Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange_ I. Band (German) Friedrich Dannemann 426 downloads.pdf

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Das Project-Gutenberg-E-Book „Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange“, Band I
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Titel: Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhange, Band I
Autor: Friedrich Dannemann
Veröffentlichungsdatum: 1. November 2016 [E-Book #53428]
Letzte Aktualisierung: 23. Oktober 2024
Sprache: Deutsch

Weitere Informationen und Formate: www.gutenberg.org/ebooks/53428

Hinweise zur Herstellung: Erstellt von Peter Becker, Heike Leichsenring sowie dem Online-Distributed-Proofreading-Team unter http://www.pgdp.net (Diese Datei wurde aus Bildern erstellt, die großzügigerweise vom Internet Archive zur Verfügung gestellt wurden.)

*** ANFANG DES PROJECT-GUTENBERG-EBUCHS „DIE NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN IHREM ZUSAMMENHANG“, BAND I ***

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Die Naturwissenschaften

in ihrer Entwicklung und
in ihrem Zusammenhang

vorgestellt von

Friedrich Dannemann

Zweite Auflage

Band I:

Von den Anfängen bis zur Wiederbelebung
der Wissenschaften

mit 64 Abbildungen im Text und mit einem Bildnis von Aristoteles

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LEIPZIG

VERLAG VON WILHELM ENGELMANN

1920

Copyright 1920 bei Wilhelm Engelmann, Leipzig.

Dannemann. Entwicklung der Naturwissenschaften, Band I.

ARISTOTELES
(Marmorkopf im k. k. Hofmuseum zu Wien).

HERRN GEH. HOFRAT PROF. DR.

EILHARD WIEDEMANN

AUS DANKBARKEIT FÜR SEINE
MITWIRKUNG BEI DER HERAUSGABE
DER NEUEN AUFLAGE

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WEIHT UND

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Vorwort.
Das vorliegende Werk wurde kurz vor dem Krieg vollendet. Die Aufnahme war so günstig, dass der erste Band bereits während des Krieges ausverkauft war. Leider konnte die zweite Auflage, da der deutsche Verlagsbetrieb mit außergewöhnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen hat, nicht sofort erscheinen, so dass das vollständige Werk längere Zeit im Buchhandel fehlte.
Die zweite Auflage stellt sich nicht nur als eine vermehrte, sondern, insbesondere in einem Punkt, als eine ganz wesentlich verbesserte dar. Da es nämlich dem Einzelnen nicht wohl möglich ist, auf allen Gebieten gleich gründliche Vorarbeiten zu machen, haben sich mir dieses Mal einige hervorragende Forscher zugesellt. Insbesondere bin ich den Herren Geh. Hofrat Prof. Dr. E. Wiedemann (Erlangen), Prof. Dr. E. v. Lippmann (Halle a. S.) und Prof. Dr. J. Würschmidt (Erlangen) zu großem Dank verpflichtet. Ich erhielt von den Genannten nicht nur zahlreiche Anregungen; sie haben auch die Korrektur des Satzes bis in alle Einzelheiten überwacht. Die Mehrzahl der von ihnen ausgehenden Verbesserungsvorschläge konnte noch Verwendung finden. Manches ließ sich erst am Schluss in einem besonderen Abschnitt (siehe S. 478) berücksichtigen. Einige weitere Vorschläge mussten vorläufig zurückgestellt werden.
Wenn ich die drei ersten Bände den Herren Wiedemann, v. Lippmann und Würschmidt widme, so ist dies nur ein schwacher Ausdruck meines Dankes. Auch verkenne ich nicht, dass diese Mitwirkung in erster Linie dazu diente, das Werk für den Gebrauch geeigneter zu machen. Weitere Anregungen erhielt ich außerdem in den zahlreichen Diskussionen sowie von befreundeten Seiten. Eine Aufzählung würde zu weit führen. Doch drängt es mich, besonders für die nachfolgenden Bände den verstorbenen Geh. Rat. Dr. G. Berthold, einen verdienten Forscher auf dem Gebiet der neueren Geschichte der Wissenschaften, zu nennen. Seine bedeutende Bibliothek, die durch Ankauf in den Besitz des Münchener Deutschen Museums für Meisterwerke auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Technik überging, stand mir jederzeit zur Verfügung. Auch der

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Der häufige persönliche Kontakt mit Berthold, den die Bayerische Akademie der Wissenschaften mit der Abfassung einer von ihr herauszugebenden großen Geschichte der Physik beauftragt hatte1, war für die Neuauflage des gesamten Werkes von Belang.
Über die Ziele wiederhole ich hier die Worte, die ich der ersten Auflage vorausgeschickt habe: Die Anteilnahme an der Geschichte der Wissenschaften ist seit mehreren Jahrzehnten sehr lebhaft. Je mehr man erkennt, dass sich einer Enträtselung der Natur mit jedem Schritt weitere Schwierigkeiten entgegenstellen, umso lieber richtet man den Blick auch wieder rückwärts, um den zurückgelegten Weg zu überblicken und aus dem reichen Gesamtergebnis der bisherigen Forschung neue Hoffnung auf ein immer tieferes Eindringen in den Zusammenhang der Naturerscheinungen zu schöpfen. In dem Maße, wie sich ferner die Tätigkeit des Einzelnen auf ein kleines Arbeitsfeld beschränkt, umso dringender wird das Bedürfnis, den Blick häufiger auf die Gesamtwissenschaft zu richten. Sie in ihrem gegenwärtigen Umfang zu überblicken, ist nicht möglich. Wohl aber können wir sie uns in einem historischen Rückblick vergegenwärtigen, der die Hauptfakten hervorhebt, sie miteinander verbindet und zu einem vertieften Verständnis anregt.
Eine wertvolle Frucht des historischen Studiums liegt ferner darin, dass es vor dogmatischer Einseitigkeit bewahrt, wenn man sich die Wissenschaft als etwas Werdendes und infolgedessen Unvollendetes vorstellt. Auch gelangt man zur Erkenntnis, dass uns dieselben oder ähnliche Methoden und Schlussweisen, die man heute anwendet, in der Entwicklung der Wissenschaft begegnen. Manche Gebiete lassen sich daher kaum darstellen, ohne an frühere Untersuchungen, Vorstellungen und Gedankengänge anzuknüpfen. Aus diesem Grund ist die genetische Betrachtungsweise nicht nur in einige Lehrbücher eingedrungen. Es sind auch zahlreiche Geschichten der Einzelwissenschaften entstanden, und das Quellenstudium wurde durch Neuauflagen der oft schwer zugänglichen älteren Arbeiten belebt. Erinnert sei hier nur an Ostwalds großes Unterfangen. Seine „Klassiker der exakten Wissenschaften“ enthalten in 195 Bänden die grundlegenden Abhandlungen aus den Bereichen Mathematik, Astronomie, Physik, Kristallographie und Physiologie.
Das vorliegende Werk soll gewissermaßen den Rahmen für „Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften“ bilden und

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Es geht darum, zu zeigen, wie sich die einzelnen Gebiete gegenseitig auf ihrem Entwicklungsweg beeinflusst haben. Die Wissenschaftsgeschichte ist vor allem ein wichtiger Teil der Kulturgeschichte. Sie kann daher nur verstanden werden, wenn wir sie in ihrem Zusammenhang mit dieser sowie mit der allgemeinen Geschichte betrachten. Eine aus solchen Perspektiven heraus erfolgende Darstellung des Entwicklungsweges der Naturwissenschaften wurde von anderen Seiten wohl kaum versucht. Wenn jemand dies dennoch unternimmt, muss er in vieler Hinsicht um Nachsicht bitten. Eine Aufteilung der Arbeit auf viele Personen erschien nicht geeignet, wenn etwas Ganzes entstehen sollte.

Nicht nur dem Historiker, sondern auch dem Fachmann, der sich mit einem bestimmten Gebiet beschäftigt, dem Lehrenden, dem Techniker, dem Arzt sowie jedem, der sich lebhaft für die Naturwissenschaften interessiert, sollte es nützlich sein, ein Werk zu besitzen, das einen Gedanken verwirklichen will – jenen Gedanken, den der Meister der historischen Forschung, Leopold v. Ranke, im fünften Band seiner Deutschen Geschichte zum Ausdruck bringt. Ranke schreibt dort, es müsse ein großartiges Werk werden, das die Beteiligung der Deutschen an der Weiterentwicklung der Wissenschaften im Rahmen der europäischen Entwicklung gebührend würdigt. „Für eine allgemeine Geschichte der Nation“, fügt Ranke hinzu, „wäre ein solches Werk eigentlich unentbehrlich.“

Das vorliegende Werk geht über dieses von Ranke gesteckte Ziel hinaus, da es die Geschichte der exakten Wissenschaften in ihrem gesamten Umfang beschreibt. Ansonsten scheint die von Ranke gestellte Aufgabe erfüllt zu sein, denn die „Geschichte der Wissenschaften in Deutschland“ lässt sich nur im Rahmen der Gesamtentwicklung darstellen. Wenn wir diese im Auge behalten, müssen die Naturwissenschaften nicht nur als Ergebnis der gesamten Kultur betrachtet werden, sondern auch in ihren Beziehungen zu den anderen Wissenschaften – insbesondere zur Philosophie, zur Mathematik, zur Medizin und zur Technik. Es gilt außerdem zu zeigen, wie sich diese Bereiche des Denkens und der Forschung gegenseitig gefördert und bedingt haben.

Von einem Werk, das diese Aufgabe erfüllen will, darf man keine Vollständigkeit in Bezug auf biografische und bibliografische Daten erwarten. Dennoch wurden insbesondere diese letztgenannten in einem solchen Umfang aufgenommen, dass das Werk zwar nicht als Nachschlagewerk, aber dennoch…

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Es kann zur Einführung in das Studium der älteren und neueren naturwissenschaftlichen Literatur dienen. Um diesem Zweck zu entsprechen, bringt der letzte Band ausführliche, sich über alle Teile erstreckende Literatur-, Sach- und Namenregister. Die übrigen Bände enthalten ein kürzeres Sach- und Namenverzeichnis.

Die Geschichte der Naturwissenschaften ist einer der jüngsten Zweige der historischen Forschung. Daher ist besonders für die entlegeneren Zeiten vieles noch unaufgeklärt. Manches ist erst neuerdings mit dem Fortschreiten der archäologischen und der philologischen Untersuchungen bekannt geworden. Es sei nur an die wertvollen Ergebnisse erinnert, die uns die Erschließung der altorientalischen Kultur und die Erforschung der arabischen Literaturschätze gebracht haben. Allerdings sind gerade hier die Urteile noch nicht ausreichend geklärt, ja häufig genug in wichtigen Punkten einander widersprechend. Für denjenigen, der in zusammenhängender Darstellung die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im Altertum und Mittelalter schildern will, ergeben sich daraus nicht geringe Schwierigkeiten. Manche Angabe wird bei dem einen auf Zustimmung, bei dem anderen auf Widerspruch stoßen. Das Gleiche gilt von den Ansichten, die wir uns über die Zusammenhänge und die Ursachen bilden können.

Diese Umstände haben mich aber nicht abgehalten, ein Gesamtbild zu entwerfen und damit eine schon lange angestrebte Aufgabe, deren Bewältigung immer dringender wird, in Angriff zu nehmen. Denn nur im Gesamtbild erhalten die zahllosen Einzelergebnisse der Forschung erst ihren vollen Wert, während sie in ihrer Vereinzelung oft genug geringwertig oder gar bedeutungslos erscheinen.

Zur Belebung der Wissenschaftsgeschichte ist bisher recht wenig geschehen. Umfassende Vorlesungen darüber fehlen selbst an den größeren Hochschulen wohl noch überall. Ja, es gibt sogar eine ganze Reihe von Universitäten, an denen auch nicht einmal das bescheidenste historische Kolleg über einen besonderen Zweig der so gewaltig emporgeblühten Naturwissenschaften gehalten wird, während Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, der Kunst, der Literaturen usw. nirgends fehlen. Was uns nottut, ist ein besonderer Lehrstuhl für die Geschichte der Naturwissenschaften an jeder Hochschule. Solange solche fehlen, dürfte ein Werk wie das vorliegende dem wissenschaftlichen Nachwuchs einen gewissen Ersatz bieten. Ich habe es daher mit Freuden begrüßt, daß einzelne

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Hochschullehrer weisen ihre Zuhörer auf die Bedeutung eines gründlicheren historischen Studiums hin. So schreibt Herr Dr. A. Stock, Professor an der Universität Berlin sowie am Kaiser-Wilhelms-Institut in Dahlem, dass er seit Jahren seinen Zuhörern im Einführungsvorlesung über experimentelle Chemie „Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhang“ diese Bedeutung nahebringe. Es ist daher zu hoffen, dass das unter der Mitwirkung mehrerer Hochschullehrer erneut erscheinende Werk auch in dieser Hinsicht seine Aufgabe erfüllen wird.
Friedrich Dannemann.

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Inhalt.
1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
(S. 1–62.)
1. Einleitendes. – 2. Die Kultur der alten Ägypter. – 3. Die Literatur der Ägypter. – 6. Mathematik und Technik der Ägypter. – 14. Die Anfänge der Metallurgie. – 15. Die babylonisch-assyrische Kultur. – 17. Keilschriftfunde. – 18. Die Mathematik der Babylonier. – 20. Der Ursprung der Astronomie. – 22. Einteilung des Jahres. – 24. Anfänge der Astrologie. – 26. Astronomische Urkunden. – 28. Finsternisse, Kometen, Schaltjahr. – 31. Genauigkeit der Messungen. – 33. Die Chaldäer. – 35. Mondbewegung. – 36. Der Gnomon. – 38. Maße und Gewichte. – 41. Die Gewinnung des Eisens. – 42. Kupfer, Zink und Zinn. – 44. Glasbereitung. – 45. Die Anfänge der Heilkunde. – 48. Erstes naturgeschichtliches Wissen. – 51. Die alte Kultur Süd- und Ostasiens. – 53. Die Mathematik der Inder. – 56. Indische Rechenkunst. – 59. Heilkunde und Chemie bei den Indern. – 61. Die Astronomie der Chinesen.

2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum Zeitalter des Aristoteles.
(S. 63–103.)
65. Anfänge der griechischen Astronomie. – 67. Anfänge der Erdbeschreibung. – 69. Ionische Naturphilosophie. – 71. Mechanische Naturerklärung. – 73. Zweckbegriff. – 79. Pythagoras und seine Schule. – 84. Quadratur des Kreises und Würfelverdopplung. – 86. Kegelschnitte. – 89. Kalenderrechnung. – 91. Die sieben Planeten. – 93. Die heliozentrische Weltanschauung. – 96. Gestalt und Größe der Erde. – 97. Pflanzenkenntnis der Griechen. – 99. Die Anfänge der Zoologie. – 100. Keime der Descendenzlehre. – 101. Ursprung der griechischen Heilkunde.

3. Das aristotelische Zeitalter.
(S. 104–151.)

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104. Aristoteles und seine Zeit. – 107. Die Werke des Aristoteles. – 109. Die Philosophie des Aristoteles. – 112. Fall- und Hebelgesetz. – 114. Parallelogrammgesetz. – 115. Die Anfänge der Akustik und der Optik. – 117. Das Himmelsgebäude nach Aristoteles. – 121. Die Natur der Weltkörper. – 123. Anfänge der physischen Erdkunde. – 125. Einsicht in die geologischen Vorgänge. – 127. Die vier aristotelischen Elemente. – 129. Die Begründung der Zoologie. – 133. Die Einteilung des Tierreichs. – 137. Bau und Lebensweise. – 138. Ernährung und Sexualität der Pflanzen. – 141. Botanik und Heilkunde. – 143. Geographie der Pflanzen. – 146. Bau und Entwicklung der Pflanzen. – 148. Mineralogie und Bergbau. – 149. Einfluss und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.

4. Das alexandrinische Zeitalter.
(S. 152–207.)
154. Die Begründung eines Systems der Mathematik. – 157. Das Leben und die Bedeutung des Archimedes. – 159. Die Erfindungen des Archimedes. – 163. Die Anfänge der höheren Mathematik. – 165. Rotationskörper. – 167. Kegelschnitte. – 170. Das archimedische Prinzip. – 172. Fortschritte der Optik und Akustik. – 174. Die Grundlagen der wissenschaftlichen Erdkunde. – 177. Die Ausmessung der Erde. – 180. Die Bestimmung von Sternpositionen. – 182. Entfernung und Größe von Mond und Sonne. – 184. Astronomie und Geometrie. – 186. Die Entdeckung der Präzession. – 188. Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie. – 190. Physik der Gase und der Flüssigkeiten. – 193. Herons Apparate und Automaten. – 196. Wasserorgel. – 197. Thermoskop. – 198. Flaschenzug. – 199. Wegmesser. – 200. Grundlagen der Vermessungskunde. – 201. Herons Werke. – 205. Naturbeschreibung und Medizin im alexandrinischen Zeitalter.

5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
(S. 208–245.)
208. Allgemeingeschichtliches. – 209. Einfluss des Hellenismus. – 211. Messkunst und Astronomie bei den Römern. – 213. Regelung des Kalenders. – 215. Pflege der Ingenieurmechanik. – 219. Die Literatur während der Kaiserzeit. – 220. Plinius. – 222. Quellen des Plinius. – 226. Die „Naturgeschichte“ des Plinius. – 233. Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde. – 239. Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde. – 240.

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Die römische Naturanschauung bei Lukrez und Seneca. – 244. Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.

6. Der Ausgang der antiken Wissenschaft.
(S. 246–284.)
246. Das ptolemäische Weltbild. – 249. Die Epizyklentheorie. – 252. Hilfswissenschaften der Astronomie. – 255. Astronomische Messinstrumente. – 257. Fortschritte der Geographie. – 258. Astronomie und Geographie. – 260. Physische Geographie. – 262. Forschungsreisen. – 265. Förderung der Optik. – 267. Theorie des Sehens. – 268. Elektrizität und Magnetismus. – 270. Die Anfänge der Chemie. – 272. Metallurgie und Alchemie. – 277. Alchemie und Astrologie. – 278. Alchemistische Urkunden. – 281. Antike und Mittelalter.

7. Der Verfall der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
(S. 285–295.)
285. Allgemeingeschichtliches. – 286. Wissenschaft und Kirche. – 289. Christentum und Germanentum. – 291. Wissenschaft und Klosterwesen. – 293. Die Erhaltung der alten Schriftwerke. – 294. Enzyklopädien der Wissenschaften.

8. Das arabische Zeitalter.
(S. 296–331.)
296. Die Wissenschaften und der Islam. – 299. Die Vermittlerrolle der Araber. – 301. Die Bedeutung der arabischen Literatur. – 303. Mathematische Geographie und Astronomie. – 305. Astronomie und Trigonometrie. – 306. Astronomische Instrumente. – 308. Der Kompass. – 310. Die Rechenkunst der Araber. – 312. Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft. – 314. Die Optik bei den Arabern. – 319. Die Chemie im arabischen Zeitalter. – 322. Alchemistische Schriften. – 324. Säuren und Metalle. – 325. Alchemistische Theorien. – 326. Stein der Weisen. – 327. Mineralogische Kenntnisse der Araber. – 328. Arabische Bearbeitungen der Zoologie. – 329. Botanische Schriften. – 330. Heilkunde. – 331. Verfall der arabischen Kultur.

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9. Die Wissenschaften unter dem Einfluss der christlich-germanischen Kultur.
(S. 332–369.)
332. Allgemeingeschichtliches. – 335. Die Kultur im Reich der Franken. –
336. Anfänge einer mitteleuropäischen Literatur. – 338. Christliche Völker
und Islam. – 341. Erweiterung des geographischen Gesichtskreises. – 342.
Handel und Städtewesen. – 343. Die Wiederbelebung der alten Literatur. –
346. Die Zoologie im Mittelalter. – 350. Die Botanik im Mittelalter. – 352.
Die „Tiergeschichte“ des Albertus Magnus. – 353. Roger Bacon. – 355.
Bacons Naturlehre. – 357. Bacons optische Kenntnisse. – 361.
Mittelalterliches Denken. – 365. Die Naturwissenschaften im 14.
Jahrhundert. – 366. Das Weltbild des Mittelalters.

10. Das Wiederaufleben der Wissenschaften.
(S. 370–402.)
370. Mittelalter und Renaissance. – 372. Dante und Petrarka. – 373. Die
Ausbreitung des Humanismus. – 377. Humanismus und Kirche. – 379.
Humanismus und Naturwissenschaft. – 382. Lionardo da Vinci. – 384.
Lionardos Manuskripte. – 386. Lionardos Erfindungen. – 388.
Wechselwirkung von Kunst und Wissenschaft. – 392. Das Wiedererwachen
der Astronomie. – 395. Astronomische Tafeln. – 396. Astronomische
Instrumente. – 398. Astronomie und Nautik. – 400. Die Wiederbelebung
der Naturbeschreibung.

11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch Kopernikus.
(S. 403–419.)
403. Kopernikus. – 407. Die Vorläufer des Kopernikus. – 408. Das
Kopernikanische Weltsystem. – 412. Aufnahme und Ausbreitung der
heliozentrischen Lehre. – 415. Das unendliche Universum. – 417.
Astronomie und Kartographie.

12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen Naturwissenschaften.

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(S. 420–445.)
421. Die Physik im 16. Jahrhundert. – 428. Entdeckungen auf dem Gebiet der Optik. – 429. Die Lehre vom Magnetismus. – 430. Anfänge der Dynamik. – 431. Alchemie und Jatrochemie. – 435. Paracelsus. – 437. Die Neubegründung der Mineralogie. – 439. Agricolas mineralogische Schriften. – 441. Anfänge der neueren Geologie. – 443. Anfänge der Paläontologie.

13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen Naturwissenschaften.
(S. 446–467.)
446. Naturwissenschaften und Entdeckungsreisen. – 450. Die Erneuerung der Botanik. – 451. Kräuterbücher. – 455. Die Anordnung der Pflanzen. – 458. Die Erneuerung der Zoologie. – 462. Das Wiederaufleben der Anatomie. – 464. Vesals anatomisches Hauptwerk. – 466. Anatomie und Chirurgie.

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1. In Asien und in Ägypten entstehen die Anfänge der Wissenschaften.
Den ersten naturwissenschaftlichen und mathematischen Lehrgebäuden, die in der Blütezeit des griechischen Geisteslebens entstanden, gingen ungemessene Zeiträume voraus, in denen die einfachsten Überlegungen und Beobachtungen, die Grundlagen aller Wissenschaft, teils zufällig, teils auch schon mit bestimmter Absicht angestellt, selten aber nach ihrem Wert gesichtet und aufgezeichnet wurden. Aus dieser Periode stammende Urkunden sind deshalb höchst spärlich, so daß sich die Wurzeln der Naturwissenschaften wie so mancher anderen Betätigung des menschlichen Geistes im Dunkel vorgeschichtlicher Zeiten verlieren. So viel ist jedoch gewiß, daß wir diese Wurzeln nicht in Griechenland zu suchen haben, wo uns die ersten wissenschaftlichen Systeme entgegentreten.
In den Niederungen des Nils und des Euphrats, den ältesten Stätten der Kultur, haben sich auch die ersten Kenntnisse entwickelt, die sich über die Ergebnisse der oberflächlichen Betrachtung und der naiven Anschauung erhoben. Durch die Berührung mit den in Ägypten und in Vorderasien entstandenen Elementen entzündete sich dann der prometheische Funke, der in den Griechen schlummerte. Ihnen gelang es, diese Elemente nicht nur in sich aufzunehmen, sondern sie durch eigenes Forschen zu vervielfältigen und den Baum der Erkenntnis zu pflanzen, der nach einer langen Zeit der Dürre zu dem gewaltigen Stamm wurde, von dem die Segnungen der heutigen Kultur in erster Linie ausgegangen sind.
Die Entwicklung der Naturwissenschaften ist seit der frühesten Zeit mit derjenigen des mathematischen Denkens Hand in Hand gegangen. Auch in dieser Hinsicht sind die ersten Regungen auf die Ägypter und die Babylonier zurückzuführen. War man früher bezüglich dieser beiden Völker fast nur auf die uns durch die Literatur übermittelten, zum Teil recht zweifelhaften Berichte angewiesen, so hat unser Zeitalter, indem es den Schutt von den Ruinen Ägyptens und Mesopotamiens wegräumte und die alten Schriftzeichen entziffern lernte, die Geschichte, die Kenntnisse, ja das

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Das gesamte Leben jener ältesten Völker aus dem Dunkel und der Vergessenheit wurde nach Jahrtausenden ans Licht gebracht. Zwar entstand die Kultur im Osten und Süden Asiens vielleicht ebenso früh wie diejenige, die in den Tälern des Nils und des Euphrats aufblühte. Dennoch muss eine Geschichte der gesamten exakten Wissenschaften Indien und China nur wenig Berücksichtigung schenken, denn die dort lebende Bevölkerung lebte sehr abgeschlossen und hatte infolgedessen nur geringen Einfluss auf die Entwicklung der naturwissenschaftlichen Kenntnisse im Vorderen Orient und in Europa.

Die Kultur der Ägypter.

Wenden wir uns daher zunächst den Ägyptern zu, dem Volk, das wohl die älteste Literatur sowie die ersten mathematischen, naturwissenschaftlichen und medizinischen Kenntnisse hervorbrachte. Die griechische Überlieferung, wonach die Ägypter von Süden her aus Äthiopien ins Niltal eingewandert seien, hat der neueren anthropologischen und archäologischen Forschung nicht standgehalten. Wir müssen vielmehr annehmen, dass die alten Ägypter protosemitischen Ursprungs waren, also mit den Babyloniern durch Abstammung verwandt. Darauf deuten nicht nur sprachliche Besonderheiten hin, sondern auch die Tatsache, dass sich die Kultur in Ägypten von der Mündung des Nils aus flussaufwärts ausbreitete. Der fruchtbare Streifen Landes, der sich entlang beider Ufer des Nils durch die Wüste erstreckt und das eigentliche Ägypten bildet, erwies sich in den Händen der geistig höher begabten Ankömmlinge als ein hervorragend geeigneter Boden für die Entwicklung einer hohen Kultur. Zunächst blühte diese Kultur in Memphis auf, in dessen Mauern die Wissenschaften gepflegt wurden und die Künstler Meisterwerke schufen. Ihre höchste Blüte erreichte sie jedoch nach der Gründung des Neuen Reiches um das Jahr 1600 v. Chr. mit der Hauptstadt Theben. In der Nähe der beiden Hauptplätze entstanden in der Wüste monumentale Begräbnisstätten, die den Wechsel der Zeiten in solchem Maße überdauert haben, dass durch die neuere archäologische Forschung, wie einer ihrer Hauptvertreter sagt, nach und nach das ganze alte Ägypten wieder zum Vorschein kommt – im vollen Licht.

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Die Geschichte erscheint so, dass die Menschen jener entlegenen Zeiten für uns dieselbe Realität bewahren wie die alten Griechen und Römer. Bis ins 19. Jahrhundert war man im Wesentlichen auf die Berichte griechischer und römischer Schriftsteller angewiesen. Zahlreiche, mit der ägyptischen Hieroglyphenschrift bedeckte Schriftdenkmäler waren zwar nach Europa gelangt. Die Kenntnis dieser Schrift sowie der daraus durch Abkürzung entstandenen hieratischen und demotischen Formen war jedoch mit dem Ende des 3. Jahrhunderts infolge des siegreichen Vordringens des Christentums verloren gegangen. Um ihre Entzifferung bemühte man sich bereits im 17. Jahrhundert. Sie gelang erst, als nach der ägyptischen Feldzugs Napoleons die archäologische Erforschung des Nillandes in Angriff genommen wurde. Epochemachend war die Entdeckung einiger in Stein gemeißelter Erlasse, wie desjenigen von Rosette (1799). Es handelt sich dabei um eine Basaltplatte (heute im Britischen Museum), die dieselbe Bekanntmachung (von 197 v. Chr.) in drei verschiedenen Sprachen enthält. Der eine Text verwendet die altegyptische Sprache und die Hieroglyphenschrift. Die Übersetzungen hingegen sind in der Volkssprache sowie in der ihr entsprechenden demotischen Schrift sowie in griechischer Sprache und Schrift verfasst. Den größten Verdienst um die Entzifferung hat sich Champollion, der Begründer der Ägyptologie, erworben. Unter den Fortsetzern seines Werkes ist vor allem Lepsius zu nennen, der eine preußische Expedition zur Erforschung der Denkmäler Ägyptens (1842–45) leitete. Er entdeckte das in zwei Sprachen abgefasste Dekret von Kanopus (238 v. Chr.), das Einblicke in die Zeitrechnung der alten Ägypter gibt. Zu den Steininschriften kamen in großer Zahl Texte auf Papyrus, Leder und Tonscherben hinzu. Auch Keilschriften wurden auf ägyptischem Boden (in Tell el-Amarna; siehe S. 15) gefunden. Dem Gründung der ersten ägyptischen Dynastie, die um 3300 v. Chr. durch Mena (Menes) erfolgte, müssen bereits ausgedehnte Zeiträume einer ruhigen Entwicklung vorausgegangen sein, denn bereits während der ersten Dynastien – von denen die ägyptische Geschichte bis zum Beginn der griechischen Herrschaft insgesamt dreißig zählt – begegnet uns eine hochentwickelte Kultur. Dies zeigt sich sowohl in den erhaltenen Bauwerken als auch in den schriftlichen Überlieferungen jener Zeit. So sind die während der vierten Dynastie von Chufu, Chafra und Menkaura errichteten großen Pyramiden nicht nur wahre Wunder der

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Es handelt sich dabei nicht nur um Baukunst, sondern das gesamte Konzept dieser im 4. Jahrtausend v. Chr. entstandenen Werke weist auf astronomische und mathematische Kenntnisse hin, die man in einer so urzeitlichen Epoche kaum vermuten würde. Die vier Seiten der Pyramiden sind genau in Richtung der Himmelsrichtungen ausgerichtet, während der Winkel, den die Seitenwände mit der Grundfläche bilden, kaum oder gar nicht von 52° abweicht – eine Tatsache, die, wie wir später sehen werden, auf grundlegende Kenntnisse in der Trigonometrie und Ähnlichkeitslehre hindeutet. Auch die Tatsache, dass bereits ein Jahrtausend vor Menes, nämlich im Jahr 4241 v. Chr., im Unterägypten mit der Erstellung eines verbesserten Kalenders begonnen wurde, zeigt, dass die Ägypter bereits ein Kulturvolk waren, während anderswo auf der Welt, Babylonien eingeschlossen, noch die Dunkelheit prähistorischer Zustände herrschte. Dass bei der Errichtung der altägyptischen Bauwerke oft astronomische Aspekte entscheidend waren, beweist auch die Lage einiger Tempel. So wurde durch den englischen Astronomen Lockyer ein Tempel bekannt, dessen Hauptachse auf den Aufgangspunkt des von den Ägyptern als Gottheit verehrten Sirius ausgerichtet ist. Laut Lockyer weist die Achse eines anderen Tempels auf den Punkt hin, an dem die Sonne zur Zeit der Sommersonnenwende untergeht. Aufgrund der enormen Länge des Tempels konnten die Sonnenstrahlen nur zu diesem einen Zeitpunkt des Jahres durch den gesamten Tempel dringen. Auf diese Weise wurden die Tempel zu astronomischen Observatorien, die eine genaue Bestimmung der Jahreslänge ermöglichten. Aus den ägyptischen Baudenkmälern lässt sich außerdem ermitteln, wann die Bewohner des Nillandes mit der babylonischen Sechsteilung des Kreises in Berührung kamen. Bis zur Zeit der 18. Dynastie finden sich nämlich nur Verzierungen, die auf der Vierteilung des Kreises beruhen. Mit der 19. Dynastie taucht bei Ornamenten sowie Wagenrädern die Sechsteilung auf. Es ist nun bekannt, dass um jene Zeit, als Vorderasien den Ägyptern tributpflichtig wurde, Geschenke am Hof der Pharaonen eintrafen, die die Sechsteilung sowie die Zwölfteilung des Kreises zeigten. An diesem Beispiel können wir also nachvollziehen, auf welchen Wegen Kenntnisse von Volk zu Volk übertragen wurden.

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Dem außerordentlich frühen Einsatz von Schriftzeichen entspricht es, dass die ältesten Dynastien bereits Aufzeichnungen sammelten. Im 3. Jahrtausend v. Chr. gab es schon besondere Beamte, welche die Bibliotheken verwalteten. Ja, ein Sohn des Mena, des Begründers der ersten Dynastie, wird als Verfasser medizinischer Schriften erwähnt12.
Die ägyptische Bilder- oder Hieroglyphenschrift tritt uns auf den älteren ägyptischen Denkmälern als etwas Fertiges entgegen. Offenbar ist sie aber das Erzeugnis einer langen vorgeschichtlichen Entwicklung. Nicht nur Gegenstände, sondern auch abstrakte Begriffe und Zeitwörter vermochte diese Schrift zum Ausdruck zu bringen. Ohne Verkürzung und Vereinfachung finden wir die Hieroglyphen13 nur auf Steindenkmälern, deren sorgfältig bearbeitete Flächen jeden Beschauer in Erstaunen setzen. Für den täglichen Gebrauch wurden die Zeichen später in solchem Grade vereinfacht, dass ihre ursprüngliche Form kaum noch zu erkennen ist (s. S. 3).
Indes können wir uns auf Grund der aus den Gräbern und Tempeln von Memphis und Theben stammenden Schriftdenkmäler heute nicht nur ein Bild von den Geschehnissen, der Tracht und den Gebräuchen jener Zeiten machen, sondern auch vom Wissen dieser Epoche.
Dass bereits zur Zeit des Alten Reiches in Ägypten eine umfangreiche Literatur existierte, kann mit Sicherheit angenommen werden. Wie aus einer Grabinschrift bei Gizeh hervorgeht, trug nämlich ein hochrangiger Würdenträger, der um 2200 v. Chr. lebte, den Titel „Verwalter des Buchhauses“14. Von dieser ältesten Literatur sind jedoch nur spärliche Bruchteile erhalten geblieben. Neben religiösen, moralphilosophischen und historischen Schriften umfasste sie auch Abhandlungen über Astronomie, Mathematik und Heilkunde, die die Grundlagen für spätere, vollständigere ägyptische Schriftdenkmäler bildeten.
Ihren Höhepunkt erreichte die altägyptische Kultur um das Jahr 2000 v. Christi Geburt. Zu dieser Zeit wurde Ägypten zur Großmacht, die erobernd in Vorderasien einfiel und enge Beziehungen zum babylonischen Reich entwickelte. Es entstand sogar ein reger schriftlicher Austausch zwischen den Pharaonen und den Königen Babylons sowie den asiatischen Vasallen. Dies belegen die in großer Zahl im Jahr 1888 in Ägypten15 gefundenen…

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Tontafeln mit Keilinschriften, die heute den wertvollsten Schatz der Museen von Kairo, London und Paris bilden.

Mathematik und Technik der Ägypter.

