen betraf, so war
ihm jetzt, im Alter von fünf Vierteljahren, noch kein selbständiger Schritt
gelungen, und es war um diese Zeit, daß die Damen Buddenbrook mit
hoffnungslosem Kopfschütteln erklärten, dieses Kind werde stumm und
lahm bleiben für sein ganzes Leben.
Sie durften später diese traurige Prophezeiung als Irrtum erkennen; aber
niemand leugnete, daß Hanno in seiner Entwicklung ein wenig zurückstand.
Er hatte gleich in der frühesten Zeit seines Lebens schwere Kämpfe zu
bestehen gehabt und seine Umgebung in beständiger Furcht gehalten. Als
ein stilles und wenig kräftiges Kind war er zur Welt gekommen, und bald
nach der Taufe hatte ein nur drei Tage dauernder Anfall von Brechdurchfall
beinahe genügt, sein mit Mühe in Gang gebrachtes kleines Herz endgültig
stillstehen zu lassen. Er blieb am Leben, und der gute Doktor Grabow traf
nun, mit der sorgfältigsten Ernährung und Pflege, Vorkehrungen gegen die
drohenden Krisen des Zahnens. Kaum aber wollte die erste weiße Spitze
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den Kiefer durchbrechen, als auch schon die Krämpfe sich einstellten, um
sich dann stärker und einige Male in Entsetzen erregender Weise zu
wiederholen. Wieder kam es dahin, daß der alte Arzt den Eltern nur noch
wortlos die Hände drückte … Das Kind lag in tiefster Erschöpfung, und der
stiere Seitenblick der tief umschatteten Augen deutete auf eine
Gehirnaffektion. Das Ende schien fast wünschenswert.
Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Kräften, sein Blick begann
die Dinge zu fassen, und wenn auch die überstandenen Strapazen seine
Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch
keine unmittelbare Gefahr mehr zu fürchten.
Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang für sein Alter. Sein
hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu
wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines
faltigen, schürzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die
Familienähnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprägen.
Von Anbeginn besaß er ganz ausgesprochen die Hände der Buddenbrooks:
breit, ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die
seines Vaters und Urgroßvaters, wenn auch die Flügel noch zarter bleiben
zu wollen schienen. Das ganze längliche und schmale Untergesicht jedoch
gehörte weder den Buddenbrooks noch den Krögers, sondern der
mütterlichen Familie – wie auch vor allem sein Mund, der frühzeitig –
schon jetzt – dazu neigte, sich in zugleich wehmütiger und ängstlicher
Weise verschlossen zu halten … mit diesem Ausdruck, dem später der Blick
seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den bläulichen Schatten sich
immer mehr anpaßte …
Unter den Blicken voll verhaltener Zärtlichkeit, die sein Vater ihm
schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und Pflege
überwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und Kreiseln
beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus – begann er zu leben, und
wenn sein hübscher kleiner Wagen auf der Straße erschien, blickten die
Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die würdige
Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunächst noch den Dienst versah, so
war es beschlossene Sache, daß in das neue Haus nicht mehr sie, sondern an
ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, während die Konsulin sich nach
anderer Hilfe umsehen würde …
sich dann stärker und einige Male in Entsetzen erregender Weise zu
wiederholen. Wieder kam es dahin, daß der alte Arzt den Eltern nur noch
wortlos die Hände drückte … Das Kind lag in tiefster Erschöpfung, und der
stiere Seitenblick der tief umschatteten Augen deutete auf eine
Gehirnaffektion. Das Ende schien fast wünschenswert.
Dennoch gelangte Hanno wieder zu einigen Kräften, sein Blick begann
die Dinge zu fassen, und wenn auch die überstandenen Strapazen seine
Fortschritte im Sprechen und Gehen verlangsamten, so gab es nun doch
keine unmittelbare Gefahr mehr zu fürchten.
Hanno war schlankgliedrig und ziemlich lang für sein Alter. Sein
hellbraunes, sehr weiches Haar begann in dieser Zeit ungemein schnell zu
wachsen und fiel bald, kaum merklich gewellt, auf die Schultern seines
faltigen, schürzenartigen Kleidchens nieder. Schon begannen die
Familienähnlichkeiten sich vollkommen erkennbar bei ihm auszuprägen.
Von Anbeginn besaß er ganz ausgesprochen die Hände der Buddenbrooks:
breit, ein wenig zu kurz, aber fein gegliedert; und seine Nase war genau die
seines Vaters und Urgroßvaters, wenn auch die Flügel noch zarter bleiben
zu wollen schienen. Das ganze längliche und schmale Untergesicht jedoch
gehörte weder den Buddenbrooks noch den Krögers, sondern der
mütterlichen Familie – wie auch vor allem sein Mund, der frühzeitig –
schon jetzt – dazu neigte, sich in zugleich wehmütiger und ängstlicher
Weise verschlossen zu halten … mit diesem Ausdruck, dem später der Blick
seiner eigenartig goldbraunen Augen mit den bläulichen Schatten sich
immer mehr anpaßte …
Unter den Blicken voll verhaltener Zärtlichkeit, die sein Vater ihm
schenkte, unter der Sorgfalt, mit der seine Mutter seine Kleidung und Pflege
überwachte, angebetet von seiner Tante Antonie, mit Reitern und Kreiseln
beschenkt von der Konsulin und Onkel Justus – begann er zu leben, und
wenn sein hübscher kleiner Wagen auf der Straße erschien, blickten die
Leute ihm mit Interesse und Erwartung nach. Was aber die würdige
Kinderfrau Madame Decho betraf, die zunächst noch den Dienst versah, so
war es beschlossene Sache, daß in das neue Haus nicht mehr sie, sondern an
ihrer Statt Ida Jungmann einziehen sollte, während die Konsulin sich nach
anderer Hilfe umsehen würde …
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Senator Buddenbrook verwirklichte seine Pläne. Der Ankauf des
Grundstückes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und
das Haus in der Breiten Straße, zu dessen Übernahme der Makler Gosch
sich sofort mit Ingrimm bereit erklärt hatte, brachte Herr Stephan
Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn
gutes Geld verdiente, unmittelbar käuflich an sich. Herr Voigt übernahm
den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen
sauberen Riß entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prächtiger
Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen
Dache, über welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, daß man
nachmittags Kaffee darauf trinken könne … Selbst in betreff der
Parterreräumlichkeiten des Mengstraßenhauses, die nun leer stehen würden,
denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube zu
verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich, daß die
städtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die Stuben
mietweise als Büros zu übernehmen.
Der Herbst kam, graues Gemäuer stürzte zu Schutt zusammen, und über
geräumigen Kellern erwuchs, während der Winter hereinbrach und wieder
an Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprächsstoff in
der Stadt, der anziehender gewesen wäre! Es wurde tipptopp, es wurde das
schönste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schönere?…
Mußte aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul hätte solche
Sprünge sicherlich nicht gemacht … Die Nachbarn, die Bürgersleute in den
Giebelhäusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Männer auf
den Gerüsten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten den
Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen.
Es kam heran und ward mit allen Umständlichkeiten begangen. Droben
auf dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren
Ende er eine Champagnerflasche über seine Schulter schleuderte, während
zwischen den Fahnen die großmächtige Richtkrone aus Rosen, grünem
Laub und bunten Blättern schwerfällig im Winde schwankte. Dann aber
ward in einem nahen Wirtshause den sämtlichen Arbeitern an langen
Tischen ein Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben,
und mit seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf
dem Arme trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume
Grundstückes in der Fischergrube machte keinerlei Schwierigkeiten, und
das Haus in der Breiten Straße, zu dessen Übernahme der Makler Gosch
sich sofort mit Ingrimm bereit erklärt hatte, brachte Herr Stephan
Kistenmaker, dessen Familie wuchs und der mit seinem Bruder in Rotspohn
gutes Geld verdiente, unmittelbar käuflich an sich. Herr Voigt übernahm
den Bau, und bald schon konnte man Donnerstags im Familienkreise seinen
sauberen Riß entrollen und die Fassade im voraus schauen: ein prächtiger
Rohbau mit Sandstein-Karyatiden, die den Erker trugen, und einem flachen
Dache, über welches Klothilde gedehnt und freundlich bemerkte, daß man
nachmittags Kaffee darauf trinken könne … Selbst in betreff der
Parterreräumlichkeiten des Mengstraßenhauses, die nun leer stehen würden,
denn auch seine Kontors gedachte der Senator in die Fischergrube zu
verlegen, ordnete sich rasch alles zum besten, denn es erwies sich, daß die
städtische Feuer-Versicherungsgesellschaft gewillt war, die Stuben
mietweise als Büros zu übernehmen.
Der Herbst kam, graues Gemäuer stürzte zu Schutt zusammen, und über
geräumigen Kellern erwuchs, während der Winter hereinbrach und wieder
an Kraft verlor, Thomas Buddenbrooks neues Haus. Kein Gesprächsstoff in
der Stadt, der anziehender gewesen wäre! Es wurde tipptopp, es wurde das
schönste Wohnhaus weit und breit! Gab es etwa in Hamburg schönere?…
Mußte aber auch verzweifelt teuer sein, und der alte Konsul hätte solche
Sprünge sicherlich nicht gemacht … Die Nachbarn, die Bürgersleute in den
Giebelhäusern, lagen in den Fenstern, sahen den Arbeiten der Männer auf
den Gerüsten zu, freuten sich, wie der Bau emporstieg, und suchten den
Zeitpunkt des Richtfestes zu bestimmen.
Es kam heran und ward mit allen Umständlichkeiten begangen. Droben
auf dem flachen Dache hielt ein alter Maurerpolier eine Rede, an deren
Ende er eine Champagnerflasche über seine Schulter schleuderte, während
zwischen den Fahnen die großmächtige Richtkrone aus Rosen, grünem
Laub und bunten Blättern schwerfällig im Winde schwankte. Dann aber
ward in einem nahen Wirtshause den sämtlichen Arbeitern an langen
Tischen ein Festmahl mit Bier, belegtem Butterbrot und Zigarren gegeben,
und mit seiner Gattin und seinem kleinen Sohne, den Madame Decho auf
dem Arme trug, schritt Senator Buddenbrook in dem niedrigen Raume
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zwischen den Reihen der Tafelnden hindurch und nahm dankend die
Hochrufe entgegen, die man ihm darbrachte.
Draußen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas
überschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten
Fassade mit den weißen Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drüben, vor
dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tür und dem dürftigen
Schaufensterchen, in welchem ein paar Töpfe mit Zwiebelgewächsen
nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen, der
Besitzer des Geschäftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in wollener Jacke,
neben seiner Frau, die weit schmächtiger war und einen dunklen, südlichen
Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder fünfjährigen Jungen an der
einen Hand, schob mit der andern ein Wägelchen, in dem ein kleineres Kind
schlummerte, langsam hin und her und befand sich ersichtlich in guter
Hoffnung.
Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, während seine
Frau, die nicht aufhörte, das Kinderwägelchen hin und her zu rollen, aus
ihren schwarzen, länglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die
Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam.
Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone
hinauf.
»Das haben Sie schön gemacht, Iwersen!«
»Kömmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.«
»Ah!« sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den
Kopf erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht
Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, verabschiedete er
sich mit einer verbindlichen Handbewegung.
Sechstes Kapitel
Eines Sonntags, zu Beginn des Juli – Senator Buddenbrook hatte seit
etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen – erschien Frau Permaneder
noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie überschritt den kühlen, steinernen
Hochrufe entgegen, die man ihm darbrachte.
Draußen ward Hanno wieder in seinen Wagen gesetzt, und Thomas
überschritt mit Gerda den Fahrdamm, um noch einen Blick an der roten
Fassade mit den weißen Karyatiden hinaufgleiten zu lassen. Drüben, vor
dem kleinen Blumenladen mit der schmalen Tür und dem dürftigen
Schaufensterchen, in welchem ein paar Töpfe mit Zwiebelgewächsen
nebeneinander auf einer grünen Glasscheibe paradierten, stand Iwersen, der
Besitzer des Geschäftes, ein blonder, riesenstarker Mann, in wollener Jacke,
neben seiner Frau, die weit schmächtiger war und einen dunklen, südlichen
Gesichtstypus zeigte. Sie hielt einen vier- oder fünfjährigen Jungen an der
einen Hand, schob mit der andern ein Wägelchen, in dem ein kleineres Kind
schlummerte, langsam hin und her und befand sich ersichtlich in guter
Hoffnung.
Iwersen verbeugte sich ebenso tief wie ungeschickt, während seine
Frau, die nicht aufhörte, das Kinderwägelchen hin und her zu rollen, aus
ihren schwarzen, länglich geschnittenen Augen ruhig und aufmerksam die
Senatorin betrachtete, die am Arme ihres Gatten auf sie zukam.
Thomas blieb stehen und wies mit dem Stock nach der Richtkrone
hinauf.
»Das haben Sie schön gemacht, Iwersen!«
»Kömmt nich mir zu, Herr Senator. Dat's min Fru eer Saak.«
»Ah!« sagte der Senator kurz, wobei er mit einem kleinen Ruck den
Kopf erhob und eine Sekunde lang hell, fest und freundlich in das Gesicht
Frau Iwersens blickte. Und ohne ein Wort hinzuzufügen, verabschiedete er
sich mit einer verbindlichen Handbewegung.
Sechstes Kapitel
Eines Sonntags, zu Beginn des Juli – Senator Buddenbrook hatte seit
etwa vier Wochen sein neues Haus bezogen – erschien Frau Permaneder
noch gegen Abend bei ihrem Bruder. Sie überschritt den kühlen, steinernen
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Flur, der mit Reliefs nach Thorwaldsen geschmückt war und von dem zur
Rechten eine Tür in die Kontors führte, schellte an der Windfangtür, die von
der Küche aus durch den Druck auf einen Gummiball geöffnet werden
konnte, und erfuhr auf dem geräumigen Vorplatz, wo, am Fuße der
Haupttreppe, der Bär, das Geschenk der Tiburtius', stand, von Anton, dem
Bedienten, daß der Senator noch bei der Arbeit sei.
»Schön«, sagte sie, »danke, Anton; ich gehe zu ihm.«
Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach
rechts, dorthin, wo über ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat, dieses
Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des gußeisernen
Treppengeländers gebildet ward, in der Höhe der zweiten Etage aber zu
einer weiten Säulengalerie in Weiß und Gold wurde, während von der
schwindelnden Höhe des »einfallenden Lichtes« ein mächtiger, goldblanker
Lustre herniederschwebte … »Vornehm!« sagte Frau Permaneder leise und
befriedigt, indem sie in diese offene und helle Pracht hineinblickte, die ihr
ganz einfach die Macht, den Glanz und Triumph der Buddenbrooks
bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, daß sie in einer betrübenden
Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich langsam dem
Kontoreingang zu.
Thomas war ganz allein dort drinnen; er saß an seinem Fensterplatz und
schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen
emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen.
»'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.«
»Ach, nicht viel Gutes, Tom!… Nein, das Treppenhaus ist gar zu
herrlich!… Übrigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.«
»Ja … ein eiliger Brief. – Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir ein
bißchen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.«
Ein Geigenadagio tönte tremolierend aus der ersten Etage herab,
während sie über die Diele gingen.
»Horch!« sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen …
»Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib … sie ist eine Fee! Wie
geht es Hanno, Tom?«
Rechten eine Tür in die Kontors führte, schellte an der Windfangtür, die von
der Küche aus durch den Druck auf einen Gummiball geöffnet werden
konnte, und erfuhr auf dem geräumigen Vorplatz, wo, am Fuße der
Haupttreppe, der Bär, das Geschenk der Tiburtius', stand, von Anton, dem
Bedienten, daß der Senator noch bei der Arbeit sei.
»Schön«, sagte sie, »danke, Anton; ich gehe zu ihm.«
Aber sie schritt zuvor noch am Kontoreingang vorbei, ein wenig nach
rechts, dorthin, wo über ihr das kolossale Treppenhaus sich auftat, dieses
Treppenhaus, das im ersten Stockwerk von der Fortsetzung des gußeisernen
Treppengeländers gebildet ward, in der Höhe der zweiten Etage aber zu
einer weiten Säulengalerie in Weiß und Gold wurde, während von der
schwindelnden Höhe des »einfallenden Lichtes« ein mächtiger, goldblanker
Lustre herniederschwebte … »Vornehm!« sagte Frau Permaneder leise und
befriedigt, indem sie in diese offene und helle Pracht hineinblickte, die ihr
ganz einfach die Macht, den Glanz und Triumph der Buddenbrooks
bedeutete. Dann aber fiel ihr ein, daß sie in einer betrübenden
Angelegenheit hierhergekommen sei, und sie wandte sich langsam dem
Kontoreingang zu.
Thomas war ganz allein dort drinnen; er saß an seinem Fensterplatz und
schrieb einen Brief. Er blickte auf, indem er eine seiner hellen Brauen
emporzog, und streckte seiner Schwester die Hand entgegen.
»'n Abend, Tony. Was bringst du Gutes.«
»Ach, nicht viel Gutes, Tom!… Nein, das Treppenhaus ist gar zu
herrlich!… Übrigens sitzest du hier im Halbdunkeln und schreibst.«
»Ja … ein eiliger Brief. – Also nichts Gutes? Jedenfalls wollen wir ein
bißchen im Garten herumgehen dabei; das ist angenehmer. Komm.«
Ein Geigenadagio tönte tremolierend aus der ersten Etage herab,
während sie über die Diele gingen.
»Horch!« sagte Frau Permaneder und blieb einen Augenblick stehen …
»Gerda spielt. Wie himmlisch! O Gott, dieses Weib … sie ist eine Fee! Wie
geht es Hanno, Tom?«
Page 404
»Er wird gerade mit der Jungmann zu Abend essen. Schlimm, daß es
mit seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwärts will …«
»Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit
Ida zufrieden?«
»Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein …«
Sie passierten den rückwärts gelegenen steinernen Flur, indem sie die
Küche zur Rechten ließen, und traten durch eine Glastür über zwei Stufen
in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus.
»Nun?« fragte der Senator.
Es war warm und still. Die Düfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen
in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene
Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Plätschern dem dunklen
Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen. Im
Hintergrunde führte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken flankierte
Freitreppe zu einem erhöhten Kiesplatze empor, auf welchem ein offener,
hölzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen Markise einige
Gartenstühle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstück durch eine
Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die Seitenwand des
Nebenhauses in ihrer ganzen Höhe mit einem hölzernen Gerüst verkleidet,
das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewächsen bedeckt zu werden.
Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des Pavillonplatzes ein paar
Johannis- und Stachelbeersträucher; aber nur e i n großer Baum war da, ein
knorriger Walnußbaum, der links an der Mauer stand.
»Die Sache ist die«, antwortete Frau Permaneder zögernd, während die
Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten
begannen … »Tiburtius schreibt …«
»Klara?!« fragte Thomas … »Bitte, kurz und ohne Umstände!«
»Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor fürchtet,
daß es Tuberkeln sind … Gehirntuberkulose … so schwer es mir fällt, es
auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir schreibt. Diese
Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt er, dasselbe steht, sollen
wir ihr geben, nachdem wir sie ein bißchen vorbereitet haben. Und dann ist
mit seinem Gehen noch immer nicht so recht vorwärts will …«
»Das wird schon kommen, Tom, wird schon kommen! Wie seid ihr mit
Ida zufrieden?«
»Oh, wie sollten wir nicht zufrieden sein …«
Sie passierten den rückwärts gelegenen steinernen Flur, indem sie die
Küche zur Rechten ließen, und traten durch eine Glastür über zwei Stufen
in den zierlichen und duftenden Blumengarten hinaus.
»Nun?« fragte der Senator.
Es war warm und still. Die Düfte der reinlich abgezirkelten Beete lagen
in der Abendluft, und der von hohen lilafarbenen Iris umstandene
Springbrunnen sandte seinen Strahl mit friedlichem Plätschern dem dunklen
Himmel entgegen, an dem die ersten Sterne zu erglimmen begannen. Im
Hintergrunde führte eine kleine, von zwei niedrigen Obelisken flankierte
Freitreppe zu einem erhöhten Kiesplatze empor, auf welchem ein offener,
hölzerner Pavillon stand, der mit seiner herabgelassenen Markise einige
Gartenstühle beschirmte. Zur Linken ward das Grundstück durch eine
Mauer vom Nachbargarten abgegrenzt; rechts aber war die Seitenwand des
Nebenhauses in ihrer ganzen Höhe mit einem hölzernen Gerüst verkleidet,
das bestimmt war, mit der Zeit von Schlinggewächsen bedeckt zu werden.
Es gab zu den Seiten der Freitreppe und des Pavillonplatzes ein paar
Johannis- und Stachelbeersträucher; aber nur e i n großer Baum war da, ein
knorriger Walnußbaum, der links an der Mauer stand.
»Die Sache ist die«, antwortete Frau Permaneder zögernd, während die
Geschwister auf dem Kieswege langsam den vorderen Platz zu umschreiten
begannen … »Tiburtius schreibt …«
»Klara?!« fragte Thomas … »Bitte, kurz und ohne Umstände!«
»Ja, Tom, sie liegt, es steht schlimm mit ihr, und der Doktor fürchtet,
daß es Tuberkeln sind … Gehirntuberkulose … so schwer es mir fällt, es
auszusprechen. Sieh her: dies ist der Brief, den ihr Mann mir schreibt. Diese
Einlage, die an Mutter adressiert ist und in der, sagt er, dasselbe steht, sollen
wir ihr geben, nachdem wir sie ein bißchen vorbereitet haben. Und dann ist
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hier noch diese zweite Einlage: auch an Mutter und von Klara selbst sehr
unsicher mit Bleistift geschrieben. Und Tiburtius erzählt, daß sie selbst
dabei gesagt hat, es seien ihre letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, daß
sie sich gar keine Mühe gäbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem
Himmel gesehnt …« schloß Frau Permaneder und trocknete ihre Augen.
Der Senator ging schweigend, die Hände auf dem Rücken und mit tief
gesenktem Kopfe neben ihr.
»Du bist so still, Tom … Und du hast recht; was soll man sagen? Und
dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt …«
Denn so verhielt es sich. Christians »Qual« in der linken Seite war in
letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle Schmerzen
verwandelt, daß er alle seine kleineren Beschwerden darüber vergessen
hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewußt, hatte seiner Mutter
geschrieben, er müsse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen zu
lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist. Kaum
aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen müssen, der Arzt hatte
Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel ins
Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise fürs erste unmöglich sei.
Da lag er nun und diktierte seinem Wärter höchst trübselige Briefe …
»Ja«, antwortete der Senator leise; »es scheint, daß eins zum andern
kommen soll.«
Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern.
»Aber du mußt nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein
Recht! Du hast guten Mut nötig …«
»Ja, bei Gott, den hätte ich nötig!«
»Wieso, Tom?… Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern,
Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen
darf?«
»Ach … Geschäfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie
Roggen nicht sehr vorteilhaft … na, kurz und gut: eine große Partie sehr
unvorteilhaft verkaufen müssen …«
unsicher mit Bleistift geschrieben. Und Tiburtius erzählt, daß sie selbst
dabei gesagt hat, es seien ihre letzten Zeilen, denn es sei das Traurige, daß
sie sich gar keine Mühe gäbe, zu leben. Sie hat sich ja immer nach dem
Himmel gesehnt …« schloß Frau Permaneder und trocknete ihre Augen.
Der Senator ging schweigend, die Hände auf dem Rücken und mit tief
gesenktem Kopfe neben ihr.
»Du bist so still, Tom … Und du hast recht; was soll man sagen? Und
dies grade jetzt, wo auch Christian krank in Hamburg liegt …«
Denn so verhielt es sich. Christians »Qual« in der linken Seite war in
letzter Zeit zu London so stark geworden, hatte sich in so reelle Schmerzen
verwandelt, daß er alle seine kleineren Beschwerden darüber vergessen
hatte. Er hatte sich nicht mehr zu helfen gewußt, hatte seiner Mutter
geschrieben, er müsse nach Hause kommen, um sich von ihr pflegen zu
lassen, hatte seinen Platz in London fahren lassen und war abgereist. Kaum
aber in Hamburg angelangt, hatte er zu Bette gehen müssen, der Arzt hatte
Gelenkrheumatismus festgestellt und Christian aus dem Hotel ins
Krankenhaus schaffen lassen, da eine Weiterreise fürs erste unmöglich sei.
Da lag er nun und diktierte seinem Wärter höchst trübselige Briefe …
»Ja«, antwortete der Senator leise; »es scheint, daß eins zum andern
kommen soll.«
Sie legte einen Augenblick den Arm um seine Schultern.
»Aber du mußt nicht verzagt sein, Tom! Dazu hast du noch lange kein
Recht! Du hast guten Mut nötig …«
»Ja, bei Gott, den hätte ich nötig!«
»Wieso, Tom?… Sage mal: Warum warst du eigentlich vorgestern,
Donnerstag, den ganzen Nachmittag so schweigsam, wenn ich das wissen
darf?«
»Ach … Geschäfte, mein Kind. Ich habe eine nicht ganz kleine Partie
Roggen nicht sehr vorteilhaft … na, kurz und gut: eine große Partie sehr
unvorteilhaft verkaufen müssen …«
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»Oh, das kommt vor, Tom! Das passiert heute, und morgen bringst du's
wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen …«
»Falsch, Tony«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Meine Stimmung ist
nicht unter Null, weil ich Mißerfolg habe. U m g e k e h r t. Das ist mein
Glaube, und darum trifft es auch zu.«
»Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?!« fragte sie erschreckt und
erstaunt. »Man sollte annehmen … du solltest fröhlich sein, Tom! Klara ist
am Leben … alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im übrigen? Hier
gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort liegt dein
Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenström bewohnt eine Kate
im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht …«
»Ja, es ist fast zu schön, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es
verstört mich noch ein wenig, und daher mag die üble Stimmung kommen,
die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf dies
alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste, denn das
Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn man sich
nicht mehr recht darüber freuen kann …«
»Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!«
»Man ist so jung oder alt wie man sich fühlt. – Und w e n n es kommt,
das Gute und Erwünschte, schwerfällig und verspätet, so kommt es,
behaftet mit allem kleinlichen, störenden, ärgerlichen Beiwerk, allem
Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet hat,
und der einen reizt … reizt …«
»Ja, ja … Aber so jung oder alt wie man sich f ü h l t, Tom –?«
»Ja, Tony. Es mag vorübergehen … eine Verstimmung – gewiß. Aber
ich fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche
Sorgen, und im Aufsichtsrat der Büchener Eisenbahn hat mich Konsul
Hagenström gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem
allgemeinen Lächeln ausgesetzt … Mir ist, als ob mir dergleichen früher
nicht hätte geschehen können. Mir ist, als ob mir etwas zu entschlüpfen
begönne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest in Händen
hielte, wie ehemals … Was ist der Erfolg? Eine geheime, unbeschreibliche
Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft … das Bewußtsein, einen Druck auf die
wieder ein. Sich dadurch gleich die Stimmung verderben zu lassen …«
»Falsch, Tony«, sagte er und schüttelte den Kopf. »Meine Stimmung ist
nicht unter Null, weil ich Mißerfolg habe. U m g e k e h r t. Das ist mein
Glaube, und darum trifft es auch zu.«
»Aber, was ist denn mit deiner Stimmung?!« fragte sie erschreckt und
erstaunt. »Man sollte annehmen … du solltest fröhlich sein, Tom! Klara ist
am Leben … alles wird gut gehen mit Gottes Hilfe! Und im übrigen? Hier
gehen wir in deinem Garten umher, und alles duftet nur so. Dort liegt dein
Haus, ein Traum von einem Haus; Hermann Hagenström bewohnt eine Kate
im Vergleiche damit! Das alles hast du zuwege gebracht …«
»Ja, es ist fast zu schön, Tony. Ich will sagen: es ist noch zu neu. Es
verstört mich noch ein wenig, und daher mag die üble Stimmung kommen,
die mir zusetzt und mir in allen Dingen schadet. Ich habe mich sehr auf dies
alles gefreut, aber diese Vorfreude war, wie ja immer, das Beste, denn das
Gute kommt immer zu spät, immer wird es zu spät fertig, wenn man sich
nicht mehr recht darüber freuen kann …«
»Nicht mehr freuen, Tom! Jung wie du bist!«
»Man ist so jung oder alt wie man sich fühlt. – Und w e n n es kommt,
das Gute und Erwünschte, schwerfällig und verspätet, so kommt es,
behaftet mit allem kleinlichen, störenden, ärgerlichen Beiwerk, allem
Staube der Wirklichkeit, mit dem man in der Phantasie nicht gerechnet hat,
und der einen reizt … reizt …«
»Ja, ja … Aber so jung oder alt wie man sich f ü h l t, Tom –?«
»Ja, Tony. Es mag vorübergehen … eine Verstimmung – gewiß. Aber
ich fühle mich in dieser Zeit älter, als ich bin. Ich habe geschäftliche
Sorgen, und im Aufsichtsrat der Büchener Eisenbahn hat mich Konsul
Hagenström gestern ganz einfach zu Boden geredet, widerlegt, beinahe dem
allgemeinen Lächeln ausgesetzt … Mir ist, als ob mir dergleichen früher
nicht hätte geschehen können. Mir ist, als ob mir etwas zu entschlüpfen
begönne, als ob ich dieses Unbestimmte nicht mehr so fest in Händen
hielte, wie ehemals … Was ist der Erfolg? Eine geheime, unbeschreibliche
Kraft, Umsichtigkeit, Bereitschaft … das Bewußtsein, einen Druck auf die
Page 407
Bewegungen des Lebens um mich her durch mein bloßes Vorhandensein
auszuüben … Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu meinen
Gunsten … Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten: fest, tief.
Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich abzuspannen, müde zu
werden, alsbald wird alles frei um uns her, widerstrebt, rebelliert, entzieht
sich unserem Einfluß … Dann kommt eines zum andern, Schlappe folgt auf
Schlappe, und man ist fertig. Ich habe in den letzten Tagen oft an ein
türkisches Sprichwort gedacht, das ich irgendwo las: ›Wenn das Haus fertig
ist, so kommt der Tod‹. Nun, es braucht noch nicht grade der Tod zu sein.
Aber der Rückgang … der Abstieg … der Anfang vom Ende … Siehst du,
Tony«, fuhr er fort, indem er den Arm unter den seiner Schwester schob,
und seine Stimme wurde noch leiser: »Als wir Hanno tauften, erinnerst du
dich? Da sagtest du zu mir: ›Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit
beginnen müsse!‹ Ich höre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als
solltest du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte
Glück, und hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber ›Senator‹ und
Haus sind Äußerlichkeiten, und ich weiß etwas, woran du noch nicht
gedacht hast, ich weiß es aus Leben und Geschichte. Ich weiß, daß oft die
äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes
und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder
abwärts geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das
Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht
schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am
hellsten strahlt …«
Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, während der
Springbrunnen in der Stille plätscherte und es in der Krone des
Walnußbaumes flüsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mühsam auf,
daß es wie Schluchzen klang.
»Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut,
daß du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir
alles das aus dem Sinn zu schlagen.«
»Ja, Tony, das muß ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die
beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn ich
dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter spreche.
Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so muß man sich ergeben.«
auszuüben … Der Glaube an die Gefügigkeit des Lebens zu meinen
Gunsten … Glück und Erfolg sind in uns. Wir müssen sie halten: fest, tief.
Sowie hier drinnen etwas nachzulassen beginnt, sich abzuspannen, müde zu
werden, alsbald wird alles frei um uns her, widerstrebt, rebelliert, entzieht
sich unserem Einfluß … Dann kommt eines zum andern, Schlappe folgt auf
Schlappe, und man ist fertig. Ich habe in den letzten Tagen oft an ein
türkisches Sprichwort gedacht, das ich irgendwo las: ›Wenn das Haus fertig
ist, so kommt der Tod‹. Nun, es braucht noch nicht grade der Tod zu sein.
Aber der Rückgang … der Abstieg … der Anfang vom Ende … Siehst du,
Tony«, fuhr er fort, indem er den Arm unter den seiner Schwester schob,
und seine Stimme wurde noch leiser: »Als wir Hanno tauften, erinnerst du
dich? Da sagtest du zu mir: ›Mir ist, als ob jetzt noch eine ganz neue Zeit
beginnen müsse!‹ Ich höre es noch ganz deutlich, und es schien dann, als
solltest du recht bekommen, denn es kam die Senatswahl, und ich hatte
Glück, und hier wuchs das Haus aus dem Erdboden. Aber ›Senator‹ und
Haus sind Äußerlichkeiten, und ich weiß etwas, woran du noch nicht
gedacht hast, ich weiß es aus Leben und Geschichte. Ich weiß, daß oft die
äußeren, sichtbarlichen und greifbaren Zeichen und Symbole des Glückes
und Aufstieges erst erscheinen, wenn in Wahrheit alles schon wieder
abwärts geht. Diese äußeren Zeichen brauchen Zeit, anzukommen, wie das
Licht eines solchen Sternes dort oben, von dem wir nicht wissen, ob er nicht
schon im Erlöschen begriffen, nicht schon erloschen ist, wenn er am
hellsten strahlt …«
Er verstummte, und sie gingen eine Weile schweigend, während der
Springbrunnen in der Stille plätscherte und es in der Krone des
Walnußbaumes flüsterte. Dann atmete Frau Permaneder so mühsam auf,
daß es wie Schluchzen klang.
»Wie traurig du sprichst, Tom! So traurig wie noch nie! Aber es ist gut,
daß du dich ausgesprochen hast, und nun wird es dir leichter werden, dir
alles das aus dem Sinn zu schlagen.«
»Ja, Tony, das muß ich, so gut es geht, versuchen. Und nun gib mir die
beiden Einlagen von Klara und dem Pastor. Es wird dir recht sein, wenn ich
dir die Sache abnehme und morgen vormittag selbst mit Mutter spreche.
Die gute Mutter! Aber wenn es Tuberkeln sind, so muß man sich ergeben.«
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Siebentes Kapitel
»Und du fragst mich nicht?! Du gehst über mich hinweg?!«
»Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte!«
»Du hast über alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!«
»Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden!«
»Oh, keine Phrasen!… Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit,
die du in empörender Weise außer acht gelassen hast!«
»Ich bemerke dir, mein Sohn, daß du deinerseits in deinem Tone die
Ehrfurcht außer acht läßt, die du mir schuldest!«
»Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, daß ich diese Ehrfurcht noch
niemals vergessen habe, daß aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null wird,
sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als männliches
Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenüberstehe!« …
»Ich will nun, daß du schweigst, Thomas!«
»O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine maßlose Torheit und
Schwäche erkennst!«
»Ich disponiere über mein Vermögen wie es mir beliebt!«
»Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!«
»Nie hätte ich gedacht, daß du mich so zu kränken vermöchtest!«
»Nie hätte ich gedacht, daß du mir so rücksichtslos ins Gesicht zu
schlagen vermöchtest …!«
»Tom!… Aber Tom!« ließ sich Frau Permaneders verängstigte Stimme
vernehmen. Sie saß, die Hände ringend, am Fenster des
Landschaftszimmers, während ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten
den Raum durchmaß und die Konsulin, aufgelöst in Zorn und Schmerz, auf
dem Sofa saß, indem sie sich mit einer Hand auf das Polster stützte und die
andere bei einem heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen ließ. Alle
»Und du fragst mich nicht?! Du gehst über mich hinweg?!«
»Ich habe gehandelt, wie ich handeln mußte!«
»Du hast über alle Grenzen verwirrt und vernunftlos gehandelt!«
»Vernunft ist nicht das Höchste auf Erden!«
»Oh, keine Phrasen!… Es handelt sich um die einfachste Gerechtigkeit,
die du in empörender Weise außer acht gelassen hast!«
»Ich bemerke dir, mein Sohn, daß du deinerseits in deinem Tone die
Ehrfurcht außer acht läßt, die du mir schuldest!«
»Und ich entgegne dir, meine liebe Mutter, daß ich diese Ehrfurcht noch
niemals vergessen habe, daß aber meine Eigenschaft als Sohn zu Null wird,
sobald ich dir in Sachen der Firma und der Familie als männliches
Oberhaupt und an der Stelle meines Vaters gegenüberstehe!« …
»Ich will nun, daß du schweigst, Thomas!«
»O nein! ich werde nicht schweigen, bis du deine maßlose Torheit und
Schwäche erkennst!«
»Ich disponiere über mein Vermögen wie es mir beliebt!«
»Billigkeit und Vernunft setzen deinem Belieben Schranken!«
»Nie hätte ich gedacht, daß du mich so zu kränken vermöchtest!«
»Nie hätte ich gedacht, daß du mir so rücksichtslos ins Gesicht zu
schlagen vermöchtest …!«
»Tom!… Aber Tom!« ließ sich Frau Permaneders verängstigte Stimme
vernehmen. Sie saß, die Hände ringend, am Fenster des
Landschaftszimmers, während ihr Bruder mit furchtbar erregten Schritten
den Raum durchmaß und die Konsulin, aufgelöst in Zorn und Schmerz, auf
dem Sofa saß, indem sie sich mit einer Hand auf das Polster stützte und die
andere bei einem heftigen Wort auf die Tischplatte niederfallen ließ. Alle
Page 409
drei trugen Trauer um Klara, die nicht mehr auf Erden weilte, und alle drei
waren bleich und außer sich …
Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den
Beteiligten selbst als monströs und unglaublich erschien! Ein Streit, eine
erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!
Es war im August, an einem schwülen Nachmittage. Zehn Tage schon,
nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe von
Sievert und Klara Tiburtius überreicht hatte, war ihm die schwere Aufgabe
geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann war er
zum Begräbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager
Tiburtius zurückgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner
entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger
Krankenhause besucht hatte … und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen sich
wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit
ersichtlichem Zögern diese Eröffnung gemacht …
»Hundertsiebenundzwanzigtausendfünfhundert Kurantmark!« rief er
und schüttelte die gefalteten Hände vor seinem Gesicht. »Sei's um die
Mitgift! Hätte er doch die Achtzigtausend behalten mögen, obgleich kein
Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du
fragst mich nicht! Du gehst über mich hinweg!« …
»Thomas, um Christi willen, laß mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte
ich denn anders? Konnte ich es denn?!… Sie, die nun bei Gott, und all dem
entrückt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus … mit Bleistift …
mit zitternder Hand … ›Mutter‹, schreibt sie, ›wir werden uns hier unten
niemals wiedersehen, und dies sind, das fühle ich so deutlich, meine letzten
Zeilen … Mit meinem letzten Bewußtsein schreibe ich sie, das meinem
Manne gilt … Gott hat uns nicht mit Kindern gesegnet; aber was m e i n
gewesen wäre, wenn ich Dich überlebt hätte, laß es, wenn Du mir dereinst
d o r t h i n nachfolgst – laß es i h m zufallen, damit er es zu seinen
Lebzeiten genieße! Mutter, es ist meine letzte Bitte … die Bitte einer
Sterbenden … Du wirst sie mir nicht abschlagen …‹ Nein, Thomas! ich
habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich konnte es nicht! Ich habe ihr
depeschiert, und sie ist in Frieden hinübergegangen …« Die Konsulin
weinte heftig.
waren bleich und außer sich …
Was ging vor? Etwas Entsetzliches, Grauenerregendes, etwas, was den
Beteiligten selbst als monströs und unglaublich erschien! Ein Streit, eine
erbitterte Auseinandersetzung zwischen Mutter und Sohn!
Es war im August, an einem schwülen Nachmittage. Zehn Tage schon,
nachdem der Senator seiner Mutter mit aller Vorsicht die beiden Briefe von
Sievert und Klara Tiburtius überreicht hatte, war ihm die schwere Aufgabe
geworden, die alte Dame mit der Todesnachricht zu treffen. Dann war er
zum Begräbnis nach Riga gereist, war zusammen mit seinem Schwager
Tiburtius zurückgekehrt, der einige Tage bei der Familie seiner
entschlafenen Gattin verbracht, und auch Christian im Hamburger
Krankenhause besucht hatte … und jetzt, da der Pastor seit zwei Tagen sich
wieder in seiner Heimat befand, hatte die Konsulin ihrem Sohne mit
ersichtlichem Zögern diese Eröffnung gemacht …
»Hundertsiebenundzwanzigtausendfünfhundert Kurantmark!« rief er
und schüttelte die gefalteten Hände vor seinem Gesicht. »Sei's um die
Mitgift! Hätte er doch die Achtzigtausend behalten mögen, obgleich kein
Kind vorhanden ist! Aber das Erbe! Klaras Erbe ihm zuzusprechen! Und du
fragst mich nicht! Du gehst über mich hinweg!« …
»Thomas, um Christi willen, laß mir Gerechtigkeit widerfahren! Konnte
ich denn anders? Konnte ich es denn?!… Sie, die nun bei Gott, und all dem
entrückt ist, sie schreibt mir von ihrem Sterbebette aus … mit Bleistift …
mit zitternder Hand … ›Mutter‹, schreibt sie, ›wir werden uns hier unten
niemals wiedersehen, und dies sind, das fühle ich so deutlich, meine letzten
Zeilen … Mit meinem letzten Bewußtsein schreibe ich sie, das meinem
Manne gilt … Gott hat uns nicht mit Kindern gesegnet; aber was m e i n
gewesen wäre, wenn ich Dich überlebt hätte, laß es, wenn Du mir dereinst
d o r t h i n nachfolgst – laß es i h m zufallen, damit er es zu seinen
Lebzeiten genieße! Mutter, es ist meine letzte Bitte … die Bitte einer
Sterbenden … Du wirst sie mir nicht abschlagen …‹ Nein, Thomas! ich
habe sie ihr nicht abgeschlagen; ich konnte es nicht! Ich habe ihr
depeschiert, und sie ist in Frieden hinübergegangen …« Die Konsulin
weinte heftig.
Page 410
»Und man gönnt mir nicht eine Silbe! Man verheimlicht mir alles! Man
geht über mich hinweg!« wiederholte der Senator.
»Ja, ich h a b e geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte
Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen m u ß t e … und ich weiß, daß du
versucht hättest, es mir zu verbieten!«
»Ja! bei Gott! Das hätte ich!«
»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder
sind einig mit mir!«
»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines
maroden Narren auf …«
»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!«
»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist
ein Kind, – das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn es
hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?… Ja, er hat sich
Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius … Wer hätte
dergleichen von ihm erwartet?!… Weißt du noch nicht, begreifst du noch
nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er! Ein
Erbschleicher …!«
»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit
dumpfer Stimme.
»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an
Christians Bett und redet auf ihn ein. ›Ja!‹ sagt Christian. ›Ja, Tiburtius.
Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner linken
Seite?…‹ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich
verschworen –!« Und der Senator – außer sich, an das Schmiedeeisengitter
der Ofennische gelehnt – drückte seine beiden verschlungenen Hände gegen
die Stirn.
Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen!
Nein, es waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand
versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte! Es
war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden sich
geht über mich hinweg!« wiederholte der Senator.
»Ja, ich h a b e geschwiegen, Thomas; denn ich fühlte, daß ich die letzte
Bitte meines sterbenden Kindes erfüllen m u ß t e … und ich weiß, daß du
versucht hättest, es mir zu verbieten!«
»Ja! bei Gott! Das hätte ich!«
»Und du hättest das Recht nicht dazu gehabt, denn drei meiner Kinder
sind einig mit mir!«
»Oh, mich dünkt, meine Meinung wiegt die zweier Damen und eines
maroden Narren auf …«
»Du sprichst so lieblos von deinen Geschwistern, wie hart zu mir!«
»Klara war eine fromme aber unwissende Frau, Mutter! Und Tony ist
ein Kind, – das übrigens bis zur Stunde ebenfalls nichts gewußt hat, denn es
hätte ja zur Unzeit geplaudert, nicht wahr? Und Christian?… Ja, er hat sich
Christians Einwilligung verschafft, dieser Tiburtius … Wer hätte
dergleichen von ihm erwartet?!… Weißt du noch nicht, begreifst du noch
nicht, was er ist, dieser ingeniöse Pastor? Ein Wicht ist er! Ein
Erbschleicher …!«
»Schwiegersöhne sind immer Filous«, sagte Frau Permaneder mit
dumpfer Stimme.
»Ein Erbschleicher! Was tut er? Er fährt nach Hamburg, er setzt sich an
Christians Bett und redet auf ihn ein. ›Ja!‹ sagt Christian. ›Ja, Tiburtius.
Gott befohlen. Haben Sie einen Begriff von der Qual in meiner linken
Seite?…‹ Oh, Dummheit und Schlechtigkeit sind gegen mich
verschworen –!« Und der Senator – außer sich, an das Schmiedeeisengitter
der Ofennische gelehnt – drückte seine beiden verschlungenen Hände gegen
die Stirn.
Dieser Paroxysmus von Entrüstung entsprach nicht den Umständen!
Nein, es waren nicht diese 127500 Kurantmark, die ihn in einen Zustand
versetzten, wie ihn noch niemals irgend jemand an ihm beobachtet hatte! Es
war vielmehr dies, daß in seinem vorher schon gereizten Empfinden sich
Page 411
auch dieser Fall noch der Kette von Niederlagen und Demütigungen
anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt
hatte erfahren müssen … Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach
seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter
in den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« …? Daß ein
Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?… Er hätte es verhindern können,
aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse waren ohne
ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher nicht hätte
geschehen können, daß es früher nicht g e w a g t haben würde, zu
geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an sein
Glück, seine Macht, seine Zukunft … Und es war nichts als seine innere
Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während dieses
Auftrittes hervorbrach.
Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.
»Tom«, sagte sie, »beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so
schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so lange
zu leben … und nach seinem Tode fällt ja das Erbteil an uns zurück! Und es
soll ja auch geändert werden, wenn du willst! Kann es nicht geändert
werden, Mama?«
Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen.
»Nein … ach nein!« sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte
und mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. »Es ist, wie es
ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter
prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen?
Es gehe wie es will …« schloß er und ging mit erschlafften Bewegungen
zur Glastür, wo er noch einmal stehenblieb.
»Nur glaubt nicht, daß es zum besten mit uns steht«, sagte er gedämpft.
»Tony hat 80000 Kurantmark verloren … und Christian hat außer seiner
Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschuß verbraucht
… die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in
Öynhausen gebrauchen wird … Nun fällt nicht nur Klaras Mitgift für
immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermögensanteil für
unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus … Und die Geschäfte gehen
schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, daß ich mehr als
anreihte, die er während der letzten Monate im Geschäft und in der Stadt
hatte erfahren müssen … Nichts fügte sich mehr! Nichts ging mehr nach
seinem Willen! War es so weit gekommen, daß man im Hause seiner Väter
in den wichtigsten Angelegenheiten »über ihn hinwegging« …? Daß ein
Rigaer Pastor ihn rücklings übertölpelte?… Er hätte es verhindern können,
aber sein Einfluß war gar nicht erprobt worden! Die Ereignisse waren ohne
ihn ihren Gang gegangen! Aber ihm schien, daß das früher nicht hätte
geschehen können, daß es früher nicht g e w a g t haben würde, zu
geschehen! Es war eine neue Erschütterung des eigenen Glaubens an sein
Glück, seine Macht, seine Zukunft … Und es war nichts als seine innere
Schwäche und Verzweiflung, die vor Mutter und Schwester während dieses
Auftrittes hervorbrach.
Frau Permaneder stand auf und umarmte ihn.
»Tom«, sagte sie, »beruhige dich doch! Komm doch zu dir! Ist es so
schlimm? Du machst dich ja krank! Tiburtius braucht ja nicht gar so lange
zu leben … und nach seinem Tode fällt ja das Erbteil an uns zurück! Und es
soll ja auch geändert werden, wenn du willst! Kann es nicht geändert
werden, Mama?«
Die Konsulin antwortete nur mit Schluchzen.
»Nein … ach nein!« sagte der Senator, indem er sich zusammenraffte
und mit der Hand eine schwach ablehnende Geste beschrieb. »Es ist, wie es
ist. Meint ihr, ich werde in die Gerichte laufen und gegen meine Mutter
prozessieren, um dem internen Skandal einen öffentlichen hinzuzufügen?
Es gehe wie es will …« schloß er und ging mit erschlafften Bewegungen
zur Glastür, wo er noch einmal stehenblieb.
»Nur glaubt nicht, daß es zum besten mit uns steht«, sagte er gedämpft.
»Tony hat 80000 Kurantmark verloren … und Christian hat außer seiner
Mitgift von 50000, die er vertan, schon an die 30000 Vorschuß verbraucht
… die sich vermehren werden, da er ohne Verdienst ist und eine Kur in
Öynhausen gebrauchen wird … Nun fällt nicht nur Klaras Mitgift für
immer, sondern dereinst auch ihr ganzer Vermögensanteil für
unbestimmbare Zeit aus der Familie hinaus … Und die Geschäfte gehen
schlecht, sie gehen zum Verzweifeln, genau seit der Zeit, daß ich mehr als
Page 412
Hunderttausend an mein Haus gewandt habe … Nein, es steht nicht gut um
eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie dieser
hier. Glaubt mir – glaubt mir das eine: Wäre Vater am Leben, wäre er hier
bei uns zugegen: er würde die Hände falten und uns alle der Gnade Gottes
empfehlen.«
Achtes Kapitel
Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschäftigkeit:
Preußische Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der
Bel-Etage von Senator Buddenbrooks neuem Hause, küssen der Hausdame
die Hände und werden von Christian, der von Öynhausen zurückgekehrt ist,
in den Klub eingeführt, während im Mengstraßenhause Mamsell Severin,
Riekchen Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mädchen
eine Menge Matratzen in das »Portal«, das alte Gartenhaus, schleppt, das
voll von Soldaten ist.
Gewimmel, Verstörung und Spannung überall! Die Mannschaften
ziehen zum Tore hinaus, neue rücken ein, überfluten die Stadt, essen,
schlafen, erfüllen die Ohren der Bürger mit Trommelwirbeln,
Trompetensignalen und Kommandorufen und marschieren wieder ab.
Königliche Prinzen werden begrüßt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch.
Dann Stille und Erwartung.
Im Spätherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurück, werden
wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden
Bürger nach Hause. – Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von
fünfundsechzig.
Und zwischen zwei Kriegen, unberührt und ruhevoll in den Falten
seines Schürzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt
der kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem »Altan«, der
eigens für ihn durch eine kleine Säulenestrade vom Vorplatz der zweiten
Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4½ Jahre … Diese Spiele, deren
Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu
denen nichts weiter nötig ist als drei Kieselsteine oder ein Stück Holz, das
vielleicht eine Löwenzahnblüte als Helm trägt: vor allem aber die reine,
eine Familie, in der Veranlassung gegeben wird zu Auftritten wie dieser
hier. Glaubt mir – glaubt mir das eine: Wäre Vater am Leben, wäre er hier
bei uns zugegen: er würde die Hände falten und uns alle der Gnade Gottes
empfehlen.«
Achtes Kapitel
Krieg und Kriegsgeschrei, Einquartierung und Geschäftigkeit:
Preußische Offiziere bewegen sich in der parkettierten Zimmerflucht der
Bel-Etage von Senator Buddenbrooks neuem Hause, küssen der Hausdame
die Hände und werden von Christian, der von Öynhausen zurückgekehrt ist,
in den Klub eingeführt, während im Mengstraßenhause Mamsell Severin,
Riekchen Severin, der Konsulin neue Jungfer, zusammen mit den Mädchen
eine Menge Matratzen in das »Portal«, das alte Gartenhaus, schleppt, das
voll von Soldaten ist.
Gewimmel, Verstörung und Spannung überall! Die Mannschaften
ziehen zum Tore hinaus, neue rücken ein, überfluten die Stadt, essen,
schlafen, erfüllen die Ohren der Bürger mit Trommelwirbeln,
Trompetensignalen und Kommandorufen und marschieren wieder ab.
Königliche Prinzen werden begrüßt; Durchmarsch folgt auf Durchmarsch.
Dann Stille und Erwartung.
Im Spätherbst und Winter kehren die Truppen siegreich zurück, werden
wiederum einquartiert und ziehen unter den Hochrufen der aufatmenden
Bürger nach Hause. – Friede. Der kurze, ereignisschwangere Friede von
fünfundsechzig.
Und zwischen zwei Kriegen, unberührt und ruhevoll in den Falten
seines Schürzenkleidchens und dem Gelock seines weichen Haares, spielt
der kleine Johann im Garten am Springbrunnen oder auf dem »Altan«, der
eigens für ihn durch eine kleine Säulenestrade vom Vorplatz der zweiten
Etage abgetrennt ist, die Spiele seiner 4½ Jahre … Diese Spiele, deren
Tiefsinn und Reiz kein Erwachsener mehr zu verstehen vermag, und zu
denen nichts weiter nötig ist als drei Kieselsteine oder ein Stück Holz, das
vielleicht eine Löwenzahnblüte als Helm trägt: vor allem aber die reine,
Page 413
starke, inbrünstige, keusche, noch unverstörte und uneingeschüchterte
Phantasie jenes glückseligen Alters, wo das Leben sich noch scheut, uns
anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand an uns zu legen wagt,
wo wir sehen, hören, lachen, staunen und träumen dürfen, ohne daß noch
die Welt Dienste von uns verlangt … wo die Ungeduld derer, die wir doch
lieben möchten, uns noch nicht nach Anzeichen und ersten Beweisen quält,
daß wir diese Dienste mit Tüchtigkeit werden leisten können … Ach, nicht
lange mehr, und mit plumper Übermacht wird alles über uns herfallen, um
uns zu vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu kürzen, zu
verderben …
Große Dinge geschahen, während Hanno spielte. Der Krieg entbrannte,
der Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks
Vaterstadt, die klug zu Preußen gestanden hatte, blickte nicht ohne
Genugtuung auf das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an Österreich
bezahlen mußte, indem es aufhörte, eine freie Stadt zu sein.
Bei dem Fallissement einer Frankfurter Großfirma aber, im Juli,
unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann
Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend
Talern Kurant.
Phantasie jenes glückseligen Alters, wo das Leben sich noch scheut, uns
anzutasten, wo noch weder Pflicht noch Schuld Hand an uns zu legen wagt,
wo wir sehen, hören, lachen, staunen und träumen dürfen, ohne daß noch
die Welt Dienste von uns verlangt … wo die Ungeduld derer, die wir doch
lieben möchten, uns noch nicht nach Anzeichen und ersten Beweisen quält,
daß wir diese Dienste mit Tüchtigkeit werden leisten können … Ach, nicht
lange mehr, und mit plumper Übermacht wird alles über uns herfallen, um
uns zu vergewaltigen, zu exerzieren, zu strecken, zu kürzen, zu
verderben …
Große Dinge geschahen, während Hanno spielte. Der Krieg entbrannte,
der Sieg schwankte und entschied sich, und Hanno Buddenbrooks
Vaterstadt, die klug zu Preußen gestanden hatte, blickte nicht ohne
Genugtuung auf das reiche Frankfurt, das seinen Glauben an Österreich
bezahlen mußte, indem es aufhörte, eine freie Stadt zu sein.
Bei dem Fallissement einer Frankfurter Großfirma aber, im Juli,
unmittelbar vor Eintritt des Waffenstillstandes, verlor das Haus Johann
Buddenbrook mit einem Schlage die runde Summe von zwanzigtausend
Talern Kurant.
Page 414
Page 415
Achter Teil
Erstes Kapitel
Wenn Herr Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste der
städtischen Feuerversicherungsgesellschaft, mit seinem geschlossenen
Leibrock, seinem schmalen, schwarzen, auf männliche und ernste Art in die
Mundwinkel hineingewachsenen Schnurrbart und seiner etwas hängenden
Unterlippe, wiegenden und selbstbewußten Schrittes über die große Diele
schritt, um sich von den vorderen Büros in die hinteren zu begeben, wobei
er seine beiden Fäuste vor sich hertrug und die Ellenbogen in legerer Weise
an den Seiten bewegte, bot er das Bild eines tätigen, wohlsituierten und
imponierenden Mannes.
Andererseits war Erika Grünlich, nun zwanzigjährig: ein großes,
erblühtes Mädchen, frischfarbig und hübsch vor Gesundheit und Kraft.
Führte der Zufall sie die Treppe hinab oder an das obere Geländer, wenn
eben Herr Weinschenk des Weges kam – und der Zufall tat dies nicht selten
– so nahm der Direktor den Zylinder von seinem kurzen, schwarzen
Haupthaar, das an den Schläfen schon zu ergrauen begann, wiegte sich
stärker in der Taille seines Gehrockes und begrüßte das junge Mädchen mit
einem erstaunten und bewundernden Blick seiner kühn
umherschweifenden, braunen Augen … worauf Erika davonlief, sich
irgendwo auf eine Fensterbank setzte und vor Ratlosigkeit und Verwirrung
eine Stunde lang weinte.
Fräulein Grünlich war unter Therese Weichbrodts Obhut in Züchten
herangewachsen, und ihre Gedanken gingen nicht weit. Sie weinte über
Herrn Weinschenks Zylinder, die Art, mit der er bei ihrem Anblick seine
Brauen emporzucken und wieder fallen ließ, seine höchst königliche
Erstes Kapitel
Wenn Herr Hugo Weinschenk, seit einiger Zeit Direktor im Dienste der
städtischen Feuerversicherungsgesellschaft, mit seinem geschlossenen
Leibrock, seinem schmalen, schwarzen, auf männliche und ernste Art in die
Mundwinkel hineingewachsenen Schnurrbart und seiner etwas hängenden
Unterlippe, wiegenden und selbstbewußten Schrittes über die große Diele
schritt, um sich von den vorderen Büros in die hinteren zu begeben, wobei
er seine beiden Fäuste vor sich hertrug und die Ellenbogen in legerer Weise
an den Seiten bewegte, bot er das Bild eines tätigen, wohlsituierten und
imponierenden Mannes.
Andererseits war Erika Grünlich, nun zwanzigjährig: ein großes,
erblühtes Mädchen, frischfarbig und hübsch vor Gesundheit und Kraft.
Führte der Zufall sie die Treppe hinab oder an das obere Geländer, wenn
eben Herr Weinschenk des Weges kam – und der Zufall tat dies nicht selten
– so nahm der Direktor den Zylinder von seinem kurzen, schwarzen
Haupthaar, das an den Schläfen schon zu ergrauen begann, wiegte sich
stärker in der Taille seines Gehrockes und begrüßte das junge Mädchen mit
einem erstaunten und bewundernden Blick seiner kühn
umherschweifenden, braunen Augen … worauf Erika davonlief, sich
irgendwo auf eine Fensterbank setzte und vor Ratlosigkeit und Verwirrung
eine Stunde lang weinte.
Fräulein Grünlich war unter Therese Weichbrodts Obhut in Züchten
herangewachsen, und ihre Gedanken gingen nicht weit. Sie weinte über
Herrn Weinschenks Zylinder, die Art, mit der er bei ihrem Anblick seine
Brauen emporzucken und wieder fallen ließ, seine höchst königliche
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Haltung und seine balancierenden Fäuste. Ihre Mutter inzwischen, Frau
Permaneder, sah weiter.
Die Zukunft ihrer Tochter bekümmerte sie seit Jahren, denn Erika war,
verglichen mit anderen heiratsfähigen Mädchen, ja im Nachteile. Frau
Permaneder verkehrte nicht nur nicht in der Gesellschaft, sie lebte in
Feindschaft mit ihr. Die Annahme, daß man sie in den ersten Kreisen auf
Grund ihrer zweimaligen Scheidung als minderwertig betrachte, war ihr ein
wenig zur fixen Idee geworden, und sie sah Verachtung und Gehässigkeit
da, wo wahrscheinlich oft nichts als Gleichgültigkeit vorhanden war.
Wahrscheinlich zum Beispiel würde Konsul Hermann Hagenström, dieser
freisinnige und loyale Kopf, den der Reichtum heiter und wohlwollend
machte, sie auf der Straße gegrüßt haben, wenn der Blick, mit dem sie
zurückgeworfenen Hauptes an seinem Gesichte vorbeisah, diesem
»Gänseleberpastetengesicht«, das sie, mit einem ihrer starken Worte, »haßte
wie die Pest«, es ihm nicht aufs strengste verboten hätte. So kam es, daß
auch Erika der Sphäre ihres Onkels, des Senators, durchaus fern stand, daß
sie keine Bälle besuchte und, Herrenbekanntschaften zu machen, sich ihr
wenig Gelegenheit bot.
Dennoch war es, besonders seit sie selbst, wie sie sagte,
»abgewirtschaftet« hatte, Frau Antonies heißester Wunsch, daß ihre Tochter
die Hoffnungen erfüllen möge, die ihr, der Mutter, fehlgeschlagen, und eine
Heirat machen, welche, vorteilhaft und glücklich, der Familie zur Ehre
gereichen, und die Schicksale der Mutter vergessen lassen würde. In erster
Linie ihrem älteren Bruder gegenüber, der in letzter Zeit so geringe
Hoffnungsfreudigkeit an den Tag legte, sehnte Tony sich nach einem
Beweise, daß das Glück der Familie noch nicht erschöpft, daß sie
keineswegs schon am Ende angelangt sei … Ihre zweite Mitgift, die 17000
Taler, die Herr Permaneder mit so viel Kulanz wieder herausgegeben hatte,
lagen für Erika bereit, und kaum hatte Frau Antonie, scharfäugig und
erfahren, die zarte Verbindung bemerkt, die sich zwischen ihrer Tochter und
dem Direktor angesponnen hatte, als sie schon den Himmel mit Gebeten
anzugehen begann, Herr Weinschenk möge Visite machen.
Er tat es. Er erschien in der ersten Etage, ward von den drei Damen,
Großmutter, Tochter und Enkelin, empfangen, plauderte zehn Minuten lang
Permaneder, sah weiter.
Die Zukunft ihrer Tochter bekümmerte sie seit Jahren, denn Erika war,
verglichen mit anderen heiratsfähigen Mädchen, ja im Nachteile. Frau
Permaneder verkehrte nicht nur nicht in der Gesellschaft, sie lebte in
Feindschaft mit ihr. Die Annahme, daß man sie in den ersten Kreisen auf
Grund ihrer zweimaligen Scheidung als minderwertig betrachte, war ihr ein
wenig zur fixen Idee geworden, und sie sah Verachtung und Gehässigkeit
da, wo wahrscheinlich oft nichts als Gleichgültigkeit vorhanden war.
Wahrscheinlich zum Beispiel würde Konsul Hermann Hagenström, dieser
freisinnige und loyale Kopf, den der Reichtum heiter und wohlwollend
machte, sie auf der Straße gegrüßt haben, wenn der Blick, mit dem sie
zurückgeworfenen Hauptes an seinem Gesichte vorbeisah, diesem
»Gänseleberpastetengesicht«, das sie, mit einem ihrer starken Worte, »haßte
wie die Pest«, es ihm nicht aufs strengste verboten hätte. So kam es, daß
auch Erika der Sphäre ihres Onkels, des Senators, durchaus fern stand, daß
sie keine Bälle besuchte und, Herrenbekanntschaften zu machen, sich ihr
wenig Gelegenheit bot.
Dennoch war es, besonders seit sie selbst, wie sie sagte,
»abgewirtschaftet« hatte, Frau Antonies heißester Wunsch, daß ihre Tochter
die Hoffnungen erfüllen möge, die ihr, der Mutter, fehlgeschlagen, und eine
Heirat machen, welche, vorteilhaft und glücklich, der Familie zur Ehre
gereichen, und die Schicksale der Mutter vergessen lassen würde. In erster
Linie ihrem älteren Bruder gegenüber, der in letzter Zeit so geringe
Hoffnungsfreudigkeit an den Tag legte, sehnte Tony sich nach einem
Beweise, daß das Glück der Familie noch nicht erschöpft, daß sie
keineswegs schon am Ende angelangt sei … Ihre zweite Mitgift, die 17000
Taler, die Herr Permaneder mit so viel Kulanz wieder herausgegeben hatte,
lagen für Erika bereit, und kaum hatte Frau Antonie, scharfäugig und
erfahren, die zarte Verbindung bemerkt, die sich zwischen ihrer Tochter und
dem Direktor angesponnen hatte, als sie schon den Himmel mit Gebeten
anzugehen begann, Herr Weinschenk möge Visite machen.
Er tat es. Er erschien in der ersten Etage, ward von den drei Damen,
Großmutter, Tochter und Enkelin, empfangen, plauderte zehn Minuten lang
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und versprach, nachmittags um die Kaffeezeit einmal zu zwangloser
Unterhaltung wiederzukommen.
Auch das geschah, und man lernte einander kennen. Der Direktor war
aus Schlesien gebürtig, woselbst sein alter Vater noch lebte; seine Familie
indes schien nicht in Betracht zu kommen, und Hugo Weinschenk vielmehr
ein self-made man zu sein. Er besaß das nicht angeborene, nicht ganz
sichere, etwas übertriebene und etwas mißtrauische Selbstbewußtsein eines
solchen, seine Formen waren nicht eben vollkommen, und seine
Konversation von Herzen ungewandt. Übrigens zeigte sein etwas
kleinbürgerlich geschnittener Gehrock einige blanke Stellen, seine
Manschetten mit den großen Jettknöpfen waren nicht ganz frisch und
sauber, und am Mittelfinger der linken Hand war infolge irgendeines
Unglücksfalles der Nagel völlig verdorrt und kohlschwarz … ein ziemlich
unerfreulicher Anblick, der aber nicht hinderte, daß Hugo Weinschenk ein
hochachtungswerter, fleißiger, energischer Mensch mit 12000 Kurantmark
jährlicher Einkünfte und in Erika Grünlichs Augen sogar ein schöner Mann
war.
Frau Permaneder hatte rasch die Lage überblickt und abgeschätzt. Sie
sprach sich gegen die Konsulin und den Senator offen darüber aus. Es war
klar, daß die Interessen sich entgegenkamen und sich ergänzten. Direktor
Weinschenk war, wie Erika, ohne jegliche gesellschaftliche Verbindung; die
beiden waren geradezu aufeinander angewiesen und von Gott ersichtlich
füreinander bestimmt. Wollte der Direktor, der sich den Vierzig näherte, und
dessen Haupthaar sich zu melieren begann, einen Hausstand gründen, was
seiner Stellung zukam und seinen Verhältnissen entsprach, so eröffnete ihm
die Verbindung mit Erika Grünlich den Eintritt in eine der ersten Familien
der Stadt und war geeignet, ihn in seinem Berufe zu fördern, in seiner
Position zu befestigen. Was aber Erikas Wohlfahrt betraf, so durfte Frau
Permaneder sich sagen, daß wenigstens ihre eigenen Schicksale in diesem
Falle ausgeschlossen seien. Mit Herrn Permaneder wies Hugo Weinschenk
nicht die geringste Ähnlichkeit auf, und von Bendix Grünlich unterschied er
sich durch seine Eigenschaft als solid situierter Beamter mit festem Gehalt,
die eine weitere Karriere nicht ausschloß.
Mit einem Worte: es war auf beiden Seiten viel guter Wille vorhanden,
die Nachmittagsbesuche Direktor Weinschenks wiederholten sich in rascher
Unterhaltung wiederzukommen.
Auch das geschah, und man lernte einander kennen. Der Direktor war
aus Schlesien gebürtig, woselbst sein alter Vater noch lebte; seine Familie
indes schien nicht in Betracht zu kommen, und Hugo Weinschenk vielmehr
ein self-made man zu sein. Er besaß das nicht angeborene, nicht ganz
sichere, etwas übertriebene und etwas mißtrauische Selbstbewußtsein eines
solchen, seine Formen waren nicht eben vollkommen, und seine
Konversation von Herzen ungewandt. Übrigens zeigte sein etwas
kleinbürgerlich geschnittener Gehrock einige blanke Stellen, seine
Manschetten mit den großen Jettknöpfen waren nicht ganz frisch und
sauber, und am Mittelfinger der linken Hand war infolge irgendeines
Unglücksfalles der Nagel völlig verdorrt und kohlschwarz … ein ziemlich
unerfreulicher Anblick, der aber nicht hinderte, daß Hugo Weinschenk ein
hochachtungswerter, fleißiger, energischer Mensch mit 12000 Kurantmark
jährlicher Einkünfte und in Erika Grünlichs Augen sogar ein schöner Mann
war.
Frau Permaneder hatte rasch die Lage überblickt und abgeschätzt. Sie
sprach sich gegen die Konsulin und den Senator offen darüber aus. Es war
klar, daß die Interessen sich entgegenkamen und sich ergänzten. Direktor
Weinschenk war, wie Erika, ohne jegliche gesellschaftliche Verbindung; die
beiden waren geradezu aufeinander angewiesen und von Gott ersichtlich
füreinander bestimmt. Wollte der Direktor, der sich den Vierzig näherte, und
dessen Haupthaar sich zu melieren begann, einen Hausstand gründen, was
seiner Stellung zukam und seinen Verhältnissen entsprach, so eröffnete ihm
die Verbindung mit Erika Grünlich den Eintritt in eine der ersten Familien
der Stadt und war geeignet, ihn in seinem Berufe zu fördern, in seiner
Position zu befestigen. Was aber Erikas Wohlfahrt betraf, so durfte Frau
Permaneder sich sagen, daß wenigstens ihre eigenen Schicksale in diesem
Falle ausgeschlossen seien. Mit Herrn Permaneder wies Hugo Weinschenk
nicht die geringste Ähnlichkeit auf, und von Bendix Grünlich unterschied er
sich durch seine Eigenschaft als solid situierter Beamter mit festem Gehalt,
die eine weitere Karriere nicht ausschloß.
Mit einem Worte: es war auf beiden Seiten viel guter Wille vorhanden,
die Nachmittagsbesuche Direktor Weinschenks wiederholten sich in rascher
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Folge, und im Januar – dem Januar des Jahres 1867 – gestattete er sich, mit
einigen kurzen, männlichen und geraden Worten um Erika Grünlichs Hand
zu bitten.
Von nun an gehörte er zur Familie, begann an den »Kindertagen«
teilzunehmen und ward von den Angehörigen seiner Braut mit
Zuvorkommenheit aufgenommen. Ohne Zweifel empfand er sofort, daß er
unter ihnen nicht recht am Platze war; aber er verkleidete dies Gefühl mit
einer desto kühneren Haltung, und die Konsulin, Onkel Justus, Senator
Buddenbrook – wenn auch nicht gerade die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Straße – waren gegenüber diesem tüchtigen Büromenschen, diesem
gesellschaftlich unerfahrenen Manne der harten Arbeit zu taktvoller
Nachsicht bereit.
Sie war vonnöten; denn immer wieder galt es, mit einem belebenden
und ablenkenden Worte eine Stille zu verscheuchen, die sich an der
Familientafel im Eßsaale ausbreitete, wenn etwa der Direktor sich in allzu
neckischer Art mit Erikas Wangen und Armen beschäftigte, wenn er sich
gesprächsweise erkundigte, ob Orangemarmelade eine Mehlspeise sei, –
»Mehlschpeis'« sagte er mit kecker Betonung – oder wenn er der Meinung
Ausdruck gab, »Romeo und Julia« sei ein Stück von Schiller … Dinge, die
er unter sorglosem Händereiben, den Oberkörper schräg gegen die
Stuhllehne zurückgeworfen, mit vieler Frische und Festigkeit
hervorbrachte.
Am besten verständigte er sich mit dem Senator, der über Politik und
Geschäftliches hin eine Unterhaltung mit ihm sicher zu steuern wußte, ohne
daß ein Unglück geschah. Vollkommen verzweifelt aber gestaltete sich sein
Verhältnis zu Gerda Buddenbrook. Die Persönlichkeit dieser Dame
befremdete ihn in solchem Grade, daß er außerstande war, einen auch nur
für zwei Minuten ausreichenden Gesprächsstoff für sie zu finden. Da er
wußte, daß sie die Violine spielte, und diese Tatsache starken Eindruck auf
ihn gemacht hatte, so beschränkte er sich darauf, bei jedem
Zusammentreffen am Donnerstag aufs neue die scherzhafte Frage an sie zu
richten: »Wie geht's der Geige?« – Nach dem dritten Male aber bereits
enthielt die Senatorin sich jeder Antwort hierauf.
einigen kurzen, männlichen und geraden Worten um Erika Grünlichs Hand
zu bitten.
Von nun an gehörte er zur Familie, begann an den »Kindertagen«
teilzunehmen und ward von den Angehörigen seiner Braut mit
Zuvorkommenheit aufgenommen. Ohne Zweifel empfand er sofort, daß er
unter ihnen nicht recht am Platze war; aber er verkleidete dies Gefühl mit
einer desto kühneren Haltung, und die Konsulin, Onkel Justus, Senator
Buddenbrook – wenn auch nicht gerade die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Straße – waren gegenüber diesem tüchtigen Büromenschen, diesem
gesellschaftlich unerfahrenen Manne der harten Arbeit zu taktvoller
Nachsicht bereit.
Sie war vonnöten; denn immer wieder galt es, mit einem belebenden
und ablenkenden Worte eine Stille zu verscheuchen, die sich an der
Familientafel im Eßsaale ausbreitete, wenn etwa der Direktor sich in allzu
neckischer Art mit Erikas Wangen und Armen beschäftigte, wenn er sich
gesprächsweise erkundigte, ob Orangemarmelade eine Mehlspeise sei, –
»Mehlschpeis'« sagte er mit kecker Betonung – oder wenn er der Meinung
Ausdruck gab, »Romeo und Julia« sei ein Stück von Schiller … Dinge, die
er unter sorglosem Händereiben, den Oberkörper schräg gegen die
Stuhllehne zurückgeworfen, mit vieler Frische und Festigkeit
hervorbrachte.
Am besten verständigte er sich mit dem Senator, der über Politik und
Geschäftliches hin eine Unterhaltung mit ihm sicher zu steuern wußte, ohne
daß ein Unglück geschah. Vollkommen verzweifelt aber gestaltete sich sein
Verhältnis zu Gerda Buddenbrook. Die Persönlichkeit dieser Dame
befremdete ihn in solchem Grade, daß er außerstande war, einen auch nur
für zwei Minuten ausreichenden Gesprächsstoff für sie zu finden. Da er
wußte, daß sie die Violine spielte, und diese Tatsache starken Eindruck auf
ihn gemacht hatte, so beschränkte er sich darauf, bei jedem
Zusammentreffen am Donnerstag aufs neue die scherzhafte Frage an sie zu
richten: »Wie geht's der Geige?« – Nach dem dritten Male aber bereits
enthielt die Senatorin sich jeder Antwort hierauf.
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Christian seinerseits pflegte seinen neuen Verwandten mit gekrauster
Nase zu beobachten und am nächsten Tage sein Benehmen und seine
Sprechweise eingehend nachzuahmen. Der zweite Sohn des seligen Konsul
Johann Buddenbrook war in Öynhausen von seinem Gelenkrheumatismus
genesen; aber eine gewisse Steifheit der Glieder dauerte noch fort, und die
periodische »Qual« in seiner linken Seite – dort, wo »alle Nerven zu kurz«
waren – sowie die sonstigen Störungen, denen er sich ausgesetzt fühlte:
Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmäßigkeiten des Herzens und
Neigung zu Lähmungserscheinungen oder Furcht davor – waren
keineswegs aus der Welt geschafft. Auch war sein Äußeres kaum dasjenige
eines Mannes, der erst am Ende der Dreißiger steht. Sein Schädel war
vollständig entblößt; nur am Hinterkopf und an den Schläfen stand noch ein
wenig seines dünnen, rötlichen Haares, und seine kleinen, runden Augen,
die mit unruhigem Ernste umherschweiften, lagen tiefer als jemals in ihren
Höhlen. Gewaltiger aber auch und knochiger, als jemals, sprang seine
große, gehöckerte Nase zwischen den hageren und fahlen Wangen hervor,
über dem dichten, rotblonden Schnurrbart, der den Mund überhing … Und
die Hose aus durablem und elegantem englischen Stoff umschlotterte seine
dürren, gekrümmten Beine.
Seit seiner Heimkehr bewohnte er wie ehemals ein Zimmer am Korridor
der ersten Etage im Hause seiner Mutter, hielt sich jedoch mehr im »Klub«
als in der Mengstraße auf, denn dort wurde ihm das Leben nicht sehr
angenehm gemacht. Riekchen Severin nämlich, Ida Jungmanns
Nachfolgerin, die nun die Dienstboten der Konsulin regierte und den
Hausstand führte, ein untersetztes, 27jähriges Geschöpf vom Lande, mit
roten, gesprungenen Wangen und aufgeworfenen Lippen, hatte mit
bäuerlichem Sinn für Tatsachen erkannt, daß auf diesen
beschäftigungslosen Geschichtenerzähler, der abwechselnd albern und
elend war, und über den die Respektsperson, der Senator, mit erhobener
Augenbraue hinwegsah, nicht viel Rücksicht zu nehmen sei, und sie
vernachlässigte ganz einfach seine Bedürfnisse. »Je, Herr Buddenbrook!«
sagte sie. »Ich hab' nu keine Zeit für Ihnen!« Worauf Christian sie mit
krauser Nase anblickte, als wollte er sagen: Schämst du dich gar nicht?…
und mit steifen Gelenken seines Weges ging.
»Meinst du, ich habe immer eine Kerze?« sagte er zu Tony … »Selten!
Meistens muß ich mit einem Streichholz zu Bette gehen …« Oder er
Nase zu beobachten und am nächsten Tage sein Benehmen und seine
Sprechweise eingehend nachzuahmen. Der zweite Sohn des seligen Konsul
Johann Buddenbrook war in Öynhausen von seinem Gelenkrheumatismus
genesen; aber eine gewisse Steifheit der Glieder dauerte noch fort, und die
periodische »Qual« in seiner linken Seite – dort, wo »alle Nerven zu kurz«
waren – sowie die sonstigen Störungen, denen er sich ausgesetzt fühlte:
Atmungs- und Schluckbeschwerden, Unregelmäßigkeiten des Herzens und
Neigung zu Lähmungserscheinungen oder Furcht davor – waren
keineswegs aus der Welt geschafft. Auch war sein Äußeres kaum dasjenige
eines Mannes, der erst am Ende der Dreißiger steht. Sein Schädel war
vollständig entblößt; nur am Hinterkopf und an den Schläfen stand noch ein
wenig seines dünnen, rötlichen Haares, und seine kleinen, runden Augen,
die mit unruhigem Ernste umherschweiften, lagen tiefer als jemals in ihren
Höhlen. Gewaltiger aber auch und knochiger, als jemals, sprang seine
große, gehöckerte Nase zwischen den hageren und fahlen Wangen hervor,
über dem dichten, rotblonden Schnurrbart, der den Mund überhing … Und
die Hose aus durablem und elegantem englischen Stoff umschlotterte seine
dürren, gekrümmten Beine.
Seit seiner Heimkehr bewohnte er wie ehemals ein Zimmer am Korridor
der ersten Etage im Hause seiner Mutter, hielt sich jedoch mehr im »Klub«
als in der Mengstraße auf, denn dort wurde ihm das Leben nicht sehr
angenehm gemacht. Riekchen Severin nämlich, Ida Jungmanns
Nachfolgerin, die nun die Dienstboten der Konsulin regierte und den
Hausstand führte, ein untersetztes, 27jähriges Geschöpf vom Lande, mit
roten, gesprungenen Wangen und aufgeworfenen Lippen, hatte mit
bäuerlichem Sinn für Tatsachen erkannt, daß auf diesen
beschäftigungslosen Geschichtenerzähler, der abwechselnd albern und
elend war, und über den die Respektsperson, der Senator, mit erhobener
Augenbraue hinwegsah, nicht viel Rücksicht zu nehmen sei, und sie
vernachlässigte ganz einfach seine Bedürfnisse. »Je, Herr Buddenbrook!«
sagte sie. »Ich hab' nu keine Zeit für Ihnen!« Worauf Christian sie mit
krauser Nase anblickte, als wollte er sagen: Schämst du dich gar nicht?…
und mit steifen Gelenken seines Weges ging.
»Meinst du, ich habe immer eine Kerze?« sagte er zu Tony … »Selten!
Meistens muß ich mit einem Streichholz zu Bette gehen …« Oder er
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erklärte auch – denn das Taschengeld, das seine Mutter ihm noch bewilligen
konnte, war gering –: »Schlechte Zeiten!… Ja, das war früher alles anders!
Was meinst du wohl?… ich muß mir jetzt oft fünf Schillinge für Zahnpulver
leihen!«
»Christian!« rief Frau Permaneder. »Wie unwürdig! Mit einem
Streichholz! Fünf Schillinge! Sprich doch wenigstens nicht davon!« Sie war
entrüstet, empört, in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt; allein das änderte
nichts …
Die fünf Schillinge für Zahnpulver entlieh Christian von seinem alten
Freunde Andreas Gieseke, Doktor beider Rechte. Er hatte Glück mit dieser
Freundschaft, und sie ehrte ihn; denn der Rechtsanwalt Gieseke, dieser
Suitier, der die Würde zu wahren wußte, war im vergangenen Winter, als
der alte Kaspar Överdieck sanft entschlummert und Doktor Langhals an
seine Stelle gerückt war, zum Senator erwählt worden. Seinen
Lebenswandel aber beeinflußte das nicht. Man wußte, daß ihm, der seit
seiner Verheiratung mit einem Fräulein Huneus inmitten der Stadt ein
geräumiges Haus besaß, auch in der Vorstadt St. Gertrud jene kleine,
grünbewachsene und behaglich ausgestattete Villa gehörte, die von einer
noch jungen und außerordentlich hübschen Dame unbestimmter Herkunft
ganz allein bewohnt ward. Über der Haustür prangte in zierlich vergoldeten
Buchstaben das Wort »Q u i s i s a n a«, und in der ganzen Stadt war das
friedliche Häuschen bekannt unter diesem Namen, den man übrigens mit
sehr weichen S- und sehr getrübten A-Lauten sprach. Christian
Buddenbrook aber, als bester Freund des Senators Gieseke, hatte sich
Zutritt verschafft in Quisisana, und er hatte dort auf die nämliche Art
reüssiert wie zu Hamburg bei Aline Puvogel und bei ähnlichen
Gelegenheiten in London, in Valparaiso und an so vielen anderen Punkten
der Erde. Er hatte »ein bißchen erzählt«, er war »ein bißchen nett« gewesen,
und er verkehrte nun in dem grünen Häuschen mit der gleichen
Regelmäßigkeit wie Senator Gieseke selbst. Ob dies mit dem Wissen und
Einverständnis des letzteren geschah, das steht dahin; sicher aber ist, daß
Christian Buddenbrook in Quisisana ganz kostenlos dieselbe freundliche
Zerstreuung fand, die Senator Gieseke mit dem schweren Gelde seiner
Gattin bezahlen mußte.
konnte, war gering –: »Schlechte Zeiten!… Ja, das war früher alles anders!
Was meinst du wohl?… ich muß mir jetzt oft fünf Schillinge für Zahnpulver
leihen!«
»Christian!« rief Frau Permaneder. »Wie unwürdig! Mit einem
Streichholz! Fünf Schillinge! Sprich doch wenigstens nicht davon!« Sie war
entrüstet, empört, in ihren heiligsten Gefühlen beleidigt; allein das änderte
nichts …
Die fünf Schillinge für Zahnpulver entlieh Christian von seinem alten
Freunde Andreas Gieseke, Doktor beider Rechte. Er hatte Glück mit dieser
Freundschaft, und sie ehrte ihn; denn der Rechtsanwalt Gieseke, dieser
Suitier, der die Würde zu wahren wußte, war im vergangenen Winter, als
der alte Kaspar Överdieck sanft entschlummert und Doktor Langhals an
seine Stelle gerückt war, zum Senator erwählt worden. Seinen
Lebenswandel aber beeinflußte das nicht. Man wußte, daß ihm, der seit
seiner Verheiratung mit einem Fräulein Huneus inmitten der Stadt ein
geräumiges Haus besaß, auch in der Vorstadt St. Gertrud jene kleine,
grünbewachsene und behaglich ausgestattete Villa gehörte, die von einer
noch jungen und außerordentlich hübschen Dame unbestimmter Herkunft
ganz allein bewohnt ward. Über der Haustür prangte in zierlich vergoldeten
Buchstaben das Wort »Q u i s i s a n a«, und in der ganzen Stadt war das
friedliche Häuschen bekannt unter diesem Namen, den man übrigens mit
sehr weichen S- und sehr getrübten A-Lauten sprach. Christian
Buddenbrook aber, als bester Freund des Senators Gieseke, hatte sich
Zutritt verschafft in Quisisana, und er hatte dort auf die nämliche Art
reüssiert wie zu Hamburg bei Aline Puvogel und bei ähnlichen
Gelegenheiten in London, in Valparaiso und an so vielen anderen Punkten
der Erde. Er hatte »ein bißchen erzählt«, er war »ein bißchen nett« gewesen,
und er verkehrte nun in dem grünen Häuschen mit der gleichen
Regelmäßigkeit wie Senator Gieseke selbst. Ob dies mit dem Wissen und
Einverständnis des letzteren geschah, das steht dahin; sicher aber ist, daß
Christian Buddenbrook in Quisisana ganz kostenlos dieselbe freundliche
Zerstreuung fand, die Senator Gieseke mit dem schweren Gelde seiner
Gattin bezahlen mußte.
Page 421
Kurze Zeit nach der Verlobung Hugo Weinschenks mit Erika Grünlich
machte der Direktor seinem Schwager den Vorschlag, in das
Versicherungsbüro einzutreten, und in der Tat arbeitete Christian vierzehn
Tage lang im Dienste der Brandkasse. Leider jedoch zeigte sich dann, daß
nicht allein die Qual in seiner linken Seite, sondern auch seine übrigen,
schwer bestimmbaren Übel sich hierdurch verstärkten, daß übrigens der
Direktor ein überaus heftiger Vorgesetzter war, der gelegentlich eines
Mißgriffes keinen Anstand genommen hatte, seinen Schwager einen
»Seehund« zu nennen … und Christian war genötigt, diesen Posten wieder
zu verlassen.
Was aber Madame Permaneder anging, so war sie glücklich, so äußerte
ihre lichte Gemütsstimmung sich in Aperçus wie dieses, daß das irdische
Leben doch hin und wieder auch seine guten Seiten habe. Wahrhaftig, sie
erblühte aufs neue in diesen Wochen, die, mit ihrer belebenden
Geschäftigkeit, ihren vielfältigen Plänen, ihren Wohnungssorgen und ihrem
Ausstattungsfieber, sie allzu deutlich an die Zeit ihres eignen ersten
Verlöbnisses gemahnten, als daß sie sie nicht verjüngt und mit grenzenloser
Hoffnungsfreudigkeit erfüllt hätten. Viel von dem graziösen Übermut ihrer
Mädchentage kehrte in ihre Mienen und ihre Bewegungen zurück, ja, die
Stimmung eines ganzen Jerusalemsabends entweihte sie durch eine so
ausgelassene Fröhlichkeit, daß selbst Lea Gerhardt das Buch ihres
Vorfahren sinken ließ und mit den großen, unwissenden und mißtrauischen
Augen der Tauben im Saale umherblickte …
Erika sollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Mit dem Einverständnis
des Direktors, ja, auf seinen Wunsch hin, war beschlossen worden, daß Frau
Antonie – wenigstens vorderhand – bei den Weinschenks wohnen, daß sie
der unerfahrenen Erika im Haushalte zur Seite stehen sollte … und dies
grade war es, was in ihr die köstliche Empfindung hervorrief, als hätte
niemals ein Bendix Grünlich, niemals ein Alois Permaneder gelebt, als
zergingen alle Mißerfolge, Enttäuschungen und Leiden ihres Lebens zu
nichts, und als dürfe sie mit frischen Hoffnungen nun noch einmal von
vorne beginnen. Zwar ermahnte sie Erika zur Dankbarkeit gegen Gott, der
ihr den einzig geliebten Mann beschere, während sie selbst, die Mutter, ihre
erste und herzliche Neigung mit Pflicht und Vernunft habe ertöten müssen;
zwar war es Erikas Name, den sie zusammen mit dem des Direktors mit vor
Freude unsicherer Hand in die Familienpapiere schrieb … aber sie, sie
machte der Direktor seinem Schwager den Vorschlag, in das
Versicherungsbüro einzutreten, und in der Tat arbeitete Christian vierzehn
Tage lang im Dienste der Brandkasse. Leider jedoch zeigte sich dann, daß
nicht allein die Qual in seiner linken Seite, sondern auch seine übrigen,
schwer bestimmbaren Übel sich hierdurch verstärkten, daß übrigens der
Direktor ein überaus heftiger Vorgesetzter war, der gelegentlich eines
Mißgriffes keinen Anstand genommen hatte, seinen Schwager einen
»Seehund« zu nennen … und Christian war genötigt, diesen Posten wieder
zu verlassen.
Was aber Madame Permaneder anging, so war sie glücklich, so äußerte
ihre lichte Gemütsstimmung sich in Aperçus wie dieses, daß das irdische
Leben doch hin und wieder auch seine guten Seiten habe. Wahrhaftig, sie
erblühte aufs neue in diesen Wochen, die, mit ihrer belebenden
Geschäftigkeit, ihren vielfältigen Plänen, ihren Wohnungssorgen und ihrem
Ausstattungsfieber, sie allzu deutlich an die Zeit ihres eignen ersten
Verlöbnisses gemahnten, als daß sie sie nicht verjüngt und mit grenzenloser
Hoffnungsfreudigkeit erfüllt hätten. Viel von dem graziösen Übermut ihrer
Mädchentage kehrte in ihre Mienen und ihre Bewegungen zurück, ja, die
Stimmung eines ganzen Jerusalemsabends entweihte sie durch eine so
ausgelassene Fröhlichkeit, daß selbst Lea Gerhardt das Buch ihres
Vorfahren sinken ließ und mit den großen, unwissenden und mißtrauischen
Augen der Tauben im Saale umherblickte …
Erika sollte sich von ihrer Mutter nicht trennen. Mit dem Einverständnis
des Direktors, ja, auf seinen Wunsch hin, war beschlossen worden, daß Frau
Antonie – wenigstens vorderhand – bei den Weinschenks wohnen, daß sie
der unerfahrenen Erika im Haushalte zur Seite stehen sollte … und dies
grade war es, was in ihr die köstliche Empfindung hervorrief, als hätte
niemals ein Bendix Grünlich, niemals ein Alois Permaneder gelebt, als
zergingen alle Mißerfolge, Enttäuschungen und Leiden ihres Lebens zu
nichts, und als dürfe sie mit frischen Hoffnungen nun noch einmal von
vorne beginnen. Zwar ermahnte sie Erika zur Dankbarkeit gegen Gott, der
ihr den einzig geliebten Mann beschere, während sie selbst, die Mutter, ihre
erste und herzliche Neigung mit Pflicht und Vernunft habe ertöten müssen;
zwar war es Erikas Name, den sie zusammen mit dem des Direktors mit vor
Freude unsicherer Hand in die Familienpapiere schrieb … aber sie, sie
Page 422
selbst, Tony Buddenbrook, war die eigentliche Braut. Sie war es, die noch
einmal mit kundiger Hand Portieren und Teppiche prüfen, noch einmal
Möbel- und Ausstattungsmagazine durchstöbern, noch einmal eine
v o r n e h m e Wohnung besichtigen und mieten durfte! Sie war es, die noch
einmal das fromme und weitläufige Elternhaus verlassen und aufhören
sollte, bloß eine geschiedene Frau zu sein; der noch einmal die Möglichkeit
sich auftat, ihr Haupt zu erheben und ein neues Leben zu beginnen,
geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken und das Ansehen der
Familie zu fördern … Ja, war es ein Traum? Schlafröcke erschienen auf der
Bildfläche! Zwei Schlafröcke für sie und Erika, aus weichem, gewirktem
Stoff, mit breiten Schleppen und dichten Reihen von Sammetschleifen, vom
Halsverschluß bis zum Saume hinunter!
Die Wochen aber verstrichen, und Erika Grünlichs Brautzeit neigte sich
ihrem Ende entgegen. Das junge Paar hatte in einigen wenigen Häusern
Besuche gemacht, denn der Direktor, ernster und in geselligen Dingen
unerfahrener Arbeitsmensch, wie er war, gedachte seine Mußestunden der
intimen Häuslichkeit zu widmen … ein Verlobungsdiner hatte Thomas,
Gerda, das Brautpaar, Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook mit der
nächsten Freundschaft des Senators in dem großen Saale des
Fischergrubenhauses vereint, wobei es wiederum befremdete, daß der
Direktor nicht aufhörte, Erikas dekolletierten Hals zu klopfen … und die
Hochzeit nahte heran.
Die Säulenhalle war, wie einst, als Frau Grünlich die Myrten trug, der
Schauplatz der Trauung. Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe,
die in den ersten Kreisen verkehrte, war der Braut beim Faltenarrangement
ihres weißen Atlaskleides und beim Anlegen des grünen Schmuckes
behilflich gewesen, Senator Buddenbrook war erster, und Christians
Freund, Senator Gieseke, zweiter Brautführer, zwei ehemalige
Pensionsfreundinnen Erikas fungierten als Brautjungfern, Direktor Hugo
Weinschenk sah stattlich und männlich aus und trat, auf dem Wege zum
improvisierten Altar, nur e i n mal auf Erikas herabwallenden Schleier,
Pastor Pringsheim, die Hände unterm Kinn gefaltet, zelebrierte mit aller
verklärten Feierlichkeit, die ihm eigen, und alles verlief nach Brauch und
Würde. Als die Ringe gewechselt wurden, und das tiefe und das helle »Ja«
– beide ein wenig heiser – in der Stille erklangen, brach Frau Permaneder,
überwältigt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in lautes Weinen
einmal mit kundiger Hand Portieren und Teppiche prüfen, noch einmal
Möbel- und Ausstattungsmagazine durchstöbern, noch einmal eine
v o r n e h m e Wohnung besichtigen und mieten durfte! Sie war es, die noch
einmal das fromme und weitläufige Elternhaus verlassen und aufhören
sollte, bloß eine geschiedene Frau zu sein; der noch einmal die Möglichkeit
sich auftat, ihr Haupt zu erheben und ein neues Leben zu beginnen,
geeignet, die allgemeine Aufmerksamkeit zu erwecken und das Ansehen der
Familie zu fördern … Ja, war es ein Traum? Schlafröcke erschienen auf der
Bildfläche! Zwei Schlafröcke für sie und Erika, aus weichem, gewirktem
Stoff, mit breiten Schleppen und dichten Reihen von Sammetschleifen, vom
Halsverschluß bis zum Saume hinunter!
Die Wochen aber verstrichen, und Erika Grünlichs Brautzeit neigte sich
ihrem Ende entgegen. Das junge Paar hatte in einigen wenigen Häusern
Besuche gemacht, denn der Direktor, ernster und in geselligen Dingen
unerfahrener Arbeitsmensch, wie er war, gedachte seine Mußestunden der
intimen Häuslichkeit zu widmen … ein Verlobungsdiner hatte Thomas,
Gerda, das Brautpaar, Friederike, Henriette und Pfiffi Buddenbrook mit der
nächsten Freundschaft des Senators in dem großen Saale des
Fischergrubenhauses vereint, wobei es wiederum befremdete, daß der
Direktor nicht aufhörte, Erikas dekolletierten Hals zu klopfen … und die
Hochzeit nahte heran.
Die Säulenhalle war, wie einst, als Frau Grünlich die Myrten trug, der
Schauplatz der Trauung. Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe,
die in den ersten Kreisen verkehrte, war der Braut beim Faltenarrangement
ihres weißen Atlaskleides und beim Anlegen des grünen Schmuckes
behilflich gewesen, Senator Buddenbrook war erster, und Christians
Freund, Senator Gieseke, zweiter Brautführer, zwei ehemalige
Pensionsfreundinnen Erikas fungierten als Brautjungfern, Direktor Hugo
Weinschenk sah stattlich und männlich aus und trat, auf dem Wege zum
improvisierten Altar, nur e i n mal auf Erikas herabwallenden Schleier,
Pastor Pringsheim, die Hände unterm Kinn gefaltet, zelebrierte mit aller
verklärten Feierlichkeit, die ihm eigen, und alles verlief nach Brauch und
Würde. Als die Ringe gewechselt wurden, und das tiefe und das helle »Ja«
– beide ein wenig heiser – in der Stille erklangen, brach Frau Permaneder,
überwältigt von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, in lautes Weinen
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aus – es war noch immer ihr unbedenkliches und unverhohlenes
Kinderweinen – während die Damen Buddenbrook, von denen Pfiffi zur
Feier des Tages eine goldene Kette an ihrem Pincenez trug, wie immer bei
solchen Gelegenheiten ein wenig säuerlich dareinlächelten … Mlle.
Weichbrodt jedoch, Therese Weichbrodt, die in den letzten Jahren noch sehr
viel kleiner geworden war, als früher, Sesemi, die ovale Brosche mit dem
Porträt ihrer Mutter an ihrem dünnen Hälschen, sprach mit jener übergroßen
Festigkeit, welche eine tiefe innere Rührung verbergen soll: »Sei glöcklich,
du g u t e s Kend!«
Dann folgte, im Kreise der weißen Götterfiguren, welche in
unveränderlich gelassenen Stellungen aus der blauen Tapete hervortraten,
ein ebenso solennes, wie solides Festmahl, gegen dessen Ende die
Neuvermählten verschwanden, um ihre Reise durch einige Großstädte
anzutreten … Das war um die Mitte des April; und während der folgenden
vierzehn Tage vollbrachte Frau Permaneder, unterstützt vom Tapezierer
Jacobs, eines ihrer Meisterstücke: die vornehme Herrichtung jener
geräumigen ersten Etage, die in einem Hause der mittleren Bäckergrube
gemietet worden war, und deren mit Blumen reichlich geputzte Räume dann
das heimkehrende Paar umfingen.
Und es begann Tony Buddenbrooks dritte Ehe.
Ja, diese Bezeichnung war zutreffend, und der Senator selbst hatte eines
Donnerstags, als Weinschenks nicht zugegen waren, die Sache bei diesem
Namen genannt, was Frau Permaneder sich mit Behagen hatte gefallen
lassen. In der Tat, alle Sorgen des Hausstandes fielen auf sie, aber auch
Freude und Stolz nahm sie für sich in Anspruch, und eines Tages, als sie
unversehens mit der Konsulin Julchen Möllendorpf geb. Hagenström auf
der Straße zusammentraf, blickte sie ihr mit einem so triumphierenden und
herausfordernden Ausdruck ins Gesicht, daß Frau Möllendorpf sich dazu
verstand, zuerst zu grüßen … Stolz und Freude wurden in ihrer Miene und
Haltung zur ernsten Feierlichkeit, wenn sie die Verwandten, die kamen, das
neue Heim zu besichtigen, darin umherführte, während Erika Weinschenk
selbst fast ebenfalls wie ein bewundernder Gast dabei erschien.
Die Schleppe ihres Schlafrockes hinter sich herziehend, die Schultern
ein wenig emporgezogen, den Kopf zurückgelehnt und am Arme den mit
Kinderweinen – während die Damen Buddenbrook, von denen Pfiffi zur
Feier des Tages eine goldene Kette an ihrem Pincenez trug, wie immer bei
solchen Gelegenheiten ein wenig säuerlich dareinlächelten … Mlle.
Weichbrodt jedoch, Therese Weichbrodt, die in den letzten Jahren noch sehr
viel kleiner geworden war, als früher, Sesemi, die ovale Brosche mit dem
Porträt ihrer Mutter an ihrem dünnen Hälschen, sprach mit jener übergroßen
Festigkeit, welche eine tiefe innere Rührung verbergen soll: »Sei glöcklich,
du g u t e s Kend!«
Dann folgte, im Kreise der weißen Götterfiguren, welche in
unveränderlich gelassenen Stellungen aus der blauen Tapete hervortraten,
ein ebenso solennes, wie solides Festmahl, gegen dessen Ende die
Neuvermählten verschwanden, um ihre Reise durch einige Großstädte
anzutreten … Das war um die Mitte des April; und während der folgenden
vierzehn Tage vollbrachte Frau Permaneder, unterstützt vom Tapezierer
Jacobs, eines ihrer Meisterstücke: die vornehme Herrichtung jener
geräumigen ersten Etage, die in einem Hause der mittleren Bäckergrube
gemietet worden war, und deren mit Blumen reichlich geputzte Räume dann
das heimkehrende Paar umfingen.
Und es begann Tony Buddenbrooks dritte Ehe.
Ja, diese Bezeichnung war zutreffend, und der Senator selbst hatte eines
Donnerstags, als Weinschenks nicht zugegen waren, die Sache bei diesem
Namen genannt, was Frau Permaneder sich mit Behagen hatte gefallen
lassen. In der Tat, alle Sorgen des Hausstandes fielen auf sie, aber auch
Freude und Stolz nahm sie für sich in Anspruch, und eines Tages, als sie
unversehens mit der Konsulin Julchen Möllendorpf geb. Hagenström auf
der Straße zusammentraf, blickte sie ihr mit einem so triumphierenden und
herausfordernden Ausdruck ins Gesicht, daß Frau Möllendorpf sich dazu
verstand, zuerst zu grüßen … Stolz und Freude wurden in ihrer Miene und
Haltung zur ernsten Feierlichkeit, wenn sie die Verwandten, die kamen, das
neue Heim zu besichtigen, darin umherführte, während Erika Weinschenk
selbst fast ebenfalls wie ein bewundernder Gast dabei erschien.
Die Schleppe ihres Schlafrockes hinter sich herziehend, die Schultern
ein wenig emporgezogen, den Kopf zurückgelehnt und am Arme den mit
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Atlasschleifen besetzten Schlüsselkorb – sie schwärmte für Atlasschleifen –
zeigte Frau Antonie den Besuchern die Möbel, die Portieren, das
durchsichtige Porzellan, das blitzende Silberzeug, die großen Ölgemälde,
die der Direktor angeschafft hatte: lauter Stilleben von Eßwaren und
unbekleidete Frauengestalten, denn dies war Hugo Weinschenks
Geschmack – und ihre Bewegungen schienen zu sagen: Seht, dahin habe
ich es noch einmal gebracht im Leben. Es ist fast so vornehm wie bei
Grünlich und sicherlich vornehmer als bei Permaneder!
Die alte Konsulin kam, in grau und schwarz gestreifter Seide, einen
diskreten Patschuliduft um sich verbreitend, ließ ihre hellen Augen geruhig
über alles hingleiten und legte, ohne laute Bewunderung zu äußern, eine
anerkennende Befriedigung an den Tag. Der Senator kam mit Frau und
Kind, amüsierte sich mit Gerda über Tonys glückselige Überheblichkeit und
verhinderte mit Mühe, daß sie ihren angebeteten kleinen Hanno mit
Korinthenbrot und Portwein erstickte … Es kamen die Damen
Buddenbrook, welche einstimmig bemerkten, alles sei so schön, daß sie
ihrerseits, bescheidene Mädchen wie sie seien, nicht darin wohnen möchten
… Die arme Klothilde kam, grau, geduldig und hager, ließ sich auslachen
und trank vier Tassen Kaffee, worauf sie auch alles übrige in gedehnten und
freundlichen Worten belobte … Dann und wann, wenn im »Klub« niemand
anwesend gewesen war, erschien auch Christian, nahm ein Gläschen
Benediktiner, erzählte, daß er jetzt willens sei, die Agentur für eine
Champagner- und Kognakfirma zu übernehmen – darauf verstehe er sich,
und es sei eine leichte, angenehme Arbeit, man sei sein eigner Herr,
schreibe sich hie und da ein bißchen in sein Notizbuch und habe im
Handumdrehen dreißig Taler verdient – lieh sich hierauf vierzig Schilling
von Frau Permaneder, um der ersten Liebhaberin vom Stadttheater ein
Bukett überreichen zu können, kam, Gott weiß, infolge welcher
Ideenverbindung, auf »Maria« und das »Laster« in London zu sprechen,
verfiel in die Geschichte des räudigen Hundes, der in einer Schachtel von
Valparaiso nach San Franzisko gereist war, und erzählte nun, da er im Zuge
war, mit einer solchen Fülle, Schwunghaftigkeit und Komik, daß er einen
Saal voll Menschen hätte unterhalten können.
Er geriet in Begeisterung, er redete in Zungen. Er sprach Englisch,
Spanisch, Plattdeutsch und Hamburgisch, er schilderte chilenische
Messerabenteurer und Diebsaffären aus Whitechapel, verfiel darauf, einen
zeigte Frau Antonie den Besuchern die Möbel, die Portieren, das
durchsichtige Porzellan, das blitzende Silberzeug, die großen Ölgemälde,
die der Direktor angeschafft hatte: lauter Stilleben von Eßwaren und
unbekleidete Frauengestalten, denn dies war Hugo Weinschenks
Geschmack – und ihre Bewegungen schienen zu sagen: Seht, dahin habe
ich es noch einmal gebracht im Leben. Es ist fast so vornehm wie bei
Grünlich und sicherlich vornehmer als bei Permaneder!
Die alte Konsulin kam, in grau und schwarz gestreifter Seide, einen
diskreten Patschuliduft um sich verbreitend, ließ ihre hellen Augen geruhig
über alles hingleiten und legte, ohne laute Bewunderung zu äußern, eine
anerkennende Befriedigung an den Tag. Der Senator kam mit Frau und
Kind, amüsierte sich mit Gerda über Tonys glückselige Überheblichkeit und
verhinderte mit Mühe, daß sie ihren angebeteten kleinen Hanno mit
Korinthenbrot und Portwein erstickte … Es kamen die Damen
Buddenbrook, welche einstimmig bemerkten, alles sei so schön, daß sie
ihrerseits, bescheidene Mädchen wie sie seien, nicht darin wohnen möchten
… Die arme Klothilde kam, grau, geduldig und hager, ließ sich auslachen
und trank vier Tassen Kaffee, worauf sie auch alles übrige in gedehnten und
freundlichen Worten belobte … Dann und wann, wenn im »Klub« niemand
anwesend gewesen war, erschien auch Christian, nahm ein Gläschen
Benediktiner, erzählte, daß er jetzt willens sei, die Agentur für eine
Champagner- und Kognakfirma zu übernehmen – darauf verstehe er sich,
und es sei eine leichte, angenehme Arbeit, man sei sein eigner Herr,
schreibe sich hie und da ein bißchen in sein Notizbuch und habe im
Handumdrehen dreißig Taler verdient – lieh sich hierauf vierzig Schilling
von Frau Permaneder, um der ersten Liebhaberin vom Stadttheater ein
Bukett überreichen zu können, kam, Gott weiß, infolge welcher
Ideenverbindung, auf »Maria« und das »Laster« in London zu sprechen,
verfiel in die Geschichte des räudigen Hundes, der in einer Schachtel von
Valparaiso nach San Franzisko gereist war, und erzählte nun, da er im Zuge
war, mit einer solchen Fülle, Schwunghaftigkeit und Komik, daß er einen
Saal voll Menschen hätte unterhalten können.
Er geriet in Begeisterung, er redete in Zungen. Er sprach Englisch,
Spanisch, Plattdeutsch und Hamburgisch, er schilderte chilenische
Messerabenteurer und Diebsaffären aus Whitechapel, verfiel darauf, einen
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Blick in seinen Vorrat von Couplets tun zu lassen und sang oder sprach mit
mustergültigem Mienenspiel und einem pittoresken Talent in den
Handbewegungen:
»Ick güng so ganz pomad'
So up de Esplanad',
Da güng so'n lüttje Deern
So vor mir up;
Die hatt' so'n feinen Pli
Mi so'n französ'schen cu
Und 'n groten Deller achter up'm Kopp
Ick seg: ›Mein liebes Kind,
Wei Sie so nüdlich sind,
Erlauben Sie mir Ihren Arm vielleicht?‹
Sie dreit sik um so recht
Und – kiekt – mi an – und segt – –:
›Ga man na Hus, mi Jung, und si vergneugt!‹«
Und kaum war er hiermit fertig, als er zu Berichten aus dem Zirkus
Renz überging und die ganze Entree eines englischen Sprechclowns in einer
Art wiederzugeben begann, daß man sich einbilden konnte, vor der Manege
zu sitzen. Man vernahm das übliche Geschrei schon hinter der Gardine, das
»Machen Sie mich die Türe auf!«, die Streitigkeiten mit dem Stallmeister
und dann, in breitem und jammerndem Englisch-Deutsch, eine Reihe von
Erzählungen. Es war die Geschichte von dem Manne, der im Schlafe eine
Maus verschluckt und sich deshalb zum Tierarzt begibt, welcher ihm
seinerseits rät, nunmehr auch eine Katze zu verschlucken … Die Geschichte
von »Meiner Großmutter, frisch und gesund wie die Frau war«, in welcher
ebendieser Großmutter auf dem Wege zum Bahnhofe tausend Abenteuer
begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau war, der Zug
vor der Nase davonfährt … worauf Christian die Pointe mit einem
triumphierenden »Musik, Herr Kapellmeister!« abbrach und selbst, wie
erwachend, ganz erstaunt schien, daß die Musik nicht einsetzte …
Und dann, ganz plötzlich, verstummte er, veränderte sich sein Gesicht,
erschlafften seine Bewegungen. Seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen
begannen mit unruhigem Ernst nach allen Richtungen zu wandern, er strich
mit der Hand an seiner linken Seite hinunter, es war, als horche er in sein
mustergültigem Mienenspiel und einem pittoresken Talent in den
Handbewegungen:
»Ick güng so ganz pomad'
So up de Esplanad',
Da güng so'n lüttje Deern
So vor mir up;
Die hatt' so'n feinen Pli
Mi so'n französ'schen cu
Und 'n groten Deller achter up'm Kopp
Ick seg: ›Mein liebes Kind,
Wei Sie so nüdlich sind,
Erlauben Sie mir Ihren Arm vielleicht?‹
Sie dreit sik um so recht
Und – kiekt – mi an – und segt – –:
›Ga man na Hus, mi Jung, und si vergneugt!‹«
Und kaum war er hiermit fertig, als er zu Berichten aus dem Zirkus
Renz überging und die ganze Entree eines englischen Sprechclowns in einer
Art wiederzugeben begann, daß man sich einbilden konnte, vor der Manege
zu sitzen. Man vernahm das übliche Geschrei schon hinter der Gardine, das
»Machen Sie mich die Türe auf!«, die Streitigkeiten mit dem Stallmeister
und dann, in breitem und jammerndem Englisch-Deutsch, eine Reihe von
Erzählungen. Es war die Geschichte von dem Manne, der im Schlafe eine
Maus verschluckt und sich deshalb zum Tierarzt begibt, welcher ihm
seinerseits rät, nunmehr auch eine Katze zu verschlucken … Die Geschichte
von »Meiner Großmutter, frisch und gesund wie die Frau war«, in welcher
ebendieser Großmutter auf dem Wege zum Bahnhofe tausend Abenteuer
begegnen und ihr schließlich, frisch und gesund wie die Frau war, der Zug
vor der Nase davonfährt … worauf Christian die Pointe mit einem
triumphierenden »Musik, Herr Kapellmeister!« abbrach und selbst, wie
erwachend, ganz erstaunt schien, daß die Musik nicht einsetzte …
Und dann, ganz plötzlich, verstummte er, veränderte sich sein Gesicht,
erschlafften seine Bewegungen. Seine kleinen, runden, tiefliegenden Augen
begannen mit unruhigem Ernst nach allen Richtungen zu wandern, er strich
mit der Hand an seiner linken Seite hinunter, es war, als horche er in sein
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Inneres hinein, woselbst Seltsames geschah … Er trank noch ein Gläschen
Likör, ward noch einmal ein wenig aufgeräumter, versuchte noch eine
Geschichte zu erzählen und brach dann in ziemlich deprimierter Stimmung
auf.
Frau Permaneder, die in dieser Zeit ausnehmend lachlustig war und sich
köstlich amüsiert hatte, begleitete ihren Bruder in ausgelassener Laune zur
Treppe. »Adieu, Herr Agent!« sagte sie. »Minnesänger! Mädchenfänger!
Altes Schaf! Komm bald mal wieder!« Und sie lachte aus vollem Halse
hinter ihm drein und kehrte in ihre Wohnung zurück.
Aber Christian Buddenbrook focht das nicht an; er überhörte es, denn er
war in Gedanken. Na, dachte er, nun will ich mal ein bißchen nach
Quisisana gehen. Und den Hut etwas schief auf dem Kopf, gestützt auf
seinen Stock mit der Nonnenbüste, langsam, steif und ein wenig lahmend
ging er die Treppe hinab.
Zweites Kapitel
Es war im Frühling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder
eines Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des
Fischergrubenhauses einstellte. Senator Buddenbrook saß allein im
Wohnzimmer, das mit olivenfarbenen Ripsmöbeln ausgestattet war, an dem
runden Mitteltisch im Lichte der großen Gaslampe, die vom Plafond
herabhing. Er hatte die »Berliner Börsenzeitung« vor sich ausgebreitet und
las, leicht über den Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und
Mittelfinger der Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er
sich seit einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mußte. Er hörte die Schritte
seiner Schwester durch das Eßzimmer kommen, nahm das Glas von den
Augen und blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den
Portieren und im Lichtbereich auftauchte.
»Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurück von Pöppenrade? Wie geht
es deinen Freunden?«
»Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf … Du bist hier ganz
einsam?«
Likör, ward noch einmal ein wenig aufgeräumter, versuchte noch eine
Geschichte zu erzählen und brach dann in ziemlich deprimierter Stimmung
auf.
Frau Permaneder, die in dieser Zeit ausnehmend lachlustig war und sich
köstlich amüsiert hatte, begleitete ihren Bruder in ausgelassener Laune zur
Treppe. »Adieu, Herr Agent!« sagte sie. »Minnesänger! Mädchenfänger!
Altes Schaf! Komm bald mal wieder!« Und sie lachte aus vollem Halse
hinter ihm drein und kehrte in ihre Wohnung zurück.
Aber Christian Buddenbrook focht das nicht an; er überhörte es, denn er
war in Gedanken. Na, dachte er, nun will ich mal ein bißchen nach
Quisisana gehen. Und den Hut etwas schief auf dem Kopf, gestützt auf
seinen Stock mit der Nonnenbüste, langsam, steif und ein wenig lahmend
ging er die Treppe hinab.
Zweites Kapitel
Es war im Frühling des Jahres achtundsechzig, als Frau Permaneder
eines Abends gegen zehn Uhr sich in der ersten Etage des
Fischergrubenhauses einstellte. Senator Buddenbrook saß allein im
Wohnzimmer, das mit olivenfarbenen Ripsmöbeln ausgestattet war, an dem
runden Mitteltisch im Lichte der großen Gaslampe, die vom Plafond
herabhing. Er hatte die »Berliner Börsenzeitung« vor sich ausgebreitet und
las, leicht über den Tisch gebeugt, seine Zigarette zwischen Zeige- und
Mittelfinger der Linken und auf der Nase ein goldenes Pincenez, dessen er
sich seit einiger Zeit bei der Arbeit bedienen mußte. Er hörte die Schritte
seiner Schwester durch das Eßzimmer kommen, nahm das Glas von den
Augen und blickte gespannt in das Dunkel hinein, bis Tony zwischen den
Portieren und im Lichtbereich auftauchte.
»Oh, du bist es. Guten Abend. Schon zurück von Pöppenrade? Wie geht
es deinen Freunden?«
»Guten Abend, Tom! Danke, Armgard ist wohlauf … Du bist hier ganz
einsam?«
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»Ja, du kommst mir sehr erwünscht. Ich habe heute abend so allein
essen müssen, wie der Papst; denn Fräulein Jungmann kommt als
Gesellschaft nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt
und hinaufläuft, um nach Hanno zu sehen … Gerda ist im Kasino. Tamayo
geigt dort. Christian hat sie abgeholt …«
»Dausend! um wie Mutter zu reden. – Ja, ich habe in letzter Zeit
bemerkt, Tom, daß Gerda und Christian sich gut vertragen.«
»Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fängt sie an, Geschmack an ihm zu
gewinnen. Sie hört auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden
beschreibt … Mein Gott, er amüsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: ›Er ist
kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger, als du!‹ …«
»Bürger … Bürger, Tom?! Ha, mir scheint, daß es auf Gottes weiter
Welt keinen besseren Bürger als du …«
»Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!… Leg' ein bißchen ab, mein
Kind. Dein Aussehen ist süperb. Die Landluft hat dir gut getan?«
»Vortrefflich!« sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit
lilaseidenen Bändern beiseitelegte und sich in majestätischer Haltung auf
einem der Fauteuils am Tische niederließ … »Magen und Nachtruhe, alles
hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und diese
Würste und Schinken … man gedeiht, wie das Vieh und das Korn. Und
dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer für eines der besten
Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da weiß man doch,
was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswürdig von Armgard,
daß sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich einlud.
Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit … Sie
baten mich so inständig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben, aber du
weißt: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders jetzt, da die
kleine Elisabeth auf der Welt ist …«
»A propos, wie geht es dem Kinde?«
»Danke, Tom, es macht sich; es ist gottlob recht gut bei Schick für seine
vier Monate, obgleich Friederike, Henriette und Pfiffi es nicht für
lebensfähig hielten …«
essen müssen, wie der Papst; denn Fräulein Jungmann kommt als
Gesellschaft nicht recht in Betracht, weil sie jeden Augenblick aufspringt
und hinaufläuft, um nach Hanno zu sehen … Gerda ist im Kasino. Tamayo
geigt dort. Christian hat sie abgeholt …«
»Dausend! um wie Mutter zu reden. – Ja, ich habe in letzter Zeit
bemerkt, Tom, daß Gerda und Christian sich gut vertragen.«
»Ich auch. Seit er dauernd hier ist, fängt sie an, Geschmack an ihm zu
gewinnen. Sie hört auch ganz aufmerksam zu, wenn er seine Leiden
beschreibt … Mein Gott, er amüsiert sie. Neulich sagte sie zu mir: ›Er ist
kein Bürger, Thomas! Er ist noch weniger ein Bürger, als du!‹ …«
»Bürger … Bürger, Tom?! Ha, mir scheint, daß es auf Gottes weiter
Welt keinen besseren Bürger als du …«
»Nun ja; nicht gerade so zu verstehen!… Leg' ein bißchen ab, mein
Kind. Dein Aussehen ist süperb. Die Landluft hat dir gut getan?«
»Vortrefflich!« sagte sie, indem sie ihre Mantille und den Kapotthut mit
lilaseidenen Bändern beiseitelegte und sich in majestätischer Haltung auf
einem der Fauteuils am Tische niederließ … »Magen und Nachtruhe, alles
hat sich gebessert in dieser kurzen Zeit. Diese kuhwarme Milch und diese
Würste und Schinken … man gedeiht, wie das Vieh und das Korn. Und
dieser frische Honig, Tom, ich habe ihn immer für eines der besten
Nahrungsmittel gehalten. Das ist reines Naturprodukt! Da weiß man doch,
was man verschluckt! Ja, es war wahrhaftig liebenswürdig von Armgard,
daß sie sich unserer alten Pensionsfreundschaft erinnerte und mich einlud.
Und Herr von Maiboom war gleichfalls von einer Zuvorkommenheit … Sie
baten mich so inständig, doch noch ein paar Wochen zu bleiben, aber du
weißt: Erika behilft sich nur schwer ohne mich, und besonders jetzt, da die
kleine Elisabeth auf der Welt ist …«
»A propos, wie geht es dem Kinde?«
»Danke, Tom, es macht sich; es ist gottlob recht gut bei Schick für seine
vier Monate, obgleich Friederike, Henriette und Pfiffi es nicht für
lebensfähig hielten …«
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»Und Weinschenk? Wie fühlt er sich als Vater? Ich sehe ihn ja
eigentlich nur Donnerstags …«
»Oh, der ist unverändert! Siehst du: er ist ein so braver und fleißiger
Mann, und in gewisser Weise ja auch das Muster eines Ehegatten, denn er
verachtet die Wirtshäuser, kommt vom Büro geraden Weges nach Hause
und verbringt seine Freistunden bei uns. Aber nun ist die Sache die, Tom –
unter uns können wir ja offen darüber reden –: Er verlangt von Erika, daß
sie beständig heiter ist, beständig spricht und scherzt, denn wenn er
abgearbeitet und verstimmt nach Hause kommt, sagt er, dann will er, daß
seine Frau ihn in leichter und fröhlicher Weise unterhält, ihn amüsiert und
aufheitert; dazu, sagt er, sei die Frau auf der Welt …«
»Dummkopf!« murmelte der Senator.
»Wie?… Nun, das Schlimme ist, daß Erika ein wenig zur Melancholie
neigt, Tom, sie muß es von mir haben. Sie ist hier und da ernst und
schweigsam und gedankenvoll, und dann schilt er sie und braust auf, in
Worten, die, ehrlich gesagt, nicht immer ganz zartfühlend sind. Man merkt
es eben allzu häufig, daß er eigentlich kein Mann von Familie ist und das,
was man eine vornehme Erziehung nennt, leider nicht genossen hat. Ja, ich
gestehe dir offen: noch ein paar Tage vor meiner Abreise nach Pöppenrade
ist es vorgekommen, daß er den Deckel der Suppenterrine am Boden
zerschlagen hat, weil die Suppe versalzen war …«
»Allerliebst!«
»Nein, im Gegenteil. Aber wir wollen ihn deshalb nicht verurteilen.
Mein Gott, wir sind alle mit Mängeln behaftet, und ein so tüchtiger,
gediegener und arbeitsamer Mann … behüte … Nein, Tom, eine rauhe
Außenseite und ein guter Kern, das ist noch nicht das Schlimmste im
irdischen Leben. Ich komme soeben aus Verhältnissen, will ich dir sagen,
die trauriger sind. Armgard hat, wenn sie mit mir allein war, bitterlich
geweint …«
»Was du sagst! – Herr von Maiboom?…«
»Ja, Tom; und darauf wollte ich hinaus. Wir sitzen hier und plaudern,
aber in Wirklichkeit bin ich heute abend in einer sehr ernsten und wichtigen
Angelegenheit gekommen.«
eigentlich nur Donnerstags …«
»Oh, der ist unverändert! Siehst du: er ist ein so braver und fleißiger
Mann, und in gewisser Weise ja auch das Muster eines Ehegatten, denn er
verachtet die Wirtshäuser, kommt vom Büro geraden Weges nach Hause
und verbringt seine Freistunden bei uns. Aber nun ist die Sache die, Tom –
unter uns können wir ja offen darüber reden –: Er verlangt von Erika, daß
sie beständig heiter ist, beständig spricht und scherzt, denn wenn er
abgearbeitet und verstimmt nach Hause kommt, sagt er, dann will er, daß
seine Frau ihn in leichter und fröhlicher Weise unterhält, ihn amüsiert und
aufheitert; dazu, sagt er, sei die Frau auf der Welt …«
»Dummkopf!« murmelte der Senator.
»Wie?… Nun, das Schlimme ist, daß Erika ein wenig zur Melancholie
neigt, Tom, sie muß es von mir haben. Sie ist hier und da ernst und
schweigsam und gedankenvoll, und dann schilt er sie und braust auf, in
Worten, die, ehrlich gesagt, nicht immer ganz zartfühlend sind. Man merkt
es eben allzu häufig, daß er eigentlich kein Mann von Familie ist und das,
was man eine vornehme Erziehung nennt, leider nicht genossen hat. Ja, ich
gestehe dir offen: noch ein paar Tage vor meiner Abreise nach Pöppenrade
ist es vorgekommen, daß er den Deckel der Suppenterrine am Boden
zerschlagen hat, weil die Suppe versalzen war …«
»Allerliebst!«
»Nein, im Gegenteil. Aber wir wollen ihn deshalb nicht verurteilen.
Mein Gott, wir sind alle mit Mängeln behaftet, und ein so tüchtiger,
gediegener und arbeitsamer Mann … behüte … Nein, Tom, eine rauhe
Außenseite und ein guter Kern, das ist noch nicht das Schlimmste im
irdischen Leben. Ich komme soeben aus Verhältnissen, will ich dir sagen,
die trauriger sind. Armgard hat, wenn sie mit mir allein war, bitterlich
geweint …«
»Was du sagst! – Herr von Maiboom?…«
»Ja, Tom; und darauf wollte ich hinaus. Wir sitzen hier und plaudern,
aber in Wirklichkeit bin ich heute abend in einer sehr ernsten und wichtigen
Angelegenheit gekommen.«
Page 429
»Nun? Was ist denn mit Herrn von Maiboom?«
»Ralf von Maiboom ist ein liebenswürdiger Mann, Thomas, aber er ist
ein Junker Leichtfuß, ein Daus. Er spielt in Rostock, er spielt in
Warnemünde, und seine Schulden sind wie Sand am Meer. Man sollte es
nicht glauben, wenn man ein paar Wochen auf Pöppenrade lebt! Das
Herrenhaus ist vornehm, und alles ringsumher gedeiht, und an Milch und
Wurst und Schinken ist kein Mangel. Man hat auf so einem Gute manchmal
keinen Maßstab für die tatsächlichen Verhältnisse … Kurz, sie sind in
Wahrheit aufs jämmerlichste zerrüttet, Tom, was Armgard mir unter
herzbrechendem Schluchzen gestanden hat.«
»Traurig, traurig.«
»Das sage du nur noch einmal. Aber die Sache ist nun diese, daß, wie
sich mir herausgestellt hat, die Leute mich nicht aus ganz uneigennützigem
Antriebe zu sich eingeladen haben.«
»Wieso?«
»Das will ich dir sagen, Tom. Herr von Maiboom braucht Geld, er
braucht sofort eine größere Summe, und da er die alte Freundschaft kannte,
die zwischen seiner Frau und mir besteht, und wußte, daß ich deine
Schwester bin, so hat er in seiner Bedrängnis sich hinter seine Frau
gesteckt, die ihrerseits sich hinter mich gesteckt hat … verstehst du?«
Der Senator bewegte die Fingerspitzen seiner Rechten auf seinem
Scheitel hin und her und verzog ein wenig das Gesicht.
»Ich glaube, ja«, sagte er. »Deine ernste und wichtige Angelegenheit
scheint mir auf einen Vorschuß auf die Pöppenrader Ernte hinauszulaufen,
wenn ich nicht irre? Aber da habt ihr euch, du und deine Freunde, nicht an
den richtigen Mann gewandt, wie mich dünkt. Erstens nämlich habe ich
noch niemals ein Geschäft mit Herrn von Maiboom gemacht, und dies wäre
denn doch wohl eine ziemlich sonderbare Anknüpfung von Beziehungen.
Zweitens haben wir, Urgroßvater, Großvater, Vater und ich, wohl hie und da
den Landleuten Vorschüsse gezahlt, wenn anders sie durch ihre
Persönlichkeit und sonstigen Verhältnisse eine gewisse Sicherheit boten …
Wie du selbst mir aber vor zwei Minuten Herrn von Maibooms
»Ralf von Maiboom ist ein liebenswürdiger Mann, Thomas, aber er ist
ein Junker Leichtfuß, ein Daus. Er spielt in Rostock, er spielt in
Warnemünde, und seine Schulden sind wie Sand am Meer. Man sollte es
nicht glauben, wenn man ein paar Wochen auf Pöppenrade lebt! Das
Herrenhaus ist vornehm, und alles ringsumher gedeiht, und an Milch und
Wurst und Schinken ist kein Mangel. Man hat auf so einem Gute manchmal
keinen Maßstab für die tatsächlichen Verhältnisse … Kurz, sie sind in
Wahrheit aufs jämmerlichste zerrüttet, Tom, was Armgard mir unter
herzbrechendem Schluchzen gestanden hat.«
»Traurig, traurig.«
»Das sage du nur noch einmal. Aber die Sache ist nun diese, daß, wie
sich mir herausgestellt hat, die Leute mich nicht aus ganz uneigennützigem
Antriebe zu sich eingeladen haben.«
»Wieso?«
»Das will ich dir sagen, Tom. Herr von Maiboom braucht Geld, er
braucht sofort eine größere Summe, und da er die alte Freundschaft kannte,
die zwischen seiner Frau und mir besteht, und wußte, daß ich deine
Schwester bin, so hat er in seiner Bedrängnis sich hinter seine Frau
gesteckt, die ihrerseits sich hinter mich gesteckt hat … verstehst du?«
Der Senator bewegte die Fingerspitzen seiner Rechten auf seinem
Scheitel hin und her und verzog ein wenig das Gesicht.
»Ich glaube, ja«, sagte er. »Deine ernste und wichtige Angelegenheit
scheint mir auf einen Vorschuß auf die Pöppenrader Ernte hinauszulaufen,
wenn ich nicht irre? Aber da habt ihr euch, du und deine Freunde, nicht an
den richtigen Mann gewandt, wie mich dünkt. Erstens nämlich habe ich
noch niemals ein Geschäft mit Herrn von Maiboom gemacht, und dies wäre
denn doch wohl eine ziemlich sonderbare Anknüpfung von Beziehungen.
Zweitens haben wir, Urgroßvater, Großvater, Vater und ich, wohl hie und da
den Landleuten Vorschüsse gezahlt, wenn anders sie durch ihre
Persönlichkeit und sonstigen Verhältnisse eine gewisse Sicherheit boten …
Wie du selbst mir aber vor zwei Minuten Herrn von Maibooms
Page 430
Persönlichkeit und Verhältnisse charakterisiert hast, kann doch von solcher
Sicherheit hier kaum die Rede sein …«
»Du bist im Irrtum, Tom. Ich habe dich ausreden lassen, aber du bist im
Irrtum. Es kann sich hier nicht um irgendeinen Vorschuß handeln. Maiboom
braucht fünfunddreißigtausend Kurantmark …«
»Donnerwetter!«
»Fünfunddreißigtausend Kurantmark, die binnen knapper zwei Wochen
fällig sind. Das Messer steht ihm an der Kehle, und, um deutlich zu sein: er
muß zusehen, schon jetzt, sofort, zu verkaufen.«
»Auf dem Halm? Oh, o der arme Kerl!« Und der Senator, der mit dem
Pincenez auf der Tischdecke spielte, schüttelte den Kopf. »Aber das scheint
mir für unsere Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Fall zu sein«,
sagte er. »Ich habe von solchen Geschäften hauptsächlich aus Hessen
gehört, wo ein nicht kleiner Teil der Landleute in den Händen von Juden ist
… Wer weiß, in das Netz welches Halsabschneiders der arme Herr von
Maiboom gerät …«
»Juden? Halsabschneider?« rief Frau Permaneder überaus verwundert
… »Aber es ist von dir die Rede, Tom, von d i r!«
Plötzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den
Tisch, so daß es ein Stück auf der Zeitung entlang glitt, und wandte mit
einem Ruck den ganzen Oberkörper seiner Schwester zu.
»Von – mir?« fragte er mit den Lippen, ohne einen Ton von sich zu
geben; und dann setzte er laut hinzu: »Geh schlafen, Tony! Du bist ja
übermüde.«
»Ja, Tom, so sagte Ida Jungmann abends zu uns, wenn wir gerade
anfingen, vergnügt zu werden. Aber ich versichere dich, daß ich niemals
wacher und munterer gewesen bin als jetzt, wo ich bei Nacht und Nebel zu
dir komme, um dir Armgards – also, indirekt, Ralf von Maibooms
Vorschlag zu machen …«
»Nun, ich halte diesen Vorschlag deiner Naivität und der Ratlosigkeit
der Maibooms zugute.«
Sicherheit hier kaum die Rede sein …«
»Du bist im Irrtum, Tom. Ich habe dich ausreden lassen, aber du bist im
Irrtum. Es kann sich hier nicht um irgendeinen Vorschuß handeln. Maiboom
braucht fünfunddreißigtausend Kurantmark …«
»Donnerwetter!«
»Fünfunddreißigtausend Kurantmark, die binnen knapper zwei Wochen
fällig sind. Das Messer steht ihm an der Kehle, und, um deutlich zu sein: er
muß zusehen, schon jetzt, sofort, zu verkaufen.«
»Auf dem Halm? Oh, o der arme Kerl!« Und der Senator, der mit dem
Pincenez auf der Tischdecke spielte, schüttelte den Kopf. »Aber das scheint
mir für unsere Verhältnisse ein ziemlich ungewöhnlicher Fall zu sein«,
sagte er. »Ich habe von solchen Geschäften hauptsächlich aus Hessen
gehört, wo ein nicht kleiner Teil der Landleute in den Händen von Juden ist
… Wer weiß, in das Netz welches Halsabschneiders der arme Herr von
Maiboom gerät …«
»Juden? Halsabschneider?« rief Frau Permaneder überaus verwundert
… »Aber es ist von dir die Rede, Tom, von d i r!«
Plötzlich warf Thomas Buddenbrook das Pincenez vor sich hin auf den
Tisch, so daß es ein Stück auf der Zeitung entlang glitt, und wandte mit
einem Ruck den ganzen Oberkörper seiner Schwester zu.
»Von – mir?« fragte er mit den Lippen, ohne einen Ton von sich zu
geben; und dann setzte er laut hinzu: »Geh schlafen, Tony! Du bist ja
übermüde.«
»Ja, Tom, so sagte Ida Jungmann abends zu uns, wenn wir gerade
anfingen, vergnügt zu werden. Aber ich versichere dich, daß ich niemals
wacher und munterer gewesen bin als jetzt, wo ich bei Nacht und Nebel zu
dir komme, um dir Armgards – also, indirekt, Ralf von Maibooms
Vorschlag zu machen …«
»Nun, ich halte diesen Vorschlag deiner Naivität und der Ratlosigkeit
der Maibooms zugute.«
Page 431
»Ratlosigkeit? Naivität? Ich verstehe dich nicht, Thomas, ich bin leider
weit entfernt davon! Dir wird Gelegenheit geboten, eine gute Tat zu tun und
gleichzeitig das beste Geschäft deines Lebens zu machen …«
»Ach was, meine Liebe, du redest lauter Unsinn!« rief der Senator und
warf sich sehr ungeduldig zurück. »Verzeih, aber du kannst einen mit deiner
Unschuld in Harnisch jagen! Du begreifst also nicht, daß du mir zu etwas
höchst Unwürdigem, zu unreinlichen Manipulationen rätst? Ich soll im
Trüben fischen? Einen Menschen brutal ausbeuten? Die Bedrängnis dieses
Gutsbesitzers benützen, um den Wehrlosen übers Ohr zu hauen? Ihn
zwingen, mir die Ernte eines Jahres gegen den halben Preis abzutreten,
damit ich einen Wucherprofit einstreichen kann?«
»Ach, so siehst du die Sache an«, sagte Frau Permaneder
eingeschüchtert und nachdenklich. Und wieder lebhaft fuhr sie fort: »Aber
es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, Tom, es von dieser Seite zu nehmen!
Ihn zwingen? Aber er kommt ja zu dir. Er benötigt das Geld, und er möchte
die Sache auf dem Wege der Freundschaft erledigen; unter der Hand, in
aller Stille. Darum hat er die Verbindung mit uns aufgespürt, und darum bin
ich eingeladen worden!«
»Kurz, er täuscht sich über mich und den Charakter meiner Firma. Ich
habe meine Überlieferungen. Ein solches Geschäft ist von uns in hundert
Jahren nicht gemacht worden, und ich bin nicht gesonnen, mit derartigen
Manövern den Anfang zu machen.«
»Gewiß, du hast deine Überlieferungen, Tom, und jederlei Achtung
davor! Sicherlich, Vater hätte sich hierauf nicht eingelassen; bewahre; wer
behauptet das?… Aber, so dumm ich bin, das weiß ich, daß du ein ganz
anderer Mensch bist als Vater, und daß, als du die Geschäfte übernahmst, du
einen ganz anderen Wind wehen ließest als er, und daß du unterdessen
manches getan hast, was er nicht getan haben würde. Dafür bist du jung und
ein unternehmender Kopf. Aber ich fürchte immer, du hast dich in letzter
Zeit durch ein und das andere Mißgeschick einschüchtern lassen … und
wenn du jetzt nicht mehr mit so gutem Erfolge arbeitest wie früher, so liegt
das daran, daß du dir aus lauter Vorsicht und ängstlicher Gewissenhaftigkeit
die Gelegenheit zu guten Coups entschlüpfen läßt …«
weit entfernt davon! Dir wird Gelegenheit geboten, eine gute Tat zu tun und
gleichzeitig das beste Geschäft deines Lebens zu machen …«
»Ach was, meine Liebe, du redest lauter Unsinn!« rief der Senator und
warf sich sehr ungeduldig zurück. »Verzeih, aber du kannst einen mit deiner
Unschuld in Harnisch jagen! Du begreifst also nicht, daß du mir zu etwas
höchst Unwürdigem, zu unreinlichen Manipulationen rätst? Ich soll im
Trüben fischen? Einen Menschen brutal ausbeuten? Die Bedrängnis dieses
Gutsbesitzers benützen, um den Wehrlosen übers Ohr zu hauen? Ihn
zwingen, mir die Ernte eines Jahres gegen den halben Preis abzutreten,
damit ich einen Wucherprofit einstreichen kann?«
»Ach, so siehst du die Sache an«, sagte Frau Permaneder
eingeschüchtert und nachdenklich. Und wieder lebhaft fuhr sie fort: »Aber
es ist nicht nötig, durchaus nicht nötig, Tom, es von dieser Seite zu nehmen!
Ihn zwingen? Aber er kommt ja zu dir. Er benötigt das Geld, und er möchte
die Sache auf dem Wege der Freundschaft erledigen; unter der Hand, in
aller Stille. Darum hat er die Verbindung mit uns aufgespürt, und darum bin
ich eingeladen worden!«
»Kurz, er täuscht sich über mich und den Charakter meiner Firma. Ich
habe meine Überlieferungen. Ein solches Geschäft ist von uns in hundert
Jahren nicht gemacht worden, und ich bin nicht gesonnen, mit derartigen
Manövern den Anfang zu machen.«
»Gewiß, du hast deine Überlieferungen, Tom, und jederlei Achtung
davor! Sicherlich, Vater hätte sich hierauf nicht eingelassen; bewahre; wer
behauptet das?… Aber, so dumm ich bin, das weiß ich, daß du ein ganz
anderer Mensch bist als Vater, und daß, als du die Geschäfte übernahmst, du
einen ganz anderen Wind wehen ließest als er, und daß du unterdessen
manches getan hast, was er nicht getan haben würde. Dafür bist du jung und
ein unternehmender Kopf. Aber ich fürchte immer, du hast dich in letzter
Zeit durch ein und das andere Mißgeschick einschüchtern lassen … und
wenn du jetzt nicht mehr mit so gutem Erfolge arbeitest wie früher, so liegt
das daran, daß du dir aus lauter Vorsicht und ängstlicher Gewissenhaftigkeit
die Gelegenheit zu guten Coups entschlüpfen läßt …«
Page 432
»Ach, ich bitte dich, liebes Kind, du reizest mich!« sagte der Senator
mit scharfer Stimme und wandte sich hin und her. »Sprechen wir doch von
etwas anderem!«
»Ja, du bist gereizt, Thomas, ich sehe es wohl. Du warst es von Anfang
an, und gerade darum habe ich weitergeredet, um dir zu beweisen, daß du
dich zu Unrecht beleidigt fühlst. Wenn ich mich aber frage, warum du
gereizt bist, so kann ich mir nur sagen, daß du im Grunde doch nicht so
ganz abgeneigt bist, dich mit der Sache zu beschäftigen. Denn ein so
dummes Weib ich bin, das weiß ich aus mir selbst und von anderen Leuten,
daß man im Leben über einen Vorschlag nur dann erregt und böse wird,
wenn man sich in seinem Widerstande nicht ganz sicher fühlt und innerlich
sehr versucht ist, darauf einzugehen.«
»Sehr fein«, sagte der Senator, zerbiß das Mundstück seiner Zigarette
und schwieg.
»Fein? Ha, nein, das ist die einfachste Erfahrung, die das Leben mich
gelehrt hat. Aber laß es gut sein, Tom. Ich will nicht in dich dringen. Kann
ich dich zu einer solchen Sache überreden? Nein, dazu fehlen mir die
Kenntnisse. Ich bin bloß ein dummes Ding … Schade … Nun, gleichviel.
Es hat mich sehr interessiert. Ich war einerseits erschrocken und betrübt für
Maibooms, andererseits aber froh für dich. Ich habe mir gedacht: Tom geht
seit einiger Zeit ein bißchen freudelos umher. Früher klagte er, und jetzt
klagt er schon nicht einmal mehr. Er hat hie und da Geld verloren, die
Zeiten sind schlecht, und das grade jetzt, da m e i n e Lage sich eben wieder
durch Gottes Güte verbessert hat und ich mich glücklich fühle. Und dann
habe ich mir gedacht: Dies ist etwas für ihn, ein Coup, ein guter Fang.
Damit kann er manche Scharte auswetzen und den Leuten zeigen, daß bis
heute die Firma Johann Buddenbrook noch nicht gänzlich vom Glücke
verlassen ist. Und wenn du darauf eingegangen wärest, so wäre ich sehr
stolz gewesen, die Sache vermittelt zu haben, denn du weißt, daß es immer
mein Traum und meine Sehnsucht gewesen ist, unserem Namen dienstlich
zu sein … Genug … nun ist also die Frage wohl erledigt. – Was mich aber
ärgert, das ist der Gedanke, daß Maiboom ja dennoch und in jedem Falle
auf dem Halm verkaufen muß, Tom, und wenn er hier in der Stadt sich
umsieht, so wird er schon Käufer finden … er wird schon einen finden …
und das wird Hermann Hagenström sein, ha, der Filou …«
mit scharfer Stimme und wandte sich hin und her. »Sprechen wir doch von
etwas anderem!«
»Ja, du bist gereizt, Thomas, ich sehe es wohl. Du warst es von Anfang
an, und gerade darum habe ich weitergeredet, um dir zu beweisen, daß du
dich zu Unrecht beleidigt fühlst. Wenn ich mich aber frage, warum du
gereizt bist, so kann ich mir nur sagen, daß du im Grunde doch nicht so
ganz abgeneigt bist, dich mit der Sache zu beschäftigen. Denn ein so
dummes Weib ich bin, das weiß ich aus mir selbst und von anderen Leuten,
daß man im Leben über einen Vorschlag nur dann erregt und böse wird,
wenn man sich in seinem Widerstande nicht ganz sicher fühlt und innerlich
sehr versucht ist, darauf einzugehen.«
»Sehr fein«, sagte der Senator, zerbiß das Mundstück seiner Zigarette
und schwieg.
»Fein? Ha, nein, das ist die einfachste Erfahrung, die das Leben mich
gelehrt hat. Aber laß es gut sein, Tom. Ich will nicht in dich dringen. Kann
ich dich zu einer solchen Sache überreden? Nein, dazu fehlen mir die
Kenntnisse. Ich bin bloß ein dummes Ding … Schade … Nun, gleichviel.
Es hat mich sehr interessiert. Ich war einerseits erschrocken und betrübt für
Maibooms, andererseits aber froh für dich. Ich habe mir gedacht: Tom geht
seit einiger Zeit ein bißchen freudelos umher. Früher klagte er, und jetzt
klagt er schon nicht einmal mehr. Er hat hie und da Geld verloren, die
Zeiten sind schlecht, und das grade jetzt, da m e i n e Lage sich eben wieder
durch Gottes Güte verbessert hat und ich mich glücklich fühle. Und dann
habe ich mir gedacht: Dies ist etwas für ihn, ein Coup, ein guter Fang.
Damit kann er manche Scharte auswetzen und den Leuten zeigen, daß bis
heute die Firma Johann Buddenbrook noch nicht gänzlich vom Glücke
verlassen ist. Und wenn du darauf eingegangen wärest, so wäre ich sehr
stolz gewesen, die Sache vermittelt zu haben, denn du weißt, daß es immer
mein Traum und meine Sehnsucht gewesen ist, unserem Namen dienstlich
zu sein … Genug … nun ist also die Frage wohl erledigt. – Was mich aber
ärgert, das ist der Gedanke, daß Maiboom ja dennoch und in jedem Falle
auf dem Halm verkaufen muß, Tom, und wenn er hier in der Stadt sich
umsieht, so wird er schon Käufer finden … er wird schon einen finden …
und das wird Hermann Hagenström sein, ha, der Filou …«
Page 433
»Oh, ja, man darf zweifeln, ob er die Sache von der Hand weisen
würde«, sagte der Senator mit Bitterkeit; und Frau Permaneder antwortete
dreimal hintereinander: »Siehst du wohl, siehst du wohl, siehst du wohl?!«
Plötzlich begann Thomas Buddenbrook den Kopf zu schütteln und
ärgerlich zu lachen.
»Es ist albern … Wir sprechen hier, mit einem großen Aufwand von
Ernst, – wenigstens deinerseits – über etwas ganz Unbestimmtes,
vollständig in der Luft Stehendes! Meines Wissens habe ich dich noch nicht
einmal gefragt, um was es sich eigentlich handelt, was Herr von Maiboom
eigentlich zu verkaufen hat … Ich kenne ja Pöppenrade gar nicht …«
»Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist ein
Katzensprung bis Rostock, und von dort aus ist es gar nichts mehr! Was er
zu verkaufen hat? Pöppenrade ist ein großes Gut. Ich weiß positiv, daß es
mehr als tausend Sack Weizen bringt … Aber mir ist nichts Genaueres
bekannt. Wie es mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt? Sind es 500 Sack
von jedem? Mehr oder weniger? Ich weiß es nicht. Es steht alles herrlich,
das kann ich sagen. Aber ich kann dir nicht mit Zahlen dienen, Tom, ich bin
eine Gans. Du müßtest natürlich hinfahren …«
Eine Pause entstand.
»Nun, es ist nicht der Mühe wert, zwei Worte darüber zu verlieren«,
sagte der Senator kurz und fest, ergriff sein Pincenez, schob es in die
Westentasche, knöpfte seinen Rock zu, erhob sich und fing an, mit raschen,
starken und freien Bewegungen, die jedes Zeichen von Nachdenklichkeit
geflissentlich ausschlossen, im Zimmer hin und her zu gehen.
Dann blieb er am Tische stehen, und während er sich ein wenig darüber
hin seiner Schwester entgegenbeugte und mit der Spitze des gekrümmten
Zeigefingers leicht auf die Platte schlug, sagte er: »Ich werde dir mal eine
Geschichte erzählen, meine liebe Tony, die dir zeigen soll, wie ich mich zu
dieser Sache verhalte. Ich kenne dein faible für den Adel im allgemeinen
und die mecklenburgische Noblesse im besonderen, und darum bitte ich
dich um Geduld, wenn in meiner Geschichte einer dieser Herren einen
Denkzettel erhält … Du weißt, unter ihnen ist dieser und jener, der den
Kaufleuten, obgleich sie ihm doch so nötig sind wie er ihnen, nicht allzuviel
würde«, sagte der Senator mit Bitterkeit; und Frau Permaneder antwortete
dreimal hintereinander: »Siehst du wohl, siehst du wohl, siehst du wohl?!«
Plötzlich begann Thomas Buddenbrook den Kopf zu schütteln und
ärgerlich zu lachen.
»Es ist albern … Wir sprechen hier, mit einem großen Aufwand von
Ernst, – wenigstens deinerseits – über etwas ganz Unbestimmtes,
vollständig in der Luft Stehendes! Meines Wissens habe ich dich noch nicht
einmal gefragt, um was es sich eigentlich handelt, was Herr von Maiboom
eigentlich zu verkaufen hat … Ich kenne ja Pöppenrade gar nicht …«
»Oh, du hättest natürlich hinfahren müssen!« sagte sie eifrig. »Es ist ein
Katzensprung bis Rostock, und von dort aus ist es gar nichts mehr! Was er
zu verkaufen hat? Pöppenrade ist ein großes Gut. Ich weiß positiv, daß es
mehr als tausend Sack Weizen bringt … Aber mir ist nichts Genaueres
bekannt. Wie es mit Roggen, Hafer und Gerste bestellt? Sind es 500 Sack
von jedem? Mehr oder weniger? Ich weiß es nicht. Es steht alles herrlich,
das kann ich sagen. Aber ich kann dir nicht mit Zahlen dienen, Tom, ich bin
eine Gans. Du müßtest natürlich hinfahren …«
Eine Pause entstand.
»Nun, es ist nicht der Mühe wert, zwei Worte darüber zu verlieren«,
sagte der Senator kurz und fest, ergriff sein Pincenez, schob es in die
Westentasche, knöpfte seinen Rock zu, erhob sich und fing an, mit raschen,
starken und freien Bewegungen, die jedes Zeichen von Nachdenklichkeit
geflissentlich ausschlossen, im Zimmer hin und her zu gehen.
Dann blieb er am Tische stehen, und während er sich ein wenig darüber
hin seiner Schwester entgegenbeugte und mit der Spitze des gekrümmten
Zeigefingers leicht auf die Platte schlug, sagte er: »Ich werde dir mal eine
Geschichte erzählen, meine liebe Tony, die dir zeigen soll, wie ich mich zu
dieser Sache verhalte. Ich kenne dein faible für den Adel im allgemeinen
und die mecklenburgische Noblesse im besonderen, und darum bitte ich
dich um Geduld, wenn in meiner Geschichte einer dieser Herren einen
Denkzettel erhält … Du weißt, unter ihnen ist dieser und jener, der den
Kaufleuten, obgleich sie ihm doch so nötig sind wie er ihnen, nicht allzuviel
Page 434
Hochachtung entgegenbringt, die – bis zu einem gewissen Grade
anzuerkennende – Überlegenheit des Produzenten über den
Zwischenhändler im geschäftlichen Verkehre allzusehr betont und, kurz,
den Kaufmann mit nicht sehr anderen Augen ansieht als den hausierenden
Juden, dem man, mit dem Bewußtsein, übervorteilt zu werden, getragene
Kleider überläßt. Ich schmeichle mir, im allgemeinen den Eindruck eines
moralisch minderwertigen Ausbeuters auf die Herren nicht gemacht zu
haben, und habe unter ihnen weit zähere Händler angetroffen, als ich bin.
Bei einem aber bedurfte es erst des folgenden kleinen Gewaltstreichs, um
mich ihm gesellschaftlich ein wenig näher zu bringen … Es war der Herr
von Groß-Poggendorf, von dem du gewiß gehört hast, und mit dem ich vor
Jahr und Tag vielfach zu tun hatte: Graf Strelitz, ein höchst feudaler Mann
mit einem viereckigen Glas im Auge … ich begriff niemals, daß er sich
nicht schnitt … lackierten Stulpstiefeln und einer Reitpeitsche mit
goldenem Griff. Er hatte die Gewohnheit, mit halb geöffnetem Munde und
halb geschlossenen Augen von einer unbegreiflichen Höhe auf mich
herabzublicken … Mein erster Besuch bei ihm war bedeutsam. Nach einer
einleitenden Korrespondenz fuhr ich zu ihm und trat, vom Bedienten
gemeldet, ins Arbeitszimmer. Graf Strelitz saß am Schreibtisch. Er erwidert
meine Verbeugung, indem er sich halbwegs vom Sessel erhebt, schreibt die
letzte Zeile eines Briefes, wendet sich dann zu mir, indem er über mich
hinwegsieht, und beginnt die Unterhandlungen über seine Ware. Ich lehne
am Sofatische, kreuze Arme und Beine und bin amüsiert. Ich stehe fünf
Minuten lang im Gespräche. Nach weiteren fünf Minuten setze ich mich auf
den Tisch und lasse ein Bein in der Luft schaukeln. Unsere Verhandlungen
nehmen ihren Fortgang, und nach Verlauf einer Viertelstunde sagt er mit
einer wirklich gnädigen Handbewegung leichthin: »Wollen Sie nicht
übrigens einen Stuhl nehmen?« – »Wie?« sagte ich … »Oh, nicht nötig! Ich
sitze längst.«
»Sagtest du? Sagtest du es?« rief Frau Permaneder entzückt … Sofort
hatte sie alles Vorhergehende beinahe vergessen und lebte vollständig in
dieser Anekdote. »Du saßest längst! Es ist ausgezeichnet!…«
»Nun ja; und ich versichere dich, daß der Graf von diesem Augenblick
an sein Benehmen durchaus änderte, daß er mir die Hand reichte, wenn ich
kam, mich zum Sitzen nötigte … und daß wir in der Folge geradezu
befreundet geworden sind. Warum aber erzähle ich dir das? Um dich zu
anzuerkennende – Überlegenheit des Produzenten über den
Zwischenhändler im geschäftlichen Verkehre allzusehr betont und, kurz,
den Kaufmann mit nicht sehr anderen Augen ansieht als den hausierenden
Juden, dem man, mit dem Bewußtsein, übervorteilt zu werden, getragene
Kleider überläßt. Ich schmeichle mir, im allgemeinen den Eindruck eines
moralisch minderwertigen Ausbeuters auf die Herren nicht gemacht zu
haben, und habe unter ihnen weit zähere Händler angetroffen, als ich bin.
Bei einem aber bedurfte es erst des folgenden kleinen Gewaltstreichs, um
mich ihm gesellschaftlich ein wenig näher zu bringen … Es war der Herr
von Groß-Poggendorf, von dem du gewiß gehört hast, und mit dem ich vor
Jahr und Tag vielfach zu tun hatte: Graf Strelitz, ein höchst feudaler Mann
mit einem viereckigen Glas im Auge … ich begriff niemals, daß er sich
nicht schnitt … lackierten Stulpstiefeln und einer Reitpeitsche mit
goldenem Griff. Er hatte die Gewohnheit, mit halb geöffnetem Munde und
halb geschlossenen Augen von einer unbegreiflichen Höhe auf mich
herabzublicken … Mein erster Besuch bei ihm war bedeutsam. Nach einer
einleitenden Korrespondenz fuhr ich zu ihm und trat, vom Bedienten
gemeldet, ins Arbeitszimmer. Graf Strelitz saß am Schreibtisch. Er erwidert
meine Verbeugung, indem er sich halbwegs vom Sessel erhebt, schreibt die
letzte Zeile eines Briefes, wendet sich dann zu mir, indem er über mich
hinwegsieht, und beginnt die Unterhandlungen über seine Ware. Ich lehne
am Sofatische, kreuze Arme und Beine und bin amüsiert. Ich stehe fünf
Minuten lang im Gespräche. Nach weiteren fünf Minuten setze ich mich auf
den Tisch und lasse ein Bein in der Luft schaukeln. Unsere Verhandlungen
nehmen ihren Fortgang, und nach Verlauf einer Viertelstunde sagt er mit
einer wirklich gnädigen Handbewegung leichthin: »Wollen Sie nicht
übrigens einen Stuhl nehmen?« – »Wie?« sagte ich … »Oh, nicht nötig! Ich
sitze längst.«
»Sagtest du? Sagtest du es?« rief Frau Permaneder entzückt … Sofort
hatte sie alles Vorhergehende beinahe vergessen und lebte vollständig in
dieser Anekdote. »Du saßest längst! Es ist ausgezeichnet!…«
»Nun ja; und ich versichere dich, daß der Graf von diesem Augenblick
an sein Benehmen durchaus änderte, daß er mir die Hand reichte, wenn ich
kam, mich zum Sitzen nötigte … und daß wir in der Folge geradezu
befreundet geworden sind. Warum aber erzähle ich dir das? Um dich zu
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fragen: Würde ich wohl das Herz, das Recht, die innere Sicherheit haben,
auch Herrn von Maiboom in dieser Weise zu belehren, wenn er, mit mir
über den Pauschalpreis für seine Ernte verhandelnd, vergessen sollte, mir –
einen Stuhl anzubieten …?«
Frau Permaneder schwieg. »Gut«, sagte sie dann und stand auf. »Du
sollst recht haben, Tom, und wie ich schon sagte, ich will nicht in dich
dringen. Du mußt wissen, was du zu tun und zu lassen hast, und damit
Punktum. Wenn du mir nur glaubst, daß ich in guter Absicht gesprochen
habe … Abgemacht! Gute Nacht, Tom!… Oder nein, warte. Ich muß zuvor
deinem Hanno einen Kuß geben und die gute Ida begrüßen … Ich gucke
dann hier noch einmal herein …«
Und damit ging sie.
Drittes Kapitel
Sie stieg die Treppe zur zweiten Etage hinan, ließ den »Altan« zur
Rechten liegen, ging an dem weißgoldenen Geländer der Galerie entlang
und durchschritt ein Vorzimmer, dessen Tür zum Korridor offenstand und
von dem ein zweiter Ausgang linkerseits in das Ankleidezimmer des
Senators führte. Dann drückte sie vorsichtig auf den Griff der geradeaus
gelegenen Tür und trat ein.
Es war eine außerordentlich geräumige Stube, deren Fenster mit
faltigen, großgeblümten Vorhängen verhüllt waren. Die Wände waren ein
wenig kahl. Abgesehen von einem sehr großen schwarzgerahmten Stich, der
über Fräulein Jungmanns Bett hing und Giacomo Meyerbeer, umgeben von
den Gestalten seiner Opern, darstellte, gab es nur noch eine Anzahl von
englischen Buntdrucken, die Kinder mit gelbem Haar und roten
Babykleidern darstellten und mit Stecknadeln an der hellen Tapete befestigt
waren. Ida Jungmann saß in der Mitte des Zimmers an dem großen
Ausziehtisch und stopfte Hannos Strümpfchen. Die treue Preußin stand nun
am Anfang der Fünfziger, aber obgleich sie sehr früh begonnen hatte, zu
ergrauen, war ihr glatter Scheitel doch noch immer nicht weiß geworden,
sondern in einem bestimmten Zustande der Melierung verblieben, und ihre
auch Herrn von Maiboom in dieser Weise zu belehren, wenn er, mit mir
über den Pauschalpreis für seine Ernte verhandelnd, vergessen sollte, mir –
einen Stuhl anzubieten …?«
Frau Permaneder schwieg. »Gut«, sagte sie dann und stand auf. »Du
sollst recht haben, Tom, und wie ich schon sagte, ich will nicht in dich
dringen. Du mußt wissen, was du zu tun und zu lassen hast, und damit
Punktum. Wenn du mir nur glaubst, daß ich in guter Absicht gesprochen
habe … Abgemacht! Gute Nacht, Tom!… Oder nein, warte. Ich muß zuvor
deinem Hanno einen Kuß geben und die gute Ida begrüßen … Ich gucke
dann hier noch einmal herein …«
Und damit ging sie.
Drittes Kapitel
Sie stieg die Treppe zur zweiten Etage hinan, ließ den »Altan« zur
Rechten liegen, ging an dem weißgoldenen Geländer der Galerie entlang
und durchschritt ein Vorzimmer, dessen Tür zum Korridor offenstand und
von dem ein zweiter Ausgang linkerseits in das Ankleidezimmer des
Senators führte. Dann drückte sie vorsichtig auf den Griff der geradeaus
gelegenen Tür und trat ein.
Es war eine außerordentlich geräumige Stube, deren Fenster mit
faltigen, großgeblümten Vorhängen verhüllt waren. Die Wände waren ein
wenig kahl. Abgesehen von einem sehr großen schwarzgerahmten Stich, der
über Fräulein Jungmanns Bett hing und Giacomo Meyerbeer, umgeben von
den Gestalten seiner Opern, darstellte, gab es nur noch eine Anzahl von
englischen Buntdrucken, die Kinder mit gelbem Haar und roten
Babykleidern darstellten und mit Stecknadeln an der hellen Tapete befestigt
waren. Ida Jungmann saß in der Mitte des Zimmers an dem großen
Ausziehtisch und stopfte Hannos Strümpfchen. Die treue Preußin stand nun
am Anfang der Fünfziger, aber obgleich sie sehr früh begonnen hatte, zu
ergrauen, war ihr glatter Scheitel doch noch immer nicht weiß geworden,
sondern in einem bestimmten Zustande der Melierung verblieben, und ihre
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aufrechte Gestalt war so starkknochig und rüstig, ihre braunen Augen waren
so frisch, klar und unermüdlich wie vor zwanzig Jahren.
»Guten Abend, Ida, du gute Seele!« sagte Frau Permaneder gedämpft
aber fröhlich, denn die kleine Erzählung ihres Bruders hatte sie in die beste
Stimmung versetzt. »Wie geht es dir, du altes Möbel?«
»Ei, ei, Tonychen; Möbel, mein Kindchen? So spät noch hier?«
»Ja, ich war bei meinem Bruder … in Geschäften, die keinen Aufschub
duldeten … Leider hat sich die Sache zerschlagen … Schläft er?« fragte sie
und wies mit dem Kinn nach dem kleinen Bette, welches an der linken
Seitenwand stand, das grünverhüllte Kopfende hart an der hohen Tür, die
zum Schlafzimmer Senator Buddenbrooks und seiner Gattin führte …
»Pst«, sagte Ida; »ja, er schläft.« Und Frau Permaneder trat auf den
Zehenspitzen an das Bettchen, lüftete vorsichtig die Gardinen und lugte
gebückt in das Gesicht ihres schlafenden Neffen.
Der kleine Johann Buddenbrook lag auf dem Rücken, hatte aber sein
von dem langen, hellbraunen Haar umrahmtes Gesichtchen dem Zimmer
zugewandt und atmete mit einem leichten Geräusch in das Kopfkissen
hinein. Von seinen Händen, deren Finger kaum aus den viel zu langen und
weiten Ärmeln seines Nachthemdes hervorsahen, lag die eine auf seiner
Brust, die andere neben ihm auf der Steppdecke, und dann und wann
zuckten die gekrümmten Finger leise. Auch an den halb geöffneten Lippen
war eine schwache Bewegung bemerkbar, als versuchten sie, Worte zu
bilden. Von Zeit zu Zeit ging, von unten nach oben, etwas Schmerzliches
über dieses ganze Gesichtchen, das, mit einem Erzittern des Kinnes
beginnend, sich über die Mundpartie fortpflanzte, die zarten Nüstern
vibrieren ließ und die Muskeln der schmalen Stirn in Bewegung versetzte
… Die langen Wimpern vermochten nicht die bläulichen Schatten zu
verdecken, die in den Augenwinkeln lagerten.
»Er träumt«, sagte Frau Permaneder gerührt. Dann beugte sie sich über
das Kind, küßte behutsam seine schlafwarme Wange, ordnete mit Sorgfalt
die Gardine und trat wieder an den Tisch, wo Ida, im gelben Schein der
Lampe, einen neuen Strumpf über die Stopfkugel zog, das Loch prüfte und
es zu schließen begann.
so frisch, klar und unermüdlich wie vor zwanzig Jahren.
»Guten Abend, Ida, du gute Seele!« sagte Frau Permaneder gedämpft
aber fröhlich, denn die kleine Erzählung ihres Bruders hatte sie in die beste
Stimmung versetzt. »Wie geht es dir, du altes Möbel?«
»Ei, ei, Tonychen; Möbel, mein Kindchen? So spät noch hier?«
»Ja, ich war bei meinem Bruder … in Geschäften, die keinen Aufschub
duldeten … Leider hat sich die Sache zerschlagen … Schläft er?« fragte sie
und wies mit dem Kinn nach dem kleinen Bette, welches an der linken
Seitenwand stand, das grünverhüllte Kopfende hart an der hohen Tür, die
zum Schlafzimmer Senator Buddenbrooks und seiner Gattin führte …
»Pst«, sagte Ida; »ja, er schläft.« Und Frau Permaneder trat auf den
Zehenspitzen an das Bettchen, lüftete vorsichtig die Gardinen und lugte
gebückt in das Gesicht ihres schlafenden Neffen.
Der kleine Johann Buddenbrook lag auf dem Rücken, hatte aber sein
von dem langen, hellbraunen Haar umrahmtes Gesichtchen dem Zimmer
zugewandt und atmete mit einem leichten Geräusch in das Kopfkissen
hinein. Von seinen Händen, deren Finger kaum aus den viel zu langen und
weiten Ärmeln seines Nachthemdes hervorsahen, lag die eine auf seiner
Brust, die andere neben ihm auf der Steppdecke, und dann und wann
zuckten die gekrümmten Finger leise. Auch an den halb geöffneten Lippen
war eine schwache Bewegung bemerkbar, als versuchten sie, Worte zu
bilden. Von Zeit zu Zeit ging, von unten nach oben, etwas Schmerzliches
über dieses ganze Gesichtchen, das, mit einem Erzittern des Kinnes
beginnend, sich über die Mundpartie fortpflanzte, die zarten Nüstern
vibrieren ließ und die Muskeln der schmalen Stirn in Bewegung versetzte
… Die langen Wimpern vermochten nicht die bläulichen Schatten zu
verdecken, die in den Augenwinkeln lagerten.
»Er träumt«, sagte Frau Permaneder gerührt. Dann beugte sie sich über
das Kind, küßte behutsam seine schlafwarme Wange, ordnete mit Sorgfalt
die Gardine und trat wieder an den Tisch, wo Ida, im gelben Schein der
Lampe, einen neuen Strumpf über die Stopfkugel zog, das Loch prüfte und
es zu schließen begann.
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»Du stopfst, Ida. Merkwürdig, ich kenne dich eigentlich gar nicht
anders!«
»Ja, ja, Tonychen … Was das Jungchen alles zerreißt, seit er zur Schule
geht!«
»Aber er ist doch ein so stilles und sanftes Kind?«
»Ja, ja … Aber doch.«
»Geht er denn gern zur Schule?«
»Nein, nein, Tonychen! Hätt' lieber noch bei mir weiterlernen wollen.
Und ich hätt's auch gewünscht, mein Kindchen, denn die Herren kennen ihn
ja nicht so von klein auf wie ich und wissen es nicht so, wie man ihn
nehmen muß beim Lernen … Das Aufmerken wird ihm oft schwer, und er
wird rasch müde …«
»Der Arme! Hat er schon Schläge bekommen?«
»Aber nein! Mei boje kochhanne … sie werden doch nicht so hartherz'g
sein wollen! Wenn das Jungchen sie ansieht …«
»Wie war's denn eigentlich, als er zum ersten Male hinging? Hat er
geweint?«
»Ja, das hat er. Er weint so leicht … Nicht laut, aber so in sich hinein …
Und dann hat er deinen Herrn Bruder am Rock festhalten wollen und immer
wieder gebeten, er möchte dableiben …«
»So, hat mein Bruder ihn hingebracht?… Ja, das ist ein schwerer
Moment, Ida, glaube mir. Ha, ich weiß es wie gestern! Ich heulte … ich
versichere dich, ich heulte wie ein Kettenhund, es wurde mir entsetzlich
schwer. Und warum? Weil ich es zu Hause so gut gehabt hatte, gerade wie
Hanno. Die Kinder aus vornehmen Häusern weinten alle, das ist mir sofort
aufgefallen, während die anderen sich gar nichts daraus machten und uns
anglotzten und grinsten … Gott! was ist ihm, Ida –?!«
Sie vollendete ihre Handbewegung nicht und wandte sich erschrocken
nach dem Bettchen um, von wo ein Schrei ihr Plaudern unterbrochen hatte,
ein Angstschrei, der sich im nächsten Augenblick mit noch gequälterem,
anders!«
»Ja, ja, Tonychen … Was das Jungchen alles zerreißt, seit er zur Schule
geht!«
»Aber er ist doch ein so stilles und sanftes Kind?«
»Ja, ja … Aber doch.«
»Geht er denn gern zur Schule?«
»Nein, nein, Tonychen! Hätt' lieber noch bei mir weiterlernen wollen.
Und ich hätt's auch gewünscht, mein Kindchen, denn die Herren kennen ihn
ja nicht so von klein auf wie ich und wissen es nicht so, wie man ihn
nehmen muß beim Lernen … Das Aufmerken wird ihm oft schwer, und er
wird rasch müde …«
»Der Arme! Hat er schon Schläge bekommen?«
»Aber nein! Mei boje kochhanne … sie werden doch nicht so hartherz'g
sein wollen! Wenn das Jungchen sie ansieht …«
»Wie war's denn eigentlich, als er zum ersten Male hinging? Hat er
geweint?«
»Ja, das hat er. Er weint so leicht … Nicht laut, aber so in sich hinein …
Und dann hat er deinen Herrn Bruder am Rock festhalten wollen und immer
wieder gebeten, er möchte dableiben …«
»So, hat mein Bruder ihn hingebracht?… Ja, das ist ein schwerer
Moment, Ida, glaube mir. Ha, ich weiß es wie gestern! Ich heulte … ich
versichere dich, ich heulte wie ein Kettenhund, es wurde mir entsetzlich
schwer. Und warum? Weil ich es zu Hause so gut gehabt hatte, gerade wie
Hanno. Die Kinder aus vornehmen Häusern weinten alle, das ist mir sofort
aufgefallen, während die anderen sich gar nichts daraus machten und uns
anglotzten und grinsten … Gott! was ist ihm, Ida –?!«
Sie vollendete ihre Handbewegung nicht und wandte sich erschrocken
nach dem Bettchen um, von wo ein Schrei ihr Plaudern unterbrochen hatte,
ein Angstschrei, der sich im nächsten Augenblick mit noch gequälterem,
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noch entsetzterem Ausdruck wiederholte und dann drei-, vier-, fünfmal
rasch nacheinander erklang … »Oh! oh! oh!« ein vor Grauen überlauter,
entrüsteter und verzweifelter Protest, der sich gegen etwas Abscheuliches
richten mußte, was sich zeigte oder geschah … Im nächsten Augenblick
stand der kleine Johann aufrecht im Bette, und während er unverständliche
Worte stammelte, blickten seine weitgeöffneten, so eigenartig goldbraunen
Augen, ohne etwas von der Wirklichkeit wahrzunehmen, starr in eine
gänzlich andere Welt hinein …
»Nichts«, sagte Ida. »Der pavor. Ach, das ist manchmal noch viel
ärger.« Und in aller Ruhe legte sie die Arbeit beiseite, ging mit ihren langen,
schweren Schritten auf Hanno zu und legte ihn, während sie mit tiefer,
beruhigender Stimme zu ihm sprach, wieder unter die Decke.
»Ja, so, der pavor …« wiederholte Frau Permaneder. »Wacht er nun?«
Aber Hanno wachte keineswegs, obgleich seine Augen weit und starr
blieben und seine Lippen fortfuhren, sich zu bewegen …
»Wie? So … so … Nun hören wir auf zu plappern … W a s sagst du?«
fragte Ida; und auch Frau Permaneder trat näher, um auf dies unruhige
Murmeln und Stammeln zu horchen.
»Will ich … in mein … Gärtlein gehn …«, sagte Hanno mit schwerer
Zunge, »will mein' Zwiebeln gießen …«
»Er sagt seine Gedichte her«, erklärte Ida Jungmann mit Kopfschütteln.
»So, so! Genug, schlaf nun, mein Jungchen!…«
»Steht ein … bucklicht Männlein da, … fängt als an zu niesen …«,
sagte Hanno und seufzte dann. Plötzlich aber veränderte sich sein
Gesichtsausdruck, seine Augen schlossen sich halb, er bewegte den Kopf
auf dem Kissen hin und her, und mit leiser, schmerzlicher Stimme fuhr er
fort:
»Der Mond der scheint,
Das Kindlein weint,
Die Glock schlägt zwölf,
Daß Gott doch allen Kranken helf!…«
rasch nacheinander erklang … »Oh! oh! oh!« ein vor Grauen überlauter,
entrüsteter und verzweifelter Protest, der sich gegen etwas Abscheuliches
richten mußte, was sich zeigte oder geschah … Im nächsten Augenblick
stand der kleine Johann aufrecht im Bette, und während er unverständliche
Worte stammelte, blickten seine weitgeöffneten, so eigenartig goldbraunen
Augen, ohne etwas von der Wirklichkeit wahrzunehmen, starr in eine
gänzlich andere Welt hinein …
»Nichts«, sagte Ida. »Der pavor. Ach, das ist manchmal noch viel
ärger.« Und in aller Ruhe legte sie die Arbeit beiseite, ging mit ihren langen,
schweren Schritten auf Hanno zu und legte ihn, während sie mit tiefer,
beruhigender Stimme zu ihm sprach, wieder unter die Decke.
»Ja, so, der pavor …« wiederholte Frau Permaneder. »Wacht er nun?«
Aber Hanno wachte keineswegs, obgleich seine Augen weit und starr
blieben und seine Lippen fortfuhren, sich zu bewegen …
»Wie? So … so … Nun hören wir auf zu plappern … W a s sagst du?«
fragte Ida; und auch Frau Permaneder trat näher, um auf dies unruhige
Murmeln und Stammeln zu horchen.
»Will ich … in mein … Gärtlein gehn …«, sagte Hanno mit schwerer
Zunge, »will mein' Zwiebeln gießen …«
»Er sagt seine Gedichte her«, erklärte Ida Jungmann mit Kopfschütteln.
»So, so! Genug, schlaf nun, mein Jungchen!…«
»Steht ein … bucklicht Männlein da, … fängt als an zu niesen …«,
sagte Hanno und seufzte dann. Plötzlich aber veränderte sich sein
Gesichtsausdruck, seine Augen schlossen sich halb, er bewegte den Kopf
auf dem Kissen hin und her, und mit leiser, schmerzlicher Stimme fuhr er
fort:
»Der Mond der scheint,
Das Kindlein weint,
Die Glock schlägt zwölf,
Daß Gott doch allen Kranken helf!…«
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Bei diesen Worten aber schluchzte er tief auf, Tränen traten hinter
seinen Wimpern hervor, liefen langsam über seine Wangen … und hiervon
erwachte er. Er umarmte Ida, sah sich mit nassen Augen um, murmelte
befriedigt etwas von »Tante Tony«, schob sich ein wenig zurecht und
schlief dann ruhig weiter.
»Sonderbar!« sagte Frau Permaneder, als Ida sich wieder an den Tisch
setzte. »Was für Gedichte waren das, Ida?«
»Sie stehen in seinem Lesebuch«, antwortete Fräulein Jungmann, »und
darunter ist gedruckt: ›Des Knaben Wunderhorn‹. Sie sind kurios … Er hat
sie in diesen Tagen lernen müssen, und über das mit dem Männlein hat er
viel gesprochen. Kennst du es?… Recht graulich ist es. Dies bucklige
Männlein steht überall, zerbricht den Kochtopf, ißt das Mus, stiehlt das
Holz, läßt das Spinnrad nicht gehen, lacht einen aus … und dann, zum
Schlusse, bittet es auch noch, man möge es in sein Gebet einschließen! Ja,
das hat es dem Jungchen nun angetan. Er hat tagein – tagaus darüber
nachgedacht. Weißt du, was er sagte? Zwei-, dreimal hat er gesagt: ›Nicht
wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit, nicht aus Schlechtigkeit!… Es
tut es aus Traurigkeit und ist dann noch trauriger darüber … Wenn man
betet, so braucht es das alles nicht mehr zu tun.‹ Und heute abend noch, als
seine Mama ihm Gute Nacht sagte, bevor sie ins Konzert ging, hat er sie
gefragt, ob er auch für das bucklige Männlein beten solle …«
»Und hat es auch getan?«
»Nicht laut, aber wahrscheinlich im stillen … Aber über das andere
Gedicht, das ›Ammenuhr‹ heißt, hat er gar nicht gesprochen, sondern nur
geweint. Er gerät so leicht ins Weinen, das Jungchen, und kann dann lange
nicht aufhören …«
»Aber was ist denn so traurig darin?«
»Weiß i c h … Über den Anfang, die Stelle, bei der er sogar eben im
Schlafe schluchzte, kam er beim Aufsagen nie hinweg … und auch nachher
über den Fuhrmann, der sich schon um drei von der Streu erhebt, hat er
geweint …«
Frau Permaneder lachte gerührt und machte dann ein ernstes Gesicht.
seinen Wimpern hervor, liefen langsam über seine Wangen … und hiervon
erwachte er. Er umarmte Ida, sah sich mit nassen Augen um, murmelte
befriedigt etwas von »Tante Tony«, schob sich ein wenig zurecht und
schlief dann ruhig weiter.
»Sonderbar!« sagte Frau Permaneder, als Ida sich wieder an den Tisch
setzte. »Was für Gedichte waren das, Ida?«
»Sie stehen in seinem Lesebuch«, antwortete Fräulein Jungmann, »und
darunter ist gedruckt: ›Des Knaben Wunderhorn‹. Sie sind kurios … Er hat
sie in diesen Tagen lernen müssen, und über das mit dem Männlein hat er
viel gesprochen. Kennst du es?… Recht graulich ist es. Dies bucklige
Männlein steht überall, zerbricht den Kochtopf, ißt das Mus, stiehlt das
Holz, läßt das Spinnrad nicht gehen, lacht einen aus … und dann, zum
Schlusse, bittet es auch noch, man möge es in sein Gebet einschließen! Ja,
das hat es dem Jungchen nun angetan. Er hat tagein – tagaus darüber
nachgedacht. Weißt du, was er sagte? Zwei-, dreimal hat er gesagt: ›Nicht
wahr, Ida, es tut es nicht aus Schlechtigkeit, nicht aus Schlechtigkeit!… Es
tut es aus Traurigkeit und ist dann noch trauriger darüber … Wenn man
betet, so braucht es das alles nicht mehr zu tun.‹ Und heute abend noch, als
seine Mama ihm Gute Nacht sagte, bevor sie ins Konzert ging, hat er sie
gefragt, ob er auch für das bucklige Männlein beten solle …«
»Und hat es auch getan?«
»Nicht laut, aber wahrscheinlich im stillen … Aber über das andere
Gedicht, das ›Ammenuhr‹ heißt, hat er gar nicht gesprochen, sondern nur
geweint. Er gerät so leicht ins Weinen, das Jungchen, und kann dann lange
nicht aufhören …«
»Aber was ist denn so traurig darin?«
»Weiß i c h … Über den Anfang, die Stelle, bei der er sogar eben im
Schlafe schluchzte, kam er beim Aufsagen nie hinweg … und auch nachher
über den Fuhrmann, der sich schon um drei von der Streu erhebt, hat er
geweint …«
Frau Permaneder lachte gerührt und machte dann ein ernstes Gesicht.
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»Aber ich will dir sagen, Ida, es ist nicht gut, ich halte es nicht für gut,
daß ihm alles so nahe geht. Der Fuhrmann steht um drei Uhr auf – nun,
mein lieber Gott, dafür ist er ein Fuhrmann! Das Kind – soviel weiß ich
schon – neigt dazu, alle Dinge mit zu eindringlichen Augen anzusehen und
sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen … Das muß an ihm zehren, glaube
mir. Man sollte einmal ernstlich mit Grabow sprechen … Aber das ist es
eben«, fuhr sie fort, indem sie die Arme verschränkte, den Kopf zur Seite
neigte und mißmutig mit der Fußspitze auf dem Boden trommelte;
»Grabow wird alt, und, abgesehen davon: so herzensgut er ist, ein
Biedermann, ein wirklich braver Mensch … was seine Eigenschaften als
Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn, Ida, Gott
verzeihe mir, wenn ich mich in ihm täusche. So zum Beispiel mit Hannos
Unruhe, seinem Auffahren bei Nacht, seinen Angstanfällen im Traume …
Grabow weiß es, und alles, was er tut, ist, daß er uns sagt, was es ist, uns
einen lateinischen Namen nennt: pavor nocturnus … ja, lieber Gott, das
ist sehr belehrend … Nein, er ist ein lieber Mann, ein guter Hausfreund,
alles; aber ein Licht ist er nicht. Ein bedeutender Mensch sieht anders aus
und zeigt schon in der Jugend, daß etwas an ihm ist. Grabow hat die Zeit
von Achtundvierzig mit erlebt; er war ein junger Mann damals. Aber meinst
du, daß er sich jemals erregt hat – über die Freiheit und die Gerechtigkeit
und den Umsturz von Privilegien und Willkür? Er ist ein Gelehrter, aber ich
bin überzeugt, daß die unerhörten Bundesgesetze von damals über die
Universitäten und die Presse ihn vollständig kalt gelassen haben. Er hat sich
niemals ein wenig wild gebärdet, niemals ein wenig über die Schnur
gehauen … Er hat immer sein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun
verordnet er Taube und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen
Eßlöffel Altheesaft … Gute Nacht, Ida … Ach nein, ich glaube, da gibt es
ganz andere Ärzte!… Schade, daß ich Gerda nicht mehr sehe … Ja, danke,
es ist noch Licht auf dem Korridor … Gute Nacht.«
Als Frau Permaneder im Vorübergehen die Tür zum Eßzimmer öffnete,
um, ins Wohnzimmer hinein, auch ihrem Bruder gute Nacht zuzurufen, sah
sie, daß in der ganzen Flucht Licht war und daß Thomas, die Hände auf
dem Rücken, darin hin und wider ging.
Vi e r t e s K a p i t e l
daß ihm alles so nahe geht. Der Fuhrmann steht um drei Uhr auf – nun,
mein lieber Gott, dafür ist er ein Fuhrmann! Das Kind – soviel weiß ich
schon – neigt dazu, alle Dinge mit zu eindringlichen Augen anzusehen und
sich alles zu sehr zu Herzen zu nehmen … Das muß an ihm zehren, glaube
mir. Man sollte einmal ernstlich mit Grabow sprechen … Aber das ist es
eben«, fuhr sie fort, indem sie die Arme verschränkte, den Kopf zur Seite
neigte und mißmutig mit der Fußspitze auf dem Boden trommelte;
»Grabow wird alt, und, abgesehen davon: so herzensgut er ist, ein
Biedermann, ein wirklich braver Mensch … was seine Eigenschaften als
Arzt betrifft, so halte ich nicht gerade große Stücke auf ihn, Ida, Gott
verzeihe mir, wenn ich mich in ihm täusche. So zum Beispiel mit Hannos
Unruhe, seinem Auffahren bei Nacht, seinen Angstanfällen im Traume …
Grabow weiß es, und alles, was er tut, ist, daß er uns sagt, was es ist, uns
einen lateinischen Namen nennt: pavor nocturnus … ja, lieber Gott, das
ist sehr belehrend … Nein, er ist ein lieber Mann, ein guter Hausfreund,
alles; aber ein Licht ist er nicht. Ein bedeutender Mensch sieht anders aus
und zeigt schon in der Jugend, daß etwas an ihm ist. Grabow hat die Zeit
von Achtundvierzig mit erlebt; er war ein junger Mann damals. Aber meinst
du, daß er sich jemals erregt hat – über die Freiheit und die Gerechtigkeit
und den Umsturz von Privilegien und Willkür? Er ist ein Gelehrter, aber ich
bin überzeugt, daß die unerhörten Bundesgesetze von damals über die
Universitäten und die Presse ihn vollständig kalt gelassen haben. Er hat sich
niemals ein wenig wild gebärdet, niemals ein wenig über die Schnur
gehauen … Er hat immer sein langes, mildes Gesicht gehabt, und nun
verordnet er Taube und Franzbrot und, wenn der Fall ernst ist, einen
Eßlöffel Altheesaft … Gute Nacht, Ida … Ach nein, ich glaube, da gibt es
ganz andere Ärzte!… Schade, daß ich Gerda nicht mehr sehe … Ja, danke,
es ist noch Licht auf dem Korridor … Gute Nacht.«
Als Frau Permaneder im Vorübergehen die Tür zum Eßzimmer öffnete,
um, ins Wohnzimmer hinein, auch ihrem Bruder gute Nacht zuzurufen, sah
sie, daß in der ganzen Flucht Licht war und daß Thomas, die Hände auf
dem Rücken, darin hin und wider ging.
Vi e r t e s K a p i t e l
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Allein geblieben, hatte der Senator seinen Platz am Tische wieder
eingenommen, sein Pincenez hervorgezogen und in der Lektüre seiner
Zeitung fortfahren wollen. Aber nach zwei Minuten schon hatten seine
Augen sich von dem bedruckten Papier erhoben, und ohne die Haltung
seines Körpers zu verändern, hatte er lange Zeit geradeaus, zwischen den
Portieren hindurch, unverwandt in das Dunkel des Salons geblickt.
Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn
er sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst
diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer
unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie eine
Maske fiel die längst nur noch künstlich festgehaltene Miene der Wachheit,
Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab, um es in
dem Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen; die Augen, mit
trübem und stumpfem Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet, ohne ihn
zu umfassen, röteten sich, begannen zu tränen – und ohne Mut zu dem
Versuche, auch sich selbst noch zu täuschen, vermochte er von allen
Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfüllten, nur den
einen, verzweifelten festzuhalten, daß Thomas Buddenbrook mit
zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war.
Er strich langsam und tief aufatmend mit der Hand über Stirn und
Augen, entzündete mechanisch eine neue Zigarette, obgleich er wußte, daß
es ihm schadete, und fuhr fort, durch den Rauch ins Dunkel zu blicken …
Welch ein Gegensatz zwischen der leidenden Schlaffheit seiner Züge und
der eleganten, beinahe martialischen Toilette, die diesem Kopfe gewidmet
war – dem parfümierten, lang ausgezogenen Schnurrbart, der peinlich
rasierten Glätte von Kinn und Wangen, der sorgfältigen Frisur des
Haupthaares, dessen beginnende Lichtung am Wirbel nach Möglichkeit
verdeckt war, das, in zwei länglichen Einbuchtungen von den zarten
Schläfen zurücktretend, einen schmalen Scheitel bildete und über den
Ohren nicht mehr lang und gekraust, wie einst, sondern sehr kurz gehalten
war, damit man nicht sehe, daß es an dieser Stelle ergraute … Er selbst
empfand ihn, diesen Gegensatz, und er wußte wohl, daß niemandem
draußen in der Stadt der Widerstreit entgehen konnte, der zwischen seiner
beweglichen, elastischen Aktivität und der matten Blässe seines Gesichtes
bestand.
eingenommen, sein Pincenez hervorgezogen und in der Lektüre seiner
Zeitung fortfahren wollen. Aber nach zwei Minuten schon hatten seine
Augen sich von dem bedruckten Papier erhoben, und ohne die Haltung
seines Körpers zu verändern, hatte er lange Zeit geradeaus, zwischen den
Portieren hindurch, unverwandt in das Dunkel des Salons geblickt.
Wie bis zur Unkenntlichkeit verändert sein Gesicht sich ausnahm, wenn
er sich allein befand! Die Muskeln des Mundes und der Wangen, sonst
diszipliniert und zum Gehorsam gezwungen, im Dienste einer
unaufhörlichen Willensanstrengung, spannten sich ab, erschlafften; wie eine
Maske fiel die längst nur noch künstlich festgehaltene Miene der Wachheit,
Umsicht, Liebenswürdigkeit und Energie von diesem Gesichte ab, um es in
dem Zustande einer gequälten Müdigkeit zurückzulassen; die Augen, mit
trübem und stumpfem Ausdruck auf einen Gegenstand gerichtet, ohne ihn
zu umfassen, röteten sich, begannen zu tränen – und ohne Mut zu dem
Versuche, auch sich selbst noch zu täuschen, vermochte er von allen
Gedanken, die schwer, wirr und ruhelos seinen Kopf erfüllten, nur den
einen, verzweifelten festzuhalten, daß Thomas Buddenbrook mit
zweiundvierzig Jahren ein ermatteter Mann war.
Er strich langsam und tief aufatmend mit der Hand über Stirn und
Augen, entzündete mechanisch eine neue Zigarette, obgleich er wußte, daß
es ihm schadete, und fuhr fort, durch den Rauch ins Dunkel zu blicken …
Welch ein Gegensatz zwischen der leidenden Schlaffheit seiner Züge und
der eleganten, beinahe martialischen Toilette, die diesem Kopfe gewidmet
war – dem parfümierten, lang ausgezogenen Schnurrbart, der peinlich
rasierten Glätte von Kinn und Wangen, der sorgfältigen Frisur des
Haupthaares, dessen beginnende Lichtung am Wirbel nach Möglichkeit
verdeckt war, das, in zwei länglichen Einbuchtungen von den zarten
Schläfen zurücktretend, einen schmalen Scheitel bildete und über den
Ohren nicht mehr lang und gekraust, wie einst, sondern sehr kurz gehalten
war, damit man nicht sehe, daß es an dieser Stelle ergraute … Er selbst
empfand ihn, diesen Gegensatz, und er wußte wohl, daß niemandem
draußen in der Stadt der Widerstreit entgehen konnte, der zwischen seiner
beweglichen, elastischen Aktivität und der matten Blässe seines Gesichtes
bestand.