In Ägypten, so sagt Aristoteles (Metaphys. I, 1), entstand die mathematische Wissenschaft, denn hier war den Priestern die dazu notwendige Muße vergönnt. Nach einer Erzählung Herodots hingegen entsprang für die Ägypter die Notwendigkeit, die Geometrie zu erfinden, dem Umstand, dass die Grenzen ihrer Ländereien durch die jährlichen Überschwemmungen des Nils verwischt wurden und deshalb durch Vermessung wiederhergestellt werden mussten. Welche Bewandtnis es auch mit diesem Bericht des griechischen Geschichtsschreibers haben mag, jedenfalls ist die Geometrie der frühesten Kulturvölker aus den Bedürfnissen des Lebens hervorgegangen. Die Ansicht, dass sie einem idealistischen Drang entsprungen sei, dürfte nur für die späteren Entwicklungsstufen zutreffen. Für das ehrwürdige Alter der Mathematik in Ägypten spricht auch die von dort stammende älteste Urkunde dieser Wissenschaft. Es handelt sich dabei um eine Art Handbuch für den praktischen Gebrauch, das um das Jahr 1800 v. Chr. verfasst wurde und neben zahlreichen arithmetischen Aufgaben, bei denen bereits die Bruchrechnung Anwendung findet, auch die erste Behandlung arithmetischer und geometrischer Reihen, Flächenberechnungen der einfachen Figuren, wie sie für die Absteckung der Felder in Betracht kommen, sowie die Bestimmung des Volumens von Fruchtlagern enthält. Selbst der Flächeninhalt des Kreises wird in diesem Papyrus ermittelt. Dies geschieht dadurch, dass man über dem um 1/9 verkleinerten Durchmesser ein Quadrat errichtet. Aus diesem lässt sich für π der überraschend genaue Wert 3,16 (anstatt 3,14) berechnen. Bemerkenswert sind die Worte, mit denen Ahmes sein Handbuch einleitet. Sie lauten: „Vorschrift, um zum Wissen über alle dunklen Dinge und Geheimnisse zu gelangen, die in den Dingen enthalten sind.“ Sie erinnern an die 11/2 Jahrtausend später auftretenden Pythagoreer, die ebenfalls Zahl und Maß als wirkliche, in den Dingen geheimnisvoll schlummernde Wesen betrachteten. Auf das außerordentlich hohe Alter der Mathematik in Ägypten lässt sich übrigens auch daraus schließen, dass Ahmes in seinem

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Die Einleitung besagt ausdrücklich, dass er sein Buch nach alten Schriften verfasst habe, die zur Zeit eines früheren Königs entstanden seien. Diese Schriften waren, wie aus jener Zeitangabe hervorgeht, etwa 500 Jahre älter als das Buch des Ahmes und setzen ihrerseits wieder eine lange Periode voraus, in der die niedergelegten Kenntnisse langsam heranwuchsen, ohne schriftlich festgelegt zu werden.
Ohne Zweifel hat man, da das Rechnen aus den Bedürfnissen des Lebens entsprungen ist, zuerst mit benannten Zahlen gerechnet und ist erst später zu abstrakten Zahlen übergegangen. Das Rechnen mit diesen stand, wie der Papyrus Rhind beweist, im 20. Jahrhundert v. Chr. bereits auf einer Höhe, wie man sie vor dem Bekanntwerden jener wichtigen Urkunde nicht vermuten konnte19.
Ahmes setzt das Rechnen mit ganzen Zahlen voraus und befasst sich in seinen Aufgaben unter Anwendung der Brüche besonders mit dem, was wir heute Gesellschaftsrechnung nennen. Die von ihm benutzten Brüche sind Stammbrüche, d. h. solche, die eins als Zähler haben. Einen Stammbruch schreibt er, indem er über die Zahl des Nenners einen Punkt setzt. Jeder andere Bruch wird als Summe von Stammbrüchen ausgedrückt, z. B. 2/5 durch 1/3 und 1/15, die ohne Additionszeichen nebeneinander gesetzt werden. Die Darstellung eines beliebigen Bruches durch Stammbrüche stellt Ahmes an die Spitze.
Um Brüche, die keine Stammbrüche sind, in Summen von Stammbrüchen zu verwandeln, gibt Ahmes eine Tafel der Brüche20 von der Form 2/(2n + 1) (n = 1, 2, 3 ... 49). Brüche mit höherem Zähler werden in eine Summe gleichnamiger Brüche zerlegt. An solchen Stammbruchsummen werden die Grundrechnungsarten vollzogen.
Manche Aufgabe, die Ahmes bringt, stellt sich als eine Gleichung ersten Grades mit einer Unbekannten dar. Letztere wird als Haufen bezeichnet. So lautet ein Beispiel: „Haufen, sein 2/3, sein 1/2, sein 1/7, sein Ganzes, es beträgt 33.“ Das heißt nach heutiger Schreibweise: (2/3)x + (1/2)x + (1/7)x + x = 33. Um x zu finden, wird dann (2/3 + 1/2 + 1/7 + 1) so lange vervielfacht, bis 33 herauskommt. Als weiteres Beispiel sei eine von den Aufgaben aus der Gesellschaftsrechnung mitgeteilt. Sie lautet: „Zu“

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„Verteilen Sie 700 Brote unter vier Personen: 2/3 für die erste, 1/2 für die zweite, 1/3 für die dritte und 1/4 für die vierte.“ In der Notation der heutigen Arithmetik würde diese Aufgabe als Gleichung lauten: (2/3)x + (1/2)x + (1/3)x + (1/4)x = 700. Der Wert für x wird anschließend nach folgender Vorgehensweise ermittelt: Addieren Sie 2/3, 1/2, 1/3 und 1/4 – das ergibt 1 + 1/2 + 1/4. Teilen Sie anschließend 700 durch 1 + 1/2 + 1/4; das ergibt 400 für x.

Neben dem Hieroglyphenzeichen für die Unbekannte (unser x) besaßen die alten Ägypter noch einige weitere Operationszeichen. Ein Zeichen, das laufende Beine darstellte, galt je nach Richtung entweder als Zeichen für Addition oder für Subtraktion. Auch für die Gleichsetzung existierte ein spezielles Zeichen. Schon damals war der Begriff der Wurzel bekannt. Bis vor Kurzem ging man davon aus, dass die alten Ägypter diesen Begriff nicht kannten. Neuere Funde – Papyrusfragmente aus der 12. Dynastie – zeigen jedoch, dass √(16) = 4, √(61/4) = 21/2 und √(19/16) = 11/4 war.

Das Verfahren zur Bestimmung von Wurzeln wurde hingegen vermutlich erst in der pythagoreischen Schule entwickelt – als man größere Quadratzahlen betrachtete, deren Quadratwurzel nicht auf den ersten Blick erkennbar war, insbesondere dann, als es darum ging, gemäß dem Pythagoras-Satz die Hypotenuse aus den Katheten zu berechnen.

Außerdem kommen uns Gleichungen wie folgende vor:
2² + (11/2)² = (21/2)²
6² + 8² = 10²

Schließlich sind Rollen aus der Zeit um 2000 v. Chr. bekannt geworden, auf denen Anweisungen zur Bestimmung der Wandrichtungen bei Tempelbauwerken zu finden sind. Das Verfahren bestand darin, ein Seil im Verhältnis 3 : 4 : 5 zu teilen und aus diesen Teilen ein Dreieck zu bilden, um so den gesuchten rechten Winkel zu erhalten. Auf dieser Grundlage wird angenommen, dass der Pythagoras-Satz auf ägyptischen Ideen beruht.

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Sehr geschickt waren die Ägypter, wie aus dem Handbuch des Ahmes hervorgeht, bereits bei der Lösung von Aufgaben, die auf die Anwendung arithmetischer und geometrischer Reihen abzielten. Auch hier mögen einige Beispiele uns mit den ersten Schritten auf diesem Gebiet vertraut machen. Ahmes stellt die Aufgabe, 100 Brote an 5 Personen in einer arithmetischen Progression so zu verteilen, dass die beiden ersten Personen, die die geringeren Anteile erhalten, zusammen 1/7 von dem erhalten, was auf die 3 übrigen Personen entfällt. Ahmes setzt zunächst das kleinste Glied gleich 1 und sagt dann ohne Begründung: „Mache den Unterschied gleich 51/2“. So erhält er die arithmetische Reihe: 1, 61/2, 12, 171/2, 23. Sie erfüllt zwar die Bedingung, dass die Summe der beiden ersten Glieder gleich 1/7 der Summe der drei letzten ist. Doch enthält diese Reihe anstelle der vorgegebenen 100 nur 60 Einheiten. Da jedoch 100 das 12/3-fache von 60 ist, verbessert Ahmes den fehlerhaften, aber nur vorläufigen Ansatz, indem er jedes Glied der Reihe mit 12/3 multipliziert. So findet er ganz richtig die allen Bedingungen entsprechende Reihe 12/3, 105/6, 20, 291/6, 381/3. Bei einer anderen Aufgabe zeigt sich bereits das Wissen um die Summenformel für geometrische Reihen. Als Summe der fünf ersten Potenzen von sieben – 7 + 49 + 343 + 2401 + 16807 – ergibt sich 19607. Dies geschieht nicht nur durch Addition, sondern indem Ahmes das Produkt von 2801 und 7 bildet. Diese Methode steht in auffälliger Übereinstimmung mit der Summenformel s = ((aₙ – 1)/(a – 1)) · a. Für den vorliegenden Fall gilt nämlich ((aₙ – 1)/(a – 1)) · a = ((7⁵ – 1)/6) · 7 = 2801 · 7. Sehr verbreitet war bei den Ägyptern wie bei den Griechen und den übrigen Völkern der Antike das Rechenschieber (Abakus). Die Zahlen wurden eingetragen oder durch Steinchen, Stifte oder andere Zeichen bezeichnet. Wenn man sich die Wunder der Ingenieur- und Bautechnik vorstellt, die die alten Ägypter schufen, sowie ihr von Herodot erwähntes Wissen in der Vermessungskunst, muss man annehmen, dass die Geometrie bei diesem Volk genauso gepflegt wurde wie das Rechnen.

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Mit großer Wahrscheinlichkeit gab es bereits für die Geometrie Lehrbücher von der Art, wie uns der Zufall eines solchen im Handbuch des Ahmes für die Arithmetik in die Hände gespielt hat. Leider wurde bislang noch kein ausschließlich der Geometrie gewidmeter Papyrus entdeckt. Indessen hat sich das Handbuch des Ahmes auch für die Kenntnis des geometrischen Wissens der Ägypter als eine Fundgrube erwiesen25. In welcher Weise die Fläche des Kreises ermittelt wurde, haben wir bereits erwähnt. Hier sei noch ein Beispiel für die Dreiecksberechnung mitgeteilt. Es handelt sich um ein gleichschenkliges Dreieck, dessen Schenkel 10 und dessen Grundlinie 4 Maßeinheiten lang sind. „Die Hälfte von 4 wird mit 10 vervielfacht; das ist seine Flächeninhalt.“ So lautet die Lösung bei Ahmes 26. Eine Begründung dieses Verfahrens, das zwar kein richtiges ist, jedoch, wenn die Basis relativ klein ist, ein von der Wahrheit nur wenig abweichendes Ergebnis liefert, findet sich bei Ahmes nicht. Seiner Lösung liegt die Formel (b/2) · a zugrunde (siehe Abb. 1), während die richtige Formel b/2 · √(a² - (b²/4)) lautet. Letztere führt also zur Berechnung einer Quadratwurzel – ein Verfahren, das bei Ahmes nirgends vorkommt und das er vermutlich auch nicht kannte; daher dürfen wir von ihm auch keine genaue Berechnung des Flächeninhalts erwarten.

Abb. 1.

Handelte es sich um das Ausmessen weniger einfacher Figuren, so bedienten sich die Ägypter der Zerlegung durch Hilfslinien. So wurden alte Zeichnungen gefunden, in denen das Paralleltrapez auf vielfältige Weise zerlegt ist (s. Abb. 2).

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Abb. 2. Geometrische Elemente in altägyptischen Verzierungen27.

In den Geräten und Zieraten, die auf der Kreiseinteilung beruhen, kommt die Teilung in 4 und 8 sowie in 6 und 12 Sektoren vor, während man einer Teilung in 5 und 10 Sektoren nicht begegnet28.
Nicht nur mit Flächen- und Inhaltsbestimmungen, sondern auch mit Streckenverhältnissen und den Eigenschaften der Winkel waren die Ägypter zur Zeit des mittleren Reiches schon bis zu einem gewissen Grad vertraut.
Auch die Konstruktion des rechtwinkligen Dreiecks aus den Strecken 3, 4 und 5 scheint ihnen schon sehr früh bekannt gewesen zu sein, wenn sie auch nicht durch mathematische Ableitung, sondern als Erzeugnis der Erfahrung in ihren Besitz gelangt sein werden29.
Um die große Genauigkeit zu erklären, die uns bei den Pyramiden nicht nur in den Abmessungen des ganzen Bauwerkes, sondern auch in der Bearbeitung der einzelnen Steine begegnet, muss man bei den alten Ägyptern schon einige Bekanntschaft mit den Grundlehren der Ähnlichkeitslehre und der Trigonometrie voraussetzen. Dafür sprechen auch die Abschnitte, die Ahmes in seinem Handbuch dem Pyramidenbau widmet. In diesen Abschnitten begegnet uns nämlich ein Ausdruck30, der wahrscheinlich das Verhältnis der halben Diagonale zur Seitenkante der Pyramide bedeutet, also dem Kosinus des Winkels, den diese beiden Linien bilden, entsprechen würde. Dieses oder ein entsprechendes Verhältnis muss den Bauleitern und Steinmetzen stets gegenwärtig gewesen sein, da sich die genaue Übereinstimmung der Winkel, welche die Kanten mit dem Erdboden bilden, sonst nicht erklären lässt.
In Anbetracht dieser frühen Entwicklung der Geometrie muss es auffallen, dass die Ägypter die Kunst des perspektivischen Zeichnens noch nicht entwickelt haben, wie aus ihren Reliefs und Wandgemälden, die in so großer Fülle und in solch vorzüglichem Zustande auf unsere Zeit gelangt sind, hervorgeht.
Das Handbuch des Ahmes beweist, dass die Mathematik fast zwei Jahrtausende vor Beginn unserer Zeitrechnung in Ägypten schon eine hohe

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die Entwicklungsstufe erreicht hatte. Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass sich in dieser Urkunde manche Fehler finden, welche die Vermutung nahelegen, dass es sich hier nur um eine Schülerarbeit handelt. An die Mathematik der Ägypter haben zunächst die Griechen angeknüpft. Die ägyptische Bruchrechnung lässt sich sogar über die Zeit der Araber hinaus, bis in das deutsche Mittelalter verfolgen. Ferner ist die Beweisform des Euklid, der wir noch heute folgen, ägyptischen Mustern nachgebildet31. Wie auf dem Gebiet der Wissenschaften, so haben auch die Ägypter auch auf dem Gebiet der Technik Grundlegendes geschaffen. Vergegenwärtigt man sich ihre Leistungen auf diesem Gebiet, so erscheint es durchaus berechtigt, von einer Ingenieurtechnik und einer Ingenieurmechanik schon bei den alten Ägyptern zu sprechen32. Durch ähnliche Bedingungen hervorgerufen, entstanden diese Zweige menschlichen Schaffens bei den Bewohnern des Zweistromlandes, um dann ihre weitere Entwicklung zu erstaunlichen Leistungen bei den Griechen und den Römern zu erfahren. Die Ingenieurtechnik entstand im steten Kampf des Menschen mit den Kräften der Natur und durch sein Bestreben, sich nicht nur gegen diese Kräfte zu behaupten, sondern sie sich dienstbar zu machen. Die frühesten Aufgaben der Ingenieurtechnik betrafen das Wasser in allen seinen Formen und Wirkungen. Durch alle Mittel der künstlichen Bewässerung gelang es den Ägyptern und den Babyloniern, ihre Wohnsitze zu Kornkammern für die Alte Welt zu machen. Mit der Pflege und mit der Vernachlässigung der hierfür geschaffenen Einrichtungen stieg und sank die Bedeutung jener Länder und ihrer Bewohner. Da dem Unterlauf des Nils sowie Mesopotamien der Regen fast ganz fehlt, so ließ sich der Ackerbau in diesen Landstrichen nur dadurch fördern, dass ein komplexes System von Staudämmen und Kanälen unter Anpassung an die wechselnde Wassermenge der Flüsse geschaffen wurde. Aufgaben ganz anderer Art entstanden der Ingenieurmechanik bereits in der Antike aus dem Bestreben, das Wasser als Verkehrsmittel zu nutzen und Wasserwege zu schaffen. Das Großartigste, was uns auf diesem Gebiet im alten Ägypten begegnet, ist die Schaffung einer Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer. Man neigt dazu, die Idee und die Ausführung dieses Projekts als etwas ganz Modernes anzusehen, und doch sind der Plan und seine Umsetzung uralt. Schon zur Zeit Ramses’ II., um 1300 v. Chr., existierte ein Kanal.

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der den mittelsten der kleinen, auf der Landenge von Suez befindlichen Seen mit einem etwa 70 km westlich fließenden Arm des Nils verband. Was lag näher als der Gedanke, eine Fortsetzung nach dem Roten Meer zu schaffen und so zwei Weltmeere, wenn auch durch die Vermittelung eines Flusses, in Verbindung zu setzen? Unter den Ptolemäern und den Arabern wurde diese Wasserstraße ihrer Bedeutung entsprechend gut in Stand gehalten. Erst vom 8. Jahrhundert n. Chr. an verfiel der Kanal, der dem später infolge der Entdeckungsreisen aufkommenden Weltverkehr auch nicht mehr genügen würde.

Geradezu rätselhaft sind die technischen Leistungen, die uns im alten Ägypten dort begegnen, wo es um die Fortbewegung gewaltiger Lasten geht. Auf weite Strecken wurden Steinmassen transportiert, deren Gewicht sich auf 3–400 Tonnen belief. Das Aufstellen der aus einem einzigen Granitblock gemeißelten, bis zu 30 m hohen, ein Gewicht von 3–400.000 kg besitzenden Obelisken würde selbst der heutigen Technik große Schwierigkeiten bereiten. Über die Ausführung dieser Arbeiten existieren nur Vermutungen. Dass es dabei an maschinellen Hilfsmitteln nicht mangelte, steht jedoch außer Frage. Unglaublich große Sklavenheere ersetzten zwar in der Antike bis zu einem gewissen Grad die Maschinen – doch allein das reicht nicht aus, um solche Leistungen zu erklären. Es mussten auch intelligente Führer hinzukommen, die mit der Konstruktion und dem Einsatz mechanischer Mittel vertraut waren.

Auch mit der Metallverarbeitung waren die Ägypter bereits früh vertraut. Um die Zeit des Menes (3300 v. Chr.) war Kupfer bereits recht weit verbreitet; es wurde insbesondere auf der Halbinsel Sinai abgebaut. Silber und Eisen waren fast genauso früh bekannt. Bis etwa zum Jahr 3000 verwendeten die Ägypter reinen Kupfer. Ab diesem Zeitpunkt lernten sie, Kupfer mit Zinn zu legieren. Das erste Metall, das die Völker der Alten Welt kannten und verarbeiten konnten, war zweifellos Gold. Für die Ägypter kamen insbesondere die Gebiete zwischen Nil und Rotem Meer als Fundorte in Betracht. Auch Arabien war reich an Gold. An den Küsten des Roten Meeres muss wohl auch Salomons Goldland Ophir zu suchen sein.

Eigentümlich ist dem ägyptischen Wesen, dass es vorwiegend auf das Praktische ausgerichtet war. Die alten Ägypter besaßen eine hochentwickelte

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Heilkunde; sie waren geschickt im Feldmessen und im Rechnen. Sie haben sich schon gut am Himmel zu orientieren verstanden. Die Sterne zu deuten, wie es die Babylonier taten, lag ihnen jedoch fern.

Die babylonisch-assyrische Kultur.

Viel später als die Kultur der alten Ägypter ist diejenige der Babylonier aufgrund der archäologischen Durchforschung ihres Landes bekannt geworden. Auch hier lieferten die zwischen den Ruinen untergegangener Städte aufgehäuften oder verschütteten Trümmer eine bei weitem zuverlässigere und wertvollere Ausbeute als die auf uns gelangte, die Babylonier betreffende Literatur.
Das älteste Volk Mesopotamiens, von dem wir Kenntnis besitzen, sind die Sumerer. Man nimmt an, daß sie zur mongolischen Rasse im weiteren Sinne gehörten. Es würde danach ein gewisser Zusammenhang zwischen der ältesten ostasiatischen und der ersten Kultur Vorderasiens bestanden haben.
Der Beginn der letzteren wird bis ins 5. Jahrtausend v. Chr. zurückverlegt.
Um das Jahr 3000 drang ein Volk semitischer Abstammung in Mesopotamien ein. Bis in jene Zeit hinein besitzen wir geschriebene Urkunden, die allerdings über die Eroberung selbst nichts aussagen. Wie in Ägypten entstanden zunächst einzelne kleine Reiche, die später vereint wurden. Als der älteste König des gesamten Babyloniens wird der um 2200 v. Chr. lebende Hammurabi genannt.
Wie später in Europa das Lateinische, so blieb in Vorderasien das Sumerische als die Sprache des älteren Kulturvolkes lange Zeit erhalten und für wissenschaftliche Zwecke im Gebrauch. Die frühzeitige, hohe Entwicklung des geistigen Lebens der Babylonier erkennen wir daran, daß sich dieses Volk bereits gegen das Ende des dritten Jahrtausends v. Chr. mit grammatischen Studien, wichtigen Rechtsfragen und vor allem mit der sorgfältigen Erforschung der Himmelserscheinungen beschäftigte.
Dass die Beziehungen des babylonischen Reiches bis nach Ägypten reichten, beweisen die erwähnten, aus dem 16. Jahrhundert v. Chr. stammenden Tell el-Amarna-Funde, unter denen sich Briefe des Königs befinden.

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von Babylonien an den ägyptischen Herrscher Amenophis IV. gerichtet waren.
Neben dem babylonischen und dem ägyptischen existierte in Kleinasien das Reich der Hettiter (Chatti)36. Dass auch Griechenland enge Beziehungen zum alten Orient hatte, hat die neuere archäologische Forschung ebenso nachgewiesen. Die Vermittlung erfolgte insbesondere durch die Phönizier, die bis zum Jahr 1300 v. Chr. Kreta besaßen und damals das Ägäische Meer beherrschten.
Um 1300 v. Chr. eroberten die Assyrer das Zweistromland. Sie entwickelten es durch umfangreiche Bewässerungssysteme weiter, über die uns Herodot berichtet hat37. Ebenso wurde die Wissenschaft gefördert. Insbesondere seit der Zeit des assyrischen Königs Assurbanipal oder Sardanapal (7. Jahrhundert v. Chr.) entwickelte sich die Astrologie zu einer auf ständigen und genauen Beobachtungen beruhenden wissenschaftlichen Disziplin. Mit der Entdeckung der Bibliothek dieses Königs kam auch ein umfangreiches babylonisches Werk über die Astrologie ans Licht38, das seither die wichtigste Quelle für die astronomischen Kenntnisse der frühen babylonischen Zeit darstellt.
Die in Ninive, Babylon und an anderen Orten in jüngerer Zeit durch die Ausgrabungen von Engländern, Amerikanern sowie inzwischen auch Deutschen in großer Zahl ans Licht gekommenen Schriftdenkmäler sind gebrannte Tontafeln, auf denen die Schriftzeichen als keilförmige Eindrücke eingeritzt sind (siehe Abb. 3).
Ihre Entzifferung war erst möglich, seit man (1835) mehrsprachige Texte entdeckte. Für diese Entzifferung sowie für die Erforschung der babylonischen und assyrischen Geschichte waren die Inschriften von grundlegender Bedeutung, die sich in den Ruinen der persischen Königspaläste in Persepolis und Susa befinden. Heute sind Hunderttausende von Keilschrifttafeln freigelegt worden39. Eine ganze Bibliothek entdeckte 1848 der englische Altertumsforscher Layard40.
Für das Verständnis der ältesten Entwicklung der Mathematik sind die sogenannten „Nippurtexte“ von großer Bedeutung. Sie umfassen etwa 50.000 Keilschrifttafeln, die im Tempel von Nippur aufbewahrt wurden und durch amerikanische Ausgrabungen ans Licht kamen. Die „Nippurtafeln“ entstanden in der Zeit von 2200–1350 v. Chr. In Nippur wurden, wie die Texte belegen, nicht nur mathematische Erkenntnisse gewonnen, sondern

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Auch Astronomie und Heilkunde wurden betrieben41. Aus den gefundenen Multiplikationstabellen geht hervor, dass die Babylonier das Prinzip der Stellenwertlehre kannten, allerdings ohne die Null zu verwenden42. Es ist anzunehmen, dass die Keilschrift auf ähnliche Weise aus einer hieroglyphischen oder Bilderschrift entstanden ist, wie es bei der hieratischen Schrift der Ägypter der Fall war. Durch Keilstriche wurden auch die Zahlen bezeichnet; der vertikale Keil stand für die Einheit. Zehn wurde durch zwei Keile dargestellt, die einen Winkel bildeten, und weitere Zahlen entstanden durch die nebeneinander Anordnung dieser beiden Elemente. Für hundert wurde ein besonderes Zeichen verwendet – nämlich ein vertikaler Keil in Verbindung mit einem horizontalen Keil, der rechts davon stand. Größere Zahlen wurden meist durch die nebeneinander Anordnung, aber auch durch Multiplikation erzeugt, wobei die Zahl links vom Zeichen als Faktor fungierte. Tausend wurde beispielsweise als 10 mal hundert geschrieben. Auch das Wort „Tausend“ selbst wurde mit Koefizienten versehen, um noch größere Zahlen auszudrücken – sodass beispielsweise nicht 20 mal hundert, sondern 10 mal tausend, also 10.000, gemeint war. Es handelt sich somit um eine Multiplikation von Einheiten unterschiedlicher dekadischer Ordnung, wie sie bei den Babylonern vorkamen. Auch in der Bibel wird diese Methode, offensichtlich in Anlehnung an die babylonische, zur Abschätzung großer Mengen verwendet43. Die Keilschrifttabellen hatten gegenüber den Papyrusrollen den Vorteil, dass sie nahezu unzerstörbar waren – insbesondere, wenn sie verbrannt wurden. Ein sehr reichhaltiges Material trug dazu bei, die Entdeckung der Bibliothek Assurbanipals (Sardanapals) durch Layard (siehe vorherige Seite) möglich zu machen. Dieser König (668–626 v. Chr.) unterhielt eine Bibliothek, für die er zahlreiche Werke aus anderen Archiven kopieren ließ – diese reichten bis ins Jahr 1900 v. Chr. zurück. Von dieser Sammlung sind etwa 25.000 Tafeln erhalten geblieben. Sie stellen die wichtigste Quelle für die babylonisch-assyrische Literatur dar. Für die Geschichte der Wissenschaften sind sie besonders wertvoll, da sie viele Fragmente mathematischer, medizinischer und astrologischer Werke enthalten. Angesichts der Besonderheiten und Unvollständigkeiten dieser Dokumente ist es nicht verwunderlich, dass sich zu Beginn ihrer Bekanntheit auch einige unhaltbare Kombinationen auf ihnen finden ließen.

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Die Bibliothek Sardanapals befindet sich heute im Britischen Museum. Sie wurde insbesondere in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts in Ninive ausgegraben und enthält allein etwa 4000 Tafeln mit astrologischen Aufzeichnungen. Seitdem erkannte man mit Bestimmtheit, dass die Astrologie auf die Babylonier und die Assyrer zurückgeht, während man früher darüber nur die Nachrichten der griechisch-römischen Literatur (z. B. Diodor, Bibliotheca historica 2, 29 u. f.) besaß. Die astrologischen Keilschriftfunde der Bibliothek Sardanapals sind die weitaus wichtigsten, die man kennengelernt hat.

Die Mathematik der Babylonier.

Außer der dezimalen Schreibweise findet sich bei den Babylonieren eine andere, die auf dem Sexagesimalsystem beruht und mit der Teilung des Kreisumfangs durch Abzug des Radii sowie der Einteilung des Jahres in 360 Tage zusammenhängt. Die Auffindung und die Entzifferung von Keilschrifttafeln hat bewiesen, dass das Sexagesimalsystem von den Babylonieren bereits unter Berücksichtigung des Prinzips der Stellenwertlehre angewandt wurde. So enthält eine Tafel, die 1854 bei Senkereh gefunden wurde, die ersten 60 Quadratzahlen in folgender Anordnung:
1 ist das Quadrat von 1
4 „„„„ 2
9 „„„„ 3
Anstelle von 64 „„„„ 8 usw.
heißt es jedoch 44 = 1 + 4 „„„„ 8
1 + 21 „„„„ 9
1 + 40 „„„„ 10
Dies ist nur verständlich, wenn die 1 vor 4, 21 und 40 als sexagesimale Einheit höherer Ordnung, nämlich als 60, aufgefasst wird.
Eine weitere Tafel aus Senkereh enthält die Kubikzahlen von 1 bis 32 unter Anwendung des Sexagesimalsystems und des Prinzips der Stellenwertlehre. Ob für fehlende Einheiten ein besonderes Symbol, also etwas, das der Null entspricht, verwendet wurde, ist nicht ersichtlich, weil

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Unter den Kubikzahlen von 1 bis 32 kommt keine vor, die nur aus Einheiten der ersten und dritten Stufe zusammengesetzt ist45. Neben ganzen, nach dem Sexagesimalsystem gebildeten Zahlen kommen auch Sexagesimalbrüche vor. Während die Ägypter dem Zähler ihrer Brüche den konstanten Wert 1 beilegten, begegnet uns in den Brüchen der Babylonier der konstante Nenner 60 oder 3600 (60 × 60). Die Brüche 1/2 oder 1/3 wurden durch 30/60 oder 20/60 ausgedrückt und eine der Dezimalbruchform ähnliche Schreibweise benutzt46. Das Sexagesimalsystem nahmen später die griechischen Astronomen an. Ihrem Beispiele folgten die Araber und das Mittelalter, bis endlich in der Neuzeit die dezimale Schreibweise aufkam. Die für die Geschichte der Mathematik so wichtigen Tafeln von Senkereh dürften etwa um dieselbe Zeit entstanden sein, in der das mathematische Handbuch des Ahmes in Ägypten verfasst wurde. Die Rechenkunst der Chaldäer war, nicht nur nach den gefundenen Schriftdenkmälern, sondern auch nach griechischen Quellenschriften zu urteilen, eine uralte. So heißt es bei Theon von Smyrna47, die Ägypter hätten bei der Untersuchung der Planetenbewegungen gezeichnet, die Chaldäer dagegen gerechnet, und von diesen beiden Völkern hätten die griechischen Astronomen die Anfänge ihrer Kenntnisse erhalten. Daß indessen auch die geometrischen Kenntnisse der Babylonier nicht gering waren, ist aus ihren Wandzeichnungen und ihrer hochentwickelten Baukunst – wandten sie doch bereits lange vor den Etruskern Bogengewölbe an – zu schließen. So findet sich die Sechsteilung des Kreises als bewußte geometrische Konstruktion; eine Tontafel geometrischen Inhalts enthält sogar die Dreiteilung des rechten Winkels. An die Sechsteilung des Kreises schloss sich ferner die Teilung des ganzen Kreisumfanges in 360 Grade an.

Der Ursprung der Astronomie.

Nachdem wir die Anfänge der Mathematik kennengelernt haben, wenden wir uns den frühesten naturwissenschaftlichen Problemen zu, an denen sich das mathematische Denken erproben sollte. Die am Himmel sich

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Es waren die ablaufenden Prozesse, die zunächst den Begriff eines gesetzmäßig verlaufenden Phänomens hervorbrachten. Es ist daher kein Zufall, dass man sich diesen Prozessen vor allen anderen mit forschendem Blick zuwandte und dass die Astronomie neben der Mathematik zu den ersten Tätigkeiten des menschlichen Geistes gehört, die Anspruch auf den Namen einer Wissenschaft erheben können. Auch auf diesem Gebiet waren es nicht die Griechen, die Urheber waren, sondern Hand in Hand mit der Entstehung der Mathematik entwickelte sich bei den Ägyptern und Chaldäern, begünstigt durch die wolkenlose Atmosphäre des Niltals und Mesopotamiens, eine Summe von astronomischen Kenntnissen, die für die Griechen und die späteren Völker die Grundlage für jeden weiteren Fortschritt wurden.

Die frühesten astronomischen Eindrücke, denen sich der Mensch selbst auf der tiefsten Stufe seiner Entwicklung nicht entziehen konnte, waren die scheinbare tägliche Bewegung der Gestirne, die im steten Wechsel sich wiederholenden Lichtformen des Mondes sowie die scheinbare jährliche Bewegung der Sonne mit dem dadurch bedingten Wechsel der Jahreszeiten. Eine etwas aufmerksamere Beobachtung konnte nicht übersehen, dass die Mehrheit der Sterne ihre Position zueinander nicht änderte, während die Sonne, der Mond und die bald ins Auge fallenden Wandelsterne an den Fixsternen vorbeizogen. So unterschieden bereits die älteren ägyptischen Sternkundigen die „nie ruhenden“ von den „sich nie bewegenden“ Sternen. Zu den erstgenannten zählten sie Jupiter, Saturn, Mars – den sie aufgrund seiner Farbe auch den Roten nannten –, Merkur und Venus. Die Gruppierung der Sterne zu Sternbildern als erstes Mittel zur Orientierung am Fixsternhimmel stammt nicht, wie früher angenommen, von den Griechen. Die Sternbilder entstanden vielmehr, wie die Astronomie überhaupt, im alten Orient. Ein aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert stammendes ägyptisches Verzeichnis der Planeten und Tierkreisbilder wurde vor einigen Jahren bekannt. Es lautet: Das Verzeichnis der fünf lebenden Sterne:

Horus (Saturn)
Horus, der Rote (Mars)
Stern des Thot (Mercury)
Gott des Morgensterns (Venus)

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Stern des Ammon (Jupiter).

Die Tierkreiszeichen werden als „die zwölf Sterne für jeden der zwölf Monate“ bezeichnet. Es gelang, die ägyptischen Bezeichnungen für folgende Tierkreiszeichen zu identifizieren: Waage, Stier, Zwillinge, Krebs (?), Löwe, Jungfrau, Schütze (?), Skorpion und Fische. Schon den ältesten Beobachtern muss aufgefallen sein, dass hervorragende Fixsterne bald in der Nähe der untergehenden Sonne zu sehen waren, dann in deren Strahlen verschwanden, um nach einiger Zeit vor der aufgehenden Sonne wieder aufzutauchen und schließlich erneut in der Nacht zu leuchten. So kam man zu der Erkenntnis, dass die Sonne im Laufe eines Zeitraums, der mit demjenigen übereinstimmt, innerhalb dessen sich die Jahreszeiten abspielen, einen Umlauf am Himmel vollendet. Diejenigen Sternbilder, durch die sich die Tagessonne dabei bewegt, nannte man den Tierkreis.

Unter allen Fixsternen schenkten die alten ägyptischen Astronomen Sirius die größte Aufmerksamkeit. Sie nannten ihn Sopd, woraus die Griechen Sothis machten. Mit dem heliakischen Aufgang von Sirius, der mit dem Beginn der Nilflut zusammenfiel, begann man das Jahr. Es wurde in zwölf Monate unterteilt, von denen jeder dreißig Tage umfasste. Sternwarten befanden sich in Dendera, Memphis und Heliopolis. Dort wurden alle deutlich sichtbaren Sterne aufgezeichnet und in ihrer Bewegung verfolgt. Von den auf diese Weise entstandenen Tabellen sind nur wenige Überreste bis zu uns gelangt. Den Himmel stellte man sich, wie es später der Verfasser der biblischen Schöpfungsgeschichte tat, als eine die Erde umgebende Flüssigkeit vor. Auf dieser ließ man die Gestirne schwimmen. Entsprechend sehen wir auf ägyptischen Denkmälern jedes Gestirn, durch seinen Genius in Mensch- oder Tiergestalt dargestellt, in einer Barke hinter dem Sonnengott Osiris herfahren.

Anfangs haben die Ägypter, wie wohl alle Völker, nach Monaten gezählt. Dass sie so früh zu einem Sonnenjahr übergingen, hängt damit zusammen, dass die Nilfluten, nach denen sich das Leben in Ägypten richtet, vom Lauf der Sonne abhängen. Der erste Anstieg des Nils fiel Jahrtausende lang mit dem heliakischen Aufgang von Sirius, d.h. mit seinem Erscheinen in der Morgendämmerung, zusammen.

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Den Zeitpunkt, zu dem Sirius frühmorgens wieder sichtbar wurde, ließen die Ägypter ihr Kalenderjahr beginnen. Es zerfiel in drei Jahreszeiten (Überschwemmung, Aussaat, Ernte) von je 4 Monaten zu 30 Tagen. Nach Ablauf dieser 360 Tage wurden 5 Tage eingefügt, bevor man das neue Jahr begann. Da das Jahr jedoch nicht 365, sondern etwa 365 1/4 Tage umfasste, musste sich der frühe Aufgang des Sirius alle vier Jahre um einen Tag verschieben; erst nach Ablauf von 4·365 Jahren fiel der frühe Aufgang des Sirius wieder mit dem Beginn des 365-tägigen bürgerlichen Jahres zusammen. Dass es so war, erkennt man noch an manchen Grabinschriften, die das bürgerliche und das Siriusneujahr nebeneinander angeben.

Wie die astronomischen Elemente entstanden sind, hat ebenfalls die neuere archäologische Forschung aufgezeigt. Die Astronomie wurde erst dadurch möglich, dass zur Bestimmung von Winkeln sowie zur Entwicklung des Zahlensystems und der Rechenkunst die Zeitmessung hinzukam. Als Erfinder eines Verfahrens zur genaueren Messung und Einteilung der Zeit müssen die Babylonier angesehen werden. Sie nutzten dazu Wasseruhren (Klepshydren).

Im Moment, in dem sich der obere Rand der Sonnenscheibe am Horizont zeigte, öffnete man ein mit Wasser gefülltes Gefäß, das durch kontinuierlichen Zufluss stets gefüllt blieb. Der Abfluss erfolgte tropfenweise in einen Behälter und dauerte so lange, bis sich der untere Rand der Sonnenscheibe vom Horizont löste. Von diesem Moment an sammelte man das abtropfende Wasser in einem zweiten, größeren Behälter, bis die Sonne am folgenden Morgen wieder aufging. Die Wassermengen im kleineren sowie im größeren Behälter wurden genau gewogen. Sie ergaben nicht nur ein bestimmtes Zeitverhältnis, sondern auch mit einiger Genauigkeit das Verhältnis des scheinbaren Sonnendurchmessers zum ganzen Kreis. Wenn die Wassermengen q und Q waren, ergab sich für den Durchmesser D der Sonne aus (Q + q) : q = 360° : D ein Wert von etwa einem halben Grad. Deshalb setzten die Babylonier das Verhältnis des Sonnendurchmessers zur Ekliptik auf 1 : 720.

Genau wäre dieses Verfahren natürlich nur am Äquator möglich gewesen. Da jedoch die Neigung der Erdkugel im Land der Chaldäer nicht allzu groß ist, ergab sich ein für grobe Messungen ausreichendes Ergebnis. Aus den

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Aus den babylonischen Überlieferungen geht außerdem hervor, dass man das Sonnenjahr mit 365 Tagen berechnete und bereits die ungleich schnellere Bewegung der Sonne im Laufe eines Jahres bemerkte56. Den Tag teilten die Chaldäer in 12 Doppelstunden ein. Die Doppelstunde entstand, indem man die Zeit, die die Sonnenscheibe benötigte, um am Himmel um ihren eigenen Durchmesser voranzukommen – eine Zeit, die man als Doppelminute bezeichnen kann – gemäß dem Sexagesimalsystem mit 60 multiplizierte. Dieses durch die Verbindung von Mathematik und Astronomie gewonnene System der Zeitmessung blieb auch in der Folgezeit bestehen; dadurch wird bereits allein die kulturelle Bedeutung Babyloniens deutlich. Dass später der Zeitabschnitt, nach dem der Tag unterteilt wurde, sowie die darin enthaltenen Untereinheiten halbiert wurden, wodurch die heutige Stunde, Minute und Sekunde entstanden, ist von geringerer Bedeutung. Die Astronomie wurde von den ältesten Völkern nicht nur wegen ihres Nutzens gepflegt; sie diente zugleich als Lehre über Vorzeichen, weshalb sie aufgrund der fatalistischen, von der Fantasie geprägten Mentalität der Orientalen sehr bald zur Astrologie wurde. Hinzu kam, dass diese Wissenschaft insbesondere von der Priesterkaste gepflegt wurde, die versuchte, ihren Einfluss zu steigern, indem sie ihre Handlungen mit dem Schleier des Übernatürlichen und Geheimnisvollen umhüllte. Die Anfänge der Astrologie, der man einen semitischen Ursprung zuschreibt, finden sich bei den Sumerern. Insbesondere der Venus wurde von ihnen Bedeutung beigemessen; auch die Symbole der Sonne und des Mondes tauchen in ihren Dokumenten auf. Neben diesen Symbolen findet sich oft eine Schlange, die vielleicht die Milchstraße darstellen sollte. Erst nachdem der Stamm der Chaldäer um 1000 v. Chr. nach Babylonien eingedrungen war, entwickelten sich die Anfänge einer wissenschaftlichen Astronomie. Von diesem Volkstamm ging der Name „Chaldäer“ auf die babylonische Priesterkaste über. Wie diese Namensübertragung zustande kam, ist nicht bekannt57. Nun wurde der Äquator sowie die Ekliptik – stets mit dem Hauptziel, die astrologischen Untersuchungen methodischer zu gestalten – in 360 Grade unterteilt; man nutzte die Tierkreiszeichen, beobachtete die Wandelsterne und sammelte zahlreiche Sternbeobachtungen, insbesondere seit der Herrschaft…

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Nabonassar (747–734), der später von den Astronomen in Alexandria verwendet wurde, sodass wir ihn auch heute noch im Almagest58 antreffen. Was vor der chaldäischen Epoche an astronomischem Wissen existierte, verdient nicht den Namen einer wissenschaftlichen Himmelskunde. Daraus, dass man auf alten steinernen Urkunden manchmal ein Sternbild mit dem Bild einer Gottheit verbindet findet, darf man keine allzu weitreichenden Schlüsse ziehen59.

Es ist nicht verwunderlich, dass uns unter den astrologischen Planetenbeobachtungen am häufigsten solche über die Venus begegnen. Schließlich ist sie, abgesehen vom Mond und der Sonne, der einzige Himmelskörper, der manchmal am Tag, sogar zur Mittagszeit, wahrgenommen werden kann. Die Annäherung der Venus an Jupiter, Mars und Saturn, ihr Eintritt in den Hof des Mondes, ihr Verschwinden und ihre Wiederkehr galten als bedeutungsvolle Ereignisse. Dass die Venus als Abend- und als Morgenstern derselbe Himmelskörper ist, wussten die Babylonier bereits in der früheren Phase ihrer Astronomie, d.h. um 2000 v. Chr. (siehe Abb. 3.)

Abb. 3. Keilschriftprobe.

Dilbat ina sensi adi Istar kakkabi
Dilbat ina âribi Bilit ili

Die Übersetzung lautet:
Die Delephat bei Aufgang der Sonne ist
die Istar unter den Sternen,
die Delephat bei Untergang der Sonne
ist die Beltis unter den Göttern.

Das bedeutet, dass die Delephat, d.h. die Venus,
als Morgenstern der Stern der Istar-Astarte und
als Abendstern der Stern der Beltis-Baaltis ist.
(III. Rawlinson 53, 36. 37.)

Nach den bisherigen Erkenntnissen zählen die Texte etwa 200 Fixsterne und Sternbilder auf. Unter diesen treten bereits früh als wichtigste bestimmte Tierkreiszeichen in Erscheinung (Stier, Löwe, Zwillinge). Die Zugehörigkeit

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Von zwölf Tierkreiszeichen an ebenso viele Regionen der Ekliptik findet sich indessen erst in späteren rein astronomischen Texten. Neben den Keilschrifttafeln (s. Abb. 4) sind auch die Darstellungen zu erwähnen, die sich auf Grenzsteinen, Reliefs und Grabdenkmälern finden; sie gehen bis ins 14. Jahrhundert zurück. Der hier wiedergegebene Grenzstein umfasst 16 Symbole. Auf der dargestellten Seite befinden sich zuoberst die Venus, dann die Mondsichel und daneben die Sonne. Die linke Seite zeigt eine thronende Gottheit, zu deren Füßen ein Hund sitzt. In Kopfhöhe sehen wir einen Skorpion und darunter, in der Höhe der Arme, eine Lampe. Regelmäßige Beobachtungen der Bahnen, welche die Planeten am Fixsternhimmel beschreiben, setzen erst um 750 ein. Später werden die fünf Planeten bestimmten Gottheiten zugeordnet und gelten als „Lenker der Schicksale“. Seitdem wird die Sternbeobachtung von Astrologie und Fatalismus bestimmt – und allein diese Periode ist es, von der die alten Schriftsteller Herodot (um 450 v. Chr.), Diodor (um 450 v. Chr.) und Plinius (70 n. Chr.) berichten. Abb. 4: Babylonischer Grenzstein.

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Seit der Entdeckung der Keilschriftfunde (die erste Übersetzung von Keilschrifttafeln astronomischen Inhalts erschien im Jahre 1874) wurde nachgewiesen, dass einige Namen von Sternbildern, in der von den Griechen und uns beigelegten Bedeutung, bereits bei den Babyloniern vorkamen. In Mesopotamien aufgefundene Grenzsteine weisen sogar graphische Darstellungen der Tierkreiszeichen auf, deren wir uns noch heute in Sternatlanten bedienen. Wie es noch heute der Fall ist, teilten die Chaldäer den Tierkreis in 12 Sternbilder ein. Unter diesen finden sich die Waage, der Widder, der Stier, die Zwillinge, der Skorpion und der Schütze, die wir bis heute kennen. Die übrigen Darstellungen haben sich verändert. Von Babylon aus verbreitete sich die Zweiteilung der Sonnenbahn anschließend nach Ägypten und in die griechische Welt. So wurde Anfang des 19. Jahrhunderts in Dendera (Oberägypten) an der Decke eines Tempels eine Darstellung des Tierkreises entdeckt, die sich heute in Paris befindet. Die Tierkreiszeichen sind hier in die ägyptischen Darstellungen eingefügt (Abb. 5). Anfangs wurde diesem Dokument ein sehr hohes Alter zugeschrieben. Heute gilt jedoch als erwiesen, dass der Tierkreis von Dendera aus der Zeit der römischen Herrschaft stammt. Man geht außerdem davon aus, dass die Griechen ihre Zeichen von den Chaldäern übernahmen und dass die Ägypter die chaldäischen Zeichen mit ihren eigenen Darstellungen verbanden.

Abb. 5. Der Tierkreis von Dendera.

Wi = Widder; Str = Stier; Z = Zwillinge;
K = Krebs; L = Löwe; J = Jungfrau; W = Waage.

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Sk = Skorpion; Sch = Schütze; Ste = Steinbock;
Wt = Wassermann; F = Fische.

Für die astrologische Richtung der ältesten Astronomie spricht ein chaldäisches Literaturdenkmal, das etwa zur gleichen Zeit entstand, als in Ägypten das älteste auf uns gelangte mathematische Lehrbuch geschrieben wurde (um 1700 v. Chr.). Es handelt sich um einen mit astrologischen Prophezeiungen versehenen Vorhersehungskalender, den die moderne Orientforschung entschlüsselt hat. Dieser Kalender enthält Vorhersagen von Sonnen- und Mondfinsternissen sowie Andeutungen darüber, welche Ereignisse die Folge dieser Finsternisse sein würden.

In besonders hohem Maße richteten ungewöhnliche, die Menschheit in abergläubische Furcht versetzende Himmelserscheinungen, wie Sonnen- und Mondfinsternisse sowie Kometen, die Aufmerksamkeit auf die Sternenwelt. Auch bezüglich dieser Erscheinungen wurden zuerst Aufzeichnungen gemacht. Bei den Chinesen, Ägyptern und Chaldäern reichen diese Aufzeichnungen Jahrtausende vor dem Beginn unserer Zeitrechnung zurück.

Welcher Zeitraum mag vergangen sein, bis die Chaldäer endlich die Regel erkannten, dass die Wiederkehr der Sonnen- und Mondfinsternisse alle 6585 Tage stattfindet? Für das hohe Alter der orientalischen Astronomie spricht auch die Erzählung, dass Aristoteles die Begleiter Alexanders des Großen bat, in Babylon nach den alten astronomischen Beobachtungen der Chaldäer zu forschen. Daraufhin sollen Ziegel nach Griechenland gelangt sein, auf denen Beobachtungen aus einer Zeit vor mehr als 2000 Jahren eingraviert waren. Die chinesischen Aufzeichnungen über Kometen reichen vermutlich ebenso weit zurück. Die astronomischen Jahrbücher der Ägypter berichten schließlich von nicht weniger als 373 Sonnen- und 832 Mondfinsternissen, die vor Beginn der alexandrinischen Periode beobachtet wurden.

Die Dauer eines Sonnenjahres wurde in Ägypten wie in Babylon anfangs auf 12 Monate berechnet, wovon jeder 30 Tage umfasste – insgesamt also 360 Tage. Jeder Monat gliederte sich in 3 Dekaden, das Jahr somit in 36 Dekaden, denen jeweils 36 besondere Sterne und Sternbilder zugeordnet wurden. Die Abweichung eines Zeitraums von nur 360 Tagen vom tropischen Jahr mit 365½ Tagen war jedoch so groß, dass sie bereits in der ältesten Zeit auffiel. Deshalb wurden nach jedem Jahr 5 Tage hinzugefügt, die man „die übrigen Tage“ nannte. Diese Änderung…

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Die Zeitrechnung existierte bereits während des Alten Reiches – ja, die Ägypter selbst datieren sie sogar auf die Zeit vor Menes zurück. Doch auch nach Einführung dieses Systems stellten die Ägypter nach längerer Zeit fest, dass das Jahr zu kurz bemessen war, wodurch eine Verschiebung der Feste eintrat. Diese Beobachtung führte schließlich zu einer Verordnung vom Jahr 238 v. Chr., wonach jedes vierte Jahr mit 366 Tagen berechnet werden sollte, „damit es nicht dazu kommt, dass einige der öffentlichen Feste, die im Winter gefeiert werden, eines Tages im Sommer stattfinden“.

Die Ägypter sind also das Volk, dem wir die Einführung des Schaltjahres verdanken. Die astronomischen Berater, die Caesar bei seiner Kalenderverbesserung im Jahr 46 v. Chr. konsultierte, kannten nämlich die in Ägypten getroffene Regelung. Dies schmälert jedoch keineswegs Caesars Verdienst; ihm verdankt die Abendwelt die bis ins 16. Jahrhundert andauernde Festlegung ihrer Zeitrechnung, die so sehr in Unordnung geraten war, dass im Jahr 46 v. Chr. nicht weniger als 85 fehlende Tage hinzugefügt werden mussten.

Bis ins 19. Jahrhundert beschränkte sich unser Wissen über die Astronomie der Antike im Wesentlichen auf das, was uns die Griechen darüber überliefert hatten. Ein viel tieferes Verständnis für die Entstehung der Astronomie brachte uns die Entzifferung von Keilschriftfunden, in denen die Chaldäer ihre astronomischen Erkenntnisse festgehalten haben. Heute gilt es als sicher, dass die Babylonier den Äquator und die Ekliptik, die meisten Sternbilder des Tierkreises sowie der übrigen Himmelsregionen sowie die Wandelsterne bereits entdeckt hatten und dass sie die Sterne systematisch beobachteten – lange bevor die Griechen damit begannen.

Zunächst wurde durch die Keilschriftforschung Capella (ein Fixstern erster Größe im Sternbild Fuhrmann) anhand von Darstellungen identifiziert. Danach geschah dasselbe für zahlreiche Sterne der Ekliptik. Sehr alt sind nicht nur die Tierkreiszeichen, die man auf Grenzsteinen aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. fand, sondern auch die Einführung der etwa 30 Planeten- und Mondstationen, deren Nutzung von Babylon vermutlich nach Indien und China überging.

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Außerdem begegnen uns bereits in sehr alten Keilschrifttexten Namen für die Planeten. Sie werden mit bestimmten Gottheiten in Verbindung gebracht – so Venus mit Istar (Astarte?), Mars mit dem Kriegsgott. Diese Zuordnung kommt bekanntlich fast immer wieder vor und lässt sich durch die rötliche Farbe des Gestirns erklären.
Die Planetenbeobachtungen der Babylonier beschränken sich im Wesentlichen auf die Angabe der Position zu den Sternbildern, der Oppositionen und der Kehrpunkte sowie der heliakischen Auf- und Untergänge. Ein Beispiel ist folgendes: „Im 7. Jahr des Kambyses, am 22. Abu des Jahres 523 v. Chr. befand sich Jupiter im ersten Teil von Siru (der Jungfrau) im heliakischen Untergang.“
Die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie die Kometen wurden frühzeitig als Vorzeichen von ganz besonderer Bedeutung angesehen und aus diesem Grund mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Es finden sich auch Berichte über die Position, die bestimmte Planeten während einer Finsternis einnahmen. Solche, aus astrologischem Interesse unternommenen Aufzeichnungen reichen äußerst weit zurück. Aus ihnen entwickelte sich ein regelmäßiger Beobachtungsdienst, der bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. zurückreicht und sich nach der Regierungszeit Sardanapals, während des Neubabylonisch-Chaldäischen Reiches, wie neuere Erkenntnisse zeigen, zu großer Blüte entwickelte.
Das erwähnte, der Bibliothek Sardanapals entstammende astrologische Werk enthält Listen von Fixsternen, Angaben über Planeten, Kometen, Meteore, Finsternisse usw. Doch scheint weniger Wert auf die Fakten selbst als auf die ihnen zugeschriebene Bedeutung gelegt worden zu sein. Seit 700 v. Chr. zeigt sich jedoch deutlich das Bestreben, die Bewegungen der Himmelskörper mit möglichster Genauigkeit räumlich und zeitlich zu verfolgen. Die Winkel werden bis auf 6 Minuten, der Zeitablauf bis auf 3/4 Minute genau bestimmt. Die Zeitunterschiede zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang wurden so genau ermittelt, dass die erhaltenen Angaben auch für die heutige Astronomie von Wert sind. Laut Kugler, der sich um die Entzifferung der astronomischen Keilschrifttexte den größten Verdienst erworben hat, war es mithilfe dieser Texte möglich, einen Fehler aufzudecken, den die heutigen Berechnungen der Mondbewegung aufwiesen. Wie weit sich die Genauigkeit einer

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Die Bestimmung durch die über lange Zeiträume fortgesetzte Beobachtung einer periodischen Bewegung lässt sich erhöhen – das zeigt folgendes Beispiel. Die Babylonier ermittelten, dass der Mond in 669 Monaten 72332/360 Umläufe am Fixsternhimmel zurücklegt79. Daraus ergibt sich für die mittlere Dauer des synodischen Monats ein Wert von 29 Tagen 12 Stunden 44 Minuten 7,5 Sekunden. Die heutige Astronomie berechnet den mittleren synodischen Monat auf 29 Tage 12 Stunden 44 Minuten 2,9 Sekunden. Die Abweichung beträgt somit nur wenige Sekunden. Die mittlere tägliche Bewegung des Mondes, d.h. den Bogen, den dieses Gestirn durchschnittlich in 24 Stunden zurücklegt, bestimmten die Babylonier80 auf 13° 10’ 35”. Mit derselben Sorgfalt wurden auch die Bewegungen der Planeten verfolgt. Sie galten den Babyloniern genauso wie Mond und Sonne als göttliche Wesen, und ihre Wanderung durch die Sternbilder des Tierkreises, den die Babylonier als das „himmlische Erdreich“ bezeichneten, war ihrer Ansicht nach von entscheidender Bedeutung für die Geschichte der Erdbewohner81. Diese mythologische Grundlage der babylonischen Sternkunde hat bereits Diodor beschrieben. Er schreibt dazu: „Die Chaldäer82 behaupten, die Welt sei ihrem Wesen nach ewig, sie habe nie einen Anfang genommen und könne auch niemals untergehen; aber durch eine göttliche Vorsehung sei das Universum geordnet und gestaltet worden, und noch seien alle Veränderungen am Himmel keine Folge des Zufalls oder innerer Gesetze, sondern einer bestimmten und unveränderlichen Entscheidung der Götter. Über die Gestirne haben die Chaldäer seit langem Beobachtungen angestellt, und niemand hat die Bewegungen sowie die Kräfte der einzelnen Sterne genauer erforscht als sie. Deshalb können sie auch so viel über die Zukunft vorhersagen. Am wichtigsten ist ihnen die Erforschung der Bewegungen der fünf Sterne, die man Planeten nennt. Sie nennen sie ‚Verkünder‘. Dem, der bei uns Saturn heißt, geben sie als dem herausragendsten, dem sie die meisten und bedeutendsten Prophezeiungen zuschreiben, den Namen ‚Sonnenstern‘. Die vier anderen haben bei ihnen dieselben Bezeichnungen wie bei unseren Astronomen: Mars, Venus, Merkur und Jupiter. Sie nennen die Planeten ‚Verkünder‘, weil diese, während die anderen Sterne niemals von ihrer regulären Bahn abweichen, jeweils ihre eigenen Bahnen verfolgen.“

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Die Zukunft andeuten und den Menschen die Gnade der Götter kund machen.
Vorbedeutungen, sagen sie, könne man teils an dem Aufgang, teils an dem
Untergang der Planeten erkennen, manchmal auch an ihrer Farbe, wenn
man aufmerksam darauf achte. Bald seien es heftige Stürme, die sie
anzeigen, bald ungewöhnlich nasse oder trockene Witterung, zuweilen
Erscheinungen von Kometen, Sonnen- und Mondfinsternissen, überhaupt
Veränderungen jeder Art im Luftraum, welche Nutzen oder Schaden
bringen für ganze Völker und Länder nicht nur, sondern auch für Könige
und gemeine Leute. Dem Laufe der Planeten seien Sterne untergeordnet,
welche ‚beratende Götter‘ heißen. Die eine Hälfte dieser Sterne führe
die Aufsicht in dem Raum über der Erde, die andere unter der Erde. So
überschauten sie, was unter den Menschen und was am Himmel vorgehe. Je
nach 10 Tagen werde von den oberen zu den unteren einer der Sterne als
Bote gesandt und ebenso wiederum einer von den unteren zu den oberen.
Die Bewegung der untergeordneten Sterne sei fest bestimmt und gehe
regelmäßig fort im ewigen Kreislauf. ‚Fürsten der Götter‘ gebe es zwölf,
und jedem von ihnen gehöre ein Monat und eines der zwölf Zeichen des
Tierkreises zu, durch welche die Bahn der Sonne, des Mondes und der fünf
Planeten gehe. Dort vollende auch die Sonne ihren Kreis in einem Jahre,
und der Mond durchlaufe dort seinen Weg in einem Monat.«
Die chaldäischen Priester haben ihre astrologische Tätigkeit auch nach dem
Beginn der Perserherrschaft eifrig weitergeführt. Ähnlich wie die Mönche der
späteren Zeit erblickten sie ihre Hauptaufgabe darin, dass sie das
vorhandene Wissen durch Abschriften bewahrten. Ihr Ansehen beruhte vor
allem darauf, dass sie aus den Sternen das Schicksal von Menschen und Völkern
voraussagten. Zu diesem Zweck unterhielten sie in Verbindung mit den
Tempeln Observatorien und an diesen wieder Schulen. Ihre Beobachtungen
führten zu bestimmten Zahlen, nach denen sie Finsternisse und
Sternkonjunktionen berechneten. Solche Berechnungen sind noch auf
Tontafeln erhalten, z. B. diejenige über die Mondfinsternis vom 16. Juli
523, die in den Almagest übernommen wurde. Nach der herrschenden
Auffassung sollten sich die Götter in den Gestirnen, besonders in den
Planeten, verkörpert haben und diese wiederum die irdischen Vorgänge
bestimmen. Es galt daher, für jede wichtige Handlung den richtigen Zeitpunkt
zu bestimmen und ungünstige Konstellationen zu vermeiden. Eine Priesterschaft,
die es wie die chaldäische verstand, diesen Glauben zu pflegen, besaß dadurch

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Macht und Ansehen sowie die Möglichkeit, reiche Mittel zu erwerben83.
Bei den Planeten achteten die Chaldäer vor allem auf die gegenseitige Position, ihre Entfernung von Mond und Sonne, den Wechsel der Bewegungsrichtung und ihren Kehrpunkt. Man kann sich leicht vorstellen, mit welcher Spannung die alten Astronomen z. B. das Verschwinden der Venus in den Strahlen der Abendsonne (den heliakischen Untergang des Planeten) und ihr Wiederauftauchen kurz vor Sonnenaufgang (den heliakischen Aufgang der Venus) verfolgten.
Die Beobachtungen der heliakischen Auf- und Untergänge bildeten das Fundament der Planetenkunde84. Die Umlaufszeit eines Planeten ist bekanntlich diejenige Zeit, nach welcher der Planet, von der Sonne gesehen, wieder bei demselben Fixstern angelangt ist. Nun lässt sich wohl der geozentrische Ort des Planeten direkt beobachten, nicht aber der heliozentrische. Dagegen war man in der Lage, durch die Beobachtung der heliakischen Auf- und Untergänge wenigstens annähernd die Zeit zu bestimmen, die zwischen zwei Konjunktionen des Planeten mit der Sonne verläuft, d. h. die synodische Umlaufszeit zu ermitteln. Ließen sich die Konjunktionen selbst auch nicht beobachten, so nahmen die Planeten doch während der heliakischen Auf- oder Untergänge dieselbe relative Position zur Sonne ein.
Um die Wanderung eines Planeten durch die Tierkreisbilder zu verfolgen, ist kein Gestirn geeigneter als Jupiter. Sein Durchgang zwischen den Hyaden und den Plejaden z. B. ist ein astronomisches Schauspiel, das sich den ältesten Beobachtern des Himmels unbedingt einprägen musste. Dass sich der Vorgang nach etwa 12 Jahren und beim Saturn nach etwa 30 Jahren wiederholt, musste frühzeitig auffallen. Während für diese beiden, von Sonne und Erde weit entfernten und außerhalb der Erdbahn befindlichen äußeren Planeten die Umlaufbewegung, vom geozentrischen und vom heliozentrischen Standpunkt aus gesehen, sich annähernd deckt, waren die Erscheinungen für Mars, Venus und Merkur aufgrund ihrer Nähe bedeutend komplizierter. Doch ergaben die beiden scheinbaren Stillstände, die Opposition des Mars und das Verschwinden in den Sonnenstrahlen, auch für diese Planeten eine Periode von steter Wiederkehr und bestimmter Dauer.

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Zur Zeit der Seleukiden gelangte man sogar zu Planeten-Ephemeriden. Für Saturn wurde beispielsweise eine Periode von 59 Jahren, für Venus eine solche von 8 Jahren ermittelt. Der Fehler in der erstgenannten Periode betrug etwa einen halben Grad. Die aus den Ephemeriden berechnete Bewegung der Venus wich von der beobachteten sogar nur um 5 Minuten ab85.
Venus galt zusammen mit Mond und Sonne als die Herrscherin des Tierkreises. Die Symbole dieser Dreieinigkeit erscheinen seit dem 14. Jahrhundert auf den Spitzen der Grenzsteine (siehe Abb. 4 auf S. 26)86. Diese Bedeutung der Venus erklärt sich daraus, dass sie alle übrigen Planeten an Glanz weit übertrifft. Beeinflusst durch die chaldäische Weisheit nennt daher Plinius die Venus die Rivalin von Sonne und Mond, denn sie verbreite ein so helles Licht, dass es Schatten werfe.
Mit derselben Sorgfalt wie die Bewegung der Sonne haben auch die Babylonier die Mondbewegung verfolgt. Welcher lange Zeitraum muss dafür erforderlich gewesen sein, bis ihre Aufzeichnungen jene Periode von 223 synodischen Monaten erkannten, innerhalb derer der Mond bezüglich seiner Knoten und seiner Entfernung von der Erde fast zur gleichen Stellung zurückkehrt. Jene Periode von 18 Jahren und 11 Tagen bezeichneten die babylonischen Astronomen als Saros. Die Kenntnis dieser Periode ermöglichte ihnen die Vorhersage von Finsternissen. Auch Ptolemäus handelt in seinem Almagest, dem bedeutendsten astronomischen Lehrbuch der Antike, von dem wir später noch ausführlich sprechen werden, von mehreren Mondfinsternissen, die die Chaldäer aufzeichneten. Die älteste chaldäische Beobachtung einer Mondfinsternis, die Ptolemäus verwendete, stammt aus dem Jahr 721 v. Chr. Dass Ptolemäus nicht auf noch ältere, zweifellos vorhandene chaldäische Daten zurückgriff, ist wohl daran zu erklären, dass er den älteren Angaben keine ausreichende Genauigkeit zuschrieb87. Die letzten chaldäischen Beobachtungen, die Ptolemäus erwähnt, stammen aus der Zeit um 240 v. Chr. Sie beziehen sich auf Vergleiche von Merkur und Saturn in ihrer Stellung zu den Fixsternen.
Um die erwähnte Zeit hatte indessen bereits eine gegenseitige Durchdringung chaldäischer und griechischer Gelehrsamkeit stattgefunden. Schon um 280 v. Chr. schrieb der Babylonier Berosos88 über die Geschichte seines Volkes ein Werk in griechischer Sprache, von dem leider nur Bruchstücke bei anderen Schriftstellern erhalten sind. Es ist umso bedauerlicher, als das Werk einige Informationen über die Sternkunde der

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Die Chaldäer enthielt. Auch die jetzt durch die Keilschriftforschung erwiesene, offensichtliche Übereinstimmung der biblischen mit der babylonischen Schöpfungsgeschichte geht bereits aus dem Bericht des Berosos hervor89. Von den Chaldäern wanderte auch das älteste astronomische Instrument, der Gnomon, nach den Zeugnissen Herodots nach Griechenland. Wann dies geschah, lässt sich mit Sicherheit nicht feststellen, zumal von alten Schriftstellern verschiedenen Personen (darunter Anaximander um 550 v. Chr.) das Verdienst zugeschrieben wird, dieses wichtige Instrument in Griechenland eingeführt zu haben.
Der Standpunkt, den die Astronomie bei den Chaldäern schließlich erreicht hatte, lässt sich in der Kürze wie folgt kennzeichnen90: Beobachtungen, bei denen die Winkel bis auf 6’ und die Zeit bis auf 40” genau bestimmt waren, reichten bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurück. Der Lauf der Sonne und die ungleiche Länge der Jahreszeiten waren bekannt. Vielleicht besaß man sogar eine grobe Kenntnis der Präzession der Tag- und Nachtgleichen91. Die Länge der Monate hatte man mit einer Genauigkeit ermittelt, die der von Hipparch erreichten gleichkam. Die Begründung der Trigonometrie war durch eine Art Sehnenrechnung vorbereitet worden, so dass auch hierin die Chaldäer als Vorgänger der Alexandriner, insbesondere von Hipparch, gelten können. Schließlich konnte man mit Hilfe von Ephemeriden den Lauf des Mondes und der Sonne sowie das Eintreten von Finsternissen mit ziemlicher Sicherheit angeben.
Die besonders von Winckler vertretene Annahme vom hohen Alter der babylonischen Astronomie wurde neuerdings von Kugler auf das richtige Maß zurückgeführt92. Nach ihm gab es vor dem 8. Jahrhundert noch keine Himmelsbeobachtungen wissenschaftlicher Genauigkeit. Man kann den Babyloniern daher nach Kugler auch nicht die Entdeckung der Präzession zuschreiben, wie es Winckler (siehe Anm. 4 S. 36) getan hat.
Wenn wir das Ziel der Wissenschaft darin sehen, dass man das Eintreten zukünftiger Erscheinungen mit einem gewissen Grad von Genauigkeit vorhersagen kann, dann müssen wir zugeben, dass die Babylonier diesen Standort auf dem Gebiet der Astronomie bereits erreicht hatten. Anscheinend beruhte das astronomische Wissen von Hipparch und Ptolemäus, an die im 15. Jahrhundert Regiomontanus und

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Sie knüpften an Kopernikus an – letztendlich an die in Babylonien geschaffenen Grundlagen der Sternkunde93. Ptolemäus bezieht sich 13 Mal auf babylonische Beobachtungen; sie fallen alle in die Jahre 721–229 v. Chr. Danach nahm die Astronomie zumindest teilweise ihren Weg nach Griechenland über Ägypten94. Auch ihre astronomischen Hilfsmittel verdankten die Griechen teilweise den Babyloniern – genauso wie sie die Ekliptiksterne, die Einteilung der Ekliptik in 360 Grad und vieles mehr übernahmen. Durch die Babyloniern wurden sie außerdem mit der Sarosperiode (siehe S. 35) sowie mit der mittleren täglichen Geschwindigkeit des Mondes (13° 10’ 36’’) vertraut.

Die ersten Maße und Gewichte

Über die von den alten Völkern verwendeten Maße und Gewichte haben bereits vor 80 Jahren Boeckh, den man als Begründer der vergleichenden Metrologie betrachten kann, eingehende Untersuchungen durchgeführt95. Boeckh kam zu dem Schluss, dass die meisten antiken Systeme von den Babyloniern stammten, dass sich bei dieser Entwicklung jedoch auch in einem nicht geringen Maße ein ägyptischer Einfluss zeigte. Diese Auffassung wurde auch durch neuere archäologische Forschungen bestätigt und weiter vertieft96. Die Babyloniern fanden nicht nur die Mittel zur Zeitmessung sowie eine Zeitmaßgröße, die bis heute erhalten geblieben ist, sondern sie schufen, wie neuere archäologische Forschungen zeigen, auch ein Maß- und Gewichtssystem, das für das Altertum von grundlegender Bedeutung war. Die Einheit zur Längenmessung, die Doppelelle, war 9921/3 mm lang. Diese Maßeinheit wurde kürzlich auf Statuen bei Ausgrabungen entdeckt. Dass die babylonische Doppelelle und das Sekundenpendel fast übereinstimmen97, lässt sich wohl als Zufall betrachten. Man nimmt hingegen an, dass die Gewichtseinheit, die Mine, genauso wie das heutige Kilogramm, nach einem bestimmten Prinzip aus der Längeneinheit abgeleitet wurde98. Wenn man die Doppelelle nämlich in 10 Teile teilt und dieses Zehntel als Kantenlänge für einen Würfel wählt, den man mit Wasser füllt, dann ergibt sich…

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Das Gewicht dieser Wassermasse liegt sehr nahe bei einem Kilogramm, da die Doppelleine nur geringfügig vom Meter abwich. Das Gewicht dieser Wassermasse stimmt fast mit der Mine (984 g) überein. Die Hälfte dieses Gewichts, die leichte Mine von 492 g, war während des gesamten Altertums in Gebrauch.

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Abb. 6. Altbabylonisches Gewichtsstück. Nach Layard.

Abb. 7. Waage, entnommen einem altägyptischen Totenbuch.

Mit der Anwendung des Hebels zur Abwägung von Waren, Heilmitteln usw. waren bereits die ältesten Kulturvölker vertraut. Die Ausgrabungen in Mesopotamien haben zahlreiche, manchmal sehr handlich gestaltete (siehe Abb. 6) Gewichtsstücke zutage gefördert. In Ägypten fand man nicht nur solche bis hin zu Stücken, die nur wenige Gramm wiegen, sondern auch zahlreiche Darstellungen von Wagen (siehe Abb. 7). Die ägyptischen Wagen waren alle zweiarmlig. Am oberen Teil des Gestells befand sich ein Lot, um die richtige Einstellung der Waage zu überprüfen. Die Ägypter müssen in der Lage gewesen sein, bereits ziemlich empfindliche Waagen herzustellen. Aus den Rezepten des Papyrus Ebers geht nämlich hervor, dass man als kleinstes Gewichtsstück eines verwendete, das nur 0,71 g wog100. Nach den bisherigen archäologischen Erkenntnissen haben die Ägypter die ungleicharmige Waage noch nicht verwendet. Dass die Ägypter

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Doch dass die Wirkung des Hebelgesetzes bereits in der Urzeit bekannt war, beweisen die Wandmalereien von Theben. Die auf dem Prinzip des Hebelgesetzes beruhende Schnellwaage begegnet uns zunächst in Italien. Gut erhaltene Exemplare wurden in Etrurien und in Pompeji ausgegraben101.

Die Anfänge der Metallurgie und anderer chemisch-technischer Gewerbe.