Page 442
Nicht, daß er in geringerem Maße als ehemals dort draußen eine
wichtige und unentbehrliche Persönlichkeit gewesen wäre. Die Freunde
wiederholten es, und die Neider konnten es nicht leugnen, daß
Bürgermeister Doktor Langhals mit weit vernehmbarer Stimme den
Ausspruch seines Vorgängers Oeverdieck bestätigt hatte: Senator
Buddenbrook sei des Bürgermeisters rechte Hand. Daß aber die Firma
Johann Buddenbrook nicht mehr das war, was sie vorzeiten gewesen, das
schien eine so gassenläufige Wahrheit, daß Herr Stuht in der
Glockengießerstraße es seiner Frau erzählen konnte, wenn sie mittags
zusammen ihre Specksuppe verzehrten … und Thomas Buddenbrook
stöhnte darüber.
Gleichwohl war er selbst es, der zur Entstehung dieser
Anschauungsweise am meisten beigetragen hatte. Er war ein reicher Mann,
und keiner der Verluste, die er erlitten, auch den schweren des Jahres
sechsundsechzig nicht ausgenommen, hatte die Existenz der Firma ernstlich
in Frage stellen können. Aber obgleich er, wie selbstverständlich, fortfuhr,
in angemessener Weise zu repräsentieren und seinen Diners die Anzahl von
Gängen zu geben, die seine Gäste von ihnen erwarteten, hatte doch die
Vorstellung, sein Glück und Erfolg sei dahin, diese Vorstellung, die mehr
eine innere Wahrheit war, als daß sie auf äußere Tatsachen gegründet
gewesen wäre, ihn in einen Zustand so argwöhnischer Verzagtheit versetzt,
daß er, wie niemals zuvor, das Geld an sich zu halten und in seinem
Privatleben in fast kleinlicher Weise zu sparen begann. Hundertmal hatte er
den kostspieligen Bau seines neuen Hauses verwünscht, das ihm, so
empfand er, nichts als Unheil gebracht hatte. Die Sommerreisen wurden
eingestellt, und der kleine Stadtgarten mußte den Aufenthalt am Strande
oder im Gebirge ersetzen. Die Mahlzeiten, die er gemeinsam mit seiner
Gattin und dem kleinen Hanno einnahm, waren auf sein wiederholtes und
strenges Geheiß von einer Einfachheit, die im Gegensatze zu dem weiten,
parkettierten Speisezimmer mit seinem hohen und luxuriösen Plafond und
seinen prachtvollen Eichenmöbeln komisch wirkte. Während längerer Zeit
war Dessert nur für den Sonntag gestattet … Die Eleganz seines Äußeren
blieb dieselbe; aber Anton, der langjährige Bediente, wußte doch in der
Küche zu erzählen, daß der Senator jetzt nur noch jeden zweiten Tag das
weiße Hemd wechsele, da die Wäsche das feine Linnen allzusehr ruiniere
… Er wußte noch mehr. Er wußte auch, daß er entlassen werden sollte.
wichtige und unentbehrliche Persönlichkeit gewesen wäre. Die Freunde
wiederholten es, und die Neider konnten es nicht leugnen, daß
Bürgermeister Doktor Langhals mit weit vernehmbarer Stimme den
Ausspruch seines Vorgängers Oeverdieck bestätigt hatte: Senator
Buddenbrook sei des Bürgermeisters rechte Hand. Daß aber die Firma
Johann Buddenbrook nicht mehr das war, was sie vorzeiten gewesen, das
schien eine so gassenläufige Wahrheit, daß Herr Stuht in der
Glockengießerstraße es seiner Frau erzählen konnte, wenn sie mittags
zusammen ihre Specksuppe verzehrten … und Thomas Buddenbrook
stöhnte darüber.
Gleichwohl war er selbst es, der zur Entstehung dieser
Anschauungsweise am meisten beigetragen hatte. Er war ein reicher Mann,
und keiner der Verluste, die er erlitten, auch den schweren des Jahres
sechsundsechzig nicht ausgenommen, hatte die Existenz der Firma ernstlich
in Frage stellen können. Aber obgleich er, wie selbstverständlich, fortfuhr,
in angemessener Weise zu repräsentieren und seinen Diners die Anzahl von
Gängen zu geben, die seine Gäste von ihnen erwarteten, hatte doch die
Vorstellung, sein Glück und Erfolg sei dahin, diese Vorstellung, die mehr
eine innere Wahrheit war, als daß sie auf äußere Tatsachen gegründet
gewesen wäre, ihn in einen Zustand so argwöhnischer Verzagtheit versetzt,
daß er, wie niemals zuvor, das Geld an sich zu halten und in seinem
Privatleben in fast kleinlicher Weise zu sparen begann. Hundertmal hatte er
den kostspieligen Bau seines neuen Hauses verwünscht, das ihm, so
empfand er, nichts als Unheil gebracht hatte. Die Sommerreisen wurden
eingestellt, und der kleine Stadtgarten mußte den Aufenthalt am Strande
oder im Gebirge ersetzen. Die Mahlzeiten, die er gemeinsam mit seiner
Gattin und dem kleinen Hanno einnahm, waren auf sein wiederholtes und
strenges Geheiß von einer Einfachheit, die im Gegensatze zu dem weiten,
parkettierten Speisezimmer mit seinem hohen und luxuriösen Plafond und
seinen prachtvollen Eichenmöbeln komisch wirkte. Während längerer Zeit
war Dessert nur für den Sonntag gestattet … Die Eleganz seines Äußeren
blieb dieselbe; aber Anton, der langjährige Bediente, wußte doch in der
Küche zu erzählen, daß der Senator jetzt nur noch jeden zweiten Tag das
weiße Hemd wechsele, da die Wäsche das feine Linnen allzusehr ruiniere
… Er wußte noch mehr. Er wußte auch, daß er entlassen werden sollte.
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Gerda protestierte. Drei Dienstboten seien zur Instandhaltung eines so
großen Hauses kaum genug. Es half nichts: mit einem angemessenen
Geldgeschenk ward Anton, der so lange den Bock eingenommen hatte,
wenn Thomas Buddenbrook in den Senat fuhr, verabschiedet.
Solchen Maßregeln entsprach das freudlose Tempo, das der
Geschäftsgang angenommen hatte. Nichts war mehr zu verspüren von dem
neuen und frischen Geiste, mit dem der junge Thomas Buddenbrook einst
den Betrieb belebt hatte – und sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus,
welcher, nur mit geringem Kapitale beteiligt, in keinem Falle bedeutenden
Einfluß besessen hätte, war von Natur und Temperament jeder Initiative bar.
Im Laufe der Jahre hatte seine Pedanterie zugenommen und war zur
vollständigen Wunderlichkeit geworden. Er brauchte eine Viertelstunde, um
sich, unter Schnurrbartstreichen, Räuspern und bedächtigen Seitenblicken,
eine Zigarre anzuschneiden und die Spitze in seinen Geldbeutel zu
versenken. Des Abends, wenn die Gaslampen jeden Winkel des Kontors
taghell erleuchteten, unterließ er es niemals, noch eine brennende
Stearinkerze auf sein Pult zu stellen. Nach jeder halben Stunde erhob er
sich, um sich zur Wasserleitung zu begeben und seinen Kopf zu begießen.
Eines Vormittags lag unordentlicherweise ein leerer Getreidesack unter
seinem Pult, den er für eine Katze hielt und zum Gaudium des gesamten
Personals unter lauten Verwünschungen zu verjagen suchte … Nein, er war
nicht der Mann, der jetzigen Mattigkeit seines Kompagnons zum Trotz,
fördernd in die Geschäfte einzugreifen, und oft erfaßte den Senator, wie
jetzt, während er matten Blickes in die Finsternis des Salons hinüberstarrte,
die Scham und eine verzweifelte Ungeduld, wenn er sich den
unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das pfennigweise Geschäftemachen
vergegenwärtigte, zu dem sich in letzter Zeit die Firma Johann
Buddenbrook erniedrigt hatte.
Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit.
War es nicht weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht, sich
nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln? Warum
mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus seiner
klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit Zweifeln und
Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig?
Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu führen? Mit
großen Hauses kaum genug. Es half nichts: mit einem angemessenen
Geldgeschenk ward Anton, der so lange den Bock eingenommen hatte,
wenn Thomas Buddenbrook in den Senat fuhr, verabschiedet.
Solchen Maßregeln entsprach das freudlose Tempo, das der
Geschäftsgang angenommen hatte. Nichts war mehr zu verspüren von dem
neuen und frischen Geiste, mit dem der junge Thomas Buddenbrook einst
den Betrieb belebt hatte – und sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus,
welcher, nur mit geringem Kapitale beteiligt, in keinem Falle bedeutenden
Einfluß besessen hätte, war von Natur und Temperament jeder Initiative bar.
Im Laufe der Jahre hatte seine Pedanterie zugenommen und war zur
vollständigen Wunderlichkeit geworden. Er brauchte eine Viertelstunde, um
sich, unter Schnurrbartstreichen, Räuspern und bedächtigen Seitenblicken,
eine Zigarre anzuschneiden und die Spitze in seinen Geldbeutel zu
versenken. Des Abends, wenn die Gaslampen jeden Winkel des Kontors
taghell erleuchteten, unterließ er es niemals, noch eine brennende
Stearinkerze auf sein Pult zu stellen. Nach jeder halben Stunde erhob er
sich, um sich zur Wasserleitung zu begeben und seinen Kopf zu begießen.
Eines Vormittags lag unordentlicherweise ein leerer Getreidesack unter
seinem Pult, den er für eine Katze hielt und zum Gaudium des gesamten
Personals unter lauten Verwünschungen zu verjagen suchte … Nein, er war
nicht der Mann, der jetzigen Mattigkeit seines Kompagnons zum Trotz,
fördernd in die Geschäfte einzugreifen, und oft erfaßte den Senator, wie
jetzt, während er matten Blickes in die Finsternis des Salons hinüberstarrte,
die Scham und eine verzweifelte Ungeduld, wenn er sich den
unbeträchtlichen Kleinbetrieb, das pfennigweise Geschäftemachen
vergegenwärtigte, zu dem sich in letzter Zeit die Firma Johann
Buddenbrook erniedrigt hatte.
Aber, war es nicht gut so? Auch das Unglück, dachte er, hat seine Zeit.
War es nicht weise, sich still zu verhalten, während es in uns herrscht, sich
nicht zu rühren, abzuwarten und in Ruhe innere Kräfte zu sammeln? Warum
mußte man jetzt mit diesem Vorschlag an ihn herantreten, ihn aus seiner
klugen Resignation vor der Zeit aufstören und ihn mit Zweifeln und
Bedenken erfüllen! War die Zeit gekommen? War dies ein Fingerzeig?
Sollte er ermuntert werden, aufzustehen und einen Schlag zu führen? Mit
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aller Entschiedenheit, die er seiner Stimme zu geben vermocht, hatte er das
Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich das
Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er saß hier und grübelte. »Man
begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in
seinem Widerstande nicht sicher fühlt …« Eine verteufelt schlaue Person,
diese kleine Tony!
Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich
gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation … Im Trüben
fischen … Brutale Ausbeutung … Einen Wehrlosen übers Ohr hauen …
Wucherprofit …« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die
Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul Hermann
Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht gefunden haben.
War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen
Tat oder ein skrupulöser Nachdenker?
O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte,
seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in
seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des großen
und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen fest
wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug, von
jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von Jugend
an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren müssen …
Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern als etwas
Selbstverständliches e m p f i n d e n – würde er das niemals vollständig
erlernen?
Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf
ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich schmerzlichen
Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er hatte eine
große Summe Geldes verloren … ach, nicht das war das Unerträglichste
gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange und am
eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens verspüren
müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen Empfindungen sich
vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt der Selbsterhaltung
verkriechen und in dem ein erlittenes Unglück bei den Freunden, den besten
Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl, sondern – »Mißtrauen«, kaltes,
ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte er das nicht gewußt? War er
Ansinnen zurückgewiesen; aber war, seit Tony aufgebrochen, wirklich das
Ganze erledigt? Es schien nicht, denn er saß hier und grübelte. »Man
begegnet einem Vorschlage nur dann mit Erregtheit, wenn man sich in
seinem Widerstande nicht sicher fühlt …« Eine verteufelt schlaue Person,
diese kleine Tony!
Was hatte er ihr entgegengehalten? Er hatte es sehr gut und eindringlich
gesagt, wie er sich erinnerte. »Unreinliche Manipulation … Im Trüben
fischen … Brutale Ausbeutung … Einen Wehrlosen übers Ohr hauen …
Wucherprofit …« ausgezeichnet! Allein es fragte sich, ob dies die
Gelegenheit war, so laute Worte ins Gefecht zu führen. Konsul Hermann
Hagenström würde sie nicht gesucht und würde sie nicht gefunden haben.
War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen
Tat oder ein skrupulöser Nachdenker?
O ja, das war die Frage; das war von jeher, so lange er denken konnte,
seine Frage gewesen! Das Leben war hart, und das Geschäftsleben war in
seinem rücksichtslosen und unsentimentalen Verlaufe ein Abbild des großen
und ganzen Lebens. Stand Thomas Buddenbrook mit beiden Beinen fest
wie seine Väter in diesem harten und praktischen Leben? Oft genug, von
jeher, hatte er Ursache gehabt, daran zu zweifeln! Oft genug, von Jugend
an, hatte er diesem Leben gegenüber sein Fühlen korrigieren müssen …
Härte zufügen, Härte erleiden und es nicht als Härte, sondern als etwas
Selbstverständliches e m p f i n d e n – würde er das niemals vollständig
erlernen?
Er erinnerte sich des Eindruckes, den die Katastrophe des Jahres 66 auf
ihn hervorgebracht hatte, und er rief sich die unaussprechlich schmerzlichen
Empfindungen zurück, die ihn damals überwältigt hatten. Er hatte eine
große Summe Geldes verloren … ach, nicht das war das Unerträglichste
gewesen! Aber er hatte zum ersten Male in vollem Umfange und am
eigenen Leibe die grausame Brutalität des Geschäftslebens verspüren
müssen, in dem alle guten, sanften und liebenswürdigen Empfindungen sich
vor dem einen rohen, nackten und herrischen Instinkt der Selbsterhaltung
verkriechen und in dem ein erlittenes Unglück bei den Freunden, den besten
Freunden, nicht Teilnahme, nicht Mitgefühl, sondern – »Mißtrauen«, kaltes,
ablehnendes Mißtrauen hervorruft. Hatte er das nicht gewußt? War er
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berufen, sich darüber zu verwundern? Wie sehr hatte er sich später in
besseren und stärkeren Stunden darüber geschämt, daß er in den schlaflosen
Nächten von damals sich empört, voll Ekel und unheilbar verletzt gegen die
häßliche und schamlose Härte des Lebens aufgelehnt hatte!
Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedesmal diese Regungen
gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt
möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein
praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?
Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte
sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und – in müden – bald
so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er sich
nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein Gemisch
von beidem sei.
Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann präsentiert;
aber soweit er mit Recht dafür galt – war er es nicht, mit seinem gern
zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch – aus bewußter Überlegung
gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt … aber waren sie
nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft hervorgegangen, die er
der Reflexion verdankte? Und da er nun daniederlag, da seine Kräfte –
wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer – erschöpft schienen: war es nicht
die notwendige Folge dieses unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen
und aufreibenden Widerstreites in seinem Innern?… Ob sein Vater, sein
Großvater, sein Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft
haben würden? Gleichviel!… Gleichviel!… Aber daß sie praktische
Menschen gewesen, daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener,
natürlicher gewesen waren, als er, das war es, was feststand!…
Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum
und Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und
entzündete mehrere Gasflammen des Lüsters über dem Mitteltische. Er
blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines
Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen
Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze
Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln
ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas
besseren und stärkeren Stunden darüber geschämt, daß er in den schlaflosen
Nächten von damals sich empört, voll Ekel und unheilbar verletzt gegen die
häßliche und schamlose Härte des Lebens aufgelehnt hatte!
Wie albern das gewesen war! Wie lächerlich jedesmal diese Regungen
gewesen waren, wenn er sie empfunden hatte! Wie war es überhaupt
möglich, daß sie in ihm entstanden? Denn nochmals gefragt: War er ein
praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?
Ach, diese Frage hatte er sich schon tausendmal gestellt, und er hatte
sie, in starken und zuversichtlichen Stunden, bald so und – in müden – bald
so beantwortet. Aber er war zu scharfsinnig und ehrlich, als daß er sich
nicht schließlich die Wahrheit hätte gestehen müssen, daß er ein Gemisch
von beidem sei.
Zeit seines Lebens hatte er sich den Leuten als tätiger Mann präsentiert;
aber soweit er mit Recht dafür galt – war er es nicht, mit seinem gern
zitierten Goetheschen Wahl- und Wahrspruch – aus bewußter Überlegung
gewesen? Er hatte ehemals Erfolge zu verzeichnen gehabt … aber waren sie
nicht nur aus dem Enthusiasmus, der Schwungkraft hervorgegangen, die er
der Reflexion verdankte? Und da er nun daniederlag, da seine Kräfte –
wenn auch, Gott gebe es, nicht für immer – erschöpft schienen: war es nicht
die notwendige Folge dieses unhaltbaren Zustandes, dieses unnatürlichen
und aufreibenden Widerstreites in seinem Innern?… Ob sein Vater, sein
Großvater, sein Urgroßvater die Pöppenrader Ernte auf dem Halme gekauft
haben würden? Gleichviel!… Gleichviel!… Aber daß sie praktische
Menschen gewesen, daß sie es voller, ganzer, stärker, unbefangener,
natürlicher gewesen waren, als er, das war es, was feststand!…
Eine große Unruhe ergriff ihn, ein Bedürfnis nach Bewegung, Raum
und Licht. Er schob seinen Stuhl zurück, ging hinüber in den Salon und
entzündete mehrere Gasflammen des Lüsters über dem Mitteltische. Er
blieb stehen, drehte langsam und krampfhaft an der langen Spitze seines
Schnurrbartes und blickte, ohne etwas zu sehen, in diesem luxuriösen
Gemache umher. Es nahm zusammen mit dem Wohnzimmer die ganze
Frontbreite des Hauses ein, war mit hellen, geschweiften Möbeln
ausgestattet und trug, mit seinem großen Konzertflügel, auf dem Gerdas
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Geigenkasten stand, seiner mit Notenbüchern beladenen Etagere daneben,
dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden
Amoretten über den Türen, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker
war mit Palmen angefüllt.
Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu
bewegen. Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins
Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Büffett zu
schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um überhaupt etwas zu
tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hände auf dem Rücken,
weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das »Rauchzimmer« war dunkel
möbliert und mit Holz getäfelt. Er öffnete mechanisch den Zigarrenschrank,
verschloß ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische, den Deckel einer
kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks und ähnliche Dinge
enthielt. Er ließ eine Anzahl knöcherner Anlegemarken klappernd durch
seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich abermals zum
Gehen.
Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das
Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte »Servanten«, die
ineinander geschoben waren und auf denen ein Likörkasten stand. Von hier
aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren Parkettfläche
und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die auf den Garten
hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in Anspruch nahm.
Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger Sofas von dem Rot
der Portieren und einer Anzahl von Stühlen, die hochlehnig und ernst an
den Wänden standen. Ein Kamin war dort, hinter dessen Gitter falsche
Kohlen lagen und mit ihren Streifen von rotgoldenem Glanzpapier zu
glühen schienen. Auf der Marmorplatte, vor dem Spiegel, ragten zwei
mächtige chinesische Vasen …
Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie
nach einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator
durchmaß den Saal einmal der Länge nach, blieb dann an dem Fenster
stehen, das dem Kabinett gegenüber lag, und blickte in den Garten hinaus.
Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der
Springbrunnen ließ seinen Strahl in der Stille unter den überhängenden
dem geschnitzten Stehpult und den Basreliefs von musizierenden
Amoretten über den Türen, den Charakter eines Musikzimmers. Der Erker
war mit Palmen angefüllt.
Senator Buddenbrook stand zwei oder drei Minuten, ohne sich zu
bewegen. Dann raffte er sich auf, ging ins Wohnzimmer zurück, trat ins
Speisezimmer und erleuchtete auch dies. Er machte sich am Büffett zu
schaffen, trank, um sein Herz zu beruhigen, oder um überhaupt etwas zu
tun, ein Glas Wasser und ging dann rasch, die Hände auf dem Rücken,
weiter in die Tiefe des Hauses hinein. Das »Rauchzimmer« war dunkel
möbliert und mit Holz getäfelt. Er öffnete mechanisch den Zigarrenschrank,
verschloß ihn sofort wieder und erhob, am Spieltische, den Deckel einer
kleinen eichenen Truhe, die Kartenspiele, Notizblocks und ähnliche Dinge
enthielt. Er ließ eine Anzahl knöcherner Anlegemarken klappernd durch
seine Hand gleiten, warf den Deckel zu und wandte sich abermals zum
Gehen.
Ein kleines Kabinett mit einem buntfarbigen Fensterchen grenzte an das
Rauchzimmer. Es war leer bis auf einige ganz leichte »Servanten«, die
ineinander geschoben waren und auf denen ein Likörkasten stand. Von hier
aus aber betrat man den Saal, welcher, mit seiner ungeheuren Parkettfläche
und seinen vier hohen, weinrot verhangenen Fenstern, die auf den Garten
hinausblickten, wiederum die ganze Breite des Hauses in Anspruch nahm.
Er war ausgestattet mit einem Paar schwerer, niedriger Sofas von dem Rot
der Portieren und einer Anzahl von Stühlen, die hochlehnig und ernst an
den Wänden standen. Ein Kamin war dort, hinter dessen Gitter falsche
Kohlen lagen und mit ihren Streifen von rotgoldenem Glanzpapier zu
glühen schienen. Auf der Marmorplatte, vor dem Spiegel, ragten zwei
mächtige chinesische Vasen …
Nun lag die ganze Zimmerflucht im Lichte einzelner Gasflammen, wie
nach einem Feste, wenn der letzte Gast soeben davongefahren. Der Senator
durchmaß den Saal einmal der Länge nach, blieb dann an dem Fenster
stehen, das dem Kabinett gegenüber lag, und blickte in den Garten hinaus.
Der Mond stand hoch und klein zwischen flockigen Wolken, und der
Springbrunnen ließ seinen Strahl in der Stille unter den überhängenden
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Zweigen des Walnußbaumes plätschern. Thomas sah hinüber auf den
Pavillon, der das Ganze abschloß, auf die kleine, weiß glänzende Terrasse
mit den beiden Obelisken, auf die regelmäßigen Kieswege, die frisch
umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenplätze … aber diese ganze
zierliche und ungestörte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu beruhigen,
verletzte und reizte ihn. Er erfaßte mit der Hand die Klinke des Fensters,
legte seine Stirn darauf und ließ seine Gedanken ihren qualvollen Gang
wieder antreten.
Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er
vorhin seiner Schwester gegenüber hatte fallen lassen und über die er selbst
sich, sobald sie ausgesprochen, als über etwas höchst Überflüssiges geärgert
hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen, vom Landadel, und hatte bei
dieser Gelegenheit klar und deutlich die Meinung ausgedrückt, daß eine
soziale Überlegenheit des Produzenten über den Zwischenhändler
anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein Gott, es war so unsäglich
gleichgültig, ob es zutreffend war! Aber war e r berufen, diesen Gedanken
auszusprechen, ihn in Erwägung zu ziehen, überhaupt darauf zu verfallen?
War er imstande, sich seinen Vater, seinen Großvater, irgendeinen seiner
Mitbürger vorzustellen, wie er diesem Gedanken nachhing und ihm
Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest und zweifellos in seinem Berufe
steht, kennt nur diesen, weiß nur von diesem, schätzt nur diesen …
Plötzlich fühlte er, wie das Blut ihm heiß zum Kopfe stieg, wie er
errötete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurücklag. Er sah sich mit
seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraßen-Hauses umhergehen,
begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten erregten
Auseinandersetzungen … Christian hatte, in seiner indiskreten und
kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche Äußerung getan,
über welche er ihn, wütend, empört, aufs äußerste gereizt, zur Rede gestellt
hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und im Grunde sei doch
jeder Geschäftsmann ein Betrüger … Wie? war diese insipide und
nichtswürdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt von derjenigen,
die er selbst sich soeben noch seiner Schwester gegenüber gestattet hatte?
Er hatte sich darüber entrüstet, hatte wutentbrannt dagegen protestiert …
Aber wie hatte diese schlaue, kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert …
Pavillon, der das Ganze abschloß, auf die kleine, weiß glänzende Terrasse
mit den beiden Obelisken, auf die regelmäßigen Kieswege, die frisch
umgegrabenen, abgezirkelten Beete und Rasenplätze … aber diese ganze
zierliche und ungestörte Symmetrie, weit entfernt, ihn zu beruhigen,
verletzte und reizte ihn. Er erfaßte mit der Hand die Klinke des Fensters,
legte seine Stirn darauf und ließ seine Gedanken ihren qualvollen Gang
wieder antreten.
Wo wollte es mit ihm hinaus? Er erinnerte sich einer Bemerkung, die er
vorhin seiner Schwester gegenüber hatte fallen lassen und über die er selbst
sich, sobald sie ausgesprochen, als über etwas höchst Überflüssiges geärgert
hatte. Er hatte vom Grafen Strelitz gesprochen, vom Landadel, und hatte bei
dieser Gelegenheit klar und deutlich die Meinung ausgedrückt, daß eine
soziale Überlegenheit des Produzenten über den Zwischenhändler
anzuerkennen sei. War das zutreffend? Ach, mein Gott, es war so unsäglich
gleichgültig, ob es zutreffend war! Aber war e r berufen, diesen Gedanken
auszusprechen, ihn in Erwägung zu ziehen, überhaupt darauf zu verfallen?
War er imstande, sich seinen Vater, seinen Großvater, irgendeinen seiner
Mitbürger vorzustellen, wie er diesem Gedanken nachhing und ihm
Ausdruck verlieh? Ein Mann, der fest und zweifellos in seinem Berufe
steht, kennt nur diesen, weiß nur von diesem, schätzt nur diesen …
Plötzlich fühlte er, wie das Blut ihm heiß zum Kopfe stieg, wie er
errötete bei einer zweiten Erinnerung, die weiter zurücklag. Er sah sich mit
seinem Bruder Christian im Garten des Mengstraßen-Hauses umhergehen,
begriffen in einem Streite, einer dieser so tief bedauernswerten erregten
Auseinandersetzungen … Christian hatte, in seiner indiskreten und
kompromittierenden Art, vor vielen Ohren eine liederliche Äußerung getan,
über welche er ihn, wütend, empört, aufs äußerste gereizt, zur Rede gestellt
hatte. Eigentlich, hatte Christian gesagt, eigentlich und im Grunde sei doch
jeder Geschäftsmann ein Betrüger … Wie? war diese insipide und
nichtswürdige Redensart ihrem Wesen nach so weit entfernt von derjenigen,
die er selbst sich soeben noch seiner Schwester gegenüber gestattet hatte?
Er hatte sich darüber entrüstet, hatte wutentbrannt dagegen protestiert …
Aber wie hatte diese schlaue, kleine Tony, gesagt? Wer sich ereifert …
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»Nein!« sagte der Senator plötzlich mit lauter Stimme, erhob mit einem
Ruck den Kopf, ließ den Fenstergriff fahren, stieß sich förmlich davon
zurück und sagte ebenso laut: »Dies ist zu Ende!« Dann räusperte er sich,
um über die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine
eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell
gesenkten Kopfes, die Hände auf dem Rücken, hin und her durch alle
Zimmer zu gehen.
»Dies ist zu Ende!« wiederholte er. »Es muß ein Ende gemacht werden!
Ich verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!« Oh, es
war unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber
befand, wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu
korrigieren! Mit Gewalt!… Laß sehen … laß sehen … was war es für ein
Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte … Die Pöppenrader
Ernte auf dem Halm? »Ich werde es tun!« sagte er mit leidenschaftlichem
Flüstern und schüttelte sogar eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger.
»Ich werde es tun!«
Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein
Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach –
und ein wenig übertrieben ausgedrückt – zu verdoppeln?… Ja, es war ein
Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen Anfang,
einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war, ergab nur
eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es, dann war er
wieder hergestellt, dann würde er wieder wagen, dann würde er das Glück
und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen Klammern halten …
Nein, den Herren Strunck & Hagenström würde dieser Fang leider
entgehen! Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von
persönlichen Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!… In der Tat, das
Persönliche war hier das Entscheidende. Es war kein gewöhnliches
Geschäft, das man kühl und in den üblichen Formen erledigt. Es trug
vielmehr, wie es durch Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den
Charakter einer Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit
zu behandeln war. Ach nein, Hermann Hagenström wäre wohl kaum der
Mann dafür gewesen!… Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur
und auch beim Verkaufe, nachher, würde er sie bei Gott zu benutzen
wissen! Andererseits aber erwies er dem bedrängten Gutsherrn einen
Ruck den Kopf, ließ den Fenstergriff fahren, stieß sich förmlich davon
zurück und sagte ebenso laut: »Dies ist zu Ende!« Dann räusperte er sich,
um über die unangenehme Empfindung hinwegzukommen, die seine
eigene, einsame Stimme ihm verursachte, wandte sich und begann, schnell
gesenkten Kopfes, die Hände auf dem Rücken, hin und her durch alle
Zimmer zu gehen.
»Dies ist zu Ende!« wiederholte er. »Es muß ein Ende gemacht werden!
Ich verbummele, ich versumpfe, ich werde alberner als Christian!« Oh, es
war unendlich dankenswert, daß er sich nicht in Unwissenheit darüber
befand, wie es mit ihm stand! Nun war es in seine Hand gegeben, sich zu
korrigieren! Mit Gewalt!… Laß sehen … laß sehen … was war es für ein
Angebot, das ihm da gemacht worden war? Die Ernte … Die Pöppenrader
Ernte auf dem Halm? »Ich werde es tun!« sagte er mit leidenschaftlichem
Flüstern und schüttelte sogar eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger.
»Ich werde es tun!«
Es war ja wohl das, was man einen Coup nennt? Eine Gelegenheit, ein
Kapital von, sagen wir einmal, vierzigtausend Kurantmark ganz einfach –
und ein wenig übertrieben ausgedrückt – zu verdoppeln?… Ja, es war ein
Fingerzeig, ein Wink, sich zu erheben! Es handelte sich um einen Anfang,
einen ersten Streich, und das Risiko, das damit verbunden war, ergab nur
eine Widerlegung mehr aller moralischen Skrupeln. Gelang es, dann war er
wieder hergestellt, dann würde er wieder wagen, dann würde er das Glück
und die Macht wieder mit diesen inneren elastischen Klammern halten …
Nein, den Herren Strunck & Hagenström würde dieser Fang leider
entgehen! Es gab am Orte eine Firma, die in diesem Falle infolge von
persönlichen Verbindungen denn doch die Vorhand hatte!… In der Tat, das
Persönliche war hier das Entscheidende. Es war kein gewöhnliches
Geschäft, das man kühl und in den üblichen Formen erledigt. Es trug
vielmehr, wie es durch Tonys Vermittlung eingeleitet worden, halbwegs den
Charakter einer Privatangelegenheit, die mit Diskretion und Verbindlichkeit
zu behandeln war. Ach nein, Hermann Hagenström wäre wohl kaum der
Mann dafür gewesen!… Thomas benutzte als Kaufmann die Konjunktur
und auch beim Verkaufe, nachher, würde er sie bei Gott zu benutzen
wissen! Andererseits aber erwies er dem bedrängten Gutsherrn einen
Page 449
Dienst, zu dem er, durch die Freundschaft Tonys mit Frau von Maiboom,
ganz allein berufen war. Schreiben also … heute abend noch schreiben –
nicht auf dem Geschäftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem
Privatbriefbogen, auf dem nur »Senator Buddenbrook« gedruckt stand – in
rücksichtsvollster Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den
nächsten Tagen genehm sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter
Grund und Boden, auf dem man sich mit einiger Grazie bewegen mußte …
Desto mehr etwas für ihn!
Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte
sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle
Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn
Marcus, an Hermann Hagenström, Christian und Tony, sah die gelbreife
Ernte von Pöppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem
allgemeinen Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen würde,
verwarf zornig alle Bedenken, schüttelte seine Hand und sagte: »Ich werde
es tun!«
Frau Permaneder öffnete die Tür zum Speisezimmer und rief: »Gute
Nacht!« Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an
der Haustür verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe
beieinanderliegenden braunen Augen lag der rätselhafte Schimmer, den die
Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr stehen,
fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe seines
Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe begeben
zu wollen.
Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder
auf. Er dachte an die Säcke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche
die Böden des »Löwen«, des »Walfisches«, der »Eiche« und der »Linde«
füllen sollten, sann über dem Preise, dem – oh, durchaus nicht
unanständigen Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht
leise ins Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in
einem Zuge einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pöppenrade, einen
Brief, der, als er ihn mit fieberheißem und schwerem Kopfe durchlas, ihm
als der beste und taktvollste seines Lebens erschien.
ganz allein berufen war. Schreiben also … heute abend noch schreiben –
nicht auf dem Geschäftspapier mit Firmendruck, sondern auf einem
Privatbriefbogen, auf dem nur »Senator Buddenbrook« gedruckt stand – in
rücksichtsvollster Weise schreiben und fragen, ob ein Besuch in den
nächsten Tagen genehm sei. Eine heikle Sache immerhin. Ein etwas glatter
Grund und Boden, auf dem man sich mit einiger Grazie bewegen mußte …
Desto mehr etwas für ihn!
Und seine Schritte wurden noch geschwinder, sein Atem tiefer. Er setzte
sich einen Augenblick, sprang auf und wanderte aufs neue durch alle
Zimmer. Er durchdachte das Ganze noch einmal, er dachte an Herrn
Marcus, an Hermann Hagenström, Christian und Tony, sah die gelbreife
Ernte von Pöppenrade im Winde schwanken, phantasierte von dem
allgemeinen Aufschwung der Firma, der diesem Coup folgen würde,
verwarf zornig alle Bedenken, schüttelte seine Hand und sagte: »Ich werde
es tun!«
Frau Permaneder öffnete die Tür zum Speisezimmer und rief: »Gute
Nacht!« Er antwortete, ohne es zu wissen. Gerda, von der sich Christian an
der Haustür verabschiedet hatte, trat ein, und in ihren seltsamen, nahe
beieinanderliegenden braunen Augen lag der rätselhafte Schimmer, den die
Musik ihnen zu geben pflegt. Der Senator blieb mechanisch vor ihr stehen,
fragte mechanisch nach dem spanischen Virtuosen und dem Verlaufe seines
Konzertes und versicherte dann, sogleich sich ebenfalls zur Ruhe begeben
zu wollen.
Aber er ging nicht zur Ruhe, sondern nahm seine Wanderung wieder
auf. Er dachte an die Säcke mit Weizen, Roggen, Hafer und Gerste, welche
die Böden des »Löwen«, des »Walfisches«, der »Eiche« und der »Linde«
füllen sollten, sann über dem Preise, dem – oh, durchaus nicht
unanständigen Preise, den er zu bieten beabsichtigte, stieg um Mitternacht
leise ins Kontor hinunter und schrieb bei Herrn Marcus' Stearinkerze in
einem Zuge einen Brief an Herrn von Maiboom auf Pöppenrade, einen
Brief, der, als er ihn mit fieberheißem und schwerem Kopfe durchlas, ihm
als der beste und taktvollste seines Lebens erschien.
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Das war in der Nacht vor dem 27. Mai. Am nächsten Tage eröffnete er
seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, daß er die Sache nun
von allen Seiten betrachtet habe und daß er Herrn von Maiboom nicht
einfach einen Korb geben und an den nächsten Beutelschneider verweisen
könne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr
von dort mit einem Mietswagen über Land.
Seine Laune war vortrefflich in den nächsten Tagen, sein Gang elastisch
und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte herzlich
über Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine ganze Stunde
lang mit Hanno auf dem »Altan« in der zweiten Etage, indem er seinem
Sohne half, winzige Getreidesäcke an einem kleinen, ziegelroten Speicher
hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten Rufe der Arbeiter
nachahmte … und hielt in der Bürgerschaftssitzung vom 3. Juni über den
langweiligsten Gegenstand von der Welt, über irgendeine Steuerfrage, eine
so ausgezeichnete und witzige Rede, daß er in allen Stücken Recht bekam
und Konsul Hagenström, der ihm opponiert hatte, der allgemeinen
Heiterkeit anheimfiel.
Fünftes Kapitel
War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite – es fehlte
nicht viel, so wäre er über eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch
Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den
Familienpapieren beschäftigte, aller Welt verkündet ward: die Tatsache, daß
in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Gründungstag der Firma
angenommen war, und daß die hundertste Wiederkehr dieses Tages
bevorstand.
Fast schien es, daß Thomas sich unangenehm berührt fühlte, als Tony
ihn mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung
seiner Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still
geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er das
Kontor verlassen, um, von Unruhe erfaßt, einsam im Garten umherzugehen,
dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben und
seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er sprach
seiner Schwester in leichter und humoristischer Weise, daß er die Sache nun
von allen Seiten betrachtet habe und daß er Herrn von Maiboom nicht
einfach einen Korb geben und an den nächsten Beutelschneider verweisen
könne. Am 30. des Monats unternahm er eine Reise nach Rostock und fuhr
von dort mit einem Mietswagen über Land.
Seine Laune war vortrefflich in den nächsten Tagen, sein Gang elastisch
und frei, sein Mienenspiel verbindlich. Er neckte Klothilde, lachte herzlich
über Christian, scherzte mit Tony, spielte am Sonntag eine ganze Stunde
lang mit Hanno auf dem »Altan« in der zweiten Etage, indem er seinem
Sohne half, winzige Getreidesäcke an einem kleinen, ziegelroten Speicher
hinaufzuwinden und dabei die hohlen und gedehnten Rufe der Arbeiter
nachahmte … und hielt in der Bürgerschaftssitzung vom 3. Juni über den
langweiligsten Gegenstand von der Welt, über irgendeine Steuerfrage, eine
so ausgezeichnete und witzige Rede, daß er in allen Stücken Recht bekam
und Konsul Hagenström, der ihm opponiert hatte, der allgemeinen
Heiterkeit anheimfiel.
Fünftes Kapitel
War es Unachtsamkeit oder Absicht von des Senators Seite – es fehlte
nicht viel, so wäre er über eine Tatsache hinweggegangen, die nun durch
Frau Permaneder, welche sich am treuesten und hingebendsten mit den
Familienpapieren beschäftigte, aller Welt verkündet ward: die Tatsache, daß
in den Dokumenten der 7. Juli des Jahres 1768 als Gründungstag der Firma
angenommen war, und daß die hundertste Wiederkehr dieses Tages
bevorstand.
Fast schien es, daß Thomas sich unangenehm berührt fühlte, als Tony
ihn mit bewegter Stimme darauf aufmerksam machte. Der Aufschwung
seiner Laune war nicht von Dauer gewesen. Allzubald war er wieder still
geworden, stiller vielleicht als vorher. Mitten in der Arbeit konnte er das
Kontor verlassen, um, von Unruhe erfaßt, einsam im Garten umherzugehen,
dann und wann wie gehemmt und aufgehalten stehenzubleiben und
seufzend die Augen mit der Hand zu bedecken. Er sagte nichts, er sprach
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sich nicht aus … Gegen wen auch? Herr Marcus war – ein erstaunlicher
Anblick – zum ersten Male in seinem Leben heftig geworden, als sein
Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschäfte mit Pöppenrade Mitteilung
gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und jede Beteiligung
abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber verriet sich Thomas an
einem Donnerstagabend auf der Straße, als sie sich mit einer Anspielung
auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch einen einzigen kurzen
Händedruck, dem er hastig und leise die Worte hinzufügte: »Ach, Tony, ich
wollte, ich hätte schon wieder verkauft!« Dann wandte er sich, jäh
abbrechend, zum Gehen und ließ Frau Antonie verdutzt und ergriffen
zurück … Dieser plötzliche Händedruck hatte etwas von ausbrechender
Verzweiflung, dieses geflüsterte Wort so viel von lange verhaltener Angst
gehabt … Als aber Tony bei der nächsten Gelegenheit versucht hatte, auf
die Sache zurückzukommen, hatte er sich in desto ablehnenderes
Schweigen gehüllt, voll Scham über die Schwäche, mit der er sich einen
Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung über seine Untauglichkeit,
dies Unternehmen vor sich selbst zu verantworten …
Nun sagte er schwerfällig und verdrießlich: »Ach, meine Liebe, ich
wollte, wir könnten das ganz einfach ignorieren!«
»Ignorieren, Tom? Unmöglich! Undenkbar! Meinst du, du könntest
diese Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt könnte die
Bedeutung dieses Tages vergessen?«
»Ich sage nicht, daß es möglich ist; ich sage, daß es mir lieber wäre, wir
könnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu feiern,
ist hübsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter Dinge ist
… Sich seiner Väter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich einig mit
ihnen weiß und sich bewußt ist, immer in ihrem Sinne gehandelt zu haben
… Käme das Jubiläum zu gelegenerer Zeit … Kurz, ich bin wenig
aufgelegt, Feste zu feiern.«
»Du mußt so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weißt
wohl, daß es eine Schande, eine Schande wäre, das hundertjährige Jubiläum
der Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorübergehen zu lassen!
Du bist jetzt nur ein bißchen nervös, und ich weiß auch warum … obgleich
Anblick – zum ersten Male in seinem Leben heftig geworden, als sein
Kompagnon ihm kurzerhand von dem Geschäfte mit Pöppenrade Mitteilung
gemacht hatte, und hatte jede Verantwortung und jede Beteiligung
abgelehnt. Seiner Schwester, Frau Permaneder, aber verriet sich Thomas an
einem Donnerstagabend auf der Straße, als sie sich mit einer Anspielung
auf die Ernte von ihm verabschiedete, durch einen einzigen kurzen
Händedruck, dem er hastig und leise die Worte hinzufügte: »Ach, Tony, ich
wollte, ich hätte schon wieder verkauft!« Dann wandte er sich, jäh
abbrechend, zum Gehen und ließ Frau Antonie verdutzt und ergriffen
zurück … Dieser plötzliche Händedruck hatte etwas von ausbrechender
Verzweiflung, dieses geflüsterte Wort so viel von lange verhaltener Angst
gehabt … Als aber Tony bei der nächsten Gelegenheit versucht hatte, auf
die Sache zurückzukommen, hatte er sich in desto ablehnenderes
Schweigen gehüllt, voll Scham über die Schwäche, mit der er sich einen
Augenblick hatte gehen lassen, voll Erbitterung über seine Untauglichkeit,
dies Unternehmen vor sich selbst zu verantworten …
Nun sagte er schwerfällig und verdrießlich: »Ach, meine Liebe, ich
wollte, wir könnten das ganz einfach ignorieren!«
»Ignorieren, Tom? Unmöglich! Undenkbar! Meinst du, du könntest
diese Tatsache unterschlagen? Meinst du, die ganze Stadt könnte die
Bedeutung dieses Tages vergessen?«
»Ich sage nicht, daß es möglich ist; ich sage, daß es mir lieber wäre, wir
könnten den Tag mit Stillschweigen begehen. Die Vergangenheit zu feiern,
ist hübsch, wenn man, was Gegenwart und Zukunft betrifft, guter Dinge ist
… Sich seiner Väter zu erinnern ist angenehm, wenn man sich einig mit
ihnen weiß und sich bewußt ist, immer in ihrem Sinne gehandelt zu haben
… Käme das Jubiläum zu gelegenerer Zeit … Kurz, ich bin wenig
aufgelegt, Feste zu feiern.«
»Du mußt so nicht reden, Tom. Du meinst es auch nicht so und weißt
wohl, daß es eine Schande, eine Schande wäre, das hundertjährige Jubiläum
der Firma Johann Buddenbrook sang- und klanglos vorübergehen zu lassen!
Du bist jetzt nur ein bißchen nervös, und ich weiß auch warum … obgleich
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eigentlich gar keine Ursache dafür vorhanden ist … Aber wenn der Tag da
ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle …«
Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu übergehen.
Nicht lange, so tauchte in den »Anzeigen« eine vorbereitende Notiz auf, die
eine ausführliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen
Handelshauses für den Festtag selbst in Aussicht stellte – und es hätte ihrer
kaum bedurft, um die wohllöbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu
machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Kröger der erste, der am
Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder
sorgte dafür, daß, war das Dessert abgetragen, die ehrwürdige Ledermappe
mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und daß man als
Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan
Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Großvater, des Gründers der Firma, bekannt
waren, eingehend beschäftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten
Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestürzt und
wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem
religiösen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurück bis ins
16. Jahrhundert zu dem ältesten Buddenbrook, der bekannt, zu dem, der zu
Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in Rostock, der
sich »sehr gut gestanden« – was unterstrichen war – und so außerordentlich
viele lebendige und tote Kinder gehabt … »Was für ein prächtiger
Mensch!« rief sie aus und machte sich daran, alte vergilbte und eingerissene
Briefe und Festpoeme vorzutragen …
*
Herr Wenzel war, wie sich versteht, am Morgen des siebenten Juli der
erste Gratulant.
»Ja, Herr Senater, hundert Jahr!« sagte er und ließ Messer und
Streichriemen behende in seinen roten Händen spielen … »Und ungefähr
die Hälfte davon, das darf ich woll sagen, hab' ich in der werten Familie
rasiert, und da erlebt man manches mit, wenn man immer der erste ist, der
den Chef zu sprechen kriegt … Der selige Herr Konsul war auch immer des
Morgens am gesprächigsten, und dann fragte er mich woll: Wenzel, fragt'
ist, dann wirst du so freudig bewegt sein, wie wir alle …«
Sie hatte recht, der Tag war nicht mit Stillschweigen zu übergehen.
Nicht lange, so tauchte in den »Anzeigen« eine vorbereitende Notiz auf, die
eine ausführliche Rekapitulation der Geschichte des altangesehenen
Handelshauses für den Festtag selbst in Aussicht stellte – und es hätte ihrer
kaum bedurft, um die wohllöbliche Kaufmannschaft aufmerksam zu
machen. Was aber die Familie betraf, so war Justus Kröger der erste, der am
Donnerstag das Bevorstehende zur Sprache brachte, und Frau Permaneder
sorgte dafür, daß, war das Dessert abgetragen, die ehrwürdige Ledermappe
mit den Familiendokumenten feierlich aufgelegt ward, und daß man als
Vorfeier sich mit den Daten, die aus dem Leben des seligen Johan
Buddenbrook, Hannos Ur-Ur-Großvater, des Gründers der Firma, bekannt
waren, eingehend beschäftigte. Wann er die Frieseln und wann die echten
Blattern gehabt, wann er vom dritten Boden auf die Darre gestürzt und
wann in ein hitzig Fieber mit Raserei verfallen, verlas sie mit einem
religiösen Ernste. Sie konnte sich nicht genug tun, sie griff zurück bis ins
16. Jahrhundert zu dem ältesten Buddenbrook, der bekannt, zu dem, der zu
Grabau Ratsherr gewesen und zu dem Gewandschneider in Rostock, der
sich »sehr gut gestanden« – was unterstrichen war – und so außerordentlich
viele lebendige und tote Kinder gehabt … »Was für ein prächtiger
Mensch!« rief sie aus und machte sich daran, alte vergilbte und eingerissene
Briefe und Festpoeme vorzutragen …
*
Herr Wenzel war, wie sich versteht, am Morgen des siebenten Juli der
erste Gratulant.
»Ja, Herr Senater, hundert Jahr!« sagte er und ließ Messer und
Streichriemen behende in seinen roten Händen spielen … »Und ungefähr
die Hälfte davon, das darf ich woll sagen, hab' ich in der werten Familie
rasiert, und da erlebt man manches mit, wenn man immer der erste ist, der
den Chef zu sprechen kriegt … Der selige Herr Konsul war auch immer des
Morgens am gesprächigsten, und dann fragte er mich woll: Wenzel, fragt'
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er, was halten Sie von dem Roggen? Soll ich verkaufen oder meinen Sie,
daß er noch steigt?…«
»Ja, Wenzel, ich kann mir das Ganze auch ohne Sie nicht denken. Ihr
Beruf, wie ich Ihnen schon manchmal sagte, hat wirklich sehr viel
Reizvolles. Wenn Sie morgens mit Ihrer Tour fertig sind, dann sind Sie
klüger als alle, denn dann haben Sie die Chefs von ungefähr allen großen
Häusern unter dem Messer gehabt und kennen die Laune von jedem
einzelnen, und darum kann Sie jeder einzelne beneiden, denn das ist sehr
interessant.«
»Da is was Wahres dran, Herr Senater. Was aber Herrn Senater seine
eigne Laune betrifft, wenn ich so sagen darf … Herr Senater sind heut'
morgen wieder ein bißchen blaß?«
»So? Ja, ich habe Kopfschmerzen, und die werden nach menschlicher
Voraussicht nicht so schnell vorübergehen, denn ich glaube, man wird mich
heute etwas in Anspruch nehmen.«
»Glaub' ich auch, Herr Senater. Die Teilnahme ist groß, die Teilnahme
ist sehr groß. Sehen Herr Senater nachher man gleich mal aus dem Fenster.
Eine Menge Fahnen! Und unten vor der Fischergrube liegen der
›Wullenwewer‹ und die ›Friederike Oeverdieck‹ mit allen Wimpeln …«
»Na, machen Sie also schnell, Wenzel, ich habe keine Zeit zu
verlieren.« –
Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu
seinem hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die
weiße Pikeeweste sehen ließ. Besuche waren für den Vormittag zu erwarten.
Er warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, ließ noch einmal die
langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und wandte
sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann … Wäre erst
dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen
Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während
des ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert
Menschen mit Takt und Würde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht
und sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste,
daß er noch steigt?…«
»Ja, Wenzel, ich kann mir das Ganze auch ohne Sie nicht denken. Ihr
Beruf, wie ich Ihnen schon manchmal sagte, hat wirklich sehr viel
Reizvolles. Wenn Sie morgens mit Ihrer Tour fertig sind, dann sind Sie
klüger als alle, denn dann haben Sie die Chefs von ungefähr allen großen
Häusern unter dem Messer gehabt und kennen die Laune von jedem
einzelnen, und darum kann Sie jeder einzelne beneiden, denn das ist sehr
interessant.«
»Da is was Wahres dran, Herr Senater. Was aber Herrn Senater seine
eigne Laune betrifft, wenn ich so sagen darf … Herr Senater sind heut'
morgen wieder ein bißchen blaß?«
»So? Ja, ich habe Kopfschmerzen, und die werden nach menschlicher
Voraussicht nicht so schnell vorübergehen, denn ich glaube, man wird mich
heute etwas in Anspruch nehmen.«
»Glaub' ich auch, Herr Senater. Die Teilnahme ist groß, die Teilnahme
ist sehr groß. Sehen Herr Senater nachher man gleich mal aus dem Fenster.
Eine Menge Fahnen! Und unten vor der Fischergrube liegen der
›Wullenwewer‹ und die ›Friederike Oeverdieck‹ mit allen Wimpeln …«
»Na, machen Sie also schnell, Wenzel, ich habe keine Zeit zu
verlieren.« –
Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu
seinem hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die
weiße Pikeeweste sehen ließ. Besuche waren für den Vormittag zu erwarten.
Er warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, ließ noch einmal die
langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und wandte
sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann … Wäre erst
dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen
Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während
des ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert
Menschen mit Takt und Würde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht
und sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste,
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freundliche, ironische, scherzhafte, nachsichtige, herzliche … und vom
Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller …
Es war nicht wahr, daß er Kopfschmerzen hatte. Er war nur müde und
fühlte wieder, kaum daß der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen
unbestimmten Gram auf sich lasten … Warum hatte er gelogen? War es
nicht beständig, als hätte er seinem Übelbefinden gegenüber ein schlechtes
Gewissen? Warum? Warum?… Aber es war jetzt keine Zeit, darüber
nachzudenken.
Als er ins Eßzimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie
war schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus
schottischem Stoff, eine weiße Bluse und ein dünnes, seidenes
Zuavenjäckchen darüber, von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares.
Sie zeigte lächelnd ihre breiten, ebenmäßigen Zähne, die noch weißer
waren als ihr schönes Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen
liegenden, rätselhaften, braunen Augen mit den bläulichen Schatten,
lächelten heute.
»Ich bin schon stundenlang auf den Füßen; woraus du schließen kannst,
wie enthusiastisch meine Glückwünsche sind.«
»Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?«
»Den allertiefsten!… Aber es ist auch möglich, daß es nur das Festliche
überhaupt ist … Was für ein Tag! Dies da, zum Beispiel«, und sie wies auf
den Frühstückstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekränzt war, »ist
Fräulein Jungmanns Werk … Übrigens irrst du, wenn du denkst, du
könntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die wichtigsten
Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der ich ebenfalls
nicht ganz unbeteiligt bin … Höre, Thomas, dies ist natürlich nur der
Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln wird. Zu Anfang will
ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich zurück, das sage ich dir.
Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein wenig gefallen ist, noch immer
von einem unverschämten Blau – was zwar zu den Flaggen … denn die
ganze Stadt ist beflaggt … sehr gut aussieht – aber es wird eine
fürchterliche Hitze geben … Komm jetzt hinüber. Dein Frühstück muß
warten. Du hättest früher aufstehen sollen. Nun mußt du die erste Rührung
auf deinen leeren Magen wirken lassen …«
Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller …
Es war nicht wahr, daß er Kopfschmerzen hatte. Er war nur müde und
fühlte wieder, kaum daß der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen
unbestimmten Gram auf sich lasten … Warum hatte er gelogen? War es
nicht beständig, als hätte er seinem Übelbefinden gegenüber ein schlechtes
Gewissen? Warum? Warum?… Aber es war jetzt keine Zeit, darüber
nachzudenken.
Als er ins Eßzimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie
war schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus
schottischem Stoff, eine weiße Bluse und ein dünnes, seidenes
Zuavenjäckchen darüber, von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares.
Sie zeigte lächelnd ihre breiten, ebenmäßigen Zähne, die noch weißer
waren als ihr schönes Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen
liegenden, rätselhaften, braunen Augen mit den bläulichen Schatten,
lächelten heute.
»Ich bin schon stundenlang auf den Füßen; woraus du schließen kannst,
wie enthusiastisch meine Glückwünsche sind.«
»Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?«
»Den allertiefsten!… Aber es ist auch möglich, daß es nur das Festliche
überhaupt ist … Was für ein Tag! Dies da, zum Beispiel«, und sie wies auf
den Frühstückstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekränzt war, »ist
Fräulein Jungmanns Werk … Übrigens irrst du, wenn du denkst, du
könntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die wichtigsten
Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der ich ebenfalls
nicht ganz unbeteiligt bin … Höre, Thomas, dies ist natürlich nur der
Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln wird. Zu Anfang will
ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich zurück, das sage ich dir.
Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein wenig gefallen ist, noch immer
von einem unverschämten Blau – was zwar zu den Flaggen … denn die
ganze Stadt ist beflaggt … sehr gut aussieht – aber es wird eine
fürchterliche Hitze geben … Komm jetzt hinüber. Dein Frühstück muß
warten. Du hättest früher aufstehen sollen. Nun mußt du die erste Rührung
auf deinen leeren Magen wirken lassen …«
Page 455
Die Konsulin, Christian, Klothilde, Ida Jungmann, Frau Permaneder
und Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht
ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel,
aufrecht … Die Konsulin umarmte ihren Ältesten in tiefer Bewegung.
»Mein lieber Sohn, das ist ein schöner Tag … ein schöner Tag …«
wiederholte sie. »Wir dürfen niemals aufhören, Gott in unseren Herzen zu
preisen für alle Gnade … für alle Gnade …« Sie weinte.
Den Senator befiel eine Schwäche in dieser Umarmung. Es war, als ob
in seinem Inneren sich etwas löste und ihn verließ. Seine Lippen bebten.
Ein hinfälliges Bedürfnis erfüllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an ihrer
Brust, in dem zarten Parfüm, das von der weichen Seide ihres Kleides
ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen und
nichts mehr sagen zu müssen … Er küßte sie und richtete sich auf, um
seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten und
halb verlegenen Miene drückte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen war.
Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Fräulein Jungmann
betraf, so beschränkte sie sich darauf, sich sehr tief zu verbeugen, wobei
ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an ihrem flachen Busen
hing …
»Komm her, Tom«, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme;
»wir können es nun nicht mehr halten, Hanno und ich.« Sie trug die Tafel
beinahe allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer
begeisterten Überanstrengung das Bild einer verzückten Märtyrerin. Ihre
Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gerötet, und ihre Zungenspitze
spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbübischen Ausdruck an der
Oberlippe …
»Ja, nun zu euch!« sagte der Senator. »Was ist denn das? Kommt, laßt
los, wir wollen sie anlehnen.« Er stellte die Tafel neben dem Flügel aufrecht
gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen.
Der schwere, geschnitzte Nußholzrahmen umspannte einen Karton,
welcher unter Glas die Porträts der vier Inhaber der Firma Johann
Buddenbrook zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter
jedem. Da war, nach einem alten Ölgemälde angefertigt, das Bild Johan
Buddenbrooks, des Gründers, ein langer und ernster alter Herr, der mit
und Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht
ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel,
aufrecht … Die Konsulin umarmte ihren Ältesten in tiefer Bewegung.
»Mein lieber Sohn, das ist ein schöner Tag … ein schöner Tag …«
wiederholte sie. »Wir dürfen niemals aufhören, Gott in unseren Herzen zu
preisen für alle Gnade … für alle Gnade …« Sie weinte.
Den Senator befiel eine Schwäche in dieser Umarmung. Es war, als ob
in seinem Inneren sich etwas löste und ihn verließ. Seine Lippen bebten.
Ein hinfälliges Bedürfnis erfüllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an ihrer
Brust, in dem zarten Parfüm, das von der weichen Seide ihres Kleides
ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen und
nichts mehr sagen zu müssen … Er küßte sie und richtete sich auf, um
seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten und
halb verlegenen Miene drückte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen war.
Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Fräulein Jungmann
betraf, so beschränkte sie sich darauf, sich sehr tief zu verbeugen, wobei
ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an ihrem flachen Busen
hing …
»Komm her, Tom«, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme;
»wir können es nun nicht mehr halten, Hanno und ich.« Sie trug die Tafel
beinahe allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer
begeisterten Überanstrengung das Bild einer verzückten Märtyrerin. Ihre
Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gerötet, und ihre Zungenspitze
spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbübischen Ausdruck an der
Oberlippe …
»Ja, nun zu euch!« sagte der Senator. »Was ist denn das? Kommt, laßt
los, wir wollen sie anlehnen.« Er stellte die Tafel neben dem Flügel aufrecht
gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen.
Der schwere, geschnitzte Nußholzrahmen umspannte einen Karton,
welcher unter Glas die Porträts der vier Inhaber der Firma Johann
Buddenbrook zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter
jedem. Da war, nach einem alten Ölgemälde angefertigt, das Bild Johan
Buddenbrooks, des Gründers, ein langer und ernster alter Herr, der mit
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festgeschlossenen Lippen streng und willensfest über sein Jabot
hinwegblickte; da war das breite und joviale Angesicht Johann
Buddenbrooks, Jean Jacques Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die
Vatermörder geschobenen Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und
seiner großen, stark gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die
geistvollen, von religiöser Schwärmerei sprechenden Augen auf den
Beschauer gerichtet; und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in
etwas jüngeren Jahren … Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich
zwischen den Bildern hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen
1768 und 1868 bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen
aber war in hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn
seinen Nachfahren überliefert, der Spruch zu lesen: »Mein Sohn, sey mit
Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey
Nacht ruhig schlafen können.«
Die Hände auf dem Rücken betrachtete der Senator die Tafel längere
Zeit.
»Ja, ja«, sagte er plötzlich mit ziemlich spöttischem Akzent, »eine
ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache …« Dann, ernst, wenn auch ein
wenig flüchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: »Ich dank' euch
herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schönes und sinniges Geschenk!…
Was meint ihr – wohin hängen wir es? Ins Privatkontor?«
»Ja, Tom, über deinen Schreibtisch im Privatkontor!« antwortete Frau
Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und
wies hinaus.
Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen
Flaggen von allen Häusern – die ganze Fischergrube hinunter, von der
Breitenstraße bis zum Hafen, woselbst der »Wullenwewer« und die
»Friederike Oeverdieck« ihrem Reeder zu Ehren unter vollem
Wimpelschmuck lagen.
»So ist die ganze Stadt!« sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte
… »Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenströms haben
geflaggt! Ha, sie können nicht anders … Ich würde ihnen die Fenster
einwerfen …«
hinwegblickte; da war das breite und joviale Angesicht Johann
Buddenbrooks, Jean Jacques Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die
Vatermörder geschobenen Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und
seiner großen, stark gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die
geistvollen, von religiöser Schwärmerei sprechenden Augen auf den
Beschauer gerichtet; und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in
etwas jüngeren Jahren … Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich
zwischen den Bildern hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen
1768 und 1868 bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen
aber war in hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn
seinen Nachfahren überliefert, der Spruch zu lesen: »Mein Sohn, sey mit
Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey
Nacht ruhig schlafen können.«
Die Hände auf dem Rücken betrachtete der Senator die Tafel längere
Zeit.
»Ja, ja«, sagte er plötzlich mit ziemlich spöttischem Akzent, »eine
ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache …« Dann, ernst, wenn auch ein
wenig flüchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: »Ich dank' euch
herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schönes und sinniges Geschenk!…
Was meint ihr – wohin hängen wir es? Ins Privatkontor?«
»Ja, Tom, über deinen Schreibtisch im Privatkontor!« antwortete Frau
Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und
wies hinaus.
Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen
Flaggen von allen Häusern – die ganze Fischergrube hinunter, von der
Breitenstraße bis zum Hafen, woselbst der »Wullenwewer« und die
»Friederike Oeverdieck« ihrem Reeder zu Ehren unter vollem
Wimpelschmuck lagen.
»So ist die ganze Stadt!« sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte
… »Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenströms haben
geflaggt! Ha, sie können nicht anders … Ich würde ihnen die Fenster
einwerfen …«
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Er lächelte, und sie zog ihn ins Zimmer zurück an den Tisch.
»Und hier sind Telegramme, Tom … nur die ersten, persönlichen
natürlich, von der auswärtigen Familie. Die von den Geschäftsfreunden
gehen ans Kontor …«
Sie öffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den
Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehörigen in Amsterdam,
von Jürgen Kröger in Wismar … Plötzlich errötete Frau Permaneder tief.
»Er ist in seiner Art ein guter Mensch«, sagte sie und schob ihrem
Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet:
»P e r m a n e d e r«.
»Aber die Zeit vergeht«, sagte der Senator und ließ den Deckel seiner
Taschenuhr springen. »Ich möchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft
leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag …«
Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn
zurück.
»Einen Augenblick, Thomas … Du weißt, Hanno muß gleich in die
Privatstunde … Er möchte dir ein Gedicht hersagen … Komm her, Hanno.
Und nun als ob niemand da wäre. Keine Aufregung!«
Der kleine Johann mußte auch während der Ferien – denn im Juli waren
Sommerferien – Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache
mit seiner Klasse Schritt halten zu können. Irgendwo in der Vorstadt Sankt
Gertrud, in einer heißen Stube, in der es nicht zum besten roch, erwartete
ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingernägeln, um mit ihm
dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es, dem Papa
das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem Altan in der
zweiten Etage sorgfältig erlernt …
Er lehnte am Flügel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem
breiten Leinwandkragen, dem weißen Halseinsatz und dem dicken
Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine
gekreuzt, Kopf und Oberkörper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll
scheuer und unbewußter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes
Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine
»Und hier sind Telegramme, Tom … nur die ersten, persönlichen
natürlich, von der auswärtigen Familie. Die von den Geschäftsfreunden
gehen ans Kontor …«
Sie öffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den
Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehörigen in Amsterdam,
von Jürgen Kröger in Wismar … Plötzlich errötete Frau Permaneder tief.
»Er ist in seiner Art ein guter Mensch«, sagte sie und schob ihrem
Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet:
»P e r m a n e d e r«.
»Aber die Zeit vergeht«, sagte der Senator und ließ den Deckel seiner
Taschenuhr springen. »Ich möchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft
leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag …«
Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn
zurück.
»Einen Augenblick, Thomas … Du weißt, Hanno muß gleich in die
Privatstunde … Er möchte dir ein Gedicht hersagen … Komm her, Hanno.
Und nun als ob niemand da wäre. Keine Aufregung!«
Der kleine Johann mußte auch während der Ferien – denn im Juli waren
Sommerferien – Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache
mit seiner Klasse Schritt halten zu können. Irgendwo in der Vorstadt Sankt
Gertrud, in einer heißen Stube, in der es nicht zum besten roch, erwartete
ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingernägeln, um mit ihm
dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es, dem Papa
das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem Altan in der
zweiten Etage sorgfältig erlernt …
Er lehnte am Flügel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem
breiten Leinwandkragen, dem weißen Halseinsatz und dem dicken
Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine
gekreuzt, Kopf und Oberkörper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll
scheuer und unbewußter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes
Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine
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Kameraden, sondern auch seine Lehrer sich darüber lustig gemacht hatten.
Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in
die Schläfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider gesenkt, daß
die langen, braunen Wimpern auf die bläuliche Umschattung seiner Augen
fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig verzerrt.
Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen, vor
Weinen dies Gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das Herz
zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfühl, der
Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise spielte
… weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte, daß er sich
produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fähigkeit und Geistesgegenwart
prüfte, wie Papa das liebte. Hätte nur Mama lieber nichts von Aufregung
gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie war verfehlt, das fühlte er.
Da standen sie und sahen ihn an. Sie fürchteten und erwarteten, daß er
weinen werde … war es da möglich, n i c h t zu weinen? Er hob die
Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit ihrer Uhrkette spielte und ihm
in ihrer säuerlich-biderben Art mit dem Kopfe zunickte. Ein übergroßes
Bedürfnis befiel ihn, sich an sie zu schmiegen, sich von ihr fortbringen zu
lassen und nichts zu hören, als ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte:
Sei still, Hannochen, mein Jungchen, brauchst nichts hersagen …
»Nun, mein Sohn, laß hören«, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in
einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lächelte
durchaus nicht – heute so wenig wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten.
Ernst, die eine Braue emporgezogen, maß er die Gestalt des kleinen Johann
mit prüfendem, ja sogar kaltem Blick.
Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand über das glattpolierte
Holz des Flügels, ließ einen scheuen Rundblick über die Anwesenden
hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den Augen
Großmamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser, ein
wenig harter Stimme: »Schäfers Sonntagslied … Von Uhland.«
»Oh, mein Lieber, das ist nichts!« rief der Senator. »Man hängt dort
nicht am Klavier und faltet die Hände auf dem Bauche … Frei stehen! Frei
sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die Portieren!
Und nun den Kopf hoch … und die Arme ruhig hängen lassen …«
Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in
die Schläfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider gesenkt, daß
die langen, braunen Wimpern auf die bläuliche Umschattung seiner Augen
fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig verzerrt.
Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen, vor
Weinen dies Gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das Herz
zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfühl, der
Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise spielte
… weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte, daß er sich
produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fähigkeit und Geistesgegenwart
prüfte, wie Papa das liebte. Hätte nur Mama lieber nichts von Aufregung
gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie war verfehlt, das fühlte er.
Da standen sie und sahen ihn an. Sie fürchteten und erwarteten, daß er
weinen werde … war es da möglich, n i c h t zu weinen? Er hob die
Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit ihrer Uhrkette spielte und ihm
in ihrer säuerlich-biderben Art mit dem Kopfe zunickte. Ein übergroßes
Bedürfnis befiel ihn, sich an sie zu schmiegen, sich von ihr fortbringen zu
lassen und nichts zu hören, als ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte:
Sei still, Hannochen, mein Jungchen, brauchst nichts hersagen …
»Nun, mein Sohn, laß hören«, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in
einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lächelte
durchaus nicht – heute so wenig wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten.
Ernst, die eine Braue emporgezogen, maß er die Gestalt des kleinen Johann
mit prüfendem, ja sogar kaltem Blick.
Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand über das glattpolierte
Holz des Flügels, ließ einen scheuen Rundblick über die Anwesenden
hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den Augen
Großmamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser, ein
wenig harter Stimme: »Schäfers Sonntagslied … Von Uhland.«
»Oh, mein Lieber, das ist nichts!« rief der Senator. »Man hängt dort
nicht am Klavier und faltet die Hände auf dem Bauche … Frei stehen! Frei
sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die Portieren!
Und nun den Kopf hoch … und die Arme ruhig hängen lassen …«
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Hanno stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und ließ die
Arme hängen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so
tief gesenkt, daß nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich
schwammen schon Tränen darin.
»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker klang
die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag beginnt man
mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch einmal, bitte!
›Schäfers Sonntagslied‹ …«
Das war grausam, und der Senator wußte wohl, daß er dem Kinde damit
den letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge
sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren lassen! Er
sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen … »Schäfers
Sonntagslied …!« wiederholte er unerbittlich und aufmunternd …
Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und
seine kleine Rechte, die blaß und mit bläulichen Pulsadern aus dem unten
ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenärmel
hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. »Ich bin
allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus. Die
Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein übergewaltiges Mitleid mit
sich selbst machte, daß die Stimme ihm ganz und gar versagte, und daß die
Tränen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine Sehnsucht
nach gewissen Nächten überkam ihn plötzlich, in denen er, ein wenig krank,
mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida kam, um ihm
zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf seine Stirn zu
legen … Er beugte sich seitwärts, legte den Kopf auf die Hand, mit der er
sich an der Portiere hielt, und schluchzte.
»Nun, das ist kein Vergnügen!« sagte der Senator hart und gereizt und
stand auf. »Worüber weinst du? Weinen könnte man darüber, daß du selbst
an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir
eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mädchen? Was soll aus dir
werden, wenn du so fortfährst? Gedenkst du dich später immer in Tränen zu
baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?…«
Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen!
Arme hängen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so
tief gesenkt, daß nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich
schwammen schon Tränen darin.
»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker klang
die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag beginnt man
mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch einmal, bitte!
›Schäfers Sonntagslied‹ …«
Das war grausam, und der Senator wußte wohl, daß er dem Kinde damit
den letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge
sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren lassen! Er
sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen … »Schäfers
Sonntagslied …!« wiederholte er unerbittlich und aufmunternd …
Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und
seine kleine Rechte, die blaß und mit bläulichen Pulsadern aus dem unten
ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenärmel
hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. »Ich bin
allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus. Die
Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein übergewaltiges Mitleid mit
sich selbst machte, daß die Stimme ihm ganz und gar versagte, und daß die
Tränen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine Sehnsucht
nach gewissen Nächten überkam ihn plötzlich, in denen er, ein wenig krank,
mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida kam, um ihm
zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf seine Stirn zu
legen … Er beugte sich seitwärts, legte den Kopf auf die Hand, mit der er
sich an der Portiere hielt, und schluchzte.
»Nun, das ist kein Vergnügen!« sagte der Senator hart und gereizt und
stand auf. »Worüber weinst du? Weinen könnte man darüber, daß du selbst
an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir
eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mädchen? Was soll aus dir
werden, wenn du so fortfährst? Gedenkst du dich später immer in Tränen zu
baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?…«
Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen!
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»Überlege dir die Sache bis heute nachmittag«, schloß der Senator; und
während Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete
und halb vorwurfsvoll, halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er ins
Eßzimmer hinüber.
Während er eilig frühstückte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony,
Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den
Krögers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu
Mittag speisen, indes der Senator wohl oder übel bei dem Diner im
Ratskeller zugegen sein mußte, aber nicht so lange dort zu bleiben
gedachte, als daß er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem Hause
vorzufinden.
Er trank an dem bekränzten Tische den heißen Tee aus der Untertasse,
aß hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Züge aus der Zigarette.
Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den
Hals, einen Stiefel über den linken Unterarm gezogen, die Wichsbürste in
der Rechten und einen länglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur
auf die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fuße der Haupttreppe
entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbär mit seiner Visitkartenschale
seinen Platz hatte …
»Je, Herr Senater, hunnert Jahr' … un de Ein is arm, und de Anner is
riek …«
»Schön, Grobleben, is all gaut!« Und der Senator ließ ein Geldstück in
die Hand mit der Wichsbürste gleiten, worauf er über die Diele und durch
das Empfangskontor schritt, das ihr zunächst lag. Im Hauptkontor kam der
Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in
sorgfältigen Redewendungen die Glückwünsche des gesamten Personals zu
übermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz
am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die
bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu öffnen, als an die Tür
gepocht wurde, die zum vorderen Flur führte, und Gratulanten erschienen.
Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Männer, die
breitbeinig und schwer wie Bären hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit
ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mützen in den Händen
drehten. Ihr Wortführer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die
während Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete
und halb vorwurfsvoll, halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er ins
Eßzimmer hinüber.
Während er eilig frühstückte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony,
Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den
Krögers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu
Mittag speisen, indes der Senator wohl oder übel bei dem Diner im
Ratskeller zugegen sein mußte, aber nicht so lange dort zu bleiben
gedachte, als daß er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem Hause
vorzufinden.
Er trank an dem bekränzten Tische den heißen Tee aus der Untertasse,
aß hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Züge aus der Zigarette.
Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den
Hals, einen Stiefel über den linken Unterarm gezogen, die Wichsbürste in
der Rechten und einen länglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur
auf die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fuße der Haupttreppe
entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbär mit seiner Visitkartenschale
seinen Platz hatte …
»Je, Herr Senater, hunnert Jahr' … un de Ein is arm, und de Anner is
riek …«
»Schön, Grobleben, is all gaut!« Und der Senator ließ ein Geldstück in
die Hand mit der Wichsbürste gleiten, worauf er über die Diele und durch
das Empfangskontor schritt, das ihr zunächst lag. Im Hauptkontor kam der
Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in
sorgfältigen Redewendungen die Glückwünsche des gesamten Personals zu
übermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz
am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die
bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu öffnen, als an die Tür
gepocht wurde, die zum vorderen Flur führte, und Gratulanten erschienen.
Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Männer, die
breitbeinig und schwer wie Bären hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit
ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mützen in den Händen
drehten. Ihr Wortführer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die
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Stube, zog seine Hose empor und redete mit wildbewegter Stimme von
»hunnert Jahren« und »noch veelen hunnert Jahren« … Der Senator stellte
ihnen eine beträchtliche Lohnerhöhung für diese Woche in Aussicht und
entließ sie.
Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu
beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl
Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von
den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und
»Friederike Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen.
Und es kam eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen,
Kniehosen und Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger.
Schneidermeister Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen
schwarzen Rock über dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar,
Blumenhändler Iwersen gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart,
Ringen in den Ohren und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator
an guten Tagen auf der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu
nennen pflegte, rief schon in der Tür: »Es is nich d a rum, Herr Senator, ick
komm nich d a rum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt
jeder wat schenkt kriegt … öäwer dat is nicht darum …!« Dennoch nahm er
dankbar sein Geldstück entgegen … Das fand kein Ende. Als es halb elf
Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die ersten
Gäste empfange.
Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe
hinan. Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm
Spiegel, ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-
Cologne-Duft seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein
Körper sich in Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt.
Die Empfänge im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt … Er atmete
auf und trat ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul
Huneus, Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre
Tochter und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die
Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen,
woselbst sie, wie mehrere der ersten Familien, die nur dem
Buddenbrookschen Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen,
den Juli verbrachten.
»hunnert Jahren« und »noch veelen hunnert Jahren« … Der Senator stellte
ihnen eine beträchtliche Lohnerhöhung für diese Woche in Aussicht und
entließ sie.
Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu
beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl
Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von
den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und
»Friederike Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen.
Und es kam eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen,
Kniehosen und Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger.
Schneidermeister Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen
schwarzen Rock über dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar,
Blumenhändler Iwersen gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart,
Ringen in den Ohren und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator
an guten Tagen auf der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu
nennen pflegte, rief schon in der Tür: »Es is nich d a rum, Herr Senator, ick
komm nich d a rum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt
jeder wat schenkt kriegt … öäwer dat is nicht darum …!« Dennoch nahm er
dankbar sein Geldstück entgegen … Das fand kein Ende. Als es halb elf
Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die ersten
Gäste empfange.
Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe
hinan. Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm
Spiegel, ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-
Cologne-Duft seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein
Körper sich in Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt.
Die Empfänge im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt … Er atmete
auf und trat ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul
Huneus, Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre
Tochter und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die
Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen,
woselbst sie, wie mehrere der ersten Familien, die nur dem
Buddenbrookschen Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen,
den Juli verbrachten.
Page 462
Man saß nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils
beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters,
mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf; und als Konsul
Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder, der eine Million
weniger besaß, aber dafür Senator war.
Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von
musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick
geschlossen und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden
Licht durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der
sich unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der
Salon geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen
zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als
die Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer,
sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür,
ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen.
Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen,
Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches
Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt
und von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«,
widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald
drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder
kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor
Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der
weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem
Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der
Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der
geborenen Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator
Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer
außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die
verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas,
während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin
Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation erledigen
und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann
Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am
Treppengeländer gefunden und plaudert, während seine platt auf der
Oberlippe liegende Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart
beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters,
mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf; und als Konsul
Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder, der eine Million
weniger besaß, aber dafür Senator war.
Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von
musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick
geschlossen und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden
Licht durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der
sich unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der
Salon geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen
zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als
die Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer,
sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür,
ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen.
Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen,
Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches
Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt
und von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«,
widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald
drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder
kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor
Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der
weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem
Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der
Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der
geborenen Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator
Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer
außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die
verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas,
während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin
Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation erledigen
und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann
Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am
Treppengeländer gefunden und plaudert, während seine platt auf der
Oberlippe liegende Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart
Page 463
hineinatmet, mit Herrn Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen
braungrau melierter Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit
lächelndes Gesicht umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström,
dessen schöne Gattin, die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls
anwesend ist, zeigt irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne.
Einen Augenblick sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator
Buddenbrooks Rechte zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich
darauf vom Baumeister Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in
bürgerlicher Kleidung und nur durch die Länge seines Gehrockes seine
Würde andeutend, kommt mit ausgebreiteten Armen und gänzlich
verklärtem Angesicht die Treppe herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus
ist zugegen. Diejenigen Herren, die irgendeine Körperschaft, den Senat, die
Bürgerschaft, die Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen.
– Halb zwölf Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses
hat sich vor einer Viertelstunde zurückgezogen …
Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes
Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und
gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das ganze
Haus erfüllt … Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem ganzen
Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer, und
lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder zwanzig
Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit
brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von
breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt … Was geschieht? Konsul
Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug!
Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit
Programmen in der Hand schwingend!
Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der
die Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos
machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen
Baßtrompete, in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem
Gesichtsausdruck stößt, alles übrige dominiert, das Ständchen, das man
dem Hause Buddenbrook zu seinem Jubiläum bringt – es beginnt mit dem
Chorale »Nun danket alle Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über
Offenbachs »Schöne Helena« folgt, worauf zunächst ein Potpourri von
braungrau melierter Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit
lächelndes Gesicht umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström,
dessen schöne Gattin, die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls
anwesend ist, zeigt irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne.
Einen Augenblick sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator
Buddenbrooks Rechte zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich
darauf vom Baumeister Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in
bürgerlicher Kleidung und nur durch die Länge seines Gehrockes seine
Würde andeutend, kommt mit ausgebreiteten Armen und gänzlich
verklärtem Angesicht die Treppe herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus
ist zugegen. Diejenigen Herren, die irgendeine Körperschaft, den Senat, die
Bürgerschaft, die Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen.
– Halb zwölf Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses
hat sich vor einer Viertelstunde zurückgezogen …
Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes
Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und
gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das ganze
Haus erfüllt … Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem ganzen
Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer, und
lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder zwanzig
Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit
brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von
breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt … Was geschieht? Konsul
Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug!
Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit
Programmen in der Hand schwingend!
Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der
die Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos
machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen
Baßtrompete, in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem
Gesichtsausdruck stößt, alles übrige dominiert, das Ständchen, das man
dem Hause Buddenbrook zu seinem Jubiläum bringt – es beginnt mit dem
Chorale »Nun danket alle Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über
Offenbachs »Schöne Helena« folgt, worauf zunächst ein Potpourri von
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Volksliedern erklingen wird … Es ist ein ziemlich umfangreiches
Programm.
Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul,
und niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende.
Man steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert …
Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker,
Senator Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf,
bei der äußeren Tür zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur
zweiten Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in
das Gespräch seiner Gruppe und blickte im übrigen schweigsam über das
Geländer hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war
noch drückender geworden; aber Regen war nun nicht mehr
ausgeschlossen, denn den Schatten nach zu urteilen, die über das
»Einfallende Licht« hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese
Schatten waren so häufig und folgten einander so schnell, daß die beständig
wechselnde, zuckende Beleuchtung des Treppenhauses schließlich die
Augen schmerzen machte. Jeden Augenblick erlosch der Glanz des
vergoldeten Stucks, des Messingkronleuchters und der Blechinstrumente
dort unten, um gleich darauf wieder aufzublitzen … Nur einmal verweilte
der Schatten ein wenig länger als gewöhnlich, und unterdessen hörte man
mit leicht prasselndem Geräusch und in längeren Pausen fünf-, sechs- oder
siebenmal etwas Hartes auf die Scheibe des »Einfallenden Lichtes«
niederprallen: ein paar Hagelkörner ohne Zweifel. Dann erfüllte wieder
Sonnenlicht das Haus von oben bis unten.
Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter
normalen Umständen ärgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens
hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame
niederdrückt … So grämte Thomas sich über das Benehmen des kleinen
Johann, so grämte er sich über die Empfindungen, die diese ganze
Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr über diejenigen, deren er sich
beim besten Willen unfähig fühlte. Mehrere Male versuchte er sich
aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, daß dies ein
schöner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung
erfüllen müsse. Aber, obgleich der Lärm der Instrumente, das
Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven
Programm.
Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul,
und niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende.
Man steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert …
Thomas Buddenbrook hielt sich, zusammen mit Stephan Kistenmaker,
Senator Doktor Gieseke und Baumeister Voigt jenseits der Haupttreppe auf,
bei der äußeren Tür zum Rauchzimmer und unweit des Aufganges zur
zweiten Etage. Er stand an die Wand gelehnt, warf hier und da ein Wort in
das Gespräch seiner Gruppe und blickte im übrigen schweigsam über das
Geländer hinweg ins Leere. Die Hitze hatte noch zugenommen, sie war
noch drückender geworden; aber Regen war nun nicht mehr
ausgeschlossen, denn den Schatten nach zu urteilen, die über das
»Einfallende Licht« hinwegzogen, waren Wolken am Himmel. Ja, diese
Schatten waren so häufig und folgten einander so schnell, daß die beständig
wechselnde, zuckende Beleuchtung des Treppenhauses schließlich die
Augen schmerzen machte. Jeden Augenblick erlosch der Glanz des
vergoldeten Stucks, des Messingkronleuchters und der Blechinstrumente
dort unten, um gleich darauf wieder aufzublitzen … Nur einmal verweilte
der Schatten ein wenig länger als gewöhnlich, und unterdessen hörte man
mit leicht prasselndem Geräusch und in längeren Pausen fünf-, sechs- oder
siebenmal etwas Hartes auf die Scheibe des »Einfallenden Lichtes«
niederprallen: ein paar Hagelkörner ohne Zweifel. Dann erfüllte wieder
Sonnenlicht das Haus von oben bis unten.
Es gibt einen Zustand der Depression, in dem alles, was uns unter
normalen Umständen ärgert und eine gesunde Reaktion unseres Unwillens
hervorruft, uns mit einem matten, dumpfen und schweigsamen Grame
niederdrückt … So grämte Thomas sich über das Benehmen des kleinen
Johann, so grämte er sich über die Empfindungen, die diese ganze
Feierlichkeit in ihm bewirkte, und noch mehr über diejenigen, deren er sich
beim besten Willen unfähig fühlte. Mehrere Male versuchte er sich
aufzuraffen, seinen Blick zu erhellen und sich zu sagen, daß dies ein
schöner Tag sei, der ihn notwendig mit gehobener und freudiger Stimmung
erfüllen müsse. Aber, obgleich der Lärm der Instrumente, das
Stimmengewirr und der Anblick der vielen Menschen seine Nerven
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erschütterten und zusammen mit der Erinnerung an die Vergangenheit, an
seinen Vater, oftmals eine schwache Rührung in ihm aufsteigen ließen, so
überwog doch der Eindruck des Lächerlichen und Peinlichen, das für ihn
dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik,
dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung … und
dieses Gemisch von Rührung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine
matte Verzweiflung …
Um 12¼ Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing,
seinem Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die
herrschende Festlichkeit in keiner Weise berührte oder unterbrach, der aber,
seinem geschäftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn nötigte, seine
Gäste für kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nämlich
kam, als die Musik eben pausierte, in völliger Verwirrung ob der vielen
Herrschaften, der jüngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark
verwachsener Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als nötig
zwischen den Schultern trug, den einen seiner unnatürlich langen, dünnen
Arme in übertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen
zuversichtlicher Lässigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes
Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit
scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort
drüben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten
Entschuldigungen durch die Menge der Gäste, die ihm den Weg versperrte.
Seine Verschämtheit war ganz überflüssig, denn niemand achtete seiner.
Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm
mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flüchtigen
Blick, daß er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem
Bückling überreichte, und daß dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und
Voigt weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die
weitaus meisten Drahtnachrichten in bloßen Glückwünschen bestanden,
mußte während der Geschäftszeit jede Depesche sofort und unter allen
Umständen überbracht werden.
Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich
nun in der Richtung der Saallänge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei
der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten
Stockwerk gegenüber war die Öffnung zum Schacht der Winde, mit der die
seinen Vater, oftmals eine schwache Rührung in ihm aufsteigen ließen, so
überwog doch der Eindruck des Lächerlichen und Peinlichen, das für ihn
dem Ganzen anhaftete, dieser minderwertigen, akustisch verzerrten Musik,
dieser banalen, von Kursen und Diners schwatzenden Versammlung … und
dieses Gemisch von Rührung und Widerwillen gerade versetzte ihn in eine
matte Verzweiflung …
Um 12¼ Uhr, als das Programm des Stadttheater-Orchesters anfing,
seinem Ende entgegenzugehen, trat ein Zwischenfall ein, der die
herrschende Festlichkeit in keiner Weise berührte oder unterbrach, der aber,
seinem geschäftlichen Charakter zufolge, den Hausherrn nötigte, seine
Gäste für kurze Minuten zu verlassen. Die Haupttreppe herauf nämlich
kam, als die Musik eben pausierte, in völliger Verwirrung ob der vielen
Herrschaften, der jüngste Lehrling des Kontors, ein kleiner, stark
verwachsener Mensch, der seinen schamroten Kopf noch tiefer als nötig
zwischen den Schultern trug, den einen seiner unnatürlich langen, dünnen
Arme in übertriebener Weise hin und her schlenkerte, um sich das Ansehen
zuversichtlicher Lässigkeit zu geben, und mit dem anderen ein gefaltetes
Papier vor sich her trug, ein Telegramm. Im Heraufsteigen suchte er mit
scheu umherspringenden Blicken nach seinem Chef, und als er ihn dort
drüben entdeckt hatte, wand er sich mit hastig gemurmelten
Entschuldigungen durch die Menge der Gäste, die ihm den Weg versperrte.
Seine Verschämtheit war ganz überflüssig, denn niemand achtete seiner.
Ohne ihn anzusehen, und indem man fortfuhr, zu plaudern, machte man ihm
mit einer kleinen Bewegung Platz und bemerkte kaum mit einem flüchtigen
Blick, daß er dem Senator Buddenbrook das Telegramm mit einem
Bückling überreichte, und daß dieser hierauf von Kistenmaker, Gieseke und
Voigt weg mit ihm beiseite trat, um zu lesen. Auch heute, da doch die
weitaus meisten Drahtnachrichten in bloßen Glückwünschen bestanden,
mußte während der Geschäftszeit jede Depesche sofort und unter allen
Umständen überbracht werden.
Beim Aufgang zur zweiten Etage bildete der Korridor ein Knie, um sich
nun in der Richtung der Saallänge bis zur Gesindetreppe hinzuziehen, bei
der sich ein Nebeneingang zum Saale befand. Der Treppe zum zweiten
Stockwerk gegenüber war die Öffnung zum Schacht der Winde, mit der die
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Speisen aus der Küche heraufbefördert wurden, und dabei stand an der
Wand ein größerer Tisch, an welchem das Folgmädchen Silberzeug zu
putzen pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen
Lehrling den Rücken zuwandte, und erbrach die Depesche.
Plötzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, daß jeder, der es gesehen
hätte, entsetzt zurückgefahren wäre, und mit einem einzigen, kurzen,
krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, daß sie im Nu seine Kehle
austrocknete und ihn husten machte.
Er vermochte zu sagen: »Es ist gut.« Aber das Stimmengeräusch hinter
ihm machte ihn unverständlich. »Es ist gut«, wiederholte er; aber nur die
beiden ersten Wörter hatten Ton; das letzte war ein Flüstern.
Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal
andeutungsweise eine Bewegung rückwärts machte, so wiegte der bucklige
Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zögernd von einem Fuß
auf den andern. Dann vollführte er abermals seinen bizarren Bückling und
begab sich die Gesindetreppe hinunter.
Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hände, in
denen er die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und
während er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mühsam und schnell
atmete, wobei sein Oberkörper sich arbeitend vor- und rückwärts bewegte,
schüttelte er, verständnislos und wie vom Schlage gerührt, unaufhörlich
seinen Kopf hin und her. »Das bißchen Hagel … das bißchen Hagel …«
wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die
Bewegung seines Körpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen
verschleierten sich mit einem müden und fast gebrochenen Ausdruck, und
mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite.
Er öffnete die Tür zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes,
schritt er über die spiegelnde Fußbodenfläche des weiten Raumes und ließ
sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas nieder. Es
war still und kühl hier. Man vernahm das Plätschern des Springbrunnens im
Garten, eine Fliege stieß summend gegen die Fensterscheibe, und nur ein
gedämpftes Geräusch drang vom Vorplatze zu ihm.
Wand ein größerer Tisch, an welchem das Folgmädchen Silberzeug zu
putzen pflegte. Hier blieb der Senator stehen, indem er dem buckligen
Lehrling den Rücken zuwandte, und erbrach die Depesche.
Plötzlich erweiterten sich seine Augen so sehr, daß jeder, der es gesehen
hätte, entsetzt zurückgefahren wäre, und mit einem einzigen, kurzen,
krampfhaften Ruck zog er die Luft so heftig ein, daß sie im Nu seine Kehle
austrocknete und ihn husten machte.
Er vermochte zu sagen: »Es ist gut.« Aber das Stimmengeräusch hinter
ihm machte ihn unverständlich. »Es ist gut«, wiederholte er; aber nur die
beiden ersten Wörter hatten Ton; das letzte war ein Flüstern.
Da der Senator sich nicht bewegte, sich nicht umwandte, nicht einmal
andeutungsweise eine Bewegung rückwärts machte, so wiegte der bucklige
Lehrling sich noch einen Augenblick unsicher und zögernd von einem Fuß
auf den andern. Dann vollführte er abermals seinen bizarren Bückling und
begab sich die Gesindetreppe hinunter.
Senator Buddenbrook blieb an dem Tische stehen. Seine Hände, in
denen er die entfaltete Depesche hielt, hingen schlaff vor ihm nieder, und
während er noch immer mit halb offenem Munde kurz, mühsam und schnell
atmete, wobei sein Oberkörper sich arbeitend vor- und rückwärts bewegte,
schüttelte er, verständnislos und wie vom Schlage gerührt, unaufhörlich
seinen Kopf hin und her. »Das bißchen Hagel … das bißchen Hagel …«
wiederholte er sinnlos. Dann aber ward sein Atem tiefer und ruhiger, die
Bewegung seines Körpers langsamer; seine halbgeschlossenen Augen
verschleierten sich mit einem müden und fast gebrochenen Ausdruck, und
mit schwerem Kopfnicken wandte er sich zur Seite.
Er öffnete die Tür zum Saale und trat ein. Langsam, gesenkten Hauptes,
schritt er über die spiegelnde Fußbodenfläche des weiten Raumes und ließ
sich ganz hinten am Fenster auf einem der dunkelroten Ecksofas nieder. Es
war still und kühl hier. Man vernahm das Plätschern des Springbrunnens im
Garten, eine Fliege stieß summend gegen die Fensterscheibe, und nur ein
gedämpftes Geräusch drang vom Vorplatze zu ihm.
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Er legte ermattet den Kopf auf das Polster und schloß die Augen. »Es ist
gut so, es ist gut so«, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend,
befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: »Es ist ganz gut so!«
Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf
Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen,
schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen
Gästen zu gehen.
Aber in demselben Augenblick sank er mit einem Ächzen des Ekels auf
das Polster zurück. Die Musik … die Musik setzte wieder ein, mit einem
albernen Lärm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke
und Becken einen Rhythmus markierten, den die übrigen voreilig und
verspätet ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem
aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unerträglich
aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren,
zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflöte. –
Sechstes Kapitel
»O Bach! Sebastian Bach, verehrteste Frau!« rief Herr Edmund Pfühl,
Organist von Sankt Marien, der in großer Bewegung den Salon durchschritt,
während Gerda lächelnd, den Kopf in die Hand gestützt, am Flügel saß, und
Hanno, lauschend in einem Sessel, eins seiner Knie mit beiden Händen
umspannte … »Gewiß … wie Sie sagen … er ist es, durch den das
Harmonische über das Kontrapunktische den Sieg davongetragen hat … er
hat die moderne Harmonik erzeugt, gewiß! Aber wodurch? Muß ich Ihnen
sagen, wodurch? Durch die vorwärtsschreitende Entwicklung des
kontrapunktischen Stiles – Sie wissen es so gut wie ich! Was also ist das
treibende Prinzip dieser Entwicklung gewesen? Die Harmonik? O nein!
Keineswegs! Sondern die Kontrapunktik, verehrteste Frau! Die
Kontrapunktik!… Wozu, frage ich Sie, hätten wohl die absoluten
Experimente der Harmonik geführt? Ich warne … solange meine Zunge mir
gehorcht, warne ich vor den bloßen Experimenten der Harmonik!«
Sein Eifer war groß bei solchen Gesprächen, und er ließ ihm freien
Lauf, denn er fühlte sich zu Hause in diesem Salon. Jeden Mittwoch, am
gut so, es ist gut so«, murmelte er halblaut; und dann, ausatmend,
befriedigt, befreit, wiederholte er noch einmal: »Es ist ganz gut so!«
Mit gelösten Gliedern und friedevollem Gesichtsausdruck ruhte er fünf
Minuten lang. Dann richtete er sich auf, faltete das Telegramm zusammen,
schob es in die Brusttasche seines Rockes und stand auf, um zu seinen
Gästen zu gehen.
Aber in demselben Augenblick sank er mit einem Ächzen des Ekels auf
das Polster zurück. Die Musik … die Musik setzte wieder ein, mit einem
albernen Lärm, der einen Galopp bedeuten sollte und in welchem Pauke
und Becken einen Rhythmus markierten, den die übrigen voreilig und
verspätet ineinander hallenden Schallmassen nicht innehielten, einem
aufdringlichen und in seiner naiven Unbefangenheit unerträglich
aufreizenden Tohuwabohu von Knarren, Schmettern und Quinquilieren,
zerrissen von den aberwitzigen Pfiffen der Pikkoloflöte. –
Sechstes Kapitel
»O Bach! Sebastian Bach, verehrteste Frau!« rief Herr Edmund Pfühl,
Organist von Sankt Marien, der in großer Bewegung den Salon durchschritt,
während Gerda lächelnd, den Kopf in die Hand gestützt, am Flügel saß, und
Hanno, lauschend in einem Sessel, eins seiner Knie mit beiden Händen
umspannte … »Gewiß … wie Sie sagen … er ist es, durch den das
Harmonische über das Kontrapunktische den Sieg davongetragen hat … er
hat die moderne Harmonik erzeugt, gewiß! Aber wodurch? Muß ich Ihnen
sagen, wodurch? Durch die vorwärtsschreitende Entwicklung des
kontrapunktischen Stiles – Sie wissen es so gut wie ich! Was also ist das
treibende Prinzip dieser Entwicklung gewesen? Die Harmonik? O nein!
Keineswegs! Sondern die Kontrapunktik, verehrteste Frau! Die
Kontrapunktik!… Wozu, frage ich Sie, hätten wohl die absoluten
Experimente der Harmonik geführt? Ich warne … solange meine Zunge mir
gehorcht, warne ich vor den bloßen Experimenten der Harmonik!«
Sein Eifer war groß bei solchen Gesprächen, und er ließ ihm freien
Lauf, denn er fühlte sich zu Hause in diesem Salon. Jeden Mittwoch, am
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Nachmittage, erschien seine große, vierschrötige und ein wenig
hochschultrige Gestalt, in einem kaffeebraunen Leibrock, dessen Schöße
die Kniekehlen bedeckten, auf der Schwelle, und in Erwartung seiner
Partnerin öffnete er liebevoll den Bechstein-Flügel, ordnete die
Violinstimmen auf dem geschnitzten Stehpult und präludierte dann einen
Augenblick leicht und kunstvoll, indem er seinen Kopf wohlgefällig von
einer Schulter auf die andere sinken ließ.
Ein erstaunlicher Haarwuchs, eine verwirrende Menge von kleinen,
festen, fuchsbraun und graumelierten Löckchen ließ diesen Kopf
ungewöhnlich dick und schwer erscheinen, obgleich er frei auf dem langen,
mit einem sehr großen Kehlkopfknoten versehenen Halse thronte, der aus
dem Klappkragen hervorragte. Der unfrisierte, gebauschte Schnurrbart, von
der Farbe des Haupthaares, trat weiter aus dem Gesichte hervor, als die
kleine, gedrungene Nase … Unter seinen runden Augen, die braun und
blank waren, und deren Blick beim Musizieren die Dinge träumerisch zu
durchschauen und jenseits ihrer Erscheinung zu ruhen schien, war die Haut
ein wenig beutelartig geschwollen … Dies Gesicht war nicht bedeutend, es
trug zum mindesten nicht den Stempel einer starken und wachen
Intelligenz. Seine Lider waren meist halb gesenkt, und oft hing sein
rasiertes Kinn, ohne daß sich doch die Unterlippe von der oberen trennte,
schlaff und willenlos abwärts, was dem Munde einen weichen, innig
verschlossenen, stupiden und hingebenden Ausdruck verlieh, wie ihn
derjenige eines süß Schlummernden zeigt …
Übrigens kontrastierte mit dieser Weichheit seines äußeren Wesens ganz
seltsam die Strenge und Würde seines Charakters. Edmund Pfühl war ein
weithin hochgeschätzter Organist, und der Ruf seiner kontrapunktischen
Gelehrsamkeit hatte sich nicht innerhalb der Mauern seiner Vaterstadt
gehalten. Das kleine Buch über die Kirchentonarten, das er hatte drucken
lassen, wurde an zwei oder drei Konservatorien zum Privatstudium
empfohlen, und seine Fugen und Choralbearbeitungen wurden hie und da
gespielt, wo zu Gottes Ehre eine Orgel erklang. Diese Kompositionen,
sowie auch die Phantasien, die er Sonntags in der Marienkirche zum besten
gab, waren unangreifbar, makellos, erfüllt von der unerbittlichen,
imposanten, moralisch-logischen Würde des Strengen Satzes. Ihr Wesen
war fremd aller irdischen Schönheit, und was sie ausdrückten, berührte
keines Laien rein menschliches Empfinden. Es sprach aus ihnen, es
hochschultrige Gestalt, in einem kaffeebraunen Leibrock, dessen Schöße
die Kniekehlen bedeckten, auf der Schwelle, und in Erwartung seiner
Partnerin öffnete er liebevoll den Bechstein-Flügel, ordnete die
Violinstimmen auf dem geschnitzten Stehpult und präludierte dann einen
Augenblick leicht und kunstvoll, indem er seinen Kopf wohlgefällig von
einer Schulter auf die andere sinken ließ.
Ein erstaunlicher Haarwuchs, eine verwirrende Menge von kleinen,
festen, fuchsbraun und graumelierten Löckchen ließ diesen Kopf
ungewöhnlich dick und schwer erscheinen, obgleich er frei auf dem langen,
mit einem sehr großen Kehlkopfknoten versehenen Halse thronte, der aus
dem Klappkragen hervorragte. Der unfrisierte, gebauschte Schnurrbart, von
der Farbe des Haupthaares, trat weiter aus dem Gesichte hervor, als die
kleine, gedrungene Nase … Unter seinen runden Augen, die braun und
blank waren, und deren Blick beim Musizieren die Dinge träumerisch zu
durchschauen und jenseits ihrer Erscheinung zu ruhen schien, war die Haut
ein wenig beutelartig geschwollen … Dies Gesicht war nicht bedeutend, es
trug zum mindesten nicht den Stempel einer starken und wachen
Intelligenz. Seine Lider waren meist halb gesenkt, und oft hing sein
rasiertes Kinn, ohne daß sich doch die Unterlippe von der oberen trennte,
schlaff und willenlos abwärts, was dem Munde einen weichen, innig
verschlossenen, stupiden und hingebenden Ausdruck verlieh, wie ihn
derjenige eines süß Schlummernden zeigt …
Übrigens kontrastierte mit dieser Weichheit seines äußeren Wesens ganz
seltsam die Strenge und Würde seines Charakters. Edmund Pfühl war ein
weithin hochgeschätzter Organist, und der Ruf seiner kontrapunktischen
Gelehrsamkeit hatte sich nicht innerhalb der Mauern seiner Vaterstadt
gehalten. Das kleine Buch über die Kirchentonarten, das er hatte drucken
lassen, wurde an zwei oder drei Konservatorien zum Privatstudium
empfohlen, und seine Fugen und Choralbearbeitungen wurden hie und da
gespielt, wo zu Gottes Ehre eine Orgel erklang. Diese Kompositionen,
sowie auch die Phantasien, die er Sonntags in der Marienkirche zum besten
gab, waren unangreifbar, makellos, erfüllt von der unerbittlichen,
imposanten, moralisch-logischen Würde des Strengen Satzes. Ihr Wesen
war fremd aller irdischen Schönheit, und was sie ausdrückten, berührte
keines Laien rein menschliches Empfinden. Es sprach aus ihnen, es
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triumphierte sieghaft in ihnen die zur asketischen Religion gewordene
Technik, das zum Selbstzweck, zur absoluten Heiligkeit erhobene Können.
Edmund Pfühl dachte gering von aller Wohlgefälligkeit und sprach ohne
Liebe von der schönen Melodie, das ist wahr. Aber so rätselhaft es sein
mag: dennoch war er kein trockener Mensch und kein verknöcherter Gesell.
»Palestrina!« sagte er mit einer kategorischen und furchteinflößenden
Miene. Aber gleich darauf, während er am Instrumente eine Reihe von
archaistischen Kunststücken ertönen ließ, war sein Gesicht eitel Weichheit,
Entrücktheit und Schwärmerei, und als sähe er die letzte Notwendigkeit
alles Geschehens unmittelbar an der Arbeit, ruhte sein Blick in einer
heiligen Ferne … Dieser Musikantenblick, der vag und leer erscheint, weil
er in dem Reiche einer tieferen, reineren, schlackenloseren und
unbedingteren Logik weilt, als dem unserer sprachlichen Begriffe und
Gedanken.
Seine Hände waren groß, weich, scheinbar knochenlos und mit
Sommersprossen bedeckt – und weich und hohl, gleichsam als stäke ein
Bissen in seiner Speiseröhre, war die Stimme, mit welcher er Gerda
Buddenbrook begrüßte, wenn sie die Portieren zurückschlug und vom
Wohnzimmer aus eintrat: »Ihr Diener, gnädige Frau!«
Während er sich ein wenig von dem Sessel erhob und mit gesenktem
Kopfe ehrerbietig die Hand entgegennahm, die sie ihm reichte, ließ er mit
der Linken schon fest und klar die Quinten erklingen, worauf Gerda die
Stradivari ergriff und rasch, mit sicherem Gehör die Saiten stimmte.
»Das G-Moll-Konzert von Bach, Herr Pfühl. Mich dünkt, das ganze
Adagio ging noch ziemlich mangelhaft …«
Und der Organist intonierte. Kaum aber waren die ersten Akkorde
einander gefolgt, so pflegte es zu geschehen, daß langsam, ganz vorsichtig
die Tür zum Korridor geöffnet ward und mit lautloser Behutsamkeit der
kleine Johann über den Teppich zu einem Lehnsessel schlich. Dort ließ er
sich nieder, umfaßte seine Knie mit beiden Händen, verhielt sich still und
lauschte: auf die Klänge sowohl, wie auf das, was gesprochen wurde.
»Nun, Hanno, ein bißchen Musik naschen?« fragte Gerda in einer Pause
und ließ ihre nahe beieinander liegenden, umschatteten Augen, in denen das
Spiel einen feuchten Glanz entzündet hatte, zu ihm hinübergleiten …
Technik, das zum Selbstzweck, zur absoluten Heiligkeit erhobene Können.
Edmund Pfühl dachte gering von aller Wohlgefälligkeit und sprach ohne
Liebe von der schönen Melodie, das ist wahr. Aber so rätselhaft es sein
mag: dennoch war er kein trockener Mensch und kein verknöcherter Gesell.
»Palestrina!« sagte er mit einer kategorischen und furchteinflößenden
Miene. Aber gleich darauf, während er am Instrumente eine Reihe von
archaistischen Kunststücken ertönen ließ, war sein Gesicht eitel Weichheit,
Entrücktheit und Schwärmerei, und als sähe er die letzte Notwendigkeit
alles Geschehens unmittelbar an der Arbeit, ruhte sein Blick in einer
heiligen Ferne … Dieser Musikantenblick, der vag und leer erscheint, weil
er in dem Reiche einer tieferen, reineren, schlackenloseren und
unbedingteren Logik weilt, als dem unserer sprachlichen Begriffe und
Gedanken.
Seine Hände waren groß, weich, scheinbar knochenlos und mit
Sommersprossen bedeckt – und weich und hohl, gleichsam als stäke ein
Bissen in seiner Speiseröhre, war die Stimme, mit welcher er Gerda
Buddenbrook begrüßte, wenn sie die Portieren zurückschlug und vom
Wohnzimmer aus eintrat: »Ihr Diener, gnädige Frau!«
Während er sich ein wenig von dem Sessel erhob und mit gesenktem
Kopfe ehrerbietig die Hand entgegennahm, die sie ihm reichte, ließ er mit
der Linken schon fest und klar die Quinten erklingen, worauf Gerda die
Stradivari ergriff und rasch, mit sicherem Gehör die Saiten stimmte.
»Das G-Moll-Konzert von Bach, Herr Pfühl. Mich dünkt, das ganze
Adagio ging noch ziemlich mangelhaft …«
Und der Organist intonierte. Kaum aber waren die ersten Akkorde
einander gefolgt, so pflegte es zu geschehen, daß langsam, ganz vorsichtig
die Tür zum Korridor geöffnet ward und mit lautloser Behutsamkeit der
kleine Johann über den Teppich zu einem Lehnsessel schlich. Dort ließ er
sich nieder, umfaßte seine Knie mit beiden Händen, verhielt sich still und
lauschte: auf die Klänge sowohl, wie auf das, was gesprochen wurde.
»Nun, Hanno, ein bißchen Musik naschen?« fragte Gerda in einer Pause
und ließ ihre nahe beieinander liegenden, umschatteten Augen, in denen das
Spiel einen feuchten Glanz entzündet hatte, zu ihm hinübergleiten …
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Dann stand er auf und reichte mit einer stummen Verbeugung Herrn
Pfühl die Hand, der sacht und liebevoll über Hannos hellbraunes Haar
strich, das sich so weich und graziös um Stirn und Schläfen schmiegte.
»Horche du nur, mein Sohn!« sagte er mit mildem Nachdruck, und das
Kind betrachtete ein wenig scheu des Organisten großen, beim Sprechen in
die Höhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an
seinen Platz zurückbegab, als könne es die Fortsetzung des Spieles und der
Gespräche kaum erwarten.
Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven
wurden durchgeführt. Dann jedoch, während Gerda, die Geige unterm Arm,
neue Noten herbeisuchte, geschah das Überraschende, daß Herr Pfühl,
Edmund Pfühl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel
allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinüberglitt, wobei in seinem fernen
Blick eine Art verschämten Glückes erglänzte … Unter seinen Fingern hub
ein Schwellen und Blühen, ein Weben und Singen an, aus welchem sich,
leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und markiger, in
kunstvoller Kontrapunktik ein altväterisch grandioses, wunderlich
pomphaftes Marschmotiv hervorhob … Eine Steigerung, eine
Verschlingung, ein Übergang … und mit der Auflösung setzte im
fortissimo die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorüber.
Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen
Musik. Was aber Herrn Pfühl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild
empörten Widerstand gestoßen, daß sie anfangs daran verzweifelt hatte, ihn
für sich zu gewinnen.
Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und
Isolde« aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er nach
fünfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des
äußersten Ekels zwischen Erker und Flügel hin und wider geeilt.
»Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener, aber
ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik … glauben Sie mir doch … ich
habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! Dies ist das
Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein
parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der
Kunst! Ich spiele es nicht!« Und mit diesen Worten hatte er sich wieder auf
Pfühl die Hand, der sacht und liebevoll über Hannos hellbraunes Haar
strich, das sich so weich und graziös um Stirn und Schläfen schmiegte.
»Horche du nur, mein Sohn!« sagte er mit mildem Nachdruck, und das
Kind betrachtete ein wenig scheu des Organisten großen, beim Sprechen in
die Höhe wandernden Kehlkopfapfel, worauf es sich leise und schnell an
seinen Platz zurückbegab, als könne es die Fortsetzung des Spieles und der
Gespräche kaum erwarten.
Ein Satz Haydn, einige Seiten Mozart, eine Sonate von Beethoven
wurden durchgeführt. Dann jedoch, während Gerda, die Geige unterm Arm,
neue Noten herbeisuchte, geschah das Überraschende, daß Herr Pfühl,
Edmund Pfühl, Organist an Sankt Marien, mit seinem freien Zwischenspiel
allgemach in einen sehr seltsamen Stil hinüberglitt, wobei in seinem fernen
Blick eine Art verschämten Glückes erglänzte … Unter seinen Fingern hub
ein Schwellen und Blühen, ein Weben und Singen an, aus welchem sich,
leise zuerst und wieder verwehend, dann immer klarer und markiger, in
kunstvoller Kontrapunktik ein altväterisch grandioses, wunderlich
pomphaftes Marschmotiv hervorhob … Eine Steigerung, eine
Verschlingung, ein Übergang … und mit der Auflösung setzte im
fortissimo die Violine ein. Das Meistersinger-Vorspiel zog vorüber.
Gerda Buddenbrook war eine leidenschaftliche Verehrerin der neuen
Musik. Was aber Herrn Pfühl betraf, so war sie bei ihm auf einen so wild
empörten Widerstand gestoßen, daß sie anfangs daran verzweifelt hatte, ihn
für sich zu gewinnen.
Am Tage, da sie ihm zum ersten Male Klavierauszüge aus »Tristan und
Isolde« aufs Pult gelegt und ihn gebeten hatte, ihr vorzuspielen, war er nach
fünfundzwanzig Takten aufgesprungen und mit allen Anzeichen des
äußersten Ekels zwischen Erker und Flügel hin und wider geeilt.
»Ich spiele dies nicht, gnädige Frau, ich bin Ihr ergebenster Diener, aber
ich spiele dies nicht! Das ist keine Musik … glauben Sie mir doch … ich
habe mir immer eingebildet, ein wenig von Musik zu verstehen! Dies ist das
Chaos! Dies ist Demagogie, Blasphemie und Wahnwitz! Dies ist ein
parfümierter Qualm, in dem es blitzt! Dies ist das Ende aller Moral in der
Kunst! Ich spiele es nicht!« Und mit diesen Worten hatte er sich wieder auf
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den Sessel geworfen und, während sein Kehlkopf auf und nieder wanderte,
unter Schlucken und hohlem Husten weitere fünfundzwanzig Takte
hervorgebracht, um dann das Klavier zu schließen und zu rufen:
»Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir,
verehrteste Frau, ich rede offen … Sie honorieren mich, Sie bezahlen mich
seit Jahr und Tag für meine Dienste … und ich bin ein Mann in
bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte
darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen …! Und das
Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise hereingekommen,
um Musik zu hören! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und gar
vergiften?« …
Aber so fürchterlich er sich gebärdete, – langsam und Schritt für Schritt,
durch Gewöhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herüber.
»Pfühl«, sagte sie, »seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe.
Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie … Sie
finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber
bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten
Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat … und Bach selbst, mein Gott,
man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!… Sie sprechen von
Moral … aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich nicht
irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den haben Sie
hier. So gut wie bei Bach. Großartiger, bewußter, vertiefter als bei Bach.
Glauben Sie mir, Pfühl, diese Musik ist Ihrem innersten Wesen weniger
fremd, als Sie annehmen!«
»Gaukelei und Sophismen – um Vergebung«, murrte Herr Pfühl. Aber
sie behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er
anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan söhnte er sich niemals vollständig
aus, obgleich er Gerdas Bitte, den »Liebestod« für Violine und Pianoforte
zu setzen, schließlich mit vielem Geschick erfüllte. Gewisse Partien der
»Meistersinger« waren es, für die er zuerst ein oder das andere Wort der
Anerkennung fand … und nun begann unwiderstehlich erstarkend die Liebe
zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand sie nicht, er erschrak fast
darüber und verleugnete sie mit Murren. Aber seine Partnerin brauchte nun
nicht mehr in ihn zu dringen, damit er, hatten die alten Meister ihr Recht
unter Schlucken und hohlem Husten weitere fünfundzwanzig Takte
hervorgebracht, um dann das Klavier zu schließen und zu rufen:
»Pfui! Nein, Herr du mein Gott, dies geht zu weit! Verzeihen Sie mir,
verehrteste Frau, ich rede offen … Sie honorieren mich, Sie bezahlen mich
seit Jahr und Tag für meine Dienste … und ich bin ein Mann in
bescheidener Lebenslage. Aber ich lege mein Amt nieder, ich verzichte
darauf, wenn Sie mich zu diesen Ruchlosigkeiten zwingen …! Und das
Kind, dort sitzt das Kind auf seinem Stuhle! Es ist leise hereingekommen,
um Musik zu hören! Wollen Sie seinen Geist denn ganz und gar
vergiften?« …
Aber so fürchterlich er sich gebärdete, – langsam und Schritt für Schritt,
durch Gewöhnung und Zureden, zog sie ihn zu sich herüber.
»Pfühl«, sagte sie, »seien Sie billig und nehmen Sie die Sache mit Ruhe.
Seine ungewohnte Art im Gebrauch der Harmonien verwirrt Sie … Sie
finden, im Vergleich damit, Beethoven rein, klar und natürlich. Aber
bedenken Sie, wie Beethoven seine nach alter Weise gebildeten
Zeitgenossen aus der Fassung gebracht hat … und Bach selbst, mein Gott,
man warf ihm Mangel an Wohlklang und Klarheit vor!… Sie sprechen von
Moral … aber was verstehen Sie unter Moral in der Kunst? Wenn ich nicht
irre, ist sie der Gegensatz zu allem Hedonismus? Nun gut, den haben Sie
hier. So gut wie bei Bach. Großartiger, bewußter, vertiefter als bei Bach.
Glauben Sie mir, Pfühl, diese Musik ist Ihrem innersten Wesen weniger
fremd, als Sie annehmen!«
»Gaukelei und Sophismen – um Vergebung«, murrte Herr Pfühl. Aber
sie behielt recht: diese Musik war ihm im Grunde weniger fremd, als er
anfangs glaubte. Zwar mit dem Tristan söhnte er sich niemals vollständig
aus, obgleich er Gerdas Bitte, den »Liebestod« für Violine und Pianoforte
zu setzen, schließlich mit vielem Geschick erfüllte. Gewisse Partien der
»Meistersinger« waren es, für die er zuerst ein oder das andere Wort der
Anerkennung fand … und nun begann unwiderstehlich erstarkend die Liebe
zu dieser Kunst sich in ihm zu regen. Er gestand sie nicht, er erschrak fast
darüber und verleugnete sie mit Murren. Aber seine Partnerin brauchte nun
nicht mehr in ihn zu dringen, damit er, hatten die alten Meister ihr Recht
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erhalten, seine Griffe kompliziere und, mit jenem Ausdrucke eines
verschämten und fast ärgerlichen Glückes im Blick, in das Leben und
Weben der Leitmotive hinüberführe. Nach dem Spiele aber entspann sich
vielleicht eine Auseinandersetzung über die Beziehungen dieses Kunststiles
zu dem des Strengen Satzes, und eines Tages erklärte Herr Pfühl, er sähe
sich, obgleich das Thema ihn persönlich ja nicht berühre, nun doch
verpflichtet, seinem Buche über den Kirchenstil einen Anhang »über die
Anwendung der alten Tonarten in Richard Wagners Kirchen- und
Volksmusik« hinzuzufügen.
Hanno saß ganz still, die kleinen Hände um sein Knie gefaltet und, wie
er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein
Mund ein wenig verzogen wurde. Mit großen, unverwandten Augen
beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfühl. Er lauschte auf ihr Spiel und
auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß, nach den ersten Schritten, die er
auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer außerordentlich
ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde. Kaum hie und da
verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und was erklang,
ging meist weit über sein kindliches Verständnis hinaus. Wenn er dennoch
immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde für Stunde reglos an
seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und Ehrfurcht, die ihn
dazu vermochten.
Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse
Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am
Flügel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lächelnd zu, verbesserte seine
mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn darin,
warum gerade dieser Ton nicht fehlen dürfe, damit sich aus diesem Akkord
der andere ergäbe. Und sein Gehör bestätigte ihm, was sie ihm sagte.
Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewähren lassen,
beschloß sie, daß er Klavierunterricht bekommen sollte.
»Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum«, sagte sie zu Herrn
Pfühl, »und ich bin eigentlich froh darüber, denn es hat seine
Schattenseiten. Ich rede nicht über die Abhängigkeit des Solisten von der
Begleitung, obgleich sie unter Umständen sehr empfindlich werden kann,
und wenn ich Sie nicht hätte … Aber dann besteht immer die Gefahr, daß
verschämten und fast ärgerlichen Glückes im Blick, in das Leben und
Weben der Leitmotive hinüberführe. Nach dem Spiele aber entspann sich
vielleicht eine Auseinandersetzung über die Beziehungen dieses Kunststiles
zu dem des Strengen Satzes, und eines Tages erklärte Herr Pfühl, er sähe
sich, obgleich das Thema ihn persönlich ja nicht berühre, nun doch
verpflichtet, seinem Buche über den Kirchenstil einen Anhang »über die
Anwendung der alten Tonarten in Richard Wagners Kirchen- und
Volksmusik« hinzuzufügen.
Hanno saß ganz still, die kleinen Hände um sein Knie gefaltet und, wie
er zu tun pflegte, die Zunge an einem Backenzahn scheuernd, wodurch sein
Mund ein wenig verzogen wurde. Mit großen, unverwandten Augen
beobachtete er seine Mutter und Herrn Pfühl. Er lauschte auf ihr Spiel und
auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß, nach den ersten Schritten, die er
auf seinem Lebenswege getan, er der Musik als einer außerordentlich
ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde. Kaum hie und da
verstand er ein Wort von dem, was gesprochen wurde, und was erklang,
ging meist weit über sein kindliches Verständnis hinaus. Wenn er dennoch
immer wiederkam und ohne sich zu langweilen Stunde für Stunde reglos an
seinem Platze ausharrte, so waren es Glaube, Liebe und Ehrfurcht, die ihn
dazu vermochten.
Er war erst sieben Jahre alt, als er mit Versuchen begann, gewisse
Klangverbindungen, die Eindruck auf ihn gemacht, auf eigene Hand am
Flügel zu wiederholen. Seine Mutter sah ihm lächelnd zu, verbesserte seine
mit stummem Eifer zusammengesuchten Griffe und unterwies ihn darin,
warum gerade dieser Ton nicht fehlen dürfe, damit sich aus diesem Akkord
der andere ergäbe. Und sein Gehör bestätigte ihm, was sie ihm sagte.
Nachdem Gerda Buddenbrook ihn ein wenig hatte gewähren lassen,
beschloß sie, daß er Klavierunterricht bekommen sollte.
»Ich glaube, er inkliniert nicht zum Solistentum«, sagte sie zu Herrn
Pfühl, »und ich bin eigentlich froh darüber, denn es hat seine
Schattenseiten. Ich rede nicht über die Abhängigkeit des Solisten von der
Begleitung, obgleich sie unter Umständen sehr empfindlich werden kann,
und wenn ich Sie nicht hätte … Aber dann besteht immer die Gefahr, daß
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man in mehr oder minder vollendetes Virtuosentum gerät … Sehen Sie, ich
weiß ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen, ich bin der
Ansicht, daß für den Solisten eigentlich die Musik erst mit einem sehr
hohen Grade von Können beginnt. Die angestrengte Konzentration auf die
Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei die Polyphonie nur
als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewußtsein kommt, kann bei
mittelmäßig Begabten ganz leicht eine Verkümmerung des harmonischen
Sinnes und des Gedächtnisses für Harmonien zur Folge haben, die später
schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es ziemlich weit
mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir höher … Ich sage nur
dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit einem Mittel, die
vielfältigsten und reichsten Tongebilde zu resümieren, einem
unübertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet für mich
ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik … Hören
Sie, Pfühl, ich möchte Sie gleich selbst für ihn in Anspruch nehmen, seien
Sie so gut! Ich weiß wohl, es gibt hier in der Stadt noch zwei oder drei
Leute – ich glaube, weiblichen Geschlechts –, die Unterricht geben; aber
das sind eben Klavierlehrerinnen … Sie verstehen mich … Es kommt so
wenig darauf an, auf ein Instrument dressiert zu werden, sondern vielmehr
darauf, ein wenig von Musik zu verstehen, nicht wahr?… Auf Sie verlasse
ich mich. Sie nehmen die Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden
ganz guten Erfolg mit ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hände …
Die Buddenbrooks können alle Nonen und Dezimen greifen. – Aber sie
haben noch niemals Gewicht darauf gelegt«, schloß sie lachend, und Herr
Pfühl erklärte sich bereit, den Unterricht zu übernehmen.
Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, während
Gerda im Wohnzimmer saß, mit dem kleinen Johann zu beschäftigen. Er
ging in nicht gewöhnlicher Art dabei vor, denn er fühlte, daß er dem
stummen und leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es
ein bißchen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und
Elementarste überwunden, als er schon anfing, in leicht faßlicher Form zu
theoretisieren und seinen Schüler die Grundlagen der Harmonielehre sehen
zu lassen. Und Hanno verstand; denn man bestätigte ihm nur, was er
eigentlich von jeher schon gewußt hatte.
Soweit wie nur immer möglich, trug Herr Pfühl dem sehnsüchtigen
Vorwärtsdrängen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er
weiß ein Lied davon zu singen. Ich bekenne Ihnen offen, ich bin der
Ansicht, daß für den Solisten eigentlich die Musik erst mit einem sehr
hohen Grade von Können beginnt. Die angestrengte Konzentration auf die
Oberstimme, ihre Phrasierung und Tonbildung, wobei die Polyphonie nur
als etwas sehr Vages und Allgemeines zum Bewußtsein kommt, kann bei
mittelmäßig Begabten ganz leicht eine Verkümmerung des harmonischen
Sinnes und des Gedächtnisses für Harmonien zur Folge haben, die später
schwer zu korrigieren ist. Ich liebe meine Geige und habe es ziemlich weit
mit ihr gebracht, aber eigentlich steht das Klavier mir höher … Ich sage nur
dies: die Vertrautheit mit dem Klavier, als mit einem Mittel, die
vielfältigsten und reichsten Tongebilde zu resümieren, einem
unübertrefflichen Mittel zur musikalischen Reproduktion, bedeutet für mich
ein intimeres, klareres und umfassenderes Verhältnis zur Musik … Hören
Sie, Pfühl, ich möchte Sie gleich selbst für ihn in Anspruch nehmen, seien
Sie so gut! Ich weiß wohl, es gibt hier in der Stadt noch zwei oder drei
Leute – ich glaube, weiblichen Geschlechts –, die Unterricht geben; aber
das sind eben Klavierlehrerinnen … Sie verstehen mich … Es kommt so
wenig darauf an, auf ein Instrument dressiert zu werden, sondern vielmehr
darauf, ein wenig von Musik zu verstehen, nicht wahr?… Auf Sie verlasse
ich mich. Sie nehmen die Sache ernster. Und Sie sollen sehen, Sie werden
ganz guten Erfolg mit ihm haben. Er hat die Buddenbrookschen Hände …
Die Buddenbrooks können alle Nonen und Dezimen greifen. – Aber sie
haben noch niemals Gewicht darauf gelegt«, schloß sie lachend, und Herr
Pfühl erklärte sich bereit, den Unterricht zu übernehmen.
Von nun an kam er auch am Montagnachmittag, um sich, während
Gerda im Wohnzimmer saß, mit dem kleinen Johann zu beschäftigen. Er
ging in nicht gewöhnlicher Art dabei vor, denn er fühlte, daß er dem
stummen und leidenschaftlichen Eifer des Kindes mehr schuldig war, als es
ein bißchen auf dem Klavier spielen zu lehren. Kaum war das Erste und
Elementarste überwunden, als er schon anfing, in leicht faßlicher Form zu
theoretisieren und seinen Schüler die Grundlagen der Harmonielehre sehen
zu lassen. Und Hanno verstand; denn man bestätigte ihm nur, was er
eigentlich von jeher schon gewußt hatte.
Soweit wie nur immer möglich, trug Herr Pfühl dem sehnsüchtigen
Vorwärtsdrängen des Kindes Rechnung. Mit liebevoller Sorgfalt war er
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darauf bedacht, die Bleigewichte zu erleichtern, mit denen die Materie die
Füße der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er verlangte nicht
allzu streng eine große Fingerfertigkeit beim Üben der Tonleitern, oder sie
war ihm doch nicht der Zweck dieser Übungen. Was er bezweckte und
schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und eindringliche
Übersicht über alle Tonarten, eine innere und überblickende Vertrautheit mit
ihren Verwandtschaften und Verbindungen, aus welcher nach gar nicht
langer Zeit sich jener rasche Blick für viele Kombinationsmöglichkeiten,
jenes intuitive Herrschaftsgefühl über die Klaviatur ergab, das zur Phantasie
und Improvisation verführt … Mit einer rührenden Feinfühligkeit würdigte
er die geistigen Bedürfnisse dieses kleinen, vom Hören verwöhnten
Schülers, die auf einen ernsten Stil gerichtet waren. Er ernüchterte die Tiefe
und Feierlichkeit seiner Stimmung nicht mit dem Üben banaler Liedchen.
Er ließ ihn Choräle spielen und ließ keinen Akkord sich aus dem anderen
ergeben, ohne auf die Gesetzmäßigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen.
Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der
Portieren den Gang des Unterrichtes.
»Sie übertreffen alle meine Erwartungen«, sagte sie gelegentlich zu
Herrn Pfühl. »Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu
außerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent
schöpferisch … Manchmal fängt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu
phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht
begabt genug dafür ist, so lernt er gar nichts …«
»Er verdient sie«, sagte Herr Pfühl und nickte. »Manchmal betrachte ich
seine Augen … es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hält er
verschlossen. Später einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer
fester verschließen wird, muß er eine Möglichkeit haben, zu reden …«
Sie sah ihn an, diesen vierschrötigen Musikanten mit seiner
Fuchsperücke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten
Schnurrbart und seinem großen Kehlkopf – und dann reichte sie ihm die
Hand und sagte: »Haben Sie Dank, Pfühl. Sie meinen es gut, und wir
können noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.« –
Und Hannos Dankbarkeit für diesen Lehrer, seine Hingabe an seine
Führerschaft war ohnegleichen. Er, der trotz aller Nachhilfestunden in der
Füße der Phantasie und des eifernden Talentes beschwert. Er verlangte nicht
allzu streng eine große Fingerfertigkeit beim Üben der Tonleitern, oder sie
war ihm doch nicht der Zweck dieser Übungen. Was er bezweckte und
schnell erreichte, war vielmehr eine klare, umfassende und eindringliche
Übersicht über alle Tonarten, eine innere und überblickende Vertrautheit mit
ihren Verwandtschaften und Verbindungen, aus welcher nach gar nicht
langer Zeit sich jener rasche Blick für viele Kombinationsmöglichkeiten,
jenes intuitive Herrschaftsgefühl über die Klaviatur ergab, das zur Phantasie
und Improvisation verführt … Mit einer rührenden Feinfühligkeit würdigte
er die geistigen Bedürfnisse dieses kleinen, vom Hören verwöhnten
Schülers, die auf einen ernsten Stil gerichtet waren. Er ernüchterte die Tiefe
und Feierlichkeit seiner Stimmung nicht mit dem Üben banaler Liedchen.
Er ließ ihn Choräle spielen und ließ keinen Akkord sich aus dem anderen
ergeben, ohne auf die Gesetzmäßigkeit dieses Ergebnisses hinzuweisen.
Bei ihrer Stickerei oder ihrem Buche verfolgte Gerda jenseits der
Portieren den Gang des Unterrichtes.
»Sie übertreffen alle meine Erwartungen«, sagte sie gelegentlich zu
Herrn Pfühl. »Aber gehen Sie nicht zu weit? Gehen Sie nicht zu
außerordentlich vor? Ihre Methode ist, wie mir scheint, eminent
schöpferisch … Manchmal fängt er wahrhaftig schon mit Versuchen an, zu
phantasieren. Aber wenn er Ihre Methode nicht verdient, wenn er nicht
begabt genug dafür ist, so lernt er gar nichts …«
»Er verdient sie«, sagte Herr Pfühl und nickte. »Manchmal betrachte ich
seine Augen … es liegt so vieles darin, aber seinen Mund hält er
verschlossen. Später einmal im Leben, das vielleicht seinen Mund immer
fester verschließen wird, muß er eine Möglichkeit haben, zu reden …«
Sie sah ihn an, diesen vierschrötigen Musikanten mit seiner
Fuchsperücke, seinen Beuteln unter den Augen, seinem gebauschten
Schnurrbart und seinem großen Kehlkopf – und dann reichte sie ihm die
Hand und sagte: »Haben Sie Dank, Pfühl. Sie meinen es gut, und wir
können noch gar nicht wissen, wieviel Sie an ihm tun.« –
Und Hannos Dankbarkeit für diesen Lehrer, seine Hingabe an seine
Führerschaft war ohnegleichen. Er, der trotz aller Nachhilfestunden in der
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Schule dumpf und ohne Hoffnung auf Verständnis über seiner Rechentafel
brütete, er begriff am Flügel alles, was Herr Pfühl ihm sagte, er begriff es
und eignete es sich an, wie man nur das sich aneignen kann, was einem
schon von jeher gehört hat. Edmund Pfühl aber, in seinem braunen
Schoßrock, erschien ihm wie ein großer Engel, der ihn jeden Montag
Nachmittag in die Arme nahm, um ihn aus aller alltäglichen Misere in das
klingende Reich eines milden, süßen und trostreichen Ernstes zu
entführen …
Manchmal fand der Unterricht in Herrn Pfühls Hause statt, einem
geräumigen alten Giebelhause mit vielen kühlen Gängen und Winkeln, das
der Organist ganz allein mit einer alten Wirtschafterin bewohnte. Manchmal
auch, am Sonntag, durfte der kleine Buddenbrook dem Gottesdienst in der
Marienkirche droben an der Orgel beiwohnen, und das war etwas anderes
als unten mit den anderen Leuten im Schiff zu sitzen. Hoch über der
Gemeinde, hoch noch über Pastor Pringsheim auf seiner Kanzel saßen die
beiden inmitten des Brausens der gewaltigen Klangmassen, die sie
gemeinsam entfesselten und beherrschten, denn mit glückseligem Eifer und
Stolz durfte Hanno seinem Lehrer manchmal beim Handhaben der Register
behilflich sein. Wenn aber das Nachspiel zum Chorgesang zu Ende war,
wenn Herr Pfühl langsam alle Finger von den Tasten gelöst hatte und nur
den Grund- und Baßton noch leise und feierlich hatte verhallen lassen –
wenn dann nach einer stimmungsvollen Kunstpause unter dem Schalldeckel
der Kanzel Pastor Pringsheims modulierende Stimme hervorzudringen
begann, so geschah es gar nicht selten, daß Herr Pfühl ganz einfach sich
über die Predigt zu mokieren, über Pastor Pringsheims stilisiertes
Fränkisch, seine langen, dunklen oder scharf akzentuierten Vokale, seine
Seufzer und den jähen Wechsel zwischen Finsternis und Verklärung auf
seinem Angesicht zu lachen anfing. Dann lachte auch Hanno, leise und
tiefbelustigt, denn ohne sich anzusehen und ohne es sich zu sagen, waren
die beiden dort oben der Ansicht, daß diese Predigt ein ziemlich albernes
Geschwätz und der eigentliche Gottesdienst vielmehr das sei, was der
Pastor und seine Gemeinde wohl nur für eine Beigabe zur Erhöhung der
Andacht hielten: nämlich die Musik.
Ja, das geringe Verständnis, das er unten im Schiff, unter diesen
Senatoren, Konsuln und Bürgern und ihren Familien, für seine Leistungen
vorhanden wußte, war Herrn Pfühls beständige Kümmernis, und eben
brütete, er begriff am Flügel alles, was Herr Pfühl ihm sagte, er begriff es
und eignete es sich an, wie man nur das sich aneignen kann, was einem
schon von jeher gehört hat. Edmund Pfühl aber, in seinem braunen
Schoßrock, erschien ihm wie ein großer Engel, der ihn jeden Montag
Nachmittag in die Arme nahm, um ihn aus aller alltäglichen Misere in das
klingende Reich eines milden, süßen und trostreichen Ernstes zu
entführen …
Manchmal fand der Unterricht in Herrn Pfühls Hause statt, einem
geräumigen alten Giebelhause mit vielen kühlen Gängen und Winkeln, das
der Organist ganz allein mit einer alten Wirtschafterin bewohnte. Manchmal
auch, am Sonntag, durfte der kleine Buddenbrook dem Gottesdienst in der
Marienkirche droben an der Orgel beiwohnen, und das war etwas anderes
als unten mit den anderen Leuten im Schiff zu sitzen. Hoch über der
Gemeinde, hoch noch über Pastor Pringsheim auf seiner Kanzel saßen die
beiden inmitten des Brausens der gewaltigen Klangmassen, die sie
gemeinsam entfesselten und beherrschten, denn mit glückseligem Eifer und
Stolz durfte Hanno seinem Lehrer manchmal beim Handhaben der Register
behilflich sein. Wenn aber das Nachspiel zum Chorgesang zu Ende war,
wenn Herr Pfühl langsam alle Finger von den Tasten gelöst hatte und nur
den Grund- und Baßton noch leise und feierlich hatte verhallen lassen –
wenn dann nach einer stimmungsvollen Kunstpause unter dem Schalldeckel
der Kanzel Pastor Pringsheims modulierende Stimme hervorzudringen
begann, so geschah es gar nicht selten, daß Herr Pfühl ganz einfach sich
über die Predigt zu mokieren, über Pastor Pringsheims stilisiertes
Fränkisch, seine langen, dunklen oder scharf akzentuierten Vokale, seine
Seufzer und den jähen Wechsel zwischen Finsternis und Verklärung auf
seinem Angesicht zu lachen anfing. Dann lachte auch Hanno, leise und
tiefbelustigt, denn ohne sich anzusehen und ohne es sich zu sagen, waren
die beiden dort oben der Ansicht, daß diese Predigt ein ziemlich albernes
Geschwätz und der eigentliche Gottesdienst vielmehr das sei, was der
Pastor und seine Gemeinde wohl nur für eine Beigabe zur Erhöhung der
Andacht hielten: nämlich die Musik.
Ja, das geringe Verständnis, das er unten im Schiff, unter diesen
Senatoren, Konsuln und Bürgern und ihren Familien, für seine Leistungen
vorhanden wußte, war Herrn Pfühls beständige Kümmernis, und eben
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darum hatte er gern seinen kleinen Schüler bei sich, den er wenigstens leise
darauf aufmerksam machen konnte, daß das, was er soeben gespielt, etwas
außerordentlich Schwieriges gewesen sei. Er erging sich in den
sonderbarsten technischen Unternehmungen. Er hatte eine »rückgängige
Imitation« angefertigt, eine Melodie komponiert, welche vorwärts und
rückwärts gelesen gleich war, und hierauf eine ganze »krebsgängig« zu
spielende Fuge gegründet. Als er fertig war, legte er mit trübem
Gesichtsausdruck die Hände in den Schoß. »Es merkt es niemand«, sagte er
mit hoffnungslosem Kopfschütteln. Und dann flüsterte er, während Pastor
Pringsheim predigte: »Das war eine krebsgängige Imitation, Johann. Du
weißt noch nicht, was das ist … es ist die Nachahmung eines Themas von
hinten nach vorn, von der letzten Note zur ersten … etwas ziemlich
Schwieriges. Später wirst du erfahren, was die Nachahmung im strengen
Satze bedeutet … Mit dem Krebsgang werde ich dich niemals quälen, dich
nicht dazu zwingen … Man braucht ihn nicht zu können. Aber glaube nie
denen, die dergleichen als Spielerei ohne musikalischen Wert bezeichnen.
Du findest den Krebsgang bei den großen Komponisten aller Zeiten. Nur
die Lauen und Mittelmäßigen verwerfen solche Übungen aus Hochmut.
D e m u t ziemt sich; das merke dir, Johann.« –
– Am 15. April 1869, seinem achten Geburtstage, spielte Hanno der
versammelten Familie zusammen mit seiner Mutter eine kleine, eigene
Phantasie vor, ein einfaches Motiv, das er ausfindig gemacht, merkwürdig
gefunden und ein wenig ausgebaut hatte. Natürlich hatte Herr Pfühl, dem er
es anvertraut, mancherlei daran auszusetzen gehabt.
»Was ist das für ein theatralischer Schluß, Johann! Das paßt ja gar nicht
zum übrigen? Zu Anfang ist alles ganz ordentlich, aber wie verfällst du hier
plötzlich aus H-Dur in den Quart-Sext-Akkord der vierten Stufe mit
erniedrigter Terz, möchte ich wissen? Das sind Possen. Und du tremolierst
ihn auch noch. Das hast du irgendwo aufgeschnappt … Woher stammt es?
ich weiß es schon. Du hast zu gut zugehört, wenn ich deiner Frau Mama
gewisse Sachen vorspielen mußte … Ändere den Schluß, Kind, dann ist es
ein ganz sauberes kleines Ding.«
Aber gerade auf diesen Mollakkord und diesen Schluß legte Hanno das
allergrößte Gewicht, und seine Mutter amüsierte sich so sehr darüber, daß
es dabei blieb. Sie nahm die Geige, spielte die Oberstimme mit und
darauf aufmerksam machen konnte, daß das, was er soeben gespielt, etwas
außerordentlich Schwieriges gewesen sei. Er erging sich in den
sonderbarsten technischen Unternehmungen. Er hatte eine »rückgängige
Imitation« angefertigt, eine Melodie komponiert, welche vorwärts und
rückwärts gelesen gleich war, und hierauf eine ganze »krebsgängig« zu
spielende Fuge gegründet. Als er fertig war, legte er mit trübem
Gesichtsausdruck die Hände in den Schoß. »Es merkt es niemand«, sagte er
mit hoffnungslosem Kopfschütteln. Und dann flüsterte er, während Pastor
Pringsheim predigte: »Das war eine krebsgängige Imitation, Johann. Du
weißt noch nicht, was das ist … es ist die Nachahmung eines Themas von
hinten nach vorn, von der letzten Note zur ersten … etwas ziemlich
Schwieriges. Später wirst du erfahren, was die Nachahmung im strengen
Satze bedeutet … Mit dem Krebsgang werde ich dich niemals quälen, dich
nicht dazu zwingen … Man braucht ihn nicht zu können. Aber glaube nie
denen, die dergleichen als Spielerei ohne musikalischen Wert bezeichnen.
Du findest den Krebsgang bei den großen Komponisten aller Zeiten. Nur
die Lauen und Mittelmäßigen verwerfen solche Übungen aus Hochmut.
D e m u t ziemt sich; das merke dir, Johann.« –
– Am 15. April 1869, seinem achten Geburtstage, spielte Hanno der
versammelten Familie zusammen mit seiner Mutter eine kleine, eigene
Phantasie vor, ein einfaches Motiv, das er ausfindig gemacht, merkwürdig
gefunden und ein wenig ausgebaut hatte. Natürlich hatte Herr Pfühl, dem er
es anvertraut, mancherlei daran auszusetzen gehabt.
»Was ist das für ein theatralischer Schluß, Johann! Das paßt ja gar nicht
zum übrigen? Zu Anfang ist alles ganz ordentlich, aber wie verfällst du hier
plötzlich aus H-Dur in den Quart-Sext-Akkord der vierten Stufe mit
erniedrigter Terz, möchte ich wissen? Das sind Possen. Und du tremolierst
ihn auch noch. Das hast du irgendwo aufgeschnappt … Woher stammt es?
ich weiß es schon. Du hast zu gut zugehört, wenn ich deiner Frau Mama
gewisse Sachen vorspielen mußte … Ändere den Schluß, Kind, dann ist es
ein ganz sauberes kleines Ding.«
Aber gerade auf diesen Mollakkord und diesen Schluß legte Hanno das
allergrößte Gewicht, und seine Mutter amüsierte sich so sehr darüber, daß
es dabei blieb. Sie nahm die Geige, spielte die Oberstimme mit und
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variierte dann, während Hanno den Satz ganz einfach wiederholte, den
Diskant bis zum Schluß in Läufen von Zweiunddreißigsteln. Das klang
ganz großartig, Hanno küßte sie vor Glück, und so trugen sie es am 15.
April der Familie vor.
Die Konsulin, Frau Permaneder, Christian, Klothilde, Herr und Frau
Konsul Kröger, Herr und Frau Direktor Weinschenk, sowie die Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße und Fräulein Weichbrodt hatten zur
Feier von Hannos Geburtstag um vier Uhr beim Senator und seiner Frau zu
Mittag gegessen; nun saßen sie im Salon und blickten lauschend auf das
Kind, das in seinem Matrosenanzug am Flügel saß, und auf die fremdartige
und elegante Erscheinung Gerdas, die zuerst auf der g-Saite eine
prachtvolle Kantilene entwickelte und dann, mit unfehlbarer Virtuosität,
eine Flut von perlenden und schäumenden Kadenzen entfesselte. Der
Silberdraht am Griff ihres Bogens blitzte im Licht der Gasflammen.
Hanno, bleich vor Erregung, hatte bei Tische fast nichts essen können;
aber jetzt war die Hingebung an sein Werk, das, ach, nach zwei Minuten
schon wieder zu Ende sein sollte, so groß in ihm, daß er in vollständiger
Entrücktheit alles um sich her vergessen hatte. Dies kleine melodische
Gebilde war mehr harmonischer als rhythmischer Natur, und ganz seltsam
mutete der Gegensatz an, der zwischen den primitiven, fundamentalen und
kindlichen musikalischen Mitteln und der gewichtigen, leidenschaftlichen
und fast raffinierten Art bestand, in welcher diese Mittel betont und zur
Geltung gebracht wurden. Mit einer schrägen und ziehenden Bewegung des
Kopfes nach vorn hob Hanno bedeutsam jeden Übergangston hervor, und,
ganz vorn auf dem Sessel sitzend, suchte er durch Pedal und Verschiebung
jedem neuen Akkord einen empfindlichen Wert zu verleihen. In der Tat,
wenn der kleine Hanno einen Effekt erzielte – und beschränkte sich
derselbe auch ganz allein auf ihn selbst –, so war der Effekt weniger
empfindsamer als empfindlicher Natur. Irgendein ganz einfacher
harmonischer Kunstgriff ward durch gewichtige und verzögernde
Akzentuierung zu einer geheimnisvollen und preziösen Bedeutung erhoben.
Irgendeinem Akkord, einer neuen Harmonie, einem Einsatz wurde, während
Hanno die Augenbrauen emporzog und mit dem Oberkörper eine hebende,
schwebende Bewegung vollführte, durch eine plötzlich eintretende, matt
hallende Klanggebung eine nervös überraschende Wirkungsfähigkeit zuteil
… Und nun kam der Schluß, Hannos geliebter Schluß, der an primitiver
Diskant bis zum Schluß in Läufen von Zweiunddreißigsteln. Das klang
ganz großartig, Hanno küßte sie vor Glück, und so trugen sie es am 15.
April der Familie vor.
Die Konsulin, Frau Permaneder, Christian, Klothilde, Herr und Frau
Konsul Kröger, Herr und Frau Direktor Weinschenk, sowie die Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße und Fräulein Weichbrodt hatten zur
Feier von Hannos Geburtstag um vier Uhr beim Senator und seiner Frau zu
Mittag gegessen; nun saßen sie im Salon und blickten lauschend auf das
Kind, das in seinem Matrosenanzug am Flügel saß, und auf die fremdartige
und elegante Erscheinung Gerdas, die zuerst auf der g-Saite eine
prachtvolle Kantilene entwickelte und dann, mit unfehlbarer Virtuosität,
eine Flut von perlenden und schäumenden Kadenzen entfesselte. Der
Silberdraht am Griff ihres Bogens blitzte im Licht der Gasflammen.
Hanno, bleich vor Erregung, hatte bei Tische fast nichts essen können;
aber jetzt war die Hingebung an sein Werk, das, ach, nach zwei Minuten
schon wieder zu Ende sein sollte, so groß in ihm, daß er in vollständiger
Entrücktheit alles um sich her vergessen hatte. Dies kleine melodische
Gebilde war mehr harmonischer als rhythmischer Natur, und ganz seltsam
mutete der Gegensatz an, der zwischen den primitiven, fundamentalen und
kindlichen musikalischen Mitteln und der gewichtigen, leidenschaftlichen
und fast raffinierten Art bestand, in welcher diese Mittel betont und zur
Geltung gebracht wurden. Mit einer schrägen und ziehenden Bewegung des
Kopfes nach vorn hob Hanno bedeutsam jeden Übergangston hervor, und,
ganz vorn auf dem Sessel sitzend, suchte er durch Pedal und Verschiebung
jedem neuen Akkord einen empfindlichen Wert zu verleihen. In der Tat,
wenn der kleine Hanno einen Effekt erzielte – und beschränkte sich
derselbe auch ganz allein auf ihn selbst –, so war der Effekt weniger
empfindsamer als empfindlicher Natur. Irgendein ganz einfacher
harmonischer Kunstgriff ward durch gewichtige und verzögernde
Akzentuierung zu einer geheimnisvollen und preziösen Bedeutung erhoben.
Irgendeinem Akkord, einer neuen Harmonie, einem Einsatz wurde, während
Hanno die Augenbrauen emporzog und mit dem Oberkörper eine hebende,
schwebende Bewegung vollführte, durch eine plötzlich eintretende, matt
hallende Klanggebung eine nervös überraschende Wirkungsfähigkeit zuteil
… Und nun kam der Schluß, Hannos geliebter Schluß, der an primitiver
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Gehobenheit dem Ganzen die Krone aufsetzte. Leise und glockenrein
umperlt und umflossen von den Läufen der Violine, tremolierte pianissimo
der E-Mollakkord … Er wuchs, er nahm zu, er schwoll langsam, langsam
an, im forte zog Hanno das dissonierende, zur Grundtonart leitende Cis
herzu, und während die Stradivari wogend und klingend auch dieses Cis
umrauschte, steigerte er die Dissonanz mit aller seiner Kraft bis zum
fortissimo. Er verweigerte sich die Auflösung, er enthielt sie sich und den
Hörern vor. Was würde sie sein, diese Auflösung, dieses entzückende und
befreite Hineinsinken in H-Dur? Ein Glück ohnegleichen, eine Genugtuung
von überschwänglicher Süßigkeit. Der Friede! Die Seligkeit! Das
Himmelreich!… Noch nicht … noch nicht! Noch einen Augenblick des
Aufschubs, der Verzögerung, der Spannung, die unerträglich werden mußte,
damit die Befriedigung desto köstlicher sei … Noch ein letztes, allerletztes
Auskosten dieser drängenden und treibenden Sehnsucht, dieser Begierde
des ganzen Wesens, dieser äußersten und krampfhaften Anspannung des
Willens, der sich dennoch die Erfüllung und Erlösung noch verweigerte,
weil er wußte: Das Glück ist nur ein Augenblick … Hannos Oberkörper
reckte sich langsam empor, seine Augen wurden ganz groß, seine
geschlossenen Lippen zitterten, mit einem stoßweisen Beben zog er die Luft
durch die Nase ein … und dann war die Wonne nicht mehr zurückzuhalten.
Sie kam, kam über ihn, und er wehrte ihr nicht länger. Seine Muskeln
spannten sich ab, ermattet und überwältigt sank sein Kopf auf die Schulter
nieder, seine Augen schlossen sich, und ein wehmütiges, fast schmerzliches
Lächeln unaussprechlicher Beseligung umspielte seinen Mund, während
mit Verschiebung und Pedal, umflüstert, umwoben, umrauscht und umwogt
von den Läufen der Violine, sein Tremolo, dem er nun Baßläufe gesellte,
nach H-Dur hinüberglitt, sich ganz rasch zum fortissimo steigerte und dann
mit einem kurzen, nachhallosen Aufbrausen abbrach. –
Es war unmöglich, daß die Wirkung, die dieses Spiel auf Hanno selbst
ausübte, sich auch auf die Zuhörer erstreckte. Frau Permaneder zum
Beispiel hatte von dem ganzen Aufwand nicht das allermindeste verstanden.
Wohl aber hatte sie des Kindes Lächeln gesehen, die Bewegung seines
Oberkörpers, das selige Zur-Seite-Sinken seines kleinen, zärtlich geliebten
Kopfes … und dieser Anblick hatte sie in den Tiefen ihrer leicht gerührten
Gutmütigkeit ergriffen.
umperlt und umflossen von den Läufen der Violine, tremolierte pianissimo
der E-Mollakkord … Er wuchs, er nahm zu, er schwoll langsam, langsam
an, im forte zog Hanno das dissonierende, zur Grundtonart leitende Cis
herzu, und während die Stradivari wogend und klingend auch dieses Cis
umrauschte, steigerte er die Dissonanz mit aller seiner Kraft bis zum
fortissimo. Er verweigerte sich die Auflösung, er enthielt sie sich und den
Hörern vor. Was würde sie sein, diese Auflösung, dieses entzückende und
befreite Hineinsinken in H-Dur? Ein Glück ohnegleichen, eine Genugtuung
von überschwänglicher Süßigkeit. Der Friede! Die Seligkeit! Das
Himmelreich!… Noch nicht … noch nicht! Noch einen Augenblick des
Aufschubs, der Verzögerung, der Spannung, die unerträglich werden mußte,
damit die Befriedigung desto köstlicher sei … Noch ein letztes, allerletztes
Auskosten dieser drängenden und treibenden Sehnsucht, dieser Begierde
des ganzen Wesens, dieser äußersten und krampfhaften Anspannung des
Willens, der sich dennoch die Erfüllung und Erlösung noch verweigerte,
weil er wußte: Das Glück ist nur ein Augenblick … Hannos Oberkörper
reckte sich langsam empor, seine Augen wurden ganz groß, seine
geschlossenen Lippen zitterten, mit einem stoßweisen Beben zog er die Luft
durch die Nase ein … und dann war die Wonne nicht mehr zurückzuhalten.
Sie kam, kam über ihn, und er wehrte ihr nicht länger. Seine Muskeln
spannten sich ab, ermattet und überwältigt sank sein Kopf auf die Schulter
nieder, seine Augen schlossen sich, und ein wehmütiges, fast schmerzliches
Lächeln unaussprechlicher Beseligung umspielte seinen Mund, während
mit Verschiebung und Pedal, umflüstert, umwoben, umrauscht und umwogt
von den Läufen der Violine, sein Tremolo, dem er nun Baßläufe gesellte,
nach H-Dur hinüberglitt, sich ganz rasch zum fortissimo steigerte und dann
mit einem kurzen, nachhallosen Aufbrausen abbrach. –
Es war unmöglich, daß die Wirkung, die dieses Spiel auf Hanno selbst
ausübte, sich auch auf die Zuhörer erstreckte. Frau Permaneder zum
Beispiel hatte von dem ganzen Aufwand nicht das allermindeste verstanden.
Wohl aber hatte sie des Kindes Lächeln gesehen, die Bewegung seines
Oberkörpers, das selige Zur-Seite-Sinken seines kleinen, zärtlich geliebten
Kopfes … und dieser Anblick hatte sie in den Tiefen ihrer leicht gerührten
Gutmütigkeit ergriffen.
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»Wie spielt der Junge! Wie spielt das Kind!« rief sie aus, indem sie
beinahe weinend auf ihn zueilte und ihn in die Arme schloß … »Gerda,
Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein …« und in Ermangelung eines
dritten Namens von ähnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich einfiel,
beschränkte sie sich darauf, ihren Neffen, der, die Hände im Schoße, noch
ganz ermattet und mit abwesenden Augen dasaß, mit Küssen zu bedecken.
»Genug, Tony, genug!« sagte der Senator leise. »Ich bitte dich, was
setzest du ihm in den Kopf …«
Siebentes Kapitel
Thomas Buddenbrook war in seinem Herzen nicht einverstanden mit
dem Wesen und der Entwicklung des kleinen Johann.
Er hatte einst, allem Kopfschütteln schnell verblüffter Philister zum
Trotz, Gerda Arnoldsen heimgeführt, weil er sich stark und frei genug
gefühlt hatte, unbeschadet seiner bürgerlichen Tüchtigkeit einen
distinguierteren Geschmack an den Tag zu legen als den allgemein
üblichen. Aber sollte nun das Kind, dieser lange vergebens ersehnte Erbe,
der doch äußerlich und körperlich manche Abzeichen seiner väterlichen
Familie trug, so ganz und gar dieser Mutter gehören? Sollte er, von dem er
erhofft hatte, daß er einst mit glücklicherer und unbefangenerer Hand die
Arbeit seines Lebens fortführen werde, der ganzen Umgebung, in der er zu
leben und zu wirken berufen, ja seinem Vater selbst, innerlich und von
Natur aus fremd und befremdend gegenüberstehen?
Gerdas Geigenspiel hatte für Thomas bislang, übereinstimmend mit
ihren seltsamen Augen, die er liebte, zu ihrem schweren dunkelroten Haar
und ihrer ganzen außerordentlichen Erscheinung, eine reizvolle Beigabe
mehr zu ihrem eigenartigen Wesen bedeutet; jetzt aber, da er sehen mußte,
wie die Leidenschaft der Musik, die ihm fremd war, so früh schon, so von
Anbeginn und von Grund aus sich auch seines Sohnes bemächtigte, wurde
sie ihm zu einer feindlichen Macht, die sich zwischen ihn und das Kind
stellte, aus dem seine Hoffnungen doch einen echten Buddenbrook, einen
starken und praktisch gesinnten Mann mit kräftigen Trieben nach außen,
nach Macht und Eroberung machen wollten. Und in der reizbaren
beinahe weinend auf ihn zueilte und ihn in die Arme schloß … »Gerda,
Tom, er wird ein Mozart, ein Meyerbeer, ein …« und in Ermangelung eines
dritten Namens von ähnlicher Bedeutung, der ihr nicht sogleich einfiel,
beschränkte sie sich darauf, ihren Neffen, der, die Hände im Schoße, noch
ganz ermattet und mit abwesenden Augen dasaß, mit Küssen zu bedecken.
»Genug, Tony, genug!« sagte der Senator leise. »Ich bitte dich, was
setzest du ihm in den Kopf …«
Siebentes Kapitel
Thomas Buddenbrook war in seinem Herzen nicht einverstanden mit
dem Wesen und der Entwicklung des kleinen Johann.
Er hatte einst, allem Kopfschütteln schnell verblüffter Philister zum
Trotz, Gerda Arnoldsen heimgeführt, weil er sich stark und frei genug
gefühlt hatte, unbeschadet seiner bürgerlichen Tüchtigkeit einen
distinguierteren Geschmack an den Tag zu legen als den allgemein
üblichen. Aber sollte nun das Kind, dieser lange vergebens ersehnte Erbe,
der doch äußerlich und körperlich manche Abzeichen seiner väterlichen
Familie trug, so ganz und gar dieser Mutter gehören? Sollte er, von dem er
erhofft hatte, daß er einst mit glücklicherer und unbefangenerer Hand die
Arbeit seines Lebens fortführen werde, der ganzen Umgebung, in der er zu
leben und zu wirken berufen, ja seinem Vater selbst, innerlich und von
Natur aus fremd und befremdend gegenüberstehen?
Gerdas Geigenspiel hatte für Thomas bislang, übereinstimmend mit
ihren seltsamen Augen, die er liebte, zu ihrem schweren dunkelroten Haar
und ihrer ganzen außerordentlichen Erscheinung, eine reizvolle Beigabe
mehr zu ihrem eigenartigen Wesen bedeutet; jetzt aber, da er sehen mußte,
wie die Leidenschaft der Musik, die ihm fremd war, so früh schon, so von
Anbeginn und von Grund aus sich auch seines Sohnes bemächtigte, wurde
sie ihm zu einer feindlichen Macht, die sich zwischen ihn und das Kind
stellte, aus dem seine Hoffnungen doch einen echten Buddenbrook, einen
starken und praktisch gesinnten Mann mit kräftigen Trieben nach außen,
nach Macht und Eroberung machen wollten. Und in der reizbaren
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Verfassung, in der er sich befand, schien es ihm, als drohe diese feindselige
Macht ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Hause zu machen.
Er war nicht imstande, sich der Musik, wie Gerda und ihr Freund, dieser
Herr Pfühl, sie betrieben, zu nähern, und Gerda, exklusiv und unduldsam in
Dingen der Kunst, erschwerte ihm noch diese Annäherung in wirklich
grausamer Weise.
Nie hatte er geglaubt, daß das Wesen der Musik seiner Familie so
gänzlich fremd sei, wie es jetzt den Anschein gewann. Sein Großvater hatte
gern ein wenig die Flöte geblasen, und er selbst hatte immer mit
Wohlgefallen auf hübsche Melodien, die entweder eine leichte Grazie oder
einige beschauliche Wehmut oder eine munterstimmende
Schwunghaftigkeit an den Tag legten, gelauscht. Gab er aber seinem
Geschmack an irgendeinem derartigen Gebilde Ausdruck, so konnte er
gewärtig sein, daß Gerda die Achseln zuckte und mit einem mitleidigen
Lächeln sagte: »Wie ist es möglich, mein Freund! Ein Ding so ganz ohne
musikalischen Wert …«
Er haßte diesen »musikalischen Wert«, dieses Wort, mit dem sich für
ihn kein anderer Begriff verband als der eines kalten Hochmutes. Es trieb
ihn, sich, während Hanno dabeisaß, dagegen zu erheben. Mehr als einmal
geschah es, daß er bei solchen Gelegenheiten aufbegehrte und ausrief:
»Ach, Liebste, das Trumpfen auf diesen ›musikalischen Wert‹ scheint mir
eine ziemlich dünkelhafte und geschmacklose Sache zu sein!«
Und sie erwiderte ihm: »Thomas, ein für allemal, von der Musik als
Kunst wirst du niemals etwas verstehen, und so intelligent du bist, wirst du
niemals einsehen, daß sie mehr ist als ein kleiner Nachtischspaß und
Ohrenschmaus. In der Musik geht dir der Sinn für das Banale ab, der dir
doch sonst nicht fehlt … und er ist das Kriterium des Verständnisses in der
Kunst. Wie fremd dir die Musik ist, kannst du schon daraus ersehen, daß
dein musikalischer Geschmack deinen übrigen Bedürfnissen und
Anschauungen ja eigentlich gar nicht entspricht. Was freut dich in der
Musik? Der Geist eines gewissen faden Optimismus, den du, wäre er in
einem Buche eingeschlossen, empört oder ärgerlich belustigt in die Ecke
werfen würdest. Schnelle Erfüllung jedes kaum erregten Wunsches …
Prompte, freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten
Macht ihn zu einem Fremden in seinem eigenen Hause zu machen.
Er war nicht imstande, sich der Musik, wie Gerda und ihr Freund, dieser
Herr Pfühl, sie betrieben, zu nähern, und Gerda, exklusiv und unduldsam in
Dingen der Kunst, erschwerte ihm noch diese Annäherung in wirklich
grausamer Weise.
Nie hatte er geglaubt, daß das Wesen der Musik seiner Familie so
gänzlich fremd sei, wie es jetzt den Anschein gewann. Sein Großvater hatte
gern ein wenig die Flöte geblasen, und er selbst hatte immer mit
Wohlgefallen auf hübsche Melodien, die entweder eine leichte Grazie oder
einige beschauliche Wehmut oder eine munterstimmende
Schwunghaftigkeit an den Tag legten, gelauscht. Gab er aber seinem
Geschmack an irgendeinem derartigen Gebilde Ausdruck, so konnte er
gewärtig sein, daß Gerda die Achseln zuckte und mit einem mitleidigen
Lächeln sagte: »Wie ist es möglich, mein Freund! Ein Ding so ganz ohne
musikalischen Wert …«
Er haßte diesen »musikalischen Wert«, dieses Wort, mit dem sich für
ihn kein anderer Begriff verband als der eines kalten Hochmutes. Es trieb
ihn, sich, während Hanno dabeisaß, dagegen zu erheben. Mehr als einmal
geschah es, daß er bei solchen Gelegenheiten aufbegehrte und ausrief:
»Ach, Liebste, das Trumpfen auf diesen ›musikalischen Wert‹ scheint mir
eine ziemlich dünkelhafte und geschmacklose Sache zu sein!«
Und sie erwiderte ihm: »Thomas, ein für allemal, von der Musik als
Kunst wirst du niemals etwas verstehen, und so intelligent du bist, wirst du
niemals einsehen, daß sie mehr ist als ein kleiner Nachtischspaß und
Ohrenschmaus. In der Musik geht dir der Sinn für das Banale ab, der dir
doch sonst nicht fehlt … und er ist das Kriterium des Verständnisses in der
Kunst. Wie fremd dir die Musik ist, kannst du schon daraus ersehen, daß
dein musikalischer Geschmack deinen übrigen Bedürfnissen und
Anschauungen ja eigentlich gar nicht entspricht. Was freut dich in der
Musik? Der Geist eines gewissen faden Optimismus, den du, wäre er in
einem Buche eingeschlossen, empört oder ärgerlich belustigt in die Ecke
werfen würdest. Schnelle Erfüllung jedes kaum erregten Wunsches …
Prompte, freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten
Page 481
Willens … Geht es in der Welt etwa zu wie in einer hübschen Melodie?…
Das ist läppischer Idealismus …«
Er verstand sie, er verstand, was sie sagte. Aber er vermochte ihr mit
dem Gefühl nicht zu folgen und nicht zu begreifen, warum Melodien, die
ihn ermunterten oder rührten, null und nichtig sein – und Musikstücke, die
ihn herb und verworren anmuteten, den höchsten musikalischen Wert
besitzen sollten. Er stand vor einem Tempel, von dessen Schwelle Gerda
ihn mit unnachsichtiger Gebärde verwies … und kummervoll sah er, wie sie
mit dem Kinde darin verschwand.
Er ließ nichts merken von der Sorge, mit der er die Entfremdung
beobachtete, die zwischen ihm und seinem kleinen Sohne zuzunehmen
schien, und der Anschein, als bewürbe er sich um des Kindes Gunst, wäre
ihm furchtbar gewesen. Er hatte ja während des Tages nur wenig Muße, mit
dem Kleinen zusammenzutreffen; gelegentlich der Mahlzeiten aber
behandelte er ihn mit einer freundschaftlichen Kordialität, die einen Anflug
von ermunternder Härte besaß. »Nun, Kamerad«, sagte er, indem er ihn ein
paarmal auf den Hinterkopf klopfte und sich, seiner Frau gegenüber, neben
ihn an den Speisetisch setzte … »Wie geht's! Was haben wir getrieben!
Gelernt?… Und Klavier gespielt? Das ist recht! Aber nicht zu viel, sonst
haben wir keine Lust mehr zum übrigen und bleiben Ostern sitzen!« Keine
Muskel in seinem Gesicht verriet dabei die besorgte Spannung, mit der er
erwartete, wie Hanno seine Begrüßung aufnehmen, wie sie erwidern werde;
nichts verriet etwas von dem schmerzlichen Sichzusammenziehen seines
Inneren, wenn das Kind einfach einen scheuen Blick aus seinen
goldbraunen, umschatteten Augen zu ihm hingleiten ließ, der nicht einmal
sein Gesicht erreichte, – und sich stumm über seinen Teller beugte.
Ungeheuerlich wäre es gewesen, sich über diese kindische
Unbeholfenheit zu bekümmern. Während des Beisammenseins, in den
Pausen etwa, beim Wechseln des Geschirrs, war es seine Pflicht, sich ein
wenig mit dem Jungen zu beschäftigen, ihn ein bißchen zu prüfen, seinen
praktischen Sinn für Tatsachen herauszufordern … Wieviel Einwohner
besaß die Stadt? Welche Straßen führten von der Trave zur oberen Stadt
hinauf? Wie hießen die zum Geschäft gehörigen Speicher? Frisch und
schlagfertig hergesagt! – Aber Hanno schwieg. Nicht aus Trotz gegen
seinen Vater, nicht um ihm wehe zu tun. Aber die Einwohner, die Straßen
Das ist läppischer Idealismus …«
Er verstand sie, er verstand, was sie sagte. Aber er vermochte ihr mit
dem Gefühl nicht zu folgen und nicht zu begreifen, warum Melodien, die
ihn ermunterten oder rührten, null und nichtig sein – und Musikstücke, die
ihn herb und verworren anmuteten, den höchsten musikalischen Wert
besitzen sollten. Er stand vor einem Tempel, von dessen Schwelle Gerda
ihn mit unnachsichtiger Gebärde verwies … und kummervoll sah er, wie sie
mit dem Kinde darin verschwand.
Er ließ nichts merken von der Sorge, mit der er die Entfremdung
beobachtete, die zwischen ihm und seinem kleinen Sohne zuzunehmen
schien, und der Anschein, als bewürbe er sich um des Kindes Gunst, wäre
ihm furchtbar gewesen. Er hatte ja während des Tages nur wenig Muße, mit
dem Kleinen zusammenzutreffen; gelegentlich der Mahlzeiten aber
behandelte er ihn mit einer freundschaftlichen Kordialität, die einen Anflug
von ermunternder Härte besaß. »Nun, Kamerad«, sagte er, indem er ihn ein
paarmal auf den Hinterkopf klopfte und sich, seiner Frau gegenüber, neben
ihn an den Speisetisch setzte … »Wie geht's! Was haben wir getrieben!
Gelernt?… Und Klavier gespielt? Das ist recht! Aber nicht zu viel, sonst
haben wir keine Lust mehr zum übrigen und bleiben Ostern sitzen!« Keine
Muskel in seinem Gesicht verriet dabei die besorgte Spannung, mit der er
erwartete, wie Hanno seine Begrüßung aufnehmen, wie sie erwidern werde;
nichts verriet etwas von dem schmerzlichen Sichzusammenziehen seines
Inneren, wenn das Kind einfach einen scheuen Blick aus seinen
goldbraunen, umschatteten Augen zu ihm hingleiten ließ, der nicht einmal
sein Gesicht erreichte, – und sich stumm über seinen Teller beugte.
Ungeheuerlich wäre es gewesen, sich über diese kindische
Unbeholfenheit zu bekümmern. Während des Beisammenseins, in den
Pausen etwa, beim Wechseln des Geschirrs, war es seine Pflicht, sich ein
wenig mit dem Jungen zu beschäftigen, ihn ein bißchen zu prüfen, seinen
praktischen Sinn für Tatsachen herauszufordern … Wieviel Einwohner
besaß die Stadt? Welche Straßen führten von der Trave zur oberen Stadt
hinauf? Wie hießen die zum Geschäft gehörigen Speicher? Frisch und
schlagfertig hergesagt! – Aber Hanno schwieg. Nicht aus Trotz gegen
seinen Vater, nicht um ihm wehe zu tun. Aber die Einwohner, die Straßen
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und selbst die Speicher, die ihm unter gewöhnlichen Umständen unendlich
gleichgültig waren, flößten ihm, zum Gegenstand eines Examens erhoben,
einen verzweifelten Widerwillen ein. Er mochte vorher ganz munter
gewesen sein, mochte sogar mit seinem Vater geplaudert haben – sowie das
Gespräch auch nur annähernd den Charakter einer kleinen Prüfung annahm,
sank seine Stimmung unter Null, brach seine Widerstandskraft vollständig
zusammen. Seine Augen verschleierten sich, sein Mund nahm einen
verzagten Ausdruck an, und was ihn beherrschte, war ein großes
schmerzliches Bedauern über die Unvorsichtigkeit, mit welcher Papa, der
doch wissen mußte, daß solche Versuche zu nichts Gutem führten, nun sich
selbst und allen die Mahlzeit verdorben habe. Mit Augen, die in Tränen
schwammen, sah er auf seinen Teller nieder. Ida stieß ihn an und flüsterte
ihm zu … die Straßen, die Speicher. Aber ach, das war ja unnütz, ganz
unnütz! Sie mißverstand ihn. Er wußte ja die Namen, zum Teile wenigstens,
ganz gut, und so leicht wäre es gewesen, Papas Wünschen bis zu einem
gewissen Grade wenigstens entgegenzukommen, wenn es eben möglich
gewesen wäre, wenn ihn nicht eben etwas unüberwindlich Trauriges daran
gehindert hätte … Ein strenges Wort, ein Klopfen mit der Gabel auf den
Messerblock von seiten seines Vaters schreckte ihn auf. Er warf einen Blick
auf seine Mutter und Ida und versuchte zu sprechen; aber schon die ersten
Silben wurden von Schluchzen erstickt; es ging nicht. »Genug!« rief der
Senator zornig. »Schweig! Ich will gar nichts mehr hören! Du brauchst
nichts herzusagen! Du darfst stumm und dumm vor dich hinbrüten dein
Lebtag!« Und in schweigsamer Mißstimmung ward die Mahlzeit zu Ende
geführt.
Diese träumerische Schwäche aber, dieses Weinen, dieser vollständige
Mangel an Frische und Energie war der Punkt, an dem der Senator
einsetzte, wenn er gegen Hannos leidenschaftliche Beschäftigung mit der
Musik Bedenken erhob.
Hannos Gesundheit war immer zart gewesen. Besonders seine Zähne
hatten von jeher die Ursache von mancherlei schmerzhaften Störungen und
Beschwerden ausgemacht. Das Hervorbrechen der Milchzähne mit seiner
Gefolgschaft von Fieber und Krämpfen hatte ihm beinah das Leben
gekostet, und dann hatte sein Zahnfleisch stets zur Entzündung und zur
Bildung von Geschwüren geneigt, die Mamsell Jungmann, wenn sie reif
waren, mit einer Stecknadel zu öffnen pflegte. Jetzt, zur Zeit des
gleichgültig waren, flößten ihm, zum Gegenstand eines Examens erhoben,
einen verzweifelten Widerwillen ein. Er mochte vorher ganz munter
gewesen sein, mochte sogar mit seinem Vater geplaudert haben – sowie das
Gespräch auch nur annähernd den Charakter einer kleinen Prüfung annahm,
sank seine Stimmung unter Null, brach seine Widerstandskraft vollständig
zusammen. Seine Augen verschleierten sich, sein Mund nahm einen
verzagten Ausdruck an, und was ihn beherrschte, war ein großes
schmerzliches Bedauern über die Unvorsichtigkeit, mit welcher Papa, der
doch wissen mußte, daß solche Versuche zu nichts Gutem führten, nun sich
selbst und allen die Mahlzeit verdorben habe. Mit Augen, die in Tränen
schwammen, sah er auf seinen Teller nieder. Ida stieß ihn an und flüsterte
ihm zu … die Straßen, die Speicher. Aber ach, das war ja unnütz, ganz
unnütz! Sie mißverstand ihn. Er wußte ja die Namen, zum Teile wenigstens,
ganz gut, und so leicht wäre es gewesen, Papas Wünschen bis zu einem
gewissen Grade wenigstens entgegenzukommen, wenn es eben möglich
gewesen wäre, wenn ihn nicht eben etwas unüberwindlich Trauriges daran
gehindert hätte … Ein strenges Wort, ein Klopfen mit der Gabel auf den
Messerblock von seiten seines Vaters schreckte ihn auf. Er warf einen Blick
auf seine Mutter und Ida und versuchte zu sprechen; aber schon die ersten
Silben wurden von Schluchzen erstickt; es ging nicht. »Genug!« rief der
Senator zornig. »Schweig! Ich will gar nichts mehr hören! Du brauchst
nichts herzusagen! Du darfst stumm und dumm vor dich hinbrüten dein
Lebtag!« Und in schweigsamer Mißstimmung ward die Mahlzeit zu Ende
geführt.
Diese träumerische Schwäche aber, dieses Weinen, dieser vollständige
Mangel an Frische und Energie war der Punkt, an dem der Senator
einsetzte, wenn er gegen Hannos leidenschaftliche Beschäftigung mit der
Musik Bedenken erhob.
Hannos Gesundheit war immer zart gewesen. Besonders seine Zähne
hatten von jeher die Ursache von mancherlei schmerzhaften Störungen und
Beschwerden ausgemacht. Das Hervorbrechen der Milchzähne mit seiner
Gefolgschaft von Fieber und Krämpfen hatte ihm beinah das Leben
gekostet, und dann hatte sein Zahnfleisch stets zur Entzündung und zur
Bildung von Geschwüren geneigt, die Mamsell Jungmann, wenn sie reif
waren, mit einer Stecknadel zu öffnen pflegte. Jetzt, zur Zeit des
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Zahnwechsels, waren die Leiden noch größer. Schmerzen kamen, die fast
über Hannos Kräfte gingen, und schlaflos, unter leisem Stöhnen und
Weinen in einem matten Fieber, das keine andere Ursache als eben den
Schmerz hatte, verbrachte er ganze Nächte. Die Zähne, die äußerlich so
schön und weiß wie die seiner Mutter, dabei aber außerordentlich weich
und verletzlich waren, wuchsen falsch, sie bedrängten einander, und damit
allen diesen Übelständen gesteuert würde, mußte der kleine Johann einen
furchtbaren Menschen in sein junges Leben eintreten sehen: Herrn Brecht,
den Zahnarzt Brecht in der Mühlenstraße …
Schon der Name dieses Mannes gemahnte gräßlich an jenes Geräusch,
das im Kiefer entsteht, wenn mit Ziehen, Drehen und Heben die Wurzeln
eines Zahnes herausgebrochen werden, und ließ Hannos Herz sich in der
Angst zusammenziehen, die er erlitt, wenn er, gegenüber der treuen Ida
Jungmann, im Wartezimmer des Herrn Brecht in einem Lehnstuhl kauerte
und, während er die scharf riechende Luft dieser Räumlichkeiten atmete,
illustrierte Journale besah, bis der Zahnarzt mit seinem ebenso höflichen
wie grauenerregenden »Bitte« in der Tür des Operationszimmers
erschien …
Eine Anziehungskraft, einen seltsamen Reiz besaß dieses Wartezimmer,
und das war ein stattlicher bunter Papagei mit giftigen kleinen Augen, der in
einem Winkel inmitten eines Messingbauers saß und aus unbekannten
Gründen Josephus hieß. Mit der Stimme eines wütenden alten Weibes
pflegte er zu sagen: »Nehmen Sie Platz … Einen Momang …« und
obgleich dies unter den obwaltenden Umständen wie ein abscheulicher
Hohn klang, war Hanno Buddenbrook ihm mit einem Gemisch von Liebe
und Grauen zugetan. Ein Papagei … ein großer, bunter Vogel, welcher
Josephus hieß und reden konnte! War er nicht wie entwischt aus einem
Zauberwalde, aus einem der Grimmschen Märchen, die Ida zu Hause
vorlas?… Auch das »Bitte«, mit dem Herr Brecht die Tür öffnete,
wiederholte Josephus aufs eindringlichste, und so geschah es, daß man
seltsamerweise lachend das Operationszimmer betrat und sich auf den
großen, unheimlich konstruierten Stuhl am Fenster setzte, neben dem die
Tretmaschine stand.
Was Herrn Brecht persönlich betraf, so sah er ganz ähnlich aus wie
Josephus, denn ebenso hart und krumm bog seine Nase sich auf den
über Hannos Kräfte gingen, und schlaflos, unter leisem Stöhnen und
Weinen in einem matten Fieber, das keine andere Ursache als eben den
Schmerz hatte, verbrachte er ganze Nächte. Die Zähne, die äußerlich so
schön und weiß wie die seiner Mutter, dabei aber außerordentlich weich
und verletzlich waren, wuchsen falsch, sie bedrängten einander, und damit
allen diesen Übelständen gesteuert würde, mußte der kleine Johann einen
furchtbaren Menschen in sein junges Leben eintreten sehen: Herrn Brecht,
den Zahnarzt Brecht in der Mühlenstraße …
Schon der Name dieses Mannes gemahnte gräßlich an jenes Geräusch,
das im Kiefer entsteht, wenn mit Ziehen, Drehen und Heben die Wurzeln
eines Zahnes herausgebrochen werden, und ließ Hannos Herz sich in der
Angst zusammenziehen, die er erlitt, wenn er, gegenüber der treuen Ida
Jungmann, im Wartezimmer des Herrn Brecht in einem Lehnstuhl kauerte
und, während er die scharf riechende Luft dieser Räumlichkeiten atmete,
illustrierte Journale besah, bis der Zahnarzt mit seinem ebenso höflichen
wie grauenerregenden »Bitte« in der Tür des Operationszimmers
erschien …
Eine Anziehungskraft, einen seltsamen Reiz besaß dieses Wartezimmer,
und das war ein stattlicher bunter Papagei mit giftigen kleinen Augen, der in
einem Winkel inmitten eines Messingbauers saß und aus unbekannten
Gründen Josephus hieß. Mit der Stimme eines wütenden alten Weibes
pflegte er zu sagen: »Nehmen Sie Platz … Einen Momang …« und
obgleich dies unter den obwaltenden Umständen wie ein abscheulicher
Hohn klang, war Hanno Buddenbrook ihm mit einem Gemisch von Liebe
und Grauen zugetan. Ein Papagei … ein großer, bunter Vogel, welcher
Josephus hieß und reden konnte! War er nicht wie entwischt aus einem
Zauberwalde, aus einem der Grimmschen Märchen, die Ida zu Hause
vorlas?… Auch das »Bitte«, mit dem Herr Brecht die Tür öffnete,
wiederholte Josephus aufs eindringlichste, und so geschah es, daß man
seltsamerweise lachend das Operationszimmer betrat und sich auf den
großen, unheimlich konstruierten Stuhl am Fenster setzte, neben dem die
Tretmaschine stand.
Was Herrn Brecht persönlich betraf, so sah er ganz ähnlich aus wie
Josephus, denn ebenso hart und krumm bog seine Nase sich auf den
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schwarz und grau melierten Schnurrbart hinab, wie der Schnabel des
Papageis. Das Schlimme aber, das eigentlich Entsetzliche an ihm bestand
darin, daß er nervös und selbst den Qualen nicht gewachsen war, die
zuzufügen sein Amt ihn zwang. »Wir müssen zur Extraktion schreiten,
Fräulein«, sagte er zu Ida Jungmann und erblich. Dann, wenn Hanno in
einem matten, kalten Schweiße und mit übergroßen Augen, unfähig, zu
protestieren, unfähig, davonzulaufen, in einem Seelenzustand, der sich
absolut durch nichts von dem eines hinzurichtenden Delinquenten
unterschied, Herrn Brecht, die Zange im Ärmel, auf sich zukommen sah, so
konnte er bemerken, daß auf der kahlen Stirn des Zahnarztes kleine
Schweißtropfen perlten, und daß sein Mund ebenfalls von Angst verzogen
war … Und wenn der abscheuliche Vorgang vorüber, wenn Hanno, bleich,
zitternd, mit tränenden Augen und entstelltem Gesicht, sein Blut in die
blaue Schale zu seiner Seite spie, so mußte Herr Brecht einen Augenblick
irgendwo Platz nehmen, sich die Stirn trocknen und ein wenig Wasser
trinken …
Man versicherte den kleinen Johann, daß dieser Mann ihm viel Gutes
tue und ihn vor vielen noch größeren Schmerzen bewahre; aber wenn
Hanno die Pein, die Herr Brecht ihm zugefügt, mit dem positiven und
fühlbaren Vorteil verglich, den er ihm verdankte, so überwog die erstere zu
sehr, als daß er nicht alle diese Besuche in der Mühlenstraße zu den
schlimmsten aller unnützen Qualen hätte rechnen müssen. Im Hinblick auf
die Weisheitszähne, die dermaleinst kommen würden, mußten vier
Backzähne, die soeben, weiß, schön und noch vollkommen gesund
herangewachsen waren, entfernt werden, und das nahm, da man das Kind
nicht überanstrengen wollte, vier Wochen in Anspruch. Was für eine Zeit!
Diese langgezogene Marter, in der schon die Angst vor dem
Bevorstehenden wieder einsetzte, wenn noch die Erschöpfung nach dem
Überstandenen herrschte, ging zu weit. Als der letzte Zahn gezogen war, lag
Hanno acht Tage lang krank, und zwar aus reiner Ermattung.
Übrigens beeinflußten diese Zahnbeschwerden nicht nur seine
Gemütsstimmung, sondern auch die Funktionen einzelner Organe. Die
Behinderungen beim Kauen hatten immer wieder Verdauungsstörungen, ja
auch Anfälle von gastrischem Fieber zur Folge, und diese
Magenverstimmungen standen im Zusammenhange mit vorübergehenden
Anfällen von verstärktem oder geschwächtem unregelmäßigen Herzschlag
Papageis. Das Schlimme aber, das eigentlich Entsetzliche an ihm bestand
darin, daß er nervös und selbst den Qualen nicht gewachsen war, die
zuzufügen sein Amt ihn zwang. »Wir müssen zur Extraktion schreiten,
Fräulein«, sagte er zu Ida Jungmann und erblich. Dann, wenn Hanno in
einem matten, kalten Schweiße und mit übergroßen Augen, unfähig, zu
protestieren, unfähig, davonzulaufen, in einem Seelenzustand, der sich
absolut durch nichts von dem eines hinzurichtenden Delinquenten
unterschied, Herrn Brecht, die Zange im Ärmel, auf sich zukommen sah, so
konnte er bemerken, daß auf der kahlen Stirn des Zahnarztes kleine
Schweißtropfen perlten, und daß sein Mund ebenfalls von Angst verzogen
war … Und wenn der abscheuliche Vorgang vorüber, wenn Hanno, bleich,
zitternd, mit tränenden Augen und entstelltem Gesicht, sein Blut in die
blaue Schale zu seiner Seite spie, so mußte Herr Brecht einen Augenblick
irgendwo Platz nehmen, sich die Stirn trocknen und ein wenig Wasser
trinken …
Man versicherte den kleinen Johann, daß dieser Mann ihm viel Gutes
tue und ihn vor vielen noch größeren Schmerzen bewahre; aber wenn
Hanno die Pein, die Herr Brecht ihm zugefügt, mit dem positiven und
fühlbaren Vorteil verglich, den er ihm verdankte, so überwog die erstere zu
sehr, als daß er nicht alle diese Besuche in der Mühlenstraße zu den
schlimmsten aller unnützen Qualen hätte rechnen müssen. Im Hinblick auf
die Weisheitszähne, die dermaleinst kommen würden, mußten vier
Backzähne, die soeben, weiß, schön und noch vollkommen gesund
herangewachsen waren, entfernt werden, und das nahm, da man das Kind
nicht überanstrengen wollte, vier Wochen in Anspruch. Was für eine Zeit!
Diese langgezogene Marter, in der schon die Angst vor dem
Bevorstehenden wieder einsetzte, wenn noch die Erschöpfung nach dem
Überstandenen herrschte, ging zu weit. Als der letzte Zahn gezogen war, lag
Hanno acht Tage lang krank, und zwar aus reiner Ermattung.
Übrigens beeinflußten diese Zahnbeschwerden nicht nur seine
Gemütsstimmung, sondern auch die Funktionen einzelner Organe. Die
Behinderungen beim Kauen hatten immer wieder Verdauungsstörungen, ja
auch Anfälle von gastrischem Fieber zur Folge, und diese
Magenverstimmungen standen im Zusammenhange mit vorübergehenden
Anfällen von verstärktem oder geschwächtem unregelmäßigen Herzschlag
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und Schwindelgefühlen. Bei all dem bestand unvermindert, ja verstärkt, das
seltsame Leiden fort, das Doktor Grabow »pavor nocturnus« nannte.
Kaum eine Nacht verging, ohne daß der kleine Johann ein- oder zweimal
emporfuhr und händeringend, mit allen Anzeichen der unerträglichsten
Angst nach Hilfe oder Erbarmen rief, als stände er in Flammen, als wollte
man ihn erwürgen, als geschähe etwas unsäglich Grauenhaftes … Am
Morgen wußte er nichts mehr von allem. – Doktor Grabow suchte dieses
Leiden mit einem abendlichen Trunk von Heidelbeersaft zu behandeln;
allein das half ganz und gar nichts.
Die Hemmungen, denen Hannos Körper unterworfen war, die
Schmerzen, die er erlitt, verfehlten nicht, in ihm jenes ernsthafte Gefühl
vorzeitiger Erfahrenheit hervorzurufen, das man Altklugheit nennt, und
wenn es auch, gleichsam als würde es von einer überwiegenden Begabung
mit gutem Geschmacke niedergehalten, nicht oft und durchaus nicht
aufdringlich zutage trat, so äußerte es sich doch hie und da in Form einer
wehmütigen Überlegenheit … »Wie geht es dir, Hanno?« fragte jemand von
seinen Verwandten, seine Großmutter, die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Straße … und ein kleines, resigniertes Emporziehen des Mundes,
ein Zucken seiner vom blauen Matrosenkragen bedeckten Achseln war die
ganze Antwort.
»Gehst du gern zur Schule?«
»Nein«, antwortete Hanno ruhig und mit einer Offenheit, welche
angesichts ernsterer Dinge es nicht der Mühe wert erachtet, in solchen
Angelegenheiten zu lügen.
»Nicht? Oh! Man muß aber doch lernen: Schreiben, Rechnen,
Lesen …«
»Und so weiter«, sagte der kleine Johann.
Nein, er ging nicht gern in die alte Schule, diese ehemalige
Klosterschule mit Kreuzgängen und gotisch gewölbten Klassenzimmern.
Fehlen wegen Unwohlseins und gänzliche Unaufmerksamkeit, wenn seine
Gedanken bei irgendeiner harmonischen Verbindung oder den noch
unenträtselten Wundern eines Musikstückes weilten, das er von seiner
Mutter und Herrn Pfühl gehört, förderten ihn nicht eben in den
seltsame Leiden fort, das Doktor Grabow »pavor nocturnus« nannte.