Nicht nur in den Bereichen der Mathematik und der Astronomie, die wir bisher vorzugsweise betrachtet haben, erreichten die Babylonier und die Ägypter im Großen und Ganzen denselben Entwicklungsstand, sondern auch in anderen Bereichen war das Niveau des Wissens und der Kultur bei diesen beiden uralten Völkern, die unter nahezu gleichen Bedingungen lebten und wohl auch verwandt waren, fast identisch. So haben neuere Forschungen gezeigt, dass die Babylonier genauso wie die Ägypter Eisen herstellten und verarbeiteten. Schon Lepsius wies darauf hin102, dass auf den, auch in den Farben gut erhaltenen, ägyptischen Wandbildern der Kriegshelm blau dargestellt ist. In dem Grab von Ramses III. sind ebenfalls die Schwerter blau gemalt. In beiden Fällen kann es sich wohl nur um Darstellungen von eisernen Waffen handeln. Gemalte Holzlanzen aus den ägyptischen Gräbern weisen rote und blaue Spitzen auf. Daraus können wir schließen, dass neben Eisen auch Kupfer zur Herstellung von Waffen verwendet wurde. Um Granit auf eine so perfekte Weise zu bearbeiten, wie es ihre Sarkophage und Obelisken zeigen, mussten die Ägypter wohl bereits mit der Härten von Eisen vertraut sein103.
In jüngerer Zeit haben sowohl die ägyptischen als auch die babylonischen Ausgrabungen zahlreiche Belege für eine frühzeitige Bekanntschaft mit Eisen zutage gefördert. Dennoch war Eisen im alten ägyptischen Reich nach Ansicht der meisten Ägyptologen noch sehr selten im Gebrauch.
Als ältester Hinweis auf dieses Metall gilt ein Eisenstück, das in dem Mauerwerk der um 2500 errichteten Cheops-Pyramide gefunden wurde. Ähnliche Funde

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Es liegen Angaben zu diesem Thema aus anderen, fast genauso alten Pyramiden vor (E. v. Lippmann, Alchemie, 1919, S. 610).

Abb. 8. Gewinnung von Eisen nach altägyptischen Wandgemälden.

Sicher ist, dass die Erfindung des Eisens keinem bestimmten Volk zugeschrieben werden kann, sondern zu verschiedenen Zeiten überall dort stattfand, wo leicht reduzierbare Eisenerze zur Verfügung standen. Das galt nicht nur in Ägypten, sondern auch in Indien, Persien, Palästina und anderen Ländern der alten Kulturwelt. Auch in Mittel- und Südafrika mangelte es nicht an Eisenerz, und es ist anzunehmen, dass man dort ebenfalls auf eine primitive Art der Eisengewinnung stieß – eine Methode, die man sogar bei den Hottentotten findet. Ob die Ägypter durch die Nubier oder durch die Bewohner Vorderasiens mit der Eisengewinnung vertraut wurden oder ob sie sie selbstständig entdeckten, lässt sich wohl niemals mit Sicherheit entscheiden – trotz all der Kontroversen, die bereits zu dieser Frage geführt wurden.

Die Art und Weise, wie die Ägypter Eisen herstellten, geht aus der obigen Abbildung hervor. Sie verwendeten Ledermehlwerke, die mit den Füßen betätigt wurden. Ein Arbeiter bediente zwei solcher Mehlwerke; abwechselnd wurde eines davon durch Ziehen an einem Seil mit Luft gefüllt, während das andere unter dem Druck des Fußes entleert wurde. Die komprimierte Luft gelangte in eine Feuerstelle, in der das Eisenerz unter dem reduzierenden Einfluss eines Kohlenfeuers zu Eisen geschmolzen wurde. Mehlschnecken, die den altägyptischen ähneln, werden auch heute noch im Inneren Afrikas verwendet. Dass auch die Babylonier Eisen herstellten und verarbeiteten, ist nicht nur durch Keilschriftaufzeichnungen, sondern auch durch Funde von Helmen, Rüstungen und Geräten belegt.

Noch leichter als Eisen aus seinen Erzen ließ sich Kupfer aus Malachit schmelzen. Zudem besaßen die alten Ägypter Fundstätten, an

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Wo dieses Metall vorkam. So betrieb dieses Volk bereits im 5. Jahrtausend v. Chr. auf der Insel Meroë einen umfangreichen Bergbau auf Kupfer105. Metallisches Zink106 und reines Zinn waren zwar den beiden ältesten Kulturvölkern nicht bekannt107, doch verstanden sie es, durch einen Zusatz von Erzen dieser Metalle, insbesondere von Galmei, beim Niederschmelzen der Kupfererze Bronze herzustellen, deren Verwendung zu Waffen, Schmuckstücken und Geräten bis in die älteste Zeit hineinreicht. Oft tragen auch die Bronzegenstände Spuren einer Bearbeitung mit Stahl108. Am frühesten wurden Silber und besonders Gold abgebaut und verarbeitet, da beide Metalle an vielen Orten in reinem Zustand vorkamen und aufgrund ihres Glanzes und ihrer Beständigkeit geschätzt wurden. Die Ägypter betrieben Goldbergwerke in Nubien. Sie kannten die Kunst des Vergoldens und schmolzen Gold in einem bestimmten Verhältnis mit Silber zu einer Legierung zusammen. Die Goldausbeute Nubiens soll zur Zeit von Ramses II. auf viele Millionen pro Jahr geschätzt worden sein. Ein interessantes Schriftdenkmal aus jener Zeit ist ein Grundriss einer Mine, der sich auf einem in Turin aufbewahrten Papyrus aus dem 15. Jahrhundert v. Chr. befindet. Er zeigt den Plan einer Tagebaugrube für Gold in allen Einzelheiten und ist das älteste Dokument dieser Art, das uns überliefert ist109. Eine aus Kupfer hergestellte Wasserleitung weist auf einen um 2500 v. Chr. entstandenen Tempel hin, der in der Nähe des alten Memphis ausgegraben wurde. Die Leitung hatte eine Länge von 400 Metern. Die Rohre bestanden aus gegossenem Kupfer und hatten einen Durchmesser von etwa 4 cm sowie eine Wandstärke von 1 mm110. Die alte Ansicht, dass der Name Kupfer von Zypern stammt, wird heute in Frage gestellt. Kupfer wurde bereits in der Antike auch in den Alpen und in Skandinavien abgebaut. Sein lateinischer Name „Cuprum“ wurde vermutlich von den Römern von den nordischen Völkern übernommen111. Ein Beispiel für die Leistungen der alten Völker im Schmiedehandwerk ist die berühmte Eisensäule in Delhi. Sie wiegt 11.000 kg und ist etwa 2000 Jahre alt112. Die Säule besteht aus sehr reinem Eisen und ist trotz des feuchten Klimas des Landes kaum verrostet. Die Reisenden des

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Über das Mittelalter sprechen sie in Ausdrücken größter Bewunderung. Sie ist etwa 7½ m hoch und besitzt einen Durchmesser von ½ m. Hand in Hand mit der Gewinnung und der Verarbeitung der Metalle ging die Herstellung von Glas, Email, gefärbten Glaswaren und von Erzeugnissen der Töpferkunst. Sowohl in Babylonien als auch in Ägypten war man mit diesen Gewerben vertraut. Die Gläser und Emalien wurden mit Kupferoxid sowie Kobaltverbindungen rot und blau gefärbt. Dass man auch in der Kunst des Schleifens große Fortschritte gemacht hatte, beweist die Entdeckung einer Linse durch Layard in den Ruinen Ninives. Diese Linse befindet sich im British Museum; sie ist 0,2 Zoll dick und hat eine Brennweite von 4,2 Zoll. Zu welchem Zweck sie diente, lässt sich nicht angeben.
Die Glasherstellung, deren Erfindung man fälschlicherweise den Phöniziern zuschrieb, wurde bereits in ägyptischer Frühzeit betrieben. Als Materialien kamen Sand, Soda, Muschelschalen usw. zum Einsatz. Das bekannte Relief von Beni Hassan stellt nicht, wie früher angenommen, Glasbläser dar, sondern vermutlich Metallarbeiter. Das Blasen von Glas setzte nämlich erst um den Beginn unserer Zeitrechnung ein. Anfangs wurden die Gläser über einem Tonkern geformt oder die flüssige Glasmasse in Tonmodelle gegossen, die hin- und hergeschwenkt wurden, um dem abkühlenden Glas die gewünschte Form zu geben. Eine ausführliche Darstellung über das Glas in der Antike verdankt man A. Kisa (A. Kisa, Das Glas im Altertume. 978 Seiten mit 395 Abbildungen im Text sowie zahlreichen Tafeln. Leipzig, K. W. Hiersemann 1908). Kisa erwähnt ägyptische Glasfabriken, die zur Zeit von Amenophis IV. in Tell el Amarna existierten. Die Ägypter vertickten ihre Erzeugnisse – beispielsweise Glasperlen – bereits im Massenexport. Von Ägypten aus wurden die Phönizier sowie die anderen Völker des Mittelmeerraums mit der Herstellung und künstlerischen Verarbeitung von Glas vertraut gemacht.
Von anderen chemisch-technischen Gewerben wurde nicht nur die Töpferkunst unter Verwendung von Email betrieben, sondern auch die Färbekunst mithilfe von Alaun als Färbemittel. Als Mineralfarben kamen Zinnober sowie Eisenoxide zum Einsatz, wie sie in der Natur vorkommen. Mennige, Bleichweiß und Kienruß wurden künstlich hergestellt.

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In Ägypten vorkommendes Soda aus den Natronseen, das mit Öl behandelt wurde, führte zur Erfindung der Seife.

Die Anfänge der Heilkunde.

Auch die Heilkunde besitzt ein erstaunlich hohes Alter. Vieles darüber ist aus den in Ägypten gefundenen Papyri sowie aus babylonischen Keilschrifttexten bekannt geworden; doch ist es oft nicht möglich, anhand der Beschreibungen die Krankheiten wiederzuerkennen. Welche Entwicklung die Heilkunde in Ägypten genommen hat – ein Land, das außerdem als gesund galt – erkennen wir an den Angaben von Herodot. Er berichtet: „Die Heilkunde ist bei ihnen aufgeteilt; jeder Arzt befasst sich mit einer bestimmten Art von Krankheit. Die einen sind Augenärzte, andere Ärzte für den Kopf, wieder andere für die Zähne und noch andere für unsichtbare Krankheiten.“

Nicht nur das Bedürfnis, Krankheiten zu heilen, sondern auch der Brauch, Leichen zu mumifizieren, muss die Ägypter frühzeitig dazu veranlasst haben, sich mit dem Aufbau des menschlichen Körpers zu beschäftigen – auch wenn religiöse Gründe einer wissenschaftlich motivierten Zerlegung von Leichen in der Antike wie im Mittelalter erhebliche Hindernisse darstellten.

Das hohe Alter der babylonischen Heilkunde geht bereits daraus hervor, dass die Gesetzessammlung Hammurabis auch medizinische Gebühren sowie die Haftung der Chirurgen behandelt. Ein Paragraf legt unter anderem fest, dass einem Chirurgen, der das Auge eines Menschen öffnet, um Grauenstar zu operieren, beide Hände abgeschlagen werden sollen, falls das Auge durch den chirurgischen Eingriff zerstört wird. Nicht weniger barbarisch waren die ägyptischen Vorschriften. Diodor berichtet nämlich, dass Ärzte, wenn der Patient starb, Gefahr liefen, als Mörder bestraft zu werden. Da jene ältesten Ärzte ihre Heilmittel aus allen Bereichen der Natur wählten, waren Medizin und Naturwissenschaft von vornherein eng miteinander verbunden. Die medizinischen Papyri nennen mehr als 50 Pflanzen, die zu Heilzwecken verwendet wurden. Neben diesen kamen auch Organe und Sekrete von Tieren wie Herz, Leber, Blut, Galle usw. sowie Mineralien wie Kupfersalze und Natron zum Einsatz.

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Ein interessanter Abschnitt aus der Geschichte der Heilkunde ist auch die Behandlung der Zahnkaries. Die Babylonier nahmen an, dass das Hohlwerden der Zähne von Würmern herrührte, welche die Zähne ausnagten. Eine Heilung erwartete man von Beschwörungsformeln. Diese Formeln verbreiteten sich nach Europa und blieben dort bis ins Mittelalter erhalten. An die Stelle der Beschwörung oder neben diese trat jedoch schon sehr früh eine sachgemäße Behandlung der Krankheit. Man stillte den Schmerz mit giftigen Kräutern und füllte den hohlen Zahn mit Harz.

Ein Keilschrifttext, der zeigt, in welcher Weise oft kosmogonische Vorstellungen mit Gebetformeln und Heilvorschriften verbunden wurden, lautet wie folgt:
„Als Gott Anu den Himmel schuf,
schuf der Himmel die Erde,
schuf die Erde die Flüsse,
schufen die Flüsse die Kanäle,
schufen die Kanäle den Schlamm,
schuf der Schlamm den Wurm.
Da ging der Wurm; beim Anblick der Sonne weinte er.
Vor das Angesicht des Gottes Ea kamen seine Tränen:
Was gibst du mir zu meiner Nahrung?
Was gibst du mir zu meinem Trunk?
Ich gebe dir das faule Holz und die Frucht des Baumes.
Was ist für mich faules Holz und die Frucht des Baumes?
Lass mich im Inneren des Zahns nisten.
Gib mir seine Höhlen als Wohnstatt.
Aus dem Zahn will ich sein Blut saugen.
Weil du das gesagt hast, Wurm,
möge dich der Gott Ea
mit der Kraft seiner Hände schlagen.
Dies dient als Beschwörung gegen den Zahnschmerz.
Dazu sollst du Bilsenkraut zermahlen und mit Baumharz vermengen.
Das sollst du in den Zahn bringen, während du
die Beschwörung dreimal wiederholst.“

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Dass sich durch das Zusammenleben in den oft stark bevölkerten Städten der alten Kulturwelt bereits eine gewisse Wohnungs- und Volkshygiene entwickelte, kann als sicher angesehen werden. Der Bau der Städte erfolgte oft bereits nach bestimmten Plänen. Eine Stadtansicht von Ninive fand man auf einer Statue, deren Alter auf 5000 Jahre geschätzt wird. Schon bei den Babyloniern und Ägyptern kommen uns Wasserleitungen sowie Kanalisationen vor. Wahrscheinlich waren die Griechen, wie in so vielen anderen Bereichen auch, in diesem Punkt Schüler dieser Völker. Bei den Assyrern gab es um 700 v. Chr. Städte mit geraden, gepflasterten Straßen, die sogar Bürgersteige aufwiesen. Welchen Umfang die Kenntnisse der Ägypter in medizinischen, botanischen und zoologischen Fragen hatten, lässt sich kaum noch feststellen. Viele Einzelheiten können zwar aus Darstellungen sowie den erhaltenen Papyrusfunden entnommen werden. Wir wissen außerdem, dass die angewandte Botanik ihren Ursprung in Ägypten und Vorderasien hat. In Ägypten wurden drei Weizen- und zwei Gerstenarten sowie die Hirse (Sorghum) angebaut. Zudem wurde Rizinus, Datteln, Feigen, der Weinstrauch, Linsen, Erbsen usw. kultiviert. Das umfangreichste medizinische Schriftwerk ist der Papyrus Ebers. Er stammt aus Theben und wurde vermutlich um 1500 v. Chr. verfasst. Der Papyrus Ebers ist im Wesentlichen eine Sammlung von Rezepten (z. B. Rizinus gegen Verstopfung), Gebeten sowie Beschwörungsformeln für verschiedene Krankheiten. Daher lässt er keine Rückschlüsse auf den allgemeinen Stand der Medizin zu. Obwohl wir keinen Text besitzen, der die Chirurgie in gleichem Umfang behandelt, lässt sich anhand der Beobachtungen gut geheilter Knochenbrüche und ähnlicher Fälle an Mumien wohl schließen, dass der Stand dieses durch anatomisches Wissen geprägten medizinischen Wissensbereichs relativ hoch war. Die Herstellung von Medikamenten erfolgte anfangs von den Ärzten selbst. Schon im alten Alexandria und im alten Rom finden wir jedoch spezielle Apotheker. Die Einrichtung von Handapotheken reicht bis in die älteste ägyptische Zeit zurück. Die ägyptische Sammlung des Berliner Museums besitzt eine aus dem Jahr 2000 v. Chr. stammende Handapotheke einer ägyptischen Königin. Diese Apotheke war laut…

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In einer geschriebenen Widmung ein Geschenk. In den mit Pfropfen verschlossenen Alabastergefäßen befinden sich noch Wurzeln, die Heilzwecken dienten124.

Erstes naturgeschichtliches Wissen.

Manchen Aufschluß über das Verhältnis der alten Ägypter zu der sie umgebenden Tier- und Pflanzenwelt erhalten wir aus den Wandgemälden der Gräber und den Verzierungen der den Toten mit ins Grab gegebenen Schminktafeln. Der Papyrus Ebers enthält auch einige Andeutungen über die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der Larve, des Frosches aus der Kaulquappe125. Eine Fülle wohlerhaltener Abbildungen von Tieren und Pflanzen enthalten die aus dem alten Reiche (der V. Dynastie) stammenden Gräber des Ptahhotep und des Ti. Sie gehören der Nekropole des alten Memphis an und liegen in der Nähe der Stufenpyramide von Sakkara. Das Grab des Ptahhotep zeigt uns den Verstorbenen umgeben von seinen Windhunden und Schoßaffen. Diener sind mit dem Schlachten von Opfertieren beschäftigt, oder sie führen Jagdbeute herbei, wie Gazellen und Löwen. Die Jagdszenen enthalten manche Beobachtung aus dem Tierleben, z. B. einen Löwen, der einen vor Schreck gelähmten Ochsen überfällt. Ausführlich wird die Weingewinnung dargestellt. Die Bilder zeigen die Pflege des Weinstocks, die Traubenlese und das Keltern. Sehr früh verschwinden aus den Abbildungen die Darstellungen phantastischer Mischgestalten. Besonders die Schminktafeln (die alten Ägypter schminkten die Augenbrauen) zeigen, daß man schon von der ersten Dynastie an mit wenigen Ausnahmen nur wirklich beobachtete Tierformen zur Darstellung brachte126.
Mit dem Pferde sind die Ägypter und die Babylonier erst verhältnismäßig spät bekannt geworden. So enthält die Gesetzessammlung Hammurabis zahlreiche Bestimmungen, in denen von Rindern, Eseln, Schafen und anderen Haustieren die Rede ist, aber keine, die das Pferd betreffen. Dieses ist allem Anschein nach erst zu Beginn des 2. Jahrtausends durch arische Stämme, die vom Aralsee her vordrangen, nach Vorderasien und Ägypten gelangt. Durch die Einführung des Pferdes kam der Streitwagen in Aufnahme, welcher der Kriegsführung ein ganz neues Aussehen verlieh.

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Victor Hehn behandelt den Übergang von Kulturpflanzen und Haustieren aus Asien nach Europa auf der Grundlage der Angaben griechischer und römischer Schriftsteller. In seinem Buch, das 1870 erstmals erschien, konnten die wesentlichsten Ergebnisse der ägyptologischen und assyriologischen Forschungen noch nicht berücksichtigt werden. Die neueren Auflagen dieses damals bahnbrechenden Buches von Hehn haben sich in diesem Punkt nur wenig verändert. Es ist Hehns Verdienst, zuerst nachdrücklich darauf hingewiesen zu haben, dass die Fauna und Flora der Kulturländer durch den Einfluss des Menschen ganz wesentlich umgestaltet wurden. Dabei bediente sich Hehn jedoch noch überwiegend der rein philologischen Untersuchung. Dass beispielsweise das Huhn erst relativ spät im Vorderen Orient und in Europa bekannt wurde, schließt Hehn daraus, dass dieses Tier im Alten Testament nicht erwähnt wird und sich auch nicht auf den ägyptischen Wandmalereien findet, die übrigens alles zeigen, was den Haushalt der alten Ägypter betrifft. Was Italien angeht, kommt Hehn zu dem allgemeinen Ergebnis, dass seine Pflanzenwelt unter dem Einfluss des Menschen immer mehr einen südlichen und asiatischen Charakter angenommen habe127. Schließlich berichtet Plinius, dass beispielsweise der Kirschbaum erst durch Lucullus von der pontischen Küste nach Italien transplantiert wurde.

Die literarischen Belege sowie die Abbildungen von Pflanzen und Tieren werden durch die Naturobjekte selbst wertvoll ergänzt – Objekte, die in den alten Nekropolen Ägyptens gefunden und im großen Museum von Kairo zusammengetragen wurden. Dort finden sich zahlreiche Mumien von Hunden, Krokodilen, Fischen, Vögeln (insbesondere dem Ibis), Spitzmäusen, Bos africanus usw. Besonders repräsentiert sind dabei die Insekten – insbesondere Skarabäen. Ebenso zahlreich sind die Pflanzenreste.

Die Ägypter gelangten auch zu chemischen Verfahren, deren Ziel es war, Heilmittel aus pflanzlichen Stoffen herzustellen. So ist bekannt, dass sie zu späterer Zeit zu diesem Zweck die Destillation anwandten128 und dabei die von ihnen erfundenen Glasgefäße verwendeten. In geringem Umfang fanden auch bereits anorganische Stoffe wie Eisenoxyd oder Alaun als Heilmittel Verwendung; somit entwickelte sich bereits in den ältesten Zeiten eine gewisse Verbindung zwischen chemischem Können und Pharmazie129.

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Das ägyptische Alum galt als das beste (Plin. 35, 184). Besondere Alumfabriken, die große Gewinne abwarfen, existierten laut Diodor (V, 15) auf Lipara. Wie heute wurden auch damals mehrere Sorten unterschieden. Alum wurde nicht nur in der Heilkunde verwendet, sondern auch als Färbemittel, zur Imprägnierung von Holz, um es vor Feuer zu schützen, sowie zum Gerben (Plin. XXXV, 190) – also zu vielen Zwecken, denen es auch heute noch dient.

Die alte Kultur Süd- und Ostasiens.

Nachdem wir die Entstehung der ersten Wurzeln von Kultur und Wissenschaft in Vorderasien und Ägypten beschrieben haben, bleibt noch eine kurze Betrachtung der in Indien und China entstandenen Elemente übrig. Die Bedeutung der Inder für die Entwicklung der Wissenschaften ist erst dank der neueren Sanskritforschung richtig eingestuft worden, obwohl noch einige Zweifel und Unklarheiten bestehen. Erst seit der Entstehung der modernen vergleichenden Sprachforschung ist man zu der Erkenntnis gelangt, dass die Inder zu derselben Volksgruppe wie die Griechen, Römer und Germanen gehören. Woher das vermutete indogermanische Urvolk stammte, wird wohl niemals geklärt werden können. Wir dürfen jedoch annehmen, dass es sich um ein Hirtenvolk handelte, das in einem gemäßigten Klima stark wurde und daraufhin zu Wanderungen aufbrach. Der neue Lebensraum musste jedoch nicht nur der Natur, sondern auch einer auf niedrigem Entwicklungsstand stehenden Urbevölkerung abgenommen werden. So drangen die Inder mit ihren Pferden und Rindern vor einigen Jahrtausenden vor Beginn unserer Zeitrechnung vom Nordwesten her auf die nach ihnen benannte Halbinsel vor. Zunächst ließen sie sich im Gebiet des Indus nieder und drängten von dort aus die ursprünglichen Bewohner nach Süden und in die Berge zurück. In den ersten Phasen der Entwicklung in Indien muss es kaum oder nur eine geringe Verbindung zu den Völkern des Mittelmeerraums gegeben haben. Schon mit den ersten Anfängen der Geschichtsschreibung lässt sich jedoch ein Austausch zwischen Indien und dem Westen sowie China nachweisen; dadurch musste der frühere Glaube an die vollständige Abgeschlossenheit der süd- und ostasiatischen Kultur weichen. In der allerersten Zeit war es der Handel, der eine Verbindung herstellte – wobei der Seeweg bevorzugt wurde. Auf diesem Weg gelangten die Erzeugnisse

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Nach Indien über die Arabische Meerenge und von dort den Euphrat und Tigris hinauf. Sogar die Ostküste des fernen Ägyptens unterhielt lebhafte Handelsbeziehungen zu Indien. Und in späterer Zeit durchfuhren selbst römische Schiffe das Rote Meer und den Indischen Ozean, in dem die Seefahrer den regelmäßigen Wechsel der Monsunwinde nutzten130.
Einem Austausch der Waren ist zu allen Zeiten ein Austausch des Wissens parallel gegangen sein. Ein weiteres kräftiges Element für eine gegenseitige Befruchtung waren außerdem die Ausbreitung der Religionen sowie die Eroberungszüge. So entstanden später infolge Alexanders Feldzug an den Grenzen Indiens griechische Königreiche, die einen regen Austausch auch geistiger Erzeugnisse zwischen den Bewohnern der Mittelmeerländer und Südasiens vermittelten. Zur römischen Kaiserzeit und während der byzantinischen Periode fand sogar ein Verkehr zwischen den indischen und den westlichen Höfen durch Gesandtschaften statt. Ja, unter Kaiser Antoninus erschien sogar eine römische Gesandtschaft am chinesischen Hof131.
Für die Geschichte der Wissenschaften kommt insbesondere der Einfluss in Betracht, den die Inder auf medizinischem und astronomisch-mathematischem Gebiet auf die westlich von ihnen lebenden Völker ausgeübt haben. Denn später besaßen die Araber nicht nur bei Galen, sondern auch bei den Indern Lehrmeister in Anatomie und Chirurgie.
Unter den Naturprodukten Indiens befand sich außerdem mancher Stoff, der von den Einheimischen als heilkräftig erkannt und anderen Völkern weitergegeben wurde. So waren bei Alexander132 geschickte indische Ärzte anwesend, die sich besonders auf die Heilung von Schlangenbissen verstanden. Als Beweis für das Alter der indischen Medizin kann auch gelten, dass die Ärzte bei den Indern in hohem Ansehen standen133.
Unter den späteren astronomisch-mathematischen Schriftstellern der Inder sind besonders Aryabhatta (um 500 n. Chr.) und Brahmagupta (um 600 n. Chr.) zu nennen. Bei der Beurteilung ihrer Leistungen muss jedoch berücksichtigt werden, dass in den Werken der Sanskritliteratur, die vor Aryabhatta entstanden, ebenfalls griechische Einflüsse auf die indische Wissenschaft nachweisbar sind. Lange schien es nämlich, als stammten einige Lehren älterer Sanskritwerke von den Griechen134. Doch

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Man schreibt den Werken der Sanskrit-Literatur in letzter Zeit eine größere Selbstständigkeit zu.
Die ältesten Schriften der indischen Literatur sind die Vedas. In ihnen spiegelt sich das religiöse und soziale Leben der Inder wider; sie enthalten aber auch die ersten Anfänge der Wissenschaften, die sich bei diesem merkwürdigen Volk meist im engsten Zusammenhang mit religiösen Bräuchen und Empfindungen entwickelt haben. Auf äußerst eigenartige Weise hat beispielsweise der Opferdienst die Entwicklung der indischen Mathematik beeinflusst. Die Gestaltung der Altäre war nämlich nach der Ansicht der Inder für den Erfolg des Opfers von allergrößter Bedeutung. So heißt es in einer Vorschrift: „Wer die himmlische Welt erlangen will, soll den Altar in Gestalt eines Falken errichten.“ Diese Aufgabe setzt jedoch ein umfangreiches Wissen der Flächengeometrie voraus, denn alle Steine einer Schicht mussten polyedrisch geformt und lückenlos aneinandergesetzt werden, um die Figur des Falken zu bilden. Die Schwierigkeit wurde dadurch erhöht, dass die zweite Schicht, die wie die erste etwa zweihundert Steine enthielt, eine andere Anordnung aufwies und dennoch als Ganzes die erste Schicht bedecken musste. Dabei war jedes Formverhältnis von entscheidender Bedeutung, da es nach der Auffassung der Inder Segen oder Unheil bringen konnte135.

Abb. 9. Geometrische Konstruktionen der Inder.

Der Text über die Altäre wurde nach Ansicht des Herausgebers (Bürk, s. unten) im 4. oder 5. Jahrhundert v. Chr., wenn nicht früher, verfasst. Durch ihre bei der Errichtung der Altäre erlernte Technik kamen die Inder vermutlich bereits vor dem 5. Jahrhundert v. Chr. mit dem Satz vom Quadrat der Hypotenuse in Berührung. Damit ist jedoch nicht etwa auszusagen, dass sie den allgemeinen Beweis des pythagoreischen

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einen Lehrsatz gefunden hätten. Wir dürfen nämlich nicht vergessen, daß auch die unmittelbare geometrische Anschauung sehr oft die Quelle neuer Wahrheiten gewesen ist. So finden wir, daß bei gewissen indischen Altären vier Quadrate (Abb. 9) sich zu einem größeren Quadrat ergänzen. Die vier Diagonalen der kleineren Quadrate ergeben ein neues, über der Hypotenuse AC des gleichseitigen rechtwinkligen Dreiecks ABC errichtetes Quadrat. Hier beweist die unmittelbare Anschauung die Gültigkeit des pythagoreischen Lehrsatzes für diesen besonderen Fall. In der von Bürk veröffentlichten indischen Quelle136 heißt es demnach in weiterer Generalisierung: »Die Diagonale eines Rechtecks bringt beides hervor, was die längere und die kürzere Seite des Rechtecks jede für sich hervorbringen137.«
Die früher wohl geltende Meinung, daß die indische Geometrie in der Hauptsache griechischen Ursprungs sei, kann also heute, nach der Veröffentlichung wichtiger indischer Quellen138, nicht mehr aufrechterhalten werden139.
Unter den rechtwinkligen rationalen Dreiecken waren den Indern im 8. vorchristlichen Jahrhundert z. B. diejenigen bekannt, deren Seiten sich verhalten wie:
3:4:5
5 : 12 : 13
8 : 15 : 17.
Um einen rechten Winkel abzustecken, bediente man sich, wie in Ägypten und später in Griechenland, des Verfahrens des Seilspannens. Die Seitenlängen, welche die Inder dabei benutzten, verhielten sich in der Regel wie 15 : 36 : 39140, entsprachen also ebenfalls dem pythagoreischen Lehrsatz. Trotz alledem bleibt es wahrscheinlich, daß erst die Griechen von den zahlreichen, bekannt gewordenen Einzelfällen zu dem allgemeinen, früher dem Pythagoras zugeschriebenen, geometrischen Satz gelangt sind.
Auch für eine annähernde Quadratur des Kreises findet sich141 bei den alten Indern eine Regel. Handelt es sich darum, einen dem Quadrat ABCD flächengleichen Kreis zu finden, so wird ME = AM und zwar senkrecht zu AB gezogen (Abb. 10). Zu MG wird NG = (1/3)GE hinzugefügt. Mit der so erhaltenden Strecke MN als Radius wird dann der Kreis um M geschlagen.

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In der indischen Vorschrift heißt es: „Soviel wie (an den Ecken) verloren geht, kommt (die Segmente) hinzu.“
Von jeher haben die Inder als ein besonders für die Arithmetik begabtes Volk gegolten. Es ist schließlich ihr Verdienst, das Positionssystem sowie die irrtümlich als arabisch bezeichneten Ziffern erfunden zu haben. Wie uns die Tafeln von Senkereh 142 beweisen, besaßen die Babylonier ein Positionssystem, das sexagesimal war, aber die Null entbehrte. Die späteren Inder entwickelten durch Einführung der Null sowie der dekadischen Einheiten die heutige Positionsarithmetik, die anschließend dem Abendland durch die Araber übermittelt wurde.

Abb. 10. Die Quadratur des Kreises bei den Indern.

Je mehr die archäologischen Forschungen uns mit dem Wissen des alten Orients vertraut machen, umso mehr festigt sich die Überzeugung, dass in einer drei- bis viertausend Jahre zurückliegenden Zeit die Babylonier, die Inder und die Ägypter einen gemeinsamen Wissensschatz besaßen. Zweifellos gelangten jene ersten Kulturvölker unabhängig voneinander zu einigen Erkenntnissen. Doch es fand sicherlich auch ein viel intensiverer Austausch von Wissen statt, als bisher angenommen wurde143. Für die engen Beziehungen, die zwischen Babylon und Ägypten bestanden, mangelt es nicht an Beweisen144. Als Zeichen dafür, dass der babylonische Einfluss auch nach Indien – ja sogar bis nach China – reichte, kann die Tatsache angesehen werden, dass die indischen und chinesischen Quellen die Dauer des längsten Tages mit 14 Stunden 24 Minuten angeben, ein Wert, der für Babylon bis auf eine Minute zutrifft145.
Während die gegenseitige Beeinflussung des ältesten ägyptischen, babylonischen und indischen Wissens eher vermutet als genau beschrieben werden kann…

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Wo nachgewiesen werden kann, sind die Beziehungen einerseits zwischen indischer, andererseits zwischen griechischer und arabischer Wissenschaft deutlich zu erkennen. Insbesondere hat zwischen Indern, Griechen und Arabern ein Austausch mathematischer und astronomischer Kenntnisse stattgefunden. Da wir auf die Inder in späteren Abschnitten nicht mehr zurückkommen werden, so soll an dieser Stelle noch einiges über die Entwicklung, die besonders die Rechenkunst bei den für die Arithmetik so gut geeigneten Indern genommen hat, berücksichtigt werden. Unbestritten ist das Verdienst der Inder, die neuen Zahlzeichen und die Null geschaffen und das Ziffernrechnen unter Anwendung des Stellenwertes zu großer Vollkommenheit geführt zu haben. Das Rechnen mit der Null war bereits zur Zeit von Brahmagupta im Gebrauch. Auch die Schreibweise für Brüche sowie die Bruchrechnung weichen nur geringfügig von den heute geltenden Regeln ab. Zwar fehlte der Bruchstrich, doch wurde der Zähler bereits über dem Nenner platziert. Bei gemischten Brüchen kamen die Ganzzahlen in eine dritte, noch höhere Stufe; 23/4 wurde beispielsweise als 2/3/4 geschrieben. Das Multiplizieren von Brüchen lehrt Brahmagupta mit folgenden Worten: „Teile das Produkt der Zähler durch das Produkt der Nenner.“ Bei den indischen Mathematikern finden sich außerdem Regelrechnungsprobleme mit direktem, indirektem und kombiniertem Ansatz. Letztere werden in mehrere einfache Regelrechnungsprobleme zerlegt. Es sind sogar besondere Fachbegriffe für die Regelrechnung im Umlauf. Wie die Inder durch Einführung der Null und des Positionssystems den größten Fortschritt für die Arithmetik erreichten, so erwarben sie sich für die Algebra ein ebenso großes Verdienst durch die Einführung der Begriffe positiv und negativ. Schon damals kannten sie auch Erklärungen dieser Begriffe in Form von Schulden und Vermögen sowie deren Beschreibung durch Vor- und Rückwärtsbewegung auf einer bestimmten Strecke. Um eine Zahl als negativ zu bezeichnen, wurde ein Punkt darüber gesetzt. Selbst bei Gleichungen wurden negative Lösungen zugelassen – Diophant (350 n. Chr.) hielt diese noch für unzulässig. Was die arithmetischen und geometrischen Reihen sowie die Quadrat- und Kubikzahlen betrifft, so konnten die Griechen in diesem Bereich wenig von den Indern lernen. Letztere schufen jedoch die Kombinationstheorie sowie die Grundlagen der Algebra.

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Einen Schritt weiter ging man in der Lehre von den Potenzen, indem man für die irrationale Quadratwurzel eine Bezeichnung einführte. An das Erheben in die 2. und die 3. Potenz schlossen die Inder als Umkehrungen dieser Operationen das Ausziehen der Quadrat- und der Kubikwurzel an. Dabei bedienten sie sich bereits der binomischen Formeln für (a + b)² und (a + b)³. Ja, ihre Art, die Wurzeln zu finden, entsprach insofern dem heutigen Verfahren, dass auch bei ihnen das Teilen der zu radizierenden Zahl in jeweils zwei oder drei Stellen nicht fehlte.
Auf dem Gebiet der Algebra entwickelten die Inder vor allem die Lehre von den Gleichungen verschiedenen Grades. Für die unbekannte Größe wird ein Zeichen verwendet. Als Beispiel für die poetische Form, in der die Inder solche Aufgaben darstellten, sei Folgendes genannt:
Von einem Schwarm Bienen lässt sich 1/4 auf einer Blume nieder, 2/3 fliegen zu einer anderen Blume, eine Biene bleibt übrig und schwebt gleichsam durch den lieblichen Duft beider Blumen in der Luft. Sage mir, reizendes Weib, die Anzahl der Bienen.
Noch bedeutender waren die Leistungen der Inder in der Theorie der Zahlen; doch würde ein näheres Eingehen auf diesen Bereich der Mathematik zu weit vom Zweck dieses Buches abweichen, das die Mathematik nur insoweit berücksichtigen will, als sie für die Entwicklung der Naturwissenschaften von Bedeutung war. Für die Lösung von kubischen Gleichungen findet sich bei den Indern, genauso wie bei Diophantos, nur ein vereinzeltes Beispiel.
Nicht uninteressant ist außerdem ein kurzer Überblick über den Umfang der indischen Arithmetik. Sie umfasste zwanzig Operationen sowie acht Regeln, die jedem Meister der Rechenkunst bekannt sein mussten. Zu den vier Grundrechenarten – dem Potenzieren und dem Wurzelziehen – kamen sechs Operationen mit Brüchen sowie fünf Regeln für einfache und zusammengesetzte Divisionen; außerdem gab es eine Regel bezüglich des Umkehrens von Operationen. Die Regeln betrafen unter anderem Mischungen, Flächen- und Volumenberechnungen, Zinsberechnungen sowie Schattenrechnungen usw. Laut Burkhardt („Wie man vor Zeiten rechnete“, Zeitschrift für das mathematische und naturwissenschaftliche Unterrichtswesen 1905, 1. Heft) lässt sich annehmen, dass seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. in Indien im Wesentlichen genauso gerechnet wurde wie heute bei uns. Ebenso ist sicher, dass die Araber ihre Ziffern sowie ihre Rechenmethoden von den Indern übernommen haben.

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Was man in den Sanskritwerken an geometrischen Lehren angetroffen hat, ist weniger bedeutend und nach Cantor wohl zum Teil auf alexandrinischen Ursprung, insbesondere auf Heron zurückzuführen148. Dass die Inder mit den Kegelschnitten bekannt gewesen waren, findet sich nirgends eine Andeutung. Dieser Teil der Geometrie ist ausschließlich griechischen Ursprungs. Dagegen blieb es den Indern als dem vorwiegend für die Arithmetik veranlagten Volk vorbehalten, die ersten allgemeinen Sätze der Kombinationslehre zu finden, eine Errungenschaft, zu der die Griechen, soweit unsere Kenntnis reicht, nicht durchgedrungen sind. Eine wesentliche Fortschritte erfuhr die Trigonometrie bei den Indern, indem sie für die Sehne des Winkels deren Hälfte und somit den Sinus einführten. Es war dies ein Fortschritt, den erst die Araber in seiner vollen Bedeutung erkannten und zur Geltung brachten. Die erste indische Sinustabelle begegnet uns um 500 n. Chr.149. Der Kreis hat dort wie bei den Babyloniern und den Alexandrinern 360 gleiche Teile. Jeder Teil zerfällt in 60 kleinere Abschnitte (unsere Minuten), von denen der ganze Kreis also 60 · 360 = 21600 enthält. Der Radius wird durch diese kleinsten Teile des Kreises gemessen. Nach einem von den Indern für das Verhältnis der Peripherie zum Durchmesser angenommenen Wert ergab sich für den Radius die Zahl 3448. Da der Sinus, als halbe Sehne des doppelten Winkels betrachtet, für 90° gleich dem Radius wird, so erscheint für 90° in der Tabelle jener Wert 3448. Für sin 60° wird 2978, für sin 30° wird 1719 angegeben. In Bezug auf die Naturwissenschaften besaßen die Inder zwar zahlreiche Einzelkenntnisse. Zur Aufstellung naturwissenschaftlicher Lehrgebäude gelangten sie indessen ebensowenig wie die Babylonier oder die Ägypter. Diese Tat blieb vielmehr den Griechen vorbehalten. In physikalischer Hinsicht ist erwähnenswert, dass die Kenntnis des Brennglases und der Brennspiegel bei den Indern sehr weit zurückreicht. So erwähnt eins ihrer ältesten Bücher150, dass getrockneter Mist sich entzünde, wenn man die Sonnenstrahlen mittelst eines Steines oder Glases oder auch eines Metallgefäßes darauf werfe151. Übrigens kannten die Griechen im Zeitalter des Aristoteles ebenfalls schon die Feuererzeugung mit Hilfe eines durchsichtigen Steines152. Auf Grund einiger Sanskritstellen hat man den alten Indern die Kenntnis des Schießpulvers zugeschrieben. So wird ein König aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert genannt, der

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»Feuerwerke« angeordnet habe. Daraus aber auf eine so frühzeitige
Kenntnis der Inder zu schließen, erscheint doch recht gewagt153.
Daß die so überaus üppige Natur eines Landes wie Indien ein frühzeitiges
Emporblühen der Pflanzenkunde und einer auf ihr beruhenden Heilkunde
hervorrief, ist leicht erklärlich. In der Sanskritliteratur fehlt es daher nicht
an Werken, die eine große Menge von Heilmitteln, Nahrungsmitteln und
Giften anführen. Es ist jedoch nur selten möglich, die Art, um die es sich
handelt, zu bestimmen. Am häufigsten wird Nelumbium speciosum, eine
prächtige Seerose, erwähnt. Neben den Pflanzen wurden aber auch Metalle
und Chemikalien von den alten Indern zu Heilzwecken verwendet. Am
ausführlichsten berichtet über den Stand ihrer naturwissenschaftlichen und
medizinischen Kenntnisse die Ayur-Veda Susrutas. Das Werk umfasst
sechs Bücher, die sich im Wesentlichen mit der Lehre von den Heilmitteln,
der Anatomie, der Pathologie und der Therapie beschäftigen. Das
Knochensystem des Menschen enthält nach Susrutas Aufzählung 300
Knochen. In der Schule des Susruta wurden schon Leichen zergliedert und
in fließendem Wasser präpariert.
Daraus erklärt sich die erstaunliche Höhe der anatomischen Kenntnisse,
welche die Inder schon im 6. Jahrhundert v. Chr. besaßen154. Susruta war
auch schon mit dem diabetischen Zucker bekannt, während die
Beobachtung, daß der diabetische Urin auffallend süß ist, in Europa erst im
17. Jahrhundert gemacht wurde155.
Unter den Heilmitteln156 erwähnt Susruta Quecksilber, Silber, Arsen,
Antimon, Blei, Eisen und Kupfer. Auch Alaun und Salmiak fanden sich im
Arzneischatz der alten Inder. Wann die Ayur-Veda entstand, ist nicht sicher
bekannt. Einige legen die Zeit ihrer Entstehung weit vor Christi Geburt.
Susrutas Werk erwähnt nicht weniger als 760 Heilmittel, die zum weitaus
größten Teil aus dem Pflanzenreiche stammen157.
Wie die alten Babylonier, so operierten auch die Inder den Star. Nachrichten
darüber reichen etwa bis zum Beginn unserer Zeitrechnung zurück. Die
Operation wurde mit zwei Instrumenten ausgeführt. Das eine diente zum
Öffnen des Augapfels; mit dem andern wurde die getrübte Linse entfernt158.
Weit isolierter als die indische Kultur, welche doch mit der griechischen
und mit der arabischen Welt in mannigfache Berührung kam, blieb die
chinesische. Nicht nur, daß China durch riesige Gebirge und weite, öde

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Länderstraßen der Völker Vorderasiens und der Mittelmeerländer waren voneinander getrennt; es fehlte auch die ethnische Gemeinschaft, die die Arier Indiens mit den Persern sowie den westlichen Indogermanen verbunden hätte. Dennoch hat bereits in der Antike der Handel eine Verbindung zwischen dem äußersten Osten Asiens und dem Mittelmeer hergestellt. Diese Verbindung erfolgte durch den Seeverkehr über den Indischen Ozean. China lieferte dem Westen insbesondere Seide und erhielt im Gegenzug Edelmetalle, Glasgegenstände sowie Bernstein. Durch die stetige Ausdehnung ihrer Eroberungszüge kamen das römische und das chinesische Reich am Kaspischen Meer einander näher. Sogar der Einfluss der in Vorderasien entstandenen Nestorianersekte erstreckte sich bis nach China. Ein in Singanfu errichtetes Denkmal mit chinesischer und syrischer Inschrift gibt uns darüber Aufschluss159. Dennoch hat keine andere Kultur der alten Welt so wenige Einflüsse von außen erfahren und gleichzeitig so wenig nach außen gewirkt wie die chinesische Kultur; daher spielt dieses Land für die Entwicklung der Wissenschaften kaum eine Rolle. Zwar richtete sich das Interesse seiner Bewohner frühzeitig auf mathematische und astronomische Themen, es wurde eine zwar unvollkommene, aber doch funktionierende Methode des Buchdrucks erfunden, und es entstand eine Literatur, die in ihrem Umfang der arabischen Literatur wohl ebenbürtig war. Die industriell hergestellten Produkte übertrafen oft diejenigen der westlichen Völker. Dennoch blieb der Einfluss nach außen sehr gering. Selbst eine so wichtige Erfindung wie der Kompass, die in China entstand, blieb den Völkern des Mittelmeers mehr als ein Jahrtausend lang unbekannt. Für das hohe Alter der Astronomie bei den Chinesen spricht die frühzeitige Erwähnung von Kometen- und Planetenkonjunktionen in ihrer Literatur. Als Europa durch die Literatur der Inder besser mit dieser Wissenschaft vertraut wurde, wunderte man sich über das hohe Alter der astronomischen Tabellen dieses Volkes. Dasselbe gilt für die Chinesen, deren astronomische Literatur Anfang des 18. Jahrhunderts durch Jesuiten, die in China Aufnahme gefunden hatten, bekannt wurde. Es zeigte sich, dass die Astronomie dort bereits um 1000 v. Chr. ein beträchtliches Niveau erreicht hatte. Ihre weitere Entwicklung verlief jedoch nur sehr langsam160. So reicht beispielsweise ein Verzeichnis der Kometen bis ins Jahr 2296 v. Chr. zurück161. Außerdem erwähnt einer der Jesuiten, die die Chinesen mit der europäischen Astronomie vertraut machten162, eine von den Chinesen aufgezeichnete Planetenkonjunktion aus dem Jahr 2461 v. Chr.163. Es ist jedoch

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Wahrscheinlich handelte es sich dabei nicht um eine echte Beobachtung, sondern nur um ein rückwärts berechnetes astronomisches Phänomen. Mit dem Gnomon waren die Chinesen bereits um 1100 v. Chr. vertraut. Anhand dessen bestimmten sie die Neigung der Ekliptik, legten die Dauer des Jahres auf 365 1/4 Tage fest und kannten bereits die regelmäßige Wiederkehr der Finsternisse. Es kam vor, dass Astronomen mit dem Tod bestraft wurden, wenn sie eine Finsternis nicht richtig vorhergesagt hatten. Ein solcher Fall soll bereits um 2000 v. Chr. stattgefunden haben. Dass Ostasien auch während des Mittelalters mit der übrigen Kulturwelt in Kontakt stand, beweist uns das Auftreten alchemistischer Bestrebungen in China um 800 n. Chr. Die chinesischen Quellen deuten darauf hin, dass auch die theoretischen Vorstellungen, denen die Alchemisten im Reich der Mitte huldigten, von den Arabern stammten.

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2. Die Entwicklung der Wissenschaften bei den Griechen bis zum Zeitalter des Aristoteles.
Einige der im Vorderasien und Unterägypten entstandenen Grundlagen der Wissenschaften wurden zusammen mit anderen Kulturelementen von den Phöniziern übernommen, die sie als wichtigstes Handelsvolk der alten Welt den übrigen Bewohnern des Mittelmeers weitergaben. Bei den Griechen, die später auch in direkten Kontakt mit der am Nil und Euphrat entstandenen Kultur kamen, fanden diese aus dem Orient stammenden Ansätze den fruchtbarsten Boden. Sie wurden nicht nur übernommen, sondern als Grundlage für geradezu bewundernswerte Neuschöpfungen genutzt. Die Phönizier verbreiteten außerdem als wichtigstes Mittel für jede weitere Entwicklung wissenschaftlicher Tätigkeit die Buchstabenschrift, die sich aus den Hieroglyphen entwickelt hatte, mit denen Silben und ganze Wörter bezeichnet wurden. Erst nachdem dies geschehen war, konnte man mit klarem Bewusstsein das Abstrakte von den Dingen trennen und so zur Entstehung systematisch geordneter Wissenschaften gelangen.
Eine wichtige Rolle bei der Übermittlung dieser orientalischen Kulturelemente spielten auch die Bewohner Kretas und Vorderasiens. Auf Letztere übte Babylonien jahrtausendelang einen tiefgreifenden Einfluss aus. In religiöser Hinsicht wirkte dieser Einfluss besonders stark auf das Judentum und damit weiterhin auf die Entwicklung des Christentums.
Das Neue an der phönizischen Schrift bestand darin, dass sie für jeden Konsonanten sowie für jeden Vokal ein eigenes Zeichen besaß. Die ältesten in dieser Schrift verfassten Urkunden stammen aus etwa dem Jahr 950.
Sobald die Griechen aus dem Dunkel der Sage ins Licht der Geschichte traten, zeigte sich bei ihnen das Bestreben, die Welt der Erscheinungen nicht nur zu beobachten und in sich aufzunehmen, sondern sie auch in ihrem ursächlichen Zusammenhang zu verstehen. Dies geschah einerseits dadurch, dass sie die Anfänge der mathematischen Erkenntnis auf natürliche Vorgänge anwandten. Andererseits auch dadurch, dass sie weit über alle Grenzen hinaus…

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Sie bemühten sich, sofort den letzten Grund des Geschehens zu verstehen. Diese ersten Anfänge des wissenschaftlichen Denkens traten übrigens nicht im eigentlichen Hellas auf, sondern in den ionischen Kolonien. Letztere nahmen zwischen der asiatischen Welt und dem noch unberührten Boden Griechenlands eine vermittelnde Position ein. Zudem hatten sie bereits einige Jahrhunderte vor dem Beginn der Philosophie und der Naturwissenschaften ihre Blütezeit im Bereich der Dichtkunst erlebt.

Der Beginn der griechischen Naturwissenschaft

Als der erste Grieche, der in den beiden soeben beschriebenen Richtungen tätig war, gilt Thales von Milet. Obwohl von ihm stammende Werke nicht bis zu uns gelangt sind und er seine Lehren vermutlich nur mündlich weitergegeben hat, sind uns diese sowie seine Entdeckungen und sein Lebensweg durch die Aufzeichnungen alter Schriftsteller ausreichend bekannt, um uns ein ungefähres Bild von Thales machen zu können. Thales wurde um 640 v. Chr. geboren und wirkte somit zur Zeit, als Athen durch Solon die Grundlagen seiner Verfassung erhielt. Darin, dass Thales in Ägypten gewesen sei und dort mit der Priesterschaft, die damals die Hüterin aller mathematischen und astronomischen Kenntnisse war, in Kontakt getreten sei, sind sich alle Berichte einig. „Thales, der nach Ägypten ging“, so wird uns berichtet, „brachte zunächst die Geometrie nach Hellas. Vieles entdeckte er selbst, von vielem aber überlieferte er die Anfänge seinen Nachfolgern.“ An einer anderen Stelle heißt es über ihn: „Er beobachtete den Himmel, musterte die Sterne und sagte öffentlich allen Miletern voraus, dass an einem Tag Nacht eintreten, die Sonne sich verbergen und der Mond sichtbar werden würde.“ Die älteste Auffassung bezüglich der Finsternisse besagt, dass der Sonne oder dem Mond durch irgendeine fremde Macht Schaden zugefügt werde. Es ist fraglich, ob die Babylonier bereits ein echtes Verständnis für diesen Vorgang hatten. Seine natürliche Ursache erkannten wohl erst die Griechen – nach einigen war es Anaxagoras.

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Andere waren es die Pythagoreer, denen die Astronomie diesen Fortschritt verdankte172.
Die Vorausbestimmung des Thales ist nicht etwa eine solche im heutigen Sinne. Sie erfolgte nämlich nicht durch Messen und Rechnen, sondern beruhte ausschließlich auf der Beobachtung derjenigen Periode, innerhalb derer die Finsternisse regelmäßig wiederkehren. Jene Periode war den Babyloniern nicht entgangen. Sie befanden sich im Besitz von Aufzeichnungen, die sich über Jahrhunderte erstreckten und einen Zeitraum von 6585 Tagen bezüglich der regelmäßigen Wiederkehr der Finsternisse erkennen ließen. Innerhalb dieses 223 Monate umfassenden Zeitraums, den die Babylonier Saros nannten173, kehrt nämlich der Mond fast genau in dieselbe Stellung zur Erde und zur Sonne zurück. Allerdings machte man auch die Erfahrung, daß sich der Saros, insbesondere für die Voraussage der Sonnenfinsternisse, nicht immer bewährte174.
Auch bei der Benennung der fünf Planeten hat sich anscheinend der sehr früh einsetzende (s. S. 30) babylonische Einfluss geltend gemacht. Die alten griechischen Namen bezeichneten nämlich Eigenschaften (Mars hieß der Feurige, Jupiter der Leuchtende usw.). Seit dem 4. vorchristlichen Jahrhundert bedient man sich dagegen folgender Namen:
Stern des Hermes (Merkur),
„der Aphrodite“ (Venus),
„des Ares“ (Mars),
„des Zeus“ (Jupiter),
„des Kronos“ (Saturn).
Die kurze Bezeichnung Hermes, Aphrodite usw. kam erst später auf. Es ist anzunehmen, daß hierin die Griechen den Babyloniern gefolgt sind, die gleichfalls die Planeten ihren Hauptgöttern geweiht hatten. Mit einigen Elementen des babylonischen Wissens sind nach neuerer Annahme schon die Pythagoreer bekannt gewesen175.
Wie unentwickelt im übrigen die astronomischen Vorstellungen der Griechen zur Zeit des Thales noch waren, geht daraus hervor, daß nach den ihm zugeschriebenen Lehren die Erde eine vom Okeanos umflossene Scheibe ist, über die sich der Himmel wie eine Kristallglocke wölbt. Unter solchen Umständen konnte noch nicht einmal von einer Kreisbewegung der

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Es sollen die Sterne im Mittelpunkt stehen. Im Einklang mit dieser Lehre ging man zur Zeit des Thales davon aus, dass die Sterne bei ihrem Untergang in den Ozean sinken und dort entlang der Randkante der „Scheibe“ zu ihren Ausgangspunkten zurück schwimmen.
Auf Thales werden ferner von den Griechen, die über Mathematik geschrieben haben, einige der wichtigsten geometrischen Sätze zurückgeführt – so der Satz von der Gleichheit der Winkel an der Grundlinie eines gleichschenkligen Dreiecks sowie der Satz, dass ein Dreieck durch eine Seite und die anliegenden Winkel bestimmt wird. Mit Hilfe dieses Satzes wurde beispielsweise die Entfernung der Schiffe vom Lande ermittelt.
Was die geometrischen Kenntnisse des Thales betrifft, so lässt sich jedoch nicht mehr entscheiden, wie viel davon eigenständig entwickelt wurde und wie viel von den Ägyptern übernommen wurde. Eine bekannte Anwendung der Mathematik ist seine Methode zur Messung von Schatten – ein Verfahren zur Bestimmung der Höhe von Objekten. Thales soll damit die Bewunderung seiner Zeitgenossen hervorgerufen haben. Das Verfahren bestand darin, zu der Zeit, in der Schattenlänge und Höhe eines Objekts gleich waren – was er an einem Stock feststellte – den Schatten des jeweiligen Objekts, beispielsweise einer Pyramide, zu messen; dadurch ließ sich anschließend sofort die Höhe des Objekts ermitteln.
Mit dem Gnomon, einem Werkzeug, das zur Bestimmung der Mittagszeit anhand der Schattenlänge diente, sollen die Griechen durch Anaximander von Milet, den bedeutendsten Schüler des Thales, vertraut geworden sein. Anaximander (610–546 v. Chr.) hat laut Strabon außerdem die erste Karte der Welt, soweit die damaligen Kenntnisse über Länder reichten, entworfen.

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Abb. 11. Radkarte der Erde.

Sein Landsmann Hekataeos (geb. um 550), der weite Reisen unternommen hatte, soll die neue Kunst in solchem Maße entwickelt haben, dass er Erstaunen erregte. Hekataeos verfasste eine Erdbeschreibung, der er eine Weltkarte beigab. Er gilt als der älteste griechische Geograph und der Vorgänger Herodots. Von den Karten jener Zeit ist nichts mehr erhalten. Sie ähnelten wahrscheinlich den Radkarten des frühen Mittelalters (Abb. 11), d.h. sie waren lediglich grobe Orientierungshilfen ohne jeden wissenschaftlichen Wert, so dass sie das Spottobjekt Herodots wurden. Die Beschäftigung mit naturwissenschaftlichen Dingen, zu der Thales bei den Ioniern nach allen Berichten den Anstoß gab – Aristoteles bezeichnet ihn schließlich als den „Anfänger“ der philosophischen Naturforschung178 – führte nun auch zu einem Bestreben nach einer kausalen Erklärung der gesamten Erscheinungswelt. Eine auf den letzten Grundlagen beruhende Erklärung ist seitdem das Ziel der Philosophie gewesen, ohne dass sie, wie es in der Natur der Sache liegt, jemals zu einer zufriedenstellenden Lösung eines so umfangreichen Problems gelangt wäre. Was die Frage nach dem Ursprung der griechischen Philosophie angeht, so neigt ihr herausragendster Geschichtsschreiber, Zeller, zur Ansicht, dass sie eigenständig entstanden sei und keinen orientalischen Ursprung habe179. „Wenn es je ein Volk gegeben hat“, sagt Zeller, „das in der Lage war, seine Wissenschaft selbst zu schaffen, dann waren es die Griechen.“

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Die erste Darstellung ihrer Weltanschauung finden wir bei den Dichtern. Insbesondere war es der im 8. Jahrhundert v. Chr. lebende Hesiod, der in den „Werken und Tagen“ die Frage nach der Weltentstehung aufwarf. Für Hesiod war die Weltentstehungslehre im Wesentlichen Götterlehre. Kosmogonie und Theogonie waren in jenem Zeitalter noch zu einer in mystisches Gewand gekleideten Einheit verschmolzen. Thales und seinen unmittelbaren Nachfolgern, die sich über den Begriff des Stoffes kaum zu erheben vermochten, genügte dann die Annahme, dass alle Dinge auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen seien. Als solcher dünkte dem Thales nichts geeigneter als das Wasser, weil es ihm, nach seinen Eigenschaften zu urteilen, zwischen der Erde und der Luft zu stehen schien. Eine Stütze fand diese Lehre in gewissen Beobachtungen. Wurde doch z. B. Ägypten, woher viele Anschauungen des Thales stammten, als ein Erzeugnis des Niles angesehen. Entwickelten sich nicht weiterhin aus der feuchten Erde die Pflanzen? Selbst als man später genauer beobachten lernte, hat jene Lehre immer wieder Anhänger gefunden. Van Helmont, ein herausragender Forscher des 17. Jahrhunderts, war noch davon beeinflusst. Erst Lavoisier und Scheele, die an der Schwelle der neuesten Zeit standen, vermochten den Glauben an die Umwandlung des Wassers in Erde, der stets wieder auf mangelhafte Beobachtungen beruhte, durch einwandfreie Experimente endgültig zu widerlegen.
Das Streben nach einer Erklärung der Welt in ihrer Beziehung zum Menschen hat seit der Zeit des Thales nicht aufgehört, die herausragendsten Geister zu beschäftigen. Hier ist es nur insofern von Bedeutung, als die Ergebnisse des philosophischen Denkens einen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften ausgeübt haben. Letztere setzten sich bald das bescheideneren, aber erreichbaren Ziel, einen Einblick in den gesetzmäßigen Zusammenhang der Erscheinungen zu gewinnen. In dem Maße, wie man dieses Ziel verfolgte, vollzog sich die Beseitigung phantastischer Auswüchse, wie sie in der Alchemie und Astrologie zum Ausdruck kamen, und in eben demselben Maße näherte sich die Wissenschaft ihrer heutigen Form.
Mit der ionischen Naturphilosophie trat „ein neues Element in das geistige Leben der Menschheit“. Zum ersten Mal treten uns wissenschaftliche Persönlichkeiten mit eigenen Überzeugungen entgegen, die durch angestrengte geistige Arbeit zu ihren Ergebnissen gelangen. Für die weitere Entwicklung der Naturwissenschaften hatte dies große Bedeutung.

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Die Entwicklung der wahren Wissenschaft war ein solches Hervortreten der Individualität, das eine unerlässliche Voraussetzung darstellte180.
Die rein philosophische Betrachtungsweise besitzt trotz der Nachteile, die ihr gegenüber der exakten Forschung innewohnen, doch unleugbar den Verdienst, die empirischen Wissenschaften ununterbrochen angeregt zu haben. Manche philosophische Ansicht, welche das griechische Altertum entwickelte, beeinflusste bis in die neuere Zeit hinein die Naturwissenschaften. So hat sich z. B. das Bestreben, die Vielfalt der Stoffe auf einen einzigen Urstoff zurückzuführen, bis auf unsere Tage erhalten. Zunächst wurde von den ionischen Philosophen eine der bekannten Materien, wie die Luft oder das Wasser, zu einem solchen Urstoff erklärt. Später fasste Aristoteles Luft, Wasser, Erde und Feuer als die verschiedenen Erscheinungsformen eines und desselben Urprinzips auf. Infolgedessen hielt man eine Umwandlung der bekannten Stoffe ineinander für möglich. Und so war es besonders die aristotelische Philosophie, auf die sich im Mittelalter das Bemühen stützen konnte, unedle Metalle in edle umzuwandeln.
Die Lehre von den Elementen ist ihrem Ursprung nach auf Empedokles aus Agrigent (um 440 v. Chr.) zurückzuführen. Für ihn waren die Urstoffe ewig, selbstständig und nicht weiter ableitbar. Durch zwei bewegende Kräfte, die Freundschaft und der Streit – den Heraklit den Vater aller Dinge nannte – wurden die Elemente miteinander vermischt und zu Dingen geformt. Die Trennung sollte auf die Weise stattfinden, dass sich die Teilchen eines Stoffes unsichtbar von denen des anderen lösten. Auf diesem Weg ließ Empedokles auch die Sinneswahrnehmungen entstehen181.
Empedokles konnte sich auch über die natürlichen Dinge insbesondere einige zutreffende oder doch bemerkenswerte Ansichten bilden. So nahm er anstelle des zentralen Feuers, um das die Pythagoreer die Erde kreisen ließen, einen feurig-flüssigen Erdkern an, von dem die heißen Quellen und Vulkane ihre Wärme erhalten sollten. Das unterirdische Feuer soll außerdem die Berge emporgehoben haben. Aus großen Knochen, die auf Sizilien gefunden wurden, schloss Empedokles auf die vorgeschichtliche Existenz einer Riesenrasse. Seine Ansichten entwickelte er in einem Gedicht „Über die Natur“. Leider sind davon nur wenige Bruchstücke erhalten. Diese lassen jedoch erkennen, dass Empedokles auch über die Natur der Pflanzen nachgedacht hat. Letztere erklärte er für belebt; als Zeichen der Belebung

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Er deutete jedoch Erscheinungen an, die man heute mechanisch erklärt, wie das Erzittern, das Ausstrecken der Zweige und das kräftige Zurückschnellen gebogener Äste. Auch die Behauptung, daß die Pflanzen zweierlei Geschlecht besäßen, wird auf Empedokles zurückgeführt. Selbst die später oft wiederkehrende Lehre von den periodischen Weltumbildungen begegnet uns schon bei diesem Philosophen. Man darf deshalb aus den vorhandenen Bruchstücken altgriechischer Philosophie schließen, daß eine der wichtigsten Annahmen der neueren Geologie, die Lehre nämlich, daß unser Erdball eine Reihe von Umwandlungen erlitten hat, bei denen Tiere und Pflanzen untergingen, um sich in anderen Arten wieder zu erneuern, bereits in der Antike als Ahnung vorhanden war. „Die Fakten, auf die man sich dabei stützte, waren vielleicht nicht viele, umso schärfer war aber der Blick, der schon das Richtige traf.“

Erster Versuch einer Erklärung der Natur aus den Prinzipien der Mechanik.

Hatte man zuerst die Stoffumwandlungen, denen man auf Schritt und Tritt begegnete, als ein Entstehen und Vergehen aufgefasst, so waren es Philosophen, welche lehrten, daß alle Veränderung auf ein Mischen und Entmischen zurückzuführen sei, und daß dabei der Stoff selbst weder sich bilden noch vernichten werde. Dem philosophischen Denken entsprang ferner die Vorstellung, daß der Stoff aus kleinsten Teilchen bestehe, durch deren Umlagerung jenes Mischen und Entmischen bedingt sei – beides Grundsätze, deren sich die Forschung bemächtigte, um sie als Leitsterne bei ihren Bemühungen zur denkenden Erfassung der Natur zu nutzen.

Die angedeutete Durchführung der mechanischen Naturerklärung vollzog sich im Anschluss an die Lehren des Empedokles durch die Atomisten genannten Philosophen Leukipp und Demokrit. Ihre Anschauungen lassen sich in folgende Sätze fassen: Das Universum ist anfangslos und auf keine Weise von irgend jemandem geschaffen. Überhaupt ist alles seit ewigen Zeiten in der Notwendigkeit begründet, sowohl was war, als auch was ist und was sein wird. Das Universum besteht aus qualitativ gleichen Teilchen, den Atomen, die ihrer Form nach unterschiedlich sind und ihre Lage

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sich gegenseitig verändern. Damit Letzteres möglich ist, muss der Raum außerdem leer sein. Die Atome sind ewig und unzerstörbar. Aus Nichts wird nichts. Nichts kann vernichtet werden. Jede Veränderung besteht nur in der Verbindung und in der Trennung der Atome. Aus der Zahl, der Gestalt, dem Zusammenkommen und der Trennung der Atome geht die Vielfalt der Dinge hervor. Die Vorgänge in der Natur hängen nicht von den Launen übernatürlicher Wesen ab, sondern sind ursächlich bedingt; nichts geschieht zufällig186. Die Bewegung der Atome ist seit Anfang an vorhanden, sie hat zur Bildung unzähliger Welten geführt. Außer den Atomen und dem leeren Raum gibt es nichts. Eine Schwäche dieser atomistischen Lehre, die ihr auch heute noch anhaftet, liegt darin, dass nach ihr auch das Seelische aus Atomen, und zwar aus Atomen feinerer Art bestehen soll, welche die gröberen Körperatome durchdringen, sehr beweglich sind und auf diese Weise die Erscheinungen des Lebens hervorrufen. So wurden z. B. die Empfindungen des Süßen, Herben, Scharfen daraus erklärt, dass die Atome teils kugelig, teils kantig, teils zackig seien. Die Wahrnehmung sowie überhaupt jede Wirkung der Dinge aufeinander sind nach Demokrit durch Ausströmung und Einströmung bedingt. Aus diesem Grund mussten die Körper zwischen den Atomen Poren haben. Die Zahl der Atome ist unendlich groß und ihre Form unendlich verschieden. Qualitativ sind sie jedoch einander völlig gleich. Bei ihrer Bewegung durch den unendlichen Raum stoßen sie aufeinander. Dadurch entstehen Wirbel, aus denen die Weltkörper hervorgehen. Letztere entstehen und vergehen und sind in ihrer Zahl ebenfalls unbegrenzt. Diese Lehre von der Weltentstehung187 wurde im 18. Jahrhundert durch Kant und durch Laplace zu neuem Leben erweckt. Sie hat auch Giordano Bruno zu seinen Spekulationen über die Unendlichkeit der Welten angeregt.
Demokrit wurde um 460 v. Chr. in der ionischen Kolonie Abdera geboren und starb um 370. Er sammelte auf vielen Reisen zahlreiche Kenntnisse.
„Ich habe“, sagt er, „unter allen Menschen meiner Zeit die größten Landestrecken durchquert, das Entfernteste erforscht, die meisten Länder gesehen und kundige Menschen gehört.“ Von seinen zahlreichen Schriften ist leider nur wenig erhalten geblieben. So viel lässt sich jedoch erkennen, dass er in systematischen Werken sowie in Einzelabhandlungen versucht hat, das ganze Gebiet des menschlichen Wissens zu umfassen. Er schrieb nicht nur über Astronomie, Medizin, Landwirtschaft, Technologie, Kriegskunst wie viele andere vor ihm, sondern von ihm stammt auch das erste

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Versuch einer wissenschaftlichen Zoologie, Botanik und Mineralogie her188.
Demokrit hat die Wissenschaften im Einzelnen kaum in erheblichem Maße gefördert und bereichert. Es ist daher nicht gerechtfertigt, ihn als den größten Naturforscher der Antike zu bezeichnen. In der Astronomie wurden er von Oenopides und Meton übertroffen; er hielt nämlich an der Scheibengestalt der Erde fest und lag somit in seinen kosmischen Vorstellungen weit hinter Platon zurück. Auch die Mathematik hat er trotz zahlreicher mathematischer Schriften nicht wesentlich gefördert. Dennoch muss man bedauern, dass von seinen Werken nur geringe Bruchstücke189 übrig geblieben sind. Demokrit war zweifellos der größte Polyhistor (d.h. kein bloßer Vielwisser) vor Aristoteles. Letzterer lobt ihn dafür, dass er überall die natürlichen Ursachen gesucht und vieles, was früher vernachlässigt worden war, festgestellt habe. Trotz seines materialistischen Weltbildes war Demokrit nach den Zeugnissen der Alten eine edle, reichbegabte Persönlichkeit, die von Wahrheit und Wissenschaft begeistert war.
Obwohl Demokrit die auf Leukipp (um 500 v. Chr.) zurückgehende atomistische Lehre in ein System gebracht hatte, war es insbesondere Epikur, der für ihre weitere Verbreitung aktiv war. Während der römischen Zeit wurde sie dann durch Lucretius Carus (um 50 v. Chr.) in einem Lehrgedicht mit dem Titel „Über die Natur der Dinge“190 dargestellt.
Die größten Schwierigkeiten bereitete es diesen als Atomisten bezeichneten Philosophen, die zweckmäßige Beschaffenheit der Naturerzeugnisse – die auch Demokrit laut einem Zitat von Aristoteles bewundert haben soll – ohne die Beteiligung einer Zwecktätigkeit, sondern allein aus der Notwendigkeit heraus zu erklären. Aristoteles (Physik II, 8) stellt die Frage, „ob die Natur nur infolge einer blinden Notwendigkeit oder nach Zwecken handelt“. Der Regen fällt schließlich nicht deshalb, damit das Getreide wächst, sondern weil sich die aufsteigenden Dämpfe verdichten; dass das Getreide daraufhin wächst, ist lediglich ein Zufall. „Könnte“, fragt Aristoteles, „dasselbe nicht von allen Naturerzeugnissen gelten? Könnten beispielsweise die Vorderzähne zufällig scharf und die Backenzähne zufällig stumpf sein? Dann wäre der Nutzen, den sie uns bringen, eine unbeabsichtigte Folge dieses Zufalls – ähnlich wie das Zusammentreffen zwischen der Verdichtung der Dämpfe und dem Wachsen des Getreides. Diejenigen Wesen hingegen, bei denen alles so zustande kam, als wäre es zu einem bestimmten Zweck entstanden, blieben erhalten, während andere untergingen.“

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„Geht weiterhin ständig zugrunde das, was der Zufall nicht zweckmäßig gebildet hat.“ Aristoteles weist diese Einwände, die man, wie er sagt, vorbringen könnte, zurück. Nach ihm gibt es überall einen Zweck – „ein Warum“ – in dem, was von Natur aus geschieht. In der Natur herrscht der Zweck genauso wie in der Kunst.