Kaum eine Nacht verging, ohne daß der kleine Johann ein- oder zweimal
emporfuhr und händeringend, mit allen Anzeichen der unerträglichsten
Angst nach Hilfe oder Erbarmen rief, als stände er in Flammen, als wollte
man ihn erwürgen, als geschähe etwas unsäglich Grauenhaftes … Am
Morgen wußte er nichts mehr von allem. – Doktor Grabow suchte dieses
Leiden mit einem abendlichen Trunk von Heidelbeersaft zu behandeln;
allein das half ganz und gar nichts.
Die Hemmungen, denen Hannos Körper unterworfen war, die
Schmerzen, die er erlitt, verfehlten nicht, in ihm jenes ernsthafte Gefühl
vorzeitiger Erfahrenheit hervorzurufen, das man Altklugheit nennt, und
wenn es auch, gleichsam als würde es von einer überwiegenden Begabung
mit gutem Geschmacke niedergehalten, nicht oft und durchaus nicht
aufdringlich zutage trat, so äußerte es sich doch hie und da in Form einer
wehmütigen Überlegenheit … »Wie geht es dir, Hanno?« fragte jemand von
seinen Verwandten, seine Großmutter, die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Straße … und ein kleines, resigniertes Emporziehen des Mundes,
ein Zucken seiner vom blauen Matrosenkragen bedeckten Achseln war die
ganze Antwort.
»Gehst du gern zur Schule?«
»Nein«, antwortete Hanno ruhig und mit einer Offenheit, welche
angesichts ernsterer Dinge es nicht der Mühe wert erachtet, in solchen
Angelegenheiten zu lügen.
»Nicht? Oh! Man muß aber doch lernen: Schreiben, Rechnen,
Lesen …«
»Und so weiter«, sagte der kleine Johann.
Nein, er ging nicht gern in die alte Schule, diese ehemalige
Klosterschule mit Kreuzgängen und gotisch gewölbten Klassenzimmern.
Fehlen wegen Unwohlseins und gänzliche Unaufmerksamkeit, wenn seine
Gedanken bei irgendeiner harmonischen Verbindung oder den noch
unenträtselten Wundern eines Musikstückes weilten, das er von seiner
Mutter und Herrn Pfühl gehört, förderten ihn nicht eben in den
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Wissenschaften, und die Hilfslehrer und Seminaristen, die ihn in diesen
unteren Klassen unterrichteten, und deren gesellschaftliche Unterlegenheit,
geistige Gedrücktheit und körperliche Ungepflegtheit er empfand, flößten
ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche Mißachtung ein. Herr
Tietge, der Rechenlehrer, ein kleiner Greis in fettigem schwarzen Rock, der
schon zur Zeit des verstorbenen Marcellus Stengel im Dienste der Anstalt
gewirkt hatte, und der auf eine unmögliche Weise in sich hineinschielte,
was er durch Brillengläser, rund und dick wie Schiffsluken, zu korrigieren
suchte, – Herr Tietge gemahnte den kleinen Johann in jeder Stunde, wie
fleißig und scharfsinnig sein Vater stets beim Rechnen gewesen sei …
Beständig nötigten Herrn Tietge starke Hustenanfälle, den Boden des
Katheders mit seinem Auswurf zu bedecken.
Hannos Verhältnis zu seinen kleinen Kameraden war im allgemeinen
ganz fremder und äußerlicher Natur; nur mit einem von ihnen verknüpfte
ihn, und zwar seit den ersten Schultagen, ein festes Band, und das war ein
Kind von vornehmer Herkunft, aber gänzlich verwahrlostem Äußeren, ein
Graf Mölln mit dem Vornamen Kai.
Es war ein Junge von Hannos Statur, aber nicht wie dieser mit einem
dänischen Matrosenhabit, sondern mit einem ärmlichen Anzug von
unbestimmter Farbe bekleidet, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und der
am Gesäß einen großen Flicken zeigte. Seine Hände, die aus den zu kurzen
Ärmeln hervorsahen, erschienen imprägniert mit Staub und Erde und von
unveränderlich hellgrauer Farbe, aber sie waren schmal und außerordentlich
fein gebildet, mit langen Fingern und langen, spitz zulaufenden Nägeln.
Und diesen Händen entsprach der Kopf, welcher, vernachlässigt,
ungekämmt und nicht sehr reinlich, von Natur mit allen Merkmalen einer
reinen und edlen Rasse ausgestattet war. Das flüchtig in der Mitte
gescheitelte, rötlichgelbe Haar war von einer alabasterweißen Stirn
zurückgestrichen, unter welcher, tief und scharf zugleich, hellblaue Augen
blitzten. Die Wangenknochen traten ein wenig hervor, und die Nase, mit
zarten Nüstern und schmalem, ganz leicht gebogenem Rücken, war, wie der
Mund mit etwas geschürzter Oberlippe, schon jetzt von charakteristischem
Gepräge.
Hanno Buddenbrook hatte den kleinen Grafen schon vor Beginn der
Schulzeit zwei- oder dreimal ganz flüchtig zu sehen bekommen, und zwar
unteren Klassen unterrichteten, und deren gesellschaftliche Unterlegenheit,
geistige Gedrücktheit und körperliche Ungepflegtheit er empfand, flößten
ihm neben der Furcht vor Strafe eine heimliche Mißachtung ein. Herr
Tietge, der Rechenlehrer, ein kleiner Greis in fettigem schwarzen Rock, der
schon zur Zeit des verstorbenen Marcellus Stengel im Dienste der Anstalt
gewirkt hatte, und der auf eine unmögliche Weise in sich hineinschielte,
was er durch Brillengläser, rund und dick wie Schiffsluken, zu korrigieren
suchte, – Herr Tietge gemahnte den kleinen Johann in jeder Stunde, wie
fleißig und scharfsinnig sein Vater stets beim Rechnen gewesen sei …
Beständig nötigten Herrn Tietge starke Hustenanfälle, den Boden des
Katheders mit seinem Auswurf zu bedecken.
Hannos Verhältnis zu seinen kleinen Kameraden war im allgemeinen
ganz fremder und äußerlicher Natur; nur mit einem von ihnen verknüpfte
ihn, und zwar seit den ersten Schultagen, ein festes Band, und das war ein
Kind von vornehmer Herkunft, aber gänzlich verwahrlostem Äußeren, ein
Graf Mölln mit dem Vornamen Kai.
Es war ein Junge von Hannos Statur, aber nicht wie dieser mit einem
dänischen Matrosenhabit, sondern mit einem ärmlichen Anzug von
unbestimmter Farbe bekleidet, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und der
am Gesäß einen großen Flicken zeigte. Seine Hände, die aus den zu kurzen
Ärmeln hervorsahen, erschienen imprägniert mit Staub und Erde und von
unveränderlich hellgrauer Farbe, aber sie waren schmal und außerordentlich
fein gebildet, mit langen Fingern und langen, spitz zulaufenden Nägeln.
Und diesen Händen entsprach der Kopf, welcher, vernachlässigt,
ungekämmt und nicht sehr reinlich, von Natur mit allen Merkmalen einer
reinen und edlen Rasse ausgestattet war. Das flüchtig in der Mitte
gescheitelte, rötlichgelbe Haar war von einer alabasterweißen Stirn
zurückgestrichen, unter welcher, tief und scharf zugleich, hellblaue Augen
blitzten. Die Wangenknochen traten ein wenig hervor, und die Nase, mit
zarten Nüstern und schmalem, ganz leicht gebogenem Rücken, war, wie der
Mund mit etwas geschürzter Oberlippe, schon jetzt von charakteristischem
Gepräge.
Hanno Buddenbrook hatte den kleinen Grafen schon vor Beginn der
Schulzeit zwei- oder dreimal ganz flüchtig zu sehen bekommen, und zwar
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auf Spaziergängen, die er mit Ida gen Norden durchs Burgtor hinaus
gemacht. Dort nämlich, weit draußen, unfern des ersten Dorfes, war
irgendwo ein kleines Gehöft, ein winziges, fast wertloses Anwesen, das
überhaupt keinen Namen hatte. Man gewann, blickte man hin, den Eindruck
eines Misthaufens, einer Anzahl Hühner, einer Hundehütte und eines
armseligen, katenartigen Gebäudes, mit tief hinunterreichendem, rotem
Dache. Dies war das Herrenhaus, und dort wohnte Kais Vater, Eberhard
Graf Mölln.
Er war ein Sonderling, den selten jemand zu sehen bekam, und der,
beschäftigt mit Hühner-, Hunde- und Gemüsezucht, abgeschieden von aller
Welt auf seinem kleinen Gehöfte hauste: ein großer Mann mit
Stulpenstiefeln, einer grünen Friesjoppe, kahlem Kopfe, einem ungeheuren
ergrauten Rübezahlbarte, einer Reitpeitsche in der Hand, obgleich er
durchaus kein Pferd besaß, und einem unter der buschigen Braue ins Auge
geklemmten Monokel. Es gab, außer ihm und seinem Sohne, weit und breit
keinen Grafen Mölln mehr im Lande. Die einzelnen Zweige der ehemals
reichen, mächtigen und stolzen Familie waren nach und nach verdorrt,
abgestorben und vermodert, und nur eine Tante des kleinen Kai, mit der
sein Vater aber nicht in Korrespondenz stand, war noch am Leben. Sie
veröffentlichte unter einem abenteuerlichen Pseudonym Romane in
Familienblättern. – Was den Grafen Eberhard betraf, so erinnerte man sich,
daß er, um sich vor allen Störungen durch Anfragen, Angebote und Bettelei
zu schützen, während längerer Zeit, nachdem er das Anwesen vorm Burgtor
bezogen, ein Schild an seiner niedrigen Haustür geführt hatte, auf dem zu
lesen gewesen: »Hier wohnt Graf Mölln ganz allein, braucht nichts, kauft
nichts und hat nichts zu verschenken.« Als das Schild seine Wirkung getan
und niemand ihn mehr belästigte, hatte er es wieder entfernt.
Mutterlos – denn die Gräfin war an seiner Geburt gestorben, und
irgendein ältliches Frauenzimmer führte das Hauswesen – war der kleine
Kai hier wild wie ein Tier unter den Hühnern und Hunden herangewachsen,
und hier hatte – von fern und mit großer Scheu – Hanno Buddenbrook ihn
gesehen, wie er gleich einem Kaninchen im Kohle umhersprang, sich mit
jungen Hunden balgte und mit seinen Purzelbäumen die Hühner
erschreckte.
gemacht. Dort nämlich, weit draußen, unfern des ersten Dorfes, war
irgendwo ein kleines Gehöft, ein winziges, fast wertloses Anwesen, das
überhaupt keinen Namen hatte. Man gewann, blickte man hin, den Eindruck
eines Misthaufens, einer Anzahl Hühner, einer Hundehütte und eines
armseligen, katenartigen Gebäudes, mit tief hinunterreichendem, rotem
Dache. Dies war das Herrenhaus, und dort wohnte Kais Vater, Eberhard
Graf Mölln.
Er war ein Sonderling, den selten jemand zu sehen bekam, und der,
beschäftigt mit Hühner-, Hunde- und Gemüsezucht, abgeschieden von aller
Welt auf seinem kleinen Gehöfte hauste: ein großer Mann mit
Stulpenstiefeln, einer grünen Friesjoppe, kahlem Kopfe, einem ungeheuren
ergrauten Rübezahlbarte, einer Reitpeitsche in der Hand, obgleich er
durchaus kein Pferd besaß, und einem unter der buschigen Braue ins Auge
geklemmten Monokel. Es gab, außer ihm und seinem Sohne, weit und breit
keinen Grafen Mölln mehr im Lande. Die einzelnen Zweige der ehemals
reichen, mächtigen und stolzen Familie waren nach und nach verdorrt,
abgestorben und vermodert, und nur eine Tante des kleinen Kai, mit der
sein Vater aber nicht in Korrespondenz stand, war noch am Leben. Sie
veröffentlichte unter einem abenteuerlichen Pseudonym Romane in
Familienblättern. – Was den Grafen Eberhard betraf, so erinnerte man sich,
daß er, um sich vor allen Störungen durch Anfragen, Angebote und Bettelei
zu schützen, während längerer Zeit, nachdem er das Anwesen vorm Burgtor
bezogen, ein Schild an seiner niedrigen Haustür geführt hatte, auf dem zu
lesen gewesen: »Hier wohnt Graf Mölln ganz allein, braucht nichts, kauft
nichts und hat nichts zu verschenken.« Als das Schild seine Wirkung getan
und niemand ihn mehr belästigte, hatte er es wieder entfernt.
Mutterlos – denn die Gräfin war an seiner Geburt gestorben, und
irgendein ältliches Frauenzimmer führte das Hauswesen – war der kleine
Kai hier wild wie ein Tier unter den Hühnern und Hunden herangewachsen,
und hier hatte – von fern und mit großer Scheu – Hanno Buddenbrook ihn
gesehen, wie er gleich einem Kaninchen im Kohle umhersprang, sich mit
jungen Hunden balgte und mit seinen Purzelbäumen die Hühner
erschreckte.
Page 488
In der Schulstube hatte er ihn wiedergefunden, und seine Scheu vor dem
verwilderten Äußeren des kleinen Grafen hatte wohl anfangs fortbestanden.
Aber nicht lange, so hatte ein sicherer Instinkt ihn die unsoignierte Hülle
durchschauen lassen, hatte ihn auf diese weiße Stirn, diesen schmalen
Mund, diese länglich geschnittenen, hellblauen Augen achten lassen, die
mit einer Art zorniger Befremdung dareingeblickt hatten, und eine große
Sympathie für diesen Kameraden unter allen übrigen hatte ihn ganz erfüllt.
Dennoch war er viel zu zurückhaltend, als daß er den Mut gefunden hätte,
die Freundschaft einzuleiten, und ohne die rücksichtslose Initiative des
kleinen Kai wären die beiden einander wohl fremd geblieben. Ja, das
leidenschaftliche Tempo, mit dem Kai sich ihm genähert, hatte den kleinen
Johann anfangs sogar erschreckt. Dieser kleine, verwahrloste Gesell hatte
mit einem Feuer, einer stürmisch aggressiven Männlichkeit um die Gunst
des stillen, elegant gekleideten Hanno geworben, der gar nicht zu
widerstehen gewesen war. Zwar konnte er ihm beim Unterricht nicht
behilflich sein, denn seinem ungezähmten und frei umherschweifenden
Sinn war das Einmaleins etwas ebenso Abscheuliches wie dem träumerisch
abwesenden des kleinen Buddenbrook; aber er hatte ihn mit allem
beschenkt, was sein gewesen war, mit Glaskugeln, Holzkreiseln und sogar
mit einer kleinen, verbogenen Blechpistole, obgleich sie das Beste war, was
er besaß … Hand in Hand mit ihm, in den Pausen, hatte er ihm von seinem
Heim, von den jungen Hunden und Hühnern erzählt, und hatte ihn mittags,
obgleich stets Ida Jungmann, ein Päckchen belegten Butterbrotes in der
Hand, ihren Pflegling vor der Schultür zum Spazierengehen erwartete, so
weit wie möglich begleitet. Bei dieser Gelegenheit hatte er erfahren, daß der
kleine Buddenbrook zu Hause Hanno genannt wurde, und sofort hatte er
sich dieses Kosenamens bemächtigt, um seinen Freund nun nie mehr anders
zu nennen.
Eines Tages hatte er verlangt, daß Hanno, statt nach dem Mühlenwall,
mit ihm nach seines Vaters Besitz spazierengehe, um neugeborene
Meerschweinchen zu besehen, und Fräulein Jungmann hatte endlich den
Bitten der beiden nachgegeben. Sie waren nach dem gräflichen Anwesen
hinausgewandert, hatten den Misthaufen, das Gemüse, die Hunde, Hühner
und Meerschweinchen in Augenschein genommen und waren schließlich
auch in das Haus eingetreten, woselbst in einem niedrigen, langgestreckten
Raume zu ebener Erde Graf Eberhard, ein Bild trotziger Vereinsamung,
verwilderten Äußeren des kleinen Grafen hatte wohl anfangs fortbestanden.
Aber nicht lange, so hatte ein sicherer Instinkt ihn die unsoignierte Hülle
durchschauen lassen, hatte ihn auf diese weiße Stirn, diesen schmalen
Mund, diese länglich geschnittenen, hellblauen Augen achten lassen, die
mit einer Art zorniger Befremdung dareingeblickt hatten, und eine große
Sympathie für diesen Kameraden unter allen übrigen hatte ihn ganz erfüllt.
Dennoch war er viel zu zurückhaltend, als daß er den Mut gefunden hätte,
die Freundschaft einzuleiten, und ohne die rücksichtslose Initiative des
kleinen Kai wären die beiden einander wohl fremd geblieben. Ja, das
leidenschaftliche Tempo, mit dem Kai sich ihm genähert, hatte den kleinen
Johann anfangs sogar erschreckt. Dieser kleine, verwahrloste Gesell hatte
mit einem Feuer, einer stürmisch aggressiven Männlichkeit um die Gunst
des stillen, elegant gekleideten Hanno geworben, der gar nicht zu
widerstehen gewesen war. Zwar konnte er ihm beim Unterricht nicht
behilflich sein, denn seinem ungezähmten und frei umherschweifenden
Sinn war das Einmaleins etwas ebenso Abscheuliches wie dem träumerisch
abwesenden des kleinen Buddenbrook; aber er hatte ihn mit allem
beschenkt, was sein gewesen war, mit Glaskugeln, Holzkreiseln und sogar
mit einer kleinen, verbogenen Blechpistole, obgleich sie das Beste war, was
er besaß … Hand in Hand mit ihm, in den Pausen, hatte er ihm von seinem
Heim, von den jungen Hunden und Hühnern erzählt, und hatte ihn mittags,
obgleich stets Ida Jungmann, ein Päckchen belegten Butterbrotes in der
Hand, ihren Pflegling vor der Schultür zum Spazierengehen erwartete, so
weit wie möglich begleitet. Bei dieser Gelegenheit hatte er erfahren, daß der
kleine Buddenbrook zu Hause Hanno genannt wurde, und sofort hatte er
sich dieses Kosenamens bemächtigt, um seinen Freund nun nie mehr anders
zu nennen.
Eines Tages hatte er verlangt, daß Hanno, statt nach dem Mühlenwall,
mit ihm nach seines Vaters Besitz spazierengehe, um neugeborene
Meerschweinchen zu besehen, und Fräulein Jungmann hatte endlich den
Bitten der beiden nachgegeben. Sie waren nach dem gräflichen Anwesen
hinausgewandert, hatten den Misthaufen, das Gemüse, die Hunde, Hühner
und Meerschweinchen in Augenschein genommen und waren schließlich
auch in das Haus eingetreten, woselbst in einem niedrigen, langgestreckten
Raume zu ebener Erde Graf Eberhard, ein Bild trotziger Vereinsamung,
Page 489
lesend an einem schweren Bauerntisch gesessen und unwirsch nach dem
Begehren gefragt hatte …
Ida Jungmann war nicht zu bewegen gewesen, diesen Besuch zu
wiederholen; vielmehr hatte sie darauf bestanden, daß, wollten die beiden
beieinander sein, Kai lieber Hanno besuchen sollte, und so hatte der kleine
Graf denn zum ersten Male mit aufrichtiger Bewunderung, aber doch ohne
Scheu das prachtvolle Vaterhaus seines Freundes betreten. Von da an hatte
er oft und öfter sich eingestellt, und nun konnte nur im Winter hoch
liegender Schnee ihn hindern, den weiten Weg am Nachmittage noch
einmal zurückzulegen, um ein paar Stunden bei Hanno Buddenbrook zu
verbringen.
Man saß in dem großen Kinderzimmer im zweiten Stockwerk
zusammen und erledigte seine Schularbeiten. Es gab da lange
Rechenaufgaben zu lösen, die, nachdem man beide Seiten der Schiefertafel
mit Additionen, Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen bedeckt
hatte, am Ende und als Resultat ganz einfach Null ergeben mußten – wo
nicht, so steckte irgendwo ein Fehler, der gesucht, gesucht werden mußte,
bis man das kleine bösartige Tier gefunden hatte und vertilgen konnte: und
hoffentlich steckte er nicht zu hoch, weil sonst beinahe das Ganze noch
einmal geschrieben werden mußte. Ferner galt es, sich mit deutscher
Grammatik zu beschäftigen, die Kunst der Komparation zu erlernen und
ganz reinlich und gradlinig Betrachtungen untereinander zu schreiben, wie
zum Beispiel: »Horn ist durchsichtig, Glas ist durchsichtiger, Luft ist am
durchsichtigsten.« Worauf man sein Diktatheft zur Hand nahm, um Sätze zu
studieren wie diesen: »Unsere Hedwig ist zwar sehr willig, aber den
Kehricht auf dem Estrich fegt sie niemals ordentlich zusammen.« Bei dieser
Übung voller Versuchungen und Fußangeln hatte die Absicht bestanden,
daß man Hedwig, willig und fegt mit einem ch, Estrich mit g und Kehricht
womöglich ebenfalls mit einem g schreiben sollte, und das hatte man denn
auch gründlich besorgt, weshalb nun die Korrektur vorgenommen werden
mußte. War aber alles fertig, so packte man ein und setzte sich auf das
Fensterbrett, um Ida vorlesen zu hören.
Die gute Seele las vom Katerlieschen, von dem, der auszog, das
Fürchten zu lernen, von Rumpelstilzchen, Rapunzel und Froschkönig – mit
tiefer, geduldiger Stimme und halb geschlossenen Augen, denn sie sagte die
Begehren gefragt hatte …
Ida Jungmann war nicht zu bewegen gewesen, diesen Besuch zu
wiederholen; vielmehr hatte sie darauf bestanden, daß, wollten die beiden
beieinander sein, Kai lieber Hanno besuchen sollte, und so hatte der kleine
Graf denn zum ersten Male mit aufrichtiger Bewunderung, aber doch ohne
Scheu das prachtvolle Vaterhaus seines Freundes betreten. Von da an hatte
er oft und öfter sich eingestellt, und nun konnte nur im Winter hoch
liegender Schnee ihn hindern, den weiten Weg am Nachmittage noch
einmal zurückzulegen, um ein paar Stunden bei Hanno Buddenbrook zu
verbringen.
Man saß in dem großen Kinderzimmer im zweiten Stockwerk
zusammen und erledigte seine Schularbeiten. Es gab da lange
Rechenaufgaben zu lösen, die, nachdem man beide Seiten der Schiefertafel
mit Additionen, Subtraktionen, Multiplikationen und Divisionen bedeckt
hatte, am Ende und als Resultat ganz einfach Null ergeben mußten – wo
nicht, so steckte irgendwo ein Fehler, der gesucht, gesucht werden mußte,
bis man das kleine bösartige Tier gefunden hatte und vertilgen konnte: und
hoffentlich steckte er nicht zu hoch, weil sonst beinahe das Ganze noch
einmal geschrieben werden mußte. Ferner galt es, sich mit deutscher
Grammatik zu beschäftigen, die Kunst der Komparation zu erlernen und
ganz reinlich und gradlinig Betrachtungen untereinander zu schreiben, wie
zum Beispiel: »Horn ist durchsichtig, Glas ist durchsichtiger, Luft ist am
durchsichtigsten.« Worauf man sein Diktatheft zur Hand nahm, um Sätze zu
studieren wie diesen: »Unsere Hedwig ist zwar sehr willig, aber den
Kehricht auf dem Estrich fegt sie niemals ordentlich zusammen.« Bei dieser
Übung voller Versuchungen und Fußangeln hatte die Absicht bestanden,
daß man Hedwig, willig und fegt mit einem ch, Estrich mit g und Kehricht
womöglich ebenfalls mit einem g schreiben sollte, und das hatte man denn
auch gründlich besorgt, weshalb nun die Korrektur vorgenommen werden
mußte. War aber alles fertig, so packte man ein und setzte sich auf das
Fensterbrett, um Ida vorlesen zu hören.
Die gute Seele las vom Katerlieschen, von dem, der auszog, das
Fürchten zu lernen, von Rumpelstilzchen, Rapunzel und Froschkönig – mit
tiefer, geduldiger Stimme und halb geschlossenen Augen, denn sie sagte die
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Märchen, die sie in ihrem Leben schon allzuoft gelesen, beinahe ganz aus
dem Kopfe her, und dabei schlug sie mechanisch die Blätter mit dem
benetzten Zeigefinger um.
Bei dieser Unterhaltung aber geschah das Merkwürdige, daß in dem
kleinen Kai sich das Bedürfnis zu regen und auszubilden begann, es dem
Buche gleichzutun und selbst etwas zu erzählen, und das war um so
erwünschter, als man die gedruckten Märchen allmählich alle kannte, und
auch Ida sich dann und wann ein wenig ausruhen mußte. Kais Geschichten
waren anfangs kurz und einfach, wurden dann aber kühner und
komplizierter und gewannen an Interesse dadurch, daß sie nicht gänzlich in
der Luft standen, sondern von der Wirklichkeit ausgingen und diese in ein
seltsames und geheimnisvolles Licht rückten … Besonders gern vernahm
Hanno die Erzählung von einem bösen, aber außerordentlich mächtigen
Zauberer, der einen schönen und hochbegabten Prinzen mit Namen
Josephus in der Gestalt eines bunten Vogels bei sich gefangen halte und alle
Menschen mit seinen tückischen Künsten quäle. Schon aber wachse in der
Ferne der Auserwählte heran, welcher dereinst an der Spitze einer
unwiderstehlichen Armee von Hunden, Hühnern und Meerschweinchen
gegen den Zauberer furchtlos zu Felde ziehen und den Prinzen, sowie die
ganze Welt, besonders aber Hanno Buddenbrook vermittels eines
Schwertstreiches von ihm erlösen werde. Dann werde, befreit und
entzaubert, Josephus in sein Reich zurückkehren, König werden und Hanno
sowohl wie Kai zu sehr hohen Würden emporsteigen lassen …
Senator Buddenbrook, der hie und da, wenn er das Kinderzimmer
passierte, die Freunde beisammen sah, hatte gegen diesen Verkehr nichts
einzuwenden, denn es war leicht zu beobachten, daß die beiden einander
vorteilhaft beeinflußten. Hanno wirkte besänftigend, zähmend und geradezu
veredelnd auf Kai, der ihn zärtlich liebte, die Weiße seiner Hände
bewunderte und sich ihm zuliebe die seinen von Fräulein Jungmann mit
Bürste und Seife behandeln ließ. Und wenn Hanno seinerseits ein wenig
Frische und Wildheit von dem kleinen Grafen empfing, so war das mit
Freude zu begrüßen, denn Senator Buddenbrook verhehlte sich nicht, daß
die beständige weibliche Obhut, unter welcher der Junge stand, nicht eben
geeignet war, die Eigenschaften der Männlichkeit in ihm anzureizen und zu
entwickeln.
dem Kopfe her, und dabei schlug sie mechanisch die Blätter mit dem
benetzten Zeigefinger um.
Bei dieser Unterhaltung aber geschah das Merkwürdige, daß in dem
kleinen Kai sich das Bedürfnis zu regen und auszubilden begann, es dem
Buche gleichzutun und selbst etwas zu erzählen, und das war um so
erwünschter, als man die gedruckten Märchen allmählich alle kannte, und
auch Ida sich dann und wann ein wenig ausruhen mußte. Kais Geschichten
waren anfangs kurz und einfach, wurden dann aber kühner und
komplizierter und gewannen an Interesse dadurch, daß sie nicht gänzlich in
der Luft standen, sondern von der Wirklichkeit ausgingen und diese in ein
seltsames und geheimnisvolles Licht rückten … Besonders gern vernahm
Hanno die Erzählung von einem bösen, aber außerordentlich mächtigen
Zauberer, der einen schönen und hochbegabten Prinzen mit Namen
Josephus in der Gestalt eines bunten Vogels bei sich gefangen halte und alle
Menschen mit seinen tückischen Künsten quäle. Schon aber wachse in der
Ferne der Auserwählte heran, welcher dereinst an der Spitze einer
unwiderstehlichen Armee von Hunden, Hühnern und Meerschweinchen
gegen den Zauberer furchtlos zu Felde ziehen und den Prinzen, sowie die
ganze Welt, besonders aber Hanno Buddenbrook vermittels eines
Schwertstreiches von ihm erlösen werde. Dann werde, befreit und
entzaubert, Josephus in sein Reich zurückkehren, König werden und Hanno
sowohl wie Kai zu sehr hohen Würden emporsteigen lassen …
Senator Buddenbrook, der hie und da, wenn er das Kinderzimmer
passierte, die Freunde beisammen sah, hatte gegen diesen Verkehr nichts
einzuwenden, denn es war leicht zu beobachten, daß die beiden einander
vorteilhaft beeinflußten. Hanno wirkte besänftigend, zähmend und geradezu
veredelnd auf Kai, der ihn zärtlich liebte, die Weiße seiner Hände
bewunderte und sich ihm zuliebe die seinen von Fräulein Jungmann mit
Bürste und Seife behandeln ließ. Und wenn Hanno seinerseits ein wenig
Frische und Wildheit von dem kleinen Grafen empfing, so war das mit
Freude zu begrüßen, denn Senator Buddenbrook verhehlte sich nicht, daß
die beständige weibliche Obhut, unter welcher der Junge stand, nicht eben
geeignet war, die Eigenschaften der Männlichkeit in ihm anzureizen und zu
entwickeln.
Page 491
Die Treue und Hingebung der guten Ida Jungmann, die nun schon
länger als drei Jahrzehnte den Buddenbrooks diente, war ja mit Gold nicht
zu bezahlen. Sie hatte die vorhergehende Generation mit Aufopferung
gehegt und gepflegt: Hanno aber trug sie auf Händen, sie hüllte ihn gänzlich
in Zärtlichkeit und Sorgfalt ein, sie liebte ihn abgöttisch und ging in ihrem
naiven und unerschütterlichen Glauben an seine absolut bevorzugte und
bevorrechtigte Stellung in der Welt oftmals bis zum Absurden. Sie war, galt
es, für ihn zu handeln, von erstaunlicher und manchmal peinlicher
Unverfrorenheit. Gelegentlich eines Einkaufs beim Konditor zum Beispiel
unterließ sie es niemals, sehr ungeniert in die ausgestellten Schalen
hineinzugreifen, um ihm diese oder jene Süßigkeit zuzustecken, ohne dafür
zu bezahlen – denn konnte der Mann sich nicht nur geehrt fühlen? Und vor
einem umlagerten Schaufenster war sie sofort bei der Hand, die Leute in
ihrem westpreußischen Dialekt freundlich, aber entschieden um Platz für
ihren Schützling zu ersuchen. Ja, er war in ihren Augen etwas so ganz
Besonderes, daß sie kaum je ein anderes Kind würdig gehalten hatte, mit
ihm in Berührung zu kommen. Was den kleinen Kai betraf, so war die
beiderseitige Zuneigung stärker gewesen als ihr Mißtrauen; auch hatte der
Name sie ein wenig bestochen. Gesellten sich aber auf dem Mühlenwall,
wenn sie sich mit Hanno auf einer Bank niedergelassen hatte, andere Kinder
mit ihrer Begleitung zu ihnen, so erhob Fräulein Jungmann sich beinahe
sogleich und ging unter irgendeinem Vorwande von Verspätung oder
Zugwind von dannen. Die Erklärungen, die sie dem kleinen Johann dafür
zuteil werden ließ, waren geeignet, in ihm die Vorstellung zu erwecken, als
seien alle seine Altersgenossen mit Skrofeln und »Bösen Säften« schwer
behaftet, – nur er nicht. Und das trug nicht gerade dazu bei, seine sowieso
schon mangelnde Zutraulichkeit und Unbefangenheit zu stärken.
Senator Buddenbrook wußte von solchen Einzelheiten nicht; aber er
sah, daß die Entwicklung seines Sohnes von Natur und infolge äußerer
Einflüsse vorläufig keineswegs die Richtung einschlug, die er ihr zu geben
wünschte. Hätte er seine Erziehung in die Hand nehmen, täglich und
stündlich auf seinen Geist wirken können! Aber die Zeit fehlte ihm dazu,
und mit Schmerz mußte er sehen, wie gelegentliche Versuche dazu kläglich
mißlangen und das Verhältnis zwischen Vater und Kind nur kälter und
fremder machten. Ein Bild schwebte ihm vor, nach dem er seinen Sohn zu
modeln sich sehnte: das Bild von Hannos Urgroßvater, wie er selbst ihn als
länger als drei Jahrzehnte den Buddenbrooks diente, war ja mit Gold nicht
zu bezahlen. Sie hatte die vorhergehende Generation mit Aufopferung
gehegt und gepflegt: Hanno aber trug sie auf Händen, sie hüllte ihn gänzlich
in Zärtlichkeit und Sorgfalt ein, sie liebte ihn abgöttisch und ging in ihrem
naiven und unerschütterlichen Glauben an seine absolut bevorzugte und
bevorrechtigte Stellung in der Welt oftmals bis zum Absurden. Sie war, galt
es, für ihn zu handeln, von erstaunlicher und manchmal peinlicher
Unverfrorenheit. Gelegentlich eines Einkaufs beim Konditor zum Beispiel
unterließ sie es niemals, sehr ungeniert in die ausgestellten Schalen
hineinzugreifen, um ihm diese oder jene Süßigkeit zuzustecken, ohne dafür
zu bezahlen – denn konnte der Mann sich nicht nur geehrt fühlen? Und vor
einem umlagerten Schaufenster war sie sofort bei der Hand, die Leute in
ihrem westpreußischen Dialekt freundlich, aber entschieden um Platz für
ihren Schützling zu ersuchen. Ja, er war in ihren Augen etwas so ganz
Besonderes, daß sie kaum je ein anderes Kind würdig gehalten hatte, mit
ihm in Berührung zu kommen. Was den kleinen Kai betraf, so war die
beiderseitige Zuneigung stärker gewesen als ihr Mißtrauen; auch hatte der
Name sie ein wenig bestochen. Gesellten sich aber auf dem Mühlenwall,
wenn sie sich mit Hanno auf einer Bank niedergelassen hatte, andere Kinder
mit ihrer Begleitung zu ihnen, so erhob Fräulein Jungmann sich beinahe
sogleich und ging unter irgendeinem Vorwande von Verspätung oder
Zugwind von dannen. Die Erklärungen, die sie dem kleinen Johann dafür
zuteil werden ließ, waren geeignet, in ihm die Vorstellung zu erwecken, als
seien alle seine Altersgenossen mit Skrofeln und »Bösen Säften« schwer
behaftet, – nur er nicht. Und das trug nicht gerade dazu bei, seine sowieso
schon mangelnde Zutraulichkeit und Unbefangenheit zu stärken.
Senator Buddenbrook wußte von solchen Einzelheiten nicht; aber er
sah, daß die Entwicklung seines Sohnes von Natur und infolge äußerer
Einflüsse vorläufig keineswegs die Richtung einschlug, die er ihr zu geben
wünschte. Hätte er seine Erziehung in die Hand nehmen, täglich und
stündlich auf seinen Geist wirken können! Aber die Zeit fehlte ihm dazu,
und mit Schmerz mußte er sehen, wie gelegentliche Versuche dazu kläglich
mißlangen und das Verhältnis zwischen Vater und Kind nur kälter und
fremder machten. Ein Bild schwebte ihm vor, nach dem er seinen Sohn zu
modeln sich sehnte: das Bild von Hannos Urgroßvater, wie er selbst ihn als
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Knabe gekannt – ein heller Kopf, jovial, einfach, humoristisch und stark …
Konnte er so nicht werden? War das unmöglich? Und warum?… Hätte er
wenigstens die Musik unterdrücken und verbannen können, die den Jungen
dem praktischen Leben entfremdete, seiner körperlichen Gesundheit
sicherlich nicht nützlich war und seine Geisteskräfte absorbierte! Grenzte
sein träumerisches Wesen nicht manchmal geradezu an
Unzurechnungsfähigkeit?
Eines Nachmittags war Hanno drei Viertelstunden vorm Essen, das um
vier Uhr stattfand, allein in die erste Etage hinabgestiegen. Er hatte eine
Zeitlang am Flügel geübt und hielt sich nun müßig im Wohnzimmer auf.
Halb liegend saß er auf der Chaiselongue, nestelte an dem Schifferknoten
auf seiner Brust, und indem seine Augen, ohne etwas zu suchen, seitwärts
glitten, gewahrte er auf dem zierlichen Nußholzschreibtisch seiner Mutter
eine offene Ledermappe – die Mappe mit den Familienpapieren. Er stützte
den Ellbogen auf das Rückenpolster und das Kinn in die Hand und
betrachtete die Sachen ein Weilchen aus der Ferne. Ohne Zweifel hatte Papa
sich heute nach dem zweiten Frühstück damit beschäftigt und sie zu
weiterem Gebrauche liegenlassen. Eines stak in der Mappe, lose Blätter, die
draußen lagen, waren vorläufig mit einem metallenen Lineal beschwert, das
große Schreibheft mit goldnem Schnitt und verschiedenartigem Papier lag
offen da.
Hanno glitt nachlässig von der Ottomane hinunter und ging zum
Schreibtisch. Das Buch war an jener Stelle aufgeschlagen, wo in den
Handschriften mehrerer seiner Vorfahren und zuletzt in der seines Vaters
der ganze Stammbaum der Buddenbrooks mit Klammern und Rubriken in
übersichtlichen Daten geordnet war. Mit einem Bein auf dem Schreibsessel
kniend, das weichgewellte hellbraune Haar in die flache Hand gestützt,
musterte Hanno das Manuskript ein wenig von der Seite, mit dem
mattkritischen und ein bißchen verächtlichen Ernste einer vollkommenen
Gleichgültigkeit und ließ seine freie Hand mit Mamas Federhalter spielen,
der halb aus Gold und halb aus Ebenholz bestand. Seine Augen wanderten
über all diese männlichen und weiblichen Namen hin, die hier unter- und
nebeneinander standen, zum Teile in altmodisch verschnörkelter Schrift mit
weit ausladenden Schleifen, in gelblich verblaßter oder stark aufgetragener
schwarzer Tinte, an der Reste von Goldstreusand klebten … Er las auch,
ganz zuletzt, in Papas winziger, geschwind über das Papier eilender Schrift,
Konnte er so nicht werden? War das unmöglich? Und warum?… Hätte er
wenigstens die Musik unterdrücken und verbannen können, die den Jungen
dem praktischen Leben entfremdete, seiner körperlichen Gesundheit
sicherlich nicht nützlich war und seine Geisteskräfte absorbierte! Grenzte
sein träumerisches Wesen nicht manchmal geradezu an
Unzurechnungsfähigkeit?
Eines Nachmittags war Hanno drei Viertelstunden vorm Essen, das um
vier Uhr stattfand, allein in die erste Etage hinabgestiegen. Er hatte eine
Zeitlang am Flügel geübt und hielt sich nun müßig im Wohnzimmer auf.
Halb liegend saß er auf der Chaiselongue, nestelte an dem Schifferknoten
auf seiner Brust, und indem seine Augen, ohne etwas zu suchen, seitwärts
glitten, gewahrte er auf dem zierlichen Nußholzschreibtisch seiner Mutter
eine offene Ledermappe – die Mappe mit den Familienpapieren. Er stützte
den Ellbogen auf das Rückenpolster und das Kinn in die Hand und
betrachtete die Sachen ein Weilchen aus der Ferne. Ohne Zweifel hatte Papa
sich heute nach dem zweiten Frühstück damit beschäftigt und sie zu
weiterem Gebrauche liegenlassen. Eines stak in der Mappe, lose Blätter, die
draußen lagen, waren vorläufig mit einem metallenen Lineal beschwert, das
große Schreibheft mit goldnem Schnitt und verschiedenartigem Papier lag
offen da.
Hanno glitt nachlässig von der Ottomane hinunter und ging zum
Schreibtisch. Das Buch war an jener Stelle aufgeschlagen, wo in den
Handschriften mehrerer seiner Vorfahren und zuletzt in der seines Vaters
der ganze Stammbaum der Buddenbrooks mit Klammern und Rubriken in
übersichtlichen Daten geordnet war. Mit einem Bein auf dem Schreibsessel
kniend, das weichgewellte hellbraune Haar in die flache Hand gestützt,
musterte Hanno das Manuskript ein wenig von der Seite, mit dem
mattkritischen und ein bißchen verächtlichen Ernste einer vollkommenen
Gleichgültigkeit und ließ seine freie Hand mit Mamas Federhalter spielen,
der halb aus Gold und halb aus Ebenholz bestand. Seine Augen wanderten
über all diese männlichen und weiblichen Namen hin, die hier unter- und
nebeneinander standen, zum Teile in altmodisch verschnörkelter Schrift mit
weit ausladenden Schleifen, in gelblich verblaßter oder stark aufgetragener
schwarzer Tinte, an der Reste von Goldstreusand klebten … Er las auch,
ganz zuletzt, in Papas winziger, geschwind über das Papier eilender Schrift,
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unter denen seiner Eltern seinen eigenen Namen – Justus, J o h a n n,
Kaspar, geb. d. 15. April 1861 –, was ihm einigen Spaß machte, richtete
sich dann ein wenig auf, nahm mit nachlässigen Bewegungen Lineal und
Feder zur Hand, legte das Lineal unter seinen Namen, ließ seine Augen
noch einmal über das ganze genealogische Gewimmel hingleiten: und
hierauf, mit stiller Miene und gedankenloser Sorgfalt, mechanisch und
verträumt, zog er mit der Goldfeder einen schönen, sauberen Doppelstrich
quer über das ganze Blatt hinüber, die obere Linie ein wenig stärker als die
untere, so, wie er jede Seite seines Rechenheftes verzieren mußte … Dann
legte er einen Augenblick prüfend den Kopf auf die Seite und wandte sich
ab.
Nach Tische rief der Senator ihn zu sich und herrschte ihn mit
zusammengezogenen Brauen an.
»Was ist das. Woher kommt das. Hast du das getan?«
Er mußte sich einen Augenblick besinnen, ob er es getan habe, und dann
sagte er schüchtern und ängstlich: »Ja.« »Was heißt das! Was ficht dich an!
Antworte! Wie kommst du zu dem Unfug!« rief der Senator, indem er mit
dem leicht zusammengerollten Heft auf Hannos Wange schlug.
Und der kleine Johann, zurückweichend, stammelte, indem er mit der
Hand nach seiner Wange fuhr: »Ich glaubte … ich glaubte … es käme
nichts mehr …«
Kaspar, geb. d. 15. April 1861 –, was ihm einigen Spaß machte, richtete
sich dann ein wenig auf, nahm mit nachlässigen Bewegungen Lineal und
Feder zur Hand, legte das Lineal unter seinen Namen, ließ seine Augen
noch einmal über das ganze genealogische Gewimmel hingleiten: und
hierauf, mit stiller Miene und gedankenloser Sorgfalt, mechanisch und
verträumt, zog er mit der Goldfeder einen schönen, sauberen Doppelstrich
quer über das ganze Blatt hinüber, die obere Linie ein wenig stärker als die
untere, so, wie er jede Seite seines Rechenheftes verzieren mußte … Dann
legte er einen Augenblick prüfend den Kopf auf die Seite und wandte sich
ab.
Nach Tische rief der Senator ihn zu sich und herrschte ihn mit
zusammengezogenen Brauen an.
»Was ist das. Woher kommt das. Hast du das getan?«
Er mußte sich einen Augenblick besinnen, ob er es getan habe, und dann
sagte er schüchtern und ängstlich: »Ja.« »Was heißt das! Was ficht dich an!
Antworte! Wie kommst du zu dem Unfug!« rief der Senator, indem er mit
dem leicht zusammengerollten Heft auf Hannos Wange schlug.
Und der kleine Johann, zurückweichend, stammelte, indem er mit der
Hand nach seiner Wange fuhr: »Ich glaubte … ich glaubte … es käme
nichts mehr …«
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Achtes Kapitel
Donnerstags, wenn die Familie, umgeben von den ruhevoll lächelnden
Götterstatuen der Tapete, beim Essen saß, gab es seit kurzem einen neuen,
sehr ernsten Gesprächsgegenstand, der auf den Gesichtern der Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße den Ausdruck kalter Zurückhaltung, in
den Mienen und Gesten Frau Permaneders aber eine außerordentliche
Erregung hervorrief. Sie sprach zurückgelegten Hauptes und indem sie
beide Arme zugleich vorwärts oder nach oben streckte, mit Zorn, mit
Entrüstung, mit aufrichtiger, tiefgefühlter Empörung. Sie ging von dem
besonderen Falle, um den es sich handelte, zum allgemeinen über, sprach
über schlechte Menschen überhaupt und ließ, unterbrochen von dem
trockenen nervösen Räuspern, das mit ihrer Magenschwäche
zusammenhing, mit einer gewissen Kehlkopfstimme, die ihr eigen war,
wenn sie zürnte, kleine Trompetenstöße des Abscheus ertönen, die etwa
klangen wie »Tränen-Trieschke –!« »Grünlich –!« »Permaneder –!« … Das
Sonderbare aber war der neue Ruf, der hinzugekommen war, und den sie
mit unbeschreiblicher Verachtung und Gehässigkeit hervorbrachte. Er
lautete: »D e r S t a a t s a n w a l t –!«
Wenn dann Direktor Hugo Weinschenk, verspätet wie immer, denn er
war mit Geschäften überhäuft, den Saal betrat und, mit balancierenden
Fäusten sich ungewöhnlich lebhaft in der Taille seines Gehrockes wiegend,
zu seinem Platze schritt, wobei seine Unterlippe unter dem schmalen
Schnurrbart mit keckem Ausdruck hinabhing, so verstummte das Gespräch,
so lagerte sich eine peinliche, schwüle Stille über der Tafel, bis der Senator
allen aus der Verlegenheit half, indem er ganz leichthin und als handle es
sich um irgendein Geschäft, sich bei dem Direktor nach dem Stande der
Angelegenheit erkundigte. Und Hugo Weinschenk antwortete, die Sachen
ständen sehr gut, sie ständen, wie das nicht anders möglich sei, vortrefflich
… worauf er leicht und fröhlich von etwas anderem sprach. Er war viel
aufgeräumter als früher, ließ seine Augen mit einer gewissen wilden
Unbefangenheit umherschweifen und fragte viele Male, ohne Antwort zu
erhalten, nach dem Befinden von Gerda Buddenbrooks Geige. Überhaupt
plauderte er viel und munter, und unangenehm war nur der Umstand, daß er
Donnerstags, wenn die Familie, umgeben von den ruhevoll lächelnden
Götterstatuen der Tapete, beim Essen saß, gab es seit kurzem einen neuen,
sehr ernsten Gesprächsgegenstand, der auf den Gesichtern der Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße den Ausdruck kalter Zurückhaltung, in
den Mienen und Gesten Frau Permaneders aber eine außerordentliche
Erregung hervorrief. Sie sprach zurückgelegten Hauptes und indem sie
beide Arme zugleich vorwärts oder nach oben streckte, mit Zorn, mit
Entrüstung, mit aufrichtiger, tiefgefühlter Empörung. Sie ging von dem
besonderen Falle, um den es sich handelte, zum allgemeinen über, sprach
über schlechte Menschen überhaupt und ließ, unterbrochen von dem
trockenen nervösen Räuspern, das mit ihrer Magenschwäche
zusammenhing, mit einer gewissen Kehlkopfstimme, die ihr eigen war,
wenn sie zürnte, kleine Trompetenstöße des Abscheus ertönen, die etwa
klangen wie »Tränen-Trieschke –!« »Grünlich –!« »Permaneder –!« … Das
Sonderbare aber war der neue Ruf, der hinzugekommen war, und den sie
mit unbeschreiblicher Verachtung und Gehässigkeit hervorbrachte. Er
lautete: »D e r S t a a t s a n w a l t –!«
Wenn dann Direktor Hugo Weinschenk, verspätet wie immer, denn er
war mit Geschäften überhäuft, den Saal betrat und, mit balancierenden
Fäusten sich ungewöhnlich lebhaft in der Taille seines Gehrockes wiegend,
zu seinem Platze schritt, wobei seine Unterlippe unter dem schmalen
Schnurrbart mit keckem Ausdruck hinabhing, so verstummte das Gespräch,
so lagerte sich eine peinliche, schwüle Stille über der Tafel, bis der Senator
allen aus der Verlegenheit half, indem er ganz leichthin und als handle es
sich um irgendein Geschäft, sich bei dem Direktor nach dem Stande der
Angelegenheit erkundigte. Und Hugo Weinschenk antwortete, die Sachen
ständen sehr gut, sie ständen, wie das nicht anders möglich sei, vortrefflich
… worauf er leicht und fröhlich von etwas anderem sprach. Er war viel
aufgeräumter als früher, ließ seine Augen mit einer gewissen wilden
Unbefangenheit umherschweifen und fragte viele Male, ohne Antwort zu
erhalten, nach dem Befinden von Gerda Buddenbrooks Geige. Überhaupt
plauderte er viel und munter, und unangenehm war nur der Umstand, daß er
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in seinem Freimut nicht immer genügend nach seinen Worten sah und vor
übermäßig guter Laune hie und da Geschichten vorbrachte, die nicht ganz
am Platze waren. Eine Anekdote zum Beispiel, die er erzählte, handelte von
einer Amme, welche die Gesundheit des ihr anvertrauten Kindes dadurch
beeinträchtigt hatte, daß sie an Blähungen litt; in einer Weise, die er ohne
Zweifel für humoristisch hielt, ahmte er den Hausarzt nach, der gerufen
hatte: »Wer stinkt hier so! Wer ist es, der hier so stinkt!« und spät oder nie
bemerkte er, daß seine Gattin heftig errötet war, daß die Konsulin, Thomas
und Gerda unbewegt dasaßen, die Damen Buddenbrook durchbohrende
Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren Tischende beleidigt
dareinblickte und höchstens der alte Konsul Kröger leise pruschte …
Was war es mit dem Direktor Weinschenk? Dieser ernste, tätige und
kernhafte Mann, dieser Mann, der, abhold aller Geselligkeit und von rauher
Außenseite, mit zäher Pflichttreue nur seiner Arbeit zugetan war, – dieser
Mann sollte nicht e i n mal, nein, wiederholt sich eines schweren Fehltrittes
schuldig gemacht haben, ja, er war angeklagt, gerichtlich angeklagt,
mehrere Male ein geschäftliches Manöver ausgeführt zu haben, das nicht
fragwürdig, sondern unreinlich und verbrecherisch zu nennen war, und ein
Prozeß, dessen Ausgang nicht abzusehen, war gegen ihn im Gange! – Was
wurde ihm zur Last gelegt? – Brände hatten an verschiedenen Orten
stattgefunden, größere Feuersbrünste, die der Gesellschaft, welche den
damit Betroffenen kontraktlich verbunden gewesen, große Summen
gekostet haben würden. Direktor Weinschenk aber sollte, erst nachdem er
durch seine Agenten rasche vertrauliche Mitteilung von den Unglücksfällen
empfangen, also bewußt betrügerischerweise, die Rückversicherungen bei
einer anderen Gesellschaft vorgenommen und dieser so den Schaden
zugeschoben haben. Nun lag die Sache in den Händen des Staatsanwaltes,
des Staatsanwaltes Doktor Moritz Hagenström …
»Thomas«, sagte die Konsulin unter vier Augen zu ihrem Sohne, »ich
bitte dich … ich verstehe nichts. Was soll ich von der Sache halten!«
Und er antwortete: »Ja, meine liebe Mutter … Was läßt sich da sagen!
Daß alles ganz in Ordnung ist, muß man leider bezweifeln. Aber daß
Weinschenk in dem Umfange schuldig ist, wie gewisse Leute es wollen,
halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich. Es gibt im Geschäftsleben
moderneren Stiles etwas, was man Usance nennt … Eine Usance, verstehst
übermäßig guter Laune hie und da Geschichten vorbrachte, die nicht ganz
am Platze waren. Eine Anekdote zum Beispiel, die er erzählte, handelte von
einer Amme, welche die Gesundheit des ihr anvertrauten Kindes dadurch
beeinträchtigt hatte, daß sie an Blähungen litt; in einer Weise, die er ohne
Zweifel für humoristisch hielt, ahmte er den Hausarzt nach, der gerufen
hatte: »Wer stinkt hier so! Wer ist es, der hier so stinkt!« und spät oder nie
bemerkte er, daß seine Gattin heftig errötet war, daß die Konsulin, Thomas
und Gerda unbewegt dasaßen, die Damen Buddenbrook durchbohrende
Blicke tauschten, selbst Riekchen Severin am unteren Tischende beleidigt
dareinblickte und höchstens der alte Konsul Kröger leise pruschte …
Was war es mit dem Direktor Weinschenk? Dieser ernste, tätige und
kernhafte Mann, dieser Mann, der, abhold aller Geselligkeit und von rauher
Außenseite, mit zäher Pflichttreue nur seiner Arbeit zugetan war, – dieser
Mann sollte nicht e i n mal, nein, wiederholt sich eines schweren Fehltrittes
schuldig gemacht haben, ja, er war angeklagt, gerichtlich angeklagt,
mehrere Male ein geschäftliches Manöver ausgeführt zu haben, das nicht
fragwürdig, sondern unreinlich und verbrecherisch zu nennen war, und ein
Prozeß, dessen Ausgang nicht abzusehen, war gegen ihn im Gange! – Was
wurde ihm zur Last gelegt? – Brände hatten an verschiedenen Orten
stattgefunden, größere Feuersbrünste, die der Gesellschaft, welche den
damit Betroffenen kontraktlich verbunden gewesen, große Summen
gekostet haben würden. Direktor Weinschenk aber sollte, erst nachdem er
durch seine Agenten rasche vertrauliche Mitteilung von den Unglücksfällen
empfangen, also bewußt betrügerischerweise, die Rückversicherungen bei
einer anderen Gesellschaft vorgenommen und dieser so den Schaden
zugeschoben haben. Nun lag die Sache in den Händen des Staatsanwaltes,
des Staatsanwaltes Doktor Moritz Hagenström …
»Thomas«, sagte die Konsulin unter vier Augen zu ihrem Sohne, »ich
bitte dich … ich verstehe nichts. Was soll ich von der Sache halten!«
Und er antwortete: »Ja, meine liebe Mutter … Was läßt sich da sagen!
Daß alles ganz in Ordnung ist, muß man leider bezweifeln. Aber daß
Weinschenk in dem Umfange schuldig ist, wie gewisse Leute es wollen,
halte ich ebenfalls für unwahrscheinlich. Es gibt im Geschäftsleben
moderneren Stiles etwas, was man Usance nennt … Eine Usance, verstehst
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du, das ist ein Manöver, das nicht ganz einwandfrei ist, sich nicht ganz mit
dem geschriebenen Gesetze verträgt und für den Laienverstand schon
unredlich aussieht, das aber dennoch nach stillschweigender Übereinkunft
in der Geschäftswelt gang und gäbe ist. Die Grenzlinie zwischen Usance
und Schlimmerem ist sehr schwer zu ziehen … Einerlei … Wenn
Weinschenk sich vergangen hat, so hat er es höchstwahrscheinlich nicht
ärger getrieben als viele seiner Kollegen, die ungestraft davongekommen
sind. Aber … für einen günstigen Ausgang des Prozesses stehe ich deshalb
durchaus nicht. Vielleicht würde er in einer großen Stadt freigesprochen
werden; aber hier, wo alles auf Cliquenwesen und persönliche Motive
hinausläuft … Das hätte er bei der Wahl seines Verteidigers besser
bedenken sollen. Wir haben hier in der Stadt keinen hervorragenden
Anwalt, keinen eminenten Kopf mit überlegenem und überzeugendem
Rednertalent, der mit allen Hunden gehetzt und in den bedenklichsten
Sachen versiert wäre. Dafür aber hängen unsere Herren Juristen
untereinander zusammen, sie sind einander verbunden durch gemeinsame
Interessen, durch Mittagessen, womöglich durch Verwandtschaft, und haben
aufeinander Rücksicht zu nehmen. Meiner Ansicht nach wäre es klug
gewesen, wenn Weinschenk einen hier ansässigen Advokaten genommen
hätte. Aber was hat er getan? Er hat es für nötig befunden – ich sage für
nötig befunden, und das gibt zuletzt über sein gutes Gewissen zu denken –,
sich einen Verteidiger aus Berlin zu verschreiben, den Doktor Breslauer,
einen rechten Teufelsbraten, einen geriebenen Redner, einen raffinierten
Rechtsvirtuosen, dem der Ruhm vorangeht, soundso vielen betrügerischen
Bankerottiers am Zuchthause vorbeigeholfen zu haben. Der wird nun ohne
Zweifel die Sache gegen ein sehr großes Honorar mit ebenso großer
Schlauheit führen … Aber ob das von Nutzen sein wird? Ich sehe es
kommen, daß unsere wackeren Rechtsgelehrten sich mit Händen und Füßen
dagegen sträuben werden, sich von dem fremden Herrn imponieren zu
lassen, und daß der Gerichtshof für Doktor Hagenströms Plaidoyer ein sehr
viel willigeres Ohr haben wird … Und die Zeugen? Was sein eigenes
Geschäftspersonal betrifft, so glaube ich nicht, daß es ihm besonders
liebevoll zur Seite stehen wird. Das, was wir Wohlwollenden – und, ich
glaube, auch er selbst – seine rauhe Außenseite nennen, hat ihm nicht viel
Freunde gemacht … Kurz, Mutter, mir ahnt Arges. Es wäre ja schlimm für
Erika, wenn es ein Unglück gäbe, aber am wehesten sollte es mir um Tony
tun. Siehst du, sie hat ja recht, wenn sie sagt, daß Hagenström die Sache mit
dem geschriebenen Gesetze verträgt und für den Laienverstand schon
unredlich aussieht, das aber dennoch nach stillschweigender Übereinkunft
in der Geschäftswelt gang und gäbe ist. Die Grenzlinie zwischen Usance
und Schlimmerem ist sehr schwer zu ziehen … Einerlei … Wenn
Weinschenk sich vergangen hat, so hat er es höchstwahrscheinlich nicht
ärger getrieben als viele seiner Kollegen, die ungestraft davongekommen
sind. Aber … für einen günstigen Ausgang des Prozesses stehe ich deshalb
durchaus nicht. Vielleicht würde er in einer großen Stadt freigesprochen
werden; aber hier, wo alles auf Cliquenwesen und persönliche Motive
hinausläuft … Das hätte er bei der Wahl seines Verteidigers besser
bedenken sollen. Wir haben hier in der Stadt keinen hervorragenden
Anwalt, keinen eminenten Kopf mit überlegenem und überzeugendem
Rednertalent, der mit allen Hunden gehetzt und in den bedenklichsten
Sachen versiert wäre. Dafür aber hängen unsere Herren Juristen
untereinander zusammen, sie sind einander verbunden durch gemeinsame
Interessen, durch Mittagessen, womöglich durch Verwandtschaft, und haben
aufeinander Rücksicht zu nehmen. Meiner Ansicht nach wäre es klug
gewesen, wenn Weinschenk einen hier ansässigen Advokaten genommen
hätte. Aber was hat er getan? Er hat es für nötig befunden – ich sage für
nötig befunden, und das gibt zuletzt über sein gutes Gewissen zu denken –,
sich einen Verteidiger aus Berlin zu verschreiben, den Doktor Breslauer,
einen rechten Teufelsbraten, einen geriebenen Redner, einen raffinierten
Rechtsvirtuosen, dem der Ruhm vorangeht, soundso vielen betrügerischen
Bankerottiers am Zuchthause vorbeigeholfen zu haben. Der wird nun ohne
Zweifel die Sache gegen ein sehr großes Honorar mit ebenso großer
Schlauheit führen … Aber ob das von Nutzen sein wird? Ich sehe es
kommen, daß unsere wackeren Rechtsgelehrten sich mit Händen und Füßen
dagegen sträuben werden, sich von dem fremden Herrn imponieren zu
lassen, und daß der Gerichtshof für Doktor Hagenströms Plaidoyer ein sehr
viel willigeres Ohr haben wird … Und die Zeugen? Was sein eigenes
Geschäftspersonal betrifft, so glaube ich nicht, daß es ihm besonders
liebevoll zur Seite stehen wird. Das, was wir Wohlwollenden – und, ich
glaube, auch er selbst – seine rauhe Außenseite nennen, hat ihm nicht viel
Freunde gemacht … Kurz, Mutter, mir ahnt Arges. Es wäre ja schlimm für
Erika, wenn es ein Unglück gäbe, aber am wehesten sollte es mir um Tony
tun. Siehst du, sie hat ja recht, wenn sie sagt, daß Hagenström die Sache mit
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Genugtuung in die Hand genommen hat. Sie geht uns alle an, und ein
schmählicher Ausgang würde uns insgesamt betreffen, denn Weinschenk
gehört einmal zur Familie und sitzt an unserem Tische. Was mich angeht,
ich komme darüber hinweg. Ich weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Ich
muß in der Öffentlichkeit der Sache ganz fremd gegenüberstehen, darf nicht
die Verhandlungen besuchen – obgleich Breslauer mich interessieren würde
– und darf mich, schon um mich vor dem Vorwurf irgendwelcher
Beeinflussungsgelüste zu wahren, überhaupt um nichts bekümmern. Aber
Tony? Ich mag nicht ausdenken, wie traurig eine Verurteilung für sie wäre.
Man muß hören, wie aus ihren lauten Protesten gegen Verleumdung und
neidische Intrigen die Angst herausklingt … die Angst, nach allem Malheur,
das sie erduldet, auch dieser letzten, ehrenvollen Position, des würdigen
Hausstandes ihrer Tochter noch verlustig zu gehen. Ach, paß auf, sie wird
immer lauter Weinschenks Unschuld beteuern, je mehr sie zu Zweifeln
daran gedrängt werden wird … Aber er kann ja auch unschuldig sein,
gewiß, ganz unschuldig sein … Wir müssen es abwarten, Mutter, und ihn
und Tony und Erika taktvoll behandeln. Aber mir ahnt nichts Gutes …«
*
Unter solchen Umständen kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und
der kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Abreißkalenders, den Ida ihm
angefertigt, und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet war,
pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit.
Die Vorzeichen mehrten sich … Schon seit dem ersten Advent hing in
Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an
der Wand. Eines Morgens fand Hanno seine Bettdecke, die Bettvorlage und
seine Kleider mit knisterndem Flittergold bestreut. Dann, wenige Tage
später, nachmittags im Wohnzimmer, als Papa mit der Zeitung auf der
Chaiselongue lag und Hanno gerade in Geroks »Palmblättern« das Gedicht
von der Hexe zu Endor las, wurde wie alljährlich und doch auch diesmal
ganz überraschenderweise ein »alter Mann« gemeldet, welcher »nach dem
Kleinen frage«. Er wurde hereingebeten, dieser alte Mann, und kam
schlürfenden Schrittes, in einem langen Pelze, dessen rauhe Seiten nach
außen gekehrt, und der mit Flittergold und Schneeflocken besetzt war,
ebensolcher Mütze, schwarzen Zügen im Gesicht und einem ungeheuren
schmählicher Ausgang würde uns insgesamt betreffen, denn Weinschenk
gehört einmal zur Familie und sitzt an unserem Tische. Was mich angeht,
ich komme darüber hinweg. Ich weiß, wie ich mich zu benehmen habe. Ich
muß in der Öffentlichkeit der Sache ganz fremd gegenüberstehen, darf nicht
die Verhandlungen besuchen – obgleich Breslauer mich interessieren würde
– und darf mich, schon um mich vor dem Vorwurf irgendwelcher
Beeinflussungsgelüste zu wahren, überhaupt um nichts bekümmern. Aber
Tony? Ich mag nicht ausdenken, wie traurig eine Verurteilung für sie wäre.
Man muß hören, wie aus ihren lauten Protesten gegen Verleumdung und
neidische Intrigen die Angst herausklingt … die Angst, nach allem Malheur,
das sie erduldet, auch dieser letzten, ehrenvollen Position, des würdigen
Hausstandes ihrer Tochter noch verlustig zu gehen. Ach, paß auf, sie wird
immer lauter Weinschenks Unschuld beteuern, je mehr sie zu Zweifeln
daran gedrängt werden wird … Aber er kann ja auch unschuldig sein,
gewiß, ganz unschuldig sein … Wir müssen es abwarten, Mutter, und ihn
und Tony und Erika taktvoll behandeln. Aber mir ahnt nichts Gutes …«
*
Unter solchen Umständen kam diesmal das Weihnachtsfest heran, und
der kleine Johann verfolgte mit Hilfe des Abreißkalenders, den Ida ihm
angefertigt, und auf dessen letztem Blatte ein Tannenbaum gezeichnet war,
pochenden Herzens das Nahen der unvergleichlichen Zeit.
Die Vorzeichen mehrten sich … Schon seit dem ersten Advent hing in
Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes, buntes Bild des Knecht Ruprecht an
der Wand. Eines Morgens fand Hanno seine Bettdecke, die Bettvorlage und
seine Kleider mit knisterndem Flittergold bestreut. Dann, wenige Tage
später, nachmittags im Wohnzimmer, als Papa mit der Zeitung auf der
Chaiselongue lag und Hanno gerade in Geroks »Palmblättern« das Gedicht
von der Hexe zu Endor las, wurde wie alljährlich und doch auch diesmal
ganz überraschenderweise ein »alter Mann« gemeldet, welcher »nach dem
Kleinen frage«. Er wurde hereingebeten, dieser alte Mann, und kam
schlürfenden Schrittes, in einem langen Pelze, dessen rauhe Seiten nach
außen gekehrt, und der mit Flittergold und Schneeflocken besetzt war,
ebensolcher Mütze, schwarzen Zügen im Gesicht und einem ungeheuren
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weißen Barte, der wie die übernatürlich dicken Augenbrauen mit glitzernder
Lametta durchsetzt war. Er erklärte, wie jedes Jahr, mit eherner Stimme,
daß d i e s e r Sack – auf seiner linken Schulter – für gute Kinder, welche
beten könnten, Äpfel und goldene Nüsse enthalte, daß aber andererseits
d i e s e Rute – auf seiner rechten Schulter – für die bösen Kinder bestimmt
sei … Es war Knecht Ruprecht. Das heißt, natürlich nicht so ganz und
vollkommen der echte und im Grunde vielleicht bloß Barbier Wenzel in
Papas gewendetem Pelz; aber soweit ein Knecht Ruprecht überhaupt
möglich, war er dies, und Hanno sagte auch dieses Jahr wieder, aufrichtig
erschüttert und nur ein- oder zweimal von einem nervösen und halb
unbewußten Aufschluchzen unterbrochen, sein Vaterunser her, worauf er
einen Griff in den Sack für die guten Kinder tun durfte, den der alte Mann
dann überhaupt wieder mit sich zu nehmen vergaß …
Es setzten die Ferien ein, und der Augenblick ging ziemlich glücklich
vorüber, da Papa das Zeugnis las, das auch in der Weihnachtszeit notwendig
ausgestellt werden mußte … Schon war der große Saal geheimnisvoll
verschlossen, schon waren Marzipan und braune Kuchen auf den Tisch
gekommen, schon war es Weihnacht draußen in der Stadt. Schnee fiel, es
kam Frost, und in der scharfen, klaren Luft erklangen durch die Straßen die
geläufigen oder wehmütigen Melodien der italienischen Drehorgelmänner,
die mit ihren Sammetjacken und schwarzen Schnurrbärten zum Feste
herbeigekommen waren. In den Schaufenstern prangten die
Weihnachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem
Marktplatze waren die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes
aufgeschlagen. Und wo man ging, atmete man mit dem Duft der zum Kauf
gebotenen Tannenbäume das Aroma des Festes ein.
Dann endlich kam der Abend des dreiundzwanzigsten Dezembers heran
und mit ihm die Bescherung im Saale zu Haus, in der Fischergrube, eine
Bescherung im engsten Kreise, die nur ein Anfang, eine Eröffnung, ein
Vorspiel war, denn den Heiligen Abend hielt die Konsulin fest in Besitz,
und zwar für die ganze Familie, so daß am Spätnachmittage des
Vierundzwanzigsten die gesamte Donnerstagstafelrunde, und dazu noch
Jürgen Kröger aus Wismar, sowie Therese Weichbrodt mit Madame
Kethelsen, im Landschaftszimmer zusammentrat.
Lametta durchsetzt war. Er erklärte, wie jedes Jahr, mit eherner Stimme,
daß d i e s e r Sack – auf seiner linken Schulter – für gute Kinder, welche
beten könnten, Äpfel und goldene Nüsse enthalte, daß aber andererseits
d i e s e Rute – auf seiner rechten Schulter – für die bösen Kinder bestimmt
sei … Es war Knecht Ruprecht. Das heißt, natürlich nicht so ganz und
vollkommen der echte und im Grunde vielleicht bloß Barbier Wenzel in
Papas gewendetem Pelz; aber soweit ein Knecht Ruprecht überhaupt
möglich, war er dies, und Hanno sagte auch dieses Jahr wieder, aufrichtig
erschüttert und nur ein- oder zweimal von einem nervösen und halb
unbewußten Aufschluchzen unterbrochen, sein Vaterunser her, worauf er
einen Griff in den Sack für die guten Kinder tun durfte, den der alte Mann
dann überhaupt wieder mit sich zu nehmen vergaß …
Es setzten die Ferien ein, und der Augenblick ging ziemlich glücklich
vorüber, da Papa das Zeugnis las, das auch in der Weihnachtszeit notwendig
ausgestellt werden mußte … Schon war der große Saal geheimnisvoll
verschlossen, schon waren Marzipan und braune Kuchen auf den Tisch
gekommen, schon war es Weihnacht draußen in der Stadt. Schnee fiel, es
kam Frost, und in der scharfen, klaren Luft erklangen durch die Straßen die
geläufigen oder wehmütigen Melodien der italienischen Drehorgelmänner,
die mit ihren Sammetjacken und schwarzen Schnurrbärten zum Feste
herbeigekommen waren. In den Schaufenstern prangten die
Weihnachtsausstellungen. Um den hohen gotischen Brunnen auf dem
Marktplatze waren die bunten Belustigungen des Weihnachtsmarktes
aufgeschlagen. Und wo man ging, atmete man mit dem Duft der zum Kauf
gebotenen Tannenbäume das Aroma des Festes ein.
Dann endlich kam der Abend des dreiundzwanzigsten Dezembers heran
und mit ihm die Bescherung im Saale zu Haus, in der Fischergrube, eine
Bescherung im engsten Kreise, die nur ein Anfang, eine Eröffnung, ein
Vorspiel war, denn den Heiligen Abend hielt die Konsulin fest in Besitz,
und zwar für die ganze Familie, so daß am Spätnachmittage des
Vierundzwanzigsten die gesamte Donnerstagstafelrunde, und dazu noch
Jürgen Kröger aus Wismar, sowie Therese Weichbrodt mit Madame
Kethelsen, im Landschaftszimmer zusammentrat.
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In schwerer, grau und schwarz gestreifter Seide, mit geröteten Wangen
und erhitzten Augen, in einem zarten Duft von Patschuli, empfing die alte
Dame die nach und nach eintretenden Gäste, und bei den wortlosen
Umarmungen klirrten ihre goldenen Armbänder leise. Sie war in
unaussprechlicher stummer und zitternder Erregung an diesem Abend.
»Mein Gott, du fieberst ja, Mutter!« sagte der Senator, als er mit Gerda und
Hanno eintraf … »Alles kann doch ganz gemütlich vonstatten gehen.« Aber
sie flüsterte, indem sie alle drei küßte: »Zu Jesu Ehren … Und dann mein
lieber seliger Jean …«
In der Tat, das weihevolle Programm, das der verstorbene Konsul für
die Feierlichkeit festgesetzt hatte, mußte aufrechterhalten werden, und das
Gefühl ihrer Verantwortung für den würdigen Verlauf des Abends, der von
der Stimmung einer tiefen, ernsten und inbrünstigen Fröhlichkeit erfüllt
sein mußte, trieb sie rastlos hin und her – von der Säulenhalle, wo schon die
Marien-Chorknaben sich versammelten, in den Eßsaal, wo Riekchen
Severin letzte Hand an den Baum und die Geschenktafel legte, hinaus auf
den Korridor, wo scheu und verlegen einige fremde alte Leutchen
umherstanden, Hausarme, die ebenfalls an der Bescherung teilnehmen
sollten, und wieder ins Landschaftszimmer, wo sie mit einem stummen
Seitenblick jedes überflüssige Wort und Geräusch strafte. Es war so still,
daß man die Klänge einer entfernten Drehorgel vernahm, die zart und klar
wie die einer Spieluhr aus irgendeiner beschneiten Straße den Weg hierher
fanden. Denn obgleich nun an zwanzig Menschen im Zimmer saßen und
standen, war die Ruhe größer als in einer Kirche, und die Stimmung
gemahnte, wie der Senator ganz vorsichtig seinem Onkel Justus zuflüsterte,
ein wenig an die eines Leichenbegängnisses.
Übrigens war kaum Gefahr vorhanden, diese Stimmung möchte durch
einen Laut jugendlichen Übermutes zerrissen werden. Ein Blick hätte
genügt, zu bemerken, daß fast alle Glieder der hier versammelten Familie in
einem Alter standen, in welchem die Lebensäußerungen längst gesetzte
Formen angenommen haben. Senator Thomas Buddenbrook, dessen Blässe
den wachen, energischen und sogar humoristischen Ausdruck seines
Gesichtes Lügen strafte; Gerda, seine Gattin, welche, unbeweglich in einem
Sessel zurückgelehnt und das schöne, weiße Gesicht nach oben gewandt,
ihre nahe beieinanderliegenden, bläulich umschatteten, seltsam
schimmernden Augen von den flimmernden Glasprismen des Kronleuchters
und erhitzten Augen, in einem zarten Duft von Patschuli, empfing die alte
Dame die nach und nach eintretenden Gäste, und bei den wortlosen
Umarmungen klirrten ihre goldenen Armbänder leise. Sie war in
unaussprechlicher stummer und zitternder Erregung an diesem Abend.
»Mein Gott, du fieberst ja, Mutter!« sagte der Senator, als er mit Gerda und
Hanno eintraf … »Alles kann doch ganz gemütlich vonstatten gehen.« Aber
sie flüsterte, indem sie alle drei küßte: »Zu Jesu Ehren … Und dann mein
lieber seliger Jean …«
In der Tat, das weihevolle Programm, das der verstorbene Konsul für
die Feierlichkeit festgesetzt hatte, mußte aufrechterhalten werden, und das
Gefühl ihrer Verantwortung für den würdigen Verlauf des Abends, der von
der Stimmung einer tiefen, ernsten und inbrünstigen Fröhlichkeit erfüllt
sein mußte, trieb sie rastlos hin und her – von der Säulenhalle, wo schon die
Marien-Chorknaben sich versammelten, in den Eßsaal, wo Riekchen
Severin letzte Hand an den Baum und die Geschenktafel legte, hinaus auf
den Korridor, wo scheu und verlegen einige fremde alte Leutchen
umherstanden, Hausarme, die ebenfalls an der Bescherung teilnehmen
sollten, und wieder ins Landschaftszimmer, wo sie mit einem stummen
Seitenblick jedes überflüssige Wort und Geräusch strafte. Es war so still,
daß man die Klänge einer entfernten Drehorgel vernahm, die zart und klar
wie die einer Spieluhr aus irgendeiner beschneiten Straße den Weg hierher
fanden. Denn obgleich nun an zwanzig Menschen im Zimmer saßen und
standen, war die Ruhe größer als in einer Kirche, und die Stimmung
gemahnte, wie der Senator ganz vorsichtig seinem Onkel Justus zuflüsterte,
ein wenig an die eines Leichenbegängnisses.
Übrigens war kaum Gefahr vorhanden, diese Stimmung möchte durch
einen Laut jugendlichen Übermutes zerrissen werden. Ein Blick hätte
genügt, zu bemerken, daß fast alle Glieder der hier versammelten Familie in
einem Alter standen, in welchem die Lebensäußerungen längst gesetzte
Formen angenommen haben. Senator Thomas Buddenbrook, dessen Blässe
den wachen, energischen und sogar humoristischen Ausdruck seines
Gesichtes Lügen strafte; Gerda, seine Gattin, welche, unbeweglich in einem
Sessel zurückgelehnt und das schöne, weiße Gesicht nach oben gewandt,
ihre nahe beieinanderliegenden, bläulich umschatteten, seltsam
schimmernden Augen von den flimmernden Glasprismen des Kronleuchters
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bannen ließ; seine Schwester, Frau Permaneder; Jürgen Kröger, sein
Kousin, der stille, schlicht gekleidete Beamte; seine Kusinen Friederike,
Henriette und Pfiffi, von denen die beiden ersteren noch magerer und länger
geworden waren und die letztere noch kleiner und beleibter erschien als
früher, denen aber ein stereotyper Gesichtsausdruck durchaus gemeinsam
war, ein spitziges und übelwollendes Lächeln, das gegen alle Personen und
Dinge mit einer allgemeinen medisanten Skepsis gerichtet war, als sagten
sie beständig: »Wirklich? Das möchten wir denn doch fürs erste noch
bezweifeln« …; schließlich die arme, aschgraue Klothilde, deren Gedanken
wohl direkt auf das Abendessen gerichtet waren: – sie alle hatten die
Vierzig überschritten, während die Hausherrin mit ihrem Bruder Justus und
seiner Frau gleich der kleinen Therese Weichbrodt schon ziemlich weit über
die Sechzig hinaus war, und die alte Konsulin Buddenbrook, geborene
Stüwing, sowie die gänzlich taube Madame Kethelsen, sich schon in den
Siebzigern befanden.
In der Blüte ihrer Jugend stand eigentlich nur Erika Weinschenk; aber
wenn ihre hellblauen Augen – die Augen Herrn Grünlichs – zu ihrem
Manne, dem Direktor, hinüberglitten, dessen geschorener, an den Schläfen
ergrauter Kopf mit dem schmalen, in die Mundwinkel hineingewachsenen
Schnurrbart sich dort neben dem Sofa von der idyllischen
Tapetenlandschaft abhob, so konnte man bemerken, daß ihr voller Busen
sich in lautlosem aber schwerem Atemzuge hob … Ängstliche und wirre
Gedanken an Usancen, Buchführung, Zeugen, Staatsanwalt, Verteidiger und
Richter mochten sie bedrängen, ja, es war wohl keiner im Zimmer, dem
diese unweihnachtlichen Gedanken nicht im Sinne gelegen hätten. Der
angeklagte Zustand von Frau Permaneders Schwiegersohn, das Bewußtsein
der gesamten Familie von der Gegenwart eines Mitgliedes, das eines
Verbrechens gegen die Gesetze, die bürgerliche Ordnung und die
geschäftliche Ehrenhaftigkeit geziehen und vielleicht der Schande und dem
Gefängnis verfallen war, gab der Versammlung ein vollständig fremdes,
ungeheuerliches Gepräge. Ein Weihnachtsabend der Familie Buddenbrook
mit einem Angeklagten in ihrer Mitte! Frau Permaneder lehnte sich mit
strengerer Majestät in ihren Sessel zurück, das Lächeln der Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße ward um noch eine Nüance
spitziger …
Kousin, der stille, schlicht gekleidete Beamte; seine Kusinen Friederike,
Henriette und Pfiffi, von denen die beiden ersteren noch magerer und länger
geworden waren und die letztere noch kleiner und beleibter erschien als
früher, denen aber ein stereotyper Gesichtsausdruck durchaus gemeinsam
war, ein spitziges und übelwollendes Lächeln, das gegen alle Personen und
Dinge mit einer allgemeinen medisanten Skepsis gerichtet war, als sagten
sie beständig: »Wirklich? Das möchten wir denn doch fürs erste noch
bezweifeln« …; schließlich die arme, aschgraue Klothilde, deren Gedanken
wohl direkt auf das Abendessen gerichtet waren: – sie alle hatten die
Vierzig überschritten, während die Hausherrin mit ihrem Bruder Justus und
seiner Frau gleich der kleinen Therese Weichbrodt schon ziemlich weit über
die Sechzig hinaus war, und die alte Konsulin Buddenbrook, geborene
Stüwing, sowie die gänzlich taube Madame Kethelsen, sich schon in den
Siebzigern befanden.
In der Blüte ihrer Jugend stand eigentlich nur Erika Weinschenk; aber
wenn ihre hellblauen Augen – die Augen Herrn Grünlichs – zu ihrem
Manne, dem Direktor, hinüberglitten, dessen geschorener, an den Schläfen
ergrauter Kopf mit dem schmalen, in die Mundwinkel hineingewachsenen
Schnurrbart sich dort neben dem Sofa von der idyllischen
Tapetenlandschaft abhob, so konnte man bemerken, daß ihr voller Busen
sich in lautlosem aber schwerem Atemzuge hob … Ängstliche und wirre
Gedanken an Usancen, Buchführung, Zeugen, Staatsanwalt, Verteidiger und
Richter mochten sie bedrängen, ja, es war wohl keiner im Zimmer, dem
diese unweihnachtlichen Gedanken nicht im Sinne gelegen hätten. Der
angeklagte Zustand von Frau Permaneders Schwiegersohn, das Bewußtsein
der gesamten Familie von der Gegenwart eines Mitgliedes, das eines
Verbrechens gegen die Gesetze, die bürgerliche Ordnung und die
geschäftliche Ehrenhaftigkeit geziehen und vielleicht der Schande und dem
Gefängnis verfallen war, gab der Versammlung ein vollständig fremdes,
ungeheuerliches Gepräge. Ein Weihnachtsabend der Familie Buddenbrook
mit einem Angeklagten in ihrer Mitte! Frau Permaneder lehnte sich mit
strengerer Majestät in ihren Sessel zurück, das Lächeln der Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße ward um noch eine Nüance
spitziger …
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Und die Kinder? Der ein wenig spärliche Nachwuchs? War auch er für
das leis Schauerliche dieses so ganz neuen und ungekannten Umstandes
empfänglich? Was die kleine Elisabeth betraf, so war es unmöglich, über
ihren Gemütszustand zu urteilen. In einem Kleidchen, an dessen reichlicher
Garnitur mit Atlasschleifen man Frau Permaneders Geschmack erkannte,
saß das Kind auf dem Arm seiner Bonne, hielt seine Daumen in die
winzigen Fäuste geklemmt, sog an seiner Zunge, blickte mit etwas
hervortretenden Augen starr vor sich hin und ließ dann und wann einen
kurzen, knarrenden Laut vernehmen, worauf das Mädchen es ein wenig
schaukeln ließ. Hanno aber saß still auf seinem Schemel zu den Füßen
seiner Mutter und blickte gerade wie sie zu einem Prisma des Kronleuchters
empor …
Christian fehlte! Wo war Christian? Erst jetzt im letzten Augenblick
bemerkte man, daß er noch nicht anwesend sei. Die Bewegungen der
Konsulin, die eigentümliche Manipulation, mit der sie vom Mundwinkel
zur Frisur hinaufzustreichen pflegte, als brächte sie ein hinabgefallenes
Haar an seine Stelle zurück, wurden noch fieberhafter … Sie instruierte
eilig Mamsell Severin, und die Jungfer begab sich an den Chorknaben
vorbei durch die Säulenhalle, zwischen den Hausarmen hin über den
Korridor und pochte an Herrn Buddenbrooks Tür.
Gleich darauf erschien Christian. Er kam mit seinen mageren, krummen
Beinen, die seit dem Gelenkrheumatismus etwas lahmten, ganz gemächlich
ins Landschaftszimmer, indem er sich mit der Hand die kahle Stirne rieb.
»Donnerwetter, Kinder«, sagte er, »das hätte ich beinahe vergessen!«
»Du hättest es …« wiederholte seine Mutter und erstarrte …
»Ja, beinah vergessen, daß heut Weihnacht ist … Ich saß und las … in
einem Buch, einem Reisebuch über Südamerika … Du lieber Gott, ich habe
schon andere Weihnachten gehabt …« fügte er hinzu und war soeben im
Begriff, mit der Erzählung von einem Heiligen Abend anzufangen, den er
zu London in einem Tingeltangel fünfter Ordnung verlebt, als plötzlich die
im Zimmer herrschende Kirchenstille auf ihn zu wirken begann, so daß er
mit krausgezogener Nase und auf den Zehenspitzen zu seinem Platze ging.
das leis Schauerliche dieses so ganz neuen und ungekannten Umstandes
empfänglich? Was die kleine Elisabeth betraf, so war es unmöglich, über
ihren Gemütszustand zu urteilen. In einem Kleidchen, an dessen reichlicher
Garnitur mit Atlasschleifen man Frau Permaneders Geschmack erkannte,
saß das Kind auf dem Arm seiner Bonne, hielt seine Daumen in die
winzigen Fäuste geklemmt, sog an seiner Zunge, blickte mit etwas
hervortretenden Augen starr vor sich hin und ließ dann und wann einen
kurzen, knarrenden Laut vernehmen, worauf das Mädchen es ein wenig
schaukeln ließ. Hanno aber saß still auf seinem Schemel zu den Füßen
seiner Mutter und blickte gerade wie sie zu einem Prisma des Kronleuchters
empor …
Christian fehlte! Wo war Christian? Erst jetzt im letzten Augenblick
bemerkte man, daß er noch nicht anwesend sei. Die Bewegungen der
Konsulin, die eigentümliche Manipulation, mit der sie vom Mundwinkel
zur Frisur hinaufzustreichen pflegte, als brächte sie ein hinabgefallenes
Haar an seine Stelle zurück, wurden noch fieberhafter … Sie instruierte
eilig Mamsell Severin, und die Jungfer begab sich an den Chorknaben
vorbei durch die Säulenhalle, zwischen den Hausarmen hin über den
Korridor und pochte an Herrn Buddenbrooks Tür.
Gleich darauf erschien Christian. Er kam mit seinen mageren, krummen
Beinen, die seit dem Gelenkrheumatismus etwas lahmten, ganz gemächlich
ins Landschaftszimmer, indem er sich mit der Hand die kahle Stirne rieb.
»Donnerwetter, Kinder«, sagte er, »das hätte ich beinahe vergessen!«
»Du hättest es …« wiederholte seine Mutter und erstarrte …
»Ja, beinah vergessen, daß heut Weihnacht ist … Ich saß und las … in
einem Buch, einem Reisebuch über Südamerika … Du lieber Gott, ich habe
schon andere Weihnachten gehabt …« fügte er hinzu und war soeben im
Begriff, mit der Erzählung von einem Heiligen Abend anzufangen, den er
zu London in einem Tingeltangel fünfter Ordnung verlebt, als plötzlich die
im Zimmer herrschende Kirchenstille auf ihn zu wirken begann, so daß er
mit krausgezogener Nase und auf den Zehenspitzen zu seinem Platze ging.
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»Tochter Zion, freue dich!« sangen die Chorknaben, und sie, die eben
noch da draußen so hörbare Allotria getrieben, daß der Senator sich einen
Augenblick an die Tür hatte stellen müssen, um ihnen Respekt einzuflößen,
– sie sangen nun ganz wunderschön. Diese hellen Stimmen, die sich,
getragen von den tieferen Organen, rein, jubelnd und lobpreisend
aufschwangen, zogen aller Herzen mit sich empor, ließen das Lächeln der
alten Jungfern milder werden und machten, daß die alten Leute in sich
hineinsahen und ihr Leben überdachten, während die, welche mitten im
Leben standen, ein Weilchen ihrer Sorgen vergaßen.
Hanno ließ sein Knie los, das er bislang umschlungen gehalten hatte. Er
sah ganz blaß aus, spielte mit den Fransen seines Schemels und scheuerte
seine Zunge an einem Zahn, mit halbgeöffnetem Munde und einem
Gesichtsausdruck, als fröre ihn. Dann und wann empfand er das Bedürfnis,
tief aufzuatmen, denn jetzt, da der Gesang, dieser glockenreine a-cappella-
Gesang die Luft erfüllte, zog sein Herz sich in einem fast schmerzhaften
Glück zusammen. Weihnachten … Durch die Spalten der hohen,
weißlackierten, noch fest geschlossenen Flügeltür drang der Tannenduft und
erweckte mit seiner süßen Würze die Vorstellung der Wunder dort drinnen
im Saale, die man jedes Jahr aufs neue mit pochenden Pulsen als eine
unfaßbare, unirdische Pracht erharrte … Was würde dort drinnen für ihn
sein? Das, was er sich gewünscht hatte, natürlich, denn das bekam man
ohne Frage, gesetzt, daß es einem nicht als eine Unmöglichkeit zuvor schon
ausgeredet worden war. Das Theater würde ihm gleich in die Augen
springen und ihm den Weg zu seinem Platze weisen müssen, das ersehnte
Puppentheater, das dem Wunschzettel für Großmama stark unterstrichen zu
Häupten gestanden hatte, und das seit dem »Fidelio« beinahe sein einziger
Gedanke gewesen war.
Ja, als Entschädigung und Belohnung für einen Besuch bei Herrn Brecht
hatte Hanno kürzlich zum ersten Male das Theater besucht, das
Stadttheater, wo er im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos den
Klängen und Vorgängen des »Fidelio« hatte folgen dürfen. Seitdem träumte
er nichts als Opernszenen, und eine Leidenschaft für die Bühne erfüllte ihn,
die ihn kaum schlafen ließ. Mit unaussprechlichem Neide betrachtete er auf
der Straße die Leute, die, wie ja auch sein Onkel Christian, als
Theaterhabitués bekannt waren, Konsul Döhlmann, Makler Gosch … War
das Glück ertragbar, wie sie fast jeden Abend dort anwesend sein zu dürfen?
noch da draußen so hörbare Allotria getrieben, daß der Senator sich einen
Augenblick an die Tür hatte stellen müssen, um ihnen Respekt einzuflößen,
– sie sangen nun ganz wunderschön. Diese hellen Stimmen, die sich,
getragen von den tieferen Organen, rein, jubelnd und lobpreisend
aufschwangen, zogen aller Herzen mit sich empor, ließen das Lächeln der
alten Jungfern milder werden und machten, daß die alten Leute in sich
hineinsahen und ihr Leben überdachten, während die, welche mitten im
Leben standen, ein Weilchen ihrer Sorgen vergaßen.
Hanno ließ sein Knie los, das er bislang umschlungen gehalten hatte. Er
sah ganz blaß aus, spielte mit den Fransen seines Schemels und scheuerte
seine Zunge an einem Zahn, mit halbgeöffnetem Munde und einem
Gesichtsausdruck, als fröre ihn. Dann und wann empfand er das Bedürfnis,
tief aufzuatmen, denn jetzt, da der Gesang, dieser glockenreine a-cappella-
Gesang die Luft erfüllte, zog sein Herz sich in einem fast schmerzhaften
Glück zusammen. Weihnachten … Durch die Spalten der hohen,
weißlackierten, noch fest geschlossenen Flügeltür drang der Tannenduft und
erweckte mit seiner süßen Würze die Vorstellung der Wunder dort drinnen
im Saale, die man jedes Jahr aufs neue mit pochenden Pulsen als eine
unfaßbare, unirdische Pracht erharrte … Was würde dort drinnen für ihn
sein? Das, was er sich gewünscht hatte, natürlich, denn das bekam man
ohne Frage, gesetzt, daß es einem nicht als eine Unmöglichkeit zuvor schon
ausgeredet worden war. Das Theater würde ihm gleich in die Augen
springen und ihm den Weg zu seinem Platze weisen müssen, das ersehnte
Puppentheater, das dem Wunschzettel für Großmama stark unterstrichen zu
Häupten gestanden hatte, und das seit dem »Fidelio« beinahe sein einziger
Gedanke gewesen war.
Ja, als Entschädigung und Belohnung für einen Besuch bei Herrn Brecht
hatte Hanno kürzlich zum ersten Male das Theater besucht, das
Stadttheater, wo er im ersten Range an der Seite seiner Mutter atemlos den
Klängen und Vorgängen des »Fidelio« hatte folgen dürfen. Seitdem träumte
er nichts als Opernszenen, und eine Leidenschaft für die Bühne erfüllte ihn,
die ihn kaum schlafen ließ. Mit unaussprechlichem Neide betrachtete er auf
der Straße die Leute, die, wie ja auch sein Onkel Christian, als
Theaterhabitués bekannt waren, Konsul Döhlmann, Makler Gosch … War
das Glück ertragbar, wie sie fast jeden Abend dort anwesend sein zu dürfen?
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Könnte er nur einmal in der Woche vor Beginn der Aufführung einen Blick
in den Saal tun, das Stimmen der Instrumente hören und ein wenig den
geschlossenen Vorhang ansehen! Denn er liebte alles im Theater: den
Gasgeruch, die Sitze, die Musiker, den Vorhang …
Wird sein Puppentheater groß sein? Groß und breit? Wie wird der
Vorhang aussehen? Man muß baldmöglichst ein kleines Loch
hineinschneiden, denn auch im Vorhang des Stadttheaters war ein Guckloch
… Ob Großmama oder Mamsell Severin – denn Großmama konnte nicht
alles besorgen – die nötigen Dekorationen zum »Fidelio« gefunden hatte?
Gleich morgen wird er sich irgendwo einschließen und ganz allein eine
Vorstellung geben … Und schon ließ er seine Figuren im Geiste singen;
denn die Musik hatte sich ihm mit dem Theater sofort aufs engste
verbunden …
»Jauchze laut, Jerusalem!« schlossen die Chorknaben, und die Stimmen,
die fugenartig nebeneinander hergegangen waren, fanden sich in der letzten
Silbe friedlich und freudig zusammen. Der klare Akkord verhallte, und tiefe
Stille legte sich über Säulenhalle und Landschaftszimmer. Die Mitglieder
der Familie blickten unter dem Drucke der Pause vor sich nieder; nur
Direktor Weinschenks Augen schweiften keck und unbefangen umher, und
Frau Permaneder ließ ihr trocknes Räuspern vernehmen, das
ununterdrückbar war. Die Konsulin aber schritt langsam zum Tische und
setzte sich inmitten ihrer Angehörigen auf das Sofa, das nun nicht mehr wie
in alter Zeit unabhängig und abgesondert vom Tische dastand. Sie rückte
die Lampe zurecht und zog die große Bibel heran, deren altersbleiche
Goldschnittfläche ungeheuerlich breit war. Dann schob sie die Brille auf die
Nase, öffnete die beiden ledernen Spangen, mit denen das kolossale Buch
geschlossen war, schlug dort auf, wo das Zeichen lag, daß das dicke, rauhe,
gelbliche Papier mit dem übergroßen Druck zum Vorschein kam, nahm
einen Schluck Zuckerwasser und begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.
Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen
gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter von
der andächtigen Stille abhob. »Und den Menschen ein Wohlgefallen!« sagte
sie. Kaum aber schwieg sie, so erklang in der Säulenhalle dreistimmig das
»Stille Nacht, heilige Nacht«, in das die Familie im Landschaftszimmer
einstimmte. Man ging ein wenig vorsichtig zu Werke dabei, denn die
in den Saal tun, das Stimmen der Instrumente hören und ein wenig den
geschlossenen Vorhang ansehen! Denn er liebte alles im Theater: den
Gasgeruch, die Sitze, die Musiker, den Vorhang …
Wird sein Puppentheater groß sein? Groß und breit? Wie wird der
Vorhang aussehen? Man muß baldmöglichst ein kleines Loch
hineinschneiden, denn auch im Vorhang des Stadttheaters war ein Guckloch
… Ob Großmama oder Mamsell Severin – denn Großmama konnte nicht
alles besorgen – die nötigen Dekorationen zum »Fidelio« gefunden hatte?
Gleich morgen wird er sich irgendwo einschließen und ganz allein eine
Vorstellung geben … Und schon ließ er seine Figuren im Geiste singen;
denn die Musik hatte sich ihm mit dem Theater sofort aufs engste
verbunden …
»Jauchze laut, Jerusalem!« schlossen die Chorknaben, und die Stimmen,
die fugenartig nebeneinander hergegangen waren, fanden sich in der letzten
Silbe friedlich und freudig zusammen. Der klare Akkord verhallte, und tiefe
Stille legte sich über Säulenhalle und Landschaftszimmer. Die Mitglieder
der Familie blickten unter dem Drucke der Pause vor sich nieder; nur
Direktor Weinschenks Augen schweiften keck und unbefangen umher, und
Frau Permaneder ließ ihr trocknes Räuspern vernehmen, das
ununterdrückbar war. Die Konsulin aber schritt langsam zum Tische und
setzte sich inmitten ihrer Angehörigen auf das Sofa, das nun nicht mehr wie
in alter Zeit unabhängig und abgesondert vom Tische dastand. Sie rückte
die Lampe zurecht und zog die große Bibel heran, deren altersbleiche
Goldschnittfläche ungeheuerlich breit war. Dann schob sie die Brille auf die
Nase, öffnete die beiden ledernen Spangen, mit denen das kolossale Buch
geschlossen war, schlug dort auf, wo das Zeichen lag, daß das dicke, rauhe,
gelbliche Papier mit dem übergroßen Druck zum Vorschein kam, nahm
einen Schluck Zuckerwasser und begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.
Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen
gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter von
der andächtigen Stille abhob. »Und den Menschen ein Wohlgefallen!« sagte
sie. Kaum aber schwieg sie, so erklang in der Säulenhalle dreistimmig das
»Stille Nacht, heilige Nacht«, in das die Familie im Landschaftszimmer
einstimmte. Man ging ein wenig vorsichtig zu Werke dabei, denn die
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meisten der Anwesenden waren unmusikalisch, und hie und da vernahm
man in dem Ensemble einen tiefen und ganz ungehörigen Ton … Aber das
beeinträchtigte nicht die Wirkung dieses Liedes … Frau Permaneder sang
es mit bebenden Lippen, denn am süßesten und schmerzlichsten rührt es an
dessen Herz, der ein bewegtes Leben hinter sich hat und im kurzen Frieden
der Feierstunde Rückblick hält … Madame Kethelsen weinte still und
bitterlich, obgleich sie von allem fast nichts vernahm.
Und dann erhob sich die Konsulin. Sie ergriff die Hand ihres Enkels
Johann und die ihrer Urenkelin Elisabeth und schritt durch das Zimmer. Die
alten Herrschaften schlossen sich an, die jüngeren folgten, in der
Säulenhalle gesellten sich die Dienstboten und die Hausarmen hinzu, und
während alles einmütig »O Tannebaum« anstimmte und Onkel Christian
vorn die Kinder zum Lachen brachte, indem er beim Marschieren die Beine
hob wie ein Hampelmann und albernerweise »O Tantebaum« sang, zog man
mit geblendeten Augen und ein Lächeln auf dem Gesicht durch die
weitgeöffnete hohe Flügeltür direkt in den Himmel hinein.
Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige,
leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das
Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen
Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten
zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum
bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen
Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches
Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte,
flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der
weißgedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken beladen,
von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe kleinerer, mit
Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von brennenden
Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die aus den
Wänden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den
vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln. Große Gegenstände,
Geschenke, die auf der Tafel nicht Platz hatten, standen nebeneinander auf
dem Fußboden. Kleinere Tische, ebenfalls weiß gedeckt, mit Gaben belegt
und mit brennenden Bäumchen geschmückt, befanden sich zu den Seiten
der beiden Türen: Das waren die Bescherungen der Dienstboten und der
Hausarmen.
man in dem Ensemble einen tiefen und ganz ungehörigen Ton … Aber das
beeinträchtigte nicht die Wirkung dieses Liedes … Frau Permaneder sang
es mit bebenden Lippen, denn am süßesten und schmerzlichsten rührt es an
dessen Herz, der ein bewegtes Leben hinter sich hat und im kurzen Frieden
der Feierstunde Rückblick hält … Madame Kethelsen weinte still und
bitterlich, obgleich sie von allem fast nichts vernahm.
Und dann erhob sich die Konsulin. Sie ergriff die Hand ihres Enkels
Johann und die ihrer Urenkelin Elisabeth und schritt durch das Zimmer. Die
alten Herrschaften schlossen sich an, die jüngeren folgten, in der
Säulenhalle gesellten sich die Dienstboten und die Hausarmen hinzu, und
während alles einmütig »O Tannebaum« anstimmte und Onkel Christian
vorn die Kinder zum Lachen brachte, indem er beim Marschieren die Beine
hob wie ein Hampelmann und albernerweise »O Tantebaum« sang, zog man
mit geblendeten Augen und ein Lächeln auf dem Gesicht durch die
weitgeöffnete hohe Flügeltür direkt in den Himmel hinein.
Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige,
leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das
Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen
Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten
zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum
bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen, weißen
Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches
Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte,
flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der
weißgedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken beladen,
von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe kleinerer, mit
Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von brennenden
Wachslichtchen erstrahlten. Und es brannten die Gasarme, die aus den
Wänden hervorkamen, und es brannten die dicken Kerzen auf den
vergoldeten Kandelabern in allen vier Winkeln. Große Gegenstände,
Geschenke, die auf der Tafel nicht Platz hatten, standen nebeneinander auf
dem Fußboden. Kleinere Tische, ebenfalls weiß gedeckt, mit Gaben belegt
und mit brennenden Bäumchen geschmückt, befanden sich zu den Seiten
der beiden Türen: Das waren die Bescherungen der Dienstboten und der
Hausarmen.
Page 505
Singend, geblendet und dem altvertrauten Raume ganz entfremdet
umschritt man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein
wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb
dann, nachdem man Blick für die einzelnen Gegenstände bekommen hatte,
verstummend an seinem Platze stehen.
Hanno war vollständig verwirrt. Bald nach dem Eintritt hatten seine
fieberhaft suchenden Augen das Theater erblickt … ein Theater, das, wie es
dort oben auf dem Tische prangte, von so extremer Größe und Breite
erschien, wie er es sich vorzustellen niemals erkühnt hatte. Aber sein Platz
hatte gewechselt, er befand sich an einer der vorjährigen entgegengesetzten
Stelle, und dies bewirkte, daß Hanno in seiner Verblüffung ernstlich daran
zweifelte, ob dies fabelhafte Theater für ihn bestimmt sei. Hinzu kam, daß
zu den Füßen der Bühne, auf dem Boden, etwas Großes, Fremdes
aufgestellt war, etwas, was nicht auf seinem Wunschzettel gestanden hatte,
ein Möbel, ein kommodenartiger Gegenstand … war er für ihn?
»Komm her, Kind, und sieh dir dies an«, sagte die Konsulin und öffnete
den Deckel. »Ich weiß, du spielst gern Choräle … Herr Pfühl wird dir die
nötigen Anweisungen geben … Man muß immer treten … manchmal
schwächer und manchmal stärker … und dann die Hände nicht aufheben,
sondern immer nur so peu à peu die Finger wechseln …«
Es war ein Harmonium, ein kleines, hübsches Harmonium, braun
poliert, mit Metallgriffen an beiden Seiten, bunten Tretbälgen und einem
zierlichen Drehsessel. Hanno griff einen Akkord … ein sanfter Orgelklang
löste sich los und ließ die Umstehenden von ihren Geschenken aufblicken
… Hanno umarmte seine Großmutter, die ihn zärtlich an sich preßte und ihn
dann verließ, um die Danksagungen der anderen entgegenzunehmen.
Er wandte sich dem Theater zu. Das Harmonium war ein
überwältigender Traum, aber er hatte doch fürs erste noch keine Zeit, sich
näher damit zu beschäftigen. Es war der Überfluß des Glückes, in dem man,
undankbar gegen das Einzelne, alles nur flüchtig berührt, um erst einmal
das Ganze übersehen zu lernen … Oh, ein Souffleurkasten war da, ein
muschelförmiger Souffleurkasten, hinter dem breit und majestätisch in Rot
und Gold der Vorhang emporrollte. Auf der Bühne war die Dekoration des
letzten Fidelio-Aktes aufgestellt. Die armen Gefangenen falteten die Hände.
umschritt man einmal den Saal, defilierte an der Krippe vorbei, in der ein
wächsernes Jesuskind das Kreuzeszeichen zu machen schien, und blieb
dann, nachdem man Blick für die einzelnen Gegenstände bekommen hatte,
verstummend an seinem Platze stehen.
Hanno war vollständig verwirrt. Bald nach dem Eintritt hatten seine
fieberhaft suchenden Augen das Theater erblickt … ein Theater, das, wie es
dort oben auf dem Tische prangte, von so extremer Größe und Breite
erschien, wie er es sich vorzustellen niemals erkühnt hatte. Aber sein Platz
hatte gewechselt, er befand sich an einer der vorjährigen entgegengesetzten
Stelle, und dies bewirkte, daß Hanno in seiner Verblüffung ernstlich daran
zweifelte, ob dies fabelhafte Theater für ihn bestimmt sei. Hinzu kam, daß
zu den Füßen der Bühne, auf dem Boden, etwas Großes, Fremdes
aufgestellt war, etwas, was nicht auf seinem Wunschzettel gestanden hatte,
ein Möbel, ein kommodenartiger Gegenstand … war er für ihn?
»Komm her, Kind, und sieh dir dies an«, sagte die Konsulin und öffnete
den Deckel. »Ich weiß, du spielst gern Choräle … Herr Pfühl wird dir die
nötigen Anweisungen geben … Man muß immer treten … manchmal
schwächer und manchmal stärker … und dann die Hände nicht aufheben,
sondern immer nur so peu à peu die Finger wechseln …«
Es war ein Harmonium, ein kleines, hübsches Harmonium, braun
poliert, mit Metallgriffen an beiden Seiten, bunten Tretbälgen und einem
zierlichen Drehsessel. Hanno griff einen Akkord … ein sanfter Orgelklang
löste sich los und ließ die Umstehenden von ihren Geschenken aufblicken
… Hanno umarmte seine Großmutter, die ihn zärtlich an sich preßte und ihn
dann verließ, um die Danksagungen der anderen entgegenzunehmen.
Er wandte sich dem Theater zu. Das Harmonium war ein
überwältigender Traum, aber er hatte doch fürs erste noch keine Zeit, sich
näher damit zu beschäftigen. Es war der Überfluß des Glückes, in dem man,
undankbar gegen das Einzelne, alles nur flüchtig berührt, um erst einmal
das Ganze übersehen zu lernen … Oh, ein Souffleurkasten war da, ein
muschelförmiger Souffleurkasten, hinter dem breit und majestätisch in Rot
und Gold der Vorhang emporrollte. Auf der Bühne war die Dekoration des
letzten Fidelio-Aktes aufgestellt. Die armen Gefangenen falteten die Hände.
Page 506
Don Pizarro, mit gewaltig gepufften Ärmeln, verharrte irgendwo in
fürchterlicher Attitüde. Und von hinten nahte im Geschwindschritt und ganz
in schwarzem Sammet der Minister, um alles zum Besten zu kehren. Es war
wie im Stadttheater und beinahe noch schöner. In Hannos Ohren widerhallte
der Jubelchor, das Finale, und er setzte sich vor das Harmonium, um ein
Stückchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu bringen … Aber er
stand wieder auf, um das Buch zur Hand zu nehmen, das erwünschte Buch
der griechischen Mythologie, das ganz rot gebunden war und eine goldene
Pallas Athene auf dem Deckel trug. Er aß von seinem Teller mit Konfekt,
Marzipan und Braunen Kuchen, musterte die kleineren Dinge, die
Schreibutensilien und Schulhefte und vergaß einen Augenblick alles übrige
über einem Federhalter, an dem sich irgendwo ein winziges Glaskörnchen
befand, das man nur vors Auge zu halten brauchte, um wie durch
Zauberspiel eine weite Schweizerlandschaft vor sich zu sehen …
Jetzt gingen Mamsell Severin und das Folgmädchen mit Tee und
Biskuits umher, und während Hanno eintauchte, fand er ein wenig Muße,
von seinem Platze aufzusehen. Man stand an der Tafel oder ging daran hin
und her, plauderte und lachte, indem man einander die Geschenke zeigte
und die des anderen bewunderte. Es gab da Gegenstände aus allen Stoffen:
aus Porzellan, aus Nickel, aus Silber, aus Gold, aus Holz, Seide und Tuch.
Große mit Mandeln und Suckade symmetrisch besetzte Braune Kuchen
lagen abwechselnd mit massiven Marzipanbroten, die innen naß waren vor
Frische, in langer Reihe auf dem Tische. Diejenigen Geschenke, die Frau
Permaneder angefertigt oder dekoriert hatte, ein Arbeitsbeutel, ein
Untersatz für Blattpflanzen, ein Fußkissen, waren mit großen Atlasschleifen
geziert.
Dann und wann besuchte man den kleinen Johann, legte den Arm um
seinen Matrosenkragen und nahm seine Geschenke mit der ironisch
übertriebenen Bewunderung in Augenschein, mit der man die
Herrlichkeiten der Kinder zu bestaunen pflegt. Nur Onkel Christian wußte
nichts von diesem Erwachsenenhochmut, und seine Freude an dem
Puppentheater, als er, einen Brillantring am Finger, den er von seiner Mutter
beschert bekommen hatte, an Hannos Platz vorüberschlenderte, unterschied
sich gar nicht von der seines Neffen.
fürchterlicher Attitüde. Und von hinten nahte im Geschwindschritt und ganz
in schwarzem Sammet der Minister, um alles zum Besten zu kehren. Es war
wie im Stadttheater und beinahe noch schöner. In Hannos Ohren widerhallte
der Jubelchor, das Finale, und er setzte sich vor das Harmonium, um ein
Stückchen daraus, das er behalten, zum Erklingen zu bringen … Aber er
stand wieder auf, um das Buch zur Hand zu nehmen, das erwünschte Buch
der griechischen Mythologie, das ganz rot gebunden war und eine goldene
Pallas Athene auf dem Deckel trug. Er aß von seinem Teller mit Konfekt,
Marzipan und Braunen Kuchen, musterte die kleineren Dinge, die
Schreibutensilien und Schulhefte und vergaß einen Augenblick alles übrige
über einem Federhalter, an dem sich irgendwo ein winziges Glaskörnchen
befand, das man nur vors Auge zu halten brauchte, um wie durch
Zauberspiel eine weite Schweizerlandschaft vor sich zu sehen …
Jetzt gingen Mamsell Severin und das Folgmädchen mit Tee und
Biskuits umher, und während Hanno eintauchte, fand er ein wenig Muße,
von seinem Platze aufzusehen. Man stand an der Tafel oder ging daran hin
und her, plauderte und lachte, indem man einander die Geschenke zeigte
und die des anderen bewunderte. Es gab da Gegenstände aus allen Stoffen:
aus Porzellan, aus Nickel, aus Silber, aus Gold, aus Holz, Seide und Tuch.
Große mit Mandeln und Suckade symmetrisch besetzte Braune Kuchen
lagen abwechselnd mit massiven Marzipanbroten, die innen naß waren vor
Frische, in langer Reihe auf dem Tische. Diejenigen Geschenke, die Frau
Permaneder angefertigt oder dekoriert hatte, ein Arbeitsbeutel, ein
Untersatz für Blattpflanzen, ein Fußkissen, waren mit großen Atlasschleifen
geziert.
Dann und wann besuchte man den kleinen Johann, legte den Arm um
seinen Matrosenkragen und nahm seine Geschenke mit der ironisch
übertriebenen Bewunderung in Augenschein, mit der man die
Herrlichkeiten der Kinder zu bestaunen pflegt. Nur Onkel Christian wußte
nichts von diesem Erwachsenenhochmut, und seine Freude an dem
Puppentheater, als er, einen Brillantring am Finger, den er von seiner Mutter
beschert bekommen hatte, an Hannos Platz vorüberschlenderte, unterschied
sich gar nicht von der seines Neffen.
Page 507
»Donnerwetter, das ist drollig!« sagte er, indem er den Vorhang auf- und
niederzog und einen Schritt zurücktrat, um das szenische Bild zu
betrachten. »Hast du dir das gewünscht? – So, das hast du dir also
gewünscht«, sagte er plötzlich, nachdem er eine Weile mit sonderbarem
Ernst und voll unruhiger Gedanken seine Augen hatte wandern lassen.
»Warum? Wie kommst du auf den Gedanken? Bist du schon mal im Theater
gewesen?… Im Fidelio? Ja, das wird gut gegeben … Und nun willst du das
nachmachen, wie? nachahmen, selbst Opern aufführen?… Hat es solchen
Eindruck auf dich gemacht?… Hör' mal, Kind, laß dir raten, hänge deine
Gedanken nur nicht zu sehr an solche Sachen … Theater … und sowas …
Das taugt nichts, glaube deinem Onkel. Ich habe mich auch immer viel zu
sehr für diese Dinge interessiert, und darum ist auch nicht viel aus mir
geworden. Ich habe große Fehler begangen, mußt du wissen …«
Er hielt das seinem Neffen ernst und eindringlich vor, während Hanno
neugierig zu ihm aufsah. Dann jedoch, nach einer Pause, während welcher
in Betrachtung des Theaters sein knochiges und verfallenes Gesicht sich
aufhellte, ließ er plötzlich eine Figur sich auf der Bühne vorwärts bewegen
und sang mit hohl krächzender und tremolierender Stimme: »Ha, welch
gräßliches Verbrechen!« worauf er den Sessel des Harmoniums vor das
Theater schob, sich setzte und eine Oper aufzuführen begann, indem er,
singend und gestikulierend, abwechselnd die Bewegungen des
Kapellmeisters und der agierenden Personen vollführte. Hinter seinem
Rücken versammelten sich mehrere Familienglieder, lachten, schüttelten
den Kopf und amüsierten sich. Hanno sah ihm mit aufrichtigem Vergnügen
zu. Nach einer Weile aber, ganz überraschend, brach Christian ab. Er
verstummte, ein unruhiger Ernst überflog sein Gesicht, er strich mit der
Hand über seinen Schädel und an seiner linken Seite hinab und wandte sich
dann mit krauser Nase und sorgenvoller Miene zum Publikum.
»Ja, seht ihr, nun ist es wieder aus«, sagte er; »nun kommt wieder die
Strafe. Es rächt sich immer gleich, wenn ich mir mal einen Spaß erlaube. Es
ist kein Schmerz, wißt ihr, es ist eine Qual … eine unbestimmte Qual, weil
hier alle Nerven zu kurz sind. Sie sind ganz einfach alle zu kurz …«
Aber die Verwandten nahmen diese Klagen ebensowenig ernst wie seine
Späße und antworteten kaum. Sie zerstreuten sich gleichgültig, und so saß
niederzog und einen Schritt zurücktrat, um das szenische Bild zu
betrachten. »Hast du dir das gewünscht? – So, das hast du dir also
gewünscht«, sagte er plötzlich, nachdem er eine Weile mit sonderbarem
Ernst und voll unruhiger Gedanken seine Augen hatte wandern lassen.
»Warum? Wie kommst du auf den Gedanken? Bist du schon mal im Theater
gewesen?… Im Fidelio? Ja, das wird gut gegeben … Und nun willst du das
nachmachen, wie? nachahmen, selbst Opern aufführen?… Hat es solchen
Eindruck auf dich gemacht?… Hör' mal, Kind, laß dir raten, hänge deine
Gedanken nur nicht zu sehr an solche Sachen … Theater … und sowas …
Das taugt nichts, glaube deinem Onkel. Ich habe mich auch immer viel zu
sehr für diese Dinge interessiert, und darum ist auch nicht viel aus mir
geworden. Ich habe große Fehler begangen, mußt du wissen …«
Er hielt das seinem Neffen ernst und eindringlich vor, während Hanno
neugierig zu ihm aufsah. Dann jedoch, nach einer Pause, während welcher
in Betrachtung des Theaters sein knochiges und verfallenes Gesicht sich
aufhellte, ließ er plötzlich eine Figur sich auf der Bühne vorwärts bewegen
und sang mit hohl krächzender und tremolierender Stimme: »Ha, welch
gräßliches Verbrechen!« worauf er den Sessel des Harmoniums vor das
Theater schob, sich setzte und eine Oper aufzuführen begann, indem er,
singend und gestikulierend, abwechselnd die Bewegungen des
Kapellmeisters und der agierenden Personen vollführte. Hinter seinem
Rücken versammelten sich mehrere Familienglieder, lachten, schüttelten
den Kopf und amüsierten sich. Hanno sah ihm mit aufrichtigem Vergnügen
zu. Nach einer Weile aber, ganz überraschend, brach Christian ab. Er
verstummte, ein unruhiger Ernst überflog sein Gesicht, er strich mit der
Hand über seinen Schädel und an seiner linken Seite hinab und wandte sich
dann mit krauser Nase und sorgenvoller Miene zum Publikum.
»Ja, seht ihr, nun ist es wieder aus«, sagte er; »nun kommt wieder die
Strafe. Es rächt sich immer gleich, wenn ich mir mal einen Spaß erlaube. Es
ist kein Schmerz, wißt ihr, es ist eine Qual … eine unbestimmte Qual, weil
hier alle Nerven zu kurz sind. Sie sind ganz einfach alle zu kurz …«
Aber die Verwandten nahmen diese Klagen ebensowenig ernst wie seine
Späße und antworteten kaum. Sie zerstreuten sich gleichgültig, und so saß
Page 508
denn Christian noch eine Zeitlang stumm vor dem Theater, betrachtete es
mit schnellem und gedankenvollem Blinzeln und erhob sich dann.
»Na, Kind, amüsiere dich damit«, sagte er, indem er über Hannos Haar
strich. »Aber nicht zu viel … und vergiß deine ernsten Arbeiten nicht
darüber, hörst du? Ich habe viele Fehler gemacht … Jetzt will ich aber in
den Klub … Ich gehe ein bißchen in den Klub!« rief er den Erwachsenen
zu. »Da feiern sie auch Weihnachten heut. Auf Wiedersehn.« Und mit
steifen, krummen Beinen ging er durch die Säulenhalle von dannen.
Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit
Tee und Biskuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als
große Kristallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß
herumgereicht wurden. Es war Mandelcreme, ein Gemisch aus Eiern,
geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das
aber, nahm man ein Löffelchen zuviel, die furchtbarsten
Magenbeschwerden verursachte. Dennoch, und obgleich die Konsulin bat,
für das Abendbrot »ein kleines Loch offen zu lassen«, tat man sich keinen
Zwang an. Was Klothilde betraf, so vollführte sie Wunderdinge. Still und
dankbar löffelte sie die Mandelcreme, als wäre es Buchweizengrütze. Zur
Erfrischung gab es auch Weingelee in Gläsern, wozu englischer Plumkake
gegessen wurde. Nach und nach zog man sich ins Landschaftszimmer
hinüber und gruppierte sich mit den Tellern um den Tisch.
Hanno blieb allein im Saale zurück, denn die kleine Elisabeth
Weinschenk war nach Hause gebracht worden, während er dieses Jahr zum
ersten Male zum Abendessen in der Mengstraße bleiben durfte, die
Dienstmädchen und die Hausarmen hatten sich mit ihren Geschenken
zurückgezogen, und Ida Jungmann plauderte in der Säulenhalle mit
Riekchen Severin, obgleich sie, als Erzieherin, der Jungfer gegenüber
gewöhnlich eine strenge gesellschaftliche Distanz innehielt. Die Lichte des
großen Baumes waren herabgebrannt und ausgelöscht, so daß die Krippe
nun im Dunkel lag; aber einzelne Kerzen an den kleinen Bäumen auf der
Tafel brannten noch, und hie und da geriet ein Zweig in den Bereich eines
Flämmchens, sengte knisternd an und verstärkte den Duft, der im Saale
herrschte. Jeder Lufthauch, der die Bäume berührte, ließ die Stücke
Flittergoldes, die daran befestigt waren, mit einem zart metallischen
Geräusch erschauern. Es war nun wieder still genug, die leisen
mit schnellem und gedankenvollem Blinzeln und erhob sich dann.
»Na, Kind, amüsiere dich damit«, sagte er, indem er über Hannos Haar
strich. »Aber nicht zu viel … und vergiß deine ernsten Arbeiten nicht
darüber, hörst du? Ich habe viele Fehler gemacht … Jetzt will ich aber in
den Klub … Ich gehe ein bißchen in den Klub!« rief er den Erwachsenen
zu. »Da feiern sie auch Weihnachten heut. Auf Wiedersehn.« Und mit
steifen, krummen Beinen ging er durch die Säulenhalle von dannen.
Alle hatten heute früher als sonst zu Mittag gegessen und sich daher mit
Tee und Biskuits ausgiebig bedient. Aber man war kaum damit fertig, als
große Kristallschüsseln mit einem gelben, körnigen Brei zum Imbiß
herumgereicht wurden. Es war Mandelcreme, ein Gemisch aus Eiern,
geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das
aber, nahm man ein Löffelchen zuviel, die furchtbarsten
Magenbeschwerden verursachte. Dennoch, und obgleich die Konsulin bat,
für das Abendbrot »ein kleines Loch offen zu lassen«, tat man sich keinen
Zwang an. Was Klothilde betraf, so vollführte sie Wunderdinge. Still und
dankbar löffelte sie die Mandelcreme, als wäre es Buchweizengrütze. Zur
Erfrischung gab es auch Weingelee in Gläsern, wozu englischer Plumkake
gegessen wurde. Nach und nach zog man sich ins Landschaftszimmer
hinüber und gruppierte sich mit den Tellern um den Tisch.
Hanno blieb allein im Saale zurück, denn die kleine Elisabeth
Weinschenk war nach Hause gebracht worden, während er dieses Jahr zum
ersten Male zum Abendessen in der Mengstraße bleiben durfte, die
Dienstmädchen und die Hausarmen hatten sich mit ihren Geschenken
zurückgezogen, und Ida Jungmann plauderte in der Säulenhalle mit
Riekchen Severin, obgleich sie, als Erzieherin, der Jungfer gegenüber
gewöhnlich eine strenge gesellschaftliche Distanz innehielt. Die Lichte des
großen Baumes waren herabgebrannt und ausgelöscht, so daß die Krippe
nun im Dunkel lag; aber einzelne Kerzen an den kleinen Bäumen auf der
Tafel brannten noch, und hie und da geriet ein Zweig in den Bereich eines
Flämmchens, sengte knisternd an und verstärkte den Duft, der im Saale
herrschte. Jeder Lufthauch, der die Bäume berührte, ließ die Stücke
Flittergoldes, die daran befestigt waren, mit einem zart metallischen
Geräusch erschauern. Es war nun wieder still genug, die leisen
Page 509
Drehorgelklänge zu vernehmen, die von einer fernen Straße durch den
kalten Abend daherkamen.
Hanno genoß die weihnachtlichen Düfte und Laute mit Hingebung. Er
las, den Kopf in die Hand gestützt, in seinem Mythologiebuch, aß
mechanisch und weil es zur Sache gehörte, Konfekt, Marzipan,
Mandelcreme und Plumkake, und die ängstliche Beklommenheit, die ein
überfüllter Magen verursacht, vermischte sich mit der süßen Erregung des
Abends zu einer wehmütigen Glückseligkeit. Er las von den Kämpfen, die
Zeus zu bestehen hatte, um zur Herrschaft zu gelangen, und horchte dann
und wann einen Augenblick ins Wohnzimmer hinüber, wo man Tante
Klothildens Zukunft eingehend besprach.
Klothilde war weitaus die Glücklichste von allen an diesem Abend und
nahm die Gratulationen und Neckereien, die ihr von allen Seiten zuteil
wurden, mit einem Lächeln entgegen, das ihr aschgraues Gesicht verklärte;
ihre Stimme brach sich beim Sprechen vor freudiger Bewegung. – Sie war
in das »Johanniskloster« aufgenommen worden. Der Senator hatte ihr die
Aufnahme unter der Hand im Verwaltungsrat erwirkt, obgleich gewisse
Herren heimlich über Nepotismus gemurrt hatten. Man unterhielt sich über
diese dankenswerte Institution, die den adeligen Damenklöstern in
Mecklenburg, Dobberthien und Ribnitz entsprach und die würdige
Altersversorgung mittelloser Mädchen aus verdienter und alteingesessener
Familie bezweckte. Der armen Klothilde war nun zu einer kleinen, aber
sicheren Rente verholfen, die sich mit den Jahren steigern würde, und für
ihr Alter, wenn sie in die höchste Klasse aufgerückt sein würde, sogar zu
einer friedlichen und reinlichen Wohnung im Kloster selbst …
Der kleine Johann verweilte ein wenig bei den Erwachsenen, aber er
kehrte bald in den Saal zurück, der nun, da er weniger licht erstrahlte und
mit seiner Herrlichkeit keine so verblüffte Scheu mehr hervorrief wie
anfangs, einen Reiz von neuer Art ausübte. Es war ein ganz seltsames
Vergnügen, wie auf einer halbdunklen Bühne nach Schluß der Vorstellung
darin umherzustreifen und ein wenig hinter die Kulissen zu sehen: die
Lilien des großen Tannenbaumes mit ihren goldnen Staubfäden aus der
Nähe zu betrachten, die Tier- und Menschenfiguren des Krippenaufbaus in
die Hand zu nehmen, die Kerze ausfindig zu machen, die den transparenten
Stern über Bethlehems Stall hatte leuchten lassen, und das lang
kalten Abend daherkamen.
Hanno genoß die weihnachtlichen Düfte und Laute mit Hingebung. Er
las, den Kopf in die Hand gestützt, in seinem Mythologiebuch, aß
mechanisch und weil es zur Sache gehörte, Konfekt, Marzipan,
Mandelcreme und Plumkake, und die ängstliche Beklommenheit, die ein
überfüllter Magen verursacht, vermischte sich mit der süßen Erregung des
Abends zu einer wehmütigen Glückseligkeit. Er las von den Kämpfen, die
Zeus zu bestehen hatte, um zur Herrschaft zu gelangen, und horchte dann
und wann einen Augenblick ins Wohnzimmer hinüber, wo man Tante
Klothildens Zukunft eingehend besprach.
Klothilde war weitaus die Glücklichste von allen an diesem Abend und
nahm die Gratulationen und Neckereien, die ihr von allen Seiten zuteil
wurden, mit einem Lächeln entgegen, das ihr aschgraues Gesicht verklärte;
ihre Stimme brach sich beim Sprechen vor freudiger Bewegung. – Sie war
in das »Johanniskloster« aufgenommen worden. Der Senator hatte ihr die
Aufnahme unter der Hand im Verwaltungsrat erwirkt, obgleich gewisse
Herren heimlich über Nepotismus gemurrt hatten. Man unterhielt sich über
diese dankenswerte Institution, die den adeligen Damenklöstern in
Mecklenburg, Dobberthien und Ribnitz entsprach und die würdige
Altersversorgung mittelloser Mädchen aus verdienter und alteingesessener
Familie bezweckte. Der armen Klothilde war nun zu einer kleinen, aber
sicheren Rente verholfen, die sich mit den Jahren steigern würde, und für
ihr Alter, wenn sie in die höchste Klasse aufgerückt sein würde, sogar zu
einer friedlichen und reinlichen Wohnung im Kloster selbst …
Der kleine Johann verweilte ein wenig bei den Erwachsenen, aber er
kehrte bald in den Saal zurück, der nun, da er weniger licht erstrahlte und
mit seiner Herrlichkeit keine so verblüffte Scheu mehr hervorrief wie
anfangs, einen Reiz von neuer Art ausübte. Es war ein ganz seltsames
Vergnügen, wie auf einer halbdunklen Bühne nach Schluß der Vorstellung
darin umherzustreifen und ein wenig hinter die Kulissen zu sehen: die
Lilien des großen Tannenbaumes mit ihren goldnen Staubfäden aus der
Nähe zu betrachten, die Tier- und Menschenfiguren des Krippenaufbaus in
die Hand zu nehmen, die Kerze ausfindig zu machen, die den transparenten
Stern über Bethlehems Stall hatte leuchten lassen, und das lang
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herabhängende Tafeltuch zu lüften, um der Menge von Kartons und
Packpapieren gewahr zu werden, die unter dem Tisch aufgestapelt waren.
Auch gestaltete sich die Unterhaltung im Landschaftszimmer immer
weniger anziehend. Mit unentrinnbarer Notwendigkeit war allmählich die
eine, unheimliche Angelegenheit Gegenstand des Gespräches geworden,
über die man bislang dem festlichen Abend zu Ehren geschwiegen, die aber
fast keinen Augenblick aufgehört hatte, alle Gemüter zu beschäftigen:
Direktor Weinschenks Prozeß. Hugo Weinschenk selbst hielt Vortrag
darüber, mit einer gewissen wilden Munterkeit in Miene und Bewegungen.
Er berichtete über Einzelheiten der nun durch das Fest unterbrochenen
Zeugenvernehmung, tadelte lebhaft die allzu bemerkbare
Voreingenommenheit des Präsidenten Doktor Philander und kritisierte mit
souveränem Spott den höhnischen Ton, den der Staatsanwalt Doktor
Hagenström gegen ihn und die Entlastungszeugen anzuwenden für passend
erachte. Übrigens habe Breslauer verschiedene belastende Aussagen sehr
witzig entkräftet und ihn aufs bestimmteste versichert, daß an eine
Verurteilung vorläufig gar nicht zu denken sei. – Der Senator warf hie und
da aus Höflichkeit eine Frage ein, und Frau Permaneder, die mit
emporgezogenen Schultern auf dem Sofa saß, murmelte manchmal einen
furchtbaren Fluch gegen Moritz Hagenström. Die übrigen aber schwiegen.
Sie schwiegen so tief, daß auch der Direktor allmählich verstummte; und
während drüben im Saale dem kleinen Hanno die Zeit schnell wie im
Himmelreiche verging, lagerte im Landschaftszimmer eine schwere,
beklommene, ängstliche Stille, die noch fortherrschte, als um halb 9 Uhr
Christian aus dem Klub, von der Weihnachtsfeier der Junggesellen und
Suitiers zurückkehrte.
Ein erkalteter Zigarrenstummel stak zwischen seinen Lippen, und seine
hageren Wangen waren gerötet. Er kam durch den Saal und sagte, als er ins
Landschaftszimmer trat: »Kinder, der Saal ist doch wunderhübsch!
Weinschenk, wir hätten heute eigentlich Breslauer mitbringen sollen; so
was hat er sicher noch gar nicht gesehen.«
Ein stiller, strafender Seitenblick traf ihn aus den Augen der Konsulin.
Er erwiderte ihn mit unbefangener und verständnislos fragender Miene. –
Um neun Uhr ging man zu Tische.
Packpapieren gewahr zu werden, die unter dem Tisch aufgestapelt waren.
Auch gestaltete sich die Unterhaltung im Landschaftszimmer immer
weniger anziehend. Mit unentrinnbarer Notwendigkeit war allmählich die
eine, unheimliche Angelegenheit Gegenstand des Gespräches geworden,
über die man bislang dem festlichen Abend zu Ehren geschwiegen, die aber
fast keinen Augenblick aufgehört hatte, alle Gemüter zu beschäftigen:
Direktor Weinschenks Prozeß. Hugo Weinschenk selbst hielt Vortrag
darüber, mit einer gewissen wilden Munterkeit in Miene und Bewegungen.
Er berichtete über Einzelheiten der nun durch das Fest unterbrochenen
Zeugenvernehmung, tadelte lebhaft die allzu bemerkbare
Voreingenommenheit des Präsidenten Doktor Philander und kritisierte mit
souveränem Spott den höhnischen Ton, den der Staatsanwalt Doktor
Hagenström gegen ihn und die Entlastungszeugen anzuwenden für passend
erachte. Übrigens habe Breslauer verschiedene belastende Aussagen sehr
witzig entkräftet und ihn aufs bestimmteste versichert, daß an eine
Verurteilung vorläufig gar nicht zu denken sei. – Der Senator warf hie und
da aus Höflichkeit eine Frage ein, und Frau Permaneder, die mit
emporgezogenen Schultern auf dem Sofa saß, murmelte manchmal einen
furchtbaren Fluch gegen Moritz Hagenström. Die übrigen aber schwiegen.
Sie schwiegen so tief, daß auch der Direktor allmählich verstummte; und
während drüben im Saale dem kleinen Hanno die Zeit schnell wie im
Himmelreiche verging, lagerte im Landschaftszimmer eine schwere,
beklommene, ängstliche Stille, die noch fortherrschte, als um halb 9 Uhr
Christian aus dem Klub, von der Weihnachtsfeier der Junggesellen und
Suitiers zurückkehrte.
Ein erkalteter Zigarrenstummel stak zwischen seinen Lippen, und seine
hageren Wangen waren gerötet. Er kam durch den Saal und sagte, als er ins
Landschaftszimmer trat: »Kinder, der Saal ist doch wunderhübsch!
Weinschenk, wir hätten heute eigentlich Breslauer mitbringen sollen; so
was hat er sicher noch gar nicht gesehen.«
Ein stiller, strafender Seitenblick traf ihn aus den Augen der Konsulin.
Er erwiderte ihn mit unbefangener und verständnislos fragender Miene. –
Um neun Uhr ging man zu Tische.
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Wie alljährlich an diesem Abend war in der Säulenhalle gedeckt
worden. Die Konsulin sprach mit herzlichem Ausdruck das hergebrachte
Tischgebet:
»Komm, Herr Jesus, sei unser Gast
Und segne, was du uns bescheret hast.«
woran sie, wie an diesem Abend ebenfalls üblich, eine kleine, mahnende
Ansprache schloß, die hauptsächlich aufforderte, aller derer zu gedenken,
die es an diesem heiligen Abend nicht so gut hätten, wie die Familie
Buddenbrook … Und als dies erledigt war, setzte man sich mit gutem
Gewissen zu einer nachhaltigen Mahlzeit nieder, die alsbald mit Karpfen in
aufgelöster Butter und mit altem Rheinwein ihren Anfang nahm.
Der Senator schob ein paar Schuppen des Fisches in sein Portemonnaie,
damit während des ganzen Jahres das Geld nicht darin ausgehe; Christian
aber bemerkte trübe, das helfe ja doch nichts, und Konsul Kröger entschlug
sich solcher Vorsichtsmaßregeln, da er ja keine Kursschwankungen mehr zu
fürchten habe und mit seinen anderthalb Schillingen längst im Hafen sei.
Der alte Herr saß möglichst weit entfernt von seiner Frau, mit der er seit
Jahr und Tag beinahe kein Wort mehr sprach, weil sie nicht aufhörte, dem
enterbten Jakob, der in London, Paris oder Amerika – nur sie wußte das
bestimmt – sein entwurzeltes Abenteurerleben führte, heimlich Geld
zufließen zu lassen. Er runzelte finster die Stirn, als beim zweiten Gange
sich das Gespräch den abwesenden Familienmitgliedern zuwandte und als
er sah, wie die schwache Mutter sich die Augen trocknete. Man erwähnte
die in Frankfurt und die in Hamburg, man gedachte auch ohne Übelwollen
des Pastors Tiburtius in Riga, und der Senator stieß in aller Stille mit seiner
Schwester Tony auf die Gesundheit der Herren Grünlich und Permaneder
an, die in gewissem Sinne doch auch dazu gehörten …
Der Puter, gefüllt mit einem Brei von Maronen, Rosinen und Äpfeln
fand das allgemeine Lob. Vergleiche mit denen früherer Jahre wurden
angestellt, und es ergab sich, daß dieser seit langer Zeit der größte war. Es
gab gebratene Kartoffeln, zweierlei Gemüse und zweierlei Kompott dazu,
und die kreisenden Schüsseln enthielten Portionen, als ob es sich bei jeder
einzelnen von ihnen nicht um eine Beigabe und Zutat, sondern um das
worden. Die Konsulin sprach mit herzlichem Ausdruck das hergebrachte
Tischgebet:
»Komm, Herr Jesus, sei unser Gast
Und segne, was du uns bescheret hast.«
woran sie, wie an diesem Abend ebenfalls üblich, eine kleine, mahnende
Ansprache schloß, die hauptsächlich aufforderte, aller derer zu gedenken,
die es an diesem heiligen Abend nicht so gut hätten, wie die Familie
Buddenbrook … Und als dies erledigt war, setzte man sich mit gutem
Gewissen zu einer nachhaltigen Mahlzeit nieder, die alsbald mit Karpfen in
aufgelöster Butter und mit altem Rheinwein ihren Anfang nahm.
Der Senator schob ein paar Schuppen des Fisches in sein Portemonnaie,
damit während des ganzen Jahres das Geld nicht darin ausgehe; Christian
aber bemerkte trübe, das helfe ja doch nichts, und Konsul Kröger entschlug
sich solcher Vorsichtsmaßregeln, da er ja keine Kursschwankungen mehr zu
fürchten habe und mit seinen anderthalb Schillingen längst im Hafen sei.
Der alte Herr saß möglichst weit entfernt von seiner Frau, mit der er seit
Jahr und Tag beinahe kein Wort mehr sprach, weil sie nicht aufhörte, dem
enterbten Jakob, der in London, Paris oder Amerika – nur sie wußte das
bestimmt – sein entwurzeltes Abenteurerleben führte, heimlich Geld
zufließen zu lassen. Er runzelte finster die Stirn, als beim zweiten Gange
sich das Gespräch den abwesenden Familienmitgliedern zuwandte und als
er sah, wie die schwache Mutter sich die Augen trocknete. Man erwähnte
die in Frankfurt und die in Hamburg, man gedachte auch ohne Übelwollen
des Pastors Tiburtius in Riga, und der Senator stieß in aller Stille mit seiner
Schwester Tony auf die Gesundheit der Herren Grünlich und Permaneder
an, die in gewissem Sinne doch auch dazu gehörten …
Der Puter, gefüllt mit einem Brei von Maronen, Rosinen und Äpfeln
fand das allgemeine Lob. Vergleiche mit denen früherer Jahre wurden
angestellt, und es ergab sich, daß dieser seit langer Zeit der größte war. Es
gab gebratene Kartoffeln, zweierlei Gemüse und zweierlei Kompott dazu,
und die kreisenden Schüsseln enthielten Portionen, als ob es sich bei jeder
einzelnen von ihnen nicht um eine Beigabe und Zutat, sondern um das
Page 512
Hauptgericht handelte, an dem alle sich sättigen sollten. Es wurde alter
Rotwein von der Firma Möllendorpf getrunken.
Der kleine Johann saß zwischen seinen Eltern und verstaute mit Mühe
ein weißes Stück Brustfleisch nebst Farce in seinem Magen. Er konnte nicht
mehr soviel essen wie Tante Thilda, sondern fühlte sich müde und nicht
sehr wohl; er war nur stolz darauf, daß er mit den Erwachsenen tafeln
durfte, daß auch auf s e i n e r kunstvoll gefalteten Serviette eins von diesen
köstlichen, mit Mohn bestreuten Milchbrötchen gelegen hatte, daß auch vor
i h m drei Weingläser standen, während er sonst aus dem kleinen goldenen
Becher, dem Patengeschenk Onkel Krögers, zu trinken pflegte … Aber als
dann, während Onkel Justus einen ölgelben, griechischen Wein in die
kleinsten Gläser zu schenken begann, die Eisbaisers erschienen – rote,
weiße und braune – wurde auch sein Appetit wieder rege. Er verzehrte,
obgleich es ihm fast unerträglich weh an den Zähnen tat, ein rotes, dann die
Hälfte eines weißen, mußte schließlich doch auch von den braunen, mit
Schokoladeeis gefüllten, ein Stück probieren, knusperte Waffeln dazu,
nippte an dem süßen Wein und hörte auf Onkel Christian, der ins Reden
gekommen war.
Er erzählte von der Weihnachtsfeier im Klub, die sehr fidel gewesen sei.
»Du lieber Gott!« sagte er in jenem Tone, in dem er von Johnny
Thunderstorm zu sprechen pflegte. »Die Kerls tranken Schwedischen
Punsch wie Wasser!«
»Pfui«, bemerkte die Konsulin kurz und schlug die Augen nieder.
Aber er beachtete das nicht. Seine Augen begannen zu wandern, und
Gedanken und Erinnerungen waren so lebendig in ihm, daß sie wie
Schatten über sein hageres Gesicht huschten.
»Weiß jemand von euch«, fragte er, »wie es ist, wenn man zu viel
Schwedenpunsch getrunken hat? Ich meine nicht die Betrunkenheit,
sondern das, was am nächsten Tage kommt, die Folgen … sie sind
sonderbar und widerlich … ja, sonderbar und widerlich zu gleicher Zeit.«
»Grund genug, sie genau zu beschreiben«, sagte der Senator.
»Assez, Christian, dies interessiert uns durchaus nicht«, sagte die
Konsulin.
Rotwein von der Firma Möllendorpf getrunken.
Der kleine Johann saß zwischen seinen Eltern und verstaute mit Mühe
ein weißes Stück Brustfleisch nebst Farce in seinem Magen. Er konnte nicht
mehr soviel essen wie Tante Thilda, sondern fühlte sich müde und nicht
sehr wohl; er war nur stolz darauf, daß er mit den Erwachsenen tafeln
durfte, daß auch auf s e i n e r kunstvoll gefalteten Serviette eins von diesen
köstlichen, mit Mohn bestreuten Milchbrötchen gelegen hatte, daß auch vor
i h m drei Weingläser standen, während er sonst aus dem kleinen goldenen
Becher, dem Patengeschenk Onkel Krögers, zu trinken pflegte … Aber als
dann, während Onkel Justus einen ölgelben, griechischen Wein in die
kleinsten Gläser zu schenken begann, die Eisbaisers erschienen – rote,
weiße und braune – wurde auch sein Appetit wieder rege. Er verzehrte,
obgleich es ihm fast unerträglich weh an den Zähnen tat, ein rotes, dann die
Hälfte eines weißen, mußte schließlich doch auch von den braunen, mit
Schokoladeeis gefüllten, ein Stück probieren, knusperte Waffeln dazu,
nippte an dem süßen Wein und hörte auf Onkel Christian, der ins Reden
gekommen war.
Er erzählte von der Weihnachtsfeier im Klub, die sehr fidel gewesen sei.
»Du lieber Gott!« sagte er in jenem Tone, in dem er von Johnny
Thunderstorm zu sprechen pflegte. »Die Kerls tranken Schwedischen
Punsch wie Wasser!«
»Pfui«, bemerkte die Konsulin kurz und schlug die Augen nieder.
Aber er beachtete das nicht. Seine Augen begannen zu wandern, und
Gedanken und Erinnerungen waren so lebendig in ihm, daß sie wie
Schatten über sein hageres Gesicht huschten.
»Weiß jemand von euch«, fragte er, »wie es ist, wenn man zu viel
Schwedenpunsch getrunken hat? Ich meine nicht die Betrunkenheit,
sondern das, was am nächsten Tage kommt, die Folgen … sie sind
sonderbar und widerlich … ja, sonderbar und widerlich zu gleicher Zeit.«
»Grund genug, sie genau zu beschreiben«, sagte der Senator.
»Assez, Christian, dies interessiert uns durchaus nicht«, sagte die
Konsulin.
Page 513
Aber er überhörte es. Es war seine Eigentümlichkeit, daß in solchen
Augenblicken keine Einrede zu ihm drang. Er schwieg eine Weile, und dann
plötzlich schien das, was ihn bewegte, zur Mitteilung reif zu sein.
»Du gehst umher und fühlst dich übel«, sagte er und wandte sich mit
krauser Nase an seinen Bruder. »Kopfschmerzen und unordentliche
Eingeweide … nun ja, das gibt es auch bei anderen Gelegenheiten. Aber du
fühlst dich s c h m u t z i g –« und Christian rieb mit gänzlich verzerrtem
Gesicht seine Hände – »du fühlst dich schmutzig und ungewaschen am
ganzen Körper. Du wäschst deine Hände, aber es nützt nichts, sie fühlen
sich feucht und unsauber an, und deine Nägel haben etwas Fettiges … Du
badest dich, aber es hilft nichts, dein ganzer Körper scheint dir klebrig und
unrein. Dein ganzer Körper ärgert dich, reizt dich, du bist dir selbst zum
Ekel … Kennst du es, Thomas, kennst du es?«
»Ja, ja!« sagte der Senator mit abwehrender Handbewegung. Aber mit
der seltsamen Taktlosigkeit, die mit den Jahren immer mehr an Christian
hervortrat und ihn nicht daran denken ließ, daß diese Auseinandersetzung
von der ganzen Tafelrunde peinlich empfunden wurde, daß sie in dieser
Umgebung und an diesem Abend nicht am Platze war, fuhr er fort, den
üblen Zustand nach übermäßigem Genuß von Schwedischem Punsch zu
schildern, bis er glaubte, ihn erschöpfend charakterisiert zu haben und
allmählich verstummte.
Bevor man zu Butter und Käse überging, ergriff die Konsulin noch
einmal das Wort zu einer kleinen Ansprache an die Ihrigen. Wenn auch
nicht alles, sagte sie, im Laufe der Jahre sich so gestaltet habe, wie man es
kurzsichtig und unweise erwünscht habe, so bleibe doch immer noch
übergenug des sichtbarlichen Segens übrig, um die Herzen mit Dank zu
erfüllen. Gerade der Wechsel von Glück und strenger Heimsuchung zeige,
daß Gott seine Hand niemals von der Familie gezogen, sondern daß er ihre
Geschicke nach tiefen und weisen Absichten gelenkt habe und lenke, die
ungeduldig ergründen zu wollen man sich nicht erkühnen dürfe. Und nun
wolle man, mit hoffenden Herzen, einträchtig anstoßen auf das Wohl der
Familie, auf ihre Zukunft, jene Zukunft, die da sein werde, wenn die Alten
und Älteren unter den Anwesenden längst in kühler Erde ruhen würden …
auf die Kinder, denen das heutige Fest ja recht eigentlich gehöre …
Augenblicken keine Einrede zu ihm drang. Er schwieg eine Weile, und dann
plötzlich schien das, was ihn bewegte, zur Mitteilung reif zu sein.
»Du gehst umher und fühlst dich übel«, sagte er und wandte sich mit
krauser Nase an seinen Bruder. »Kopfschmerzen und unordentliche
Eingeweide … nun ja, das gibt es auch bei anderen Gelegenheiten. Aber du
fühlst dich s c h m u t z i g –« und Christian rieb mit gänzlich verzerrtem
Gesicht seine Hände – »du fühlst dich schmutzig und ungewaschen am
ganzen Körper. Du wäschst deine Hände, aber es nützt nichts, sie fühlen
sich feucht und unsauber an, und deine Nägel haben etwas Fettiges … Du
badest dich, aber es hilft nichts, dein ganzer Körper scheint dir klebrig und
unrein. Dein ganzer Körper ärgert dich, reizt dich, du bist dir selbst zum
Ekel … Kennst du es, Thomas, kennst du es?«
»Ja, ja!« sagte der Senator mit abwehrender Handbewegung. Aber mit
der seltsamen Taktlosigkeit, die mit den Jahren immer mehr an Christian
hervortrat und ihn nicht daran denken ließ, daß diese Auseinandersetzung
von der ganzen Tafelrunde peinlich empfunden wurde, daß sie in dieser
Umgebung und an diesem Abend nicht am Platze war, fuhr er fort, den
üblen Zustand nach übermäßigem Genuß von Schwedischem Punsch zu
schildern, bis er glaubte, ihn erschöpfend charakterisiert zu haben und
allmählich verstummte.
Bevor man zu Butter und Käse überging, ergriff die Konsulin noch
einmal das Wort zu einer kleinen Ansprache an die Ihrigen. Wenn auch
nicht alles, sagte sie, im Laufe der Jahre sich so gestaltet habe, wie man es
kurzsichtig und unweise erwünscht habe, so bleibe doch immer noch
übergenug des sichtbarlichen Segens übrig, um die Herzen mit Dank zu
erfüllen. Gerade der Wechsel von Glück und strenger Heimsuchung zeige,
daß Gott seine Hand niemals von der Familie gezogen, sondern daß er ihre
Geschicke nach tiefen und weisen Absichten gelenkt habe und lenke, die
ungeduldig ergründen zu wollen man sich nicht erkühnen dürfe. Und nun
wolle man, mit hoffenden Herzen, einträchtig anstoßen auf das Wohl der
Familie, auf ihre Zukunft, jene Zukunft, die da sein werde, wenn die Alten
und Älteren unter den Anwesenden längst in kühler Erde ruhen würden …
auf die Kinder, denen das heutige Fest ja recht eigentlich gehöre …
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Und da Direktor Weinschenks Töchterchen nicht mehr anwesend war,
mußte der kleine Johann, während die Großen auch untereinander sich
zutranken, allein einen Umzug um die Tafel halten, um mit allen, von der
Großmutter bis zu Mamsell Severin hinab, anzustoßen. Als er zu seinem
Vater kam, hob der Senator, indem er sein Glas dem des Kindes näherte,
sanft Hannos Kinn empor, um ihm in die Augen zu sehen … Er fand nicht
seinen Blick; denn Hannos lange, goldbraune Wimpern hatten sich tief, tief,
bis auf die zart bläuliche Umschattung seiner Augen gesenkt.
Therese Weichbrodt aber ergriff seinen Kopf mit beiden Händen, küßte
ihn mit leise knallendem Geräusch auf jede Wange und sagte mit einer
Betonung, so herzlich, daß Gott ihr nicht widerstehen konnte: »Sei
glöcklich, du gutes Kend!«
– Eine Stunde später lag Hanno in seinem Bett, das jetzt in dem
Vorzimmer stand, welches man vom Korridor der zweiten Etage aus betrat,
und an das zur Linken das Ankleidekabinett des Senators stieß. Er lag auf
dem Rücken, aus Rücksicht auf seinen Magen, der sich mit all dem, was er
im Laufe des Abends hatte in Empfang nehmen müssen, noch keineswegs
ausgesöhnt hatte, und sah mit erregten Augen der guten Ida entgegen, die,
schon in der Nachtjacke, aus ihrem Zimmer kam und mit einem
Wasserglase vor sich in der Luft umrührende Kreisbewegungen beschrieb.
Er trank das kohlensaure Natron rasch aus, schnitt eine Grimasse und ließ
sich wieder zurückfallen.
»Ich glaube, nun muß ich mich erst recht übergeben, Ida.«
»Ach wo, Hannochen. Nur still auf dem Rücken liegen … Aber siehst
du wohl? Wer hat dir mehrmals zugewinkt? Und wer nicht folgen wollt',
war das Jungchen …«
»Ja, ja, vielleicht geht es auch gut … Wann kommen die Sachen, Ida?«
»Morgen früh, mein Jungchen.«
»Daß sie hier hereingesetzt werden! Daß ich sie gleich habe!«
»Schon gut, Hannochen, aber erst mal ausschlafen.« Und sie küßte ihn,
löschte das Licht und ging.
mußte der kleine Johann, während die Großen auch untereinander sich
zutranken, allein einen Umzug um die Tafel halten, um mit allen, von der
Großmutter bis zu Mamsell Severin hinab, anzustoßen. Als er zu seinem
Vater kam, hob der Senator, indem er sein Glas dem des Kindes näherte,
sanft Hannos Kinn empor, um ihm in die Augen zu sehen … Er fand nicht
seinen Blick; denn Hannos lange, goldbraune Wimpern hatten sich tief, tief,
bis auf die zart bläuliche Umschattung seiner Augen gesenkt.
Therese Weichbrodt aber ergriff seinen Kopf mit beiden Händen, küßte
ihn mit leise knallendem Geräusch auf jede Wange und sagte mit einer
Betonung, so herzlich, daß Gott ihr nicht widerstehen konnte: »Sei
glöcklich, du gutes Kend!«
– Eine Stunde später lag Hanno in seinem Bett, das jetzt in dem
Vorzimmer stand, welches man vom Korridor der zweiten Etage aus betrat,
und an das zur Linken das Ankleidekabinett des Senators stieß. Er lag auf
dem Rücken, aus Rücksicht auf seinen Magen, der sich mit all dem, was er
im Laufe des Abends hatte in Empfang nehmen müssen, noch keineswegs
ausgesöhnt hatte, und sah mit erregten Augen der guten Ida entgegen, die,
schon in der Nachtjacke, aus ihrem Zimmer kam und mit einem
Wasserglase vor sich in der Luft umrührende Kreisbewegungen beschrieb.
Er trank das kohlensaure Natron rasch aus, schnitt eine Grimasse und ließ
sich wieder zurückfallen.
»Ich glaube, nun muß ich mich erst recht übergeben, Ida.«
»Ach wo, Hannochen. Nur still auf dem Rücken liegen … Aber siehst
du wohl? Wer hat dir mehrmals zugewinkt? Und wer nicht folgen wollt',
war das Jungchen …«
»Ja, ja, vielleicht geht es auch gut … Wann kommen die Sachen, Ida?«
»Morgen früh, mein Jungchen.«
»Daß sie hier hereingesetzt werden! Daß ich sie gleich habe!«
»Schon gut, Hannochen, aber erst mal ausschlafen.« Und sie küßte ihn,
löschte das Licht und ging.
Page 515
Er war allein, und während er still liegend sich der segenvollen Wirkung
des Natrons überließ, entzündete sich vor seinen geschlossenen Augen der
Glanz des Bescherungssaales aufs neue. Er sah sein Theater, sein
Harmonium, sein Mythologiebuch und hörte irgendwo in der Ferne das
»Jauchze laut, Jerusalem« der Chorknaben. Alles flimmerte. Ein mattes
Fieber summte in seinem Kopfe, und sein Herz, das von dem revoltierenden
Magen ein wenig beengt und beängstigt wurde, schlug langsam, stark und
unregelmäßig. In einem Zustand von Unwohlsein, Erregtheit,
Beklommenheit, Müdigkeit und Glück lag er lange und konnte nicht
schlafen.
Morgen kam der dritte Weihnachtsabend an die Reihe, die Bescherung
bei Therese Weichbrodt, und er freute sich darauf als auf ein kleines
burleskes Spiel. Therese Weichbrodt hatte im vorigen Jahre ihr Pensionat
gänzlich aufgegeben, so daß nun Madame Kethelsen das Stockwerk und sie
selbst das Erdgeschoß des kleinen Hauses am Mühlenbrink allein
bewohnte. Die Beschwerden nämlich, die ihr mißglückter und
gebrechlicher kleiner Körper ihr verursachte, hatten mit den Jahren
zugenommen, und in aller Sanftmut und christlichen Bereitwilligkeit nahm
Sesemi Weichbrodt an, daß ihre Abberufung nahe bevorstehe. Daher hielt
sie auch seit mehreren Jahren schon jedes Weihnachtsfest für ihr letztes und
suchte der Feier, die sie in ihren kleinen, fürchterlich überheizten Stuben
veranstaltete, so viel Glanz zu verleihen, wie in ihren schwachen Kräften
stand. Da sie nicht viel zu kaufen vermochte, so verschenkte sie jedes Jahr
einen neuen Teil ihrer bescheidenen Habseligkeiten und baute unter dem
Baume auf, was sie nur entbehren konnte: Nippsachen, Briefbeschwerer,
Nadelkissen, Glasvasen und Bruchstücke ihrer Bibliothek, alte Bücher in
drolligen Formaten und Einbänden, das »Geheime Tagebuch von einem
Beobachter Seiner Selbst«, Hebels Alemannische Gedichte, Krummachers
Parabeln … Hanno besaß schon von ihr eine Ausgabe der »Pensées de
Blaise Pascal«, die so winzig war, daß man nicht ohne Vergrößerungsglas
darin lesen konnte.
»Bischof« gab es in unüberwindlichen Mengen und die mit Ingwer
bereiteten braunen Kuchen Sesemis waren ungeheuer schmackhaft.
Niemals aber, dank der bebenden Hingabe, mit der Fräulein Weichbrodt
jedesmal ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verfloß dieser Abend,
ohne daß eine Überraschung, ein Malheur, irgendeine kleine Katastrophe
des Natrons überließ, entzündete sich vor seinen geschlossenen Augen der
Glanz des Bescherungssaales aufs neue. Er sah sein Theater, sein
Harmonium, sein Mythologiebuch und hörte irgendwo in der Ferne das
»Jauchze laut, Jerusalem« der Chorknaben. Alles flimmerte. Ein mattes
Fieber summte in seinem Kopfe, und sein Herz, das von dem revoltierenden
Magen ein wenig beengt und beängstigt wurde, schlug langsam, stark und
unregelmäßig. In einem Zustand von Unwohlsein, Erregtheit,
Beklommenheit, Müdigkeit und Glück lag er lange und konnte nicht
schlafen.
Morgen kam der dritte Weihnachtsabend an die Reihe, die Bescherung
bei Therese Weichbrodt, und er freute sich darauf als auf ein kleines
burleskes Spiel. Therese Weichbrodt hatte im vorigen Jahre ihr Pensionat
gänzlich aufgegeben, so daß nun Madame Kethelsen das Stockwerk und sie
selbst das Erdgeschoß des kleinen Hauses am Mühlenbrink allein
bewohnte. Die Beschwerden nämlich, die ihr mißglückter und
gebrechlicher kleiner Körper ihr verursachte, hatten mit den Jahren
zugenommen, und in aller Sanftmut und christlichen Bereitwilligkeit nahm
Sesemi Weichbrodt an, daß ihre Abberufung nahe bevorstehe. Daher hielt
sie auch seit mehreren Jahren schon jedes Weihnachtsfest für ihr letztes und
suchte der Feier, die sie in ihren kleinen, fürchterlich überheizten Stuben
veranstaltete, so viel Glanz zu verleihen, wie in ihren schwachen Kräften
stand. Da sie nicht viel zu kaufen vermochte, so verschenkte sie jedes Jahr
einen neuen Teil ihrer bescheidenen Habseligkeiten und baute unter dem
Baume auf, was sie nur entbehren konnte: Nippsachen, Briefbeschwerer,
Nadelkissen, Glasvasen und Bruchstücke ihrer Bibliothek, alte Bücher in
drolligen Formaten und Einbänden, das »Geheime Tagebuch von einem
Beobachter Seiner Selbst«, Hebels Alemannische Gedichte, Krummachers
Parabeln … Hanno besaß schon von ihr eine Ausgabe der »Pensées de
Blaise Pascal«, die so winzig war, daß man nicht ohne Vergrößerungsglas
darin lesen konnte.
»Bischof« gab es in unüberwindlichen Mengen und die mit Ingwer
bereiteten braunen Kuchen Sesemis waren ungeheuer schmackhaft.
Niemals aber, dank der bebenden Hingabe, mit der Fräulein Weichbrodt
jedesmal ihr letztes Weihnachtsfest beging, niemals verfloß dieser Abend,
ohne daß eine Überraschung, ein Malheur, irgendeine kleine Katastrophe
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sich ereignet hätte, die die Gäste zum Lachen brachte und die stumme
Leidenschaftlichkeit der Wirtin noch erhöhte. Eine Kanne mit Bischof
stürzte und überschwemmte alles mit der roten, süßen, würzigen Flüssigkeit
… Oder es fiel der geputzte Baum von seinen hölzernen Füßen, genau in
dem Augenblick, wenn man feierlich das Bescherungszimmer betrat … Im
Einschlafen sah Hanno den Unglücksfall des vorigen Jahres vor Augen: Es
war unmittelbar vor der Bescherung. Therese Weichbrodt hatte mit soviel
Nachdruck, daß alle Vokale ihre Plätze gewechselt hatten, das
Weihnachtskapitel verlesen und trat nun von ihren Gästen zurück zur Tür,
um von hier aus eine kleine Ansprache zu halten. Sie stand auf der
Schwelle, bucklig, winzig, die alten Hände vor ihrer Kinderbrust
zusammengelegt; die grünseidnen Bänder ihrer Haube fielen auf ihre
zerbrechlichen Schultern, und zu ihren Häupten, über der Tür, ließ ein mit
Tannenzweigen umkränztes Transparent die Worte leuchten. »Ehre sei Gott
in der Höhe!« Und Sesemi sprach von Gottes Güte, sie erwähnte, daß dies
ihr letztes Weihnachtsfest sei und schloß damit, daß sie alle mit des
Apostels Worten zur Fröhlichkeit aufforderte, wobei sie von oben bis unten
erzitterte, so sehr nahm ihr ganzer kleiner Körper Anteil an dieser
Mahnung. »Freuet euch!« sagte sie, indem sie den Kopf auf die Seite legte
und ihn heftig schüttelte. »Und abermals sage ich: Freuet euch!« In diesem
Augenblick aber ging über ihr mit einem puffenden, fauchenden und
knisternden Geräusch das ganze Transparent in Flammen auf, so daß
Mademoiselle Weichbrodt mit einem kleinen Schreckenslaut und einem
Sprunge von ungeahnter und pittoresker Behendigkeit sich dem
Funkenregen entziehen mußte, der auf sie herniederging …
Hanno erinnerte sich dieses Sprunges, den das alte Mädchen vollführt
hatte, und während mehrerer Minuten lachte er ganz ergriffen, irritiert und
nervös belustigt, leise und unterdrückt in sein Kissen hinein.
Neuntes Kapitel
Frau Permaneder ging die Breite Straße entlang, sie ging in großer Eile.
Etwas Aufgelöstes lag in ihrer Haltung, und nur flüchtig war mit Schultern
und Haupt die majestätische Würde angedeutet, die sonst auf der Straße ihre
Gestalt umgab. Bedrängt, gehetzt und in höchster Eile, hatte sie gleichsam
Leidenschaftlichkeit der Wirtin noch erhöhte. Eine Kanne mit Bischof
stürzte und überschwemmte alles mit der roten, süßen, würzigen Flüssigkeit
… Oder es fiel der geputzte Baum von seinen hölzernen Füßen, genau in
dem Augenblick, wenn man feierlich das Bescherungszimmer betrat … Im
Einschlafen sah Hanno den Unglücksfall des vorigen Jahres vor Augen: Es
war unmittelbar vor der Bescherung. Therese Weichbrodt hatte mit soviel
Nachdruck, daß alle Vokale ihre Plätze gewechselt hatten, das
Weihnachtskapitel verlesen und trat nun von ihren Gästen zurück zur Tür,
um von hier aus eine kleine Ansprache zu halten. Sie stand auf der
Schwelle, bucklig, winzig, die alten Hände vor ihrer Kinderbrust
zusammengelegt; die grünseidnen Bänder ihrer Haube fielen auf ihre
zerbrechlichen Schultern, und zu ihren Häupten, über der Tür, ließ ein mit
Tannenzweigen umkränztes Transparent die Worte leuchten. »Ehre sei Gott
in der Höhe!« Und Sesemi sprach von Gottes Güte, sie erwähnte, daß dies
ihr letztes Weihnachtsfest sei und schloß damit, daß sie alle mit des
Apostels Worten zur Fröhlichkeit aufforderte, wobei sie von oben bis unten
erzitterte, so sehr nahm ihr ganzer kleiner Körper Anteil an dieser
Mahnung. »Freuet euch!« sagte sie, indem sie den Kopf auf die Seite legte
und ihn heftig schüttelte. »Und abermals sage ich: Freuet euch!« In diesem
Augenblick aber ging über ihr mit einem puffenden, fauchenden und
knisternden Geräusch das ganze Transparent in Flammen auf, so daß
Mademoiselle Weichbrodt mit einem kleinen Schreckenslaut und einem
Sprunge von ungeahnter und pittoresker Behendigkeit sich dem
Funkenregen entziehen mußte, der auf sie herniederging …
Hanno erinnerte sich dieses Sprunges, den das alte Mädchen vollführt
hatte, und während mehrerer Minuten lachte er ganz ergriffen, irritiert und
nervös belustigt, leise und unterdrückt in sein Kissen hinein.
Neuntes Kapitel
Frau Permaneder ging die Breite Straße entlang, sie ging in großer Eile.
Etwas Aufgelöstes lag in ihrer Haltung, und nur flüchtig war mit Schultern
und Haupt die majestätische Würde angedeutet, die sonst auf der Straße ihre
Gestalt umgab. Bedrängt, gehetzt und in höchster Eile, hatte sie gleichsam
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nur ein wenig davon zusammengerafft, wie ein geschlagener König den
Rest seiner Truppen an sich zieht, um sich mit ihm in die Arme der Flucht
zu werfen …
Ach, sie sah nicht gut aus! Ihre Oberlippe, diese etwas hervorstehende
und gewölbte Oberlippe, die ehemals dazu beigetragen hatte, ihr Gesicht so
hübsch zu machen, bebte jetzt, ihre Augen waren angstvoll vergrößert und
blickten mit einem exaltierten Zwinkern, gleichsam vorwärts hastend,
geradeaus … ihre Frisur kam sichtlich zerzaust unter dem Kapotthut hervor,
und ihr Antlitz zeigte jene mattgelbliche Färbung, die es annahm, wenn der
Zustand ihres Magens sich verschlechterte.
Ja, es stand schlecht um ihren Magen in dieser Zeit; an den
Donnerstagen konnte die gesamte Familie die Verschlimmerung
beobachten. Wie man die Klippe zu vermeiden suchte – das Gespräch
strandete an dem Prozeß Hugo Weinschenks, Frau Permaneder selbst führte
es unwiderstehlich darauf zu; und dann begann sie zu fragen, Gott und alle
Welt furchtbar erregt um Antwort anzugehen, wie es möglich sei, daß
Staatsanwalt Moritz Hagenström nachts ruhig schlafen könne! Sie begriff es
nicht, sie würde es niemals fassen … und dabei wuchs ihre Aufregung bei
jedem Worte. »Ich danke, ich esse nichts«, sagte sie und schob alles von
sich, indem sie die Schultern erhob, den Kopf zurücklegte und sich einsam
auf die Höhe ihrer Entrüstung zurückzog, um nichts als Bier zu sich zu
nehmen, kaltes, bayerisches Bier, das sie seit der Zeit ihrer Münchener Ehe
zu trinken gewöhnt war, in ihren leeren Magen hinabzugießen, dessen
Nerven in Aufruhr waren, und der sich bitter rächte. Denn gegen Ende der
Mahlzeit mußte sie sich erheben, in den Garten oder den Hof hinuntergehen
und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die
fürchterlichsten Übelkeiten erdulden. Ihr Magen entledigte sich seines
Inhaltes und fuhr dann fort, sich qualvoll zusammenzuziehen, um in diesem
Krampfzustande minutenlang zu verharren; unfähig, noch etwas von sich zu
geben, würgte und litt sie so lange Zeit …
Es war etwa 3 Uhr nachmittags, ein windiger, regnerischer Januartag.
Als Frau Permaneder zur Ecke der Fischergrube gelangt war, bog sie ein
und eilte die abschüssige Straße hinunter und in das Haus ihres Bruders.
Nach hastigem Klopfen trat sie vom Flur aus in das Kontor, ließ ihren Blick
über die Pulte hin zu dem Fensterplatz des Senators fliegen und machte eine
Rest seiner Truppen an sich zieht, um sich mit ihm in die Arme der Flucht
zu werfen …
Ach, sie sah nicht gut aus! Ihre Oberlippe, diese etwas hervorstehende
und gewölbte Oberlippe, die ehemals dazu beigetragen hatte, ihr Gesicht so
hübsch zu machen, bebte jetzt, ihre Augen waren angstvoll vergrößert und
blickten mit einem exaltierten Zwinkern, gleichsam vorwärts hastend,
geradeaus … ihre Frisur kam sichtlich zerzaust unter dem Kapotthut hervor,
und ihr Antlitz zeigte jene mattgelbliche Färbung, die es annahm, wenn der
Zustand ihres Magens sich verschlechterte.
Ja, es stand schlecht um ihren Magen in dieser Zeit; an den
Donnerstagen konnte die gesamte Familie die Verschlimmerung
beobachten. Wie man die Klippe zu vermeiden suchte – das Gespräch
strandete an dem Prozeß Hugo Weinschenks, Frau Permaneder selbst führte
es unwiderstehlich darauf zu; und dann begann sie zu fragen, Gott und alle
Welt furchtbar erregt um Antwort anzugehen, wie es möglich sei, daß
Staatsanwalt Moritz Hagenström nachts ruhig schlafen könne! Sie begriff es
nicht, sie würde es niemals fassen … und dabei wuchs ihre Aufregung bei
jedem Worte. »Ich danke, ich esse nichts«, sagte sie und schob alles von
sich, indem sie die Schultern erhob, den Kopf zurücklegte und sich einsam
auf die Höhe ihrer Entrüstung zurückzog, um nichts als Bier zu sich zu
nehmen, kaltes, bayerisches Bier, das sie seit der Zeit ihrer Münchener Ehe
zu trinken gewöhnt war, in ihren leeren Magen hinabzugießen, dessen
Nerven in Aufruhr waren, und der sich bitter rächte. Denn gegen Ende der
Mahlzeit mußte sie sich erheben, in den Garten oder den Hof hinuntergehen
und dort, gestützt auf Ida Jungmann oder Riekchen Severin, die
fürchterlichsten Übelkeiten erdulden. Ihr Magen entledigte sich seines
Inhaltes und fuhr dann fort, sich qualvoll zusammenzuziehen, um in diesem
Krampfzustande minutenlang zu verharren; unfähig, noch etwas von sich zu
geben, würgte und litt sie so lange Zeit …
Es war etwa 3 Uhr nachmittags, ein windiger, regnerischer Januartag.
Als Frau Permaneder zur Ecke der Fischergrube gelangt war, bog sie ein
und eilte die abschüssige Straße hinunter und in das Haus ihres Bruders.
Nach hastigem Klopfen trat sie vom Flur aus in das Kontor, ließ ihren Blick
über die Pulte hin zu dem Fensterplatz des Senators fliegen und machte eine
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so bittende Kopfbewegung, daß Thomas Buddenbrook unverzüglich die
Feder beiseite legte und ihr entgegenging.
»Nun?« fragte er, indem er eine Braue emporzog …
»Einen Augenblick, Thomas … etwas Dringendes … es duldet keinen
Aufschub …«
Er öffnete ihr die gepolsterte Tür zu seinem Privatbüro, zog sie hinter
sich zu, als sie beide eingetreten waren, und sah seine Schwester fragend
an.
»Tom«, sagte sie mit wankender Stimme und rang die Hände in ihrer
Pelzmuff, »du mußt es hergeben … vorläufig auslegen … du mußt sie,
bitte, stellen, die Kaution … Wir haben sie nicht … Woher sollten wir jetzt
fünfundzwanzigtausend Kurantmark nehmen?… Du wirst sie voll und ganz
zurückbekommen … ach, wohl nur zu bald … du verstehst … es ist
eingetreten, daß … kurz, der Prozeß ist auf dem Punkte, daß Hagenström
sofortige Verhaftung oder eine Kaution von fünfundzwanzigtausend
Kurantmark beantragt hat. Und Weinschenk gibt dir sein Ehrenwort, an Ort
und Stelle zu bleiben …«
»Ist es wirklich so weit gekommen«, sagte der Senator kopfschüttelnd.
»Ja, dahin haben sie es gebracht, die Schurken, die Elenden …!« Und
mit einem Aufschluchzen ohnmächtigen Zornes sank Frau Permaneder in
den mit Wachstuch überzogenen Sessel, der neben ihr stand. »Und sie
werden es noch weiterbringen, Tom, sie werden es bis ans Ende führen …«
»Tony«, sagte er und setzte sich schräg vor den Mahagonischreibtisch,
schlug ein Bein über das andere und stützte den Kopf in die Hand …
»Sprich aufrichtig, glaubst du noch an seine Unschuld?«
Sie schluchzte ein paarmal und antwortete dann leise und verzweifelt:
»Ach, nein, Tom … Wie könnte ich das wohl? Gerade ich, die soviel Böses
erleben mußte? Ich habe es von Anfang an nicht recht gekonnt, obgleich ich
mich so ehrlich bemüht habe. Das Leben, weißt du, macht es einem so
furchtbar schwer, an die Unschuld irgendeines Menschen zu glauben …
Ach nein, mich haben schon seit langem Zweifel an seinem guten Gewissen
gequält, und Erika selbst … sie ist irre an ihm geworden … sie hat es mir
Feder beiseite legte und ihr entgegenging.
»Nun?« fragte er, indem er eine Braue emporzog …
»Einen Augenblick, Thomas … etwas Dringendes … es duldet keinen
Aufschub …«
Er öffnete ihr die gepolsterte Tür zu seinem Privatbüro, zog sie hinter
sich zu, als sie beide eingetreten waren, und sah seine Schwester fragend
an.
»Tom«, sagte sie mit wankender Stimme und rang die Hände in ihrer
Pelzmuff, »du mußt es hergeben … vorläufig auslegen … du mußt sie,
bitte, stellen, die Kaution … Wir haben sie nicht … Woher sollten wir jetzt
fünfundzwanzigtausend Kurantmark nehmen?… Du wirst sie voll und ganz
zurückbekommen … ach, wohl nur zu bald … du verstehst … es ist
eingetreten, daß … kurz, der Prozeß ist auf dem Punkte, daß Hagenström
sofortige Verhaftung oder eine Kaution von fünfundzwanzigtausend
Kurantmark beantragt hat. Und Weinschenk gibt dir sein Ehrenwort, an Ort
und Stelle zu bleiben …«
»Ist es wirklich so weit gekommen«, sagte der Senator kopfschüttelnd.
»Ja, dahin haben sie es gebracht, die Schurken, die Elenden …!« Und
mit einem Aufschluchzen ohnmächtigen Zornes sank Frau Permaneder in
den mit Wachstuch überzogenen Sessel, der neben ihr stand. »Und sie
werden es noch weiterbringen, Tom, sie werden es bis ans Ende führen …«
»Tony«, sagte er und setzte sich schräg vor den Mahagonischreibtisch,
schlug ein Bein über das andere und stützte den Kopf in die Hand …
»Sprich aufrichtig, glaubst du noch an seine Unschuld?«
Sie schluchzte ein paarmal und antwortete dann leise und verzweifelt:
»Ach, nein, Tom … Wie könnte ich das wohl? Gerade ich, die soviel Böses
erleben mußte? Ich habe es von Anfang an nicht recht gekonnt, obgleich ich
mich so ehrlich bemüht habe. Das Leben, weißt du, macht es einem so
furchtbar schwer, an die Unschuld irgendeines Menschen zu glauben …
Ach nein, mich haben schon seit langem Zweifel an seinem guten Gewissen
gequält, und Erika selbst … sie ist irre an ihm geworden … sie hat es mir
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mit Weinen gestanden … irre an ihm geworden durch sein Betragen zu
Hause. Wir haben natürlich geschwiegen … Seine Außenseite wurde immer
rauher … und dabei verlangte er immer strenger, daß Erika heiter sein und
seine Sorgen zerstreuen sollte und zerschlug Geschirr, wenn sie ernst war.
Du weißt nicht, wie es war, wenn er sich spät abends noch stundenlang mit
seinen Akten einschloß … und wenn man klopfte, so hörte man, wie er
aufsprang und rief: ›Wer ist da! Was ist da!‹ …«
Sie schwiegen.
»Aber möge er doch schuldig sein! Möge er sich doch vergangen
haben!« begann Frau Permaneder aufs neue, und hierbei schwoll ihre
Stimme an. »Er hat nicht für seine Tasche gearbeitet, sondern für die der
Gesellschaft; und dann … Herr du mein Gott, es gibt doch Rücksichten zu
beobachten in diesem Leben, Tom! Er hat nun einmal in unsere Familie
hineingeheiratet … er gehört nun einmal zu uns … Man kann einen von uns
doch nicht ins Gefängnis sperren, grundgütiger Himmel!…«
Er zuckte die Achseln.
»Du zuckst die Achseln, Tom … Du bist also willens, es zu dulden, es
hinzunehmen, daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone
aufzusetzen? Man muß doch irgend etwas tun! Er darf doch nicht verurteilt
werden!… Du bist doch des Bürgermeisters rechte Hand … mein Gott,
kann der Senat ihn denn nicht sofort begnadigen?… Ich will dir sagen …
eben, bevor ich zu dir kam, war ich im Begriffe, zu Cremer zu gehen und
ihn auf alle Weise anzuflehen, er möge intervenieren, möge in die Sache
eingreifen … Er ist Polizeichef …«
»Oh, Kind, was für Torheiten.«
»Torheiten, Tom? – Und Erika? Und das Kind?« sagte sie und hob ihm
flehend die Muff entgegen, in der ihre beiden Hände steckten. Dann
schwieg sie einen Augenblick und ließ die Arme sinken; ihr Mund
verbreiterte sich, ihr Kinn, das sich kraus zusammenzog, geriet in zitternde
Bewegung, und während unter ihren gesenkten Lidern zwei große Tränen
hervorquollen, fügte sie ganz leise hinzu: »Und ich …?«
»Oh, Tony, Courage!« sagte der Senator, und gerührt und ergriffen von
ihrer Hilflosigkeit rückte er ihr nahe, um ihr tröstend das Haar
Hause. Wir haben natürlich geschwiegen … Seine Außenseite wurde immer
rauher … und dabei verlangte er immer strenger, daß Erika heiter sein und
seine Sorgen zerstreuen sollte und zerschlug Geschirr, wenn sie ernst war.
Du weißt nicht, wie es war, wenn er sich spät abends noch stundenlang mit
seinen Akten einschloß … und wenn man klopfte, so hörte man, wie er
aufsprang und rief: ›Wer ist da! Was ist da!‹ …«
Sie schwiegen.
»Aber möge er doch schuldig sein! Möge er sich doch vergangen
haben!« begann Frau Permaneder aufs neue, und hierbei schwoll ihre
Stimme an. »Er hat nicht für seine Tasche gearbeitet, sondern für die der
Gesellschaft; und dann … Herr du mein Gott, es gibt doch Rücksichten zu
beobachten in diesem Leben, Tom! Er hat nun einmal in unsere Familie
hineingeheiratet … er gehört nun einmal zu uns … Man kann einen von uns
doch nicht ins Gefängnis sperren, grundgütiger Himmel!…«
Er zuckte die Achseln.
»Du zuckst die Achseln, Tom … Du bist also willens, es zu dulden, es
hinzunehmen, daß dieses Geschmeiß sich erfrecht, der Sache die Krone
aufzusetzen? Man muß doch irgend etwas tun! Er darf doch nicht verurteilt
werden!… Du bist doch des Bürgermeisters rechte Hand … mein Gott,
kann der Senat ihn denn nicht sofort begnadigen?… Ich will dir sagen …
eben, bevor ich zu dir kam, war ich im Begriffe, zu Cremer zu gehen und
ihn auf alle Weise anzuflehen, er möge intervenieren, möge in die Sache
eingreifen … Er ist Polizeichef …«
»Oh, Kind, was für Torheiten.«
»Torheiten, Tom? – Und Erika? Und das Kind?« sagte sie und hob ihm
flehend die Muff entgegen, in der ihre beiden Hände steckten. Dann
schwieg sie einen Augenblick und ließ die Arme sinken; ihr Mund
verbreiterte sich, ihr Kinn, das sich kraus zusammenzog, geriet in zitternde
Bewegung, und während unter ihren gesenkten Lidern zwei große Tränen
hervorquollen, fügte sie ganz leise hinzu: »Und ich …?«
»Oh, Tony, Courage!« sagte der Senator, und gerührt und ergriffen von
ihrer Hilflosigkeit rückte er ihr nahe, um ihr tröstend das Haar
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zurückzustreichen. »Noch ist nicht aller Tage Abend. Noch ist er ja nicht
verurteilt. Es kann ja alles gut gehen. Jetzt stelle ich erst einmal die
Kaution, ich sage natürlich nicht nein dazu. Und dann ist Breslauer ja ein
schlauer Mensch …«
Sie schüttelte weinend den Kopf.
»Nein, Tom, es wird nicht gut gehen, ich glaube nicht daran. Sie werden
ihn verurteilen und einstecken, und dann kommt eine schwere Zeit für Erika
und das Kind und mich. Ihre Mitgift ist nicht mehr da, sie steckt in der
Ausstattung, in den Möbeln und den Bildern … und beim Verkaufe
bekommt man kaum ein Viertel heraus … Und das Gehalt haben wir immer
verbraucht … Weinschenk hat nichts zurückgelegt. Wir werden wieder zu
Mutter ziehen, wenn sie es erlaubt, bis er wieder auf freiem Fuße ist … und
dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
uns?… Wir können einfach auf den Steinen sitzen«, sagte sie schluchzend.
»Auf den Steinen?«
»Nun ja, das ist eine Redewendung … eine bildliche … Ach nein, es
wird nicht gut gehen. Auf mich ist zu vieles herabgekommen … ich weiß
nicht, womit ich es verdient habe … aber ich kann nicht mehr hoffen. Nun
wird es Erika ergehen, wie es mir mit Grünlich und Permaneder ergangen
ist … Aber jetzt kannst du es sehen, jetzt kannst du es aus nächster Nähe
beurteilen, wie es ist, wie es kommt, wie es über einen hereinbricht! Kann
man nun etwas dafür? Tom, ich bitte dich, kann man nun etwas dafür!«
wiederholte sie und nickte ihm trostlos fragend, mit großen, tränenvollen
Augen zu. »Alles ist fehlgeschlagen und hat sich zum Unglück gewandt,
was ich unternommen habe … Und ich habe so gute Absichten gehabt, Gott
weiß es!… Ich habe immer so innig gewünscht, es zu etwas zu bringen im
Leben und ein bißchen Ehre einzulegen … Nun bricht auch dies zusammen.
So muß es enden … Das Letzte …«
Und an seinen Arm gelehnt, den er besänftigend um sie gelegt hatte,
weinte sie über ihr verfehltes Leben, in dem nun die letzten Hoffnungen
erloschen waren.
*
verurteilt. Es kann ja alles gut gehen. Jetzt stelle ich erst einmal die
Kaution, ich sage natürlich nicht nein dazu. Und dann ist Breslauer ja ein
schlauer Mensch …«
Sie schüttelte weinend den Kopf.
»Nein, Tom, es wird nicht gut gehen, ich glaube nicht daran. Sie werden
ihn verurteilen und einstecken, und dann kommt eine schwere Zeit für Erika
und das Kind und mich. Ihre Mitgift ist nicht mehr da, sie steckt in der
Ausstattung, in den Möbeln und den Bildern … und beim Verkaufe
bekommt man kaum ein Viertel heraus … Und das Gehalt haben wir immer
verbraucht … Weinschenk hat nichts zurückgelegt. Wir werden wieder zu
Mutter ziehen, wenn sie es erlaubt, bis er wieder auf freiem Fuße ist … und
dann wird es beinahe noch schlimmer, denn wohin dann mit ihm und
uns?… Wir können einfach auf den Steinen sitzen«, sagte sie schluchzend.
»Auf den Steinen?«
»Nun ja, das ist eine Redewendung … eine bildliche … Ach nein, es
wird nicht gut gehen. Auf mich ist zu vieles herabgekommen … ich weiß
nicht, womit ich es verdient habe … aber ich kann nicht mehr hoffen. Nun
wird es Erika ergehen, wie es mir mit Grünlich und Permaneder ergangen
ist … Aber jetzt kannst du es sehen, jetzt kannst du es aus nächster Nähe
beurteilen, wie es ist, wie es kommt, wie es über einen hereinbricht! Kann
man nun etwas dafür? Tom, ich bitte dich, kann man nun etwas dafür!«
wiederholte sie und nickte ihm trostlos fragend, mit großen, tränenvollen
Augen zu. »Alles ist fehlgeschlagen und hat sich zum Unglück gewandt,
was ich unternommen habe … Und ich habe so gute Absichten gehabt, Gott
weiß es!… Ich habe immer so innig gewünscht, es zu etwas zu bringen im
Leben und ein bißchen Ehre einzulegen … Nun bricht auch dies zusammen.
So muß es enden … Das Letzte …«
Und an seinen Arm gelehnt, den er besänftigend um sie gelegt hatte,
weinte sie über ihr verfehltes Leben, in dem nun die letzten Hoffnungen
erloschen waren.
*
Page 521
Eine Woche später ward Direktor Hugo Weinschenk zu einer
Gefängnisstrafe von drei Jahren und einem halben verurteilt und sofort in
Haft genommen.
Der Andrang zu der Sitzung, welche die Plaidoyers gebracht hatte, war
sehr groß gewesen, und Rechtsanwalt Doktor Breslauer aus Berlin hatte
geredet, wie man niemals einen Menschen hatte reden hören. Der Makler
Sigismund Gosch ging wochenlang zischend vor Begeisterung über diese
Ironie, dieses Pathos, diese Rührung umher, und Christian Buddenbrook,
der ebenfalls zugegen gewesen war, stellte sich im Klub hinter einen Tisch,
legte ein Paket Zeitungen als Akten vor sich hin und lieferte eine vollendete
Kopie des Verteidigers. Übrigens erklärte er zu Hause, die Jurisprudenz sei
der schönste Beruf, ja, das wäre ein Beruf für ihn gewesen … Selbst
Staatsanwalt Doktor Hagenström, der ja ein Schöngeist war, tat private
Äußerungen, die dahin gingen, daß Breslauers Rede ihm einen wirklichen
Genuß bereitet habe. Aber das Talent des berühmten Advokaten hatte nicht
gehindert, daß die Juristen der Stadt ihm auf die Schulter geklopft und ihm
in aller Bonhomie mitgeteilt hatten, sie ließen sich nichts weis machen …
Dann, nachdem die Verkäufe, die nach des Direktors Verschwinden
notwendig wurden, beendet waren, begann man in der Stadt Hugo
Weinschenk zu vergessen. Aber die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße bekannten nun Donnerstags an der Familientafel: sofort, beim ersten
Anblicke dieses Mannes hätten sie es ihm an den Augen angesehen, daß mit
ihm nicht alles in Ordnung sei, daß sein Charakter voller Makel sein müsse,
und daß es kein gutes Ende mit ihm nehmen werde. Rücksichten, die nicht
lieber außer acht gelassen zu haben sie jetzt bedauerten, hätten sie
veranlaßt, über diese traurige Erkenntnis Stillschweigen zu beobachten.
Gefängnisstrafe von drei Jahren und einem halben verurteilt und sofort in
Haft genommen.
Der Andrang zu der Sitzung, welche die Plaidoyers gebracht hatte, war
sehr groß gewesen, und Rechtsanwalt Doktor Breslauer aus Berlin hatte
geredet, wie man niemals einen Menschen hatte reden hören. Der Makler
Sigismund Gosch ging wochenlang zischend vor Begeisterung über diese
Ironie, dieses Pathos, diese Rührung umher, und Christian Buddenbrook,
der ebenfalls zugegen gewesen war, stellte sich im Klub hinter einen Tisch,
legte ein Paket Zeitungen als Akten vor sich hin und lieferte eine vollendete
Kopie des Verteidigers. Übrigens erklärte er zu Hause, die Jurisprudenz sei
der schönste Beruf, ja, das wäre ein Beruf für ihn gewesen … Selbst
Staatsanwalt Doktor Hagenström, der ja ein Schöngeist war, tat private
Äußerungen, die dahin gingen, daß Breslauers Rede ihm einen wirklichen
Genuß bereitet habe. Aber das Talent des berühmten Advokaten hatte nicht
gehindert, daß die Juristen der Stadt ihm auf die Schulter geklopft und ihm
in aller Bonhomie mitgeteilt hatten, sie ließen sich nichts weis machen …
Dann, nachdem die Verkäufe, die nach des Direktors Verschwinden
notwendig wurden, beendet waren, begann man in der Stadt Hugo
Weinschenk zu vergessen. Aber die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße bekannten nun Donnerstags an der Familientafel: sofort, beim ersten
Anblicke dieses Mannes hätten sie es ihm an den Augen angesehen, daß mit
ihm nicht alles in Ordnung sei, daß sein Charakter voller Makel sein müsse,
und daß es kein gutes Ende mit ihm nehmen werde. Rücksichten, die nicht
lieber außer acht gelassen zu haben sie jetzt bedauerten, hätten sie
veranlaßt, über diese traurige Erkenntnis Stillschweigen zu beobachten.
Page 522
Neunter Teil
Erstes Kapitel
Hinter den beiden Herren, dem alten Doktor Grabow und dem jungen
Doktor Langhals, einem Angehörigen der Familie Langhals, der etwa seit
einem Jahre in der Stadt praktizierte, trat Senator Buddenbrook aus dem
Schlafzimmer der Konsulin in das Frühstückszimmer und schloß die Tür.