Wie sich die Atomisten die Entstehung der Welt ohne eine zielsetzende Tätigkeit vorstellten, geht aus einigen Stellen bei Lukrez hervor, insbesondere aus den folgenden Versen191:

„Sage mir ferner, woher kam den Göttern das Vorbild der zu erzeugenden Dinge – ja sogar nur der Begriff des Menschen; dass sie wussten und im Geiste sahen, was sie schaffen wollten. Woher erhielten sie jemals von den Kräften der Urstoffe Kenntnis darüber, was sie durch veränderte Ordnungen alles bewirken konnten? Hätte die Natur selbst nicht ein Beispiel für die Schöpfung gegeben? Denn viele der Urkörper bewegten sich seit ewigen Zeiten durch ihr eigenes Gewicht sowie durch äußere Einflüsse, vermischten sich auf alle möglichen Weisen und versuchten herauszufinden, welche Verbindungen sie wohl bilden könnten, je nachdem, wie sie miteinander zusammenkamen. Ist es da verwunderlich, dass sie schließlich in eine solche Lage gerieten und in solche Bewegungen gerieten, durch die das ganze Universum heute existiert und sich ständig erneuert?“

Und etwas später192:

„Denn die Atome haben sich nicht nach einem sorgfältig durchdachten Plan an ihren jeweiligen Platz begeben – wahrlich auch nicht durch irgendwelche Vereinbarungen wurde ihre Bewegung bestimmt.“

Die Vorstellung, dass die Natur oft neue Arten schafft, die wieder untergehen, wenn sie sich nicht erhalten können, formulierte nach der Wiederbelebung der Wissenschaften zunächst Cardanus193. Er tat dies unter Berufung auf die durch Lukrez verbreiteten Lehren von Demokrit und Epikur. Es ergibt sich somit eine ununterbrochene Kontinuität.

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Zwischen den bereits in der Antike geäußerten Ahnungen der Abstammungstheorie und ihrer wissenschaftlichen Ausformulierung durch Lamarck und Darwin. Schon das um 1715 entstandene Werk von de Maillet übte nämlich einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der evolutionistischen Ideen aus, der sich besonders ein Jahrhundert später bei Lamarck bemerkbar machte (siehe Band IV). Wie Cardanus wurde auch de Maillet sehr wahrscheinlich durch die aus der Antike stammenden Anregungen dazu veranlasst, seine Lehre aufzustellen194.

Egal, ob man vom philosophischen Standpunkt aus der mechanischen Welterklärung Wert beimisst oder sie für überwunden hält – man muss immer die vorurteilsfreie und konsequente Denkweise ihrer Schöpfer anerkennen. Denn auch heute besteht das Bestreben der Forschung darin, Qualität auf Quantität zurückzuführen und in der Messbarkeit eines Phänomens dessen Erklärung zu finden. „Wer weiß, dass erst durch diese Methode die großen Triumphe der Naturwissenschaften errungen wurden, wird die Größe des demokritischen Gedankens zu würdigen wissen. Die atomistische Theorie ist zwar ein Gewebe von Hypothesen. Doch haben wir kein besseres Netz, um die Naturphänomene für unser Verständnis einzufangen“195. Die atomistische Lehre hat ein seltsames Schicksal erlebt: Auf das Zeitalter, in dem sie entstand, hatte sie nur einen geringen Einfluss. Erst 2000 Jahre später wurde sie durch Gassendi und insbesondere durch Dalton wiederbelebt. Seitdem hat sie die größte wissenschaftliche Bedeutung erlangt, da die Mechanik der Atome allen Naturphänomenen zugrunde gelegt wurde196.

Der Beginn der idealistischen Weltanschauung.

Eine weitere Leistung der alten Philosophie bestand darin, anstelle der von den Atomisten behaupteten unbewussten Notwendigkeit durch Anaxagoras den Begriff des Zwecks einzuführen und durchzusetzen. Nach allem, was wir von ihm wissen, war Anaxagoras einer der bedeutendsten Philosophen der Antike. Er wurde um 500 v. Chr. in Kleinasien geboren und siedelte nach den Perserkriegen nach Athen über, wo er zu Perikles freundschaftliche Beziehungen entwickelte. Anaxagoras sah in der Betrachtung der Natur und der Geschehnisse seine Aufgabe und brachte diese Art des Philosophierens nach Athen, das in der Folge zum Zentrum der

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in das geistige Leben der Alten eingeflossen ist. Sein Werk über die Natur war zur Zeit des Sokrates sehr verbreitet. Von diesem Werk sind leider nur Fragmente erhalten geblieben197.
Wie Empedokles geht auch Anaxagoras von der Ansicht aus, dass alles Geschehen ein Gemischtwerden und eine Entmischung sei, wobei sich die Menge des Stoffes im Weltall weder mehre noch verringere. Die dazu erforderliche bewegende Kraft sah er in einer vom Stoff getrennten, freiwilligen, selbst unbeweglichen Intelligenz. Diese zweckgerichtet handelnde Intelligenz wird jedoch von ihm eher vorausgesetzt als nachgewiesen. Deshalb werfen ihm Platon und Aristoteles vor, sein „νοῦς“198 habe ihm zur Erklärung nur als deus ex machina gedient.
Aus dem Urzustand oder dem Chaos ließ der „νοῦς“ nach Anaxagoras als ordnendes, nicht als schaffendes Prinzip das Universum entstehen. Eine Schöpfung aus dem Nichts ist eine orientalische Vorstellung, die dem griechischen Geist wenig zusagte und uns daher bei den griechischen Philosophen kaum begegnet. Der „νοῦς“ und die Urbestandteile der Dinge sind vielmehr von Anfang an vorhanden. Es ist der philosophische Keim der Lehre von der Erhaltung von Stoff und Kraft, der uns hier begegnet. Der „νοῦς“ versetzte die Masse in eine Art Wirbelbewegung, welche das Gleichartige zusammenführte und das Weltall in seiner jetzigen Verfassung entstehen ließ. Die später von Kant und Laplace entwickelte Nebularhypothese besagt, wie wir sehen werden, im Grunde dasselbe. Nur dass die Neueren diese Vorstellungen von der alten geozentrischen Ansicht lösten und sie vom Standpunkt der kopernikanischen Lehre weiterentwickelten. Durch die Wirbelbewegung trennen sich nach Anaxagoras Äther, Luft, Wasser und Erde voneinander. Von diesem letzten Element bleiben einzelne Massen aufgrund der Wirbelbewegung im Äther zurück, der ihnen Leuchtkraft verleiht und sie uns als Gestirne erscheinen lässt. Für diese Ansicht sprechen nach Anaxagoras die vom Himmel fallenden Meteoriten, von denen er denjenigen erwähnt, der 423 v. Chr. in Aegospotamoi (Thrakien) gefallen ist. Er meint, dieses Eisenstück, das bei Tageslicht auf die Erde gefallen sei199, stamme von der Sonne und mache es wahrscheinlich, dass diese aus glühendem Eisen bestehe. Auch der Mond sei ein Himmelskörper wie unsere Erde und besitze Berge und Täler – eine Vorahnung, deren Richtigkeit erst 2000 Jahre später durch Galilei nachgewiesen werden konnte200. Anaxagoras teilte das Schicksal vieler aufgeklärter

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Geister. Er wurde im hohen Alter als Gottesleugner ins Gefängnis geworfen und nur auf die Verwendung des Perikles hin wieder in Freiheit gesetzt. Die Anklage stützte sich besonders darauf, daß Anaxagoras die Sonne für einen glühenden Meteorstein erklärt hatte. Ihm, wie später dem Sokrates und Aristoteles, hat das atheniensische Volk mit Undank gelohnt. Erwies sich auch der auf Anaxagoras zurückzuführende Begriff der Zweckmäßigkeit, der in den platonischen Ideen seine Fortbildung fand, während der späteren Entwicklungsstufen der Wissenschaft als unzureichend, so war er doch für die Naturforschung des Altertums von Bedeutung und bei dem Aufbau des das Wissen jener Zeit umfassenden, aristotelischen Lehrgebäudes das eigentlich Treibende. Hinderlich wurde die alte Philosophie der Wissenschaft zuweilen dadurch, daß sie sich mehr dichterisch schaffend als kritisch forschend verhielt. Man war zu leicht geneigt, das Wort für das Ding und den Begriff für das eigentliche Wesen des Dinges zu nehmen. „Durch die Wörter“, sagt daher Lange in seiner Geschichte des Materialismus201 mit Recht, „ließen sich Sokrates, Plato und Aristoteles täuschen. Wo ein Wort war, wurde ein Wesen vorausgesetzt. Gerechtigkeit z. B. mußte doch etwas bedeuten. Es mußte also Wesen geben, welche den Ausdrücken entsprechen.“ In Platon (427–347) erreichte die griechische Philosophie ihren Höhepunkt. Sein System gipfelt darin, daß er die Idee als die Ursache und den Zweck des Geschehens betrachtet und auf diese Weise das Geistige und die Körperwelt aus einem Prinzip ableitet. Obgleich Platon wenig Eigenes auf dem Gebiet der Mathematik geschaffen hat und seine Neigung zu den Naturwissenschaften nur gering war, hat er dennoch diese beiden Wissensgebiete in nicht geringem Maße befruchtet. Groß war vor allen Dingen der persönliche Einfluss, den er als Gründer der atheniensischen Akademie auf seine Schüler ausübte. Zu ihnen zählten Aristoteles, Eudoxos und Herakleides Pontikos. Platon selbst wurde besonders durch die Pythagoreer angeregt, mit deren Lehren er in Großgriechenland bekannt geworden war. Auch in Ägypten ist Platon gewesen. Seine Ansichten über die Natur entwickelt Platon in demjenigen seiner Dialoge, der den Titel „Timäos“ führt. Diese Schrift ist in besonders hohem Grade durch mythische und pythagoreische Lehren beeinflusst. Nach Platon besteht die Welt nicht seit Ewigkeit, wie der fast gleichzeitig

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Der lebende Demokrit lehrte das Gegenteil – die Welt hat einen Anfang und einen Schöpfer. Ewig sind nur die Ideen, welche der Schöpfer, also das bewegende Prinzip, mit dem ursprünglich ungebildeten Grund der materiellen Welt (vergleichbar etwa mit dem Chaos) verbindet. Das Ergebnis ist nicht eine Unendlichkeit von Welten, sondern nur eine Welt, der die vollkommenste Form, nämlich die Kugelform, zukommt. Auch in den Einzelheiten weicht die platonische Auffassung in solchem Maße von der mechanischen ab, dass sie nicht die Grundlage der nach einer Erklärung aus mechanischen Prinzipien suchenden Naturwissenschaften werden konnte.

Die Begründung der griechischen Mathematik.

In gleichem Maße, wie die ersten philosophischen Bestrebungen anregend auf die Forschung gewirkt haben, war dies auch hinsichtlich der Mathematik der Fall. Zur vollständigen Erkenntnis der Wahrheit, dass nur durch die Vereinigung des mathematischen Verfahrens mit der experimentellen Forschungsweise Aussicht auf eine Lösung der naturwissenschaftlichen Probleme besteht, musste jedoch erst die neuere Zeit kommen. Ein wesentlicher Mangel der Alten, die die Mathematik zwar gut beherrschen konnten, bestand darin, dass sie sich nicht in gleichem Maße für die Durchführung von Experimenten eigneten. Für dies wurden zahlreiche Gründe angeführt; einer der wichtigsten lag wohl im Überschätzen der reinen geistigen Tätigkeit gegenüber jeder Beschäftigung mit materiellen Dingen. Auch die Tatsache, dass die Ausübung handwerklicher Tätigkeiten als unwürdig für einen freien Menschen galt und diesen somit den Sklaven überlassen wurde, behinderte stark die Entstehung der experimentellen Forschungsmethode.

Wenn wir die Entwicklung der Mathematik, die hier – genauso wie die Ergebnisse der Philosophie – nur insofern berücksichtigt wird, als sie die Naturwissenschaften beeinflusst hat, weiter verfolgen, richtet sich unser Blick von Ionien auf einen anderen Hauptort der hellenischen Bildung, nämlich auf Großgriechenland. Während man in Ionien erst allmählich den Wert der mathematischen Betrachtungsweise erkannte, findet man dort bei Pythagoras und seinen Anhängern eine erhebliche Überschätzung derselben. Vor allem ist dabei wichtig, dass auch in…

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Außerdem traten Männer aus Griechenland auf, die in der nachdenklichen Betrachtung der Welt ihre Lebensaufgabe sahen. Als einer der ersten wird uns Pythagoras genannt. Da jedoch fast nichts über sein Leben bekannt ist und auch kein von ihm stammendes Schriftstück zu uns gelangt ist, tritt uns in Pythagoras wie in Thales eine sagenumwobene Gestalt entgegen. Der Erstere galt lange Zeit als der eigentliche Begründer der griechischen Mathematik, während für Thales und Anaximander die Mathematik als Hilfswissenschaft zur Lösung astronomischer Aufgaben in Betracht kam. Heute ist das Urteil über die Bedeutung des Pythagoras wesentlich eingeschränkt worden (siehe S. 80).
Pythagoras wurde um 550 v. Chr. auf Samos geboren. Über die Gründung seiner Schule gehen die Berichte stark auseinander. Es lässt sich annehmen, dass er sich vorher, ebenso wie Thales, in Ägypten – vielleicht auch in Babylon – aufgehalten hat. Auch in diesem Fall handelte es sich somit um eine Übertragung orientalischer Wissenschaften auf den für deren weitere Entwicklung besonders günstigen Boden Griechenlands.
Pythagoras und seine Schüler gingen, mehr ahnend als in wirklicher Erkenntnis, von der Voraussetzung aus, dass eine durch Maß und Zahl bestimmte Gesetzmäßigkeit alles Natürliche beherrsche. In einer einseitigen Übertreibung dieser Idee sahen sie dann in den Zahlen den ursächlichen Grund der Erscheinungswelt. „Den Pythagoreern“, sagt Aristoteles, „wurde die Mathematik zur Philosophie.“ Es handelte sich bei ihnen jedoch eher um bloße Zahlenmystik denn um die Pflege und Förderung einer exakten Wissenschaft. So ordneten sie die Sechs der Belebung, die Sieben der Gesundheit, die Acht der Freundschaft usw. zu. Diese Zahlenmystik der Pythagoreer ist teilweise wohl auf akustische Experimente sowie auf das Nachdenken über das Wesen der Harmonie zurückzuführen. Man hatte bemerkt, dass der Ton einer Saite mit bestimmter Spannung in die Oktave übergeht, wenn man ihre Länge auf die Hälfte verkürzt, oder dass gleich gespannte und gleich dicke Saiten konsonierende Töne erzeugen, wenn sich ihre Längen im Verhältnis 1:2, 2:3, 3:4, 4:5 verhalten. Den Grund für dieses Phänomen suchten die Pythagoreer im geheimnisvollen Wesen der Zahlen. Auch hier kam die Vorstellung von der Bedeutung der Harmonie zum Ausdruck – indem die von der pythagoreischen Schule beeinflusste Medizin die Gesundheit als die Symmetrie bestimmter

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Als Qualitäten wurden Eigenschaften wie Warm, Kalt, Trocken, Feucht usw. betrachtet, während Krankheit in der Störung dieser Symmetrie bestehen sollte204. Auf die Pythagoreer werden zurückgeführt – wobei sich indes nicht unterscheiden läßt, was selbst gefunden und was an fremden Elementen aufgenommen wurde – die Sätze über die Winkelsumme im Dreieck, über die Kongruenz der Dreiecke, der sogenannte pythagoreische Lehrsatz, sowie die Kenntnis des goldenen Schnitts; ferner die ersten Kenntnisse der Stereometrie, insbesondere der fünf regelmäßigen Polyeder und der Kugel. Zeugnisse für geometrische Entdeckungen des Pythagoras enthält die Literatur des Altertums an etwa zwölf Stellen. Bei der Beurteilung der Zuverlässigkeit dieser Zeugnisse ist indessen zu berücksichtigen, dass die ältesten Angaben 500 Jahre, die Hauptquelle (Proklos) sogar 1000 Jahre nach Pythagoras niedergeschrieben wurden205. Proklos, der sich auf die beiden verloren gegangenen Schriften des Eudemos, des ältesten Geschichtsschreibers der griechischen Mathematik206, stützt, hat Pythagoras nicht für den Entdecker des Begriffs der irrationalen Größen gehalten und ihm weder die Konstruktion der regulären Körper noch die Entdeckung des pythagoreischen Lehrsatzes zugeschrieben. Auch Zeller, der Geschichtsschreiber der griechischen Philosophie, ist schon der althergebrachten Ansicht entgegengetreten, nach welcher Pythagoras selbst als Mathematiker Hervorragendes geleistet haben soll. Das Ergebnis aller neueren Nachforschungen besteht darin, dass sich eine bestimmte Leistung auf dem Gebiet der Mathematik Pythagoras mit Sicherheit überhaupt nicht zuweisen läßt.
Die den Griechen im allgemeinen nachgerühmte Strenge der Beweisführung war bei den Pythagoreern noch wenig entwickelt. Sie verfuhren häufig noch induktiv und wussten das Allgemeine von den Einzelfällen noch nicht recht zu trennen. Immerhin kommt ihnen das Verdienst zu, dass sie die Mathematik von den Bedürfnissen des Lebens getrennt und sie als reine Wissenschaft aufgefasst haben207. Vor allem wurde die Lehre vom Dreieck durch Pythagoras und seine Schule so vollständig entwickelt, dass Euklid, als er die mathematischen Kenntnisse der Griechen in seinen „Elementen“ zusammenstellte, nur wenig hinzuzufügen brauchte. Dass die Winkel des Dreiecks zusammen zwei Rechte bilden, bewiesen die Pythagoreer, indem sie durch eine Ecke eine Parallele zur Gegenseite zogen208. Auf den nach Pythagoras benannten

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Der Satz entstand vermutlich dadurch, dass man die aus Ägypten oder Babylon zu den Griechen gelangte Erkenntnis, dass ein Dreieck rechtwinklig ist, wenn seine Seiten im Verhältnis 3 : 4 : 5 stehen, mit dem arithmetischen Satz verbinden konnte, dass 3² + 4² gleich 5² ist; denn gerade darin bestand die Stärke der späteren Pythagoreer in der Anwendung der Zahlentheorie auf die Geometrie. Auch den Satz, dass sich die drei Winkelhalbierenden eines Dreiecks in einem Punkt schneiden, kannten die Pythagoreer und nutzten ihn zur Bestimmung des dem Dreieck eingeschriebenen Kreises. Zudem befassten sie sich ausführlich mit regelmäßigen Polygonen sowie mit den fünf regelmäßigen Polyedern. Von diesen Letzteren waren bereits der Würfel, das Tetraëder und das Oktaëder Gegenstand der orientalischen Mathematik gewesen. Das Ikosaëder und das Dodekaëder hingegen wurden erst von der pythagoreischen Schule konstruiert. Alle fünf Körper legten die Pythagoreer ihren mystischen Weltersklärungsversuchen zugrunde. Die Welt sollte die Form des Dodekaëders haben, während die vier übrigen regelmäßigen Körper als Formbestimmer für die Teilchen der vier Grundstoffe – Feuer, Erde, Luft und Wasser – galten. Erst Euklid gelangte zur Erkenntnis, dass es nur fünf regelmäßige Polyeder gibt, d.h. Körper, die von gleich großen, gleichseitigen und gleichwinkligen Flächen begrenzt werden. Wie in der Geometrie wurde auch in der Arithmetik damals eine Grundlage geschaffen, die den schnellen Aufschwung ermöglichte, den die Mathematik bald darauf in Griechenland erlebte. Die Pythagoreer schufen die Begriffe der Primzahlen sowie der relativ primen oder teilerfremden Zahlen. Aus dem Orient übernahmen sie anschließend die Begriffe der Quadratzahlen und Kubenzahlen, mit denen die Babylonier bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. vertraut waren. Auch die Lehre von den Proportionen wurde von den Pythagoreern gepflegt, da sich Proportionen für viele Aufgaben, die heute durch Gleichungen gelöst werden, als besonders geeignet erwiesen. Neben der arithmetischen (a – b = c – d) und der geometrischen (a : b = c : d) Proportion weckten auch die durch Gleichsetzung der inneren Glieder entstehenden kontinuierlichen Proportionen (a – b = b – c und a : b = b : c) das Interesse der pythagoreischen Schule. Auf den Begriff des Irrationalen kamen die Pythagoreer, als sie erkannten, dass die Diagonale und eine Seite eines Quadrats keine gemeinsame Maßeinheit haben. Die systematische Darstellung der Lehre

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Die Irrationalität wurde von Euklid untersucht. Er erweiterte ihren Anwendungsbereich auf mehrfache Quadratwurzeln, behandelte jedoch nur solche Ausdrücke, die sich mit Zirkel und Lineal konstruieren lassen211. Einige Jahrhunderte ununterbrochener Pflege der mathematischen Wissenschaften, mit denen sich auch die herausragendsten Philosophen wie Platon und Aristoteles beschäftigten, reichten dann aus, um in den Werken von Apollonios und Archimedes Leistungen allerersten Ranges entstehen zu lassen. Insbesondere in den Händen des Letzteren wurde die Mathematik zu einem Werkzeug, mit dem bereits die Bewältigung mancher physikalischer Aufgaben gelang. In der Geschichte der griechischen Mathematik nimmt Hippokrates von Chios, der um 440 tätig war, eine vermittelnde Stellung zwischen der älteren Schule der Pythagoreer und den Mathematikern des 4. Jahrhunderts v. Chr. ein. Hippokrates begründete eine strengere Beweisführung. Er war außerdem der erste, der ein mathematisches Lehrwerk veröffentlichte212. Am bekanntesten ist sein Satz von den Mondelfen (Lunulae Hippokratis). Er lautet: Es sei ein dem Halbkreis eingeschriebenes, gleichschenkliges, rechtwinkliges Dreieck gegeben. Wenn man dann Halbkreise über die Katheten errichtet, sind a und a’ (die Mondelfen) flächenmäßig den Stücken b und b’ gleich (Abb. 12). Hippokrates hat ferner bewiesen, dass sich die Kreisflächen wie die Quadrate der zugehörigen Durchmesser verhalten. Auf ihn ist wahrscheinlich auch die Exhaustionsmethode zurückzuführen, die uns im Verlauf der weiteren Entwicklung der griechischen Mathematik noch wiederholt beschäftigen wird.

Abb. 12. Der Satz des Hippokrates.

Der Satz über die Mondelfen ist deshalb von besonderem Interesse, weil er der erste erfolgreiche Versuch ist, eine gekrümmte Figur zu quadrieren. Hippokrates213 glaubte sogar, durch seinen Satz die Quadratur des Kreises erreicht zu haben.

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einen Schritt näher gekommen zu sein. Seine auf die Lösung dieses Problems hinzielenden Versuche mussten indessen schon deshalb ergebnislos bleiben, weil, wie die neuere Mathematik bewiesen hat, die wahre Quadratur des Kreises nicht möglich ist. Der Satz des Hippokrates über die Lunulae war eine wichtige Verallgemeinerung des pythagoreischen Lehrsatzes. Letzterer beschränkte sich auf Quadrate. Das Hinzukommen des neuen Satzes ließ bereits die Erkenntnis durchschimmern, dass, ganz allgemein, ähnliche Figuren über den Katheten zusammen einer ähnlichen Figur über der Hypotenuse flächen gleich sind.
Für die alte Mathematik besaßen drei Probleme eine treibende Kraft, wie wir sie für die Chemie im Problem der Metallverwandlung kennenlernen werden. Es waren dies die Quadratur des Kreises, die Verdopplung des Würfels oder das delische Problem und die Dreiteilung eines beliebigen Winkels. Alle drei Aufgaben waren so naheliegend und schienen so einfach zu sein. Und doch haben sie, soweit sie überhaupt lösbar sind, den größten Mathematikern kaum überwindbare Schwierigkeiten bereitet.
Mit den Versuchen, die Quadratur des Kreises zu finden, beginnt die griechische Mathematik im 5. Jahrhundert v. Chr. reine Wissenschaft zu werden. Das Problem beschäftigt schon den Anaxagoras. Es führt bereits um jene Zeit zum Exhaustionsverfahren, das Archimedes weiter entwickelte und das als Vorstufe zur Integrationsmethode der neueren Mathematik betrachtet werden kann. Da eine vollkommene Lösung der Quadratur nicht gefunden werden konnte, so begnügte man sich bei der Exhaustionsmethode mit einer angenäherten Bestimmung. Man zeichnete in den Kreis zunächst ein Quadrat. Über den Seiten dieser Figur errichtete man die Seiten des dem Kreis eingeschriebenen Achtecks, darüber das eingeschriebene Sechzehneck und so fort, bis das schließlich erhaltene Vielfacheck vom Kreis kaum noch abwich. Dieses Vielfacheck wurde dann nach den bekannten Verfahrungsweisen der Elementarmathematik so oft in ein flächen gleiches Vielfacheck von geringerer Seitenzahl umgeformt, bis man schließlich das dem Kreis annähernd flächen gleichende Quadrat gefunden hatte. Ein derartiges konstruktives Verfahren war sehr umständlich und umso fehlerhafter, je größer die Zahl der vorgenommenen Konstruktionen war, da ja jede einzelne vom wahren Wert mehr oder weniger abwich.
Gleichfalls im 5. Jh. v. Chr. tauchte das delische Problem auf. Seinen Namen soll es daher erhalten haben, dass den Deliern durch ein Orakel

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Es wurde befohlen, einem würfelförmigen Altar den doppelten räumlichen Inhalt zu geben. Das Problem, mit dem sich alle bedeutenden griechischen Mathematiker, unter ihnen auch Hippokrates von Chios und Platon, beschäftigt hatten, führte zunächst zum Begriff der Kubikwurzel. Ist nämlich die Kante des gegebenen Würfels a, diejenige des gesuchten x, so gilt x³ = 2a³ und x = a³/2. Auf diesen Ausdruck kam bereits Hippokrates. Während jedoch für die Quadratwurzeln geometrische Konstruktionen gefunden werden konnten, versagte dieser Weg zunächst bei der Kubikwurzel. Die Gleichung x = a³/2 bedeutet, dass die gesuchte Kante des doppelten Würfels die erste von zwei mittleren Proportionalitäten (x und y) ist, die man in Form einer fortlaufenden Proportion zwischen der einfachen Kante (a) und der doppelten Kante (2a) des gegebenen Würfels einsetzt. Wenn nämlich a : x = x : y = y : 2a gilt, dann gilt (1) a : x = x : y und (2) x : y = y : 2a. Setzen wir den aus (2) ermittelten Wert für y, nämlich y = √(2ax), in Gleichung (1) ein, so erhalten wir a : x = x : √(2ax). Daraus folgt: x² = a·√(2ax), x⁴ = a²·2ax, x³ = 2a³ und somit x = a³/2. Die Aufgabe war also gelöst, wenn es gelang, den Wert x auf der Grundlage der fortlaufenden Proportionalität a : x = x : y = y : 2a zu bestimmen. Geometrisch wird diese Proportionalität durch die in Abbildung 13 dargestellte Figur ausgedrückt: ABCD ist ein Rechteck; ACD und CDE sind rechtwinklige Dreiecke. Für die in der Figur mit a, b, x, y bezeichneten Längen gelten gemäß einem bekannten Satz über die Proportionalität rechtwinkliger Dreiecke die Beziehungen a : x = x : y und x : y = y : b. Spätere Mathematiker, darunter insbesondere Platons Schüler Menäkhmos (um 350 v. Chr.), gelangten durch die Beschäftigung mit dem delischen Problem über die Geometrie der Geraden und des Kreises zu den für Astronomie und Mechanik äußerst wichtigen Kurven, nämlich Parabeln, Ellipsen und Hyperbeln.

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Ausgehend von der bereits bei Hippokrates bekannten Proportion a : x = x : y = y : b, in der b im besonderen Fall der Verdopplung eines Würfels gleich 2a ist, erkannte Menächmos, dass die aus jener Proportion folgenden Ausdrücke x² = ay und y² = bx zu einer neuen Kurve führen. Beide Ausdrücke sind nämlich in der Form gleich und enthalten daher auch dieselbe Bedingung. Übersetzt in geometrische Begriffe bedeutet dies, dass man ein Rechteck (ay) so auf eine Gerade anordnen muss (παραβύλλειν), dass sein Inhalt dem eines Quadrats (x²) entspricht.

Abb. 13. Konstruktion zur Lösung des delischen Problems.

Menächmos erkannte, dass der geometrische Ort der Schnittpunkte aller diesem Bedingung genügenden Rechtecke eine von der Kreislinie abweichende gekrümmte Linie bildet, die später aufgrund der Anordnung des Rechtecks auf der Geraden den Namen Parabel erhielt. Er zeigte außerdem, dass der für die Verdopplung des Würfels gesuchte Wert x als Schnittpunkt einer Parabel mit einer Hyperbel oder als Schnittpunkt zweier Parabeln bestimmt werden kann. Doch würde eine weitere Erläuterung dieser Konstruktionen hier zu weit führen. Jedenfalls ist klar, dass Menächmos mit einer punktweisen Konstruktion beider Kurven sowie mit ihren grundlegenden Eigenschaften – ja sogar mit den Asymptoten der Hyperbel – vertraut war. Die Beziehung der von ihm untersuchten Kurven zur Kegelschnittfläche hat Menächmos vermutlich noch nicht erkannt; jedenfalls gelangte er zu diesen Kurven, indem er versuchte, für einen arithmetischen Ausdruck den entsprechenden geometrischen Ort zu bestimmen. Auch die Aufgabe, einen Winkel in drei gleiche Winkel zu zerlegen, führte, wie das delische Problem, auf kubische Gleichungen und höhere Kurven.

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So gelang es um 400 v. Chr.219 die Dreiteilung des Winkels mit Hilfe der Quadratrix genannten Kurve auszuführen220.
Die Beschäftigung mit dem delischen Problem und den Kegelschnitten führte im Verlauf der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. auch zu einem tieferen Eindringen in die Wahrheiten der Stereometrie. Vor allem sehen wir Platon und seine Schüler auf diesem Gebiet tätig. Auf den unzureichenden Zustand dieser Wissenschaft wies er mit folgenden Worten hin: „Hinsichtlich der Messungen von allem, was Länge, Breite und Höhe hat, legen die Griechen eine in allen Menschen von Natur aus vorhandene, aber ebenso lächerliche wie schmähliche Unwissenheit an den Tag.“ Platon gebührt aber auch das allgemeinere Verdienst, die mathematische Methode dadurch verbessert zu haben, dass er jeden Satz auf Prämissen zurückführte, bis er schließlich zu Axiomen und Definitionen als den, weiteren Voraussetzungen entbehrenden Grundlagen der Mathematik gelangte. Auch die Erfindung des indirekten Beweisverfahrens wird Platon zugeschrieben221.
Unter den stereometrischen Sätzen, welche die platonische Schule aufdeckte, verdienen besonders zwei hervorgehoben zu werden. Es ist der Satz von der Raumgleichheit der Pyramide mit dem dritten Teil des Prismas von gleicher Grundfläche und gleicher Höhe. Ferner erkannte man, dass Kugeln sich hinsichtlich des Volumens wie die dritten Potenzen ihrer Durchmesser verhalten222. Um jene Zeit scheint auch die Entdeckung stattgefunden zu haben, dass Ellipse, Parabel und Hyperbel wie der Kreis als Kurven auf der Kegeloberfläche (Kegelschnitte) entstehen, wenn man Ebenen in unterschiedlicher Neigung zur Kegelachse durch den Kegel zieht223.

Die Anfänge der griechischen Astronomie224.
Nicht so erfolgreich wie auf den Gebieten der Philosophie und der Mathematik waren die Griechen während dieser Periode in der Astronomie. Die Anfänge dieser Wissenschaft verdankten sie den Sternwarten Mesopotamiens – so die Kenntnis der Ekliptik, der Tierkreiszeichen, der Planetenreihe usw. Auch das Duodezimalsystem sowie das Sexagesimalsystem und die auf diesen Systemen beruhenden Maße gelangten über die ionischen Städte, welche dem babylonischen Einfluss weit geöffnet waren.

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Nach Griechenland225. Große Schwierigkeiten bereitete den Griechen ihre Zeitrechnung, der sie anfangs die Bewegung des Mondes zugrunde legten. Man sah dieses Gestirn in rascher Folge einen Wechsel von Lichtgestalten durchlaufen und gelangte dadurch zur Aufstellung des synodischen Monats, dessen Dauer 29 Tage 12 Stunden und 44 Minuten beträgt. Es ist nun sehr wahrscheinlich, dass der erste Versuch, die Rechnung nach Mond und Sonne zu regeln, zur Festsetzung eines Zeitraums von 12 Monaten zu 30 Tagen führte. Ein solcher Kalender konnte den Bedürfnissen jedoch nicht lange genügen, da er dem tatsächlichen Verlauf der himmlischen Bewegungen zu wenig entsprach. Der nächste Schritt bestand deshalb darin, dass man den Monat abwechselnd zu 29 und 30 Tagen rechnete. Dadurch wurde das Jahr aber auf 354 Tage verkürzt. Mit diesem Zeitabschnitt rechneten die Griechen, bis Solon den bedeutenden Ausfall, den man erlitten hatte, dadurch ausglich, dass er jedem zweiten Jahr einen vollen Monat von 30 Tagen hinzufügte. Auf das Jahr kamen also im Durchschnitt (2 · 354 + 30)/2 = 369 Tage, was noch immer eine starke Abweichung von der wirklichen Dauer bedeutete. Einer der ersten, die sich (um 460 v. Chr.) bemühten, die Kalenderrechnung durch einen besseren Ausgleich zwischen dem Mondumlauf und dem Sonnenjahr zu regeln, war der Astronom Oenopides auf Chios, zu dessen Schülern wahrscheinlich Hippokrates von Chios gehörte. Oenopides setzte 730 Mondmonate gleich 59 Sonnenjahren und kam so zu einer Jahreslänge von 365,373 Tagen. Er soll auch viel zur Übermittlung der ägyptischen und babylonischen Astronomie beigetragen haben und den aus gleich großen Abschnitten bestehenden Tierkreis in Griechenland eingeführt haben. Auch dadurch hat er sich einen Namen gemacht, indem er die regelmäßig wiederkehrenden Nilschwemmen auf kosmische Ursachen zurückführte. Die Verwirrung, in die der Kalender der Griechen geraten war, hat ihr großer Lustspieldichter Aristophanes226 dadurch verspottet, dass er den Mond über einen solch unhaltbaren Zustand klagen ließ. Erst dem attischen Mathematiker Meton gelang 433 v. Chr. die endgültige Beseitigung dieses Wirrwarrs. Er führte einen Zyklus ein, der 19 Jahre umfasste und innerhalb dieses Zeitraums 125 „vollständige“ und 110 „leere“ Monate enthielt, sodass das Jahr (125 · 30 + 110 · 29)/19 = 365,263 Tage umfasste, während der wahre Wert des Sonnenjahres bei 365,242 Tagen liegt227.