»Darf ich Sie bitten, meine Herren … auf einen Augenblick«, sagte er
und führte sie die Treppe hinauf, über den Korridor und durch die
Säulenhalle ins Landschaftszimmer, wo des feuchten und kalten
Herbstwetters wegen schon geheizt war. »Meine Spannung wird Ihnen
begreiflich sein … nehmen Sie Platz! Beruhigen Sie mich, wenn es irgend
möglich ist!«
»Potztausend, mein lieber Senator!« antwortete Doktor Grabow, der
sich, das Kinn in der Halsbinde, bequem zurückgelehnt hatte und die
Hutkrempe mit beiden Händen gegen seinen Magen gestemmt hielt,
während Doktor Langhals, ein untersetzter, brünetter Herr mit
spitzgeschnittenem Bart, aufrecht stehendem Haar, schönen Augen und
einem eitlen Gesichtsausdruck, seinen Zylinder neben sich auf den Teppich
gestellt hatte und seine außerordentlich kleinen, schwarzbehaarten Hände
betrachtete … »Für irgendwelche ernstliche Beunruhigung ist natürlich fürs
erste platterdings keine Ursache vorhanden; ich bitte Sie … eine Patientin
von der verhältnismäßigen Widerstandskraft unserer verehrten Frau
Konsulin … Meiner Treu, als gedienter Ratgeber kenne ich diese
Widerstandskraft. Für ihre Jahre wirklich erstaunlich … was ich Ihnen
sage …«
Erstes Kapitel
Hinter den beiden Herren, dem alten Doktor Grabow und dem jungen
Doktor Langhals, einem Angehörigen der Familie Langhals, der etwa seit
einem Jahre in der Stadt praktizierte, trat Senator Buddenbrook aus dem
Schlafzimmer der Konsulin in das Frühstückszimmer und schloß die Tür.
»Darf ich Sie bitten, meine Herren … auf einen Augenblick«, sagte er
und führte sie die Treppe hinauf, über den Korridor und durch die
Säulenhalle ins Landschaftszimmer, wo des feuchten und kalten
Herbstwetters wegen schon geheizt war. »Meine Spannung wird Ihnen
begreiflich sein … nehmen Sie Platz! Beruhigen Sie mich, wenn es irgend
möglich ist!«
»Potztausend, mein lieber Senator!« antwortete Doktor Grabow, der
sich, das Kinn in der Halsbinde, bequem zurückgelehnt hatte und die
Hutkrempe mit beiden Händen gegen seinen Magen gestemmt hielt,
während Doktor Langhals, ein untersetzter, brünetter Herr mit
spitzgeschnittenem Bart, aufrecht stehendem Haar, schönen Augen und
einem eitlen Gesichtsausdruck, seinen Zylinder neben sich auf den Teppich
gestellt hatte und seine außerordentlich kleinen, schwarzbehaarten Hände
betrachtete … »Für irgendwelche ernstliche Beunruhigung ist natürlich fürs
erste platterdings keine Ursache vorhanden; ich bitte Sie … eine Patientin
von der verhältnismäßigen Widerstandskraft unserer verehrten Frau
Konsulin … Meiner Treu, als gedienter Ratgeber kenne ich diese
Widerstandskraft. Für ihre Jahre wirklich erstaunlich … was ich Ihnen
sage …«
Page 523
»Ja, eben, in ihren Jahren …«, sagte der Senator unruhig und drehte an
der langen Spitze seines Schnurrbartes.
»Ich sage natürlich nicht, daß Ihre liebe Frau Mutter wird morgen
wieder spazierengehen können«, fuhr Doktor Grabow sanftmütig fort.
»Diesen Eindruck wird die Patientin nicht auf Sie gemacht haben, lieber
Senator. Es ist ja nicht zu leugnen, daß der Katarrh seit vierundzwanzig
Stunden eine ärgerliche Wendung genommen hat. Der Schüttelfrost gestern
abend gefiel mir nicht recht, und heute gibt es da nun wahrhaftig ein
bißchen Seitenstechen und Kurzluftigkeit. Etwas Fieber ist auch vorhanden
– oh, unbedeutend, aber es ist Fieber. Kurz, lieber Senator, man muß sich
wohl mit der vertrakten Tatsache abfinden, daß die Lunge ein bißchen
affiziert ist …«
»Lungenentzündung also?« fragte der Senator und blickte von einem
Arzte zum andern …
»Ja, – Pneumonia«, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter
Verbeugung.
»Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung«, antwortete
der Hausarzt, »die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren trachten müssen …«
»Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden?« Der
Senator saß ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht.
»Besorgnis? O … wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die
Erkrankung einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe
zu gehen … nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun … Und dann noch
eins, lieber Senator … Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen
gegenüber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken, sollte
in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen ein bißchen
Auswurf sich einstellen … wissen Sie, so ein rotbräunlicher Auswurf, wenn
auch Blut dabei ist … Das ist alles durchaus logisch, durchaus zur Sache
gehörig, durchaus normal. Bereiten Sie, bitte, auch unsere liebe, verehrte
Madame Permaneder darauf vor, die ja die Pflege mit soviel Hingebung
leitet … A propos, wie geht es ihr? Ich habe ganz und gar zu fragen
vergessen, wie es in den letzten Tagen mit ihrem Magen gewesen ist …«
der langen Spitze seines Schnurrbartes.
»Ich sage natürlich nicht, daß Ihre liebe Frau Mutter wird morgen
wieder spazierengehen können«, fuhr Doktor Grabow sanftmütig fort.
»Diesen Eindruck wird die Patientin nicht auf Sie gemacht haben, lieber
Senator. Es ist ja nicht zu leugnen, daß der Katarrh seit vierundzwanzig
Stunden eine ärgerliche Wendung genommen hat. Der Schüttelfrost gestern
abend gefiel mir nicht recht, und heute gibt es da nun wahrhaftig ein
bißchen Seitenstechen und Kurzluftigkeit. Etwas Fieber ist auch vorhanden
– oh, unbedeutend, aber es ist Fieber. Kurz, lieber Senator, man muß sich
wohl mit der vertrakten Tatsache abfinden, daß die Lunge ein bißchen
affiziert ist …«
»Lungenentzündung also?« fragte der Senator und blickte von einem
Arzte zum andern …
»Ja, – Pneumonia«, sagte Doktor Langhals mit ernster und korrekter
Verbeugung.
»Allerdings, eine kleine, rechtsseitige Lungenentzündung«, antwortete
der Hausarzt, »die wir sehr sorgfältig zu lokalisieren trachten müssen …«
»Danach ist immerhin Grund zu ernster Besorgnis vorhanden?« Der
Senator saß ganz still und sah dem Sprechenden unverwandt ins Gesicht.
»Besorgnis? O … wir müssen, wie gesagt, darum besorgt sein, die
Erkrankung einzuschränken, den Husten zu mildern, dem Fieber zu Leibe
zu gehen … nun, das Chinin wird seine Schuldigkeit tun … Und dann noch
eins, lieber Senator … Keine Schreckhaftigkeit den einzelnen Symptomen
gegenüber, nicht wahr? Sollte sich die Atemnot ein wenig verstärken, sollte
in der Nacht vielleicht etwas Delirium stattfinden, oder morgen ein bißchen
Auswurf sich einstellen … wissen Sie, so ein rotbräunlicher Auswurf, wenn
auch Blut dabei ist … Das ist alles durchaus logisch, durchaus zur Sache
gehörig, durchaus normal. Bereiten Sie, bitte, auch unsere liebe, verehrte
Madame Permaneder darauf vor, die ja die Pflege mit soviel Hingebung
leitet … A propos, wie geht es ihr? Ich habe ganz und gar zu fragen
vergessen, wie es in den letzten Tagen mit ihrem Magen gewesen ist …«
Page 524
»Wie gewöhnlich. Ich weiß nichts Neues. Die Sorge um ihr Befinden
tritt ja jetzt naturgemäß etwas zurück …«
»Versteht sich. Übrigens … mir kommt dabei ein Gedanke. Ihre Frau
Schwester hat Ruhe nötig, besonders in der Nacht, und Mamsell Severin
allein dürfte doch wohl nicht ausreichen … wie wäre es mit einer Pflegerin,
lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen
Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten … Die Schwester
Oberin wird sich freuen, Ihnen dienen zu können.«
»Sie halten das also für nötig?«
»Ich bringe es in Vorschlag. Es ist so angenehm … Die Schwestern sind
unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so
beruhigend auf die Kranken … gerade bei diesen Krankheiten, die, wie
gesagt, mit einer Reihe von etwas unheimlichen Symptomen verbunden
sind … Also, um es zu wiederholen: ruhig Blut, nicht wahr, mein lieber
Senator? Übrigens werden wir ja sehen … wir werden ja sehen … Wir
sprechen ja heute abend noch einmal vor …«
»Zuversichtlich«, sagte Doktor Langhals, nahm seinen Zylinder und
erhob sich gleichzeitig mit seinem älteren Kollegen. Aber der Senator blieb
noch sitzen, er war noch nicht fertig, hatte noch eine Frage im Sinne, wollte
noch eine Probe machen …
»Meine Herren«, sagte er, »ein Wort noch … Mein Bruder Christian ist
nervös, kurz, verträgt nicht viel … Raten Sie mir, ihm von der Erkrankung
Mitteilung zu machen? Ihm vielleicht … die Rückkehr nahezulegen –?«
»Ihr Bruder Christian ist nicht in der Stadt?«
»Nein, in Hamburg. Vorübergehend. In Geschäften, soviel ich weiß …«
Doktor Grabow warf seinem Kollegen einen Blick zu; dann schüttelte er
dem Senator lachend die Hand und sagte: »Also lassen wir ihn ruhig bei
seinen Geschäften! Warum ihn unnütz erschrecken? Sollte irgendeine
Wendung in dem Befinden eintreten, die seine Anwesenheit wünschenswert
macht, sagen wir: um die Patientin zu beruhigen, ihre Stimmung zu heben
… nun, so wird ja immer noch Zeit sein … immer noch Zeit …«
tritt ja jetzt naturgemäß etwas zurück …«
»Versteht sich. Übrigens … mir kommt dabei ein Gedanke. Ihre Frau
Schwester hat Ruhe nötig, besonders in der Nacht, und Mamsell Severin
allein dürfte doch wohl nicht ausreichen … wie wäre es mit einer Pflegerin,
lieber Senator? Wir haben da unsere guten katholischen Grauen
Schwestern, für die Sie immer so wohlwollend eintreten … Die Schwester
Oberin wird sich freuen, Ihnen dienen zu können.«
»Sie halten das also für nötig?«
»Ich bringe es in Vorschlag. Es ist so angenehm … Die Schwestern sind
unschätzbar. Sie wirken mit ihrer Erfahrenheit und Besonnenheit so
beruhigend auf die Kranken … gerade bei diesen Krankheiten, die, wie
gesagt, mit einer Reihe von etwas unheimlichen Symptomen verbunden
sind … Also, um es zu wiederholen: ruhig Blut, nicht wahr, mein lieber
Senator? Übrigens werden wir ja sehen … wir werden ja sehen … Wir
sprechen ja heute abend noch einmal vor …«
»Zuversichtlich«, sagte Doktor Langhals, nahm seinen Zylinder und
erhob sich gleichzeitig mit seinem älteren Kollegen. Aber der Senator blieb
noch sitzen, er war noch nicht fertig, hatte noch eine Frage im Sinne, wollte
noch eine Probe machen …
»Meine Herren«, sagte er, »ein Wort noch … Mein Bruder Christian ist
nervös, kurz, verträgt nicht viel … Raten Sie mir, ihm von der Erkrankung
Mitteilung zu machen? Ihm vielleicht … die Rückkehr nahezulegen –?«
»Ihr Bruder Christian ist nicht in der Stadt?«
»Nein, in Hamburg. Vorübergehend. In Geschäften, soviel ich weiß …«
Doktor Grabow warf seinem Kollegen einen Blick zu; dann schüttelte er
dem Senator lachend die Hand und sagte: »Also lassen wir ihn ruhig bei
seinen Geschäften! Warum ihn unnütz erschrecken? Sollte irgendeine
Wendung in dem Befinden eintreten, die seine Anwesenheit wünschenswert
macht, sagen wir: um die Patientin zu beruhigen, ihre Stimmung zu heben
… nun, so wird ja immer noch Zeit sein … immer noch Zeit …«
Page 525
Während die Herren über Säulenhalle und Korridor zurückgingen und
auf dem Treppenabsatz ein Weilchen stehenblieben, sprachen sie über
andere Dinge, über Politik, über die Erschütterungen und Umwälzungen des
kaum beendeten Krieges …
»Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande …
Und frische Stimmung weit und breit …«
Und der Senator stimmte dem halb und halb bei. Er bestätigte, daß der
Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von Rußland zu großem
Aufschwung gebracht habe und erwähnte der großen Dimensionen, die
damals der Haferimport, zum Zwecke der Armeelieferung angenommen
habe. Aber der Profit habe sich sehr ungleich verteilt …
Die Ärzte gingen, und Senator Buddenbrook wandte sich, um noch
einmal in das Krankenzimmer zurückzukehren. Er überlegte, was Grabow
gesagt hatte … Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen … Man hatte
gefühlt, wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung hütete. Das einzige
klare Wort war »Lungenentzündung« gewesen, und dieses Wort wurde nicht
tröstlicher dadurch, daß Doktor Langhals es in die Sprache der
Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung in den Jahren der
Konsulin … Schon, daß es zwei Ärzte waren, die kamen und gingen, gab
der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin
und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich über kurz oder lang zur
Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei,
seine Praxis zu übernehmen, so mache er – Grabow – sich ein Vergnügen
daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzuführen …
Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene
munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und
Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen,
daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines ganz
kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.
Frau Permaneder saß an dem Himmelbett, dessen Vorhänge
zurückgeschlagen waren, und hielt die Hand ihrer Mutter, die, von Kissen
gestützt, den Kopf dem Eintretenden zuwandte und ihm mit ihren
hellblauen Augen forschend ins Gesicht sah. Es war ein Blick voll
beherrschter Ruhe und von angespannter, unausweichlicher
auf dem Treppenabsatz ein Weilchen stehenblieben, sprachen sie über
andere Dinge, über Politik, über die Erschütterungen und Umwälzungen des
kaum beendeten Krieges …
»Nun, jetzt kommen gute Zeiten, wie, Herr Senator? Geld im Lande …
Und frische Stimmung weit und breit …«
Und der Senator stimmte dem halb und halb bei. Er bestätigte, daß der
Ausbruch des Krieges den Verkehr in Getreide von Rußland zu großem
Aufschwung gebracht habe und erwähnte der großen Dimensionen, die
damals der Haferimport, zum Zwecke der Armeelieferung angenommen
habe. Aber der Profit habe sich sehr ungleich verteilt …
Die Ärzte gingen, und Senator Buddenbrook wandte sich, um noch
einmal in das Krankenzimmer zurückzukehren. Er überlegte, was Grabow
gesagt hatte … Es hatte soviel Hinterhältiges darin gelegen … Man hatte
gefühlt, wie er sich vor einer entschiedenen Äußerung hütete. Das einzige
klare Wort war »Lungenentzündung« gewesen, und dieses Wort wurde nicht
tröstlicher dadurch, daß Doktor Langhals es in die Sprache der
Wissenschaft übersetzt hatte. Lungenentzündung in den Jahren der
Konsulin … Schon, daß es zwei Ärzte waren, die kamen und gingen, gab
der Sache einen beunruhigenden Aspekt. Grabow hatte das ganz leichthin
und fast unmerklich arrangiert. Er gedenke, sich über kurz oder lang zur
Ruhe zu setzen, hatte er gesagt, und da der junge Langhals berufen sei,
seine Praxis zu übernehmen, so mache er – Grabow – sich ein Vergnügen
daraus, ihn hie und da schon jetzt heranzuziehen und einzuführen …
Als der Senator in das halbdunkle Schlafzimmer trat, war seine Miene
munter und seine Haltung energisch. Er war so gewöhnt daran, Sorge und
Müdigkeit unter einem Ausdruck von überlegener Sicherheit zu verbergen,
daß beim Öffnen der Tür diese Maske beinahe von selbst infolge eines ganz
kurzen Willensaktes über sein Gesicht geglitten war.
Frau Permaneder saß an dem Himmelbett, dessen Vorhänge
zurückgeschlagen waren, und hielt die Hand ihrer Mutter, die, von Kissen
gestützt, den Kopf dem Eintretenden zuwandte und ihm mit ihren
hellblauen Augen forschend ins Gesicht sah. Es war ein Blick voll
beherrschter Ruhe und von angespannter, unausweichlicher
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Eindringlichkeit, der, da er ein wenig von der Seite kam, beinahe etwas
Lauerndes hatte. Abgesehen von der Blässe der Haut, die auf den Wangen
ein paar Flecke von fieberiger Röte hervortreten ließ, zeigte dies Gesicht
durchaus keine Mattigkeit und Schwäche. Die alte Dame war sehr
aufmerksam bei der Sache, aufmerksamer noch als ihre Umgebung, denn
am Ende war sie die zunächst Beteiligte. Sie mißtraute dieser Krankheit und
war ganz und gar nicht gewillt, sich aufs Ohr zu legen und den Dingen
nachgiebig ihren Lauf zu lassen …
»Was haben sie gesagt, Thomas?« fragte sie mit so bestimmter und
lebhafter Stimme, daß sich sofort ein heftiger Husten einstellte, den sie mit
geschlossenen Lippen zurückzuhalten suchte, der aber hervorbrach und sie
zwang, die Hand gegen ihre rechte Seite zu pressen.
»Sie haben gesagt«, antwortete der Senator, als der Anfall vorüber war,
und streichelte ihre Hand … »Sie haben gesagt, daß unsere gute Mutter in
ein paar Tagen wieder auf den Füßen sein wird. Daß du das noch nicht
kannst, weißt du, das liegt daran, daß dieser dumme Husten natürlich die
Lunge ein bißchen angegriffen hat … es ist nicht gerade
Lungenentzündung«, sagte er, da er sah, daß ihr Blick noch eindringlicher
wurde … »obgleich ja auch das noch nicht das Ende aller Dinge wäre, ach,
da gibt es Schlimmeres! Kurz, die Lunge ist etwas gereizt, sagen die beiden,
und damit mögen sie wohl recht haben … Wo ist denn die Severin?«
»Zur Apotheke«, sagte Frau Permaneder.
»Seht ihr, die ist schon wieder in der Apotheke, und du, Tony, siehst aus,
als wolltest du jeden Augenblick einschlafen. Nein, das geht nicht länger.
Wenn es auch nur für ein paar Tage ist … wir müssen eine Pflegerin hier
haben, meint ihr nicht auch? Wartet, ich lasse jetzt gleich bei meiner
Grauen-Schwester-Oberin anfragen, ob eine disponibel ist …«
»Thomas«, sagte die Konsulin jetzt mit behutsamer Stimme, um den
Hustenreiz nicht wieder zu entfesseln, »glaube mir, du erregst Anstoß mit
deiner beständigen Protektion der Katholischen gegenüber den Schwarzen
Protestantischen. Du hast den einen direkte Vorteile verschafft und tust
nichts für die anderen. Ich versichere dich, Pastor Pringsheim hat sich
neulich mit deutlichen Worten bei mir darüber beklagt …«
Lauerndes hatte. Abgesehen von der Blässe der Haut, die auf den Wangen
ein paar Flecke von fieberiger Röte hervortreten ließ, zeigte dies Gesicht
durchaus keine Mattigkeit und Schwäche. Die alte Dame war sehr
aufmerksam bei der Sache, aufmerksamer noch als ihre Umgebung, denn
am Ende war sie die zunächst Beteiligte. Sie mißtraute dieser Krankheit und
war ganz und gar nicht gewillt, sich aufs Ohr zu legen und den Dingen
nachgiebig ihren Lauf zu lassen …
»Was haben sie gesagt, Thomas?« fragte sie mit so bestimmter und
lebhafter Stimme, daß sich sofort ein heftiger Husten einstellte, den sie mit
geschlossenen Lippen zurückzuhalten suchte, der aber hervorbrach und sie
zwang, die Hand gegen ihre rechte Seite zu pressen.
»Sie haben gesagt«, antwortete der Senator, als der Anfall vorüber war,
und streichelte ihre Hand … »Sie haben gesagt, daß unsere gute Mutter in
ein paar Tagen wieder auf den Füßen sein wird. Daß du das noch nicht
kannst, weißt du, das liegt daran, daß dieser dumme Husten natürlich die
Lunge ein bißchen angegriffen hat … es ist nicht gerade
Lungenentzündung«, sagte er, da er sah, daß ihr Blick noch eindringlicher
wurde … »obgleich ja auch das noch nicht das Ende aller Dinge wäre, ach,
da gibt es Schlimmeres! Kurz, die Lunge ist etwas gereizt, sagen die beiden,
und damit mögen sie wohl recht haben … Wo ist denn die Severin?«
»Zur Apotheke«, sagte Frau Permaneder.
»Seht ihr, die ist schon wieder in der Apotheke, und du, Tony, siehst aus,
als wolltest du jeden Augenblick einschlafen. Nein, das geht nicht länger.
Wenn es auch nur für ein paar Tage ist … wir müssen eine Pflegerin hier
haben, meint ihr nicht auch? Wartet, ich lasse jetzt gleich bei meiner
Grauen-Schwester-Oberin anfragen, ob eine disponibel ist …«
»Thomas«, sagte die Konsulin jetzt mit behutsamer Stimme, um den
Hustenreiz nicht wieder zu entfesseln, »glaube mir, du erregst Anstoß mit
deiner beständigen Protektion der Katholischen gegenüber den Schwarzen
Protestantischen. Du hast den einen direkte Vorteile verschafft und tust
nichts für die anderen. Ich versichere dich, Pastor Pringsheim hat sich
neulich mit deutlichen Worten bei mir darüber beklagt …«
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»Ja, das nützt ihm gar nichts. Ich bin überzeugt, daß die Grauen
Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfähiger sind als die
Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich
alles bei erster Gelegenheit verheiraten … Kurzum, sie sind irdisch,
egoistisch, ordinär … Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher, sie
stehen dem Himmel näher. Und gerade, weil sie mir Dank schulden, sind
sie vorzuziehen. Was ist Schwester Leandra uns nicht gewesen, als Hanno
Zahnkrämpfe hatte! Ich will nur hoffen, daß sie frei ist …«
Und Schwester Leandra kam. Sie legte still ihre kleine Handtasche,
ihren Umhang und die graue Haube ab, die sie über der weißen trug, und
ging, während der Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hing, leise klapperte,
mit sanften und freundlichen Worten und Bewegungen an ihre Arbeit. Sie
pflegte die verwöhnte und nicht immer geduldige Kranke Tag und Nacht
und zog sich dann stumm und fast beschämt über die menschliche
Schwäche, der sie unterlag, zurück, um sich von einer anderen Schwester
ablösen zu lassen, zu Hause ein wenig zu schlafen und dann
zurückzukehren.
Denn die Konsulin verlangte beständigen Dienst an ihrem Bette. Je
mehr sich ihr Zustand verschlimmerte, desto mehr wandte sich ihr ganzes
Denken, ihr ganzes Interesse ihrer Krankheit zu, die sie mit Furcht und
einem offenkundigen, naiven Haß beobachtete. Sie, die ehemalige
Weltdame, mit ihrer stillen, natürlichen und dauerhaften Liebe zum
Wohlleben und zum Leben überhaupt, hatte ihre letzten Jahre mit
Frömmigkeit und Wohltätigkeit erfüllt … warum? Vielleicht nicht nur aus
Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten, sondern auch aus dem unbewußten
Triebe, den Himmel mit ihrer starken Vitalität zu versöhnen und ihn zu
veranlassen, ihr dereinst trotz ihrer zähen Anhänglichkeit an das Leben
einen sanften Tod zu vergönnen? Aber sie konnte nicht sanft sterben.
Manches schmerzlichen Erlebnisses ungeachtet war ihre Gestalt vollständig
ungebeugt und ihr Auge klar geblieben. Sie liebte es, gute Mahlzeiten zu
halten, sich vornehm und reich zu kleiden, das Unerfreuliche, was um sie
her bestand oder geschah, zu übersehen, zu vertuschen und wohlgefällig an
dem hohen Ansehen teilzunehmen, das ihr ältester Sohn sich weit und breit
verschafft hatte. Diese Krankheit, diese Lungenentzündung war in ihren
aufrechten Körper eingebrochen, ohne daß irgendwelche seelische Vorarbeit
ihr das Zerstörungswerk erleichtert hätte … jene Minierarbeit des Leidens,
Schwestern treuer, hingebender, aufopferungsfähiger sind als die
Schwarzen. Diese Protestantinnen, das ist nicht das Wahre. Das will sich
alles bei erster Gelegenheit verheiraten … Kurzum, sie sind irdisch,
egoistisch, ordinär … Die Grauen sind degagierter, ja, ganz sicher, sie
stehen dem Himmel näher. Und gerade, weil sie mir Dank schulden, sind
sie vorzuziehen. Was ist Schwester Leandra uns nicht gewesen, als Hanno
Zahnkrämpfe hatte! Ich will nur hoffen, daß sie frei ist …«
Und Schwester Leandra kam. Sie legte still ihre kleine Handtasche,
ihren Umhang und die graue Haube ab, die sie über der weißen trug, und
ging, während der Rosenkranz, der an ihrem Gürtel hing, leise klapperte,
mit sanften und freundlichen Worten und Bewegungen an ihre Arbeit. Sie
pflegte die verwöhnte und nicht immer geduldige Kranke Tag und Nacht
und zog sich dann stumm und fast beschämt über die menschliche
Schwäche, der sie unterlag, zurück, um sich von einer anderen Schwester
ablösen zu lassen, zu Hause ein wenig zu schlafen und dann
zurückzukehren.
Denn die Konsulin verlangte beständigen Dienst an ihrem Bette. Je
mehr sich ihr Zustand verschlimmerte, desto mehr wandte sich ihr ganzes
Denken, ihr ganzes Interesse ihrer Krankheit zu, die sie mit Furcht und
einem offenkundigen, naiven Haß beobachtete. Sie, die ehemalige
Weltdame, mit ihrer stillen, natürlichen und dauerhaften Liebe zum
Wohlleben und zum Leben überhaupt, hatte ihre letzten Jahre mit
Frömmigkeit und Wohltätigkeit erfüllt … warum? Vielleicht nicht nur aus
Pietät gegen ihren verstorbenen Gatten, sondern auch aus dem unbewußten
Triebe, den Himmel mit ihrer starken Vitalität zu versöhnen und ihn zu
veranlassen, ihr dereinst trotz ihrer zähen Anhänglichkeit an das Leben
einen sanften Tod zu vergönnen? Aber sie konnte nicht sanft sterben.
Manches schmerzlichen Erlebnisses ungeachtet war ihre Gestalt vollständig
ungebeugt und ihr Auge klar geblieben. Sie liebte es, gute Mahlzeiten zu
halten, sich vornehm und reich zu kleiden, das Unerfreuliche, was um sie
her bestand oder geschah, zu übersehen, zu vertuschen und wohlgefällig an
dem hohen Ansehen teilzunehmen, das ihr ältester Sohn sich weit und breit
verschafft hatte. Diese Krankheit, diese Lungenentzündung war in ihren
aufrechten Körper eingebrochen, ohne daß irgendwelche seelische Vorarbeit
ihr das Zerstörungswerk erleichtert hätte … jene Minierarbeit des Leidens,
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die uns langsam und unter Schmerzen dem Leben selbst oder doch den
Bedingungen entfremdet, unter denen wir es empfangen haben, und in uns
die süße Sehnsucht nach einem Ende, nach anderen Bedingungen oder nach
dem Frieden erweckt … Nein, die alte Konsulin fühlte wohl, daß sie trotz
der christlichen Lebensführung ihrer letzten Jahre nicht eigentlich bereit
war, zu sterben, und der unbestimmte Gedanke, daß, sollte dies ihre letzte
Krankheit sein, diese Krankheit ganz selbständig, in letzter Stunde und in
gräßlicher Eile, mit Körperqualen ihren Widerstand zerbrechen und die
Selbstaufgabe herbeiführen müsse, erfüllte sie mit Angst.
Sie betete viel; aber fast noch mehr überwachte sie, sooft sie bei
Besinnung war, ihren Zustand, fühlte selbst ihren Puls, maß ihr Fieber,
bekämpfte ihren Husten … Der Puls aber ging schlecht, das Fieber stieg
desto höher, nachdem es ein wenig gefallen war und warf sie aus
Schüttelfrösten in hitzige Delirien, der Husten, der mit inneren Schmerzen
verbunden war und blutigen Auswurf zutage förderte, nahm zu, und
Atemnot ängstigte sie. Das alles aber kam daher, daß jetzt nicht mehr nur
ein Lappen der rechten Lunge, sondern die ganze rechte Lunge in
Mitleidenschaft gezogen war, ja, daß, wenn nicht alles täuschte, auch schon
an der linken Seite Spuren des Vorganges bemerkbar waren, den Doktor
Langhals, indem er seine Fingernägel besah, »Hepatisation« nannte und
über den Doktor Grabow sich lieber gar nicht weiter ausließ … Das Fieber
zehrte unablässig. Der Magen begann zu versagen. Unaufhaltsam, mit zäher
Langsamkeit, schritt der Kräfteverfall vorwärts.
Sie verfolgte ihn, nahm, wenn sie irgend dazu imstande war, eifrig die
konzentrierte Nahrung, die man ihr bot, hielt sorglicher noch als ihre
Pflegerinnen die Stunden des Medizinierens inne und war von all dem so in
Anspruch genommen, daß sie beinahe nur noch mit den Ärzten sprach und
wenigstens nur im Gespräche mit ihnen aufrichtiges Interesse an den Tag
legte. Besuche, die anfänglich vorgelassen wurden, Freundinnen, Mitglieder
des »Jerusalemsabend«, alte Damen aus der Gesellschaft und
Pastorsgattinnen, empfing sie apathisch oder mit zerstreuter Herzlichkeit
und entließ sie rasch. Ihre Angehörigen empfanden peinlich die
Gleichgültigkeit, mit der die alte Dame ihnen begegnete; sie nahm sich wie
eine Art Geringschätzung aus, die besagte: »Ihr könnt mir ja doch nicht
helfen.« Selbst dem kleinen Hanno, der in einer erträglichen Stunde
eingelassen wurde, strich sie nur flüchtig über die Wange und wandte sich
Bedingungen entfremdet, unter denen wir es empfangen haben, und in uns
die süße Sehnsucht nach einem Ende, nach anderen Bedingungen oder nach
dem Frieden erweckt … Nein, die alte Konsulin fühlte wohl, daß sie trotz
der christlichen Lebensführung ihrer letzten Jahre nicht eigentlich bereit
war, zu sterben, und der unbestimmte Gedanke, daß, sollte dies ihre letzte
Krankheit sein, diese Krankheit ganz selbständig, in letzter Stunde und in
gräßlicher Eile, mit Körperqualen ihren Widerstand zerbrechen und die
Selbstaufgabe herbeiführen müsse, erfüllte sie mit Angst.
Sie betete viel; aber fast noch mehr überwachte sie, sooft sie bei
Besinnung war, ihren Zustand, fühlte selbst ihren Puls, maß ihr Fieber,
bekämpfte ihren Husten … Der Puls aber ging schlecht, das Fieber stieg
desto höher, nachdem es ein wenig gefallen war und warf sie aus
Schüttelfrösten in hitzige Delirien, der Husten, der mit inneren Schmerzen
verbunden war und blutigen Auswurf zutage förderte, nahm zu, und
Atemnot ängstigte sie. Das alles aber kam daher, daß jetzt nicht mehr nur
ein Lappen der rechten Lunge, sondern die ganze rechte Lunge in
Mitleidenschaft gezogen war, ja, daß, wenn nicht alles täuschte, auch schon
an der linken Seite Spuren des Vorganges bemerkbar waren, den Doktor
Langhals, indem er seine Fingernägel besah, »Hepatisation« nannte und
über den Doktor Grabow sich lieber gar nicht weiter ausließ … Das Fieber
zehrte unablässig. Der Magen begann zu versagen. Unaufhaltsam, mit zäher
Langsamkeit, schritt der Kräfteverfall vorwärts.
Sie verfolgte ihn, nahm, wenn sie irgend dazu imstande war, eifrig die
konzentrierte Nahrung, die man ihr bot, hielt sorglicher noch als ihre
Pflegerinnen die Stunden des Medizinierens inne und war von all dem so in
Anspruch genommen, daß sie beinahe nur noch mit den Ärzten sprach und
wenigstens nur im Gespräche mit ihnen aufrichtiges Interesse an den Tag
legte. Besuche, die anfänglich vorgelassen wurden, Freundinnen, Mitglieder
des »Jerusalemsabend«, alte Damen aus der Gesellschaft und
Pastorsgattinnen, empfing sie apathisch oder mit zerstreuter Herzlichkeit
und entließ sie rasch. Ihre Angehörigen empfanden peinlich die
Gleichgültigkeit, mit der die alte Dame ihnen begegnete; sie nahm sich wie
eine Art Geringschätzung aus, die besagte: »Ihr könnt mir ja doch nicht
helfen.« Selbst dem kleinen Hanno, der in einer erträglichen Stunde
eingelassen wurde, strich sie nur flüchtig über die Wange und wandte sich
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dann ab. Es war, als wollte sie sagen: »Kinder, ihr seid alle liebe Leute, aber
ich – ich muß vielleicht sterben!« Die beiden Ärzte dagegen empfing sie
mit lebhafter und interessierter Wärme, um eingehend mit ihnen zu
konferieren …
Eines Tages erschienen die alten Damen Gerhardt, die Nachkommen
Paul Gerhardts. Sie kamen mit ihren Mantillen, ihren tellerartigen Hüten
und ihren Provianttaschen von Armenbesuchen, und man konnte ihnen
nicht verwehren, ihre kranke Freundin zu sehen. Man ließ sie allein mit ihr,
und Gott allein weiß, was sie zu ihr sprachen, während sie an ihrem Bette
saßen. Als sie aber gingen, waren ihre Augen und Gesichtszüge noch klarer,
noch milder und selig verschlossener als vorher, und drinnen lag die
Konsulin mit ebensolchen Augen und ebensolchem Gesichtsausdruck, lag
ganz still, ganz friedlich, friedlicher als jemals, ihr Atem ging selten und
sanft, und sie fiel ersichtlich von Schwäche zu Schwäche. Frau Permaneder,
die den Damen Gerhardt ein starkes Wort nachmurmelte, schickte sofort zu
den Ärzten, und kaum erschienen die beiden Herren im Rahmen der Tür, als
eine vollständige, eine verblüffende Veränderung mit der Konsulin vor sich
ging. Sie erwachte, sie geriet in Bewegung, sie richtete sich beinahe auf.
Der Anblick dieser Männer, dieser beiden notdürftig unterrichteten
Mediziner gab sie mit einem Schlage der Erde wieder. Sie streckte ihnen die
Hände entgegen, beide Hände, und fing an: »Seien Sie mir willkommen,
meine Herren! Die Sachen stehen nun so, daß heute im Lauf des Tages …«
Aber es war längst der Tag gekommen, da die doppelseitige
Lungenentzündung nicht mehr wegzuleugnen gewesen war.
»Ja, mein lieber Herr Senator«, hatte Doktor Grabow gesagt und
Thomas Buddenbrooks Hände genommen … »Wir haben es nicht
verhindern können, es ist nun doppelseitig, und das ist immer bedenklich,
wie Sie so gut wissen wie ich, ich mache Ihnen kein X für ein U … Es ist,
ob der Patient nun zwanzig oder siebenzig Jahre alt ist, in jedem Falle eine
Sache, die man ernst nehmen muß, und wenn Sie mich daher heute noch
einmal fragten, ob Sie Ihrem Herrn Bruder Christian schreiben, ihm
vielleicht ein kleines Telegramm schicken sollten, so würde ich nicht
abraten, ich würde mich besinnen, Sie davon abzuhalten … Wie geht es ihm
übrigens? Ein spaßhafter Mann; ich habe ihn immer herzlich gern gehabt …
Um Gottes willen, ziehen Sie keine übertriebenen Folgerungen aus meinen
ich – ich muß vielleicht sterben!« Die beiden Ärzte dagegen empfing sie
mit lebhafter und interessierter Wärme, um eingehend mit ihnen zu
konferieren …
Eines Tages erschienen die alten Damen Gerhardt, die Nachkommen
Paul Gerhardts. Sie kamen mit ihren Mantillen, ihren tellerartigen Hüten
und ihren Provianttaschen von Armenbesuchen, und man konnte ihnen
nicht verwehren, ihre kranke Freundin zu sehen. Man ließ sie allein mit ihr,
und Gott allein weiß, was sie zu ihr sprachen, während sie an ihrem Bette
saßen. Als sie aber gingen, waren ihre Augen und Gesichtszüge noch klarer,
noch milder und selig verschlossener als vorher, und drinnen lag die
Konsulin mit ebensolchen Augen und ebensolchem Gesichtsausdruck, lag
ganz still, ganz friedlich, friedlicher als jemals, ihr Atem ging selten und
sanft, und sie fiel ersichtlich von Schwäche zu Schwäche. Frau Permaneder,
die den Damen Gerhardt ein starkes Wort nachmurmelte, schickte sofort zu
den Ärzten, und kaum erschienen die beiden Herren im Rahmen der Tür, als
eine vollständige, eine verblüffende Veränderung mit der Konsulin vor sich
ging. Sie erwachte, sie geriet in Bewegung, sie richtete sich beinahe auf.
Der Anblick dieser Männer, dieser beiden notdürftig unterrichteten
Mediziner gab sie mit einem Schlage der Erde wieder. Sie streckte ihnen die
Hände entgegen, beide Hände, und fing an: »Seien Sie mir willkommen,
meine Herren! Die Sachen stehen nun so, daß heute im Lauf des Tages …«
Aber es war längst der Tag gekommen, da die doppelseitige
Lungenentzündung nicht mehr wegzuleugnen gewesen war.
»Ja, mein lieber Herr Senator«, hatte Doktor Grabow gesagt und
Thomas Buddenbrooks Hände genommen … »Wir haben es nicht
verhindern können, es ist nun doppelseitig, und das ist immer bedenklich,
wie Sie so gut wissen wie ich, ich mache Ihnen kein X für ein U … Es ist,
ob der Patient nun zwanzig oder siebenzig Jahre alt ist, in jedem Falle eine
Sache, die man ernst nehmen muß, und wenn Sie mich daher heute noch
einmal fragten, ob Sie Ihrem Herrn Bruder Christian schreiben, ihm
vielleicht ein kleines Telegramm schicken sollten, so würde ich nicht
abraten, ich würde mich besinnen, Sie davon abzuhalten … Wie geht es ihm
übrigens? Ein spaßhafter Mann; ich habe ihn immer herzlich gern gehabt …
Um Gottes willen, ziehen Sie keine übertriebenen Folgerungen aus meinen
Page 530
Worten, lieber Senator! Nicht als ob nun eine unmittelbare Gefahr vorläge
… ach was, ich bin töricht, das Wort in den Mund zu nehmen! Aber unter
diesen Verhältnissen, wissen Sie, muß man immer aus der Ferne mit
unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen … Mit Ihrer verehrten Frau
Mutter als Patientin sind wir ja ganz außerordentlich zufrieden. Sie hilft uns
wacker, sie läßt uns nicht im Stich … nein, ohne Kompliment, als Patientin
ist sie unübertrefflich! Und darum hoffen, mein lieber Herr Senator, hoffen!
Lassen Sie uns immer das Beste hoffen!«
Aber es kommt ein Augenblick, von dem an die Hoffnung der
Angehörigen etwas Künstliches und Unaufrichtiges ist. Schon hat sich eine
Veränderung mit dem Kranken vollzogen, und etwas der Person Fremdes,
die er im Leben darstellte, ist in seinem Benehmen. Gewisse, seltsame
Worte kommen aus seinem Munde, auf die wir nicht zu antworten verstehen
und die ihm gleichsam den Rückweg abschneiden und ihn dem Tode
verpflichten. Und wäre er uns der Liebste, wir können nach all dem nicht
mehr wollen, daß er aufstehe und wandle. Würde er es dennoch tun, so
würde er Grauen um sich verbreiten wie einer, der dem Sarge entstiegen …
Gräßliche Merkmale der beginnenden Auflösung zeigten sich, während
die Organe, von einem zähen Willen in Gang gehalten, noch arbeiteten. Da,
seit die Konsulin sich mit einem Katarrh hatte zu Bette legen müssen,
Wochen vergangen waren, so hatten sich durch das Liegen an ihrem Körper
mehrere Wunden gebildet, die sich nicht mehr schlossen und in einen
fürchterlichen Zustand übergingen. Sie schlief nicht mehr; erstens, weil
Schmerz, Husten und Atemnot sie daran hinderten, dann aber, weil sie
selbst sich gegen den Schlaf auflehnte und sich an das Wachsein klammerte.
Nur für Minuten ging ihr Bewußtsein im Fieber unter; aber auch bei
bewußten Sinnen sprach sie laut mit Personen, die längst gestorben waren.
Eines Nachmittags in der Dämmerung sagte sie plötzlich mit lauter, etwas
ängstlicher, aber inbrünstiger Stimme: »Ja, mein lieber Jean, ich komme!«
Und die Unmittelbarkeit dieser Antwort war so täuschend, daß man
nachträglich die Stimme des verstorbenen Konsuls zu hören glaubte, der sie
gerufen hatte.
Christian traf ein; er kam von Hamburg, woselbst er, wie er sagte,
Geschäfte gehabt hatte, und verweilte übrigens nur kurze Zeit im
Krankenzimmer; dann verließ er es, indem er sich über die Stirn strich, die
… ach was, ich bin töricht, das Wort in den Mund zu nehmen! Aber unter
diesen Verhältnissen, wissen Sie, muß man immer aus der Ferne mit
unvorhersehbaren Zufälligkeiten rechnen … Mit Ihrer verehrten Frau
Mutter als Patientin sind wir ja ganz außerordentlich zufrieden. Sie hilft uns
wacker, sie läßt uns nicht im Stich … nein, ohne Kompliment, als Patientin
ist sie unübertrefflich! Und darum hoffen, mein lieber Herr Senator, hoffen!
Lassen Sie uns immer das Beste hoffen!«
Aber es kommt ein Augenblick, von dem an die Hoffnung der
Angehörigen etwas Künstliches und Unaufrichtiges ist. Schon hat sich eine
Veränderung mit dem Kranken vollzogen, und etwas der Person Fremdes,
die er im Leben darstellte, ist in seinem Benehmen. Gewisse, seltsame
Worte kommen aus seinem Munde, auf die wir nicht zu antworten verstehen
und die ihm gleichsam den Rückweg abschneiden und ihn dem Tode
verpflichten. Und wäre er uns der Liebste, wir können nach all dem nicht
mehr wollen, daß er aufstehe und wandle. Würde er es dennoch tun, so
würde er Grauen um sich verbreiten wie einer, der dem Sarge entstiegen …
Gräßliche Merkmale der beginnenden Auflösung zeigten sich, während
die Organe, von einem zähen Willen in Gang gehalten, noch arbeiteten. Da,
seit die Konsulin sich mit einem Katarrh hatte zu Bette legen müssen,
Wochen vergangen waren, so hatten sich durch das Liegen an ihrem Körper
mehrere Wunden gebildet, die sich nicht mehr schlossen und in einen
fürchterlichen Zustand übergingen. Sie schlief nicht mehr; erstens, weil
Schmerz, Husten und Atemnot sie daran hinderten, dann aber, weil sie
selbst sich gegen den Schlaf auflehnte und sich an das Wachsein klammerte.
Nur für Minuten ging ihr Bewußtsein im Fieber unter; aber auch bei
bewußten Sinnen sprach sie laut mit Personen, die längst gestorben waren.
Eines Nachmittags in der Dämmerung sagte sie plötzlich mit lauter, etwas
ängstlicher, aber inbrünstiger Stimme: »Ja, mein lieber Jean, ich komme!«
Und die Unmittelbarkeit dieser Antwort war so täuschend, daß man
nachträglich die Stimme des verstorbenen Konsuls zu hören glaubte, der sie
gerufen hatte.
Christian traf ein; er kam von Hamburg, woselbst er, wie er sagte,
Geschäfte gehabt hatte, und verweilte übrigens nur kurze Zeit im
Krankenzimmer; dann verließ er es, indem er sich über die Stirn strich, die
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Augen wandern ließ und sagte: »Das ist ja furchtbar … Das ist ja furchtbar
… Ich kann es nun nicht mehr.«
Auch Pastor Pringsheim erschien, streifte Schwester Leandra mit einem
kalten Blick und betete mit modulierender Stimme am Bette der Konsulin.
Und dann kam die kurze Besserung, das Aufflackern, ein Nachlassen
des Fiebers, eine täuschende Rückkehr der Kräfte, ein Stillewerden der
Schmerzen, ein paar klare und hoffnungsvolle Äußerungen, die den
Umstehenden Tränen der Freude in die Augen treiben …
»Kinder, wir behalten sie, ihr sollt sehen, wir behalten sie trotz
alledem!« sagte Thomas Buddenbrook. »Wir haben sie Weihnachten bei uns
und erlauben nicht, daß sie sich dabei aufregt wie sonst …«
Aber schon in der nächstfolgenden Nacht, kurze Zeit nachdem Gerda
und ihr Gatte zu Bette gegangen waren, wurden sie von seiten Frau
Permaneders in die Mengstraße berufen, da die Kranke mit dem Tode
kämpfe. Der Wind fuhr in den kalten Regen, der herniederging, und trieb
ihn prasselnd gegen die Fensterscheiben.
Als der Senator und seine Frau das Zimmer betraten, das von den
Kerzen zweier Armleuchter erhellt war, die auf dem Tische brannten, waren
die beiden Ärzte schon zugegen. Auch Christian war aus seinem Zimmer
heruntergeholt worden und saß irgendwo, indem er dem Himmelbette den
Rücken zuwandte und die Stirn, tief gebückt, in beide Hände stützte. Man
erwartete den Bruder der Kranken, Konsul Justus Kröger, nach dem
ebenfalls geschickt worden war. Frau Permaneder und Erika Weinschenk
hielten sich leise schluchzend am Fußende des Bettes. Schwester Leandra
und Mamsell Severin hatten nichts mehr zu tun und blickten betrübt in das
Gesicht der Sterbenden.
Die Konsulin lag, von mehreren Kissen gestützt, auf dem Rücken, und
ihre beiden Hände, diese schönen, mattblau geäderten Hände, die nun so
mager, so ganz abgezehrt waren, streichelten hastig und unaufhörlich, mit
zitternder Eilfertigkeit die Steppdecke. Ihr Kopf, mit einer weißen
Nachthaube bedeckt, wandte sich ohne Unterlaß, mit entsetzenerregender
Taktmäßigkeit, von einer Seite zur anderen. Ihr Mund, dessen Lippen
einwärts gezogen zu sein schienen, öffnete und schloß sich schnappend bei
… Ich kann es nun nicht mehr.«
Auch Pastor Pringsheim erschien, streifte Schwester Leandra mit einem
kalten Blick und betete mit modulierender Stimme am Bette der Konsulin.
Und dann kam die kurze Besserung, das Aufflackern, ein Nachlassen
des Fiebers, eine täuschende Rückkehr der Kräfte, ein Stillewerden der
Schmerzen, ein paar klare und hoffnungsvolle Äußerungen, die den
Umstehenden Tränen der Freude in die Augen treiben …
»Kinder, wir behalten sie, ihr sollt sehen, wir behalten sie trotz
alledem!« sagte Thomas Buddenbrook. »Wir haben sie Weihnachten bei uns
und erlauben nicht, daß sie sich dabei aufregt wie sonst …«
Aber schon in der nächstfolgenden Nacht, kurze Zeit nachdem Gerda
und ihr Gatte zu Bette gegangen waren, wurden sie von seiten Frau
Permaneders in die Mengstraße berufen, da die Kranke mit dem Tode
kämpfe. Der Wind fuhr in den kalten Regen, der herniederging, und trieb
ihn prasselnd gegen die Fensterscheiben.
Als der Senator und seine Frau das Zimmer betraten, das von den
Kerzen zweier Armleuchter erhellt war, die auf dem Tische brannten, waren
die beiden Ärzte schon zugegen. Auch Christian war aus seinem Zimmer
heruntergeholt worden und saß irgendwo, indem er dem Himmelbette den
Rücken zuwandte und die Stirn, tief gebückt, in beide Hände stützte. Man
erwartete den Bruder der Kranken, Konsul Justus Kröger, nach dem
ebenfalls geschickt worden war. Frau Permaneder und Erika Weinschenk
hielten sich leise schluchzend am Fußende des Bettes. Schwester Leandra
und Mamsell Severin hatten nichts mehr zu tun und blickten betrübt in das
Gesicht der Sterbenden.
Die Konsulin lag, von mehreren Kissen gestützt, auf dem Rücken, und
ihre beiden Hände, diese schönen, mattblau geäderten Hände, die nun so
mager, so ganz abgezehrt waren, streichelten hastig und unaufhörlich, mit
zitternder Eilfertigkeit die Steppdecke. Ihr Kopf, mit einer weißen
Nachthaube bedeckt, wandte sich ohne Unterlaß, mit entsetzenerregender
Taktmäßigkeit, von einer Seite zur anderen. Ihr Mund, dessen Lippen
einwärts gezogen zu sein schienen, öffnete und schloß sich schnappend bei
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jedem qualvollen Atmungsversuch, und ihre eingesunkenen Augen irrten
hilfesuchend umher, um hie und da mit einem erschütternden Ausdruck von
Neid auf einer der anwesenden Personen haften zu bleiben, die angekleidet
waren und atmen konnten, denen das Leben gehörte und die nichts weiter
zu tun vermochten, als das Liebesopfer zu bringen, das darin bestand, den
Blick auf dieses Bild gerichtet zu halten. Und die Nacht rückte vor, ohne
daß eine Veränderung eingetreten wäre.
»Wie lange kann es noch dauern?« fragte Thomas Buddenbrook leise
und zog den alten Doktor Grabow in den Hintergrund des Zimmers,
während Doktor Langhals gerade irgendeine Injektion an der Kranken
vornahm. Auch Frau Permaneder, das Taschentuch am Munde, trat herzu.
»Ganz unbestimmt, lieber Senator«, antwortete Doktor Grabow. »Ihre
Frau Mutter kann in fünf Minuten erlöst sein, und sie kann noch
stundenlang leben … ich kann Ihnen nichts sagen. Es handelt sich um das,
was man Stickfluß nennt … ein Ödem …«
»Ich weiß es«, sagte Frau Permaneder und nickte in ihr Taschentuch,
während die Tränen über ihre Wangen rannen. »Es kommt bei
Lungenentzündungen oft vor … Es hat sich dann so eine wässerige
Flüssigkeit in den Lungenbläschen angesammelt, und wenn es schlimm
wird, so kann man nicht mehr atmen … Ja, ich weiß es …«
Die Hände vor sich gefaltet, blickte der Senator zum Himmelbette
hinüber.
»Wie furchtbar sie leiden muß!« flüsterte er.
»Nein!« sagte Doktor Grabow ebenso leise, aber mit ungeheurer
Autorität und legte sein langes, mildes Gesicht in entschiedene Falten …
»Das täuscht, glauben Sie mir, liebster Freund, das täuscht! Das Bewußtsein
ist sehr getrübt … Es sind allergrößten Teiles Reflexbewegungen, was Sie
da sehen … Glauben Sie mir …«
Und Thomas antwortete: »Gott gebe es!« – Aber jedes Kind hätte es an
den Augen der Konsulin sehen können, daß sie ganz und gar bei
Bewußtsein war und alles empfand …
hilfesuchend umher, um hie und da mit einem erschütternden Ausdruck von
Neid auf einer der anwesenden Personen haften zu bleiben, die angekleidet
waren und atmen konnten, denen das Leben gehörte und die nichts weiter
zu tun vermochten, als das Liebesopfer zu bringen, das darin bestand, den
Blick auf dieses Bild gerichtet zu halten. Und die Nacht rückte vor, ohne
daß eine Veränderung eingetreten wäre.
»Wie lange kann es noch dauern?« fragte Thomas Buddenbrook leise
und zog den alten Doktor Grabow in den Hintergrund des Zimmers,
während Doktor Langhals gerade irgendeine Injektion an der Kranken
vornahm. Auch Frau Permaneder, das Taschentuch am Munde, trat herzu.
»Ganz unbestimmt, lieber Senator«, antwortete Doktor Grabow. »Ihre
Frau Mutter kann in fünf Minuten erlöst sein, und sie kann noch
stundenlang leben … ich kann Ihnen nichts sagen. Es handelt sich um das,
was man Stickfluß nennt … ein Ödem …«
»Ich weiß es«, sagte Frau Permaneder und nickte in ihr Taschentuch,
während die Tränen über ihre Wangen rannen. »Es kommt bei
Lungenentzündungen oft vor … Es hat sich dann so eine wässerige
Flüssigkeit in den Lungenbläschen angesammelt, und wenn es schlimm
wird, so kann man nicht mehr atmen … Ja, ich weiß es …«
Die Hände vor sich gefaltet, blickte der Senator zum Himmelbette
hinüber.
»Wie furchtbar sie leiden muß!« flüsterte er.
»Nein!« sagte Doktor Grabow ebenso leise, aber mit ungeheurer
Autorität und legte sein langes, mildes Gesicht in entschiedene Falten …
»Das täuscht, glauben Sie mir, liebster Freund, das täuscht! Das Bewußtsein
ist sehr getrübt … Es sind allergrößten Teiles Reflexbewegungen, was Sie
da sehen … Glauben Sie mir …«
Und Thomas antwortete: »Gott gebe es!« – Aber jedes Kind hätte es an
den Augen der Konsulin sehen können, daß sie ganz und gar bei
Bewußtsein war und alles empfand …
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Man nahm seine Plätze wieder ein … Auch Konsul Kröger war
eingetroffen und saß, über die Krücke seines Stockes gebeugt, mit geröteten
Augen am Bette.
Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche
Unruhe, eine unsägliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits-
und Hilflosigkeitsgefühl ohne Grenzen mußte diesen, dem Tode
ausgelieferten Körper vom Scheitel bis zur Sohle erfüllen. Ihre Augen,
diese armen, flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen
sich bei den röchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem
Ausdruck oder erweiterten sich so sehr, daß die kleinen Adern des
Augapfels blutrot hervortraten. Und keine Ohnmacht kam!
Kurz nach drei Uhr sah man, wie Christian aufstand. »Ich kann es nun
nicht mehr«, sagte er und ging, indem er sich auf die Möbelstücke stützte,
die an seinem Wege standen, lahmend zur Tür hinaus. – Übrigens waren
Erika Weinschenk sowohl wie Mamsell Severin, eingelullt wahrscheinlich
von den einförmigen Schmerzenslauten, auf ihren Stühlen eingeschlafen
und blühten rosig im Schlummer.
Um vier Uhr ward es schlimmer und schlimmer. Man stützte die Kranke
und trocknete ihr den Schweiß von der Stirn. Die Atmung drohte gänzlich
zu versagen, und die Ängste nahmen zu. »Etwas zu schlafen …!« brachte
sie hervor. »Ein Mittel …!« Aber man war weit entfernt davon, ihr etwas zu
schlafen zu geben.
Plötzlich begann sie wieder zu antworten, auf etwas, was die anderen
nicht hörten, wie sie es schon einmal getan hatte. »Ja, Jean, nicht lange
mehr!« … Und gleich darauf: »Ja, liebe Klara, ich komme!…«
Und dann begann der Kampf aufs neue … War es noch ein Kampf mit
dem Tode? Nein, sie rang jetzt mit dem Leben um den Tod. »Ich will
gerne …«, keuchte sie … »ich kann nicht … Was zu schlafen!… Meine
Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen …!«
Dieses »aus Barmherzigkeit« machte, daß Frau Permaneder laut
aufweinte und Thomas leise stöhnte, indem er einen Augenblick seinen
Kopf mit den Händen erfaßte. Aber die Ärzte kannten ihre Pflicht. Es galt
unter allen Umständen, dieses Leben den Angehörigen so lange wie nur
eingetroffen und saß, über die Krücke seines Stockes gebeugt, mit geröteten
Augen am Bette.
Die Bewegungen der Kranken hatten zugenommen. Eine schreckliche
Unruhe, eine unsägliche Angst und Not, ein unentrinnbares Verlassenheits-
und Hilflosigkeitsgefühl ohne Grenzen mußte diesen, dem Tode
ausgelieferten Körper vom Scheitel bis zur Sohle erfüllen. Ihre Augen,
diese armen, flehenden, wehklagenden und suchenden Augen schlossen
sich bei den röchelnden Drehungen des Kopfes manchmal mit brechendem
Ausdruck oder erweiterten sich so sehr, daß die kleinen Adern des
Augapfels blutrot hervortraten. Und keine Ohnmacht kam!
Kurz nach drei Uhr sah man, wie Christian aufstand. »Ich kann es nun
nicht mehr«, sagte er und ging, indem er sich auf die Möbelstücke stützte,
die an seinem Wege standen, lahmend zur Tür hinaus. – Übrigens waren
Erika Weinschenk sowohl wie Mamsell Severin, eingelullt wahrscheinlich
von den einförmigen Schmerzenslauten, auf ihren Stühlen eingeschlafen
und blühten rosig im Schlummer.
Um vier Uhr ward es schlimmer und schlimmer. Man stützte die Kranke
und trocknete ihr den Schweiß von der Stirn. Die Atmung drohte gänzlich
zu versagen, und die Ängste nahmen zu. »Etwas zu schlafen …!« brachte
sie hervor. »Ein Mittel …!« Aber man war weit entfernt davon, ihr etwas zu
schlafen zu geben.
Plötzlich begann sie wieder zu antworten, auf etwas, was die anderen
nicht hörten, wie sie es schon einmal getan hatte. »Ja, Jean, nicht lange
mehr!« … Und gleich darauf: »Ja, liebe Klara, ich komme!…«
Und dann begann der Kampf aufs neue … War es noch ein Kampf mit
dem Tode? Nein, sie rang jetzt mit dem Leben um den Tod. »Ich will
gerne …«, keuchte sie … »ich kann nicht … Was zu schlafen!… Meine
Herren, aus Barmherzigkeit! was zu schlafen …!«
Dieses »aus Barmherzigkeit« machte, daß Frau Permaneder laut
aufweinte und Thomas leise stöhnte, indem er einen Augenblick seinen
Kopf mit den Händen erfaßte. Aber die Ärzte kannten ihre Pflicht. Es galt
unter allen Umständen, dieses Leben den Angehörigen so lange wie nur
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irgend möglich zu erhalten, während ein Betäubungsmittel sofort ein
widerstandsloses Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde. Ärzte waren
nicht auf der Welt, den Tod herbeizuführen, sondern das Leben um jeden
Preis zu konservieren. Dafür sprachen außerdem gewisse religiöse und
moralische Gründe, von denen sie auf der Universität sehr wohl gehört
hatten, wenn sie ihnen im Augenblick auch nicht gegenwärtig waren … Sie
stärkten im Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten
durch Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor.
Um fünf Uhr konnte der Kampf nicht mehr furchtbarer werden. Die
Konsulin, im Krampfe aufgerichtet und mit weit geöffneten Augen, stieß
mit den Armen um sich, als griffe sie nach einem Haltepunkt oder nach
Händen, die sich ihr entgegenstreckten, und antwortete nun unaufhörlich in
die Luft hinein nach allen Seiten auf Rufe, die nur sie vernahm, und die
immer zahlreicher und dringlicher zu werden schienen. Es war, als ob nicht
nur ihr verstorbener Gatte und ihre Tochter, sondern auch ihre Eltern,
Schwiegereltern und mehrere andere, ihr im Tode vorangegangene
Anverwandte irgendwo anwesend waren, und sie nannte Vornamen, von
denen niemand im Zimmer sofort hätte sagen können, welche Verstorbenen
damit gemeint seien. »Ja!« rief sie und wandte sich nach verschiedenen
Richtungen … »Jetzt komme ich … Sofort … Diesen Augenblick noch …
So … Ich kann nicht … Ein Mittel, meine Herren …«
Um halb sechs Uhr trat ein Augenblick der Ruhe ein. Und dann, ganz
plötzlich, ging über ihre gealterten und vom Leiden zerrissenen Züge ein
Zucken, eine jähe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde, furchtsame
Zärtlichkeit, blitzschnell breitete sie die Arme aus, und mit einer so
stoßartigen und unvermittelten Schnelligkeit, daß man fühlte: zwischen
dem, was sie gehört, und ihrer Antwort lag nicht ein Augenblick – rief sie
laut mit dem Ausdruck des unbedingtesten Gehorsams und einer
grenzenlosen angst- und liebevollen Gefügigkeit und Hingebung: »Hier bin
ich!« … und verschied.
Alle waren zusammengeschrocken. Was war das gewesen? Wer hatte
gerufen, daß sie sofort gefolgt war?
Jemand zog den Fenstervorhang zurück und löschte die Kerzen,
während Doktor Grabow mit mildem Gesicht der Toten die Augen schloß.
widerstandsloses Aufgeben des Geistes bewirkt haben würde. Ärzte waren
nicht auf der Welt, den Tod herbeizuführen, sondern das Leben um jeden
Preis zu konservieren. Dafür sprachen außerdem gewisse religiöse und
moralische Gründe, von denen sie auf der Universität sehr wohl gehört
hatten, wenn sie ihnen im Augenblick auch nicht gegenwärtig waren … Sie
stärkten im Gegenteil mit verschiedenen Mitteln das Herz und brachten
durch Brechreiz mehrere Male eine momentane Erleichterung hervor.
Um fünf Uhr konnte der Kampf nicht mehr furchtbarer werden. Die
Konsulin, im Krampfe aufgerichtet und mit weit geöffneten Augen, stieß
mit den Armen um sich, als griffe sie nach einem Haltepunkt oder nach
Händen, die sich ihr entgegenstreckten, und antwortete nun unaufhörlich in
die Luft hinein nach allen Seiten auf Rufe, die nur sie vernahm, und die
immer zahlreicher und dringlicher zu werden schienen. Es war, als ob nicht
nur ihr verstorbener Gatte und ihre Tochter, sondern auch ihre Eltern,
Schwiegereltern und mehrere andere, ihr im Tode vorangegangene
Anverwandte irgendwo anwesend waren, und sie nannte Vornamen, von
denen niemand im Zimmer sofort hätte sagen können, welche Verstorbenen
damit gemeint seien. »Ja!« rief sie und wandte sich nach verschiedenen
Richtungen … »Jetzt komme ich … Sofort … Diesen Augenblick noch …
So … Ich kann nicht … Ein Mittel, meine Herren …«
Um halb sechs Uhr trat ein Augenblick der Ruhe ein. Und dann, ganz
plötzlich, ging über ihre gealterten und vom Leiden zerrissenen Züge ein
Zucken, eine jähe, entsetzte Freude, eine tiefe, schauernde, furchtsame
Zärtlichkeit, blitzschnell breitete sie die Arme aus, und mit einer so
stoßartigen und unvermittelten Schnelligkeit, daß man fühlte: zwischen
dem, was sie gehört, und ihrer Antwort lag nicht ein Augenblick – rief sie
laut mit dem Ausdruck des unbedingtesten Gehorsams und einer
grenzenlosen angst- und liebevollen Gefügigkeit und Hingebung: »Hier bin
ich!« … und verschied.
Alle waren zusammengeschrocken. Was war das gewesen? Wer hatte
gerufen, daß sie sofort gefolgt war?
Jemand zog den Fenstervorhang zurück und löschte die Kerzen,
während Doktor Grabow mit mildem Gesicht der Toten die Augen schloß.
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Alle fröstelten in dem fahlen Herbstmorgen, der nun das Zimmer
erfüllte. Schwester Leandra verkleidete den Toilettenspiegel mit einem
Tuche.
Zweites Kapitel
Durch die offene Tür sah man im Sterbezimmer Frau Permaneder im
Gebete liegen. Sie befand sich allein und kniete, ihre Trauergewänder um
sich her auf dem Boden ausgebreitet, in der Nähe des Bettes, an einem
Stuhle, indem sie die fest gefalteten Hände auf dem Sitze ruhen ließ und
gebeugten Hauptes murmelte … Sie hörte sehr wohl, daß ihr Bruder und
ihre Schwägerin das Frühstückszimmer betraten, in dessen Mitte sie
unwillkürlich stehen blieben, um das Ende der Andacht zu erwarten; aber
sie beeilte sich deswegen nicht sonderlich, ließ zum Schlusse ihr trockenes
Räuspern ertönen, nahm mit langsamer Feierlichkeit ihr Kleid zusammen,
erhob sich und ging ihren Verwandten ohne eine Spur von Verwirrung in
vollkommen würdiger Haltung entgegen.
»Thomas«, sagte sie nicht ohne Härte, »was die Severin betrifft, so
scheint es mir, daß die selige Mutter eine Natter an ihrem Busen genährt
hat.«
»Wieso?«
»Ich bin voll Ärger über sie. Man könnte die Fassung verlieren und sich
vergessen … Hat dies Weib ein Recht, einem den Schmerz dieser Tage in so
ordinärer Weise zu vergällen?«
»Aber was ist es denn?«
»Erstens einmal ist sie von einer empörenden Habsucht. Sie geht an den
Schrank, nimmt Mutters seidene Kleider heraus, packt sie über den Arm
und will sich zurückziehen. ›Riekchen‹, sage ich, ›wohin damit?‹ – ›Das hat
Frau Konsul mir versprochen!‹ – ›Liebe Severin!‹ sage ich und gebe ihr in
aller Zurückhaltung das Voreilige ihrer Handlungsweise zu bedenken.
Meinst du, daß es etwas nützt? Sie nimmt nicht nur die seidenen Kleider,
sie nimmt auch noch ein Paket Wäsche und geht. Ich kann mich doch nicht
erfüllte. Schwester Leandra verkleidete den Toilettenspiegel mit einem
Tuche.
Zweites Kapitel
Durch die offene Tür sah man im Sterbezimmer Frau Permaneder im
Gebete liegen. Sie befand sich allein und kniete, ihre Trauergewänder um
sich her auf dem Boden ausgebreitet, in der Nähe des Bettes, an einem
Stuhle, indem sie die fest gefalteten Hände auf dem Sitze ruhen ließ und
gebeugten Hauptes murmelte … Sie hörte sehr wohl, daß ihr Bruder und
ihre Schwägerin das Frühstückszimmer betraten, in dessen Mitte sie
unwillkürlich stehen blieben, um das Ende der Andacht zu erwarten; aber
sie beeilte sich deswegen nicht sonderlich, ließ zum Schlusse ihr trockenes
Räuspern ertönen, nahm mit langsamer Feierlichkeit ihr Kleid zusammen,
erhob sich und ging ihren Verwandten ohne eine Spur von Verwirrung in
vollkommen würdiger Haltung entgegen.
»Thomas«, sagte sie nicht ohne Härte, »was die Severin betrifft, so
scheint es mir, daß die selige Mutter eine Natter an ihrem Busen genährt
hat.«
»Wieso?«
»Ich bin voll Ärger über sie. Man könnte die Fassung verlieren und sich
vergessen … Hat dies Weib ein Recht, einem den Schmerz dieser Tage in so
ordinärer Weise zu vergällen?«
»Aber was ist es denn?«
»Erstens einmal ist sie von einer empörenden Habsucht. Sie geht an den
Schrank, nimmt Mutters seidene Kleider heraus, packt sie über den Arm
und will sich zurückziehen. ›Riekchen‹, sage ich, ›wohin damit?‹ – ›Das hat
Frau Konsul mir versprochen!‹ – ›Liebe Severin!‹ sage ich und gebe ihr in
aller Zurückhaltung das Voreilige ihrer Handlungsweise zu bedenken.
Meinst du, daß es etwas nützt? Sie nimmt nicht nur die seidenen Kleider,
sie nimmt auch noch ein Paket Wäsche und geht. Ich kann mich doch nicht
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mit ihr prügeln, nicht wahr?… Und nicht sie allein … auch die Mädchen …
Waschkörbe voll Kleider und Leinenzeug werden aus dem Hause geschafft
… Das Personal teilt sich unter meinen Augen in die Sachen, denn die
Severin hat die Schlüssel zu den Schränken. ›Fräulein Severin!‹ sage ich,
›ich wünsche die Schlüssel.‹ Was antwortet sie mir? Sie erklärt mir mit
deutlichen und gewöhnlichen Worten, ich hätte ihr nichts zu sagen, sie
stände nicht bei mir in Dienst, ich hätte sie nicht engagiert, sie werde die
Schlüssel behalten, bis sie gehe!«
»Hast du die Schlüssel zum Silberzeug? – Gut. Laß dem übrigen seinen
Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelöst wird, in
dem zuletzt sowieso schon ein bißchen lax regiert wurde. Ich will jetzt
keinen Lärm machen. Das Weißzeug ist alt und defekt … Übrigens werden
wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem Tische?
Gut. Wir werden ja gleich sehen.«
Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still
nebeneinander an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das
weiße Tuch vom Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war
schon in dem seidenen Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale
droben aufgebahrt werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach
ihrem letzten Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die künstlichen
Zähne fehlten, greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und
eckig aufwärts. Alle drei bemühten sich schmerzlich, während sie auf diese
unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem
Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die
alte Dame Sonntags getragen, saß wie im Leben das rötlichbraune,
glattgescheitelte Toupet, über das die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße sich sooft lustig gemacht hatten … Blumen lagen verstreut auf der
Steppdecke.
»Es sind schon die prachtvollsten Kränze gekommen«, sagte Frau
Permaneder leise. »Von allen Familien … ach, einfach von aller Welt! Ich
habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr müßt es euch später
ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschön. Atlasschleifen von dieser
Größe …«
»Wie weit ist es mit dem Saal?« fragte der Senator.
Waschkörbe voll Kleider und Leinenzeug werden aus dem Hause geschafft
… Das Personal teilt sich unter meinen Augen in die Sachen, denn die
Severin hat die Schlüssel zu den Schränken. ›Fräulein Severin!‹ sage ich,
›ich wünsche die Schlüssel.‹ Was antwortet sie mir? Sie erklärt mir mit
deutlichen und gewöhnlichen Worten, ich hätte ihr nichts zu sagen, sie
stände nicht bei mir in Dienst, ich hätte sie nicht engagiert, sie werde die
Schlüssel behalten, bis sie gehe!«
»Hast du die Schlüssel zum Silberzeug? – Gut. Laß dem übrigen seinen
Lauf. Dergleichen ist unvermeidlich, wenn ein Haushalt aufgelöst wird, in
dem zuletzt sowieso schon ein bißchen lax regiert wurde. Ich will jetzt
keinen Lärm machen. Das Weißzeug ist alt und defekt … Übrigens werden
wir ja sehen, was noch da ist. Hast du die Verzeichnisse? Auf dem Tische?
Gut. Wir werden ja gleich sehen.«
Und sie traten in das Schlafzimmer, um ein Weilchen still
nebeneinander an dem Bette stehenzubleiben, nachdem Frau Antonie das
weiße Tuch vom Gesicht der Toten genommen hatte. Die Konsulin war
schon in dem seidenen Gewand, in welchem sie heute nachmittag im Saale
droben aufgebahrt werden sollte; es war achtundzwanzig Stunden nach
ihrem letzten Atemzuge. Mund und Wangen waren, da die künstlichen
Zähne fehlten, greisenhaft eingefallen, und das Kinn schob sich schroff und
eckig aufwärts. Alle drei bemühten sich schmerzlich, während sie auf diese
unerbittlich tief und fest geschlossenen Augenlider blickten, in diesem
Antlitz das ihrer Mutter wiederzuerkennen. Aber unter der Haube, die die
alte Dame Sonntags getragen, saß wie im Leben das rötlichbraune,
glattgescheitelte Toupet, über das die Damen Buddenbrook aus der Breiten
Straße sich sooft lustig gemacht hatten … Blumen lagen verstreut auf der
Steppdecke.
»Es sind schon die prachtvollsten Kränze gekommen«, sagte Frau
Permaneder leise. »Von allen Familien … ach, einfach von aller Welt! Ich
habe alles auf den Korridor hinaufschaffen lassen; ihr müßt es euch später
ansehen, Gerda und Tom. Es ist traurigschön. Atlasschleifen von dieser
Größe …«
»Wie weit ist es mit dem Saal?« fragte der Senator.
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»Bald fertig, Tom. Fast bereit. Tapezierer Jacobs hat sich alle Mühe
gegeben. Auch der …«, und sie schluckte einen Augenblick … »auch der
Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr müßt nun ablegen, ihr Lieben«, fuhr sie
fort und zog behutsam das weiße Tuch an seinen Platz zurück. »Hier ist es
kalt, aber im Frühstückszimmer ist ein bißchen geheizt … Laß dir helfen,
Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang muß man vorsichtig umgehen …
Darf ich dir einen Kuß geben? Du weißt, ich liebe dich, wenn du mich auch
immer verabscheut hast … Nein, ich verderbe dir nicht die Frisur, wenn ich
dir den Hut abnehme … Dein schönes Haar! Solches Haar hat Mutter auch
in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich wie du, aber es hat
doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der Welt, wo sie eine
wirklich schöne Erscheinung gewesen ist. Und nun … Ist es nicht wahr,
was euer Grobleben immer sagt: Wir müssen alle zu Moder werden –? Ein
so einfacher Mann er ist … Ja, Tom, das sind die hauptsächlichsten
Verzeichnisse.«
Sie waren ins Nebenzimmer zurückgekehrt und setzten sich an den
runden Tisch, während der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen
die Gegenstände verzeichnet standen, die unter die nächsten Erben verteilt
werden sollten … Frau Permaneder ließ das Gesicht ihres Bruders nicht aus
den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck. Es
gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes Denken
ängstlich gerichtet war, und die in der nächsten Stunde zur Sprache
kommen mußte …
»Ich denke«, fing der Senator an, »wir halten den üblichen Grundsatz
fest, daß Geschenke zurückgehen, so daß also …«
Seine Frau unterbrach ihn.
»Verzeih, Thomas, mir scheint … Christian … wo ist er denn?«
»Ja, mein Gott, Christian!« rief Frau Permaneder. »Wir vergessen ihn
ja!«
»Richtig«, sagte der Senator und ließ die Papiere sinken. »Wird er denn
nicht gerufen?«
Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben
Augenblick öffnete schon Christian selbst die Tür und trat ein. Er kam
gegeben. Auch der …«, und sie schluckte einen Augenblick … »auch der
Sarg ist vorhin gekommen. Aber ihr müßt nun ablegen, ihr Lieben«, fuhr sie
fort und zog behutsam das weiße Tuch an seinen Platz zurück. »Hier ist es
kalt, aber im Frühstückszimmer ist ein bißchen geheizt … Laß dir helfen,
Gerda; mit einem so prachtvollen Umhang muß man vorsichtig umgehen …
Darf ich dir einen Kuß geben? Du weißt, ich liebe dich, wenn du mich auch
immer verabscheut hast … Nein, ich verderbe dir nicht die Frisur, wenn ich
dir den Hut abnehme … Dein schönes Haar! Solches Haar hat Mutter auch
in ihrer Jugend gehabt. Sie war ja niemals so herrlich wie du, aber es hat
doch eine Zeit gegeben, und ich war schon auf der Welt, wo sie eine
wirklich schöne Erscheinung gewesen ist. Und nun … Ist es nicht wahr,
was euer Grobleben immer sagt: Wir müssen alle zu Moder werden –? Ein
so einfacher Mann er ist … Ja, Tom, das sind die hauptsächlichsten
Verzeichnisse.«
Sie waren ins Nebenzimmer zurückgekehrt und setzten sich an den
runden Tisch, während der Senator die Papiere zur Hand nahm, auf welchen
die Gegenstände verzeichnet standen, die unter die nächsten Erben verteilt
werden sollten … Frau Permaneder ließ das Gesicht ihres Bruders nicht aus
den Augen, sie beobachtete es mit erregtem und gespanntem Ausdruck. Es
gab etwas, eine schwere unabwendbare Frage, auf die ihr ganzes Denken
ängstlich gerichtet war, und die in der nächsten Stunde zur Sprache
kommen mußte …
»Ich denke«, fing der Senator an, »wir halten den üblichen Grundsatz
fest, daß Geschenke zurückgehen, so daß also …«
Seine Frau unterbrach ihn.
»Verzeih, Thomas, mir scheint … Christian … wo ist er denn?«
»Ja, mein Gott, Christian!« rief Frau Permaneder. »Wir vergessen ihn
ja!«
»Richtig«, sagte der Senator und ließ die Papiere sinken. »Wird er denn
nicht gerufen?«
Und Frau Permaneder ging zum Glockenzug. Aber in demselben
Augenblick öffnete schon Christian selbst die Tür und trat ein. Er kam
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ziemlich rasch ins Zimmer, schloß die Tür nicht ganz geräuschlos und blieb
mit zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur
anderen wandern ließ und seinen Mund unter dem buschigen, rötlichen
Schnurrbart in unruhiger Bewegung öffnete und schloß … Er schien sich in
einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden.
»Ich höre, daß ihr da seid«, sagte er kurz. »Wenn über die Sachen
gesprochen werden soll, so muß ich doch benachrichtigt werden.«
»Wir waren im Begriffe«, antwortete der Senator gleichgültig. »Nimm
nur Platz.«
Dabei aber blieben seine Augen auf den weißen Knöpfen haften, mit
denen Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser
Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der
breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend weiß aus der
Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saßen statt der
goldenen, die er zu tragen pflegte, schwarze Knöpfe. Christian bemerkte
den Blick, denn während er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berührte
er mit der Hand seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß ich weiße Knöpfe
trage. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder
vielmehr, ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fünf
Schillinge für Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette gehen
müssen … ich weiß nicht, ob ich so ausschließlich schuld daran bin.
Übrigens sind schwarze Knöpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache. Ich
liebe die Äußerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.«
Gerda betrachtete ihn, während er sprach, und lachte nun leise. Der
Senator bemerkte: »Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer
nicht vertreten, mein Lieber.«
»So? Vielleicht weißt du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, daß ich
auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt gesehen,
habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen Sitten gelebt,
als daß ich … Übrigens bin ich ein erwachsener Mensch«, sagte er plötzlich
laut, »ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein eigener Herr und darf
jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.«
mit zusammengezogenen Brauen stehen, indem er seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen ohne jemanden anzublicken von einer Seite zur
anderen wandern ließ und seinen Mund unter dem buschigen, rötlichen
Schnurrbart in unruhiger Bewegung öffnete und schloß … Er schien sich in
einer Art trotziger und gereizter Stimmung zu befinden.
»Ich höre, daß ihr da seid«, sagte er kurz. »Wenn über die Sachen
gesprochen werden soll, so muß ich doch benachrichtigt werden.«
»Wir waren im Begriffe«, antwortete der Senator gleichgültig. »Nimm
nur Platz.«
Dabei aber blieben seine Augen auf den weißen Knöpfen haften, mit
denen Christians Hemd geschlossen war. Er selbst war in tadelloser
Trauerkleidung, und auf seinem Hemdeinsatz, welcher, am Kragen von der
breiten, schwarzen Schleife abgeschlossen, blendend weiß aus der
Umrahmung des schwarzen Tuchrockes hervortrat, saßen statt der
goldenen, die er zu tragen pflegte, schwarze Knöpfe. Christian bemerkte
den Blick, denn während er einen Stuhl herbeizog und sich setzte, berührte
er mit der Hand seine Brust und sagte: »Ich weiß, daß ich weiße Knöpfe
trage. Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir schwarze zu kaufen, oder
vielmehr, ich habe es unterlassen. Ich habe mir in den letzten Jahren oft fünf
Schillinge für Zahnpulver leihen und mit einem Streichholz zu Bette gehen
müssen … ich weiß nicht, ob ich so ausschließlich schuld daran bin.
Übrigens sind schwarze Knöpfe in der Welt ja nicht die Hauptsache. Ich
liebe die Äußerlichkeiten nicht. Ich habe nie Wert darauf gelegt.«
Gerda betrachtete ihn, während er sprach, und lachte nun leise. Der
Senator bemerkte: »Die letzte Behauptung kannst du wohl auf die Dauer
nicht vertreten, mein Lieber.«
»So? Vielleicht weißt du es besser, Thomas. Ich sage nur dies, daß ich
auf solche Sachen kein Gewicht lege. Ich habe zuviel von der Welt gesehen,
habe unter zu verschiedenen Menschen mit zu verschiedenen Sitten gelebt,
als daß ich … Übrigens bin ich ein erwachsener Mensch«, sagte er plötzlich
laut, »ich bin dreiundvierzig Jahre alt, ich bin mein eigener Herr und darf
jedem verwehren, sich in meine Angelegenheiten zu mischen.«
Page 539
»Mir scheint, du hast etwas auf dem Herzen, mein Freund«, sagte der
Senator erstaunt. »Was die Knöpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich nicht
alles täuscht, noch kein Wort darüber verloren. Regle deine Trauertoilette
ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, daß du mit deiner billigen
Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst …«
»Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen …«
»Tom … Christian …«, sagte Frau Permaneder. »Wir wollen doch
keinen gereizten Ton anschlagen … heute … und hier, wo nebenan … Fahr'
fort, Thomas. Geschenke gehen also zurück? Das ist nicht mehr als billig.«
Und Thomas fuhr fort. Er fing mit den größeren Gegenständen an und
schrieb sich diejenigen zu, die er für sein Haus gebrauchen konnte: die
Kandelaber des Eßsaales, die große geschnitzte Truhe, die auf der Diele
stand. Frau Permaneder war mit außerordentlichem Eifer bei der Sache und
hatte, sobald der künftige Besitzer irgendeines Dinges nur ein wenig
zweifelhaft war, eine unvergleichliche Art zu sagen: »Nun, ich bin bereit, es
zu übernehmen« … mit einer Miene, als verpflichte sie sich mit ihrer
Opferwilligkeit die ganze Welt zu Danke. Sie erhielt für sich, ihre Tochter
und ihre Enkelin weitaus den größten Teil des Ameublements.
Christian hatte einige Möbelstücke, eine Empire-Stutzuhr und sogar das
Harmonium bekommen, und er zeigte sich zufrieden damit. Als aber die
Verteilung sich dem Silber- und Weißzeug, sowie dem verschiedenen
Speiseservice zuwandte, begann er zu dem Erstaunen aller einen Eifer
merken zu lassen, der sich fast wie Habsucht ausnahm.
»Und ich? Und ich?« fragte er … »Ich bitte doch, mich nicht ganz und
gar zu vergessen …«
»Wer vergißt dich denn? Ich habe dir ja … sieh doch her, ich habe dir ja
schon ein ganzes Teeservice mit silbernem Tablett zugeschrieben. Für das
Sonntagsservice mit der Vergoldung haben doch wohl nur wir Verwendung,
und …«
»Das alltägliche mit Zwiebelmuster bin ich bereit zu übernehmen«,
sagte Frau Permaneder.
Senator erstaunt. »Was die Knöpfe betrifft, so habe ich ja, wenn mich nicht
alles täuscht, noch kein Wort darüber verloren. Regle deine Trauertoilette
ganz nach Geschmack; nur glaube nicht, daß du mit deiner billigen
Vorurteilslosigkeit Eindruck auf mich machst …«
»Ich will gar keinen Eindruck auf dich machen …«
»Tom … Christian …«, sagte Frau Permaneder. »Wir wollen doch
keinen gereizten Ton anschlagen … heute … und hier, wo nebenan … Fahr'
fort, Thomas. Geschenke gehen also zurück? Das ist nicht mehr als billig.«
Und Thomas fuhr fort. Er fing mit den größeren Gegenständen an und
schrieb sich diejenigen zu, die er für sein Haus gebrauchen konnte: die
Kandelaber des Eßsaales, die große geschnitzte Truhe, die auf der Diele
stand. Frau Permaneder war mit außerordentlichem Eifer bei der Sache und
hatte, sobald der künftige Besitzer irgendeines Dinges nur ein wenig
zweifelhaft war, eine unvergleichliche Art zu sagen: »Nun, ich bin bereit, es
zu übernehmen« … mit einer Miene, als verpflichte sie sich mit ihrer
Opferwilligkeit die ganze Welt zu Danke. Sie erhielt für sich, ihre Tochter
und ihre Enkelin weitaus den größten Teil des Ameublements.
Christian hatte einige Möbelstücke, eine Empire-Stutzuhr und sogar das
Harmonium bekommen, und er zeigte sich zufrieden damit. Als aber die
Verteilung sich dem Silber- und Weißzeug, sowie dem verschiedenen
Speiseservice zuwandte, begann er zu dem Erstaunen aller einen Eifer
merken zu lassen, der sich fast wie Habsucht ausnahm.
»Und ich? Und ich?« fragte er … »Ich bitte doch, mich nicht ganz und
gar zu vergessen …«
»Wer vergißt dich denn? Ich habe dir ja … sieh doch her, ich habe dir ja
schon ein ganzes Teeservice mit silbernem Tablett zugeschrieben. Für das
Sonntagsservice mit der Vergoldung haben doch wohl nur wir Verwendung,
und …«
»Das alltägliche mit Zwiebelmuster bin ich bereit zu übernehmen«,
sagte Frau Permaneder.
Page 540
»Und ich?!« rief Christian mit jener Entrüstung, die ihn zuweilen
befallen konnte, seine Wangen noch hagerer erscheinen ließ und ihm so
seltsam zu Gesichte stand … »Ich möchte doch an dem Eßgeschirr beteiligt
werden! Wie viele Löffeln und Gabeln bekomme ich denn? Ich sehe, ich
bekomme beinahe nichts!…«
»Aber Bester, was willst du denn mit den Sachen anfangen! Du wirst ja
gar keine Verwendung dafür haben! Ich begreife nicht … Es ist doch besser,
solche Dinge bleiben im Familiengebrauch …«
»Und wenn es auch nur als Andenken an Mutter wäre«, sagte Christian
trotzig.
»Lieber Freund«, erwiderte der Senator ziemlich ungeduldig … »ich bin
nicht aufgelegt, zu scherzen … aber deinen Worten nach zu urteilen, scheint
es, als wolltest du dir als Andenken an Mutter eine Suppenterrine auf die
Kommode stellen? Ich bitte, doch nicht anzunehmen, daß wir dich
übervorteilen wollen. Was du an Effekten weniger erhältst, wird dir
natürlich demnächst in anderer Form ersetzt werden. Es ist mit dem
Weißzeug ebenso …«
»Ich wünsche kein Geld, ich wünsche Wäsche und Eßgeschirr.«
»Aber wozu denn, um alles in der Welt?«
Jetzt aber gab Christian eine Antwort, die bewirkte, daß Gerda
Buddenbrook sich ihm eilig zuwandte und ihn mit einem rätselhaften
Ausdruck in ihren Augen musterte, der Senator sehr rasch das Pincenez von
der Nase nahm und ihm starr ins Gesicht blickte, und Frau Permaneder
sogar die Hände faltete. Er sagte nämlich: »Na, mit einem Worte, ich denke,
mich über kurz oder lang zu verheiraten.«
Er tat diesen Ausspruch ziemlich leise und schnell, mit einer kurzen
Handbewegung, als würfe er seinem Bruder über den Tisch hin etwas zu,
worauf er sich zurücklehnte und mit einer mürrischen, gleichsam
beleidigten und merkwürdig zerstreuten Miene seine Augen haltlos
umherschweifen ließ. Eine längere Pause trat ein. Endlich sagte der
Senator: »Man muß gestehen, Christian, diese Pläne kommen etwas spät …
gesetzt natürlich, daß es reelle und ausführbare Pläne sind, nicht von der Art
befallen konnte, seine Wangen noch hagerer erscheinen ließ und ihm so
seltsam zu Gesichte stand … »Ich möchte doch an dem Eßgeschirr beteiligt
werden! Wie viele Löffeln und Gabeln bekomme ich denn? Ich sehe, ich
bekomme beinahe nichts!…«
»Aber Bester, was willst du denn mit den Sachen anfangen! Du wirst ja
gar keine Verwendung dafür haben! Ich begreife nicht … Es ist doch besser,
solche Dinge bleiben im Familiengebrauch …«
»Und wenn es auch nur als Andenken an Mutter wäre«, sagte Christian
trotzig.
»Lieber Freund«, erwiderte der Senator ziemlich ungeduldig … »ich bin
nicht aufgelegt, zu scherzen … aber deinen Worten nach zu urteilen, scheint
es, als wolltest du dir als Andenken an Mutter eine Suppenterrine auf die
Kommode stellen? Ich bitte, doch nicht anzunehmen, daß wir dich
übervorteilen wollen. Was du an Effekten weniger erhältst, wird dir
natürlich demnächst in anderer Form ersetzt werden. Es ist mit dem
Weißzeug ebenso …«
»Ich wünsche kein Geld, ich wünsche Wäsche und Eßgeschirr.«
»Aber wozu denn, um alles in der Welt?«
Jetzt aber gab Christian eine Antwort, die bewirkte, daß Gerda
Buddenbrook sich ihm eilig zuwandte und ihn mit einem rätselhaften
Ausdruck in ihren Augen musterte, der Senator sehr rasch das Pincenez von
der Nase nahm und ihm starr ins Gesicht blickte, und Frau Permaneder
sogar die Hände faltete. Er sagte nämlich: »Na, mit einem Worte, ich denke,
mich über kurz oder lang zu verheiraten.«
Er tat diesen Ausspruch ziemlich leise und schnell, mit einer kurzen
Handbewegung, als würfe er seinem Bruder über den Tisch hin etwas zu,
worauf er sich zurücklehnte und mit einer mürrischen, gleichsam
beleidigten und merkwürdig zerstreuten Miene seine Augen haltlos
umherschweifen ließ. Eine längere Pause trat ein. Endlich sagte der
Senator: »Man muß gestehen, Christian, diese Pläne kommen etwas spät …
gesetzt natürlich, daß es reelle und ausführbare Pläne sind, nicht von der Art
Page 541
derer, die du aus Unüberlegtheit früher schon einmal der seligen Mutter
vorgelegt hast …«
»Meine Absichten sind dieselben geblieben«, sagte Christian, immer
ohne jemanden anzusehen und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck.
»Das ist doch wohl unmöglich. Du hättest Mutters Tod abgewartet,
um …«
»Ich habe diese Rücksicht genommen, ja. Du scheinst der Ansicht
zuzuneigen, Thomas, daß du allein alles Takt- und Feingefühl der Welt in
Pacht hast …«
»Ich weiß nicht, was dich zu dieser Redensart berechtigt. Übrigens muß
ich den Umfang deiner Rücksichtnahme bewundern. Am Tage nach Mutters
Tode machst du Miene, den Ungehorsam gegen sie zu proklamieren …«
»Weil das Gespräch darauf kam. Und dann ist die Hauptsache die, daß
Mutter sich über meinen Schritt nicht mehr alterieren kann. Das kann sie
heute so wenig wie in einem Jahre … Herr Gott, Thomas, Mutter hatte doch
nicht unbedingt recht, sondern nur von ihrem Standpunkt aus, auf den ich
Rücksicht genommen habe, solange sie lebte. Sie war eine alte Frau, eine
Frau aus einer anderen Zeit, mit einer anderen Anschauungsweise …«
»Nun, so bemerke ich dir, daß diese Anschauungsweise in dem Punkte,
der hier in Frage kommt, durchaus auch die meine ist.«
»Darum kann ich mich nicht kümmern.«
»Du w i r s t dich darum kümmern, mein Freund.«
Christian sah ihn an.
»Nein –!« rief er. »Ich kann es nicht! Wenn ich dir sage, daß ich es nicht
kann?!… Ich muß wissen, was ich zu tun habe. Ich bin ein erwachsener
Mensch …«
»Ach, das mit dem ›erwachsenen Menschen‹ ist etwas sehr Äußerliches
bei dir! Du weißt durchaus nicht, was du zu tun hast …«
vorgelegt hast …«
»Meine Absichten sind dieselben geblieben«, sagte Christian, immer
ohne jemanden anzusehen und immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck.
»Das ist doch wohl unmöglich. Du hättest Mutters Tod abgewartet,
um …«
»Ich habe diese Rücksicht genommen, ja. Du scheinst der Ansicht
zuzuneigen, Thomas, daß du allein alles Takt- und Feingefühl der Welt in
Pacht hast …«
»Ich weiß nicht, was dich zu dieser Redensart berechtigt. Übrigens muß
ich den Umfang deiner Rücksichtnahme bewundern. Am Tage nach Mutters
Tode machst du Miene, den Ungehorsam gegen sie zu proklamieren …«
»Weil das Gespräch darauf kam. Und dann ist die Hauptsache die, daß
Mutter sich über meinen Schritt nicht mehr alterieren kann. Das kann sie
heute so wenig wie in einem Jahre … Herr Gott, Thomas, Mutter hatte doch
nicht unbedingt recht, sondern nur von ihrem Standpunkt aus, auf den ich
Rücksicht genommen habe, solange sie lebte. Sie war eine alte Frau, eine
Frau aus einer anderen Zeit, mit einer anderen Anschauungsweise …«
»Nun, so bemerke ich dir, daß diese Anschauungsweise in dem Punkte,
der hier in Frage kommt, durchaus auch die meine ist.«
»Darum kann ich mich nicht kümmern.«
»Du w i r s t dich darum kümmern, mein Freund.«
Christian sah ihn an.
»Nein –!« rief er. »Ich kann es nicht! Wenn ich dir sage, daß ich es nicht
kann?!… Ich muß wissen, was ich zu tun habe. Ich bin ein erwachsener
Mensch …«
»Ach, das mit dem ›erwachsenen Menschen‹ ist etwas sehr Äußerliches
bei dir! Du weißt durchaus nicht, was du zu tun hast …«
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»Doch!… Ich handle erstens als Ehrenmann … Du bedenkst ja nicht,
wie die Sache liegt, Thomas! Hier sitzen Tony und Gerda … wir können
nicht ausführlich darüber reden. Aber ich habe dir doch gesagt, daß ich
Verpflichtungen habe! Das letzte Kind, die kleine Gisela …«
»Ich weiß von keiner kleinen Gisela und will von keiner wissen! Ich bin
überzeugt, daß man dich belügt. Jedenfalls aber hast du einer Person
gegenüber, wie der, die du im Sinne hast, keine andere Verpflichtung als die
gesetzliche, die du wie bisher weitererfüllen magst …«
»Person, Thomas? Person? Du täuschst dich über sie! Aline …«
»Schweig!« rief Senator Buddenbrook mit Donnerstimme. Die beiden
Brüder starrten einander jetzt über den Tisch hinweg ins Gesicht, Thomas
blaß und zitternd vor Zorn, Christian, indem er seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen, deren Lider sich plötzlich entzündet hatten, gewaltsam
aufriß und auch seinen Mund in Entrüstung geöffnet hielt, so daß seine
hageren Wangen ganz ausgehöhlt erschienen. Ein Stückchen unter den
Augen zeigten sich ein paar rote Flecken … Gerda blickte mit ziemlich
spöttischer Miene von einem zum anderen, und Tony rang die Hände und
sagte flehend: »Aber Tom … Aber Christian … Und Mutter liegt nebenan!«
»Du bist so sehr jeden Schamgefühles bar«, fuhr der Senator fort, »daß
du es über dich gewinnst … nein, daß es dich gar keine Überwindung
kostet, an dieser Stelle und unter diesen Umständen diesen Namen zu
nennen! Dein Mangel an Takt ist abnorm, er ist krankhaft …«
»Ich begreife nicht, warum ich Alines Namen nicht nennen soll!«
Christian war so außerordentlich erregt, daß Gerda ihn mit wachsender
Aufmerksamkeit betrachtete. »Ich nenne ihn gerade, wie du hörst, Thomas,
ich gedenke, sie zu heiraten – denn ich sehne mich nach einem Heim, nach
Ruhe und Frieden – und ich verbitte mir, hörst du, das ist das Wort, das ich
gebrauche, ich v e r b i t t e mir jede Einmischung von deiner Seite! Ich bin
frei, ich bin mein eigener Herr …«
»Ein Narr bist du! Der Tag der Testamentseröffnung wird dich lehren,
wie weit du dein eigener Herr bist! Es ist dafür gesorgt, verstehst du mich,
daß du nicht Mutters Erbe verlotterst, wie du bereits dreißigtausend
Kurantmark im voraus verlottert hast. Ich werde den Rest deines
wie die Sache liegt, Thomas! Hier sitzen Tony und Gerda … wir können
nicht ausführlich darüber reden. Aber ich habe dir doch gesagt, daß ich
Verpflichtungen habe! Das letzte Kind, die kleine Gisela …«
»Ich weiß von keiner kleinen Gisela und will von keiner wissen! Ich bin
überzeugt, daß man dich belügt. Jedenfalls aber hast du einer Person
gegenüber, wie der, die du im Sinne hast, keine andere Verpflichtung als die
gesetzliche, die du wie bisher weitererfüllen magst …«
»Person, Thomas? Person? Du täuschst dich über sie! Aline …«
»Schweig!« rief Senator Buddenbrook mit Donnerstimme. Die beiden
Brüder starrten einander jetzt über den Tisch hinweg ins Gesicht, Thomas
blaß und zitternd vor Zorn, Christian, indem er seine kleinen, runden,
tiefliegenden Augen, deren Lider sich plötzlich entzündet hatten, gewaltsam
aufriß und auch seinen Mund in Entrüstung geöffnet hielt, so daß seine
hageren Wangen ganz ausgehöhlt erschienen. Ein Stückchen unter den
Augen zeigten sich ein paar rote Flecken … Gerda blickte mit ziemlich
spöttischer Miene von einem zum anderen, und Tony rang die Hände und
sagte flehend: »Aber Tom … Aber Christian … Und Mutter liegt nebenan!«
»Du bist so sehr jeden Schamgefühles bar«, fuhr der Senator fort, »daß
du es über dich gewinnst … nein, daß es dich gar keine Überwindung
kostet, an dieser Stelle und unter diesen Umständen diesen Namen zu
nennen! Dein Mangel an Takt ist abnorm, er ist krankhaft …«
»Ich begreife nicht, warum ich Alines Namen nicht nennen soll!«
Christian war so außerordentlich erregt, daß Gerda ihn mit wachsender
Aufmerksamkeit betrachtete. »Ich nenne ihn gerade, wie du hörst, Thomas,
ich gedenke, sie zu heiraten – denn ich sehne mich nach einem Heim, nach
Ruhe und Frieden – und ich verbitte mir, hörst du, das ist das Wort, das ich
gebrauche, ich v e r b i t t e mir jede Einmischung von deiner Seite! Ich bin
frei, ich bin mein eigener Herr …«
»Ein Narr bist du! Der Tag der Testamentseröffnung wird dich lehren,
wie weit du dein eigener Herr bist! Es ist dafür gesorgt, verstehst du mich,
daß du nicht Mutters Erbe verlotterst, wie du bereits dreißigtausend
Kurantmark im voraus verlottert hast. Ich werde den Rest deines
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Vermögens verwalten, und du wirst nie mehr als ein Monatsgeld in die
Hände bekommen, das schwöre ich dir …«
»Nun, du selbst wirst wohl am besten wissen, wer Mutter zu dieser
Maßregel veranlaßt hat. Aber wundern muß ich mich doch, daß Mutter mit
dem Amte nicht jemanden betraut hat, der mir nähersteht und mir
brüderlicher zugetan ist als du …« Christian war nun ganz und gar außer
sich; er fing an, Dinge zu sagen, wie er sie noch niemals hatte laut werden
lassen. Er hatte sich über den Tisch gebeugt, pochte unaufhörlich mit der
Spitze des gekrümmten Zeigefingers auf die Platte und starrte mit
gesträubtem Schnurrbart und geröteten Augen zu seinem Bruder empor, der
seinerseits aufrecht, bleich und mit halb gesenkten Lidern auf ihn
hinabblickte.
»Dein Herz ist so voll von Kälte und Übelwollen und Mißachtung
gegen mich«, fuhr Christian fort, und seine Stimme war zugleich hohl und
krächzend … »Solange ich denken kann, hast du eine solche Kälte auf mich
ausströmen lassen, daß mich in deiner Gegenwart beständig gefroren hat …
ja, das mag ein sonderbarer Ausdruck sein, aber wenn ich es doch so
empfinde?… Du weisest mich ab … Du weisest mich ab, wenn du mich nur
ansiehst, und auch das tust du beinahe nie. Und was gibt dir das Recht
dazu? Du bist doch auch ein Mensch und hast deine Schwächen! Du bist
unseren Eltern immer der bessere Sohn gewesen, aber wenn du ihnen
wirklich so viel näherstehst als ich, so solltest du dir doch auch ein wenig
von ihrer christlichen Denkungsart aneignen, und wenn dir schon alle
geschwisterliche Liebe fremd ist, so sollte man doch eine Spur von
christlicher Liebe von dir erwarten dürfen. Aber du bist so lieblos, daß du
mich nicht einmal besucht … nicht ein einziges Mal im Krankenhause
besucht hast, als ich in Hamburg mit Gelenkrheumatismus daniederlag …«
»Ich habe Ernsteres zu bedenken als deine Krankheiten. Übrigens ist
meine eigene Gesundheit …«
»Nein, Thomas, deine Gesundheit ist prächtig! Du säßest hier nicht als
der, der du bist, wenn sie nicht im Verhältnis zu meiner ganz ausgezeichnet
wäre …«
»Ich bin vielleicht kränker als du.«
Hände bekommen, das schwöre ich dir …«
»Nun, du selbst wirst wohl am besten wissen, wer Mutter zu dieser
Maßregel veranlaßt hat. Aber wundern muß ich mich doch, daß Mutter mit
dem Amte nicht jemanden betraut hat, der mir nähersteht und mir
brüderlicher zugetan ist als du …« Christian war nun ganz und gar außer
sich; er fing an, Dinge zu sagen, wie er sie noch niemals hatte laut werden
lassen. Er hatte sich über den Tisch gebeugt, pochte unaufhörlich mit der
Spitze des gekrümmten Zeigefingers auf die Platte und starrte mit
gesträubtem Schnurrbart und geröteten Augen zu seinem Bruder empor, der
seinerseits aufrecht, bleich und mit halb gesenkten Lidern auf ihn
hinabblickte.
»Dein Herz ist so voll von Kälte und Übelwollen und Mißachtung
gegen mich«, fuhr Christian fort, und seine Stimme war zugleich hohl und
krächzend … »Solange ich denken kann, hast du eine solche Kälte auf mich
ausströmen lassen, daß mich in deiner Gegenwart beständig gefroren hat …
ja, das mag ein sonderbarer Ausdruck sein, aber wenn ich es doch so
empfinde?… Du weisest mich ab … Du weisest mich ab, wenn du mich nur
ansiehst, und auch das tust du beinahe nie. Und was gibt dir das Recht
dazu? Du bist doch auch ein Mensch und hast deine Schwächen! Du bist
unseren Eltern immer der bessere Sohn gewesen, aber wenn du ihnen
wirklich so viel näherstehst als ich, so solltest du dir doch auch ein wenig
von ihrer christlichen Denkungsart aneignen, und wenn dir schon alle
geschwisterliche Liebe fremd ist, so sollte man doch eine Spur von
christlicher Liebe von dir erwarten dürfen. Aber du bist so lieblos, daß du
mich nicht einmal besucht … nicht ein einziges Mal im Krankenhause
besucht hast, als ich in Hamburg mit Gelenkrheumatismus daniederlag …«
»Ich habe Ernsteres zu bedenken als deine Krankheiten. Übrigens ist
meine eigene Gesundheit …«
»Nein, Thomas, deine Gesundheit ist prächtig! Du säßest hier nicht als
der, der du bist, wenn sie nicht im Verhältnis zu meiner ganz ausgezeichnet
wäre …«
»Ich bin vielleicht kränker als du.«
Page 544
»Du wärest … Nein, das ist stark! Tony! Gerda! Er sagt, er sei kränker
als ich! Was! Hast d u vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf
dem Tode gelegen?! Hast d u nach jeder kleinsten Unregelmäßigkeit eine
Qual in deinem Körper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind
vielleicht an d e i n e r linken Seite alle Nerven zu kurz?! Autoritäten haben
mich versichert, daß es bei mir der Fall ist! Passieren d i r vielleicht solche
Dinge, daß, wenn du in der Dämmerung in dein Zimmer kommst, du auf
deinem Sofa einen Mann sitzen siehst, der dir zunickt und dabei überhaupt
gar nicht vorhanden ist?!…«
»Christian!« stieß Frau Permaneder entsetzt hervor. »Was sprichst du!…
Mein Gott, worüber streitet ihr euch eigentlich? Ihr tut, als sei es eine Ehre,
der Kränkere zu sein! Wenn es d a rauf ankäme, so hätten leider Gerda und
ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!… Und Mutter liegt nebenan …!«
»Und du begreifst nicht, Mensch«, rief Thomas Buddenbrook
leidenschaftlich, »daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten
deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?! Arbeite!
Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu reden!…
Wenn du verrückt wirst – und ich sage dir ausdrücklich, daß das nicht
unmöglich ist – ich werde nicht imstande sein, eine Träne darüber zu
vergießen, denn es wird deine Schuld sein, deine allein …«
»Nein, du wirst auch keine Träne vergießen, wenn ich sterbe.«
»Du stirbst ja nicht«, sagte der Senator verächtlich.
»Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer
von uns beiden früher stirbt!… Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn
ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann
nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt
hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn ein
Verdienst ist nicht dabei … Gott gibt dem einen Kraft und dem anderen
nicht … Aber so bist du, Thomas«, fuhr er fort, indem er sich mit immer
verzerrterem Gesicht über den Tisch beugte und immer heftiger auf die
Platte pochte … »Du bist selbstgerecht … ach, warte nur, das ist es nicht,
was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen habe … Aber
ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich werde sagen können,
ist nur der tausendste … ach, es ist nur der millionste Teil von dem, was ich
als ich! Was! Hast d u vielleicht in Hamburg mit Gelenkrheumatismus auf
dem Tode gelegen?! Hast d u nach jeder kleinsten Unregelmäßigkeit eine
Qual in deinem Körper auszuhalten, die ganz unbeschreiblich ist?! Sind
vielleicht an d e i n e r linken Seite alle Nerven zu kurz?! Autoritäten haben
mich versichert, daß es bei mir der Fall ist! Passieren d i r vielleicht solche
Dinge, daß, wenn du in der Dämmerung in dein Zimmer kommst, du auf
deinem Sofa einen Mann sitzen siehst, der dir zunickt und dabei überhaupt
gar nicht vorhanden ist?!…«
»Christian!« stieß Frau Permaneder entsetzt hervor. »Was sprichst du!…
Mein Gott, worüber streitet ihr euch eigentlich? Ihr tut, als sei es eine Ehre,
der Kränkere zu sein! Wenn es d a rauf ankäme, so hätten leider Gerda und
ich auch noch ein Wörtchen mitzureden!… Und Mutter liegt nebenan …!«
»Und du begreifst nicht, Mensch«, rief Thomas Buddenbrook
leidenschaftlich, »daß alle diese Widrigkeiten Folgen und Ausgeburten
deiner Laster sind, deines Nichtstuns, deiner Selbstbeobachtung?! Arbeite!
Höre auf, deine Zustände zu hegen und zu pflegen und darüber zu reden!…
Wenn du verrückt wirst – und ich sage dir ausdrücklich, daß das nicht
unmöglich ist – ich werde nicht imstande sein, eine Träne darüber zu
vergießen, denn es wird deine Schuld sein, deine allein …«
»Nein, du wirst auch keine Träne vergießen, wenn ich sterbe.«
»Du stirbst ja nicht«, sagte der Senator verächtlich.
»Ich sterbe nicht? Gut, ich sterbe also nicht! Wir werden ja sehen, wer
von uns beiden früher stirbt!… Arbeite! Wenn ich aber nicht kann? Wenn
ich es nun aber auf die Dauer nicht kann, Herr Gott im Himmel?! Ich kann
nicht lange Zeit dasselbe tun, ich werde elend davon! Wenn du es gekonnt
hast und kannst, so freue dich doch, aber sitze nicht zu Gericht, denn ein
Verdienst ist nicht dabei … Gott gibt dem einen Kraft und dem anderen
nicht … Aber so bist du, Thomas«, fuhr er fort, indem er sich mit immer
verzerrterem Gesicht über den Tisch beugte und immer heftiger auf die
Platte pochte … »Du bist selbstgerecht … ach, warte nur, das ist es nicht,
was ich sagen wollte und was ich gegen dich vorzubringen habe … Aber
ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, und das, was ich werde sagen können,
ist nur der tausendste … ach, es ist nur der millionste Teil von dem, was ich
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gegen dich auf dem Herzen habe! Du hast dir einen Platz im Leben erobert,
eine geehrte Stellung, und da stehst du nun und weisest kalt und mit
Bewußtsein alles zurück, was dich einen Augenblick beirren und dein
Gleichgewicht stören könnte, denn das Gleichgewicht, das ist dir das
Wichtigste. Aber es ist nicht das Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht
die Hauptsache! Du bist ein Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch,
wenn du schiltst und auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am
schlimmsten ist dein Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas,
was man gesagt hat, plötzlich verstummst und dich zurückziehst und jede
Verantwortung ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner
Beschämung überläßt … Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut …
Ach!« rief er plötzlich, indem er beide Hände hinter seinen Kopf bewegte
und sie dann weit vorwärts stieß, als wehrte er die ganze Welt von sich ab
… »Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und
Gleichgewicht, diese Haltung und Würde … wie sterbenssatt!…« Und
dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von
Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und
Überdruß hervor, daß er tatsächlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja,
daß Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit
müder Miene vor sich niederblickte.
»Ich bin geworden wie ich bin«, sagte er endlich, und seine Stimme
klang bewegt, »weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich
innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß,
weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist … ich spreche die
Wahrheit.«
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in kürzerem und
befestigtem Tone fort: Ȇbrigens haben wir uns weit von unserem
Gegenstande entfernt. Du hast mir eine Rede über meinen Charakter
gehalten … eine etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von
Wahrheit enthielt. Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um
dich. Du trägst dich mit Heiratsgedanken, und ich möchte dich möglichst
gründlich davon überzeugen, daß die Ausführung in der Weise, wie du sie
planst, unmöglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde
auszahlen können, von keiner sehr ermutigenden Höhe sein …«
»Aline hat manches zurückgelegt.«
eine geehrte Stellung, und da stehst du nun und weisest kalt und mit
Bewußtsein alles zurück, was dich einen Augenblick beirren und dein
Gleichgewicht stören könnte, denn das Gleichgewicht, das ist dir das
Wichtigste. Aber es ist nicht das Wichtigste, Thomas, es ist vor Gott nicht
die Hauptsache! Du bist ein Egoist, ja, das bist du! Ich liebe dich noch,
wenn du schiltst und auftrittst und einen niederdonnerst. Aber am
schlimmsten ist dein Schweigen, am schlimmsten ist es, wenn du auf etwas,
was man gesagt hat, plötzlich verstummst und dich zurückziehst und jede
Verantwortung ablehnst, vornehm und intakt, und den anderen hilflos seiner
Beschämung überläßt … Du bist so ohne Mitleid und Liebe und Demut …
Ach!« rief er plötzlich, indem er beide Hände hinter seinen Kopf bewegte
und sie dann weit vorwärts stieß, als wehrte er die ganze Welt von sich ab
… »Wie satt ich das alles habe, dies Taktgefühl und Feingefühl und
Gleichgewicht, diese Haltung und Würde … wie sterbenssatt!…« Und
dieser letzte Ruf war in einem solchen Grade echt, er kam so sehr von
Herzen und brach mit einem solchen Nachdruck von Widerwillen und
Überdruß hervor, daß er tatsächlich etwas Niederschmetterndes hatte, ja,
daß Thomas ein wenig zusammensank und eine Weile wortlos und mit
müder Miene vor sich niederblickte.
»Ich bin geworden wie ich bin«, sagte er endlich, und seine Stimme
klang bewegt, »weil ich nicht werden wollte wie du. Wenn ich dich
innerlich gemieden habe, so geschah es, weil ich mich vor dir hüten muß,
weil dein Sein und Wesen eine Gefahr für mich ist … ich spreche die
Wahrheit.«
Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann in kürzerem und
befestigtem Tone fort: Ȇbrigens haben wir uns weit von unserem
Gegenstande entfernt. Du hast mir eine Rede über meinen Charakter
gehalten … eine etwas verworrene Rede, die vielleicht einen Kern von
Wahrheit enthielt. Aber es handelt sich jetzt nicht um mich, sondern um
dich. Du trägst dich mit Heiratsgedanken, und ich möchte dich möglichst
gründlich davon überzeugen, daß die Ausführung in der Weise, wie du sie
planst, unmöglich ist. Erstens werden die Zinsen, die ich dir werde
auszahlen können, von keiner sehr ermutigenden Höhe sein …«
»Aline hat manches zurückgelegt.«
Page 546
Der Senator schluckte hinunter und bezwang sich.
»Hm … zurückgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den
Ersparnissen dieser Dame zu vermischen …«
»Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid
mit mir hat, wenn ich krank bin. Übrigens passen wir ganz gut zusammen.
Wir sind beide ein bißchen verfahren …«
»Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren,
beziehungsweise zu … legitimieren?«
»Jawohl.«
»So daß also dein Vermögen nach deinem Tode an jene Leute
überginge?« – Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand
auf seinen Arm und flüsterte beschwörend: »Thomas!… Mutter liegt
nebenan!…«
»Ja«, antwortete Christian, »das gehört sich doch so.«
»Nun, du wirst das alles n i c h t tun!« rief der Senator und sprang auf.
Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfaßte ihn mit einer
Hand, drückte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb scheu und
halb entrüstet an.
»Du wirst es nicht tun …«, wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe
sinnlos vor Zorn, blaß, bebend und mit zuckenden Bewegungen. »Solange
ich über der Erde bin, geschieht dies nicht … ich schwöre es dir!… Hüte
dich … nimm dich in acht …! Es ist genug Geld durch Unglück, Torheit
und Niedertracht verloren gegangen, als daß du dich unterstehen dürftest,
ein Viertel von Mutters Vermögen diesem Frauenzimmer und ihren
Bastarden in den Schoß zu werfen!… Und das, nachdem schon ein anderes
Viertel von Tiburtius erschlichen worden!… Du hast der Familie genug der
Blamage zugefügt, Mensch, als daß es noch nötig wäre, uns mit einer
Kurtisane zu verschwägern und ihren Kindern unseren Namen zu geben.
Ich verbiete es dir, hörst du? ich verbiete es dir!« rief er mit einer Stimme,
daß das Zimmer erdröhnte und Frau Permaneder sich weinend in einen
Winkel des Sofas drückte. »Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu
handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt bloß verachtet, ich habe
»Hm … zurückgelegt. Du gedenkst also Mutters Erbe mit den
Ersparnissen dieser Dame zu vermischen …«
»Ja. Ich sehne mich nach einem Heim und nach jemandem, der Mitleid
mit mir hat, wenn ich krank bin. Übrigens passen wir ganz gut zusammen.
Wir sind beide ein bißchen verfahren …«
»Du gedenkst ferner, die vorhandenen Kinder zu adoptieren,
beziehungsweise zu … legitimieren?«
»Jawohl.«
»So daß also dein Vermögen nach deinem Tode an jene Leute
überginge?« – Als der Senator dies sagte, legte Frau Permaneder ihre Hand
auf seinen Arm und flüsterte beschwörend: »Thomas!… Mutter liegt
nebenan!…«
»Ja«, antwortete Christian, »das gehört sich doch so.«
»Nun, du wirst das alles n i c h t tun!« rief der Senator und sprang auf.
Auch Christian erhob sich, trat hinter seinen Stuhl, erfaßte ihn mit einer
Hand, drückte das Kinn auf die Brust und sah seinen Bruder halb scheu und
halb entrüstet an.
»Du wirst es nicht tun …«, wiederholte Thomas Buddenbrook beinahe
sinnlos vor Zorn, blaß, bebend und mit zuckenden Bewegungen. »Solange
ich über der Erde bin, geschieht dies nicht … ich schwöre es dir!… Hüte
dich … nimm dich in acht …! Es ist genug Geld durch Unglück, Torheit
und Niedertracht verloren gegangen, als daß du dich unterstehen dürftest,
ein Viertel von Mutters Vermögen diesem Frauenzimmer und ihren
Bastarden in den Schoß zu werfen!… Und das, nachdem schon ein anderes
Viertel von Tiburtius erschlichen worden!… Du hast der Familie genug der
Blamage zugefügt, Mensch, als daß es noch nötig wäre, uns mit einer
Kurtisane zu verschwägern und ihren Kindern unseren Namen zu geben.
Ich verbiete es dir, hörst du? ich verbiete es dir!« rief er mit einer Stimme,
daß das Zimmer erdröhnte und Frau Permaneder sich weinend in einen
Winkel des Sofas drückte. »Und wage es nicht, gegen dies Verbot zu
handeln, das rate ich dir! Ich habe dich bis jetzt bloß verachtet, ich habe
Page 547
über dich hinweggesehen … aber forderst du mich heraus, läßt du es zum
Äußersten kommen, so werden wir sehen, wer den kürzeren zieht! Ich sage
dir, hüte dich! Ich kenne keine Rücksicht mehr! Ich lasse dich für kindisch
erklären, ich lasse dich einsperren, ich mache dich zunichte! Zunichte!
Verstehst du mich?!…«
»Und ich sage dir …«, fing Christian an … Und nun ging das Ganze in
einen Wortstreit über, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten
Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als den,
zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden. Christian
kam auf den Charakter seines Bruders zurück und suchte aus alter
Vergangenheit einzelne Züge, peinliche Anekdoten hervor, die Thomas'
Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen können,
sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtränkt hatte. Und
der Senator antwortete ihm in übertriebenen Worten der Verachtung und der
Drohung, die er zehn Minuten später bereute. Gerda hatte das Haupt leicht
in die Hand gestützt und beobachtete die beiden mit verschleierten Augen
und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck. Frau Permaneder
wiederholte beständig in Verzweiflung: »Und Mutter liegt nebenan … Und
Mutter liegt nebenan …«
Christian, der sich schon während der letzten Repliken im Zimmer hin
und her bewegt hatte, räumte endlich den Kampfplatz.
»Es ist gut! Wir werden ja sehen!« rief er, und mit verwildertem
Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der
herabhängenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tür und ließ sie
hinter sich ins Schloß fallen.
In der plötzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick
aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte er
sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur
Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war,
worauf er sich zurücklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger
gleiten ließ und in Gedanken versank.
Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die große
Frage war nun nicht länger hinauszuschieben; sie mußte zur Sprache
Äußersten kommen, so werden wir sehen, wer den kürzeren zieht! Ich sage
dir, hüte dich! Ich kenne keine Rücksicht mehr! Ich lasse dich für kindisch
erklären, ich lasse dich einsperren, ich mache dich zunichte! Zunichte!
Verstehst du mich?!…«
»Und ich sage dir …«, fing Christian an … Und nun ging das Ganze in
einen Wortstreit über, einen abgerissenen, nichtigen, beklagenswerten
Wortstreit ohne ein eigentliches Thema, ohne einen anderen Zweck als den,
zu beleidigen, einander mit Worten bis aufs Blut zu verwunden. Christian
kam auf den Charakter seines Bruders zurück und suchte aus alter
Vergangenheit einzelne Züge, peinliche Anekdoten hervor, die Thomas'
Egoismus belegen sollten und die Christian nicht hatte vergessen können,
sondern mit sich umhergetragen und mit Bitterkeit durchtränkt hatte. Und
der Senator antwortete ihm in übertriebenen Worten der Verachtung und der
Drohung, die er zehn Minuten später bereute. Gerda hatte das Haupt leicht
in die Hand gestützt und beobachtete die beiden mit verschleierten Augen
und einem nicht bestimmbaren Gesichtsausdruck. Frau Permaneder
wiederholte beständig in Verzweiflung: »Und Mutter liegt nebenan … Und
Mutter liegt nebenan …«
Christian, der sich schon während der letzten Repliken im Zimmer hin
und her bewegt hatte, räumte endlich den Kampfplatz.
»Es ist gut! Wir werden ja sehen!« rief er, und mit verwildertem
Schnurrbart und roten Augen, den Rock offen, das Taschentuch in der
herabhängenden Hand, hitzig und exaltiert, ging er zur Tür und ließ sie
hinter sich ins Schloß fallen.
In der plötzlichen Stille stand der Senator noch einen Augenblick
aufrecht und sah dorthin, wo sein Bruder verschwunden war. Dann setzte er
sich schweigend, nahm mit kurzen Bewegungen die Papiere wieder zur
Hand und erledigte mit trockenen Worten, was noch zu erledigen war,
worauf er sich zurücklehnte, die Spitzen seines Bartes durch die Finger
gleiten ließ und in Gedanken versank.
Frau Permaneders Herz pochte so voller Angst! Die Frage, die große
Frage war nun nicht länger hinauszuschieben; sie mußte zur Sprache
Page 548
kommen, er mußte sie beantworten … aber ach, war er jetzt in der
Stimmung, Pietät und Milde walten zu lassen?
»Und … Tom –«, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Schoß blickte
und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen … »Die
Möbel … Du hast natürlich schon alles in Erwägung gezogen … Die
Sachen, die uns gehören, ich meine Erika, der Kleinen und mir … sie
bleiben hier … mit uns … kurz … das Haus, wie ist es damit?« fragte sie
und rang heimlich die Hände.
Der Senator antwortete nicht sogleich, sondern fuhr eine Weile fort, den
Schnurrbart zu drehen und mit trüber Nachdenklichkeit in sich
hineinzublicken. Dann atmete er auf und richtete sich empor.
»Das Haus?« sagte er … »Es gehört natürlich uns allen, dir, Christian
und mir … und komischerweise auch dem Pastor Tiburtius, denn der Anteil
gehört zu Klaras Erbe. Ich allein habe nichts darüber zu entscheiden,
sondern bedarf eurer Zustimmung. Aber das Gegebene ist
selbstverständlich, so bald als möglich zu verkaufen«, schloß er
achselzuckend. Dennoch ging etwas dabei über sein Gesicht, als erschräke
er über seine eigenen Worte.
Frau Permaneders Kopf sank tief herab; ihre Hände hörten auf, einander
zu pressen und erschlafften plötzlich in allen Gliedern.
»Unserer Zustimmung!« wiederholte sie nach einer Pause, traurig und
sogar mit einiger Bitterkeit. »Lieber Gott, du weißt gut, Tom, daß du tun
wirst, was du für richtig hältst, und daß wir anderen dir unsere Zustimmung
nicht lange versagen können!… Aber wenn wir ein Wort einlegen … dich
bitten dürfen«, fuhr sie beinahe tonlos fort, und ihre Oberlippe begann zu
beben … »Das Haus! Mutters Haus! Unser Elternhaus! In dem wir so
glücklich gewesen sind! Wir sollen es verkaufen …!«
Der Senator zuckte wieder die Achseln.
»Du wirst mir glauben, Kind, daß alles, was du mir vorhalten kannst,
mich ohnehin so sehr bewegt wie dich … Aber Gegengründe sind das nicht,
sondern Sentiments. Was zu tun ist, steht fest. Da haben wir dies große
Grundstück … was sollen wir jetzt damit beginnen? Seit langen Jahren,
schon seit Vaters Tode, verfällt das ganze Rückgebäude. Im Billardsaal lebt
Stimmung, Pietät und Milde walten zu lassen?
»Und … Tom –«, fing sie an, indem sie zuerst in ihren Schoß blickte
und dann einen zagen Versuch machte, in seiner Miene zu lesen … »Die
Möbel … Du hast natürlich schon alles in Erwägung gezogen … Die
Sachen, die uns gehören, ich meine Erika, der Kleinen und mir … sie
bleiben hier … mit uns … kurz … das Haus, wie ist es damit?« fragte sie
und rang heimlich die Hände.
Der Senator antwortete nicht sogleich, sondern fuhr eine Weile fort, den
Schnurrbart zu drehen und mit trüber Nachdenklichkeit in sich
hineinzublicken. Dann atmete er auf und richtete sich empor.
»Das Haus?« sagte er … »Es gehört natürlich uns allen, dir, Christian
und mir … und komischerweise auch dem Pastor Tiburtius, denn der Anteil
gehört zu Klaras Erbe. Ich allein habe nichts darüber zu entscheiden,
sondern bedarf eurer Zustimmung. Aber das Gegebene ist
selbstverständlich, so bald als möglich zu verkaufen«, schloß er
achselzuckend. Dennoch ging etwas dabei über sein Gesicht, als erschräke
er über seine eigenen Worte.
Frau Permaneders Kopf sank tief herab; ihre Hände hörten auf, einander
zu pressen und erschlafften plötzlich in allen Gliedern.
»Unserer Zustimmung!« wiederholte sie nach einer Pause, traurig und
sogar mit einiger Bitterkeit. »Lieber Gott, du weißt gut, Tom, daß du tun
wirst, was du für richtig hältst, und daß wir anderen dir unsere Zustimmung
nicht lange versagen können!… Aber wenn wir ein Wort einlegen … dich
bitten dürfen«, fuhr sie beinahe tonlos fort, und ihre Oberlippe begann zu
beben … »Das Haus! Mutters Haus! Unser Elternhaus! In dem wir so
glücklich gewesen sind! Wir sollen es verkaufen …!«
Der Senator zuckte wieder die Achseln.
»Du wirst mir glauben, Kind, daß alles, was du mir vorhalten kannst,
mich ohnehin so sehr bewegt wie dich … Aber Gegengründe sind das nicht,
sondern Sentiments. Was zu tun ist, steht fest. Da haben wir dies große
Grundstück … was sollen wir jetzt damit beginnen? Seit langen Jahren,
schon seit Vaters Tode, verfällt das ganze Rückgebäude. Im Billardsaal lebt
Page 549
eine freie Katzenfamilie, und tritt man näher, so läuft man Gefahr, durch
den Fußboden zu brechen … Ja, hätte ich nicht mein Haus in der
Fischergrube! Aber ich habe es, und wohin damit? Soll ich vielleicht lieber
d a s verkaufen? Urteile doch selbst … an wen? Ich würde ungefähr die
Hälfte des Geldes verlieren, das ich hineingesteckt. Ach Tony, wir haben
Grundstücke genug, wir haben viel zuviel davon! Die Speicher und zwei
große Häuser! Der Wert der Grundstücke steht ja kaum noch in einem
Verhältnis zu dem beweglichen Kapital! Nein, verkaufen, verkaufen!…«
Aber Frau Permaneder hörte nicht. Niedergebeugt und in sich gekehrt
saß sie da und blickte mit feuchten Augen ins Leere.
»Unser Haus!« murmelte sie … »Ich weiß noch, wie wir es einweihten
… Wir waren nicht größer als s o damals. Die ganze Familie war da. Und
Onkel Hoffstede trug ein Gedicht vor … Es liegt in der Mappe … Ich weiß
es auswendig … Venus Anadyomene … Das Landschaftszimmer! Der
Eßsaal! Fremde Leute …!«
»Ja, Tony, so werden damals die auch gedacht haben, die das Haus
verlassen mußten, als Großvater es kaufte. Sie hatten ihr Geld verloren und
mußten davonziehen und sind gestorben und verdorben. Alles hat seine
Zeit. Freuen wir uns und danken wir Gott, daß es mit uns noch nicht so weit
ist, wie es damals mit Ratenkamps war, und daß wir noch unter günstigeren
Umständen von hier Abschied nehmen als sie …«
Schluchzen, ein langsames, schmerzliches Aufschluchzen unterbrach
ihn. Frau Permaneders Hingebung an ihren Kummer war so groß, daß sie
nicht einmal daran dachte, die Tränen zu trocknen, die über ihre Wangen
rannen. Sie saß vornüber gebeugt und zusammengesunken, und ein warmer
Tropfen fiel auf ihre matt im Schoße ruhenden Hände hinab, ohne daß sie
dessen achtete.
»Tom«, sagte sie und gewann ihrer Stimme, die die Tränen zu ersticken
drohten, eine leise, rührende Festigkeit ab. »Du weißt nicht, wie mir zumute
ist in dieser Stunde, du weißt es nicht. Es ist deiner Schwester nicht gut
ergangen im Leben, es hat ihr übel mitgespielt. Alles ist auf mich
herabgekommen, was sich nur ausdenken ließ … ich weiß nicht, womit ich
es verdient habe. Aber ich habe alles hingenommen, ohne zu verzagen,
Tom, das mit Grünlich und das mit Permaneder und das mit Weinschenk.
den Fußboden zu brechen … Ja, hätte ich nicht mein Haus in der
Fischergrube! Aber ich habe es, und wohin damit? Soll ich vielleicht lieber
d a s verkaufen? Urteile doch selbst … an wen? Ich würde ungefähr die
Hälfte des Geldes verlieren, das ich hineingesteckt. Ach Tony, wir haben
Grundstücke genug, wir haben viel zuviel davon! Die Speicher und zwei
große Häuser! Der Wert der Grundstücke steht ja kaum noch in einem
Verhältnis zu dem beweglichen Kapital! Nein, verkaufen, verkaufen!…«
Aber Frau Permaneder hörte nicht. Niedergebeugt und in sich gekehrt
saß sie da und blickte mit feuchten Augen ins Leere.
»Unser Haus!« murmelte sie … »Ich weiß noch, wie wir es einweihten
… Wir waren nicht größer als s o damals. Die ganze Familie war da. Und
Onkel Hoffstede trug ein Gedicht vor … Es liegt in der Mappe … Ich weiß
es auswendig … Venus Anadyomene … Das Landschaftszimmer! Der
Eßsaal! Fremde Leute …!«
»Ja, Tony, so werden damals die auch gedacht haben, die das Haus
verlassen mußten, als Großvater es kaufte. Sie hatten ihr Geld verloren und
mußten davonziehen und sind gestorben und verdorben. Alles hat seine
Zeit. Freuen wir uns und danken wir Gott, daß es mit uns noch nicht so weit
ist, wie es damals mit Ratenkamps war, und daß wir noch unter günstigeren
Umständen von hier Abschied nehmen als sie …«
Schluchzen, ein langsames, schmerzliches Aufschluchzen unterbrach
ihn. Frau Permaneders Hingebung an ihren Kummer war so groß, daß sie
nicht einmal daran dachte, die Tränen zu trocknen, die über ihre Wangen
rannen. Sie saß vornüber gebeugt und zusammengesunken, und ein warmer
Tropfen fiel auf ihre matt im Schoße ruhenden Hände hinab, ohne daß sie
dessen achtete.
»Tom«, sagte sie und gewann ihrer Stimme, die die Tränen zu ersticken
drohten, eine leise, rührende Festigkeit ab. »Du weißt nicht, wie mir zumute
ist in dieser Stunde, du weißt es nicht. Es ist deiner Schwester nicht gut
ergangen im Leben, es hat ihr übel mitgespielt. Alles ist auf mich
herabgekommen, was sich nur ausdenken ließ … ich weiß nicht, womit ich
es verdient habe. Aber ich habe alles hingenommen, ohne zu verzagen,
Tom, das mit Grünlich und das mit Permaneder und das mit Weinschenk.
Page 550
Denn immer, wenn Gott mein Leben wieder in Stücke gehen ließ, so war
ich doch nicht ganz verloren. Ich wußte einen Ort, einen sicheren Hafen,
sozusagen, wo ich zu Hause und geborgen war, wohin ich mich flüchten
konnte, vor allem Ungemach des Lebens … Auch jetzt noch, als doch alles
zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefängnis fuhren … ›Mutter‹,
sagte ich, ›dürfen wir zu dir ziehen?‹ ›Ja, Kinder, kommt‹ … Als wir klein
waren und ›Kriegen‹ spielten, Tom, da gab es immer ein ›Mal‹, ein
abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in Not und
Bedrängnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte, sondern in
Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war mein ›Mal‹ im
Leben, Tom … Und nun … und nun … verkaufen …«
Sie lehnte sich zurück, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte
bitterlich.
Er zog eine ihrer Hände herunter und nahm sie in die seinen.
»Ich weiß es ja, liebe Tony, ich weiß es ja alles! Aber wollen wir nun
nicht ein wenig vernünftig sein? Die gute Mutter ist dahin … wir rufen sie
nicht zurück. Was nun? Es ist unsinnig geworden, dies Haus als totes
Kapital zu behalten … ich muß das wissen, nicht wahr. Sollen wir eine
Mietskaserne daraus machen?… Der Gedanke ist dir schwer, daß fremde
Leute hier wohnen sollen; aber da ist es doch besser, du siehst es nicht mit
an, sondern nimmst dir und den Deinen ein kleines, hübsches Haus oder
eine Etage irgendwo vorm Tore zum Beispiel … Oder wäre es dir lieber,
hier mit einer Anzahl von Mietsparteien zusammen zu hausen?… Und
deine Familie hast du doch immer noch, Gerda und mich und
Buddenbrooks in der Breiten Straße und Krögers und auch Mademoiselle
Weichbrodt … ohne von Klothilde zu reden, von der ich nicht weiß, ob ihr
der Umgang mit uns genehm ist; seit sie Klosterdame geworden, ist sie ein
wenig exklusiv …«
Sie stieß einen Seufzer aus, der halb ein Lachen war, wandte sich ab und
drückte das Taschentuch fester gegen die Augen, schmollend wie ein Kind,
das man mit einem Spaß seinem Leide abwendig zu machen sucht. Dann
aber enthüllte sie mit Entschlossenheit ihr Gesicht und setzte sich zurecht,
indem sie, wie immer, wenn es galt, Charakter und Würde zu zeigen, den
ich doch nicht ganz verloren. Ich wußte einen Ort, einen sicheren Hafen,
sozusagen, wo ich zu Hause und geborgen war, wohin ich mich flüchten
konnte, vor allem Ungemach des Lebens … Auch jetzt noch, als doch alles
zu Ende war, und als sie Weinschenk ins Gefängnis fuhren … ›Mutter‹,
sagte ich, ›dürfen wir zu dir ziehen?‹ ›Ja, Kinder, kommt‹ … Als wir klein
waren und ›Kriegen‹ spielten, Tom, da gab es immer ein ›Mal‹, ein
abgegrenztes Fleckchen, wohin man laufen konnte, wenn man in Not und
Bedrängnis war, und wo man nicht abgeschlagen werden durfte, sondern in
Frieden ausruhen konnte. Mutters Haus, dies Haus hier war mein ›Mal‹ im
Leben, Tom … Und nun … und nun … verkaufen …«
Sie lehnte sich zurück, verbarg ihr Gesicht im Schnupftuch und weinte
bitterlich.
Er zog eine ihrer Hände herunter und nahm sie in die seinen.
»Ich weiß es ja, liebe Tony, ich weiß es ja alles! Aber wollen wir nun
nicht ein wenig vernünftig sein? Die gute Mutter ist dahin … wir rufen sie
nicht zurück. Was nun? Es ist unsinnig geworden, dies Haus als totes
Kapital zu behalten … ich muß das wissen, nicht wahr. Sollen wir eine
Mietskaserne daraus machen?… Der Gedanke ist dir schwer, daß fremde
Leute hier wohnen sollen; aber da ist es doch besser, du siehst es nicht mit
an, sondern nimmst dir und den Deinen ein kleines, hübsches Haus oder
eine Etage irgendwo vorm Tore zum Beispiel … Oder wäre es dir lieber,
hier mit einer Anzahl von Mietsparteien zusammen zu hausen?… Und
deine Familie hast du doch immer noch, Gerda und mich und
Buddenbrooks in der Breiten Straße und Krögers und auch Mademoiselle
Weichbrodt … ohne von Klothilde zu reden, von der ich nicht weiß, ob ihr
der Umgang mit uns genehm ist; seit sie Klosterdame geworden, ist sie ein
wenig exklusiv …«
Sie stieß einen Seufzer aus, der halb ein Lachen war, wandte sich ab und
drückte das Taschentuch fester gegen die Augen, schmollend wie ein Kind,
das man mit einem Spaß seinem Leide abwendig zu machen sucht. Dann
aber enthüllte sie mit Entschlossenheit ihr Gesicht und setzte sich zurecht,
indem sie, wie immer, wenn es galt, Charakter und Würde zu zeigen, den
Page 551
Kopf zurücklegte und dennoch versuchte, das Kinn auf die Brust zu
drücken.
»Ja, Tom«, sagte sie, und ihre verweinten Augen zwinkerten mit
ernstem und gefaßtem Ausdruck zum Fenster hinüber, »ich will auch
verständig sein … ich bin es schon. Du mußt verzeihen … und du auch,
Gerda … daß ich geweint habe. Das kann einem ankommen … es ist eine
Schwäche. Aber es ist nur äußerlich, glaubt mir. Ihr wißt sehr wohl, daß ich
im Grunde eine vom Leben gestählte Frau bin … Ja, Tom, das mit dem
toten Kapital leuchtet mir ein, so viel Verstand habe ich. Ich kann nur
wiederholen, daß du tun mußt, was du für richtig hältst. Du mußt für uns
denken und handeln, denn Gerda und ich sind Weiber, und Christian …
nun, Gott sei mit ihm!… Wir können dir nicht Widerpart halten, denn was
wir vorbringen können, sind keine Gegengründe, sondern Sentiments, das
liegt auf der Hand. An wen wirst du es wohl verkaufen, Tom? Meinst du,
daß es bald vonstatten gehen wird?«
»Ja, Kind, wenn ich das wüßte … Immerhin … ich habe schon heute
morgen ein paar Worte mit Gosch, dem alten Makler Gosch, gewechselt; er
schien nicht abgeneigt, die Sache in die Hand zu nehmen …«
»Das wäre gut, ja, das wäre sehr gut. Sigismund Gosch hat natürlich
seine Schwächen … Das mit seinen Übersetzungen aus dem Spanischen,
wovon man erzählt – ich kann nicht wissen, wie der Dichter heißt – ist
etwas sonderbar, das mußt du zugeben, Tom. Aber er war schon ein Freund
vom Vater und ist ein grundehrlicher Mann. Und dann hat er Herz, dafür ist
er bekannt. Er wird begreifen, daß es sich hier nicht um irgendeinen Kauf
handelt, um irgendein beliebiges Haus … Was denkst du, Tom, was wirst du
verlangen? Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, wie?…«
»Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, Tom!« sagte sie
noch, die Tür in der Hand, als ihr Bruder und seine Frau schon die Treppe
hinunterstiegen. Dann, allein geblieben, stand sie inmitten des Zimmers
still, und die hinabhängenden Hände vor sich gefaltet, derart, daß die
Flächen nach unten gewandt waren, blickte sie mit großen, ratlosen Augen
rund um sich her. Ihr mit einem Häubchen aus schwarzen Spitzen
geschmückter Kopf, den sie unaufhörlich leise schüttelte, sank, von
Gedanken beschwert, langsam tiefer und tiefer auf eine Schulter hinab.
drücken.
»Ja, Tom«, sagte sie, und ihre verweinten Augen zwinkerten mit
ernstem und gefaßtem Ausdruck zum Fenster hinüber, »ich will auch
verständig sein … ich bin es schon. Du mußt verzeihen … und du auch,
Gerda … daß ich geweint habe. Das kann einem ankommen … es ist eine
Schwäche. Aber es ist nur äußerlich, glaubt mir. Ihr wißt sehr wohl, daß ich
im Grunde eine vom Leben gestählte Frau bin … Ja, Tom, das mit dem
toten Kapital leuchtet mir ein, so viel Verstand habe ich. Ich kann nur
wiederholen, daß du tun mußt, was du für richtig hältst. Du mußt für uns
denken und handeln, denn Gerda und ich sind Weiber, und Christian …
nun, Gott sei mit ihm!… Wir können dir nicht Widerpart halten, denn was
wir vorbringen können, sind keine Gegengründe, sondern Sentiments, das
liegt auf der Hand. An wen wirst du es wohl verkaufen, Tom? Meinst du,
daß es bald vonstatten gehen wird?«
»Ja, Kind, wenn ich das wüßte … Immerhin … ich habe schon heute
morgen ein paar Worte mit Gosch, dem alten Makler Gosch, gewechselt; er
schien nicht abgeneigt, die Sache in die Hand zu nehmen …«
»Das wäre gut, ja, das wäre sehr gut. Sigismund Gosch hat natürlich
seine Schwächen … Das mit seinen Übersetzungen aus dem Spanischen,
wovon man erzählt – ich kann nicht wissen, wie der Dichter heißt – ist
etwas sonderbar, das mußt du zugeben, Tom. Aber er war schon ein Freund
vom Vater und ist ein grundehrlicher Mann. Und dann hat er Herz, dafür ist
er bekannt. Er wird begreifen, daß es sich hier nicht um irgendeinen Kauf
handelt, um irgendein beliebiges Haus … Was denkst du, Tom, was wirst du
verlangen? Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, wie?…«
»Hunderttausend Kurantmark sind doch das wenigste, Tom!« sagte sie
noch, die Tür in der Hand, als ihr Bruder und seine Frau schon die Treppe
hinunterstiegen. Dann, allein geblieben, stand sie inmitten des Zimmers
still, und die hinabhängenden Hände vor sich gefaltet, derart, daß die
Flächen nach unten gewandt waren, blickte sie mit großen, ratlosen Augen
rund um sich her. Ihr mit einem Häubchen aus schwarzen Spitzen
geschmückter Kopf, den sie unaufhörlich leise schüttelte, sank, von
Gedanken beschwert, langsam tiefer und tiefer auf eine Schulter hinab.
Page 552
Drittes Kapitel
Der kleine Johann war gehalten, sich von der sterblichen Hülle seiner
Großmutter zu verabschieden; sein Vater ordnete dies an, und er ließ keinen
Laut des Widerspruches vernehmen, obgleich er sich fürchtete. Am Tage
nach dem schweren Todeskampfe der Konsulin hatte der Senator, bei Tische
und, wie es schien, geflissentlich in Gegenwart seines Sohnes, gegen seine
Gattin mit ein paar harten Worten das Betragen Onkel Christians verurteilt,
der, als es der Kranken am schlimmsten ging, davongeschlichen und zu
Bette gegangen war. »Das sind die Nerven, Thomas«, hatte Gerda
geantwortet; aber mit einem Blick auf Hanno, der dem Kinde keineswegs
entgangen war, hatte er ihr in fast strengem Tone zurückgegeben, daß hier
kein Wort der Entschuldigung am Platze sei. Die selige Mutter habe so sehr
gelitten, daß man sich hätte schämen müssen, allzu schmerzlos dabei zu
sitzen, und sich nicht feige dem bißchen Leiden entziehen, das der Anblick
ihrer Kämpfe in einem hervorgerufen hätte. Hieraus hatte Hanno
geschlossen, daß er es nicht wagen dürfe, gegen den Besuch am offenen
Sarge etwas einzuwenden.
Wie beim weihnachtlichen Einzuge war ihm der große Raum
entfremdet, als er ihn am Tage vorm Begräbnisse zwischen Vater und
Mutter von der Säulenhalle aus betrat. Geradeaus, weiß leuchtend gegen
das dunkle Grün großer Topfgewächse, die, mit hohen, silbernen
Armleuchtern abwechselnd, einen Halbkreis bildeten, stand auf schwarzem
Postamente die Kopie von Thorwaldsens Segnendem Christus, die draußen
auf dem Korridor ihren Platz gehabt hatte. Überall an den Wänden bewegte
sich im Luftzuge schwarzer Flor und verhüllte das Himmelblau der Tapete
sowohl wie das Lächeln der weißen Götterstatuen, die zugeschaut hatten,
wenn man in diesem Saale wohlgemut tafelte. Und umgeben von seinen
ganz in Schwarz gekleideten Anverwandten, den breiten Trauerflor um den
Ärmel seines Matrosenanzuges, den Sinn umnebelt von den Düften, welche
den Mengen von Blumengebinden und Kränzen entströmten, und mit denen
sich, ganz leise und nur bei diesem oder jenem Atemzug bemerkbar, ein
anderer fremder und doch auf seltsame Art vertrauter Duft vermengte, stand
der kleine Johann zur Seite der Bahre und blickte auf die regungslose
Gestalt, die vor ihm zwischen weißem Atlas streng und feierlich
ausgestreckt lag …
Der kleine Johann war gehalten, sich von der sterblichen Hülle seiner
Großmutter zu verabschieden; sein Vater ordnete dies an, und er ließ keinen
Laut des Widerspruches vernehmen, obgleich er sich fürchtete. Am Tage
nach dem schweren Todeskampfe der Konsulin hatte der Senator, bei Tische
und, wie es schien, geflissentlich in Gegenwart seines Sohnes, gegen seine
Gattin mit ein paar harten Worten das Betragen Onkel Christians verurteilt,
der, als es der Kranken am schlimmsten ging, davongeschlichen und zu
Bette gegangen war. »Das sind die Nerven, Thomas«, hatte Gerda
geantwortet; aber mit einem Blick auf Hanno, der dem Kinde keineswegs
entgangen war, hatte er ihr in fast strengem Tone zurückgegeben, daß hier
kein Wort der Entschuldigung am Platze sei. Die selige Mutter habe so sehr
gelitten, daß man sich hätte schämen müssen, allzu schmerzlos dabei zu
sitzen, und sich nicht feige dem bißchen Leiden entziehen, das der Anblick
ihrer Kämpfe in einem hervorgerufen hätte. Hieraus hatte Hanno
geschlossen, daß er es nicht wagen dürfe, gegen den Besuch am offenen
Sarge etwas einzuwenden.
Wie beim weihnachtlichen Einzuge war ihm der große Raum
entfremdet, als er ihn am Tage vorm Begräbnisse zwischen Vater und
Mutter von der Säulenhalle aus betrat. Geradeaus, weiß leuchtend gegen
das dunkle Grün großer Topfgewächse, die, mit hohen, silbernen
Armleuchtern abwechselnd, einen Halbkreis bildeten, stand auf schwarzem
Postamente die Kopie von Thorwaldsens Segnendem Christus, die draußen
auf dem Korridor ihren Platz gehabt hatte. Überall an den Wänden bewegte
sich im Luftzuge schwarzer Flor und verhüllte das Himmelblau der Tapete
sowohl wie das Lächeln der weißen Götterstatuen, die zugeschaut hatten,
wenn man in diesem Saale wohlgemut tafelte. Und umgeben von seinen
ganz in Schwarz gekleideten Anverwandten, den breiten Trauerflor um den
Ärmel seines Matrosenanzuges, den Sinn umnebelt von den Düften, welche
den Mengen von Blumengebinden und Kränzen entströmten, und mit denen
sich, ganz leise und nur bei diesem oder jenem Atemzug bemerkbar, ein
anderer fremder und doch auf seltsame Art vertrauter Duft vermengte, stand
der kleine Johann zur Seite der Bahre und blickte auf die regungslose
Gestalt, die vor ihm zwischen weißem Atlas streng und feierlich
ausgestreckt lag …
Page 553
Dies war nicht Großmama. Es war ihre Gesellschaftshaube mit den
weißseidenen Bändern und ihr rotbrauner Scheitel darunter. Aber diese
spitze Nase, diese nach innen gezogenen Lippen, dieses hervorgeschobene
Kinn, diese gelben, durchsichtigen, gefalteten Hände, denen man Kälte und
Steifheit ansah, gehörten nicht ihr. Dies war eine fremde, wächserne Puppe,
die in dieser Weise aufzubauen und zu feiern, etwas Grauenhaftes hatte.
Und er blickte zum Landschaftszimmer hinüber, als müßte dort im nächsten
Augenblick die wirkliche Großmama erscheinen … Aber sie kam nicht. Sie
war tot. Der Tod hatte sie für immer mit dieser wächsernen Figur
vertauscht, die ihre Lider und Lippen so unerbittlich, so unnahbar fest
geschlossen hielt …
Er stand, auf dem linken Beine ruhend, das rechte Knie so gebogen, daß
der Fuß leicht auf der Spitze balancierte, und hielt mit einer Hand den
Schifferknoten auf seiner Brust umfaßt, während die andere schlaff
hinabhing. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen fallenden hellbraunen
Haar war zur Seite geneigt, und unter zusammengezogenen Brauen blickten
seine goldbraunen, von bläulichen Schatten umlagerten Augen blinzelnd,
mit einem abgestoßenen und grüblerischen Ausdruck in das Antlitz der
Leiche. Er atmete langsam und zögernd, denn bei jedem Atemzuge
erwartete er den Duft, jenen fremden und doch so seltsam vertrauten Duft,
den die Wolken von Blumengerüchen nicht immer zu übertäuben
vermochten. Und wenn er kam, wenn er ihn verspürte, so zogen sich seine
Brauen fester zusammen, und seine Lippen gerieten einen Augenblick in
zitternde Bewegung … Schließlich seufzte er; aber es klang so sehr wie ein
tränenloses Schluchzen, daß Frau Permaneder sich zu ihm niederbeugte, ihn
küßte und ihn fortführte.
Und nachdem der Senator und seine Frau, zusammen mit Frau
Permaneder und Erika Weinschenk, während langer Stunden im
Landschaftszimmer die Kondolationen der Stadt entgegengenommen
hatten, ward Elisabeth Buddenbrook, geborene Kröger, zur Erde bestattet.
Auswärtige Verwandte waren aus Frankfurt und Hamburg dazu eingetroffen
und hatten zum letzten Male gastliche Aufnahme im Mengstraßenhause
gefunden. Und die Menge der Leidtragenden füllte Saal und
Landschaftszimmer, Säulenhalle und Korridor, als bei brennenden Kerzen,
in aufrechter Majestät zu Häupten des Sarges, das rasierte Antlitz, dessen
Ausdruck zwischen düsterem Fanatismus und milder Verklärung wechselte,
weißseidenen Bändern und ihr rotbrauner Scheitel darunter. Aber diese
spitze Nase, diese nach innen gezogenen Lippen, dieses hervorgeschobene
Kinn, diese gelben, durchsichtigen, gefalteten Hände, denen man Kälte und
Steifheit ansah, gehörten nicht ihr. Dies war eine fremde, wächserne Puppe,
die in dieser Weise aufzubauen und zu feiern, etwas Grauenhaftes hatte.
Und er blickte zum Landschaftszimmer hinüber, als müßte dort im nächsten
Augenblick die wirkliche Großmama erscheinen … Aber sie kam nicht. Sie
war tot. Der Tod hatte sie für immer mit dieser wächsernen Figur
vertauscht, die ihre Lider und Lippen so unerbittlich, so unnahbar fest
geschlossen hielt …
Er stand, auf dem linken Beine ruhend, das rechte Knie so gebogen, daß
der Fuß leicht auf der Spitze balancierte, und hielt mit einer Hand den
Schifferknoten auf seiner Brust umfaßt, während die andere schlaff
hinabhing. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen fallenden hellbraunen
Haar war zur Seite geneigt, und unter zusammengezogenen Brauen blickten
seine goldbraunen, von bläulichen Schatten umlagerten Augen blinzelnd,
mit einem abgestoßenen und grüblerischen Ausdruck in das Antlitz der
Leiche. Er atmete langsam und zögernd, denn bei jedem Atemzuge
erwartete er den Duft, jenen fremden und doch so seltsam vertrauten Duft,
den die Wolken von Blumengerüchen nicht immer zu übertäuben
vermochten. Und wenn er kam, wenn er ihn verspürte, so zogen sich seine
Brauen fester zusammen, und seine Lippen gerieten einen Augenblick in
zitternde Bewegung … Schließlich seufzte er; aber es klang so sehr wie ein
tränenloses Schluchzen, daß Frau Permaneder sich zu ihm niederbeugte, ihn
küßte und ihn fortführte.
Und nachdem der Senator und seine Frau, zusammen mit Frau
Permaneder und Erika Weinschenk, während langer Stunden im
Landschaftszimmer die Kondolationen der Stadt entgegengenommen
hatten, ward Elisabeth Buddenbrook, geborene Kröger, zur Erde bestattet.
Auswärtige Verwandte waren aus Frankfurt und Hamburg dazu eingetroffen
und hatten zum letzten Male gastliche Aufnahme im Mengstraßenhause
gefunden. Und die Menge der Leidtragenden füllte Saal und
Landschaftszimmer, Säulenhalle und Korridor, als bei brennenden Kerzen,
in aufrechter Majestät zu Häupten des Sarges, das rasierte Antlitz, dessen
Ausdruck zwischen düsterem Fanatismus und milder Verklärung wechselte,
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über der breiten, gefalteten Halskrause gegen Himmel gewandt und die
Hände dicht unterm Kinn gefaltet, Pastor Pringsheim von St. Marien die
Trauerrede hielt.
Er lobpries in schwellenden und verhallenden Lauten die Eigenschaften
der Dahingeschiedenen, ihre Vornehmheit und Demut, ihre Heiterkeit und
Frömmigkeit, ihre Wohltätigkeit und Milde. Er erwähnte des
»Jerusalemsabends« und der »Sonntagsschule«, er ließ das ganze lange,
reiche und glückselige Erdenleben der Verewigten noch einmal im Glanz
seiner Dialektik erstrahlen … und da das Wort »Ende« ein Beiwort haben
muß, so sprach er zuletzt von ihrem sanften Ende.
Frau Permaneder wußte wohl, was sie in dieser Stunde sich selbst und
der ganzen Versammlung an Würde und repräsentativer Haltung schuldete.
Sie hatte, zusammen mit ihrer Tochter Erika und ihrer Enkelin Elisabeth,
die sichtbarsten Ehrenplätze dicht beim Pastor, neben dem Kopfende des
mit Kränzen bedeckten Sarges, in Besitz genommen, während Thomas,
Gerda, Christian, Klothilde und der kleine Johann, sowie der alte Konsul
Kröger, der auf einem Stuhle saß, gleich den Verwandten zweiten Grades es
sich gefallen ließen, der Feier an minder ausgezeichneten Plätzen
beizuwohnen. Hochaufgerichtet, mit ein wenig emporgezogenen Schultern,
das schwarzgeränderte Batisttuch zwischen den zusammengelegten
Händen, stand sie da, und ihr Stolz über die erste Rolle, die ihr bei dieser
Feierlichkeit zufiel, war so groß, daß er manchmal den Schmerz vollständig
zurückdrängte und in Vergessenheit geraten ließ. Ihre Augen, die sie in dem
Bewußtsein, den beobachtenden Blicken der ganzen Stadt ausgesetzt zu
sein, meistens gesenkt hielt, konnten es sich hie und da nicht versagen, über
die Menge hinzuschweifen, in der sie auch Julchen Möllendorpf, geborene
Hagenström, und ihren Gatten gewahrte … Ja, sie hatten alle kommen
müssen, die Möllendorpfs, Kistenmakers, Langhals und Oeverdiecks!
Bevor Tony Buddenbrook ihr Elternhaus räumte, hatten sie sich noch
einmal hier zusammenscharen müssen, um ihr, trotz Grünlich, trotz
Permaneder und trotz Hugo Weinschenk, ihre mittrauernde Ehrerbietung zu
erweisen …!
Und Pastor Pringsheim bohrte mit seiner Trauerrede in der Wunde
herum, die der Tod geschlagen hatte, er führte mit Berechnung einem jeden
vor Augen, was er verloren, er verstand es, Tränen auch dort
Hände dicht unterm Kinn gefaltet, Pastor Pringsheim von St. Marien die
Trauerrede hielt.
Er lobpries in schwellenden und verhallenden Lauten die Eigenschaften
der Dahingeschiedenen, ihre Vornehmheit und Demut, ihre Heiterkeit und
Frömmigkeit, ihre Wohltätigkeit und Milde. Er erwähnte des
»Jerusalemsabends« und der »Sonntagsschule«, er ließ das ganze lange,
reiche und glückselige Erdenleben der Verewigten noch einmal im Glanz
seiner Dialektik erstrahlen … und da das Wort »Ende« ein Beiwort haben
muß, so sprach er zuletzt von ihrem sanften Ende.
Frau Permaneder wußte wohl, was sie in dieser Stunde sich selbst und
der ganzen Versammlung an Würde und repräsentativer Haltung schuldete.
Sie hatte, zusammen mit ihrer Tochter Erika und ihrer Enkelin Elisabeth,
die sichtbarsten Ehrenplätze dicht beim Pastor, neben dem Kopfende des
mit Kränzen bedeckten Sarges, in Besitz genommen, während Thomas,
Gerda, Christian, Klothilde und der kleine Johann, sowie der alte Konsul
Kröger, der auf einem Stuhle saß, gleich den Verwandten zweiten Grades es
sich gefallen ließen, der Feier an minder ausgezeichneten Plätzen
beizuwohnen. Hochaufgerichtet, mit ein wenig emporgezogenen Schultern,
das schwarzgeränderte Batisttuch zwischen den zusammengelegten
Händen, stand sie da, und ihr Stolz über die erste Rolle, die ihr bei dieser
Feierlichkeit zufiel, war so groß, daß er manchmal den Schmerz vollständig
zurückdrängte und in Vergessenheit geraten ließ. Ihre Augen, die sie in dem
Bewußtsein, den beobachtenden Blicken der ganzen Stadt ausgesetzt zu
sein, meistens gesenkt hielt, konnten es sich hie und da nicht versagen, über
die Menge hinzuschweifen, in der sie auch Julchen Möllendorpf, geborene
Hagenström, und ihren Gatten gewahrte … Ja, sie hatten alle kommen
müssen, die Möllendorpfs, Kistenmakers, Langhals und Oeverdiecks!
Bevor Tony Buddenbrook ihr Elternhaus räumte, hatten sie sich noch
einmal hier zusammenscharen müssen, um ihr, trotz Grünlich, trotz
Permaneder und trotz Hugo Weinschenk, ihre mittrauernde Ehrerbietung zu
erweisen …!
Und Pastor Pringsheim bohrte mit seiner Trauerrede in der Wunde
herum, die der Tod geschlagen hatte, er führte mit Berechnung einem jeden
vor Augen, was er verloren, er verstand es, Tränen auch dort
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hervorzupressen, wo von selbst keine geflossen wären, und dafür waren die
Gerührten ihm dankbar. Als er den »Jerusalemsabend« zur Sprache brachte,
begannen alle alten Freundinnen der Verstorbenen zu schluchzen, mit
Ausnahme von Madame Kethelsen, die nichts vernahm und mit der
verschlossenen Miene der Tauben geradeaus blickte, und der Schwestern
Gerhardt, der Nachkommen Paul Gerhardts, die Hand in Hand mit klaren
Augen in einem Winkel standen; denn sie waren fröhlich über den Tod ihrer
Freundin, und beneideten sie nur deshalb nicht, weil Neid und Mißgunst
ihren Herzen fremd war.
Was Mademoiselle Weichbrodt betraf, so putzte sie unaufhörlich ihre
Nase mit einem kurzen und energischen Akzent. Aber die Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße weinten nicht; dies war nicht ihre
Gewohnheit. Ihre Mienen, weniger spitz immerhin als gewöhnlich,
drückten eine milde Genugtuung über die unparteiische Gerechtigkeit des
Todes aus …
Dann, als Pastor Pringsheims letztes Amen verklungen, kamen mit ihren
schwarzen Dreispitzen, leise und dennoch so schnell, daß die schwarzen
Mäntel hinter ihnen sich bauschten, die vier Träger herein und legten Hand
an den Sarg. Es waren vier Lakaiengesichter, die jedermann kannte,
Lohndiener, die bei jedem Diner in den ersten Kreisen die schweren
Schüsseln reichten und auf den Korridoren Möllendorpfschen Rotwein aus
den Karaffen tranken. Aber auch bei jedem Begräbnis erster und zweiter
Klasse waren sie unentbehrlich, und ihre Gewandtheit bei dieser Arbeit war
groß. Sie wußten wohl, daß dieser Augenblick, da der Sarg, aus der Mitte
der Verbliebenen heraus, von Fremden ergriffen und für immer
davongeschleppt wird, durch Takt und Behendigkeit überwunden werden
muß. Mit zwei oder drei hurtigen, geräuschlosen und kräftigen Bewegungen
hatten sie die Last von der Bahre auf ihre Schultern gehoben, und kaum,
daß jemand Zeit hatte, sich das Schreckliche des Augenblicks klar zu
machen, so schwankte der blumenbedeckte Schrein schon ohne
Verzögerung und dennoch gemessenen Tempos davon und verschwand
durch die Säulenhalle.
Die Damen drängten sich behutsam zum Händedruck um Frau
Permaneder und ihre Tochter, wobei sie mit niedergeschlagenen Augen
nicht mehr und nicht weniger murmelten, als was bei dieser Gelegenheit
Gerührten ihm dankbar. Als er den »Jerusalemsabend« zur Sprache brachte,
begannen alle alten Freundinnen der Verstorbenen zu schluchzen, mit
Ausnahme von Madame Kethelsen, die nichts vernahm und mit der
verschlossenen Miene der Tauben geradeaus blickte, und der Schwestern
Gerhardt, der Nachkommen Paul Gerhardts, die Hand in Hand mit klaren
Augen in einem Winkel standen; denn sie waren fröhlich über den Tod ihrer
Freundin, und beneideten sie nur deshalb nicht, weil Neid und Mißgunst
ihren Herzen fremd war.
Was Mademoiselle Weichbrodt betraf, so putzte sie unaufhörlich ihre
Nase mit einem kurzen und energischen Akzent. Aber die Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße weinten nicht; dies war nicht ihre
Gewohnheit. Ihre Mienen, weniger spitz immerhin als gewöhnlich,
drückten eine milde Genugtuung über die unparteiische Gerechtigkeit des
Todes aus …
Dann, als Pastor Pringsheims letztes Amen verklungen, kamen mit ihren
schwarzen Dreispitzen, leise und dennoch so schnell, daß die schwarzen
Mäntel hinter ihnen sich bauschten, die vier Träger herein und legten Hand
an den Sarg. Es waren vier Lakaiengesichter, die jedermann kannte,
Lohndiener, die bei jedem Diner in den ersten Kreisen die schweren
Schüsseln reichten und auf den Korridoren Möllendorpfschen Rotwein aus
den Karaffen tranken. Aber auch bei jedem Begräbnis erster und zweiter
Klasse waren sie unentbehrlich, und ihre Gewandtheit bei dieser Arbeit war
groß. Sie wußten wohl, daß dieser Augenblick, da der Sarg, aus der Mitte
der Verbliebenen heraus, von Fremden ergriffen und für immer
davongeschleppt wird, durch Takt und Behendigkeit überwunden werden
muß. Mit zwei oder drei hurtigen, geräuschlosen und kräftigen Bewegungen
hatten sie die Last von der Bahre auf ihre Schultern gehoben, und kaum,
daß jemand Zeit hatte, sich das Schreckliche des Augenblicks klar zu
machen, so schwankte der blumenbedeckte Schrein schon ohne
Verzögerung und dennoch gemessenen Tempos davon und verschwand
durch die Säulenhalle.
Die Damen drängten sich behutsam zum Händedruck um Frau
Permaneder und ihre Tochter, wobei sie mit niedergeschlagenen Augen
nicht mehr und nicht weniger murmelten, als was bei dieser Gelegenheit
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gemurmelt werden mußte, während die Herren sich anschickten, zu den
Wagen hinunterzusteigen …
Und es kam, in langem, schwarzem Zuge, die lange, langsame Fahrt
durch die grauen und feuchten Straßen, durchs Burgtor hinaus, die
entblätterte, im kalten Sprühregen schauernde Allee entlang bis zum
Friedhof, woselbst man, während hinter einem halbkahlen Gesträuch ein
Trauermarsch erklang, zu Fuß dem Sarge über die aufgeweichten Wege
folgte, bis dorthin, wo am Rande des Gehölzes das Buddenbrooksche
Erbbegräbnis seine von dem großen Sandsteinkreuz gekrönte gotische
Namensplatte emporragen ließ … Der steinerne Deckel des Grabes, mit
dem plastisch gearbeiteten Familienwappen geziert, lag neben der
schwarzen, von feuchtem Grün umrahmten Gruft.
Der Platz war dort unten dem neuen Ankömmling bereitet. Unter der
Aufsicht des Senators war dort in den letzten Tagen ein wenig geräumt und
Überreste alter Buddenbrooks waren beiseite geschafft worden. Nun
schwebte, während die Musik verklang, der Sarg an den Stricken der Träger
über der ausgemauerten Tiefe; mit einem leisen Gepolter glitt er hinab, und
Pastor Pringsheim, welcher Pulswärmer angezogen hatte, begann aufs neue
zu sprechen. Seine geschulte Stimme klang klar, beweglich und fromm über
das offene Grab und die gebeugten oder wehmütig zur Seite gelegten Köpfe
der anwesenden Herren hin in die kühle und stille Herbstluft hinein.
Schließlich beugte er sich über die Gruft, redete die Tote mit ihrem
vollständigen Namen an und segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes. Als
er verstummte und alle Herren mit ihren schwarz bekleideten Händen den
Zylinder vor das Gesicht hielten, um still zu beten, kam ein wenig Sonne
hervor. Es regnete nicht mehr, und in das Geräusch der Tropfen, die
vereinzelt von Bäumen und Sträuchern fielen, klang hie und da ein kurzes,
feines und fragendes Vogelzwitschern hinein.
Und dann machte sich ein jeder daran, den Söhnen und dem Bruder der
Toten noch einmal die Hand zu drücken.
Thomas Buddenbrook, den dicken und dunklen Stoff seines Überziehers
mit feinen, silbernen Regentropfen betaut, stand zwischen seinem Bruder
Christian und seinem Onkel Justus bei diesem Defilee. Er begann in letzter
Zeit ein wenig stark zu werden – das einzige Anzeichen des Alterns an
Wagen hinunterzusteigen …
Und es kam, in langem, schwarzem Zuge, die lange, langsame Fahrt
durch die grauen und feuchten Straßen, durchs Burgtor hinaus, die
entblätterte, im kalten Sprühregen schauernde Allee entlang bis zum
Friedhof, woselbst man, während hinter einem halbkahlen Gesträuch ein
Trauermarsch erklang, zu Fuß dem Sarge über die aufgeweichten Wege
folgte, bis dorthin, wo am Rande des Gehölzes das Buddenbrooksche
Erbbegräbnis seine von dem großen Sandsteinkreuz gekrönte gotische
Namensplatte emporragen ließ … Der steinerne Deckel des Grabes, mit
dem plastisch gearbeiteten Familienwappen geziert, lag neben der
schwarzen, von feuchtem Grün umrahmten Gruft.
Der Platz war dort unten dem neuen Ankömmling bereitet. Unter der
Aufsicht des Senators war dort in den letzten Tagen ein wenig geräumt und
Überreste alter Buddenbrooks waren beiseite geschafft worden. Nun
schwebte, während die Musik verklang, der Sarg an den Stricken der Träger
über der ausgemauerten Tiefe; mit einem leisen Gepolter glitt er hinab, und
Pastor Pringsheim, welcher Pulswärmer angezogen hatte, begann aufs neue
zu sprechen. Seine geschulte Stimme klang klar, beweglich und fromm über
das offene Grab und die gebeugten oder wehmütig zur Seite gelegten Köpfe
der anwesenden Herren hin in die kühle und stille Herbstluft hinein.
Schließlich beugte er sich über die Gruft, redete die Tote mit ihrem
vollständigen Namen an und segnete sie mit dem Zeichen des Kreuzes. Als
er verstummte und alle Herren mit ihren schwarz bekleideten Händen den
Zylinder vor das Gesicht hielten, um still zu beten, kam ein wenig Sonne
hervor. Es regnete nicht mehr, und in das Geräusch der Tropfen, die
vereinzelt von Bäumen und Sträuchern fielen, klang hie und da ein kurzes,
feines und fragendes Vogelzwitschern hinein.
Und dann machte sich ein jeder daran, den Söhnen und dem Bruder der
Toten noch einmal die Hand zu drücken.
Thomas Buddenbrook, den dicken und dunklen Stoff seines Überziehers
mit feinen, silbernen Regentropfen betaut, stand zwischen seinem Bruder
Christian und seinem Onkel Justus bei diesem Defilee. Er begann in letzter
Zeit ein wenig stark zu werden – das einzige Anzeichen des Alterns an
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seinem sorgfältig gepflegten Äußeren. Seine Wangen, über die der spitz
ausgezogene Schnurrbart hinausragte, rundeten sich; aber sie waren
weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten Augen
blickten jedem Herrn, dessen Hand er während eines Augenblicks in der
seinen hielt, mit einer matten Höflichkeit ins Gesicht.
Vi e r t e s K a p i t e l
Acht Tage später saß in Senator Buddenbrooks Privatkontor, auf dem
Ledersessel zur Seite des Schreibtisches, ein kleiner, glattrasierter Greis mit
tief in Stirn und Schläfen gestrichenem, schlohweißem Haar. In gebückter
Haltung stützte er sich mit beiden Händen auf die weiße Krücke seines
Stockes, ließ das spitz hervorspringende Kinn auf den Händen ruhen und
hielt mit bösartig zusammengepreßten Lippen und abwärts gezogenen
Mundwinkeln von unten herauf einen so abscheulichen und durchdringend
tückischen Blick auf den Senator gerichtet, daß es unbegreiflich erschien,
warum dieser die Gemeinschaft mit einem solchen Menschen nicht lieber
mied. Aber Thomas Buddenbrook saß ohne merkliche Unruhe
zurückgelehnt und sprach zu dieser hämischen und dämonischen
Erscheinung wie zu einem harmlosen Bürger … Zwischen dem Chef der
Firma Johann Buddenbrook und dem Makler Sigismund Gosch ward über
die Kaufsumme für das alte Haus in der Mengstraße beratschlagt.
Das nahm eine lange Zeit in Anspruch, denn das Angebot von 28000
Talern Kurant, das Herr Gosch gemacht hatte, schien dem Senator zu
niedrig, während der Makler sich zur Hölle verschwur, wenn dieser Summe
auch nur einen Silbergroschen hinzuzufügen nicht eine Tat des Wahnwitzes
wäre. Thomas Buddenbrook sprach von der zentralen Lage und dem
ungewöhnlichen Umfange des Grundstückes, aber Herr Gosch hielt mit
zischender, gepreßter und verbissener Stimme, verzerrten Lippen und
grauenerregenden Gesten einen Vortrag über das erdrückende Risiko, das er
übernähme, eine Explikation, die in ihrer lebensvollen Eindringlichkeit
beinahe ein Gedicht zu nennen war … Ha! Wann, an wen, für wieviel er
dieses Haus wohl wieder würde absetzen können? Wie oft im Rollen der
Jahrhunderte denn eine Nachfrage nach einem solchen Grundstück laut
würde? Ob sein hochverehrter Freund und Gönner ihm etwa versprechen
ausgezogene Schnurrbart hinausragte, rundeten sich; aber sie waren
weißlich, bleich, ohne Blut und Leben. Seine leicht geröteten Augen
blickten jedem Herrn, dessen Hand er während eines Augenblicks in der
seinen hielt, mit einer matten Höflichkeit ins Gesicht.
Vi e r t e s K a p i t e l
Acht Tage später saß in Senator Buddenbrooks Privatkontor, auf dem
Ledersessel zur Seite des Schreibtisches, ein kleiner, glattrasierter Greis mit
tief in Stirn und Schläfen gestrichenem, schlohweißem Haar. In gebückter
Haltung stützte er sich mit beiden Händen auf die weiße Krücke seines
Stockes, ließ das spitz hervorspringende Kinn auf den Händen ruhen und
hielt mit bösartig zusammengepreßten Lippen und abwärts gezogenen
Mundwinkeln von unten herauf einen so abscheulichen und durchdringend
tückischen Blick auf den Senator gerichtet, daß es unbegreiflich erschien,
warum dieser die Gemeinschaft mit einem solchen Menschen nicht lieber
mied. Aber Thomas Buddenbrook saß ohne merkliche Unruhe
zurückgelehnt und sprach zu dieser hämischen und dämonischen
Erscheinung wie zu einem harmlosen Bürger … Zwischen dem Chef der
Firma Johann Buddenbrook und dem Makler Sigismund Gosch ward über
die Kaufsumme für das alte Haus in der Mengstraße beratschlagt.
Das nahm eine lange Zeit in Anspruch, denn das Angebot von 28000
Talern Kurant, das Herr Gosch gemacht hatte, schien dem Senator zu
niedrig, während der Makler sich zur Hölle verschwur, wenn dieser Summe
auch nur einen Silbergroschen hinzuzufügen nicht eine Tat des Wahnwitzes
wäre. Thomas Buddenbrook sprach von der zentralen Lage und dem
ungewöhnlichen Umfange des Grundstückes, aber Herr Gosch hielt mit
zischender, gepreßter und verbissener Stimme, verzerrten Lippen und
grauenerregenden Gesten einen Vortrag über das erdrückende Risiko, das er
übernähme, eine Explikation, die in ihrer lebensvollen Eindringlichkeit
beinahe ein Gedicht zu nennen war … Ha! Wann, an wen, für wieviel er
dieses Haus wohl wieder würde absetzen können? Wie oft im Rollen der
Jahrhunderte denn eine Nachfrage nach einem solchen Grundstück laut
würde? Ob sein hochverehrter Freund und Gönner ihm etwa versprechen
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könne, daß morgen mit dem Zuge von Büchen ein Nabob aus Indien
eintreffen werde, um sich im Buddenbrookschen Hause einzurichten? Er –
Sigismund Gosch – werde damit sitzenbleiben … damit sitzenbleiben
werde er, und dann sei er ein geschlagener, ein endgültig vernichteter
Mensch, der nicht mehr die Zeit haben werde, sich zu erheben, denn seine
Uhr sei abgelaufen, sein Grab sei geschaufelt, geschaufelt sei es … Und da
diese Wendung ihn fesselte, so fügte er noch etwas von schlotternden
Lemuren und dumpf auf den Sargdeckel fallenden Erdschollen hinzu.
Dennoch gab der Senator sich nicht zufrieden. Er sprach über die
vortreffliche Teilbarkeit des Grundstückes, betonte die Verantwortung, die
er seinen Geschwistern gegenüber trage, und beharrte bei dem Preise von
30000 Talern Kurant, um dann aufs neue mit einem Gemisch von
Nervosität und Wohlgefallen eine wohlpointierte Entgegnung des Herrn
Gosch anzuhören. Das dauerte wohl zwei Stunden lang, in deren Verlaufe
Herr Gosch Gelegenheit hatte, alle Register seiner Charakterkunst zu
ziehen. Er spielte gleichsam ein doppeltes Spiel, er spielte einen
heuchelnden Bösewicht. »Schlagen Sie ein, Herr Senator, mein jugendlicher
Gönner … 84000 Kurantmark … es ist das Angebot eines alten, ehrlichen
Mannes!« sagte er mit süßer Stimme, indem er den Kopf auf die Seite legte,
sein von Grimassen verwüstetes Gesicht zu einem Lächeln der treuherzigen
Einfalt verzog und seine Hand, eine große, weiße Hand, mit langen und
zitternden Fingern, von sich streckte. Aber das war Lüge und Verräterei!
Ein Kind hätte diese heuchlerische Maske durchschauen müssen, unter
welcher die tiefinnere Schurkenhaftigkeit dieses Menschen gräßlich
hervorgrinste …
Endlich erklärte Thomas Buddenbrook, daß er sich eine Bedenkzeit
erbitten und jedenfalls mit seinen Geschwistern Rücksprache nehmen
müsse, bevor er die 28000 Taler akzeptiere, was wohl kaum jemals
geschehen könne. Er brachte vorderhand das Gespräch auf ein neutrales
Gebiet, erkundigte sich nach den geschäftlichen Erfolgen des Herrn Gosch,
nach seinem persönlichen Wohlergehen …
Herrn Gosch ging es schlecht; mit einer schönen und großen
Armbewegung wies er die Annahme zurück, er könne zu den Glücklichen
gehören. Das beschwerliche Greisenalter nahte heran, es war da, wie
gesagt, seine Grube war geschaufelt. Er konnte abends kaum noch sein Glas
eintreffen werde, um sich im Buddenbrookschen Hause einzurichten? Er –
Sigismund Gosch – werde damit sitzenbleiben … damit sitzenbleiben
werde er, und dann sei er ein geschlagener, ein endgültig vernichteter
Mensch, der nicht mehr die Zeit haben werde, sich zu erheben, denn seine
Uhr sei abgelaufen, sein Grab sei geschaufelt, geschaufelt sei es … Und da
diese Wendung ihn fesselte, so fügte er noch etwas von schlotternden
Lemuren und dumpf auf den Sargdeckel fallenden Erdschollen hinzu.
Dennoch gab der Senator sich nicht zufrieden. Er sprach über die
vortreffliche Teilbarkeit des Grundstückes, betonte die Verantwortung, die
er seinen Geschwistern gegenüber trage, und beharrte bei dem Preise von
30000 Talern Kurant, um dann aufs neue mit einem Gemisch von
Nervosität und Wohlgefallen eine wohlpointierte Entgegnung des Herrn
Gosch anzuhören. Das dauerte wohl zwei Stunden lang, in deren Verlaufe
Herr Gosch Gelegenheit hatte, alle Register seiner Charakterkunst zu
ziehen. Er spielte gleichsam ein doppeltes Spiel, er spielte einen
heuchelnden Bösewicht. »Schlagen Sie ein, Herr Senator, mein jugendlicher
Gönner … 84000 Kurantmark … es ist das Angebot eines alten, ehrlichen
Mannes!« sagte er mit süßer Stimme, indem er den Kopf auf die Seite legte,
sein von Grimassen verwüstetes Gesicht zu einem Lächeln der treuherzigen
Einfalt verzog und seine Hand, eine große, weiße Hand, mit langen und
zitternden Fingern, von sich streckte. Aber das war Lüge und Verräterei!
Ein Kind hätte diese heuchlerische Maske durchschauen müssen, unter
welcher die tiefinnere Schurkenhaftigkeit dieses Menschen gräßlich
hervorgrinste …
Endlich erklärte Thomas Buddenbrook, daß er sich eine Bedenkzeit
erbitten und jedenfalls mit seinen Geschwistern Rücksprache nehmen
müsse, bevor er die 28000 Taler akzeptiere, was wohl kaum jemals
geschehen könne. Er brachte vorderhand das Gespräch auf ein neutrales
Gebiet, erkundigte sich nach den geschäftlichen Erfolgen des Herrn Gosch,
nach seinem persönlichen Wohlergehen …
Herrn Gosch ging es schlecht; mit einer schönen und großen
Armbewegung wies er die Annahme zurück, er könne zu den Glücklichen
gehören. Das beschwerliche Greisenalter nahte heran, es war da, wie
gesagt, seine Grube war geschaufelt. Er konnte abends kaum noch sein Glas
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Grog zum Munde führen, ohne die Hälfte zu verschütten, so machte der
Teufel seinen Arm zittern. Da nützte kein Fluchen … Der Wille
triumphierte nicht mehr … Immerhin! Er hatte ein Leben hinter sich, ein
nicht ganz armes Leben. Mit wachen Augen hatte er in die Welt gesehen.
Revolutionen und Kriege waren vorübergebraust, und ihre Wogen waren
auch durch sein Herz gegangen … sozusagen. Ha, verdammt, das waren
andere Zeiten gewesen, als er während jener historischen
Bürgerschaftssitzung an der Seite von des Senators Vater, neben Konsul
Johann Buddenbrook dem Ansturm des wütenden Pöbels getrotzt hatte! Der
schrecklichste der Schrecken … Nein, sein Leben war nicht arm gewesen,
auch innerlich nicht so ganz. Verdammt, er hatte Kräfte verspürt, und wie
die Kraft, so das Ideal – sagt Feuerbach. Und auch jetzt noch, auch jetzt …
seine Seele war nicht verarmt, sein Herz war jung geblieben, es hatte nie
aufgehört, würde nie aufhören, grandioser Erlebnisse fähig zu sein, seine
Ideale warm und treu zu umschließen … Er würde sie mit ins Grab nehmen,
gewiß! Aber waren Ideale dazu da, erreicht und verwirklicht zu werden?
Keineswegs! Die Sterne, die begehrt man nicht, aber die Hoffnung … oh,
die Hoffnung, nicht die Erfüllung, die Hoffnung war das beste im Leben.
L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous
mener à la fin de la vie par un chemin agréable. Das hatte
Larochefoucauld gesagt, und es war schön, nicht wahr?… Ja, sein
hochverehrter Freund und Gönner brauchte dergleichen nicht zu wissen!
Wen die Wogen des realen Lebens hoch auf ihre Schultern genommen
hatten, daß das Glück seine Stirn umspielte, der brauchte solche Dinge nicht
im Kopfe zu haben. Aber wer einsam tief unten im Dunkel träumte, der
hatte dergleichen nötig!…
»Sie sind glücklich«, sagte er plötzlich, indem er eine Hand auf des
Senators Knie legte und mit schwimmendem Blick zu ihm emporsah. »… O
doch! Versündigen Sie sich nicht, indem Sie das leugnen! Sie sind
glücklich! Sie halten das Glück in den Armen! Sie sind ausgezogen und
haben es sich mit starkem Arm erobert … mit starker Hand!« verbesserte er
sich, weil er die zu schnelle Wiederholung des Wortes »Arm« nicht ertragen
konnte. Dann verstummte er, und ohne ein Wort von des Senators
abwehrender und resignierter Antwort zu vernehmen, fuhr er fort, ihm mit
einer dunklen Träumerei ins Gesicht zu blicken. Plötzlich richtete er sich
auf.
Teufel seinen Arm zittern. Da nützte kein Fluchen … Der Wille
triumphierte nicht mehr … Immerhin! Er hatte ein Leben hinter sich, ein
nicht ganz armes Leben. Mit wachen Augen hatte er in die Welt gesehen.
Revolutionen und Kriege waren vorübergebraust, und ihre Wogen waren
auch durch sein Herz gegangen … sozusagen. Ha, verdammt, das waren
andere Zeiten gewesen, als er während jener historischen
Bürgerschaftssitzung an der Seite von des Senators Vater, neben Konsul
Johann Buddenbrook dem Ansturm des wütenden Pöbels getrotzt hatte! Der
schrecklichste der Schrecken … Nein, sein Leben war nicht arm gewesen,
auch innerlich nicht so ganz. Verdammt, er hatte Kräfte verspürt, und wie
die Kraft, so das Ideal – sagt Feuerbach. Und auch jetzt noch, auch jetzt …
seine Seele war nicht verarmt, sein Herz war jung geblieben, es hatte nie
aufgehört, würde nie aufhören, grandioser Erlebnisse fähig zu sein, seine
Ideale warm und treu zu umschließen … Er würde sie mit ins Grab nehmen,
gewiß! Aber waren Ideale dazu da, erreicht und verwirklicht zu werden?
Keineswegs! Die Sterne, die begehrt man nicht, aber die Hoffnung … oh,
die Hoffnung, nicht die Erfüllung, die Hoffnung war das beste im Leben.
L'espérance toute trompeuse qu'elle est, sert au moins à nous
mener à la fin de la vie par un chemin agréable. Das hatte
Larochefoucauld gesagt, und es war schön, nicht wahr?… Ja, sein
hochverehrter Freund und Gönner brauchte dergleichen nicht zu wissen!
Wen die Wogen des realen Lebens hoch auf ihre Schultern genommen
hatten, daß das Glück seine Stirn umspielte, der brauchte solche Dinge nicht
im Kopfe zu haben. Aber wer einsam tief unten im Dunkel träumte, der
hatte dergleichen nötig!…
»Sie sind glücklich«, sagte er plötzlich, indem er eine Hand auf des
Senators Knie legte und mit schwimmendem Blick zu ihm emporsah. »… O
doch! Versündigen Sie sich nicht, indem Sie das leugnen! Sie sind
glücklich! Sie halten das Glück in den Armen! Sie sind ausgezogen und
haben es sich mit starkem Arm erobert … mit starker Hand!« verbesserte er
sich, weil er die zu schnelle Wiederholung des Wortes »Arm« nicht ertragen
konnte. Dann verstummte er, und ohne ein Wort von des Senators
abwehrender und resignierter Antwort zu vernehmen, fuhr er fort, ihm mit
einer dunklen Träumerei ins Gesicht zu blicken. Plötzlich richtete er sich
auf.
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»Aber wir plaudern«, sagte er, »und doch sind wir in Geschäften
zusammengekommen. Die Zeit ist kostbar – verlieren wir sie nicht mit
Bedenken! Hören Sie mich an … Weil S i e es sind … verstehen Sie mich?
Weil …« Es sah aus, als wollte Herr Gosch aufs neue in ein schönes Sinnen
versinken, aber er raffte sich auf und rief mit einer weiten, schwungvollen
und enthusiastischen Geste: »Neunundzwanzigtausend Taler …
Siebenundachtzigtausend Mark Kurant für das Haus Ihrer Mutter! Top?…«
Und Senator Buddenbrook schlug ein.
Frau Permaneder fand, wie zu erwarten stand, den Kaufpreis zum
Lachen gering. Würde jemand, in Anbetracht der Erinnerungen, die sich für
sie daran knüpften, eine Million für das Haus auf den Tisch gezählt haben,
sie hätte dies als eine anständige Handlungsweise empfunden – weiter
nichts. Indessen gewöhnte sie sich rasch an die Zahl, die ihr Bruder ihr
genannt hatte, besonders, da ihr Denken und Trachten von Zukunftsplänen
in Anspruch genommen war.
Sie freute sich von Herzen über die vielen guten Möbel, die ihr
zugefallen waren, und obgleich fürs erste niemand daran dachte, sie aus
ihrem Elternhause zu verjagen, betrieb sie das Auffinden und Mieten einer
neuen Wohnung für sich und die Ihren mit vielem Eifer. Der Abschied
würde schwer sein … gewiß, der Gedanke daran trieb ihr die Tränen in die
Augen. Aber andererseits hatte die Aussicht auf Neuerung und Veränderung
doch ihren Reiz … War es nicht fast wie eine neue, eine vierte Etablierung?
Wieder besichtigte sie Wohnräume, wieder nahm sie Rücksprache mit dem
Tapezierer Jacobs, wieder unterhandelte sie in den Läden über Portieren
und Läuferstoffe … Ihr Herz pochte, wahrhaftig, das Herz dieser alten, vom
Leben gestählten Frau schlug höher!
So vergingen Wochen, vier, fünf und sechs Wochen. Der erste Schnee
kam, der Winter war da, die Öfen prasselten, und Buddenbrooks überlegten
traurig, wie diesmal das Weihnachtsfest vergehen werde … Da plötzlich
geschah etwas, etwas Dramatisches, etwas über alle Maßen
Überraschendes; der Lauf der Dinge nahm eine Wendung, die das
allgemeinste Interesse verdiente und auch erhielt; ein Ereignis trat ein … es
s c h l u g ein, es machte, daß Frau Permaneder inmitten ihrer Geschäfte
stille stand und erstarrte!
zusammengekommen. Die Zeit ist kostbar – verlieren wir sie nicht mit
Bedenken! Hören Sie mich an … Weil S i e es sind … verstehen Sie mich?
Weil …« Es sah aus, als wollte Herr Gosch aufs neue in ein schönes Sinnen
versinken, aber er raffte sich auf und rief mit einer weiten, schwungvollen
und enthusiastischen Geste: »Neunundzwanzigtausend Taler …
Siebenundachtzigtausend Mark Kurant für das Haus Ihrer Mutter! Top?…«
Und Senator Buddenbrook schlug ein.
Frau Permaneder fand, wie zu erwarten stand, den Kaufpreis zum
Lachen gering. Würde jemand, in Anbetracht der Erinnerungen, die sich für
sie daran knüpften, eine Million für das Haus auf den Tisch gezählt haben,
sie hätte dies als eine anständige Handlungsweise empfunden – weiter
nichts. Indessen gewöhnte sie sich rasch an die Zahl, die ihr Bruder ihr
genannt hatte, besonders, da ihr Denken und Trachten von Zukunftsplänen
in Anspruch genommen war.