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Die Einteilung nach Stunden, für die sich bei Herodot noch keine besondere Bezeichnung findet, scheint erst gegen das Ende des 4. vorchristlichen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen zu sein. Vorher begnügte man sich damit, daß man aus der Schattenlänge des eigenen Körpers oder eines senkrechten Sonnenzeigers auf das Vorrücken der Tageszeit schloß228.
Zu einer annähernden Bestimmung des Sonnenjahres mußte man gelangen, sobald man zur genaueren Messung der Schattenlänge mit Hilfe des Gnomons überging. Man erkannte, daß die Mittagshöhen und damit die Tageslängen und die Jahreszeiten innerhalb einer Periode von 3651/4 Tagen wiederkehren. Zu dieser Erkenntnis kam die Beobachtung, daß innerhalb derselben Periode gewisse Fixsterne nacheinander in der Nähe der auf- oder untergehenden Sonne gesehen werden. Daraus schloß man, daß die stete Änderung in der Kulmination der Sonne daher rühre, daß dieses Gestirn im Laufe eines Jahres einen zum Himmelsäquator geneigten Kreis beschreibt.
Um die Neigung dieses, als Ekliptik229 bezeichneten Kreises zu bestimmen, war es erforderlich, die größte und die geringste Mittagshöhe an einem Orte zu messen und das Mittel aus der Differenz dieser Höhen zu nehmen. Der erste Grieche, der die Schiefe der Ekliptik auf diesem Wege bestimmte, soll Anaximander gewesen sein230. Indes begegnen wir weit früheren Angaben. So fanden chinesische Astronomen schon um 1100 v. Chr. für die Schiefe der Ekliptik ziemlich richtig den Wert von 23° 52'.
Hinsichtlich der Beschaffenheit des Mondes gelangte man schon frühzeitig zur Vorstellung, daß es sich um eine freischwebende, von der Sonne beleuchtete Kugel handele. Seine Flecken wurden von einigen als Unebenheiten, von anderen (wie Aristoteles) als Spiegelbilder unserer Erdtteile und Meere aufgefaßt. Schon Anaxagoras hat sich die Frage vorgelegt, weshalb ein, der Erde so naher und vermutlich um vieles kleinerer Himmelskörper nicht zur Erde herunterfalle. Er trifft auch so ziemlich das Richtige, wenn er die Mondbewegung mit der Bewegung in einer Schleuder vergleicht, durch deren raschen Umschwung die Neigung zu fallen ebenfalls aufgehoben werde.
Während die Entdeckung der größeren Planeten aus der Veränderung ihrer Stellung zu den Fixsternen auf den ersten Blick erfolgen mußte, setzte die Auffindung des Merkur, der sich im Mittel nur um 23 Grade von der Sonne

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Sie sind weit entfernt und können daher in höheren Breiten nur im Dämmerlicht mit guten Augen wahrgenommen werden – was bereits eine größere Aufmerksamkeit erfordert. Auch Saturn wurde aufgrund seines langsamen Voranschreitens erst relativ spät als Wandelstern erkannt. Dazu gehörte eine systematisch geordnete Reihe von Beobachtungen, um die Zeiten festzustellen, innerhalb derer die Planeten in ihre frühere Position zurückkehrten. So gelangte man zur Erkenntnis, dass Jupiter in 12 Jahren, Saturn hingegen erst in 30 Jahren seinen Weg am Fixsternhimmel vollenden würde. Größere Schwierigkeiten bereiteten der Mars sowie die innerhalb der Erdumlaufbahn befindlichen Planeten Merkur und Venus. Da diese beiden jedoch stets in der Nähe der Sonne erscheinen, mussten sie gemäß der geozentrischen Vorstellung etwa die gleiche Umlaufzeit haben. Als Grund all dieser Unterschiede nahm man einen unterschiedlich großen Abstand der Himmelskörper von der als Mittelpunkt ruhend gedachten Erde an. Saturn, dessen Umlauf die längste Zeit erforderte, musste dementsprechend auch am weitesten von der Erde entfernt sein, während der Mond, der zwölfmal im Jahr seinen Umlauf vollendet, als der dem Mittelpunkt am nächsten liegende Himmelskörper galt. Man gelangte daher zu dieser Reihenfolge: Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Die Pythagoreer stellten sich zunächst die Frage nach dem Verhältnis der Abstände der Planeten. Dabei bewegten sie sich jedoch auf dem Gebiet der reinen Zahlenmystik. Da sie bei ihren akustischen Untersuchungen auf einfache Beziehungen zwischen den Längen harmonisch klingender Saiten gestoßen waren, hielten sie es für gerechtfertigt, auch am Himmel solche einfachen Verhältnisse ohne Weiteres anzunehmen. So nahm später Platon an, dass sich Mond, Sonne, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn in Abständen von der Erde befanden, die sich wie 1 : 2 : 3 : 4 : 8 : 9 : 27 verhielten. Durch das Vorhandensein solcher Beziehungen sollte dann, ähnlich wie im Bereich der Töne, eine Konsonanz entstehen. Man ging nämlich davon aus, dass jeder Planet als ein sich schnell bewegender Körper einen Ton hervorruft, und dies die Harmonie der Sphären verursache. Über die Entfernung der Fixsterne, die den äußersten der acht konzentrischen Sphären angehören sollten, sagt Platon nichts. Solche Spekulationen, so überflüssig sie auch nach der Entdeckung der tatsächlich vorherrschenden Verhältnisse erscheinen mögen, sind für die

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Die Entwicklung der astronomischen Wissenschaft war keineswegs unbedeutend. Es waren sie, die zu Versuchen anregten, die Richtigkeit der angenommenen Werte zu überprüfen. Und wir werden sehen, auf welche Weise man in der nächstfolgenden, bereits der Messung zugewandten Periode der griechischen Astronomie der Lösung dieser Aufgabe näher kam. Zu allen Zeiten bestand der Weg der Forschung darin, dass auf einer bestimmten Stufe der Erkenntnis Hypothesen erfunden wurden, an die sich die weiteren Versuche zur Überprüfung anschlossen. Auch als später Kepler das Problem, das wir jetzt verlassen, wieder aufnahm, ging er mit der vorgefassten Meinung darauf zu, dass die Planeten, wie so manches in der Natur, nach einfachen Verhältnissen geordnet sein müssten. So blieb das von den Pythagoreern aufgeworfene Problem bis in die neueste Zeit eine der fundamentalen Aufgaben, welche die Astronomie mit immer größerer Genauigkeit zu bewältigen strebt. Hatten die Chaldäer und die Ägypter die Himmelserscheinungen in jahrhundertelangen Beobachtungsreihen nur aufgezeichnet und dadurch das wertvollste, den Griechen zur Verfügung stehende Material für eine weitere Entwicklung der Astronomie geschaffen, so ging das jüngere, der Ergründung der Ursachen mit regem Geist zustrebende Volk zunächst zu einer Erklärung dieser Erscheinungen über. Einen besonderen Anreiz bot diese Aufgabe den Schülern Platons, der in seinem Timaios die Frage nach der Entstehung und der Anordnung des Weltbaus aufgeworfen hatte. Mehr aus philosophischen als aus klar erkannten astronomischen Gründen neigte man, ebenso wie die Pythagoreer, dazu, der Erde keine dominierende, zentrale Stellung im Universum zuzuschreiben. Diese Idee wurde von Platons Schüler Herakleides Pontikos weiterverfolgt und zu einer heliozentrischen Theorie erweitert, die besonders durch Aristarch von Samos im 3. Jahrhundert v. Chr. ausgearbeitet wurde. Über die Anfänge der heliozentrischen Weltanschauung, die bis in die Schulen der Pythagoreer und Platons zurückreichen, haben insbesondere die Forschungen von Boeckh und Schiaparelli Licht gespendet. Früher wurde wohl behauptet, dass Pythagoras selbst bereits die Bewegung der Erde lehrte. Für die Ansicht, dass Pythagoras eine andere als die im frühen griechischen Altertum vorherrschende geozentrische Ansicht lehrte, spricht jedoch nichts Gewisses. Stattdessen müssen wir annehmen, dass die Lehre von der Kugelgestalt der Erde in der pythagoreischen Schule bereits galt, als sie in Griechenland noch unbekannt war.

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Man stellte sich die Erde sowie den Himmel als eine Kugel vor, an deren Oberfläche die Sterne angeheftet seien. Als man jedoch bemerkte, dass der Mond, die Sonne und die Planeten an den Sternbildern vorbeiziehen und die Planeten gelegentlich für kurze Zeit vom Mond verdeckt werden, konnte man sich der Erkenntnis nicht verschließen, dass die Entfernungen der Himmelskörper von der Erde unterschiedlich seien. Den Versuch, die Bewegung und die gegenseitige Stellung der Himmelskörper in ihrem Verhältnis zur Erde zu erklären, unternahmen unter den Griechen zuerst die Pythagoreer. Unter ihnen war es der im 5. Jahrhundert lebende Philolaos, dem wir die ersten schriftlichen Aufzeichnungen über diese, für die weitere Entwicklung der Weltanschauung grundlegenden Lehren verdanken. Es handelt sich hier keineswegs um bloße Phantasieprodukte. Zu Recht sagt daher Schiaparelli: „Das System des Philolaos ist nicht die Frucht einer ungeordneten Einbildung, sondern es ist aus der Tendenz entstanden, die Daten der Beobachtung mit einem prästabilierten Prinzip über die Natur der Dinge in Übereinstimmung zu bringen“235: Dieses Prinzip war die in der pythagoreischen Schule entstandene Lehre von der Harmonie, die überall, also auch im Kosmos, herrschen sollte.
Angesichts der Bedeutung der von Philolaos überlieferten Lehren für das Verständnis der von Platon, Herakleides und Aristarch entwickelten Ansichten wollen wir anhand der von Boeckh herausgegebenen Bruchstücke versuchen, uns ein Bild von diesen frühesten kosmologischen Vorstellungen zu machen; letztere führten in ihrer weiteren Entwicklung bereits in der Antike zu einer heliozentrischen Weltanschauung.
Nach Philolaos gibt es nur eine Welt, den Kosmos, und dieser besitzt die Gestalt einer Kugel236. In der Mitte des Universums befindet sich das Zentralfeuer. Die Peripherie wird vom unbegrenzten Olymp gebildet, der seiner Natur nach ebenfalls Feuer ist – auch wenn wir dieses völlig farblose Feuer nicht wahrnehmen können. Nur durch die Sonne, die an sich ein dunkler, glasartiger Körper ist, wird das Feuer des Olymps so modifiziert, dass wir es wahrnehmen können. Vielleicht wurde man durch die Milchstraße zur Annahme eines alles umschließenden, feurigen Olymps geführt. Zwischen diesem und dem Zentralfeuer bewegen sich zehn göttliche Körper, nämlich die Fixsternsphäre, die fünf Planeten, dann die Sonne, unter dieser der Mond – wie man aus den Sonnenfinsternissen schließen musste –, dann

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die Erde und schließlich, zunächst dem Zentralfeuer, die Gegenerde. Während Platon im „Timaios“ die Erde als den Mittelpunkt bezeichnet, wird also bei Philolaos – und zwar zuerst – der Erde eine Bewegung zugeschrieben. Erde und Gegenerde bewegen sich in 24 Stunden um das Zentralfeuer. Daraus erklärt sich die tägliche Umdrehung des Fixsternhimmels. Die Gegenerde ist im Grunde genommen die den Bewohnern des Mittelmeeres entgegengesetzte Hemisphäre. Denken wir uns diese Hemisphäre von der den Griechen bekannten losgelöst und das Zentralfeuer, das man später in den Mittelpunkt der Erde versetzte, gleichfalls in den Weltraum hinausverlegt, so erkennen wir, daß Philolaos mit seiner Erde und Gegenerde und ihrer gleichlaufenden täglichen Bewegung um das Zentralfeuer die scheinbare tägliche Bewegung des Fixsternhimmels begreiflich gemacht hat.
Bei einer solchen Bewegung bekommen wir die Gegenerde natürlich nie zu sehen, ebensowenig wie wir die der unseren entgegengesetzte Hemisphäre von unserem Standort aus erblicken können. Indem sich die Gegenerde innerhalb der Erdbahn um das Zentralfeuer bewegt, und zwar so, daß sich die Gegenerde stets zwischen der Erde und dem Zentralfeuer befindet, bekommen wir die weit außerhalb des Systems „Zentralfeuer, Gegenerde, Erde“ befindliche Sonne während dieser parallelen und konzentrisch erfolgenden Bewegung der Erde und der Gegenerde so lange nicht zu sehen, als wir uns auf der von der Sonne abgekehrten Seite befinden. Wir sind dann im Schatten der Gegenerde, die uns das Sonnenlicht während der Hälfte des Tages genau so verbirgt, wie es in Wirklichkeit die aus der Vereinigung von Erde und Gegenerde hervorgehende Erdkugel tut.
Derjenige, der an Stelle der täglichen Bewegung um ein Zentralfeuer die tägliche Rotation unseres Planeten um seine Achse setzte und damit die Annahme der Gegenerde und jenes Zentrums überflüssig machte, war Herakleides Pontikos. Herakleides ging aber noch einen Schritt weiter, indem er die Sonne schon als Mittelpunkt für die Bewegungen der beiden inneren Planeten, Merkur und Venus, ansprach. Diese Vorstellung hat später bekanntlich Tycho auf alle Planeten mit alleiniger Ausnahme der Erde ausgedehnt.
Die Annahme, daß Merkur und Venus sich um die Sonne bewegen, entsprang der Beobachtung, daß beide Planeten sich nur wenig von der Sonne entfernen, nämlich Merkur im Mittel 23°, Venus höchstens 48°.

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Daher sagt auch Vitruv: „Merkur und Venus haben, da sie sich um die Sonne als Mittelpunkt ihres Laufes bewegen, ihre Stillstände und Rückläufe in die Sonnenstrahlen eingetaucht.“ Auch Platon befasst sich mit diesem Problem, und zwar im „Timäos“. Nach ihm setzte Gott den Mond in den ersten Kreis um die Erde, die Sonne dagegen in den zweiten Kreis. Von Merkur und Venus heißt es dort, sie seien in die Kreise gesetzt worden, „welche an Schnelligkeit sich zwar mit dem Kreislauf der Sonne gleich bewegen, jedoch eine diesem entgegengesetzte Wirksamkeit erlangt haben. Deswegen holen die Sonne, Merkur und Venus auf gleiche Weise einander ein und werden voneinander eingeholt.“ Mit solchen dunklen Andeutungen war das Problem der Stillstände und Rückläufe indessen nicht gelöst. Eine Theorie, die sich diesen Erscheinungen schon besser anpasste, gab Eudoxos durch die Annahme von „homozentrischen Sphären“. Mittelst dieser Theorie gelang es, die Bewegungen des Jupiter und des Saturn vom geozentrischen Standpunkt aus begreiflich zu machen.

Da die Hypothese des Herakleides Pontikos eine Erklärung für das Verhalten von Merkur und Venus gab, während die Theorie der homozentrischen Sphären hier versagte, lag es nahe, zu untersuchen, ob die Hypothese des Herakleides sich nicht auf die äußeren Planeten ausdehnen ließe. So gelangte man zu dem System, das später Tycho annahm. Mond und Sonne bewegen sich danach um die Erde, während die sämtlichen Planeten gleichzeitig die Sonne umkreisen. Alle übrigen Gestirne betrachtete man wohl als Gesteinsmassen, welche durch die Schnelligkeit des Umlaufs erwärmten. So dachten Demokrit und Anaxagoras, während andere sie für Öffnungen des Himmelsgewölbes hielten, aus denen das äußerste Element, das Feuer, hervorbrechen sollte. Später sah man die Fixsterne als Weltkörper an, die ihrem Wesen nach der Sonne und dem Mond gleich seien. Nach Herakleides Pontikos (siehe vorherige Seite) war schließlich jedes Gestirn wie das unsere eine Welt für sich.

Dass die Fixsterne sich in unterschiedlicher Entfernung von uns befinden könnten, vermutete man im Altertum noch kaum. Es herrschte vielmehr die Vorstellung, dass sämtliche Fixsterne einer Sphäre angehörten. Platon und Herakleides waren dagegen der Ansicht, dass das Universum unendlich und ebenso wie jedes einzelne Gestirn belebt sei.

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Gleichzeitig mit den ersten Beobachtungen und Spekulationen über die Himmelskörper beginnt die Frage nach der Beschaffenheit unseres irdischen Wohnsitzes den forschenden Geist zu beschäftigen. Lange dauerte es, bis man sich von dem Eindruck, daß die Erde eine kreisförmige Scheibe sei, losgerungen hatte. Homer und Hesiod waren noch darin befangen. Letzterer läßt die Sonne während der Nacht im Ozean nach Osten schwimmen, wo sie sich frühmorgens wieder erhebt. Der Himmel selbst ist nach ihm ein Gewölbe von solcher Höhe, daß ein schwerer Gegenstand von dort neun Tage und neun Nächte fällt, bis er die Erde erreicht. Die Überzeugung, daß die um das Mittelmeer liegenden Länder nur einen kleinen Teil der Erde ausmachen, hatte schon vor Aristoteles Platz gegriffen. So sagt Platon im Phaidon243: „Die Erde ist groß. Wir haben davon nur einen kleinen Teil um das Mittelmeer herum inne, während andere Menschen viele andere ähnliche Räume bewohnen.“ In derselben Schrift heißt es, die Erde schwebe in der reinen Himmelsluft oder dem Äther und sei, von ferne betrachtet, einem Ball ähnlich.

Der Ursprung der Zoologie und der Botanik.

Während die Mathematik, die Philosophie und die Astronomie bei den Griechen der voraristotelischen Zeit bereits deutlich als besondere Wissenszweige hervortreten, ist dies bezüglich der Botanik und der Zoologie noch kaum der Fall. Den Pflanzen wandte man sich aus medizinischem und landwirtschaftlichem Interesse zu. So erzählt uns Theophrast, den wir als einen der frühesten botanischen Schriftsteller kennenlernen werden, von den Rhizotomen (Wurzelgräbern) und den Pharmakopolen (Arzneihändlern) der ersten griechischen Zeit. War das Ziel dieser Männer auch ein überwiegend praktisches und ihr Tun mit vielen abergläubischen Bräuchen gemischt, so schufen sie doch die erste Quelle des Wissens, nämlich die empirische Grundlage, zu der dann später die Spekulation als zweites nicht weniger wichtiges Element hinzutreten mußte, um mit der Empirie vereint zu wahrer Wissenschaft heranzuwachsen244. Theophrast sagt von den Rhizotomen, sie hätten vieles richtig bemerkt, vieles aber auch marktschreierisch übertrieben. Daß sie beim Ausgraben der

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Auf die Verläufe des Vogelflugs sowie die Stellung der Sonne zu achten, galt bei Theophrast als Torheit. Das Pflanzenwissen der Griechen sowie die Anzahl der Pflanzen, die den Hirten, Jägern, Landbewohnern sowie den genannten Rhizotomen bekannt waren, waren bei einer so vielfältigen Flora, die mehrere tausend Blütenpflanzen umfasste wie Griechenland sie hervorbrachte, sicherlich nicht unbedeutend. Eine Schlussfolgerung lässt uns der Wortschatz jener Epoche zu. In den homerischen Gesängen werden beispielsweise 63 Pflanzen erwähnt. In den hippokratischen Schriften finden sich 236 Pflanzennamen, und bei Theophrast, dem Zeitgenossen des Aristoteles, begegnen uns gar 455, von denen nur wenige nicht zur Flora Griechenlands gehören. Die ältesten fragmentarischen Aufzeichnungen über botanische Dinge finden wir beim Philosophen Empedokles, dem Begründer der Lehre von den vier Elementen oder, wie er sich ausdrückte, den Wurzeln der Dinge245. Aus wissenschaftlicher Sicht sind die Ansichten, die Empedokles über die Natur der Pflanze äußert, nicht allzu hoch einzuschätzen. Er meint, unter allen Lebewesen seien zuerst die Bäume aus der Erde hervorgegangen. Seiner Lehre von der Allbeseelung der Natur entspricht die Ansicht, dass die Pflanzen wie die Tiere Gefühle der Lust und Unlust, ja Einsicht und Verstand besäßen. „Wisse denn, alles erhielt Anteil an Sinn und Verständnis“ ist ein Satz, der dem Philosophen zugeschrieben wird246. Aus der Beseelung der Pflanzen erklärte Empedokles Phänomene, die wir auf mechanische Ursachen zurückführen, wie das Zittern, das Ausstrecken der Zweige in Richtung Licht sowie das Emporschnellen gebogener Äste247. Auch die ersten Anfänge der Lehre von den Geschlechtern der Pflanzen finden sich bei Empedokles, wenn es sich bei ihm zwar nur um eine vage Ahnung handelte. So berichtet Aristoteles, Empedokles habe gemeint, auch die Bäume würden Eier legen. Und wie aus einem Teil des Eis das Tier entstehe und der Rest Nahrung sei, so entstehe auch aus einem Teil des Samens die Pflanze, während der Rest dem Keim und der ersten Wurzel als Nahrung dient248. Auch anderen griechischen Philosophen werden Äußerungen über die Natur der Pflanzen zugeschrieben. Sie verdienen teilweise Erwähnung, auch wenn wir uns von den Vorstellungen dieser Männer kein so vollständiges Bild machen können wie von denen Empedokles’. So soll auch

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Demokrit aus Abdera schrieb über Pflanzen, und einer seiner Schüler soll bemerkt haben, dass die Blätter einer im Orient wachsenden Pflanze beim Berühren zusammenfallen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine dort wachsende Mimosenart. Anaxagoras nannte die Sonne den Vater und die Erde die Mutter der Pflanzen. Auch soll er den Blättern die Fähigkeit zum Atmen zugeschrieben haben.
In fast noch engerer Beziehung als zu den Pflanzen stand der Mensch zur Tierwelt. Hier fesselten ihn nicht nur die Formen, sondern auch die den seinen oft so nahe verwandten Lebensweisen sowie der innere Aufbau, der bei den höheren Tieren eine große Ähnlichkeit mit dem Aufbau des menschlichen Körpers aufwies. Vor allem waren es die Haustiere, an denen die ersten zoologischen Erkenntnisse gewonnen wurden. Bei der Schlachtung und im Rahmen von Opfern erhielt man Einblicke in die Anatomie dieser Lebewesen. Zu den Haustieren zählten bei den Griechen vor allem Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen, Schweine und Hunde; außerdem wurden Hühner, Gänse, Enten und Tauben gehalten. Was die übrige Tierwelt betrifft, so blieben den Griechen die anthropomorphen Affen unbekannt. Dagegen kannten sie einige andere Affenarten, wie Paviane und Makaken. Mit den großen Raubtieren wurde man besonders vertraut, nachdem Alexander und später die Römer ein Weltreich gegründet hatten. So gelangten durch Pompejus die ersten Tiger und bereits um 200 v. Chr. die ersten Löwen nach Rom. Von den Meerestieren war besonders der Delphin bekannt. Die Papageien erwähnt Aristoteles als indische Vögel. Neben zahlreichen Arten der Knochenfische kannte man auch Haie und Rochen – insbesondere den elektrischen Rochen – ziemlich genau. Von den Weichtieren hatten besonders die Tintenfische die Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Das Wissen über die niederen Tiere blieb, vielleicht mit Ausnahme der Insekten, jedoch auf einem niedrigen Niveau.
Einer der ersten, der allgemeine Betrachtungen über das Wesen der Tierwelt anstellte, war wieder Empedokles, mit dessen Ansichten über Pflanzen wir uns soeben beschäftigt haben. Empedokles versuchte nämlich bei der weiteren Ausarbeitung seiner Lehre von den vier Elementen, Bestandteile des Tierkörpers wie Fleisch, Blut und Knochen auf eine Mischung jener vier Elemente zurückzuführen. Von der Wirbelsäule der Säugetiere meinte er, sie sei bei ihrer Entstehung in einzelne Wirbel zerbrochen. Unter den späteren Philosophen soll besonders Demokrit Tieruntersuchungen durchgeführt haben.

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vorgenommen haben. Seine Ansichten finden bei Aristoteles oft Erwähnung und zeugen mitunter von einer klaren Einsicht. Der Gegensatz zwischen Demokrit und Aristoteles geht besonders aus der Bemerkung des Letzteren hervor, daß Demokrit nie vom Zweck gesprochen habe, sondern „alles, dessen sich die Natur bedient, auf die Notwendigkeit zurückführe“250.
Demokrit hat seine Ansichten über das Wesen des Organischen in einer besonderen Schrift entwickelt. Leider ist uns nur der Titel (Über die Ursachen der Tiere) bekannt251.
Bei den spekulativen Neigungen der Griechen kann es nicht Wunder nehmen, daß uns schon bei den ältesten griechischen Philosophen Anklänge an die Deszendenztheorie begegnen252. So lehrte Anaximander, durch die Sonnenwärme seien im Schlamm zuerst blasige Gebilde entstanden. Daraus seien dann fischartige Geschöpfe hervorgegangen. Einige von ihnen seien auf das Land gekrochen. Die so bedingte Änderung der Lebensweise habe auch zu einer Umwandlung der Gestalt geführt. Auf diese Weise sollen zunächst die landbewohnenden Tiere und endlich der Mensch entstanden sein. Von letzterem nahm man an, daß er ursprünglich einem Fische ähnlich gewesen sei. Die gleichen Ansichten hat Demokrit entwickelt. Auch Epikur betrachtete alle Geschöpfe einschließlich des Menschen als Kinder der Erde, die nur stufenweise Verschiedenheiten aufweisen.
Bei dem Römer Lucretius, der in seinem Werk „De natura rerum“ im Wesentlichen die Ansichten der griechischen Naturphilosophen wiedergibt, finden sich ebenfalls Anklänge an die Selektionstheorie, unter anderem auch der Gedanke, daß das Unzweckmäßige untergehe253. Solche, gelegentlich geäußerte, später als zutreffend anerkannte Gedanken haben indessen mit der wissenschaftlichen Begründung der Deszendenztheorie nur wenig gemein. Letztere ist und bleibt eine Tat des 19. Jahrhunderts, für die in erster Linie Lamarck und Darwin in Betracht kommen.
Daß Darwin übrigens von den deszendenztheoretischen Ansichten des Altertums, zwar ohne sie genauer zu kennen, wußte, geht aus seinen eigenen Worten hervor, in denen er „von den auf seinen Gegenstand zu beziehenden Andeutungen in den Schriftstellern des klassischen Altertums“ spricht.

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Erste Schritte zur Begründung der griechischen Heilkunde.

Zu den frühesten Ursachen, die zur Begründung der Naturwissenschaften führten, gehört auch das Bestreben, die Krankheiten des menschlichen Körpers zu heilen. Dieses Bestreben schärfte das Beobachtungsvermögen und lenkte den Blick auf die umgebende Natur, die man der Heilkunde dienstbar zu machen suchte. Bevor wir die erste Periode der Entwicklung der griechischen Wissenschaft verlassen und zu Aristoteles und seine Schule übergehen, wollen wir daher einen kurzen Blick auf eine der wichtigsten Anwendungen der Naturwissenschaft, auf die Medizin, werfen. Es ist dies zum Verständnis des Folgenden umso wichtiger, als Aristoteles aus einer alten Ärztefamilie hervorgegangen war und bei der Errichtung eines philosophischen und naturwissenschaftlichen Lehrgebäudes teilweise auf medizinischen Anschauungen beruhte. Aus dem Orient und Ägypten stammende Kenntnisse und Geheimlehren haben zweifellos die griechische Heilkunde stark beeinflusst, ja sie bilden vielleicht die Grundlage, auf der sich die Heilkunde in Griechenland weiter entwickelte. Es blieb jedoch den Griechen vorbehalten, das Zauberwesen, das den Anfängen dieser Wissenschaft anhaftete, allmählich abzustreifen und auch hier nach unbefangener Erkenntnis und Verknüpfung der Fakten zu streben254. Unter den älteren Ärzten ist besonders Alkmäon von Kroton, ein Schüler des Pythagoras, zu nennen255. Er wird als der Begründer der Embryologie angesehen und hat viele wertvolle anatomische und physiologische Beobachtungen gemacht. Nach ihm wird jede Empfindung durch das Gehirn vermittelt und jede Bewegung von dort aus gesteuert. Alkmäon war der Hauptvertreter der mit den Vorstellungen der Pythagoreer übereinstimmenden Lehre, dass Gesundheit und Krankheit aus der harmonischen Mischung bestimmter Eigenschaften oder deren Störung zu erklären seien (siehe S. 80). Diese Lehre beruht auf der uns bereits bekannten Vorstellung von den vier Temperamenten, die ebenfalls auf einer richtigen Mischung beruhen sollten.
Das wichtigste Dokument, das wir über die medizinische Wissenschaft der Griechen besitzen, ist die sogenannte hippokratische Büchersammlung. Auf diese Sammlung stoßen wir bereits seit der Gründung der großen Bibliotheken in Alexandria. Die hippokratischen Bücher können nicht als das Werk eines einzelnen Menschen angesehen werden256, auch wenn man das nicht leugnen kann.

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dass Hippokrates als Begründer der wissenschaftlichen Heilkunde angesehen werden muss, der zuerst das Zerstreute sammelte und zum Gesamtbild vereinigte257. Neben Hippokrates258, der den Beinamen der Große erhielt, sind aus der alten Literatur noch sechs weitere Ärzte desselben Namens bekannt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Frage nach der Person des großen Hippokrates nur unzureichend geklärt ist, zumal es keine zuverlässige Biografie über ihn gibt. Dass nicht allein Hippokrates der Verfasser der ihm zugeschriebenen Schriften sein kann, geht daraus hervor, dass sich in diesen Schriften259 nicht nur viele Widersprüche finden, sondern dass uns darin sogar eine Polemik der einzelnen Verfasser gegeneinander begegnet260.

Was die Anatomie angeht, so stützt sich das in den hippokratischen Schriften enthaltene medizinische Wissen vorwiegend auf die Untersuchung von Tieren; doch gab es auch für den Menschen insbesondere im Bereich der Osteologie zahlreiche Beobachtungen und Erfahrungen. Am wenigsten kannten die Alten die Struktur und Funktion des Nervensystems. Als besondere Ausläufer dieses Systems wurden wohl zuerst der Sehnerv, der Gehörnerv und der Trigeminus entdeckt. Ansonsten wurden Nerven und Sehnen zunächst zusammengefasst. Empfindung und Bewegung galten als inhärente Fähigkeiten; ihre Quelle wurde im „Pneuma“ gesehen, das vom Gehirn aus durch die Adern in alle Körperteile fließen sollte261.

Ein großer Fortschritt gegenüber der ältesten dämonologischen Auffassung der Krankheiten bestand darin, dass die hippokratischen Schriften psychische Störungen als Folgen körperlicher Erkrankungen betrachteten. Letztere wurden durch eine Störung des Gleichgewichts zwischen den vier Flüssigkeiten (Humoren), aus denen der Körper besteht, erklärt. Zu diesen Humoren gehörten Blut, Schleim sowie gelbe und schwarze Galle. Die Natur wurde als heilbringender Faktor angesehen; sie finde, so hieß es, auch ohne Nachdenken stets Mittel und Wege. Auch einer vernünftigen Prophylaxe wurde Bedeutung beigemessen. Die Gicht wurde beispielsweise auf ein übermäßiges Lebenswandeln zurückgeführt, während Mäßigung und Ausdauer aus hygienischer Sicht äußerst geschätzt wurden. Bereits Musik wurde als therapeutisches Mittel empfohlen. Von der Höhe der gesamten Denkweise, der wir in den hippokratischen Schriften begegnen, zeugt der Satz: Das Wissen schafft die Wissenschaft, die Unwissenheit den Glauben. Doch man war

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Er war sich der Grenzen der ärztlichen Fähigkeiten wohl bewusst und erkannte an, dass die beste Ärztin die Natur selbst sei. In Einklang damit bestand das Bestreben vor allem darin, den natürlichen Heilungsprozess zu unterstützen. An Amputationen wagte man sich noch nicht heran, da man das Abklemmen der Adern noch nicht verstand. Bekannt ist der hippokratische Satz: „Was die Arzneimittel nicht heilen, heilt das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer. Was endlich das Feuer nicht heilt, das ist überhaupt nicht zu heilen“262.

Unter den hippokratischen Schriften ist jene „Über die Diät“ aus zoologischer Sicht wichtig. Sie enthält nämlich unter den Nahrungsmitteln eine Auflistung von etwa 50 Tieren in absteigender Reihenfolge. Auf die Säugetiere folgen die Land- und Wasservögel, die Fische, dann die Muscheltiere und schließlich die Krebse. Reptilien und Insekten werden nicht erwähnt, weil sie nicht gegessen wurden. Dieses Tiersystem, das man wohl als das „koische“ bezeichnet hat (um 410 v. Chr.), kann als ein Vorläufer des aristotelischen Tiersystems angesehen werden, mit dem wir im nächsten Abschnitt beschäftigt sein werden263.

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3. Das aristotelische Zeitalter.
Für das griechische Volk war mit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert bereits eine Zeit des staatlichen Niedergangs angebrochen. Kunst und Philosophie hatten ebenfalls ihre Blütezeit gehabt. Die wissenschaftliche Entwicklung tritt indessen nun in eine Phase ein, die für die Folgezeit einen nicht geringeren Einfluss haben sollte als die Vorbilder, die die Griechen im Bereich des staatlichen Lebens und der künstlerischen Tätigkeit geschaffen hatten. Es ist das wissenschaftliche Streben des menschlichen Geistes, das Ganze der Natur in seinem Zusammenhang zu erfassen – dieses Streben tritt uns nun zum ersten Mal in seiner vollen Bedeutung entgegen. Es verkörpert sich in Aristoteles und seinen Schülern. Auch wenn die Vorstellungen, die diese Männer leiteten, oft nicht mit den Prinzipien der heutigen Naturforschung vereinbar erscheinen, so kann man dennoch das Grundlegende ihrer Tätigkeit sowie die Bedeutung, die sie nicht nur für das Altertum und das Mittelalter, sondern auch für die Entstehung der neueren Naturwissenschaften haben, nicht in Abrede stellen.

Aristoteles.
In Aristoteles begegnet uns eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Altertums – in ihm verkörperte sich gewissermaßen die Wissenschaft jener Epoche. Er stammte aus einer griechischen Arztfamilie, die am makedonischen Hof in hohem Ansehen stand. Aristoteles wurde im Jahr 384 v. Chr. in Stagira, einer griechischen Kolonie in der Nähe des Athos, geboren. Seine Erziehung oblag, wie es damals häufig der Fall war, einem einzigen Mann. Aristoteles blieb diesem gegenüber dankbar – eine Dankbarkeit, die später auch sein großer Schüler Alexander ihm entgegenbrachte. Über die Jugend und den Entwicklungsweg des Aristoteles liegen jedoch nur spärliche Informationen vor. Man kann jedoch annehmen, dass er gemäß der in seiner Familie herrschenden Tradition für den Arztberuf bestimmt war und sich zunächst für…

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Diesen hatte man vorbereitet. Auf diese Umstände ist vor allem der empirische Grundzug der aristotelischen Philosophie zurückzuführen. War das Wissen im 5. Jahrhundert noch im Besitz weniger hervorragender Geister, so wird es im vierten immer mehr zum Gemeingut der Gebildeten. Die Literatur wuchs an Umfang und an Spezialisierung. Schon in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts gab es kaum noch einen Gegenstand, über den nicht bereits Schriften erschienen wären266. Der Brennpunkt des geistigen Lebens war um die Mitte des vierten vorkristlichen Jahrhunderts Athen. Hier hatte Sokrates gelehrt und Platon eine blühende Philosophenschule gegründet. Was Wunder, daß der begüterte und für die Wissenschaft begeisterte Jüngling seine Schritte zunächst dorthin lenkte. Im Jahre 367 trat er in die Akademie ein, an der Platon lehrte. Er gehörte ihr bis zu dem 347 erfolgenden Tode des Meisters ununterbrochen an. Platon soll Aristoteles seines unermüdlichen Lernens halber den Leser genannt und ihn mit einem anderen Schüler mit den Worten verglichen haben, dieser bedürfe des Sporns, Aristoteles dagegen des Zügels. Mit Recht ist Aristoteles auch später als einer der fleißigsten Gelehrten bezeichnet worden, den die Geschichte der Wissenschaft kennt267. Sein Ruf muß unterdessen ein hervorragender geworden sein. Es wird nämlich berichtet, daß König Philipp von Mazedonien, als er ihm im Jahre 343 die Erziehung seines im 14. Lebensjahr stehenden Sohnes übertrug, folgende Worte an Aristoteles geschrieben habe: „Ich fühle mich den Göttern zu Dank verpflichtet, daß sie den Knaben zu Deiner Zeit geboren lassen haben. Denn von Dir erzogen, hoffe ich, soll er der Nachfolge auf meinem Throne würdig werden.“ Und so wurde denn – ein Verhältnis, das einzig in der Geschichte dasteht – der bedeutendste Denker jener Zeit mit der Erziehung des größten Herrschers beauftragt. Über das Erziehungswerk selbst, das nur die ersten Jahre des mazedonischen Aufenthalts unseres Philosophen (343–340) umfasste, fehlen nähere Nachrichten. Auch sind die Erzählungen, daß der königliche Schüler seinem Lehrer 800 Talente268 sowie einen ganzen Trupp Leute zum Sammeln von Naturkörpern zur Verfügung gestellt habe, mindestens übertrieben. So viel ist jedoch gewiß, daß Alexander wohl zu schätzen wußte, was er dem Aristoteles verdankte. Durch unverschuldete Umstände geriet letzterer gegen das Ende der Regierung Alexanders in

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Ungnade. Nach Ablauf eines acht Jahre umfassenden Aufenthalts in Mazedonien, der eine Zeit des Sammelns und der Vorbereitung gewesen ist, in welcher ihn der Gedanke, eine Enzyklopädie der Wissenschaften zu verfassen, jedenfalls schon beherrscht hatte, kehrte Aristoteles im Jahr 335 nach Athen zurück.
Um eine solch umfassende wissenschaftliche Tätigkeit auszuüben, wie sie uns bei Aristoteles begegnet, waren bedeutende Mittel erforderlich. Ob ihm diese durch die Gunst der mazedonischen Könige oder aus eigenem Vermögen zur Verfügung standen, lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden. Sehr wahrscheinlich trafen beide Umstände zusammen und ermöglichten es dem Aristoteles, dass er, als erster unter den griechischen Philosophen, in den Besitz einer größeren Bibliothek gelangte. Die Herstellung von Büchern war damals eine mühselige und kostspielige Arbeit, und die Anzahl der Exemplare einer Schrift war naturgemäß gering. Es ist daher verständlich, dass bedeutende Summen dazu gehörten, um die Schriften seines Zeitalters in solchem Maße zugänglich zu machen, wie es Aristoteles verstand. Allein für die Werke eines Philosophen soll er drei Talente bezahlt haben.
In Athen hat Aristoteles im Lykeion, einem gymnastischen Gebäude der Stadt, unterrichtet. Nach der Gewohnheit des Meisters, dies im Auf- und Abwandeln zu tun, erhielt seine Schule den Namen der Peripatetiker. Während Alexander die Welt eroberte, war Aristoteles hier ein König im Reich der Wissenschaften. Von seinen zahlreichen Schriften ist jedoch nur der kleinere, aber wichtigere Teil erhalten geblieben.
Die Stellung des Aristoteles in dem antimazedonisch gesinnten Athen, wo er als Fremder und wegen seiner Beziehungen zum verhassten großen König von manchem ungern gesehen wurde, war während seines 13jährigen Aufenthalts in jener Stadt eine wenig angenehme gewesen. Als 323 v. Chr. die Kunde vom plötzlichen Tod Alexanders eintraf und von den meisten als Zeichen zur Befreiung vom mazedonischen Joch begrüßt wurde, erhoben sich daher zahlreiche Neider und Widersacher gegen Aristoteles. Er wurde der Lästerung der Götter beschuldigt, zog es aber vor, nicht auf ein Gerichtsverfahren zu warten, sondern der ihm feindlich gesinnten Stadt den Rücken zu kehren, damit diese, wie er in Bezug auf Sokrates sagte, sich nicht zum zweiten Mal an der Philosophie vergreifen könne.