Sie freute sich von Herzen über die vielen guten Möbel, die ihr
zugefallen waren, und obgleich fürs erste niemand daran dachte, sie aus
ihrem Elternhause zu verjagen, betrieb sie das Auffinden und Mieten einer
neuen Wohnung für sich und die Ihren mit vielem Eifer. Der Abschied
würde schwer sein … gewiß, der Gedanke daran trieb ihr die Tränen in die
Augen. Aber andererseits hatte die Aussicht auf Neuerung und Veränderung
doch ihren Reiz … War es nicht fast wie eine neue, eine vierte Etablierung?
Wieder besichtigte sie Wohnräume, wieder nahm sie Rücksprache mit dem
Tapezierer Jacobs, wieder unterhandelte sie in den Läden über Portieren
und Läuferstoffe … Ihr Herz pochte, wahrhaftig, das Herz dieser alten, vom
Leben gestählten Frau schlug höher!
So vergingen Wochen, vier, fünf und sechs Wochen. Der erste Schnee
kam, der Winter war da, die Öfen prasselten, und Buddenbrooks überlegten
traurig, wie diesmal das Weihnachtsfest vergehen werde … Da plötzlich
geschah etwas, etwas Dramatisches, etwas über alle Maßen
Überraschendes; der Lauf der Dinge nahm eine Wendung, die das
allgemeinste Interesse verdiente und auch erhielt; ein Ereignis trat ein … es
s c h l u g ein, es machte, daß Frau Permaneder inmitten ihrer Geschäfte
stille stand und erstarrte!
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»Thomas«, sagte sie, »bin ich verrückt? Phantasiert vielleicht Gosch?
Es kann nicht möglich sein! Es ist zu absurd, zu undenkbar, zu …« Sie
verstummte und hielt ihre Schläfen mit beiden Händen erfaßt. Aber der
Senator zuckte die Achseln.
»Liebes Kind, noch ist nichts entschieden; aber der Gedanke, die
Möglichkeit ist aufgetaucht, und bei einiger ruhigen Überlegung wirst du
finden, daß an der Sache gar nichts Undenkbares ist. Ein bißchen
frappierend ist es, gewiß. Ich trat auch einen Schritt zurück, als Gosch es
mir sagte. Aber undenkbar? Was steht denn im Wege?…«
»Ich überlebe es nicht«, sagte sie, setzte sich in einen Stuhl und blieb
regungslos.
Was ging vor? – Schon hatte sich ein Käufer für das Haus gefunden
oder doch eine Person, die Interesse für den Fall an den Tag legte und
bereits dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, das feilstehende Besitztum
behufs weiterer Unterhandlungen einmal gründlich in Augenschein zu
nehmen. Und diese Person war Herr Hermann Hagenström, Großhändler
und Königlich Portugiesischer Konsul.
Als das erste Gerücht Frau Permaneder erreicht hatte, war sie gelähmt
gewesen, verblüfft, vor den Kopf geschlagen, ungläubig, unfähig, den
Gedanken in seiner Tiefe zu erfassen. Nun aber, da die Frage mehr und
mehr an Form und Gestalt gewann, da der Besuch Konsul Hagenströms in
der Mengstraße ganz einfach schon vor der Türe stand, nun raffte sie sich
zusammen, und es kam Leben in sie. Sie protestierte nicht, sie bäumte sich
auf. Sie fand Worte, glühende und scharfschneidige Worte, und sie schwang
sie wie Brandfackeln und Kriegsbeile.
»Dies geschieht nicht, Thomas! So lange ich lebe, geschieht dies nicht!
Wenn man seinen Hund verkauft, so sieht man danach, was für einen Herrn
er bekommt. Und Mutters Haus! Unser Haus! Das Landschaftszimmer!…«
»Aber ich frage dich ja, was denn eigentlich im Wege steht?«
»Was im Wege steht? Grundgütiger Gott, was im Wege steht! Berge
sollten ihm im Wege stehen, diesem dicken Menschen, Thomas! Berge!
Aber er sieht sie nicht! Er kümmert sich nicht darum! Er hat kein Gefühl
dafür! Ist er denn ein Vieh?… Seit Urzeiten sind Hagenströms unsere
Es kann nicht möglich sein! Es ist zu absurd, zu undenkbar, zu …« Sie
verstummte und hielt ihre Schläfen mit beiden Händen erfaßt. Aber der
Senator zuckte die Achseln.
»Liebes Kind, noch ist nichts entschieden; aber der Gedanke, die
Möglichkeit ist aufgetaucht, und bei einiger ruhigen Überlegung wirst du
finden, daß an der Sache gar nichts Undenkbares ist. Ein bißchen
frappierend ist es, gewiß. Ich trat auch einen Schritt zurück, als Gosch es
mir sagte. Aber undenkbar? Was steht denn im Wege?…«
»Ich überlebe es nicht«, sagte sie, setzte sich in einen Stuhl und blieb
regungslos.
Was ging vor? – Schon hatte sich ein Käufer für das Haus gefunden
oder doch eine Person, die Interesse für den Fall an den Tag legte und
bereits dem Wunsche Ausdruck gegeben hatte, das feilstehende Besitztum
behufs weiterer Unterhandlungen einmal gründlich in Augenschein zu
nehmen. Und diese Person war Herr Hermann Hagenström, Großhändler
und Königlich Portugiesischer Konsul.
Als das erste Gerücht Frau Permaneder erreicht hatte, war sie gelähmt
gewesen, verblüfft, vor den Kopf geschlagen, ungläubig, unfähig, den
Gedanken in seiner Tiefe zu erfassen. Nun aber, da die Frage mehr und
mehr an Form und Gestalt gewann, da der Besuch Konsul Hagenströms in
der Mengstraße ganz einfach schon vor der Türe stand, nun raffte sie sich
zusammen, und es kam Leben in sie. Sie protestierte nicht, sie bäumte sich
auf. Sie fand Worte, glühende und scharfschneidige Worte, und sie schwang
sie wie Brandfackeln und Kriegsbeile.
»Dies geschieht nicht, Thomas! So lange ich lebe, geschieht dies nicht!
Wenn man seinen Hund verkauft, so sieht man danach, was für einen Herrn
er bekommt. Und Mutters Haus! Unser Haus! Das Landschaftszimmer!…«
»Aber ich frage dich ja, was denn eigentlich im Wege steht?«
»Was im Wege steht? Grundgütiger Gott, was im Wege steht! Berge
sollten ihm im Wege stehen, diesem dicken Menschen, Thomas! Berge!
Aber er sieht sie nicht! Er kümmert sich nicht darum! Er hat kein Gefühl
dafür! Ist er denn ein Vieh?… Seit Urzeiten sind Hagenströms unsere
Page 562
Widersacher … Der alte Hinrich hat Großvater und Vater schikaniert, und
wenn Hermann dir noch nichts Ernstliches hat antun können, wenn er dir
noch keinen Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so geschah es, weil
sich ihm noch keine Gelegenheit dazu bot … Als wir Kinder waren, habe
ich ihn auf offener Straße geohrfeigt, wozu ich meine Gründe hatte, und
seine holdselige Schwester Julchen hat mich dafür beinahe zuschanden
gekratzt. Das sind Kindereien … gut! Aber sie haben voll Hohn und Freude
zugesehen, wenn wir Unglück hatten, und meistens war ich diejenige, die
ihnen dies Vergnügen verschaffte … Gott hat es so gewollt … Aber
inwiefern der Konsul dir geschäftlich geschadet, und mit welcher
Unverschämtheit er dich überflügelt hat, das mußt du selbst am besten
wissen, Tom, darüber kann ich dich nicht belehren. Und als zu guter Letzt
noch Erika eine gute Heirat machte, da hat es sie gewurmt, so lange, bis sie
es fertig gebracht hatten, den Direktor aus der Welt zu schaffen und
einzusperren, durch die Hand ihres Bruders, dieses Katers, dieses Satans
von Staatsanwalt … Und nun wollen sie sich erfrechen … sie entblöden
sich nicht …«
»Höre, Tony, erstens haben wir in der Sache ja ernstlich gar nicht mehr
mitzureden, denn wir haben mit Gosch abgeschlossen, und es ist nun an
ihm, das Geschäft zu machen mit wem er will. Ich gebe dir ja zu, daß eine
gewisse Ironie des Schicksals darin läge …«
»Ironie des Schicksals? Ja, Tom, das ist nun d e i n e Art, dich
auszudrücken! Ich aber nenne es eine Schmach, einen Faustschlag mitten
ins Gesicht, und das wäre es!… Bedenkst du denn nicht, was es bedeutet?
So bedenke doch, was es bedeuten würde, Thomas! Es würde bedeuten:
Buddenbrooks sind fertig, sie sind endgültig abgetan, sie ziehen ab, und
Hagenströms rücken mit Kling und Klang an ihre Stelle … Nie, Thomas,
niemals wirke ich mit bei diesem Schauspiele! Niemals biete ich die Hand
zu dieser Niederträchtigkeit! Mag er nur kommen, laß ihn nur sich
unterstehen, hierher zu kommen, um das Haus zu besichtigen. Ich empfange
ihn nicht, das glaube mir! Ich setze mich mit meiner Tochter und meiner
Enkelin in ein Zimmer und drehe den Schlüssel um und verwehre ihm den
Eintritt, das tue ich …«
»Du wirst das machen, wie du es für klug hältst, meine Liebe, und
vorher überlegen, ob es nicht ratsam sein wird, den gesellschaftlichen
wenn Hermann dir noch nichts Ernstliches hat antun können, wenn er dir
noch keinen Knüppel zwischen die Beine geworfen hat, so geschah es, weil
sich ihm noch keine Gelegenheit dazu bot … Als wir Kinder waren, habe
ich ihn auf offener Straße geohrfeigt, wozu ich meine Gründe hatte, und
seine holdselige Schwester Julchen hat mich dafür beinahe zuschanden
gekratzt. Das sind Kindereien … gut! Aber sie haben voll Hohn und Freude
zugesehen, wenn wir Unglück hatten, und meistens war ich diejenige, die
ihnen dies Vergnügen verschaffte … Gott hat es so gewollt … Aber
inwiefern der Konsul dir geschäftlich geschadet, und mit welcher
Unverschämtheit er dich überflügelt hat, das mußt du selbst am besten
wissen, Tom, darüber kann ich dich nicht belehren. Und als zu guter Letzt
noch Erika eine gute Heirat machte, da hat es sie gewurmt, so lange, bis sie
es fertig gebracht hatten, den Direktor aus der Welt zu schaffen und
einzusperren, durch die Hand ihres Bruders, dieses Katers, dieses Satans
von Staatsanwalt … Und nun wollen sie sich erfrechen … sie entblöden
sich nicht …«
»Höre, Tony, erstens haben wir in der Sache ja ernstlich gar nicht mehr
mitzureden, denn wir haben mit Gosch abgeschlossen, und es ist nun an
ihm, das Geschäft zu machen mit wem er will. Ich gebe dir ja zu, daß eine
gewisse Ironie des Schicksals darin läge …«
»Ironie des Schicksals? Ja, Tom, das ist nun d e i n e Art, dich
auszudrücken! Ich aber nenne es eine Schmach, einen Faustschlag mitten
ins Gesicht, und das wäre es!… Bedenkst du denn nicht, was es bedeutet?
So bedenke doch, was es bedeuten würde, Thomas! Es würde bedeuten:
Buddenbrooks sind fertig, sie sind endgültig abgetan, sie ziehen ab, und
Hagenströms rücken mit Kling und Klang an ihre Stelle … Nie, Thomas,
niemals wirke ich mit bei diesem Schauspiele! Niemals biete ich die Hand
zu dieser Niederträchtigkeit! Mag er nur kommen, laß ihn nur sich
unterstehen, hierher zu kommen, um das Haus zu besichtigen. Ich empfange
ihn nicht, das glaube mir! Ich setze mich mit meiner Tochter und meiner
Enkelin in ein Zimmer und drehe den Schlüssel um und verwehre ihm den
Eintritt, das tue ich …«
»Du wirst das machen, wie du es für klug hältst, meine Liebe, und
vorher überlegen, ob es nicht ratsam sein wird, den gesellschaftlichen
Page 563
Anstand aufmerksam zu wahren. Vermutlich glaubst du, daß Konsul
Hagenström sich durch dein Benehmen tief getroffen fühlen würde? Nein,
weit gefehlt, mein Kind. Er würde sich weder erfreuen noch erbosen
darüber, sondern er würde erstaunt sein, kühl und gleichgültig erstaunt …
Die Sache ist die, daß du bei ihm dieselben Gefühle gegen dich und uns
voraussetzest, die du gegen ihn hegst. Irrtum, Tony! Er haßt dich ja gar
nicht. Warum sollte er dich hassen? Er haßt keinen Menschen. Er sitzt in
Erfolg und Glück und ist voll Heiterkeit und Wohlwollen, glaube mir das
eine. Ich habe dir schon mehr als zehnmal versichert, daß er dich auf der
Straße in der liebenswürdigsten Weise grüßen würde, wenn du dich
überwinden könntest, einmal nicht gar zu kriegerisch und hochmütig in die
Luft zu blicken. Er wundert sich darüber, zwei Minuten lang empfindet er
ein ruhevolles und etwas mokantes Erstaunen, unfähig, einen Mann, dem
niemand etwas anhaben kann, aus dem Gleichgewicht zu bringen … Was
wirfst du ihm vor? Wenn er mich geschäftlich weit überflügelt hat und mir
hie und da mit Erfolg in öffentlichen Angelegenheiten entgegentritt – schön
und gut, so muß er denn wohl ein tüchtigerer Kaufmann und ein besserer
Politiker sein als ich … Durchaus kein Grund, so sonderbar wütend zu
lachen, wie du da tust! Um aber auf das Haus zurückzukommen, so hat ja
das alte längst kaum noch eine tatsächliche Bedeutung für die Familie,
sondern die ist allmählich ganz auf das meine übergegangen … ich sage
das, um dich für jeden Fall zu trösten. Andererseits ist es ja klar, wodurch
Konsul Hagenström auf Kaufgedanken gebracht worden ist. Die Leute sind
emporgekommen, ihre Familie wächst, sie sind mit Möllendorpfs
verschwägert und an Geld und Ansehen den Ersten gleich. Aber es fehlt
ihnen etwas, etwas Äußerliches, worauf sie bislang mit Überlegenheit und
Vorurteilslosigkeit verzichtet haben … Die historische Weihe, sozusagen
das Legitime … Sie scheinen jetzt Appetit danach bekommen zu haben, und
sie verschaffen sich etwas davon, indem sie ein Haus beziehen wie dieses
hier … Paß auf, der Konsul wird hier alles möglichst konservieren, er wird
nichts umbauen, er wird auch das ›Dominus providebit‹ über der Haustür
stehen lassen, obgleich man billig sein und ihm zugestehen muß, daß nicht
der Herr, sondern er ganz allein der Firma Strunck & Hagenström zu einem
so erfreulichen Aufschwung verholfen hat …«
»Bravo, Tom! Ach, wie das wohltut, einmal von dir eine Bosheit über
ihn zu hören! Das ist ja eigentlich alles, was ich will! Mein Gott, hätte ich
Hagenström sich durch dein Benehmen tief getroffen fühlen würde? Nein,
weit gefehlt, mein Kind. Er würde sich weder erfreuen noch erbosen
darüber, sondern er würde erstaunt sein, kühl und gleichgültig erstaunt …
Die Sache ist die, daß du bei ihm dieselben Gefühle gegen dich und uns
voraussetzest, die du gegen ihn hegst. Irrtum, Tony! Er haßt dich ja gar
nicht. Warum sollte er dich hassen? Er haßt keinen Menschen. Er sitzt in
Erfolg und Glück und ist voll Heiterkeit und Wohlwollen, glaube mir das
eine. Ich habe dir schon mehr als zehnmal versichert, daß er dich auf der
Straße in der liebenswürdigsten Weise grüßen würde, wenn du dich
überwinden könntest, einmal nicht gar zu kriegerisch und hochmütig in die
Luft zu blicken. Er wundert sich darüber, zwei Minuten lang empfindet er
ein ruhevolles und etwas mokantes Erstaunen, unfähig, einen Mann, dem
niemand etwas anhaben kann, aus dem Gleichgewicht zu bringen … Was
wirfst du ihm vor? Wenn er mich geschäftlich weit überflügelt hat und mir
hie und da mit Erfolg in öffentlichen Angelegenheiten entgegentritt – schön
und gut, so muß er denn wohl ein tüchtigerer Kaufmann und ein besserer
Politiker sein als ich … Durchaus kein Grund, so sonderbar wütend zu
lachen, wie du da tust! Um aber auf das Haus zurückzukommen, so hat ja
das alte längst kaum noch eine tatsächliche Bedeutung für die Familie,
sondern die ist allmählich ganz auf das meine übergegangen … ich sage
das, um dich für jeden Fall zu trösten. Andererseits ist es ja klar, wodurch
Konsul Hagenström auf Kaufgedanken gebracht worden ist. Die Leute sind
emporgekommen, ihre Familie wächst, sie sind mit Möllendorpfs
verschwägert und an Geld und Ansehen den Ersten gleich. Aber es fehlt
ihnen etwas, etwas Äußerliches, worauf sie bislang mit Überlegenheit und
Vorurteilslosigkeit verzichtet haben … Die historische Weihe, sozusagen
das Legitime … Sie scheinen jetzt Appetit danach bekommen zu haben, und
sie verschaffen sich etwas davon, indem sie ein Haus beziehen wie dieses
hier … Paß auf, der Konsul wird hier alles möglichst konservieren, er wird
nichts umbauen, er wird auch das ›Dominus providebit‹ über der Haustür
stehen lassen, obgleich man billig sein und ihm zugestehen muß, daß nicht
der Herr, sondern er ganz allein der Firma Strunck & Hagenström zu einem
so erfreulichen Aufschwung verholfen hat …«
»Bravo, Tom! Ach, wie das wohltut, einmal von dir eine Bosheit über
ihn zu hören! Das ist ja eigentlich alles, was ich will! Mein Gott, hätte ich
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deinen Kopf, wie wollte ich ihm zusetzen! Aber da stehst du nun …«
»Du siehst ja, daß mein Kopf mir tatsächlich wenig nützt.«
»Aber da stehst du nun, sage ich, und sprichst über die Sache mit dieser
unfaßlichen Gelassenheit und erklärst mir Hagenströms Handlungsweise …
Ach, rede wie du willst, du hast ein Herz im Leibe so gut wie ich, und ich
glaube einfach nicht, daß es dich innerlich so ruhig läßt, wie du tust! Du
antwortest mir auf meine Klagen … vielleicht willst du dich selbst nur
trösten …«
»Jetzt wirst du vorlaut, Tony. Wie ich ›tue‹, das gilt – bitte ich mir aus!
Alles übrige geht niemanden etwas an.«
»Sage nur das eine, Tom, ich flehe dich an: Wäre es nicht ein
Fiebertraum?«
»Vollkommen.«
»Ein Alpdrücken?«
»Warum nicht.«
»Eine Katzenkomödie zum Heulen?«
»Genug! Genug!« –
– Und Konsul Hagenström erschien in der Mengstraße, er erschien
zusammen mit Herrn Gosch, der, seinen Jesuitenhut in der Hand, gebückt
und verräterisch um sich blickend, an dem Folgmädchen vorbei, das die
Karten überbracht hatte und die Glastür offen hielt, hinter dem Konsul ins
Landschaftszimmer trat …
Hermann Hagenström, in einem fußlangen, dicken und schweren Pelze,
der vorne offen stand und einen grüngelben, faserigen und durablen
englischen Winteranzug sehen ließ, war eine großstädtische Figur, ein
imposanter Börsentypus. Er war so außerordentlich fett, daß nicht nur sein
Kinn, sondern sein ganzes Untergesicht doppelt war, was der kurzgehaltene,
blonde Vollbart nicht verhüllte, ja, daß die geschorene Haut seiner
Schädeldecke bei gewissen Bewegungen der Stirn und der Augenbrauen
dicke Falten warf. Seine Nase lag platter als jemals auf der Oberlippe und
»Du siehst ja, daß mein Kopf mir tatsächlich wenig nützt.«
»Aber da stehst du nun, sage ich, und sprichst über die Sache mit dieser
unfaßlichen Gelassenheit und erklärst mir Hagenströms Handlungsweise …
Ach, rede wie du willst, du hast ein Herz im Leibe so gut wie ich, und ich
glaube einfach nicht, daß es dich innerlich so ruhig läßt, wie du tust! Du
antwortest mir auf meine Klagen … vielleicht willst du dich selbst nur
trösten …«
»Jetzt wirst du vorlaut, Tony. Wie ich ›tue‹, das gilt – bitte ich mir aus!
Alles übrige geht niemanden etwas an.«
»Sage nur das eine, Tom, ich flehe dich an: Wäre es nicht ein
Fiebertraum?«
»Vollkommen.«
»Ein Alpdrücken?«
»Warum nicht.«
»Eine Katzenkomödie zum Heulen?«
»Genug! Genug!« –
– Und Konsul Hagenström erschien in der Mengstraße, er erschien
zusammen mit Herrn Gosch, der, seinen Jesuitenhut in der Hand, gebückt
und verräterisch um sich blickend, an dem Folgmädchen vorbei, das die
Karten überbracht hatte und die Glastür offen hielt, hinter dem Konsul ins
Landschaftszimmer trat …
Hermann Hagenström, in einem fußlangen, dicken und schweren Pelze,
der vorne offen stand und einen grüngelben, faserigen und durablen
englischen Winteranzug sehen ließ, war eine großstädtische Figur, ein
imposanter Börsentypus. Er war so außerordentlich fett, daß nicht nur sein
Kinn, sondern sein ganzes Untergesicht doppelt war, was der kurzgehaltene,
blonde Vollbart nicht verhüllte, ja, daß die geschorene Haut seiner
Schädeldecke bei gewissen Bewegungen der Stirn und der Augenbrauen
dicke Falten warf. Seine Nase lag platter als jemals auf der Oberlippe und
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atmete mühsam in den Schnurrbart hinein; dann und wann aber mußte der
Mund ihr zu Hilfe kommen, indem er sich zu einem ergiebigen Atemzuge
öffnete. Und das war noch immer mit einem gelinde schmatzenden
Geräusch verbunden, hervorgerufen durch ein allmähliches Loslösen der
Zunge vom Oberkiefer und vom Schlunde.
Frau Permaneder verfärbte sich, als sie dieses altbekannte Geräusch
vernahm. Eine Vision von Zitronensemmeln mit Trüffelwurst und von
Straßburger Gänseleberpastete suchte sie heim dabei und hätte beinahe für
einen Augenblick die steinerne Würde ihrer Haltung erschüttert … Das
Trauerhäubchen auf dem glattgescheitelten Haar, in einem vortrefflich
sitzenden schwarzen Kleid, dessen Rock mit Volants bis oben hinauf besetzt
war, saß sie mit gekreuzten Armen und etwas emporgezogenen Schultern
auf dem Sofa und richtete noch beim Eintritt der beiden Herren eine
gleichgültige und ruhevolle Bemerkung an ihren Bruder, den Senator, der es
nicht hätte verantworten können, sie in dieser Stunde im Stiche zu lassen …
Sie blieb auch noch sitzen, während der Senator, der den Gästen bis zur
Mitte des Zimmers entgegengeschritten war, eine herzliche Begrüßung mit
dem Makler Gosch und eine korrekt höfliche mit dem Konsul tauschte,
erhob sich dann auch ihrerseits, vollführte eine gemessene Verbeugung vor
beiden zugleich und beteiligte sich dann ohne jedweden Übereifer mit Wort
und Hand an den Aufforderungen ihres Bruders, gefälligst Platz zu nehmen.
Übrigens hielt sie hierbei vor unberührter Gleichgültigkeit ihre Augen
beinahe ganz geschlossen.
Während man sich setzte und im Verlaufe der ersten darauf folgenden
Minuten sprachen abwechselnd der Konsul und der Makler. Herr Gosch bat
mit abstoßend falscher Demut, hinter der allen sichtbar die Tücke lauerte,
gütigst die Störung zu entschuldigen, doch hege Herr Konsul Hagenström
den Wunsch, einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Hauses zu tun,
da er eventuell als Käufer darauf reflektiere … Und dann wiederholte der
Konsul mit einer Stimme, die Frau Permaneder wiederum an belegte
Zitronensemmeln gemahnte, dasselbe noch einmal in anderen Worten. Ja, in
der Tat, der Gedanke sei ihm gekommen, und er sei schnell zum Wunsche
geworden, den er sich und den Seinen erfüllen zu können hoffe, gesetzt, daß
nicht Herr Gosch ein gar zu gutes Geschäft dabei zu machen beabsichtige,
ha, ha!… nun, er zweifle nicht, daß sich die Angelegenheit zur allseitigen
Zufriedenheit werde ordnen lassen.
Mund ihr zu Hilfe kommen, indem er sich zu einem ergiebigen Atemzuge
öffnete. Und das war noch immer mit einem gelinde schmatzenden
Geräusch verbunden, hervorgerufen durch ein allmähliches Loslösen der
Zunge vom Oberkiefer und vom Schlunde.
Frau Permaneder verfärbte sich, als sie dieses altbekannte Geräusch
vernahm. Eine Vision von Zitronensemmeln mit Trüffelwurst und von
Straßburger Gänseleberpastete suchte sie heim dabei und hätte beinahe für
einen Augenblick die steinerne Würde ihrer Haltung erschüttert … Das
Trauerhäubchen auf dem glattgescheitelten Haar, in einem vortrefflich
sitzenden schwarzen Kleid, dessen Rock mit Volants bis oben hinauf besetzt
war, saß sie mit gekreuzten Armen und etwas emporgezogenen Schultern
auf dem Sofa und richtete noch beim Eintritt der beiden Herren eine
gleichgültige und ruhevolle Bemerkung an ihren Bruder, den Senator, der es
nicht hätte verantworten können, sie in dieser Stunde im Stiche zu lassen …
Sie blieb auch noch sitzen, während der Senator, der den Gästen bis zur
Mitte des Zimmers entgegengeschritten war, eine herzliche Begrüßung mit
dem Makler Gosch und eine korrekt höfliche mit dem Konsul tauschte,
erhob sich dann auch ihrerseits, vollführte eine gemessene Verbeugung vor
beiden zugleich und beteiligte sich dann ohne jedweden Übereifer mit Wort
und Hand an den Aufforderungen ihres Bruders, gefälligst Platz zu nehmen.
Übrigens hielt sie hierbei vor unberührter Gleichgültigkeit ihre Augen
beinahe ganz geschlossen.
Während man sich setzte und im Verlaufe der ersten darauf folgenden
Minuten sprachen abwechselnd der Konsul und der Makler. Herr Gosch bat
mit abstoßend falscher Demut, hinter der allen sichtbar die Tücke lauerte,
gütigst die Störung zu entschuldigen, doch hege Herr Konsul Hagenström
den Wunsch, einen Rundgang durch die Räumlichkeiten des Hauses zu tun,
da er eventuell als Käufer darauf reflektiere … Und dann wiederholte der
Konsul mit einer Stimme, die Frau Permaneder wiederum an belegte
Zitronensemmeln gemahnte, dasselbe noch einmal in anderen Worten. Ja, in
der Tat, der Gedanke sei ihm gekommen, und er sei schnell zum Wunsche
geworden, den er sich und den Seinen erfüllen zu können hoffe, gesetzt, daß
nicht Herr Gosch ein gar zu gutes Geschäft dabei zu machen beabsichtige,
ha, ha!… nun, er zweifle nicht, daß sich die Angelegenheit zur allseitigen
Zufriedenheit werde ordnen lassen.
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Sein Gehaben war frei, sorglos, behaglich und weltmännisch, was
seinen Eindruck auf Frau Permaneder nicht verfehlte, besonders da er aus
Courtoisie sich mit seinen Worten fast immer an sie wandte. Er ließ sich
sogar darauf ein, seinen Wunsch in beinahe entschuldigendem Ton
ausführlich zu begründen. »Raum! Mehr Raum!« sagte er. »Mein Haus in
der Sandstraße … Sie glauben es nicht, gnädige Frau, und Sie, Herr Senator
… es wird uns effektiv zu eng, wir können uns manchmal nicht mehr darin
rühren. Ich rede nicht einmal von Gesellschaft … bewahre. Es ist effektiv
nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen meines
Bruders Moritz … und wir befinden uns effektiv wie die Heringe. Also
warum – nicht wahr?«
Er sprach in dem Tone einer leichten Entrüstung, mit einem Ausdruck
und mit Handbewegungen, welche besagten: Sie werden das einsehen …
ich brauche mir das nicht gefallen zu lassen … ich wäre ja dumm … da es
doch, Gott sei Dank, am Nötigsten nicht fehlt, der Sache abzuhelfen …
»Nun habe ich warten wollen«, fuhr er fort, »ich habe warten wollen,
bis Zerline und Bob ein Haus gebrauchen würden, um ihnen erst dann das
meine abzutreten und mich nach etwas Größerem umzutun; aber … Sie
wissen«, unterbrach er sich, »daß meine Tochter Zerline und Bob, der
Älteste meines Bruders, des Staatsanwaltes, seit langen Jahren verlobt sind
… Die Hochzeit soll nun nicht allzu lange mehr hinausgeschoben werden.
Zwei Jahre höchstens noch … Sie sind jung – desto besser! Aber kurz und
gut, warum soll ich auf sie warten und mir die günstige Gelegenheit
entgehen lassen, die sich mir augenblicklich bietet? Es läge effektiv kein
vernünftiger Sinn darin …«
Zustimmung herrschte im Zimmer, und die Unterhaltung blieb ein
wenig bei dieser Familienangelegenheit, dieser bevorstehenden
Verehelichung stehen; denn da vorteilhafte Heiraten zwischen
Geschwisterkindern in der Stadt nichts Ungewöhnliches waren, so nahm
niemand Anstoß daran. Man erkundigte sich nach den Plänen der jungen
Herrschaften, Pläne, die sogar schon die Hochzeitsreise betrafen … Sie
gedachten an die Riviera zu gehen, nach Nizza usw. Sie hatten Lust dazu –
und warum also nicht, nicht wahr?… Auch der jüngeren Kinder wurde
erwähnt, und der Konsul sprach mit Behagen und Wohlgefallen von ihnen,
leichthin und mit Achselzucken. Er selbst besaß fünf Kinder und sein
seinen Eindruck auf Frau Permaneder nicht verfehlte, besonders da er aus
Courtoisie sich mit seinen Worten fast immer an sie wandte. Er ließ sich
sogar darauf ein, seinen Wunsch in beinahe entschuldigendem Ton
ausführlich zu begründen. »Raum! Mehr Raum!« sagte er. »Mein Haus in
der Sandstraße … Sie glauben es nicht, gnädige Frau, und Sie, Herr Senator
… es wird uns effektiv zu eng, wir können uns manchmal nicht mehr darin
rühren. Ich rede nicht einmal von Gesellschaft … bewahre. Es ist effektiv
nur die Familie nötig, Huneus', Möllendorpfs, die Angehörigen meines
Bruders Moritz … und wir befinden uns effektiv wie die Heringe. Also
warum – nicht wahr?«
Er sprach in dem Tone einer leichten Entrüstung, mit einem Ausdruck
und mit Handbewegungen, welche besagten: Sie werden das einsehen …
ich brauche mir das nicht gefallen zu lassen … ich wäre ja dumm … da es
doch, Gott sei Dank, am Nötigsten nicht fehlt, der Sache abzuhelfen …
»Nun habe ich warten wollen«, fuhr er fort, »ich habe warten wollen,
bis Zerline und Bob ein Haus gebrauchen würden, um ihnen erst dann das
meine abzutreten und mich nach etwas Größerem umzutun; aber … Sie
wissen«, unterbrach er sich, »daß meine Tochter Zerline und Bob, der
Älteste meines Bruders, des Staatsanwaltes, seit langen Jahren verlobt sind
… Die Hochzeit soll nun nicht allzu lange mehr hinausgeschoben werden.
Zwei Jahre höchstens noch … Sie sind jung – desto besser! Aber kurz und
gut, warum soll ich auf sie warten und mir die günstige Gelegenheit
entgehen lassen, die sich mir augenblicklich bietet? Es läge effektiv kein
vernünftiger Sinn darin …«
Zustimmung herrschte im Zimmer, und die Unterhaltung blieb ein
wenig bei dieser Familienangelegenheit, dieser bevorstehenden
Verehelichung stehen; denn da vorteilhafte Heiraten zwischen
Geschwisterkindern in der Stadt nichts Ungewöhnliches waren, so nahm
niemand Anstoß daran. Man erkundigte sich nach den Plänen der jungen
Herrschaften, Pläne, die sogar schon die Hochzeitsreise betrafen … Sie
gedachten an die Riviera zu gehen, nach Nizza usw. Sie hatten Lust dazu –
und warum also nicht, nicht wahr?… Auch der jüngeren Kinder wurde
erwähnt, und der Konsul sprach mit Behagen und Wohlgefallen von ihnen,
leichthin und mit Achselzucken. Er selbst besaß fünf Kinder und sein
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Bruder Moritz deren vier: Söhne und Töchter … ja, danke sehr, sie waren
alle wohlauf. Warum sollten sie übrigens nicht wohlauf sein – nicht wahr?
Kurzum, es ging ihnen gut. Und dann kam er wieder auf das Anwachsen der
Familie und die Enge in seinem Hause zu sprechen … »Ja, dies hier ist
etwas anderes!« sagte er. »Das habe ich schon auf dem Wege hier herauf
sehen können – das Haus ist eine Perle, eine Perle ohne Frage, gesetzt, daß
der Vergleich bei diesen Dimensionen haltbar ist, ha! ha!… Schon die
Tapeten hier … ich gestehe Ihnen, gnädige Frau, ich bewundere, während
ich spreche, beständig die Tapeten. Ein scharmantes Zimmer effektiv! Wenn
ich denke … hier haben Sie bislang Ihr Leben verbringen dürfen …«
»Mit einigen Unterbrechungen – ja«, sprach Frau Permaneder mit jener
besonderen Kehlkopfstimme, die ihr manchmal zu Gebote stand.
»Unterbrechungen – ja«, wiederholte der Konsul mit zuvorkommendem
Lächeln. Dann warf er einen Blick auf Senator Buddenbrook und Herrn
Gosch, und da die beiden Herren im Gespräche begriffen waren, rückte er
seinen Sessel näher zu Frau Permaneders Sofasitz heran und beugte sich zu
ihr, so daß nun das schwere Pusten seiner Nase dicht unter der ihren ertönte.
Zu höflich, sich abzuwenden und sich seinem Atem zu entziehen, saß sie
steif und möglichst hoch aufgerichtet und blickte mit gesenkten Lidern auf
ihn nieder. Aber er bemerkte durchaus nicht das Gezwungene und
Unangenehme ihrer Lage.
»Wie ist es, gnädige Frau«, sagte er … »Mir scheint, wir haben früher
schon einmal Geschäfte miteinander gemacht? Damals handelte es sich
freilich nur … um was noch gleich? Leckereien, Zuckerwerk, wie?… Und
jetzt um ein ganzes Haus …«
»Ich erinnere mich nicht«, sagte Frau Permaneder und steifte ihren Hals
noch mehr, denn sein Gesicht war ihr unanständig und unerträglich nahe …
»Sie erinnern sich nicht?«
»Nein, ich weiß, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt
etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt … einem recht
widerlichen Frühstücksbrot … Ich weiß nicht, ob es mir oder Ihnen gehörte
… Wir waren Kinder damals … Aber das mit dem Hause heute ist ja ganz
und gar Sache des Herrn Gosch …«
alle wohlauf. Warum sollten sie übrigens nicht wohlauf sein – nicht wahr?
Kurzum, es ging ihnen gut. Und dann kam er wieder auf das Anwachsen der
Familie und die Enge in seinem Hause zu sprechen … »Ja, dies hier ist
etwas anderes!« sagte er. »Das habe ich schon auf dem Wege hier herauf
sehen können – das Haus ist eine Perle, eine Perle ohne Frage, gesetzt, daß
der Vergleich bei diesen Dimensionen haltbar ist, ha! ha!… Schon die
Tapeten hier … ich gestehe Ihnen, gnädige Frau, ich bewundere, während
ich spreche, beständig die Tapeten. Ein scharmantes Zimmer effektiv! Wenn
ich denke … hier haben Sie bislang Ihr Leben verbringen dürfen …«
»Mit einigen Unterbrechungen – ja«, sprach Frau Permaneder mit jener
besonderen Kehlkopfstimme, die ihr manchmal zu Gebote stand.
»Unterbrechungen – ja«, wiederholte der Konsul mit zuvorkommendem
Lächeln. Dann warf er einen Blick auf Senator Buddenbrook und Herrn
Gosch, und da die beiden Herren im Gespräche begriffen waren, rückte er
seinen Sessel näher zu Frau Permaneders Sofasitz heran und beugte sich zu
ihr, so daß nun das schwere Pusten seiner Nase dicht unter der ihren ertönte.
Zu höflich, sich abzuwenden und sich seinem Atem zu entziehen, saß sie
steif und möglichst hoch aufgerichtet und blickte mit gesenkten Lidern auf
ihn nieder. Aber er bemerkte durchaus nicht das Gezwungene und
Unangenehme ihrer Lage.
»Wie ist es, gnädige Frau«, sagte er … »Mir scheint, wir haben früher
schon einmal Geschäfte miteinander gemacht? Damals handelte es sich
freilich nur … um was noch gleich? Leckereien, Zuckerwerk, wie?… Und
jetzt um ein ganzes Haus …«
»Ich erinnere mich nicht«, sagte Frau Permaneder und steifte ihren Hals
noch mehr, denn sein Gesicht war ihr unanständig und unerträglich nahe …
»Sie erinnern sich nicht?«
»Nein, ich weiß, ehrlich gesagt, nichts von Zuckerwerk. Mir schwebt
etwas vor von Zitronensemmeln mit fetter Wurst belegt … einem recht
widerlichen Frühstücksbrot … Ich weiß nicht, ob es mir oder Ihnen gehörte
… Wir waren Kinder damals … Aber das mit dem Hause heute ist ja ganz
und gar Sache des Herrn Gosch …«
Page 568
Sie warf ihrem Bruder einen raschen, dankbaren Blick zu, denn er hatte
ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte, ob
es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu
unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorläufig von
Frau Permaneder, denn man hoffte, später noch einmal das Vergnügen zu
haben … und dann führte der Senator die beiden Gäste durch den Eßsaal
hinaus.
Er führte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten
Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen
waren, und die Parterreräumlichkeiten, ja selbst Küche und Keller. Was die
Büros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der Rundgang in
die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein paar Bemerkungen
über den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul Hagenström
zweimal hintereinander für einen grundehrlichen Mann erklärte, worauf der
Senator verstummte.
Sie gingen dann durch den kahlen, in halbgeschmolzenem Schnee
liegenden Garten, taten einen Blick in das »Portal« und kehrten auf den
vorderen Hof zurück, dorthin, wo die Waschküche lag, um sich von hier aus
den schmalen gepflasterten Gang zwischen den Mauern entlang über den
hinteren Hof, wo der Eichbaum stand, nach dem Rückgebäude zu begeben.
Hier gab es nichts als vernachlässigte Altersschwäche. Zwischen den
Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses
waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale konnte
man nur flüchtig beunruhigen, indem man die Tür öffnete, ohne einzutreten,
denn der Fußboden war hier nicht sicher.
Konsul Hagenström war schweigsam und ersichtlich mit Erwägungen
und Plänen beschäftigt. »Nun ja –«, sagte er beständig, gleichgültig
abwehrend, und deutete damit an, daß, sollte er hier Herr werden, dies alles
natürlich nicht so bleiben könne. Mit der gleichen Miene stand er auch ein
Weilchen auf dem harten Lehmboden zu ebener Erde und blickte zu den
öden Speicherböden empor. »Nun ja –«, wiederholte er, setzte das dicke
und schadhafte Windetau, das hier, mit seinem verrosteten Eisenhaken am
Ende, während langer Jahre regungslos inmitten des Raumes gehangen
hatte, ein wenig in Pendelbewegung und wandte sich dann auf dem Absatze
um.
ihre Not gesehen und kam ihr zu Hilfe, indem er sich die Frage erlaubte, ob
es den Herren genehm sei, vorerst einmal den Gang durchs Haus zu
unternehmen. Man war bereit dazu, man verabschiedete sich vorläufig von
Frau Permaneder, denn man hoffte, später noch einmal das Vergnügen zu
haben … und dann führte der Senator die beiden Gäste durch den Eßsaal
hinaus.
Er führte sie treppauf, treppab und zeigte ihnen die Zimmer der zweiten
Etage sowie diejenigen, die am Korridor des ersten Stockwerks gelegen
waren, und die Parterreräumlichkeiten, ja selbst Küche und Keller. Was die
Büros betraf, so nahm man Abstand davon, einzutreten, da der Rundgang in
die Arbeitszeit der Versicherungsbeamtenschaft fiel. Ein paar Bemerkungen
über den neuen Direktor wurden gewechselt, den Konsul Hagenström
zweimal hintereinander für einen grundehrlichen Mann erklärte, worauf der
Senator verstummte.
Sie gingen dann durch den kahlen, in halbgeschmolzenem Schnee
liegenden Garten, taten einen Blick in das »Portal« und kehrten auf den
vorderen Hof zurück, dorthin, wo die Waschküche lag, um sich von hier aus
den schmalen gepflasterten Gang zwischen den Mauern entlang über den
hinteren Hof, wo der Eichbaum stand, nach dem Rückgebäude zu begeben.
Hier gab es nichts als vernachlässigte Altersschwäche. Zwischen den
Pflastersteinen des Hofes wucherte Gras und Moos, die Treppen des Hauses
waren in vollem Verfall, und die freie Katzenfamilie im Billardsaale konnte
man nur flüchtig beunruhigen, indem man die Tür öffnete, ohne einzutreten,
denn der Fußboden war hier nicht sicher.
Konsul Hagenström war schweigsam und ersichtlich mit Erwägungen
und Plänen beschäftigt. »Nun ja –«, sagte er beständig, gleichgültig
abwehrend, und deutete damit an, daß, sollte er hier Herr werden, dies alles
natürlich nicht so bleiben könne. Mit der gleichen Miene stand er auch ein
Weilchen auf dem harten Lehmboden zu ebener Erde und blickte zu den
öden Speicherböden empor. »Nun ja –«, wiederholte er, setzte das dicke
und schadhafte Windetau, das hier, mit seinem verrosteten Eisenhaken am
Ende, während langer Jahre regungslos inmitten des Raumes gehangen
hatte, ein wenig in Pendelbewegung und wandte sich dann auf dem Absatze
um.
Page 569
»Ja, nehmen Sie besten Dank für Ihre Bemühungen, Herr Senator; wir
sind wohl zu Ende«, sagte er, und dann blieb er beinahe stumm, auf dem
rasch zurückgelegten Wege zum Vordergebäude sowie auch später, als die
beiden Gäste sich im Landschaftszimmer, ohne noch einmal Platz zu
nehmen, bei Frau Permaneder empfohlen hatten und Thomas Buddenbrook
sie die Treppe hinunter und über die Diele geleitete. Kaum aber war die
Verabschiedung erledigt, und kaum wandte sich Konsul Hagenström, auf
die Straße hinaustretend, seinem Begleiter, dem Makler, zu, als zu
bemerken war, daß ein überaus lebhaftes Gespräch zwischen den beiden
begann …
Der Senator kehrte ins Landschaftszimmer zurück, woselbst Frau
Permaneder, ohne sich anzulehnen und mit strenger Miene, an ihrem
Fensterplatze saß, mit zwei großen Holznadeln an einem schwarzwollenen
Röckchen für ihre Enkelin, die kleine Elisabeth, strickte und hie und da
einen Blick seitwärts in den »Spion« warf. Thomas ging eine Weile, die
Hände in den Hosentaschen, schweigend auf und nieder.
»Ja, ich habe ihn nun dem Makler überlassen«, sagte er dann; »man
muß abwarten, was daraus wird. Ich denke, er wird das Ganze kaufen, hier
vorne wohnen und das hintere Terrain anderweitig verwerten …«
Sie sah ihn nicht an, sie veränderte auch nicht die aufrechte Haltung
ihres Oberkörpers und hörte nicht auf, zu stricken; im Gegenteile, die
Schnelligkeit, mit der die Nadeln sich in ihren Händen umeinander
bewegten, nahm merklich zu.
»O gewiß, er wird es kaufen, er wird das Ganze kaufen«, sagte sie, und
es war die Kehlkopfstimme, deren sie sich bediente. »Warum sollte er es
nicht kaufen, nicht wahr? Es läge effektiv kein vernünftiger Sinn darin.«
Und mit emporgezogenen Brauen blickte sie durch das Pincenez, das sie
jetzt bei Handarbeiten gebrauchen mußte, aber durchaus nicht richtig
aufzusetzen verstand, steif und fest auf ihre Nadeln, die mit verwirrender
Geschwindigkeit und leisem Geklapper umeinanderwirbelten.
sind wohl zu Ende«, sagte er, und dann blieb er beinahe stumm, auf dem
rasch zurückgelegten Wege zum Vordergebäude sowie auch später, als die
beiden Gäste sich im Landschaftszimmer, ohne noch einmal Platz zu
nehmen, bei Frau Permaneder empfohlen hatten und Thomas Buddenbrook
sie die Treppe hinunter und über die Diele geleitete. Kaum aber war die
Verabschiedung erledigt, und kaum wandte sich Konsul Hagenström, auf
die Straße hinaustretend, seinem Begleiter, dem Makler, zu, als zu
bemerken war, daß ein überaus lebhaftes Gespräch zwischen den beiden
begann …
Der Senator kehrte ins Landschaftszimmer zurück, woselbst Frau
Permaneder, ohne sich anzulehnen und mit strenger Miene, an ihrem
Fensterplatze saß, mit zwei großen Holznadeln an einem schwarzwollenen
Röckchen für ihre Enkelin, die kleine Elisabeth, strickte und hie und da
einen Blick seitwärts in den »Spion« warf. Thomas ging eine Weile, die
Hände in den Hosentaschen, schweigend auf und nieder.
»Ja, ich habe ihn nun dem Makler überlassen«, sagte er dann; »man
muß abwarten, was daraus wird. Ich denke, er wird das Ganze kaufen, hier
vorne wohnen und das hintere Terrain anderweitig verwerten …«
Sie sah ihn nicht an, sie veränderte auch nicht die aufrechte Haltung
ihres Oberkörpers und hörte nicht auf, zu stricken; im Gegenteile, die
Schnelligkeit, mit der die Nadeln sich in ihren Händen umeinander
bewegten, nahm merklich zu.
»O gewiß, er wird es kaufen, er wird das Ganze kaufen«, sagte sie, und
es war die Kehlkopfstimme, deren sie sich bediente. »Warum sollte er es
nicht kaufen, nicht wahr? Es läge effektiv kein vernünftiger Sinn darin.«
Und mit emporgezogenen Brauen blickte sie durch das Pincenez, das sie
jetzt bei Handarbeiten gebrauchen mußte, aber durchaus nicht richtig
aufzusetzen verstand, steif und fest auf ihre Nadeln, die mit verwirrender
Geschwindigkeit und leisem Geklapper umeinanderwirbelten.
Page 570
Weihnachten kam, das erste Weihnachtsfest ohne die Konsulin. Der
Abend des vierundzwanzigsten Dezembers wurde im Hause des Senators
begangen, ohne die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und ohne
die alten Krögers; denn wie es nun mit den regelmäßigen »Kindertagen« ein
Ende hatte, so war Thomas Buddenbrook auch nicht geneigt, alle
Teilnehmer an den Weihnachtsabenden der Konsulin nun seinerseits zu
versammeln und zu beschenken. Nur Frau Permaneder mit Erika
Weinschenk und der kleinen Elisabeth, Christian, Klothilde, die
Klosterdame und Mademoiselle Weichbrodt waren gebeten, welch letztere
ja nicht abließ, am fünfundzwanzigsten in ihren heißen Stübchen die
übliche, mit Unglücksfällen verbundene Bescherung abzuhalten.
Es fehlte der Chor der »Hausarmen«, die in der Mengstraße Schuhzeug
und wollene Sachen in Empfang genommen hatten, und es gab keinen
Knabengesang. Man stimmte im Salon ganz einfach das »Stille Nacht,
heilige Nacht« an, worauf Therese Weichbrodt aufs exakteste das
Weihnachtskapitel verlas, an Stelle der Senatorin, die das nicht sonderlich
liebte; und dann ging man, indem man mit halber Stimme die erste Strophe
des »O Tannebaum« sang, durch die Zimmerflucht in den großen Saal
hinüber.
Es lag kein besonderer Grund vor zu freudigen Veranstaltungen. Die
Gesichter waren nicht eben glückstrahlend und die Unterhaltung nicht eben
heiter bewegt. Worüber sollte man plaudern? Es gab nicht viel Erfreuliches
in der Welt. Man gedachte der seligen Mutter, sprach über den Hausverkauf,
über die helle Etage, die Frau Permaneder vorm Holstentore in einem
freundlichen Hause angesichts der Anlagen des »Lindenplatzes« gemietet
hatte, und über das, was geschehen werde, wenn Hugo Weinschenk wieder
auf freiem Fuße wäre … Inzwischen spielte der kleine Johann auf dem
Flügel einiges, was er mit Herrn Pfühl geübt hatte, und begleitete seiner
Mutter, etwas fehlerhaft, aber mit schönem Klange, eine Sonate von
Mozart. Er wurde belobt und geküßt, mußte dann aber von Ida Jungmann
zur Ruhe gebracht werden, da er heute abend, noch infolge einer kaum
überstandenen Darmaffektion, sehr blaß und matt aussah.
Selbst Christian, welcher, da er nach jenem Zusammenstoße im
Frühstückszimmer von Heiratsgedanken nichts mehr hatte verlautbaren
lassen, mit seinem Bruder in dem alten, für ihn nicht sehr ehrenvollen
Abend des vierundzwanzigsten Dezembers wurde im Hause des Senators
begangen, ohne die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und ohne
die alten Krögers; denn wie es nun mit den regelmäßigen »Kindertagen« ein
Ende hatte, so war Thomas Buddenbrook auch nicht geneigt, alle
Teilnehmer an den Weihnachtsabenden der Konsulin nun seinerseits zu
versammeln und zu beschenken. Nur Frau Permaneder mit Erika
Weinschenk und der kleinen Elisabeth, Christian, Klothilde, die
Klosterdame und Mademoiselle Weichbrodt waren gebeten, welch letztere
ja nicht abließ, am fünfundzwanzigsten in ihren heißen Stübchen die
übliche, mit Unglücksfällen verbundene Bescherung abzuhalten.
Es fehlte der Chor der »Hausarmen«, die in der Mengstraße Schuhzeug
und wollene Sachen in Empfang genommen hatten, und es gab keinen
Knabengesang. Man stimmte im Salon ganz einfach das »Stille Nacht,
heilige Nacht« an, worauf Therese Weichbrodt aufs exakteste das
Weihnachtskapitel verlas, an Stelle der Senatorin, die das nicht sonderlich
liebte; und dann ging man, indem man mit halber Stimme die erste Strophe
des »O Tannebaum« sang, durch die Zimmerflucht in den großen Saal
hinüber.
Es lag kein besonderer Grund vor zu freudigen Veranstaltungen. Die
Gesichter waren nicht eben glückstrahlend und die Unterhaltung nicht eben
heiter bewegt. Worüber sollte man plaudern? Es gab nicht viel Erfreuliches
in der Welt. Man gedachte der seligen Mutter, sprach über den Hausverkauf,
über die helle Etage, die Frau Permaneder vorm Holstentore in einem
freundlichen Hause angesichts der Anlagen des »Lindenplatzes« gemietet
hatte, und über das, was geschehen werde, wenn Hugo Weinschenk wieder
auf freiem Fuße wäre … Inzwischen spielte der kleine Johann auf dem
Flügel einiges, was er mit Herrn Pfühl geübt hatte, und begleitete seiner
Mutter, etwas fehlerhaft, aber mit schönem Klange, eine Sonate von
Mozart. Er wurde belobt und geküßt, mußte dann aber von Ida Jungmann
zur Ruhe gebracht werden, da er heute abend, noch infolge einer kaum
überstandenen Darmaffektion, sehr blaß und matt aussah.
Selbst Christian, welcher, da er nach jenem Zusammenstoße im
Frühstückszimmer von Heiratsgedanken nichts mehr hatte verlautbaren
lassen, mit seinem Bruder in dem alten, für ihn nicht sehr ehrenvollen
Page 571
Verhältnis fortlebte, war gänzlich ungesprächig und zu keinem Spaße
aufgelegt. Er machte mit wandernden Augen einen kurzen Versuch, bei den
Anwesenden ein wenig Verständnis für die »Qual« in seiner linken Seite zu
erwecken und ging früh in den Klub, um erst zum Abendessen
zurückzukehren, das in der hergebrachten Weise zusammengesetzt war …
Dann hatten Buddenbrooks diesen Weihnachtsabend hinter sich, und sie
waren beinahe froh darüber.
Zu Beginn des Jahres 72 ward der Hausstand der verstorbenen Konsulin
aufgelöst. Die Dienstmädchen zogen davon, und Frau Permaneder lobte
Gott, als auch Mamsell Severin, die ihr bislang im Wirtschaftswesen aufs
unerträglichste die Autorität streitig gemacht hatte, sich mit den
übernommenen Seidenkleidern und Wäschestücken verabschiedete. Dann
standen Möbelwagen in der Mengstraße, und die Räumung des alten
Hauses begann. Die große geschnitzte Truhe, die vergoldeten Kandelaber
und die übrigen Dinge, die dem Senator und seiner Gattin zugefallen waren,
wurden nun in die Fischergrube geschafft, Christian bezog mit den Seinen
eine Garçonwohnung von drei Zimmern in der Nähe des Klubs, und die
kleine Familie Permaneder-Weinschenk hielt ihren Einzug in dem hellen
und nicht ohne Anspruch auf Vornehmheit eingerichteten Stockwerk am
Lindenplatze. Es war eine hübsche kleine Wohnung, und an der Etagentür
stand auf einem blanken Kupferschilde in zierlicher Schrift zu lesen: A .
P e r m a n e d e r - B u d d e n b r o o k , W i t w e.
Kaum aber stand das Haus in der Mengstraße leer, als auch schon eine
Schar von Arbeitern am Platze erschien, die das Rückgebäude abzubrechen
begannen, daß der alte Mörtelstaub die Luft verfinsterte … Das Grundstück
war nun endgültig in den Besitz Konsul Hagenströms übergegangen. Er
hatte es gekauft, er schien seinen Ehrgeiz darein gesetzt zu haben, es zu
kaufen, denn ein Angebot, das Herrn Sigismund Gosch von Bremen aus
zugegangen war, hatte er unverzüglich überboten, und er begann nun, sein
Eigentum in der ingeniösen Art zu verwerten, die man seit langer Zeit an
ihm bewunderte. Schon im Frühjahr bezog er mit seiner Familie das
Vorderhaus, indem er dort nach Möglichkeit alles beim alten beließ,
vorbehaltlich kleiner gelegentlicher Renovierungen und abgesehen von
einigen sofortigen, der Neuzeit entsprechenden Änderungen; zum Beispiel
wurden alle Glockenzüge abgeschafft und das Haus durchaus mit
elektrischen Klingeln versehen … Schon aber war das Rückgebäude vom
aufgelegt. Er machte mit wandernden Augen einen kurzen Versuch, bei den
Anwesenden ein wenig Verständnis für die »Qual« in seiner linken Seite zu
erwecken und ging früh in den Klub, um erst zum Abendessen
zurückzukehren, das in der hergebrachten Weise zusammengesetzt war …
Dann hatten Buddenbrooks diesen Weihnachtsabend hinter sich, und sie
waren beinahe froh darüber.
Zu Beginn des Jahres 72 ward der Hausstand der verstorbenen Konsulin
aufgelöst. Die Dienstmädchen zogen davon, und Frau Permaneder lobte
Gott, als auch Mamsell Severin, die ihr bislang im Wirtschaftswesen aufs
unerträglichste die Autorität streitig gemacht hatte, sich mit den
übernommenen Seidenkleidern und Wäschestücken verabschiedete. Dann
standen Möbelwagen in der Mengstraße, und die Räumung des alten
Hauses begann. Die große geschnitzte Truhe, die vergoldeten Kandelaber
und die übrigen Dinge, die dem Senator und seiner Gattin zugefallen waren,
wurden nun in die Fischergrube geschafft, Christian bezog mit den Seinen
eine Garçonwohnung von drei Zimmern in der Nähe des Klubs, und die
kleine Familie Permaneder-Weinschenk hielt ihren Einzug in dem hellen
und nicht ohne Anspruch auf Vornehmheit eingerichteten Stockwerk am
Lindenplatze. Es war eine hübsche kleine Wohnung, und an der Etagentür
stand auf einem blanken Kupferschilde in zierlicher Schrift zu lesen: A .
P e r m a n e d e r - B u d d e n b r o o k , W i t w e.
Kaum aber stand das Haus in der Mengstraße leer, als auch schon eine
Schar von Arbeitern am Platze erschien, die das Rückgebäude abzubrechen
begannen, daß der alte Mörtelstaub die Luft verfinsterte … Das Grundstück
war nun endgültig in den Besitz Konsul Hagenströms übergegangen. Er
hatte es gekauft, er schien seinen Ehrgeiz darein gesetzt zu haben, es zu
kaufen, denn ein Angebot, das Herrn Sigismund Gosch von Bremen aus
zugegangen war, hatte er unverzüglich überboten, und er begann nun, sein
Eigentum in der ingeniösen Art zu verwerten, die man seit langer Zeit an
ihm bewunderte. Schon im Frühjahr bezog er mit seiner Familie das
Vorderhaus, indem er dort nach Möglichkeit alles beim alten beließ,
vorbehaltlich kleiner gelegentlicher Renovierungen und abgesehen von
einigen sofortigen, der Neuzeit entsprechenden Änderungen; zum Beispiel
wurden alle Glockenzüge abgeschafft und das Haus durchaus mit
elektrischen Klingeln versehen … Schon aber war das Rückgebäude vom
Page 572
Boden verschwunden, und an seiner Statt stieg ein neues empor, ein
schmucker und luftiger Bau, dessen Front der Bäckergrube zugekehrt war
und der für Magazine und Läden hohe und weite Räume bot.
Frau Permaneder hatte ihrem Bruder Thomas gegenüber wiederholt
eidlich beteuert, daß fortan keine Macht der Erde sie werde bewegen
können, ihr Elternhaus auch nur mit einem Blicke wiederzusehen. Allein es
war unmöglich, dies innezuhalten, und hie und da führte ihr Weg sie
notwendig an den rasch aufs vorteilhafteste vermieteten Läden und
Schaufenstern des Rückgebäudes oder der ehrwürdigen Giebelfassade
andererseits vorüber, wo nun unter dem »Dominus providebit« der Name
Konsul Hermann Hagenströms zu lesen war. Dann aber begann Frau
Permaneder-Buddenbrook auf offener Straße und angesichts noch so vieler
Menschen einfach laut zu weinen. Sie legte den Kopf zurück, ähnlich einem
Vogel, der zu singen anhebt, drückte das Schnupftuch gegen die Augen und
stieß wiederholt einen Wehelaut hervor, dessen Ausdruck aus Protest und
Klage gemischt war, worauf sie, ohne sich um irgendeinen
Vorübergehenden noch um die Mahnungen ihrer Tochter zu bekümmern,
sich ihren Tränen überließ.
Es war noch ganz ihr unbedenkliches, erquickendes Kinderweinen, das
ihr in allen Stürmen und Schiffbrüchen des Lebens treugeblieben war.
schmucker und luftiger Bau, dessen Front der Bäckergrube zugekehrt war
und der für Magazine und Läden hohe und weite Räume bot.
Frau Permaneder hatte ihrem Bruder Thomas gegenüber wiederholt
eidlich beteuert, daß fortan keine Macht der Erde sie werde bewegen
können, ihr Elternhaus auch nur mit einem Blicke wiederzusehen. Allein es
war unmöglich, dies innezuhalten, und hie und da führte ihr Weg sie
notwendig an den rasch aufs vorteilhafteste vermieteten Läden und
Schaufenstern des Rückgebäudes oder der ehrwürdigen Giebelfassade
andererseits vorüber, wo nun unter dem »Dominus providebit« der Name
Konsul Hermann Hagenströms zu lesen war. Dann aber begann Frau
Permaneder-Buddenbrook auf offener Straße und angesichts noch so vieler
Menschen einfach laut zu weinen. Sie legte den Kopf zurück, ähnlich einem
Vogel, der zu singen anhebt, drückte das Schnupftuch gegen die Augen und
stieß wiederholt einen Wehelaut hervor, dessen Ausdruck aus Protest und
Klage gemischt war, worauf sie, ohne sich um irgendeinen
Vorübergehenden noch um die Mahnungen ihrer Tochter zu bekümmern,
sich ihren Tränen überließ.
Es war noch ganz ihr unbedenkliches, erquickendes Kinderweinen, das
ihr in allen Stürmen und Schiffbrüchen des Lebens treugeblieben war.
Page 573
Page 574
Zehnter Teil
Erstes Kapitel
Oftmals, wenn die trüben Stunden kamen, fragte sich Thomas
Buddenbrook, was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlich noch
berechtige, sich auch nur ein wenig höher einzuschätzen als irgendeiner
seiner einfach veranlagten, biderben und kleinbürgerlich beschränkten
Mitbürger. Die phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus seiner
Jugend war dahin. Im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, mit
einem halb ernst, halb spaßhaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben,
denen man nur einen Gleichniswert zuerkennt – zu solchen heiter-
skeptischen Kompromissen und geistreichen Halbheiten gehört viel Frische,
Humor und guter Mut; aber Thomas Buddenbrook fühlte sich
unaussprechlich müde und verdrossen.
Was für ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und er wußte
wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wenn überhaupt, wie er bei sich
hinzufügte, bei einem so mittelmäßigen und niedrigen Leben von einem
Höhepunkte die Rede sein konnte, längst überschritten hatte.
Was das rein Geschäftliche betraf, so galt im allgemeinen sein
Vermögen für stark reduziert und die Firma für im Rückgange begriffen.
Dennoch war er, sein mütterliches Erbe, den Anteil am Mengstraßenhause
und den Grundbesitz eingerechnet, ein Mann von mehr als
sechsmalhunderttausend Mark Kurant. Das Betriebskapital aber lag brach
seit langen Jahren, mit dem pfennigweisen Geschäftemachen, dessen sich
der Senator zur Zeit der Pöppenrader Ernteangelegenheit angeklagt hatte,
war es seit dem Schlage, den er damals empfangen, nicht besser, sondern
schlimmer geworden, und jetzt, in einer Zeit, da alles sich frisch und
siegesfroh regte, da seit dem Eintritt der Stadt in den Zollverband kleine
Erstes Kapitel
Oftmals, wenn die trüben Stunden kamen, fragte sich Thomas
Buddenbrook, was er eigentlich noch sei, was ihn eigentlich noch
berechtige, sich auch nur ein wenig höher einzuschätzen als irgendeiner
seiner einfach veranlagten, biderben und kleinbürgerlich beschränkten
Mitbürger. Die phantasievolle Schwungkraft, der muntere Idealismus seiner
Jugend war dahin. Im Spiele zu arbeiten und mit der Arbeit zu spielen, mit
einem halb ernst, halb spaßhaft gemeinten Ehrgeiz nach Zielen zu streben,
denen man nur einen Gleichniswert zuerkennt – zu solchen heiter-
skeptischen Kompromissen und geistreichen Halbheiten gehört viel Frische,
Humor und guter Mut; aber Thomas Buddenbrook fühlte sich
unaussprechlich müde und verdrossen.
Was für ihn zu erreichen gewesen war, hatte er erreicht, und er wußte
wohl, daß er den Höhepunkt seines Lebens, wenn überhaupt, wie er bei sich
hinzufügte, bei einem so mittelmäßigen und niedrigen Leben von einem
Höhepunkte die Rede sein konnte, längst überschritten hatte.
Was das rein Geschäftliche betraf, so galt im allgemeinen sein
Vermögen für stark reduziert und die Firma für im Rückgange begriffen.
Dennoch war er, sein mütterliches Erbe, den Anteil am Mengstraßenhause
und den Grundbesitz eingerechnet, ein Mann von mehr als
sechsmalhunderttausend Mark Kurant. Das Betriebskapital aber lag brach
seit langen Jahren, mit dem pfennigweisen Geschäftemachen, dessen sich
der Senator zur Zeit der Pöppenrader Ernteangelegenheit angeklagt hatte,
war es seit dem Schlage, den er damals empfangen, nicht besser, sondern
schlimmer geworden, und jetzt, in einer Zeit, da alles sich frisch und
siegesfroh regte, da seit dem Eintritt der Stadt in den Zollverband kleine
Page 575
Krämergeschäfte imstande waren, sich binnen weniger Jahre zu
angesehenen Großhandlungen zu entwickeln, jetzt ruhte die Firma Johann
Buddenbrook, ohne irgendeinen Vorteil aus den Errungenschaften der Zeit
zu ziehen, und über den Gang der Geschäfte befragt, antwortete der Chef
mit matt abwehrender Handbewegung: »Ach, dabei ist nicht viel
Freude …« Ein lebhafterer Konkurrent, der ein naher Freund der
Hagenströms war, tat die Äußerung, daß Thomas Buddenbrook an der
Börse eigentlich nur noch dekorativ wirke, und dieser Scherz, der auf das
sorgfältig gepflegte Äußere des Senators anspielte, wurde von den Bürgern
als eine unerhörte Leistung gewandter Dialektik bewundert und belacht.
War aber der Senator im Fortwirken für das alte Firmenschild, dem er
ehemals mit soviel Enthusiasmus gedient hatte, durch erlittenes
Mißgeschick und innere Mattigkeit gelähmt, so waren seinem
Emporstreben im städtischen Gemeinwesen äußere Grenzen gezogen, die
unüberschreitbar waren. Seit Jahren, schon seit seiner Berufung in den
Senat, hatte er auch hier erlangt, was für ihn zu erlangen war. Es gab nur
noch Stellungen innezuhalten und Ämter zu bekleiden, aber nichts mehr zu
erobern; es gab nur noch Gegenwart und kleinliche Wirklichkeit, aber keine
Zukunft und keine ehrgeizigen Pläne mehr. Zwar hatte er seine Macht in der
Stadt umfänglicher zu gestalten gewußt, als ein anderer an seiner Stelle das
vermocht hätte, und seinen Feinden wurde es schwer, zu leugnen, daß er
»des Bürgermeisters rechte Hand« sei. Bürgermeister aber konnte Thomas
Buddenbrook nicht werden, denn er war Kaufmann und nicht Gelehrter, er
hatte kein Gymnasium absolviert, war nicht Jurist und überhaupt nicht
akademisch ausgebildet. Er aber, der von jeher seine Mußestunden mit
historischer und literarischer Lektüre ausgefüllt hatte, der sich seiner
gesamten Umgebung an Geist, Verstand und innerer wie äußerer Bildung
überlegen fühlte, er verwand nicht den Ärger darüber, daß das Fehlen der
ordnungsmäßigen Qualifikationen es ihm unmöglich machte, in dem
kleinen Reich, in das er hineingeboren, die erste Stelle einzunehmen. »Wie
dumm sind wir gewesen«, sagte er zu seinem Freunde und Bewunderer
Stephan Kistenmaker – aber mit dem »wir« meinte er nur sich allein –,
»daß wir so früh ins Kontor gelaufen sind und nicht lieber die Schule
beendigt haben!« Und Stephan Kistenmaker antwortete: »Ja, da hast du
wahrhaftig recht!… Warum übrigens?«
angesehenen Großhandlungen zu entwickeln, jetzt ruhte die Firma Johann
Buddenbrook, ohne irgendeinen Vorteil aus den Errungenschaften der Zeit
zu ziehen, und über den Gang der Geschäfte befragt, antwortete der Chef
mit matt abwehrender Handbewegung: »Ach, dabei ist nicht viel
Freude …« Ein lebhafterer Konkurrent, der ein naher Freund der
Hagenströms war, tat die Äußerung, daß Thomas Buddenbrook an der
Börse eigentlich nur noch dekorativ wirke, und dieser Scherz, der auf das
sorgfältig gepflegte Äußere des Senators anspielte, wurde von den Bürgern
als eine unerhörte Leistung gewandter Dialektik bewundert und belacht.
War aber der Senator im Fortwirken für das alte Firmenschild, dem er
ehemals mit soviel Enthusiasmus gedient hatte, durch erlittenes
Mißgeschick und innere Mattigkeit gelähmt, so waren seinem
Emporstreben im städtischen Gemeinwesen äußere Grenzen gezogen, die
unüberschreitbar waren. Seit Jahren, schon seit seiner Berufung in den
Senat, hatte er auch hier erlangt, was für ihn zu erlangen war. Es gab nur
noch Stellungen innezuhalten und Ämter zu bekleiden, aber nichts mehr zu
erobern; es gab nur noch Gegenwart und kleinliche Wirklichkeit, aber keine
Zukunft und keine ehrgeizigen Pläne mehr. Zwar hatte er seine Macht in der
Stadt umfänglicher zu gestalten gewußt, als ein anderer an seiner Stelle das
vermocht hätte, und seinen Feinden wurde es schwer, zu leugnen, daß er
»des Bürgermeisters rechte Hand« sei. Bürgermeister aber konnte Thomas
Buddenbrook nicht werden, denn er war Kaufmann und nicht Gelehrter, er
hatte kein Gymnasium absolviert, war nicht Jurist und überhaupt nicht
akademisch ausgebildet. Er aber, der von jeher seine Mußestunden mit
historischer und literarischer Lektüre ausgefüllt hatte, der sich seiner
gesamten Umgebung an Geist, Verstand und innerer wie äußerer Bildung
überlegen fühlte, er verwand nicht den Ärger darüber, daß das Fehlen der
ordnungsmäßigen Qualifikationen es ihm unmöglich machte, in dem
kleinen Reich, in das er hineingeboren, die erste Stelle einzunehmen. »Wie
dumm sind wir gewesen«, sagte er zu seinem Freunde und Bewunderer
Stephan Kistenmaker – aber mit dem »wir« meinte er nur sich allein –,
»daß wir so früh ins Kontor gelaufen sind und nicht lieber die Schule
beendigt haben!« Und Stephan Kistenmaker antwortete: »Ja, da hast du
wahrhaftig recht!… Warum übrigens?«
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Der Senator arbeitete jetzt meistens allein an dem großen
Mahagonischreibtisch in seinem Privatbüro; erstens, weil dort niemand es
sah, wenn er den Kopf in die Hand stützte und mit geschlossenen Augen
grübelte, hauptsächlich aber, weil die haarsträubende Pedanterie, mit der
sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, ihm gegenüber immer aufs
neue seine Utensilien ordnete und seinen Schnurrbart strich, ihn von seinem
Fensterplatz im Hauptkontor verjagt hatte.
Die bedächtige Umständlichkeit des alten Herrn Marcus war im Laufe
der Jahre zur vollständigen Manie und Wunderlichkeit geworden; was sie
aber in letzter Zeit für Thomas Buddenbrook zu etwas unerträglich
Aufreizendem und Beleidigendem machte, war der Umstand, daß er selbst
zu seinem Entsetzen oftmals etwas Ähnliches an sich beobachten mußte. Ja,
auch in ihm, der ehemals aller Kleinlichkeit so abhold gewesen war, hatte
sich eine Art von Pedanterie entwickelt, wenn auch aus einer anderen
Konstitution und einer anderen Gemütsverfassung heraus.
In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine
fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung hätte hingeben
können. Sein Tätigkeitstrieb aber, die Unfähigkeit seines Kopfes, zu ruhen,
seine Aktivität, die stets etwas gründlich anderes gewesen war als die
natürliche und durable Arbeitslust seiner Väter: etwas Künstliches nämlich,
ein Drang seiner Nerven, ein Betäubungsmittel im Grunde, so gut wie die
kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er beständig dazu rauchte … sie
hatte ihn nicht verlassen, er war ihrer weniger Herr als jemals, sie hatte
überhandgenommen und wurde zur Marter, indem sie sich an eine Menge
von Nichtigkeiten verzettelte. Er war gehetzt von fünfhundert
nichtswürdigen Bagatellen, die zum großen Teil nur die Instandhaltung
seines Hauses und seiner Toilette betrafen, die er aus Überdruß verschob,
die sein Kopf nicht beieinander zu halten vermochte und mit denen er nicht
in Ordnung kam, weil er unverhältnismäßig viel Nachdenken und Zeit
daran verschwendete.
Das, was man in der Stadt seine »Eitelkeit« nannte, hatte in einer Weise
zugenommen, deren er selbst längst begonnen hatte sich zu schämen, ohne
daß er imstande gewesen wäre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die
sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da er
nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe
Mahagonischreibtisch in seinem Privatbüro; erstens, weil dort niemand es
sah, wenn er den Kopf in die Hand stützte und mit geschlossenen Augen
grübelte, hauptsächlich aber, weil die haarsträubende Pedanterie, mit der
sein Sozius, Herr Friedrich Wilhelm Marcus, ihm gegenüber immer aufs
neue seine Utensilien ordnete und seinen Schnurrbart strich, ihn von seinem
Fensterplatz im Hauptkontor verjagt hatte.
Die bedächtige Umständlichkeit des alten Herrn Marcus war im Laufe
der Jahre zur vollständigen Manie und Wunderlichkeit geworden; was sie
aber in letzter Zeit für Thomas Buddenbrook zu etwas unerträglich
Aufreizendem und Beleidigendem machte, war der Umstand, daß er selbst
zu seinem Entsetzen oftmals etwas Ähnliches an sich beobachten mußte. Ja,
auch in ihm, der ehemals aller Kleinlichkeit so abhold gewesen war, hatte
sich eine Art von Pedanterie entwickelt, wenn auch aus einer anderen
Konstitution und einer anderen Gemütsverfassung heraus.
In ihm war es leer, und er sah keinen anregenden Plan und keine
fesselnde Arbeit, der er sich mit Freude und Befriedigung hätte hingeben
können. Sein Tätigkeitstrieb aber, die Unfähigkeit seines Kopfes, zu ruhen,
seine Aktivität, die stets etwas gründlich anderes gewesen war als die
natürliche und durable Arbeitslust seiner Väter: etwas Künstliches nämlich,
ein Drang seiner Nerven, ein Betäubungsmittel im Grunde, so gut wie die
kleinen, scharfen russischen Zigaretten, die er beständig dazu rauchte … sie
hatte ihn nicht verlassen, er war ihrer weniger Herr als jemals, sie hatte
überhandgenommen und wurde zur Marter, indem sie sich an eine Menge
von Nichtigkeiten verzettelte. Er war gehetzt von fünfhundert
nichtswürdigen Bagatellen, die zum großen Teil nur die Instandhaltung
seines Hauses und seiner Toilette betrafen, die er aus Überdruß verschob,
die sein Kopf nicht beieinander zu halten vermochte und mit denen er nicht
in Ordnung kam, weil er unverhältnismäßig viel Nachdenken und Zeit
daran verschwendete.
Das, was man in der Stadt seine »Eitelkeit« nannte, hatte in einer Weise
zugenommen, deren er selbst längst begonnen hatte sich zu schämen, ohne
daß er imstande gewesen wäre, sich der Gewohnheiten zu entschlagen, die
sich in dieser Beziehung entwickelt hatten. Von dem Augenblicke an, da er
nach einer nicht unruhig aber in dumpfem und unerquicklichem Schlafe
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verbrachten Nacht im Schlafrock zu Herrn Wenzel, dem alten Barbier, ins
Ankleidezimmer trat – es war 9 Uhr, und er hatte sich früher viel zeitiger
erhoben – verbrauchte er volle anderthalb Stunden bei seinem Anzuge, bis
er sich fertig und entschlossen fühlte, den Tag zu beginnen, indem er sich
zum Tee ins erste Stockwerk hinunterbegab. Seine Toilette war so
umständlich und dabei in der Reihenfolge ihrer Einzelheiten, von der kalten
Dusche im Badezimmer bis zum Schluß, wenn das letzte Stäubchen vom
Rocke entfernt war und die Bartenden zum letzten Male durch die
Brennschere glitten, so fest und unabänderlich geregelt, daß die beständig
wiederholte Abhaspelung dieser zahllosen kleinen Handgriffe und Arbeiten
ihn jeden Augenblick zur Verzweiflung brachte. Dennoch hätte er es nicht
vermocht, das Kabinett mit dem Bewußtsein zu verlassen, irgend etwas
davon unterlassen oder nur flüchtig erledigt zu haben, aus Furcht, dieses
Gefühls von Frische, Ruhe und Intaktheit verlustig zu gehen, das doch nach
einer einzigen Stunde wieder verloren war und notdürftig erneuert werden
mußte.
Er sparte in allen Dingen, soweit das, ohne sich dem Gerede
auszusetzen, tunlich war, – nur nicht in betreff seiner Garderobe, die er
durchaus bei dem elegantesten Schneider von Hamburg anfertigen ließ und
für deren Erhaltung und Ergänzung er keine Kosten scheute. Eine Tür, die
in ein anderes Zimmer zu führen schien, verschloß die geräumige Nische,
die in eine Wand des Ankleidekabinetts eingemauert war, und in der an
langen Reihen von Haken, über gebogene Holzleisten ausgespannt, die
Jacketts, Smokings, Gehröcke, Fräcke für alle Jahreszeiten und in allen
Gradabstufungen der gesellschaftlichen Feierlichkeit hingen, während auf
mehreren Stühlen die Beinkleider, sorgfältig in die Falten gelegt,
aufgestapelt waren. In der Kommode aber, mit dem gewaltigen
Spiegelaufsatz, dessen Platte mit Kämmen, Bürsten und Präparaten für die
Pflege des Haupthaares und Bartes bedeckt war, lagerte der Vorrat von
verschiedenartiger Leibwäsche, die beständig gewechselt, gewaschen,
verbraucht und ergänzt wurde …
In diesem Kabinett verbrachte er nicht nur am Morgen eine lange Zeit,
sondern auch vor jedem Diner, jeder Senatssitzung, jeder öffentlichen
Versammlung, kurz, immer, bevor es galt, sich unter Menschen zu zeigen
und zu bewegen, ja selbst vor den alltäglichen Mahlzeiten zu Hause, bei
denen außer ihm selbst nur seine Frau, der kleine Johann und Ida Jungmann
Ankleidezimmer trat – es war 9 Uhr, und er hatte sich früher viel zeitiger
erhoben – verbrauchte er volle anderthalb Stunden bei seinem Anzuge, bis
er sich fertig und entschlossen fühlte, den Tag zu beginnen, indem er sich
zum Tee ins erste Stockwerk hinunterbegab. Seine Toilette war so
umständlich und dabei in der Reihenfolge ihrer Einzelheiten, von der kalten
Dusche im Badezimmer bis zum Schluß, wenn das letzte Stäubchen vom
Rocke entfernt war und die Bartenden zum letzten Male durch die
Brennschere glitten, so fest und unabänderlich geregelt, daß die beständig
wiederholte Abhaspelung dieser zahllosen kleinen Handgriffe und Arbeiten
ihn jeden Augenblick zur Verzweiflung brachte. Dennoch hätte er es nicht
vermocht, das Kabinett mit dem Bewußtsein zu verlassen, irgend etwas
davon unterlassen oder nur flüchtig erledigt zu haben, aus Furcht, dieses
Gefühls von Frische, Ruhe und Intaktheit verlustig zu gehen, das doch nach
einer einzigen Stunde wieder verloren war und notdürftig erneuert werden
mußte.
Er sparte in allen Dingen, soweit das, ohne sich dem Gerede
auszusetzen, tunlich war, – nur nicht in betreff seiner Garderobe, die er
durchaus bei dem elegantesten Schneider von Hamburg anfertigen ließ und
für deren Erhaltung und Ergänzung er keine Kosten scheute. Eine Tür, die
in ein anderes Zimmer zu führen schien, verschloß die geräumige Nische,
die in eine Wand des Ankleidekabinetts eingemauert war, und in der an
langen Reihen von Haken, über gebogene Holzleisten ausgespannt, die
Jacketts, Smokings, Gehröcke, Fräcke für alle Jahreszeiten und in allen
Gradabstufungen der gesellschaftlichen Feierlichkeit hingen, während auf
mehreren Stühlen die Beinkleider, sorgfältig in die Falten gelegt,
aufgestapelt waren. In der Kommode aber, mit dem gewaltigen
Spiegelaufsatz, dessen Platte mit Kämmen, Bürsten und Präparaten für die
Pflege des Haupthaares und Bartes bedeckt war, lagerte der Vorrat von
verschiedenartiger Leibwäsche, die beständig gewechselt, gewaschen,
verbraucht und ergänzt wurde …
In diesem Kabinett verbrachte er nicht nur am Morgen eine lange Zeit,
sondern auch vor jedem Diner, jeder Senatssitzung, jeder öffentlichen
Versammlung, kurz, immer, bevor es galt, sich unter Menschen zu zeigen
und zu bewegen, ja selbst vor den alltäglichen Mahlzeiten zu Hause, bei
denen außer ihm selbst nur seine Frau, der kleine Johann und Ida Jungmann
Page 578
zugegen waren. Und wenn er hinaustrat, so verschaffte die frische Wäsche
an seinem Körper, die tadellose und diskrete Eleganz seines Anzuges, sein
sorgfältig gewaschenes Gesicht, der Geruch der Brillantine in seinem
Schnurrbart und der herb-kühle Geschmack des gebrauchten Mundwassers
ihm das Befriedigungs- und Bereitschaftsgefühl, mit dem ein Schauspieler,
der seine Maske in allen Einzelheiten vollendet hergestellt hat, sich zur
Bühne begibt … Wirklich! Thomas Buddenbrooks Dasein war kein anderes
mehr als das eines Schauspielers, eines solchen aber, dessen ganzes Leben
bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen
Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger
weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig
alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt … Der gänzliche Mangel eines
aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in Anspruch genommen hätte, die
Verarmung und Verödung seines Inneren – eine Verödung, so stark, daß sie
sich fast unablässig als ein unbestimmt lastender Gram fühlbar machte –
verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zähen
Entschlossenheit, um jeden Preis würdig zu repräsentieren, seine
Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die »Dehors« zu wahren,
hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich, bewußt,
gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung, jede
geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden
Schauspielerei geworden war.
Seltsame Einzelheiten traten dabei zutage, eigenartige Bedürfnisse, die
er selbst mit Erstaunen und Widerwillen an sich wahrnahm. Im Gegensatze
zu Leuten, die selbst keine Rolle spielen, sondern nur unbeachtet und den
Blicken unzugänglich in aller Stille ihre Beobachtungen anstellen wollen,
liebte er es nicht, das Tageslicht im Rücken zu haben, sich selbst im
Schatten zu wissen und die Leute in heller Beleuchtung vor sich zu sehen;
halb geblendet vielmehr das Licht in den Augen zu fühlen und die Leute,
sein Publikum, die, auf die er als liebenswürdiger Gesellschafter oder als
lebhafter Geschäftsmann und repräsentierender Firmenchef oder als
öffentlicher Redner zu wirken hatte, als eine bloße Masse im Schatten vor
sich zu sehen … nur dies gab ihm das Gefühl der Separation und Sicherheit,
jenen blinden Rausch des Sich-Produzierens, in dem er seine Erfolge
erzielte. Ja, eben dieser rauschartige Zustand der Aktion war es, der ihm
allgemach zu dem weitaus erträglichsten geworden war. Wenn er, das
an seinem Körper, die tadellose und diskrete Eleganz seines Anzuges, sein
sorgfältig gewaschenes Gesicht, der Geruch der Brillantine in seinem
Schnurrbart und der herb-kühle Geschmack des gebrauchten Mundwassers
ihm das Befriedigungs- und Bereitschaftsgefühl, mit dem ein Schauspieler,
der seine Maske in allen Einzelheiten vollendet hergestellt hat, sich zur
Bühne begibt … Wirklich! Thomas Buddenbrooks Dasein war kein anderes
mehr als das eines Schauspielers, eines solchen aber, dessen ganzes Leben
bis auf die geringste und alltäglichste Kleinigkeit zu einer einzigen
Produktion geworden ist, einer Produktion, die mit Ausnahme einiger
weniger und kurzer Stunden des Alleinseins und der Abspannung beständig
alle Kräfte in Anspruch nimmt und verzehrt … Der gänzliche Mangel eines
aufrichtig feurigen Interesses, das ihn in Anspruch genommen hätte, die
Verarmung und Verödung seines Inneren – eine Verödung, so stark, daß sie
sich fast unablässig als ein unbestimmt lastender Gram fühlbar machte –
verbunden mit einer unerbittlichen inneren Verpflichtung und zähen
Entschlossenheit, um jeden Preis würdig zu repräsentieren, seine
Hinfälligkeit mit allen Mitteln zu verstecken und die »Dehors« zu wahren,
hatte dies aus seinem Dasein gemacht, hatte es künstlich, bewußt,
gezwungen gemacht und bewirkt, daß jedes Wort, jede Bewegung, jede
geringste Aktion unter Menschen zu einer anstrengenden und aufreibenden
Schauspielerei geworden war.
Seltsame Einzelheiten traten dabei zutage, eigenartige Bedürfnisse, die
er selbst mit Erstaunen und Widerwillen an sich wahrnahm. Im Gegensatze
zu Leuten, die selbst keine Rolle spielen, sondern nur unbeachtet und den
Blicken unzugänglich in aller Stille ihre Beobachtungen anstellen wollen,
liebte er es nicht, das Tageslicht im Rücken zu haben, sich selbst im
Schatten zu wissen und die Leute in heller Beleuchtung vor sich zu sehen;
halb geblendet vielmehr das Licht in den Augen zu fühlen und die Leute,
sein Publikum, die, auf die er als liebenswürdiger Gesellschafter oder als
lebhafter Geschäftsmann und repräsentierender Firmenchef oder als
öffentlicher Redner zu wirken hatte, als eine bloße Masse im Schatten vor
sich zu sehen … nur dies gab ihm das Gefühl der Separation und Sicherheit,
jenen blinden Rausch des Sich-Produzierens, in dem er seine Erfolge
erzielte. Ja, eben dieser rauschartige Zustand der Aktion war es, der ihm
allgemach zu dem weitaus erträglichsten geworden war. Wenn er, das
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Weinglas zur Hand, am Tische stand und mit liebenswürdigem
Mienenspiele, gefälligen Gesten und geschickt vorgebrachten
Redewendungen, welche einschlugen und beifällige Heiterkeit entfesselten,
einen Toast ausbrachte, so konnte er trotz seiner Blässe als der Thomas
Buddenbrook von ehedem erscheinen; viel schwerer war es ihm, in
untätigem Stillesitzen die Herrschaft über sich selbst zu bewahren. Dann
stiegen Müdigkeit und Überdruß in ihm empor, trübten seine Augen und
nahmen ihm die Gewalt über seine Gesichtsmuskeln und die Haltung seines
Körpers. Nur e i n Wunsch erfüllte ihn dann: dieser matten Verzweiflung
nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause seinen Kopf auf ein kühles
Kissen zu legen.
*
Frau Permaneder hatte in der Fischergrube zu Abend gegessen und zwar
allein; denn ihre Tochter, die gleichfalls gebeten worden war, hatte
nachmittags ihrem Gatten im Gefängnis einen Besuch gemacht und fühlte
sich, wie stets in diesem Falle, ermüdet und unwohl, weshalb sie zu Hause
geblieben war.
Frau Antonie hatte bei Tische über Hugo Weinschenk gesprochen,
dessen Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage
erörtert worden, wann man wohl, mit einiger Aussicht auf Erfolg, dem
Senate ein Gnadengesuch werde einreichen können. Nun hatten sich die
drei Verwandten im Wohnzimmer um den runden Mitteltisch unter der
großen Gaslampe niedergelassen. Gerda Buddenbrook und ihre Schwägerin
saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, einander gegenüber. Die Senatorin
hielt ihr schönes weißes Gesicht über eine Seidenstickerei gebeugt, daß ihr
schweres Haar, vom Lichte beschienen, dunkel zu erglühen schien, und
Frau Permaneder, den Klemmer gänzlich schief und zweckwidrig auf der
Nase, befestigte mit sorglichen Fingern eine große, wunderbar rote
Atlasschleife an einem winzigen gelben Körbchen. Das wurde ein
Geburtstagsgeschenk für irgendeine Bekannte. Der Senator aber saß
seitwärts vom Tische in einem breiten Polsterfauteuil mit schräger
Rückenlehne und las mit gekreuzten Beinen die Zeitung, während er dann
und wann den Rauch seiner russischen Zigarette einzog und ihn als einen
hellgrauen Strom durch den Schnurrbart wieder ausatmete …
Mienenspiele, gefälligen Gesten und geschickt vorgebrachten
Redewendungen, welche einschlugen und beifällige Heiterkeit entfesselten,
einen Toast ausbrachte, so konnte er trotz seiner Blässe als der Thomas
Buddenbrook von ehedem erscheinen; viel schwerer war es ihm, in
untätigem Stillesitzen die Herrschaft über sich selbst zu bewahren. Dann
stiegen Müdigkeit und Überdruß in ihm empor, trübten seine Augen und
nahmen ihm die Gewalt über seine Gesichtsmuskeln und die Haltung seines
Körpers. Nur e i n Wunsch erfüllte ihn dann: dieser matten Verzweiflung
nachzugeben, sich davonzustehlen und zu Hause seinen Kopf auf ein kühles
Kissen zu legen.
*
Frau Permaneder hatte in der Fischergrube zu Abend gegessen und zwar
allein; denn ihre Tochter, die gleichfalls gebeten worden war, hatte
nachmittags ihrem Gatten im Gefängnis einen Besuch gemacht und fühlte
sich, wie stets in diesem Falle, ermüdet und unwohl, weshalb sie zu Hause
geblieben war.
Frau Antonie hatte bei Tische über Hugo Weinschenk gesprochen,
dessen Gemütszustand äußerst traurig sein sollte, und dann war die Frage
erörtert worden, wann man wohl, mit einiger Aussicht auf Erfolg, dem
Senate ein Gnadengesuch werde einreichen können. Nun hatten sich die
drei Verwandten im Wohnzimmer um den runden Mitteltisch unter der
großen Gaslampe niedergelassen. Gerda Buddenbrook und ihre Schwägerin
saßen, mit Handarbeiten beschäftigt, einander gegenüber. Die Senatorin
hielt ihr schönes weißes Gesicht über eine Seidenstickerei gebeugt, daß ihr
schweres Haar, vom Lichte beschienen, dunkel zu erglühen schien, und
Frau Permaneder, den Klemmer gänzlich schief und zweckwidrig auf der
Nase, befestigte mit sorglichen Fingern eine große, wunderbar rote
Atlasschleife an einem winzigen gelben Körbchen. Das wurde ein
Geburtstagsgeschenk für irgendeine Bekannte. Der Senator aber saß
seitwärts vom Tische in einem breiten Polsterfauteuil mit schräger
Rückenlehne und las mit gekreuzten Beinen die Zeitung, während er dann
und wann den Rauch seiner russischen Zigarette einzog und ihn als einen
hellgrauen Strom durch den Schnurrbart wieder ausatmete …
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Es war ein warmer Sommer-Sonntagabend. Das hohe Fenster stand
offen und ließ die laue, ein wenig feuchte Luft das Zimmer erfüllen. Vom
Tische aus konnte man, über den grauen Giebeln der gegenüberliegenden
Häuser, zwischen ganz langsam ziehenden Wolken die Sterne sehen.
Drüben, in dem kleinen Blumenladen von Iwersen, war noch Licht. Weiter
oben in der stillen Straße ward unter allerhand Mißgriffen eine
Handharmonika gespielt, wahrscheinlich von einem Knechte des
Fuhrmannes Dankwart. Dann und wann wurde es laut dort draußen. Ein
Trupp von Matrosen zog vorüber, die singend, rauchend und Arm in Arm
aus einer zweifelhaften Hafenwirtschaft kamen und sich in Feierstimmung
nach einer noch zweifelhafteren umtaten. Ihre rauhen Stimmen und
wiegenden Schritte verhallten in einer Querstraße.
Der Senator legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, schob sein
Pincenez in die Westentasche und strich mit der Hand über Stirn und
Augen.
»Schwach, sehr schwach, diese ›Anzeigen‹!« sagte er. »Mir fällt
jedesmal dabei ein, was Großvater von faden und konsistenzlosen
Gerichten sagte: Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster
hinaushängt … In drei langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen
fertig. Es steht einfach gar nichts darin …«
»Ja, Gott weiß es, das darfst du getrost wiederholen, Tom!« sagte Frau
Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken ließ und an dem Klemmer vorbei
auf ihren Bruder sah … »Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es von
jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding: Diese Städtischen
Anzeigen sind ein klägliches Blättchen! Ich lese sie ja auch, gewiß, weil
eben meistens nichts anderes zur Hand ist … Aber daß der Großhändler
Konsul so und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, finde ich
meinesteils nicht allzu erschütternd. Man sollte andere Blätter lesen, die
Königsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische Zeitung. Da würde
man …«
Sie unterbrach sich. Sie hatte die Zeitung zur Hand genommen, hatte sie
noch einmal entfaltet und, während sie sprach, ihre Augen geringschätzig
über die Spalten gleiten lassen. Nun aber blieb ihr Blick an einer Stelle
haften, einer kurzen Notiz von vier oder fünf Zeilen … Sie verstummte, sie
offen und ließ die laue, ein wenig feuchte Luft das Zimmer erfüllen. Vom
Tische aus konnte man, über den grauen Giebeln der gegenüberliegenden
Häuser, zwischen ganz langsam ziehenden Wolken die Sterne sehen.
Drüben, in dem kleinen Blumenladen von Iwersen, war noch Licht. Weiter
oben in der stillen Straße ward unter allerhand Mißgriffen eine
Handharmonika gespielt, wahrscheinlich von einem Knechte des
Fuhrmannes Dankwart. Dann und wann wurde es laut dort draußen. Ein
Trupp von Matrosen zog vorüber, die singend, rauchend und Arm in Arm
aus einer zweifelhaften Hafenwirtschaft kamen und sich in Feierstimmung
nach einer noch zweifelhafteren umtaten. Ihre rauhen Stimmen und
wiegenden Schritte verhallten in einer Querstraße.
Der Senator legte die Zeitung neben sich auf den Tisch, schob sein
Pincenez in die Westentasche und strich mit der Hand über Stirn und
Augen.
»Schwach, sehr schwach, diese ›Anzeigen‹!« sagte er. »Mir fällt
jedesmal dabei ein, was Großvater von faden und konsistenzlosen
Gerichten sagte: Es schmeckt, als ob man die Zunge zum Fenster
hinaushängt … In drei langweiligen Minuten ist man mit dem Ganzen
fertig. Es steht einfach gar nichts darin …«
»Ja, Gott weiß es, das darfst du getrost wiederholen, Tom!« sagte Frau
Permaneder, indem sie ihre Arbeit sinken ließ und an dem Klemmer vorbei
auf ihren Bruder sah … »Was soll auch wohl darin stehen? Ich habe es von
jeher gesagt, schon als ganz junges, dummes Ding: Diese Städtischen
Anzeigen sind ein klägliches Blättchen! Ich lese sie ja auch, gewiß, weil
eben meistens nichts anderes zur Hand ist … Aber daß der Großhändler
Konsul so und so seine silberne Hochzeit zu feiern gedenkt, finde ich
meinesteils nicht allzu erschütternd. Man sollte andere Blätter lesen, die
Königsberger Hartungsche Zeitung oder die Rheinische Zeitung. Da würde
man …«
Sie unterbrach sich. Sie hatte die Zeitung zur Hand genommen, hatte sie
noch einmal entfaltet und, während sie sprach, ihre Augen geringschätzig
über die Spalten gleiten lassen. Nun aber blieb ihr Blick an einer Stelle
haften, einer kurzen Notiz von vier oder fünf Zeilen … Sie verstummte, sie
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griff mit einer Hand nach ihrem Augenglas, las, während ihr Mund sich
langsam öffnete, die Notiz zu Ende und stieß dann zwei Schreckensrufe
aus, wobei sie beide Handflächen gegen die Wangen preßte und die
Ellenbogen weit vom Körper entfernt hielt.
»Unmöglich!… Es ist nicht möglich!… Nein, Gerda … Tom … Das
konntest du übersehen!… Es ist entsetzlich … Die arme Armgard! So
mußte es für sie kommen …«
Gerda hatte den Kopf von ihrer Arbeit erhoben und Thomas sich
erschreckt seiner Schwester zugewandt. Und heftig ergriffen, mit bebender
Kehlstimme jedes Wort schicksalsschwer betonend, las Frau Permaneder
laut diese Nachricht, die aus Rostock kam und dahinging, daß gestern nacht
der Rittergutsbesitzer Ralf von Maiboom im Arbeitszimmer des
Herrenhauses von Pöppenrade sich vermittels eines Revolverschusses
entleibt habe. »Pekuniäre Bedrängnis scheint der Beweggrund zur Tat
gewesen zu sein. Herr von Maiboom hinterläßt eine Frau mit drei Kindern.«
So schloß sie, und dann ließ sie die Zeitung in den Schoß sinken, lehnte
sich zurück und sah Bruder und Schwägerin schweigend und fassungslos
mit klagenden Augen an.
Thomas Buddenbrook hatte sich, schon während sie las, wieder von ihr
abgekehrt und blickte an ihr vorbei, zwischen den Portieren hindurch, in das
Dunkel des Salons hinüber.
»Mit einem Revolver?« fragte er, nachdem wohl zwei Minuten lang
Stille geherrscht hatte. – Und wiederum nach einer Pause sprach er leise,
langsam und spöttisch: »Ja, ja, so ein Rittersmann!…«
Dann versank er aufs neue in Sinnen. Die Schnelligkeit, mit der er die
eine Spitze seines Schnurrbartes zwischen den Fingern drehte, stand in
sonderbarem Gegensatz zu der verschwommenen, starren und ziellosen
Unbeweglichkeit seines Blickes.
Er achtete nicht auf die Klagereden seiner Schwester und auf die
Mutmaßungen, die sie in betreff des ferneren Lebens ihrer Freundin
Armgard anstellte, noch bemerkte er, daß Gerda, ohne den Kopf ihm
zuzuwenden, ihre nahe beieinanderliegenden braunen Augen, in deren
langsam öffnete, die Notiz zu Ende und stieß dann zwei Schreckensrufe
aus, wobei sie beide Handflächen gegen die Wangen preßte und die
Ellenbogen weit vom Körper entfernt hielt.
»Unmöglich!… Es ist nicht möglich!… Nein, Gerda … Tom … Das
konntest du übersehen!… Es ist entsetzlich … Die arme Armgard! So
mußte es für sie kommen …«
Gerda hatte den Kopf von ihrer Arbeit erhoben und Thomas sich
erschreckt seiner Schwester zugewandt. Und heftig ergriffen, mit bebender
Kehlstimme jedes Wort schicksalsschwer betonend, las Frau Permaneder
laut diese Nachricht, die aus Rostock kam und dahinging, daß gestern nacht
der Rittergutsbesitzer Ralf von Maiboom im Arbeitszimmer des
Herrenhauses von Pöppenrade sich vermittels eines Revolverschusses
entleibt habe. »Pekuniäre Bedrängnis scheint der Beweggrund zur Tat
gewesen zu sein. Herr von Maiboom hinterläßt eine Frau mit drei Kindern.«
So schloß sie, und dann ließ sie die Zeitung in den Schoß sinken, lehnte
sich zurück und sah Bruder und Schwägerin schweigend und fassungslos
mit klagenden Augen an.
Thomas Buddenbrook hatte sich, schon während sie las, wieder von ihr
abgekehrt und blickte an ihr vorbei, zwischen den Portieren hindurch, in das
Dunkel des Salons hinüber.
»Mit einem Revolver?« fragte er, nachdem wohl zwei Minuten lang
Stille geherrscht hatte. – Und wiederum nach einer Pause sprach er leise,
langsam und spöttisch: »Ja, ja, so ein Rittersmann!…«
Dann versank er aufs neue in Sinnen. Die Schnelligkeit, mit der er die
eine Spitze seines Schnurrbartes zwischen den Fingern drehte, stand in
sonderbarem Gegensatz zu der verschwommenen, starren und ziellosen
Unbeweglichkeit seines Blickes.
Er achtete nicht auf die Klagereden seiner Schwester und auf die
Mutmaßungen, die sie in betreff des ferneren Lebens ihrer Freundin
Armgard anstellte, noch bemerkte er, daß Gerda, ohne den Kopf ihm
zuzuwenden, ihre nahe beieinanderliegenden braunen Augen, in deren
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Winkeln bläuliche Schatten lagerten, fest und spähend auf ihn gerichtet
hielt.
Zweites Kapitel
Niemals vermochte Thomas Buddenbrook mit dem Blicke matten
Mißmutes, mit dem er den Rest seines eigenen Lebens erwartete, auch in
die Zukunft des kleinen Johann zu sehen. Sein Familiensinn, dieses ererbte
und anerzogene, rückwärts sowohl wie vorwärts gewandte, pietätvolle
Interesse für die intime Historie seines Hauses hinderte ihn daran, und die
liebevolle oder neugierige Erwartung, mit der seine Freundschaft und
Bekanntschaft in der Stadt, seine Schwester und selbst die Damen
Buddenbrook in der Breiten Straße seinen Sohn betrachteten, beeinflußte
seine Gedanken. Er sagte sich mit Genugtuung, daß, wie aufgerieben und
hoffnungslos auch immer er selbst für seine Person sich fühlte, er
angesichts seines kleinen Erbfolgers stets belebender Zukunftsträume von
Tüchtigkeit, praktischer und unbefangener Arbeit, Erfolg, Erwerb, Macht,
Reichtum und Ehren fähig war … ja, daß an dieser einen Stelle sein
erkaltetes und künstliches Leben zu warmem und aufrichtigem Sorgen,
Fürchten und Hoffen wurde.
Wie, wenn er selbst noch dereinst auf seine alten Tage, von einem
Ruhewinkel aus, den Wiederbeginn der alten Zeit, der Zeit von Hannos
Urgroßvater, erblicken dürfte? War diese Hoffnung denn so gänzlich
unmöglich? Er hatte die Musik als seine Feindin empfunden; aber hatte es
denn in Wirklichkeit eine so ernste Bewandtnis damit? Zugegeben, daß die
Liebe des Jungen zum freien Spiele ohne Noten von einer nicht ganz
gewöhnlichen Veranlagung Zeugnis gab, – im regelrechten Unterrichte bei
Herrn Pfühl war er keineswegs außerordentlich weit vorgeschritten. Die
Musik, das war keine Frage, war der Einfluß seiner Mutter, und kein
Wunder, daß während der ersten Kinderjahre dieser Einfluß überwogen
hatte. Aber die Zeit begann, da einem Vater Gelegenheit gegeben wird, auch
seinerseits auf seinen Sohn zu wirken, ihn ein wenig auf seine Seite zu
ziehen und mit männlichen Gegeneindrücken die bisherigen weiblichen
Einflüsse zu neutralisieren. Und der Senator war entschlossen, keine solche
Gelegenheit unbenutzt zu lassen.
hielt.
Zweites Kapitel
Niemals vermochte Thomas Buddenbrook mit dem Blicke matten
Mißmutes, mit dem er den Rest seines eigenen Lebens erwartete, auch in
die Zukunft des kleinen Johann zu sehen. Sein Familiensinn, dieses ererbte
und anerzogene, rückwärts sowohl wie vorwärts gewandte, pietätvolle
Interesse für die intime Historie seines Hauses hinderte ihn daran, und die
liebevolle oder neugierige Erwartung, mit der seine Freundschaft und
Bekanntschaft in der Stadt, seine Schwester und selbst die Damen
Buddenbrook in der Breiten Straße seinen Sohn betrachteten, beeinflußte
seine Gedanken. Er sagte sich mit Genugtuung, daß, wie aufgerieben und
hoffnungslos auch immer er selbst für seine Person sich fühlte, er
angesichts seines kleinen Erbfolgers stets belebender Zukunftsträume von
Tüchtigkeit, praktischer und unbefangener Arbeit, Erfolg, Erwerb, Macht,
Reichtum und Ehren fähig war … ja, daß an dieser einen Stelle sein
erkaltetes und künstliches Leben zu warmem und aufrichtigem Sorgen,
Fürchten und Hoffen wurde.
Wie, wenn er selbst noch dereinst auf seine alten Tage, von einem
Ruhewinkel aus, den Wiederbeginn der alten Zeit, der Zeit von Hannos
Urgroßvater, erblicken dürfte? War diese Hoffnung denn so gänzlich
unmöglich? Er hatte die Musik als seine Feindin empfunden; aber hatte es
denn in Wirklichkeit eine so ernste Bewandtnis damit? Zugegeben, daß die
Liebe des Jungen zum freien Spiele ohne Noten von einer nicht ganz
gewöhnlichen Veranlagung Zeugnis gab, – im regelrechten Unterrichte bei
Herrn Pfühl war er keineswegs außerordentlich weit vorgeschritten. Die
Musik, das war keine Frage, war der Einfluß seiner Mutter, und kein
Wunder, daß während der ersten Kinderjahre dieser Einfluß überwogen
hatte. Aber die Zeit begann, da einem Vater Gelegenheit gegeben wird, auch
seinerseits auf seinen Sohn zu wirken, ihn ein wenig auf seine Seite zu
ziehen und mit männlichen Gegeneindrücken die bisherigen weiblichen
Einflüsse zu neutralisieren. Und der Senator war entschlossen, keine solche
Gelegenheit unbenutzt zu lassen.
Page 583
Hanno, nun elfjährig, war zu Ostern ebenso wie sein Freund, der kleine
Graf Mölln, mit genauer Not und zwei Nachprüfungen, im Rechnen und in
der Geographie, nach Quarta versetzt worden. Es stand fest, daß er die
Realklassen besuchen sollte, denn daß er Kaufmann werden und dereinst
die Firma übernehmen mußte, war selbstverständlich, und Fragen seines
Vaters, ob er Lust zu seinem künftigen Berufe in sich verspüre,
beantwortete er mit Ja … einem einfachen, etwas scheuen Ja ohne Zusatz,
das der Senator durch weitere drängende Fragen ein wenig lebhafter und
ausführlicher zu machen suchte – und zwar meistens vergebens.
Hätte Senator Buddenbrook zwei Söhne besessen, so hätte er den
Jüngeren ohne Frage das Gymnasium absolvieren und studieren lassen.
Aber die Firma verlangte einen Erben, und abgesehen hiervon glaubte er
dem Kleinen eine Wohltat zu erweisen, wenn er ihn der unnötigen Mühen
mit dem Griechischen überhob. Er war der Meinung, daß das Realpensum
leichter zu bewältigen sei, und daß Hanno, mit seiner oft schwerfälligen
Auffassung, seiner träumerischen Unaufmerksamkeit und seiner
körperlichen Zartheit, die ihn allzuoft nötigte, die Schule zu versäumen, in
den Realklassen ohne Überanstrengung schneller und ehrenvoller vorwärts
kommen werde. Sollte der kleine Johann Buddenbrook einstmals das
leisten, wozu er berufen war und was die Seinen von ihm erhofften, so
mußte man vor allem darauf bedacht sein, seine nicht eben kräftige
Konstitution durch Rücksichtnahme einerseits und durch rationelle Pflege
und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben …
Mit seinem braunen Haar, das er jetzt seitwärts gescheitelt und schräg
von seiner weißen Stirn zurückgebürstet trug, das aber dennoch danach
strebte, sich in weichen Locken tief über die Schläfen zu schmiegen, mit
seinen langen, braunen Wimpern und seinen goldbraunen Augen stach
Johann Buddenbrook auf dem Schulhof und auf der Straße trotz seines
Kopenhagener Matrosenanzuges stets ein wenig fremdartig unter den
hellblonden und stahlblauäugigen, skandinavischen Typen seiner
Kameraden hervor. Er war in letzter Zeit ziemlich stark gewachsen, aber
seine Beine in den schwarzen Strümpfen und seine Arme in den
dunkelblauen, bauschigen und gesteppten Ärmeln waren schmal und weich
wie die eines Mädchens, und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die
bläulichen Schatten in den Winkeln seiner Augen, – dieser Augen, die,
besonders wenn sie seitwärts gerichtet waren, mit einem so zagen und
Graf Mölln, mit genauer Not und zwei Nachprüfungen, im Rechnen und in
der Geographie, nach Quarta versetzt worden. Es stand fest, daß er die
Realklassen besuchen sollte, denn daß er Kaufmann werden und dereinst
die Firma übernehmen mußte, war selbstverständlich, und Fragen seines
Vaters, ob er Lust zu seinem künftigen Berufe in sich verspüre,
beantwortete er mit Ja … einem einfachen, etwas scheuen Ja ohne Zusatz,
das der Senator durch weitere drängende Fragen ein wenig lebhafter und
ausführlicher zu machen suchte – und zwar meistens vergebens.
Hätte Senator Buddenbrook zwei Söhne besessen, so hätte er den
Jüngeren ohne Frage das Gymnasium absolvieren und studieren lassen.
Aber die Firma verlangte einen Erben, und abgesehen hiervon glaubte er
dem Kleinen eine Wohltat zu erweisen, wenn er ihn der unnötigen Mühen
mit dem Griechischen überhob. Er war der Meinung, daß das Realpensum
leichter zu bewältigen sei, und daß Hanno, mit seiner oft schwerfälligen
Auffassung, seiner träumerischen Unaufmerksamkeit und seiner
körperlichen Zartheit, die ihn allzuoft nötigte, die Schule zu versäumen, in
den Realklassen ohne Überanstrengung schneller und ehrenvoller vorwärts
kommen werde. Sollte der kleine Johann Buddenbrook einstmals das
leisten, wozu er berufen war und was die Seinen von ihm erhofften, so
mußte man vor allem darauf bedacht sein, seine nicht eben kräftige
Konstitution durch Rücksichtnahme einerseits und durch rationelle Pflege
und Abhärtung andererseits zu festigen und zu heben …
Mit seinem braunen Haar, das er jetzt seitwärts gescheitelt und schräg
von seiner weißen Stirn zurückgebürstet trug, das aber dennoch danach
strebte, sich in weichen Locken tief über die Schläfen zu schmiegen, mit
seinen langen, braunen Wimpern und seinen goldbraunen Augen stach
Johann Buddenbrook auf dem Schulhof und auf der Straße trotz seines
Kopenhagener Matrosenanzuges stets ein wenig fremdartig unter den
hellblonden und stahlblauäugigen, skandinavischen Typen seiner
Kameraden hervor. Er war in letzter Zeit ziemlich stark gewachsen, aber
seine Beine in den schwarzen Strümpfen und seine Arme in den
dunkelblauen, bauschigen und gesteppten Ärmeln waren schmal und weich
wie die eines Mädchens, und noch immer lagen, wie bei seiner Mutter, die
bläulichen Schatten in den Winkeln seiner Augen, – dieser Augen, die,
besonders wenn sie seitwärts gerichtet waren, mit einem so zagen und
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ablehnenden Ausdruck dareinblickten, während sein Mund sich noch immer
auf jene wehmütige Art geschlossen hielt, oder während Hanno
nachdenklich die Zungenspitze an einem Zahne scheuerte, dem er
mißtraute, mit leichtverzerrten Lippen und einer Miene, als fröre ihn …
Wie man von Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten
Doktor Grabow gänzlich übernommen hatte und Hausarzt bei
Buddenbrooks war, hatte Hannos unzulänglicher Kräftezustand sowie die
Blässe seiner Haut ihren triftigen Grund, und dieser bestand darin, daß der
Organismus des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkörperchen in
nicht genügender Anzahl produzierte. Dieser Unzuträglichkeit zu steuern
aber gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals
in großen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter, dickflüssiger
Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlöffel zweimal täglich zu nehmen
war; und auf entschiedenen Befehl des Senators sorgte Ida Jungmann mit
liebevoller Strenge dafür, daß dies pünktlich geschah. Anfangs zwar erbrach
sich Hanno nach jedem Löffel, und sein Magen schien den guten
Dorschlebertran nicht beherbergen zu können; aber er gewöhnte sich daran,
und wenn man gleich nach dem Niederschlucken ein Stück Roggenbrot mit
angehaltenem Atem im Munde zerkaute, so ward der Ekel ein wenig
beruhigt.
Alle übrigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen dieses
Mangels an roten Blutkörperchen, »sekundäre Erscheinungen«, wie Doktor
Langhals sagte, indem er seine Fingernägel besah. Allein auch diesen
sekundären Erscheinungen mußte unnachsichtig zu Leibe gegangen
werden. Um die Zähne zu behandeln, zu füllen und gegebenen Falles zu
extrahieren, dazu wohnte Herr Brecht mit seinem Josephus in der
Mühlenstraße; und um die Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusöl auf
der Welt, gutes, dickes, silberblankes Rizinusöl, welches, aus einem
Eßlöffel genommen, wie ein schlüpfriger Molch durch die Kehle glitschte
und das man drei Tage lang roch, schmeckte, im Schlunde spürte, wo man
ging und stand … Ach, warum war das alles doch so unüberwindlich
widerlich? Ein einziges Mal – Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen,
und sein Herz hatte sich besondere Unregelmäßigkeiten zuschulden
kommen lassen – war Doktor Langhals mit einer gewissen Nervosität zur
Verschreibung eines Mittels geschritten, das dem kleinen Johann Freude
gemacht und ihm so unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren
auf jene wehmütige Art geschlossen hielt, oder während Hanno
nachdenklich die Zungenspitze an einem Zahne scheuerte, dem er
mißtraute, mit leichtverzerrten Lippen und einer Miene, als fröre ihn …
Wie man von Doktor Langhals erfuhr, der jetzt die Praxis des alten
Doktor Grabow gänzlich übernommen hatte und Hausarzt bei
Buddenbrooks war, hatte Hannos unzulänglicher Kräftezustand sowie die
Blässe seiner Haut ihren triftigen Grund, und dieser bestand darin, daß der
Organismus des Kleinen leider die so wichtigen roten Blutkörperchen in
nicht genügender Anzahl produzierte. Dieser Unzuträglichkeit zu steuern
aber gab es ein Mittel, ein ganz vortreffliches Mittel, das Doktor Langhals
in großen Mengen verordnete: Lebertran, guter, gelber, fetter, dickflüssiger
Dorschlebertran, der aus einem Porzellanlöffel zweimal täglich zu nehmen
war; und auf entschiedenen Befehl des Senators sorgte Ida Jungmann mit
liebevoller Strenge dafür, daß dies pünktlich geschah. Anfangs zwar erbrach
sich Hanno nach jedem Löffel, und sein Magen schien den guten
Dorschlebertran nicht beherbergen zu können; aber er gewöhnte sich daran,
und wenn man gleich nach dem Niederschlucken ein Stück Roggenbrot mit
angehaltenem Atem im Munde zerkaute, so ward der Ekel ein wenig
beruhigt.
Alle übrigen Beschwerden waren ja nur Folgeerscheinungen dieses
Mangels an roten Blutkörperchen, »sekundäre Erscheinungen«, wie Doktor
Langhals sagte, indem er seine Fingernägel besah. Allein auch diesen
sekundären Erscheinungen mußte unnachsichtig zu Leibe gegangen
werden. Um die Zähne zu behandeln, zu füllen und gegebenen Falles zu
extrahieren, dazu wohnte Herr Brecht mit seinem Josephus in der
Mühlenstraße; und um die Verdauung zu regulieren, gab es Rizinusöl auf
der Welt, gutes, dickes, silberblankes Rizinusöl, welches, aus einem
Eßlöffel genommen, wie ein schlüpfriger Molch durch die Kehle glitschte
und das man drei Tage lang roch, schmeckte, im Schlunde spürte, wo man
ging und stand … Ach, warum war das alles doch so unüberwindlich
widerlich? Ein einziges Mal – Hanno hatte recht krank zu Bette gelegen,
und sein Herz hatte sich besondere Unregelmäßigkeiten zuschulden
kommen lassen – war Doktor Langhals mit einer gewissen Nervosität zur
Verschreibung eines Mittels geschritten, das dem kleinen Johann Freude
gemacht und ihm so unvergleichlich wohlgetan hatte: und das waren
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Arsenikpillen gewesen. Hanno fragte in der Folge oftmals danach, von
einem beinahe zärtlichen Bedürfnis nach diesen kleinen, süßen,
beglückenden Pillen getrieben. Aber er erhielt sie nicht mehr.
Lebertran und Rizinusöl waren gute Dinge, aber darin war Doktor
Langhals vollständig mit dem Senator einig, daß sie allein nicht hinreichten,
den kleinen Johann zu einem tüchtigen und wetterfesten Manne zu machen,
wenn er selbst nicht das Seine dazu täte. Da waren zum Beispiel, geleitet
von dem Turnlehrer Herrn Fritsche, die Turnspiele, die zur Sommerszeit
allwöchentlich draußen auf dem »Burgfelde« veranstaltet wurden und der
männlichen Jugend der Stadt Gelegenheit gaben, Mut, Kraft, Gewandtheit
und Geistesgegenwart zu zeigen und zu pflegen. Aber zum Zorne seines
Vaters legte Hanno nichts als Widerwillen, einen stummen, reservierten,
beinahe hochmütigen Widerwillen gegen solche gesunde Unterhaltungen an
den Tag … Warum hatte er so gar keine Fühlung mit seinen Klassen- und
Altersgenossen, mit denen er später zu leben und zu wirken haben würde?
Warum hockte er beständig nur mit diesem kleinen, halb gewaschenen Kai
zusammen, der ja ein gutes Kind, aber immerhin eine etwas zweifelhafte
Existenz und kaum eine Freundschaft für die Zukunft war? Auf irgendeine
Weise muß ein Knabe sich das Vertrauen und den Respekt seiner
Umgebung, die mit ihm aufwächst und auf deren Schätzung er für sein
ganzes Leben angewiesen ist, von Anfang an zu gewinnen wissen. Da
waren die beiden Söhne des Konsuls Hagenström: vierzehn- und
zwölfjährig, zwei Prachtkerle, dick, stark und übermütig, die in den
Gehölzen der Umgegend regelrechte Faustduelle veranstalteten, die besten
Turner der Schule waren, schwammen wie Seehunde, Zigarren rauchten
und zu jeder Schandtat bereit waren. Sie waren gefürchtet, beliebt und
respektiert. Ihre Cousins, die beiden Söhne des Staatsanwaltes Doktor
Moritz Hagenström andererseits, von zarterer Konstitution und sanfteren
Sitten, zeichneten sich auf geistigem Gebiete aus und waren Musterschüler,
ehrgeizig, devot, still und bienenfleißig, bebend aufmerksam und beinahe
verzehrt von der Begier, stets Primus zu sein und das Zeugnis Numero Eins
zu erhalten. Sie erhielten es und genossen die Achtung ihrer dümmeren und
fauleren Genossen. Was aber mochten, ganz abgesehen von seinen Lehrern,
seine Mitschüler von Hanno halten, der ein höchst mittelmäßiger Schüler
war und obendrein ein Weichling, welcher allem, wozu ein wenig Mut,
Kraft, Gewandtheit und Munterkeit gehörte, scheu aus dem Wege zu gehen
einem beinahe zärtlichen Bedürfnis nach diesen kleinen, süßen,
beglückenden Pillen getrieben. Aber er erhielt sie nicht mehr.
Lebertran und Rizinusöl waren gute Dinge, aber darin war Doktor
Langhals vollständig mit dem Senator einig, daß sie allein nicht hinreichten,
den kleinen Johann zu einem tüchtigen und wetterfesten Manne zu machen,
wenn er selbst nicht das Seine dazu täte. Da waren zum Beispiel, geleitet
von dem Turnlehrer Herrn Fritsche, die Turnspiele, die zur Sommerszeit
allwöchentlich draußen auf dem »Burgfelde« veranstaltet wurden und der
männlichen Jugend der Stadt Gelegenheit gaben, Mut, Kraft, Gewandtheit
und Geistesgegenwart zu zeigen und zu pflegen. Aber zum Zorne seines
Vaters legte Hanno nichts als Widerwillen, einen stummen, reservierten,
beinahe hochmütigen Widerwillen gegen solche gesunde Unterhaltungen an
den Tag … Warum hatte er so gar keine Fühlung mit seinen Klassen- und
Altersgenossen, mit denen er später zu leben und zu wirken haben würde?
Warum hockte er beständig nur mit diesem kleinen, halb gewaschenen Kai
zusammen, der ja ein gutes Kind, aber immerhin eine etwas zweifelhafte
Existenz und kaum eine Freundschaft für die Zukunft war? Auf irgendeine
Weise muß ein Knabe sich das Vertrauen und den Respekt seiner
Umgebung, die mit ihm aufwächst und auf deren Schätzung er für sein
ganzes Leben angewiesen ist, von Anfang an zu gewinnen wissen. Da
waren die beiden Söhne des Konsuls Hagenström: vierzehn- und
zwölfjährig, zwei Prachtkerle, dick, stark und übermütig, die in den
Gehölzen der Umgegend regelrechte Faustduelle veranstalteten, die besten
Turner der Schule waren, schwammen wie Seehunde, Zigarren rauchten
und zu jeder Schandtat bereit waren. Sie waren gefürchtet, beliebt und
respektiert. Ihre Cousins, die beiden Söhne des Staatsanwaltes Doktor
Moritz Hagenström andererseits, von zarterer Konstitution und sanfteren
Sitten, zeichneten sich auf geistigem Gebiete aus und waren Musterschüler,
ehrgeizig, devot, still und bienenfleißig, bebend aufmerksam und beinahe
verzehrt von der Begier, stets Primus zu sein und das Zeugnis Numero Eins
zu erhalten. Sie erhielten es und genossen die Achtung ihrer dümmeren und
fauleren Genossen. Was aber mochten, ganz abgesehen von seinen Lehrern,
seine Mitschüler von Hanno halten, der ein höchst mittelmäßiger Schüler
war und obendrein ein Weichling, welcher allem, wozu ein wenig Mut,
Kraft, Gewandtheit und Munterkeit gehörte, scheu aus dem Wege zu gehen
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suchte? Und wenn Senator Buddenbrook, auf dem Wege zu seinem
Ankleidezimmer, an dem »Altan« in der zweiten Etage vorüberging, so
hörte er aus dem mittleren der drei dort oben gelegenen Zimmer, das
Hannos war, seitdem er zu groß geworden, bei Ida Jungmann zu schlafen,
die Töne des Harmoniums oder Kais halblaute und geheimnisvolle Stimme,
die eine Geschichte erzählte …
Was Kai betraf, so mied er die »Turnspiele«, weil er die Disziplin und
gesetzmäßige Ordnung verabscheute, die dabei beobachtet werden mußte.
»Nein, Hanno«, sagte er, »ich gehe nicht hin. Du vielleicht? Hol's der Geier
… Alles, was einem Spaß dabei machen würde, das gilt nicht.« Solche
Redewendungen wie »Hol's der Geier« hatte er von seinem Vater; Hanno
aber antwortete: »Wenn Herr Fritsche e i n e n Tag nach etwas anderem
röche als nach Schweiß und Bier, so ließe sich über die Sache reden … Ja,
nun laß das nur, Kai, und erzähle weiter. Das mit dem Ringe, den du aus
dem Sumpfe holtest, war noch lange nicht fertig …« »Gut«, sagte Kai;
»aber wenn ich winke, so mußt du spielen.« Und Kai fuhr fort zu erzählen.
Durfte man ihm glauben, so war er vor einiger Zeit bei schwüler Nacht
und in fremder, unkenntlicher Gegend einen schlüpfrigen und unermeßlich
tiefen Abhang hinabgeglitten, an dessen Fuße er im fahlen und flackernden
Schein von Irrlichtern ein schwarzes Sumpfgewässer gefunden hatte, aus
dem mit hohl glucksendem Geräusch unaufhörlich silberblanke Blasen
aufgestiegen waren. Eine aber davon, die, nahe dem Ufer, beständig
wiedergekehrt war, sooft sie zersprungen, hatte die Form eines Ringes
gehabt, und diese hatte er nach langen, gefahrvollen Bemühungen mit der
Hand zu erhaschen verstanden, worauf sie nicht mehr zerplatzt war, sondern
sich als glatter und fester Reif hatte an den Finger stecken lassen. Er aber,
der mit Recht diesem Ringe ungewöhnliche Eigenschaften zugetraut hatte,
war mit seiner Hilfe den steilen und schlüpfrigen Abhang wieder
emporgelangt und hatte unweit davon in rötlichem Nebel ein schwarzes,
totenstilles und ungeheuerlich bewachtes Schloß gefunden, in das er
eingedrungen war und in dem er, immer mit Hilfe des Ringes, die
dankenswertesten Entzauberungen und Erlösungen vorgenommen hatte …
In den seltsamsten Augenblicken aber griff Hanno auf seinem Harmonium
süße Akkordfolgen … Auch wurden, standen nicht unüberwindliche
szenische Schwierigkeiten im Wege, diese Erzählungen mit
Musikbegleitung auf dem Puppentheater dargestellt … Zu den
Ankleidezimmer, an dem »Altan« in der zweiten Etage vorüberging, so
hörte er aus dem mittleren der drei dort oben gelegenen Zimmer, das
Hannos war, seitdem er zu groß geworden, bei Ida Jungmann zu schlafen,
die Töne des Harmoniums oder Kais halblaute und geheimnisvolle Stimme,
die eine Geschichte erzählte …
Was Kai betraf, so mied er die »Turnspiele«, weil er die Disziplin und
gesetzmäßige Ordnung verabscheute, die dabei beobachtet werden mußte.
»Nein, Hanno«, sagte er, »ich gehe nicht hin. Du vielleicht? Hol's der Geier
… Alles, was einem Spaß dabei machen würde, das gilt nicht.« Solche
Redewendungen wie »Hol's der Geier« hatte er von seinem Vater; Hanno
aber antwortete: »Wenn Herr Fritsche e i n e n Tag nach etwas anderem
röche als nach Schweiß und Bier, so ließe sich über die Sache reden … Ja,
nun laß das nur, Kai, und erzähle weiter. Das mit dem Ringe, den du aus
dem Sumpfe holtest, war noch lange nicht fertig …« »Gut«, sagte Kai;
»aber wenn ich winke, so mußt du spielen.« Und Kai fuhr fort zu erzählen.
Durfte man ihm glauben, so war er vor einiger Zeit bei schwüler Nacht
und in fremder, unkenntlicher Gegend einen schlüpfrigen und unermeßlich
tiefen Abhang hinabgeglitten, an dessen Fuße er im fahlen und flackernden
Schein von Irrlichtern ein schwarzes Sumpfgewässer gefunden hatte, aus
dem mit hohl glucksendem Geräusch unaufhörlich silberblanke Blasen
aufgestiegen waren. Eine aber davon, die, nahe dem Ufer, beständig
wiedergekehrt war, sooft sie zersprungen, hatte die Form eines Ringes
gehabt, und diese hatte er nach langen, gefahrvollen Bemühungen mit der
Hand zu erhaschen verstanden, worauf sie nicht mehr zerplatzt war, sondern
sich als glatter und fester Reif hatte an den Finger stecken lassen. Er aber,
der mit Recht diesem Ringe ungewöhnliche Eigenschaften zugetraut hatte,
war mit seiner Hilfe den steilen und schlüpfrigen Abhang wieder
emporgelangt und hatte unweit davon in rötlichem Nebel ein schwarzes,
totenstilles und ungeheuerlich bewachtes Schloß gefunden, in das er
eingedrungen war und in dem er, immer mit Hilfe des Ringes, die
dankenswertesten Entzauberungen und Erlösungen vorgenommen hatte …
In den seltsamsten Augenblicken aber griff Hanno auf seinem Harmonium
süße Akkordfolgen … Auch wurden, standen nicht unüberwindliche
szenische Schwierigkeiten im Wege, diese Erzählungen mit
Musikbegleitung auf dem Puppentheater dargestellt … Zu den
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»Turnspielen« aber ging Hanno nur auf ausdrücklichen und strengen Befehl
seines Vaters, und dann begleitete ihn der kleine Kai.
Es war nicht anders mit dem Schlittschuhlaufen zur Winterszeit und mit
dem Baden in der hölzernen Anstalt des Herrn Asmussen, unten am Fluß,
im Sommer … »Baden! Schwimmen!« hatte Doktor Langhals gesagt. »Der
Junge muß baden und schwimmen!« Und der Senator war vollständig damit
einverstanden gewesen. Was aber hauptsächlich Hanno veranlaßte, sich
vom Baden sowohl wie vom Schlittschuhlaufen und von den
»Turnspielen«, sobald es nur immer anging, fernzuhalten, war der Umstand,
daß die beiden Söhne des Konsuls Hagenström, die sich an allen diesen
Dingen ehrenvoll beteiligten, es auf ihn abgesehen hatten und, obgleich sie
doch in dem Hause seiner Großmutter wohnten, keine Gelegenheit
versäumten, ihn mit ihrer Stärke zu demütigen und zu quälen. Sie kniffen
und verhöhnten ihn bei den »Turnspielen«, sie stießen ihn in den
Schneekehricht auf der Eisbahn, sie kamen im Schwimmbassin mit
bedrohlichen Lauten durch das Wasser auf ihn zu … Hanno versuchte nicht
zu entfliehen, was übrigens wenig nützlich gewesen wäre. Er stand da, mit
seinen Mädchenarmen, bis zum Bauche in dem ziemlich trüben Wasser, auf
dessen Oberfläche hie und da grüne Gebilde von Pflanzen, sogenanntes
Gänsefutter, umhertrieben, und sah mit zusammengezogenen Brauen, einem
finsteren Senkblick und leicht verzerrten Lippen den beiden entgegen, die,
sicher ihrer Beute, mit langen, schäumenden Sprungschritten daherkamen.
Sie hatten Muskeln an den Armen, die beiden Hagenströms, und damit
umklammerten sie ihn und tauchten ihn, tauchten ihn recht lange, so daß er
ziemlich viel von dem unreinlichen Wasser schluckte und lange nachher,
sich hin und her wendend, nach Atem rang … Ein einziges Mal ward er ein
wenig gerächt. Gerade als ihn nämlich eines Nachmittags die beiden
Hagenströms unter die Wasserfläche hielten, stieß der eine von ihnen
plötzlich einen Wut- und Schmerzensschrei aus und hob sein eines
fleischiges Bein empor, von dem das Blut in großen Tropfen rann. Neben
ihm aber kam Kai Graf Mölln zum Vorschein, welcher sich auf irgendeine
Weise das Eintrittsgeld verschafft hatte, unversehens unter Wasser
herbeigeschwommen war und den jungen Hagenström gebissen – mit allen
Zähnen ins Bein gebissen hatte, wie ein kleiner wütender Hund. Seine
blauen Augen blitzten durch das rötlich-blonde Haar, das naß darüber hing
… Ach, es erging ihm schlecht für seine Tat, dem kleinen Grafen, und übel
seines Vaters, und dann begleitete ihn der kleine Kai.
Es war nicht anders mit dem Schlittschuhlaufen zur Winterszeit und mit
dem Baden in der hölzernen Anstalt des Herrn Asmussen, unten am Fluß,
im Sommer … »Baden! Schwimmen!« hatte Doktor Langhals gesagt. »Der
Junge muß baden und schwimmen!« Und der Senator war vollständig damit
einverstanden gewesen. Was aber hauptsächlich Hanno veranlaßte, sich
vom Baden sowohl wie vom Schlittschuhlaufen und von den
»Turnspielen«, sobald es nur immer anging, fernzuhalten, war der Umstand,
daß die beiden Söhne des Konsuls Hagenström, die sich an allen diesen
Dingen ehrenvoll beteiligten, es auf ihn abgesehen hatten und, obgleich sie
doch in dem Hause seiner Großmutter wohnten, keine Gelegenheit
versäumten, ihn mit ihrer Stärke zu demütigen und zu quälen. Sie kniffen
und verhöhnten ihn bei den »Turnspielen«, sie stießen ihn in den
Schneekehricht auf der Eisbahn, sie kamen im Schwimmbassin mit
bedrohlichen Lauten durch das Wasser auf ihn zu … Hanno versuchte nicht
zu entfliehen, was übrigens wenig nützlich gewesen wäre. Er stand da, mit
seinen Mädchenarmen, bis zum Bauche in dem ziemlich trüben Wasser, auf
dessen Oberfläche hie und da grüne Gebilde von Pflanzen, sogenanntes
Gänsefutter, umhertrieben, und sah mit zusammengezogenen Brauen, einem
finsteren Senkblick und leicht verzerrten Lippen den beiden entgegen, die,
sicher ihrer Beute, mit langen, schäumenden Sprungschritten daherkamen.
Sie hatten Muskeln an den Armen, die beiden Hagenströms, und damit
umklammerten sie ihn und tauchten ihn, tauchten ihn recht lange, so daß er
ziemlich viel von dem unreinlichen Wasser schluckte und lange nachher,
sich hin und her wendend, nach Atem rang … Ein einziges Mal ward er ein
wenig gerächt. Gerade als ihn nämlich eines Nachmittags die beiden
Hagenströms unter die Wasserfläche hielten, stieß der eine von ihnen
plötzlich einen Wut- und Schmerzensschrei aus und hob sein eines
fleischiges Bein empor, von dem das Blut in großen Tropfen rann. Neben
ihm aber kam Kai Graf Mölln zum Vorschein, welcher sich auf irgendeine
Weise das Eintrittsgeld verschafft hatte, unversehens unter Wasser
herbeigeschwommen war und den jungen Hagenström gebissen – mit allen
Zähnen ins Bein gebissen hatte, wie ein kleiner wütender Hund. Seine
blauen Augen blitzten durch das rötlich-blonde Haar, das naß darüber hing
… Ach, es erging ihm schlecht für seine Tat, dem kleinen Grafen, und übel
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zugerichtet stieg er aus dem Bassin. Allein Konsul Hagenströms starker
Sohn hinkte doch beträchtlich, als er nach Hause ging …
Nährende Mittel und körperliche Übungen aller Art – das war die
Grundlage von Senator Buddenbrooks sorgenden Bemühungen um seinen
Sohn. Nicht minder aufmerksam aber trachtete er danach, ihn geistig zu
beeinflussen und ihn mit lebendigen Eindrücken aus der praktischen Welt
zu versehen, für die er bestimmt war.
Er fing an, ihn ein wenig in das Bereich seiner zukünftigen Tätigkeit
einzuführen, er nahm ihn mit sich auf Geschäftsgänge, zum Hafen hinunter
und ließ ihn dabeistehen, wenn er am Kai mit den Löscharbeitern in einem
Gemisch von Dänisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen, finsteren
Speicherkontoren mit den Geschäftsführern konferierte oder draußen den
Männern einen Befehl erteilte, die mit hohlen und langgezogenen Rufen die
Kornsäcke zu den Böden hinaufwanden … Für Thomas Buddenbrook selbst
war dieses Stück Welt am Hafen, zwischen Schiffen, Schuppen und
Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser, Teer und geöltem Eisen
roch, von klein auf der liebste und interessanteste Aufenthalt gewesen; und
da Freude und Teilnahme daran sich bei seinem Sohne von selbst nicht
äußerten, so mußte er darauf bedacht sein, sie zu wecken … Wie hießen nun
die Dampfer, die mit Kopenhagen verkehrten? Najaden … Halmstadt …
Friederike Oeverdieck … »Nun, daß du wenigstens diese weißt, mein
Junge, das ist schon e t w a s. Auch die anderen wirst du dir noch merken …
Ja, von den Leuten, die da die Säcke hinaufwinden, heißen manche wie du,
mein Lieber, weil sie nach deinem Großvater getauft sind. Und unter ihren
Kindern kommt häufig mein Name vor … und auch der von Mama … Man
schenkt ihnen dann jährlich eine Kleinigkeit … So, an diesem Speicher
gehen wir vorüber und reden nicht mit den Männern; da haben wir nichts zu
sagen; das ist ein Konkurrent …«
»Willst du mitkommen, Hanno?« sagte er ein andermal … »Ein neues
Schiff, das zu unserer Reederei gehört, läuft heute nachmittag vom Stapel.
Ich taufe es … Hast du Lust?«
Und Hanno gab an, daß er Lust habe. Er ging mit und hörte die Taufrede
seines Vaters, sah zu, wie er eine Champagnerflasche am Bug zerschellte
und blickte mit fremden Augen dem Schiffe nach, welches die gänzlich mit
Sohn hinkte doch beträchtlich, als er nach Hause ging …
Nährende Mittel und körperliche Übungen aller Art – das war die
Grundlage von Senator Buddenbrooks sorgenden Bemühungen um seinen
Sohn. Nicht minder aufmerksam aber trachtete er danach, ihn geistig zu
beeinflussen und ihn mit lebendigen Eindrücken aus der praktischen Welt
zu versehen, für die er bestimmt war.
Er fing an, ihn ein wenig in das Bereich seiner zukünftigen Tätigkeit
einzuführen, er nahm ihn mit sich auf Geschäftsgänge, zum Hafen hinunter
und ließ ihn dabeistehen, wenn er am Kai mit den Löscharbeitern in einem
Gemisch von Dänisch und Plattdeutsch plauderte, in den kleinen, finsteren
Speicherkontoren mit den Geschäftsführern konferierte oder draußen den
Männern einen Befehl erteilte, die mit hohlen und langgezogenen Rufen die
Kornsäcke zu den Böden hinaufwanden … Für Thomas Buddenbrook selbst
war dieses Stück Welt am Hafen, zwischen Schiffen, Schuppen und
Speichern, wo es nach Butter, Fischen, Wasser, Teer und geöltem Eisen
roch, von klein auf der liebste und interessanteste Aufenthalt gewesen; und
da Freude und Teilnahme daran sich bei seinem Sohne von selbst nicht
äußerten, so mußte er darauf bedacht sein, sie zu wecken … Wie hießen nun
die Dampfer, die mit Kopenhagen verkehrten? Najaden … Halmstadt …
Friederike Oeverdieck … »Nun, daß du wenigstens diese weißt, mein
Junge, das ist schon e t w a s. Auch die anderen wirst du dir noch merken …
Ja, von den Leuten, die da die Säcke hinaufwinden, heißen manche wie du,
mein Lieber, weil sie nach deinem Großvater getauft sind. Und unter ihren
Kindern kommt häufig mein Name vor … und auch der von Mama … Man
schenkt ihnen dann jährlich eine Kleinigkeit … So, an diesem Speicher
gehen wir vorüber und reden nicht mit den Männern; da haben wir nichts zu
sagen; das ist ein Konkurrent …«
»Willst du mitkommen, Hanno?« sagte er ein andermal … »Ein neues
Schiff, das zu unserer Reederei gehört, läuft heute nachmittag vom Stapel.
Ich taufe es … Hast du Lust?«
Und Hanno gab an, daß er Lust habe. Er ging mit und hörte die Taufrede
seines Vaters, sah zu, wie er eine Champagnerflasche am Bug zerschellte
und blickte mit fremden Augen dem Schiffe nach, welches die gänzlich mit
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grüner Seife beschmierte schiefe Ebene hinab und in das hoch
aufschäumende Wasser glitt …
An gewissen Tagen des Jahres, am Palmsonntag, wenn die
Konfirmationen stattfanden, oder am Neujahrstage, unternahm Senator
Buddenbrook zu Wagen eine Tournee von Visiten in einer Reihe von
Häusern, denen er gesellschaftlich verpflichtet war, und da seine Gattin es
vorzog, sich bei solchen Gelegenheiten mit Nervosität und Migräne zu
entschuldigen, so forderte er Hanno auf, ihn zu begleiten. Und Hanno hatte
auch hierzu Lust. Er stieg zu seinem Vater in die Droschke und saß stumm
an seiner Seite in den Empfangszimmern, indem er mit stillen Augen sein
leichtes, taktsicheres und so verschiedenartiges, so sorgfältig abgetöntes
Benehmen gegen die Leute beobachtete. Er sah zu, wie er dem
Oberstleutnant und Bezirkskommandanten Herrn von Rinnlingen, welcher
beim Abschied betonte, er wisse die Ehre dieses Besuches sehr wohl zu
schätzen, mit liebenswürdiger Erschrockenheit einen Augenblick den Arm
um die Schulter legte; wie er an anderer Stelle eine ähnliche Bemerkung
ruhig und ernst entgegennahm und sie an einer dritten mit einem ironisch
übertriebenen Gegenkompliment abwehrte … Alles mit einer formalen
Versiertheit des Wortes und der Gebärde, die er ersichtlich gern der
Bewunderung seines Sohnes produzierte und von der er sich unterrichtende
Wirkung versprach.
Aber der kleine Johann sah mehr, als er sehen sollte, und seine Augen,
diese schüchternen, goldbraunen, bläulich umschatteten Augen
beobachteten zu gut. Er sah nicht nur die sichere Liebenswürdigkeit, die
sein Vater auf alle wirken ließ, er sah auch – sah es mit einem seltsamen,
quälenden Scharfblick –, wie furchtbar schwer sie zu m a c h e n war, wie
sein Vater nach jeder Visite wortkarger und bleicher, mit geschlossenen
Augen, deren Lider sich gerötet hatten, in der Wagenecke lehnte, und mit
Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der Schwelle des nächsten
Hauses eine Maske über ebendieses Gesicht glitt, immer aufs neue eine
plötzliche Elastizität in die Bewegungen ebendieses ermüdeten Körpers
kam … Das Auftreten, Reden, Sichbenehmen, Wirken und Handeln unter
Menschen stellte sich dem kleinen Johann nicht als ein naives, natürliches
und halb unbewußtes Vertreten praktischer Interessen dar, die man mit
anderen gemein hat und gegen andere durchsetzen will, sondern als eine Art
von Selbstzweck, eine bewußte und künstliche Anstrengung, bei welcher,
aufschäumende Wasser glitt …
An gewissen Tagen des Jahres, am Palmsonntag, wenn die
Konfirmationen stattfanden, oder am Neujahrstage, unternahm Senator
Buddenbrook zu Wagen eine Tournee von Visiten in einer Reihe von
Häusern, denen er gesellschaftlich verpflichtet war, und da seine Gattin es
vorzog, sich bei solchen Gelegenheiten mit Nervosität und Migräne zu
entschuldigen, so forderte er Hanno auf, ihn zu begleiten. Und Hanno hatte
auch hierzu Lust. Er stieg zu seinem Vater in die Droschke und saß stumm
an seiner Seite in den Empfangszimmern, indem er mit stillen Augen sein
leichtes, taktsicheres und so verschiedenartiges, so sorgfältig abgetöntes
Benehmen gegen die Leute beobachtete. Er sah zu, wie er dem
Oberstleutnant und Bezirkskommandanten Herrn von Rinnlingen, welcher
beim Abschied betonte, er wisse die Ehre dieses Besuches sehr wohl zu
schätzen, mit liebenswürdiger Erschrockenheit einen Augenblick den Arm
um die Schulter legte; wie er an anderer Stelle eine ähnliche Bemerkung
ruhig und ernst entgegennahm und sie an einer dritten mit einem ironisch
übertriebenen Gegenkompliment abwehrte … Alles mit einer formalen
Versiertheit des Wortes und der Gebärde, die er ersichtlich gern der
Bewunderung seines Sohnes produzierte und von der er sich unterrichtende
Wirkung versprach.
Aber der kleine Johann sah mehr, als er sehen sollte, und seine Augen,
diese schüchternen, goldbraunen, bläulich umschatteten Augen
beobachteten zu gut. Er sah nicht nur die sichere Liebenswürdigkeit, die
sein Vater auf alle wirken ließ, er sah auch – sah es mit einem seltsamen,
quälenden Scharfblick –, wie furchtbar schwer sie zu m a c h e n war, wie
sein Vater nach jeder Visite wortkarger und bleicher, mit geschlossenen
Augen, deren Lider sich gerötet hatten, in der Wagenecke lehnte, und mit
Entsetzen im Herzen erlebte er es, daß auf der Schwelle des nächsten
Hauses eine Maske über ebendieses Gesicht glitt, immer aufs neue eine
plötzliche Elastizität in die Bewegungen ebendieses ermüdeten Körpers
kam … Das Auftreten, Reden, Sichbenehmen, Wirken und Handeln unter
Menschen stellte sich dem kleinen Johann nicht als ein naives, natürliches
und halb unbewußtes Vertreten praktischer Interessen dar, die man mit
anderen gemein hat und gegen andere durchsetzen will, sondern als eine Art
von Selbstzweck, eine bewußte und künstliche Anstrengung, bei welcher,
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anstatt der aufrichtigen und einfachen inneren Beteiligung, eine furchtbar
schwierige und aufreibende Virtuosität für Haltung und Rückgrat
aufkommen mußte. Und bei dem Gedanken, man erwarte, daß auch er
dereinst in öffentlichen Versammlungen auftreten und unter dem Druck
aller Blicke mit Wort und Gebärde tätig sein sollte, schloß Hanno mit einem
Schauder angstvollen Widerstrebens seine Augen …
Ach, das war die Wirkung nicht, die Thomas Buddenbrook von dem
Einfluß seiner Persönlichkeit auf seinen Sohn erhoffte! Unbefangenheit
vielmehr, Rücksichtslosigkeit und einen einfachen Sinn für das praktische
Leben in ihm zu erwecken, auf nichts anderes waren all seine Gedanken
gerichtet.
»Du scheinst gern gut zu leben, mein Lieber«, sagte er, wenn Hanno
eine zweite Portion Dessert oder eine halbe Tasse Kaffee nach dem Essen
erbat … »Da mußt du ein tüchtiger Kaufmann werden und viel Geld
verdienen! Willst du das?« Und der kleine Johann antwortete: »Ja.«
Dann und wann, wenn die Familie beim Senator zu Tische gebeten war
und Tante Antonie oder Onkel Christian nach alter Gewohnheit sich über
die arme Tante Klothilde lustig zu machen und in der ihr eigenen
langgedehnten und demütig-freundlichen Sprache mit ihr zu reden
begannen, so konnte es geschehen, daß Hanno, unter der Einwirkung des
unalltäglich schweren Rotweines, einen Augenblick auch seinerseits in
diesen Ton geriet und sich mit irgendeiner Mokerie an Tante Klothilde
wandte. Dann lachte Thomas Buddenbrook – ein lautes, herzliches,
ermunterndes, fast dankbares Lachen, wie ein Mensch, dem eine
hocherfreuliche, heitere Genugtuung zuteil geworden ist, ja, er fing an,
seinen Sohn zu unterstützen und selbst in die Neckerei einzustimmen: und
doch hatte er sich eigentlich seit Jahr und Tag dieses Tones gegen die arme
Verwandte begeben. Es war so billig, so gänzlich gefahrlos, seine
Überlegenheit über die beschränkte, demütige, magere und immer hungrige
Klothilde geltend zu machen, daß er es trotz aller Harmlosigkeit, die dabei
herrschte, als gemein empfand. Mit Widerstreben empfand er es so, mit
jenem verzweifelten Widerstreben, das er alltäglich im praktischen Leben
seiner skrupulösen Natur entgegensetzen mußte, wenn er es wieder einmal
nicht fassen, nicht darüber hinwegkommen konnte, wie es möglich sei, eine
Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne
schwierige und aufreibende Virtuosität für Haltung und Rückgrat
aufkommen mußte. Und bei dem Gedanken, man erwarte, daß auch er
dereinst in öffentlichen Versammlungen auftreten und unter dem Druck
aller Blicke mit Wort und Gebärde tätig sein sollte, schloß Hanno mit einem
Schauder angstvollen Widerstrebens seine Augen …
Ach, das war die Wirkung nicht, die Thomas Buddenbrook von dem
Einfluß seiner Persönlichkeit auf seinen Sohn erhoffte! Unbefangenheit
vielmehr, Rücksichtslosigkeit und einen einfachen Sinn für das praktische
Leben in ihm zu erwecken, auf nichts anderes waren all seine Gedanken
gerichtet.
»Du scheinst gern gut zu leben, mein Lieber«, sagte er, wenn Hanno
eine zweite Portion Dessert oder eine halbe Tasse Kaffee nach dem Essen
erbat … »Da mußt du ein tüchtiger Kaufmann werden und viel Geld
verdienen! Willst du das?« Und der kleine Johann antwortete: »Ja.«
Dann und wann, wenn die Familie beim Senator zu Tische gebeten war
und Tante Antonie oder Onkel Christian nach alter Gewohnheit sich über
die arme Tante Klothilde lustig zu machen und in der ihr eigenen
langgedehnten und demütig-freundlichen Sprache mit ihr zu reden
begannen, so konnte es geschehen, daß Hanno, unter der Einwirkung des
unalltäglich schweren Rotweines, einen Augenblick auch seinerseits in
diesen Ton geriet und sich mit irgendeiner Mokerie an Tante Klothilde
wandte. Dann lachte Thomas Buddenbrook – ein lautes, herzliches,
ermunterndes, fast dankbares Lachen, wie ein Mensch, dem eine
hocherfreuliche, heitere Genugtuung zuteil geworden ist, ja, er fing an,
seinen Sohn zu unterstützen und selbst in die Neckerei einzustimmen: und
doch hatte er sich eigentlich seit Jahr und Tag dieses Tones gegen die arme
Verwandte begeben. Es war so billig, so gänzlich gefahrlos, seine
Überlegenheit über die beschränkte, demütige, magere und immer hungrige
Klothilde geltend zu machen, daß er es trotz aller Harmlosigkeit, die dabei
herrschte, als gemein empfand. Mit Widerstreben empfand er es so, mit
jenem verzweifelten Widerstreben, das er alltäglich im praktischen Leben
seiner skrupulösen Natur entgegensetzen mußte, wenn er es wieder einmal
nicht fassen, nicht darüber hinwegkommen konnte, wie es möglich sei, eine
Situation zu erkennen, zu durchschauen und sie dennoch ohne
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Schamempfindung auszunutzen … Aber die Situation ohne Schamgefühl
auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstüchtigkeit!
Ach, wie froh, wie glücklich, wie hoffnungsvoll entzückt er über jedes
geringste Anzeichen dieser Lebenstüchtigkeit war, das der kleine Johann an
den Tag legte!
Drittes Kapitel
Seit manchem Jahr hatten Buddenbrooks sich der weiteren
sommerlichen Reisen entwöhnt, die ehemals üblich gewesen waren, und
selbst als im vorigen Frühling die Senatorin dem Wunsche gefolgt war,
ihren alten Vater in Amsterdam zu besuchen und nach so langer Zeit einmal
wieder ein paar Duos mit ihm zu geigen, hatte ihr Gatte nur in ziemlich
wortkarger Weise seine Einwilligung gegeben. Daß aber Gerda, der kleine
Johann und Fräulein Jungmann alljährlich für die Dauer der Sommerferien
ins Kurhaus von Travemünde übersiedelten, war hauptsächlich Hannos
Gesundheit wegen die Regel geblieben …
Sommerferien an der See! Begriff wohl irgend jemand weit und breit,
was für ein Glück das bedeutete? Nach dem schwerflüssigen und
sorgenvollen Einerlei unzähliger Schultage vier Wochen lang eine friedliche
und kummerlose Abgeschiedenheit, erfüllt von Tanggeruch und dem
Rauschen der sanften Brandung … Vier Wochen, eine Zeit, die an ihrem
Beginne nicht zu übersehen und ermessen war, an deren Ende zu glauben
unmöglich und von deren Ende zu sprechen eine lästerliche Roheit war.
Niemals verstand es der kleine Johann, wie dieser oder jener Lehrer es über
sich gewann, am Schlusse des Unterrichts Redewendungen laut werden zu
lassen wie etwa: »Hier werden wir nach den Ferien fortfahren und zu dem
und dem übergehen …« Nach den Ferien! Er schien sich noch darauf zu
freuen, dieser unbegreifliche Mann im blanken Kammgarnrock! Nach den
Ferien! War das überhaupt ein Gedanke! So wundervoll weit in graue Ferne
entrückt war alles, was jenseits dieser vier Wochen lag!
In einem der beiden Schweizerhäuser, welche, durch einen schmalen
Mittelbau verbunden, mit der »Konditorei« und dem Hauptgebäude des
Kurhauses eine gerade Linie bildeten: welch ein Erwachen, am ersten
auszunutzen, sagte er sich, das ist Lebenstüchtigkeit!
Ach, wie froh, wie glücklich, wie hoffnungsvoll entzückt er über jedes
geringste Anzeichen dieser Lebenstüchtigkeit war, das der kleine Johann an
den Tag legte!
Drittes Kapitel
Seit manchem Jahr hatten Buddenbrooks sich der weiteren
sommerlichen Reisen entwöhnt, die ehemals üblich gewesen waren, und
selbst als im vorigen Frühling die Senatorin dem Wunsche gefolgt war,
ihren alten Vater in Amsterdam zu besuchen und nach so langer Zeit einmal
wieder ein paar Duos mit ihm zu geigen, hatte ihr Gatte nur in ziemlich
wortkarger Weise seine Einwilligung gegeben. Daß aber Gerda, der kleine
Johann und Fräulein Jungmann alljährlich für die Dauer der Sommerferien
ins Kurhaus von Travemünde übersiedelten, war hauptsächlich Hannos
Gesundheit wegen die Regel geblieben …
Sommerferien an der See! Begriff wohl irgend jemand weit und breit,
was für ein Glück das bedeutete? Nach dem schwerflüssigen und
sorgenvollen Einerlei unzähliger Schultage vier Wochen lang eine friedliche
und kummerlose Abgeschiedenheit, erfüllt von Tanggeruch und dem
Rauschen der sanften Brandung … Vier Wochen, eine Zeit, die an ihrem
Beginne nicht zu übersehen und ermessen war, an deren Ende zu glauben
unmöglich und von deren Ende zu sprechen eine lästerliche Roheit war.
Niemals verstand es der kleine Johann, wie dieser oder jener Lehrer es über
sich gewann, am Schlusse des Unterrichts Redewendungen laut werden zu
lassen wie etwa: »Hier werden wir nach den Ferien fortfahren und zu dem
und dem übergehen …« Nach den Ferien! Er schien sich noch darauf zu
freuen, dieser unbegreifliche Mann im blanken Kammgarnrock! Nach den
Ferien! War das überhaupt ein Gedanke! So wundervoll weit in graue Ferne
entrückt war alles, was jenseits dieser vier Wochen lag!
In einem der beiden Schweizerhäuser, welche, durch einen schmalen
Mittelbau verbunden, mit der »Konditorei« und dem Hauptgebäude des
Kurhauses eine gerade Linie bildeten: welch ein Erwachen, am ersten
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Morgen, nachdem tags zuvor ein Vorzeigen des Zeugnisses wohl oder übel
überstanden und die Fahrt in der bepackten Droschke zurückgelegt war! Ein
unbestimmtes Glücksgefühl, das in seinem Körper emporstieg und sein
Herz sich zusammenziehen ließ, schreckte ihn auf … er öffnete die Augen
und umfaßte mit einem gierigen und seligen Blick die altfränkischen Möbel
des reinlichen kleinen Zimmers … Eine Sekunde schlaftrunkener, wonniger
Verwirrung – und dann begriff er, daß er in Travemünde war, für vier
unermeßliche Wochen in Travemünde! Er regte sich nicht; er lag still auf
dem Rücken in dem schmalen gelbhölzernen Bette, dessen Linnen vor Alter
außerordentlich dünn und weich waren, schloß hie und da aufs neue seine
Augen und fühlte, wie seine Brust in tiefen, langsamen Atemzügen vor
Glück und Unruhe erzitterte.
Das Zimmer lag in dem gelblichen Tageslicht, das schon durch das
gestreifte Rouleau hereinfiel, während doch ringsum noch alles still war
und Ida Jungmann sowohl wie Mama noch schliefen. Nichts war zu
vernehmen als das gleichmäßige und friedliche Geräusch, mit dem drunten
der Hausknecht den Kies des Kurgartens harkte, und das Summen einer
Fliege, die zwischen Rouleau und Fenster beharrlich gegen die Scheibe
stürmte und deren Schatten man auf der gestreiften Leinwand in langen
Zickzacklinien umherschießen sah … Stille! Das einsame Geräusch der
Harke und monotones Summen! Und dieser sanft belebte Friede erfüllte
den kleinen Johann alsbald mit der köstlichen Empfindung jener ruhigen,
wohlgepflegten und distinguierten Abgeschiedenheit des Bades, die er so
über alles liebte. Nein, Gott sei gepriesen, hierher kam keiner der blanken
Kammgarnröcke, die auf Erden Regeldetrie und Grammatik vertraten,
hierher nicht, denn es war ziemlich kostspielig hier draußen …
Ein Anfall von Freude machte, daß er aus dem Bette sprang und auf
nackten Füßen zum Fenster lief. Er zog das Rouleau empor, öffnete den
einen Flügel, indem er den weißlackierten Haken löste, und blickte der
Fliege nach, die über die Kieswege und Rosenbeete des Kurgartens hin
davonflog. Der Musiktempel, im Halbkreise von Buchsbaum umwachsen,
stand noch leer und still den Hotelgebäuden gegenüber. Das
»Leuchtenfeld«, das seinen Namen nach dem Leuchtturm trug, der
irgendwo zur Rechten aufragte, dehnte sich unter dem weißlich bezogenen
Himmel aus, bis sein kurzes, von kahlen Erdflecken unterbrochenes Gras in
hohe und harte Strandgewächse und dann in Sand überging, dort, wo man
überstanden und die Fahrt in der bepackten Droschke zurückgelegt war! Ein
unbestimmtes Glücksgefühl, das in seinem Körper emporstieg und sein
Herz sich zusammenziehen ließ, schreckte ihn auf … er öffnete die Augen
und umfaßte mit einem gierigen und seligen Blick die altfränkischen Möbel
des reinlichen kleinen Zimmers … Eine Sekunde schlaftrunkener, wonniger
Verwirrung – und dann begriff er, daß er in Travemünde war, für vier
unermeßliche Wochen in Travemünde! Er regte sich nicht; er lag still auf
dem Rücken in dem schmalen gelbhölzernen Bette, dessen Linnen vor Alter
außerordentlich dünn und weich waren, schloß hie und da aufs neue seine
Augen und fühlte, wie seine Brust in tiefen, langsamen Atemzügen vor
Glück und Unruhe erzitterte.
Das Zimmer lag in dem gelblichen Tageslicht, das schon durch das
gestreifte Rouleau hereinfiel, während doch ringsum noch alles still war
und Ida Jungmann sowohl wie Mama noch schliefen. Nichts war zu
vernehmen als das gleichmäßige und friedliche Geräusch, mit dem drunten
der Hausknecht den Kies des Kurgartens harkte, und das Summen einer
Fliege, die zwischen Rouleau und Fenster beharrlich gegen die Scheibe
stürmte und deren Schatten man auf der gestreiften Leinwand in langen
Zickzacklinien umherschießen sah … Stille! Das einsame Geräusch der
Harke und monotones Summen! Und dieser sanft belebte Friede erfüllte
den kleinen Johann alsbald mit der köstlichen Empfindung jener ruhigen,
wohlgepflegten und distinguierten Abgeschiedenheit des Bades, die er so
über alles liebte. Nein, Gott sei gepriesen, hierher kam keiner der blanken
Kammgarnröcke, die auf Erden Regeldetrie und Grammatik vertraten,
hierher nicht, denn es war ziemlich kostspielig hier draußen …
Ein Anfall von Freude machte, daß er aus dem Bette sprang und auf
nackten Füßen zum Fenster lief. Er zog das Rouleau empor, öffnete den
einen Flügel, indem er den weißlackierten Haken löste, und blickte der
Fliege nach, die über die Kieswege und Rosenbeete des Kurgartens hin
davonflog. Der Musiktempel, im Halbkreise von Buchsbaum umwachsen,
stand noch leer und still den Hotelgebäuden gegenüber. Das
»Leuchtenfeld«, das seinen Namen nach dem Leuchtturm trug, der
irgendwo zur Rechten aufragte, dehnte sich unter dem weißlich bezogenen
Himmel aus, bis sein kurzes, von kahlen Erdflecken unterbrochenes Gras in
hohe und harte Strandgewächse und dann in Sand überging, dort, wo man
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die Reihen der kleinen hölzernen Privatpavillons und der Sitzkörbe
unterschied, die auf die See hinausblickten. Sie lag da, die See, in Frieden
und Morgenlicht, in flaschengrünen und blauen, glatten und gekrausten
Streifen, und ein Dampfer kam zwischen den rotgemalten Tonnen, die ihm
das Fahrwasser bezeichneten, von Kopenhagen daher, ohne daß man zu
wissen brauchte, ob er »Najaden« oder »Friederike Oeverdieck« hieß. Und
Hanno Buddenbrook zog wieder tief und mit stiller Seligkeit den würzigen
Atem ein, den die See zu ihm herübersandte, und grüßte sie zärtlich mit den
Augen, mit einem stummen, dankbaren und liebevollen Gruße.
Und dann begann der Tag, der erste dieser armseligen achtundzwanzig
Tage, die anfangs wie eine ewige Seligkeit erschienen und, waren die ersten
vorüber, so verzweifelt schnell zerrannen … Es wurde auf dem Balkon oder
unter dem großen Kastanienbaum gefrühstückt, der drunten vor dem
Kinderspielplatze stand, dort, wo die große Schaukel hing – und alles, der
Geruch, den das eilig gewaschene Tischtuch ausströmte, wenn der Kellner
es ausbreitete, die Servietten aus Seidenpapier, das fremdartige Brot, der
Umstand, daß man die Eier nicht wie zu Hause mit knöchernen, sondern
mit gewöhnlichen Teelöffeln und aus metallenen Bechern aß – alles
entzückte den kleinen Johann.
Und was folgte, war alles frei und leicht geordnet, ein wunderbar
müßiges und pflegsames Wohlleben, das ungestört und kummerlos verging:
der Vormittag am Strande, während droben die Kurkapelle ihr
Morgenprogramm erledigte, dieses Liegen und Ruhen zu Füßen des
Sitzkorbes, dieses zärtliche und träumerische Spielen mit dem weichen
Sande, der nicht beschmutzt, dieses mühe- und schmerzlose Schweifen und
Sichverlieren der Augen über die grüne und blaue Unendlichkeit hin, von
welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker, frisch,
wild und herrlich duftender Hauch daherkam, der die Ohren umhüllte und
einen angenehmen Schwindel hervorrief, eine gedämpfte Betäubung, in der
das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten still selig
unterging … Das Baden dann, das hier eine erfreulichere Sache war als in
Herrn Asmussens Anstalt, denn es gab hier kein »Gänsefutter«, das
hellgrüne, kristallklare Wasser schäumte weithin, wenn man es aufrührte,
statt eines schleimigen Bretterbodens schmeichelte der weich gewellte
Sandboden den Sohlen, und Konsul Hagenströms Söhne waren weit, sehr
weit, in Norwegen oder Tirol. Der Konsul liebte es, im Sommer eine
unterschied, die auf die See hinausblickten. Sie lag da, die See, in Frieden
und Morgenlicht, in flaschengrünen und blauen, glatten und gekrausten
Streifen, und ein Dampfer kam zwischen den rotgemalten Tonnen, die ihm
das Fahrwasser bezeichneten, von Kopenhagen daher, ohne daß man zu
wissen brauchte, ob er »Najaden« oder »Friederike Oeverdieck« hieß. Und
Hanno Buddenbrook zog wieder tief und mit stiller Seligkeit den würzigen
Atem ein, den die See zu ihm herübersandte, und grüßte sie zärtlich mit den
Augen, mit einem stummen, dankbaren und liebevollen Gruße.
Und dann begann der Tag, der erste dieser armseligen achtundzwanzig
Tage, die anfangs wie eine ewige Seligkeit erschienen und, waren die ersten
vorüber, so verzweifelt schnell zerrannen … Es wurde auf dem Balkon oder
unter dem großen Kastanienbaum gefrühstückt, der drunten vor dem
Kinderspielplatze stand, dort, wo die große Schaukel hing – und alles, der
Geruch, den das eilig gewaschene Tischtuch ausströmte, wenn der Kellner
es ausbreitete, die Servietten aus Seidenpapier, das fremdartige Brot, der
Umstand, daß man die Eier nicht wie zu Hause mit knöchernen, sondern
mit gewöhnlichen Teelöffeln und aus metallenen Bechern aß – alles
entzückte den kleinen Johann.
Und was folgte, war alles frei und leicht geordnet, ein wunderbar
müßiges und pflegsames Wohlleben, das ungestört und kummerlos verging:
der Vormittag am Strande, während droben die Kurkapelle ihr
Morgenprogramm erledigte, dieses Liegen und Ruhen zu Füßen des
Sitzkorbes, dieses zärtliche und träumerische Spielen mit dem weichen
Sande, der nicht beschmutzt, dieses mühe- und schmerzlose Schweifen und
Sichverlieren der Augen über die grüne und blaue Unendlichkeit hin, von
welcher, frei und ohne Hindernis, mit sanftem Sausen ein starker, frisch,
wild und herrlich duftender Hauch daherkam, der die Ohren umhüllte und
einen angenehmen Schwindel hervorrief, eine gedämpfte Betäubung, in der
das Bewußtsein von Zeit und Raum und allem Begrenzten still selig
unterging … Das Baden dann, das hier eine erfreulichere Sache war als in
Herrn Asmussens Anstalt, denn es gab hier kein »Gänsefutter«, das
hellgrüne, kristallklare Wasser schäumte weithin, wenn man es aufrührte,
statt eines schleimigen Bretterbodens schmeichelte der weich gewellte
Sandboden den Sohlen, und Konsul Hagenströms Söhne waren weit, sehr
weit, in Norwegen oder Tirol. Der Konsul liebte es, im Sommer eine
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ausgedehntere Erholungsreise zu unternehmen – und warum also nicht,
nicht wahr … Ein Spaziergang, zur Erwärmung, den Strand entlang, bis
zum »Mövenstein« oder zum »Seetempel«, ein Imbiß, am Sitzkorbe
eingenommen – und die Stunde näherte sich, da man hinauf in die Zimmer
ging, um vor der Toilette zur Table d'hote eine kleine Stunde zu ruhen. Die
Table d'hote war lustig, das Bad stand in Flor, viele Leute, Familien, die den
Buddenbrooks befreundet waren, sowohl wie Hamburger und sogar
englische und russische Herrschaften füllten den großen Saal des
Kurhauses, an einem feierlichen Tischchen kredenzte ein schwarz
gekleideter Herr die Suppe aus einer silberblanken Terrine, es gab vier
Gänge, die schmackhafter, würziger und jedenfalls auf irgendeine
festlichere Weise zubereitet waren als zu Hause, und an vielen Stellen der
langen Tafeln ward Champagner getrunken. Oftmals kamen einzelne
Herren aus der Stadt, die sich von ihren Geschäften nicht während der
ganzen Woche fesseln ließen, die sich amüsieren und nach dem Essen die
Roulette ein wenig in Bewegung setzen wollten: Konsul Peter Döhlmann,
der seine Tochter zu Hause gelassen hatte und mit schallender Stimme auf
Plattdeutsch so ungenierte Geschichten erzählte, daß die Hamburger Damen
vor Lachen husteten und um einen Augenblick Pause baten; Senator Doktor
Cremer, der alte Polizeichef; Onkel Christian und sein Schulfreund, Senator
Gieseke, der ebenfalls ohne Familie war und alles für Christian
Buddenbrook bezahlte … Später, wenn die Erwachsenen zu den Klängen
der Musik unter dem Zeltdache der Konditorei den Kaffee tranken, saß
Hanno auf einem Stuhle unermüdlich vor den Stufen des Tempels und
lauschte … Es war gesorgt für den Nachmittag. Es gab eine Schießbude im
Kurgarten, und zur Rechten der Schweizerhäuser standen die Stallgebäude
mit Pferden, Eseln und den Kühen, deren Milch man warm, schaumig und
duftend zur Vesperstunde trank. Man konnte einen Spaziergang machen, in
das Städtchen, die »Vorderreihe« entlang; man konnte von dort aus mit
einem Boote zum »Priwal« übersetzen, an dessen Strande es Bernstein zu
finden gab, konnte sich auf dem Kinderspielplatze an einer Krocketpartie
beteiligen oder sich auf einer Bank des bewaldeten Hügels, der hinter den
Hotels gelegen war und auf dem die große Table-d'hote-Glocke hing, von
Ida Jungmann vorlesen lassen … Und doch war das Klügste stets, zur See
zurückzukehren und noch im Zwielicht, das Gesicht dem offenen Horizonte
zugewandt, auf der Spitze des Bollwerks zu sitzen, den großen Schiffen, die
vorüberglitten, mit dem Taschentuch zuzuwinken und zu horchen, wie die
nicht wahr … Ein Spaziergang, zur Erwärmung, den Strand entlang, bis
zum »Mövenstein« oder zum »Seetempel«, ein Imbiß, am Sitzkorbe
eingenommen – und die Stunde näherte sich, da man hinauf in die Zimmer
ging, um vor der Toilette zur Table d'hote eine kleine Stunde zu ruhen. Die
Table d'hote war lustig, das Bad stand in Flor, viele Leute, Familien, die den
Buddenbrooks befreundet waren, sowohl wie Hamburger und sogar
englische und russische Herrschaften füllten den großen Saal des
Kurhauses, an einem feierlichen Tischchen kredenzte ein schwarz
gekleideter Herr die Suppe aus einer silberblanken Terrine, es gab vier
Gänge, die schmackhafter, würziger und jedenfalls auf irgendeine
festlichere Weise zubereitet waren als zu Hause, und an vielen Stellen der
langen Tafeln ward Champagner getrunken. Oftmals kamen einzelne
Herren aus der Stadt, die sich von ihren Geschäften nicht während der
ganzen Woche fesseln ließen, die sich amüsieren und nach dem Essen die
Roulette ein wenig in Bewegung setzen wollten: Konsul Peter Döhlmann,
der seine Tochter zu Hause gelassen hatte und mit schallender Stimme auf
Plattdeutsch so ungenierte Geschichten erzählte, daß die Hamburger Damen
vor Lachen husteten und um einen Augenblick Pause baten; Senator Doktor
Cremer, der alte Polizeichef; Onkel Christian und sein Schulfreund, Senator
Gieseke, der ebenfalls ohne Familie war und alles für Christian
Buddenbrook bezahlte … Später, wenn die Erwachsenen zu den Klängen
der Musik unter dem Zeltdache der Konditorei den Kaffee tranken, saß
Hanno auf einem Stuhle unermüdlich vor den Stufen des Tempels und
lauschte … Es war gesorgt für den Nachmittag. Es gab eine Schießbude im
Kurgarten, und zur Rechten der Schweizerhäuser standen die Stallgebäude
mit Pferden, Eseln und den Kühen, deren Milch man warm, schaumig und
duftend zur Vesperstunde trank. Man konnte einen Spaziergang machen, in
das Städtchen, die »Vorderreihe« entlang; man konnte von dort aus mit
einem Boote zum »Priwal« übersetzen, an dessen Strande es Bernstein zu
finden gab, konnte sich auf dem Kinderspielplatze an einer Krocketpartie
beteiligen oder sich auf einer Bank des bewaldeten Hügels, der hinter den
Hotels gelegen war und auf dem die große Table-d'hote-Glocke hing, von
Ida Jungmann vorlesen lassen … Und doch war das Klügste stets, zur See
zurückzukehren und noch im Zwielicht, das Gesicht dem offenen Horizonte
zugewandt, auf der Spitze des Bollwerks zu sitzen, den großen Schiffen, die
vorüberglitten, mit dem Taschentuch zuzuwinken und zu horchen, wie die
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kleinen Wellen mit leisem Plaudern wider die Steinblöcke klatschten und
die ganze Weite ringsum von diesem gelinden und großartigen Sausen
erfüllt war, das dem kleinen Johann gütevoll zusprach und ihn beredete, in
ungeheurer Zufriedenheit seine Augen zu schließen. Dann aber sagte Ida
Jungmann: »Komm, Hannochen; müssen gehen; Abendbrotzeit; wirst dir
den Tod holen, wenn du hier wirst schlafen wollen …« Welch ein
beruhigtes, befriedigtes und in wohltätiger Ordnung arbeitendes Herz er
immer mitnahm vom Meere! Und wenn er sein Abendbrot mit Milch oder
stark gemalztem Braunbier im Zimmer gegessen hatte, während seine
Mutter später in der Glasveranda des Kurhauses in größerer Gesellschaft
speiste, so senkte sich, kaum daß er wieder zwischen dem altersdünnen
Linnen seines Bettes lag, zu den sanften und vollen Schlägen eben dieses
befriedigten Herzens und den gedämpften Rhythmen des Abendkonzertes
ganz ohne Schrecken und Fieber der Schlaf über ihn …
Am Sonntag erschien, gleich einigen anderen Herren, die während der
Woche von ihren Geschäften in der Stadt zurückgehalten wurden, der
Senator bei den Seinen und blieb bis zum Montagmorgen. Aber obgleich
dann Eis und Champagner an der Table d'hote serviert ward, obgleich
Eselritte und Segelpartien in die offene See hinaus veranstaltet wurden,
liebte der kleine Johann diese Sonntage nicht sehr. Die Ruhe und
Abgeschlossenheit des Bades war gestört. Eine Menge von Leuten aus der
Stadt, die gar nicht hierher gehörten, »Eintagsfliegen aus dem guten
Mittelstande«, wie Ida Jungmann sie mit wohlwollender Geringschätzung
nannte, bevölkerte am Nachmittage Kurgarten und Strand, um Kaffee zu
trinken, Musik zu hören, zu baden, und Hanno hätte am liebsten im
geschlossenen Zimmer den Abfluß dieser festlich geputzten Störenfriede
erwartet … Nein, er war froh, wenn am Montag alles wieder ins alltägliche
Geleise kam, wenn auch die Augen seines Vaters, diese Augen, denen er
sechs Tage lang fern gewesen war und die, er hatte es wohl gefühlt,
während des ganzen Sonntages wieder kritisch und forschend auf ihm
geruht hatten, nicht mehr da waren …
Und vierzehn Tage waren vorbei, und Hanno sagte sich und beteuerte es
jedem, der es hören wollte, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang wie die
Michaelisferien. Allein das war ein trügerischer Trost, denn war die Höhe
der Ferien erreicht, so ging es abwärts und gegen Ende, schnell, so
fürchterlich schnell, daß er sich an jede Stunde hätte klammern mögen, um
die ganze Weite ringsum von diesem gelinden und großartigen Sausen
erfüllt war, das dem kleinen Johann gütevoll zusprach und ihn beredete, in
ungeheurer Zufriedenheit seine Augen zu schließen. Dann aber sagte Ida
Jungmann: »Komm, Hannochen; müssen gehen; Abendbrotzeit; wirst dir
den Tod holen, wenn du hier wirst schlafen wollen …« Welch ein
beruhigtes, befriedigtes und in wohltätiger Ordnung arbeitendes Herz er
immer mitnahm vom Meere! Und wenn er sein Abendbrot mit Milch oder
stark gemalztem Braunbier im Zimmer gegessen hatte, während seine
Mutter später in der Glasveranda des Kurhauses in größerer Gesellschaft
speiste, so senkte sich, kaum daß er wieder zwischen dem altersdünnen
Linnen seines Bettes lag, zu den sanften und vollen Schlägen eben dieses
befriedigten Herzens und den gedämpften Rhythmen des Abendkonzertes
ganz ohne Schrecken und Fieber der Schlaf über ihn …
Am Sonntag erschien, gleich einigen anderen Herren, die während der
Woche von ihren Geschäften in der Stadt zurückgehalten wurden, der
Senator bei den Seinen und blieb bis zum Montagmorgen. Aber obgleich
dann Eis und Champagner an der Table d'hote serviert ward, obgleich
Eselritte und Segelpartien in die offene See hinaus veranstaltet wurden,
liebte der kleine Johann diese Sonntage nicht sehr. Die Ruhe und
Abgeschlossenheit des Bades war gestört. Eine Menge von Leuten aus der
Stadt, die gar nicht hierher gehörten, »Eintagsfliegen aus dem guten
Mittelstande«, wie Ida Jungmann sie mit wohlwollender Geringschätzung
nannte, bevölkerte am Nachmittage Kurgarten und Strand, um Kaffee zu
trinken, Musik zu hören, zu baden, und Hanno hätte am liebsten im
geschlossenen Zimmer den Abfluß dieser festlich geputzten Störenfriede
erwartet … Nein, er war froh, wenn am Montag alles wieder ins alltägliche
Geleise kam, wenn auch die Augen seines Vaters, diese Augen, denen er
sechs Tage lang fern gewesen war und die, er hatte es wohl gefühlt,
während des ganzen Sonntages wieder kritisch und forschend auf ihm
geruht hatten, nicht mehr da waren …
Und vierzehn Tage waren vorbei, und Hanno sagte sich und beteuerte es
jedem, der es hören wollte, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang wie die
Michaelisferien. Allein das war ein trügerischer Trost, denn war die Höhe
der Ferien erreicht, so ging es abwärts und gegen Ende, schnell, so
fürchterlich schnell, daß er sich an jede Stunde hätte klammern mögen, um
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sie nicht vorüberzulassen, und jeden Seeluftatemzug verlangsamen, um das
Glück nicht achtlos zu vergeuden.
Aber die Zeit verging unaufhaltsam im Wechsel von Regen und
Sonnenschein, See- und Landwind, stiller, brütender Wärme und lärmenden
Gewittern, die nicht über das Wasser konnten und kein Ende nehmen zu
wollen schienen. Es gab Tage, an denen der Nordostwind die Bucht mit
schwarzgrüner Flut überfüllte, welche den Strand mit Tang, Muscheln und
Quallen bedeckte und die Pavillons bedrohte. Dann war die trübe,
zerwühlte See weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
Rundung bildeten, und stürzten tosend, krachend, zischend, donnernd über
den Sand … Es gab andere Tage, an denen der Westwind die See
zurücktrieb, daß der zierlich gewellte Grund weit hinaus freilag und überall
nackte Sandbänke sichtbar waren, während der Regen in Strömen
herniederging, Himmel, Erde und Wasser ineinander verschwammen und
der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben trieb,
daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie
undurchsichtig machten. Dann hielt Hanno sich meistens im Kursaale auf,
am Pianino, das zwar bei den Reunions von Walzern und Schottischen ein
wenig zerhämmert war und auf dem sich nicht so wohllautend phantasieren
ließ wie zu Haus auf dem Flügel, aber mit dessen gedeckter und
glucksender Klangart doch recht unterhaltende Wirkungen zu erzielen
waren … Und wieder kamen andere Tage, träumerische, blaue, ganz
windstille und brütend warme, an denen die blauen Fliegen summend in der
Sonne über dem »Leuchtenfeld« standen und die See stumm und spiegelnd,
ohne Hauch und Regung lag. Und waren noch drei Tage übrig, so sagte sich
Hanno und machte es jedem klar, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang
wie die ganzen Pfingstferien. Aber so unanfechtbar diese Rechnung war,
glaubte er doch selbst nicht daran, und seines Herzens hatte sich längst die
Erkenntnis bemächtigt, daß der Mann im blanken Kammgarnrock dennoch
recht gehabt, daß die vier Wochen dennoch ein Ende nahmen und daß man
nun dennoch da fortfahren, wo man aufgehört, und zu dem und dem
übergehen werde …
Die bepackte Droschke hielt vorm Kurhause, der Tag war da. Hanno
hatte frühmorgens der See und dem Strande sein Adieu gesagt; er sagte es
Glück nicht achtlos zu vergeuden.
Aber die Zeit verging unaufhaltsam im Wechsel von Regen und
Sonnenschein, See- und Landwind, stiller, brütender Wärme und lärmenden
Gewittern, die nicht über das Wasser konnten und kein Ende nehmen zu
wollen schienen. Es gab Tage, an denen der Nordostwind die Bucht mit
schwarzgrüner Flut überfüllte, welche den Strand mit Tang, Muscheln und
Quallen bedeckte und die Pavillons bedrohte. Dann war die trübe,
zerwühlte See weit und breit mit Schaum bedeckt. Große, starke Wogen
wälzten sich mit einer unerbittlichen und furchteinflößenden Ruhe heran,
neigten sich majestätisch, indem sie eine dunkelgrüne, metallblanke
Rundung bildeten, und stürzten tosend, krachend, zischend, donnernd über
den Sand … Es gab andere Tage, an denen der Westwind die See
zurücktrieb, daß der zierlich gewellte Grund weit hinaus freilag und überall
nackte Sandbänke sichtbar waren, während der Regen in Strömen
herniederging, Himmel, Erde und Wasser ineinander verschwammen und
der Stoßwind in den Regen fuhr und ihn gegen die Fensterscheiben trieb,
daß nicht Tropfen, sondern Bäche daran hinunterflossen und sie
undurchsichtig machten. Dann hielt Hanno sich meistens im Kursaale auf,
am Pianino, das zwar bei den Reunions von Walzern und Schottischen ein
wenig zerhämmert war und auf dem sich nicht so wohllautend phantasieren
ließ wie zu Haus auf dem Flügel, aber mit dessen gedeckter und
glucksender Klangart doch recht unterhaltende Wirkungen zu erzielen
waren … Und wieder kamen andere Tage, träumerische, blaue, ganz
windstille und brütend warme, an denen die blauen Fliegen summend in der
Sonne über dem »Leuchtenfeld« standen und die See stumm und spiegelnd,
ohne Hauch und Regung lag. Und waren noch drei Tage übrig, so sagte sich
Hanno und machte es jedem klar, daß jetzt noch eine Zeit komme, so lang
wie die ganzen Pfingstferien. Aber so unanfechtbar diese Rechnung war,
glaubte er doch selbst nicht daran, und seines Herzens hatte sich längst die
Erkenntnis bemächtigt, daß der Mann im blanken Kammgarnrock dennoch
recht gehabt, daß die vier Wochen dennoch ein Ende nahmen und daß man
nun dennoch da fortfahren, wo man aufgehört, und zu dem und dem
übergehen werde …
Die bepackte Droschke hielt vorm Kurhause, der Tag war da. Hanno
hatte frühmorgens der See und dem Strande sein Adieu gesagt; er sagte es
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nun den Kellnern, die ihre Trinkgelder entgegennahmen, dem Musiktempel,
den Rosenbeeten und dieser ganzen Sommerszeit. Und dann, unter den
Verbeugungen des Hotelpersonals, setzte sich der Wagen in Bewegung.
Er passierte die Allee, die zum Städtchen führte, und fuhr die
»Vorderreihe« entlang … Hanno drückte den Kopf in die Wagenecke und
sah, an Ida Jungmann vorbei, die frischäugig, weißhaarig und knochig ihm
gegenüber auf dem Rückplatze saß, zum Fenster hinaus. Der
Morgenhimmel war weißlich bedeckt, und die Trave warf kleine Wellen,
die schnell vor dem Winde dahereilten. Dann und wann prickelten
Regentropfen gegen die Scheiben. Am Ausgange der »Vorderreihe« saßen
Leute vor ihren Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen
herbeigelaufen und betrachteten neugierig den Wagen. D i e blieben hier …
Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Hanno sich vor,
um noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte er sich zurück und
schloß die Augen. »Nächst's Jahr wieder, Hannochen«, sagte Ida Jungmann
mit tiefer, tröstender Stimme; aber dieser Zuspruch hatte nur gefehlt, um
sein Kinn in zitternde Bewegung zu setzen und die Tränen unter seinen
langen Wimpern hervorquellen zu lassen.
Sein Gesicht und seine Hände waren von der Seeluft gebräunt; aber
wenn man mit diesem Badeaufenthalt den Zweck verfolgt hatte, ihn härter,
energischer, frischer und widerstandsfähiger zu machen, so war man
jämmerlich fehlgegangen; von dieser hoffnungslosen Wahrheit war er ganz
erfüllt. Sein Herz war durch diese vier Wochen voll Meeresandacht und
eingehegtem Frieden nur noch viel weicher, verwöhnter, träumerischer,
empfindlicher geworden und nur noch viel unfähiger, bei dem Ausblick auf
Herrn Tiedges Regeldetri tapfer zu bleiben und bei dem Gedanken an das
Auswendiglernen der Geschichtszahlen und grammatischen Regeln, an das
verzweifelt leichtsinnige Wegwerfen der Bücher und den tiefen Schlaf, um
allem zu entgehen, an die Angst am Morgen und vor den Stunden, die
Katastrophen, die feindlichen Hagenströms und die Anforderungen, die sein
Vater an ihn stellte, nicht vollständig zu verzagen.
Dann aber ermunterte die morgendliche Fahrt ihn ein wenig, die,
zwischen dem Gezwitscher der Vögel, durch die wassererfüllten Geleise der
Landstraße dahinging. Er dachte an Kai und das Wiedersehen mit ihm, an
den Rosenbeeten und dieser ganzen Sommerszeit. Und dann, unter den
Verbeugungen des Hotelpersonals, setzte sich der Wagen in Bewegung.
Er passierte die Allee, die zum Städtchen führte, und fuhr die
»Vorderreihe« entlang … Hanno drückte den Kopf in die Wagenecke und
sah, an Ida Jungmann vorbei, die frischäugig, weißhaarig und knochig ihm
gegenüber auf dem Rückplatze saß, zum Fenster hinaus. Der
Morgenhimmel war weißlich bedeckt, und die Trave warf kleine Wellen,
die schnell vor dem Winde dahereilten. Dann und wann prickelten
Regentropfen gegen die Scheiben. Am Ausgange der »Vorderreihe« saßen
Leute vor ihren Haustüren und flickten Netze; barfüßige Kinder kamen
herbeigelaufen und betrachteten neugierig den Wagen. D i e blieben hier …
Als der Wagen die letzten Häuser zurückließ, beugte Hanno sich vor,
um noch einmal den Leuchtturm zu sehen; dann lehnte er sich zurück und
schloß die Augen. »Nächst's Jahr wieder, Hannochen«, sagte Ida Jungmann
mit tiefer, tröstender Stimme; aber dieser Zuspruch hatte nur gefehlt, um
sein Kinn in zitternde Bewegung zu setzen und die Tränen unter seinen
langen Wimpern hervorquellen zu lassen.
Sein Gesicht und seine Hände waren von der Seeluft gebräunt; aber
wenn man mit diesem Badeaufenthalt den Zweck verfolgt hatte, ihn härter,
energischer, frischer und widerstandsfähiger zu machen, so war man
jämmerlich fehlgegangen; von dieser hoffnungslosen Wahrheit war er ganz
erfüllt. Sein Herz war durch diese vier Wochen voll Meeresandacht und
eingehegtem Frieden nur noch viel weicher, verwöhnter, träumerischer,
empfindlicher geworden und nur noch viel unfähiger, bei dem Ausblick auf
Herrn Tiedges Regeldetri tapfer zu bleiben und bei dem Gedanken an das
Auswendiglernen der Geschichtszahlen und grammatischen Regeln, an das
verzweifelt leichtsinnige Wegwerfen der Bücher und den tiefen Schlaf, um
allem zu entgehen, an die Angst am Morgen und vor den Stunden, die
Katastrophen, die feindlichen Hagenströms und die Anforderungen, die sein
Vater an ihn stellte, nicht vollständig zu verzagen.
Dann aber ermunterte die morgendliche Fahrt ihn ein wenig, die,
zwischen dem Gezwitscher der Vögel, durch die wassererfüllten Geleise der
Landstraße dahinging. Er dachte an Kai und das Wiedersehen mit ihm, an
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Herrn Pfühl, die Klavierstunden, den Flügel und sein Harmonium. Übrigens
war morgen Sonntag, und der erste Schultag, übermorgen, war noch
gefahrlos. Ach, er fühlte noch ein wenig Sand vom Strande in seinen
Knöpfstiefeln … er wollte den alten Grobleben bitten, ihn immer darin zu
lassen … Mochte es nur alles wieder beginnen, das mit den
Kammgarnröcken und das mit Hagenströms und das andere. Er hatte, was
er hatte. Er wollte sich der See und des Kurgartens erinnern, wenn alles
wieder auf ihn einstürmte, und ein ganz kurzer Gedanke an das Geräusch,
mit dem abends in der Stille die kleinen Wellen, weither, aus der in
geheimnisvollem Schlummer liegenden Ferne kommend, gegen das
Bollwerk geplanscht hatten, sollte ihn so getrost, so unberührbar gegen alle
Widrigkeiten machen …
Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld, der Wagen erreichte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefängnisses aufragten, wo Onkel Weinschenk saß, er rollte die
Burgstraße entlang und über den Koberg, ließ die Breite Straße zurück und
fuhr bremsend die stark abfallende Fischergrube hinunter … Da war die
rote Fassade mit dem Erker und den weißen Karyatiden, und als sie von der
mittagwarmen Straße in die Kühle des steinernen Flures traten, kam der
Senator, die Feder in der Hand, aus dem Kontor heraus, um sie zu
begrüßen …
Und langsam, langsam, mit heimlichen Tränen, lernte der kleine Johann
wieder, die See zu missen, sich zu ängstigen und ungeheuerlich zu
langweilen, stets der Hagenströms gewärtig zu sein und sich mit Kai, Herrn
Pfühl und der Musik zu trösten.
Die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und Tante Klothilde
richteten, sobald sie seiner ansichtig wurden, die Frage an ihn, wie nach den
Ferien die Schule schmecke – mit einem neckischen Blinzeln, das ein
überlegenes Verständnis für seine Lage vorgab, und jenem sonderbaren
Erwachsenen-Hochmut, der alles, was Kinder angeht, möglichst spaßhaft
und oberflächlich behandelt; und Hanno hielt diesen Fragen stand.
Drei oder vier Tage nach der Rückkehr in die Stadt erschien der
Hausarzt Doktor Langhals in der Fischergrube, um die Wirkungen des
Bades festzustellen. Nachdem er eine längere Konferenz mit der Senatorin
war morgen Sonntag, und der erste Schultag, übermorgen, war noch
gefahrlos. Ach, er fühlte noch ein wenig Sand vom Strande in seinen
Knöpfstiefeln … er wollte den alten Grobleben bitten, ihn immer darin zu
lassen … Mochte es nur alles wieder beginnen, das mit den
Kammgarnröcken und das mit Hagenströms und das andere. Er hatte, was
er hatte. Er wollte sich der See und des Kurgartens erinnern, wenn alles
wieder auf ihn einstürmte, und ein ganz kurzer Gedanke an das Geräusch,
mit dem abends in der Stille die kleinen Wellen, weither, aus der in
geheimnisvollem Schlummer liegenden Ferne kommend, gegen das
Bollwerk geplanscht hatten, sollte ihn so getrost, so unberührbar gegen alle
Widrigkeiten machen …
Dann kam die Fähre, es kam die Israelsdorfer Allee, der Jerusalemsberg,
das Burgfeld, der Wagen erreichte das Burgtor, neben dem zur Rechten die
Mauern des Gefängnisses aufragten, wo Onkel Weinschenk saß, er rollte die
Burgstraße entlang und über den Koberg, ließ die Breite Straße zurück und
fuhr bremsend die stark abfallende Fischergrube hinunter … Da war die
rote Fassade mit dem Erker und den weißen Karyatiden, und als sie von der
mittagwarmen Straße in die Kühle des steinernen Flures traten, kam der
Senator, die Feder in der Hand, aus dem Kontor heraus, um sie zu
begrüßen …
Und langsam, langsam, mit heimlichen Tränen, lernte der kleine Johann
wieder, die See zu missen, sich zu ängstigen und ungeheuerlich zu
langweilen, stets der Hagenströms gewärtig zu sein und sich mit Kai, Herrn
Pfühl und der Musik zu trösten.
Die Damen Buddenbrook aus der Breiten Straße und Tante Klothilde
richteten, sobald sie seiner ansichtig wurden, die Frage an ihn, wie nach den
Ferien die Schule schmecke – mit einem neckischen Blinzeln, das ein
überlegenes Verständnis für seine Lage vorgab, und jenem sonderbaren
Erwachsenen-Hochmut, der alles, was Kinder angeht, möglichst spaßhaft
und oberflächlich behandelt; und Hanno hielt diesen Fragen stand.
Drei oder vier Tage nach der Rückkehr in die Stadt erschien der
Hausarzt Doktor Langhals in der Fischergrube, um die Wirkungen des
Bades festzustellen. Nachdem er eine längere Konferenz mit der Senatorin
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gehabt, ward Hanno vorgeführt, um sich, halb entkleidet, einer eingehenden
Prüfung zu unterziehen – seines status praesens, wie Doktor Langhals
sagte, indem er seine Fingernägel besah. Er untersuchte Hannos spärliche
Muskulatur, die Breite seiner Brust und die Funktion seines Herzens, ließ
sich über alle seine Lebensäußerungen Bericht erstatten, nahm schließlich
vermittels einer Nadelspritze einen Blutstropfen aus Hannos schmalem
Arm, um zu Hause eine Analyse vorzunehmen, und schien im allgemeinen
wieder nicht recht befriedigt.
»Wir sind ziemlich braun geworden«, sagte er, indem er Hanno, der vor
ihm stand, umarmte, die kleine schwarzbehaarte Hand auf seiner Schulter
gruppierte und zur Senatorin und Fräulein Jungmann emporsah, »aber ein
allzu betrübtes Gesicht machen wir immer noch.«
»Er hat Heimweh nach der See«, bemerkte Gerda Buddenbrook.
»So, so … also dort bist du so gern!« fragte Doktor Langhals, indem er
dem kleinen Johann mit seinen eitlen Augen ins Gesicht blickte … Hanno
verfärbte sich. Was bedeutete diese Frage, auf die Doktor Langhals
ersichtlich eine Antwort erwartete? Eine wahnwitzige und phantastische
Hoffnung, möglich gemacht durch die schwärmerische Überzeugung, daß
allen Kammgarnmännern der Welt zum Trotz vor Gott nichts unmöglich sei,
stieg in ihm auf.
»Ja …«, brachte er hervor, seine erweiterten Augen starr auf den Doktor
gerichtet. Aber Doktor Langhals hatte gar nichts Besonderes bei seiner
Frage im Sinne gehabt.
»Nun, der Effekt der Bäder und der guten Luft wird schon noch
nachkommen … schon noch nachkommen!« sagte er, indem er dem kleinen
Johann auf die Schulter klopfte, ihn von sich schob und mit einem
Kopfnicken gegen die Senatorin und Ida Jungmann – dem überlegenen,
wohlwollenden und ermunternden Kopfnicken des wissenden Arztes, an
dessen Augen und Lippen man hängt – sich erhob und die Konsultation
beendete …
Das bereitwilligste Verständnis noch für seinen Schmerz um die See,
diese Wunde, die so langsam vernarbte und, von der geringsten Härte des
Alltages berührt, wieder zu brennen und zu bluten begann, fand Hanno bei
Prüfung zu unterziehen – seines status praesens, wie Doktor Langhals
sagte, indem er seine Fingernägel besah. Er untersuchte Hannos spärliche
Muskulatur, die Breite seiner Brust und die Funktion seines Herzens, ließ
sich über alle seine Lebensäußerungen Bericht erstatten, nahm schließlich
vermittels einer Nadelspritze einen Blutstropfen aus Hannos schmalem
Arm, um zu Hause eine Analyse vorzunehmen, und schien im allgemeinen
wieder nicht recht befriedigt.
»Wir sind ziemlich braun geworden«, sagte er, indem er Hanno, der vor
ihm stand, umarmte, die kleine schwarzbehaarte Hand auf seiner Schulter
gruppierte und zur Senatorin und Fräulein Jungmann emporsah, »aber ein
allzu betrübtes Gesicht machen wir immer noch.«
»Er hat Heimweh nach der See«, bemerkte Gerda Buddenbrook.
»So, so … also dort bist du so gern!« fragte Doktor Langhals, indem er
dem kleinen Johann mit seinen eitlen Augen ins Gesicht blickte … Hanno
verfärbte sich. Was bedeutete diese Frage, auf die Doktor Langhals
ersichtlich eine Antwort erwartete? Eine wahnwitzige und phantastische
Hoffnung, möglich gemacht durch die schwärmerische Überzeugung, daß
allen Kammgarnmännern der Welt zum Trotz vor Gott nichts unmöglich sei,
stieg in ihm auf.
»Ja …«, brachte er hervor, seine erweiterten Augen starr auf den Doktor
gerichtet. Aber Doktor Langhals hatte gar nichts Besonderes bei seiner
Frage im Sinne gehabt.
»Nun, der Effekt der Bäder und der guten Luft wird schon noch
nachkommen … schon noch nachkommen!« sagte er, indem er dem kleinen
Johann auf die Schulter klopfte, ihn von sich schob und mit einem
Kopfnicken gegen die Senatorin und Ida Jungmann – dem überlegenen,
wohlwollenden und ermunternden Kopfnicken des wissenden Arztes, an
dessen Augen und Lippen man hängt – sich erhob und die Konsultation
beendete …
Das bereitwilligste Verständnis noch für seinen Schmerz um die See,
diese Wunde, die so langsam vernarbte und, von der geringsten Härte des
Alltages berührt, wieder zu brennen und zu bluten begann, fand Hanno bei
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Tante Antonie, die ihn mit ersichtlichem Vergnügen vom Travemünder
Leben erzählen hörte und auf seine sehnsüchtigen Lobpreisungen lebhaften
Herzens einging.
»Ja, Hanno«, sagte sie, »was wahr ist, bleibt ewig wahr, und
Travemünde ist ein schöner Aufenthalt! Bis ich den Fuß ins Grab setze,
weißt du, werde ich mich mit Freuden an die Sommerwochen erinnern, die
ich dort als junges, dummes Ding einmal erlebte. Ich wohnte bei Leuten,
die ich gern hatte und die mich auch wohl leiden konnten, wie es schien,
denn ich war ein hübscher Springinsfeld damals – jetzt kann ich altes Weib
es ja aussprechen – und fast immer guter Dinge. Es waren brave Leute, will
ich dir sagen, bieder, gutherzig und gradsinnig und außerdem so gescheit,
gelehrt und begeistert, wie ich später im Leben überhaupt keine mehr
gefunden habe. Ja, es war ein außerordentlich anregender Verkehr mit
ihnen. Ich habe da, was Anschauungen und Kenntnisse betrifft, weißt du,
für mein ganzes Leben viel gelernt, und wenn nicht anderes dazwischen
gekommen wäre, allerhand Ereignisse … kurz, wie es im Leben so geht …
so hätte ich dummes Ding wohl noch manches profitiert. Willst du wissen,
wie dumm ich damals war? Ich wollte die bunten Sterne aus den Quallen
heraushaben. Ich trug eine ganze Menge Quallen im Taschentuche nach
Hause und legte sie säuberlich auf den Balkon in die Sonne, damit sie
verdunsteten … Dann mußten die Sterne doch übrigbleiben! Ja, gut … als
ich nachsah, war da ein ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein
bißchen nach faulem Seetang …«
Vi e r t e s K a p i t e l
Zu Beginn des Jahres 1873 ward dem Gnadengesuch Hugo
Weinschenks vom Senate stattgegeben und der ehemalige Direktor ein
halbes Jahr vor Ablauf der ihm zugemessenen Strafzeit auf freien Fuß
gesetzt.
Würde Frau Permaneder ehrlich gesprochen haben, so hätte sie zugeben
müssen, daß dieses Ereignis sie gar nicht sehr freudig berührte und daß sie
es lieber gesehen hätte, wenn alles nun auch bis ans Ende geblieben wäre,
wie es einmal war. Sie lebte mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin friedlich am
Leben erzählen hörte und auf seine sehnsüchtigen Lobpreisungen lebhaften
Herzens einging.
»Ja, Hanno«, sagte sie, »was wahr ist, bleibt ewig wahr, und
Travemünde ist ein schöner Aufenthalt! Bis ich den Fuß ins Grab setze,
weißt du, werde ich mich mit Freuden an die Sommerwochen erinnern, die
ich dort als junges, dummes Ding einmal erlebte. Ich wohnte bei Leuten,
die ich gern hatte und die mich auch wohl leiden konnten, wie es schien,
denn ich war ein hübscher Springinsfeld damals – jetzt kann ich altes Weib
es ja aussprechen – und fast immer guter Dinge. Es waren brave Leute, will
ich dir sagen, bieder, gutherzig und gradsinnig und außerdem so gescheit,
gelehrt und begeistert, wie ich später im Leben überhaupt keine mehr
gefunden habe. Ja, es war ein außerordentlich anregender Verkehr mit
ihnen. Ich habe da, was Anschauungen und Kenntnisse betrifft, weißt du,
für mein ganzes Leben viel gelernt, und wenn nicht anderes dazwischen
gekommen wäre, allerhand Ereignisse … kurz, wie es im Leben so geht …
so hätte ich dummes Ding wohl noch manches profitiert. Willst du wissen,
wie dumm ich damals war? Ich wollte die bunten Sterne aus den Quallen
heraushaben. Ich trug eine ganze Menge Quallen im Taschentuche nach
Hause und legte sie säuberlich auf den Balkon in die Sonne, damit sie
verdunsteten … Dann mußten die Sterne doch übrigbleiben! Ja, gut … als
ich nachsah, war da ein ziemlich großer nasser Fleck. Es roch nur ein
bißchen nach faulem Seetang …«
Vi e r t e s K a p i t e l
Zu Beginn des Jahres 1873 ward dem Gnadengesuch Hugo
Weinschenks vom Senate stattgegeben und der ehemalige Direktor ein
halbes Jahr vor Ablauf der ihm zugemessenen Strafzeit auf freien Fuß
gesetzt.
Würde Frau Permaneder ehrlich gesprochen haben, so hätte sie zugeben
müssen, daß dieses Ereignis sie gar nicht sehr freudig berührte und daß sie
es lieber gesehen hätte, wenn alles nun auch bis ans Ende geblieben wäre,
wie es einmal war. Sie lebte mit ihrer Tochter und ihrer Enkelin friedlich am
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Lindenplatze, im Verkehr mit dem Hause in der Fischergrube und mit ihrer
Pensionsfreundin Armgard von Maiboom, geb. von Schilling, die seit dem
Ableben ihres Gatten in der Stadt wohnte. Sie wußte längst, daß sie
außerhalb der Mauern ihrer Vaterstadt eigentlich nirgends am richtigen und
würdigen Platze war und verspürte mit ihren Münchener Erinnerungen,
ihrem beständig schwächer und reizbarer werdenden Magen und ihrem
wachsenden Ruhebedürfnis durchaus keine Neigung, auf ihre alten Tage
noch einmal in eine große Stadt des geeinten Vaterlandes oder gar ins
Ausland überzusiedeln.
»Liebes Kind«, sagte sie zu ihrer Tochter, »ich muß dich nun etwas
fragen, etwas Ernstes!… Du liebst deinen Mann doch noch immer von
ganzem Herzen? Du liebst ihn doch so, daß du ihm, wohin er sich jetzt auch
wenden möge, mit eurem Kinde folgen willst, da seines Bleibens hier ja
leider nicht ist?«
Und da Frau Erika Weinschenk, geb. Grünlich, hierauf unter Tränen, die
alles mögliche bedeuten konnten, genau so pflichtgemäß antwortete, wie
Tony selbst einstmals unter ähnlichen Umständen in ihrer Villa bei
Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
Trennung zu rechnen …
Es war ein Tag, beinahe so schauerlich wie der, an dem Direktor
Weinschenk in Haft genommen war, als Frau Permaneder ihren
Schwiegersohn in einer geschlossenen Droschke vom Gefängnisse abholte.
Sie brachte ihn in ihre Wohnung am Lindenplatze, und dort blieb er,
nachdem er verwirrt und ratlos Frau und Kind begrüßt, in dem Zimmer, das
man ihm eingeräumt, und rauchte von früh bis spät Zigarren, ohne es zu
wagen, auf die Straße zu gehen, ja meistens ohne die Mahlzeiten mit den
Seinen gemeinsam zu nehmen, ein ergrauter und vollständig kopfscheuer
Mensch.
Das Gefängnisleben hatte seiner körperlichen Gesundheit nichts
anhaben können, denn Hugo Weinschenk war stets von durabler
Konstitution gewesen; aber es stand doch äußerst traurig um ihn. Es war
entsetzlich, zu sehen, wie dieser Mann – der höchstwahrscheinlich nichts
anderes begangen hatte, als was die meisten seiner Kollegen ringsum mit
gutem Mut alle Tage begingen, und der, wäre er nicht ertappt worden, ohne
Pensionsfreundin Armgard von Maiboom, geb. von Schilling, die seit dem
Ableben ihres Gatten in der Stadt wohnte. Sie wußte längst, daß sie
außerhalb der Mauern ihrer Vaterstadt eigentlich nirgends am richtigen und
würdigen Platze war und verspürte mit ihren Münchener Erinnerungen,
ihrem beständig schwächer und reizbarer werdenden Magen und ihrem
wachsenden Ruhebedürfnis durchaus keine Neigung, auf ihre alten Tage
noch einmal in eine große Stadt des geeinten Vaterlandes oder gar ins
Ausland überzusiedeln.
»Liebes Kind«, sagte sie zu ihrer Tochter, »ich muß dich nun etwas
fragen, etwas Ernstes!… Du liebst deinen Mann doch noch immer von
ganzem Herzen? Du liebst ihn doch so, daß du ihm, wohin er sich jetzt auch
wenden möge, mit eurem Kinde folgen willst, da seines Bleibens hier ja
leider nicht ist?«
Und da Frau Erika Weinschenk, geb. Grünlich, hierauf unter Tränen, die
alles mögliche bedeuten konnten, genau so pflichtgemäß antwortete, wie
Tony selbst einstmals unter ähnlichen Umständen in ihrer Villa bei
Hamburg ihrem Vater geantwortet hatte, so fing man an, mit einer nahen
Trennung zu rechnen …
Es war ein Tag, beinahe so schauerlich wie der, an dem Direktor
Weinschenk in Haft genommen war, als Frau Permaneder ihren
Schwiegersohn in einer geschlossenen Droschke vom Gefängnisse abholte.
Sie brachte ihn in ihre Wohnung am Lindenplatze, und dort blieb er,
nachdem er verwirrt und ratlos Frau und Kind begrüßt, in dem Zimmer, das
man ihm eingeräumt, und rauchte von früh bis spät Zigarren, ohne es zu
wagen, auf die Straße zu gehen, ja meistens ohne die Mahlzeiten mit den
Seinen gemeinsam zu nehmen, ein ergrauter und vollständig kopfscheuer
Mensch.
Das Gefängnisleben hatte seiner körperlichen Gesundheit nichts
anhaben können, denn Hugo Weinschenk war stets von durabler
Konstitution gewesen; aber es stand doch äußerst traurig um ihn. Es war
entsetzlich, zu sehen, wie dieser Mann – der höchstwahrscheinlich nichts
anderes begangen hatte, als was die meisten seiner Kollegen ringsum mit
gutem Mut alle Tage begingen, und der, wäre er nicht ertappt worden, ohne
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Zweifel erhobenen Hauptes und unberührt heiteren Gewissens seinen Pfad
gewandert wäre – durch seinen bürgerlichen Fall, durch die Tatsache der
gerichtlichen Verurteilung und diese drei Gefängnisjahre nun moralisch so
vollkommen gebrochen war. Er hatte vor Gericht aus tiefster Überzeugung
beteuert, und von Sachverständigen war es ihm bestätigt worden, daß das
kecke Manöver, welches er seiner Gesellschaft und sich selbst zu Ehr' und
Vorteil unternommen, in der Geschäftswelt als Usance gelte. Die Juristen
aber, Herren, die nach seiner eigenen Meinung von diesen Dingen gar
nichts verstanden, die unter ganz anderen Begriffen und in einer ganz
anderen Weltanschauung lebten, hatten ihn wegen Betruges verurteilt, und
dieser Spruch, dem die staatliche Macht zur Seite stand, hatte seine
Selbstschätzung dermaßen zu erschüttern vermocht, daß er niemandem
mehr ins Angesicht zu blicken wagte. Sein federnder Gang, die
unternehmende Art, mit der er sich in der Taille seines Gehrockes gewiegt,
mit den Fäusten balanciert und die Augen gerollt hatte, die ungemeine
Frische, mit der er von der Höhe seiner Unwissenheit und Unbildung herab
seine Fragen und Erzählungen zum besten gegeben hatte – alles war dahin!
Es war so sehr dahin, daß den Seinen vor so viel Gedrücktheit, Feigheit und
dumpfer Würdelosigkeit graute.
Nachdem Herr Hugo Weinschenk acht oder zehn Tage lang sich
lediglich mit Rauchen beschäftigt hatte, fing er an, Zeitungen zu lesen und
Briefe zu schreiben. Und dies hatte nach dem Verlaufe weiterer acht oder
zehn Tage zur Folge, daß er in unbestimmten Wendungen erklärte, in
London scheine sich ihm eine neue Position zu bieten, doch wolle er
zunächst allein dorthin reisen, um die Sache persönlich zu regeln und erst,
wenn alles in Richtigkeit sei, Frau und Kind zu sich rufen.
Er fuhr, von Erika begleitet, in geschlossenem Wagen zum Bahnhof und
reiste ab, ohne irgendeinen seiner übrigen Verwandten noch einmal gesehen
zu haben.
Einige Tage später traf, noch aus Hamburg, ein an seine Gattin
gerichtetes Schreiben ein, in welchem er zu wissen tat, er sei entschlossen,
sich keinesfalls eher mit Frau und Kind zu vereinigen oder auch nur von
sich hören zu lassen, als bis er ihnen eine angemessene Existenz werde
bieten können. Und dies war Hugo Weinschenks letztes Lebenszeichen.
Niemand vernahm seitdem das geringste von ihm. Obgleich später Frau
gewandert wäre – durch seinen bürgerlichen Fall, durch die Tatsache der
gerichtlichen Verurteilung und diese drei Gefängnisjahre nun moralisch so
vollkommen gebrochen war. Er hatte vor Gericht aus tiefster Überzeugung
beteuert, und von Sachverständigen war es ihm bestätigt worden, daß das
kecke Manöver, welches er seiner Gesellschaft und sich selbst zu Ehr' und
Vorteil unternommen, in der Geschäftswelt als Usance gelte. Die Juristen
aber, Herren, die nach seiner eigenen Meinung von diesen Dingen gar
nichts verstanden, die unter ganz anderen Begriffen und in einer ganz
anderen Weltanschauung lebten, hatten ihn wegen Betruges verurteilt, und
dieser Spruch, dem die staatliche Macht zur Seite stand, hatte seine
Selbstschätzung dermaßen zu erschüttern vermocht, daß er niemandem
mehr ins Angesicht zu blicken wagte. Sein federnder Gang, die
unternehmende Art, mit der er sich in der Taille seines Gehrockes gewiegt,
mit den Fäusten balanciert und die Augen gerollt hatte, die ungemeine
Frische, mit der er von der Höhe seiner Unwissenheit und Unbildung herab
seine Fragen und Erzählungen zum besten gegeben hatte – alles war dahin!
Es war so sehr dahin, daß den Seinen vor so viel Gedrücktheit, Feigheit und
dumpfer Würdelosigkeit graute.
Nachdem Herr Hugo Weinschenk acht oder zehn Tage lang sich
lediglich mit Rauchen beschäftigt hatte, fing er an, Zeitungen zu lesen und
Briefe zu schreiben. Und dies hatte nach dem Verlaufe weiterer acht oder
zehn Tage zur Folge, daß er in unbestimmten Wendungen erklärte, in
London scheine sich ihm eine neue Position zu bieten, doch wolle er
zunächst allein dorthin reisen, um die Sache persönlich zu regeln und erst,
wenn alles in Richtigkeit sei, Frau und Kind zu sich rufen.
Er fuhr, von Erika begleitet, in geschlossenem Wagen zum Bahnhof und
reiste ab, ohne irgendeinen seiner übrigen Verwandten noch einmal gesehen
zu haben.
Einige Tage später traf, noch aus Hamburg, ein an seine Gattin
gerichtetes Schreiben ein, in welchem er zu wissen tat, er sei entschlossen,
sich keinesfalls eher mit Frau und Kind zu vereinigen oder auch nur von
sich hören zu lassen, als bis er ihnen eine angemessene Existenz werde
bieten können. Und dies war Hugo Weinschenks letztes Lebenszeichen.
Niemand vernahm seitdem das geringste von ihm. Obgleich später Frau
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Permaneder, versiert in solchen Dingen und voll umsichtiger Tatkraft wie
sie war, mehrere Aufrufe nach ihrem Schwiegersohn ergehen ließ, um, wie
sie mit wichtiger Miene erklärte, der Scheidungsklage wegen böswilligen
Verlassens eine volle Begründung zu geben, war und blieb er verschollen,
und so kam es, daß Erika Weinschenk mit der kleinen Elisabeth nach wie
vor bei ihrer Mutter in der hellen Etage am »Lindenplatze« verblieb.
Fünftes Kapitel
Die Ehe, aus welcher der kleine Johann hervorgegangen war, hatte, als
Gesprächsgegenstand genommen, in der Stadt niemals an Reiz verloren. So
gewiß wie jedem der beiden Gatten etwas Extravagantes und Rätselhaftes
eigen war, so gewiß trug diese Ehe selbst den Charakter des
Ungewöhnlichen und Fragwürdigen. Hier ein wenig hinters Licht zu
kommen und, abgesehen von den dürftigen, äußeren Tatsachen, dem
Verhältnis ein wenig auf den Grund zu gehen, schien eine schwierige, aber
lohnende Aufgabe … Und in Wohn- und Schlafstuben, in Klubs und
Kasinos, ja selbst an der Börse sprachen die Leute über Gerda und Thomas
Buddenbrook desto mehr, je weniger sie von ihnen wußten.
Wie hatten diese beiden sich gefunden, und wie standen sie zueinander?
Man erinnerte sich der jähen Entschlossenheit, mit der vor achtzehn Jahren
der damals dreißigjährige Thomas Buddenbrook zu Werke gegangen war.
»Diese oder keine«, das war sein Wort gewesen, und es mußte sich mit
Gerda wohl ähnlich verhalten haben, denn sie hatte in Amsterdam bis zu
ihrem siebenundzwanzigsten Jahre Körbe ausgeteilt und diesen Bewerber
alsbald erhört. Eine Liebesheirat also, dachten die Leute in ihrem Sinne;
denn so schwer es ihnen wurde, mußten sie einräumen, daß Gerdas
Dreihunderttausend doch wohl nur eine Rolle zweiten Ranges bei der Sache
gespielt hatten. Allein von Liebe wiederum, von dem, was man unter Liebe
verstand, war zwischen den beiden von Anbeginn höchst wenig zu spüren
gewesen. Von Anbeginn vielmehr hatte man nichts als Höflichkeit in ihrem
Umgang konstatiert, eine zwischen Gatten ganz außerordentliche, korrekte
und respektvolle Höflichkeit, die aber unverständlicherweise nicht aus
innerer Fernheit und Fremdheit, sondern aus einer sehr eigenartigen,
stummen und tiefen gegenseitigen Vertrautheit und Kenntnis, einer
sie war, mehrere Aufrufe nach ihrem Schwiegersohn ergehen ließ, um, wie
sie mit wichtiger Miene erklärte, der Scheidungsklage wegen böswilligen
Verlassens eine volle Begründung zu geben, war und blieb er verschollen,
und so kam es, daß Erika Weinschenk mit der kleinen Elisabeth nach wie
vor bei ihrer Mutter in der hellen Etage am »Lindenplatze« verblieb.
Fünftes Kapitel
Die Ehe, aus welcher der kleine Johann hervorgegangen war, hatte, als
Gesprächsgegenstand genommen, in der Stadt niemals an Reiz verloren. So
gewiß wie jedem der beiden Gatten etwas Extravagantes und Rätselhaftes
eigen war, so gewiß trug diese Ehe selbst den Charakter des
Ungewöhnlichen und Fragwürdigen. Hier ein wenig hinters Licht zu
kommen und, abgesehen von den dürftigen, äußeren Tatsachen, dem
Verhältnis ein wenig auf den Grund zu gehen, schien eine schwierige, aber
lohnende Aufgabe … Und in Wohn- und Schlafstuben, in Klubs und
Kasinos, ja selbst an der Börse sprachen die Leute über Gerda und Thomas
Buddenbrook desto mehr, je weniger sie von ihnen wußten.
Wie hatten diese beiden sich gefunden, und wie standen sie zueinander?
Man erinnerte sich der jähen Entschlossenheit, mit der vor achtzehn Jahren
der damals dreißigjährige Thomas Buddenbrook zu Werke gegangen war.
»Diese oder keine«, das war sein Wort gewesen, und es mußte sich mit
Gerda wohl ähnlich verhalten haben, denn sie hatte in Amsterdam bis zu
ihrem siebenundzwanzigsten Jahre Körbe ausgeteilt und diesen Bewerber
alsbald erhört. Eine Liebesheirat also, dachten die Leute in ihrem Sinne;
denn so schwer es ihnen wurde, mußten sie einräumen, daß Gerdas
Dreihunderttausend doch wohl nur eine Rolle zweiten Ranges bei der Sache
gespielt hatten. Allein von Liebe wiederum, von dem, was man unter Liebe
verstand, war zwischen den beiden von Anbeginn höchst wenig zu spüren
gewesen. Von Anbeginn vielmehr hatte man nichts als Höflichkeit in ihrem
Umgang konstatiert, eine zwischen Gatten ganz außerordentliche, korrekte
und respektvolle Höflichkeit, die aber unverständlicherweise nicht aus
innerer Fernheit und Fremdheit, sondern aus einer sehr eigenartigen,
stummen und tiefen gegenseitigen Vertrautheit und Kenntnis, einer
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beständigen gegenseitigen Rücksicht und Nachsicht hervorzugehen schien.
Daran hatten die Jahre nicht das geringste geändert. Die Änderung, die sie
hervorgebracht hatten, bestand nur darin, daß jetzt der Altersunterschied der
beiden, so selten geringfügig er den Jahren nach war, anfing, in auffälliger
Weise hervorzutreten …
Man sah die beiden an und fand, daß dies ein stark alternder, schon ein
bißchen beleibter Mann, mit einer jungen Frau zur Seite, war. Man fand,
daß Thomas Buddenbrook verfallen aussah – ja, dies war trotz der
nachgerade ein wenig komisch wirkenden Eitelkeit, mit der er sich
zurechtstutzte, das einzig richtige Wort für ihn – während Gerda sich in
diesen achtzehn Jahren fast gar nicht verändert hatte. Sie erschien
gleichsam konserviert in der nervösen Kälte, in der sie lebte und die sie
ausströmte. Ihr dunkelrotes Haar hatte genau seine Farbe behalten, ihr
schönes, weißes Gesicht genau sein Ebenmaß und die Gestalt ihre schlanke
und hohe Vornehmheit. In den Winkeln ihrer etwas zu kleinen und etwas zu
nahe beieinander liegenden braunen Augen lagerten immer noch die
bläulichen Schatten … Man traute diesen Augen nicht. Sie blickten seltsam,
und was etwa in ihnen geschrieben stand, vermochten die Leute nicht zu
entziffern. Diese Frau, deren Wesen so kühl, so eingezogen, verschlossen,
reserviert und ablehnend war und die nur an ihre Musik ein wenig
Lebenswärme zu verausgaben schien, erregte unbestimmte Verdächte. Die
Leute holten ihr bißchen verstaubte Menschenkenntnis hervor, um sie gegen
Senator Buddenbrooks Gattin anzuwenden. Stille Wasser waren oft tief.
Mancher hatte es faustdick hinter den Ohren. Und da sie doch wünschten,
sich die ganze Sache ein Stückchen näher zu bringen und überhaupt irgend
etwas davon zu wissen und zu verstehen, so führte ihre bescheidene
Phantasie sie zu der Annahme, es könne wohl nicht anders sein, als daß die
schöne Gerda ihren alternden Mann nun ein wenig betröge.
Sie gaben wohl acht, und es dauerte nicht lange, bis sie einig darüber
waren, daß Gerda Buddenbrook in ihrem Verhältnis zu Herrn Leutnant von
Throta gelinde gesagt die Grenzen des Sittsamen überschritt.
Renee Maria von Throta, aus den Rheinlanden gebürtig, stand als
Sekondeleutnant bei einem der Infanteriebataillone, die in der Stadt
garnisonierten. Der rote Kragen nahm sich gut aus zu seinem schwarzen
Haar, das seitwärts gescheitelt und rechts in einem hohen, dichten und
Daran hatten die Jahre nicht das geringste geändert. Die Änderung, die sie
hervorgebracht hatten, bestand nur darin, daß jetzt der Altersunterschied der
beiden, so selten geringfügig er den Jahren nach war, anfing, in auffälliger
Weise hervorzutreten …
Man sah die beiden an und fand, daß dies ein stark alternder, schon ein
bißchen beleibter Mann, mit einer jungen Frau zur Seite, war. Man fand,
daß Thomas Buddenbrook verfallen aussah – ja, dies war trotz der
nachgerade ein wenig komisch wirkenden Eitelkeit, mit der er sich
zurechtstutzte, das einzig richtige Wort für ihn – während Gerda sich in
diesen achtzehn Jahren fast gar nicht verändert hatte. Sie erschien
gleichsam konserviert in der nervösen Kälte, in der sie lebte und die sie
ausströmte. Ihr dunkelrotes Haar hatte genau seine Farbe behalten, ihr
schönes, weißes Gesicht genau sein Ebenmaß und die Gestalt ihre schlanke
und hohe Vornehmheit. In den Winkeln ihrer etwas zu kleinen und etwas zu
nahe beieinander liegenden braunen Augen lagerten immer noch die
bläulichen Schatten … Man traute diesen Augen nicht. Sie blickten seltsam,
und was etwa in ihnen geschrieben stand, vermochten die Leute nicht zu
entziffern. Diese Frau, deren Wesen so kühl, so eingezogen, verschlossen,
reserviert und ablehnend war und die nur an ihre Musik ein wenig
Lebenswärme zu verausgaben schien, erregte unbestimmte Verdächte. Die
Leute holten ihr bißchen verstaubte Menschenkenntnis hervor, um sie gegen
Senator Buddenbrooks Gattin anzuwenden. Stille Wasser waren oft tief.
Mancher hatte es faustdick hinter den Ohren. Und da sie doch wünschten,
sich die ganze Sache ein Stückchen näher zu bringen und überhaupt irgend
etwas davon zu wissen und zu verstehen, so führte ihre bescheidene
Phantasie sie zu der Annahme, es könne wohl nicht anders sein, als daß die
schöne Gerda ihren alternden Mann nun ein wenig betröge.
Sie gaben wohl acht, und es dauerte nicht lange, bis sie einig darüber
waren, daß Gerda Buddenbrook in ihrem Verhältnis zu Herrn Leutnant von
Throta gelinde gesagt die Grenzen des Sittsamen überschritt.
Renee Maria von Throta, aus den Rheinlanden gebürtig, stand als
Sekondeleutnant bei einem der Infanteriebataillone, die in der Stadt
garnisonierten. Der rote Kragen nahm sich gut aus zu seinem schwarzen
Haar, das seitwärts gescheitelt und rechts in einem hohen, dichten und
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gelockten Kamm von der weißen Stirn zurückgestrichen war. Aber obwohl
er groß und stark von Gestalt erschien, rief seine ganze Erscheinung, seine
Bewegungen sowohl wie seine Art zu sprechen und zu schweigen, einen
äußerst unmilitärischen Eindruck hervor. Er liebte es, eine Hand zwischen
die Knöpfe seines halb offenen Interimsrockes zu schieben oder dazusitzen,
indem er die Wange gegen den Handrücken lehnte; seine Verbeugungen
entbehrten jeglicher Strammheit, man hörte nicht einmal seine Absätze
dabei zusammenschlagen, und er behandelte die Uniform an seinem
muskulösen Körper genau so nachlässig und launisch wie einen Zivilanzug.
Selbst sein schmales, schräg zu den Mundwinkeln hinablaufendes
Jünglings-Schnurrbärtchen, dem nicht Spitze noch Schwung hätte gegeben
werden können, trug dazu bei, diesen unmartialischen Gesamteindruck zu
verstärken. Das merkwürdigste an ihm aber waren die Augen: große,
außerordentlich glänzende und so schwarze Augen, daß sie wie
unergründliche, glühende Tiefen erschienen, Augen, welche schwärmerisch,
ernst und schimmernd auf Dingen und Gesichtern ruhten …
Ohne Zweifel war er wider Willen oder doch ohne Liebe zur Sache in
die Armee eingetreten, denn trotz seiner Körperstärke war er untüchtig im
Dienste und unbeliebt bei seinen Kameraden, deren Interessen und
Vergnügungen – die Interessen und Vergnügungen junger Offiziere, die vor
kurzem von einem siegreichen Feldzuge zurückgekehrt waren – er zu wenig
teilte. Er galt für einen unangenehmen und extravaganten Sonderling unter
ihnen, der einsame Spaziergänge machte, der weder Pferde noch Jagd, noch
Spiel, noch Frauen liebte, und dessen ganzer Sinn der Musik zugewandt
war, denn er spielte mehrere Instrumente und war, mit seinen glühenden
Augen und seiner unmilitärischen, zugleich saloppen und
schauspielerhaften Haltung, in allen Opern und Konzerten zu sehen,
während er Klub und Kasino mißachtete.
Wohl oder übel erledigte er die notwendigsten Visiten in den
hervorragenden Familien; aber er lehnte beinahe alle Einladungen ab und
verkehrte eigentlich nur im Hause Buddenbrook … zuviel, wie die Leute
meinten, zuviel, wie auch der Senator selber meinte …
Niemand ahnte, was in Thomas Buddenbrook vorging, niemand durfte
es ahnen, und gerade dies: alle Welt über seinen Gram, seinen Haß, seine
Ohnmacht in Unwissenheit zu erhalten, war so fürchterlich schwer! Die
er groß und stark von Gestalt erschien, rief seine ganze Erscheinung, seine
Bewegungen sowohl wie seine Art zu sprechen und zu schweigen, einen
äußerst unmilitärischen Eindruck hervor. Er liebte es, eine Hand zwischen
die Knöpfe seines halb offenen Interimsrockes zu schieben oder dazusitzen,
indem er die Wange gegen den Handrücken lehnte; seine Verbeugungen
entbehrten jeglicher Strammheit, man hörte nicht einmal seine Absätze
dabei zusammenschlagen, und er behandelte die Uniform an seinem
muskulösen Körper genau so nachlässig und launisch wie einen Zivilanzug.
Selbst sein schmales, schräg zu den Mundwinkeln hinablaufendes
Jünglings-Schnurrbärtchen, dem nicht Spitze noch Schwung hätte gegeben
werden können, trug dazu bei, diesen unmartialischen Gesamteindruck zu
verstärken. Das merkwürdigste an ihm aber waren die Augen: große,
außerordentlich glänzende und so schwarze Augen, daß sie wie
unergründliche, glühende Tiefen erschienen, Augen, welche schwärmerisch,
ernst und schimmernd auf Dingen und Gesichtern ruhten …
Ohne Zweifel war er wider Willen oder doch ohne Liebe zur Sache in
die Armee eingetreten, denn trotz seiner Körperstärke war er untüchtig im
Dienste und unbeliebt bei seinen Kameraden, deren Interessen und
Vergnügungen – die Interessen und Vergnügungen junger Offiziere, die vor
kurzem von einem siegreichen Feldzuge zurückgekehrt waren – er zu wenig
teilte. Er galt für einen unangenehmen und extravaganten Sonderling unter
ihnen, der einsame Spaziergänge machte, der weder Pferde noch Jagd, noch
Spiel, noch Frauen liebte, und dessen ganzer Sinn der Musik zugewandt
war, denn er spielte mehrere Instrumente und war, mit seinen glühenden
Augen und seiner unmilitärischen, zugleich saloppen und
schauspielerhaften Haltung, in allen Opern und Konzerten zu sehen,
während er Klub und Kasino mißachtete.
Wohl oder übel erledigte er die notwendigsten Visiten in den
hervorragenden Familien; aber er lehnte beinahe alle Einladungen ab und
verkehrte eigentlich nur im Hause Buddenbrook … zuviel, wie die Leute
meinten, zuviel, wie auch der Senator selber meinte …
Niemand ahnte, was in Thomas Buddenbrook vorging, niemand durfte
es ahnen, und gerade dies: alle Welt über seinen Gram, seinen Haß, seine
Ohnmacht in Unwissenheit zu erhalten, war so fürchterlich schwer! Die
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Leute fingen an, ihn ein wenig lächerlich zu finden, aber vielleicht hätten
sie Mitleid verspürt und solche Gefühle unterdrückt, wenn sie im
entferntesten vermutet hätten, mit welcher angstvollen Reizbarkeit er vor
dem Lächerlichen auf der Hut war, wie er es längst von weitem hatte nahen
sehen und es vorausempfunden hatte, bevor noch ihnen irgend etwas davon
in den Sinn gekommen war. Auch seine Eitelkeit, diese vielfach bespöttelte
»Eitelkeit«, war ja zum guten Teile aus dieser Sorge hervorgegangen. Er
war der erste gewesen, der das beständig hervortretende Mißverhältnis
zwischen seiner eigenen Erscheinung und Gerdas sonderbarer
Unberührtheit, der die Jahre nichts anhatten, mit Argwohn ins Auge gefaßt
hatte, und jetzt, seit Herr von Throta in sein Haus gekommen war, mußte er
seine Besorgnis mit dem Rest seiner Kräfte bekämpfen und verstecken,
mußte es, um nicht durch das Kundwerden dieser Besorgnis schon seinen
Namen dem allgemeinen Lächeln preiszugeben.
Gerda Buddenbrook und der junge, eigenartige Offizier hatten einander,
wie sich versteht, auf dem Gebiete der Musik gefunden. Herr von Throta
spielte Klavier, Geige, Bratsche, Violoncell und Flöte – alles vortrefflich –
und oft ward dem Senator der kommende Besuch im voraus angekündigt,
dadurch, daß Herr von Throtas Bursche, den Cellokasten auf dem Rücken
schleppend, an den grünen Fenstervorsätzen des Privatkontors vorüberging
und im Hause verschwand … Dann saß Thomas Buddenbrook an seinem
Schreibtisch und wartete, bis er auch ihn selbst, den Freund seiner Frau, in
sein Haus eintreten sah, bis über ihm im Salon die Harmonien aufwogten,
die unter Singen, Klagen und übermenschlichem Jubeln gleichsam mit
krampfhaft ausgestreckten, gefalteten Händen emporrangen und nach allen
irren und vagen Ekstasen in Schwäche und Schluchzen hinsanken in Nacht
und Schweigen. Mochten sie doch rollen und brausen, weinen und
jauchzen, einander aufschäumend umschlingen und sich so übernatürlich
gebärden wie sie nur wollten! Das Schlimme, das eigentlich Qualvolle war
die Lautlosigkeit, die ihnen folgte, die dann dort oben im Salon s o lange,
lange herrschte, und die zu tief und unbelebt war, um nicht Grauen zu
erregen. Kein Schritt erschütterte die Decke, kein Stuhl ward gerückt; es
war eine unlautere, hinterhältige, schweigende, v e r schweigende Stille …
Dann saß Thomas Buddenbrook und ängstigte sich so sehr, daß er
manchmal leise ächzte.
sie Mitleid verspürt und solche Gefühle unterdrückt, wenn sie im
entferntesten vermutet hätten, mit welcher angstvollen Reizbarkeit er vor
dem Lächerlichen auf der Hut war, wie er es längst von weitem hatte nahen
sehen und es vorausempfunden hatte, bevor noch ihnen irgend etwas davon
in den Sinn gekommen war. Auch seine Eitelkeit, diese vielfach bespöttelte
»Eitelkeit«, war ja zum guten Teile aus dieser Sorge hervorgegangen. Er
war der erste gewesen, der das beständig hervortretende Mißverhältnis
zwischen seiner eigenen Erscheinung und Gerdas sonderbarer
Unberührtheit, der die Jahre nichts anhatten, mit Argwohn ins Auge gefaßt
hatte, und jetzt, seit Herr von Throta in sein Haus gekommen war, mußte er
seine Besorgnis mit dem Rest seiner Kräfte bekämpfen und verstecken,
mußte es, um nicht durch das Kundwerden dieser Besorgnis schon seinen
Namen dem allgemeinen Lächeln preiszugeben.
Gerda Buddenbrook und der junge, eigenartige Offizier hatten einander,
wie sich versteht, auf dem Gebiete der Musik gefunden. Herr von Throta
spielte Klavier, Geige, Bratsche, Violoncell und Flöte – alles vortrefflich –
und oft ward dem Senator der kommende Besuch im voraus angekündigt,
dadurch, daß Herr von Throtas Bursche, den Cellokasten auf dem Rücken
schleppend, an den grünen Fenstervorsätzen des Privatkontors vorüberging
und im Hause verschwand … Dann saß Thomas Buddenbrook an seinem
Schreibtisch und wartete, bis er auch ihn selbst, den Freund seiner Frau, in
sein Haus eintreten sah, bis über ihm im Salon die Harmonien aufwogten,
die unter Singen, Klagen und übermenschlichem Jubeln gleichsam mit
krampfhaft ausgestreckten, gefalteten Händen emporrangen und nach allen
irren und vagen Ekstasen in Schwäche und Schluchzen hinsanken in Nacht
und Schweigen. Mochten sie doch rollen und brausen, weinen und
jauchzen, einander aufschäumend umschlingen und sich so übernatürlich
gebärden wie sie nur wollten! Das Schlimme, das eigentlich Qualvolle war
die Lautlosigkeit, die ihnen folgte, die dann dort oben im Salon s o lange,
lange herrschte, und die zu tief und unbelebt war, um nicht Grauen zu
erregen. Kein Schritt erschütterte die Decke, kein Stuhl ward gerückt; es
war eine unlautere, hinterhältige, schweigende, v e r schweigende Stille …
Dann saß Thomas Buddenbrook und ängstigte sich so sehr, daß er
manchmal leise ächzte.
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Was fürchtete er? Wieder hatten die Leute Herrn von Throta in das Haus
eintreten sehen, und mit ihren Augen gleichsam, so, wie es sich ihnen
darstellte, sah er dies Bild: sich selbst, den alternden, abgenutzten und
übellaunigen Mann unten im Kontor am Fenster sitzen, während droben
seine schöne Frau mit ihrem Galan musizierte und nicht nur musizierte …
Ja, so erschienen ihnen die Dinge, er wußte es. Und dennoch wußte er auch,
daß das Wort »Galan« für Herrn von Throta eigentlich sehr wenig
bezeichnend war. Ach, er wäre beinahe glücklich gewesen, wenn er ihn so
hätte nennen und auffassen dürfen, ihn als einen windigen, unwissenden
und ordinären Jungen hätte verstehen und verachten können, der seine
normale Portion von Übermut in ein wenig Kunst ausströmen läßt und
damit Frauenherzen gewinnt. Er ließ nichts unversucht, ihn zu einer solchen
Figur zu stempeln. Er rief einzig und allein zu diesem Behufe die Instinkte
seiner Väter in sich wach: das ablehnende Mißtrauen des seßhaften und
sparsamen Kaufmannes gegenüber der abenteuerlustigen, leichtfertigen und
geschäftlich unsicheren Kriegerkaste. In Gedanken sowohl wie in
Gesprächen nannte er Herrn von Throta beständig mit geringschätziger
Betonung »der Leutnant«; und dabei fühlte er allzu gut, daß dieser Titel
nach allen am schlechtesten geeignet war, das Wesen dieses jungen Mannes
auszudrücken …
Was fürchtete Thomas Buddenbrook? Nichts … Nichts Nennbares. Ach,
hätte er sich gegen etwas Handgreifliches, Einfaches und Brutales zur Wehr
setzen dürfen! Er neidete den Leuten dort draußen die Schlichtheit des
Bildes, das sie sich von der Sache machten; aber während er hier saß und,
den Kopf in den Händen, qualvoll horchte, wußte er allzu wohl, daß
»Betrug« und »Ehebruch« nicht Laute waren, um die singenden und
abgründig stillen Dinge bei Namen zu nennen, die sich dort oben begaben.
Manchmal, wenn er hinaus auf die grauen Giebel und die
vorübergehenden Bürger blickte, wenn er seine Augen auf der vor ihm
hängenden Gedenktafel, dem Jubiläumsgeschenk, den Porträts seiner Väter
ruhen ließ und der Geschichte seines Hauses gedachte, so sagte er sich, daß
all dies das Ende von allem sei, und daß nur dies, was jetzt vorgehe, noch
gefehlt habe. Ja, es hatte nur gefehlt, daß seine Person zum Gespött werde
und sein Name, sein Familienleben in das Geschrei der Leute komme,
damit allem die Krone aufgesetzt würde … Aber dieser Gedanke tat ihm
fast wohl, weil er ihm einfach, faßlich und gesund, ausdenkbar und
eintreten sehen, und mit ihren Augen gleichsam, so, wie es sich ihnen
darstellte, sah er dies Bild: sich selbst, den alternden, abgenutzten und
übellaunigen Mann unten im Kontor am Fenster sitzen, während droben
seine schöne Frau mit ihrem Galan musizierte und nicht nur musizierte …
Ja, so erschienen ihnen die Dinge, er wußte es. Und dennoch wußte er auch,
daß das Wort »Galan« für Herrn von Throta eigentlich sehr wenig
bezeichnend war. Ach, er wäre beinahe glücklich gewesen, wenn er ihn so
hätte nennen und auffassen dürfen, ihn als einen windigen, unwissenden
und ordinären Jungen hätte verstehen und verachten können, der seine
normale Portion von Übermut in ein wenig Kunst ausströmen läßt und
damit Frauenherzen gewinnt. Er ließ nichts unversucht, ihn zu einer solchen
Figur zu stempeln. Er rief einzig und allein zu diesem Behufe die Instinkte
seiner Väter in sich wach: das ablehnende Mißtrauen des seßhaften und
sparsamen Kaufmannes gegenüber der abenteuerlustigen, leichtfertigen und
geschäftlich unsicheren Kriegerkaste. In Gedanken sowohl wie in
Gesprächen nannte er Herrn von Throta beständig mit geringschätziger
Betonung »der Leutnant«; und dabei fühlte er allzu gut, daß dieser Titel
nach allen am schlechtesten geeignet war, das Wesen dieses jungen Mannes
auszudrücken …
Was fürchtete Thomas Buddenbrook? Nichts … Nichts Nennbares. Ach,
hätte er sich gegen etwas Handgreifliches, Einfaches und Brutales zur Wehr
setzen dürfen! Er neidete den Leuten dort draußen die Schlichtheit des
Bildes, das sie sich von der Sache machten; aber während er hier saß und,
den Kopf in den Händen, qualvoll horchte, wußte er allzu wohl, daß
»Betrug« und »Ehebruch« nicht Laute waren, um die singenden und
abgründig stillen Dinge bei Namen zu nennen, die sich dort oben begaben.
Manchmal, wenn er hinaus auf die grauen Giebel und die
vorübergehenden Bürger blickte, wenn er seine Augen auf der vor ihm
hängenden Gedenktafel, dem Jubiläumsgeschenk, den Porträts seiner Väter
ruhen ließ und der Geschichte seines Hauses gedachte, so sagte er sich, daß
all dies das Ende von allem sei, und daß nur dies, was jetzt vorgehe, noch
gefehlt habe. Ja, es hatte nur gefehlt, daß seine Person zum Gespött werde
und sein Name, sein Familienleben in das Geschrei der Leute komme,
damit allem die Krone aufgesetzt würde … Aber dieser Gedanke tat ihm
fast wohl, weil er ihm einfach, faßlich und gesund, ausdenkbar und
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aussprechbar erschien im Vergleich mit dem Brüten über diesem
schimpflichen Rätsel, diesem mysteriösen Skandal zu seinen Häupten …
Er ertrug es nicht länger, er schob den Sessel zurück, verließ das Kontor
und stieg in das Haus hinauf. Wohin sollte er sich wenden? In den Salon,
um Herrn von Throta unbefangen und ein wenig von oben herab zu
begrüßen, ihn zum Abendessen zu bitten und, wie schon mehrere Male, eine
abschlägige Antwort entgegenzunehmen? Denn es war das eigentlich
Unerträgliche, daß der Leutnant ihn vollständig mied, fast alle offiziellen
Einladungen ablehnte und nur an dem privaten und freien Verkehr mit der
Senatorin festzuhalten beliebte …
Warten? Irgendwo, vielleicht im Rauchzimmer, warten, bis er fortginge,
und dann vor Gerda treten und sich mit ihr aussprechen, sie zur Rede
stellen? – Man stellte Gerda nicht zur Rede, man sprach sich mit ihr nicht
aus. Worüber? Das Bündnis mit ihr war auf Verständnis, Rücksicht und
Schweigen gegründet. Es war nicht nötig, sich auch vor ihr noch lächerlich
zu machen. Den Eifersüchtigen spielen, hieße den Leuten dort draußen
recht geben, den Skandal proklamieren, ihn laut werden lassen … Empfand
er Eifersucht? Auf wen? Auf was? Ach, weit entfernt! Etwas so Starkes
weiß Handlungen hervorzubringen, falsche, törichte vielleicht, aber
eingreifende und befreiende. Ach nein, nur ein wenig Angst empfand er, ein
wenig quälende und jagende Angst vor dem Ganzen …
Er ging in sein Ankleidekabinett hinauf, um sich die Stirn mit Eau de
Cologne zu waschen, und stieg dann wieder zum ersten Stockwerk hinunter,
entschlossen, das Schweigen im Salon um jeden Preis zu brechen. Aber als
er den schwarzgoldenen Griff der weißen Tür schon erfaßt hielt, setzte mit
einem stürmischen Aufbrausen die Musik wieder ein, und er wich zurück.
Er ging über die Gesindetreppe ins Erdgeschoß hinab, über die Diele
und den kalten Flur bis zum Garten, kehrte wieder zurück und machte sich
auf der Diele mit dem ausgestopften Bären und auf dem Absatz der
Haupttreppe mit dem Goldfischbassin zu schaffen, unfähig, irgendwo zur
Ruhe zu kommen, horchend und lauernd, voll Scham und Gram,
niedergedrückt und umhergetrieben von dieser Furcht vor dem heimlichen
und vor dem öffentlichen Skandal …
schimpflichen Rätsel, diesem mysteriösen Skandal zu seinen Häupten …
Er ertrug es nicht länger, er schob den Sessel zurück, verließ das Kontor
und stieg in das Haus hinauf. Wohin sollte er sich wenden? In den Salon,
um Herrn von Throta unbefangen und ein wenig von oben herab zu
begrüßen, ihn zum Abendessen zu bitten und, wie schon mehrere Male, eine
abschlägige Antwort entgegenzunehmen? Denn es war das eigentlich
Unerträgliche, daß der Leutnant ihn vollständig mied, fast alle offiziellen
Einladungen ablehnte und nur an dem privaten und freien Verkehr mit der
Senatorin festzuhalten beliebte …
Warten? Irgendwo, vielleicht im Rauchzimmer, warten, bis er fortginge,
und dann vor Gerda treten und sich mit ihr aussprechen, sie zur Rede
stellen? – Man stellte Gerda nicht zur Rede, man sprach sich mit ihr nicht
aus. Worüber? Das Bündnis mit ihr war auf Verständnis, Rücksicht und
Schweigen gegründet. Es war nicht nötig, sich auch vor ihr noch lächerlich
zu machen. Den Eifersüchtigen spielen, hieße den Leuten dort draußen
recht geben, den Skandal proklamieren, ihn laut werden lassen … Empfand
er Eifersucht? Auf wen? Auf was? Ach, weit entfernt! Etwas so Starkes
weiß Handlungen hervorzubringen, falsche, törichte vielleicht, aber
eingreifende und befreiende. Ach nein, nur ein wenig Angst empfand er, ein
wenig quälende und jagende Angst vor dem Ganzen …
Er ging in sein Ankleidekabinett hinauf, um sich die Stirn mit Eau de
Cologne zu waschen, und stieg dann wieder zum ersten Stockwerk hinunter,
entschlossen, das Schweigen im Salon um jeden Preis zu brechen. Aber als
er den schwarzgoldenen Griff der weißen Tür schon erfaßt hielt, setzte mit
einem stürmischen Aufbrausen die Musik wieder ein, und er wich zurück.
Er ging über die Gesindetreppe ins Erdgeschoß hinab, über die Diele
und den kalten Flur bis zum Garten, kehrte wieder zurück und machte sich
auf der Diele mit dem ausgestopften Bären und auf dem Absatz der
Haupttreppe mit dem Goldfischbassin zu schaffen, unfähig, irgendwo zur
Ruhe zu kommen, horchend und lauernd, voll Scham und Gram,
niedergedrückt und umhergetrieben von dieser Furcht vor dem heimlichen
und vor dem öffentlichen Skandal …
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Einstmals, in solcher Stunde, als er im zweiten Stockwerk an der
Galerie lehnte und durch das lichte Treppenhaus hinunterblickte, wo alles
schwieg, kam der kleine Johann aus seinem Zimmer, die Stufen des
»Altans« herab und über den Korridor, um sich in irgendeiner
Angelegenheit zu Ida Jungmann zu begeben. Er wollte, indem er mit dem
Buche, das er trug, die Wand entlangstrich, mit gesenkten Augen und einem
leisen Gruße an seinem Vater vorübergehen; aber der Senator redete ihn an.
»Nun, Hanno, was treibst du?«
»Ich arbeite, Papa; ich will zu Ida, um ihr vorzuübersetzen …«
»Wie geht es? Was hast du auf?«
Und immer mit gesenkten Wimpern, aber rasch und sichtlich
angestrengt, mit einer korrekten, klaren und geistesgegenwärtigen Antwort
aufzuwarten, erwiderte Hanno, nachdem er eilig hinuntergeschluckt hatte:
»Wir haben eine Nepos-Präparation, eine kaufmännische Rechnung ins
reine zu schreiben, französische Grammatik, die Flüsse von Nordamerika
… deutsche Aufsatzkorrektur …«
Er schwieg, unglücklich darüber, daß er zuletzt nicht »und« gesagt und
die Stimme mit Entschiedenheit gesenkt hatte; denn nun wußte er nicht
mehr zu nennen, und die ganze Antwort war wieder abrupt und
ungeschlossen hervorgebracht. – »Mehr nicht«, sagte er, so bestimmt er
konnte, wenn auch ohne aufzublicken. Aber sein Vater schien nicht darauf
zu achten. Er hielt Hannos freie Hand in seinen Händen und spielte damit,
zerstreut und augenscheinlich ohne etwas von dem Gesagten aufgefangen
zu haben, fingerte unbewußt und langsam an den zarten Gelenken und
schwieg.
Und dann, plötzlich, vernahm Hanno über sich etwas, was in gar
keinem Zusammenhange mit dem eigentlichen Gespräche stand, eine leise,
angstvoll bewegte und beinahe beschwörende Stimme, die er noch nie
gehört, die Stimme seines Vaters dennoch, welche sagte: »Nun ist der
Leutnant schon zwei Stunden bei Mama … Hanno …«
Und siehe da, bei diesem Klange schlug der kleine Johann seine
goldbraunen Augen auf und richtete sie so groß, klar und liebevoll wie noch
niemals auf seines Vaters Gesicht, dieses Gesicht mit den geröteten Lidern
Galerie lehnte und durch das lichte Treppenhaus hinunterblickte, wo alles
schwieg, kam der kleine Johann aus seinem Zimmer, die Stufen des
»Altans« herab und über den Korridor, um sich in irgendeiner
Angelegenheit zu Ida Jungmann zu begeben. Er wollte, indem er mit dem
Buche, das er trug, die Wand entlangstrich, mit gesenkten Augen und einem
leisen Gruße an seinem Vater vorübergehen; aber der Senator redete ihn an.
»Nun, Hanno, was treibst du?«
»Ich arbeite, Papa; ich will zu Ida, um ihr vorzuübersetzen …«
»Wie geht es? Was hast du auf?«
Und immer mit gesenkten Wimpern, aber rasch und sichtlich
angestrengt, mit einer korrekten, klaren und geistesgegenwärtigen Antwort
aufzuwarten, erwiderte Hanno, nachdem er eilig hinuntergeschluckt hatte:
»Wir haben eine Nepos-Präparation, eine kaufmännische Rechnung ins
reine zu schreiben, französische Grammatik, die Flüsse von Nordamerika
… deutsche Aufsatzkorrektur …«
Er schwieg, unglücklich darüber, daß er zuletzt nicht »und« gesagt und
die Stimme mit Entschiedenheit gesenkt hatte; denn nun wußte er nicht
mehr zu nennen, und die ganze Antwort war wieder abrupt und
ungeschlossen hervorgebracht. – »Mehr nicht«, sagte er, so bestimmt er
konnte, wenn auch ohne aufzublicken. Aber sein Vater schien nicht darauf
zu achten. Er hielt Hannos freie Hand in seinen Händen und spielte damit,
zerstreut und augenscheinlich ohne etwas von dem Gesagten aufgefangen
zu haben, fingerte unbewußt und langsam an den zarten Gelenken und
schwieg.
Und dann, plötzlich, vernahm Hanno über sich etwas, was in gar
keinem Zusammenhange mit dem eigentlichen Gespräche stand, eine leise,
angstvoll bewegte und beinahe beschwörende Stimme, die er noch nie
gehört, die Stimme seines Vaters dennoch, welche sagte: »Nun ist der
Leutnant schon zwei Stunden bei Mama … Hanno …«
Und siehe da, bei diesem Klange schlug der kleine Johann seine
goldbraunen Augen auf und richtete sie so groß, klar und liebevoll wie noch
niemals auf seines Vaters Gesicht, dieses Gesicht mit den geröteten Lidern
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unter den hellen Brauen und den weißen, ein wenig gedunsenen Wangen,
die von den lang ausgezogenen Spitzen des Schnurrbartes starr überragt
wurden. Gott weiß, wieviel er begriff. Das eine aber war sicher, und sie
fühlten es beide, daß in diesen Sekunden, während ihre Blicke ineinander
ruhten, jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und jedes Mißverständnis
zwischen ihnen dahinsank, daß Thomas Buddenbrook, wie hier, so überall,
wo es sich nicht um Energie, Tüchtigkeit und helläugige Frische, sondern
um Furcht und Leiden handelte, des Vertrauens und der Hingabe seines
Sohnes gewiß sein konnte.
Er achtete dessen nicht, er sträubte sich, dessen zu achten. Strenger als
jemals zog er Hanno in dieser Zeit zu praktischen Vorübungen für sein
künftiges, tätiges Leben heran, examinierte er seine Geisteskräfte, drang er
in ihn nach entschlossenen Äußerungen der Lust zu dem Beruf, der seiner
harrte, und brach in Zorn aus bei jedem Zeichen des Widerstrebens und der
Mattigkeit … Denn es war an dem, daß Thomas Buddenbrook,
achtundvierzig Jahre alt, seine Tage mehr und mehr als gezählt betrachtete
und mit seinem nahen Tode zu rechnen begann.
Sein körperliches Befinden hatte sich verschlechtert. Appetit- und
Schlaflosigkeit, Schwindel und jene Schüttelfröste, zu denen er immer
geneigt hatte, zwangen ihn mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu
ziehen. Aber er gelangte nicht dazu, des Arztes Verordnungen zu befolgen.
Seine Willenskraft, in Jahren voll geschäftiger und gehetzter Tatenlosigkeit
angegriffen, reichte nicht aus dazu. Er hatte begonnen, am Morgen sehr
lange zu schlafen, obgleich er jeden Abend den zornigen Entschluß faßte,
sich früh zu erheben, um den anbefohlenen Spaziergang vorm Tee zu
machen. In Wirklichkeit führte er dies zwei- oder dreimal aus … und so
ging es in all und jeder Sache. Die beständige Anspannung des Willens
ohne Erfolg und Genugtuung zehrte an seiner Selbstachtung und stimmte
ihn verzweifelt. Er war weit entfernt, sich den betäubenden Genuß der
kleinen, scharfen, russischen Zigaretten zu versagen, die er, seit seiner
Jugend schon, täglich in Massen rauchte. Er sagte dem Doktor Langhals
ohne Umschweife in sein eitles Gesicht hinein: »Sehen Sie, Doktor, mir die
Zigaretten zu verbieten, ist Ihre Pflicht … eine sehr leichte und sehr
angenehme Pflicht, wahrhaftig! Das Verbot innezuhalten, ist meine Sache!
dabei dürfen Sie zusehen … Nein, wir wollen zusammen an meiner
Gesundheit arbeiten, aber die Rollen sind zu ungerecht verteilt, mir fällt ein
die von den lang ausgezogenen Spitzen des Schnurrbartes starr überragt
wurden. Gott weiß, wieviel er begriff. Das eine aber war sicher, und sie
fühlten es beide, daß in diesen Sekunden, während ihre Blicke ineinander
ruhten, jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und jedes Mißverständnis
zwischen ihnen dahinsank, daß Thomas Buddenbrook, wie hier, so überall,
wo es sich nicht um Energie, Tüchtigkeit und helläugige Frische, sondern
um Furcht und Leiden handelte, des Vertrauens und der Hingabe seines
Sohnes gewiß sein konnte.
Er achtete dessen nicht, er sträubte sich, dessen zu achten. Strenger als
jemals zog er Hanno in dieser Zeit zu praktischen Vorübungen für sein
künftiges, tätiges Leben heran, examinierte er seine Geisteskräfte, drang er
in ihn nach entschlossenen Äußerungen der Lust zu dem Beruf, der seiner
harrte, und brach in Zorn aus bei jedem Zeichen des Widerstrebens und der
Mattigkeit … Denn es war an dem, daß Thomas Buddenbrook,
achtundvierzig Jahre alt, seine Tage mehr und mehr als gezählt betrachtete
und mit seinem nahen Tode zu rechnen begann.
Sein körperliches Befinden hatte sich verschlechtert. Appetit- und
Schlaflosigkeit, Schwindel und jene Schüttelfröste, zu denen er immer
geneigt hatte, zwangen ihn mehrere Male, Doktor Langhals zu Rate zu
ziehen. Aber er gelangte nicht dazu, des Arztes Verordnungen zu befolgen.
Seine Willenskraft, in Jahren voll geschäftiger und gehetzter Tatenlosigkeit
angegriffen, reichte nicht aus dazu. Er hatte begonnen, am Morgen sehr
lange zu schlafen, obgleich er jeden Abend den zornigen Entschluß faßte,
sich früh zu erheben, um den anbefohlenen Spaziergang vorm Tee zu
machen. In Wirklichkeit führte er dies zwei- oder dreimal aus … und so
ging es in all und jeder Sache. Die beständige Anspannung des Willens
ohne Erfolg und Genugtuung zehrte an seiner Selbstachtung und stimmte
ihn verzweifelt. Er war weit entfernt, sich den betäubenden Genuß der
kleinen, scharfen, russischen Zigaretten zu versagen, die er, seit seiner
Jugend schon, täglich in Massen rauchte. Er sagte dem Doktor Langhals
ohne Umschweife in sein eitles Gesicht hinein: »Sehen Sie, Doktor, mir die
Zigaretten zu verbieten, ist Ihre Pflicht … eine sehr leichte und sehr
angenehme Pflicht, wahrhaftig! Das Verbot innezuhalten, ist meine Sache!
dabei dürfen Sie zusehen … Nein, wir wollen zusammen an meiner
Gesundheit arbeiten, aber die Rollen sind zu ungerecht verteilt, mir fällt ein
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zu großer Anteil an dieser Arbeit zu! Lachen Sie nicht … Das ist kein Witz
… Man ist so fürchterlich allein … Ich rauche. Darf ich bitten?«
Und er präsentierte ihm sein Tula-Etui …
Alle seine Kräfte nahmen ab; was sich in ihm verstärkte, war allein die
Überzeugung, daß dies alles nicht lange währen könne, und daß sein
Hintritt nahe bevorstehe. Es kamen ihm seltsame und ahnungsvolle
Vorstellungen. Einige Male befiel ihn bei Tische die Empfindung, daß er
schon nicht mehr eigentlich mit den Seinen zusammensitze, sondern, in
eine gewisse, verschwommene Ferne entrückt, zu ihnen hinüberblicke …
Ich werde sterben, sagte er sich, und er rief abermals Hanno zu sich und
sprach auf ihn ein: »Ich kann früher dahingehen, als wir denken, mein
Sohn. Du mußt dann am Platze sein! Auch ich bin früh berufen worden …
Begreife doch, daß deine Indifferenz mich quält! Bist du nun
entschlossen?… Ja – ja – das ist keine Antwort, das ist wieder keine
Antwort! Ob du mit Mut und Freudigkeit entschlossen bist, frage ich …
Glaubst du, daß du Geld genug hast und nichts wirst zu tun brauchen? Du
hast nichts, du hast bitterwenig, du wirst gänzlich auf dich selbst gestellt
sein! Wenn du leben willst, und sogar gut leben, so wirst du arbeiten
müssen, schwer, hart, härter noch als ich …«
Aber es war nicht nur dies; es war nicht mehr allein die Sorge um die
Zukunft seines Sohnes und seines Hauses, unter der er litt. Etwas anderes,
Neues kam über ihn, bemächtigte sich seiner und trieb seine müden
Gedanken vor sich her … Sobald er nämlich sein zeitliches Ende nicht
mehr als eine ferne, theoretische und unbeträchtliche Notwendigkeit,
sondern als etwas ganz Nahes und Greifbares betrachtete, für das es
unmittelbare Vorbereitungen zu treffen galt, begann er zu grübeln, in sich zu
forschen, sein Verhältnis zum Tode und den unirdischen Fragen zu prüfen
… und bereits bei den ersten derartigen Versuchen ergab sich ihm als
Resultat eine heillose Unreife und Unbereitschaft seines Geistes, zu sterben.
Der Buchstabenglaube, das schwärmerische Bibelchristentum, das sein
Vater mit einem sehr praktischen Geschäftssinn zu verbinden gewußt, und
das später auch seine Mutter übernommen hatte, war ihm immer fremd
gewesen. Seit Lebtag vielmehr hatte er den ersten und letzten Dingen die
weltmännische Skepsis seines Großvaters entgegengebracht; zu tief aber, zu
… Man ist so fürchterlich allein … Ich rauche. Darf ich bitten?«
Und er präsentierte ihm sein Tula-Etui …
Alle seine Kräfte nahmen ab; was sich in ihm verstärkte, war allein die
Überzeugung, daß dies alles nicht lange währen könne, und daß sein
Hintritt nahe bevorstehe. Es kamen ihm seltsame und ahnungsvolle
Vorstellungen. Einige Male befiel ihn bei Tische die Empfindung, daß er
schon nicht mehr eigentlich mit den Seinen zusammensitze, sondern, in
eine gewisse, verschwommene Ferne entrückt, zu ihnen hinüberblicke …
Ich werde sterben, sagte er sich, und er rief abermals Hanno zu sich und
sprach auf ihn ein: »Ich kann früher dahingehen, als wir denken, mein
Sohn. Du mußt dann am Platze sein! Auch ich bin früh berufen worden …
Begreife doch, daß deine Indifferenz mich quält! Bist du nun
entschlossen?… Ja – ja – das ist keine Antwort, das ist wieder keine
Antwort! Ob du mit Mut und Freudigkeit entschlossen bist, frage ich …
Glaubst du, daß du Geld genug hast und nichts wirst zu tun brauchen? Du
hast nichts, du hast bitterwenig, du wirst gänzlich auf dich selbst gestellt
sein! Wenn du leben willst, und sogar gut leben, so wirst du arbeiten
müssen, schwer, hart, härter noch als ich …«
Aber es war nicht nur dies; es war nicht mehr allein die Sorge um die
Zukunft seines Sohnes und seines Hauses, unter der er litt. Etwas anderes,
Neues kam über ihn, bemächtigte sich seiner und trieb seine müden
Gedanken vor sich her … Sobald er nämlich sein zeitliches Ende nicht
mehr als eine ferne, theoretische und unbeträchtliche Notwendigkeit,
sondern als etwas ganz Nahes und Greifbares betrachtete, für das es
unmittelbare Vorbereitungen zu treffen galt, begann er zu grübeln, in sich zu
forschen, sein Verhältnis zum Tode und den unirdischen Fragen zu prüfen
… und bereits bei den ersten derartigen Versuchen ergab sich ihm als
Resultat eine heillose Unreife und Unbereitschaft seines Geistes, zu sterben.
Der Buchstabenglaube, das schwärmerische Bibelchristentum, das sein
Vater mit einem sehr praktischen Geschäftssinn zu verbinden gewußt, und
das später auch seine Mutter übernommen hatte, war ihm immer fremd
gewesen. Seit Lebtag vielmehr hatte er den ersten und letzten Dingen die
weltmännische Skepsis seines Großvaters entgegengebracht; zu tief aber, zu
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geistreich und zu metaphysisch bedürftig, um in der behaglichen
Oberflächlichkeit des alten Johann Buddenbrook Genüge zu finden, hatte er
sich die Fragen der Ewigkeit und Unsterblichkeit historisch beantwortet und
sich gesagt, daß er in seinen Vorfahren gelebt habe und in seinen
Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht allein mit seinem Familiensinn,
seinem Patrizierselbstbewußtsein, seiner geschichtlichen Pietät
übereingestimmt, es hatte ihn auch in seiner Tätigkeit, seinem Ehrgeiz,
seiner ganzen Lebensführung unterstützt und bekräftigt. Nun aber zeigte
sich, daß es vor dem nahen und durchdringenden Auge des Todes dahinsank
und zunichte ward, unfähig, auch nur eine Stunde der Beruhigung und
Bereitschaft hervorzubringen.
Obgleich Thomas Buddenbrook in seinem Leben hie und da mit einer
kleinen Neigung zum Katholizismus gespielt hatte, war er doch ganz erfüllt
von dem ernsten, tiefen, bis zur Selbstpeinigung strengen und unerbittlichen
Verantwortlichkeitsgefühl des echten und leidenschaftlichen Protestanten.
Nein, dem Höchsten und Letzten gegenüber gab es keinen Beistand von
außen, keine Vermittlung, Absolution, Betäubung und Tröstung! Ganz
einsam, selbständig und aus eigener Kraft mußte man in heißer und emsiger
Arbeit, ehe es zu spät war, das Rätsel entwirren und sich klare Bereitschaft
erringen, oder in Verzweiflung dahinfahren … Und Thomas Buddenbrook
wandte sich enttäuscht und hoffnungslos von seinem einzigen Sohne ab, in
dem er stark und verjüngt fortzuleben gehofft hatte, und fing an, in Hast
und Furcht nach der Wahrheit zu suchen, die es irgendwo für ihn geben
mußte …
Es war der Hochsommer des Jahres vierundsiebenzig. Silberweiße,
rundliche Wolken zogen am tiefblauen Himmel über die zierliche
Symmetrie des Stadtgartens hin, in den Zweigen des Walnußbaumes
zwitscherten die Vögel mit fragender Betonung, der Springbrunnen
plätscherte inmitten des Kranzes von hohen, lilafarbenen Schwertlilien, der
ihn umgab, und der Duft des Flieders vermischte sich leider mit dem
Sirupgeruch, den ein warmer Luftzug von der nahen Zuckerbrennerei
herübertrug. Zum Erstaunen des Personals verließ der Senator jetzt oftmals
in voller Arbeitszeit das Kontor, um sich, die Hände auf dem Rücken, in
seinem Garten zu ergehen, den Kies zu harken, den Schlamm vom
Springbrunnen zu fischen oder einen Rosenzweig zu stützen … Sein
Gesicht, mit den hellen Brauen, von denen eine ein wenig emporgezogen
Oberflächlichkeit des alten Johann Buddenbrook Genüge zu finden, hatte er
sich die Fragen der Ewigkeit und Unsterblichkeit historisch beantwortet und
sich gesagt, daß er in seinen Vorfahren gelebt habe und in seinen
Nachfahren leben werde. Dies hatte nicht allein mit seinem Familiensinn,
seinem Patrizierselbstbewußtsein, seiner geschichtlichen Pietät
übereingestimmt, es hatte ihn auch in seiner Tätigkeit, seinem Ehrgeiz,
seiner ganzen Lebensführung unterstützt und bekräftigt. Nun aber zeigte
sich, daß es vor dem nahen und durchdringenden Auge des Todes dahinsank
und zunichte ward, unfähig, auch nur eine Stunde der Beruhigung und
Bereitschaft hervorzubringen.
Obgleich Thomas Buddenbrook in seinem Leben hie und da mit einer
kleinen Neigung zum Katholizismus gespielt hatte, war er doch ganz erfüllt
von dem ernsten, tiefen, bis zur Selbstpeinigung strengen und unerbittlichen
Verantwortlichkeitsgefühl des echten und leidenschaftlichen Protestanten.
Nein, dem Höchsten und Letzten gegenüber gab es keinen Beistand von
außen, keine Vermittlung, Absolution, Betäubung und Tröstung! Ganz
einsam, selbständig und aus eigener Kraft mußte man in heißer und emsiger
Arbeit, ehe es zu spät war, das Rätsel entwirren und sich klare Bereitschaft
erringen, oder in Verzweiflung dahinfahren … Und Thomas Buddenbrook
wandte sich enttäuscht und hoffnungslos von seinem einzigen Sohne ab, in
dem er stark und verjüngt fortzuleben gehofft hatte, und fing an, in Hast
und Furcht nach der Wahrheit zu suchen, die es irgendwo für ihn geben
mußte …
Es war der Hochsommer des Jahres vierundsiebenzig. Silberweiße,
rundliche Wolken zogen am tiefblauen Himmel über die zierliche
Symmetrie des Stadtgartens hin, in den Zweigen des Walnußbaumes
zwitscherten die Vögel mit fragender Betonung, der Springbrunnen
plätscherte inmitten des Kranzes von hohen, lilafarbenen Schwertlilien, der
ihn umgab, und der Duft des Flieders vermischte sich leider mit dem
Sirupgeruch, den ein warmer Luftzug von der nahen Zuckerbrennerei
herübertrug. Zum Erstaunen des Personals verließ der Senator jetzt oftmals
in voller Arbeitszeit das Kontor, um sich, die Hände auf dem Rücken, in
seinem Garten zu ergehen, den Kies zu harken, den Schlamm vom
Springbrunnen zu fischen oder einen Rosenzweig zu stützen … Sein
Gesicht, mit den hellen Brauen, von denen eine ein wenig emporgezogen
Page 613
war, schien ernst und aufmerksam bei diesen Beschäftigungen; aber seine
Gedanken gingen weit fort im Dunklen, ihre eigenen, mühseligen Pfade.
Manchmal setzte er sich, auf der Höhe der kleinen Terrasse, in den von
Weinlaub gänzlich eingehüllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu sehen,
über den Garten hin auf die rote Rückwand seines Hauses. Die Luft war
warm und süß, und es war, als ob die friedlichen Geräusche rings umher
ihm besänftigend zusprächen und ihn einzulullen trachteten. Müde vom Ins-
Leere-Starren, von Einsamkeit und Schweigen, schloß er dann und wann
die Augen, um sich alsbald wieder aufzuraffen und hastig den Frieden von
sich zu scheuchen. Ich muß denken, sagte er beinahe laut … Ich muß alles
ordnen, ehe es zu spät ist …
Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus
gelbem Rohr, wo er eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender
Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufällig in seine
Hände geraten war … Nach dem zweiten Frühstück, die Zigarette im
Munde, hatte er es im Rauchzimmer, in einem tiefen Winkel des
Bücherschrankes, hinter stattlichen Bänden versteckt, gefunden und sich
erinnert, daß er es einst vor Jahr und Tag beim Buchhändler zu einem
Gelegenheitspreise achtlos erstanden hatte: ein ziemlich umfangreiches, auf
dünnem und gelblichem Papier schlecht gedrucktes und schlecht geheftetes
Werk, der zweite Teil nur eines berühmten metaphysischen Systems … Er
hatte es mit sich in den Garten genommen und wandte nun, in tiefer
Versunkenheit, Blatt um Blatt …
Eine ungekannte, große und dankbare Zufriedenheit erfüllte ihn. Er
empfand die unvergleichliche Genugtuung, zu sehen, wie ein gewaltig
überlegenes Gehirn sich des Lebens, dieses so starken, grausamen und
höhnischen Lebens, bemächtigt, um es zu bezwingen und zu verurteilen …
die Genugtuung des Leidenden, der vor der Kälte und Härte des Lebens
sein Leiden beständig schamvoll und bösen Gewissens versteckt hielt und
plötzlich aus der Hand eines Großen und Weisen die grundsätzliche und
feierliche Berechtigung erhält, an der Welt zu leiden – dieser besten aller
denkbaren Welten, von der mit spielendem Hohne bewiesen ward, daß sie
die schlechteste aller denkbaren sei.
Gedanken gingen weit fort im Dunklen, ihre eigenen, mühseligen Pfade.
Manchmal setzte er sich, auf der Höhe der kleinen Terrasse, in den von
Weinlaub gänzlich eingehüllten Pavillon und blickte, ohne etwas zu sehen,
über den Garten hin auf die rote Rückwand seines Hauses. Die Luft war
warm und süß, und es war, als ob die friedlichen Geräusche rings umher
ihm besänftigend zusprächen und ihn einzulullen trachteten. Müde vom Ins-
Leere-Starren, von Einsamkeit und Schweigen, schloß er dann und wann
die Augen, um sich alsbald wieder aufzuraffen und hastig den Frieden von
sich zu scheuchen. Ich muß denken, sagte er beinahe laut … Ich muß alles
ordnen, ehe es zu spät ist …
Hier aber war es, in diesem Pavillon, in dem kleinen Schaukelstuhl aus
gelbem Rohr, wo er eines Tages vier volle Stunden lang mit wachsender
Ergriffenheit in einem Buche las, das halb gesucht, halb zufällig in seine
Hände geraten war … Nach dem zweiten Frühstück, die Zigarette im
Munde, hatte er es im Rauchzimmer, in einem tiefen Winkel des
Bücherschrankes, hinter stattlichen Bänden versteckt, gefunden und sich
erinnert, daß er es einst vor Jahr und Tag beim Buchhändler zu einem
Gelegenheitspreise achtlos erstanden hatte: ein ziemlich umfangreiches, auf
dünnem und gelblichem Papier schlecht gedrucktes und schlecht geheftetes
Werk, der zweite Teil nur eines berühmten metaphysischen Systems … Er
hatte es mit sich in den Garten genommen und wandte nun, in tiefer
Versunkenheit, Blatt um Blatt …
Eine ungekannte, große und dankbare Zufriedenheit erfüllte ihn. Er
empfand die unvergleichliche Genugtuung, zu sehen, wie ein gewaltig
überlegenes Gehirn sich des Lebens, dieses so starken, grausamen und
höhnischen Lebens, bemächtigt, um es zu bezwingen und zu verurteilen …
die Genugtuung des Leidenden, der vor der Kälte und Härte des Lebens
sein Leiden beständig schamvoll und bösen Gewissens versteckt hielt und
plötzlich aus der Hand eines Großen und Weisen die grundsätzliche und
feierliche Berechtigung erhält, an der Welt zu leiden – dieser besten aller
denkbaren Welten, von der mit spielendem Hohne bewiesen ward, daß sie
die schlechteste aller denkbaren sei.
Page 614
Er begriff nicht alles; Prinzipien und Voraussetzungen blieben ihm
unklar, und sein Sinn, in solcher Lektüre ungeübt, vermochte gewissen
Gedankengängen nicht zu folgen. Aber gerade der Wechsel von Licht und
Finsternis, von dumpfer Verständnislosigkeit, vagem Ahnen und plötzlicher
Hellsicht hielt ihn in Atem, und die Stunden schwanden, ohne daß er vom
Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle verändert hätte.
Er hatte anfänglich manche Seite ungelesen gelassen und rasch
vorwärtsschreitend, unbewußt und eilig nach der Hauptsache, nach dem
eigentlich Wichtigen verlangend, sich nur diesen oder jenen Abschnitt zu
eigen gemacht, der ihn fesselte. Dann aber stieß er auf ein umfängliches
Kapitel, das er vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchlas, mit
festgeschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen, ernst, mit
einem vollkommenen, beinahe erstorbenen, von keiner Regung des Lebens
um ihn her beeinflußbaren Ernst in der Miene. Es trug aber dieses Kapitel
den Titel: »Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres
Wesens an sich.« –
Ihm fehlten wenige Zeilen, als um vier Uhr das Folgmädchen durch den
Garten kam und ihn zu Tische bat. Er nickte, las die übrigen Sätze, schloß
das Buch und blickte um sich … Er fühlte sein ganzes Wesen auf
ungeheuerliche Art geweitet und von einer schweren, dunklen Trunkenheit
erfüllt; seinen Sinn umnebelt und vollständig berauscht von irgend etwas
unsäglich Neuem, Lockendem und Verheißungsvollem, das an erste,
hoffende Liebessehnsucht gemahnte. Aber als er mit kalten und unsicheren
Händen das Buch in der Schublade des Gartentisches verwahrte, war sein
glühender Kopf, in dem ein seltsamer Druck, eine beängstigende Spannung
herrschte, als könnte irgend etwas darin zerspringen, nicht eines
vollkommenen Gedankens fähig.
Was war dies? fragte er sich, während er ins Haus ging, die Haupttreppe
erstieg und sich im Eßzimmer zu den Seinen setzte … Was ist mir
geschehen? Was habe ich vernommen? Was ist zu mir gesprochen worden,
zu mir, Thomas Buddenbrook, Ratsherr dieser Stadt, Chef der
Getreidefirma Johann Buddenbrook …? War dies für mich bestimmt? Kann
ich es ertragen? Ich weiß nicht, was es war … ich weiß nur, daß es zu viel,
zu viel ist für mein Bürgerhirn …
unklar, und sein Sinn, in solcher Lektüre ungeübt, vermochte gewissen
Gedankengängen nicht zu folgen. Aber gerade der Wechsel von Licht und
Finsternis, von dumpfer Verständnislosigkeit, vagem Ahnen und plötzlicher
Hellsicht hielt ihn in Atem, und die Stunden schwanden, ohne daß er vom
Buche aufgeblickt oder auch nur seine Stellung im Stuhle verändert hätte.
Er hatte anfänglich manche Seite ungelesen gelassen und rasch
vorwärtsschreitend, unbewußt und eilig nach der Hauptsache, nach dem
eigentlich Wichtigen verlangend, sich nur diesen oder jenen Abschnitt zu
eigen gemacht, der ihn fesselte. Dann aber stieß er auf ein umfängliches
Kapitel, das er vom ersten bis zum letzten Buchstaben durchlas, mit
festgeschlossenen Lippen und zusammengezogenen Brauen, ernst, mit
einem vollkommenen, beinahe erstorbenen, von keiner Regung des Lebens
um ihn her beeinflußbaren Ernst in der Miene. Es trug aber dieses Kapitel
den Titel: »Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres
Wesens an sich.« –
Ihm fehlten wenige Zeilen, als um vier Uhr das Folgmädchen durch den
Garten kam und ihn zu Tische bat. Er nickte, las die übrigen Sätze, schloß
das Buch und blickte um sich … Er fühlte sein ganzes Wesen auf
ungeheuerliche Art geweitet und von einer schweren, dunklen Trunkenheit
erfüllt; seinen Sinn umnebelt und vollständig berauscht von irgend etwas
unsäglich Neuem, Lockendem und Verheißungsvollem, das an erste,
hoffende Liebessehnsucht gemahnte. Aber als er mit kalten und unsicheren
Händen das Buch in der Schublade des Gartentisches verwahrte, war sein
glühender Kopf, in dem ein seltsamer Druck, eine beängstigende Spannung
herrschte, als könnte irgend etwas darin zerspringen, nicht eines
vollkommenen Gedankens fähig.
Was war dies? fragte er sich, während er ins Haus ging, die Haupttreppe
erstieg und sich im Eßzimmer zu den Seinen setzte … Was ist mir
geschehen? Was habe ich vernommen? Was ist zu mir gesprochen worden,
zu mir, Thomas Buddenbrook, Ratsherr dieser Stadt, Chef der
Getreidefirma Johann Buddenbrook …? War dies für mich bestimmt? Kann
ich es ertragen? Ich weiß nicht, was es war … ich weiß nur, daß es zu viel,
zu viel ist für mein Bürgerhirn …
Page 615
In diesem Zustande eines schweren, dunklen, trunkenen und
gedankenlosen Überwältigtseins verblieb er den ganzen Tag. Dann aber
kam der Abend, und unfähig, seinen Kopf länger auf den Schultern zu
halten, ging er frühzeitig zu Bette. Er schlief drei Stunden lang, tief,
unerreichbar tief, wie noch niemals in seinem Leben. Dann erwachte er, so
jäh, so köstlich erschrocken, wie man einsam erwacht, mit einer keimenden
Liebe im Herzen.
Er wußte sich allein in dem großen Schlafgemach, denn Gerda schlief
jetzt in Ida Jungmanns Zimmer, die kürzlich, um näher beim kleinen Johann
zu sein, eines der drei Altan-Zimmer bezogen hatte. Es herrschte dichte
Nacht um ihn her, da die Vorhänge der beiden hohen Fenster fest
geschlossen waren. In tiefer Stille und sacht lastender Schwüle lag er auf
dem Rücken und blickte in das Dunkel empor.
Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen
Augen zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte
und eine unermeßlich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte …
I c h w e r d e l e b e n! sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut und
fühlte, wie seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte. Dies ist
es, daß ich leben werde! Es wird leben … und daß dieses Es nicht ich bin,
das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod berichtigen
wird. So ist es, so ist es!… Warum? – Und bei dieser Frage schlug die
Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er wußte und verstand
wieder nicht das geringste mehr und ließ sich tiefer in die Kissen
zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem bißchen Wahrheit,
das er soeben hatte erschauen dürfen.
Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu beten,
daß es noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit
gefalteten Händen, ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte
schauen …
Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und
wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst. Der Tod war
ein Glück, so tief, daß es nur in begnadeten Augenblicken, wie dieser, ganz
zu ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglich peinlichen
Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung von den
gedankenlosen Überwältigtseins verblieb er den ganzen Tag. Dann aber
kam der Abend, und unfähig, seinen Kopf länger auf den Schultern zu
halten, ging er frühzeitig zu Bette. Er schlief drei Stunden lang, tief,
unerreichbar tief, wie noch niemals in seinem Leben. Dann erwachte er, so
jäh, so köstlich erschrocken, wie man einsam erwacht, mit einer keimenden
Liebe im Herzen.
Er wußte sich allein in dem großen Schlafgemach, denn Gerda schlief
jetzt in Ida Jungmanns Zimmer, die kürzlich, um näher beim kleinen Johann
zu sein, eines der drei Altan-Zimmer bezogen hatte. Es herrschte dichte
Nacht um ihn her, da die Vorhänge der beiden hohen Fenster fest
geschlossen waren. In tiefer Stille und sacht lastender Schwüle lag er auf
dem Rücken und blickte in das Dunkel empor.
Und siehe da: plötzlich war es, wie wenn die Finsternis vor seinen
Augen zerrisse, wie wenn die samtne Wand der Nacht sich klaffend teilte
und eine unermeßlich tiefe, eine ewige Fernsicht von Licht enthüllte …
I c h w e r d e l e b e n! sagte Thomas Buddenbrook beinahe laut und
fühlte, wie seine Brust dabei vor innerlichem Schluchzen erzitterte. Dies ist
es, daß ich leben werde! Es wird leben … und daß dieses Es nicht ich bin,
das ist nur eine Täuschung, das war nur ein Irrtum, den der Tod berichtigen
wird. So ist es, so ist es!… Warum? – Und bei dieser Frage schlug die
Nacht wieder vor seinen Augen zusammen. Er sah, er wußte und verstand
wieder nicht das geringste mehr und ließ sich tiefer in die Kissen
zurücksinken, gänzlich geblendet und ermattet von dem bißchen Wahrheit,
das er soeben hatte erschauen dürfen.
Und er lag stille und wartete inbrünstig, fühlte sich versucht, zu beten,
daß es noch einmal kommen und ihn erhellen möge. Und es kam. Mit
gefalteten Händen, ohne eine Regung zu wagen, lag er und durfte
schauen …
Was war der Tod? Die Antwort darauf erschien ihm nicht in armen und
wichtigtuerischen Worten: er fühlte sie, er besaß sie zuinnerst. Der Tod war
ein Glück, so tief, daß es nur in begnadeten Augenblicken, wie dieser, ganz
zu ermessen war. Er war die Rückkunft von einem unsäglich peinlichen
Irrgang, die Korrektur eines schweren Fehlers, die Befreiung von den
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widrigsten Banden und Schranken – einen beklagenswerten Unglücksfall
machte er wieder gut.
Ende und Auflösung? Dreimal erbarmungswürdig jeder, der diese
nichtigen Begriffe als Schrecknisse empfand! Was würde enden und was
sich auflösen? Dieser sein Leib … Diese seine Persönlichkeit und
Individualität, dieses schwerfällige, störrische, fehlerhafte und hassenswerte
H i n d e r n i s , e t w a s a n d e r e s u n d B e s s e r e s z u s e i n!
War nicht jeder Mensch ein Mißgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in
eine peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis!
Schranken und Bande überall! Durch die Gitterfenster seiner Individualität
starrt der Mensch hoffnungslos auf die Ringmauern der äußeren Umstände,
bis der Tod kommt und ihn zu Heimkehr und Freiheit ruft …
Individualität!… Ach, was man ist, kann und hat, scheint arm, grau,
unzulänglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht kann und nicht
hat, das eben ist es, worauf man mit jenem sehnsüchtigen Neide blickt, der
zur Liebe wird, weil er sich fürchtet, zum Haß zu werden.
Ich trage den Keim, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen Befähigungen
und Betätigungen der Welt in mir … Wo könnte ich sein, wenn ich nicht
hier wäre! Wer, was, wie könnte ich sein, wenn ich nicht ich wäre, wenn
diese meine persönliche Erscheinung mich nicht abschlösse und mein
Bewußtsein von dem aller derer trennte, die nicht ich sind! Organismus!
Blinde, unbedachte, bedauerliche Eruption des drängenden Willens! Besser,
wahrhaftig, dieser Wille webt frei in raum- und zeitloser Nacht, als daß er in
einem Kerker schmachtet, der von dem zitternden und wankenden
Flämmchen des Intellektes notdürftig erhellt wird!
In meinem Sohne habe ich fortzuleben gehofft? In einer noch
ängstlicheren, schwächeren, schwankenderen Persönlichkeit? Kindische,
irregeführte Torheit! Was soll mir ein Sohn? Ich brauche keinen Sohn!…
Wo ich sein werde, wenn ich tot bin? Aber es ist so leuchtend klar, so
überwältigend einfach! In allen denen werde ich sein, die je und je Ich
gesagt haben, sagen und sagen werden: b e s o n d e r s a b e r i n
denen, die es voller, kräftiger, fröhlicher sagen …
machte er wieder gut.
Ende und Auflösung? Dreimal erbarmungswürdig jeder, der diese
nichtigen Begriffe als Schrecknisse empfand! Was würde enden und was
sich auflösen? Dieser sein Leib … Diese seine Persönlichkeit und
Individualität, dieses schwerfällige, störrische, fehlerhafte und hassenswerte
H i n d e r n i s , e t w a s a n d e r e s u n d B e s s e r e s z u s e i n!
War nicht jeder Mensch ein Mißgriff und Fehltritt? Geriet er nicht in
eine peinvolle Haft, sowie er geboren ward? Gefängnis! Gefängnis!
Schranken und Bande überall! Durch die Gitterfenster seiner Individualität
starrt der Mensch hoffnungslos auf die Ringmauern der äußeren Umstände,
bis der Tod kommt und ihn zu Heimkehr und Freiheit ruft …
Individualität!… Ach, was man ist, kann und hat, scheint arm, grau,
unzulänglich und langweilig; was man aber nicht ist, nicht kann und nicht
hat, das eben ist es, worauf man mit jenem sehnsüchtigen Neide blickt, der
zur Liebe wird, weil er sich fürchtet, zum Haß zu werden.
Ich trage den Keim, den Ansatz, die Möglichkeit zu allen Befähigungen
und Betätigungen der Welt in mir … Wo könnte ich sein, wenn ich nicht
hier wäre! Wer, was, wie könnte ich sein, wenn ich nicht ich wäre, wenn
diese meine persönliche Erscheinung mich nicht abschlösse und mein
Bewußtsein von dem aller derer trennte, die nicht ich sind! Organismus!
Blinde, unbedachte, bedauerliche Eruption des drängenden Willens! Besser,
wahrhaftig, dieser Wille webt frei in raum- und zeitloser Nacht, als daß er in
einem Kerker schmachtet, der von dem zitternden und wankenden
Flämmchen des Intellektes notdürftig erhellt wird!
In meinem Sohne habe ich fortzuleben gehofft? In einer noch
ängstlicheren, schwächeren, schwankenderen Persönlichkeit? Kindische,
irregeführte Torheit! Was soll mir ein Sohn? Ich brauche keinen Sohn!…
Wo ich sein werde, wenn ich tot bin? Aber es ist so leuchtend klar, so
überwältigend einfach! In allen denen werde ich sein, die je und je Ich
gesagt haben, sagen und sagen werden: b e s o n d e r s a b e r i n
denen, die es voller, kräftiger, fröhlicher sagen …
Page 617
Irgendwo in der Welt wächst ein Knabe auf, gut ausgerüstet und
wohlgelungen, begabt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, gerade gewachsen
und ungetrübt, rein, grausam und munter, einer von diesen Menschen, deren
Anblick das Glück der Glücklichen erhöht und die Unglücklichen zur
Verzweiflung treibt: – Das ist mein Sohn. D a s b i n i c h, bald … bald …
sobald der Tod mich von dem armseligen Wahne befreit, ich sei nicht
sowohl er wie ich …
Habe ich je das Leben gehaßt, dies reine, grausame und starke Leben?
Torheit und Mißverständnis! Nur mich habe ich gehaßt, dafür, daß ich es
nicht ertragen konnte. Aber ich liebe euch … ich liebe euch alle, ihr
Glücklichen, und bald werde ich aufhören, durch eine enge Haft von euch
ausgeschlossen zu sein; bald wird das in mir, was euch liebt, wird meine
Liebe zu euch frei werden und bei und in euch sein … bei und in euch
allen! – –
Er weinte; preßte das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und
wie im Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins in der Welt an
schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen. Dies war es, dies alles, was ihn seit
gestern nachmittag trunken und dunkel erfüllt, was sich inmitten der Nacht
in seinem Herzen geregt und ihn geweckt hatte wie eine keimende Liebe.
Und während er es nun begreifen und erkennen durfte – nicht in Worten und
aufeinanderfolgenden Gedanken, sondern in plötzlichen, beseligenden
Erhellungen seines Inneren –, war er schon frei, war er ganz eigentlich
schon erlöst und aller natürlichen wie künstlichen Schranken und Bande
entledigt. Die Mauern seiner Vaterstadt, in denen er sich mit Willen und
Bewußtsein eingeschlossen, taten sich auf und erschlossen seinem Blicke
die Welt, die ganze Welt, von der er in jungen Jahren dies und jenes
Stückchen gesehen, und die der Tod ihm ganz und gar zu schenken
versprach. Die trügerischen Erkenntnisformen des Raumes, der Zeit und
also der Geschichte, die Sorge um ein rühmliches, historisches Fortbestehen
in der Person von Nachkommen, die Furcht vor irgendeiner endlichen
historischen Auflösung und Zersetzung, – dies alles gab seinen Geist frei
und hinderte ihn nicht mehr, die stete Ewigkeit zu begreifen. Nichts begann
und nichts hörte auf. Es gab nur eine unendliche Gegenwart, und diejenige
Kraft in ihm, die mit einer so schmerzlich süßen, drängenden und
sehnsüchtigen Liebe das Leben liebte, und von der seine Person nur ein
wohlgelungen, begabt, seine Fähigkeiten zu entwickeln, gerade gewachsen
und ungetrübt, rein, grausam und munter, einer von diesen Menschen, deren
Anblick das Glück der Glücklichen erhöht und die Unglücklichen zur
Verzweiflung treibt: – Das ist mein Sohn. D a s b i n i c h, bald … bald …
sobald der Tod mich von dem armseligen Wahne befreit, ich sei nicht
sowohl er wie ich …
Habe ich je das Leben gehaßt, dies reine, grausame und starke Leben?
Torheit und Mißverständnis! Nur mich habe ich gehaßt, dafür, daß ich es
nicht ertragen konnte. Aber ich liebe euch … ich liebe euch alle, ihr
Glücklichen, und bald werde ich aufhören, durch eine enge Haft von euch
ausgeschlossen zu sein; bald wird das in mir, was euch liebt, wird meine
Liebe zu euch frei werden und bei und in euch sein … bei und in euch
allen! – –
Er weinte; preßte das Gesicht in die Kissen und weinte, durchbebt und
wie im Rausche emporgehoben von einem Glück, dem keins in der Welt an
schmerzlicher Süßigkeit zu vergleichen. Dies war es, dies alles, was ihn seit
gestern nachmittag trunken und dunkel erfüllt, was sich inmitten der Nacht
in seinem Herzen geregt und ihn geweckt hatte wie eine keimende Liebe.
Und während er es nun begreifen und erkennen durfte – nicht in Worten und
aufeinanderfolgenden Gedanken, sondern in plötzlichen, beseligenden
Erhellungen seines Inneren –, war er schon frei, war er ganz eigentlich
schon erlöst und aller natürlichen wie künstlichen Schranken und Bande
entledigt. Die Mauern seiner Vaterstadt, in denen er sich mit Willen und
Bewußtsein eingeschlossen, taten sich auf und erschlossen seinem Blicke
die Welt, die ganze Welt, von der er in jungen Jahren dies und jenes
Stückchen gesehen, und die der Tod ihm ganz und gar zu schenken
versprach. Die trügerischen Erkenntnisformen des Raumes, der Zeit und
also der Geschichte, die Sorge um ein rühmliches, historisches Fortbestehen
in der Person von Nachkommen, die Furcht vor irgendeiner endlichen
historischen Auflösung und Zersetzung, – dies alles gab seinen Geist frei
und hinderte ihn nicht mehr, die stete Ewigkeit zu begreifen. Nichts begann
und nichts hörte auf. Es gab nur eine unendliche Gegenwart, und diejenige
Kraft in ihm, die mit einer so schmerzlich süßen, drängenden und
sehnsüchtigen Liebe das Leben liebte, und von der seine Person nur ein
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verfehlter Ausdruck war – sie würde die Zugänge zu dieser Gegenwart
immer zu finden wissen.
Ich werde leben! flüsterte er in das Kissen, weinte und … wußte im
nächsten Augenblick nicht mehr, worüber. Sein Gehirn stand still, sein
Wissen erlosch, und in ihm gab es plötzlich wieder nichts mehr als
verstummende Finsternis. Aber es wird wiederkehren! versicherte er sich.
Habe ich es nicht besessen?… Und während er fühlte, wie Betäubung und
Schlaf ihn unwiderstehlich überschatteten, schwor er sich einen teuren Eid,
dies ungeheure Glück niemals fahren zu lassen, sondern seine Kräfte zu
sammeln und zu lernen, zu lesen und zu studieren, bis er sich fest und
unveräußerlich die ganze Weltanschauung zu eigen gemacht haben würde,
aus der dies alles hervorgegangen war.
Allein das konnte nicht sein, und schon am nächsten Morgen, als er mit
einem ganz kleinen Gefühl von Geniertheit über die geistigen
Extravaganzen von gestern erwachte, ahnte er etwas von der
Unausführbarkeit dieser schönen Vorsätze.
Er stand spät auf und hatte sich sogleich an den Debatten einer
Bürgerschaftssitzung zu beteiligen. Das öffentliche, geschäftliche,
bürgerliche Leben in den giebeligen und winkeligen Straßen dieser
mittelgroßen Handelsstadt nahm seinen Geist und seine Kräfte wieder in
Besitz. Immer noch mit dem Vorsatz beschäftigt, die wunderbare Lektüre
wieder aufzunehmen, fing er doch an, sich zu fragen, ob die Erlebnisse
jener Nacht in Wahrheit und auf die Dauer etwas für ihn seien und ob sie,
träte der Tod ihn an, praktisch standhalten würden. Seine bürgerlichen
Instinkte regten sich dagegen. Auch seine Eitelkeit regte sich: die Furcht
vor einer wunderlichen und lächerlichen Rolle. Standen ihm diese Dinge zu
Gesicht? Ziemten sie ihm, ihm, Senator Thomas Buddenbrook, Chef der
Firma Johann Buddenbrook?…
Er gelangte niemals wieder dazu, einen Blick in das seltsame Buch zu
werfen, das so viele Schätze barg, geschweige denn sich die übrigen Bände
des großen Werkes zu verschaffen. Die nervöse Pedanterie, die sich mit den
Jahren seiner bemächtigt, verzehrte seine Tage. Gehetzt von fünfhundert
nichtswürdigen und alltäglichen Bagatellen, die in Ordnung zu halten und
zu erledigen sein Kopf sich plagte, war er zu willensschwach, um eine
immer zu finden wissen.
Ich werde leben! flüsterte er in das Kissen, weinte und … wußte im
nächsten Augenblick nicht mehr, worüber. Sein Gehirn stand still, sein
Wissen erlosch, und in ihm gab es plötzlich wieder nichts mehr als
verstummende Finsternis. Aber es wird wiederkehren! versicherte er sich.
Habe ich es nicht besessen?… Und während er fühlte, wie Betäubung und
Schlaf ihn unwiderstehlich überschatteten, schwor er sich einen teuren Eid,
dies ungeheure Glück niemals fahren zu lassen, sondern seine Kräfte zu
sammeln und zu lernen, zu lesen und zu studieren, bis er sich fest und
unveräußerlich die ganze Weltanschauung zu eigen gemacht haben würde,
aus der dies alles hervorgegangen war.
Allein das konnte nicht sein, und schon am nächsten Morgen, als er mit
einem ganz kleinen Gefühl von Geniertheit über die geistigen
Extravaganzen von gestern erwachte, ahnte er etwas von der
Unausführbarkeit dieser schönen Vorsätze.
Er stand spät auf und hatte sich sogleich an den Debatten einer
Bürgerschaftssitzung zu beteiligen. Das öffentliche, geschäftliche,
bürgerliche Leben in den giebeligen und winkeligen Straßen dieser
mittelgroßen Handelsstadt nahm seinen Geist und seine Kräfte wieder in
Besitz. Immer noch mit dem Vorsatz beschäftigt, die wunderbare Lektüre
wieder aufzunehmen, fing er doch an, sich zu fragen, ob die Erlebnisse
jener Nacht in Wahrheit und auf die Dauer etwas für ihn seien und ob sie,
träte der Tod ihn an, praktisch standhalten würden. Seine bürgerlichen
Instinkte regten sich dagegen. Auch seine Eitelkeit regte sich: die Furcht
vor einer wunderlichen und lächerlichen Rolle. Standen ihm diese Dinge zu
Gesicht? Ziemten sie ihm, ihm, Senator Thomas Buddenbrook, Chef der
Firma Johann Buddenbrook?…
Er gelangte niemals wieder dazu, einen Blick in das seltsame Buch zu
werfen, das so viele Schätze barg, geschweige denn sich die übrigen Bände
des großen Werkes zu verschaffen. Die nervöse Pedanterie, die sich mit den
Jahren seiner bemächtigt, verzehrte seine Tage. Gehetzt von fünfhundert
nichtswürdigen und alltäglichen Bagatellen, die in Ordnung zu halten und
zu erledigen sein Kopf sich plagte, war er zu willensschwach, um eine
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vernünftige und ergiebige Einteilung seiner Zeit zu erreichen. Und zwei
Wochen ungefähr nach jenem denkwürdigen Nachmittage war er so weit,
daß er alles aufgab und dem Dienstmädchen befahl, ein Buch, das
unordentlicherweise in der Schublade des Gartentisches umherliege, sofort
hinaufzutragen und in den Bücherschrank zu stellen.
So aber geschah es, daß Thomas Buddenbrook, der die Hände
verlangend nach hohen und letzten Wahrheiten ausgestreckt hatte, matt
zurücksank zu den Begriffen und Bildern, in deren gläubigem Gebrauch
man seine Kindheit geübt hatte. Er ging umher und erinnerte sich des
einigen und persönlichen Gottes, des Vaters der Menschenkinder, der einen
persönlichen Teil seines Selbst auf die Erde entsandt hatte, damit er für uns
leide und blute, der am Jüngsten Tage Gericht halten würde, und zu dessen
Füßen die Gerechten im Laufe der dann ihren Anfang nehmenden Ewigkeit
für die Kümmernisse dieses Jammertales entschädigt werden würden …
Dieser ganzen, ein wenig unklaren und ein wenig absurden Geschichte, die
aber kein Verständnis, sondern nur gehorsamen Glauben beanspruchte, und
die in feststehenden und kindlichen Worten zur Hand sein würde, wenn die
letzten Ängste kamen … Wirklich?
Ach, auch hierin gelangte er nicht zum Frieden. Dieser Mann mit seiner
nagenden Sorge um die Ehre seines Hauses, um seine Frau, seinen Sohn,
seinen Namen, seine Familie, dieser abgenutzte Mann, der seinen Körper
mit Mühe und Kunst elegant, korrekt und aufrecht erhielt, er plagte sich
mehrere Tage mit der Frage, wie es nun eigentlich bestellt sei: ob nun
eigentlich die Seele unmittelbar nach dem Tode in den Himmel gelange,
oder ob die Seligkeit erst mit der Auferstehung des Fleisches beginne …
Und wo blieb die Seele bis dahin? Hatte ihn jemals jemand in der Schule
oder der Kirche darüber belehrt? Wie war es verantwortbar, den Menschen
in einer solchen Unwissenheit zu lassen? – Und er war darauf und daran,
Pastor Pringsheim zu besuchen und ihn um Rat und Trost anzugehen, bis er
es im letzten Augenblick aus Furcht vor der Lächerlichkeit unterließ.
Endlich gab er alles auf und stellte alles Gott anheim. Da er aber mit der
Ordnung seiner ewigen Angelegenheiten zu einem so unbefriedigenden
Schluß gekommen war, so beschloß er, zum wenigsten einmal seine
irdischen gewissenhaft zu bestellen, womit er einen lange gehegten Vorsatz
zur Ausführung bringen würde.
Wochen ungefähr nach jenem denkwürdigen Nachmittage war er so weit,
daß er alles aufgab und dem Dienstmädchen befahl, ein Buch, das
unordentlicherweise in der Schublade des Gartentisches umherliege, sofort
hinaufzutragen und in den Bücherschrank zu stellen.
So aber geschah es, daß Thomas Buddenbrook, der die Hände
verlangend nach hohen und letzten Wahrheiten ausgestreckt hatte, matt
zurücksank zu den Begriffen und Bildern, in deren gläubigem Gebrauch
man seine Kindheit geübt hatte. Er ging umher und erinnerte sich des
einigen und persönlichen Gottes, des Vaters der Menschenkinder, der einen
persönlichen Teil seines Selbst auf die Erde entsandt hatte, damit er für uns
leide und blute, der am Jüngsten Tage Gericht halten würde, und zu dessen
Füßen die Gerechten im Laufe der dann ihren Anfang nehmenden Ewigkeit
für die Kümmernisse dieses Jammertales entschädigt werden würden …
Dieser ganzen, ein wenig unklaren und ein wenig absurden Geschichte, die
aber kein Verständnis, sondern nur gehorsamen Glauben beanspruchte, und
die in feststehenden und kindlichen Worten zur Hand sein würde, wenn die
letzten Ängste kamen … Wirklich?
Ach, auch hierin gelangte er nicht zum Frieden. Dieser Mann mit seiner
nagenden Sorge um die Ehre seines Hauses, um seine Frau, seinen Sohn,
seinen Namen, seine Familie, dieser abgenutzte Mann, der seinen Körper
mit Mühe und Kunst elegant, korrekt und aufrecht erhielt, er plagte sich
mehrere Tage mit der Frage, wie es nun eigentlich bestellt sei: ob nun
eigentlich die Seele unmittelbar nach dem Tode in den Himmel gelange,
oder ob die Seligkeit erst mit der Auferstehung des Fleisches beginne …
Und wo blieb die Seele bis dahin? Hatte ihn jemals jemand in der Schule
oder der Kirche darüber belehrt? Wie war es verantwortbar, den Menschen
in einer solchen Unwissenheit zu lassen? – Und er war darauf und daran,
Pastor Pringsheim zu besuchen und ihn um Rat und Trost anzugehen, bis er
es im letzten Augenblick aus Furcht vor der Lächerlichkeit unterließ.
Endlich gab er alles auf und stellte alles Gott anheim. Da er aber mit der
Ordnung seiner ewigen Angelegenheiten zu einem so unbefriedigenden
Schluß gekommen war, so beschloß er, zum wenigsten einmal seine
irdischen gewissenhaft zu bestellen, womit er einen lange gehegten Vorsatz
zur Ausführung bringen würde.
Page 620
Eines Tages vernahm der kleine Johann nach dem Mittagessen, im
Wohnzimmer, wo die Eltern ihren Kaffee tranken, wie sein Vater der Mama
die Mitteilung machte, er erwarte heute den Rechtsanwalt Doktor Soundso,
um mit ihm sein Testament zu machen, dessen Fixierung er nicht beständig
ins Ungewisse hinausschieben dürfe. Später übte Hanno im Salon eine
Stunde lang auf dem Flügel. Als er aber dann über den Korridor gehen
wollte, traf er mit seinem Vater und einem Herrn in langem, schwarzem
Überrock zusammen, welche die Haupttreppe heraufkamen.
»Hanno!« sagte der Senator kurz. Und der kleine Johann blieb stehen,
schluckte hinunter und antwortete leise und eilig: »Ja, Papa …«
»Ich habe mit diesem Herrn Wichtiges zu arbeiten«, fuhr sein Vater fort.
»Du stellst dich, wenn ich bitten darf, vor diese Tür« – er wies auf den
Eingang zum Rauchzimmer – »und gibst acht, daß niemand, hörst du?
absolut niemand uns stört.«
»Ja, Papa«, sagte der kleine Johann und stellte sich vor die Tür, die sich
hinter den beiden Herren schloß.
Er stand dort, hielt mit einer Hand den Schifferknoten auf seiner Brust
erfaßt, scheuerte seine Zunge an einem Zahne, dem er mißtraute, und
horchte auf die ernsten und gedämpften Stimmen, die aus dem Inneren des
Zimmers zu ihm drangen. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen
fallenden hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter
zusammengezogenen Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen
Schatten umlagerten Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und
grüblerischen Ausdruck zur Seite, einem Ausdruck, ganz ähnlich
demjenigen, mit dem er an der Bahre seiner Großmutter den Blumengeruch
und jenen anderen, fremden und doch so seltsam vertrauten Duft eingeatmet
hatte.
Ida Jungmann kam und sagte: »Hannochen, mein Jungchen, wo bleibst
du, was wirst du hier herumzustehen haben!«
Der bucklige Lehrling kam aus dem Kontor, eine Depesche in der Hand
und fragte nach dem Senator.
Und jedesmal streckte der kleine Johann seinen Arm in dem blauen mit
einem Anker bestickten Matrosenärmel waagerecht vor der Tür aus,
Wohnzimmer, wo die Eltern ihren Kaffee tranken, wie sein Vater der Mama
die Mitteilung machte, er erwarte heute den Rechtsanwalt Doktor Soundso,
um mit ihm sein Testament zu machen, dessen Fixierung er nicht beständig
ins Ungewisse hinausschieben dürfe. Später übte Hanno im Salon eine
Stunde lang auf dem Flügel. Als er aber dann über den Korridor gehen
wollte, traf er mit seinem Vater und einem Herrn in langem, schwarzem
Überrock zusammen, welche die Haupttreppe heraufkamen.
»Hanno!« sagte der Senator kurz. Und der kleine Johann blieb stehen,
schluckte hinunter und antwortete leise und eilig: »Ja, Papa …«
»Ich habe mit diesem Herrn Wichtiges zu arbeiten«, fuhr sein Vater fort.
»Du stellst dich, wenn ich bitten darf, vor diese Tür« – er wies auf den
Eingang zum Rauchzimmer – »und gibst acht, daß niemand, hörst du?
absolut niemand uns stört.«
»Ja, Papa«, sagte der kleine Johann und stellte sich vor die Tür, die sich
hinter den beiden Herren schloß.
Er stand dort, hielt mit einer Hand den Schifferknoten auf seiner Brust
erfaßt, scheuerte seine Zunge an einem Zahne, dem er mißtraute, und
horchte auf die ernsten und gedämpften Stimmen, die aus dem Inneren des
Zimmers zu ihm drangen. Sein Kopf mit dem lockig in die Schläfen
fallenden hellbraunen Haar war zur Seite geneigt, und unter
zusammengezogenen Brauen blickten seine goldbraunen, von bläulichen
Schatten umlagerten Augen blinzelnd, mit einem abgestoßenen und
grüblerischen Ausdruck zur Seite, einem Ausdruck, ganz ähnlich
demjenigen, mit dem er an der Bahre seiner Großmutter den Blumengeruch
und jenen anderen, fremden und doch so seltsam vertrauten Duft eingeatmet
hatte.
Ida Jungmann kam und sagte: »Hannochen, mein Jungchen, wo bleibst
du, was wirst du hier herumzustehen haben!«
Der bucklige Lehrling kam aus dem Kontor, eine Depesche in der Hand
und fragte nach dem Senator.
Und jedesmal streckte der kleine Johann seinen Arm in dem blauen mit
einem Anker bestickten Matrosenärmel waagerecht vor der Tür aus,
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schüttelte den Kopf und sagte nach einem Augenblicke des Schweigens
leise und fest: »Niemand darf hinein. – Papa macht sein Testament.«
Sechstes Kapitel
Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schönen Augen
spielen ließ wie eine Frau: »Die Nerven, Herr Senator … an allem sind bloß
die Nerven schuld. Und hie und da läßt auch die Blutzirkulation ein wenig
zu wünschen übrig. Darf ich mir einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich
dieses Jahr noch ein bißchen ausspannen! Diese paar Seeluft-Sonntage im
Sommer haben natürlich nicht viel vermocht … Wir haben Ende September,
Travemünde ist noch in Betrieb, es ist noch nicht vollständig entvölkert.
Fahren Sie hin, Herr Senator, und setzen Sie sich noch ein wenig an den
Strand. Vierzehn Tage oder drei Wochen reparieren schon manches …«
Und Thomas Buddenbrook sagte Ja und Amen hierzu. Als aber die
Seinen von dem Entschlusse erfuhren, erbot sich Christian, ihn zu begleiten.
»Ich gehe mit, Thomas«, sagte er einfach. »Du hast wohl nichts
dagegen.« Und obgleich der Senator eigentlich eine Menge dagegen hatte,
sagte er abermals Ja und Amen.
Die Sache war die, daß Christian jetzt mehr als jemals Herr seiner Zeit
war, denn wegen schwankender Gesundheit hatte er sich genötigt gesehen,
auch seine letzte kaufmännische Tätigkeit, die Champagner- und
Kognakagentur, fahren zu lassen. Das Trugbild eines Mannes, der in der
Dämmerung auf seinem Sofa saß und ihm zunickte, hatte sich
erfreulicherweise nicht wiederholt. Aber mit der periodischen »Qual« in
seiner linken Seite war es womöglich noch schlimmer geworden, und Hand
in Hand mit ihr ging eine große Anzahl anderer Unzuträglichkeiten, die
Christian sorgfältig beobachtete und mit krauser Nase schilderte, wo er ging
und stand. Oftmals, wie schon früher, versagten beim Essen seine
Schluckmuskeln, so daß er, den Bissen im Halse, dasaß und seine kleinen,
runden, tiefliegenden Augen wandern ließ. Oftmals, wie schon früher, litt er
an dem unbestimmten aber unbesiegbaren Furchtgefühl vor einer
plötzlichen Lähmung seiner Zunge, seines Schlundes, seiner Extremitäten,
ja sogar seines Denkvermögens. Zwar wurde nichts an ihm gelähmt; aber
leise und fest: »Niemand darf hinein. – Papa macht sein Testament.«
Sechstes Kapitel
Im Herbst sagte Doktor Langhals, indem er seine schönen Augen
spielen ließ wie eine Frau: »Die Nerven, Herr Senator … an allem sind bloß
die Nerven schuld. Und hie und da läßt auch die Blutzirkulation ein wenig
zu wünschen übrig. Darf ich mir einen Ratschlag erlauben? Sie sollten sich
dieses Jahr noch ein bißchen ausspannen! Diese paar Seeluft-Sonntage im
Sommer haben natürlich nicht viel vermocht … Wir haben Ende September,
Travemünde ist noch in Betrieb, es ist noch nicht vollständig entvölkert.
Fahren Sie hin, Herr Senator, und setzen Sie sich noch ein wenig an den
Strand. Vierzehn Tage oder drei Wochen reparieren schon manches …«
Und Thomas Buddenbrook sagte Ja und Amen hierzu. Als aber die
Seinen von dem Entschlusse erfuhren, erbot sich Christian, ihn zu begleiten.
»Ich gehe mit, Thomas«, sagte er einfach. »Du hast wohl nichts
dagegen.« Und obgleich der Senator eigentlich eine Menge dagegen hatte,
sagte er abermals Ja und Amen.
Die Sache war die, daß Christian jetzt mehr als jemals Herr seiner Zeit
war, denn wegen schwankender Gesundheit hatte er sich genötigt gesehen,
auch seine letzte kaufmännische Tätigkeit, die Champagner- und
Kognakagentur, fahren zu lassen. Das Trugbild eines Mannes, der in der
Dämmerung auf seinem Sofa saß und ihm zunickte, hatte sich
erfreulicherweise nicht wiederholt. Aber mit der periodischen »Qual« in
seiner linken Seite war es womöglich noch schlimmer geworden, und Hand
in Hand mit ihr ging eine große Anzahl anderer Unzuträglichkeiten, die
Christian sorgfältig beobachtete und mit krauser Nase schilderte, wo er ging
und stand. Oftmals, wie schon früher, versagten beim Essen seine
Schluckmuskeln, so daß er, den Bissen im Halse, dasaß und seine kleinen,
runden, tiefliegenden Augen wandern ließ. Oftmals, wie schon früher, litt er
an dem unbestimmten aber unbesiegbaren Furchtgefühl vor einer
plötzlichen Lähmung seiner Zunge, seines Schlundes, seiner Extremitäten,
ja sogar seines Denkvermögens. Zwar wurde nichts an ihm gelähmt; aber
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war nicht die Furcht davor beinahe noch schlimmer? Er erzählte
ausführlich, wie er eines Tages, als er sich Tee bereitete, das brennende
Zündholz statt über den Kochapparat über die offene Spiritusflasche
gehalten habe, so daß beinahe nicht nur er selbst, sondern auch die übrigen
Hausbewohner, ja, vielleicht auch die der Nachbarhäuser auf fürchterliche
Weise umgekommen wären … Dies ging zu weit. Was er aber mit
besonderer Ausführlichkeit, Eindringlichkeit und Anstrengung, sich ganz
verständlich zu machen, beschrieb, war eine scheußliche Anomalie, die er
in letzter Zeit an sich wahrgenommen hatte und die darin bestand, daß er an
gewissen Tagen, das heißt bei gewisser Witterung und Gemütsverfassung,
kein offenes Fenster sehen konnte, ohne von dem gräßlichen und durch
nichts gerechtfertigten Drange befallen zu werden, hinauszuspringen …
einem wilden und kaum unterdrückbaren Triebe, einer Art von unsinnigem
und verzweifeltem Übermut! Eines Sonntages, als die Familie in der
Fischergrube speiste, beschrieb er, wie er unter Aufbietung aller
moralischen Kräfte auf Händen und Füßen habe zum offenen Fenster
kriechen müssen, um es zu schließen … Hier aber schrie alles auf, und
niemand wollte ihm weiter zuhören.
Diese und ähnliche Dinge konstatierte er mit einer gewissen
schauerlichen Genugtuung. Was er aber nicht beobachtete und nicht
feststellte, was ihm unbewußt blieb und sich darum beständig
verschlimmerte, war der sonderbare Mangel an Taktgefühl, der ihm mit den
Jahren immer mehr zu eigen geworden war. Es war schlimm, daß er im
Familienkreise Anekdoten erzählte, so geartet, daß er sie höchstens im Klub
hätte vorbringen dürfen. Aber es gab auch direkte Anzeichen dafür, daß sein
Sinn für körperliche Schamhaftigkeit im Erlahmen begriffen war. In der
Absicht, seiner Schwägerin Gerda, mit der er auf freundschaftlichem Fuße
stand, zu zeigen, wie durabel gearbeitet seine englischen Socken seien, und
wie mager er übrigens geworden sei, gewann er es über sich, vor ihren
Augen sein weites, kariertes Beinkleid bis hoch über das Knie
zurückzuziehen … »Da sieh, wie mager ich werde … Ist es nicht auffällig
und sonderbar?« sagte er bekümmert, indem er mit krauser Nase auf sein
knochiges und stark nach außen gekrümmtes Bein in der weißwollenen
Unterhose zeigte, unter der sich das hagere Knie trübselig abzeichnete …
Er hatte, wie gesagt, jetzt jede kaufmännische Tätigkeit fahren lassen;
aber diejenigen Stunden am Tage, die er nicht im »Klub« verbrachte, suchte
ausführlich, wie er eines Tages, als er sich Tee bereitete, das brennende
Zündholz statt über den Kochapparat über die offene Spiritusflasche
gehalten habe, so daß beinahe nicht nur er selbst, sondern auch die übrigen
Hausbewohner, ja, vielleicht auch die der Nachbarhäuser auf fürchterliche
Weise umgekommen wären … Dies ging zu weit. Was er aber mit
besonderer Ausführlichkeit, Eindringlichkeit und Anstrengung, sich ganz
verständlich zu machen, beschrieb, war eine scheußliche Anomalie, die er
in letzter Zeit an sich wahrgenommen hatte und die darin bestand, daß er an
gewissen Tagen, das heißt bei gewisser Witterung und Gemütsverfassung,
kein offenes Fenster sehen konnte, ohne von dem gräßlichen und durch
nichts gerechtfertigten Drange befallen zu werden, hinauszuspringen …
einem wilden und kaum unterdrückbaren Triebe, einer Art von unsinnigem
und verzweifeltem Übermut! Eines Sonntages, als die Familie in der
Fischergrube speiste, beschrieb er, wie er unter Aufbietung aller
moralischen Kräfte auf Händen und Füßen habe zum offenen Fenster
kriechen müssen, um es zu schließen … Hier aber schrie alles auf, und
niemand wollte ihm weiter zuhören.
Diese und ähnliche Dinge konstatierte er mit einer gewissen
schauerlichen Genugtuung. Was er aber nicht beobachtete und nicht
feststellte, was ihm unbewußt blieb und sich darum beständig
verschlimmerte, war der sonderbare Mangel an Taktgefühl, der ihm mit den
Jahren immer mehr zu eigen geworden war. Es war schlimm, daß er im
Familienkreise Anekdoten erzählte, so geartet, daß er sie höchstens im Klub
hätte vorbringen dürfen. Aber es gab auch direkte Anzeichen dafür, daß sein
Sinn für körperliche Schamhaftigkeit im Erlahmen begriffen war. In der
Absicht, seiner Schwägerin Gerda, mit der er auf freundschaftlichem Fuße
stand, zu zeigen, wie durabel gearbeitet seine englischen Socken seien, und
wie mager er übrigens geworden sei, gewann er es über sich, vor ihren
Augen sein weites, kariertes Beinkleid bis hoch über das Knie
zurückzuziehen … »Da sieh, wie mager ich werde … Ist es nicht auffällig
und sonderbar?« sagte er bekümmert, indem er mit krauser Nase auf sein
knochiges und stark nach außen gekrümmtes Bein in der weißwollenen
Unterhose zeigte, unter der sich das hagere Knie trübselig abzeichnete …
Er hatte, wie gesagt, jetzt jede kaufmännische Tätigkeit fahren lassen;
aber diejenigen Stunden am Tage, die er nicht im »Klub« verbrachte, suchte
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er doch auf verschiedene Weise auszufüllen, und er liebte es, ausdrücklich
hervorzuheben, daß er trotz aller Behinderungen niemals vollständig
aufgehört habe zu arbeiten. Er erweiterte seine Sprachkenntnisse und hatte,
der Wissenschaft halber und ohne praktischen Endzweck, kürzlich
begonnen, Chinesisch zu lernen, worauf er vierzehn Tage lang viel Fleiß
verwendet hatte. Zur Zeit war er damit beschäftigt, ein englisch-deutsches
Lexikon, das ihm unzulänglich schien, zu »ergänzen«; aber, da eine kleine
Luftveränderung ihm sowieso einmal wieder not tat und da es schließlich ja
wünschenswert war, daß der Senator irgendwelche Begleitung hatte, so
vermochte dies Geschäft jetzt nicht, ihn in der Stadt festzuhalten …
Die beiden Brüder fuhren an die See; sie fuhren, indes der Regen auf
das Verdeck des Wagens trommelte, auf der Landstraße dahin, die nur eine
Pfütze war, und sprachen beinahe kein Wort. Christian ließ seine Augen
wandern, als horche er auf irgend etwas Verdächtiges; Thomas saß fröstelnd
in seinen Mantel gehüllt, mit müde blickenden, geröteten Augen, und die
langausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes überragten starr seine
weißlichen Wangen. So fuhren sie nachmittags in den Kurgarten ein, in
dessen verschwemmtem Kies die Räder knirschten. Der alte Makler
Sigismund Gosch saß in der Glasveranda des Hauptgebäudes und trank
Grog von Rum. Er stand auf, indem er durch die Zähne zischte, und dann
setzten sie sich zu ihm, um, während die Koffer hinaufgetragen wurden,
auch ihrerseits etwas Warmes zu genießen.
Herr Gosch war ebenfalls noch Kurgast, gleich einigen wenigen Leuten,
einer englischen Familie, einer ledigen Holländerin und einem ledigen
Hamburger, die jetzt mutmaßlich ihr Schläfchen vor der Table d'hote
hielten, denn es war überall totenstill, und nur der Regen planschte.
Mochten sie schlafen. Herr Gosch schlief am Tage nicht. Er war froh, wenn
er sich zur Nacht ein paar Stunden Bewußtlosigkeit erobern konnte. Es ging
ihm nicht gut, er gebrauchte diese späte Luftkur gegen das Zittern, das
Zittern in seinen Gliedmaßen … verflucht! er konnte kaum noch das
Grogglas halten, und – teuflischer! – er konnte nur selten noch schreiben, so
daß es mit der Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen
jämmerlich langsam vorwärts ging. Er war in sehr gedrückter Stimmung,
und seine Gotteslästerungen waren ohne die rechte Freudigkeit. »Laß
fahren dahin!« sagte er, und dies schien seine Lieblingsredensart geworden
hervorzuheben, daß er trotz aller Behinderungen niemals vollständig
aufgehört habe zu arbeiten. Er erweiterte seine Sprachkenntnisse und hatte,
der Wissenschaft halber und ohne praktischen Endzweck, kürzlich
begonnen, Chinesisch zu lernen, worauf er vierzehn Tage lang viel Fleiß
verwendet hatte. Zur Zeit war er damit beschäftigt, ein englisch-deutsches
Lexikon, das ihm unzulänglich schien, zu »ergänzen«; aber, da eine kleine
Luftveränderung ihm sowieso einmal wieder not tat und da es schließlich ja
wünschenswert war, daß der Senator irgendwelche Begleitung hatte, so
vermochte dies Geschäft jetzt nicht, ihn in der Stadt festzuhalten …
Die beiden Brüder fuhren an die See; sie fuhren, indes der Regen auf
das Verdeck des Wagens trommelte, auf der Landstraße dahin, die nur eine
Pfütze war, und sprachen beinahe kein Wort. Christian ließ seine Augen
wandern, als horche er auf irgend etwas Verdächtiges; Thomas saß fröstelnd
in seinen Mantel gehüllt, mit müde blickenden, geröteten Augen, und die
langausgezogenen Spitzen seines Schnurrbartes überragten starr seine
weißlichen Wangen. So fuhren sie nachmittags in den Kurgarten ein, in
dessen verschwemmtem Kies die Räder knirschten. Der alte Makler
Sigismund Gosch saß in der Glasveranda des Hauptgebäudes und trank
Grog von Rum. Er stand auf, indem er durch die Zähne zischte, und dann
setzten sie sich zu ihm, um, während die Koffer hinaufgetragen wurden,
auch ihrerseits etwas Warmes zu genießen.
Herr Gosch war ebenfalls noch Kurgast, gleich einigen wenigen Leuten,
einer englischen Familie, einer ledigen Holländerin und einem ledigen
Hamburger, die jetzt mutmaßlich ihr Schläfchen vor der Table d'hote
hielten, denn es war überall totenstill, und nur der Regen planschte.
Mochten sie schlafen. Herr Gosch schlief am Tage nicht. Er war froh, wenn
er sich zur Nacht ein paar Stunden Bewußtlosigkeit erobern konnte. Es ging
ihm nicht gut, er gebrauchte diese späte Luftkur gegen das Zittern, das
Zittern in seinen Gliedmaßen … verflucht! er konnte kaum noch das
Grogglas halten, und – teuflischer! – er konnte nur selten noch schreiben, so
daß es mit der Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen
jämmerlich langsam vorwärts ging. Er war in sehr gedrückter Stimmung,
und seine Gotteslästerungen waren ohne die rechte Freudigkeit. »Laß
fahren dahin!« sagte er, und dies schien seine Lieblingsredensart geworden
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zu sein, denn er wiederholte sie beständig und oftmals ganz außer dem
Zusammenhange.
Und der Senator? Was war es mit ihm? Wie lange gedachten die Herren
zu bleiben?
Ach, Doktor Langhals habe ihn der Nerven wegen hergeschickt,
antwortete Thomas Buddenbrook. Er habe natürlich gehorcht, trotz dieses
Hundewetters, denn was tue man nicht aus Furcht vor seinem Arzte! Er
fühlte sich ja wirklich ein wenig miserabel. Sie würden eben bleiben, bis es
ihm besser gehe …
»Ja, übrigens geht es auch mir sehr schlecht«, sagte Christian voll Neid
und Erbitterung, daß Thomas nur von sich sprach; und er war im Begriffe,
von dem nickenden Manne, der Spiritusflasche und dem offenen Fenster zu
berichten, als sein Bruder aufbrach, um die Zimmer in Besitz zu nehmen.
Der Regen ließ nicht nach. Er zerwühlte den Boden und tanzte in
springenden Tropfen auf der See, die, vom Südwest überschauert, vom
Strande zurückwich. Alles war in Grau gehüllt. Die Dampfer zogen wie
Schatten und Geisterschiffe vorüber und verschwanden am verwischten
Horizont.
Mit den fremden Gästen traf man nur beim Essen zusammen. Der
Senator ging mit dem Makler Gosch in Gummimantel und Galoschen
spazieren, indes Christian droben in der Konditorei mit der Büfettdame
schwedischen Punsch trank.
Zwei- oder dreimal, an Nachmittagen, da es aussah, als ob die Sonne
hervorkommen wollte, erschienen zur Table d'hote ein paar Bekannte aus
der Stadt, die sich gern ein wenig unabhängig von ihren Angehörigen
unterhielten: Senator Doktor Gieseke, Christians Schulkamerad, und
Konsul Peter Döhlmann, der übrigens schlecht aussah, weil er sich durch
maßlosen Gebrauch von Hunyadi-Janos-Wasser verdarb. Dann setzten sich
die Herren in ihren Paletots unter das Zeltdach der Konditorei, gegenüber
dem Musiktempel, in dem nicht mehr musiziert wurde, tranken ihren Kaffee
und verdauten ihre fünf Gänge, indem sie in den herbstlichen Kurgarten
hinausblickten und plauderten …
Zusammenhange.
Und der Senator? Was war es mit ihm? Wie lange gedachten die Herren
zu bleiben?
Ach, Doktor Langhals habe ihn der Nerven wegen hergeschickt,
antwortete Thomas Buddenbrook. Er habe natürlich gehorcht, trotz dieses
Hundewetters, denn was tue man nicht aus Furcht vor seinem Arzte! Er
fühlte sich ja wirklich ein wenig miserabel. Sie würden eben bleiben, bis es
ihm besser gehe …
»Ja, übrigens geht es auch mir sehr schlecht«, sagte Christian voll Neid
und Erbitterung, daß Thomas nur von sich sprach; und er war im Begriffe,
von dem nickenden Manne, der Spiritusflasche und dem offenen Fenster zu
berichten, als sein Bruder aufbrach, um die Zimmer in Besitz zu nehmen.
Der Regen ließ nicht nach. Er zerwühlte den Boden und tanzte in
springenden Tropfen auf der See, die, vom Südwest überschauert, vom
Strande zurückwich. Alles war in Grau gehüllt. Die Dampfer zogen wie
Schatten und Geisterschiffe vorüber und verschwanden am verwischten
Horizont.
Mit den fremden Gästen traf man nur beim Essen zusammen. Der
Senator ging mit dem Makler Gosch in Gummimantel und Galoschen
spazieren, indes Christian droben in der Konditorei mit der Büfettdame
schwedischen Punsch trank.
Zwei- oder dreimal, an Nachmittagen, da es aussah, als ob die Sonne
hervorkommen wollte, erschienen zur Table d'hote ein paar Bekannte aus
der Stadt, die sich gern ein wenig unabhängig von ihren Angehörigen
unterhielten: Senator Doktor Gieseke, Christians Schulkamerad, und
Konsul Peter Döhlmann, der übrigens schlecht aussah, weil er sich durch
maßlosen Gebrauch von Hunyadi-Janos-Wasser verdarb. Dann setzten sich
die Herren in ihren Paletots unter das Zeltdach der Konditorei, gegenüber
dem Musiktempel, in dem nicht mehr musiziert wurde, tranken ihren Kaffee
und verdauten ihre fünf Gänge, indem sie in den herbstlichen Kurgarten
hinausblickten und plauderten …
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Die Ereignisse der Stadt, das letzte Hochwasser, das in viele Keller
gedrungen, und bei dem man in den unteren Gruben mit Booten gefahren
war, eine Feuersbrunst, ein Schuppenbrand am Hafen, eine Senatswahl
wurden besprochen … Alfred Lauritzen, in Firma Stürmann & Lauritzen,
Kolonialwaren en gros & en détail, war vorige Woche gewählt worden,
und Senator Buddenbrook war nicht einverstanden damit. Er saß in seinen
Kragenmantel gehüllt, rauchte Zigaretten und warf nur an diesem Punkte
des Gespräches ein paar Bemerkungen ein. Er habe Herrn Lauritzen seine
Stimme nicht gegeben, sagte er, soviel sei sicher. Lauritzen sei ein
ehrenfester Mensch und ein vortrefflicher Kaufmann, ohne Frage; aber er
sei Mittelstand, guter Mittelstand, sein Vater habe noch eigenhändig den
Dienstmädchen die sauren Heringe aus der Tonne geholt und eingewickelt
… und jetzt habe man den Inhaber eines Detailgeschäftes im Senate. Sein,
Thomas Buddenbrooks, Großvater habe sich mit seinem ältesten Sohne
überworfen, weil dieser einen Laden erheiratet habe; so seien die Dinge
damals gewesen. »Aber das Niveau sinkt, ja, das gesellschaftliche Niveau
des Senates ist im Sinken begriffen, der Senat wird demokratisiert, lieber
Gieseke, und das ist nicht gut. Kaufmännische Tüchtigkeit tut es doch nicht
so ganz, meiner Meinung nach sollte man nicht aufhören, ein wenig mehr
zu verlangen. Alfred Lauritzen mit seinen großen Füßen und seinem
Bootsmannsgesicht im Ratssaal zu denken, beleidigt mich … ich weiß
nicht, was in mir. Es ist gegen alles Stilgefühl, kurzum, eine
Geschmacklosigkeit.«
Aber Senator Gieseke war etwas pikiert. Schließlich war er auch nur der
Sohn eines Branddirektors … Nein, dem Verdienste seine Krone. Dafür sei
man Republikaner. Ȇbrigens sollten Sie nicht so viele Zigaretten rauchen,
Buddenbrook, Sie haben ja gar nichts von der Seeluft.«
»Ja, nun höre ich auf«, sagte Thomas Buddenbrook, warf das
Mundstück fort und schloß die Augen.
Träge, während der Regen, der unausbleiblich wieder einsetzte, die
Aussicht verschleierte, glitt das Gespräch dahin. Man kam auf den letzten
Skandal der Stadt, eine Wechselfälschung, auf Großkaufmann Kaßbaum,
P. Philipp Kaßbaum & Co., der nun hinter Schloß und Riegel saß. Man
ereiferte sich durchaus nicht; man nannte Herrn Kaßbaums Tat eine
Dummheit, lachte kurz und zuckte die Achseln. Senator Doktor Gieseke
gedrungen, und bei dem man in den unteren Gruben mit Booten gefahren
war, eine Feuersbrunst, ein Schuppenbrand am Hafen, eine Senatswahl
wurden besprochen … Alfred Lauritzen, in Firma Stürmann & Lauritzen,
Kolonialwaren en gros & en détail, war vorige Woche gewählt worden,
und Senator Buddenbrook war nicht einverstanden damit. Er saß in seinen
Kragenmantel gehüllt, rauchte Zigaretten und warf nur an diesem Punkte
des Gespräches ein paar Bemerkungen ein. Er habe Herrn Lauritzen seine
Stimme nicht gegeben, sagte er, soviel sei sicher. Lauritzen sei ein
ehrenfester Mensch und ein vortrefflicher Kaufmann, ohne Frage; aber er
sei Mittelstand, guter Mittelstand, sein Vater habe noch eigenhändig den
Dienstmädchen die sauren Heringe aus der Tonne geholt und eingewickelt
… und jetzt habe man den Inhaber eines Detailgeschäftes im Senate. Sein,
Thomas Buddenbrooks, Großvater habe sich mit seinem ältesten Sohne
überworfen, weil dieser einen Laden erheiratet habe; so seien die Dinge
damals gewesen. »Aber das Niveau sinkt, ja, das gesellschaftliche Niveau
des Senates ist im Sinken begriffen, der Senat wird demokratisiert, lieber
Gieseke, und das ist nicht gut. Kaufmännische Tüchtigkeit tut es doch nicht
so ganz, meiner Meinung nach sollte man nicht aufhören, ein wenig mehr
zu verlangen. Alfred Lauritzen mit seinen großen Füßen und seinem
Bootsmannsgesicht im Ratssaal zu denken, beleidigt mich … ich weiß
nicht, was in mir. Es ist gegen alles Stilgefühl, kurzum, eine
Geschmacklosigkeit.«
Aber Senator Gieseke war etwas pikiert. Schließlich war er auch nur der
Sohn eines Branddirektors … Nein, dem Verdienste seine Krone. Dafür sei
man Republikaner. Ȇbrigens sollten Sie nicht so viele Zigaretten rauchen,
Buddenbrook, Sie haben ja gar nichts von der Seeluft.«
»Ja, nun höre ich auf«, sagte Thomas Buddenbrook, warf das
Mundstück fort und schloß die Augen.
Träge, während der Regen, der unausbleiblich wieder einsetzte, die
Aussicht verschleierte, glitt das Gespräch dahin. Man kam auf den letzten
Skandal der Stadt, eine Wechselfälschung, auf Großkaufmann Kaßbaum,
P. Philipp Kaßbaum & Co., der nun hinter Schloß und Riegel saß. Man
ereiferte sich durchaus nicht; man nannte Herrn Kaßbaums Tat eine
Dummheit, lachte kurz und zuckte die Achseln. Senator Doktor Gieseke
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erzählte, daß der Großkaufmann übrigens bei gutem Humor geblieben sei.
An seinem neuen Aufenthaltsort habe er sogleich einen Toilette-Spiegel
verlangt, der in seiner Zelle gefehlt habe. »Ich sitze hier ja nicht Jahre,
sondern Jahren«, hatte er gesagt; »da muß ich doch einen Spiegel haben!« –
Er war, wie Christian Buddenbrook und Andreas Gieseke, ein Schüler des
seligen Marcellus Stengel gewesen.
Ohne die Miene zu verziehen, lachten die Herren wieder kurz durch die
Nase. Sigismund Gosch bestellte Grog von Rum, mit einer Betonung, als
wollte er ausdrücken: Was soll das schlechte Leben nützen?… Konsul
Döhlmann sprach einer Flasche Aquavit zu, und Christian war wieder beim
schwedischen Punsch angelangt, den Senator Gieseke für sich und ihn hatte
kommen lassen. Es dauerte nicht lange, bis Thomas Buddenbrook wieder zu
rauchen begann.
Und immer in einem trägen, wegwerfenden und skeptisch fahrlässigen
Ton, gleichgültig und schwer gesinnt vom Essen, vom Trinken und vom
Regen, sprach man von Geschäften, den Geschäften jedes einzelnen; aber
auch dies Thema belebte niemanden.
»Ach, dabei ist nicht viel Freude«, sagte Thomas Buddenbrook mit
schwerer Brust und legte angewidert den Kopf über die Stuhllehne zurück.
»Nun, und Sie, Döhlmann?« erkundigte sich Senator Gieseke und
gähnte … »Sie haben sich gänzlich dem Aquavit ergeben, wie?«
»Wovon soll der Schornstein rauchen«, sagte der Konsul. »Ich gucke
alle paar Tage mal ins Kontor. Kurze Haare sind bald gekämmt.«
»Und alles Wichtige haben ja doch Strunck & Hagenström in Händen«,
bemerkte trübe der Makler Gosch, der seinen Ellenbogen weit vor sich hin
auf den Tisch gestützt hatte und den bösartigen Greisenkopf in der Hand
ruhen ließ.
»Gegen einen Haufen Mist kann man nicht anstinken«, sagte Konsul
Döhlmann mit einer so geflissentlich ordinären Aussprache, daß jedermann
wie durch einen hoffnungslosen Zynismus trübe gestimmt werden mußte.
»Na, und Sie, Buddenbrook, tun Sie noch was?«
An seinem neuen Aufenthaltsort habe er sogleich einen Toilette-Spiegel
verlangt, der in seiner Zelle gefehlt habe. »Ich sitze hier ja nicht Jahre,
sondern Jahren«, hatte er gesagt; »da muß ich doch einen Spiegel haben!« –
Er war, wie Christian Buddenbrook und Andreas Gieseke, ein Schüler des
seligen Marcellus Stengel gewesen.
Ohne die Miene zu verziehen, lachten die Herren wieder kurz durch die
Nase. Sigismund Gosch bestellte Grog von Rum, mit einer Betonung, als
wollte er ausdrücken: Was soll das schlechte Leben nützen?… Konsul
Döhlmann sprach einer Flasche Aquavit zu, und Christian war wieder beim
schwedischen Punsch angelangt, den Senator Gieseke für sich und ihn hatte
kommen lassen. Es dauerte nicht lange, bis Thomas Buddenbrook wieder zu
rauchen begann.
Und immer in einem trägen, wegwerfenden und skeptisch fahrlässigen
Ton, gleichgültig und schwer gesinnt vom Essen, vom Trinken und vom
Regen, sprach man von Geschäften, den Geschäften jedes einzelnen; aber
auch dies Thema belebte niemanden.
»Ach, dabei ist nicht viel Freude«, sagte Thomas Buddenbrook mit
schwerer Brust und legte angewidert den Kopf über die Stuhllehne zurück.
»Nun, und Sie, Döhlmann?« erkundigte sich Senator Gieseke und
gähnte … »Sie haben sich gänzlich dem Aquavit ergeben, wie?«
»Wovon soll der Schornstein rauchen«, sagte der Konsul. »Ich gucke
alle paar Tage mal ins Kontor. Kurze Haare sind bald gekämmt.«
»Und alles Wichtige haben ja doch Strunck & Hagenström in Händen«,
bemerkte trübe der Makler Gosch, der seinen Ellenbogen weit vor sich hin
auf den Tisch gestützt hatte und den bösartigen Greisenkopf in der Hand
ruhen ließ.
»Gegen einen Haufen Mist kann man nicht anstinken«, sagte Konsul
Döhlmann mit einer so geflissentlich ordinären Aussprache, daß jedermann
wie durch einen hoffnungslosen Zynismus trübe gestimmt werden mußte.
»Na, und Sie, Buddenbrook, tun Sie noch was?«
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»Nein«, antwortete Christian; »ich kann es nun nicht mehr.« Und ohne
Übergang, lediglich aus seinem Verständnis der herrschenden Stimmung
heraus, und aus dem Bedürfnis, sie zu vertiefen, begann er plötzlich, den
Hut schräg in die Stirn geschoben, von seinem Kontor in Valparaiso und
von Johnny Thunderstorm zu sprechen … »Ha, bei d e r Hitze. Du lieber
Gott!… Arbeiten? No, Sir, wie Sie sehen, Sir!« Und dabei hatten sie dem
Chef ihren Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Du lieber Gott!… Seine
Mienen und Bewegungen drückten unübertrefflich eine zugleich frech
herausfordernde und gutmütig verbummelte Trägheit aus. Sein Bruder
rührte sich nicht.
Herr Gosch versuchte, seinen Grog zum Munde zu führen, stellte ihn
zischend auf den Tisch zurück und hieb sich selbst mit der Faust auf den
widerspenstigen Arm, worauf er das Glas aufs neue an seine schmalen
Lippen riß, mehreres verschüttete und den Rest in Wut auf einmal
hinuntergoß.
»Ach, Sie mit Ihrem Zittern, Gosch!« sagte Döhlmann. »Sie sollten
sich's mal gehen lassen wie mir. Dies verfluchte Hunyadi-János … Ich
krepiere, wenn ich nicht täglich meinen Liter trinke, soweit bin ich, und
wenn ich ihn trinke, so krepiere ich erst recht. Wissen Sie, wie es tut, wenn
man niemals, nicht einen Tag, mit seinem Mittagessen fertig werden kann
… ich meine, wenn man es im Magen hat?…« Und er gab einige widerliche
Einzelheiten seines Befindens zum besten, die Christian Buddenbrook mit
schauerlichem Interesse und kraus gezogener Nase anhörte und mit einer
kleinen eindringlichen Beschreibung seiner »Qual« beantwortete.
Der Regen hatte sich wieder verstärkt. Dicht und senkrecht ging er
hernieder, und sein Rauschen erfüllte unabänderlich, öde und hoffnungslos
die Stille des Kurgartens.
»Ja, das Leben ist faul«, sagte Senator Gieseke, der sehr viel getrunken
hatte.
»Ich mag gar nicht mehr auf der Welt sein«, sagte Christian.
»Laß fahren dahin!« sagte Herr Gosch.
»Da kommt Fiken Dahlbeck«, sagte Senator Gieseke.
Übergang, lediglich aus seinem Verständnis der herrschenden Stimmung
heraus, und aus dem Bedürfnis, sie zu vertiefen, begann er plötzlich, den
Hut schräg in die Stirn geschoben, von seinem Kontor in Valparaiso und
von Johnny Thunderstorm zu sprechen … »Ha, bei d e r Hitze. Du lieber
Gott!… Arbeiten? No, Sir, wie Sie sehen, Sir!« Und dabei hatten sie dem
Chef ihren Zigarettenrauch ins Gesicht geblasen. Du lieber Gott!… Seine
Mienen und Bewegungen drückten unübertrefflich eine zugleich frech
herausfordernde und gutmütig verbummelte Trägheit aus. Sein Bruder
rührte sich nicht.
Herr Gosch versuchte, seinen Grog zum Munde zu führen, stellte ihn
zischend auf den Tisch zurück und hieb sich selbst mit der Faust auf den
widerspenstigen Arm, worauf er das Glas aufs neue an seine schmalen
Lippen riß, mehreres verschüttete und den Rest in Wut auf einmal
hinuntergoß.
»Ach, Sie mit Ihrem Zittern, Gosch!« sagte Döhlmann. »Sie sollten
sich's mal gehen lassen wie mir. Dies verfluchte Hunyadi-János … Ich
krepiere, wenn ich nicht täglich meinen Liter trinke, soweit bin ich, und
wenn ich ihn trinke, so krepiere ich erst recht. Wissen Sie, wie es tut, wenn
man niemals, nicht einen Tag, mit seinem Mittagessen fertig werden kann
… ich meine, wenn man es im Magen hat?…« Und er gab einige widerliche
Einzelheiten seines Befindens zum besten, die Christian Buddenbrook mit
schauerlichem Interesse und kraus gezogener Nase anhörte und mit einer
kleinen eindringlichen Beschreibung seiner »Qual« beantwortete.
Der Regen hatte sich wieder verstärkt. Dicht und senkrecht ging er
hernieder, und sein Rauschen erfüllte unabänderlich, öde und hoffnungslos
die Stille des Kurgartens.
»Ja, das Leben ist faul«, sagte Senator Gieseke, der sehr viel getrunken
hatte.
»Ich mag gar nicht mehr auf der Welt sein«, sagte Christian.
»Laß fahren dahin!« sagte Herr Gosch.
»Da kommt Fiken Dahlbeck«, sagte Senator Gieseke.
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Dies war die Besitzerin des Kuhstalles, die mit einem Milcheimer
vorüberging und den Herren zulächelte. Sie war an die vierzig, korpulent
und frech.
Senator Gieseke sah sie mit verwilderten Augen an.
»Was für ein Busen!« sagte er; und hieran knüpfte Konsul Döhlmann
einen übermäßig unflätigen Witz, der nur bewirkte, daß die Herren wieder
kurz und wegwerfend durch die Nase lachten.
Dann ward der aufwartende Kellner herangerufen.
»Ich bin mit der Flasche fertig geworden, Schröder«, sagte Döhlmann.
»Wir können auch ebensogut mal bezahlen. Einmal muß es ja sein … Und
Sie, Christian? Na, für Sie zahlt wohl Gieseke.«
Hier aber belebte sich Senator Buddenbrook. Er hatte, in seinen
Kragenmantel gehüllt, die Hände im Schoße und die Zigarette im
Mundwinkel, fast ohne Teilnahme dagesessen; plötzlich aber richtete er sich
auf und sagte scharf: »Hast du kein Geld bei dir, Christian? Dann erlaubst
du, daß i c h die Kleinigkeit auslege.«
Man spannte die Regenschirme auf und trat unter dem Zeltdach hervor,
um ein bißchen zu promenieren …
– Hie und da besuchte Frau Permaneder ihren Bruder. Dann gingen die
beiden zum »Mövenstein« oder zum »Seetempel« spazieren, wobei Tony
Buddenbrook aus unbekannten Gründen jedesmal in eine begeisterte und
unbestimmt aufrührerische Stimmung geriet. Sie betonte wiederholt die
Freiheit und Gleichheit aller Menschen, verwarf kurzerhand jede
Rangordnung der Stände, ließ harte Worte gegen Privilegien und Willkür
fallen und verlangte ausdrücklich, daß dem Verdienste seine Krone werde.
Und dann kam sie auf ihr Leben zu sprechen. Sie sprach gut, sie unterhielt
ihren Bruder aufs beste. Dieses glückliche Geschöpf hatte, solange sie auf
Erden wandelte, nichts, nicht das geringste hinunterzuschlucken und stumm
zu verwinden gebraucht. Auf keine Schmeichelei und keine Beleidigung,
die ihr das Leben gesagt, hatte sie geschwiegen. Alles, jedes Glück und
jeden Kummer, hatte sie in einer Flut von banalen und kindisch wichtigen
Worten, die ihrem Mitteilungsbedürfnis vollkommen genügten, wieder von
sich gegeben. Ihr Magen war nicht ganz gesund, aber ihr Herz war leicht
vorüberging und den Herren zulächelte. Sie war an die vierzig, korpulent
und frech.
Senator Gieseke sah sie mit verwilderten Augen an.
»Was für ein Busen!« sagte er; und hieran knüpfte Konsul Döhlmann
einen übermäßig unflätigen Witz, der nur bewirkte, daß die Herren wieder
kurz und wegwerfend durch die Nase lachten.
Dann ward der aufwartende Kellner herangerufen.
»Ich bin mit der Flasche fertig geworden, Schröder«, sagte Döhlmann.
»Wir können auch ebensogut mal bezahlen. Einmal muß es ja sein … Und
Sie, Christian? Na, für Sie zahlt wohl Gieseke.«
Hier aber belebte sich Senator Buddenbrook. Er hatte, in seinen
Kragenmantel gehüllt, die Hände im Schoße und die Zigarette im
Mundwinkel, fast ohne Teilnahme dagesessen; plötzlich aber richtete er sich
auf und sagte scharf: »Hast du kein Geld bei dir, Christian? Dann erlaubst
du, daß i c h die Kleinigkeit auslege.«
Man spannte die Regenschirme auf und trat unter dem Zeltdach hervor,
um ein bißchen zu promenieren …
– Hie und da besuchte Frau Permaneder ihren Bruder. Dann gingen die
beiden zum »Mövenstein« oder zum »Seetempel« spazieren, wobei Tony
Buddenbrook aus unbekannten Gründen jedesmal in eine begeisterte und
unbestimmt aufrührerische Stimmung geriet. Sie betonte wiederholt die
Freiheit und Gleichheit aller Menschen, verwarf kurzerhand jede
Rangordnung der Stände, ließ harte Worte gegen Privilegien und Willkür
fallen und verlangte ausdrücklich, daß dem Verdienste seine Krone werde.
Und dann kam sie auf ihr Leben zu sprechen. Sie sprach gut, sie unterhielt
ihren Bruder aufs beste. Dieses glückliche Geschöpf hatte, solange sie auf
Erden wandelte, nichts, nicht das geringste hinunterzuschlucken und stumm
zu verwinden gebraucht. Auf keine Schmeichelei und keine Beleidigung,
die ihr das Leben gesagt, hatte sie geschwiegen. Alles, jedes Glück und
jeden Kummer, hatte sie in einer Flut von banalen und kindisch wichtigen
Worten, die ihrem Mitteilungsbedürfnis vollkommen genügten, wieder von
sich gegeben. Ihr Magen war nicht ganz gesund, aber ihr Herz war leicht
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und frei – sie wußte selbst nicht, wie sehr. Nichts Unausgesprochenes zehrte
an ihr; kein stummes Erlebnis belastete sie. Und darum hatte sie auch gar
nichts an ihrer Vergangenheit zu tragen. Sie wußte, daß sie bewegte und
arge Schicksale gehabt, aber all das hatte ihr keinerlei Schwere und
Müdigkeit hinterlassen, und im Grunde glaubte sie gar nicht daran. Allein,
da es allseitig anerkannte Tatsache schien, so nutzte sie es aus, indem sie
damit prahlte und mit gewaltig ernsthafter Miene darüber redete … Sie
geriet ins Schelten, sie rief voll ehrlicher Entrüstung die Personen bei
Namen, die ihr Leben – und folglich das der Familie Buddenbrook –
schädlich beeinflußt hatten und deren Zahl mit der Zeit recht stattlich
geworden war. »Tränen-Trieschke!« rief sie. »Grünlich! Permaneder!
Tiburtius! Weinschenk! Hagenströms! Der Staatsanwalt! Die Severin! Was
für Filous, Thomas, Gott wird sie strafen dereinst, d e n Glauben bewahre
ich mir!«
Als sie hinauf zum »Seetempel« kamen, brach schon die Dämmerung
herein; der Herbst war vorgeschritten. Sie standen in einer der nach der
Bucht zu sich öffnenden Kammern, in denen es nach Holz roch, wie in den
Kabinen der Badeanstalt, und deren roh gezimmerte Wände mit Inschriften,
Initialen, Herzen, Versen bedeckt waren. Nebeneinander blickten sie über
den feuchtgrünen Abhang und den schmalen, steinigen Strandstreifen
hinweg auf die trübbewegte See hinaus.
»Breite Wellen …«, sagte Thomas Buddenbrook. »Wie sie
daherkommen und zerschellen, daherkommen und zerschellen, eine nach
der anderen, endlos, zwecklos, öde und irr. Und doch wirkt es beruhigend
und tröstlich, wie das Einfache und Notwendige. Mehr und mehr habe ich
die See lieben gelernt … vielleicht zog ich ehemals das Gebirge nur vor,
weil es in weiterer Ferne lag. Jetzt möchte ich nicht mehr dorthin. Ich
glaube, daß ich mich fürchten und schämen würde. Es ist zu willkürlich, zu
unregelmäßig, zu vielfach … sicher, ich würde mich allzu unterlegen
fühlen. Was für Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den
Vorzug geben? Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die
Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht
wenigstens von den äußeren vor allem eins verlangen zu müssen:
Einfachheit … Es ist das wenigste, daß man tapfer umhersteigt im Gebirge,
während man am Meere still im Sande ruht. Aber ich kenne den Blick, mit
dem man dem einen, und jenen, mit dem man dem andern huldigt. Sichere,
an ihr; kein stummes Erlebnis belastete sie. Und darum hatte sie auch gar
nichts an ihrer Vergangenheit zu tragen. Sie wußte, daß sie bewegte und
arge Schicksale gehabt, aber all das hatte ihr keinerlei Schwere und
Müdigkeit hinterlassen, und im Grunde glaubte sie gar nicht daran. Allein,
da es allseitig anerkannte Tatsache schien, so nutzte sie es aus, indem sie
damit prahlte und mit gewaltig ernsthafter Miene darüber redete … Sie
geriet ins Schelten, sie rief voll ehrlicher Entrüstung die Personen bei
Namen, die ihr Leben – und folglich das der Familie Buddenbrook –
schädlich beeinflußt hatten und deren Zahl mit der Zeit recht stattlich
geworden war. »Tränen-Trieschke!« rief sie. »Grünlich! Permaneder!
Tiburtius! Weinschenk! Hagenströms! Der Staatsanwalt! Die Severin! Was
für Filous, Thomas, Gott wird sie strafen dereinst, d e n Glauben bewahre
ich mir!«
Als sie hinauf zum »Seetempel« kamen, brach schon die Dämmerung
herein; der Herbst war vorgeschritten. Sie standen in einer der nach der
Bucht zu sich öffnenden Kammern, in denen es nach Holz roch, wie in den
Kabinen der Badeanstalt, und deren roh gezimmerte Wände mit Inschriften,
Initialen, Herzen, Versen bedeckt waren. Nebeneinander blickten sie über
den feuchtgrünen Abhang und den schmalen, steinigen Strandstreifen
hinweg auf die trübbewegte See hinaus.
»Breite Wellen …«, sagte Thomas Buddenbrook. »Wie sie
daherkommen und zerschellen, daherkommen und zerschellen, eine nach
der anderen, endlos, zwecklos, öde und irr. Und doch wirkt es beruhigend
und tröstlich, wie das Einfache und Notwendige. Mehr und mehr habe ich
die See lieben gelernt … vielleicht zog ich ehemals das Gebirge nur vor,
weil es in weiterer Ferne lag. Jetzt möchte ich nicht mehr dorthin. Ich
glaube, daß ich mich fürchten und schämen würde. Es ist zu willkürlich, zu
unregelmäßig, zu vielfach … sicher, ich würde mich allzu unterlegen
fühlen. Was für Menschen es wohl sind, die der Monotonie des Meeres den
Vorzug geben? Mir scheint, es sind solche, die zu lange und tief in die
Verwicklungen der innerlichen Dinge hineingesehen haben, um nicht
wenigstens von den äußeren vor allem eins verlangen zu müssen:
Einfachheit … Es ist das wenigste, daß man tapfer umhersteigt im Gebirge,
während man am Meere still im Sande ruht. Aber ich kenne den Blick, mit
dem man dem einen, und jenen, mit dem man dem andern huldigt. Sichere,
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trotzige, glückliche Augen, die voll sind von Unternehmungslust, Festigkeit
und Lebensmut, schweifen von Gipfel zu Gipfel; aber auf der Weite des
Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen
heranwälzt, träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und wissender Blick,
der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah … Gesundheit und
Krankheit, das ist der Unterschied. Man klettert keck in die wundervolle
Vielfachheit der zackigen, ragenden, zerklüfteten Erscheinungen hinein, um
seine Lebenskraft zu erproben, von der noch nichts verausgabt wurde. Aber
man ruht an der weiten Einfachheit der äußeren Dinge, müde wie man ist
von der Wirrnis der inneren.«
Frau Permaneder verstummte so eingeschüchtert und unangenehm
berührt, wie harmlose Leute verstummen, wenn in Gesellschaft plötzlich
etwas Gutes und Ernstes ausgesprochen wird. Dergleichen sagt man doch
nicht! dachte sie, indem sie fest ins Weite sah, um seinen Augen nicht zu
begegnen. Und um ihm in der Stille abzubitten, daß sie sich für ihn
schämte, zog sie seinen Arm in den ihrigen.
Siebentes Kapitel
Es war Winter geworden, Weihnacht war vorüber, man schrieb Januar,
Januar 1875. Der Schnee, der die Bürgersteige als eine festgetretene, mit
Sand und Asche untermischte Masse bedeckte, lagerte zu beiden Seiten der
Fahrdämme in hohen Haufen, die beständig grauer, zerklüfteter und poröser
wurden, denn es waren Wärmegrade in der Luft. Das Pflaster war naß und
schmutzig, und von den grauen Giebeln troff es. Aber darüber spannte sich
der Himmel zartblau und makellos, und Milliarden von Lichtatomen
schienen wie Kristalle in dem Azur zu flimmern und zu tanzen …
Im Zentrum der Stadt war es lebendig, denn es war Sonnabend und
Markttag. Unter den Spitzbogen der Rathaus-Arkaden hatten die Fleischer
ihre Stände und wogen mit blutigen Händen ihre Ware ab. Auf dem
Marktplatze selbst aber, um den Brunnen herum, war Fischmarkt. Dort
saßen, die Hände in halb enthaarten Pelzmüffen und die Füße an
Kohlenbecken wärmend, beleibte Weiber, die ihre naßkalten Gefangenen
hüteten und die umherwandernden Köchinnen und Hausfrauen mit breiten
und Lebensmut, schweifen von Gipfel zu Gipfel; aber auf der Weite des
Meeres, das mit diesem mystischen und lähmenden Fatalismus seine Wogen
heranwälzt, träumt ein verschleierter, hoffnungsloser und wissender Blick,
der irgendwo einstmals tief in traurige Wirrnisse sah … Gesundheit und
Krankheit, das ist der Unterschied. Man klettert keck in die wundervolle
Vielfachheit der zackigen, ragenden, zerklüfteten Erscheinungen hinein, um
seine Lebenskraft zu erproben, von der noch nichts verausgabt wurde. Aber
man ruht an der weiten Einfachheit der äußeren Dinge, müde wie man ist
von der Wirrnis der inneren.«
Frau Permaneder verstummte so eingeschüchtert und unangenehm
berührt, wie harmlose Leute verstummen, wenn in Gesellschaft plötzlich
etwas Gutes und Ernstes ausgesprochen wird. Dergleichen sagt man doch
nicht! dachte sie, indem sie fest ins Weite sah, um seinen Augen nicht zu
begegnen. Und um ihm in der Stille abzubitten, daß sie sich für ihn
schämte, zog sie seinen Arm in den ihrigen.
Siebentes Kapitel
Es war Winter geworden, Weihnacht war vorüber, man schrieb Januar,
Januar 1875. Der Schnee, der die Bürgersteige als eine festgetretene, mit
Sand und Asche untermischte Masse bedeckte, lagerte zu beiden Seiten der
Fahrdämme in hohen Haufen, die beständig grauer, zerklüfteter und poröser
wurden, denn es waren Wärmegrade in der Luft. Das Pflaster war naß und
schmutzig, und von den grauen Giebeln troff es. Aber darüber spannte sich
der Himmel zartblau und makellos, und Milliarden von Lichtatomen
schienen wie Kristalle in dem Azur zu flimmern und zu tanzen …
Im Zentrum der Stadt war es lebendig, denn es war Sonnabend und
Markttag. Unter den Spitzbogen der Rathaus-Arkaden hatten die Fleischer
ihre Stände und wogen mit blutigen Händen ihre Ware ab. Auf dem
Marktplatze selbst aber, um den Brunnen herum, war Fischmarkt. Dort
saßen, die Hände in halb enthaarten Pelzmüffen und die Füße an
Kohlenbecken wärmend, beleibte Weiber, die ihre naßkalten Gefangenen
hüteten und die umherwandernden Köchinnen und Hausfrauen mit breiten
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Worten zum Kaufe einluden. Es war keine Gefahr, betrogen zu werden.
Man konnte sicher sein, etwas Frisches zu erhandeln, denn die Fische lebten
fast alle noch, die fetten, muskulösen Fische … Einige hatten es gut. Sie
schwammen, in einiger Enge zwar, aber doch guten Mutes, in
Wassereimern umher und hatten nichts auszustehen. Andere aber lagen mit
fürchterlich glotzenden Augen und arbeitenden Kiemen, zählebig und
qualvoll auf ihrem Brett und schlugen hart und verzweifelt mit dem
Schwanze, bis man sie endlich packte und ein spitzes, blutiges Messer
ihnen mit Knirschen die Kehle zerschnitt. Lange und dicke Aale wanden
und schlängelten sich zu abenteuerlichen Figuren. In tiefen Bütten
wimmelte es schwärzlich von Ostseekrabben. Manchmal zog ein starker
Butt sich krampfhaft zusammen und schnellte sich in seiner tollen Angst
weit vom Brette fort auf das schlüpfrige, von Abfällen verunreinigte
Pflaster, so daß seine Besitzerin ihm nachlaufen und ihn unter harten
Worten der Mißbilligung seiner Pflicht wieder zuführen mußte …
In der Breiten Straße herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder,
die Ränzel auf dem Rücken, kamen daher, erfüllten die Luft mit Lachen und
Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge
Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dänischen Schiffermützen oder
elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Händen,
gingen nicht ohne Würde vorüber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu
sein. Gesetzte, graubärtige und höchlichst verdiente Bürger stießen mit dem
Gesichtsausdruck unerschütterlich nationalliberaler Gesinnung ihre
Spazierstöcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der
Glasurziegelfassade des Rathauses hinüber, an dessen Portal die
Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden
Infanteristen schritten in ihren Mänteln, das Gewehr auf der Schulter, die
ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltblütig durch die kotige und
halbflüssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in der
Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen nach
beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit emporgeklapptem
Paletotkragen und beide Hände in den Taschen, ein Offizier sich näherte,
der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte und sich gleichzeitig von
den jungen Damen aus großem Hause bewundern ließ, stellte sich jeder vor
sein Schilderhaus, besah sich selbst von oben bis unten und präsentierte …
Es hatte noch gute Weile, bis sie den Senatoren beim Herauskommen zu
Man konnte sicher sein, etwas Frisches zu erhandeln, denn die Fische lebten
fast alle noch, die fetten, muskulösen Fische … Einige hatten es gut. Sie
schwammen, in einiger Enge zwar, aber doch guten Mutes, in
Wassereimern umher und hatten nichts auszustehen. Andere aber lagen mit
fürchterlich glotzenden Augen und arbeitenden Kiemen, zählebig und
qualvoll auf ihrem Brett und schlugen hart und verzweifelt mit dem
Schwanze, bis man sie endlich packte und ein spitzes, blutiges Messer
ihnen mit Knirschen die Kehle zerschnitt. Lange und dicke Aale wanden
und schlängelten sich zu abenteuerlichen Figuren. In tiefen Bütten
wimmelte es schwärzlich von Ostseekrabben. Manchmal zog ein starker
Butt sich krampfhaft zusammen und schnellte sich in seiner tollen Angst
weit vom Brette fort auf das schlüpfrige, von Abfällen verunreinigte
Pflaster, so daß seine Besitzerin ihm nachlaufen und ihn unter harten
Worten der Mißbilligung seiner Pflicht wieder zuführen mußte …
In der Breiten Straße herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder,
die Ränzel auf dem Rücken, kamen daher, erfüllten die Luft mit Lachen und
Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge
Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dänischen Schiffermützen oder
elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Händen,
gingen nicht ohne Würde vorüber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu
sein. Gesetzte, graubärtige und höchlichst verdiente Bürger stießen mit dem
Gesichtsausdruck unerschütterlich nationalliberaler Gesinnung ihre
Spazierstöcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der
Glasurziegelfassade des Rathauses hinüber, an dessen Portal die
Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden
Infanteristen schritten in ihren Mänteln, das Gewehr auf der Schulter, die
ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltblütig durch die kotige und
halbflüssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in der
Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen nach
beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit emporgeklapptem
Paletotkragen und beide Hände in den Taschen, ein Offizier sich näherte,
der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte und sich gleichzeitig von
den jungen Damen aus großem Hause bewundern ließ, stellte sich jeder vor
sein Schilderhaus, besah sich selbst von oben bis unten und präsentierte …
Es hatte noch gute Weile, bis sie den Senatoren beim Herauskommen zu
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salutieren haben würden. Die Sitzung dauerte erst drei Viertelstunden. Sie
würden wohl vorher noch abgelöst werden …
Da aber, plötzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes,
diskretes Zischen im Innern des Gebäudes, und im selben Augenblick
leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf, welcher
mit Dreispitz und Galanteriedegen, in äußerster Geschäftigkeit zum
Vorschein kam, ein leises »Achtung!« hervorstieß und sich eilfertig wieder
zurückzog, während drinnen auf den hallenden Fliesen schon nahende
Schritte sich hören ließen …
Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Absätze zusammen,
steiften das Genick, blähten die Brust, setzten das Gewehr bei Fuß und
präsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen.
Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelüftetem
Zylinder, ein kaum mittelgroßer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein
wenig emporgezogen hielt, und dessen weißliche Wangen von den lang
ausgezogenen Schnurrbartspitzen überragt wurden. Senator Thomas
Buddenbrook verließ heute lange vor Schluß der Sitzung das Rathaus.
Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein.
Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hüpfenden
Schritte, der ihm eigen war, die Breite Straße entlang, indem er beständig
nach allen Seiten zu grüßen hatte. Er trug weiße Glacéhandschuhe und hielt
seinen Stock mit silberner Krücke unter dem linken Arm. Hinter den dicken
Revers seines Pelzes sah man die weiße Frackkrawatte. Aber sein sorgfältig
hergerichteter Kopf sah übernächtig aus. Verschiedene Leute bemerkten im
Vorübergehen, daß ihm plötzlich die Tränen in die geröteten Augen stiegen,
und daß er die Lippen auf eine ganz sonderbare, behutsame und verzerrte
Weise geschlossen hielt. Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein
Mund sich mit Flüssigkeit gefüllt; und dann konnte man an den
Bewegungen der Muskeln an Wangen und Schläfen beobachten, daß er die
Kiefer zusammenbiß.
»Was nun, Buddenbrook, du schwänzst die Sitzung? Das ist mal was
Neues!« sagte am Anfang der Mühlenstraße jemand zu ihm, den er nicht
hatte kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der plötzlich vor ihm
stand, sein Freund und Bewunderer, der sich in öffentlichen Fragen jede
würden wohl vorher noch abgelöst werden …
Da aber, plötzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes,
diskretes Zischen im Innern des Gebäudes, und im selben Augenblick
leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf, welcher
mit Dreispitz und Galanteriedegen, in äußerster Geschäftigkeit zum
Vorschein kam, ein leises »Achtung!« hervorstieß und sich eilfertig wieder
zurückzog, während drinnen auf den hallenden Fliesen schon nahende
Schritte sich hören ließen …
Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Absätze zusammen,
steiften das Genick, blähten die Brust, setzten das Gewehr bei Fuß und
präsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen.
Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelüftetem
Zylinder, ein kaum mittelgroßer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein
wenig emporgezogen hielt, und dessen weißliche Wangen von den lang
ausgezogenen Schnurrbartspitzen überragt wurden. Senator Thomas
Buddenbrook verließ heute lange vor Schluß der Sitzung das Rathaus.
Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein.
Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hüpfenden
Schritte, der ihm eigen war, die Breite Straße entlang, indem er beständig
nach allen Seiten zu grüßen hatte. Er trug weiße Glacéhandschuhe und hielt
seinen Stock mit silberner Krücke unter dem linken Arm. Hinter den dicken
Revers seines Pelzes sah man die weiße Frackkrawatte. Aber sein sorgfältig
hergerichteter Kopf sah übernächtig aus. Verschiedene Leute bemerkten im
Vorübergehen, daß ihm plötzlich die Tränen in die geröteten Augen stiegen,
und daß er die Lippen auf eine ganz sonderbare, behutsame und verzerrte
Weise geschlossen hielt. Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein
Mund sich mit Flüssigkeit gefüllt; und dann konnte man an den
Bewegungen der Muskeln an Wangen und Schläfen beobachten, daß er die
Kiefer zusammenbiß.
»Was nun, Buddenbrook, du schwänzst die Sitzung? Das ist mal was
Neues!« sagte am Anfang der Mühlenstraße jemand zu ihm, den er nicht
hatte kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der plötzlich vor ihm
stand, sein Freund und Bewunderer, der sich in öffentlichen Fragen jede
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seiner Meinungen zu eigen machte. Er besaß einen rundgeschnittenen,
ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse
Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stück Geld
verdient, von dem Weingeschäft zurückgezogen, das nun sein Bruder
Eduard auf eigene Hand weiterführte. Seitdem lebte er als Privatier; da er
sich dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig,
als habe er unüberwindlich viel zu tun. »Ich reibe mich auf!« sagte er und
strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere gewellten
Scheitel. »Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich
aufzureiben?« Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse,
ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von
gleichgültigen Ämtern. Kürzlich hatte er sich zum Direktor der Städtischen
Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener, als Makler, als
Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schweiß von der Stirn …
»Es ist doch Sitzung, Buddenbrook«, wiederholte er, »und du gehst
spazieren?«
»Ach, du bist es«, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich
bewegenden Lippen … »Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe
wahnsinnige Schmerzen.«
»Schmerzen? Wo?«
»Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge
zugetan … Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im
Geschäft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versäumen wollte. Nun
konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht …«
»Wo sitzt es denn?«
»Hier unten links … Ein Backenzahn … Er ist natürlich hohl … Es ist
unerträglich … Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, daß ich Eile habe …«
»Ja, meinst du, daß ich k e i n e habe? Fürchterlich viel zu tun … Adieu!
Gute Besserung übrigens! Laß ihn ausziehen! Immer gleich raus damit, das
ist das beste …«
Thomas Buddenbrook ging weiter und biß die Kiefer zusammen,
obgleich dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender
ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse
Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stück Geld
verdient, von dem Weingeschäft zurückgezogen, das nun sein Bruder
Eduard auf eigene Hand weiterführte. Seitdem lebte er als Privatier; da er
sich dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig,
als habe er unüberwindlich viel zu tun. »Ich reibe mich auf!« sagte er und
strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere gewellten
Scheitel. »Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich
aufzureiben?« Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse,
ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von
gleichgültigen Ämtern. Kürzlich hatte er sich zum Direktor der Städtischen
Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener, als Makler, als
Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schweiß von der Stirn …
»Es ist doch Sitzung, Buddenbrook«, wiederholte er, »und du gehst
spazieren?«
»Ach, du bist es«, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich
bewegenden Lippen … »Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe
wahnsinnige Schmerzen.«
»Schmerzen? Wo?«
»Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge
zugetan … Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im
Geschäft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versäumen wollte. Nun
konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht …«
»Wo sitzt es denn?«
»Hier unten links … Ein Backenzahn … Er ist natürlich hohl … Es ist
unerträglich … Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, daß ich Eile habe …«
»Ja, meinst du, daß ich k e i n e habe? Fürchterlich viel zu tun … Adieu!
Gute Besserung übrigens! Laß ihn ausziehen! Immer gleich raus damit, das
ist das beste …«
Thomas Buddenbrook ging weiter und biß die Kiefer zusammen,
obgleich dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender
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und bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken
Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt hatte.
Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte, daß
ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen schossen. Die
schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich angegriffen. Er hatte sich
eben beim Sprechen zusammennehmen müssen, damit seine Stimme sich
nicht breche.
In der Mühlenstraße betrat er ein mit gelbbrauner Ölfarbe gestrichenes
Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tür auf einem
Messingschild »Zahnarzt Brecht« zu lesen war. Er sah das Dienstmädchen
nicht, das ihm öffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und
Blumenkohl. Dann plötzlich atmete er die scharfriechende Luft des
Wartezimmers, in das man ihn nötigte. »Nehmen Sie Platz … einen
Momang!« schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im
Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer saß und ihm mit
kleinen, giftigen Augen schief und tückisch entgegenstarrte.
Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in
einem Band »Fliegender Blätter« auf sich wirken zu lassen, schlug dann
aber das Buch mit Ekel zu, drückte das kühle Silber seiner Stockkrücke
gegen die Wange, schloß seine brennenden Augen und stöhnte. Rings war
alles still, und nur Josephus biß mit Knacken und Knirschen in das ihn
umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er
unbeschäftigt war, eine Weile warten zu lassen.
Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen
aus einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform
roch und schmeckte. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief mit
gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei,
möge Herr Brecht die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe
Schmerzen.
Gleich darauf erschien der graumelierte Schnurrbart, die Hakennase und
die kahle Stirn des Zahnarztes in der Tür zum Operationszimmer. »Bitte«,
sagte er. »Bitte!« schrie auch Josephus. Der Senator folgte der Einladung
ohne zu lachen. Ein schwerer Fall! dachte Herr Brecht und verfärbte sich …
Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt hatte.
Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte, daß
ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen schossen. Die
schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich angegriffen. Er hatte sich
eben beim Sprechen zusammennehmen müssen, damit seine Stimme sich
nicht breche.
In der Mühlenstraße betrat er ein mit gelbbrauner Ölfarbe gestrichenes
Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tür auf einem
Messingschild »Zahnarzt Brecht« zu lesen war. Er sah das Dienstmädchen
nicht, das ihm öffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und
Blumenkohl. Dann plötzlich atmete er die scharfriechende Luft des
Wartezimmers, in das man ihn nötigte. »Nehmen Sie Platz … einen
Momang!« schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im
Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer saß und ihm mit
kleinen, giftigen Augen schief und tückisch entgegenstarrte.
Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in
einem Band »Fliegender Blätter« auf sich wirken zu lassen, schlug dann
aber das Buch mit Ekel zu, drückte das kühle Silber seiner Stockkrücke
gegen die Wange, schloß seine brennenden Augen und stöhnte. Rings war
alles still, und nur Josephus biß mit Knacken und Knirschen in das ihn
umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er
unbeschäftigt war, eine Weile warten zu lassen.
Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen
aus einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform
roch und schmeckte. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief mit
gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei,
möge Herr Brecht die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe
Schmerzen.
Gleich darauf erschien der graumelierte Schnurrbart, die Hakennase und
die kahle Stirn des Zahnarztes in der Tür zum Operationszimmer. »Bitte«,
sagte er. »Bitte!« schrie auch Josephus. Der Senator folgte der Einladung
ohne zu lachen. Ein schwerer Fall! dachte Herr Brecht und verfärbte sich …
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Sie gingen beide rasch durch das helle Zimmer zu dem großen,
verstellbaren Stuhl mit Kopfpolster und grünplüschenen Armlehnen, der vor
einem der beiden Fenster stand. Während er sich niederließ, erklärte
Thomas Buddenbrook kurz, um was es sich handele, legte den Kopf zurück
und schloß die Augen.
Herr Brecht schrob ein wenig an dem Stuhle und machte sich dann mit
einem Spiegelchen und einem Stahlstäbchen an dem Zahne zu schaffen.
Seine Hand roch nach Mandelseife, sein Atem nach Beefsteak und
Blumenkohl.
»Wir müssen zur Extraktion schreiten«, sagte er nach einer Weile und
erblich noch mehr.
»Schreiten Sie nur«, sagte der Senator und schloß die Lider noch fester.
Nun trat eine Pause ein. Herr Brecht präparierte an einem Schranke
irgend etwas und suchte Instrumente hervor. Dann näherte er sich dem
Patienten aufs neue.
»Ich werde ein bißchen pinseln«, sagte er. Und sogleich begann er,
diesen Entschluß zur Tat zu machen, indem er das Zahnfleisch ausgiebig
mit einer scharf riechenden Flüssigkeit bestrich. Hierauf bat er leise und
herzlich, stille zu halten und den Mund sehr weit zu öffnen, und begann
sein Werk.
Thomas Buddenbrook hielt mit beiden Händen die Sammetarmpolster
fest erfaßt. Er empfand kaum das Ansetzen und Zugreifen der Zange,
bemerkte dann aber an dem Knirschen in seinem Munde sowie an dem
wachsenden, immer schmerzhafter und wütender werdenden Druck, dem
sein ganzer Kopf ausgesetzt war, daß alles auf dem besten Wege sei. Gott
befohlen! dachte er. Nun muß es seinen Gang gehen. Dies wächst und
wächst bis ins Maßlose und Unerträgliche, bis zur eigentlichen Katastrophe,
bis zu einem wahnsinnigen, kreischenden, unmenschlichen Schmerz, der
das ganze Gehirn zerreißt … Dann ist es überstanden; ich muß es nun
abwarten.
Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende
Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Körper mit, er
wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hörte ein leise
verstellbaren Stuhl mit Kopfpolster und grünplüschenen Armlehnen, der vor
einem der beiden Fenster stand. Während er sich niederließ, erklärte
Thomas Buddenbrook kurz, um was es sich handele, legte den Kopf zurück
und schloß die Augen.
Herr Brecht schrob ein wenig an dem Stuhle und machte sich dann mit
einem Spiegelchen und einem Stahlstäbchen an dem Zahne zu schaffen.
Seine Hand roch nach Mandelseife, sein Atem nach Beefsteak und
Blumenkohl.
»Wir müssen zur Extraktion schreiten«, sagte er nach einer Weile und
erblich noch mehr.
»Schreiten Sie nur«, sagte der Senator und schloß die Lider noch fester.
Nun trat eine Pause ein. Herr Brecht präparierte an einem Schranke
irgend etwas und suchte Instrumente hervor. Dann näherte er sich dem
Patienten aufs neue.
»Ich werde ein bißchen pinseln«, sagte er. Und sogleich begann er,
diesen Entschluß zur Tat zu machen, indem er das Zahnfleisch ausgiebig
mit einer scharf riechenden Flüssigkeit bestrich. Hierauf bat er leise und
herzlich, stille zu halten und den Mund sehr weit zu öffnen, und begann
sein Werk.
Thomas Buddenbrook hielt mit beiden Händen die Sammetarmpolster
fest erfaßt. Er empfand kaum das Ansetzen und Zugreifen der Zange,
bemerkte dann aber an dem Knirschen in seinem Munde sowie an dem
wachsenden, immer schmerzhafter und wütender werdenden Druck, dem
sein ganzer Kopf ausgesetzt war, daß alles auf dem besten Wege sei. Gott
befohlen! dachte er. Nun muß es seinen Gang gehen. Dies wächst und
wächst bis ins Maßlose und Unerträgliche, bis zur eigentlichen Katastrophe,
bis zu einem wahnsinnigen, kreischenden, unmenschlichen Schmerz, der
das ganze Gehirn zerreißt … Dann ist es überstanden; ich muß es nun
abwarten.
Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende
Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Körper mit, er
wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hörte ein leise
Page 636
piependes Geräusch in der Kehle des Zahnarztes … Plötzlich gab es einen
furchtbaren Stoß, eine Erschütterung, als würde ihm das Genick gebrochen,
begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er öffnete hastig die
Augen … Der Druck war fort, aber sein Kopf dröhnte, der Schmerz tobte
heiß in dem entzündeten und mißhandelten Kiefer, und er fühlte deutlich,
daß dies nicht das Bezweckte, nicht die wahre Lösung der Frage, sondern
eine verfrühte Katastrophe sei, die die Sachlage nur verschlimmerte … Herr
Brecht war zurückgetreten. Er lehnte am Instrumentenschrank, sah aus wie
der Tod und sagte: »Die Krone … Ich dachte mir's.«
Thomas Buddenbrook spie ein wenig Blut in die blaue Schale zu seiner
Seite, denn das Zahnfleisch war verletzt. Dann fragte er halb bewußtlos:
»Was dachten Sie sich? Was ist mit der Krone?«
»Die Krone ist abgebrochen, Herr Senator … Ich fürchtete es … Der
Zahn ist außerordentlich defekt … Aber es war meine Pflicht, das
Experiment zu wagen …«
»Was nun?«
»Überlassen Sie alles mir, Herr Senator …«
»Was muß geschehen?«
»Die Wurzeln müssen entfernt werden. Vermittels des Hebels … Es sind
vier an der Zahl …«
»Vier? Also ist viermaliges Ansetzen und Ziehen nötig?«
»Leider.«
»Nun, für heute ist es genug!« sagte der Senator und wollte sich rasch
erheben, blieb aber trotzdem sitzen und legte den Kopf zurück.
»Lieber Herr, Sie dürfen nur Menschliches verlangen«, sagte er. »Ich
stehe nicht auf den festesten Füßen … Für diesmal bin ich jedenfalls fertig
… Wollen Sie die Güte haben, das Fenster da einen Augenblick zu öffnen.«
Dies tat Herr Brecht und dann erwiderte er: »Es wäre mir vollkommen
lieb, Herr Senator, wenn Sie morgen oder übermorgen zu einer beliebigen
Stunde wieder vorsprechen möchten und wir die Operation bis dahin
furchtbaren Stoß, eine Erschütterung, als würde ihm das Genick gebrochen,
begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er öffnete hastig die
Augen … Der Druck war fort, aber sein Kopf dröhnte, der Schmerz tobte
heiß in dem entzündeten und mißhandelten Kiefer, und er fühlte deutlich,
daß dies nicht das Bezweckte, nicht die wahre Lösung der Frage, sondern
eine verfrühte Katastrophe sei, die die Sachlage nur verschlimmerte … Herr
Brecht war zurückgetreten. Er lehnte am Instrumentenschrank, sah aus wie
der Tod und sagte: »Die Krone … Ich dachte mir's.«
Thomas Buddenbrook spie ein wenig Blut in die blaue Schale zu seiner
Seite, denn das Zahnfleisch war verletzt. Dann fragte er halb bewußtlos:
»Was dachten Sie sich? Was ist mit der Krone?«
»Die Krone ist abgebrochen, Herr Senator … Ich fürchtete es … Der
Zahn ist außerordentlich defekt … Aber es war meine Pflicht, das
Experiment zu wagen …«
»Was nun?«
»Überlassen Sie alles mir, Herr Senator …«
»Was muß geschehen?«
»Die Wurzeln müssen entfernt werden. Vermittels des Hebels … Es sind
vier an der Zahl …«
»Vier? Also ist viermaliges Ansetzen und Ziehen nötig?«
»Leider.«
»Nun, für heute ist es genug!« sagte der Senator und wollte sich rasch
erheben, blieb aber trotzdem sitzen und legte den Kopf zurück.
»Lieber Herr, Sie dürfen nur Menschliches verlangen«, sagte er. »Ich
stehe nicht auf den festesten Füßen … Für diesmal bin ich jedenfalls fertig
… Wollen Sie die Güte haben, das Fenster da einen Augenblick zu öffnen.«
Dies tat Herr Brecht und dann erwiderte er: »Es wäre mir vollkommen
lieb, Herr Senator, wenn Sie morgen oder übermorgen zu einer beliebigen
Stunde wieder vorsprechen möchten und wir die Operation bis dahin
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verschöben. Ich muß gestehen, ich selbst … Ich werde mir jetzt erlauben,
noch eine Spülung und eine Pinselung vorzunehmen, um den Schmerz
vorläufig zu lindern …«
Er nahm die Spülung und die Pinselung vor, und dann ging der Senator,
begleitet von dem bedauernden Achselzucken, an das der schneebleiche
Herr Brecht seine letzten Kräfte verausgabte.
»Einen Momang … bitte!« schrie Josephus, als sie das Wartezimmer
passierten, und er schrie es noch, als Thomas Buddenbrook schon die
Treppe hinunterstieg.
Vermittels des Hebels … ja, ja, das war morgen. Was nun? Nach Hause
und ruhen, zu schlafen versuchen. Der eigentliche Nervenschmerz schien
betäubt; es war nur ein dunkles, schweres Brennen in seinem Munde. Nach
Hause also … Und er ging langsam durch die Straßen, mechanisch Grüße
erwidernd, die ihm dargebracht wurden, mit sinnenden und ungewissen
Augen, als dächte er darüber nach, wie ihm eigentlich zumute sei.
Er gelangte zur Fischergrube und begann das linke Trottoir
hinunterzugehen. Nach zwanzig Schritten befiel ihn eine Übelkeit. Ich
werde dort drüben in die Schänke treten und einen Kognak trinken müssen,
dachte er, und beschritt den Fahrdamm. Als er etwa die Mitte desselben
erreicht hatte, geschah ihm folgendes. Es war genau, als würde sein Gehirn
ergriffen und von einer unwiderstehlichen Kraft mit wachsender,
fürchterlich wachsender Geschwindigkeit in großen, kleineren und immer
kleineren konzentrischen Kreisen herumgeschwungen und schließlich mit
einer unmäßigen, brutalen und erbarmungslosen Wucht gegen den
steinharten Mittelpunkt dieser Kreise geschmettert … Er vollführte eine
halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornüber auf das
nasse Pflaster.
Da die Straße stark abfiel, befand sich sein Oberkörper ziemlich viel
tiefer als seine Füße. Er war aufs Gesicht gefallen, unter dem sofort eine
Blutlache sich auszubreiten begann. Sein Hut rollte ein Stück des
Fahrdammes hinunter. Sein Pelz war mit Kot und Schneewasser bespritzt.
Seine Hände, in den weißen Glacéhandschuhen, lagen ausgestreckt in einer
Pfütze.
noch eine Spülung und eine Pinselung vorzunehmen, um den Schmerz
vorläufig zu lindern …«
Er nahm die Spülung und die Pinselung vor, und dann ging der Senator,
begleitet von dem bedauernden Achselzucken, an das der schneebleiche
Herr Brecht seine letzten Kräfte verausgabte.
»Einen Momang … bitte!« schrie Josephus, als sie das Wartezimmer
passierten, und er schrie es noch, als Thomas Buddenbrook schon die
Treppe hinunterstieg.
Vermittels des Hebels … ja, ja, das war morgen. Was nun? Nach Hause
und ruhen, zu schlafen versuchen. Der eigentliche Nervenschmerz schien
betäubt; es war nur ein dunkles, schweres Brennen in seinem Munde. Nach
Hause also … Und er ging langsam durch die Straßen, mechanisch Grüße
erwidernd, die ihm dargebracht wurden, mit sinnenden und ungewissen
Augen, als dächte er darüber nach, wie ihm eigentlich zumute sei.
Er gelangte zur Fischergrube und begann das linke Trottoir
hinunterzugehen. Nach zwanzig Schritten befiel ihn eine Übelkeit. Ich
werde dort drüben in die Schänke treten und einen Kognak trinken müssen,
dachte er, und beschritt den Fahrdamm. Als er etwa die Mitte desselben
erreicht hatte, geschah ihm folgendes. Es war genau, als würde sein Gehirn
ergriffen und von einer unwiderstehlichen Kraft mit wachsender,
fürchterlich wachsender Geschwindigkeit in großen, kleineren und immer
kleineren konzentrischen Kreisen herumgeschwungen und schließlich mit
einer unmäßigen, brutalen und erbarmungslosen Wucht gegen den
steinharten Mittelpunkt dieser Kreise geschmettert … Er vollführte eine
halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornüber auf das
nasse Pflaster.
Da die Straße stark abfiel, befand sich sein Oberkörper ziemlich viel
tiefer als seine Füße. Er war aufs Gesicht gefallen, unter dem sofort eine
Blutlache sich auszubreiten begann. Sein Hut rollte ein Stück des
Fahrdammes hinunter. Sein Pelz war mit Kot und Schneewasser bespritzt.
Seine Hände, in den weißen Glacéhandschuhen, lagen ausgestreckt in einer
Pfütze.
Page 638
So lag er und so blieb er liegen, bis ein paar Leute herangekommen
waren und ihn umwandten.
waren und ihn umwandten.
Page 639
Achtes Kapitel
Frau Permaneder kam die Haupttreppe herauf, indem sie vorn mit der
Hand ihr Kleid emporraffte und mit der anderen die große, braune Muff
gegen ihre Wange drückte. Sie stürzte und stolperte mehr als daß sie ging,
ihr Kapotthut war unordentlich aufgesetzt, ihre Wangen waren hitzig, und
auf ihrer ein wenig vorgeschobenen Oberlippe standen kleine
Schweißtropfen. Obgleich ihr niemand begegnete, sprach sie unaufhörlich
im Vorwärtshasten, und aus ihrem Flüstern löste sich dann und wann mit
plötzlichem Vorstoße ein Wort los, dem die Angst lauten Ton verlieh … »Es
ist nichts …« sagte sie. »Es hat gar nichts zu bedeuten … Der liebe Gott
wird das nicht wollen … Er weiß, was er tut; d e n Glauben bewahre ich mir
… Es hat ganz sicherlich nichts zu sagen … Ach, du Herr, tagtäglich will
ich beten …« Sie plapperte einfach Unsinn vor Angst, stürzte die Treppe
zur zweiten Etage hinauf und über den Korridor …
Die Tür zum Vorzimmer stand offen, und dort kam ihre Schwägerin ihr
entgegen.
Gerda Buddenbrooks schönes, weißes Gesicht war in Grauen und Ekel
ganz und gar verzogen, und ihre nahe beieinanderliegenden, braunen, von
bläulichen Schatten umlagerten Augen blickten blinzelnd, zornig, verstört
und angewidert. Als sie Frau Permaneder erkannte, winkte sie ihr rasch mit
ausgestrecktem Arme und umarmte sie, indem sie den Kopf an ihrer
Schulter verbarg.
»Gerda, Gerda, was ist!« rief Frau Permaneder. »Was ist geschehen!…
Was bedeutet dies!… Gestürzt, sagen sie? Bewußtlos?… Wie ist es mit
ihm?… Der liebe Gott wird das Schlimmste nicht wollen … Sage mir doch
um aller Barmherzigkeit willen …«
Aber sie erhielt nicht sogleich eine Antwort, sondern fühlte nur, wie
Gerdas ganze Gestalt sich in einem Schauer dehnte. Und dann vernahm sie
an ihrer Schulter ein Flüstern …
Frau Permaneder kam die Haupttreppe herauf, indem sie vorn mit der
Hand ihr Kleid emporraffte und mit der anderen die große, braune Muff
gegen ihre Wange drückte. Sie stürzte und stolperte mehr als daß sie ging,
ihr Kapotthut war unordentlich aufgesetzt, ihre Wangen waren hitzig, und
auf ihrer ein wenig vorgeschobenen Oberlippe standen kleine
Schweißtropfen. Obgleich ihr niemand begegnete, sprach sie unaufhörlich
im Vorwärtshasten, und aus ihrem Flüstern löste sich dann und wann mit
plötzlichem Vorstoße ein Wort los, dem die Angst lauten Ton verlieh … »Es
ist nichts …« sagte sie. »Es hat gar nichts zu bedeuten … Der liebe Gott
wird das nicht wollen … Er weiß, was er tut; d e n Glauben bewahre ich mir
… Es hat ganz sicherlich nichts zu sagen … Ach, du Herr, tagtäglich will
ich beten …« Sie plapperte einfach Unsinn vor Angst, stürzte die Treppe
zur zweiten Etage hinauf und über den Korridor …
Die Tür zum Vorzimmer stand offen, und dort kam ihre Schwägerin ihr
entgegen.
Gerda Buddenbrooks schönes, weißes Gesicht war in Grauen und Ekel
ganz und gar verzogen, und ihre nahe beieinanderliegenden, braunen, von
bläulichen Schatten umlagerten Augen blickten blinzelnd, zornig, verstört
und angewidert. Als sie Frau Permaneder erkannte, winkte sie ihr rasch mit
ausgestrecktem Arme und umarmte sie, indem sie den Kopf an ihrer
Schulter verbarg.
»Gerda, Gerda, was ist!« rief Frau Permaneder. »Was ist geschehen!…
Was bedeutet dies!… Gestürzt, sagen sie? Bewußtlos?… Wie ist es mit
ihm?… Der liebe Gott wird das Schlimmste nicht wollen … Sage mir doch
um aller Barmherzigkeit willen …«
Aber sie erhielt nicht sogleich eine Antwort, sondern fühlte nur, wie
Gerdas ganze Gestalt sich in einem Schauer dehnte. Und dann vernahm sie
an ihrer Schulter ein Flüstern …
Page 640
»Wie er aussah«, verstand sie, »als sie ihn brachten! Sein ganzes Leben
lang hat man nicht ein Staubfäserchen an ihm sehen dürfen … Es ist ein
Hohn und eine Niedertracht, daß das Letzte s o kommen muß …!«
Gedämpftes Geräusch drang zu ihnen. Die Tür zum Ankleidekabinett
hatte sich geöffnet, und Ida Jungmann stand in ihrem Rahmen, in weißer
Schürze, eine Schüssel in den Händen. Ihre Augen waren gerötet. Sie
erblickte Frau Permaneder und trat mit gesenktem Kopfe zurück, um den
Weg freizugeben. Ihr Kinn zitterte in Falten.
Die hohen, geblümten Fenstervorhänge bewegten sich im Luftzuge, als
Tony, gefolgt von ihrer Schwägerin, ins Schlafzimmer trat. Der Geruch von
Karbol, Äther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen. In dem
breiten Mahagonibett, unter der roten Steppdecke lag Thomas Buddenbrook
ausgekleidet und im gestickten Nachthemd auf dem Rücken. Seine halb
offenen Augen waren gebrochen und verdreht, unter dem zerzausten
Schnurrbart bewegten seine Lippen sich lallend, und gurgelnde Laute
drangen dann und wann aus seiner Kehle. Der junge Doktor Langhals
beugte sich über ihn, nahm einen blutigen Verband von seinem Gesicht und
tauchte einen neuen in ein Schälchen, das auf dem Nachttische stand. Dann
horchte er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls … Auf dem
Wäschepuff, zu Füßen des Bettes, saß der kleine Johann, drehte an seinem
Schifferknoten und horchte mit grüblerischem Gesichtsausdruck hinter sich
auf die Laute, die sein Vater ausstieß. Die besudelten Kleidungsstücke
hingen irgendwo über einem Stuhle.
Frau Permaneder kauerte sich zur Seite des Bettes nieder, ergriff die
Hand ihres Bruders, die kalt und schwer war, und starrte in sein Gesicht …
Sie begann zu begreifen, daß, wußte der liebe Gott nun, was er tat, oder
nicht, er jedenfalls dennoch »das Schlimmste« wollte.
»Tom!« jammerte sie. »Erkennst du mich nicht? Wie ist dir? Willst du
von uns gehen? Du willst doch nicht von uns gehen?! Ach, es d a r f nicht
sein …!«
Nichts erfolgte, was einer Antwort ähnlich gewesen wäre. Sie blickte
hilfesuchend zu Doktor Langhals auf. Er stand da, hielt seine schönen
Augen gesenkt und drückte in seiner Miene, nicht ohne einige
Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes aus …
lang hat man nicht ein Staubfäserchen an ihm sehen dürfen … Es ist ein
Hohn und eine Niedertracht, daß das Letzte s o kommen muß …!«
Gedämpftes Geräusch drang zu ihnen. Die Tür zum Ankleidekabinett
hatte sich geöffnet, und Ida Jungmann stand in ihrem Rahmen, in weißer
Schürze, eine Schüssel in den Händen. Ihre Augen waren gerötet. Sie
erblickte Frau Permaneder und trat mit gesenktem Kopfe zurück, um den
Weg freizugeben. Ihr Kinn zitterte in Falten.
Die hohen, geblümten Fenstervorhänge bewegten sich im Luftzuge, als
Tony, gefolgt von ihrer Schwägerin, ins Schlafzimmer trat. Der Geruch von
Karbol, Äther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen. In dem
breiten Mahagonibett, unter der roten Steppdecke lag Thomas Buddenbrook
ausgekleidet und im gestickten Nachthemd auf dem Rücken. Seine halb
offenen Augen waren gebrochen und verdreht, unter dem zerzausten
Schnurrbart bewegten seine Lippen sich lallend, und gurgelnde Laute
drangen dann und wann aus seiner Kehle. Der junge Doktor Langhals
beugte sich über ihn, nahm einen blutigen Verband von seinem Gesicht und
tauchte einen neuen in ein Schälchen, das auf dem Nachttische stand. Dann
horchte er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls … Auf dem
Wäschepuff, zu Füßen des Bettes, saß der kleine Johann, drehte an seinem
Schifferknoten und horchte mit grüblerischem Gesichtsausdruck hinter sich
auf die Laute, die sein Vater ausstieß. Die besudelten Kleidungsstücke
hingen irgendwo über einem Stuhle.
Frau Permaneder kauerte sich zur Seite des Bettes nieder, ergriff die
Hand ihres Bruders, die kalt und schwer war, und starrte in sein Gesicht …
Sie begann zu begreifen, daß, wußte der liebe Gott nun, was er tat, oder
nicht, er jedenfalls dennoch »das Schlimmste« wollte.
»Tom!« jammerte sie. »Erkennst du mich nicht? Wie ist dir? Willst du
von uns gehen? Du willst doch nicht von uns gehen?! Ach, es d a r f nicht
sein …!«
Nichts erfolgte, was einer Antwort ähnlich gewesen wäre. Sie blickte
hilfesuchend zu Doktor Langhals auf. Er stand da, hielt seine schönen
Augen gesenkt und drückte in seiner Miene, nicht ohne einige
Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes aus …
Page 641
Ida Jungmann kam wieder herein, um zu helfen, wo es zu helfen gab.
Der alte Doktor Grabow erschien persönlich, drückte mit langem und
mildem Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken
und tat genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte … Die Kunde
hatte sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet. Beständig schellte
es drunten am Windfang, und Fragen nach dem Befinden des Senators
drangen ins Schlafzimmer. Es war unverändert, unverändert … jeder bekam
die gleiche Antwort.
Die beiden Ärzte hielten dafür, daß auf jeden Fall für die Nacht eine
barmherzige Schwester herbeigeschafft werden müsse. Es wurde nach
Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von
Überraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte
auch diesmal still ihr Ledertäschchen, ihre Haube und ihren Umhang
beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre Arbeit.
Der kleine Johann saß Stunde für Stunde auf seinem Puff, sah alles an
und horchte auf die gurgelnden Laute. Er hätte sich eigentlich zum
Privatunterricht im Rechnen begeben müssen, aber er begriff, daß dies
Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnröcke verstummen mußten.
Auch seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott …
Manchmal, wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich preßte,
vergoß er Tränen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem
abgestoßenen und grüblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmäßig
und vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so
seltsam vertrauten Duft …
Gegen vier Uhr faßte Frau Permaneder einen Entschluß. Sie veranlaßte
den Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschränkte die
Arme und legte den Kopf zurück, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn
auf die Brust zu drücken.
»Herr Doktor«, sagte sie, »eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte
ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom
Leben gestählte Frau … Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen, glauben
Sie mir!… Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie offen!«
Und Doktor Langhals wandte seine schönen Augen ab, besah seine
Fingernägel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der
Der alte Doktor Grabow erschien persönlich, drückte mit langem und
mildem Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken
und tat genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte … Die Kunde
hatte sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet. Beständig schellte
es drunten am Windfang, und Fragen nach dem Befinden des Senators
drangen ins Schlafzimmer. Es war unverändert, unverändert … jeder bekam
die gleiche Antwort.
Die beiden Ärzte hielten dafür, daß auf jeden Fall für die Nacht eine
barmherzige Schwester herbeigeschafft werden müsse. Es wurde nach
Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von
Überraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte
auch diesmal still ihr Ledertäschchen, ihre Haube und ihren Umhang
beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre Arbeit.
Der kleine Johann saß Stunde für Stunde auf seinem Puff, sah alles an
und horchte auf die gurgelnden Laute. Er hätte sich eigentlich zum
Privatunterricht im Rechnen begeben müssen, aber er begriff, daß dies
Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnröcke verstummen mußten.
Auch seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott …
Manchmal, wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich preßte,
vergoß er Tränen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem
abgestoßenen und grüblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmäßig
und vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so
seltsam vertrauten Duft …
Gegen vier Uhr faßte Frau Permaneder einen Entschluß. Sie veranlaßte
den Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschränkte die
Arme und legte den Kopf zurück, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn
auf die Brust zu drücken.
»Herr Doktor«, sagte sie, »eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte
ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom
Leben gestählte Frau … Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen, glauben
Sie mir!… Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie offen!«
Und Doktor Langhals wandte seine schönen Augen ab, besah seine
Fingernägel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der
Page 642
Unmöglichkeit, die Frage zu entscheiden, ob Frau Permaneders Herr Bruder
die Nacht überleben werde oder in der nächsten Minute abberufen werden
würde …
»Dann weiß ich, was ich zu tun habe«, sagte sie, ging hinaus und
schickte zu Pastor Pringsheim.
In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er,
streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und ließ sich am Bette
auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu
erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber
fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in stilisiertem
Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in bald dunklen,
bald jäh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus und milde
Verklärung auf seinem Gesichte wechselten … Während er das R auf eine
eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der kleine
Johann die deutliche Vorstellung, daß er soeben Kaffee und Buttersemmeln
zu sich genommen haben müsse.
Er sagte, daß er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben
dieses Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, daß es des Herrn heiliger
Wille sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlösung
flehten sie noch … Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch
zwei in solchen Fällen übliche Gebete und erhob sich. Er drückte Gerda
Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen
Johann zwischen beide Hände und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor
Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grüßte Fräulein
Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und
hielt seinen Abgang.
Als Doktor Langhals zurückkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen
war, fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rücksprache mit der
Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch
einmal vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas
Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und
gurgelnde Laute auszustoßen. Die Dämmerung fiel ein. Draußen gab es ein
wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die
besudelten Kleidungsstücke, die irgendwo über einem Stuhle hingen.
die Nacht überleben werde oder in der nächsten Minute abberufen werden
würde …
»Dann weiß ich, was ich zu tun habe«, sagte sie, ging hinaus und
schickte zu Pastor Pringsheim.
In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er,
streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und ließ sich am Bette
auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu
erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber
fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in stilisiertem
Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in bald dunklen,
bald jäh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus und milde
Verklärung auf seinem Gesichte wechselten … Während er das R auf eine
eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der kleine
Johann die deutliche Vorstellung, daß er soeben Kaffee und Buttersemmeln
zu sich genommen haben müsse.
Er sagte, daß er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben
dieses Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, daß es des Herrn heiliger
Wille sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlösung
flehten sie noch … Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch
zwei in solchen Fällen übliche Gebete und erhob sich. Er drückte Gerda
Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen
Johann zwischen beide Hände und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor
Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grüßte Fräulein
Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und
hielt seinen Abgang.
Als Doktor Langhals zurückkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen
war, fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rücksprache mit der
Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch
einmal vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas
Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und
gurgelnde Laute auszustoßen. Die Dämmerung fiel ein. Draußen gab es ein
wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die
besudelten Kleidungsstücke, die irgendwo über einem Stuhle hingen.
Page 643
Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich zu einer Unbedachtsamkeit
hinreißen. Ihrer Schwägerin gegenüber am Bette sitzend, begann sie
plötzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit
gefalteten Händen, einen Gesang zu sprechen … »Mach' End', o Herr«,
sagte sie, und alles hörte ihr regungslos zu – »mach' Ende mit aller seiner
Not; stärk' seine Füß' und Hände und laß bis in den Tod …« Aber sie betete
so sehr aus Herzensgrund, daß sie sich immer nur mit dem Worte
beschäftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, daß sie die
Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse jämmerlich
stecken bleiben müsse. Das tat sie, brach mit erhobener Stimme ab und
ersetzte den Schluß durch die erhöhte Würde ihrer Haltung. Jedermann im
Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der kleine Johann
räusperte sich so schwer, daß es wie Ächzen klang. Und dann war in der
Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas Buddenbrooks zu
vernehmen.
Es war eine Erlösung, als das Folgmädchen meldete, nebenan sei etwas
Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig
Suppe zu genießen, erschien Schwester Leandra in der Tür und winkte
freundlich.
Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte
und hörte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Veränderung, die
mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen.
Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein
schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und
sprach nach gewissenhafter Prüfung: »Ja, es ist zu Ende.«
Und mit dem Ringfinger ihrer blassen, sanftmütigen Hand schloß
Schwester Leandra behutsam dem Toten die Augenlider.
Da warf sich Frau Permaneder an dem Bett in die Knie, drückte das
Gesicht in die Steppdecke und weinte laut, gab sich rückhaltlos und ohne
irgend etwas in sich zu dämpfen und zu unterdrücken, einem dieser
erfrischenden Gefühlsausbrüche hin, die ihrer glücklichen Natur zu Gebote
standen … Mit gänzlich nassem Gesicht, aber gestärkt, erleichtert und
vollkommen im seelischen Gleichgewicht, erhob sie sich und war sofort
imstande, der Todesanzeigen zu gedenken, die unverzüglich und in höchster
hinreißen. Ihrer Schwägerin gegenüber am Bette sitzend, begann sie
plötzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit
gefalteten Händen, einen Gesang zu sprechen … »Mach' End', o Herr«,
sagte sie, und alles hörte ihr regungslos zu – »mach' Ende mit aller seiner
Not; stärk' seine Füß' und Hände und laß bis in den Tod …« Aber sie betete
so sehr aus Herzensgrund, daß sie sich immer nur mit dem Worte
beschäftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, daß sie die
Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse jämmerlich
stecken bleiben müsse. Das tat sie, brach mit erhobener Stimme ab und
ersetzte den Schluß durch die erhöhte Würde ihrer Haltung. Jedermann im
Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der kleine Johann
räusperte sich so schwer, daß es wie Ächzen klang. Und dann war in der
Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas Buddenbrooks zu
vernehmen.
Es war eine Erlösung, als das Folgmädchen meldete, nebenan sei etwas
Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig
Suppe zu genießen, erschien Schwester Leandra in der Tür und winkte
freundlich.
Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte
und hörte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Veränderung, die
mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen.
Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein
schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und
sprach nach gewissenhafter Prüfung: »Ja, es ist zu Ende.«
Und mit dem Ringfinger ihrer blassen, sanftmütigen Hand schloß
Schwester Leandra behutsam dem Toten die Augenlider.
Da warf sich Frau Permaneder an dem Bett in die Knie, drückte das
Gesicht in die Steppdecke und weinte laut, gab sich rückhaltlos und ohne
irgend etwas in sich zu dämpfen und zu unterdrücken, einem dieser
erfrischenden Gefühlsausbrüche hin, die ihrer glücklichen Natur zu Gebote
standen … Mit gänzlich nassem Gesicht, aber gestärkt, erleichtert und
vollkommen im seelischen Gleichgewicht, erhob sie sich und war sofort
imstande, der Todesanzeigen zu gedenken, die unverzüglich und in höchster
Page 644
Eile hergestellt werden mußten, – ein ungeheurer Posten vornehm
gedruckter Todesanzeigen …
Christian betrat die Bildfläche. Es verhielt sich so mit ihm, daß er die
Nachricht von dem Sturz des Senators im Klub erhalten hatte und auch
sogleich aufgebrochen war. Aus Furcht jedoch vor irgendeinem gräßlichen
Anblick hatte er einen weiten Spaziergang vors Tor unternommen, so daß
niemand ihn hatte finden können. Nun stellte er sich dennoch ein und erfuhr
schon auf der Diele, daß sein Bruder verschieden sei.
»Ist doch wohl nicht möglich!« sagte er und ging lahmend und mit
wandernden Augen die Treppen hinauf.
Dann stand er, zwischen Schwester und Schwägerin, am Sterbebette. Er
stand dort, mit seinem kahlen Schädel, seinen eingefallenen Wangen,
seinem hängenden Schnurrbart und seiner ungeheuren, gehöckerten Nase,
auf krummen und mageren Beinen, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, und seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten in des
Bruders Gesicht, das so schweigsam, kalt, ablehnend und einwandfrei, so
sehr jedem menschlichen Urteil unzugänglich erschien … Thomas'
Mundwinkel waren mit beinahe verächtlichem Ausdruck nach unten
gezogen. Er, dem Christian vorgeworfen hatte, daß er bei seinem Tode nicht
weinen werde, er war seinerseits tot, er war ohne ein Wort zu sagen ganz
einfach gestorben, hatte sich vornehm und intakt ins Schweigen
zurückgezogen und überließ den andern mitleidlos der Beschämung, wie so
oft im Leben! Hatte er nun gut oder schnöde gehandelt, indem er den
Leiden Christians, seiner »Qual«, dem nickenden Manne, der
Spiritusflasche, dem offenen Fenster, stets nur kalte Verachtung
entgegengesetzt hatte? Diese Frage fiel dahin, sie war sinnlos geworden, da
der Tod in eigensinniger und unberechenbarer Parteilichkeit ihn, ihn
ausgezeichnet und gerechtfertigt, ihn angenommen und aufgenommen, ihn
ehrwürdig gemacht und ihm befehlshaberisch das allgemeine, scheue
Interesse verschafft hatte, während er Christian verschmähte und nur
fortfahren würde, ihn mit fünfzig Mätzchen und Schikanen zu hänseln, vor
denen niemand Respekt hatte. Nie hatte Thomas Buddenbrook seinem
Bruder mehr imponiert, als zu dieser Stunde. Der Erfolg ist
ausschlaggebend. Der anderen Achtung vor unseren Leiden verschafft uns
nur der Tod, und auch die kläglichsten Leiden werden ehrwürdig durch ihn.
gedruckter Todesanzeigen …
Christian betrat die Bildfläche. Es verhielt sich so mit ihm, daß er die
Nachricht von dem Sturz des Senators im Klub erhalten hatte und auch
sogleich aufgebrochen war. Aus Furcht jedoch vor irgendeinem gräßlichen
Anblick hatte er einen weiten Spaziergang vors Tor unternommen, so daß
niemand ihn hatte finden können. Nun stellte er sich dennoch ein und erfuhr
schon auf der Diele, daß sein Bruder verschieden sei.
»Ist doch wohl nicht möglich!« sagte er und ging lahmend und mit
wandernden Augen die Treppen hinauf.
Dann stand er, zwischen Schwester und Schwägerin, am Sterbebette. Er
stand dort, mit seinem kahlen Schädel, seinen eingefallenen Wangen,
seinem hängenden Schnurrbart und seiner ungeheuren, gehöckerten Nase,
auf krummen und mageren Beinen, ein wenig geknickt, ein wenig
fragezeichenartig, und seine kleinen, tiefliegenden Augen blickten in des
Bruders Gesicht, das so schweigsam, kalt, ablehnend und einwandfrei, so
sehr jedem menschlichen Urteil unzugänglich erschien … Thomas'
Mundwinkel waren mit beinahe verächtlichem Ausdruck nach unten
gezogen. Er, dem Christian vorgeworfen hatte, daß er bei seinem Tode nicht
weinen werde, er war seinerseits tot, er war ohne ein Wort zu sagen ganz
einfach gestorben, hatte sich vornehm und intakt ins Schweigen
zurückgezogen und überließ den andern mitleidlos der Beschämung, wie so
oft im Leben! Hatte er nun gut oder schnöde gehandelt, indem er den
Leiden Christians, seiner »Qual«, dem nickenden Manne, der
Spiritusflasche, dem offenen Fenster, stets nur kalte Verachtung
entgegengesetzt hatte? Diese Frage fiel dahin, sie war sinnlos geworden, da
der Tod in eigensinniger und unberechenbarer Parteilichkeit ihn, ihn
ausgezeichnet und gerechtfertigt, ihn angenommen und aufgenommen, ihn
ehrwürdig gemacht und ihm befehlshaberisch das allgemeine, scheue
Interesse verschafft hatte, während er Christian verschmähte und nur
fortfahren würde, ihn mit fünfzig Mätzchen und Schikanen zu hänseln, vor
denen niemand Respekt hatte. Nie hatte Thomas Buddenbrook seinem
Bruder mehr imponiert, als zu dieser Stunde. Der Erfolg ist
ausschlaggebend. Der anderen Achtung vor unseren Leiden verschafft uns
nur der Tod, und auch die kläglichsten Leiden werden ehrwürdig durch ihn.
Page 645
Du hast recht bekommen, ich beuge mich, dachte Christian, und mit einer
raschen, unbeholfenen Bewegung ließ er sich auf ein Knie nieder und küßte
die kalte Hand auf der Steppdecke. Dann trat er zurück und begann mit
schweifenden Augen im Zimmer umherzugehen.
Andere Besucher, die alten Krögers, die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Straße, der alte Herr Marcus, stellten sich ein. Auch die arme
Klothilde kam, stand mager und aschgrau am Bette und faltete apathischen
Angesichts ihre mit Zwirnhandschuhen bekleideten Hände. »Ihr müßt nicht
glauben, Tony und Gerda«, sagte sie unendlich gedehnt und klagend, »daß
ich kalten Herzens bin, weil ich nicht weine. Ich habe keine Tränen
mehr …« Und jedermann glaubte ihr das aufs Wort, so hoffnungslos
verstaubt und ausgedörrt wie sie dastand …
Schließlich räumten alle das Feld vor einer Frauensperson, einem
unsympathischen alten Geschöpf mit kauendem, zahnlosem Munde, die
angekommen war, um zusammen mit Schwester Leandra die Leiche zu
waschen und umzukleiden.
*
Zu vorgerückter Abendstunde noch saßen im Wohnzimmer Gerda
Buddenbrook, Frau Permaneder, Christian und der kleine Johann unter der
großen Gaslampe um den runden Mitteltisch und arbeiteten emsig. Es galt
die Liste derjenigen Leute zusammenzustellen, die Todesanzeigen
bekommen mußten, und die Adressen auf die Briefumschläge zu schreiben.
Alle Federn knirschten. Dann und wann hatte jemand einen Einfall und
setzte einen neuen Namen auf die Liste … Auch Hanno mußte helfen, denn
er schrieb reinlich, und die Zeit drängte.
Es war still im Hause und auf der Straße. Selten wurden Schritte laut
und verhallten. Die Gaslampe puffte leise, ein Name ward gemurmelt, das
Papier knisterte. Zuweilen blickten alle einander an und erinnerten sich
dessen, was geschehen war.
Frau Permaneder kritzelte in höchster Geschäftigkeit. Aber wie
ausgerechnet in jeder fünften Minute legte sie die Feder fort, erhob die
zusammengelegten Hände bis zur Höhe des Mundes und brach in Klagerufe
raschen, unbeholfenen Bewegung ließ er sich auf ein Knie nieder und küßte
die kalte Hand auf der Steppdecke. Dann trat er zurück und begann mit
schweifenden Augen im Zimmer umherzugehen.
Andere Besucher, die alten Krögers, die Damen Buddenbrook aus der
Breiten Straße, der alte Herr Marcus, stellten sich ein. Auch die arme
Klothilde kam, stand mager und aschgrau am Bette und faltete apathischen
Angesichts ihre mit Zwirnhandschuhen bekleideten Hände. »Ihr müßt nicht
glauben, Tony und Gerda«, sagte sie unendlich gedehnt und klagend, »daß
ich kalten Herzens bin, weil ich nicht weine. Ich habe keine Tränen
mehr …« Und jedermann glaubte ihr das aufs Wort, so hoffnungslos
verstaubt und ausgedörrt wie sie dastand …
Schließlich räumten alle das Feld vor einer Frauensperson, einem
unsympathischen alten Geschöpf mit kauendem, zahnlosem Munde, die
angekommen war, um zusammen mit Schwester Leandra die Leiche zu
waschen und umzukleiden.
*
Zu vorgerückter Abendstunde noch saßen im Wohnzimmer Gerda
Buddenbrook, Frau Permaneder, Christian und der kleine Johann unter der
großen Gaslampe um den runden Mitteltisch und arbeiteten emsig. Es galt
die Liste derjenigen Leute zusammenzustellen, die Todesanzeigen
bekommen mußten, und die Adressen auf die Briefumschläge zu schreiben.
Alle Federn knirschten. Dann und wann hatte jemand einen Einfall und
setzte einen neuen Namen auf die Liste … Auch Hanno mußte helfen, denn
er schrieb reinlich, und die Zeit drängte.
Es war still im Hause und auf der Straße. Selten wurden Schritte laut
und verhallten. Die Gaslampe puffte leise, ein Name ward gemurmelt, das
Papier knisterte. Zuweilen blickten alle einander an und erinnerten sich
dessen, was geschehen war.
Frau Permaneder kritzelte in höchster Geschäftigkeit. Aber wie
ausgerechnet in jeder fünften Minute legte sie die Feder fort, erhob die
zusammengelegten Hände bis zur Höhe des Mundes und brach in Klagerufe
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aus. »Ich fasse es nicht!« rief sie und deutete damit an, daß sie allmählich
zu fassen beginne, was eigentlich vor sich gegangen war. »Aber es ist ja
nun alles aus!« rief sie ganz unerwartet in heller Verzweiflung und schlang
laut weinend die Arme um den Hals ihrer Schwägerin, worauf sie gestärkt
ihre Tätigkeit wieder aufnahm.
Mit Christian stand es ähnlich wie mit der armen Klothilde. Er hatte
noch nicht eine Träne vergossen und schämte sich dessen ein wenig. Das
Gefühl der Blamiertheit überwog in ihm jegliche andere Empfindung. Auch
hatte die beständige Beschäftigung mit den eigenen Zuständen und
Sonderbarkeiten ihn abgenutzt und stumpf gemacht. Hie und da richtete er
sich auf, strich mit der Hand über seine kahle Stirn und sagte mit gepreßter
Stimme: »Ja, es ist furchtbar traurig!« Er sagte dies zu sich selbst, hielt es
sich gewaltsam vor und nötigte seine Augen, ein wenig feucht zu werden …
Plötzlich geschah etwas, was alle verstörte. Der kleine Johann geriet ins
Lachen. Er war beim Schreiben auf einen Namen gestoßen, irgendeinen
kuriosen Klang, dem er nicht widerstehen konnte. Er wiederholte ihn,
schnob durch die Nase, beugte sich vornüber, zitterte, schluchzte und
konnte nicht an sich halten. Anfangs konnte man glauben, daß er weine;
aber es war nicht an dem. Die Erwachsenen sahen ihn ungläubig und
fassungslos an. Dann schickte seine Mutter ihn schlafen …
Neuntes Kapitel
An einem Zahne … Senator Buddenbrook war an einem Zahne
gestorben, hieß es in der Stadt. Aber, zum Donnerwetter, daran starb man
doch nicht! Er hatte Schmerzen gehabt, Herr Brecht hatte ihm die Krone
abgebrochen, und daraufhin war er auf der Straße einfach umgefallen. War
dergleichen erhört?…
Aber das war nun gleich, es war seine Angelegenheit. Was man
zunächst in der Sache zu tun hatte, war dies, daß man Kränze schickte,
große Kränze, teure Kränze, Kränze, mit denen man Ehre einlegen konnte,
die in den Zeitungsartikeln erwähnt werden würden, und denen man ansah,
daß sie von loyalen und zahlungsfähigen Leuten kamen. Sie wurden
geschickt, sie strömten von allen Seiten herbei, von den Körperschaften
zu fassen beginne, was eigentlich vor sich gegangen war. »Aber es ist ja
nun alles aus!« rief sie ganz unerwartet in heller Verzweiflung und schlang
laut weinend die Arme um den Hals ihrer Schwägerin, worauf sie gestärkt
ihre Tätigkeit wieder aufnahm.
Mit Christian stand es ähnlich wie mit der armen Klothilde. Er hatte
noch nicht eine Träne vergossen und schämte sich dessen ein wenig. Das
Gefühl der Blamiertheit überwog in ihm jegliche andere Empfindung. Auch
hatte die beständige Beschäftigung mit den eigenen Zuständen und
Sonderbarkeiten ihn abgenutzt und stumpf gemacht. Hie und da richtete er
sich auf, strich mit der Hand über seine kahle Stirn und sagte mit gepreßter
Stimme: »Ja, es ist furchtbar traurig!« Er sagte dies zu sich selbst, hielt es
sich gewaltsam vor und nötigte seine Augen, ein wenig feucht zu werden …
Plötzlich geschah etwas, was alle verstörte. Der kleine Johann geriet ins
Lachen. Er war beim Schreiben auf einen Namen gestoßen, irgendeinen
kuriosen Klang, dem er nicht widerstehen konnte. Er wiederholte ihn,
schnob durch die Nase, beugte sich vornüber, zitterte, schluchzte und
konnte nicht an sich halten. Anfangs konnte man glauben, daß er weine;
aber es war nicht an dem. Die Erwachsenen sahen ihn ungläubig und
fassungslos an. Dann schickte seine Mutter ihn schlafen …
Neuntes Kapitel
An einem Zahne … Senator Buddenbrook war an einem Zahne
gestorben, hieß es in der Stadt. Aber, zum Donnerwetter, daran starb man
doch nicht! Er hatte Schmerzen gehabt, Herr Brecht hatte ihm die Krone
abgebrochen, und daraufhin war er auf der Straße einfach umgefallen. War
dergleichen erhört?…
Aber das war nun gleich, es war seine Angelegenheit. Was man
zunächst in der Sache zu tun hatte, war dies, daß man Kränze schickte,
große Kränze, teure Kränze, Kränze, mit denen man Ehre einlegen konnte,
die in den Zeitungsartikeln erwähnt werden würden, und denen man ansah,
daß sie von loyalen und zahlungsfähigen Leuten kamen. Sie wurden
geschickt, sie strömten von allen Seiten herbei, von den Körperschaften
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sowohl wie von den Familien und Privatpersonen; Kränze aus Lorbeer, aus
starkriechenden Blumen, aus Silber, mit schwarzen Schleifen und solchen
in den Farben der Stadt, mit schwarzgedruckten Widmungen und solchen in
goldenen Buchstaben. Und Palmenwedel, ungeheure Palmenwedel …
Alle Blumenhandlungen machten Geschäfte großen Stils, nicht zum
wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen
Hause. Frau Iwersen schellte mehrmals des Tages am Windfang und brachte
Arrangements in verschiedenen Gestalten, von Senator Soundso, von
Konsul Soundso, von der und der Beamtenschaft … Einmal fragte sie, ob
sie nicht vielleicht ein wenig hinauf dürfe und den Senator sehen? Ja, das
dürfe sie, wurde ihr geantwortet, und sie folgte dem Fräulein Jungmann
über die Haupttreppe, indem sie stumme Blicke in das glänzende
Treppenhaus hinaufgleiten ließ.
Sie ging schwer, denn sie war guter Hoffnung wie gewöhnlich. Ihre
Erscheinung im allgemeinen war mit den Jahren ein bißchen gemein
geworden, aber die schmalgeschnittenen schwarzen Augen sowie die
malaiischen Wangenknochen waren reizvoll, und man sah wohl, daß sie
einstmals außerordentlich hübsch gewesen sein mußte. – Sie wurde in den
Salon eingelassen, denn dort lag Thomas Buddenbrook aufgebahrt.
Er lag inmitten des weiten und lichten Gemaches, dessen Möbel
fortgeschafft waren, in den weißseidenen Polstern des Sarges, in weiße
Seide gekleidet und mit weißer Seide bedeckt, in einem strengen und
betäubenden Duftgemisch von Tuberosen, Veilchen und hundert anderen
Gewächsen. Zu seinen Häupten, in einem Halbkreise von silbernen
Armleuchtern, auf umflorten Postamenten, stand Thorwaldsens Segnender
Christus. Die Blumengebinde, die Kränze, Körbe und Sträuße, standen und
lagen an den Wänden entlang, auf dem Fußboden und auf der Steppdecke;
Palmenwedel lehnten an der Bahre und neigten sich über des Toten Füße. –
Sein Gesicht war stellenweise zerschunden, und besonders die Nase zeigte
Quetschungen. Aber sein Haupthaar war wie im Leben frisiert, und der
Schnurrbart, von dem alten Herrn Wenzel noch einmal mit der Brennschere
ausgezogen, überragte lang und starr seine weißen Wangen. Sein Kopf war
ein wenig zur Seite gewandt, und zwischen seinen zusammengefalteten
Händen stak ein Elfenbeinkreuz.
starkriechenden Blumen, aus Silber, mit schwarzen Schleifen und solchen
in den Farben der Stadt, mit schwarzgedruckten Widmungen und solchen in
goldenen Buchstaben. Und Palmenwedel, ungeheure Palmenwedel …
Alle Blumenhandlungen machten Geschäfte großen Stils, nicht zum
wenigsten diejenige von Iwersen, gegenüber dem Buddenbrookschen
Hause. Frau Iwersen schellte mehrmals des Tages am Windfang und brachte
Arrangements in verschiedenen Gestalten, von Senator Soundso, von
Konsul Soundso, von der und der Beamtenschaft … Einmal fragte sie, ob
sie nicht vielleicht ein wenig hinauf dürfe und den Senator sehen? Ja, das
dürfe sie, wurde ihr geantwortet, und sie folgte dem Fräulein Jungmann
über die Haupttreppe, indem sie stumme Blicke in das glänzende
Treppenhaus hinaufgleiten ließ.
Sie ging schwer, denn sie war guter Hoffnung wie gewöhnlich. Ihre
Erscheinung im allgemeinen war mit den Jahren ein bißchen gemein
geworden, aber die schmalgeschnittenen schwarzen Augen sowie die
malaiischen Wangenknochen waren reizvoll, und man sah wohl, daß sie
einstmals außerordentlich hübsch gewesen sein mußte. – Sie wurde in den
Salon eingelassen, denn dort lag Thomas Buddenbrook aufgebahrt.
Er lag inmitten des weiten und lichten Gemaches, dessen Möbel
fortgeschafft waren, in den weißseidenen Polstern des Sarges, in weiße
Seide gekleidet und mit weißer Seide bedeckt, in einem strengen und
betäubenden Duftgemisch von Tuberosen, Veilchen und hundert anderen
Gewächsen. Zu seinen Häupten, in einem Halbkreise von silbernen
Armleuchtern, auf umflorten Postamenten, stand Thorwaldsens Segnender
Christus. Die Blumengebinde, die Kränze, Körbe und Sträuße, standen und
lagen an den Wänden entlang, auf dem Fußboden und auf der Steppdecke;
Palmenwedel lehnten an der Bahre und neigten sich über des Toten Füße. –
Sein Gesicht war stellenweise zerschunden, und besonders die Nase zeigte
Quetschungen. Aber sein Haupthaar war wie im Leben frisiert, und der
Schnurrbart, von dem alten Herrn Wenzel noch einmal mit der Brennschere
ausgezogen, überragte lang und starr seine weißen Wangen. Sein Kopf war
ein wenig zur Seite gewandt, und zwischen seinen zusammengefalteten
Händen stak ein Elfenbeinkreuz.
Page 648
Frau Iwersen blieb beinahe an der Tür stehen und blickte von dort aus
blinzelnd zur Bahre hinüber; erst als Frau Permaneder, ganz in Schwarz
gehüllt und verschnupft vom Weinen, vom Wohnzimmer aus, zwischen den
Portieren erschien und sie mit sanften Worten zum Nähertreten einlud,
wagte sie sich ein Stückchen weiter auf der parkettierten Fußbodenfläche
vorwärts. Sie stand, die Hände auf ihrem hervortretenden Leibe gefaltet,
und blickte mit ihren schmalen, schwarzen Augen auf die Pflanzen, die
Armleuchter, die Schleifen, all die weiße Seide und in Thomas
Buddenbrooks Angesicht. Es wäre schwer gewesen, den Ausdruck ihrer
bleichen und verwischten Wöchnerinnenzüge bei Namen zu nennen.
Schließlich sagte sie »Ja …«, schluchzte einmal – ein einziges Mal – ganz
kurz und undeutlich auf und wandte sich zum Gehen.
Frau Permaneder liebte solche Besuche. Sie wich nicht aus dem Hause
und überwachte mit unermüdlichem Eifer die Huldigungen, die man der
sterblichen Hülle ihres Bruders darzubringen sich drängte. Unter
Anwendung ihrer Kehlkopfstimme verlas sie viele Male die Zeitungsartikel,
in denen, wie zur Zeit des Geschäftsjubiläums, seine Verdienste gefeiert,
der unersetzliche Verlust seiner Persönlichkeit beklagt wurde. Sie war im
Wohnzimmer zugegen bei allen Kondolenzvisiten, die Gerda im Salon
entgegennahm; und die fanden kein Ende, ihre Zahl war Legion. Sie hielt
mit verschiedenen Personen Konferenzen ab in betreff des Begräbnisses,
das sich unsäglich vornehm gestalten mußte. Sie arrangierte
Abschiedsszenen. Sie ließ das Kontorpersonal heraufkommen, damit es
seinem Chef ein letztes Lebewohl sage. Und dann mußten die
Speicherarbeiter kommen. Sie schoben sich auf ihren kolossalen Füßen
über das Parkett, zogen mit ungeheurer Biederkeit ihre Mundwinkel
abwärts und verbreiteten einen Geruch von Branntwein, Kautabak und
körperlicher Arbeit. Sie sahen sich die prunkhafte Aufbahrung an, indem sie
ihre Mützen drehten, wunderten sich zuerst und langweilten sich dann, bis
einer den Mut hatte, wieder aufzubrechen, worauf ihm schlürfend die ganze
Schar auf den Fersen folgte … Frau Permaneder war entzückt. Sie
behauptete, mehreren seien die Tränen in die harten Bärte geronnen. Das
war einfach nicht wahr. Dergleichen war nicht vorgekommen. Aber wenn
sie es doch so gesehen hatte und wenn es sie glücklich machte?
Und der Tag der Beisetzung kam heran. Der Metallsarg war luftdicht
verschlossen und mit Blumen bedeckt, die Kerzen auf den Armleuchtern
blinzelnd zur Bahre hinüber; erst als Frau Permaneder, ganz in Schwarz
gehüllt und verschnupft vom Weinen, vom Wohnzimmer aus, zwischen den
Portieren erschien und sie mit sanften Worten zum Nähertreten einlud,
wagte sie sich ein Stückchen weiter auf der parkettierten Fußbodenfläche
vorwärts. Sie stand, die Hände auf ihrem hervortretenden Leibe gefaltet,
und blickte mit ihren schmalen, schwarzen Augen auf die Pflanzen, die
Armleuchter, die Schleifen, all die weiße Seide und in Thomas
Buddenbrooks Angesicht. Es wäre schwer gewesen, den Ausdruck ihrer
bleichen und verwischten Wöchnerinnenzüge bei Namen zu nennen.
Schließlich sagte sie »Ja …«, schluchzte einmal – ein einziges Mal – ganz
kurz und undeutlich auf und wandte sich zum Gehen.
Frau Permaneder liebte solche Besuche. Sie wich nicht aus dem Hause
und überwachte mit unermüdlichem Eifer die Huldigungen, die man der
sterblichen Hülle ihres Bruders darzubringen sich drängte. Unter
Anwendung ihrer Kehlkopfstimme verlas sie viele Male die Zeitungsartikel,
in denen, wie zur Zeit des Geschäftsjubiläums, seine Verdienste gefeiert,
der unersetzliche Verlust seiner Persönlichkeit beklagt wurde. Sie war im
Wohnzimmer zugegen bei allen Kondolenzvisiten, die Gerda im Salon
entgegennahm; und die fanden kein Ende, ihre Zahl war Legion. Sie hielt
mit verschiedenen Personen Konferenzen ab in betreff des Begräbnisses,
das sich unsäglich vornehm gestalten mußte. Sie arrangierte
Abschiedsszenen. Sie ließ das Kontorpersonal heraufkommen, damit es
seinem Chef ein letztes Lebewohl sage. Und dann mußten die
Speicherarbeiter kommen. Sie schoben sich auf ihren kolossalen Füßen
über das Parkett, zogen mit ungeheurer Biederkeit ihre Mundwinkel
abwärts und verbreiteten einen Geruch von Branntwein, Kautabak und
körperlicher Arbeit. Sie sahen sich die prunkhafte Aufbahrung an, indem sie
ihre Mützen drehten, wunderten sich zuerst und langweilten sich dann, bis
einer den Mut hatte, wieder aufzubrechen, worauf ihm schlürfend die ganze
Schar auf den Fersen folgte … Frau Permaneder war entzückt. Sie
behauptete, mehreren seien die Tränen in die harten Bärte geronnen. Das
war einfach nicht wahr. Dergleichen war nicht vorgekommen. Aber wenn
sie es doch so gesehen hatte und wenn es sie glücklich machte?
Und der Tag der Beisetzung kam heran. Der Metallsarg war luftdicht
verschlossen und mit Blumen bedeckt, die Kerzen auf den Armleuchtern
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brannten, das Haus füllte sich mit Menschen, und umgeben von den
Leidtragenden, den einheimischen und auswärtigen, stand in aufrechter
Majestät Pastor Pringsheim zu Häupten des Sarges, indem er seinen
ausdrucksvollen Kopf auf der breiten Halskrause ruhen ließ, wie auf einem
Teller.
Ein hochgeschulter Lohndiener, ein behendes Mittelding zwischen
Aufwärter und Festordner, hatte die äußere Leitung der Feierlichkeit
übernommen. Er lief, den Zylinder in der Hand, auf leisen Sohlen die
Haupttreppe hinunter und rief mit durchdringender Flüsterstimme über die
Diele hin, die soeben von Steuerbeamten in Uniform und Kornträgern in
Blusen, Kniehosen und Zylindern überflutet wurde: »Die Zimmer sind voll,
aber auf dem Korridor ist noch ein wenig Platz …«
Dann verstummte alles; Pastor Pringsheim begann zu reden, und sein
kunstvolles Organ erfüllte tönend und modulierend das ganze Haus.
Während er aber dort oben neben der Christusfigur die Hände vorm Gesicht
rang und sie segnend spreizte, hielt drunten vorm Hause unter dem weißen
Winterhimmel die vierspännige Leichenkutsche, an die sich die übrigen
Wagen in langer Folge die Straße hinab bis zum Flusse reihten. Der Haustür
gegenüber aber stand, Gewehr bei Fuß, in zwei Reihen aufgestellt, eine
Kompanie Soldaten, mit Leutnant von Throta an ihrer Front, welcher, den
gezogenen Degen im Arm, mit seinen glühenden Augen zum Erker
hinaufblickte … Viele Leute reckten in den Fenstern ringsum und auf dem
Pflaster die Hälse.
Schließlich entstand Bewegung im Vestibül, des Leutnants leise
hervorgestoßenes Kommandowort klang auf, die Soldaten präsentierten
klappend, Herr von Throta senkte seinen Degen, der Sarg erschien. Von den
vier Männern in schwarzen Mänteln und Dreispitzen getragen, schwankte
er behutsam zur Haustür heraus, und der Wind führte den Blumenduft über
die Köpfe der Neugierigen hin, indes er zugleich den schwarzen Federbusch
auf dem Dache des Leichenwagens zerzauste, in den Mähnen aller Pferde
spielte, die bis zum Flusse hinunter standen, und an den schwarzen
Hutschleiern des Trauerkutschers und der Stallknechte zerrte. Einzelne,
ganz seltene Schneeflocken kamen in großen, langsamen Bogenlinien vom
Himmel herab.
Leidtragenden, den einheimischen und auswärtigen, stand in aufrechter
Majestät Pastor Pringsheim zu Häupten des Sarges, indem er seinen
ausdrucksvollen Kopf auf der breiten Halskrause ruhen ließ, wie auf einem
Teller.
Ein hochgeschulter Lohndiener, ein behendes Mittelding zwischen
Aufwärter und Festordner, hatte die äußere Leitung der Feierlichkeit
übernommen. Er lief, den Zylinder in der Hand, auf leisen Sohlen die
Haupttreppe hinunter und rief mit durchdringender Flüsterstimme über die
Diele hin, die soeben von Steuerbeamten in Uniform und Kornträgern in
Blusen, Kniehosen und Zylindern überflutet wurde: »Die Zimmer sind voll,
aber auf dem Korridor ist noch ein wenig Platz …«
Dann verstummte alles; Pastor Pringsheim begann zu reden, und sein
kunstvolles Organ erfüllte tönend und modulierend das ganze Haus.
Während er aber dort oben neben der Christusfigur die Hände vorm Gesicht
rang und sie segnend spreizte, hielt drunten vorm Hause unter dem weißen
Winterhimmel die vierspännige Leichenkutsche, an die sich die übrigen
Wagen in langer Folge die Straße hinab bis zum Flusse reihten. Der Haustür
gegenüber aber stand, Gewehr bei Fuß, in zwei Reihen aufgestellt, eine
Kompanie Soldaten, mit Leutnant von Throta an ihrer Front, welcher, den
gezogenen Degen im Arm, mit seinen glühenden Augen zum Erker
hinaufblickte … Viele Leute reckten in den Fenstern ringsum und auf dem
Pflaster die Hälse.
Schließlich entstand Bewegung im Vestibül, des Leutnants leise
hervorgestoßenes Kommandowort klang auf, die Soldaten präsentierten
klappend, Herr von Throta senkte seinen Degen, der Sarg erschien. Von den
vier Männern in schwarzen Mänteln und Dreispitzen getragen, schwankte
er behutsam zur Haustür heraus, und der Wind führte den Blumenduft über
die Köpfe der Neugierigen hin, indes er zugleich den schwarzen Federbusch
auf dem Dache des Leichenwagens zerzauste, in den Mähnen aller Pferde
spielte, die bis zum Flusse hinunter standen, und an den schwarzen
Hutschleiern des Trauerkutschers und der Stallknechte zerrte. Einzelne,
ganz seltene Schneeflocken kamen in großen, langsamen Bogenlinien vom
Himmel herab.
Page 650
Die Pferde des Leichenwagens, ganz in Schwarz gehüllt, daß nur die
unruhigen Augen sichtbar waren, setzten sich, von den vier schwarzen
Knechten geführt, langsam in Bewegung, das Militär schloß sich an, und
eine nach der anderen fuhren die übrigen Kutschen vor. Christian
Buddenbrook stieg mit dem Pastor in die erste. Der kleine Johann folgte
zusammen mit einem wohlgenährt aussehenden Verwandten aus Hamburg.
Und langsam, langsam, lang ausgedehnt, betrübt und feierlich, wand sich
Thomas Buddenbrooks Leichenzug dahin, während an allen Häusern der
Wind mit den auf Halbmast gezogenen Fahnen klatschte … Die
Beamtenschaft und die Kornträger schritten zu Fuß.
Als draußen, über die Wege des Friedhofes hin, der Sarg, gefolgt von
der Schar der Leidtragenden, vorbei an Kreuzen, Statuen, Kapellen und
nackten Trauerweiden, dem Buddenbrookschen Erbbegräbnis sich näherte,
stand schon die Ehrenkompanie bereit und präsentierte aufs neue. Hinter
einem Gebüsch erklang in gedämpften und schweren Rhythmen ein
Trauermarsch.
Und wieder war die große Grabplatte mit dem plastisch gearbeiteten
Familienwappen beiseitegeschafft worden, und wieder umstanden am
Saume des kahlen Gehölzes die Herren der Stadt den ausgemauerten
Schlund, in den nun Thomas Buddenbrook zu seinen Eltern hinabgelassen
ward. Sie standen da, die Herren von Verdienst und Vermögen, mit
gesenkten oder wehmütig zur Seite geneigten Köpfen, und unter ihnen
waren die Ratsherren an ihren weißen Handschuhen und Krawatten
erkenntlich. Weithin aber drängten sich die Beamten, die Kornträger, die
Kontoristen, die Speicherarbeiter.
Die Musik verstummte, Pastor Pringsheim sprach. Und als seine
Segenssprüche in der kühlen Luft verhallten, schickte sich alles an, dem
Bruder und dem Sohne des Verblichenen noch einmal die Hand zu drücken.
Es gab ein langwieriges Defilee. Christian Buddenbrook nahm alle
Beileidsbezeugungen mit dem halb zerstreuten, halb verlegenen
Gesichtsausdruck entgegen, der ihm bei Feierlichkeiten eigen war. Der
kleine Johann stand in seiner dicken Seemannsjacke mit goldenen Knöpfen
neben ihm, hielt seine bläulich umschatteten Augen zu Boden gesenkt, ohne
unruhigen Augen sichtbar waren, setzten sich, von den vier schwarzen
Knechten geführt, langsam in Bewegung, das Militär schloß sich an, und
eine nach der anderen fuhren die übrigen Kutschen vor. Christian
Buddenbrook stieg mit dem Pastor in die erste. Der kleine Johann folgte
zusammen mit einem wohlgenährt aussehenden Verwandten aus Hamburg.
Und langsam, langsam, lang ausgedehnt, betrübt und feierlich, wand sich
Thomas Buddenbrooks Leichenzug dahin, während an allen Häusern der
Wind mit den auf Halbmast gezogenen Fahnen klatschte … Die
Beamtenschaft und die Kornträger schritten zu Fuß.
Als draußen, über die Wege des Friedhofes hin, der Sarg, gefolgt von
der Schar der Leidtragenden, vorbei an Kreuzen, Statuen, Kapellen und
nackten Trauerweiden, dem Buddenbrookschen Erbbegräbnis sich näherte,
stand schon die Ehrenkompanie bereit und präsentierte aufs neue. Hinter
einem Gebüsch erklang in gedämpften und schweren Rhythmen ein
Trauermarsch.
Und wieder war die große Grabplatte mit dem plastisch gearbeiteten
Familienwappen beiseitegeschafft worden, und wieder umstanden am
Saume des kahlen Gehölzes die Herren der Stadt den ausgemauerten
Schlund, in den nun Thomas Buddenbrook zu seinen Eltern hinabgelassen
ward. Sie standen da, die Herren von Verdienst und Vermögen, mit
gesenkten oder wehmütig zur Seite geneigten Köpfen, und unter ihnen
waren die Ratsherren an ihren weißen Handschuhen und Krawatten
erkenntlich. Weithin aber drängten sich die Beamten, die Kornträger, die
Kontoristen, die Speicherarbeiter.
Die Musik verstummte, Pastor Pringsheim sprach. Und als seine
Segenssprüche in der kühlen Luft verhallten, schickte sich alles an, dem
Bruder und dem Sohne des Verblichenen noch einmal die Hand zu drücken.
Es gab ein langwieriges Defilee. Christian Buddenbrook nahm alle
Beileidsbezeugungen mit dem halb zerstreuten, halb verlegenen
Gesichtsausdruck entgegen, der ihm bei Feierlichkeiten eigen war. Der
kleine Johann stand in seiner dicken Seemannsjacke mit goldenen Knöpfen
neben ihm, hielt seine bläulich umschatteten Augen zu Boden gesenkt, ohne
Page 651
irgend jemanden anzublicken, und neigte den Kopf mit einer empfindlichen
Grimasse schräg rückwärts gegen den Wind.
Grimasse schräg rückwärts gegen den Wind.
Page 652
Elfter Teil
Erstes Kapitel
Man erinnert sich dieser oder jener Person, man denkt nach, wie es ihr
gehen mag, und plötzlich fällt einem ein, daß sie nicht mehr auf den
Trottoirs umherspaziert, daß ihre Stimme nicht mehr in dem allgemeinen
Stimmenkonzert mitklingt, sondern daß sie einfach auf immer vom
Schauplatz verschwunden ist und irgendwo draußen vorm Tore unter der
Erde liegt.
Die Konsulin Buddenbrook, geborene Stüwing, die Witwe Onkel
Gottholds, war tot. Auch ihr, die ehemals die Ursache so heftigen Zwists in
der Familie gewesen war, hatte der Tod seine sühnende und verklärende
Krone aufgesetzt, und ihre drei Töchter, Friederike, Henriette und Pfiffi,
fühlten nun das Recht, den Kondolationen ihrer Verwandten eine beleidigte
Miene entgegenzusetzen, als wollten sie sagen: »Da seht, eure
Verfolgungen haben sie in die Grube gebracht!« … Obgleich die Konsulin
steinalt geworden war …
Auch Madame Kethelsen hatte den Frieden. Nachdem sie sich während
der letzten Jahre mit der Gicht hatte plagen müssen, war sie sanft, einfältig
und kindergläubig dahingegangen, beneidet von ihrer gelehrten Schwester,
die immer noch hie und da gegen kleine rationalistische Anfechtungen zu
kämpfen hatte und, obgleich sie beständig buckliger und winziger wurde,
durch eine zähere Konstitution an diese schlechte Erde gebannt war.
Konsul Peter Döhlmann war abgerufen worden. Er hatte sein ganzes
Vermögen verfrühstückt, war schließlich dem Hunyadi-Janos erlegen und
hinterließ seiner Tochter eine Rente von zweihundert Mark jährlich, indem
Erstes Kapitel
Man erinnert sich dieser oder jener Person, man denkt nach, wie es ihr
gehen mag, und plötzlich fällt einem ein, daß sie nicht mehr auf den
Trottoirs umherspaziert, daß ihre Stimme nicht mehr in dem allgemeinen
Stimmenkonzert mitklingt, sondern daß sie einfach auf immer vom
Schauplatz verschwunden ist und irgendwo draußen vorm Tore unter der
Erde liegt.
Die Konsulin Buddenbrook, geborene Stüwing, die Witwe Onkel
Gottholds, war tot. Auch ihr, die ehemals die Ursache so heftigen Zwists in
der Familie gewesen war, hatte der Tod seine sühnende und verklärende
Krone aufgesetzt, und ihre drei Töchter, Friederike, Henriette und Pfiffi,
fühlten nun das Recht, den Kondolationen ihrer Verwandten eine beleidigte
Miene entgegenzusetzen, als wollten sie sagen: »Da seht, eure
Verfolgungen haben sie in die Grube gebracht!« … Obgleich die Konsulin
steinalt geworden war …
Auch Madame Kethelsen hatte den Frieden. Nachdem sie sich während
der letzten Jahre mit der Gicht hatte plagen müssen, war sie sanft, einfältig
und kindergläubig dahingegangen, beneidet von ihrer gelehrten Schwester,
die immer noch hie und da gegen kleine rationalistische Anfechtungen zu
kämpfen hatte und, obgleich sie beständig buckliger und winziger wurde,
durch eine zähere Konstitution an diese schlechte Erde gebannt war.
Konsul Peter Döhlmann war abgerufen worden. Er hatte sein ganzes
Vermögen verfrühstückt, war schließlich dem Hunyadi-Janos erlegen und
hinterließ seiner Tochter eine Rente von zweihundert Mark jährlich, indem
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er es der öffentlichen Pietät gegen den Namen Döhlmann anheimgab, sie
durch Aufnahme in das Johanniskloster zu versorgen.
Justus Kröger war ebenfalls abgeschieden, und das war schlimm; denn
nun hinderte niemand mehr seine schwache Gattin, das letzte Silberzeug zu
verkaufen, um dem entarteten Jakob Geld schicken zu können, der
irgendwo draußen in der Welt sein Lotterleben führte …
Was Christian Buddenbrook betrifft, so hätte man ihn vergebens in der
Stadt gesucht; er weilte nicht mehr in ihren Mauern. Ein knappes Jahr nach
dem Tode seines Bruders, des Senators, war er nach Hamburg
übergesiedelt, woselbst er sich mit einer Dame, der er längst schon
nahegestanden, mit Fräulein Aline Puvogel, vor Gott und den Menschen
vermählt hatte. Niemand hatte ihm wehren können. Sein mütterliches Erbe
zwar, dessen Zinsen übrigens schon immer zur Hälfte nach Hamburg
gewandert waren, wurde, soweit es noch nicht im voraus verbraucht war,
von Herrn Stephan Kistenmaker verwaltet, der dazu durch seines toten
Freundes Testament bestellt worden war; aber Christian war im übrigen
Herr seines Willens … Sobald seine Verehelichung ruchbar wurde, richtete
Frau Permaneder an Frau Aline Buddenbrook zu Hamburg einen langen und
außerordentlich feindseligen Brief, der mit der Anrede »Madame!« begann
und in sorgfältig vergifteten Worten die Erklärung enthielt, daß Frau
Permaneder weder die Adressatin noch ihre Kinder jemals als Verwandte
anzuerkennen gesonnen sei.
Herr Kistenmaker war Testamentsvollstrecker, Verwalter des
Buddenbrookschen Vermögens und Vormund des kleinen Johann, und er
hielt diese Ämter in Ehren. Sie verschafften ihm eine höchst wichtige
Tätigkeit, sie berechtigten ihn, an der Börse mit allen Anzeichen der
Überarbeitung sein Haupthaar zu streichen und zu versichern, daß er sich
aufreibe … nicht zu vergessen, daß er für seine Mühewaltung mit großer
Pünktlichkeit zwei Prozent der Revenüen bezog. Im übrigen aber hatte er
nicht viel Glück bei den Geschäften und zog sich sehr bald die
Unzufriedenheit Gerda Buddenbrooks zu.
Die Dinge lagen so, daß liquidiert werden, daß die Firma verschwinden
sollte, und zwar binnen eines Jahres; dies war des Senators letztwillige
Bestimmung. Frau Permaneder zeigte sich heftig bewegt hierüber. »Und
durch Aufnahme in das Johanniskloster zu versorgen.
Justus Kröger war ebenfalls abgeschieden, und das war schlimm; denn
nun hinderte niemand mehr seine schwache Gattin, das letzte Silberzeug zu
verkaufen, um dem entarteten Jakob Geld schicken zu können, der
irgendwo draußen in der Welt sein Lotterleben führte …
Was Christian Buddenbrook betrifft, so hätte man ihn vergebens in der
Stadt gesucht; er weilte nicht mehr in ihren Mauern. Ein knappes Jahr nach
dem Tode seines Bruders, des Senators, war er nach Hamburg
übergesiedelt, woselbst er sich mit einer Dame, der er längst schon
nahegestanden, mit Fräulein Aline Puvogel, vor Gott und den Menschen
vermählt hatte. Niemand hatte ihm wehren können. Sein mütterliches Erbe
zwar, dessen Zinsen übrigens schon immer zur Hälfte nach Hamburg
gewandert waren, wurde, soweit es noch nicht im voraus verbraucht war,
von Herrn Stephan Kistenmaker verwaltet, der dazu durch seines toten
Freundes Testament bestellt worden war; aber Christian war im übrigen
Herr seines Willens … Sobald seine Verehelichung ruchbar wurde, richtete
Frau Permaneder an Frau Aline Buddenbrook zu Hamburg einen langen und
außerordentlich feindseligen Brief, der mit der Anrede »Madame!« begann
und in sorgfältig vergifteten Worten die Erklärung enthielt, daß Frau
Permaneder weder die Adressatin noch ihre Kinder jemals als Verwandte
anzuerkennen gesonnen sei.
Herr Kistenmaker war Testamentsvollstrecker, Verwalter des
Buddenbrookschen Vermögens und Vormund des kleinen Johann, und er
hielt diese Ämter in Ehren. Sie verschafften ihm eine höchst wichtige
Tätigkeit, sie berechtigten ihn, an der Börse mit allen Anzeichen der
Überarbeitung sein Haupthaar zu streichen und zu versichern, daß er sich
aufreibe … nicht zu vergessen, daß er für seine Mühewaltung mit großer
Pünktlichkeit zwei Prozent der Revenüen bezog. Im übrigen aber hatte er
nicht viel Glück bei den Geschäften und zog sich sehr bald die
Unzufriedenheit Gerda Buddenbrooks zu.
Die Dinge lagen so, daß liquidiert werden, daß die Firma verschwinden
sollte, und zwar binnen eines Jahres; dies war des Senators letztwillige
Bestimmung. Frau Permaneder zeigte sich heftig bewegt hierüber. »Und
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Johann, und der kleine Johann, und Hanno?!« fragte sie … Die Tatsache,
daß ihr Bruder über seinen Sohn und einzigen Erben hinweggegangen war,
daß er für ihn nicht hatte die Firma am Leben erhalten wollen, enttäuschte
und schmerzte sie sehr. Manche Stunde weinte sie darüber, daß man sich
des ehrwürdigen Firmenschildes, dieses durch vier Generationen
überlieferten Kleinods, entäußern, daß man seine Geschichte abschließen
sollte, während doch ein natürlicher Erbfolger vorhanden war. Aber dann
tröstete sie sich damit, daß das Ende der Firma ja nicht geradezu dasjenige
der Familie sei, und daß ihr Neffe eben ein junges und neues Werk werde
beginnen müssen, um seinem hohen Berufe nachzukommen, der ja darin
bestand, dem Namen seiner Väter Glanz und Klang zu erhalten und die
Familie zu neuer Blüte zu bringen. Nicht umsonst besaß er soviel
Ähnlichkeit mit seinem Urgroßvater …
Die Abwicklung der Geschäfte also begann unter der Leitung Herrn
Kistenmakers und des alten Herrn Marcus und sie nahm einen
außerordentlich kläglichen Verlauf. Die gegebene Frist war kurz, sie sollte
mit buchstäblicher Genauigkeit innegehalten werden, die Zeit drängte. Die
schwebenden Angelegenheiten wurden in übereilter und ungünstiger Weise
erledigt. Ein überstürzter und unvorteilhafter Verkauf folgte dem anderen.
Das Lager, die Speicher wurden mit großem Schaden zu Gelde gemacht.
Und was Herrn Kistenmakers Übereifer nicht verdarb, das vollbrachte die
Saumseligkeit des alten Herrn Marcus, von dem man sich in der Stadt
erzählte, daß er zur Winterszeit, bevor er ausgehe, nicht nur seinen Paletot
und Hut, sondern auch seinen Spazierstock sorgfältig am Ofen wärme, und
der, bot sich einmal eine günstige Konjunktur, sicherlich die Gelegenheit
vorübergehen ließ … Kurzum, die Verluste häuften sich. Thomas
Buddenbrook hatte auf dem Papiere ein Vermögen von
sechsmalhundertundfünfzigtausend Mark hinterlassen; ein Jahr nach der
Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß mit dieser Summe im
entferntesten nicht zu rechnen war …
Unbestimmte und übertriebene Gerüchte über die ungünstige
Liquidation gingen um, und sie wurden genährt durch die Nachricht, daß
Gerda Buddenbrook das große Haus zu verkaufen gedenke. Man erzählte
sich Wunderdinge über das, was sie dazu nötigte, über das bedenkliche
Zusammenschmelzen des Buddenbrookschen Vermögens, und so konnte es
geschehen, daß allgemach in der Stadt eine Stimmung Platz zu greifen
daß ihr Bruder über seinen Sohn und einzigen Erben hinweggegangen war,
daß er für ihn nicht hatte die Firma am Leben erhalten wollen, enttäuschte
und schmerzte sie sehr. Manche Stunde weinte sie darüber, daß man sich
des ehrwürdigen Firmenschildes, dieses durch vier Generationen
überlieferten Kleinods, entäußern, daß man seine Geschichte abschließen
sollte, während doch ein natürlicher Erbfolger vorhanden war. Aber dann
tröstete sie sich damit, daß das Ende der Firma ja nicht geradezu dasjenige
der Familie sei, und daß ihr Neffe eben ein junges und neues Werk werde
beginnen müssen, um seinem hohen Berufe nachzukommen, der ja darin
bestand, dem Namen seiner Väter Glanz und Klang zu erhalten und die
Familie zu neuer Blüte zu bringen. Nicht umsonst besaß er soviel
Ähnlichkeit mit seinem Urgroßvater …
Die Abwicklung der Geschäfte also begann unter der Leitung Herrn
Kistenmakers und des alten Herrn Marcus und sie nahm einen
außerordentlich kläglichen Verlauf. Die gegebene Frist war kurz, sie sollte
mit buchstäblicher Genauigkeit innegehalten werden, die Zeit drängte. Die
schwebenden Angelegenheiten wurden in übereilter und ungünstiger Weise
erledigt. Ein überstürzter und unvorteilhafter Verkauf folgte dem anderen.
Das Lager, die Speicher wurden mit großem Schaden zu Gelde gemacht.
Und was Herrn Kistenmakers Übereifer nicht verdarb, das vollbrachte die
Saumseligkeit des alten Herrn Marcus, von dem man sich in der Stadt
erzählte, daß er zur Winterszeit, bevor er ausgehe, nicht nur seinen Paletot
und Hut, sondern auch seinen Spazierstock sorgfältig am Ofen wärme, und
der, bot sich einmal eine günstige Konjunktur, sicherlich die Gelegenheit
vorübergehen ließ … Kurzum, die Verluste häuften sich. Thomas
Buddenbrook hatte auf dem Papiere ein Vermögen von
sechsmalhundertundfünfzigtausend Mark hinterlassen; ein Jahr nach der
Testamentseröffnung stellte sich heraus, daß mit dieser Summe im
entferntesten nicht zu rechnen war …
Unbestimmte und übertriebene Gerüchte über die ungünstige
Liquidation gingen um, und sie wurden genährt durch die Nachricht, daß
Gerda Buddenbrook das große Haus zu verkaufen gedenke. Man erzählte
sich Wunderdinge über das, was sie dazu nötigte, über das bedenkliche
Zusammenschmelzen des Buddenbrookschen Vermögens, und so konnte es
geschehen, daß allgemach in der Stadt eine Stimmung Platz zu greifen
Page 655
begann, die die verwitwete Senatorin anfangs mit Erstaunen und
Befremdung, dann mit wachsendem Unwillen in ihrem Haushalt empfinden
mußte … Als sie eines Tages ihrer Schwägerin berichtete, daß mehrere
Handwerker und Lieferanten in unanständiger Weise auf die Berichtigung
größerer Rechnungen gedrungen hatten, blieb Frau Permaneder lange Zeit
erstarrt und brach dann in ein fürchterliches Gelächter aus … Gerda
Buddenbrook war so indigniert, daß sie sogar etwas wie einen halben
Entschluß laut werden ließ, mit dem kleinen Johann die Stadt zu verlassen,
zu ihrem alten Vater nach Amsterdam zu ziehen und wieder Duos mit ihm
zu geigen. Aber dies rief einen solchen Sturm des Entsetzens von seiten
Frau Permaneders hervor, daß sie den Plan fürs erste fahren lassen mußte.
Wie zu erwarten stand, erstreckten sich Frau Permaneders Proteste auch
auf den Verkauf des von ihrem Bruder erbauten Hauses. Sie jammerte laut
über den üblen Eindruck, den dies hervorrufen könne, und klagte, daß es für
den Namen der Familie eine neue Einbuße an Prestige bedeuten werde.
Aber sie mußte doch einräumen, daß es unpraktisch gewesen wäre, das
weitläufige und prächtige Haus, das Thomas Buddenbrooks kostspielige
Liebhaberei gewesen war, fernerhin zu bewohnen und instand zu halten,
und daß Gerdas Wunsch nach einer bequemen kleinen Villa, vorm Tore, im
Grünen, seine Berechtigung hatte …
Herrn Gosch, dem Makler Sigismund Gosch, dämmerte ein erhabener
Tag. Ein Erlebnis verklärte sein Greisenalter, das seinen Gliedern sogar für
mehrere Stunden das Zittern nahm. Es geschah, daß er sich in Gerda
Buddenbrooks Salon erblicken durfte, ihr gegenüber in einem Fauteuil,
Aug' in Auge mit ihr über den Preis ihres Hauses verhandelnd. Das
schlohweiße Haar von allen Seiten ins Gesicht gestrichen, starrte er ihr mit
gräßlich vorgeschobenem Kinn von unten herauf ins Angesicht und
erreichte es, vollkommen bucklig auszusehen. Seine Stimme zischte, aber
er sprach kalt und geschäftlich, und nichts verriet die Erschütterung seiner
Seele. Er machte sich anheischig, das Haus zu übernehmen, streckte die
Hand aus und bot mit tückischem Lächeln fünfundachtzigtausend Mark.
Das war annehmbar, denn ein Verlust war bei diesem Verkaufe
unvermeidlich. Allein Herrn Kistenmakers Meinung mußte gehört werden,
Gerda Buddenbrook mußte Herrn Gosch entlassen, ohne mit ihm
abgeschlossen zu haben, und es zeigte sich, daß Herr Kistenmaker nicht
gesonnen war, irgendwelche Eingriffe in seine Tätigkeit zu gestatten. Er
Befremdung, dann mit wachsendem Unwillen in ihrem Haushalt empfinden
mußte … Als sie eines Tages ihrer Schwägerin berichtete, daß mehrere
Handwerker und Lieferanten in unanständiger Weise auf die Berichtigung
größerer Rechnungen gedrungen hatten, blieb Frau Permaneder lange Zeit
erstarrt und brach dann in ein fürchterliches Gelächter aus … Gerda
Buddenbrook war so indigniert, daß sie sogar etwas wie einen halben
Entschluß laut werden ließ, mit dem kleinen Johann die Stadt zu verlassen,
zu ihrem alten Vater nach Amsterdam zu ziehen und wieder Duos mit ihm
zu geigen. Aber dies rief einen solchen Sturm des Entsetzens von seiten
Frau Permaneders hervor, daß sie den Plan fürs erste fahren lassen mußte.
Wie zu erwarten stand, erstreckten sich Frau Permaneders Proteste auch
auf den Verkauf des von ihrem Bruder erbauten Hauses. Sie jammerte laut
über den üblen Eindruck, den dies hervorrufen könne, und klagte, daß es für
den Namen der Familie eine neue Einbuße an Prestige bedeuten werde.
Aber sie mußte doch einräumen, daß es unpraktisch gewesen wäre, das
weitläufige und prächtige Haus, das Thomas Buddenbrooks kostspielige
Liebhaberei gewesen war, fernerhin zu bewohnen und instand zu halten,
und daß Gerdas Wunsch nach einer bequemen kleinen Villa, vorm Tore, im
Grünen, seine Berechtigung hatte …
Herrn Gosch, dem Makler Sigismund Gosch, dämmerte ein erhabener
Tag. Ein Erlebnis verklärte sein Greisenalter, das seinen Gliedern sogar für
mehrere Stunden das Zittern nahm. Es geschah, daß er sich in Gerda
Buddenbrooks Salon erblicken durfte, ihr gegenüber in einem Fauteuil,
Aug' in Auge mit ihr über den Preis ihres Hauses verhandelnd. Das
schlohweiße Haar von allen Seiten ins Gesicht gestrichen, starrte er ihr mit
gräßlich vorgeschobenem Kinn von unten herauf ins Angesicht und
erreichte es, vollkommen bucklig auszusehen. Seine Stimme zischte, aber
er sprach kalt und geschäftlich, und nichts verriet die Erschütterung seiner
Seele. Er machte sich anheischig, das Haus zu übernehmen, streckte die
Hand aus und bot mit tückischem Lächeln fünfundachtzigtausend Mark.
Das war annehmbar, denn ein Verlust war bei diesem Verkaufe
unvermeidlich. Allein Herrn Kistenmakers Meinung mußte gehört werden,
Gerda Buddenbrook mußte Herrn Gosch entlassen, ohne mit ihm
abgeschlossen zu haben, und es zeigte sich, daß Herr Kistenmaker nicht
gesonnen war, irgendwelche Eingriffe in seine Tätigkeit zu gestatten. Er
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mißachtete das Angebot des Herrn Gosch, er lachte darüber und schwor,
daß man weit mehr bekommen werde. Und er beschwor dies so lange, bis er
sich, um überhaupt einmal ein Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für
fünfundsiebenzigtausend Mark an einen alternden Junggesellen abzugeben,
der, von weiten Reisen zurückkehrend, sich in der Stadt niederzulassen
gedachte …
Herr Kistenmaker besorgte auch den Ankauf des neuen Hauses, einer
angenehmen kleinen Villa, die vielleicht ein wenig zu teuer erstanden
wurde, die aber, vorm Burgtore an einer alten Kastanienallee gelegen und
von einem hübschen Zier- und Nutzgarten umgeben, den Wünschen Gerda
Buddenbrooks entsprach … Dorthin zog die Senatorin, im Herbst des
Jahres sechsundsiebenzig, mit ihrem Sohne, ihren Dienstboten und einem
Teile ihres Hausrates, während ein anderer Teil davon unter dem Wehklagen
Frau Permaneders zurückgelassen werden und in den Besitz des alternden
Junggesellen übergehen mußte.
Nicht genug der Veränderungen! Mamsell Jungmann, Ida Jungmann,
seit vierzig Jahren im Buddenbrookschen Hause, trat aus den Diensten der
Familie und kehrte in ihre westpreußische Heimat zurück, um bei
Verwandten den Feierabend ihres Lebens zu verbringen. Die Wahrheit zu
sagen, so wurde sie von der Senatorin entlassen. Die gute Seele hatte, als
die vorige Generation ihr entwachsen war, alsbald den kleinen Johann
vorgefunden, den sie hegen und pflegen, dem sie Grimmsche Märchen
vorlesen und die Geschichte des Onkels erzählen konnte, welcher am
Schluckauf gestorben war. Nun aber war der kleine Johann eigentlich gar
nicht mehr klein, er war ein fünfzehnjähriger Junge, dem sie trotz seiner
Zartheit nicht mehr beträchtlich nützen konnte … und zu seiner Mutter
stand sie, lange schon, in einem ziemlich unangenehmen Verhältnis. Sie
hatte diese Frau, die weit später in die Familie eingetreten war als sie,
eigentlich niemals recht als zugehörig und vollwertig angesehen und
begann andererseits in vorgerückten Jahren mit dem Dünkel einer alten
Dienerin sich selbst übertriebene Befugnisse anzumaßen. Sie erregte
Anstoß, indem sie ihre Person als allzu wichtig betrachtete, indem sie sich
im Haushalte dieses oder jenes Übergriffes schuldig machte … Die Lage
ward unhaltbar, erregte Auftritte fanden statt, und obgleich Frau
Permaneder mit der nämlichen Beredsamkeit für sie bat, mit der sie für die
daß man weit mehr bekommen werde. Und er beschwor dies so lange, bis er
sich, um überhaupt einmal ein Ende zu machen, genötigt sah, das Haus für
fünfundsiebenzigtausend Mark an einen alternden Junggesellen abzugeben,
der, von weiten Reisen zurückkehrend, sich in der Stadt niederzulassen
gedachte …
Herr Kistenmaker besorgte auch den Ankauf des neuen Hauses, einer
angenehmen kleinen Villa, die vielleicht ein wenig zu teuer erstanden
wurde, die aber, vorm Burgtore an einer alten Kastanienallee gelegen und
von einem hübschen Zier- und Nutzgarten umgeben, den Wünschen Gerda
Buddenbrooks entsprach … Dorthin zog die Senatorin, im Herbst des
Jahres sechsundsiebenzig, mit ihrem Sohne, ihren Dienstboten und einem
Teile ihres Hausrates, während ein anderer Teil davon unter dem Wehklagen
Frau Permaneders zurückgelassen werden und in den Besitz des alternden
Junggesellen übergehen mußte.
Nicht genug der Veränderungen! Mamsell Jungmann, Ida Jungmann,
seit vierzig Jahren im Buddenbrookschen Hause, trat aus den Diensten der
Familie und kehrte in ihre westpreußische Heimat zurück, um bei
Verwandten den Feierabend ihres Lebens zu verbringen. Die Wahrheit zu
sagen, so wurde sie von der Senatorin entlassen. Die gute Seele hatte, als
die vorige Generation ihr entwachsen war, alsbald den kleinen Johann
vorgefunden, den sie hegen und pflegen, dem sie Grimmsche Märchen
vorlesen und die Geschichte des Onkels erzählen konnte, welcher am
Schluckauf gestorben war. Nun aber war der kleine Johann eigentlich gar
nicht mehr klein, er war ein fünfzehnjähriger Junge, dem sie trotz seiner
Zartheit nicht mehr beträchtlich nützen konnte … und zu seiner Mutter
stand sie, lange schon, in einem ziemlich unangenehmen Verhältnis. Sie
hatte diese Frau, die weit später in die Familie eingetreten war als sie,
eigentlich niemals recht als zugehörig und vollwertig angesehen und
begann andererseits in vorgerückten Jahren mit dem Dünkel einer alten
Dienerin sich selbst übertriebene Befugnisse anzumaßen. Sie erregte
Anstoß, indem sie ihre Person als allzu wichtig betrachtete, indem sie sich
im Haushalte dieses oder jenes Übergriffes schuldig machte … Die Lage
ward unhaltbar, erregte Auftritte fanden statt, und obgleich Frau
Permaneder mit der nämlichen Beredsamkeit für sie bat, mit der sie für die
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großen Wohnhäuser und die Möbel gebeten hatte, erhielt die alte Ida den
Abschied.
Sie weinte bitterlich, als die Stunde herankam, da sie dem kleinen
Johann Lebewohl zu sagen hatte. Er umarmte sie, legte dann die Hände auf
den Rücken, stützte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen Fuß auf
die Zehenspitzen stellte, und sah zu, wie sie davonging, mit demselben
grüblerischen und nach innen gekehrten Blick, den seine goldbraunen,
bläulich umschatteten Augen an der Leiche seiner Großmutter, beim Tode
seines Vaters, bei der Auflösung der großen Haushalte und so manchem
weniger äußerlichen Erlebnis ähnlicher Art angenommen hatten … Der
alten Ida Verabschiedung schloß sich in seiner Anschauung folgerichtig den
anderen Vorgängen des Abbröckelns, des Endens, des Abschließens, der
Zersetzung an, denen er beigewohnt hatte. Dergleichen befremdete ihn
nicht mehr; es hatte ihn seltsamerweise niemals befremdet. Manchmal,
wenn er seinen Kopf mit dem gelockten hellbraunen Haar und den immer
ein wenig verzerrten Lippen erhob und die feinen Flügel seiner Nase sich
empfindlich öffneten, war es, als schnuppere er behutsam in die
Atmosphäre und Lebensluft, die ihn umgab, gewärtig, den Duft, den
seltsam vertrauten Duft zu verspüren, den an der Bahre seiner Großmutter
alle Blumengerüche nicht zu übertäuben vermocht hatten …
Immer, wenn Frau Permaneder bei ihrer Schwägerin vorsprach, zog sie
ihren Neffen an sich, um ihm von der Vergangenheit und jener Zukunft zu
erzählen, welche Buddenbrooks, nächst der Gnade Gottes, ihm, dem
kleinen Johann, zu verdanken haben sollten. Je unerquicklicher die
Gegenwart sich darstellte, desto weniger konnte sie sich genug tun in
Schilderungen, wie vornehm das Leben in den Häusern ihrer Eltern und
Großeltern gewesen und wie Hannos Urgroßvater vierspännig über Land
gefahren sei … Eines Tages erlitt sie einen heftigen Anfall von
Magenkrampf, infolge davon, daß Friederike, Henriette und Pfiffi
Buddenbrook einstimmig behauptet hatten, Hagenströms seien die Creme
der Gesellschaft …
Über Christian lagen betrübende Nachrichten vor. Die Ehe schien sein
Befinden nicht günstig beeinflußt zu haben. Unheimliche Wahnideen und
Zwangsvorstellungen hatten sich bei ihm in verstärktem Maße wiederholt,
und auf Veranlassung seiner Gattin und eines Arztes hatte er sich nunmehr
Abschied.
Sie weinte bitterlich, als die Stunde herankam, da sie dem kleinen
Johann Lebewohl zu sagen hatte. Er umarmte sie, legte dann die Hände auf
den Rücken, stützte sich auf sein eines Bein, indem er den anderen Fuß auf
die Zehenspitzen stellte, und sah zu, wie sie davonging, mit demselben
grüblerischen und nach innen gekehrten Blick, den seine goldbraunen,
bläulich umschatteten Augen an der Leiche seiner Großmutter, beim Tode
seines Vaters, bei der Auflösung der großen Haushalte und so manchem
weniger äußerlichen Erlebnis ähnlicher Art angenommen hatten … Der
alten Ida Verabschiedung schloß sich in seiner Anschauung folgerichtig den
anderen Vorgängen des Abbröckelns, des Endens, des Abschließens, der
Zersetzung an, denen er beigewohnt hatte. Dergleichen befremdete ihn
nicht mehr; es hatte ihn seltsamerweise niemals befremdet. Manchmal,
wenn er seinen Kopf mit dem gelockten hellbraunen Haar und den immer
ein wenig verzerrten Lippen erhob und die feinen Flügel seiner Nase sich
empfindlich öffneten, war es, als schnuppere er behutsam in die
Atmosphäre und Lebensluft, die ihn umgab, gewärtig, den Duft, den
seltsam vertrauten Duft zu verspüren, den an der Bahre seiner Großmutter
alle Blumengerüche nicht zu übertäuben vermocht hatten …
Immer, wenn Frau Permaneder bei ihrer Schwägerin vorsprach, zog sie
ihren Neffen an sich, um ihm von der Vergangenheit und jener Zukunft zu
erzählen, welche Buddenbrooks, nächst der Gnade Gottes, ihm, dem
kleinen Johann, zu verdanken haben sollten. Je unerquicklicher die
Gegenwart sich darstellte, desto weniger konnte sie sich genug tun in
Schilderungen, wie vornehm das Leben in den Häusern ihrer Eltern und
Großeltern gewesen und wie Hannos Urgroßvater vierspännig über Land
gefahren sei … Eines Tages erlitt sie einen heftigen Anfall von
Magenkrampf, infolge davon, daß Friederike, Henriette und Pfiffi
Buddenbrook einstimmig behauptet hatten, Hagenströms seien die Creme
der Gesellschaft …
Über Christian lagen betrübende Nachrichten vor. Die Ehe schien sein
Befinden nicht günstig beeinflußt zu haben. Unheimliche Wahnideen und
Zwangsvorstellungen hatten sich bei ihm in verstärktem Maße wiederholt,
und auf Veranlassung seiner Gattin und eines Arztes hatte er sich nunmehr
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in eine Anstalt begeben. Er war nicht gern dort, schrieb lamentierende
Briefe an die Seinen und gab dem heftigen Wunsche Ausdruck, aus dieser
Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln schien, wieder befreit zu
werden. Aber man hielt ihn fest, und das war wohl das beste für ihn.
Jedenfalls setzte es seine Gemahlin in den Stand, unbeschadet der
praktischen und ideellen Vorteile, die sie der Heirat verdankte, ihr früheres
unabhängiges Leben ohne Rücksicht und Behinderung fortzuführen.
Zweites Kapitel
Das Werk der Weckuhr schnappte ein und rasselte pflichttreu und
grausam. Es war ein heiseres und geborstenes Geräusch, ein Klappern mehr
als ein Klingeln, denn sie war altgedient und abgenutzt; aber es dauerte
lange, hoffnungslos lange, denn sie war gründlich aufgezogen.
Hanno Buddenbrook erschrak zuinnerst. Wie jeden Morgen zogen sich
bei dem jähen Einsetzen dieses zugleich boshaften und treuherzigen
Lärmes, auf dem Nachttische, dicht neben seinem Ohre, vor Grimm, Klage
und Verzweiflung seine Eingeweide zusammen. Äußerlich aber blieb er
ganz ruhig, veränderte seine Lage im Bette nicht und riß nur rasch, aus
irgendeinem verwischten Morgentraume gejagt, die Augen auf.
Es war vollkommen finster in der winterkalten Stube; er unterschied
keinen Gegenstand und konnte die Zeiger der Uhr nicht sehen. Aber er
wußte, daß es sechs Uhr war, denn er hatte gestern abend den Wecker auf
diese Stunde gestellt … Gestern … gestern … Während er mit
angespannten Nerven, um den Entschluß kämpfend, Licht zu machen und
das Bett zu verlassen, regungslos auf dem Rücken lag, kehrte ihm nach und
nach alles ins Bewußtsein zurück, was ihn gestern erfüllt hatte …
Es war Sonntag gewesen, und nachdem er sich mehrere Tage
hintereinander von Herrn Brecht hatte malträtieren lassen müssen, hatte er
zur Belohnung seine Mutter ins Stadttheater begleiten dürfen, um den
»Lohengrin« zu hören. Die Freude auf diesen Abend hatte seit einer Woche
schon sein Leben ausgemacht. Beklagenswert war nur, daß stets vor
solcherlei Festen soviel des Widerwärtigen lagerte und bis zum letzten
Augenblick die freie und freudige Aussicht darauf verdarb. Aber endlich
Briefe an die Seinen und gab dem heftigen Wunsche Ausdruck, aus dieser
Anstalt, in der man ihn sehr streng zu behandeln schien, wieder befreit zu
werden. Aber man hielt ihn fest, und das war wohl das beste für ihn.
Jedenfalls setzte es seine Gemahlin in den Stand, unbeschadet der
praktischen und ideellen Vorteile, die sie der Heirat verdankte, ihr früheres
unabhängiges Leben ohne Rücksicht und Behinderung fortzuführen.
Zweites Kapitel
Das Werk der Weckuhr schnappte ein und rasselte pflichttreu und
grausam. Es war ein heiseres und geborstenes Geräusch, ein Klappern mehr
als ein Klingeln, denn sie war altgedient und abgenutzt; aber es dauerte
lange, hoffnungslos lange, denn sie war gründlich aufgezogen.
Hanno Buddenbrook erschrak zuinnerst. Wie jeden Morgen zogen sich
bei dem jähen Einsetzen dieses zugleich boshaften und treuherzigen
Lärmes, auf dem Nachttische, dicht neben seinem Ohre, vor Grimm, Klage
und Verzweiflung seine Eingeweide zusammen. Äußerlich aber blieb er
ganz ruhig, veränderte seine Lage im Bette nicht und riß nur rasch, aus
irgendeinem verwischten Morgentraume gejagt, die Augen auf.
Es war vollkommen finster in der winterkalten Stube; er unterschied
keinen Gegenstand und konnte die Zeiger der Uhr nicht sehen. Aber er
wußte, daß es sechs Uhr war, denn er hatte gestern abend den Wecker auf
diese Stunde gestellt … Gestern … gestern … Während er mit
angespannten Nerven, um den Entschluß kämpfend, Licht zu machen und
das Bett zu verlassen, regungslos auf dem Rücken lag, kehrte ihm nach und
nach alles ins Bewußtsein zurück, was ihn gestern erfüllt hatte …
Es war Sonntag gewesen, und nachdem er sich mehrere Tage
hintereinander von Herrn Brecht hatte malträtieren lassen müssen, hatte er
zur Belohnung seine Mutter ins Stadttheater begleiten dürfen, um den
»Lohengrin« zu hören. Die Freude auf diesen Abend hatte seit einer Woche
schon sein Leben ausgemacht. Beklagenswert war nur, daß stets vor
solcherlei Festen soviel des Widerwärtigen lagerte und bis zum letzten
Augenblick die freie und freudige Aussicht darauf verdarb. Aber endlich
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war doch am Sonnabend die Schulzeit überstanden gewesen, und die
Tretmaschine hatte zum letzten Male in seinem Munde mit schmerzhaftem
Summen gebohrt … Nun war alles beiseite geschafft und überwunden
gewesen, denn die Schulaufgaben hatte er kurz entschlossen jenseits des
Sonntagabends geschoben. Was hatte der Montag bedeutet? War es
wahrscheinlich gewesen, daß er jemals anbrechen würde? Man glaubt an
keinen Montag, wenn man am Sonntag abend den »Lohengrin« hören soll
… Er hatte am Montag frühzeitig aufstehen wollen und diese albernen
Sachen erledigen – damit genug! Nun war er frei umhergegangen, hatte die
Freude seines Herzens gepflegt, am Flügel geträumt und alle Widrigkeiten
vergessen.
Und dann war das Glück zur Wirklichkeit geworden. Es war über ihn
gekommen mit seinen Weihen und Entzückungen, seinem heimlichen
Erschauern und Erbeben, seinem plötzlichen innerlichen Schluchzen,
seinem ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche … Freilich,
die billigen Geigen des Orchesters hatten beim Vorspiel ein wenig versagt,
und ein dicker, eingebildeter Mensch mit brotblondem Vollbarte war im
Nachen ein wenig ruckweise herangeschwommen. Auch war in der
Nachbarloge sein Vormund Herr Stephan Kistenmaker zugegen gewesen
und hatte gemurrt, daß man den Jungen auf solche Weise zerstreue und von
seinen Pflichten ablenke. Aber darüber hatte ihn die süße und verklärte
Herrlichkeit, auf die er lauschte, hinweggehoben …
Und endlich war doch das Ende gekommen. Das singende,
schimmernde Glück war verstummt und erloschen, mit fiebrigem Kopfe
hatte er sich daheim in seinem Zimmer wiedergefunden und war gewahr
worden, daß nur ein paar Stunden des Schlafes dort in seinem Bett ihn von
grauem Alltag trennten. Da hatte ihn ein Anfall jener gänzlichen Verzagtheit
überwältigt, die er so wohl kannte. Er hatte wieder empfunden, wie wehe
die Schönheit tut, wie tief sie in Scham und sehnsüchtige Verzweiflung
stürzt und doch auch den Mut und die Tauglichkeit zum gemeinen Leben
verzehrt. So fürchterlich hoffnungslos und bergeschwer hatte es ihn
niedergedrückt, daß er sich wieder einmal gesagt hatte, es müsse mehr sein
als seine persönlichen Kümmernisse, was auf ihm laste, eine Bürde, die von
Anbeginn seine Seele beschwert habe und sie irgendwann einmal ersticken
müsse …
Tretmaschine hatte zum letzten Male in seinem Munde mit schmerzhaftem
Summen gebohrt … Nun war alles beiseite geschafft und überwunden
gewesen, denn die Schulaufgaben hatte er kurz entschlossen jenseits des
Sonntagabends geschoben. Was hatte der Montag bedeutet? War es
wahrscheinlich gewesen, daß er jemals anbrechen würde? Man glaubt an
keinen Montag, wenn man am Sonntag abend den »Lohengrin« hören soll
… Er hatte am Montag frühzeitig aufstehen wollen und diese albernen
Sachen erledigen – damit genug! Nun war er frei umhergegangen, hatte die
Freude seines Herzens gepflegt, am Flügel geträumt und alle Widrigkeiten
vergessen.
Und dann war das Glück zur Wirklichkeit geworden. Es war über ihn
gekommen mit seinen Weihen und Entzückungen, seinem heimlichen
Erschauern und Erbeben, seinem plötzlichen innerlichen Schluchzen,
seinem ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche … Freilich,
die billigen Geigen des Orchesters hatten beim Vorspiel ein wenig versagt,
und ein dicker, eingebildeter Mensch mit brotblondem Vollbarte war im
Nachen ein wenig ruckweise herangeschwommen. Auch war in der
Nachbarloge sein Vormund Herr Stephan Kistenmaker zugegen gewesen
und hatte gemurrt, daß man den Jungen auf solche Weise zerstreue und von
seinen Pflichten ablenke. Aber darüber hatte ihn die süße und verklärte
Herrlichkeit, auf die er lauschte, hinweggehoben …
Und endlich war doch das Ende gekommen. Das singende,
schimmernde Glück war verstummt und erloschen, mit fiebrigem Kopfe
hatte er sich daheim in seinem Zimmer wiedergefunden und war gewahr
worden, daß nur ein paar Stunden des Schlafes dort in seinem Bett ihn von
grauem Alltag trennten. Da hatte ihn ein Anfall jener gänzlichen Verzagtheit
überwältigt, die er so wohl kannte. Er hatte wieder empfunden, wie wehe
die Schönheit tut, wie tief sie in Scham und sehnsüchtige Verzweiflung
stürzt und doch auch den Mut und die Tauglichkeit zum gemeinen Leben
verzehrt. So fürchterlich hoffnungslos und bergeschwer hatte es ihn
niedergedrückt, daß er sich wieder einmal gesagt hatte, es müsse mehr sein
als seine persönlichen Kümmernisse, was auf ihm laste, eine Bürde, die von
Anbeginn seine Seele beschwert habe und sie irgendwann einmal ersticken
müsse …
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Dann hatte er den Wecker gerichtet und geschlafen, so tief und tot, wie
man schläft, wenn man niemals wieder erwachen möchte. Und nun war der
Montag da, und es war sechs Uhr, und er hatte für keine Stunde gearbeitet!
Er richtete sich auf und entzündete die Kerze auf dem Nachttische. Da
aber in der eiskalten Luft seine Arme und Schultern sofort heftig zu frieren
begannen, ließ er sich rasch wieder zurücksinken und zog die Decke über
sich.
Die Zeiger wiesen auf zehn Minuten nach sechs Uhr … Ach, es war
sinnlos, nun aufzustehen und zu arbeiten, es war zuviel, es gab beinahe für
jede Stunde etwas zu lernen, es lohnte nicht, damit anzufangen, und der
Zeitpunkt, den er sich festgesetzt, war sowieso überschritten … War es denn
so sicher, wie es ihm gestern erschienen war, daß er heute sowohl im
Lateinischen wie in der Chemie an die Reihe kommen würde? Es war
anzunehmen, ja, nach menschlicher Voraussicht war es wahrscheinlich. Was
den Ovid betraf, so waren neulich die Namen ausgerufen worden, die mit
den letzten Buchstaben des Alphabetes begannen, und mutmaßlich würde es
heute mit A und B von vorn anfangen. Aber es war doch nicht unbedingt
sicher, nicht ganz und gar zweifellos! Es kamen doch Abweichungen von
der Regel vor! Was bewirkte nicht manchmal der Zufall, du lieber Gott!…
Und während er sich mit diesen trügerischen und gewaltsamen Erwägungen
beschäftigte, verschwammen seine Gedanken ineinander, und er entschlief
aufs neue.
Das kleine Schülerzimmer, kalt und kahl, mit seiner Sixtinischen
Madonna als Kupferstich über dem Bette, seinem Ausziehtisch in der Mitte,
seinem unordentlich vollgepfropften Bücherbord, einem steifbeinigen
Mahagonipult, dem Harmonium und dem schmalen Waschtisch, lag stumm
in dem wankenden Schein der Kerze. Eisblumen blühten am Fenster, dessen
Rouleau nicht hinabgelassen war, damit das Tageslicht früher hereindringe.
Und Hanno Buddenbrook schlief, die Wange in das Kissen geschmiegt. Er
schlief mit getrennten Lippen und tief und fest gesenkten Wimpern, mit
dem Ausdruck einer inbrünstigen und schmerzlichen Hingabe an den
Schlaf, und sein weiches, hellbraunes Haar bedeckte gelockt seine Schläfen.
Und langsam verlor das Flämmchen auf dem Nachttische seinen rotgelben
Schein, da durch die Eiskruste der Fensterscheibe der matte Morgen starr
und fahl ins Zimmer blickte.
man schläft, wenn man niemals wieder erwachen möchte. Und nun war der
Montag da, und es war sechs Uhr, und er hatte für keine Stunde gearbeitet!
Er richtete sich auf und entzündete die Kerze auf dem Nachttische. Da
aber in der eiskalten Luft seine Arme und Schultern sofort heftig zu frieren
begannen, ließ er sich rasch wieder zurücksinken und zog die Decke über
sich.
Die Zeiger wiesen auf zehn Minuten nach sechs Uhr … Ach, es war
sinnlos, nun aufzustehen und zu arbeiten, es war zuviel, es gab beinahe für
jede Stunde etwas zu lernen, es lohnte nicht, damit anzufangen, und der
Zeitpunkt, den er sich festgesetzt, war sowieso überschritten … War es denn
so sicher, wie es ihm gestern erschienen war, daß er heute sowohl im
Lateinischen wie in der Chemie an die Reihe kommen würde? Es war
anzunehmen, ja, nach menschlicher Voraussicht war es wahrscheinlich. Was
den Ovid betraf, so waren neulich die Namen ausgerufen worden, die mit
den letzten Buchstaben des Alphabetes begannen, und mutmaßlich würde es
heute mit A und B von vorn anfangen. Aber es war doch nicht unbedingt
sicher, nicht ganz und gar zweifellos! Es kamen doch Abweichungen von
der Regel vor! Was bewirkte nicht manchmal der Zufall, du lieber Gott!…
Und während er sich mit diesen trügerischen und gewaltsamen Erwägungen
beschäftigte, verschwammen seine Gedanken ineinander, und er entschlief
aufs neue.
Das kleine Schülerzimmer, kalt und kahl, mit seiner Sixtinischen
Madonna als Kupferstich über dem Bette, seinem Ausziehtisch in der Mitte,
seinem unordentlich vollgepfropften Bücherbord, einem steifbeinigen
Mahagonipult, dem Harmonium und dem schmalen Waschtisch, lag stumm
in dem wankenden Schein der Kerze. Eisblumen blühten am Fenster, dessen
Rouleau nicht hinabgelassen war, damit das Tageslicht früher hereindringe.
Und Hanno Buddenbrook schlief, die Wange in das Kissen geschmiegt. Er
schlief mit getrennten Lippen und tief und fest gesenkten Wimpern, mit
dem Ausdruck einer inbrünstigen und schmerzlichen Hingabe an den
Schlaf, und sein weiches, hellbraunes Haar bedeckte gelockt seine Schläfen.
Und langsam verlor das Flämmchen auf dem Nachttische seinen rotgelben
Schein, da durch die Eiskruste der Fensterscheibe der matte Morgen starr
und fahl ins Zimmer blickte.
Page 661
Als es sieben Uhr war, erwachte er wieder mit Schrecken. Nun war auch
diese Frist abgelaufen. Aufstehen und den Tag auf sich nehmen – es gab
nichts, um das abzuwenden. Eine kurze Stunde nur noch bis zum
Schulanfang … Die Zeit drängte, von den Arbeiten nun ganz zu schweigen.
Trotzdem blieb er noch liegen, voll von Erbitterung, Trauer und Anklage
dieses brutalen Zwanges wegen, in frostigem Halbdunkel das warme Bett
zu verlassen und sich hinaus unter strenge und übelwollende Menschen in
Not und Gefahr zu begeben. Ach, noch zwei armselige Minuten, nicht
wahr? fragte er sein Kopfkissen mit überquellender Zärtlichkeit. Und dann,
in einem Anfall von Trotz, schenkte er sich fünf volle Minuten, um noch ein
wenig die Augen zu schließen, von Zeit zu Zeit das eine zu öffnen und
verzweiflungsvoll auf den Zeiger zu starren, der stumpfsinnig, unwissend
und korrekt seines Weges vorwärts ging …
Zehn Minuten nach sieben Uhr riß er sich los und fing an, sich in
höchster Hast im Zimmer hin und her zu bewegen. Die Kerze brannte fort,
denn das Tageslicht allein genügte noch nicht. Als er eine Eisblume
zerhauchte, sah er, daß draußen dichter Nebel herrschte.
Ihn fror über alle Maßen. Der Frost schüttelte manchmal mit
schmerzhaftem Schauder seinen ganzen Körper. Seine Fingerspitzen
brannten und waren so geschwollen, daß mit der Nagelbürste nichts
anzufangen war. Als er sich den Oberkörper wusch, ließ seine beinah
erstorbene Hand den Schwamm zu Boden fallen, und er stand einen
Augenblick starr und hilflos da, qualmend wie ein schwitzendes Pferd.
Und endlich, mit gehetztem Atem und trüben Augen, stand er dennoch
fertig am Ausziehtische, ergriff die Ledermappe und raffte die Geisteskräfte
zusammen, welche die Verzweiflung ihm übrig ließ, um für die Stunden
von heute die nötigen Bücher hineinzupacken. Er stand, sah angestrengt in
die Luft, murmelte angstvoll: »Religion … Lateinisch … Chemie …« und
stopfte die defekten und mit Tinte befleckten Pappbände zueinander …
Ja, er war nun schon ziemlich lang, der kleine Johann. Er war mehr als
fünfzehnjährig und trug kein Kopenhagener Matrosenhabit mehr, sondern
einen hellbraunen Jackettanzug mit blauer, weißgesprenkelter Krawatte.
Auf seiner Weste war die lange und dünne goldene Uhrkette zu sehen, die
von seinem Urgroßvater auf ihn gekommen war, und an dem vierten Finger
diese Frist abgelaufen. Aufstehen und den Tag auf sich nehmen – es gab
nichts, um das abzuwenden. Eine kurze Stunde nur noch bis zum
Schulanfang … Die Zeit drängte, von den Arbeiten nun ganz zu schweigen.
Trotzdem blieb er noch liegen, voll von Erbitterung, Trauer und Anklage
dieses brutalen Zwanges wegen, in frostigem Halbdunkel das warme Bett
zu verlassen und sich hinaus unter strenge und übelwollende Menschen in
Not und Gefahr zu begeben. Ach, noch zwei armselige Minuten, nicht
wahr? fragte er sein Kopfkissen mit überquellender Zärtlichkeit. Und dann,
in einem Anfall von Trotz, schenkte er sich fünf volle Minuten, um noch ein
wenig die Augen zu schließen, von Zeit zu Zeit das eine zu öffnen und
verzweiflungsvoll auf den Zeiger zu starren, der stumpfsinnig, unwissend
und korrekt seines Weges vorwärts ging …
Zehn Minuten nach sieben Uhr riß er sich los und fing an, sich in
höchster Hast im Zimmer hin und her zu bewegen. Die Kerze brannte fort,
denn das Tageslicht allein genügte noch nicht. Als er eine Eisblume
zerhauchte, sah er, daß draußen dichter Nebel herrschte.
Ihn fror über alle Maßen. Der Frost schüttelte manchmal mit
schmerzhaftem Schauder seinen ganzen Körper. Seine Fingerspitzen
brannten und waren so geschwollen, daß mit der Nagelbürste nichts
anzufangen war. Als er sich den Oberkörper wusch, ließ seine beinah
erstorbene Hand den Schwamm zu Boden fallen, und er stand einen
Augenblick starr und hilflos da, qualmend wie ein schwitzendes Pferd.
Und endlich, mit gehetztem Atem und trüben Augen, stand er dennoch
fertig am Ausziehtische, ergriff die Ledermappe und raffte die Geisteskräfte
zusammen, welche die Verzweiflung ihm übrig ließ, um für die Stunden
von heute die nötigen Bücher hineinzupacken. Er stand, sah angestrengt in
die Luft, murmelte angstvoll: »Religion … Lateinisch … Chemie …« und
stopfte die defekten und mit Tinte befleckten Pappbände zueinander …
Ja, er war nun schon ziemlich lang, der kleine Johann. Er war mehr als
fünfzehnjährig und trug kein Kopenhagener Matrosenhabit mehr, sondern
einen hellbraunen Jackettanzug mit blauer, weißgesprenkelter Krawatte.
Auf seiner Weste war die lange und dünne goldene Uhrkette zu sehen, die
von seinem Urgroßvater auf ihn gekommen war, und an dem vierten Finger
Page 662
seiner ein wenig zu breiten, aber zartgegliederten Rechten stak der alte
Erbsiegelring mit grünem Stein, der nun ebenfalls ihm gehörte … Er zog
die dicke, wollige Winterjacke an, setzte den Hut auf, riß die Mappe an
sich, löschte die Kerze und stürzte die Treppe hinunter ins Erdgeschoß, an
dem ausgestopften Bären vorbei, zur Rechten ins Speisezimmer.
Fräulein Clementine, die neue Jungfer seiner Mutter, ein mageres
Mädchen mit Stirnlocken, spitzer Nase und kurzsichtigen Augen, war
bereits zur Stelle und machte sich am Frühstückstische zu schaffen.
»Wie spät ist es eigentlich?« fragte er zwischen den Zähnen, obgleich er
es sehr genau wußte.
»Viertel vor acht«, antwortete sie und wies mit ihrer dünnen, roten
Hand, die aussah wie gichtisch, auf die Wanduhr. »Sie müssen wohl
zusehen, daß Sie fortkommen, Hanno …« Damit setzte sie die dampfende
Tasse an seinen Platz und schob ihm Brotkorb und Butter, Salz und
Eierbecher zu.
Er sagte nichts mehr, griff nach einer Semmel und begann im Stehen,
den Hut auf dem Kopfe und die Mappe unterm Arm, den Kakao zu
schlucken. Das heiße Getränk tat entsetzlich weh an einem Backenzahn,
den gerade Herr Brecht in Behandlung gehabt hatte … Er ließ die Hälfte
stehen, verschmähte auch das Ei, ließ mit verzerrtem Munde einen leisen
Laut vernehmen, den man als Adieu deuten mochte, und lief aus dem
Hause.
Es war zehn Minuten vor acht Uhr, als er den Vorgarten passierte, die
kleine rote Villa zurückließ und nach rechts die winterliche Allee entlang zu
hasten begann … Zehn, neun, acht Minuten nur noch. Und der Weg war
weit. Und man konnte vor Nebel kaum sehen, wie weit man gekommen
war! Er zog ihn ein und stieß ihn wieder aus, diesen dicken, eiskalten
Nebel, mit der ganzen Kraft seiner schmalen Brust, stemmte die Zunge
gegen den Zahn, der vom Kakao noch brannte, und tat den Muskeln seiner
Beine eine unsinnige Gewalt an. Er war in Schweiß gebadet und fühlte sich
dennoch erfroren in jedem Gliede. In seinen Seiten fing es an zu stechen.
Das bißchen Frühstück revoltierte in seinem Magen bei diesem
Morgenspaziergang, ihm ward übel, und sein Herz war nur noch ein
bebendes und haltlos flatterndes Ding, das ihm den Atem nahm.
Erbsiegelring mit grünem Stein, der nun ebenfalls ihm gehörte … Er zog
die dicke, wollige Winterjacke an, setzte den Hut auf, riß die Mappe an
sich, löschte die Kerze und stürzte die Treppe hinunter ins Erdgeschoß, an
dem ausgestopften Bären vorbei, zur Rechten ins Speisezimmer.
Fräulein Clementine, die neue Jungfer seiner Mutter, ein mageres
Mädchen mit Stirnlocken, spitzer Nase und kurzsichtigen Augen, war
bereits zur Stelle und machte sich am Frühstückstische zu schaffen.
»Wie spät ist es eigentlich?« fragte er zwischen den Zähnen, obgleich er
es sehr genau wußte.
»Viertel vor acht«, antwortete sie und wies mit ihrer dünnen, roten
Hand, die aussah wie gichtisch, auf die Wanduhr. »Sie müssen wohl
zusehen, daß Sie fortkommen, Hanno …« Damit setzte sie die dampfende
Tasse an seinen Platz und schob ihm Brotkorb und Butter, Salz und
Eierbecher zu.
Er sagte nichts mehr, griff nach einer Semmel und begann im Stehen,
den Hut auf dem Kopfe und die Mappe unterm Arm, den Kakao zu
schlucken. Das heiße Getränk tat entsetzlich weh an einem Backenzahn,
den gerade Herr Brecht in Behandlung gehabt hatte … Er ließ die Hälfte
stehen, verschmähte auch das Ei, ließ mit verzerrtem Munde einen leisen
Laut vernehmen, den man als Adieu deuten mochte, und lief aus dem
Hause.
Es war zehn Minuten vor acht Uhr, als er den Vorgarten passierte, die
kleine rote Villa zurückließ und nach rechts die winterliche Allee entlang zu
hasten begann … Zehn, neun, acht Minuten nur noch. Und der Weg war
weit. Und man konnte vor Nebel kaum sehen, wie weit man gekommen
war! Er zog ihn ein und stieß ihn wieder aus, diesen dicken, eiskalten
Nebel, mit der ganzen Kraft seiner schmalen Brust, stemmte die Zunge
gegen den Zahn, der vom Kakao noch brannte, und tat den Muskeln seiner
Beine eine unsinnige Gewalt an. Er war in Schweiß gebadet und fühlte sich
dennoch erfroren in jedem Gliede. In seinen Seiten fing es an zu stechen.
Das bißchen Frühstück revoltierte in seinem Magen bei diesem
Morgenspaziergang, ihm ward übel, und sein Herz war nur noch ein
bebendes und haltlos flatterndes Ding, das ihm den Atem nahm.
Page 663
Das Burgtor, das Burgtor erst, und dabei war es vier Minuten vor acht!
Während er sich in kalter Transpiration, in Schmerz, Übelkeit und Not
durch die Straßen kämpfte, spähte er nach allen Seiten, ob nicht vielleicht
noch andre Schüler zu sehen seien … Nein, nein, es kam niemand mehr.
Alle waren an Ort und Stelle, und da begann es auch schon acht Uhr zu
schlagen! Die Glocken klangen durch den Nebel von allen Türmen, und
diejenigen von Sankt Marien spielten zur Feier des Augenblicks sogar »Nun
danket alle Gott« … Sie spielten es grundfalsch, wie Hanno rasend vor
Verzweiflung konstatierte, sie hatten keine Ahnung von Rhythmus und
waren höchst mangelhaft gestimmt … Aber das war nun das wenigste, das
wenigste! Ja, er kam zu spät, es war wohl keine Frage mehr. Die Schuluhr
war ein wenig im Rückstande, aber er kam dennoch zu spät, es war sicher.
Er starrte den Leuten ins Gesicht, die an ihm vorübergingen. Sie begaben
sich in ihre Kontore und an ihre Geschäfte, sie eilten gar nicht sehr, und
nichts drohte ihnen. Manche erwiderten seinen neidischen und klagenden
Blick, musterten seine aufgelöste Erscheinung und lächelten. Er war außer
sich über dieses Lächeln. Was dachten sie sich und wie beurteilten diese
Ungeängstigten die Sachlage? Es beruht auf Roheit, hätte er ihnen
zuschreien mögen, Ihr Lächeln, meine Herrschaften! Sie könnten bedenken,
daß es innig wünschenswert wäre, vor dem geschlossenen Hoftore tot
umzufallen …
Das anhaltend gellende Klingeln, das Zeichen zum Beginne der
Montagsandacht, schlug an sein Ohr, als er noch zwanzig Schritte von der
langen, roten, von zwei gußeisernen Pforten unterbrochenen Mauer entfernt
war, die den vorderen Schulhof von der Straße trennte. Ohne über
irgendwelche Kräfte zum Ausschreiten und Laufen mehr zu verfügen, ließ
er seinen Oberkörper einfach nach vorne fallen, wobei die Beine wohl oder
übel das Hinstürzen verhindern mußten, indem sie sich stolpernd und
schlotternd ebenfalls vorwärts bewegten, und gelangte so vor die erste
Pforte, als das Klingeln schon verstummt war.
Herr Schlemiel, der Kustos, ein untersetzter Mann mit rauhbärtigem
Arbeitergesicht, war eben im Begriff, sie zu verschließen. »Na …« sagte er
und ließ den Schüler Buddenbrook hindurchschlüpfen … Vielleicht,
vielleicht war er gerettet. Es galt, sich ungesehen ins Klassenzimmer zu
stehlen, dort heimlich das Ende der Andacht abzuwarten, die in der
Turnhalle abgehalten wurde, und zu tun, als ob alles in Ordnung sei. Und
Während er sich in kalter Transpiration, in Schmerz, Übelkeit und Not
durch die Straßen kämpfte, spähte er nach allen Seiten, ob nicht vielleicht
noch andre Schüler zu sehen seien … Nein, nein, es kam niemand mehr.
Alle waren an Ort und Stelle, und da begann es auch schon acht Uhr zu
schlagen! Die Glocken klangen durch den Nebel von allen Türmen, und
diejenigen von Sankt Marien spielten zur Feier des Augenblicks sogar »Nun
danket alle Gott« … Sie spielten es grundfalsch, wie Hanno rasend vor
Verzweiflung konstatierte, sie hatten keine Ahnung von Rhythmus und
waren höchst mangelhaft gestimmt … Aber das war nun das wenigste, das
wenigste! Ja, er kam zu spät, es war wohl keine Frage mehr. Die Schuluhr
war ein wenig im Rückstande, aber er kam dennoch zu spät, es war sicher.
Er starrte den Leuten ins Gesicht, die an ihm vorübergingen. Sie begaben
sich in ihre Kontore und an ihre Geschäfte, sie eilten gar nicht sehr, und
nichts drohte ihnen. Manche erwiderten seinen neidischen und klagenden
Blick, musterten seine aufgelöste Erscheinung und lächelten. Er war außer
sich über dieses Lächeln. Was dachten sie sich und wie beurteilten diese
Ungeängstigten die Sachlage? Es beruht auf Roheit, hätte er ihnen
zuschreien mögen, Ihr Lächeln, meine Herrschaften! Sie könnten bedenken,
daß es innig wünschenswert wäre, vor dem geschlossenen Hoftore tot
umzufallen …
Das anhaltend gellende Klingeln, das Zeichen zum Beginne der
Montagsandacht, schlug an sein Ohr, als er noch zwanzig Schritte von der
langen, roten, von zwei gußeisernen Pforten unterbrochenen Mauer entfernt
war, die den vorderen Schulhof von der Straße trennte. Ohne über
irgendwelche Kräfte zum Ausschreiten und Laufen mehr zu verfügen, ließ
er seinen Oberkörper einfach nach vorne fallen, wobei die Beine wohl oder
übel das Hinstürzen verhindern mußten, indem sie sich stolpernd und
schlotternd ebenfalls vorwärts bewegten, und gelangte so vor die erste
Pforte, als das Klingeln schon verstummt war.
Herr Schlemiel, der Kustos, ein untersetzter Mann mit rauhbärtigem
Arbeitergesicht, war eben im Begriff, sie zu verschließen. »Na …« sagte er
und ließ den Schüler Buddenbrook hindurchschlüpfen … Vielleicht,
vielleicht war er gerettet. Es galt, sich ungesehen ins Klassenzimmer zu
stehlen, dort heimlich das Ende der Andacht abzuwarten, die in der
Turnhalle abgehalten wurde, und zu tun, als ob alles in Ordnung sei. Und
Page 664
mit Keuchen nach Luft ringend, aufgerieben und in kaltem Schweiße
erstarrt, schleppte er sich über den mit roten Klinkern gepflasterten Hof und
durch eine der hübschen, mit bunten Glasscheiben versehenen Klapptüren
ins Innere …
Es war alles neu, reinlich und schön hier in der Anstalt. Der Zeit war ihr
Recht geworden, und die grauen und altersmorschen Teile der ehemaligen
Klosterschule, in denen noch die Väter der jetzigen Generation der
Wissenschaft gepflogen hatten, waren der Erde gleichgemacht, um neue,
luftige, prächtige Baulichkeiten an ihrer Stelle erstehen zu lassen. Der Stil
des Ganzen war gewahrt worden, und über Korridoren und Kreuzgängen
spannten sich feierlich die gotischen Gewölbe. Was aber die Beleuchtung
und Heizung, was die Geräumigkeit und Helligkeit der Klassen, die
Behaglichkeit der Lehrerzimmer, die praktische Einrichtung der Säle für
Chemie-, Physik- und Zeichenunterricht betraf, so herrschte der vollste
Komfort der Neuzeit …
Der erschöpfte Hanno Buddenbrook drückte sich an der Wand entlang
und blickte um sich … Nein, gepriesen sei Gott, es sah ihn niemand. Von
fernen Korridoren hallte das Gewühl der Schüler- und Lehrermasse zu ihm
her, die sich zur Turnhalle wälzte, um dort für die Arbeit der Woche eine
kleine religiöse Stärkung zu sich zu nehmen. Hier vorn lag alles tot und
still, und auch der Weg über die breite, mit Linoleum gedeckte Treppe war
frei. Behutsam, auf den Zehenspitzen, verhaltenen Atems und angespannt
lauschend, schlich er hinauf. Sein Klassenzimmer, die Realuntersekunda,
war im ersten Stockwerk, der Treppe gegenüber gelegen; die Tür stand
offen. Auf der obersten Stufe spähte er, vorgebeugt, den langen Wandelgang
entlang, an dessen beiden Seiten sich die mit Porzellanschildern versehenen
Eingänge zu den verschiedenen Klassen reihten, tat drei rasche,
geräuschlose Schritte vorwärts und befand sich im Zimmer.
Es war leer. Die drei breiten Fenster waren noch verhangen, und die
brennenden Gaslampen, die von der Decke niederhingen, kochten leise in
der Stille. Grüne Schirme breiteten das Licht über die drei Kolonnen
zweisitziger Pultbänke aus hellem Holze hin, denen dunkel, lehrhaft und
reserviert, mit einer Wandtafel zu seinen Häupten, das Katheder gegenüber
stand. Eine gelbe Holztäfelung bekleidete den unteren Teil der Wände, und
darüber waren die nackten Kalkflächen mit ein paar Landkarten
erstarrt, schleppte er sich über den mit roten Klinkern gepflasterten Hof und
durch eine der hübschen, mit bunten Glasscheiben versehenen Klapptüren
ins Innere …
Es war alles neu, reinlich und schön hier in der Anstalt. Der Zeit war ihr
Recht geworden, und die grauen und altersmorschen Teile der ehemaligen
Klosterschule, in denen noch die Väter der jetzigen Generation der
Wissenschaft gepflogen hatten, waren der Erde gleichgemacht, um neue,
luftige, prächtige Baulichkeiten an ihrer Stelle erstehen zu lassen. Der Stil
des Ganzen war gewahrt worden, und über Korridoren und Kreuzgängen
spannten sich feierlich die gotischen Gewölbe. Was aber die Beleuchtung
und Heizung, was die Geräumigkeit und Helligkeit der Klassen, die
Behaglichkeit der Lehrerzimmer, die praktische Einrichtung der Säle für
Chemie-, Physik- und Zeichenunterricht betraf, so herrschte der vollste
Komfort der Neuzeit …
Der erschöpfte Hanno Buddenbrook drückte sich an der Wand entlang
und blickte um sich … Nein, gepriesen sei Gott, es sah ihn niemand. Von
fernen Korridoren hallte das Gewühl der Schüler- und Lehrermasse zu ihm
her, die sich zur Turnhalle wälzte, um dort für die Arbeit der Woche eine
kleine religiöse Stärkung zu sich zu nehmen. Hier vorn lag alles tot und
still, und auch der Weg über die breite, mit Linoleum gedeckte Treppe war
frei. Behutsam, auf den Zehenspitzen, verhaltenen Atems und angespannt
lauschend, schlich er hinauf. Sein Klassenzimmer, die Realuntersekunda,
war im ersten Stockwerk, der Treppe gegenüber gelegen; die Tür stand
offen. Auf der obersten Stufe spähte er, vorgebeugt, den langen Wandelgang
entlang, an dessen beiden Seiten sich die mit Porzellanschildern versehenen
Eingänge zu den verschiedenen Klassen reihten, tat drei rasche,
geräuschlose Schritte vorwärts und befand sich im Zimmer.
Es war leer. Die drei breiten Fenster waren noch verhangen, und die
brennenden Gaslampen, die von der Decke niederhingen, kochten leise in
der Stille. Grüne Schirme breiteten das Licht über die drei Kolonnen
zweisitziger Pultbänke aus hellem Holze hin, denen dunkel, lehrhaft und
reserviert, mit einer Wandtafel zu seinen Häupten, das Katheder gegenüber
stand. Eine gelbe Holztäfelung bekleidete den unteren Teil der Wände, und
darüber waren die nackten Kalkflächen mit ein paar Landkarten
Page 665
geschmückt. Eine zweite Tafel lehnte auf einer Staffelei zur Seite des
Katheders.
Hanno ging zu seinem Platz, der sich ungefähr inmitten des Zimmers
befand, schob die Mappe ins Fach, sank auf den harten Sitz, legte die Arme
auf die schräge Platte und bettete seinen Kopf darauf. Ein unsägliches
Wohlgefühl durchrieselte ihn. Diese kahle und harte Stube war häßlich und
hassenswert, und auf seinem Herzen lastete der ganze drohende Vormittag
mit tausend Gefahren. Aber er war doch fürs erste in Sicherheit, war
körperlich geborgen und konnte die Dinge an sich herankommen lassen.
Auch war die erste, die Religionsstunde bei Herrn Ballerstedt ziemlich
harmloser Natur … An dem Vibrieren des Papierzüngleins dort oben vor
der kreisrunden Öffnung in der Wand sah man, wie die warme Luft
hereinströmte, und auch die Gasflammen heizten den Raum. Ach, man
konnte sich strecken und die starr-feuchten Glieder langsam sich lösen und
auftauen lassen. Eine wohlige und ungesunde Hitze stieg in seinen Kopf
hinauf, summte in seinen Ohren und verschleierte seine Augen …
Plötzlich vernahm er hinter sich ein Geräusch, das ihn zusammenzucken
und sich jäh herumwenden ließ … Und siehe da, hinter der hintersten Bank
kam der Oberkörper Kais, des Grafen Mölln, zum Vorschein. Er kroch
hervor, der junge Herr, er arbeitete sich heraus, stellte sich auf die Füße,
schlug leicht und schnell die Hände gegeneinander, um den Staub davon
abzustreifen, und schritt strahlenden Angesichts auf Hanno Buddenbrook
zu.
»Ach, du bist es, Hanno!« sagte er. »Und ich zog mich d o r t hin zurück,
weil ich dich für ein Stück Lehrkörper hielt, als du kamst!«
Seine Stimme brach sich beim Sprechen, merklich im Wechseln
begriffen, was bei seinem Freunde noch nicht der Fall war. Er war in
gleichem Maße gewachsen wie dieser, aber sonst war er ganz und gar
derselbe geblieben. Immer noch trug er einen Anzug von unbestimmter
Farbe, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und dessen Gesäß von einem
großen Flicken gebildet ward. Immer noch waren seine Hände nicht ganz
reinlich, aber schmal und außerordentlich edel gebildet, mit langen,
schlanken Fingern und spitz zulaufenden Nägeln. Und immer noch fiel sein
flüchtig in der Mitte gescheiteltes, rötlich gelbes Haar in eine
Katheders.
Hanno ging zu seinem Platz, der sich ungefähr inmitten des Zimmers
befand, schob die Mappe ins Fach, sank auf den harten Sitz, legte die Arme
auf die schräge Platte und bettete seinen Kopf darauf. Ein unsägliches
Wohlgefühl durchrieselte ihn. Diese kahle und harte Stube war häßlich und
hassenswert, und auf seinem Herzen lastete der ganze drohende Vormittag
mit tausend Gefahren. Aber er war doch fürs erste in Sicherheit, war
körperlich geborgen und konnte die Dinge an sich herankommen lassen.
Auch war die erste, die Religionsstunde bei Herrn Ballerstedt ziemlich
harmloser Natur … An dem Vibrieren des Papierzüngleins dort oben vor
der kreisrunden Öffnung in der Wand sah man, wie die warme Luft
hereinströmte, und auch die Gasflammen heizten den Raum. Ach, man
konnte sich strecken und die starr-feuchten Glieder langsam sich lösen und
auftauen lassen. Eine wohlige und ungesunde Hitze stieg in seinen Kopf
hinauf, summte in seinen Ohren und verschleierte seine Augen …
Plötzlich vernahm er hinter sich ein Geräusch, das ihn zusammenzucken
und sich jäh herumwenden ließ … Und siehe da, hinter der hintersten Bank
kam der Oberkörper Kais, des Grafen Mölln, zum Vorschein. Er kroch
hervor, der junge Herr, er arbeitete sich heraus, stellte sich auf die Füße,
schlug leicht und schnell die Hände gegeneinander, um den Staub davon
abzustreifen, und schritt strahlenden Angesichts auf Hanno Buddenbrook
zu.
»Ach, du bist es, Hanno!« sagte er. »Und ich zog mich d o r t hin zurück,
weil ich dich für ein Stück Lehrkörper hielt, als du kamst!«
Seine Stimme brach sich beim Sprechen, merklich im Wechseln
begriffen, was bei seinem Freunde noch nicht der Fall war. Er war in
gleichem Maße gewachsen wie dieser, aber sonst war er ganz und gar
derselbe geblieben. Immer noch trug er einen Anzug von unbestimmter
Farbe, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und dessen Gesäß von einem
großen Flicken gebildet ward. Immer noch waren seine Hände nicht ganz
reinlich, aber schmal und außerordentlich edel gebildet, mit langen,
schlanken Fingern und spitz zulaufenden Nägeln. Und immer noch fiel sein
flüchtig in der Mitte gescheiteltes, rötlich gelbes Haar in eine
Page 666
alabasterweiße und makellose Stirn, unter welcher, tief und scharf zugleich,
die hellblauen Augen blitzten … Der Gegensatz zwischen seiner arg
vernachlässigten Toilette und der Rassereinheit dieses zartknochigen
Gesichts mit der ganz leicht gebogenen Nase und der ein wenig geschürzten
Oberlippe sprang jetzt noch mehr in die Augen als ehemals.
»Nein, Kai«, sagte Hanno mit verzogenem Munde und indem er eine
Hand in der Gegend des Herzens umherbewegte, »wie kannst du mich
dermaßen erschrecken! Warum bist du hier oben? Warum hast du dich
versteckt? Bist du auch zu spät gekommen?«
»Bewahre«, antwortete Kai. »Ich bin schon lange hier … Am
Montagmorgen kann man es ja nicht erwarten, endlich wieder in die Anstalt
zu gelangen, wie du selbst am besten weißt, mein Lieber … Nein, ich bin
nur zum Spaß hier oben geblieben. Der tiefe Oberlehrer hatte die Aufsicht
und achtete es nicht für Raub, das Volk zur Andacht hinunterzutreiben. Da
machte ich es so, daß ich mich immer dicht hinter seinem Rücken hielt …
Wie er sich auch drehte und um sich lugte, der Mystiker, ich war immer
dicht hinter seinem Rücken, bis er wegging, und so konnte ich oben bleiben
… Aber du«, sagte er mitleidig und setzte sich mit einer zärtlichen
Bewegung neben Hanno auf die Bank … »Du hast rennen müssen, wie?
Armer! Du siehst ganz verhetzt aus. Das Haar klebt dir ja an den
Schläfen …« Und er nahm ein Lineal vom Tische und lockerte damit, ernst
und sorgsam, das Haar des kleinen Johann. »Du hast also die Zeit
verschlafen?… Übrigens sitze ich hier auf Adolf Todtenhaupts Platz«,
unterbrach er sich und blickte um sich, »auf des Primus geweihtem Platze!
Nun, für diesmal macht es wohl nichts … Du hast also die Zeit
verschlafen?«
Hanno hatte sein Gesicht wieder auf die gekreuzten Arme gebettet. »Ich
war ja im Theater gestern Abend«, sagte er nach einem schweren Seufzer.
»Oh, richtig, das hatte ich vergessen!… War es so schön?«
Kai bekam keine Antwort.
»Du hast es doch gut«, fuhr er überredend fort, »das solltest du
bedenken, Hanno. Sieh, ich bin noch nie im Theater gewesen, und es
die hellblauen Augen blitzten … Der Gegensatz zwischen seiner arg
vernachlässigten Toilette und der Rassereinheit dieses zartknochigen
Gesichts mit der ganz leicht gebogenen Nase und der ein wenig geschürzten
Oberlippe sprang jetzt noch mehr in die Augen als ehemals.
»Nein, Kai«, sagte Hanno mit verzogenem Munde und indem er eine
Hand in der Gegend des Herzens umherbewegte, »wie kannst du mich
dermaßen erschrecken! Warum bist du hier oben? Warum hast du dich
versteckt? Bist du auch zu spät gekommen?«
»Bewahre«, antwortete Kai. »Ich bin schon lange hier … Am
Montagmorgen kann man es ja nicht erwarten, endlich wieder in die Anstalt
zu gelangen, wie du selbst am besten weißt, mein Lieber … Nein, ich bin
nur zum Spaß hier oben geblieben. Der tiefe Oberlehrer hatte die Aufsicht
und achtete es nicht für Raub, das Volk zur Andacht hinunterzutreiben. Da
machte ich es so, daß ich mich immer dicht hinter seinem Rücken hielt …
Wie er sich auch drehte und um sich lugte, der Mystiker, ich war immer
dicht hinter seinem Rücken, bis er wegging, und so konnte ich oben bleiben
… Aber du«, sagte er mitleidig und setzte sich mit einer zärtlichen
Bewegung neben Hanno auf die Bank … »Du hast rennen müssen, wie?
Armer! Du siehst ganz verhetzt aus. Das Haar klebt dir ja an den
Schläfen …« Und er nahm ein Lineal vom Tische und lockerte damit, ernst
und sorgsam, das Haar des kleinen Johann. »Du hast also die Zeit
verschlafen?… Übrigens sitze ich hier auf Adolf Todtenhaupts Platz«,
unterbrach er sich und blickte um sich, »auf des Primus geweihtem Platze!
Nun, für diesmal macht es wohl nichts … Du hast also die Zeit
verschlafen?«
Hanno hatte sein Gesicht wieder auf die gekreuzten Arme gebettet. »Ich
war ja im Theater gestern Abend«, sagte er nach einem schweren Seufzer.
»Oh, richtig, das hatte ich vergessen!… War es so schön?«
Kai bekam keine Antwort.
»Du hast es doch gut«, fuhr er überredend fort, »das solltest du
bedenken, Hanno. Sieh, ich bin noch nie im Theater gewesen, und es
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besteht auf lange Jahre hinaus nicht die geringste Aussicht, daß ich jemals
hineinkomme …«
»Wenn nur der Katzenjammer nicht wäre«, sagte Hanno gepreßt.
»Ja, den Zustand kenne ich ohnehin.« Und Kai bückte sich nach dem
Hut und dem Überzieher seines Freundes, die neben der Bank auf dem
Boden lagen, nahm die Sachen und trug sie leise auf den Korridor hinaus.
»Dann hast du die Metamorphosenverse wohl nicht sehr genau im
Kopfe?« fragte er, als er wieder hereinkam.
»Nein«, sagte Hanno.
»Oder bist du vielleicht auf das Geographie-Extemporale präpariert?«
»Ich bin gar nichts und kann gar nichts«, sagte Hanno.
»Also auch nicht Chemie und Englisch! All right! Wir sind
Herzensfreunde und Waffenbrüder!« Kai war sichtlich erleichtert. »Ich bin
in genau derselben Lage«, erklärte er munter. »Ich habe am Sonnabend
nicht gearbeitet, weil morgen Sonntag war, und am Sonntag nicht, aus
Pietät … Nein, Unsinn … hauptsächlich, weil ich etwas Besseres zu
arbeiten hatte, natürlich«, sagte er mit plötzlichem Ernst, indem eine leichte
Röte sein Gesicht überflog. »Ja, heute kann es vergnüglich werden,
Hanno.«
»Wenn ich noch einen Tadel bekomme«, sagte der kleine Johann, »so
bleibe ich sitzen; und den bekomme ich sicher, wenn er mich im
Lateinischen darannimmt. Der Buchstabe B ist an der Reihe, Kai, das ist
nicht aus der Welt zu schaffen …«
»Warten wir's ab! Ha, Cäsar geht aus. Mir haben stets Gefahren im
Rücken nur gedroht; wenn sie die Stirn des Cäsar werden sehen …« Aber
Kai kam mit seiner Deklamation nicht zu Ende. Es war ihm ebenfalls sehr
schlecht zumute. Er ging zum Katheder, setzte sich darauf und fing an, sich
mit finsterer Miene in dem Armstuhl zu schaukeln. Hanno Buddenbrook
ließ seine Stirn noch immer auf den gekreuzten Armen ruhen. So saßen sie
sich eine Weile schweigend gegenüber.
hineinkomme …«
»Wenn nur der Katzenjammer nicht wäre«, sagte Hanno gepreßt.
»Ja, den Zustand kenne ich ohnehin.« Und Kai bückte sich nach dem
Hut und dem Überzieher seines Freundes, die neben der Bank auf dem
Boden lagen, nahm die Sachen und trug sie leise auf den Korridor hinaus.
»Dann hast du die Metamorphosenverse wohl nicht sehr genau im
Kopfe?« fragte er, als er wieder hereinkam.
»Nein«, sagte Hanno.
»Oder bist du vielleicht auf das Geographie-Extemporale präpariert?«
»Ich bin gar nichts und kann gar nichts«, sagte Hanno.
»Also auch nicht Chemie und Englisch! All right! Wir sind
Herzensfreunde und Waffenbrüder!« Kai war sichtlich erleichtert. »Ich bin
in genau derselben Lage«, erklärte er munter. »Ich habe am Sonnabend
nicht gearbeitet, weil morgen Sonntag war, und am Sonntag nicht, aus
Pietät … Nein, Unsinn … hauptsächlich, weil ich etwas Besseres zu
arbeiten hatte, natürlich«, sagte er mit plötzlichem Ernst, indem eine leichte
Röte sein Gesicht überflog. »Ja, heute kann es vergnüglich werden,
Hanno.«
»Wenn ich noch einen Tadel bekomme«, sagte der kleine Johann, »so
bleibe ich sitzen; und den bekomme ich sicher, wenn er mich im
Lateinischen darannimmt. Der Buchstabe B ist an der Reihe, Kai, das ist
nicht aus der Welt zu schaffen …«
»Warten wir's ab! Ha, Cäsar geht aus. Mir haben stets Gefahren im
Rücken nur gedroht; wenn sie die Stirn des Cäsar werden sehen …« Aber
Kai kam mit seiner Deklamation nicht zu Ende. Es war ihm ebenfalls sehr
schlecht zumute. Er ging zum Katheder, setzte sich darauf und fing an, sich
mit finsterer Miene in dem Armstuhl zu schaukeln. Hanno Buddenbrook
ließ seine Stirn noch immer auf den gekreuzten Armen ruhen. So saßen sie
sich eine Weile schweigend gegenüber.
Page 668
Plötzlich klang irgendwo in weiter Ferne ein dumpfes Summen auf, das
schnell zum Brausen ward und sich binnen einer halben Minute bedrohlich
heranwälzte …
»Das Volk«, sagte Kai erbittert. »Herr, mein Gott, wie rasch sie fertig
sind! Nicht einmal um zehn Minuten ist die Stunde kürzer geworden …«
Er stieg vom Katheder hinab und begab sich zur Tür, um sich unter die
Hereinkommenden zu mischen. Was Hanno betraf, so erhob er nur einen
Augenblick den Kopf, verzog den Mund und blieb einfach sitzen.
Es kam heran, mit Schlürfen, Stampfen und einem Gewirr von
männlichen Stimmen, Diskanten und sich überschlagenden
Wechselorganen, flutete über die Treppen herauf, ergoß sich über den
Korridor und strömte auch in dieses Zimmer, das plötzlich von Leben,
Bewegung und Geräusch erfüllt ward. Sie kamen herein, die jungen Leute,
die Kameraden Hannos und Kais, die Realuntersekundaner, etwa
fünfundzwanzig an der Zahl, schlenderten, die Hände in den Hosentaschen
oder mit den Armen schlenkernd an ihre Plätze und schlugen ihre Bibeln
auf. Es waren da angenehme und konfiszierte Physiognomien, solche, die
wohl und gesund, und andere, die bedenklich aussahen, lange, starke
Schlingel, die demnächst Kaufleute werden oder gar zur See gehen wollten
und sich um gar nichts mehr kümmerten, und kleine, über ihr Alter hinaus
vorgeschrittene Streber, die in den Fächern brillierten, in denen es
auswendig zu lernen galt. Adolf Todtenhaupt aber, der Primus, wußte alles;
er war seiner Lebtage noch nicht eine Antwort schuldig geblieben. Das lag
zum Teil an seinem stillen, leidenschaftlichen Fleiße, zum Teil daran, daß
die Lehrer sich hüteten, ihn etwas zu fragen, was er vielleicht nicht hätte
wissen können. Es hätte sie schmerzlich berührt und beschämt, es hätte sie
in ihrem Glauben an menschliche Vollkommenheit erschüttert, ein
Verstummen Adolf Todtenhaupts zu erleben … Er besaß einen merkwürdig
gebuckelten Schädel, dem das blonde Haar spiegelglatt angeklebt war,
graue, schwarz umringte Augen und lange, braune Hände, die aus den zu
kurzen Ärmeln seiner sauber gebürsteten Jacke hervorsahen. Er setzte sich
neben Hanno Buddenbrook, lächelte sanft und ein wenig tückisch und bot
dem Nachbar einen Guten Morgen, wobei er sich dem herrschenden Jargon
anbequemte, der das Wort zu einem kecken und nachlässigen Laute
verzerrte. Dann begann er, während um ihn her alles halblaut plauderte, sich
schnell zum Brausen ward und sich binnen einer halben Minute bedrohlich
heranwälzte …
»Das Volk«, sagte Kai erbittert. »Herr, mein Gott, wie rasch sie fertig
sind! Nicht einmal um zehn Minuten ist die Stunde kürzer geworden …«
Er stieg vom Katheder hinab und begab sich zur Tür, um sich unter die
Hereinkommenden zu mischen. Was Hanno betraf, so erhob er nur einen
Augenblick den Kopf, verzog den Mund und blieb einfach sitzen.
Es kam heran, mit Schlürfen, Stampfen und einem Gewirr von
männlichen Stimmen, Diskanten und sich überschlagenden
Wechselorganen, flutete über die Treppen herauf, ergoß sich über den
Korridor und strömte auch in dieses Zimmer, das plötzlich von Leben,
Bewegung und Geräusch erfüllt ward. Sie kamen herein, die jungen Leute,
die Kameraden Hannos und Kais, die Realuntersekundaner, etwa
fünfundzwanzig an der Zahl, schlenderten, die Hände in den Hosentaschen
oder mit den Armen schlenkernd an ihre Plätze und schlugen ihre Bibeln
auf. Es waren da angenehme und konfiszierte Physiognomien, solche, die
wohl und gesund, und andere, die bedenklich aussahen, lange, starke
Schlingel, die demnächst Kaufleute werden oder gar zur See gehen wollten
und sich um gar nichts mehr kümmerten, und kleine, über ihr Alter hinaus
vorgeschrittene Streber, die in den Fächern brillierten, in denen es
auswendig zu lernen galt. Adolf Todtenhaupt aber, der Primus, wußte alles;
er war seiner Lebtage noch nicht eine Antwort schuldig geblieben. Das lag
zum Teil an seinem stillen, leidenschaftlichen Fleiße, zum Teil daran, daß
die Lehrer sich hüteten, ihn etwas zu fragen, was er vielleicht nicht hätte
wissen können. Es hätte sie schmerzlich berührt und beschämt, es hätte sie
in ihrem Glauben an menschliche Vollkommenheit erschüttert, ein
Verstummen Adolf Todtenhaupts zu erleben … Er besaß einen merkwürdig
gebuckelten Schädel, dem das blonde Haar spiegelglatt angeklebt war,
graue, schwarz umringte Augen und lange, braune Hände, die aus den zu
kurzen Ärmeln seiner sauber gebürsteten Jacke hervorsahen. Er setzte sich
neben Hanno Buddenbrook, lächelte sanft und ein wenig tückisch und bot
dem Nachbar einen Guten Morgen, wobei er sich dem herrschenden Jargon
anbequemte, der das Wort zu einem kecken und nachlässigen Laute
verzerrte. Dann begann er, während um ihn her alles halblaut plauderte, sich
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präparierte, gähnte und lachte, stillschweigend in dem Klassenbuch zu
arbeiten, indem er die Feder auf unvergleichlich korrekte Art mit schlank
und gerade ausgestreckten Fingern handhabte.
Nach Verlauf von zwei Minuten wurden draußen Schritte laut, die
Inhaber der vorderen Bänke erhoben sich ohne Eile von ihren Plätzen, und
weiter hinten folgte dieser und jener ihrem Beispiel, während andere sich in
ihren Beschäftigungen nicht stören ließen und kaum Notiz davon nahmen,
daß Herr Oberlehrer Ballerstedt ins Zimmer kam, seinen Hut an die Tür
hängte und sich zum Katheder begab.
Er war ein Vierziger von sympathischem Embonpoint, mit großer
Glatze, rötlichgelbem, kurz gehaltenem Vollbart, rosigem Teint und einem
Mischausdruck von Salbung und behaglicher Sinnlichkeit um die feuchten
Lippen. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und blätterte schweigend darin;
da aber die Ruhe in der Klasse vieles zu wünschen übrig ließ, erhob er den
Kopf, streckte den Arm auf der Pultplatte aus und bewegte, während sein
Gesicht langsam so dunkelrot anschwoll, daß sein Bart hellgelb erschien,
seine schwache und weiße Faust ein paarmal kraftlos auf und nieder, wobei
seine Lippen eine halbe Minute lang krampfhaft und fruchtlos arbeiteten,
um schließlich nichts hervorzubringen als ein kurzes, gepreßtes und
ächzendes »Nun …« Dann rang er noch eine Weile nach ferneren
Ausdrücken des Tadels, wandte sich schließlich wieder seinem Notizbuch
zu, schwoll ab und gab sich zufrieden. Dies war so Oberlehrer Ballerstedts
Art und Weise.
Er hatte ehemals Prediger werden wollen, war dann jedoch durch seine
Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben
bestimmt worden, sich lieber der Pädagogik zuzuwenden. Er war
Junggeselle, besaß einiges Vermögen, trug einen kleinen Brillanten am
Finger und war dem Essen und Trinken herzlich zugetan. Er war derjenige
Oberlehrer, der nur dienstlich mit seinen Standesgenossen, im übrigen aber
vorwiegend mit der unverheirateten kaufmännischen Lebewelt der Stadt, ja
auch mit den Offizieren der Garnison verkehrte, täglich zweimal im ersten
Gasthause speiste und Mitglied des »Klubs« war. Begegnete er größeren
Schülern nachts um zwei oder drei Uhr irgendwo in der Stadt, so schwoll er
an, brachte einen »Guten Morgen« zustande und ließ die Sache für beide
Teile auf sich beruhen … Hanno Buddenbrook hatte nichts von ihm zu
arbeiten, indem er die Feder auf unvergleichlich korrekte Art mit schlank
und gerade ausgestreckten Fingern handhabte.
Nach Verlauf von zwei Minuten wurden draußen Schritte laut, die
Inhaber der vorderen Bänke erhoben sich ohne Eile von ihren Plätzen, und
weiter hinten folgte dieser und jener ihrem Beispiel, während andere sich in
ihren Beschäftigungen nicht stören ließen und kaum Notiz davon nahmen,
daß Herr Oberlehrer Ballerstedt ins Zimmer kam, seinen Hut an die Tür
hängte und sich zum Katheder begab.
Er war ein Vierziger von sympathischem Embonpoint, mit großer
Glatze, rötlichgelbem, kurz gehaltenem Vollbart, rosigem Teint und einem
Mischausdruck von Salbung und behaglicher Sinnlichkeit um die feuchten
Lippen. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und blätterte schweigend darin;
da aber die Ruhe in der Klasse vieles zu wünschen übrig ließ, erhob er den
Kopf, streckte den Arm auf der Pultplatte aus und bewegte, während sein
Gesicht langsam so dunkelrot anschwoll, daß sein Bart hellgelb erschien,
seine schwache und weiße Faust ein paarmal kraftlos auf und nieder, wobei
seine Lippen eine halbe Minute lang krampfhaft und fruchtlos arbeiteten,
um schließlich nichts hervorzubringen als ein kurzes, gepreßtes und
ächzendes »Nun …« Dann rang er noch eine Weile nach ferneren
Ausdrücken des Tadels, wandte sich schließlich wieder seinem Notizbuch
zu, schwoll ab und gab sich zufrieden. Dies war so Oberlehrer Ballerstedts
Art und Weise.
Er hatte ehemals Prediger werden wollen, war dann jedoch durch seine
Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben
bestimmt worden, sich lieber der Pädagogik zuzuwenden. Er war
Junggeselle, besaß einiges Vermögen, trug einen kleinen Brillanten am
Finger und war dem Essen und Trinken herzlich zugetan. Er war derjenige
Oberlehrer, der nur dienstlich mit seinen Standesgenossen, im übrigen aber
vorwiegend mit der unverheirateten kaufmännischen Lebewelt der Stadt, ja
auch mit den Offizieren der Garnison verkehrte, täglich zweimal im ersten
Gasthause speiste und Mitglied des »Klubs« war. Begegnete er größeren
Schülern nachts um zwei oder drei Uhr irgendwo in der Stadt, so schwoll er
an, brachte einen »Guten Morgen« zustande und ließ die Sache für beide
Teile auf sich beruhen … Hanno Buddenbrook hatte nichts von ihm zu
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befürchten und wurde fast nie von ihm gefragt. Der Oberlehrer hatte sich
mit seinem Onkel Christian allzuoft in allzurein menschlicher Weise
zusammengefunden, als daß es ihn hätte freuen können, mit dem Neffen in
dienstliche Konflikte zu geraten …
»Nun …« sagte er abermals, sah in der Klasse umher, bewegte wieder
seine schwach geballte Faust mit dem kleinen Brillanten und blickte in sein
Notizbuch. »Perlemann. Die Übersicht.«
Irgendwo in der Klasse erhob sich Perlemann. Man merkte es kaum,
daß er emporstieg. Es war einer von den Kleinen, Vorgeschrittenen. »Die
Übersicht«, sagte er leise und artig, indem er mit ängstlichem Lächeln den
Kopf vorstreckte. »Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile. Erstens der Zustand
Hiobs, ehe er in das Kreuz oder Züchtigung des Herrn geraten; Kapitel I,
Vers eins bis sechs. Zweitens das Kreuz selbst und was sich dabei
zugetragen; Kapitel …«
»Es war richtig, Perlemann«, unterbrach ihn Herr Ballerstedt, gerührt
von soviel zager Willfährigkeit, und schrieb eine gute Note in sein
Taschenbuch. »Heinricy, fahren Sie fort.«
Heinricy war einer von den langen Schlingeln, die sich um gar nichts
mehr kümmerten. Er schob das griffeste Messer, mit dem er sich beschäftigt
hatte, in die Hosentasche, stand geräuschvoll auf, ließ die Unterlippe
hängen und räusperte sich mit rauher und roher Männerstimme. Alle waren
unzufrieden, daß nun er statt des sanften Perlemann an die Reihe kam. Die
Schüler träumten und brüteten in der warmen Stube unter den leise
sausenden Gasflammen im Halbschlafe vor sich hin. Alle waren müde vom
Sonntag, und alle waren an dem kalten Nebelmorgen seufzend und mit
klappernden Zähnen aus den warmen Betten gekrochen. Jedem wäre es lieb
gewesen, wenn der kleine Perlemann die ganze Stunde lang weitergesäuselt
hätte, während Heinricy nun sicherlich Streit machen würde …
»Ich habe gefehlt, als dies durchgenommen wurde«, sagte er mit grober
Betonung.
Herr Ballerstedt schwoll an, er bewegte seine schwache Faust, arbeitete
mit den Lippen und starrte dem jungen Heinricy mit emporgezogenen
Augenbrauen ins Gesicht. Sein dunkelroter Kopf zitterte vor ringender
mit seinem Onkel Christian allzuoft in allzurein menschlicher Weise
zusammengefunden, als daß es ihn hätte freuen können, mit dem Neffen in
dienstliche Konflikte zu geraten …
»Nun …« sagte er abermals, sah in der Klasse umher, bewegte wieder
seine schwach geballte Faust mit dem kleinen Brillanten und blickte in sein
Notizbuch. »Perlemann. Die Übersicht.«
Irgendwo in der Klasse erhob sich Perlemann. Man merkte es kaum,
daß er emporstieg. Es war einer von den Kleinen, Vorgeschrittenen. »Die
Übersicht«, sagte er leise und artig, indem er mit ängstlichem Lächeln den
Kopf vorstreckte. »Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile. Erstens der Zustand
Hiobs, ehe er in das Kreuz oder Züchtigung des Herrn geraten; Kapitel I,
Vers eins bis sechs. Zweitens das Kreuz selbst und was sich dabei
zugetragen; Kapitel …«
»Es war richtig, Perlemann«, unterbrach ihn Herr Ballerstedt, gerührt
von soviel zager Willfährigkeit, und schrieb eine gute Note in sein
Taschenbuch. »Heinricy, fahren Sie fort.«
Heinricy war einer von den langen Schlingeln, die sich um gar nichts
mehr kümmerten. Er schob das griffeste Messer, mit dem er sich beschäftigt
hatte, in die Hosentasche, stand geräuschvoll auf, ließ die Unterlippe
hängen und räusperte sich mit rauher und roher Männerstimme. Alle waren
unzufrieden, daß nun er statt des sanften Perlemann an die Reihe kam. Die
Schüler träumten und brüteten in der warmen Stube unter den leise
sausenden Gasflammen im Halbschlafe vor sich hin. Alle waren müde vom
Sonntag, und alle waren an dem kalten Nebelmorgen seufzend und mit
klappernden Zähnen aus den warmen Betten gekrochen. Jedem wäre es lieb
gewesen, wenn der kleine Perlemann die ganze Stunde lang weitergesäuselt
hätte, während Heinricy nun sicherlich Streit machen würde …
»Ich habe gefehlt, als dies durchgenommen wurde«, sagte er mit grober
Betonung.
Herr Ballerstedt schwoll an, er bewegte seine schwache Faust, arbeitete
mit den Lippen und starrte dem jungen Heinricy mit emporgezogenen
Augenbrauen ins Gesicht. Sein dunkelroter Kopf zitterte vor ringender
Page 671
Anstrengung, bis er schließlich ein »Nun …« hervorzustoßen vermochte,
womit der Bann gebrochen und das Spiel gewonnen war. »Von Ihnen ist nie
eine Leistung zu erlangen«, fuhr er mit Leichtigkeit und Redegewandtheit
fort, »und immer haben Sie eine Entschuldigung bei der Hand, Heinricy.
Wenn Sie vorige Stunde krank waren, so hätten Sie sich doch in diesen
Tagen sehr wohl über das durchgenommene Pensum unterrichten können,
und wenn der erste Teil vom Zustande vor dem Kreuze und der zweite vom
Kreuze selbst handelt, so könnten Sie sich am Ende an den Fingern
abzählen, daß der dritte Teil den Zustand n a c h vorbesagtem Jammer
betrifft. Aber es fehlt Ihnen an der rechten Hingebung, und Sie sind nicht
allein ein schwacher Mensch, Sie sind auch immer bereit, ihre Schwäche zu
beschönigen und zu verteidigen. Merken Sie sich aber, daß, solange dies der
Fall, an eine Erhebung und Besserung nicht zu denken ist, Heinricy. Setzen
Sie sich. Wasservogel, fahren Sie fort.«
Heinricy, dickfellig und trotzig, setzte sich mit Scharren und Knarren,
raunte seinem Nachbar eine Frechheit zu und zog sein griffestes Messer
wieder hervor. Der Schüler Wasservogel stand auf, ein Junge mit
entzündeten Augen, aufgestülpter Nase, abstehenden Ohren und zerkauten
Fingernägeln. Er vollendete mit weichlicher Quetschstimme die
»Übersicht« und fing an, von Hiob, dem Manne im Lande Uz, zu erzählen,
und was sich mit ihm begeben. Er hatte das Alte Testament hinter dem
Rücken seines Vordermannes aufgeschlagen, las darin mit dem Ausdruck
vollendeter Unschuld und hingebender Nachdenklichkeit, starrte dann auf
einen Punkt der Wand und sprach, indem er das Erschaute unter Stocken
und quäkendem Husten in ein hilfloses, modernes Deutsch übersetzte … Er
hatte etwas äußerst Widerliches an sich, aber Herr Ballerstedt lobte ihn sehr
für alle seine Bemühungen. Der Schüler Wasservogel hatte es insofern gut
im Leben, als die meisten Lehrer ihn gern und über seine Verdienste lobten,
um ihm, sich selbst und den anderen zu zeigen, daß sie sich durch seine
Häßlichkeit keineswegs zur Ungerechtigkeit verführen ließen …
Und die Religionstunde nahm ihren Fortgang. Verschiedene junge Leute
wurden noch aufgerufen, um sich über ihr Wissen um Hiob, den Mann im
Lande Uz, auszuweisen, und Gottlieb Kaßbaum, Sohn des verunglückten
Großkaufmanns Kaßbaum, erhielt trotz seiner zerrütteten
Familienverhältnisse eine vorzügliche Note, weil er mit Genauigkeit
feststellen konnte, daß Hiob an Vieh siebentausend Schafe, dreitausend
womit der Bann gebrochen und das Spiel gewonnen war. »Von Ihnen ist nie
eine Leistung zu erlangen«, fuhr er mit Leichtigkeit und Redegewandtheit
fort, »und immer haben Sie eine Entschuldigung bei der Hand, Heinricy.
Wenn Sie vorige Stunde krank waren, so hätten Sie sich doch in diesen
Tagen sehr wohl über das durchgenommene Pensum unterrichten können,
und wenn der erste Teil vom Zustande vor dem Kreuze und der zweite vom
Kreuze selbst handelt, so könnten Sie sich am Ende an den Fingern
abzählen, daß der dritte Teil den Zustand n a c h vorbesagtem Jammer
betrifft. Aber es fehlt Ihnen an der rechten Hingebung, und Sie sind nicht
allein ein schwacher Mensch, Sie sind auch immer bereit, ihre Schwäche zu
beschönigen und zu verteidigen. Merken Sie sich aber, daß, solange dies der
Fall, an eine Erhebung und Besserung nicht zu denken ist, Heinricy. Setzen
Sie sich. Wasservogel, fahren Sie fort.«
Heinricy, dickfellig und trotzig, setzte sich mit Scharren und Knarren,
raunte seinem Nachbar eine Frechheit zu und zog sein griffestes Messer
wieder hervor. Der Schüler Wasservogel stand auf, ein Junge mit
entzündeten Augen, aufgestülpter Nase, abstehenden Ohren und zerkauten
Fingernägeln. Er vollendete mit weichlicher Quetschstimme die
»Übersicht« und fing an, von Hiob, dem Manne im Lande Uz, zu erzählen,
und was sich mit ihm begeben. Er hatte das Alte Testament hinter dem
Rücken seines Vordermannes aufgeschlagen, las darin mit dem Ausdruck
vollendeter Unschuld und hingebender Nachdenklichkeit, starrte dann auf
einen Punkt der Wand und sprach, indem er das Erschaute unter Stocken
und quäkendem Husten in ein hilfloses, modernes Deutsch übersetzte … Er
hatte etwas äußerst Widerliches an sich, aber Herr Ballerstedt lobte ihn sehr
für alle seine Bemühungen. Der Schüler Wasservogel hatte es insofern gut
im Leben, als die meisten Lehrer ihn gern und über seine Verdienste lobten,
um ihm, sich selbst und den anderen zu zeigen, daß sie sich durch seine
Häßlichkeit keineswegs zur Ungerechtigkeit verführen ließen …
Und die Religionstunde nahm ihren Fortgang. Verschiedene junge Leute
wurden noch aufgerufen, um sich über ihr Wissen um Hiob, den Mann im
Lande Uz, auszuweisen, und Gottlieb Kaßbaum, Sohn des verunglückten
Großkaufmanns Kaßbaum, erhielt trotz seiner zerrütteten
Familienverhältnisse eine vorzügliche Note, weil er mit Genauigkeit
feststellen konnte, daß Hiob an Vieh siebentausend Schafe, dreitausend
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Kamele, fünfhundert Joch Rinder, fünfhundert Esel und sehr viel Gesindes
besessen habe.
Dann durften die Bibeln aufgeschlagen werden, die meistens schon
aufgeschlagen waren, und man fuhr mit Lesen fort. Kam eine Stelle, die
Herrn Ballerstedt der Erläuterung bedürftig erschien, so schwoll er an, sagte
»Nun …« und hielt nach den üblichen Vorbereitungen einen kleinen mit
allgemeinen moralischen Betrachtungen untermischten Vortrag über den
fraglichen Punkt. Kein Mensch hörte ihm zu. Friede und Schläfrigkeit
herrschten im Zimmer. Die Hitze war durch die beständig arbeitende
Heizung und die Gaslampen schon ziemlich stark geworden und die Luft
durch diese fünfundzwanzig atmenden und dünstenden Körper schon
ziemlich verdorben. Die Wärme, das gelinde Sausen der Flammen und die
monotone Stimme des Vorlesenden legten sich um die gelangweilten
Gehirne und lullten sie in dumpfe Traumseligkeit. Kai Graf Mölln hatte
außer seiner Bibel auch die »Unbegreiflichen Ereignisse und
geheimnisvollen Taten« von Edgar Allan Poe vor sich aufgeschlagen und
las darin, den Kopf in die aristokratische und nicht ganz saubere Hand
gestützt. Hanno Buddenbrook saß zurückgelehnt und zusammengesunken
und blickte mit schlaffem Munde und schwimmenden, heißen Augen auf
das Buch Hiob, dessen Zeilen und Buchstaben zu einem schwärzlichen
Gewimmel verschwammen. Manchmal, wenn er sich des Gralmotives oder
des Ganges zum Münster erinnerte, senkte er langsam die Lider und fühlte
ein innerliches Schluchzen. Und sein Herz betete, es möchte möglich sein,
daß diese gefahrlose und friedevolle Morgenstunde niemals ein Ende
nähme.
Und dennoch kam es, wie es in der Ordnung der Dinge lag, und der
schrill heulende Klang der Kustosglocke, der durch die Korridore gellte und
hallte, riß die fünfundzwanzig Gehirne aus ihrem warmen Dämmern.
»So weit!« sagte Herr Ballerstedt und ließ sich das Klassenbuch
reichen, um darin mit seinem Namenszeichen zu bescheinigen, daß er diese
Stunde seines Amtes gewaltet.
Hanno Buddenbrook schloß seine Bibel und reckte sich zitternd und mit
nervösem Gähnen; als er aber die Arme senkte und die Glieder abspannte,
mußte er eilig und mühsam aufatmen, um sein Herz, das einen Augenblick
besessen habe.
Dann durften die Bibeln aufgeschlagen werden, die meistens schon
aufgeschlagen waren, und man fuhr mit Lesen fort. Kam eine Stelle, die
Herrn Ballerstedt der Erläuterung bedürftig erschien, so schwoll er an, sagte
»Nun …« und hielt nach den üblichen Vorbereitungen einen kleinen mit
allgemeinen moralischen Betrachtungen untermischten Vortrag über den
fraglichen Punkt. Kein Mensch hörte ihm zu. Friede und Schläfrigkeit
herrschten im Zimmer. Die Hitze war durch die beständig arbeitende
Heizung und die Gaslampen schon ziemlich stark geworden und die Luft
durch diese fünfundzwanzig atmenden und dünstenden Körper schon
ziemlich verdorben. Die Wärme, das gelinde Sausen der Flammen und die
monotone Stimme des Vorlesenden legten sich um die gelangweilten
Gehirne und lullten sie in dumpfe Traumseligkeit. Kai Graf Mölln hatte
außer seiner Bibel auch die »Unbegreiflichen Ereignisse und
geheimnisvollen Taten« von Edgar Allan Poe vor sich aufgeschlagen und
las darin, den Kopf in die aristokratische und nicht ganz saubere Hand
gestützt. Hanno Buddenbrook saß zurückgelehnt und zusammengesunken
und blickte mit schlaffem Munde und schwimmenden, heißen Augen auf
das Buch Hiob, dessen Zeilen und Buchstaben zu einem schwärzlichen
Gewimmel verschwammen. Manchmal, wenn er sich des Gralmotives oder
des Ganges zum Münster erinnerte, senkte er langsam die Lider und fühlte
ein innerliches Schluchzen. Und sein Herz betete, es möchte möglich sein,
daß diese gefahrlose und friedevolle Morgenstunde niemals ein Ende
nähme.
Und dennoch kam es, wie es in der Ordnung der Dinge lag, und der
schrill heulende Klang der Kustosglocke, der durch die Korridore gellte und
hallte, riß die fünfundzwanzig Gehirne aus ihrem warmen Dämmern.
»So weit!« sagte Herr Ballerstedt und ließ sich das Klassenbuch
reichen, um darin mit seinem Namenszeichen zu bescheinigen, daß er diese
Stunde seines Amtes gewaltet.
Hanno Buddenbrook schloß seine Bibel und reckte sich zitternd und mit
nervösem Gähnen; als er aber die Arme senkte und die Glieder abspannte,
mußte er eilig und mühsam aufatmen, um sein Herz, das einen Augenblick
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schwach und wankend den Dienst versagte, ein wenig in Takt zu bringen.
Jetzt kam das Lateinische … Er warf einen hilfesuchenden Seitenblick zu
Kai hinüber, der das Ende der Stunde gar nicht bemerkt zu haben schien
und immer noch in Versunkenheit seiner Privatlektüre oblag, zog den in
marmorierte Pappe gebundenen Ovid aus seiner Mappe und schlug die
Verse auf, die für heute auswendig zu lernen waren … Nein, es gab keine
Hoffnung, diese schwarzen Zeilen, die sich, mit Bleistiftzeichen versehen,
schnurgerade und zu fünfen numeriert aneinanderreihten und ihn so
hoffnungslos dunkel und unbekannt anstarrten, sich jetzt noch ein wenig
vertraut zu machen. Er verstand kaum ihren Sinn, geschweige denn hätte er
eine einzige davon aus dem Kopfe hersagen können. Und von denjenigen,
die sich daran schlossen und die für heute zu präparieren waren, enträtselte
er nicht ein Sätzchen.
»Was heißt denn ›deciderant, patula Jovis arbore, glandes‹?«
wandte er sich mit verzweifelter Stimme an Adolf Todtenhaupt, der neben
ihm im Klassenbuch arbeitete. »Das ist ja alles Unsinn! Nur um einen zu
schikanieren …«
»Wie?« sagte Todtenhaupt und fuhr fort, zu schreiben … »Die Eicheln
vom Baum des Jupiter … Das ist die Eiche … Ja, ich weiß selbst nicht
recht …«
»Sage mir nur ein bißchen zu, Todtenhaupt, wenn ich darankomme!«
bat Hanno und schob das Buch von sich. Dann, nachdem er mit düsterem
Blick des Primus unachtsames und unverbindliches Nicken betrachtet hatte,
schob er sich seitwärts aus der Bank hinaus und stand auf.
Die Situation hatte sich verändert. Herr Ballerstedt hatte das Zimmer
verlassen, und statt seiner stand jetzt am Katheder, ganz gerade und stramm,
ein kleines, schwaches und ausgemergeltes Männchen mit dünnem weißen
Bart, dessen rotes Hälschen aus einem engen Klappkragen hervorragte, und
das mit dem einen seiner weißbehaarten Händchen seinen Zylinder, die
Öffnung nach oben, vor sich hinhielt. Es führte bei den Schülern den
Namen »die Spinne« und hieß in Wirklichkeit Professor Hückopp. Da ihm
während dieser Pause auf dem Korridor die Aufsicht zuerteilt war, hatte es
auch in den Klassenzimmern nach dem Rechten zu sehen … »Die Lampen
aus! Die Vorhänge auf! Die Fenster auf!« sagte es, indem es seinem
Jetzt kam das Lateinische … Er warf einen hilfesuchenden Seitenblick zu
Kai hinüber, der das Ende der Stunde gar nicht bemerkt zu haben schien
und immer noch in Versunkenheit seiner Privatlektüre oblag, zog den in
marmorierte Pappe gebundenen Ovid aus seiner Mappe und schlug die
Verse auf, die für heute auswendig zu lernen waren … Nein, es gab keine
Hoffnung, diese schwarzen Zeilen, die sich, mit Bleistiftzeichen versehen,
schnurgerade und zu fünfen numeriert aneinanderreihten und ihn so
hoffnungslos dunkel und unbekannt anstarrten, sich jetzt noch ein wenig
vertraut zu machen. Er verstand kaum ihren Sinn, geschweige denn hätte er
eine einzige davon aus dem Kopfe hersagen können. Und von denjenigen,
die sich daran schlossen und die für heute zu präparieren waren, enträtselte
er nicht ein Sätzchen.
»Was heißt denn ›deciderant, patula Jovis arbore, glandes‹?«
wandte er sich mit verzweifelter Stimme an Adolf Todtenhaupt, der neben
ihm im Klassenbuch arbeitete. »Das ist ja alles Unsinn! Nur um einen zu
schikanieren …«
»Wie?« sagte Todtenhaupt und fuhr fort, zu schreiben … »Die Eicheln
vom Baum des Jupiter … Das ist die Eiche … Ja, ich weiß selbst nicht
recht …«
»Sage mir nur ein bißchen zu, Todtenhaupt, wenn ich darankomme!«
bat Hanno und schob das Buch von sich. Dann, nachdem er mit düsterem
Blick des Primus unachtsames und unverbindliches Nicken betrachtet hatte,
schob er sich seitwärts aus der Bank hinaus und stand auf.
Die Situation hatte sich verändert. Herr Ballerstedt hatte das Zimmer
verlassen, und statt seiner stand jetzt am Katheder, ganz gerade und stramm,
ein kleines, schwaches und ausgemergeltes Männchen mit dünnem weißen
Bart, dessen rotes Hälschen aus einem engen Klappkragen hervorragte, und
das mit dem einen seiner weißbehaarten Händchen seinen Zylinder, die
Öffnung nach oben, vor sich hinhielt. Es führte bei den Schülern den
Namen »die Spinne« und hieß in Wirklichkeit Professor Hückopp. Da ihm
während dieser Pause auf dem Korridor die Aufsicht zuerteilt war, hatte es
auch in den Klassenzimmern nach dem Rechten zu sehen … »Die Lampen
aus! Die Vorhänge auf! Die Fenster auf!« sagte es, indem es seinem
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Stimmchen soviel Kommandokraft wie möglich gab und mit unbeholfen
energischer Geste seinen Arm in der Luft bewegte, als drehe es eine Kurbel
… »Und alles hinunter, hinaus in die frische Luft, potztausendnochmal
dazu!«
Die Lampen verloschen, die Vorhänge flogen empor, das fahle
Tageslicht erfüllte das Zimmer, und die kalte Nebelluft stürzte durch die
breiten Fenster herein, während die Untersekundaner sich an Professor
Hückopp vorbei zum Ausgange schoben; nur der Primus durfte hier oben
bleiben.
Hanno und Kai trafen an der Tür zusammen und gingen nebeneinander
die komfortable Treppe hinunter und drunten über die stilvollen Vorplätze.
Sie schwiegen beide. Hanno sah jämmerlich elend aus und Kai war in
Gedanken. Auf dem großen Hofe angelangt, begannen sie auf und nieder zu
wandern, inmitten der Menge von Kameraden verschiedenen Alters, die
sich auf den feuchtroten Fliesen geräuschvoll durcheinander bewegten.
Ein noch jugendlicher Herr mit blondem Spitzbart führte hier unten die
Aufsicht. Dies war der feine Oberlehrer. Er hieß Doktor Goldener und
unterhielt ein Knabenpensionat, das von reichen und adeligen
Gutsbesitzerssöhnen aus Holstein und Mecklenburg besucht war. Beeinflußt
von den feudalen jungen Leuten, die seiner Hut empfohlen waren, pflegte er
sein Äußeres in einer Weise, wie sie unter seinen Kollegen gänzlich
ungebräuchlich war. Er trug buntseidene Krawatten, ein stutzerhaftes
Röckchen, zartfarbene Beinkleider, die mit Strippen unter den Sohlen
befestigt waren, und parfümierte Taschentücher mit farbigen Borten.
Bescheidener Leute Kind wie er war, stand ihm solcher Prunk eigentlich gar
nicht zu Gesicht, und seine großmächtigen Füße zum Beispiel nahmen sich
in den spitz zulaufenden Knöpfstiefeln ziemlich lächerlich aus.
Unbegreiflicherweise war er eitel auf seine plumpen und roten Hände, die
er unaufhörlich aneinanderrieb, ineinanderschlang und liebevoll prüfend
betrachtete. Er pflegte seinen Kopf schräg zurückgelehnt zu tragen und mit
blinzelnden Augen, gekrauster Nase und halboffenem Munde beständig ein
Gesicht zu schneiden, als sei er im Begriffe, zu sagen: »Was ist denn nun
schon wieder los?« … Dennoch war er zu vornehm, um nicht alle kleinen
Unerlaubtheiten auf distinguierte Art zu übersehen, die sich etwa auf dem
Hofe ereigneten. Er übersah, daß dieser oder jener Schüler ein Buch mit
energischer Geste seinen Arm in der Luft bewegte, als drehe es eine Kurbel
… »Und alles hinunter, hinaus in die frische Luft, potztausendnochmal
dazu!«
Die Lampen verloschen, die Vorhänge flogen empor, das fahle
Tageslicht erfüllte das Zimmer, und die kalte Nebelluft stürzte durch die
breiten Fenster herein, während die Untersekundaner sich an Professor
Hückopp vorbei zum Ausgange schoben; nur der Primus durfte hier oben
bleiben.
Hanno und Kai trafen an der Tür zusammen und gingen nebeneinander
die komfortable Treppe hinunter und drunten über die stilvollen Vorplätze.
Sie schwiegen beide. Hanno sah jämmerlich elend aus und Kai war in
Gedanken. Auf dem großen Hofe angelangt, begannen sie auf und nieder zu
wandern, inmitten der Menge von Kameraden verschiedenen Alters, die
sich auf den feuchtroten Fliesen geräuschvoll durcheinander bewegten.
Ein noch jugendlicher Herr mit blondem Spitzbart führte hier unten die
Aufsicht. Dies war der feine Oberlehrer. Er hieß Doktor Goldener und
unterhielt ein Knabenpensionat, das von reichen und adeligen
Gutsbesitzerssöhnen aus Holstein und Mecklenburg besucht war. Beeinflußt
von den feudalen jungen Leuten, die seiner Hut empfohlen waren, pflegte er
sein Äußeres in einer Weise, wie sie unter seinen Kollegen gänzlich
ungebräuchlich war. Er trug buntseidene Krawatten, ein stutzerhaftes
Röckchen, zartfarbene Beinkleider, die mit Strippen unter den Sohlen
befestigt waren, und parfümierte Taschentücher mit farbigen Borten.
Bescheidener Leute Kind wie er war, stand ihm solcher Prunk eigentlich gar
nicht zu Gesicht, und seine großmächtigen Füße zum Beispiel nahmen sich
in den spitz zulaufenden Knöpfstiefeln ziemlich lächerlich aus.
Unbegreiflicherweise war er eitel auf seine plumpen und roten Hände, die
er unaufhörlich aneinanderrieb, ineinanderschlang und liebevoll prüfend
betrachtete. Er pflegte seinen Kopf schräg zurückgelehnt zu tragen und mit
blinzelnden Augen, gekrauster Nase und halboffenem Munde beständig ein
Gesicht zu schneiden, als sei er im Begriffe, zu sagen: »Was ist denn nun
schon wieder los?« … Dennoch war er zu vornehm, um nicht alle kleinen
Unerlaubtheiten auf distinguierte Art zu übersehen, die sich etwa auf dem
Hofe ereigneten. Er übersah, daß dieser oder jener Schüler ein Buch mit
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sich heruntergebracht hatte, um sich im letzten Augenblick ein wenig zu
präparieren, übersah, daß seine Pensionäre Herrn Schlemiel, dem Kustos,
Geld einhändigten, um sich Bäckereien holen zu lassen, daß hier eine kleine
Kraftprobe zwischen zwei Tertianern in eine Prügelei ausartete, um die sich
sofort ein Ring von Sachverständigen bildete, und daß dort hinten jemand,
der auf irgendeine Weise eine unkameradschaftliche, feige oder
unehrenhafte Gesinnung an den Tag gelegt hatte, von seinen
Klassengenossen zwangsweise zur Pumpe befördert wurde, um zu seiner
Schande mit Wasser begossen zu werden …
Es war ein wackeres und ein bißchen ungehobeltes Geschlecht, die laute
Menge, in der Kai und Hanno hin und wider wanderten. Herangewachsen in
der Luft eines kriegerisch siegreichen und verjüngten Vaterlandes, huldigte
man Sitten von rauher Männlichkeit. Man redete in einem Jargon, der
zugleich salopp und schneidig war und von technischen Ausdrücken
wimmelte. Trink- und Rauchtüchtigkeit, Körperstärke und Turnertugend
standen sehr hoch in der Schätzung, und die verächtlichsten Laster waren
Weichlichkeit und Geckenhaftigkeit. Wer mit emporgeklapptem
Rockkragen getroffen wurde, durfte der Pumpe gewärtig sein. Wer sich aber
gar auf der Straße mit einem Spazierstock hatte sehen lassen, an dem wurde
in der Turnhalle auf ebenso schimpfliche wie schmerzhafte Art eine
öffentliche Züchtigung vollzogen …
Das, was Hanno und Kai miteinander sprachen, ging fremd und
sonderbar in dem Stimmengewirr unter, das die kalte und feuchte Luft
erfüllte. Diese Freundschaft war seit langem in der ganzen Schule bekannt.
Die Lehrer duldeten sie mit Übelwollen, weil sie Unrat und Opposition
dahinter vermuteten, und die Kameraden, außerstande, ihr Wesen zu
enträtseln, hatten sich gewöhnt, sie mit einem gewissen scheuen
Widerwillen gelten zu lassen und diese beiden Genossen als outlaws und
fremdartige Sonderlinge zu betrachten, die man sich selbst überlassen
mußte … Übrigens genoß Kai Graf Mölln eines gewissen Respekts wegen
der Wildheit und zügellosen Unbotmäßigkeit, die man an ihm kannte. Was
aber Hanno Buddenbrook betraf, so konnte selbst der große Heinricy, der
doch alle Welt prügelte, sich nicht entschließen, wegen Geckenhaftigkeit
und Feigheit Hand an ihn zu legen, aus unbestimmter Furcht vor der
Weichheit seines Haares, vor der Zartheit seiner Glieder, vor seinem trüben,
scheuen und kalten Blick …
präparieren, übersah, daß seine Pensionäre Herrn Schlemiel, dem Kustos,
Geld einhändigten, um sich Bäckereien holen zu lassen, daß hier eine kleine
Kraftprobe zwischen zwei Tertianern in eine Prügelei ausartete, um die sich
sofort ein Ring von Sachverständigen bildete, und daß dort hinten jemand,
der auf irgendeine Weise eine unkameradschaftliche, feige oder
unehrenhafte Gesinnung an den Tag gelegt hatte, von seinen
Klassengenossen zwangsweise zur Pumpe befördert wurde, um zu seiner
Schande mit Wasser begossen zu werden …
Es war ein wackeres und ein bißchen ungehobeltes Geschlecht, die laute
Menge, in der Kai und Hanno hin und wider wanderten. Herangewachsen in
der Luft eines kriegerisch siegreichen und verjüngten Vaterlandes, huldigte
man Sitten von rauher Männlichkeit. Man redete in einem Jargon, der
zugleich salopp und schneidig war und von technischen Ausdrücken
wimmelte. Trink- und Rauchtüchtigkeit, Körperstärke und Turnertugend
standen sehr hoch in der Schätzung, und die verächtlichsten Laster waren
Weichlichkeit und Geckenhaftigkeit. Wer mit emporgeklapptem
Rockkragen getroffen wurde, durfte der Pumpe gewärtig sein. Wer sich aber
gar auf der Straße mit einem Spazierstock hatte sehen lassen, an dem wurde
in der Turnhalle auf ebenso schimpfliche wie schmerzhafte Art eine
öffentliche Züchtigung vollzogen …
Das, was Hanno und Kai miteinander sprachen, ging fremd und
sonderbar in dem Stimmengewirr unter, das die kalte und feuchte Luft
erfüllte. Diese Freundschaft war seit langem in der ganzen Schule bekannt.
Die Lehrer duldeten sie mit Übelwollen, weil sie Unrat und Opposition
dahinter vermuteten, und die Kameraden, außerstande, ihr Wesen zu
enträtseln, hatten sich gewöhnt, sie mit einem gewissen scheuen
Widerwillen gelten zu lassen und diese beiden Genossen als outlaws und
fremdartige Sonderlinge zu betrachten, die man sich selbst überlassen
mußte … Übrigens genoß Kai Graf Mölln eines gewissen Respekts wegen
der Wildheit und zügellosen Unbotmäßigkeit, die man an ihm kannte. Was
aber Hanno Buddenbrook betraf, so konnte selbst der große Heinricy, der
doch alle Welt prügelte, sich nicht entschließen, wegen Geckenhaftigkeit
und Feigheit Hand an ihn zu legen, aus unbestimmter Furcht vor der
Weichheit seines Haares, vor der Zartheit seiner Glieder, vor seinem trüben,
scheuen und kalten Blick …
Page 676
»Ich habe Angst«, sagte Hanno zu Kai, indem er an der einen
Seitenwand des Hofes stehenblieb, sich gegen die Mauer lehnte und mit
fröstelndem Gähnen seine Jacke fester zusammenzog … »Ich habe eine
unsinnige Angst, Kai, sie tut mir überall weh im Körper. Ist nun Herr
Mantelsack der Mann, vor dem man sich derartig fürchten dürfte? Sage
selbst! Wenn diese widerliche Ovidstunde erst vorüber wäre! Wenn ich
meinen Tadel im Klassenbuch hätte und sitzenbliebe und alles in Ordnung
wäre! Ich fürchte mich nicht d a v o r, ich fürchte mich vor dem Eklat, der
damit verbunden ist …«
Kai verfiel in Gedanken. »Dieser Roderich Usher ist die wundervollste
Figur, die je erfunden worden ist!« sagte er schnell und unvermittelt. »Ich
habe eben die ganze Stunde gelesen … Wenn ich jemals eine so gute
Geschichte schreiben könnte!«
Die Sache war die, daß Kai sich mit Schreiben abgab. Dies war es auch,
was er heute morgen gemeint hatte, als er sagte, er habe besseres zu tun, als
Schularbeiten zu machen, und Hanno hatte ihn wohl verstanden. Aus der
Neigung zum Geschichtenerzählen, die er als kleiner Junge an den Tag
gelegt hatte, hatten sich schriftstellerische Versuche entwickelt, und
kürzlich hatte er eine Dichtung vollendet, ein Märchen, ein rücksichtslos
phantastisches Abenteuer, in dem alles in einem dunklen Schein erglühte,
das unter Metallen und geheimnisvollen Gluten in den tiefsten und
heiligsten Werkstätten der Erde und zugleich in denen der menschlichen
Seele spielte, und in dem die Urgewalten der Natur und der Seele auf eine
sonderbare Art vermischt, gewandt, gewandelt und geläutert wurden, –
geschrieben in einer innerlichen, deutsamen, ein wenig überschwenglichen
und sehnsüchtigen Sprache von zarter Leidenschaftlichkeit …
Hanno kannte diese Geschichte wohl und liebte sie sehr; aber er war
jetzt nicht aufgelegt, von Kais Arbeiten oder von Edgar Poe zu sprechen. Er
gähnte wieder und seufzte dann, indem er gleichzeitig ein Motiv vor sich
hinsang, das er kürzlich am Flügel erfunden hatte. Dies war so seine
Gewohnheit. Er pflegte oft zu seufzen, tief aufzuatmen aus dem dringenden
Bedürfnis, sein unzulänglich arbeitendes Herz in einen etwas munteren
Gang zu bringen, und er hatte sich gewöhnt, das Ausatmen nach einem
musikalischen Thema, irgendeinem Stück Melodie eigener oder fremder
Erfindung, geschehen zu lassen …
Seitenwand des Hofes stehenblieb, sich gegen die Mauer lehnte und mit
fröstelndem Gähnen seine Jacke fester zusammenzog … »Ich habe eine
unsinnige Angst, Kai, sie tut mir überall weh im Körper. Ist nun Herr
Mantelsack der Mann, vor dem man sich derartig fürchten dürfte? Sage
selbst! Wenn diese widerliche Ovidstunde erst vorüber wäre! Wenn ich
meinen Tadel im Klassenbuch hätte und sitzenbliebe und alles in Ordnung
wäre! Ich fürchte mich nicht d a v o r, ich fürchte mich vor dem Eklat, der
damit verbunden ist …«
Kai verfiel in Gedanken. »Dieser Roderich Usher ist die wundervollste
Figur, die je erfunden worden ist!« sagte er schnell und unvermittelt. »Ich
habe eben die ganze Stunde gelesen … Wenn ich jemals eine so gute
Geschichte schreiben könnte!«
Die Sache war die, daß Kai sich mit Schreiben abgab. Dies war es auch,
was er heute morgen gemeint hatte, als er sagte, er habe besseres zu tun, als
Schularbeiten zu machen, und Hanno hatte ihn wohl verstanden. Aus der
Neigung zum Geschichtenerzählen, die er als kleiner Junge an den Tag
gelegt hatte, hatten sich schriftstellerische Versuche entwickelt, und
kürzlich hatte er eine Dichtung vollendet, ein Märchen, ein rücksichtslos
phantastisches Abenteuer, in dem alles in einem dunklen Schein erglühte,
das unter Metallen und geheimnisvollen Gluten in den tiefsten und
heiligsten Werkstätten der Erde und zugleich in denen der menschlichen
Seele spielte, und in dem die Urgewalten der Natur und der Seele auf eine
sonderbare Art vermischt, gewandt, gewandelt und geläutert wurden, –
geschrieben in einer innerlichen, deutsamen, ein wenig überschwenglichen
und sehnsüchtigen Sprache von zarter Leidenschaftlichkeit …
Hanno kannte diese Geschichte wohl und liebte sie sehr; aber er war
jetzt nicht aufgelegt, von Kais Arbeiten oder von Edgar Poe zu sprechen. Er
gähnte wieder und seufzte dann, indem er gleichzeitig ein Motiv vor sich
hinsang, das er kürzlich am Flügel erfunden hatte. Dies war so seine
Gewohnheit. Er pflegte oft zu seufzen, tief aufzuatmen aus dem dringenden
Bedürfnis, sein unzulänglich arbeitendes Herz in einen etwas munteren
Gang zu bringen, und er hatte sich gewöhnt, das Ausatmen nach einem
musikalischen Thema, irgendeinem Stück Melodie eigener oder fremder
Erfindung, geschehen zu lassen …
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»Siehe, da kommt der liebe Gott!« sagte Kai. »Er lustwandelt in seinem
Garten.«
»Ein netter Garten«, sagte Hanno und geriet ins Lachen. Er lachte
nervös und konnte nicht aufhören, hielt sein Taschentuch vor den Mund und
blickte darüber hinweg auf den, welchen Kai als den »lieben Gott«
bezeichnet hatte.
Es war Direktor Doktor Wulicke, der Leiter der Schule, der auf dem
Hofe erschienen war: ein außerordentlich langer Mann mit schwarzem
Schlapphut, kurzem Vollbart, einem spitzen Bauche, viel zu kurzen
Beinkleidern und trichterförmigen Manschetten, die stets sehr unsauber
waren. Er ging mit einem Gesicht, das vor Zorn beinahe leidend aussah,
schnell über die Steinfliesen, indem er mit ausgestrecktem Arme auf die
Pumpe wies … Das Wasser floß! Eine Anzahl Schüler liefen vor ihm her
und überstürzten sich, dem Schaden dadurch abzuhelfen, daß sie die
Leitung schlossen. Aber auch dann standen sie noch lange und betrachteten
mit verstörten Gesichtern abwechselnd die Pumpe und den Direktor, der
sich an den mit rotem Antlitz herbeigeeilten Doktor Goldener gewandt hatte
und mit tiefer, dumpfer und bewegter Stimme auf ihn einsprach. Seine Rede
war mit brummenden und unartikulierten Lippenlauten durchsetzt …
Dieser Direktor Wulicke war ein furchtbarer Mann. Er war der
Nachfolger des jovialen und menschenfreundlichen alten Herrn, unter
dessen Regierung Hannos Vater und Onkel studiert hatten, und der bald
nach dem Jahre einundsiebzig gestorben war. Damals war Doktor Wulicke,
bislang Professor an einem preußischen Gymnasium, berufen worden, und
mit ihm war ein anderer, ein neuer Geist in die alte Schule eingezogen. Wo
ehemals die klassische Bildung als ein heiterer Selbstzweck gegolten hatte,
den man mit Ruhe, Muße und fröhlichem Idealismus verfolgte, da waren
nun die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu höchster
Würde gelangt, und der »kategorische Imperativ unseres Philosophen Kant«
war das Banner, das Direktor Wulicke in jeder Festrede bedrohlich
entfaltete. Die Schule war ein Staat im Staate geworden, in dem preußische
Dienststrammheit so gewaltig herrschte, daß nicht allein die Lehrer, sondern
auch die Schüler sich als Beamte empfanden, die um nichts als ihr
Avancement und darum besorgt waren, bei den Machthabern gut
angeschrieben zu stehen … Bald nach dem Einzug des neuen Direktors war
Garten.«
»Ein netter Garten«, sagte Hanno und geriet ins Lachen. Er lachte
nervös und konnte nicht aufhören, hielt sein Taschentuch vor den Mund und
blickte darüber hinweg auf den, welchen Kai als den »lieben Gott«
bezeichnet hatte.
Es war Direktor Doktor Wulicke, der Leiter der Schule, der auf dem
Hofe erschienen war: ein außerordentlich langer Mann mit schwarzem
Schlapphut, kurzem Vollbart, einem spitzen Bauche, viel zu kurzen
Beinkleidern und trichterförmigen Manschetten, die stets sehr unsauber
waren. Er ging mit einem Gesicht, das vor Zorn beinahe leidend aussah,
schnell über die Steinfliesen, indem er mit ausgestrecktem Arme auf die
Pumpe wies … Das Wasser floß! Eine Anzahl Schüler liefen vor ihm her
und überstürzten sich, dem Schaden dadurch abzuhelfen, daß sie die
Leitung schlossen. Aber auch dann standen sie noch lange und betrachteten
mit verstörten Gesichtern abwechselnd die Pumpe und den Direktor, der
sich an den mit rotem Antlitz herbeigeeilten Doktor Goldener gewandt hatte
und mit tiefer, dumpfer und bewegter Stimme auf ihn einsprach. Seine Rede
war mit brummenden und unartikulierten Lippenlauten durchsetzt …
Dieser Direktor Wulicke war ein furchtbarer Mann. Er war der
Nachfolger des jovialen und menschenfreundlichen alten Herrn, unter
dessen Regierung Hannos Vater und Onkel studiert hatten, und der bald
nach dem Jahre einundsiebzig gestorben war. Damals war Doktor Wulicke,
bislang Professor an einem preußischen Gymnasium, berufen worden, und
mit ihm war ein anderer, ein neuer Geist in die alte Schule eingezogen. Wo
ehemals die klassische Bildung als ein heiterer Selbstzweck gegolten hatte,
den man mit Ruhe, Muße und fröhlichem Idealismus verfolgte, da waren
nun die Begriffe Autorität, Pflicht, Macht, Dienst, Karriere zu höchster
Würde gelangt, und der »kategorische Imperativ unseres Philosophen Kant«
war das Banner, das Direktor Wulicke in jeder Festrede bedrohlich
entfaltete. Die Schule war ein Staat im Staate geworden, in dem preußische
Dienststrammheit so gewaltig herrschte, daß nicht allein die Lehrer, sondern
auch die Schüler sich als Beamte empfanden, die um nichts als ihr
Avancement und darum besorgt waren, bei den Machthabern gut
angeschrieben zu stehen … Bald nach dem Einzug des neuen Direktors war
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auch unter den vortrefflichsten hygienischen und ästhetischen
Gesichtspunkten mit dem Umbau und der Neueinrichtung der Anstalt
begonnen und alles aufs glücklichste fertiggestellt worden. Allein es blieb
die Frage, ob nicht früher, als weniger Komfort der Neuzeit und ein bißchen
mehr Gutmütigkeit, Gemüt, Heiterkeit, Wohlwollen und Behagen in diesen
Räumen geherrscht hatte, die Schule ein sympathischeres und segenvolleres
Institut gewesen war …
Was Direktor Wulicke persönlich betraf, so war er von der rätselhaften,
zweideutigen, eigensinnigen und eifersüchtigen Schrecklichkeit des
alttestamentlichen Gottes. Er war entsetzlich im Lächeln wie im Zorne. Die
ungeheure Autorität, die in seinen Händen lag, machte ihn schauerlich
launenhaft und unberechenbar. Er war imstande, etwas Scherzhaftes zu
sagen und fürchterlich zu werden, wenn man lachte. Keine seiner zitternden
Kreaturen wußte Rat, wie man sich ihm gegenüber zu benehmen habe. Es
blieb nichts übrig, als ihn im Staub zu verehren und durch eine wahnsinnige
Demut vielleicht zu verhüten, daß er einen nicht dahinraffe in seinem
Grimm und nicht zermalme in seiner großen Gerechtigkeit …
Der Name, den Kai ihm gegeben hatte, wurde nur von ihm selbst und
Hanno Buddenbrook gebraucht, und sie hüteten sich, ihn vor den
Kameraden laut werden zu lassen, aus Scheu vor dem starren und kalten
Blick des Unverständnisses, den sie so wohl kannten … Nein, es gab nicht
einen Punkt, in dem diese beiden sich mit ihren Genossen verstanden. Es
war ihnen sogar die Art von Opposition und Rache fremd, an der die
anderen sich genügen ließen, und sie mißachteten die üblichen Spottnamen,
weil ein Humor daraus sprach, der sie nicht berührte und sie nicht einmal
zum Lächeln brachte. Es war so billig, so nüchtern und unwitzig, den
dünnen Professor Hückopp »die Spinne« und Oberlehrer Ballerstedt
»Kakadu« zu nennen, eine so armselige Schadloshaltung für den Zwang des
Staatsdienstes! Nein, Kai Graf Mölln war ein wenig bissiger! Für seine und
Hannos Person hatte er den Brauch eingeführt, von den Lehrern nur
vermittels ihres richtigen bürgerlichen Namens unter Hinzufügung des
Wortes »Herr« zu sprechen: »Herr Ballerstedt«, »Herr Mantelsack«, »Herr
Hückopp« … Das ergab gleichsam eine ablehnende und ironische Kälte,
eine spöttische Distanz und Fremdheit … Sie sprachen von dem
»Lehrkörper« und amüsierten sich während ganzer Pausen damit, sich ein
wirklich vorhandenes Geschöpf, eine Art Ungeheuer von widerlicher und
Gesichtspunkten mit dem Umbau und der Neueinrichtung der Anstalt
begonnen und alles aufs glücklichste fertiggestellt worden. Allein es blieb
die Frage, ob nicht früher, als weniger Komfort der Neuzeit und ein bißchen
mehr Gutmütigkeit, Gemüt, Heiterkeit, Wohlwollen und Behagen in diesen
Räumen geherrscht hatte, die Schule ein sympathischeres und segenvolleres
Institut gewesen war …
Was Direktor Wulicke persönlich betraf, so war er von der rätselhaften,
zweideutigen, eigensinnigen und eifersüchtigen Schrecklichkeit des
alttestamentlichen Gottes. Er war entsetzlich im Lächeln wie im Zorne. Die
ungeheure Autorität, die in seinen Händen lag, machte ihn schauerlich
launenhaft und unberechenbar. Er war imstande, etwas Scherzhaftes zu
sagen und fürchterlich zu werden, wenn man lachte. Keine seiner zitternden
Kreaturen wußte Rat, wie man sich ihm gegenüber zu benehmen habe. Es
blieb nichts übrig, als ihn im Staub zu verehren und durch eine wahnsinnige
Demut vielleicht zu verhüten, daß er einen nicht dahinraffe in seinem
Grimm und nicht zermalme in seiner großen Gerechtigkeit …
Der Name, den Kai ihm gegeben hatte, wurde nur von ihm selbst und
Hanno Buddenbrook gebraucht, und sie hüteten sich, ihn vor den
Kameraden laut werden zu lassen, aus Scheu vor dem starren und kalten
Blick des Unverständnisses, den sie so wohl kannten … Nein, es gab nicht
einen Punkt, in dem diese beiden sich mit ihren Genossen verstanden. Es
war ihnen sogar die Art von Opposition und Rache fremd, an der die
anderen sich genügen ließen, und sie mißachteten die üblichen Spottnamen,
weil ein Humor daraus sprach, der sie nicht berührte und sie nicht einmal
zum Lächeln brachte. Es war so billig, so nüchtern und unwitzig, den
dünnen Professor Hückopp »die Spinne« und Oberlehrer Ballerstedt
»Kakadu« zu nennen, eine so armselige Schadloshaltung für den Zwang des
Staatsdienstes! Nein, Kai Graf Mölln war ein wenig bissiger! Für seine und
Hannos Person hatte er den Brauch eingeführt, von den Lehrern nur
vermittels ihres richtigen bürgerlichen Namens unter Hinzufügung des
Wortes »Herr« zu sprechen: »Herr Ballerstedt«, »Herr Mantelsack«, »Herr
Hückopp« … Das ergab gleichsam eine ablehnende und ironische Kälte,
eine spöttische Distanz und Fremdheit … Sie sprachen von dem
»Lehrkörper« und amüsierten sich während ganzer Pausen damit, sich ein
wirklich vorhandenes Geschöpf, eine Art Ungeheuer von widerlicher und
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phantastischer Gestaltung darunter vorzustellen. Und sie sprachen im
allgemeinen von der »Anstalt« mit einer Betonung, als handele es sich um
eine solche wie die, in der Hannos Onkel Christian sich aufhielt …
Durch den Anblick des lieben Gottes, der noch eine Weile alles in
bleichen Schrecken versetzte, indem er mit fürchterlichem Brummen nach
verschiedenen Richtungen auf das Butterbrotpapier zeigte, das hie und da
auf den Fliesen lag, war Kai in vorzügliche Laune geraten. Er zog Hanno
mit sich fort, zu einem der Tore, durch das die Lehrer, die zur zweiten
Stunde eintrafen, den Hof beschritten, und fing an, sich ungeheuer tief vor
den rotäugigen, blassen und dürftigen Seminaristen zu verbeugen, die
vorübergingen, um sich zu ihren Sextanern und Septimanern auf die
hinteren Höfe zu begeben. Er bückte sich übermäßig, ließ die Arme hängen
und blickte von unten herauf hingebungsvoll zu den armen Gesellen empor.
Als jedoch der greise Rechenlehrer, Herr Tietge, erschien, einige Bücher
mit zitternder Hand auf dem Rücken haltend, auf unmögliche Art in sich
hineinschielend, krumm, gelb und speiend, da sagte er mit klangvoller
Stimme: »Guten Tag, du Leiche.« Worauf er klaren und scharfen Blickes
irgendwo hin in die Luft sah .....
Es schellte gellend in diesem Augenblick, und sofort begannen die
Schüler von allen Seiten zu den Eingängen zusammenzuströmen. Aber
Hanno hörte nicht auf zu lachen; er lachte noch auf der Treppe so sehr, daß
seine Klassengenossen, die ihn und Kai umgaben, ihm kalt, befremdet und
sogar ein wenig angewidert von soviel Albernheit ins Gesicht blickten …
Es ward still in der Klasse, und alles stand einmütig auf, als Oberlehrer
Doktor Mantelsack eintrat. Er war der Ordinarius, und es war Sitte, vor dem
Ordinarius Respekt zu haben. Er zog die Tür hinter sich zu, indem er sich
bückte, reckte den Hals, um zu sehen, ob alle standen, hing seinen Hut an
den Nagel und ging dann rasch zum Katheder, wobei er seinen Kopf in
schnellem Wechsel hob und senkte. Hier nahm er Aufstellung und sah ein
wenig zum Fenster hinaus, indem er seinen ausgestreckten Zeigefinger, an
dem ein großer Siegelring saß, zwischen Kragen und Hals hin und her
bewegte. Er war ein mittelgroßer Mann mit dünnem, ergrautem Haar, einem
krausen Jupiterbart und kurzsichtig hervortretenden saphirblauen Augen,
die hinter den scharfen Brillengläsern glänzten. Er war gekleidet in einen
offenen Gehrock aus grauem, weichem Stoff, den er in der Taillengegend
allgemeinen von der »Anstalt« mit einer Betonung, als handele es sich um
eine solche wie die, in der Hannos Onkel Christian sich aufhielt …
Durch den Anblick des lieben Gottes, der noch eine Weile alles in
bleichen Schrecken versetzte, indem er mit fürchterlichem Brummen nach
verschiedenen Richtungen auf das Butterbrotpapier zeigte, das hie und da
auf den Fliesen lag, war Kai in vorzügliche Laune geraten. Er zog Hanno
mit sich fort, zu einem der Tore, durch das die Lehrer, die zur zweiten
Stunde eintrafen, den Hof beschritten, und fing an, sich ungeheuer tief vor
den rotäugigen, blassen und dürftigen Seminaristen zu verbeugen, die
vorübergingen, um sich zu ihren Sextanern und Septimanern auf die
hinteren Höfe zu begeben. Er bückte sich übermäßig, ließ die Arme hängen
und blickte von unten herauf hingebungsvoll zu den armen Gesellen empor.
Als jedoch der greise Rechenlehrer, Herr Tietge, erschien, einige Bücher
mit zitternder Hand auf dem Rücken haltend, auf unmögliche Art in sich
hineinschielend, krumm, gelb und speiend, da sagte er mit klangvoller
Stimme: »Guten Tag, du Leiche.« Worauf er klaren und scharfen Blickes
irgendwo hin in die Luft sah .....
Es schellte gellend in diesem Augenblick, und sofort begannen die
Schüler von allen Seiten zu den Eingängen zusammenzuströmen. Aber
Hanno hörte nicht auf zu lachen; er lachte noch auf der Treppe so sehr, daß
seine Klassengenossen, die ihn und Kai umgaben, ihm kalt, befremdet und
sogar ein wenig angewidert von soviel Albernheit ins Gesicht blickten …
Es ward still in der Klasse, und alles stand einmütig auf, als Oberlehrer
Doktor Mantelsack eintrat. Er war der Ordinarius, und es war Sitte, vor dem
Ordinarius Respekt zu haben. Er zog die Tür hinter sich zu, indem er sich
bückte, reckte den Hals, um zu sehen, ob alle standen, hing seinen Hut an
den Nagel und ging dann rasch zum Katheder, wobei er seinen Kopf in
schnellem Wechsel hob und senkte. Hier nahm er Aufstellung und sah ein
wenig zum Fenster hinaus, indem er seinen ausgestreckten Zeigefinger, an
dem ein großer Siegelring saß, zwischen Kragen und Hals hin und her
bewegte. Er war ein mittelgroßer Mann mit dünnem, ergrautem Haar, einem
krausen Jupiterbart und kurzsichtig hervortretenden saphirblauen Augen,
die hinter den scharfen Brillengläsern glänzten. Er war gekleidet in einen
offenen Gehrock aus grauem, weichem Stoff, den er in der Taillengegend
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mit seiner kurzfingerigen und runzeligen Hand sanft zu betasten liebte.
Seine Beinkleider waren, wie bei allen Lehrern, bis auf den feinen Doktor
Goldener, zu kurz und ließen die Schäfte von einem Paar außerordentlich
breiter und marmorblank gewichster Stiefel sehen.
Plötzlich wandte er den Kopf vom Fenster weg, stieß einen kleinen
freundlichen Seufzer aus, indem er in die lautlose Klasse hineinblickte,
sagte »Ja, ja!« und lächelte mehrere Schüler zutraulich an. Er war guter
Laune, es war offenbar. Eine Bewegung der Erleichterung ging durch den
Raum. Es kam so viel, es kam alles darauf an, ob Doktor Mantelsack guter
Laune war oder nicht, denn man wußte, daß er sich seinen Stimmungen
unbewußt und ohne die geringste Selbstkritik überließ. Er war von einer
ganz ausnehmenden, grenzenlos naiven Ungerechtigkeit, und seine Gunst
war hold und flatterhaft wie das Glück. Stets hatte er ein paar Lieblinge,
zwei oder drei, die er »Du« und mit Vornamen nannte, und die es gut hatten
wie im Paradiese. Sie konnten beinahe sagen, was sie wollten, und es war
dennoch richtig; und nach der Stunde plauderte Doktor Mantelsack aufs
menschlichste mit ihnen. Eines Tages jedoch, vielleicht nach den Ferien,
Gott allein wußte, warum, war man gestürzt, vernichtet, abgeschafft,
verworfen, und ein anderer wurde mit Vornamen genannt … Diesen
Glückseligen pflegte er die Fehler in den Extemporalien ganz leicht und
zierlich anzustreichen, so daß ihre Arbeiten auch bei großer
Mangelhaftigkeit einen reinlichen Aspekt behielten. In anderen Heften aber
fuhr er mit breiter und zorniger Feder umher und überschwemmte sie mit
Rot, so daß sie einen abschreckenden und verwahrlosten Eindruck machten.
Und da er die Fehler nicht zählte, sondern die Zensuren je nach der Menge
von roter Tinte erteilte, so gingen seine Günstlinge mit großem Vorteil aus
der Sache hervor. Bei diesem Verfahren dachte er sich nicht das geringste,
sondern fand es vollständig in der Ordnung und ahnte nichts von
Parteilichkeit. Hätte jemand den traurigen Mut besessen, dagegen zu
protestieren, so wäre er der Aussicht verlustig gegangen, jemals geduzt und
mit Vornamen genannt zu werden. Und diese Hoffnung ließ niemand
fahren …
Nun kreuzte Doktor Mantelsack im Stehen die Beine und blätterte in
seinem Notizbuch. Hanno Buddenbrook saß vornüber gebeugt und rang
unter dem Tische die Hände. Das B, der Buchstabe B war an der Reihe!
Gleich würde sein Name ertönen, und er würde aufstehen und nicht eine
Seine Beinkleider waren, wie bei allen Lehrern, bis auf den feinen Doktor
Goldener, zu kurz und ließen die Schäfte von einem Paar außerordentlich
breiter und marmorblank gewichster Stiefel sehen.
Plötzlich wandte er den Kopf vom Fenster weg, stieß einen kleinen
freundlichen Seufzer aus, indem er in die lautlose Klasse hineinblickte,
sagte »Ja, ja!« und lächelte mehrere Schüler zutraulich an. Er war guter
Laune, es war offenbar. Eine Bewegung der Erleichterung ging durch den
Raum. Es kam so viel, es kam alles darauf an, ob Doktor Mantelsack guter
Laune war oder nicht, denn man wußte, daß er sich seinen Stimmungen
unbewußt und ohne die geringste Selbstkritik überließ. Er war von einer
ganz ausnehmenden, grenzenlos naiven Ungerechtigkeit, und seine Gunst
war hold und flatterhaft wie das Glück. Stets hatte er ein paar Lieblinge,
zwei oder drei, die er »Du« und mit Vornamen nannte, und die es gut hatten
wie im Paradiese. Sie konnten beinahe sagen, was sie wollten, und es war
dennoch richtig; und nach der Stunde plauderte Doktor Mantelsack aufs
menschlichste mit ihnen. Eines Tages jedoch, vielleicht nach den Ferien,
Gott allein wußte, warum, war man gestürzt, vernichtet, abgeschafft,
verworfen, und ein anderer wurde mit Vornamen genannt … Diesen
Glückseligen pflegte er die Fehler in den Extemporalien ganz leicht und
zierlich anzustreichen, so daß ihre Arbeiten auch bei großer
Mangelhaftigkeit einen reinlichen Aspekt behielten. In anderen Heften aber
fuhr er mit breiter und zorniger Feder umher und überschwemmte sie mit
Rot, so daß sie einen abschreckenden und verwahrlosten Eindruck machten.
Und da er die Fehler nicht zählte, sondern die Zensuren je nach der Menge
von roter Tinte erteilte, so gingen seine Günstlinge mit großem Vorteil aus
der Sache hervor. Bei diesem Verfahren dachte er sich nicht das geringste,
sondern fand es vollständig in der Ordnung und ahnte nichts von
Parteilichkeit. Hätte jemand den traurigen Mut besessen, dagegen zu
protestieren, so wäre er der Aussicht verlustig gegangen, jemals geduzt und
mit Vornamen genannt zu werden. Und diese Hoffnung ließ niemand
fahren …
Nun kreuzte Doktor Mantelsack im Stehen die Beine und blätterte in
seinem Notizbuch. Hanno Buddenbrook saß vornüber gebeugt und rang
unter dem Tische die Hände. Das B, der Buchstabe B war an der Reihe!
Gleich würde sein Name ertönen, und er würde aufstehen und nicht eine
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Zeile wissen, und es würde einen Skandal geben, eine laute, schreckliche
Katastrophe, so guter Laune der Ordinarius auch sein mochte … Die
Sekunden dehnten sich martervoll. »Buddenbrook« … jetzt sagte er
»Buddenbrook« …
»Edgar!« sagte Doktor Mantelsack, schloß sein Notizbuch, indem er
seinen Zeigefinger darin stecken ließ, und setzte sich aufs Katheder, als ob
nun alles in bester Ordnung sei.
Was? Wie war das? Edgar … Das war Lüders, der dicke Lüders dort,
am Fenster, der Buchstabe L, der nicht im entferntesten an der Reihe war!
Nein, war es möglich? Doktor Mantelsack war so guter Laune, daß er
einfach einen Liebling herausgriff und sich gar nicht darum kümmerte, wer
heute ordnungsmäßig vorgenommen werden mußte …
Der dicke Lüders stand auf. Er hatte ein Mopsgesicht und braune
apathische Augen. Obgleich er einen vorzüglichen Platz innehatte und mit
Bequemlichkeit hätte ablesen können, war er auch hierzu zu träge. Er fühlte
sich zu sicher im Paradiese und antwortete einfach: »Ich habe gestern
wegen Kopfschmerzen nicht lernen können.«
»Oh, du lässest mich im Stich, Edgar?« sagte Doktor Mantelsack
betrübt … »Du willst mir die Verse vom goldenen Zeitalter nicht sprechen?
Wie jammerschade, mein Freund! Hattest du Kopfschmerzen? Aber mich
dünkt, du hättest mir das zu Beginn der Stunde sagen sollen, bevor ich dich
aufrief … Hattest du nicht schon neulich Kopfschmerzen gehabt? Du
solltest etwas dagegen tun, Edgar, denn sonst ist die Gefahr nicht
ausgeschlossen, daß du Rückschritte machst … Timm, wollen Sie ihn
vertreten.«
Lüders setzte sich. In diesem Augenblick war er allgemein verhaßt. Man
sah deutlich, daß des Ordinarius Laune beträchtlich gesunken war, und daß
Lüders vielleicht schon in der nächsten Stunde würde mit Nachnamen
genannt werden … Timm stand auf, in einer der hintersten Bänke. Es war
ein blonder Junge von ländlichem Äußeren, mit einer hellbraunen Jacke und
kurzen, breiten Fingern. Er hielt seinen Mund mit eifrigem und törichtem
Ausdruck trichterförmig geöffnet und rückte hastig sein offenes Buch
zurecht, indem er angestrengt geradeaus blickte. Dann senkte er den Kopf
Katastrophe, so guter Laune der Ordinarius auch sein mochte … Die
Sekunden dehnten sich martervoll. »Buddenbrook« … jetzt sagte er
»Buddenbrook« …
»Edgar!« sagte Doktor Mantelsack, schloß sein Notizbuch, indem er
seinen Zeigefinger darin stecken ließ, und setzte sich aufs Katheder, als ob
nun alles in bester Ordnung sei.
Was? Wie war das? Edgar … Das war Lüders, der dicke Lüders dort,
am Fenster, der Buchstabe L, der nicht im entferntesten an der Reihe war!
Nein, war es möglich? Doktor Mantelsack war so guter Laune, daß er
einfach einen Liebling herausgriff und sich gar nicht darum kümmerte, wer
heute ordnungsmäßig vorgenommen werden mußte …
Der dicke Lüders stand auf. Er hatte ein Mopsgesicht und braune
apathische Augen. Obgleich er einen vorzüglichen Platz innehatte und mit
Bequemlichkeit hätte ablesen können, war er auch hierzu zu träge. Er fühlte
sich zu sicher im Paradiese und antwortete einfach: »Ich habe gestern
wegen Kopfschmerzen nicht lernen können.«
»Oh, du lässest mich im Stich, Edgar?« sagte Doktor Mantelsack
betrübt … »Du willst mir die Verse vom goldenen Zeitalter nicht sprechen?
Wie jammerschade, mein Freund! Hattest du Kopfschmerzen? Aber mich
dünkt, du hättest mir das zu Beginn der Stunde sagen sollen, bevor ich dich
aufrief … Hattest du nicht schon neulich Kopfschmerzen gehabt? Du
solltest etwas dagegen tun, Edgar, denn sonst ist die Gefahr nicht
ausgeschlossen, daß du Rückschritte machst … Timm, wollen Sie ihn
vertreten.«
Lüders setzte sich. In diesem Augenblick war er allgemein verhaßt. Man
sah deutlich, daß des Ordinarius Laune beträchtlich gesunken war, und daß
Lüders vielleicht schon in der nächsten Stunde würde mit Nachnamen
genannt werden … Timm stand auf, in einer der hintersten Bänke. Es war
ein blonder Junge von ländlichem Äußeren, mit einer hellbraunen Jacke und
kurzen, breiten Fingern. Er hielt seinen Mund mit eifrigem und törichtem
Ausdruck trichterförmig geöffnet und rückte hastig sein offenes Buch
zurecht, indem er angestrengt geradeaus blickte. Dann senkte er den Kopf
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und begann vorzulesen, langgezogen, stockend und monoton, wie ein Kind
aus der Fibel: »Aurea prima sata est aetas …«
Es war klar, daß Doktor Mantelsack heute außerhalb jeder Ordnung
fragte und sich gar nicht darum kümmerte, wer am längsten nicht
examiniert worden war. Es war jetzt nicht mehr so drohend wahrscheinlich,
daß Hanno aufgerufen wurde, es konnte nur noch durch einen unseligen
Zufall geschehen. Er wechselte einen glücklichen Blick mit Kai und fing
an, seine Glieder ein wenig abzuspannen und auszuruhen …
Plötzlich ward Timm in seiner Lektüre unterbrochen. Sei es nun, daß
Doktor Mantelsack den Rezitierenden nicht recht verstand, oder daß er sich
Bewegung zu machen wünschte: er verließ das Katheder, lustwandelte
gemächlich durch die Klasse und stellte sich, seinen Ovid in der Hand,
dicht neben Timm, der mit kurzen unsichtbaren Bewegungen sein Buch
beiseitegeräumt hatte und nun vollkommen hilflos war. Er schnappte mit
seinem trichterförmigen Munde, blickte den Ordinarius mit blauen,
ehrlichen, verstörten Augen an und brachte nicht eine Silbe mehr zustande.
»Nun, Timm«, sagte Doktor Mantelsack … »Jetzt geht es auf einmal
nicht mehr?«
Und Timm griff sich nach dem Kopf, rollte die Augen, atmete heftig
und sagte schließlich mit einem irren Lächeln: »Ich bin so verwirrt, wenn
Sie bei mir stehen, Herr Doktor.«
Auch Doktor Mantelsack lächelte; er lächelte geschmeichelt und sagte:
»Nun, sammeln Sie sich und fahren Sie fort.« Damit wandelte er zum
Katheder zurück.
Und Timm sammelte sich. Er zog sein Buch wieder vor sich hin, öffnete
es, indem er, sichtlich nach Fassung ringend, im Zimmer umherblickte,
senkte dann den Kopf und hatte sich wiedergefunden.
»Ich bin befriedigt«, sagte der Ordinarius, als Timm geendet hatte. »Sie
haben gut gelernt, das steht außer Zweifel. Nur entbehren Sie zu sehr des
rhythmischen Gefühles, Timm. Über die Bindungen sind Sie sich klar, und
dennoch haben Sie nicht eigentlich Hexameter gesprochen. Ich habe den
Eindruck, als ob Sie das Ganze wie Prosa auswendig gelernt hätten … Aber
aus der Fibel: »Aurea prima sata est aetas …«
Es war klar, daß Doktor Mantelsack heute außerhalb jeder Ordnung
fragte und sich gar nicht darum kümmerte, wer am längsten nicht
examiniert worden war. Es war jetzt nicht mehr so drohend wahrscheinlich,
daß Hanno aufgerufen wurde, es konnte nur noch durch einen unseligen
Zufall geschehen. Er wechselte einen glücklichen Blick mit Kai und fing
an, seine Glieder ein wenig abzuspannen und auszuruhen …
Plötzlich ward Timm in seiner Lektüre unterbrochen. Sei es nun, daß
Doktor Mantelsack den Rezitierenden nicht recht verstand, oder daß er sich
Bewegung zu machen wünschte: er verließ das Katheder, lustwandelte
gemächlich durch die Klasse und stellte sich, seinen Ovid in der Hand,
dicht neben Timm, der mit kurzen unsichtbaren Bewegungen sein Buch
beiseitegeräumt hatte und nun vollkommen hilflos war. Er schnappte mit
seinem trichterförmigen Munde, blickte den Ordinarius mit blauen,
ehrlichen, verstörten Augen an und brachte nicht eine Silbe mehr zustande.
»Nun, Timm«, sagte Doktor Mantelsack … »Jetzt geht es auf einmal
nicht mehr?«
Und Timm griff sich nach dem Kopf, rollte die Augen, atmete heftig
und sagte schließlich mit einem irren Lächeln: »Ich bin so verwirrt, wenn
Sie bei mir stehen, Herr Doktor.«
Auch Doktor Mantelsack lächelte; er lächelte geschmeichelt und sagte:
»Nun, sammeln Sie sich und fahren Sie fort.« Damit wandelte er zum
Katheder zurück.
Und Timm sammelte sich. Er zog sein Buch wieder vor sich hin, öffnete
es, indem er, sichtlich nach Fassung ringend, im Zimmer umherblickte,
senkte dann den Kopf und hatte sich wiedergefunden.
»Ich bin befriedigt«, sagte der Ordinarius, als Timm geendet hatte. »Sie
haben gut gelernt, das steht außer Zweifel. Nur entbehren Sie zu sehr des
rhythmischen Gefühles, Timm. Über die Bindungen sind Sie sich klar, und
dennoch haben Sie nicht eigentlich Hexameter gesprochen. Ich habe den
Eindruck, als ob Sie das Ganze wie Prosa auswendig gelernt hätten … Aber
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wie gesagt, Sie sind fleißig gewesen, Sie haben Ihr Bestes getan, und wer
immer strebend sich bemüht … Sie können sich setzen.«
Timm setzte sich stolz und strahlend, und Doktor Mantelsack schrieb
eine wohl befriedigende Note hinter seinen Namen. Das Merkwürdige aber
war, daß in diesem Augenblick nicht allein der Lehrer, sondern auch Timm
selbst und seine sämtlichen Kameraden der aufrichtigen Ansicht waren, daß
Timm wirklich und wahrhaftig ein guter und fleißiger Schüler sei, der seine
gute Note vollauf verdient hatte. Auch Hanno Buddenbrook war
außerstande, sich diesem Eindruck zu entziehen, obgleich er fühlte, wie
etwas in ihm sich mit Widerwillen dagegen wehrte … Wieder horchte er
angespannt auf den Namen, der nun ertönen würde …
»Mumme!« sagte Doktor Mantelsack. »Noch einmal! Aurea
prima …?«
Also Mumme! Gott sei gelobt, nun war Hanno wohl in Sicherheit! Zum
drittenmal würden die Verse kaum rezitiert werden müssen, und bei der
Neupräparation war der Buchstabe B erst kürzlich an der Reihe gewesen …
Mumme erhob sich. Er war ein langer, bleicher Mensch mit zitternden
Händen und außerordentlich großen, runden Brillengläsern. Er war
augenleidend und so kurzsichtig, daß es ihm unmöglich war, im Stehen aus
einem vor ihm liegenden Buche zu lesen. Er mußte lernen, und er hatte
gelernt. Da er aber herzlich unbegabt war und außerdem nicht geglaubt
hatte, heute aufgerufen zu werden, so wußte er dennoch nur wenig und
verstummte schon nach den ersten Worten. Doktor Mantelsack half ihm ein,
er half ihm zum zweiten Male mit schärferer Stimme und zum dritten Male
mit äußerst gereiztem Tone ein; als aber Mumme dann ganz und gar festsaß,
wurde der Ordinarius von heftigem Zorne ergriffen.
»Das ist vollständig ungenügend, Mumme! Setzen Sie sich hin! Sie sind
eine traurige Figur, dessen können Sie versichert sein, Sie Kretin! Dumm
u n d faul ist zuviel des Guten …«
Mumme versank. Er sah aus wie das Unglück, und es gab in diesem
Augenblicke niemanden im Zimmer, der ihn nicht verachtet hätte. Abermals
stieg ein Widerwille, eine Art von Brechreiz in Hanno Buddenbrook auf
und schnürte ihm die Kehle zusammen. Gleichzeitig aber beobachtete er
immer strebend sich bemüht … Sie können sich setzen.«
Timm setzte sich stolz und strahlend, und Doktor Mantelsack schrieb
eine wohl befriedigende Note hinter seinen Namen. Das Merkwürdige aber
war, daß in diesem Augenblick nicht allein der Lehrer, sondern auch Timm
selbst und seine sämtlichen Kameraden der aufrichtigen Ansicht waren, daß
Timm wirklich und wahrhaftig ein guter und fleißiger Schüler sei, der seine
gute Note vollauf verdient hatte. Auch Hanno Buddenbrook war
außerstande, sich diesem Eindruck zu entziehen, obgleich er fühlte, wie
etwas in ihm sich mit Widerwillen dagegen wehrte … Wieder horchte er
angespannt auf den Namen, der nun ertönen würde …
»Mumme!« sagte Doktor Mantelsack. »Noch einmal! Aurea
prima …?«
Also Mumme! Gott sei gelobt, nun war Hanno wohl in Sicherheit! Zum
drittenmal würden die Verse kaum rezitiert werden müssen, und bei der
Neupräparation war der Buchstabe B erst kürzlich an der Reihe gewesen …
Mumme erhob sich. Er war ein langer, bleicher Mensch mit zitternden
Händen und außerordentlich großen, runden Brillengläsern. Er war
augenleidend und so kurzsichtig, daß es ihm unmöglich war, im Stehen aus
einem vor ihm liegenden Buche zu lesen. Er mußte lernen, und er hatte
gelernt. Da er aber herzlich unbegabt war und außerdem nicht geglaubt
hatte, heute aufgerufen zu werden, so wußte er dennoch nur wenig und
verstummte schon nach den ersten Worten. Doktor Mantelsack half ihm ein,
er half ihm zum zweiten Male mit schärferer Stimme und zum dritten Male
mit äußerst gereiztem Tone ein; als aber Mumme dann ganz und gar festsaß,
wurde der Ordinarius von heftigem Zorne ergriffen.
»Das ist vollständig ungenügend, Mumme! Setzen Sie sich hin! Sie sind
eine traurige Figur, dessen können Sie versichert sein, Sie Kretin! Dumm
u n d faul ist zuviel des Guten …«
Mumme versank. Er sah aus wie das Unglück, und es gab in diesem
Augenblicke niemanden im Zimmer, der ihn nicht verachtet hätte. Abermals
stieg ein Widerwille, eine Art von Brechreiz in Hanno Buddenbrook auf
und schnürte ihm die Kehle zusammen. Gleichzeitig aber beobachtete er
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mit entsetzlicher Klarheit, was vor sich ging. Doktor Mantelsack malte
heftig ein Zeichen von böser Bedeutung hinter Mummes Namen und sah
sich dann mit finsteren Brauen in seinem Notizbuch um. Aus Zorn ging er
zur Tagesordnung über, sah nach, wer eigentlich an der Reihe war, es war
klar! Und als Hanno von dieser Erkenntnis gerade gänzlich überwältigt war,
hörte er auch schon seinen Namen, hörte ihn wie in einem bösen Traum.
»Buddenbrook!« – Doktor Mantelsack hatte »Buddenbrook« gesagt, der
Schall war noch in der Luft, und dennoch glaubte Hanno nicht daran. Ein
Sausen war in seinen Ohren entstanden. Er blieb sitzen.
»H e r r Buddenbrook!« sagte Doktor Mantelsack und starrte ihn mit
seinen saphirblauen, hervorquellenden Augen an, die hinter den scharfen
Brillengläsern glänzten .... »Wollen Sie die Güte haben?«
Gut, also es sollte so sein. So hatte es kommen müssen. Ganz anders, als
er es sich gedacht hatte, aber nun war dennoch alles verloren. Er war nun
gefaßt. Ob es wohl ein sehr großes Gebrüll geben würde? Er stand auf und
war im Begriffe, eine unsinnige und lächerliche Entschuldigung
vorzubringen, zu sagen, daß er »vergessen« habe, die Verse zu lernen, als er
plötzlich gewahrte, daß sein Vordermann ihm das offene Buch hinhielt.
Sein Vordermann, Hans Hermann Kilian, war ein Kleiner, Brauner, mit
fettem Haar und breiten Schultern. Er wollte Offizier werden und war so
beseelt von Kameradschaftlichkeit, daß er selbst Johann Buddenbrook, den
er doch nicht leiden mochte, nicht im Stiche ließ. Er wies sogar mit dem
Zeigefinger auf die Stelle, wo anzufangen war …
Und Hanno starrte dorthin und fing an zu lesen. Mit wankender Stimme
und verzogenen Brauen und Lippen las er von dem goldenen Zeitalter, das
zuerst entsprossen war und ohne Rächer, aus freiem Willen, ohne
Gesetzesvorschrift, Treue und Recht gepflegt hatte. »Strafe und Furcht
waren nicht vorhanden«, sagte er auf Lateinisch. »Es wurden weder
drohende Worte auf angehefteter eherner Tafel gelesen, noch scheute die
bittende Schar das Antlitz ihres Richters …« Er las mit gequältem und
angeekeltem Gesichtsausdruck, las mit Willen schlecht und
unzusammenhängend, vernachlässigte absichtlich einzelne Bindungen, die
in Kilians Buch mit Bleistift angegeben waren, sprach fehlerhafte Verse,
stockte und arbeitete sich scheinbar nur mühsam vorwärts, immer gewärtig,
heftig ein Zeichen von böser Bedeutung hinter Mummes Namen und sah
sich dann mit finsteren Brauen in seinem Notizbuch um. Aus Zorn ging er
zur Tagesordnung über, sah nach, wer eigentlich an der Reihe war, es war
klar! Und als Hanno von dieser Erkenntnis gerade gänzlich überwältigt war,
hörte er auch schon seinen Namen, hörte ihn wie in einem bösen Traum.
»Buddenbrook!« – Doktor Mantelsack hatte »Buddenbrook« gesagt, der
Schall war noch in der Luft, und dennoch glaubte Hanno nicht daran. Ein
Sausen war in seinen Ohren entstanden. Er blieb sitzen.
»H e r r Buddenbrook!« sagte Doktor Mantelsack und starrte ihn mit
seinen saphirblauen, hervorquellenden Augen an, die hinter den scharfen
Brillengläsern glänzten .... »Wollen Sie die Güte haben?«
Gut, also es sollte so sein. So hatte es kommen müssen. Ganz anders, als
er es sich gedacht hatte, aber nun war dennoch alles verloren. Er war nun
gefaßt. Ob es wohl ein sehr großes Gebrüll geben würde? Er stand auf und
war im Begriffe, eine unsinnige und lächerliche Entschuldigung
vorzubringen, zu sagen, daß er »vergessen« habe, die Verse zu lernen, als er
plötzlich gewahrte, daß sein Vordermann ihm das offene Buch hinhielt.
Sein Vordermann, Hans Hermann Kilian, war ein Kleiner, Brauner, mit
fettem Haar und breiten Schultern. Er wollte Offizier werden und war so
beseelt von Kameradschaftlichkeit, daß er selbst Johann Buddenbrook, den
er doch nicht leiden mochte, nicht im Stiche ließ. Er wies sogar mit dem
Zeigefinger auf die Stelle, wo anzufangen war …
Und Hanno starrte dorthin und fing an zu lesen. Mit wankender Stimme
und verzogenen Brauen und Lippen las er von dem goldenen Zeitalter, das
zuerst entsprossen war und ohne Rächer, aus freiem Willen, ohne
Gesetzesvorschrift, Treue und Recht gepflegt hatte. »Strafe und Furcht
waren nicht vorhanden«, sagte er auf Lateinisch. »Es wurden weder
drohende Worte auf angehefteter eherner Tafel gelesen, noch scheute die
bittende Schar das Antlitz ihres Richters …« Er las mit gequältem und
angeekeltem Gesichtsausdruck, las mit Willen schlecht und
unzusammenhängend, vernachlässigte absichtlich einzelne Bindungen, die
in Kilians Buch mit Bleistift angegeben waren, sprach fehlerhafte Verse,
stockte und arbeitete sich scheinbar nur mühsam vorwärts, immer gewärtig,
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daß der Ordinarius alles entdecken und sich auf ihn stürzen werde … Der
diebische Genuß, das offene Buch vor sich zu sehen, verursachte ein
Prickeln in seiner Haut; aber er war voll Widerwillen und betrog mit
Absicht so schlecht wie möglich, nur um den Betrug dadurch weniger
gemein zu machen. Dann schwieg er, und es entstand eine Stille, in der er
nicht aufzublicken wagte. Diese Stille war entsetzlich; er war überzeugt,
daß Doktor Mantelsack alles gesehen habe, und seine Lippen waren ganz
weiß. Schließlich aber seufzte der Ordinarius und sagte:
»O Buddenbrook, si tacuisses! Sie entschuldigen wohl ausnahmsweise
das klassische Du!… Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben die
Schönheit in den Staub gezogen, Sie haben sich benommen wie ein
Vandale, wie ein Barbar, Sie sind ein amusisches Geschöpf, Buddenbrook,
man sieht es Ihnen an der Nase an! Wenn ich mich frage, ob Sie die ganze
Zeit gehustet oder erhabene Verse gesprochen haben, so neige ich mehr der
ersteren Ansicht zu. Timm hat wenig rhythmisches Gefühl entwickelt, aber
gegen Sie ist er ein Genie, ein Rhapsode … Setzen Sie sich, Unseliger. Sie
haben gelernt, gewiß, Sie haben gelernt. Ich kann Ihnen kein schlechtes
Zeugnis geben. Sie haben sich wohl nach Kräften bemüht … Hören Sie,
erzählt man sich nicht, daß Sie musikalisch sind, daß Sie Klavier spielen?
Wie ist das möglich?… Nun, es ist gut, setzen Sie sich, Sie mögen fleißig
gewesen sein, es ist gut.«
Er schrieb eine befriedigende Note in sein Taschenbuch, und Hanno
Buddenbrook setzte sich. Wie es vorhin bei dem Rhapsoden Timm gewesen
war, so war es auch jetzt. Er konnte nicht umhin, sich durch das Lob, das in
Doktor Mantelsacks Worten enthalten gewesen war, aufrichtig getroffen zu
fühlen. Er war in diesem Augenblick ernstlich der Meinung, daß er ein
etwas unbegabter, aber fleißiger Schüler sei, der verhältnismäßig mit Ehren
aus der Sache hervorgegangen war, und er empfand deutlich, daß seine
sämtlichen Klassengenossen, Hans Hermann Kilian nicht ausgeschlossen,
ebenderselben Anschauung huldigten. Wieder regte sich etwas wie Übelkeit
in ihm; aber er war zu ermattet, um über die Vorgänge nachzudenken.
Bleich und zitternd schloß er die Augen und versank in Lethargie …
Doktor Mantelsack aber setzte den Unterricht fort. Er ging zu den
Versen über, die für heute neu zu präparieren waren, und rief Petersen auf.
Petersen erhob sich, frisch, munter und zuversichtlich, in tapferer Attitüde,
diebische Genuß, das offene Buch vor sich zu sehen, verursachte ein
Prickeln in seiner Haut; aber er war voll Widerwillen und betrog mit
Absicht so schlecht wie möglich, nur um den Betrug dadurch weniger
gemein zu machen. Dann schwieg er, und es entstand eine Stille, in der er
nicht aufzublicken wagte. Diese Stille war entsetzlich; er war überzeugt,
daß Doktor Mantelsack alles gesehen habe, und seine Lippen waren ganz
weiß. Schließlich aber seufzte der Ordinarius und sagte:
»O Buddenbrook, si tacuisses! Sie entschuldigen wohl ausnahmsweise
das klassische Du!… Wissen Sie, was Sie getan haben? Sie haben die
Schönheit in den Staub gezogen, Sie haben sich benommen wie ein
Vandale, wie ein Barbar, Sie sind ein amusisches Geschöpf, Buddenbrook,
man sieht es Ihnen an der Nase an! Wenn ich mich frage, ob Sie die ganze
Zeit gehustet oder erhabene Verse gesprochen haben, so neige ich mehr der
ersteren Ansicht zu. Timm hat wenig rhythmisches Gefühl entwickelt, aber
gegen Sie ist er ein Genie, ein Rhapsode … Setzen Sie sich, Unseliger. Sie
haben gelernt, gewiß, Sie haben gelernt. Ich kann Ihnen kein schlechtes
Zeugnis geben. Sie haben sich wohl nach Kräften bemüht … Hören Sie,
erzählt man sich nicht, daß Sie musikalisch sind, daß Sie Klavier spielen?
Wie ist das möglich?… Nun, es ist gut, setzen Sie sich, Sie mögen fleißig
gewesen sein, es ist gut.«
Er schrieb eine befriedigende Note in sein Taschenbuch, und Hanno
Buddenbrook setzte sich. Wie es vorhin bei dem Rhapsoden Timm gewesen
war, so war es auch jetzt. Er konnte nicht umhin, sich durch das Lob, das in
Doktor Mantelsacks Worten enthalten gewesen war, aufrichtig getroffen zu
fühlen. Er war in diesem Augenblick ernstlich der Meinung, daß er ein
etwas unbegabter, aber fleißiger Schüler sei, der verhältnismäßig mit Ehren
aus der Sache hervorgegangen war, und er empfand deutlich, daß seine
sämtlichen Klassengenossen, Hans Hermann Kilian nicht ausgeschlossen,
ebenderselben Anschauung huldigten. Wieder regte sich etwas wie Übelkeit
in ihm; aber er war zu ermattet, um über die Vorgänge nachzudenken.
Bleich und zitternd schloß er die Augen und versank in Lethargie …
Doktor Mantelsack aber setzte den Unterricht fort. Er ging zu den
Versen über, die für heute neu zu präparieren waren, und rief Petersen auf.
Petersen erhob sich, frisch, munter und zuversichtlich, in tapferer Attitüde,
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streitbar und bereit, den Strauß zu wagen. Und dennoch war ihm heute der
Untergang bestimmt! Ja, die Stunde sollte nicht vorübergehen, ohne daß
eine Katastrophe eintrat, weit schrecklicher als diejenige mit dem armen,
kurzsichtigen Mumme …
Petersen übersetzte, indem er dann und wann einen Blick auf die andere
Seite seines Buches warf, dorthin, wo er eigentlich gar nichts zu suchen
hatte. Er trieb dies mit Geschick. Er tat, als störe ihn dort etwas, fuhr mit
der Hand darüber hin und blies darauf, als gelte es, ein Staubfäserchen oder
dergleichen zu entfernen, das ihn inkommodierte. Und doch erfolgte nun
das Entsetzliche.
Doktor Mantelsack nämlich vollführte plötzlich eine heftige Bewegung,
die Petersen mit einer ebensolchen Bewegung beantwortete. Und in
demselben Augenblick verließ der Ordinarius das Katheder, er stürzte sich
förmlich kopfüber hinab und ging mit langen, unaufhaltsamen Schritten auf
Petersen zu.
»Sie haben einen Schlüssel im Buche, eine Übersetzung«, sagte er, als
er bei ihm stand.
»Einen Schlüssel … ich … nein …«, stammelte Petersen. Es war ein
hübscher Junge, mit einem blonden Haarwulst über der Stirn und
außerordentlich schönen blauen Augen, die jetzt angstvoll flackerten.
»Sie haben keinen Schlüssel im Buche?«
»Nein … Herr Oberlehrer … Herr Doktor … Einen Schlüssel?… Ich
habe wahrhaftig keinen Schlüssel … Sie befinden sich im Irrtum … Sie
haben mich in einem falschen Verdacht …« Petersen redete, wie man
eigentlich nicht zu reden pflegte. Die Angst bewirkte, daß er ordentlich
gewählt sprach, in der Absicht, dadurch den Ordinarius zu erschüttern. »Ich
betrüge nicht«, sagte er aus übergroßer Not. »Ich bin immer ehrlich
gewesen … mein Lebtag!«
Aber Doktor Mantelsack war seiner traurigen Sache allzu sicher.
»Geben Sie mir Ihr Buch«, sagte er kalt.
Untergang bestimmt! Ja, die Stunde sollte nicht vorübergehen, ohne daß
eine Katastrophe eintrat, weit schrecklicher als diejenige mit dem armen,
kurzsichtigen Mumme …
Petersen übersetzte, indem er dann und wann einen Blick auf die andere
Seite seines Buches warf, dorthin, wo er eigentlich gar nichts zu suchen
hatte. Er trieb dies mit Geschick. Er tat, als störe ihn dort etwas, fuhr mit
der Hand darüber hin und blies darauf, als gelte es, ein Staubfäserchen oder
dergleichen zu entfernen, das ihn inkommodierte. Und doch erfolgte nun
das Entsetzliche.
Doktor Mantelsack nämlich vollführte plötzlich eine heftige Bewegung,
die Petersen mit einer ebensolchen Bewegung beantwortete. Und in
demselben Augenblick verließ der Ordinarius das Katheder, er stürzte sich
förmlich kopfüber hinab und ging mit langen, unaufhaltsamen Schritten auf
Petersen zu.
»Sie haben einen Schlüssel im Buche, eine Übersetzung«, sagte er, als
er bei ihm stand.
»Einen Schlüssel … ich … nein …«, stammelte Petersen. Es war ein
hübscher Junge, mit einem blonden Haarwulst über der Stirn und
außerordentlich schönen blauen Augen, die jetzt angstvoll flackerten.
»Sie haben keinen Schlüssel im Buche?«
»Nein … Herr Oberlehrer … Herr Doktor … Einen Schlüssel?… Ich
habe wahrhaftig keinen Schlüssel … Sie befinden sich im Irrtum … Sie
haben mich in einem falschen Verdacht …« Petersen redete, wie man
eigentlich nicht zu reden pflegte. Die Angst bewirkte, daß er ordentlich
gewählt sprach, in der Absicht, dadurch den Ordinarius zu erschüttern. »Ich
betrüge nicht«, sagte er aus übergroßer Not. »Ich bin immer ehrlich
gewesen … mein Lebtag!«
Aber Doktor Mantelsack war seiner traurigen Sache allzu sicher.
»Geben Sie mir Ihr Buch«, sagte er kalt.
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Petersen klammerte sich an sein Buch, er hob es beschwörend mit
beiden Händen empor und fuhr fort, mit halb gelähmter Zunge zu
deklamieren: »Glauben Sie mir doch … Herr Oberlehrer … Herr Doktor …
Es ist nichts im Buche … Ich habe keinen Schlüssel .... Ich habe nicht
betrogen … Ich bin immer ehrlich gewesen …«
»Geben Sie mir das Buch«, wiederholte der Ordinarius und stampfte mit
dem Fuße.
Da erschlaffte Petersen, und sein Gesicht wurde ganz grau.
»Gut«, sagte er und lieferte das Buch aus, »hier ist es. Ja, es ist ein
Schlüssel darin! Sehen Sie selbst, da steckt er!… Aber ich habe ihn nicht
gebraucht!« schrie er plötzlich in die Luft hinein.
Allein Doktor Mantelsack überhörte diese unsinnige Lüge, die der
Verzweiflung entsprang. Er zog den »Schlüssel« hervor, betrachtete ihn mit
einem Gesicht, als hätte er stinkenden Unrat in der Hand, schob ihn in die
Tasche und warf den Ovid verächtlich auf Petersens Platz zurück. »Das
Klassenbuch«, sagte er dumpf.
Adolf Todtenhaupt brachte dienstbeflissen das Klassenbuch herbei, und
Petersen erhielt einen Tadel wegen versuchten Betruges, was ihn auf lange
Zeit hinaus vernichtete und die Unmöglichkeit seiner Versetzung zu Ostern
besiegelte. »Sie sind der Schandfleck der Klasse«, sagte Doktor Mantelsack
noch und kehrte dann zum Katheder zurück.
Petersen setzte sich und war gerichtet. Man sah deutlich, wie sein
Nebenmann ein Stück von ihm wegrückte. Alle betrachteten ihn mit einem
Gemisch von Ekel, Mitleid und Grauen. Er war gestürzt, einsam und
vollkommen verlassen, darum, daß er ertappt worden war. Es gab nur e i n e
Meinung über Petersen, und das war die, daß er wirklich »der Schandfleck
der Klasse« sei. Man anerkannte und akzeptierte seinen Fall ebenso
widerstandslos, wie man Timms und Buddenbrooks Erfolge und das
Unglück des armen Mumme anerkannt und akzeptiert hatte … Und er selbst
tat desgleichen.
Wer unter diesen fünfundzwanzig jungen Leuten von rechtschaffener
Konstitution, stark und tüchtig für das Leben war, wie es ist, der nahm in
diesem Augenblicke die Dinge völlig wie sie lagen, fühlte sich nicht durch
beiden Händen empor und fuhr fort, mit halb gelähmter Zunge zu
deklamieren: »Glauben Sie mir doch … Herr Oberlehrer … Herr Doktor …
Es ist nichts im Buche … Ich habe keinen Schlüssel .... Ich habe nicht
betrogen … Ich bin immer ehrlich gewesen …«
»Geben Sie mir das Buch«, wiederholte der Ordinarius und stampfte mit
dem Fuße.
Da erschlaffte Petersen, und sein Gesicht wurde ganz grau.
»Gut«, sagte er und lieferte das Buch aus, »hier ist es. Ja, es ist ein
Schlüssel darin! Sehen Sie selbst, da steckt er!… Aber ich habe ihn nicht
gebraucht!« schrie er plötzlich in die Luft hinein.
Allein Doktor Mantelsack überhörte diese unsinnige Lüge, die der
Verzweiflung entsprang. Er zog den »Schlüssel« hervor, betrachtete ihn mit
einem Gesicht, als hätte er stinkenden Unrat in der Hand, schob ihn in die
Tasche und warf den Ovid verächtlich auf Petersens Platz zurück. »Das
Klassenbuch«, sagte er dumpf.
Adolf Todtenhaupt brachte dienstbeflissen das Klassenbuch herbei, und
Petersen erhielt einen Tadel wegen versuchten Betruges, was ihn auf lange
Zeit hinaus vernichtete und die Unmöglichkeit seiner Versetzung zu Ostern
besiegelte. »Sie sind der Schandfleck der Klasse«, sagte Doktor Mantelsack
noch und kehrte dann zum Katheder zurück.
Petersen setzte sich und war gerichtet. Man sah deutlich, wie sein
Nebenmann ein Stück von ihm wegrückte. Alle betrachteten ihn mit einem
Gemisch von Ekel, Mitleid und Grauen. Er war gestürzt, einsam und
vollkommen verlassen, darum, daß er ertappt worden war. Es gab nur e i n e
Meinung über Petersen, und das war die, daß er wirklich »der Schandfleck
der Klasse« sei. Man anerkannte und akzeptierte seinen Fall ebenso
widerstandslos, wie man Timms und Buddenbrooks Erfolge und das
Unglück des armen Mumme anerkannt und akzeptiert hatte … Und er selbst
tat desgleichen.
Wer unter diesen fünfundzwanzig jungen Leuten von rechtschaffener
Konstitution, stark und tüchtig für das Leben war, wie es ist, der nahm in
diesem Augenblicke die Dinge völlig wie sie lagen, fühlte sich nicht durch
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sie beleidigt und fand, daß alles selbstverständlich und in der Ordnung sei.
Aber es gab auch Augen, die sich in finsterer Nachdenklichkeit auf einen
Punkt richteten … Der kleine Johann starrte auf Hans Hermann Kilians
breiten Rücken, und seine goldbraunen, bläulich umschatteten Augen waren
ganz voll von Abscheu, Widerstand und Furcht … Doktor Mantelsack aber
fuhr fort zu unterrichten. Er rief einen anderen Schüler auf, irgendeinen,
Adolf Todtenhaupt, weil er für heute ganz und gar die Lust verloren hatte,
die Zweifelhaften zu prüfen. Und dann kam noch einer daran, der mäßig
vorbereitet war und nicht einmal wußte, was »patula Jovis arbore,
glandes« hieß, weshalb Buddenbrook es sagen mußte … Er sagte es leise
und ohne aufzublicken, weil Doktor Mantelsack ihn fragte, und erhielt ein
Kopfnicken dafür.
Und als es mit den Produktionen der Schüler zu Ende war, hatte die
Stunde auch jedes Interesse verloren. Doktor Mantelsack ließ einen
Hochbegabten auf eigene Faust weiter übersetzen und hörte ebensowenig
zu wie die anderen vierundzwanzig, die anfingen, sich für die nächste
Stunde zu präparieren. Dies war nun gleichgültig. Man konnte niemandem
ein Zeugnis dafür geben, noch überhaupt den dienstlichen Eifer darnach
beurteilen … Auch war die Stunde nun gleich zu Ende. Sie war zu Ende; es
schellte. So hatte es kommen sollen für Hanno. Sogar ein Kopfnicken hatte
er bekommen.
»Nun«, sagte Kai, als sie inmitten der Kameraden über die gotischen
Korridore ins Chemiezimmer gingen … »Was sagst du jetzt, Hanno! Wenn
sie die Stirn des Cäsar werden sehen … Du hast ein unerhörtes Glück
gehabt!«
»Mir ist übel, Kai«, sagte der kleine Johann. »Ich will es gar nicht, das
Glück, es macht mir übel …«
Und Kai wußte, daß er in Hannos Lage genau so empfunden haben
würde.
Das Chemiezimmer war ein Gewölbe mit amphitheatralisch
aufsteigenden Bänken, einem langen Experimentiertisch und zwei
Glasschränken voller Phiolen. Die Luft war in der Klasse zuletzt wieder
sehr heiß und schlecht gewesen, aber hier war sie gesättigt mit
Schwefelwasserstoff, mit dem soeben experimentiert worden war, und stank
Aber es gab auch Augen, die sich in finsterer Nachdenklichkeit auf einen
Punkt richteten … Der kleine Johann starrte auf Hans Hermann Kilians
breiten Rücken, und seine goldbraunen, bläulich umschatteten Augen waren
ganz voll von Abscheu, Widerstand und Furcht … Doktor Mantelsack aber
fuhr fort zu unterrichten. Er rief einen anderen Schüler auf, irgendeinen,
Adolf Todtenhaupt, weil er für heute ganz und gar die Lust verloren hatte,
die Zweifelhaften zu prüfen. Und dann kam noch einer daran, der mäßig
vorbereitet war und nicht einmal wußte, was »patula Jovis arbore,
glandes« hieß, weshalb Buddenbrook es sagen mußte … Er sagte es leise
und ohne aufzublicken, weil Doktor Mantelsack ihn fragte, und erhielt ein
Kopfnicken dafür.
Und als es mit den Produktionen der Schüler zu Ende war, hatte die
Stunde auch jedes Interesse verloren. Doktor Mantelsack ließ einen
Hochbegabten auf eigene Faust weiter übersetzen und hörte ebensowenig
zu wie die anderen vierundzwanzig, die anfingen, sich für die nächste
Stunde zu präparieren. Dies war nun gleichgültig. Man konnte niemandem
ein Zeugnis dafür geben, noch überhaupt den dienstlichen Eifer darnach
beurteilen … Auch war die Stunde nun gleich zu Ende. Sie war zu Ende; es
schellte. So hatte es kommen sollen für Hanno. Sogar ein Kopfnicken hatte
er bekommen.
»Nun«, sagte Kai, als sie inmitten der Kameraden über die gotischen
Korridore ins Chemiezimmer gingen … »Was sagst du jetzt, Hanno! Wenn
sie die Stirn des Cäsar werden sehen … Du hast ein unerhörtes Glück
gehabt!«
»Mir ist übel, Kai«, sagte der kleine Johann. »Ich will es gar nicht, das
Glück, es macht mir übel …«
Und Kai wußte, daß er in Hannos Lage genau so empfunden haben
würde.
Das Chemiezimmer war ein Gewölbe mit amphitheatralisch
aufsteigenden Bänken, einem langen Experimentiertisch und zwei
Glasschränken voller Phiolen. Die Luft war in der Klasse zuletzt wieder
sehr heiß und schlecht gewesen, aber hier war sie gesättigt mit
Schwefelwasserstoff, mit dem soeben experimentiert worden war, und stank
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über alle Maßen. Kai riß das Fenster auf, stahl dann Adolf Todtenhaupts
Reinschriftheft und begann in großer Eile das Pensum abzuschreiben, das
heute vorzuweisen war. Hanno und mehrere andere Schüler taten dasselbe.
Das nahm die ganze Pause in Anspruch, bis es schellte und Doktor
Marotzke erschien.
Dies war der tiefe Oberlehrer, wie Kai und Hanno ihn nannten. Es war
ein mittelgroßer, brünetter Mann, mit außerordentlich gelbem Teint, zwei
Wulsten an der Stirn, einem harten und schmierigen Bart und ebensolchem
Haupthaar. Er sah beständig übernächtig und ungewaschen aus, was aber
wohl auf Täuschung beruhte. Er unterrichtete in den Naturwissenschaften,
aber sein Hauptgebiet war die Mathematik, und er galt für einen
bedeutenden Denker in diesem Fache. Er liebte es, von den philosophischen
Stellen der Bibel zu sprechen, und zuweilen, in guter und träumerischer
Stimmung, ließ er sich vor Sekundanern und Primanern herab, seltsame
Auslegungen geheimnisvoller Schriftstellen zu liefern … Außerdem aber
war er Reserveoffizier, und zwar mit Begeisterung. Als Beamter, der
zugleich Militär war, stand er bei Direktor Wulicke aufs beste
angeschrieben. Er hielt von allen Lehrern am meisten auf Disziplin,
musterte die Front der strammstehenden Schüler mit kritischem Blick und
verlangte kurze und scharfe Antworten. Diese Mischung von Mystizismus
und Schneidigkeit war ein wenig abstoßend …
Die Reinschriften wurden vorgezeigt, und Doktor Marotzke ging umher
und tippte auf jedes Heft mit dem Finger, wobei gewisse Schüler, die nichts
geschrieben hatten, ihm ganz andere Bücher oder alte Arbeiten vorlegten,
ohne daß er dies bemerkte.
Dann begann er den Unterricht; und wie soeben gelegentlich des Ovid,
so hatten die fünfundzwanzig jungen Leute sich jetzt mit Rücksicht auf Bor,
Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann
Kilian ward belobigt, weil er wußte, daß BaSO4 oder Schwerspat das
gebräuchlichste Fälschungsmittel sei. Überhaupt war er der Beste, darum,
weil er Offizier werden wollte. Hanno und Kai wußten gar nichts, und in
Doktor Marotzkes Notizbuch erging es ihnen übel.
Und als es mit dem Prüfen, Verhören und Zeugnisgeben zu Ende war,
war auch das Interesse an der Chemiestunde allerseits so gut wie erschöpft.
Reinschriftheft und begann in großer Eile das Pensum abzuschreiben, das
heute vorzuweisen war. Hanno und mehrere andere Schüler taten dasselbe.
Das nahm die ganze Pause in Anspruch, bis es schellte und Doktor
Marotzke erschien.
Dies war der tiefe Oberlehrer, wie Kai und Hanno ihn nannten. Es war
ein mittelgroßer, brünetter Mann, mit außerordentlich gelbem Teint, zwei
Wulsten an der Stirn, einem harten und schmierigen Bart und ebensolchem
Haupthaar. Er sah beständig übernächtig und ungewaschen aus, was aber
wohl auf Täuschung beruhte. Er unterrichtete in den Naturwissenschaften,
aber sein Hauptgebiet war die Mathematik, und er galt für einen
bedeutenden Denker in diesem Fache. Er liebte es, von den philosophischen
Stellen der Bibel zu sprechen, und zuweilen, in guter und träumerischer
Stimmung, ließ er sich vor Sekundanern und Primanern herab, seltsame
Auslegungen geheimnisvoller Schriftstellen zu liefern … Außerdem aber
war er Reserveoffizier, und zwar mit Begeisterung. Als Beamter, der
zugleich Militär war, stand er bei Direktor Wulicke aufs beste
angeschrieben. Er hielt von allen Lehrern am meisten auf Disziplin,
musterte die Front der strammstehenden Schüler mit kritischem Blick und
verlangte kurze und scharfe Antworten. Diese Mischung von Mystizismus
und Schneidigkeit war ein wenig abstoßend …
Die Reinschriften wurden vorgezeigt, und Doktor Marotzke ging umher
und tippte auf jedes Heft mit dem Finger, wobei gewisse Schüler, die nichts
geschrieben hatten, ihm ganz andere Bücher oder alte Arbeiten vorlegten,
ohne daß er dies bemerkte.
Dann begann er den Unterricht; und wie soeben gelegentlich des Ovid,
so hatten die fünfundzwanzig jungen Leute sich jetzt mit Rücksicht auf Bor,
Chlor oder Strontium über ihren Diensteifer auszuweisen. Hans Hermann
Kilian ward belobigt, weil er wußte, daß BaSO4 oder Schwerspat das
gebräuchlichste Fälschungsmittel sei. Überhaupt war er der Beste, darum,
weil er Offizier werden wollte. Hanno und Kai wußten gar nichts, und in
Doktor Marotzkes Notizbuch erging es ihnen übel.
Und als es mit dem Prüfen, Verhören und Zeugnisgeben zu Ende war,
war auch das Interesse an der Chemiestunde allerseits so gut wie erschöpft.
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Doktor Marotzke fing an, ein paar Experimente zu machen, ein wenig zu
knallen und farbige Dämpfe zu entwickeln, aber das war gleichsam nur, um
den Rest der Stunde auszufüllen. Schließlich diktierte er das Pensum, das
fürs nächste Mal zu lernen war. Dann klingelte es, und auch die dritte
Stunde war vorüber.
Alle waren vergnügt, bis auf Petersen, den es heute getroffen hatte, denn
jetzt kam eine lustige Stunde, vor der sich keine Seele zu fürchten brauchte
und die nichts als Unfug und Amüsement versprach. Es war das Englische
bei dem Kandidaten Modersohn, einem jungen Philologen, der seit ein paar
Wochen probeweise in der Anstalt wirkte oder, wie Kai Graf Mölln es
ausdrückte, ein Gastspiel auf Engagement absolvierte. Aber er hatte wenig
Aussicht, engagiert zu werden; es ging allzu fröhlich in seinen Stunden
zu …
Einige blieben im Chemiesaale, und andere gingen ins Klassenzimmer
hinauf; aber auf dem Hofe brauchte jetzt niemand zu frieren, denn droben
auf dem Korridor hatte schon während der Pause Herr Modersohn die
Aufsicht, und der wagte keinen hinunterzuschicken. Auch galt es,
Vorbereitungen zu seinem Empfange zu treffen …
Es wurde nicht einmal ein wenig stiller in der Klasse, als es zur vierten
Stunde schellte. Alles schwatzte und lachte, voll Freude auf den Tanz, der
nun bevorstand. Graf Mölln, den Kopf in beide Hände gestützt, fuhr fort,
sich mit Roderich Usher zu beschäftigen, und Hanno saß still und sah dem
Spektakel zu. Einige ahmten Tierstimmen nach. Ein Hahnenschrei zerriß
die Luft, und dort hinten saß Wasservogel und grunzte genau wie ein
Schwein, ohne daß man sehen konnte, daß diese Laute aus seinem Innern
kamen. An der Wandtafel prangte eine große Kreidezeichnung, eine
schielende Fratze, die der Rhapsode Timm vollbracht hatte. Und als dann
Herr Modersohn eintrat, konnte er trotz der heftigsten Anstrengungen die
Tür nicht hinter sich schließen, weil ein dicker Tannenzapfen in der Spalte
stak, der erst von Adolf Todtenhaupt entfernt werden mußte …
Der Kandidat Modersohn war ein kleiner, unansehnlicher Mann, der
beim Gehen eine Schulter schräg voranschob, mit einem säuerlich
verzogenen Gesicht und sehr dünnem schwarzen Bart. Er war in furchtbarer
Verlegenheit. Immer zwinkerte er mit seinen blanken Augen, zog den Atem
knallen und farbige Dämpfe zu entwickeln, aber das war gleichsam nur, um
den Rest der Stunde auszufüllen. Schließlich diktierte er das Pensum, das
fürs nächste Mal zu lernen war. Dann klingelte es, und auch die dritte
Stunde war vorüber.
Alle waren vergnügt, bis auf Petersen, den es heute getroffen hatte, denn
jetzt kam eine lustige Stunde, vor der sich keine Seele zu fürchten brauchte
und die nichts als Unfug und Amüsement versprach. Es war das Englische
bei dem Kandidaten Modersohn, einem jungen Philologen, der seit ein paar
Wochen probeweise in der Anstalt wirkte oder, wie Kai Graf Mölln es
ausdrückte, ein Gastspiel auf Engagement absolvierte. Aber er hatte wenig
Aussicht, engagiert zu werden; es ging allzu fröhlich in seinen Stunden
zu …
Einige blieben im Chemiesaale, und andere gingen ins Klassenzimmer
hinauf; aber auf dem Hofe brauchte jetzt niemand zu frieren, denn droben
auf dem Korridor hatte schon während der Pause Herr Modersohn die
Aufsicht, und der wagte keinen hinunterzuschicken. Auch galt es,
Vorbereitungen zu seinem Empfange zu treffen …
Es wurde nicht einmal ein wenig stiller in der Klasse, als es zur vierten
Stunde schellte. Alles schwatzte und lachte, voll Freude auf den Tanz, der
nun bevorstand. Graf Mölln, den Kopf in beide Hände gestützt, fuhr fort,
sich mit Roderich Usher zu beschäftigen, und Hanno saß still und sah dem
Spektakel zu. Einige ahmten Tierstimmen nach. Ein Hahnenschrei zerriß
die Luft, und dort hinten saß Wasservogel und grunzte genau wie ein
Schwein, ohne daß man sehen konnte, daß diese Laute aus seinem Innern
kamen. An der Wandtafel prangte eine große Kreidezeichnung, eine
schielende Fratze, die der Rhapsode Timm vollbracht hatte. Und als dann
Herr Modersohn eintrat, konnte er trotz der heftigsten Anstrengungen die
Tür nicht hinter sich schließen, weil ein dicker Tannenzapfen in der Spalte
stak, der erst von Adolf Todtenhaupt entfernt werden mußte …
Der Kandidat Modersohn war ein kleiner, unansehnlicher Mann, der
beim Gehen eine Schulter schräg voranschob, mit einem säuerlich
verzogenen Gesicht und sehr dünnem schwarzen Bart. Er war in furchtbarer
Verlegenheit. Immer zwinkerte er mit seinen blanken Augen, zog den Atem
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ein und öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen. Aber er fand nicht die
Worte, die nötig waren. Nach drei Schritten, die er von der Tür aus
zurückgelegt, trat er auf eine Knallerbse, eine Knallerbse von seltener
Qualität, die einen Lärm verursachte, als habe er auf Dynamit getreten. Er
fuhr heftig zusammen, lächelte dann in seiner Not, tat, als sei nichts
geschehen und stellte sich vor die mittlere Bankreihe, indem er sich nach
seiner Gewohnheit, schief gebückt, mit einer Handfläche auf die vorderste
Pultplatte stützte. Aber man kannte diese seine Lieblingsstellung, und
darum hatte man diese Stelle des Tisches mit Tinte beschmiert, so daß Herr
Modersohn sich nun seine ganze kleine, ungeschickte Hand besudelte. Er
tat, als bemerke er es nicht, legte die nasse und geschwärzte Hand auf den
Rücken, blinzelte und sagte mit weicher und schwacher Stimme: »Die
Ordnung in der Klasse läßt zu wünschen übrig.«
Hanno Buddenbrook liebte ihn in diesem Augenblick und blickte
unbeweglich in sein hilflos verzogenes Gesicht. Aber Wasservogels
Grunzen ward immer lauter und natürlicher, und plötzlich prasselten eine
Menge Erbsen gegen die Fensterscheibe, prallten ab und fielen rasselnd ins
Zimmer zurück.
»Es hagelt«, sagte jemand laut und deutlich; und Herr Modersohn
schien dies zu glauben, denn er zog sich ohne weiteres aufs Katheder
zurück und verlangte nach dem Klassenbuche. Dies tat er nicht, um
jemanden einzuschreiben; sondern, obgleich er bereits fünf oder sechs
Unterrichtsstunden in dieser Klasse erteilt hatte, kannte er doch die Schüler
bis auf einige wenige noch nicht und war genötigt, die Namen aufs
Geratewohl aus dem schriftlichen Verzeichnis abzulesen.
»Feddermann«, sagte er, »wollen Sie, bitte, das Gedicht aufsagen.«
»Fehlt!« schrie eine Menge verschiedenartiger Stimmen. Und dabei saß
Feddermann groß und breit an seinem Platze und schnellte mit
unglaublicher Geschicklichkeit Erbsen durch die ganze Stube.
Herr Modersohn blinzelte und buchstabierte sich einen neuen Namen
zusammen.
»Wasservogel«, sagte er.
Worte, die nötig waren. Nach drei Schritten, die er von der Tür aus
zurückgelegt, trat er auf eine Knallerbse, eine Knallerbse von seltener
Qualität, die einen Lärm verursachte, als habe er auf Dynamit getreten. Er
fuhr heftig zusammen, lächelte dann in seiner Not, tat, als sei nichts
geschehen und stellte sich vor die mittlere Bankreihe, indem er sich nach
seiner Gewohnheit, schief gebückt, mit einer Handfläche auf die vorderste
Pultplatte stützte. Aber man kannte diese seine Lieblingsstellung, und
darum hatte man diese Stelle des Tisches mit Tinte beschmiert, so daß Herr
Modersohn sich nun seine ganze kleine, ungeschickte Hand besudelte. Er
tat, als bemerke er es nicht, legte die nasse und geschwärzte Hand auf den
Rücken, blinzelte und sagte mit weicher und schwacher Stimme: »Die
Ordnung in der Klasse läßt zu wünschen übrig.«
Hanno Buddenbrook liebte ihn in diesem Augenblick und blickte
unbeweglich in sein hilflos verzogenes Gesicht. Aber Wasservogels
Grunzen ward immer lauter und natürlicher, und plötzlich prasselten eine
Menge Erbsen gegen die Fensterscheibe, prallten ab und fielen rasselnd ins
Zimmer zurück.
»Es hagelt«, sagte jemand laut und deutlich; und Herr Modersohn
schien dies zu glauben, denn er zog sich ohne weiteres aufs Katheder
zurück und verlangte nach dem Klassenbuche. Dies tat er nicht, um
jemanden einzuschreiben; sondern, obgleich er bereits fünf oder sechs
Unterrichtsstunden in dieser Klasse erteilt hatte, kannte er doch die Schüler
bis auf einige wenige noch nicht und war genötigt, die Namen aufs
Geratewohl aus dem schriftlichen Verzeichnis abzulesen.
»Feddermann«, sagte er, »wollen Sie, bitte, das Gedicht aufsagen.«
»Fehlt!« schrie eine Menge verschiedenartiger Stimmen. Und dabei saß
Feddermann groß und breit an seinem Platze und schnellte mit
unglaublicher Geschicklichkeit Erbsen durch die ganze Stube.
Herr Modersohn blinzelte und buchstabierte sich einen neuen Namen
zusammen.
»Wasservogel«, sagte er.
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»Verstorben!« rief Petersen, der vom Galgenhumor ergriffen worden
war. Und unter Füßescharren, Gegrunz, Gekräh und Hohngelächter
wiederholten alle, daß Wasservogel tot sei.
Herr Modersohn blinzelte abermals, er blickte um sich, verzog säuerlich
den Mund und sah dann wieder ins Klassenbuch, indem er mit seiner
kleinen, ungeschickten Hand auf den Namen zeigte, den er nun aufrufen
wollte.
»Perlemann«, sagte er ohne viel Zuversicht.
»Leider dem Wahnsinn verfallen«, sprach Kai Graf Mölln klar und fest;
und unter wachsendem Hallo wurde auch dies bestätigt.
Da stand Herr Modersohn auf und rief in den Lärm hinein:
»Buddenbrook, Sie werden mir eine Strafarbeit anfertigen. Wiederholt sich
Ihr Lachen, so werde ich Sie tadeln müssen.«
Dann setzte er sich wieder. – In der Tat, Buddenbrook hatte gelacht, er
war über Kais Witz in ein leises und heftiges Lachen geraten, dem er nicht
Einhalt gebieten konnte. Er fand ihn gut, und besonders das »Leider«
erschütterte ihn mit Komik. Als aber Herr Modersohn ihn anherrschte,
wurde er ruhig und blickte still und finster auf den Kandidaten. Er sah in
diesem Augenblick alles an ihm, jedes jämmerliche Härchen seines Bartes,
der überall die Haut durchscheinen ließ, und seine braunen, blanken,
hoffnungslosen Augen; sah, daß er gleichsam zwei Paar Manschetten an
seinen kleinen, ungeschickten Händen trug, weil seine Hemdärmel an den
Gelenken ebenso lang und breit waren, wie die eigentlichen Manschetten,
sah seine ganze armselige und verzweifelte Gestalt. Er sah auch in sein
Inneres hinein. Hanno Buddenbrook war beinahe der einzige, den Herr
Modersohn schon mit Namen kannte, und das benutzte er dazu, ihn
beständig zur Ordnung zu rufen, ihm Strafarbeiten zu diktieren und ihn zu
tyrannisieren. Er kannte den Schüler Buddenbrook nur deshalb, weil er sich
durch stilles Verhalten von den anderen unterschieden hatte, und diese
Sanftmut nützte er dazu aus, ihn unaufhörlich die Autorität fühlen zu lassen,
die er den Lauten und Frechen gegenüber nicht geltend zu machen wagte.
Selbst das Mitleid wird einem auf Erden durch die Gemeinheit unmöglich
gemacht, dachte Hanno. Ich nehme nicht daran teil, Sie zu quälen und
auszubeuten, Kandidat Modersohn, weil ich das brutal, häßlich und
war. Und unter Füßescharren, Gegrunz, Gekräh und Hohngelächter
wiederholten alle, daß Wasservogel tot sei.
Herr Modersohn blinzelte abermals, er blickte um sich, verzog säuerlich
den Mund und sah dann wieder ins Klassenbuch, indem er mit seiner
kleinen, ungeschickten Hand auf den Namen zeigte, den er nun aufrufen
wollte.
»Perlemann«, sagte er ohne viel Zuversicht.
»Leider dem Wahnsinn verfallen«, sprach Kai Graf Mölln klar und fest;
und unter wachsendem Hallo wurde auch dies bestätigt.
Da stand Herr Modersohn auf und rief in den Lärm hinein:
»Buddenbrook, Sie werden mir eine Strafarbeit anfertigen. Wiederholt sich
Ihr Lachen, so werde ich Sie tadeln müssen.«
Dann setzte er sich wieder. – In der Tat, Buddenbrook hatte gelacht, er
war über Kais Witz in ein leises und heftiges Lachen geraten, dem er nicht
Einhalt gebieten konnte. Er fand ihn gut, und besonders das »Leider«
erschütterte ihn mit Komik. Als aber Herr Modersohn ihn anherrschte,
wurde er ruhig und blickte still und finster auf den Kandidaten. Er sah in
diesem Augenblick alles an ihm, jedes jämmerliche Härchen seines Bartes,
der überall die Haut durchscheinen ließ, und seine braunen, blanken,
hoffnungslosen Augen; sah, daß er gleichsam zwei Paar Manschetten an
seinen kleinen, ungeschickten Händen trug, weil seine Hemdärmel an den
Gelenken ebenso lang und breit waren, wie die eigentlichen Manschetten,
sah seine ganze armselige und verzweifelte Gestalt. Er sah auch in sein
Inneres hinein. Hanno Buddenbrook war beinahe der einzige, den Herr
Modersohn schon mit Namen kannte, und das benutzte er dazu, ihn
beständig zur Ordnung zu rufen, ihm Strafarbeiten zu diktieren und ihn zu
tyrannisieren. Er kannte den Schüler Buddenbrook nur deshalb, weil er sich
durch stilles Verhalten von den anderen unterschieden hatte, und diese
Sanftmut nützte er dazu aus, ihn unaufhörlich die Autorität fühlen zu lassen,
die er den Lauten und Frechen gegenüber nicht geltend zu machen wagte.
Selbst das Mitleid wird einem auf Erden durch die Gemeinheit unmöglich
gemacht, dachte Hanno. Ich nehme nicht daran teil, Sie zu quälen und
auszubeuten, Kandidat Modersohn, weil ich das brutal, häßlich und
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gewöhnlich finde, und wie antworten Sie mir? Aber so ist es, so ist es, so
wird es immer und überall sich verhalten, dachte er, und Furcht und
Übelkeit stiegen wieder in ihm auf. Und daß ich Sie obendrein so widerlich
deutlich durchschauen muß!…
Endlich fand sich einer, der weder tot noch wahnsinnig war und es
übernehmen wollte, die englischen Verse aufzusagen. Es handelte sich um
ein Gedicht, das »The monkey« hieß, ein kindisches Machwerk, das man
diesen jungen Leuten, die sich großenteils aufs Meer, ins Geschäft, ins
ernsthafte Lebensgetriebe sehnten, zugemutet hatte, auswendig zu lernen.
»Monkey, little merry fellow,
Thou art nature's punchinello …«
Es gab eine Menge Strophen, und der Schüler Kaßbaum las sie aus
seinem Buche vor. Herrn Modersohn gegenüber brauchte man sich nicht
den geringsten Zwang anzutun. Und der Lärm war immer noch ärger
geworden. Alle Füße waren in Bewegung und scharrten den staubigen
Boden. Der Hahn krähte, das Schwein grunzte, die Erbsen flogen. Die
Zügellosigkeit berauschte die fünfundzwanzig. Die ungeordneten Instinkte
ihrer sechzehn, siebzehn Jahre wurden wach. Blätter mit den obszönsten
Bleistiftzeichnungen wurden emporgehoben, umhergeschickt und gierig
belacht …
Auf einmal verstummte alles. Der Rezitierende unterbrach sich. Herr
Modersohn selbst richtete sich auf und lauschte. Etwas Liebliches geschah.
Feine und glockenreine Klänge drangen aus dem Hintergrunde des
Zimmers und flossen süß, sinnig und zärtlich in die plötzliche Stille. Es war
eine Spieluhr, die jemand mitgebracht hatte, und die »Du, du liegst mir am
Herzen« spielte, mitten in der englischen Stunde. Genau aber in dem
Augenblick, da die zierliche Melodie verklang, vollzog sich etwas
Fürchterliches … es brach über alle Anwesenden herein, grausam,
unerwartet, übergewaltig und lähmend.
Ohne daß nämlich geklopft worden wäre, öffnete sich mit einem Ruck
die Tür sperrangelweit, etwas Langes und Ungeheures kam herein, stieß
einen brummenden Lippenlaut aus und stand mit einem einzigen
Seitenschritt mitten vor den Bänken … Es war der liebe Gott.
wird es immer und überall sich verhalten, dachte er, und Furcht und
Übelkeit stiegen wieder in ihm auf. Und daß ich Sie obendrein so widerlich
deutlich durchschauen muß!…
Endlich fand sich einer, der weder tot noch wahnsinnig war und es
übernehmen wollte, die englischen Verse aufzusagen. Es handelte sich um
ein Gedicht, das »The monkey« hieß, ein kindisches Machwerk, das man
diesen jungen Leuten, die sich großenteils aufs Meer, ins Geschäft, ins
ernsthafte Lebensgetriebe sehnten, zugemutet hatte, auswendig zu lernen.
»Monkey, little merry fellow,
Thou art nature's punchinello …«
Es gab eine Menge Strophen, und der Schüler Kaßbaum las sie aus
seinem Buche vor. Herrn Modersohn gegenüber brauchte man sich nicht
den geringsten Zwang anzutun. Und der Lärm war immer noch ärger
geworden. Alle Füße waren in Bewegung und scharrten den staubigen
Boden. Der Hahn krähte, das Schwein grunzte, die Erbsen flogen. Die
Zügellosigkeit berauschte die fünfundzwanzig. Die ungeordneten Instinkte
ihrer sechzehn, siebzehn Jahre wurden wach. Blätter mit den obszönsten
Bleistiftzeichnungen wurden emporgehoben, umhergeschickt und gierig
belacht …
Auf einmal verstummte alles. Der Rezitierende unterbrach sich. Herr
Modersohn selbst richtete sich auf und lauschte. Etwas Liebliches geschah.
Feine und glockenreine Klänge drangen aus dem Hintergrunde des
Zimmers und flossen süß, sinnig und zärtlich in die plötzliche Stille. Es war
eine Spieluhr, die jemand mitgebracht hatte, und die »Du, du liegst mir am
Herzen« spielte, mitten in der englischen Stunde. Genau aber in dem
Augenblick, da die zierliche Melodie verklang, vollzog sich etwas
Fürchterliches … es brach über alle Anwesenden herein, grausam,
unerwartet, übergewaltig und lähmend.
Ohne daß nämlich geklopft worden wäre, öffnete sich mit einem Ruck
die Tür sperrangelweit, etwas Langes und Ungeheures kam herein, stieß
einen brummenden Lippenlaut aus und stand mit einem einzigen
Seitenschritt mitten vor den Bänken … Es war der liebe Gott.
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Herr Modersohn war aschfahl geworden und zerrte den Armstuhl vom
Katheder herunter, indem er ihn mit seinem Schnupftuche abwischte. Die
Schüler waren emporgeschnellt wie ein Mann. Sie preßten die Arme an die
Flanken, stellten sich auf die Zehenspitzen, beugten die Köpfe und bissen
sich auf die Zungen vor rasender Devotion. Es herrschte tiefe Lautlosigkeit.
Jemand seufzte vor Anstrengung, und dann war alles wieder still.
Direktor Wulicke musterte eine Weile die salutierenden Kolonnen,
worauf er die Arme mit den trichterförmigen schmutzigen Manschetten
erhob und sie mit weitgespreizten Fingern senkte, wie jemand, der voll in
die Tasten greift. »Setzt euch«, sagte er dabei mit seinem Kontrabaßorgan.
Er duzte jedermann.
Die Schüler versanken. Herr Modersohn zog mit zitternden Händen den
Armstuhl herbei, und der Direktor setzte sich zur Seite des Katheders.
»Bitte, nur fortzufahren«, sagte er; und das klang genau so entsetzlich, als
hätte er gesagt: »Wir werden ja sehen, und wehe demjenigen …!«
Es war klar, warum er erschienen war. Herr Modersohn sollte vor ihm
eine Probe seiner Unterrichtskunst ablegen, sollte zeigen, was die Real-
Untersekunda in sechs oder sieben Stunden bei ihm gelernt hatte; es galt
Herrn Modersohns Existenz und Zukunft. Der Kandidat bot einen traurigen
Anblick, als er wieder auf dem Katheder stand und jemanden zur
Wiederholung des Gedichtes »The monkey« aufrief. Und wie bislang nur
die Schüler geprüft und begutachtet worden waren, so geschah es nun
gleichzeitig auch mit dem Lehrer … Ach, es erging beiden Teilen schlecht!
Das Erscheinen Direktor Wulickes war eine Überrumpelung, und niemand,
bis auf zwei oder drei, war vorbereitet. Herr Modersohn konnte unmöglich
die ganze Stunde lang Adolf Todtenhaupt fragen, der alles wußte. Da »The
monkey« in Gegenwart des Direktors nicht mehr abgelesen werden konnte,
so ging es jammervoll, und als die Lektüre von »Ivanhoe« an die Reihe
kam, konnte eigentlich nur der junge Graf Mölln ein wenig übersetzen, weil
bei ihm ein privates Interesse für den Roman vorhanden war. Die übrigen
stocherten hustend und hilflos zwischen den Vokabeln umher. Auch Hanno
Buddenbrook ward aufgerufen und kam nicht über eine Zeile hinweg.
Direktor Wulicke stieß einen Laut aus, wie wenn die tiefste Saite des
Kontrabasses heftig angestrichen wird. Herr Modersohn rang seine kleinen,
Katheder herunter, indem er ihn mit seinem Schnupftuche abwischte. Die
Schüler waren emporgeschnellt wie ein Mann. Sie preßten die Arme an die
Flanken, stellten sich auf die Zehenspitzen, beugten die Köpfe und bissen
sich auf die Zungen vor rasender Devotion. Es herrschte tiefe Lautlosigkeit.
Jemand seufzte vor Anstrengung, und dann war alles wieder still.
Direktor Wulicke musterte eine Weile die salutierenden Kolonnen,
worauf er die Arme mit den trichterförmigen schmutzigen Manschetten
erhob und sie mit weitgespreizten Fingern senkte, wie jemand, der voll in
die Tasten greift. »Setzt euch«, sagte er dabei mit seinem Kontrabaßorgan.
Er duzte jedermann.
Die Schüler versanken. Herr Modersohn zog mit zitternden Händen den
Armstuhl herbei, und der Direktor setzte sich zur Seite des Katheders.
»Bitte, nur fortzufahren«, sagte er; und das klang genau so entsetzlich, als
hätte er gesagt: »Wir werden ja sehen, und wehe demjenigen …!«
Es war klar, warum er erschienen war. Herr Modersohn sollte vor ihm
eine Probe seiner Unterrichtskunst ablegen, sollte zeigen, was die Real-
Untersekunda in sechs oder sieben Stunden bei ihm gelernt hatte; es galt
Herrn Modersohns Existenz und Zukunft. Der Kandidat bot einen traurigen
Anblick, als er wieder auf dem Katheder stand und jemanden zur
Wiederholung des Gedichtes »The monkey« aufrief. Und wie bislang nur
die Schüler geprüft und begutachtet worden waren, so geschah es nun
gleichzeitig auch mit dem Lehrer … Ach, es erging beiden Teilen schlecht!
Das Erscheinen Direktor Wulickes war eine Überrumpelung, und niemand,
bis auf zwei oder drei, war vorbereitet. Herr Modersohn konnte unmöglich
die ganze Stunde lang Adolf Todtenhaupt fragen, der alles wußte. Da »The
monkey« in Gegenwart des Direktors nicht mehr abgelesen werden konnte,
so ging es jammervoll, und als die Lektüre von »Ivanhoe« an die Reihe
kam, konnte eigentlich nur der junge Graf Mölln ein wenig übersetzen, weil
bei ihm ein privates Interesse für den Roman vorhanden war. Die übrigen
stocherten hustend und hilflos zwischen den Vokabeln umher. Auch Hanno
Buddenbrook ward aufgerufen und kam nicht über eine Zeile hinweg.
Direktor Wulicke stieß einen Laut aus, wie wenn die tiefste Saite des
Kontrabasses heftig angestrichen wird. Herr Modersohn rang seine kleinen,
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ungeschickten, mit Tinte besudelten Hände und wiederholte jammernd:
»Und sonst ging es immer so gut! Und sonst ging es immer so gut!«
Dies wiederholte er noch, als es schellte, verzweiflungsvoll halb an die
Schüler und halb an den Direktor gewendet. Aber der liebe Gott stand
fürchterlich aufgerichtet, mit verschränkten Armen vor seinem Stuhle und
blickte mit abweisendem Kopfnicken starr über die Klasse hinweg … Und
dann befahl er das Klassenbuch und schrieb langsam allen denjenigen,
deren Leistungen soeben mangelhaft oder gleich Null gewesen waren, einen
Tadel wegen Trägheit hinein, sechs oder sieben Schülern auf einmal. Herr
Modersohn konnte nicht eingeschrieben werden, aber er war schlimmer
daran als alle; er stand da, fahl, gebrochen und abgetan. Hanno
Buddenbrook aber war ebenfalls unter den Getadelten. – »Ich will euch
eure Karriere schon verderben«, sagte Direktor Wulicke noch. Und dann
verschwand er.
Es schellte, die Stunde war aus. So hatte es kommen sollen. Ja, so war
es immer. Wenn man sich am meisten ängstigte, so ging es einem, wie aus
Hohn, beinahe gut; aber wenn man nichts Übles gewärtigte, so kam das
Unglück. Hannos Avancement zu Ostern war nun endgültig unmöglich. Er
stand auf und ging mit müden Augen aus dem Zimmer, indem er seine
Zunge an dem kranken Backenzahne scheuerte.
Kai kam zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm, inmitten der
erregten Kameraden, die über die außerordentlichen Ereignisse disputierten,
auf den Hof hinunter. Er blickte ängstlich und liebevoll in Hannos Gesicht
und sagte: »Verzeih, Hanno, daß ich eben übersetzt habe und nicht lieber
stillschwieg und mich auch einschreiben ließ! Es ist so gemein …«
»Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was ›patula Jovis arbore,
glandes‹ heißt?« antwortete Hanno. »Das ist nun schon so, Kai, laß es gut
sein. Man muß es gut sein lassen.«
»Ja, das muß man wohl. – Also der liebe Gott will dir die Karriere
verderben. Dann mußt du dich wohl darein ergeben, Hanno; denn wenn es
sein unerforschlicher Wille ist … Die Karriere, was für ein liebes Wort!
Herrn Modersohns Karriere ist nun auch dahin. Er wird nie Oberlehrer
werden, der Arme! Ja, es gibt Hilfslehrer und es gibt Oberlehrer, mußt du
wissen, aber Lehrer gibt es nicht. Dies ist nun etwas, was man nicht so
»Und sonst ging es immer so gut! Und sonst ging es immer so gut!«
Dies wiederholte er noch, als es schellte, verzweiflungsvoll halb an die
Schüler und halb an den Direktor gewendet. Aber der liebe Gott stand
fürchterlich aufgerichtet, mit verschränkten Armen vor seinem Stuhle und
blickte mit abweisendem Kopfnicken starr über die Klasse hinweg … Und
dann befahl er das Klassenbuch und schrieb langsam allen denjenigen,
deren Leistungen soeben mangelhaft oder gleich Null gewesen waren, einen
Tadel wegen Trägheit hinein, sechs oder sieben Schülern auf einmal. Herr
Modersohn konnte nicht eingeschrieben werden, aber er war schlimmer
daran als alle; er stand da, fahl, gebrochen und abgetan. Hanno
Buddenbrook aber war ebenfalls unter den Getadelten. – »Ich will euch
eure Karriere schon verderben«, sagte Direktor Wulicke noch. Und dann
verschwand er.
Es schellte, die Stunde war aus. So hatte es kommen sollen. Ja, so war
es immer. Wenn man sich am meisten ängstigte, so ging es einem, wie aus
Hohn, beinahe gut; aber wenn man nichts Übles gewärtigte, so kam das
Unglück. Hannos Avancement zu Ostern war nun endgültig unmöglich. Er
stand auf und ging mit müden Augen aus dem Zimmer, indem er seine
Zunge an dem kranken Backenzahne scheuerte.
Kai kam zu ihm, legte den Arm um ihn und ging mit ihm, inmitten der
erregten Kameraden, die über die außerordentlichen Ereignisse disputierten,
auf den Hof hinunter. Er blickte ängstlich und liebevoll in Hannos Gesicht
und sagte: »Verzeih, Hanno, daß ich eben übersetzt habe und nicht lieber
stillschwieg und mich auch einschreiben ließ! Es ist so gemein …«
»Habe ich vorhin nicht auch gesagt, was ›patula Jovis arbore,
glandes‹ heißt?« antwortete Hanno. »Das ist nun schon so, Kai, laß es gut
sein. Man muß es gut sein lassen.«
»Ja, das muß man wohl. – Also der liebe Gott will dir die Karriere
verderben. Dann mußt du dich wohl darein ergeben, Hanno; denn wenn es
sein unerforschlicher Wille ist … Die Karriere, was für ein liebes Wort!
Herrn Modersohns Karriere ist nun auch dahin. Er wird nie Oberlehrer
werden, der Arme! Ja, es gibt Hilfslehrer und es gibt Oberlehrer, mußt du
wissen, aber Lehrer gibt es nicht. Dies ist nun etwas, was man nicht so
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leicht verstehen kann, weil es nur für ganz Erwachsene ist und solche, die
vom Leben gereift sind. Man könnte sagen: Jemand ist ein Lehrer oder er
ist keiner; wie jemand ein Oberlehrer sein kann, das verstehe ich nicht. Man
könnte damit vor den lieben Gott oder Herrn Marotzke hintreten und es
ihnen auseinandersetzen. Was würde geschehen? Sie würden es als
Beleidigung nehmen und dich wegen Unbotmäßigkeit vernichten, während
du doch eine sehr viel höhere Meinung von ihrem Beruf an den Tag gelegt
hättest, als sie selber besitzen können … Na, laß sie, komm, es sind lauter
Nashörner.«
Sie gingen auf dem Hofe spazieren, und Hanno horchte wohlgefällig auf
das, was Kai zum besten gab, um ihn seinen Tadel vergessen zu lassen.
»Sieh, hier ist eine Tür, eine Hoftür, sie ist offen, da draußen ist die
Straße. Wie wäre es, wenn wir hinausträten und ein bißchen auf dem
Trottoir umhergingen? Es ist Pause, wir haben noch sechs Minuten; und wir
könnten ja pünktlich zurückkehren. Aber die Sache ist die: es ist unmöglich.
Verstehst du das? Hier ist die Tür, sie ist offen, es ist kein Gitter davor,
nichts, kein Hindernis, hier ist die Schwelle. Und dennoch ist es unmöglich,
schon der Gedanke ist unmöglich, auch nur auf eine Sekunde
hinauszutreten … Nun, sehen wir davon ab! Aber nehmen wir ein anderes
Beispiel. Es wäre gänzlich verkehrt, zu sagen, daß die Uhr jetzt ungefähr
halb zwölf ist. Nein, es kommt jetzt die Geographiestunde an die Reihe: so
verhält es sich! Nun frage ich aber jedermann: ist dies ein Leben? Alles ist
verzerrt … Ach, Herr Gott, wollte die Anstalt uns erst aus ihrer liebenden
Umarmung entlassen!«
»Ja, und was dann? Nein, laß nur, Kai, dann wäre es auch noch so: Was
soll man anfangen? Hier ist man wenigstens aufgehoben. Seit mein Vater tot
ist, haben Herr Stephan Kistenmaker und Pastor Pringsheim es
übernommen, mich tagtäglich zu fragen, was ich werden will. Ich weiß es
nicht. Ich kann nichts antworten. Ich kann nichts werden. Ich fürchte mich
vor dem Ganzen …«
»Nein, wie kann man so verzagt reden! Du mit deiner Musik …«
»Was ist mit meiner Musik, Kai? Es ist nichts damit. Soll ich
umherreisen und spielen? Erstens würden sie es mir nicht erlauben, und
zweitens werde ich nie genug dazu können. Ich kann beinahe nichts, ich
vom Leben gereift sind. Man könnte sagen: Jemand ist ein Lehrer oder er
ist keiner; wie jemand ein Oberlehrer sein kann, das verstehe ich nicht. Man
könnte damit vor den lieben Gott oder Herrn Marotzke hintreten und es
ihnen auseinandersetzen. Was würde geschehen? Sie würden es als
Beleidigung nehmen und dich wegen Unbotmäßigkeit vernichten, während
du doch eine sehr viel höhere Meinung von ihrem Beruf an den Tag gelegt
hättest, als sie selber besitzen können … Na, laß sie, komm, es sind lauter
Nashörner.«
Sie gingen auf dem Hofe spazieren, und Hanno horchte wohlgefällig auf
das, was Kai zum besten gab, um ihn seinen Tadel vergessen zu lassen.
»Sieh, hier ist eine Tür, eine Hoftür, sie ist offen, da draußen ist die
Straße. Wie wäre es, wenn wir hinausträten und ein bißchen auf dem
Trottoir umhergingen? Es ist Pause, wir haben noch sechs Minuten; und wir
könnten ja pünktlich zurückkehren. Aber die Sache ist die: es ist unmöglich.
Verstehst du das? Hier ist die Tür, sie ist offen, es ist kein Gitter davor,
nichts, kein Hindernis, hier ist die Schwelle. Und dennoch ist es unmöglich,
schon der Gedanke ist unmöglich, auch nur auf eine Sekunde
hinauszutreten … Nun, sehen wir davon ab! Aber nehmen wir ein anderes
Beispiel. Es wäre gänzlich verkehrt, zu sagen, daß die Uhr jetzt ungefähr
halb zwölf ist. Nein, es kommt jetzt die Geographiestunde an die Reihe: so
verhält es sich! Nun frage ich aber jedermann: ist dies ein Leben? Alles ist
verzerrt … Ach, Herr Gott, wollte die Anstalt uns erst aus ihrer liebenden
Umarmung entlassen!«
»Ja, und was dann? Nein, laß nur, Kai, dann wäre es auch noch so: Was
soll man anfangen? Hier ist man wenigstens aufgehoben. Seit mein Vater tot
ist, haben Herr Stephan Kistenmaker und Pastor Pringsheim es
übernommen, mich tagtäglich zu fragen, was ich werden will. Ich weiß es
nicht. Ich kann nichts antworten. Ich kann nichts werden. Ich fürchte mich
vor dem Ganzen …«
»Nein, wie kann man so verzagt reden! Du mit deiner Musik …«
»Was ist mit meiner Musik, Kai? Es ist nichts damit. Soll ich
umherreisen und spielen? Erstens würden sie es mir nicht erlauben, und
zweitens werde ich nie genug dazu können. Ich kann beinahe nichts, ich
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kann nur ein bißchen phantasieren, wenn ich allein bin. Und dann stelle ich
mir das Umherreisen auch schrecklich vor … Mit dir ist es so anders. Du
hast mehr Mut. Du gehst hier herum und lachst über das Ganze und hast
ihnen etwas entgegenzuhalten. Du willst schreiben, willst den Leuten
Schönes und Merkwürdiges erzählen, gut: das ist etwas. Und du wirst sicher
berühmt werden, du bist so geschickt. Woran liegt es? Du bist lustiger.
Manchmal in der Stunde sehen wir uns an, wie vorhin einen Augenblick,
bei Herrn Mantelsack, als Petersen unter allen, die abgelesen hatten, einen
Tadel bekam. Wir denken dasselbe, aber du schneidest eine Fratze und bist
stolz … Ich kann das nicht. Ich werde so müde davon. Ich möchte schlafen
und nichts mehr wissen. Ich möchte sterben, Kai!… Nein, es ist nichts mit
mir. Ich kann nichts wollen. Ich will nicht einmal berühmt werden. Ich habe
Angst davor, genau als wäre ein Unrecht dabei! Es kann nichts aus mir
werden, sei sicher. Neulich nach der Konfirmationsstunde hat Pastor
Pringsheim zu jemandem gesagt, man müsse mich aufgeben, ich stammte
aus einer verrotteten Familie …«
»Hat er das gesagt?« fragte Kai mit angespanntem Interesse …
»Ja, er meint meinen Onkel Christian damit, der in Hamburg in einer
Anstalt sitzt. – Er hat sicher recht. Man sollte mich nur aufgeben. Ich wäre
so dankbar dafür!… Ich habe so vielerlei Sorgen, und alles fällt mir so
schwer. Nehmen wir an, ich schneide mich in den Finger, tue mir irgendwo
weh … es ist eine Wunde, die bei einem anderen in acht Tagen geheilt wäre.
Bei mir dauert es vier Wochen. Es will nicht heilen, es entzündet sich, es
wird schlimm und macht mir unmäßige Beschwerden … Neulich sagte mir
Herr Brecht, um meine Zähne sähe es jämmerlich aus, fast alle seien schon
unterminiert und verbraucht, nicht zu reden von denen, die ausgezogen
sind. So steht es jetzt. Und womit werde ich beißen, wenn ich dreißig,
vierzig Jahre alt bin? Ich habe gar keine Hoffnung …«
»So«, sagte Kai und schlug eine schnellere Gangart an; »nun erzählst du
mir ein bißchen von deinem Klavierspiel. Ich will nämlich jetzt etwas
Wunderbares schreiben, etwas Wunderbares … Vielleicht fange ich nachher
in der Zeichenstunde an. Willst du heute nachmittag spielen?«
Hanno schwieg einen Augenblick. Etwas Trübes, Verwirrtes und Heißes
war in seinen Blick gekommen.
mir das Umherreisen auch schrecklich vor … Mit dir ist es so anders. Du
hast mehr Mut. Du gehst hier herum und lachst über das Ganze und hast
ihnen etwas entgegenzuhalten. Du willst schreiben, willst den Leuten
Schönes und Merkwürdiges erzählen, gut: das ist etwas. Und du wirst sicher
berühmt werden, du bist so geschickt. Woran liegt es? Du bist lustiger.
Manchmal in der Stunde sehen wir uns an, wie vorhin einen Augenblick,
bei Herrn Mantelsack, als Petersen unter allen, die abgelesen hatten, einen
Tadel bekam. Wir denken dasselbe, aber du schneidest eine Fratze und bist
stolz … Ich kann das nicht. Ich werde so müde davon. Ich möchte schlafen
und nichts mehr wissen. Ich möchte sterben, Kai!… Nein, es ist nichts mit
mir. Ich kann nichts wollen. Ich will nicht einmal berühmt werden. Ich habe
Angst davor, genau als wäre ein Unrecht dabei! Es kann nichts aus mir
werden, sei sicher. Neulich nach der Konfirmationsstunde hat Pastor
Pringsheim zu jemandem gesagt, man müsse mich aufgeben, ich stammte
aus einer verrotteten Familie …«
»Hat er das gesagt?« fragte Kai mit angespanntem Interesse …
»Ja, er meint meinen Onkel Christian damit, der in Hamburg in einer
Anstalt sitzt. – Er hat sicher recht. Man sollte mich nur aufgeben. Ich wäre
so dankbar dafür!… Ich habe so vielerlei Sorgen, und alles fällt mir so
schwer. Nehmen wir an, ich schneide mich in den Finger, tue mir irgendwo
weh … es ist eine Wunde, die bei einem anderen in acht Tagen geheilt wäre.
Bei mir dauert es vier Wochen. Es will nicht heilen, es entzündet sich, es
wird schlimm und macht mir unmäßige Beschwerden … Neulich sagte mir
Herr Brecht, um meine Zähne sähe es jämmerlich aus, fast alle seien schon
unterminiert und verbraucht, nicht zu reden von denen, die ausgezogen
sind. So steht es jetzt. Und womit werde ich beißen, wenn ich dreißig,
vierzig Jahre alt bin? Ich habe gar keine Hoffnung …«
»So«, sagte Kai und schlug eine schnellere Gangart an; »nun erzählst du
mir ein bißchen von deinem Klavierspiel. Ich will nämlich jetzt etwas
Wunderbares schreiben, etwas Wunderbares … Vielleicht fange ich nachher
in der Zeichenstunde an. Willst du heute nachmittag spielen?«
Hanno schwieg einen Augenblick. Etwas Trübes, Verwirrtes und Heißes
war in seinen Blick gekommen.
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»Ja, ich werde wohl spielen«, sagte er, »obgleich ich es nicht tun sollte.
Ich sollte meine Etüden und Sonaten üben und dann aufhören. Aber ich
werde wohl spielen, ich kann es nicht lassen, obgleich es alles noch
schlimmer macht.«
»Schlimmer?«
Hanno schwieg.
»Ich weiß, wovon du spielst«, sagte Kai. Und dann schwiegen beide.
Sie waren in einem seltsamen Alter. Kai war sehr rot geworden und
blickte zu Boden, ohne den Kopf zu senken. Hanno sah blaß aus. Er war
furchtbar ernst und hielt seine verschleierten Augen seitwärts gerichtet.
Dann schellte Herr Schlemiel und sie gingen hinauf.
Es kam die Geographiestunde und mit ihr das Extemporale, ein sehr
wichtiges Extemporale über das Gebiet von Hessen-Nassau. Ein Mann mit
rotem Bart und braunem Schoßrock trat ein. Sein Gesicht war bleich, und
auf seinen Händen, deren Poren weit offen standen, wuchs nicht ein
einziges Härchen. Dies war der geistreiche Oberlehrer, Herr Doktor
Mühsam. Er litt zuweilen an Lungenblutungen und sprach beständig in
ironischem Tone, weil er sich für ebenso witzig wie leidend hielt. Zu Hause
besaß er eine Art Heine-Archiv, eine Sammlung von Papieren und
Gegenständen, die sich auf den frechen und kranken Poeten bezogen. Jetzt
fixierte er die Grenzen von Hessen-Nassau auf der Wandtafel und bat dann
mit einem zugleich melancholischen und höhnischen Lächeln, die Herren
möchten in ihre Hefte zeichnen, was das Land an Merkwürdigem biete. Er
schien sowohl die Schüler wie das Land Hessen-Nassau verspotten zu
wollen; und doch war es ein sehr wichtiges Extemporale, vor dem alle sich
fürchteten.
Hanno Buddenbrook wußte nichts von Hessen-Nassau, nicht viel, so gut
wie nichts. Er wollte ein wenig auf Adolf Todtenhaupts Heft hinübersehen,
aber Heinrich Heine, der trotz seiner überlegenen und leidenden Ironie mit
gespanntester Aufmerksamkeit jede Bewegung überwachte, bemerkte es
sofort und sagte: »Herr Buddenbrook, ich bin versucht, Sie Ihr Buch
schließen zu lassen, aber ich fürchte allzusehr, Ihnen eine Wohltat damit zu
erweisen. Fahren Sie fort.«
Ich sollte meine Etüden und Sonaten üben und dann aufhören. Aber ich
werde wohl spielen, ich kann es nicht lassen, obgleich es alles noch
schlimmer macht.«
»Schlimmer?«
Hanno schwieg.
»Ich weiß, wovon du spielst«, sagte Kai. Und dann schwiegen beide.
Sie waren in einem seltsamen Alter. Kai war sehr rot geworden und
blickte zu Boden, ohne den Kopf zu senken. Hanno sah blaß aus. Er war
furchtbar ernst und hielt seine verschleierten Augen seitwärts gerichtet.
Dann schellte Herr Schlemiel und sie gingen hinauf.
Es kam die Geographiestunde und mit ihr das Extemporale, ein sehr
wichtiges Extemporale über das Gebiet von Hessen-Nassau. Ein Mann mit
rotem Bart und braunem Schoßrock trat ein. Sein Gesicht war bleich, und
auf seinen Händen, deren Poren weit offen standen, wuchs nicht ein
einziges Härchen. Dies war der geistreiche Oberlehrer, Herr Doktor
Mühsam. Er litt zuweilen an Lungenblutungen und sprach beständig in
ironischem Tone, weil er sich für ebenso witzig wie leidend hielt. Zu Hause
besaß er eine Art Heine-Archiv, eine Sammlung von Papieren und
Gegenständen, die sich auf den frechen und kranken Poeten bezogen. Jetzt
fixierte er die Grenzen von Hessen-Nassau auf der Wandtafel und bat dann
mit einem zugleich melancholischen und höhnischen Lächeln, die Herren
möchten in ihre Hefte zeichnen, was das Land an Merkwürdigem biete. Er
schien sowohl die Schüler wie das Land Hessen-Nassau verspotten zu
wollen; und doch war es ein sehr wichtiges Extemporale, vor dem alle sich
fürchteten.
Hanno Buddenbrook wußte nichts von Hessen-Nassau, nicht viel, so gut
wie nichts. Er wollte ein wenig auf Adolf Todtenhaupts Heft hinübersehen,
aber Heinrich Heine, der trotz seiner überlegenen und leidenden Ironie mit
gespanntester Aufmerksamkeit jede Bewegung überwachte, bemerkte es
sofort und sagte: »Herr Buddenbrook, ich bin versucht, Sie Ihr Buch
schließen zu lassen, aber ich fürchte allzusehr, Ihnen eine Wohltat damit zu
erweisen. Fahren Sie fort.«
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Diese Bemerkung enthielt zwei Witze. Erstens denjenigen, daß Doktor
Mühsam Hanno mit »Herr« anredete, und zweitens den mit der »Wohltat«.
Hanno Buddenbrook aber fuhr fort, über seinem Heft zu brüten und lieferte
schließlich ein beinahe leeres Blatt ab, worauf er wieder mit Kai
hinausging.
Für heute war nun alles überstanden. Wohl dem, der glücklich
davongekommen war und dessen Bewußtsein von keinem Tadel beschwert
wurde. Er konnte nun frei und wohlgemut bei Herrn Drägemüller im hellen
Saale sitzen und zeichnen …
Der Zeichensaal war weit und licht. Gipsabgüsse nach der Antike
standen auf den Wandborden, und in einem großen Schranke gab es
allerhand Holzklötze und Puppenmöbel, die ebenfalls als Modelle dienten.
Herr Drägemüller war ein untersetzter Mann mit rundgeschnittenem
Vollbart und einer braunen, glatten, billigen Perücke, die im Nacken
verräterisch abstand. Er besaß zwei Perücken, eine mit längerem und eine
mit kürzerem Haar; hatte er sich den Bart scheren lassen, so setzte er die
kürzere auf … Auch sonst war er ein Mann von einigen drolligen
Eigentümlichkeiten. Statt »der Bleistift« sagte er »die Blei«. Außerdem
verbreitete er einen ölig-spirituösen Geruch wo er ging und stand, und
einige sagten, er tränke Petroleum. Seine schönsten Stunden kamen, wenn
er vertretungsweise einmal in einem anderen Fache als im Zeichnen
unterrichten durfte. Dann hielt er Vorträge über Bismarcks Politik, die er
mit eindringlichen, spiralförmigen Bogenbewegungen von der Nase zur
Schulter begleitete, und sprach mit Haß und Furcht von der
Sozialdemokratie … »Wir müssen zusammenhalten!« pflegte er zu
schlechten Schülern zu sagen, indem er sie am Arme packte. »Die
Sozialdemokratie steht vor der Tür!« Er hatte etwas krampfhaft
Geschäftiges an sich. Er setzte sich neben einen, verbreitete einen heftigen
Spiritusgeruch, schlug einem mit seinem Siegelring vor die Stirn, stieß
einzelne Wörter hervor, wie »Perspektive!« »Schlagschatten!« »Die Blei!«
»Sozialdemokratie!« »Zusammenhalten!« und enteilte …
Kai schrieb an seiner neuen literarischen Arbeit in dieser Stunde, und
Hanno beschäftigte sich damit, daß er in Gedanken eine Orchester-
Ouvertüre aufführte. Dann war es aus, man holte seine Sachen herunter, der
Weg durch die Hoftore war freigegeben, man ging nach Hause.
Mühsam Hanno mit »Herr« anredete, und zweitens den mit der »Wohltat«.
Hanno Buddenbrook aber fuhr fort, über seinem Heft zu brüten und lieferte
schließlich ein beinahe leeres Blatt ab, worauf er wieder mit Kai
hinausging.
Für heute war nun alles überstanden. Wohl dem, der glücklich
davongekommen war und dessen Bewußtsein von keinem Tadel beschwert
wurde. Er konnte nun frei und wohlgemut bei Herrn Drägemüller im hellen
Saale sitzen und zeichnen …
Der Zeichensaal war weit und licht. Gipsabgüsse nach der Antike
standen auf den Wandborden, und in einem großen Schranke gab es
allerhand Holzklötze und Puppenmöbel, die ebenfalls als Modelle dienten.
Herr Drägemüller war ein untersetzter Mann mit rundgeschnittenem
Vollbart und einer braunen, glatten, billigen Perücke, die im Nacken
verräterisch abstand. Er besaß zwei Perücken, eine mit längerem und eine
mit kürzerem Haar; hatte er sich den Bart scheren lassen, so setzte er die
kürzere auf … Auch sonst war er ein Mann von einigen drolligen
Eigentümlichkeiten. Statt »der Bleistift« sagte er »die Blei«. Außerdem
verbreitete er einen ölig-spirituösen Geruch wo er ging und stand, und
einige sagten, er tränke Petroleum. Seine schönsten Stunden kamen, wenn
er vertretungsweise einmal in einem anderen Fache als im Zeichnen
unterrichten durfte. Dann hielt er Vorträge über Bismarcks Politik, die er
mit eindringlichen, spiralförmigen Bogenbewegungen von der Nase zur
Schulter begleitete, und sprach mit Haß und Furcht von der
Sozialdemokratie … »Wir müssen zusammenhalten!« pflegte er zu
schlechten Schülern zu sagen, indem er sie am Arme packte. »Die
Sozialdemokratie steht vor der Tür!« Er hatte etwas krampfhaft
Geschäftiges an sich. Er setzte sich neben einen, verbreitete einen heftigen
Spiritusgeruch, schlug einem mit seinem Siegelring vor die Stirn, stieß
einzelne Wörter hervor, wie »Perspektive!« »Schlagschatten!« »Die Blei!«
»Sozialdemokratie!« »Zusammenhalten!« und enteilte …
Kai schrieb an seiner neuen literarischen Arbeit in dieser Stunde, und
Hanno beschäftigte sich damit, daß er in Gedanken eine Orchester-
Ouvertüre aufführte. Dann war es aus, man holte seine Sachen herunter, der
Weg durch die Hoftore war freigegeben, man ging nach Hause.
Page 700
Hanno und Kai hatten denselben Weg, und bis zu der kleinen, roten
Villa draußen in der Vorstadt gingen sie zusammen, ihre Bücher unterm
Arm. Dann hatte der junge Graf Mölln noch eine weite Strecke bis zu dem
väterlichen Wohnsitz allein zu wandern. Er trug nicht einmal einen Paletot.
Der Nebel, der am Morgen geherrscht hatte, war zu Schnee geworden,
der in großen weichen Flocken herniedersank und sich in Kot verwandelte.
An der Buddenbrookschen Gartenpforte trennten sie sich; aber als Hanno
schon den Vorgarten zur Hälfte durchschritten hatte, kam Kai noch einmal
zurück und legte den Arm um seinen Hals. »Sei nicht verzweifelt … Und
spiele lieber nicht!« sagte er leise; dann verschwand seine schlanke,
verwahrloste Gestalt im Schneegestöber.
Hanno ließ seine Bücher auf dem Korridor in der Schale zurück, die der
Bär vor sich hinstreckte, und ging ins Wohnzimmer, um seine Mutter zu
begrüßen. Sie saß auf der Chaiselongue und las in einem gelb gehefteten
Buche. Während er über den Teppich schritt, blickte sie ihm mit ihren
braunen, nahe beieinanderliegenden Augen entgegen, in deren Winkeln
bläuliche Schatten lagerten. Als er vor ihr stand, nahm sie seinen Kopf
zwischen die Hände und küßte ihn auf die Stirn.
Er ging in sein Zimmer hinauf, wo Fräulein Clementine ein wenig
Frühstück für ihn bereitgestellt hatte, wusch sich und aß. Als er fertig war,
nahm er aus dem Pulte ein Päckchen jener kleinen, scharfen russischen
Zigaretten, die ihm ebenfalls nicht mehr unbekannt waren, und begann zu
rauchen. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte etwas sehr
Schwieriges, Strenges, Fugiertes, von Bach. Und schließlich faltete er die
Hände hinter dem Kopf und blickte zum Fenster hinaus in den lautlos
niedertaumelnden Schnee. Es gab da sonst nichts zu sehen. Es lag kein
zierlicher Garten mit plätscherndem Springbrunnen mehr unter seinem
Fenster. Die Aussicht wurde durch die graue Seitenwand der benachbarten
Villa abgeschnitten.
Um vier Uhr wurde zu Mittag gegessen. Gerda Buddenbrook, der kleine
Johann und Fräulein Clementine waren allein. Später traf Hanno im Salon
die Vorbereitungen zum Musizieren und erwartete am Flügel seine Mutter.
Sie spielten die Sonate Opus 24 von Beethoven. Bei dem Adagio sang die
Geige wie ein Engel; aber Gerda nahm dennoch unbefriedigt das Instrument
Villa draußen in der Vorstadt gingen sie zusammen, ihre Bücher unterm
Arm. Dann hatte der junge Graf Mölln noch eine weite Strecke bis zu dem
väterlichen Wohnsitz allein zu wandern. Er trug nicht einmal einen Paletot.
Der Nebel, der am Morgen geherrscht hatte, war zu Schnee geworden,
der in großen weichen Flocken herniedersank und sich in Kot verwandelte.
An der Buddenbrookschen Gartenpforte trennten sie sich; aber als Hanno
schon den Vorgarten zur Hälfte durchschritten hatte, kam Kai noch einmal
zurück und legte den Arm um seinen Hals. »Sei nicht verzweifelt … Und
spiele lieber nicht!« sagte er leise; dann verschwand seine schlanke,
verwahrloste Gestalt im Schneegestöber.
Hanno ließ seine Bücher auf dem Korridor in der Schale zurück, die der
Bär vor sich hinstreckte, und ging ins Wohnzimmer, um seine Mutter zu
begrüßen. Sie saß auf der Chaiselongue und las in einem gelb gehefteten
Buche. Während er über den Teppich schritt, blickte sie ihm mit ihren
braunen, nahe beieinanderliegenden Augen entgegen, in deren Winkeln
bläuliche Schatten lagerten. Als er vor ihr stand, nahm sie seinen Kopf
zwischen die Hände und küßte ihn auf die Stirn.
Er ging in sein Zimmer hinauf, wo Fräulein Clementine ein wenig
Frühstück für ihn bereitgestellt hatte, wusch sich und aß. Als er fertig war,
nahm er aus dem Pulte ein Päckchen jener kleinen, scharfen russischen
Zigaretten, die ihm ebenfalls nicht mehr unbekannt waren, und begann zu
rauchen. Dann setzte er sich ans Harmonium und spielte etwas sehr
Schwieriges, Strenges, Fugiertes, von Bach. Und schließlich faltete er die
Hände hinter dem Kopf und blickte zum Fenster hinaus in den lautlos
niedertaumelnden Schnee. Es gab da sonst nichts zu sehen. Es lag kein
zierlicher Garten mit plätscherndem Springbrunnen mehr unter seinem
Fenster. Die Aussicht wurde durch die graue Seitenwand der benachbarten
Villa abgeschnitten.
Um vier Uhr wurde zu Mittag gegessen. Gerda Buddenbrook, der kleine
Johann und Fräulein Clementine waren allein. Später traf Hanno im Salon
die Vorbereitungen zum Musizieren und erwartete am Flügel seine Mutter.
Sie spielten die Sonate Opus 24 von Beethoven. Bei dem Adagio sang die
Geige wie ein Engel; aber Gerda nahm dennoch unbefriedigt das Instrument
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vom Kinn, betrachtete es mißmutig und sagte, daß es nicht in Stimmung sei.
Sie spielte nicht weiter und ging hinauf, um zu ruhen.
Hanno blieb im Salon zurück. Er trat an die Glastür, die auf die schmale
Veranda führte, und blickte ein paar Minuten lang in den aufgeweichten
Vorgarten hinaus. Plötzlich aber trat er einen Schritt rückwärts, zog heftig
den cremefarbenen Vorhang vor die Tür, so daß das Zimmer in einem
gelblichen Halbdunkel lag, und ging in Bewegung zum Flügel. Dort stand
er abermals eine Weile, und sein Blick, starr und unbestimmt auf einen
Punkt gerichtet, verdunkelte sich langsam, verschleierte sich, verschwamm
… Er setzte sich und begann eine seiner Phantasien.
Es war ein ganz einfaches Motiv, das er sich vorführte, ein Nichts, das
Bruchstück einer nicht vorhandenen Melodie, eine Figur von anderthalb
Takten, und als er sie zum erstenmal mit einer Kraft, die man ihm nicht
zugetraut hätte, in tiefer Lage als einzelne Stimme ertönen ließ, wie als
sollte sie von Posaunen einstimmig und befehlshaberisch als Urstoff und
Ausgang alles Kommenden verkündigt werden, war gar nicht abzusehen,
was eigentlich gemeint sei. Als er sie aber im Diskant, in einer Klangfarbe
von mattem Silber, harmonisiert wiederholte, erwies sich, daß sie im
wesentlichen aus einer einzigen Auflösung bestand, einem sehnsüchtigen
und schmerzlichen Hinsinken von einer Tonart in die andere … eine
kurzatmige, armselige Erfindung, der aber durch die preziöse und feierliche
Entschiedenheit, mit der sie hingestellt und vorgebracht wurde, ein
seltsamer, geheimnis- und bedeutungsvoller Wert verschafft ward. Und nun
begannen bewegte Gänge, ein rastloses Kommen und Gehen von Synkopen,
suchend, irrend und von Aufschreien zerrissen, wie als sei eine Seele voll
Unruhe über das, was sie vernommen, und was doch nicht verstummen
wollte, sondern in immer anderen Harmonien, fragend, klagend, ersterbend,
verlangend, verheißungsvoll sich wiederholte. Und immer heftiger wurden
die Synkopen, ratlos umhergedrängt von hastigen Triolen; die Schreie der
Furcht jedoch, die hineinklangen, nahmen Gestalt an, sie schlossen sich
zusammen, sie wurden zur Melodie, und der Augenblick kam, da sie wie
ein inbrünstig und flehentlich hervortretender Gesang des Bläserchores
stark und demütig zur Herrschaft gelangten. Das haltlos Drängende, das
Wogende, Irrende und Entgleitende war verstummt und besiegt, und in
unbeirrbar einfachem Rhythmus erscholl dieser zerknirschte und kindlich
betende Choral … Mit einer Art von Kirchenschluß endete er. Eine Fermate
Sie spielte nicht weiter und ging hinauf, um zu ruhen.
Hanno blieb im Salon zurück. Er trat an die Glastür, die auf die schmale
Veranda führte, und blickte ein paar Minuten lang in den aufgeweichten
Vorgarten hinaus. Plötzlich aber trat er einen Schritt rückwärts, zog heftig
den cremefarbenen Vorhang vor die Tür, so daß das Zimmer in einem
gelblichen Halbdunkel lag, und ging in Bewegung zum Flügel. Dort stand
er abermals eine Weile, und sein Blick, starr und unbestimmt auf einen
Punkt gerichtet, verdunkelte sich langsam, verschleierte sich, verschwamm
… Er setzte sich und begann eine seiner Phantasien.
Es war ein ganz einfaches Motiv, das er sich vorführte, ein Nichts, das
Bruchstück einer nicht vorhandenen Melodie, eine Figur von anderthalb
Takten, und als er sie zum erstenmal mit einer Kraft, die man ihm nicht
zugetraut hätte, in tiefer Lage als einzelne Stimme ertönen ließ, wie als
sollte sie von Posaunen einstimmig und befehlshaberisch als Urstoff und
Ausgang alles Kommenden verkündigt werden, war gar nicht abzusehen,
was eigentlich gemeint sei. Als er sie aber im Diskant, in einer Klangfarbe
von mattem Silber, harmonisiert wiederholte, erwies sich, daß sie im
wesentlichen aus einer einzigen Auflösung bestand, einem sehnsüchtigen
und schmerzlichen Hinsinken von einer Tonart in die andere … eine
kurzatmige, armselige Erfindung, der aber durch die preziöse und feierliche
Entschiedenheit, mit der sie hingestellt und vorgebracht wurde, ein
seltsamer, geheimnis- und bedeutungsvoller Wert verschafft ward. Und nun
begannen bewegte Gänge, ein rastloses Kommen und Gehen von Synkopen,
suchend, irrend und von Aufschreien zerrissen, wie als sei eine Seele voll
Unruhe über das, was sie vernommen, und was doch nicht verstummen
wollte, sondern in immer anderen Harmonien, fragend, klagend, ersterbend,
verlangend, verheißungsvoll sich wiederholte. Und immer heftiger wurden
die Synkopen, ratlos umhergedrängt von hastigen Triolen; die Schreie der
Furcht jedoch, die hineinklangen, nahmen Gestalt an, sie schlossen sich
zusammen, sie wurden zur Melodie, und der Augenblick kam, da sie wie
ein inbrünstig und flehentlich hervortretender Gesang des Bläserchores
stark und demütig zur Herrschaft gelangten. Das haltlos Drängende, das
Wogende, Irrende und Entgleitende war verstummt und besiegt, und in
unbeirrbar einfachem Rhythmus erscholl dieser zerknirschte und kindlich
betende Choral … Mit einer Art von Kirchenschluß endete er. Eine Fermate
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kam, und eine Stille. Und siehe, plötzlich war, ganz leise, in einer
Klangfarbe von mattem Silber, das erste Motiv wieder da, diese armselige
Erfindung, diese dumme oder geheimnisvolle Figur, dieses süße,
schmerzliche Hinsinken von einer Tonart in die andere. Da entstand ein
ungeheurer Aufruhr und wild erregte Geschäftigkeit, beherrscht von
fanfarenartigen Akzenten, Ausdrücken einer wilden Entschlossenheit. Was
geschah? Was war in Vorbereitung? Es scholl wie Hörner, die zum
Aufbruch riefen. Und dann trat etwas ein wie eine Sammlung und
Konzentration, festere Rhythmen fügten sich zusammen, und eine neue
Figur setzte ein, eine kecke Improvisation, eine Art Jagdlied, unternehmend
und stürmisch. Aber es war nicht fröhlich, es war im Innersten voll
verzweifelten Übermuts, die Signale, die darein tönten, waren gleich
Angstrufen, und immer wieder war zwischen allem, in verzerrten und
bizarren Harmonien, quälend, irrselig und süß, das Motiv, jenes erste,
rätselhafte Motiv zu vernehmen … Und nun begann ein unaufhaltsamer
Wechsel von Begebenheiten, deren Sinn und Wesen nicht zu erraten war,
eine Flucht von Abenteuern des Klanges, des Rhythmus und der Harmonie,
über die Hanno nicht Herr war, sondern die sich unter seinen arbeitenden
Fingern gestalteten, und die er erlebte, ohne sie vorher zu kennen … Er saß,
ein wenig über die Tasten gebeugt, mit getrennten Lippen und fernem,
tiefem Blick, und sein braunes Haar bedeckte in weichen Locken seine
Schläfen. Was geschah? Was wurde erlebt? Wurden hier furchtbare
Hindernisse bewältigt, Drachen getötet, Felsen erklommen, Ströme
durchschwommen, Flammen durchschritten? Und wie ein gellendes Lachen
oder wie eine unbegreiflich selige Verheißung schlang sich das erste Motiv
hindurch, dies nichtige Gebilde, dies Hinsinken von einer Tonart in die
andere … ja, es war, als reize es auf zu immer neuen, gewaltsamen
Anstrengungen, rasende Anläufe in Oktaven folgten ihm, die in Schreie
ausklangen, und dann begann ein Aufschwellen, eine langsame,
unaufhaltsame Steigerung, ein chromatisches Aufwärtsringen von wilder,
unwiderstehlicher Sehnsucht, jäh unterbrochen durch plötzliche,
erschreckende und aufstachelnde Pianissimi, die wie ein Weggleiten des
Bodens unter den Füßen und wie ein Versinken in Begierde waren …
Einmal war es, als ob fern und leise mahnend die ersten Akkorde des
flehenden, zerknirschten Gebetes vernehmbar werden wollten; alsbald aber
stürzte die Flut der empordrängenden Kakophonien darüber her, die sich
zusammenballten, sich vorwärts wälzten, zurückwichen, aufwärts
Klangfarbe von mattem Silber, das erste Motiv wieder da, diese armselige
Erfindung, diese dumme oder geheimnisvolle Figur, dieses süße,
schmerzliche Hinsinken von einer Tonart in die andere. Da entstand ein
ungeheurer Aufruhr und wild erregte Geschäftigkeit, beherrscht von
fanfarenartigen Akzenten, Ausdrücken einer wilden Entschlossenheit. Was
geschah? Was war in Vorbereitung? Es scholl wie Hörner, die zum
Aufbruch riefen. Und dann trat etwas ein wie eine Sammlung und
Konzentration, festere Rhythmen fügten sich zusammen, und eine neue
Figur setzte ein, eine kecke Improvisation, eine Art Jagdlied, unternehmend
und stürmisch. Aber es war nicht fröhlich, es war im Innersten voll
verzweifelten Übermuts, die Signale, die darein tönten, waren gleich
Angstrufen, und immer wieder war zwischen allem, in verzerrten und
bizarren Harmonien, quälend, irrselig und süß, das Motiv, jenes erste,
rätselhafte Motiv zu vernehmen … Und nun begann ein unaufhaltsamer
Wechsel von Begebenheiten, deren Sinn und Wesen nicht zu erraten war,
eine Flucht von Abenteuern des Klanges, des Rhythmus und der Harmonie,
über die Hanno nicht Herr war, sondern die sich unter seinen arbeitenden
Fingern gestalteten, und die er erlebte, ohne sie vorher zu kennen … Er saß,
ein wenig über die Tasten gebeugt, mit getrennten Lippen und fernem,
tiefem Blick, und sein braunes Haar bedeckte in weichen Locken seine
Schläfen. Was geschah? Was wurde erlebt? Wurden hier furchtbare
Hindernisse bewältigt, Drachen getötet, Felsen erklommen, Ströme
durchschwommen, Flammen durchschritten? Und wie ein gellendes Lachen
oder wie eine unbegreiflich selige Verheißung schlang sich das erste Motiv
hindurch, dies nichtige Gebilde, dies Hinsinken von einer Tonart in die
andere … ja, es war, als reize es auf zu immer neuen, gewaltsamen
Anstrengungen, rasende Anläufe in Oktaven folgten ihm, die in Schreie
ausklangen, und dann begann ein Aufschwellen, eine langsame,
unaufhaltsame Steigerung, ein chromatisches Aufwärtsringen von wilder,
unwiderstehlicher Sehnsucht, jäh unterbrochen durch plötzliche,
erschreckende und aufstachelnde Pianissimi, die wie ein Weggleiten des
Bodens unter den Füßen und wie ein Versinken in Begierde waren …
Einmal war es, als ob fern und leise mahnend die ersten Akkorde des
flehenden, zerknirschten Gebetes vernehmbar werden wollten; alsbald aber
stürzte die Flut der empordrängenden Kakophonien darüber her, die sich
zusammenballten, sich vorwärts wälzten, zurückwichen, aufwärts
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klommen, versanken und wieder einem unaussprechlichen Ziele
entgegenrangen, das kommen mußte, nun kommen mußte, in diesem
Augenblick, an diesem furchtbaren Höhepunkt, da die lechzende Drangsal
zur Unerträglichkeit geworden war … Und es kam, es war nicht mehr
hintanzuhalten, die Krämpfe der Sehnsucht hätten nicht mehr verlängert
werden können, es kam, gleichwie wenn ein Vorhang zerrisse, Tore
aufsprängen, Dornenhecken sich erschlossen, Flammenmauern in sich
zusammensänken … Die Lösung, die Auflösung, die Erfüllung, die
vollkommene Befriedigung brach herein, und mit entzücktem Aufjauchzen
entwirrte sich alles zu einem Wohlklang, der in süßem und sehnsüchtigem
Ritardando sogleich in einen anderen hinübersank … es war das Motiv, das
erste Motiv, was erklang! Und was nun begann, war ein Fest, ein Triumph,
eine zügellose Orgie ebendieser Figur, die in allen Klangschattierungen
prahlte, sich durch alle Oktaven ergoß, aufweinte, im Tremolando
verzitterte, sang, jubelte, schluchzte, angetan mit allem brausenden,
klingelnden, perlenden, schäumenden Prunk der orchestralen Ausstattung
sieghaft daherkam … Es lag etwas Brutales und Stumpfsinniges und
zugleich etwas asketisch Religiöses, etwas wie Glaube und Selbstaufgabe in
dem fanatischen Kultus dieses Nichts, dieses Stücks Melodie, dieser
kurzen, kindischen, harmonischen Erfindung von anderthalb Takten …
etwas Lasterhaftes in der Maßlosigkeit und Unersättlichkeit, mit der sie
genossen und ausgebeutet wurde, und etwas zynisch Verzweifeltes, etwas
wie Wille zu Wonne und Untergang in der Gier, mit der die letzte Süßigkeit
aus ihr gesogen wurde, bis zur Erschöpfung, bis zum Ekel und Überdruß,
bis endlich, endlich in Ermattung nach allen Ausschweifungen ein langes,
leises Arpeggio in Moll hinrieselte, um einen Ton emporstieg, sich in Dur
auflöste und mit einem wehmütigen Zögern erstarb.
Hanno saß noch einen Augenblick still, das Kinn auf der Brust, die
Hände im Schoß. Dann stand er auf und schloß den Flügel. Er war sehr
blaß, in seinen Knien war gar keine Kraft, und seine Augen brannten. Er
ging ins Nebenzimmer, streckte sich auf der Chaiselongue aus und blieb so
lange Zeit, ohne ein Glied zu rühren.
Später wurde zu Abend gegessen, worauf er mit seiner Mutter eine
Partie Schach spielte, bei der niemand gewann. Aber nach Mitternacht noch
saß er in seinem Zimmer bei einer Kerze vor dem Harmonium und spielte,
weil nichts mehr erklingen durfte, in Gedanken, obgleich er gewillt war,
entgegenrangen, das kommen mußte, nun kommen mußte, in diesem
Augenblick, an diesem furchtbaren Höhepunkt, da die lechzende Drangsal
zur Unerträglichkeit geworden war … Und es kam, es war nicht mehr
hintanzuhalten, die Krämpfe der Sehnsucht hätten nicht mehr verlängert
werden können, es kam, gleichwie wenn ein Vorhang zerrisse, Tore
aufsprängen, Dornenhecken sich erschlossen, Flammenmauern in sich
zusammensänken … Die Lösung, die Auflösung, die Erfüllung, die
vollkommene Befriedigung brach herein, und mit entzücktem Aufjauchzen
entwirrte sich alles zu einem Wohlklang, der in süßem und sehnsüchtigem
Ritardando sogleich in einen anderen hinübersank … es war das Motiv, das
erste Motiv, was erklang! Und was nun begann, war ein Fest, ein Triumph,
eine zügellose Orgie ebendieser Figur, die in allen Klangschattierungen
prahlte, sich durch alle Oktaven ergoß, aufweinte, im Tremolando
verzitterte, sang, jubelte, schluchzte, angetan mit allem brausenden,
klingelnden, perlenden, schäumenden Prunk der orchestralen Ausstattung
sieghaft daherkam … Es lag etwas Brutales und Stumpfsinniges und
zugleich etwas asketisch Religiöses, etwas wie Glaube und Selbstaufgabe in
dem fanatischen Kultus dieses Nichts, dieses Stücks Melodie, dieser
kurzen, kindischen, harmonischen Erfindung von anderthalb Takten …
etwas Lasterhaftes in der Maßlosigkeit und Unersättlichkeit, mit der sie
genossen und ausgebeutet wurde, und etwas zynisch Verzweifeltes, etwas
wie Wille zu Wonne und Untergang in der Gier, mit der die letzte Süßigkeit
aus ihr gesogen wurde, bis zur Erschöpfung, bis zum Ekel und Überdruß,
bis endlich, endlich in Ermattung nach allen Ausschweifungen ein langes,
leises Arpeggio in Moll hinrieselte, um einen Ton emporstieg, sich in Dur
auflöste und mit einem wehmütigen Zögern erstarb.
Hanno saß noch einen Augenblick still, das Kinn auf der Brust, die
Hände im Schoß. Dann stand er auf und schloß den Flügel. Er war sehr
blaß, in seinen Knien war gar keine Kraft, und seine Augen brannten. Er
ging ins Nebenzimmer, streckte sich auf der Chaiselongue aus und blieb so
lange Zeit, ohne ein Glied zu rühren.
Später wurde zu Abend gegessen, worauf er mit seiner Mutter eine
Partie Schach spielte, bei der niemand gewann. Aber nach Mitternacht noch
saß er in seinem Zimmer bei einer Kerze vor dem Harmonium und spielte,
weil nichts mehr erklingen durfte, in Gedanken, obgleich er gewillt war,
Page 704
morgen um halb sechs Uhr aufzustehen, um die wichtigsten Schularbeiten
anzufertigen.
Dies war ein Tag aus dem Leben des kleinen Johann.
anzufertigen.
Dies war ein Tag aus dem Leben des kleinen Johann.
Page 705
Drittes Kapitel
Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt.
Der Mensch fühlt eine seelische Mißstimmung in sich entstehen, die
sich rasch vertieft und zu einer hinfälligen Verzweiflung wird. Zu gleicher
Zeit bemächtigt sich seiner eine physische Mattigkeit, die sich nicht allein
auf Muskeln und Sehnen, sondern auch auf die Funktionen aller inneren
Organe erstreckt, und nicht zuletzt auf die des Magens, der die Aufnahme
von Speise mit Widerwillen verweigert. Es besteht ein starkes
Schlafbedürfnis, allein trotz äußerster Müdigkeit ist der Schlaf unruhig,
oberflächlich, beängstigt und unerquicklich. Das Gehirn schmerzt; es ist
dumpf, befangen, wie von Nebeln umhüllt, und von Schwindel durchzogen.
Ein unbestimmter Schmerz sitzt in allen Gliedern. Hie und da fließt ohne
jedwede besondere Veranlassung Blut aus der Nase. – Dies ist die
Introduktion.
Dann gibt ein heftiger Frostanfall, der den ganzen Körper durchrüttelt
und die Zähne gegeneinander wirbelt, das Zeichen zum Einsatze des
Fiebers, das sofort die höchsten Grade erreicht. Auf der Haut der Brust und
des Bauches werden nun einzelne linsengroße, rote Flecken sichtbar, die
durch den Druck eines Fingers entfernt werden können, aber sofort
zurückkehren. Der Puls rast; er hat bis zu hundert Schläge in einer Minute.
So vergeht, bei einer Körpertemperatur von vierzig Grad, die erste Woche.
In der zweiten Woche ist der Mensch von Kopf- und Gliederschmerzen
befreit; dafür aber ist der Schwindel bedeutend heftiger geworden, und in
den Ohren ist ein solches Sausen und Brausen, daß es geradezu
Schwerhörigkeit hervorruft. Der Ausdruck des Gesichtes wird dumm. Der
Mund fängt an, offen zu stehen, die Augen sind verschleiert und ohne
Teilnahme. Das Bewußtsein ist verdunkelt; Schlafsucht beherrscht den
Kranken, und oft versinkt er, ohne wirklich zu schlafen, in eine bleierne
Betäubung. Dazwischen erfüllen seine Irreden, seine lauten, erregten
Phantasien das Zimmer. Seine schlaffe Hilflosigkeit hat sich bis zum
Unreinlichen und Widerwärtigen gesteigert. Auch sind sein Zahnfleisch,
seine Zähne und seine Zunge mit einer schwärzlichen Masse bedeckt, die
Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt.
Der Mensch fühlt eine seelische Mißstimmung in sich entstehen, die
sich rasch vertieft und zu einer hinfälligen Verzweiflung wird. Zu gleicher
Zeit bemächtigt sich seiner eine physische Mattigkeit, die sich nicht allein
auf Muskeln und Sehnen, sondern auch auf die Funktionen aller inneren
Organe erstreckt, und nicht zuletzt auf die des Magens, der die Aufnahme
von Speise mit Widerwillen verweigert. Es besteht ein starkes
Schlafbedürfnis, allein trotz äußerster Müdigkeit ist der Schlaf unruhig,
oberflächlich, beängstigt und unerquicklich. Das Gehirn schmerzt; es ist
dumpf, befangen, wie von Nebeln umhüllt, und von Schwindel durchzogen.
Ein unbestimmter Schmerz sitzt in allen Gliedern. Hie und da fließt ohne
jedwede besondere Veranlassung Blut aus der Nase. – Dies ist die
Introduktion.
Dann gibt ein heftiger Frostanfall, der den ganzen Körper durchrüttelt
und die Zähne gegeneinander wirbelt, das Zeichen zum Einsatze des
Fiebers, das sofort die höchsten Grade erreicht. Auf der Haut der Brust und
des Bauches werden nun einzelne linsengroße, rote Flecken sichtbar, die
durch den Druck eines Fingers entfernt werden können, aber sofort
zurückkehren. Der Puls rast; er hat bis zu hundert Schläge in einer Minute.
So vergeht, bei einer Körpertemperatur von vierzig Grad, die erste Woche.
In der zweiten Woche ist der Mensch von Kopf- und Gliederschmerzen
befreit; dafür aber ist der Schwindel bedeutend heftiger geworden, und in
den Ohren ist ein solches Sausen und Brausen, daß es geradezu
Schwerhörigkeit hervorruft. Der Ausdruck des Gesichtes wird dumm. Der
Mund fängt an, offen zu stehen, die Augen sind verschleiert und ohne
Teilnahme. Das Bewußtsein ist verdunkelt; Schlafsucht beherrscht den
Kranken, und oft versinkt er, ohne wirklich zu schlafen, in eine bleierne
Betäubung. Dazwischen erfüllen seine Irreden, seine lauten, erregten
Phantasien das Zimmer. Seine schlaffe Hilflosigkeit hat sich bis zum
Unreinlichen und Widerwärtigen gesteigert. Auch sind sein Zahnfleisch,
seine Zähne und seine Zunge mit einer schwärzlichen Masse bedeckt, die
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den Atem verpestet. Mit aufgetriebenem Unterleibe liegt er regungslos auf
dem Rücken. Er ist im Bette hinabgesunken und seine Knie sind gespreizt.
Alles an ihm arbeitet hastig, jagend und oberflächlich, seine Atmung
sowohl wie der Puls, der an hundertundzwanzig flüchtig zuckende Schläge
in einer Minute vollführt. Die Augenlider sind halb geschlossen, und die
Wangen glühen nicht mehr wie zu Anfang rot vor Fieberhitze, sondern
haben eine bläuliche Färbung angenommen. Die linsengroßen, roten Flecke
auf der Brust und dem Bauche haben sich vermehrt. Die Temperatur des
Körpers erreicht einundvierzig Grad …
In der dritten Woche ist die Schwäche auf ihrem Gipfel. Die lauten
Delirien sind verstummt, und niemand kann sagen, ob der Geist des
Kranken in leere Nacht versunken ist, oder ob er, fremd und abgewandt
dem Zustande des Leibes, in fernen, tiefen, stillen Träumen weilt, von
denen kein Laut und kein Zeichen Kunde gibt. Der Körper liegt in
grenzenloser Unempfindlichkeit. – Dies ist der Zeitpunkt der
Entscheidung …
Bei gewissen Individuen wird die Diagnose durch besondere Umstände
erschwert. Gesetzt zum Beispiel, daß die Anfangssymptome der Krankheit,
Verstimmung, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhiger Schlaf,
Kopfschmerzen, schon meistens vorhanden waren, als der Patient noch, die
Hoffnung der Seinen, in völliger Gesundheit umherging? Daß sie sich, auch
bei plötzlich verstärktem Auftreten, kaum als etwas Außergewöhnliches
bemerkbar machen? – Ein tüchtiger Arzt von soliden Kenntnissen, wie, um
einen Namen zu nennen, Doktor Langhals, der hübsche Doktor Langhals,
mit den kleinen, schwarzbehaarten Händen, wird gleichwohl bald in der
Lage sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu nennen, und das
Erscheinen der fatalen roten Flecke auf der Brust und dem Bauche gibt ja
völlige Gewißheit. Er wird über die Maßregeln, die zu treffen, die Mittel,
die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird für ein möglichst großes, oft
gelüftetes Krankenzimmer sorgen, dessen Temperatur siebenzehn Grad
nicht übersteigen darf. Er wird auf äußerste Sauberkeit dringen und auch
durch immer erneutes Ordnen des Bettes den Körper, solange dies irgend
möglich, – in gewissen Fällen ist es nicht lange möglich – vor dem
»Wundliegen« zu schützen suchen. Er wird eine beständige Reinigung der
Mundhöhle mit nassen Leinwandläppchen veranlassen, wird, was die
Arzneien betrifft, sich einer Mischung von Jod und Jodkalium bedienen,
dem Rücken. Er ist im Bette hinabgesunken und seine Knie sind gespreizt.
Alles an ihm arbeitet hastig, jagend und oberflächlich, seine Atmung
sowohl wie der Puls, der an hundertundzwanzig flüchtig zuckende Schläge
in einer Minute vollführt. Die Augenlider sind halb geschlossen, und die
Wangen glühen nicht mehr wie zu Anfang rot vor Fieberhitze, sondern
haben eine bläuliche Färbung angenommen. Die linsengroßen, roten Flecke
auf der Brust und dem Bauche haben sich vermehrt. Die Temperatur des
Körpers erreicht einundvierzig Grad …
In der dritten Woche ist die Schwäche auf ihrem Gipfel. Die lauten
Delirien sind verstummt, und niemand kann sagen, ob der Geist des
Kranken in leere Nacht versunken ist, oder ob er, fremd und abgewandt
dem Zustande des Leibes, in fernen, tiefen, stillen Träumen weilt, von
denen kein Laut und kein Zeichen Kunde gibt. Der Körper liegt in
grenzenloser Unempfindlichkeit. – Dies ist der Zeitpunkt der
Entscheidung …
Bei gewissen Individuen wird die Diagnose durch besondere Umstände
erschwert. Gesetzt zum Beispiel, daß die Anfangssymptome der Krankheit,
Verstimmung, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, unruhiger Schlaf,
Kopfschmerzen, schon meistens vorhanden waren, als der Patient noch, die
Hoffnung der Seinen, in völliger Gesundheit umherging? Daß sie sich, auch
bei plötzlich verstärktem Auftreten, kaum als etwas Außergewöhnliches
bemerkbar machen? – Ein tüchtiger Arzt von soliden Kenntnissen, wie, um
einen Namen zu nennen, Doktor Langhals, der hübsche Doktor Langhals,
mit den kleinen, schwarzbehaarten Händen, wird gleichwohl bald in der
Lage sein, die Sache bei ihrem richtigen Namen zu nennen, und das
Erscheinen der fatalen roten Flecke auf der Brust und dem Bauche gibt ja
völlige Gewißheit. Er wird über die Maßregeln, die zu treffen, die Mittel,
die anzuwenden, nicht in Zweifel sein. Er wird für ein möglichst großes, oft
gelüftetes Krankenzimmer sorgen, dessen Temperatur siebenzehn Grad
nicht übersteigen darf. Er wird auf äußerste Sauberkeit dringen und auch
durch immer erneutes Ordnen des Bettes den Körper, solange dies irgend
möglich, – in gewissen Fällen ist es nicht lange möglich – vor dem
»Wundliegen« zu schützen suchen. Er wird eine beständige Reinigung der
Mundhöhle mit nassen Leinwandläppchen veranlassen, wird, was die
Arzneien betrifft, sich einer Mischung von Jod und Jodkalium bedienen,
Page 707
Chinin und Antipyrin verschreiben und, vor allem, da der Magen und die
Gedärme schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, eine äußerst leichte und
äußerst kräftigende Diät verordnen. Er wird das zehrende Fieber durch
Bäder bekämpfen, durch Vollbäder, in die der Kranke oft, jede dritte
Stunde, ohne Unterlaß, bei Tag und Nacht hineinzutragen ist, und die vom
Fußende der Wanne aus langsam zu erkälten sind. Und nach einem jeden
Bade wird er rasch etwas Stärkendes und Anregendes, Kognak, auch
Champagner verabreichen …
Alle diese Mittel aber gebraucht er durchaus aufs Geratewohl, für den
Fall gleichsam nur, daß sie überhaupt von irgendeiner Wirkung sein
können, unwissend darüber, ob ihre Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes
und Zweckes entbehrt. Denn e i n e s weiß er nicht, was e i n e Frage betrifft,
so tappt er im Dunkel, über ein Entweder-Oder schwebt er bis zur dritten
Woche, bis zur Krisis und Entscheidung in völliger Unentschiedenheit. Er
weiß nicht, ob die Krankheit, die er »Typhus« nennt, in diesem Falle ein im
Grunde belangloses Unglück bedeutet, die unangenehme Folge einer
Infektion, die sich vielleicht hätte vermeiden lassen, und der mit den
Mitteln der Wissenschaft entgegenzuwirken ist – oder ob sie ganz einfach
eine Form der Auflösung ist, das Gewand des Todes selbst, der ebensogut in
einer anderen Maske erscheinen könnte, und gegen den kein Kraut
gewachsen ist.
Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: In die fernen
Fieberträume, in die glühende Verlorenheit des Kranken wird das Leben
hineingerufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch
wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heißen Wege erreichen, auf
dem er vorwärts wandelt, und der in den Schatten, die Kühle, den Frieden
führt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig
höhnische Mahnung zur Umkehr und Rückkehr vernehmen, die aus jener
Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurückgelassen und schon vergessen
hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefühl der feigen
Pflichtversäumnis, der Scham, der erneuten Energie, des Mutes und der
Freude, der Liebe und Zugehörigkeit zu dem spöttischen, bunten und
brutalen Getriebe, das er im Rücken gelassen: wie weit er auch auf dem
fremden, heißen Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben.
Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneigung bei der Stimme des
Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erinnerung, dieser lustige,
Gedärme schwer in Mitleidenschaft gezogen sind, eine äußerst leichte und
äußerst kräftigende Diät verordnen. Er wird das zehrende Fieber durch
Bäder bekämpfen, durch Vollbäder, in die der Kranke oft, jede dritte
Stunde, ohne Unterlaß, bei Tag und Nacht hineinzutragen ist, und die vom
Fußende der Wanne aus langsam zu erkälten sind. Und nach einem jeden
Bade wird er rasch etwas Stärkendes und Anregendes, Kognak, auch
Champagner verabreichen …
Alle diese Mittel aber gebraucht er durchaus aufs Geratewohl, für den
Fall gleichsam nur, daß sie überhaupt von irgendeiner Wirkung sein
können, unwissend darüber, ob ihre Anwendung nicht jedes Wertes, Sinnes
und Zweckes entbehrt. Denn e i n e s weiß er nicht, was e i n e Frage betrifft,
so tappt er im Dunkel, über ein Entweder-Oder schwebt er bis zur dritten
Woche, bis zur Krisis und Entscheidung in völliger Unentschiedenheit. Er
weiß nicht, ob die Krankheit, die er »Typhus« nennt, in diesem Falle ein im
Grunde belangloses Unglück bedeutet, die unangenehme Folge einer
Infektion, die sich vielleicht hätte vermeiden lassen, und der mit den
Mitteln der Wissenschaft entgegenzuwirken ist – oder ob sie ganz einfach
eine Form der Auflösung ist, das Gewand des Todes selbst, der ebensogut in
einer anderen Maske erscheinen könnte, und gegen den kein Kraut
gewachsen ist.
Mit dem Typhus ist es folgendermaßen bestellt: In die fernen
Fieberträume, in die glühende Verlorenheit des Kranken wird das Leben
hineingerufen mit unverkennbarer, ermunternder Stimme. Hart und frisch
wird diese Stimme den Geist auf dem fremden, heißen Wege erreichen, auf
dem er vorwärts wandelt, und der in den Schatten, die Kühle, den Frieden
führt. Aufhorchend wird der Mensch diese helle, muntere, ein wenig
höhnische Mahnung zur Umkehr und Rückkehr vernehmen, die aus jener
Gegend zu ihm dringt, die er so weit zurückgelassen und schon vergessen
hatte. Wallt es dann auf in ihm, wie ein Gefühl der feigen
Pflichtversäumnis, der Scham, der erneuten Energie, des Mutes und der
Freude, der Liebe und Zugehörigkeit zu dem spöttischen, bunten und
brutalen Getriebe, das er im Rücken gelassen: wie weit er auch auf dem
fremden, heißen Pfade fortgeirrt sein mag, er wird umkehren und leben.
Aber zuckt er zusammen vor Furcht und Abneigung bei der Stimme des
Lebens, die er vernimmt, bewirkt diese Erinnerung, dieser lustige,
Page 708
herausfordernde Laut, daß er den Kopf schüttelt und in Abwehr die Hand
hinter sich streckt und sich vorwärts flüchtet auf dem Wege, der sich ihm
zum Entrinnen eröffnet hat … nein, es ist klar, dann wird er sterben. –
Vi e r t e s K a p i t e l
»Es ist nicht recht, es ist nicht recht, Gerda!« sagte das alte Fräulein
Weichbrodt wohl zum hundertsten Male bekümmert und vorwurfsvoll. Sie
nahm heute abend im Wohnzimmer ihrer ehemaligen Schülerin einen
Sofaplatz in dem Kreise ein, der von Gerda Buddenbrook, Frau
Permaneder, ihrer Tochter Erika, der armen Klothilde und den drei Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße um den runden Mitteltisch gebildet
ward. Die grünen Bänder ihrer Haube fielen auf ihre Kinderschultern hinab,
von denen sie die eine ganz hoch emporziehen mußte, um den Oberarm auf
der Tischplatte gestikulieren lassen zu können; so winzig war sie mit ihren
fünfundsiebenzig Jahren geworden.
»Es ist nicht recht, laß dir sagen, daß es nicht wohlgetan ist, Gerda!«
wiederholte sie mit eifernder und zitternder Stimme. »Ich stehe mit einem
Fuße im Grabe, mir bleibt nur eine kurze Frist, und du willst mich … Du
willst uns verlassen, willst dich auf immer von uns trennen … fortziehen …
Wenn es eine Reise, einen Besuch in Amsterdam gälte … allein auf
immer!« Und sie schüttelte ihren alten Vogelkopf mit den braunen,
gescheuten, betrübten Augen. »Es ist wahr, daß du vieles verloren hast …«
»Nein, sie hat alles verloren«, sagte Frau Permaneder. »Wir dürfen nicht
egoistisch sein, Therese. Gerda will gehen und sie geht, da ist nichts zu tun.
Sie ist mit Thomas gekommen, vor einundzwanzig Jahren, und wir haben
sie alle geliebt, obgleich wir ihr wohl immer widerwärtig waren … ja, das
waren wir, Gerda, keine Widerrede! Aber Thomas ist nicht mehr, und …
niemand ist mehr. Was sind wir ihr? Nichts. Uns tut es weh, aber reise mit
Gott, Gerda, und Dank, daß du nicht schon früher reistest, damals, als
Thomas starb …«
Es war nach dem Abendbrot, im Herbst; der kleine Johann (Justus,
Johann, Kaspar) lag ungefähr seit sechs Monaten, mit den Segnungen
Pastor Pringsheims wohl versehen, dort draußen am Rande des Gehölzes
hinter sich streckt und sich vorwärts flüchtet auf dem Wege, der sich ihm
zum Entrinnen eröffnet hat … nein, es ist klar, dann wird er sterben. –
Vi e r t e s K a p i t e l
»Es ist nicht recht, es ist nicht recht, Gerda!« sagte das alte Fräulein
Weichbrodt wohl zum hundertsten Male bekümmert und vorwurfsvoll. Sie
nahm heute abend im Wohnzimmer ihrer ehemaligen Schülerin einen
Sofaplatz in dem Kreise ein, der von Gerda Buddenbrook, Frau
Permaneder, ihrer Tochter Erika, der armen Klothilde und den drei Damen
Buddenbrook aus der Breiten Straße um den runden Mitteltisch gebildet
ward. Die grünen Bänder ihrer Haube fielen auf ihre Kinderschultern hinab,
von denen sie die eine ganz hoch emporziehen mußte, um den Oberarm auf
der Tischplatte gestikulieren lassen zu können; so winzig war sie mit ihren
fünfundsiebenzig Jahren geworden.
»Es ist nicht recht, laß dir sagen, daß es nicht wohlgetan ist, Gerda!«
wiederholte sie mit eifernder und zitternder Stimme. »Ich stehe mit einem
Fuße im Grabe, mir bleibt nur eine kurze Frist, und du willst mich … Du
willst uns verlassen, willst dich auf immer von uns trennen … fortziehen …
Wenn es eine Reise, einen Besuch in Amsterdam gälte … allein auf
immer!« Und sie schüttelte ihren alten Vogelkopf mit den braunen,
gescheuten, betrübten Augen. »Es ist wahr, daß du vieles verloren hast …«
»Nein, sie hat alles verloren«, sagte Frau Permaneder. »Wir dürfen nicht
egoistisch sein, Therese. Gerda will gehen und sie geht, da ist nichts zu tun.
Sie ist mit Thomas gekommen, vor einundzwanzig Jahren, und wir haben
sie alle geliebt, obgleich wir ihr wohl immer widerwärtig waren … ja, das
waren wir, Gerda, keine Widerrede! Aber Thomas ist nicht mehr, und …
niemand ist mehr. Was sind wir ihr? Nichts. Uns tut es weh, aber reise mit
Gott, Gerda, und Dank, daß du nicht schon früher reistest, damals, als
Thomas starb …«
Es war nach dem Abendbrot, im Herbst; der kleine Johann (Justus,
Johann, Kaspar) lag ungefähr seit sechs Monaten, mit den Segnungen
Pastor Pringsheims wohl versehen, dort draußen am Rande des Gehölzes
Page 709
unter dem Sandsteinkreuz und dem Familienwappen. Vorm Hause rauschte
der Regen in den halbentblätterten Bäumen der Allee. Manchmal kamen
Windstöße und trieben ihn gegen die Fensterscheiben. Alle acht Damen
waren schwarz gekleidet.
Es war eine kleine Familienzusammenkunft, um Abschied zu nehmen,
Abschied von Gerda Buddenbrook, die im Begriff stand, die Stadt zu
verlassen und nach Amsterdam zurückzukehren, um wie ehemals mit ihrem
alten Vater Duos zu spielen. Keine Verpflichtung hielt sie mehr zurück.
Frau Permaneder hatte diesem Entschlusse nichts mehr entgegenzuhalten.
Sie ergab sich darein, aber in ihrem Inneren war sie tief unglücklich
darüber. Wäre die Witwe des Senators in der Stadt verblieben, hätte sie sich
Platz und Rang in der Gesellschaft gewahrt und ihr Vermögen am Platze
gelassen, so wäre dem Namen der Familie doch ein wenig Prestige erhalten
geblieben … Mochte dem nun wie immer sein, Frau Antonie war gewillt,
den Kopf hoch zu tragen, solange sie über der Erde weilte und Menschen
auf sie blickten. Ihr Großvater war vierspännig über Land gefahren …
Trotz des bewegten Lebens, das hinter ihr lag, und trotz der Schwäche
ihres Magens sah man ihr ihre fünfzig Jahre nicht an. Ihr Teint war ein
wenig flaumig und matt geworden, und auf ihrer Oberlippe – der hübschen
Oberlippe Tony Buddenbrooks – wuchsen die Härchen reichlicher; aber in
dem glatten Scheitel unter dem Trauerhäubchen war nicht ein einziger
weißer Faden zu sehen.
Ihre Kusine, die arme Klothilde, nahm Gerdas Abreise, wie man alle
Dinge im Diesseits zu nehmen hat, gleichmütig und sanft. Sie hatte vorhin
beim Abendessen still und gewaltig zugelangt und saß nun da, aschgrau und
mager wie stets, mit gedehnten und freundlichen Worten.
Erika Weinschenk, nun einunddreißigjährig, war ebenfalls nicht die
Frau, sich über den Abschied von ihrer Tante zu erregen. Sie hatte
Schwereres erlebt und sich frühzeitig ein resigniertes Wesen zu eigen
gemacht. In ihren müde blickenden, wasserblauen Augen – den Augen
Herrn Grünlichs – las man Ergebenheit in ein fehlgeschlagenes Leben, und
aus ihrer gelassenen und manchmal ein wenig klagenden Stimme klang
dasselbe.
der Regen in den halbentblätterten Bäumen der Allee. Manchmal kamen
Windstöße und trieben ihn gegen die Fensterscheiben. Alle acht Damen
waren schwarz gekleidet.
Es war eine kleine Familienzusammenkunft, um Abschied zu nehmen,
Abschied von Gerda Buddenbrook, die im Begriff stand, die Stadt zu
verlassen und nach Amsterdam zurückzukehren, um wie ehemals mit ihrem
alten Vater Duos zu spielen. Keine Verpflichtung hielt sie mehr zurück.
Frau Permaneder hatte diesem Entschlusse nichts mehr entgegenzuhalten.
Sie ergab sich darein, aber in ihrem Inneren war sie tief unglücklich
darüber. Wäre die Witwe des Senators in der Stadt verblieben, hätte sie sich
Platz und Rang in der Gesellschaft gewahrt und ihr Vermögen am Platze
gelassen, so wäre dem Namen der Familie doch ein wenig Prestige erhalten
geblieben … Mochte dem nun wie immer sein, Frau Antonie war gewillt,
den Kopf hoch zu tragen, solange sie über der Erde weilte und Menschen
auf sie blickten. Ihr Großvater war vierspännig über Land gefahren …
Trotz des bewegten Lebens, das hinter ihr lag, und trotz der Schwäche
ihres Magens sah man ihr ihre fünfzig Jahre nicht an. Ihr Teint war ein
wenig flaumig und matt geworden, und auf ihrer Oberlippe – der hübschen
Oberlippe Tony Buddenbrooks – wuchsen die Härchen reichlicher; aber in
dem glatten Scheitel unter dem Trauerhäubchen war nicht ein einziger
weißer Faden zu sehen.
Ihre Kusine, die arme Klothilde, nahm Gerdas Abreise, wie man alle
Dinge im Diesseits zu nehmen hat, gleichmütig und sanft. Sie hatte vorhin
beim Abendessen still und gewaltig zugelangt und saß nun da, aschgrau und
mager wie stets, mit gedehnten und freundlichen Worten.
Erika Weinschenk, nun einunddreißigjährig, war ebenfalls nicht die
Frau, sich über den Abschied von ihrer Tante zu erregen. Sie hatte
Schwereres erlebt und sich frühzeitig ein resigniertes Wesen zu eigen
gemacht. In ihren müde blickenden, wasserblauen Augen – den Augen
Herrn Grünlichs – las man Ergebenheit in ein fehlgeschlagenes Leben, und
aus ihrer gelassenen und manchmal ein wenig klagenden Stimme klang
dasselbe.
Page 710
Was die drei Damen Buddenbrook, die Töchter Onkel Gottholds, betraf,
so waren ihre Mienen pikiert und voll Kritik, wie gewöhnlich. Friederike
und Henriette, die älteren, waren mit den Jahren immer hagerer und
spitziger geworden, während Pfiffi, die dreiundfünfzigjährige jüngste, allzu
klein und beleibt erschien …
Auch die alte Konsulin Kröger, die Witwe Onkel Justus', war geladen
worden; aber sie war unpäßlich und hatte vielleicht auch kein präsentables
Kleid anzuziehen; das war nicht zu entscheiden.
Es war von Gerdas Reise die Rede, von dem Zuge, mit dem sie zu
fahren gedachte, und dem Verkaufe der Villa samt den Möbeln, den der
Makler Gosch übernommen hatte. Denn Gerda nahm nichts mit und ging
fort wie sie gekommen war.
Dann kam Frau Permaneder auf das Leben zu sprechen, nahm es von
seiner wichtigsten Seite und stellte Betrachtungen an über Vergangenheit
und Zukunft, obgleich über die Zukunft fast gar nichts zu sagen war.
»Ja, wenn ich tot bin, kann Erika meinetwegen auch davonziehen«,
sagte sie, »aber ich halte es sonst nirgends aus, und solange ich am Leben
bin, wollen wir hier zusammenhalten, wir paar Leute, die wir übrigbleiben
… Einmal in der Woche kommt ihr zu mir zum Essen … Und dann lesen
wir in den Familienpapieren –« Sie berührte die Mappe, die vor ihr lag. »Ja,
Gerda, ich übernehme sie mit Dank. – Das ist abgemacht … Hörst du
Thilda?… Obgleich nun eigentlich ebensogut du es sein könntest, die uns
einlüde, denn im Grunde stehst du dich ja gar nicht mehr schlechter als wir.
Ja, so geht es. Man müht sich und nimmt Anläufe und kämpft … und du
hast dagesessen und geduldig alles abgewartet. Aber darum bist du doch ein
Kamel, Thilda, das nimm mir nicht übel …«
»Oh, Tony?« sagte Klothilde lächelnd.
»Es tut mir leid, daß ich mich von Christian nicht verabschieden kann«,
sagte Gerda, und so kam die Rede auf Christian. Es war wenig Aussicht
vorhanden, daß er je aus der Anstalt, in der er saß, wieder hervorgehen
würde, obgleich es wohl nicht so schlimm mit ihm stand, daß er nicht hätte
in Freiheit umhergehen können. Aber seiner Gattin war der gegenwärtige
Zustand allzu angenehm, sie war, wie Frau Permaneder behauptete, mit dem
so waren ihre Mienen pikiert und voll Kritik, wie gewöhnlich. Friederike
und Henriette, die älteren, waren mit den Jahren immer hagerer und
spitziger geworden, während Pfiffi, die dreiundfünfzigjährige jüngste, allzu
klein und beleibt erschien …
Auch die alte Konsulin Kröger, die Witwe Onkel Justus', war geladen
worden; aber sie war unpäßlich und hatte vielleicht auch kein präsentables
Kleid anzuziehen; das war nicht zu entscheiden.
Es war von Gerdas Reise die Rede, von dem Zuge, mit dem sie zu
fahren gedachte, und dem Verkaufe der Villa samt den Möbeln, den der
Makler Gosch übernommen hatte. Denn Gerda nahm nichts mit und ging
fort wie sie gekommen war.
Dann kam Frau Permaneder auf das Leben zu sprechen, nahm es von
seiner wichtigsten Seite und stellte Betrachtungen an über Vergangenheit
und Zukunft, obgleich über die Zukunft fast gar nichts zu sagen war.
»Ja, wenn ich tot bin, kann Erika meinetwegen auch davonziehen«,
sagte sie, »aber ich halte es sonst nirgends aus, und solange ich am Leben
bin, wollen wir hier zusammenhalten, wir paar Leute, die wir übrigbleiben
… Einmal in der Woche kommt ihr zu mir zum Essen … Und dann lesen
wir in den Familienpapieren –« Sie berührte die Mappe, die vor ihr lag. »Ja,
Gerda, ich übernehme sie mit Dank. – Das ist abgemacht … Hörst du
Thilda?… Obgleich nun eigentlich ebensogut du es sein könntest, die uns
einlüde, denn im Grunde stehst du dich ja gar nicht mehr schlechter als wir.
Ja, so geht es. Man müht sich und nimmt Anläufe und kämpft … und du
hast dagesessen und geduldig alles abgewartet. Aber darum bist du doch ein
Kamel, Thilda, das nimm mir nicht übel …«
»Oh, Tony?« sagte Klothilde lächelnd.
»Es tut mir leid, daß ich mich von Christian nicht verabschieden kann«,
sagte Gerda, und so kam die Rede auf Christian. Es war wenig Aussicht
vorhanden, daß er je aus der Anstalt, in der er saß, wieder hervorgehen
würde, obgleich es wohl nicht so schlimm mit ihm stand, daß er nicht hätte
in Freiheit umhergehen können. Aber seiner Gattin war der gegenwärtige
Zustand allzu angenehm, sie war, wie Frau Permaneder behauptete, mit dem
Page 711
Arzte im Bunde, und voraussichtlich würde Christian seine Tage in der
Anstalt beschließen.
Dann entstand eine Pause. Leise und zögernd wandte das Gespräch sich
den jüngst vergangenen Ereignissen zu, und als der Name des kleinen
Johann gefallen war, ward es wieder stumm in der Stube, und nur den
Regen vorm Hause hörte man stärker rauschen.
Es lag wie ein schweres Geheimnis über Hannos letzter Krankheit, die
in außerordentlich schrecklicher Weise vor sich gegangen sein mußte. Man
blickte sich nicht an, während man, gedämpften Tones, in Andeutungen und
halben Worten davon sprach. Und dann rief man sich jene letzte Episode ins
Gedächtnis zurück … den Besuch dieses kleinen, abgerissenen Grafen, der
sich beinahe mit Gewalt den Weg zum Krankenzimmer gebahnt hatte …
Hanno hatte gelächelt, als er seine Stimme vernahm, obgleich er sonst
niemanden mehr erkannte, und Kai hatte ihm unaufhörlich beide Hände
geküßt.
»Er hat ihm die Hände geküßt?« fragten die Damen Buddenbrook.
»Ja, viele Male.«
Hierüber dachten alle eine Weile nach.
Plötzlich brach Frau Permaneder in Tränen aus.
»Ich habe ihn so geliebt«, schluchzte sie … »Ihr wißt nicht, wie sehr ich
ihn geliebt habe … mehr als ihr alle … ja, verzeih Gerda, du bist die Mutter
… Ach, er war ein Engel …«
»Nun ist er ein Engel«, verbesserte Sesemi.
»Hanno, kleiner Hanno«, fuhr Frau Permaneder fort, und die Tränen
flossen über die flaumige, matte Haut ihrer Wangen … »Tom, Vater,
Großvater und die anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht mehr.
Ach, es ist so hart und traurig!«
»Es gibt ein Wiedersehen«, sagte Friederike Buddenbrook, wobei sie
die Hände fest im Schoße zusammenlegte, die Augen niederschlug und mit
ihrer Nase in die Luft stach.
Anstalt beschließen.
Dann entstand eine Pause. Leise und zögernd wandte das Gespräch sich
den jüngst vergangenen Ereignissen zu, und als der Name des kleinen
Johann gefallen war, ward es wieder stumm in der Stube, und nur den
Regen vorm Hause hörte man stärker rauschen.
Es lag wie ein schweres Geheimnis über Hannos letzter Krankheit, die
in außerordentlich schrecklicher Weise vor sich gegangen sein mußte. Man
blickte sich nicht an, während man, gedämpften Tones, in Andeutungen und
halben Worten davon sprach. Und dann rief man sich jene letzte Episode ins
Gedächtnis zurück … den Besuch dieses kleinen, abgerissenen Grafen, der
sich beinahe mit Gewalt den Weg zum Krankenzimmer gebahnt hatte …
Hanno hatte gelächelt, als er seine Stimme vernahm, obgleich er sonst
niemanden mehr erkannte, und Kai hatte ihm unaufhörlich beide Hände
geküßt.
»Er hat ihm die Hände geküßt?« fragten die Damen Buddenbrook.
»Ja, viele Male.«
Hierüber dachten alle eine Weile nach.
Plötzlich brach Frau Permaneder in Tränen aus.
»Ich habe ihn so geliebt«, schluchzte sie … »Ihr wißt nicht, wie sehr ich
ihn geliebt habe … mehr als ihr alle … ja, verzeih Gerda, du bist die Mutter
… Ach, er war ein Engel …«
»Nun ist er ein Engel«, verbesserte Sesemi.
»Hanno, kleiner Hanno«, fuhr Frau Permaneder fort, und die Tränen
flossen über die flaumige, matte Haut ihrer Wangen … »Tom, Vater,
Großvater und die anderen alle! Wo sind sie hin? Man sieht sie nicht mehr.
Ach, es ist so hart und traurig!«
»Es gibt ein Wiedersehen«, sagte Friederike Buddenbrook, wobei sie
die Hände fest im Schoße zusammenlegte, die Augen niederschlug und mit
ihrer Nase in die Luft stach.
Page 712
»Ja, so sagt man … Ach, es gibt Stunden, Friederike, wo es kein Trost
ist, Gott strafe mich, wo man irre wird an der Gerechtigkeit, an der Güte …
an allem. Das Leben, wißt ihr, zerbricht so manches in uns, es läßt so
manchen Glauben zuschanden werden … Ein Wiedersehen … Wenn es so
wäre …«
Da aber kam Sesemi Weichbrodt am Tische in die Höhe, so hoch sie nur
irgend konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals, pochte
auf die Platte, und die Haube zitterte auf ihrem Kopfe.
»E s i s t s o!« sagte sie mit ihrer ganzen Kraft und blickte alle
herausfordernd an.
Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der
Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer
Lehrerinnenvernunft geführt hatte, bucklig, winzig und bebend vor
Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin.
Ende
Dieses Werk ist eine Veröffentlichung der
Deutschen Buch-Gemeinschaft
Wien Berlin SW 68 New York
Alte Jakobstraße 156/157
ist, Gott strafe mich, wo man irre wird an der Gerechtigkeit, an der Güte …
an allem. Das Leben, wißt ihr, zerbricht so manches in uns, es läßt so
manchen Glauben zuschanden werden … Ein Wiedersehen … Wenn es so
wäre …«
Da aber kam Sesemi Weichbrodt am Tische in die Höhe, so hoch sie nur
irgend konnte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, reckte den Hals, pochte
auf die Platte, und die Haube zitterte auf ihrem Kopfe.
»E s i s t s o!« sagte sie mit ihrer ganzen Kraft und blickte alle
herausfordernd an.
Sie stand da, eine Siegerin in dem guten Streite, den sie während der
Zeit ihres Lebens gegen die Anfechtungen von seiten ihrer
Lehrerinnenvernunft geführt hatte, bucklig, winzig und bebend vor
Überzeugung, eine kleine, strafende, begeisterte Prophetin.
Ende
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Guten und doch billigen Büchern in vorbildlicher
Formgebung und bester Ausstattung den Weg in alle
Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist die Aufgabe
der Deutschen Buch-Gemeinschaft. Sie erreicht dies
durch Herstellung und Vertrieb in eigenem
Wirkungsbereich
Jedermann wird durch Beitritt zur Deutschen Buch-
Gemeinschaft die vorteilhafteste Gelegenheit gegeben,
sich unter neuen Bezugsformen eine eigene und
wertvolle Hausbibliothek anzuschaffen.
Ausführliche, reich illustrierte Werbeschrift wird auf Wunsch
kostenlos zugesandt
Druck von
A. Seydel & Cie. Aktiengesellschaft
Berlin SW 61
Liste der beibehaltenen inkonsistenten Schreibweisen:
Breite Straße/Breitestraße
Comp./Komp.
gentlemanlike/gentleman like
Hunyadi-Janos/Hunyadi-János
Kotelettes/Koteletts
Kurantmark/Kurant-Mark
Oeverdieck/Överdieck
Portieren/Portièren
Formgebung und bester Ausstattung den Weg in alle
Schichten unseres Volkes zu bahnen, ist die Aufgabe
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Regeldetri/Regeldetrie
Religionsstunde/Religionstunde
Rotspohn/Rotspon
Table d'hote-Glocke/Table-d'hote-Glocke
Religionsstunde/Religionstunde
Rotspohn/Rotspon
Table d'hote-Glocke/Table-d'hote-Glocke
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*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK
BUDDENBROOKS: VERFALL EINER FAMILIE ***
Updated editions will replace the previous one—the old editions will
be renamed.
Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright royalties.
Special rules, set forth in the General Terms of Use part of this license,
apply to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic
works to protect the PROJECT GUTENBERG™ concept and
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eBook, complying with the trademark license is very easy. You may
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works, reports, performances and research. Project Gutenberg eBooks
may be modified and printed and given away—you may do practically
ANYTHING in the United States with eBooks not protected by U.S.
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especially commercial redistribution.
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and (c) any Defect you cause.
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Gutenberg
Project Gutenberg is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg’s goals
and ensuring that the Project Gutenberg collection will remain freely
available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation was created to provide a secure and
permanent future for Project Gutenberg and future generations. To
learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
the Foundation information page at www.gutenberg.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non-profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state
of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue
Service. The Foundation’s EIN or federal tax identification number is
64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S.
federal laws and your state’s laws.
The Foundation’s business office is located at 41 Watchung Plaza
#516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Email contact
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Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without
widespread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine-readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small
donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax
exempt status with the IRS.
The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
requirements. We do not solicit donations in locations where we have
not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate.
While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.
International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
Please check the Project Gutenberg web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate.
Foundation’s website and official page at www.gutenberg.org/contact
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Section 5. General Information About Project Gutenberg
electronic works
Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
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