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Sündigen. Dass Aristoteles seine Situation richtig erkannt hatte, geht daraus hervor, dass der Areopag ihn kurz darauf, trotz seiner Abwesenheit, zum Tode verurteilte. Aristoteles hatte sich indessen nicht weit entfernt. Er war nach Euböa übergesiedelt in der Erwartung, durch einen Sieg der Makedonier über die Athener nach seinem langjährigen Wohnsitz zurückgeführt zu werden. Diese Hoffnung sollte jedoch nicht in Erfüllung gehen, denn schon in den Jahren nach Alexanders Tod, bevor man in Griechenland die frühere Ordnung wiederhergestellt hatte, setzte der Tod seinem reichen Leben ein Ende.
Die Schriften und Bücher des großen Philosophen gelangten zunächst in den Besitz seines Lieblingsschülers, des Theophrast. Vieles muss unvollendet geblieben sein und später ergänzt worden sein. Theophrast hinterließ die Schriften wieder einem Schüler. Einhalb Jahrhunderte lang blieben sie daraufhin verborgen. Schließlich gelangten sie, nachdem Sulla Athen erobert hatte, nach Rom, wo sie in zahlreichen Exemplaren abgeschrieben und verbreitet wurden. Dass dabei vieles verunstaltet und verdorben wurde, steht außer Frage. Die uns überlieferten Werke nehmen im Oktavformat fast 3800 Seiten ein; davon gilt jedoch ein Teil als unecht.
Es gibt sehr wahrscheinlich keine Schrift des Aristoteles, die völlig unverändert geblieben wäre. Auch bei einigen Hauptwerken handelt es sich wohl um Ausarbeitungen der Schüler – dafür spricht unter anderem das Fehlen eines einheitlichen Stils. Andere Schriften sind lediglich Entwürfe oder Zusammenstellungen von Auszügen. Hinzu kommen von späteren Herausgebern stammende Zusätze, die selten als solche kenntlich gemacht werden. Schließlich gibt es Werke, die zwar den Namen des Aristoteles tragen, aber als unecht oder nur zum geringen Teil als aristotelisch gelten. Unter diesen sei nur die von Nikolaos Damaskenos in der augusteischen Zeit herausgegebene Schrift „Über die Pflanzen“ genannt. Zu diesem Thema existierte eine echte Schrift, die jedoch verloren ging (siehe S. 138). Auch eine mit Abbildungen versehene Schrift „Über die Zergliederung der Tiere“ ist leider nicht bis zu uns gelangt.
Aristoteles als Philosoph und seine Haltung zur Naturwissenschaft.

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Den breitesten Raum unter den Werken des Aristoteles nehmen seine naturwissenschaftlichen Schriften ein. Sie betreffen das gesamte Universum – von den allgemeinen Bedingungen der Körperwelt und dem Weltgebäude bis hin zur Beschreibung und Zergliederung der die Erde als Tiere und Pflanzen bevölkernden Einzelwesen. Bei der nachfolgenden Darstellung des aristotelischen Lehrgebäudes wurden insbesondere folgende Schriften naturwissenschaftlichen Inhalts berücksichtigt: „Die physikalischen Vorträge“, „Über das Weltgebäude“, „Über Entstehen und Vergehen“, „Die Meteorologie“ und „Die mechanischen Probleme“.

Unter den rein philosophischen Werken des Aristoteles verdient aufgrund ihrer Bedeutung für jeden Zweig der Wissenschaft besonders das später „Organon“ genannte Werk Beachtung. Es handelt sich dabei um die von Aristoteles erstmals in ausführlicher Form entwickelten Grundzüge der formalen Logik.

Aristoteles’ Beitrag zur Naturwissenschaft ist doppelt. Einerseits hat er das zerstreute Wissen seiner Vorgänger zusammengefasst und es der Nachwelt durch eine außerordentlich fruchtbare schriftstellerische Tätigkeit überliefert. Andererseits beschränkte er sich keineswegs auf eine kritiklose Zusammenstellung dieses Wissens. Vielmehr stellte er sich die gewaltige Aufgabe, aus philosophischen Prinzipien heraus ein System aller Wissenschaften zu entwickeln. Die Philosophie, das Streben nach Erklärung der Welt, war somit der Ausgangspunkt und die Grundlage, aus denen bei ihm die Wissenschaft entstand. Aristoteles wollte Denken und Welt in ihrem Gegensatz sowie in ihrer Wechselwirkung verstehen und verständlich machen. Die Philosophie, die bei Platon noch voller poetischen Schwung war, wurde bei Aristoteles zu einer nüchternen Betrachtung des Ichs mit seiner Denktätigkeit und seinen Anschauungsformen sowie der Welt mit ihren Einzelheiten. In diesen suchte er nach der Idee, die bei Platon über und hinter den Dingen stand, sowie nach den Zwecken. Man kann Platon den Vorwurf machen, dass er die Realität allzu sehr vernachlässigte und an ihre Stelle ein System aus oft inhaltsleeren Begriffen setzte, während Aristoteles von der Überzeugung geleitet wurde, dass wahres Wissen nur aus der Erfahrung entstehen kann. Deshalb forderte Aristoteles, man solle „zuerst die Erscheinungen erfassen und erst anschließend die Ursachen angeben“.

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Bei der Anwendung des dialektischen Verfahrens, das er meisterhaft zu handhaben wußte, ist Aristoteles ein Jünger des Sokrates und des Platon. Während indessen die Philosophie der letzteren vorzugsweise auf dem Boden der Dialektik wurzelte, sucht Aristoteles das beobachtende Verfahren der Naturwissenschaft mit der Dialektik zu verknüpfen, was seine Lehrmeister nicht vermocht hatten. „Zwar gelang es ihm nicht, beide Elemente völlig ins Gleichgewicht zu bringen, doch hat er durch ihre Verknüpfung das Höchste unter den Griechen geleistet“273. Sokrates und Platon hatten zuerst nach den Begriffen gefragt und die oft nur aus der Betrachtung des Sprachgebrauchs und der herrschenden Meinung gewonnene Erkenntnis des Begriffs dem weiteren Forschen zugrunde gelegt, während Aristoteles außer dem Begriff die bewegenden und stofflichen Ursachen ins Auge faßte. Er ist nicht nur ein scharfer Denker, sondern ein solch unermüdlicher Beobachter, dass ihm nicht selten ein übertriebener Empirismus zum Vorwurf gemacht worden ist. Die bei der Naturerklärung zu befolgenden Grundsätze finden sich bei ihm nicht zusammenhängend entwickelt, sondern in zahlreichen Einzelbemerkungen zerstreut. Aus ihnen lässt sich folgendes entnehmen: Stets muss der Beobachtung der Erklärung vorausgehen. Dass man die Theorie auf die Erkenntnis des Einzelnen stützen müsse, wird häufiger betont. Von der Beobachtung wird verlangt, dass sie sorgfältig, umfassend und vor allem frei von jeder vorgefaßten Meinung sei. Handelt es sich um die Beobachtungen anderer, so ist strenge Kritik anzulegen. Kurz, es begegnen uns bei Aristoteles Grundsätze, wie sie die dem Empirismus huldigenden Philosophen der neueren Zeit, wie Bacon, kaum besser entwickelt haben. Indessen entsprach dem Willen, wie auch bei Bacon der Fall war, nicht das Vermögen. Es lassen sich dafür verschiedene Gründe anführen. Einmal waren die Hilfsmittel der wissenschaftlichen Forschung zur Zeit des Aristoteles noch sehr wenig entwickelt. Vor allem mangelte es auf fast allen Gebieten noch an der Möglichkeit einer schärferen Bestimmung der quantitativen Verhältnisse. Aristoteles empfindet dies schon, wo er von der Wärme handelt. Von einer Vervollkommnung der Sinne und der dadurch zu ermöglichenden weitgehenden Schärfung der Beobachtung besaß er aber wohl keine auch nur dunkle Ahnung. Was für die Sinne nicht existierte, galt ihm noch als nicht vorhanden274.
In treffender Würdigung der aristotelischen Denkweise sagt Zeller: „Da die griechische Wissenschaft mit der Spekulation angefangen hatte und die

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Da die Erfahrungswissenschaften erst spät zu einer gewissen Ausbildung kamen, war es natürlich, dass die dialektische Methode von Sokrates und Platon einer strengeren Empirie den Vorrang gab. Auch Aristoteles hält sich zunächst an diese Methode – ja, er bringt sie theoretisch und praktisch zur Vollendung. Dass die Kunst der empirischen Forschung bei ihm eine gleichmäßige Entwicklung erfahren würde, ließ sich nicht erwarten. Ebenso lag ihm eine schärfere Unterscheidung beider Methoden noch fern. Diese wurde erst durch die höhere Entwicklung der Erfahrungswissenschaften sowie, aus philosophischer Sicht, durch die erkenntnistheoretischen Untersuchungen herbeigeführt, die die Neuzeit hervorbrachte.

Es handelt sich um eine Reihe von Grundbegriffen oder Kategorien, unter welche Aristoteles alle Gegenstände der denkenden Betrachtung einordnen wollte. Die wichtigsten sind Substanz, Quantität, Qualität, Lage, Wirken und Leiden. Als Endzweck der ganzen Natur erschien ihm der Mensch. Mit Hilfe der aristotelischen Philosophie und Wissenschaftslehre behielt dieser an dieser ihm zugewiesenen Stellung zwei Jahrtausende lang seine Bedeutung – bis man den Zweckbegriff durch den Begriff der mechanischen Kausalität ersetzte und den Menschen als ein Glied in der Kette der übrigen Wesen verstand.

Die Grundlehren der Mechanik bei Aristoteles

Nach dieser allgemeinen Charakterisierung wenden wir uns nun dem Verhältnis zu, in dem Aristoteles zu den einzelnen Wissenschaften stand. Die Bedeutung der Mathematik hat er in seinen Schriften oft hervorgehoben; doch enthalten sie keine eigentlichen mathematischen Entwicklungen. Allerdings bieten sie einige bemerkenswerte Aussagen über schwierige Begriffe wie den Grenzbegriff und das Unendliche. „Stetig“, sagt Aristoteles beispielsweise, „ist etwas, wenn die Grenze jedes von zwei aufeinanderfolgenden Teilen, an der sie sich berühren, dieselbe bleibt.“ Zudem löste er das Paradoxon des Durchquerens unendlich vieler Raumpunkte in endlicher Zeit dadurch, dass er innerhalb der endlichen Zeit unendlich viele Zeitintervalle von unendlich kleiner Dauer annahm. Für ihn ist das Unendliche außerdem nichts Reales.

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Es gibt vielmehr nur Endliches – in beliebiger Größe und in beliebiger Kleinheit275.
Am größten Erfolg konnte man im Bereich der Naturwissenschaften dort erzielen, wo die rasch entwickelte Mathematik Anwendung finden konnte. Wie die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiet der Astronomie hingen auch die Anfänge der Mechanik davon ab, ein bestimmtes Niveau des mathematischen Denkens erreicht zu haben. Passende Begriffe für den Verlauf mechanischer Vorgänge entwickeln sich daher viel später als die Fähigkeit, die Gesetze der Mechanik anzuwenden, ohne sich ihrer bewusst zu sein. Letztere musste bereits bei der frühesten Ausübung jeder beruflichen Tätigkeit vorhanden sein.
Mit den Grundfragen der Mechanik befasste sich die griechische Philosophie bereits in der vor-sokratischen Zeit. Insbesondere wurden die Probleme der Schwerkraft und der Bewegung untersucht276. Auch dass aus der Bewegung aufgrund der damit verbundenen Reibung Wärme entsteht, wurde früh erkannt. Anaxagoras wollte sogar das Licht der Himmelskörper aus diesem Prozess ableiten (siehe S. 77).
Zu den alltäglichsten Erscheinungen, die besonders dazu geeignet sind, zum Nachdenken anzuregen, gehört die Bewegung fallender Körper. Diese Erscheinung, auf deren Grundlage später Newton das Gesetz der Schwerkraft entdeckte, wurde von Aristoteles falsch interpretiert. Charakteristisch für seine gesamte Denkweise ist, dass er nicht von der Erscheinung selbst ausging, sondern von konzeptuellen Voraussetzungen und bei diesen blieb. Zunächst betrachtete er die Bewegung im Allgemeinen und unterschied zwei Arten davon: die begrenzte, geradlinige Bewegung sowie die unbegrenzte, kreisförmige Bewegung. Letztere, als angeblich vollkommener, schrieb er den Himmelskörpern zu. Die geradlinige Bewegung wurde durch eine Strömung der Körper entweder zum Zentrum oder von ihm weg erklärt; daraus leitete er die Begriffe Leichtigkeit und Schwerheit ab. Die erste Eigenschaft wurde der Luft und dem Feuer, die zweite dem Wasser und der Erde – also allen flüssigen und festen Körpern – zugeschrieben. Aus diesen Erklärungen folgte für Aristoteles mit zwangsläufiger Notwendigkeit, dass der schwerere Körper, weil seine Strömung zum Zentrum stärker sei, sich schneller nach unten bewegen müsse als der leichtere. Daraus wurde später geschlossen, dass die Körper genau im selben Verhältnis schneller fallen, je größer ihre

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Das Gewicht solle so sein, dass beispielsweise ein hundert Pfund schweres Stück Eisen auch hundertmal so schnell zur Erde gelangt wie eines von einem Pfund Gewicht. Jeder, ohne Voreingenommenheit angestellte Versuch, hätte diesen Schluss als unhaltbar darzutun müssen. Dennoch blieb er, wenn schon sich hin und wieder Zweifel regten, in Geltung, bis Galilei ihn durch seine Fallversuche glänzend widerlegte.

Man kann die Unterscheidung zwischen irdischen und himmlischen sowie zwischen natürlichen und erzwungenen Bewegungen in erster Linie als das Hindernis ansehen, das der Entwicklung der Mechanik im Altertum und Mittelalter im Wege stand. Erst als diese Schranken fielen, war die Errichtung der neueren Mechanik möglich. Zu den Schwächen der antiken Mechanik zählt auch der Umstand, dass man nicht zu einer klaren Vorstellung vom Begriff der Trägheit gelangte. Zwar finden sich Ansätze, doch hielten alle Physiker an der Annahme fest, ein Körper könne sich unmöglich bewegen, wenn nicht eine äußere Kraft oder die ihm innewohnende Schwere und Leichtigkeit auf ihn wirkten. Den letztgenannten Begriff vermieden zumindest die Atomisten, die alle Körper als schwer betrachteten.

Über den Inhalt der mechanischen Lehren des Aristoteles sei noch etwas im Einzelnen mitgeteilt. Die Art der Darstellung besteht darin, dass der Philosoph an Erfahrungstatsachen eine Anzahl von Fragen anknüpft, die er selten auf mathematischem Wege, wie später mit so großem Erfolg Archimedes, sondern meist, ausgehend von bestimmten Definitionen, durch dialektische Kunstgriffe zu lösen sucht. Den Stoff zu seinen Untersuchungen bieten ihm das Rad, der Hebel, das Ruder, die Zange, die Waage und andere bekannte Werkzeuge. Die Beantwortung der Fragen geschieht oft wieder in Frageform. So heißt es im 6. Kapitel: „Warum das an sich kleine Ruder, am Ende des Schiffes angebracht, eine so große Kraft hat? Weil vielleicht das Ruder ein Hebel ist, die Last das Meer und der Ruderer das Bewegende.“

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Abb. 14. Die Tragbalken bei Aristoteles.

Aristoteles fällt zunächst auf, dass eine große Last durch eine kleine Kraft bewegt werden kann, wie beim Hebel. Die an diesem Werkzeug sich im Gleichgewicht befindlichen Lasten setzt Aristoteles ganz richtig den Längen der Hebelarme umgekehrt proportional. Den Grund für dieses Gesetz findet er darin, dass die kleinere Last, entsprechend ihrer größeren Entfernung vom Stützpunkt, einen größeren Kreisbogen durchlaufen muss. Auf den Hebel werden auch der Keil und der Tragbalken zurückgeführt. Letzteres geschieht (Abb. 14) durch folgende Erörterung: „Zwei Leute tragen auf einer Stange AB eine Last G.“ Warum, fragt Aristoteles, wird der am stärksten gedrückt, der G am nächsten ist? AB, so sagt er, wird hier wie ein Hebel verwendet. „Der G nächste Träger bei A ist das Bewegte, der andere Träger bei B ist das Bewegende. Und je weiter dieser von der Last entfernt ist, desto leichter bewegt er sie.“ Den einarmigen Hebel hat Aristoteles nicht als eine besondere Art betrachtet. Ein wichtiger Abschnitt des aristotelischen Werkes ist auch derjenige, der den Satz vom Parallelogramm der Bewegungen enthält. „Wenn etwas“, heißt es dort, „nach irgendeinem Verhältnis bewegt wird, sodass es eine Linie durchlaufen muss, so wird diese Gerade die Diagonale einer Figur sein, welche durch die nach dem gegebenen Verhältnis zusammengesetzten Linien bestimmt wird. Sei zum Beispiel das Verhältnis der Bewegung dasjenige, welches AB zu AC hat. Es werde also A nach B getrieben, AB aber nach CG. Ebenso gelangt in derselben Zeit A nach D, in welcher AD nach EF gelangt. Ist dann das Verhältnis der Bewegung in letzterem Fall dasselbe, d.h. verhält sich AD : AE wie AB : AC, so ist das kleine Parallelogramm dem größeren ähnlich; und es wird folglich die Diagonale AF in die Diagonale AG fallen. Hieraus wird also offenbar, dass ein auf der Diagonale in zwei Richtungen bewegter Gegenstand notwendig im Verhältnis der Seiten bewegt wird. Ändern hingegen zwei Bewegungen in jedem Augenblick ihr Verhältnis, so kann der Körper unmöglich eine geradlinige, sondern er muss eine krummlinige Bewegung durchlaufen.“ Auch der Satz, dass die Bewegung im Kreis aus zwei Bewegungen besteht, die nach dem Mittelpunkt und in der Richtung der Tangente erfolgen,

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Dass etwas als zusammengesetzt betrachtet werden kann, geht auf Aristoteles zurück. Zudem befasste sich Aristoteles mit dem Problem des Stoßes, das erst durch Wallis, Wren und Huygens seine Lösung finden sollte. Er stellt nämlich die Frage, warum ein geringer Stoß auf einen Keil viel bewirken kann, während ein gegen denselben Keil ausgeübter Druck nur wenig leistet281.

Abb. 15. Der Satz vom Parallelogramm der Bewegungen.

Aus exakt-wissenschaftlicher Sicht sind Aristoteles noch zwei Verdienste zuzuschreiben. Einerseits war er wohl einer der ersten, die ihre Erörterungen durch Zeichnungen zu unterstützen suchten. Andererseits findet sich bei ihm der Keim zu der Idee, die in Beziehung zu setzenden Größen mit Buchstaben zu bezeichnen.

Die Anfänge der Akustik und der Optik.

Ein weiteres Gebiet, das sich bereits in der Antike der exakten Behandlung zugänglich erwies, war die Akustik. So hatten beispielsweise die Pythagoreer erkannt, dass die Längen von gleich dicken und in gleichem Maße gespannten Saiten, wenn Konsonanzen entstehen sollen, in einem einfachen Verhältnis zueinander stehen müssen. Dieses Verhältnis fanden sie für die Oktave gleich 1 : 2. Dabei kamen sie einem Monochord zum Einsatz. Das Gerät verfügte über eine Konstruktion, bei der eine Saite über einen Steg geführt und durch Gewichte beliebig gespannt werden konnte. In diesem Apparat begegnet uns das erste Gerät, mittels dessen auf experimentellem Wege ein Naturgesetz entdeckt wurde. Auch bei Aristoteles finden wir einige zutreffende Vorstellungen über akustische Vorgänge. Aristoteles schreibt beispielsweise der Luft die vermittelnde Rolle bei den Schallerscheinungen zu und führt diese auf Schwingungen zurück, die sich bis zu unserem Ohr fortpflanzen. „Ein Ton“, sagt er, „entsteht nicht dadurch, dass der tönende Körper der Luft, wie einige glauben, eine bestimmte Form“

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„Er prägt sie sich nicht ein, sondern dadurch, dass er die Luft auf eine angemessene Weise in Bewegung setzt. Die Luft wird dabei zusammengedrückt und auseinandergezogen und durch die Stöße des klingenden Körpers immer wieder fortgeschoben, so dass sich der Schall in alle Richtungen ausbreitet.“ Auch das Echo wurde von Aristoteles ganz richtig als ein Reflex erkannt.
Die gleiche Auffassung, die er sich vom Schall gebildet hatte, übertrug Aristoteles auf das Gebiet der Optik. Vor ihm hatte sich die seltsame Vorstellung entwickelt, das Sehen sei eine Art Tasten, bei dem das Auge sich aktiv verhalte und sozusagen Fühlfäden zu den Körpern ausstrecke. Nach den ältesten Ansichten ist das Auge sogar feuriger Natur. Auch bei den Indern begegnen wir dieser Meinung. So schreibt Susruta der Linse, die häufig als das Hauptorgan des Auges betrachtet wurde, ewiges Feuer zu282. In Übereinstimmung damit betrachteten die ältesten griechischen Philosophen, wie die Pythagoreer, das Sehen als eine heiße Ausdünstung, die vom Auge zum wahrgenommenen Gegenstand strömen sollte.
Aristoteles wendet dagegen ein283, dass man dann auch während der Nacht zum Sehen fähig sein müsse. Ähnlich wie beim Schall sei die Luft zur Übertragung notwendig, setze auch die Lichtwahrnehmung zwischen dem Auge und dem gesehenen Gegenstand ein Medium voraus, das die Wirkung übertragen könne. Das Innere des Auges ist ferner nach Aristoteles deshalb durchsichtig, weil sich der Sitz der Sehkraft auf der hinteren Seite befinde. Auch an eine Erklärung der Farben wagt sich Aristoteles. Sie sollen aus der Mischung von Weiß und Schwarz, die er als Grundfarben bezeichnet, hervorgehen, ein Gedanke, der später oft wiederkehrte. Er wendet sich dann gegen die Annahme, die Farben seien Ausflüsse der farbigen Körper. „Man muss nicht annehmen,“ fügt er hinzu, „dass alles durch Berührung wahrgenommen wird. Sondern es ist besser zu sagen, die Empfindung des Sehens erfolgt durch eine Bewegung des Mittels zwischen dem Auge und dem Gesehenen.“ Es begegnet uns also hier schon im Keim des Widerspruchs zwischen der Emanations- und der Vibrationstheorie, der sich durch das 17. und 18. Jahrhundert hindurchzog und erst im 19. entschieden wurde284. Trotz mancher Unrichtigkeiten, die sich bei Aristoteles finden, hat kaum ein anderer Denker der Antike solch klare Vorstellungen über optische Dinge entwickelt wie er. Daher

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Sogar Goethe knüpft in seinem Werk „Zur Farbenlehre“ wieder an ihn an und gibt dort eine Darstellung der aristotelischen Ansichten über das Licht und die Farben285. Es sei noch erwähnt, dass die von den Atomisten (Leukipp, Demokrit) geschaffenen optischen Vorstellungen einen Rückschritt bedeuteten. Die Atomisten fielen eigentlich in die alten Vorstellungen zurück. Sie kehrten das Verhältnis aber um und ließen Abbilder der Dinge von den Gegenständen sich losschließen und ins Auge strömen. Mit beiden Anschauungen brach Aristoteles, indem er die Bedeutung des Mediums für den Vorgang des Sehens erkannte. Im Mittelalter glaubte man von jeder physikalischen Erklärung absehen zu dürfen, da die Seele keiner äußeren Beihilfe bedürfe286. Man nahm vielmehr beim Sehen eine unvermittelte Fernwirkung an und schuf damit einen Begriff, der lange dazu dienen musste, einen aus mechanischen Prinzipien nicht zu erklärenden Vorgang wenigstens mit einem Wort zu verbinden. Obgleich die Beschäftigung mit Fragen der Mechanik, der Optik und der Akustik ganz besonders zu wissenschaftlichen Beobachtungen und zu Versuchen anregt, finden wir bei Aristoteles, wie fast überall im Altertum, nur geringe Ansätze nach dieser Richtung. Stets wird an die Meinungen früherer angeknüpft, darauf werden Tatsachen der gewöhnlichen Erfahrung herangezogen und daraus auf dialektischem Wege, unter Gedankensprüngen und logischen Kunstgriffen, ein Ergebnis gewonnen, das sich dem herrschenden System anpasst, oft aber auch auf eine bloße Worterklärung hinausläuft. Das Ergebnis der so geübten Spekulation sucht Aristoteles manchmal wieder durch neue Beispiele aus der Erfahrung zu stützen. Das Unzulängliche seines Verfahrens scheint ihm indessen manchmal selbst zum Bewusstsein gekommen zu sein. So sagt er an einer Stelle: „Noch sind die Erscheinungen nicht hinreichend erforscht. Wenn sie es aber dereinst sein werden, ist der Beobachtung mehr zu trauen, als der Spekulation und letzterer nur insoweit, als sie mit den Erscheinungen Übereinstimmendes ergibt.“

Das Himmelsgebäude nach Aristoteles.

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Im Bereich der Astronomie hat Aristoteles den soeben erwähnten Grundsatz, den übrigens erst die neuere Naturforschung zur vollen Geltung brachte, auch hin und wieder befolgt287. Andererseits verleugnet er in seinem, von diesem Gebiet handelnden Werk an manchen Stellen die an ihm gewohnte Denkart nicht. So bemüht er sich, aus Vernunftgründen darzutun, daß es nur ein Himmelsgewölbe geben könne und daß das Universum ohne Ursprung und unvergänglich sei. Sehr klar ist seine Zusammenstellung der Gründe für die Kugelgestalt der Erde. Der betreffende Abschnitt möge hier in etwas freierer Wiedergabe folgen288:
„Daß die Erde eine Kugel ist, ergibt sich auch aus der Sinneswahrnehmung. Bei den Mondfinsternissen ist nämlich die abgrenzende Linie, welche der Schatten der Erde zeigt, immer gekrümmt. Ferner ist durch das Erscheinen der Sterne nicht bloß augenfällig, daß die Erde rund ist, sondern auch, daß sie nicht eben groß sein kann. Wenn wir nämlich nur eine geringe Ortsveränderung gegen Süden oder Norden vornehmen, so zeigen die Sterne über unserem Haupte eine große Veränderung, denn einige Sterne werden in Ägypten gesehen, hingegen in den nördlichen Ländern nicht. Und diejenigen Sterne, welche in den nördlichen Gegenden immerwährend am Himmel stehen, gehen in den südlichen unter. Folglich ist die Erde nicht nur kugelförmig, sondern auch nicht groß, denn sonst würde sich bei einer nur so geringen Ortsveränderung nicht die beschriebene Erscheinung zeigen. Es ist daher nicht unglaubwürdig, daß die Gegend um die Säulen des Herkules mit jener von Indien zusammenhängt und daß es auf diese Weise nur ein Meer gibt. Ferner behaupten die Mathematiker, daß der Umfang der Erde etwa 400000 Stadien betrage. Auch daraus würde folgen, daß die Erde nicht nur kugelförmig, sondern im Vergleich zu den übrigen Gestirnen nicht groß ist.“
Gleichzeitig mit der Lehre von der Kugelgestalt der Erde entstand die Vorstellung, daß es Antipoden geben müsse. Schon die Pythagoreer sollen dies angenommen haben289. Als der „Erfinder“ des Wortes Antipoden wird Platon genannt. Daß die Erde in ihrem ganzen Umfang bewohnt sei, wird indessen nicht etwa als Tatsache, sondern nur als nicht zu umgehende Annahme dargestellt.
Von eigener Beobachtung eines seltenen astronomischen Ereignisses zeugt die folgende Stelle, die ebenfalls wortwörtlich wiedergegeben werden soll290: „Wir haben nämlich gesehen, wie der Mond einmal halbkreisförmig war und unter

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verging. Letzterer verschwand an der dunklen Hälfte des Mondes und kam an der beleuchteten wieder hervor. In gleicher Weise berichten solches, auch bezüglich der übrigen Gestirne, diejenigen, die bereits seit einer sehr langen Reihe von Jahren Beobachtungen angestellt haben, nämlich die Ägypter und die Babylonier, von denen wir viele beglaubigte Nachrichten bezüglich jedes Gestirns besitzen.«
Die Kugelform schreibt Aristoteles nicht nur der Erde, sondern auch dem Himmelsgewölbe zu. Letzteres müsse notwendig kugelförmig sein, denn die Kugel sei sowohl für das Wesen des Universums die am meisten ansprechende Form als auch von Natur aus die ursprünglichste Form291. Für die Welt geht Aristoteles von räumlicher Begrenzung aus. Die Gestirne seien aus Äther gebildet, dessen Bewegung kreisförmig sei, während den irdischen Elementen die geradlinige Bewegung zukomme. Die fünf Planeten, die Sonne und der Mond sollen, wie bereits Eudoxos behauptet hat, jeweils in ihrer eigenen Sphäre bewegt werden. An diesen Sphären, die man sich als konzentrische, den in der Mitte ruhenden Erde umgebende Kugelschalen vorstellte, sind diese sieben Himmelskörper befestigt, während die Fixsterne eine gemeinsame Sphäre besitzen und ihre gegenseitige Lage innerhalb dieser Sphäre nicht ändern.
Astrologische Vorstellungen kommen in den Schriften des Aristoteles nicht vor. Zwar hatte Platon die Ansicht vertreten, dass die Gestirne göttliche Wesen seien. Aristoteles teilte diese Ansicht sowie die Lehre von der Sterndeutung jedoch nicht, obwohl den Griechen zu jener Zeit bereits die astronomischen und astrologischen Lehren der Chaldäer bekannt waren. Auch Eudoxos, der zur Zeit Platons sich eingehend mit der Astronomie beschäftigte, verhielt sich diesen Lehren gegenüber ablehnend. Erst in der späteren, als hellenistisch bezeichneten Periode wurde die Astrologie zu einer herrschenden geistigen Strömung.
Um die Ungleichheiten in der Bewegung der Planeten zu erklären, hatte bereits Eudoxos, der Begründer der Theorie der homozentrischen Sphären, für jeden Wandelstern mehrere Sphären eingeführt. Für jedes dieser Gestirne musste, da es wie die Fixsterne auf- und unterging, eine Sphäre angenommen werden, deren Bewegung der der Fixsterne entsprach. Eine zweite Sphäre, deren größter Kreis in die Ekliptik fiel, bewegte den Planeten dann entgegengesetzt zur täglichen Rotation, also von West nach Ost, in der Zeit, innerhalb derer der Planet den Tierkreis durchläuft. Weitere Sphären

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waren zur Erklärung der Stillstände und der zeitweiligen
Rückwärtsbewegung von Ost nach West notwendig. Für den Mond und für die
Sonne waren ebenfalls zwei Sphären nicht ausreichend. Insgesamt benötigte Eudoxos zur Darstellung der Bewegungen der Himmelskörper
27 Sphären. Zu diesen fügte Kalippos 7 und Aristoteles noch 22 weitere
hinzu. Dadurch wurde der Mechanismus so kompliziert, dass man ihn schließlich aufgab und durch die Epizyklentheorie ersetzte.
Eine Rekonstruktion der Ansichten des Eudoxos verdanken wir
Schiaparelli 292. Die Annahme der Sphären handelt sich dabei um keine
mystischen Unstimmigkeiten, sondern um eine kinetische Hilfsvorstellung
zur möglichst genauen Beschreibung der beobachteten Vorgänge. Bei der Beurteilung älterer Hypothesen darf man niemals vergessen, dass auch unsere
modernen Theorien im Grunde genommen solche Hilfsvorstellungen sind,
die mit dem Fortschritt der Wissenschaft oft durch neue Vorstellungen
verdrängt werden. Man darf ferner wohl annehmen, dass Eudoxos selbst
seine Hilfsvorstellung als das betrachtete, was sie war, und dass erst Spätere
seinen homozentrischen Sphären Realität beimaßen.
Bedeutend ist auch der Ausdruck, der bei den alten Schriftstellern oft
wiederkehrt, nämlich dass man für die Bewegung der Himmelskörper Theorien
entwickelt habe, „um die Erscheinungen zu retten“, d.h. sie mit einer, den
Verstand zufriedenstellenden, kinetischen Darstellung in Einklang zu bringen.
Wenn man am Prinzip festhielt, am Himmel seien nur gleichmäßige und
kreisförmige Bewegungen möglich, dann boten die Sphärentheorie und später
die Epizyklentheorie eine Lösung der den alten Astronomen gestellten
Aufgabe, die dem damaligen Stand der Wissenschaft entsprach.
Die Vorstellung, dass Erde und Himmel kugelförmig seien, führte bereits
im Altertum zur Herstellung von Globen. Zunächst begegnen uns Himmelsgloben.
Ein solcher ist uns im „Farnesischen Globus“ erhalten geblieben. Er wird im
Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt und bildet die Marmorkugel, welche der
„Farnesische Atlas“ trägt. Dieser Globus ist vermutlich eine Nachbildung einer
von Eudoxos hergestellten Sphäre. Auf dem Farnesischen Globus sind die
Sternbilder in reliefartiger Darstellung gemeißelt. Nach der Lage des
Frühlingspunktes zu urteilen, stammt das Kunstwerk aus dem 3. vorchristlichen
Jahrhundert. Später haben die Araber, unter Verwendung der griechischen
Sternverzeichnisse, bei der Herstellung von Himmelsgloben hervorragende
Leistungen erbracht. Von solchen

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Von dem 13. Jahrhundert stammende Globen sind mehrere erhalten293. Die Herstellung von Erdgloben kam erst im Zeitalter der Entdeckungen auf, als sich der geografische Horizont über die ganze Erde auszudehnen begann294. Die von den Himmelskörpern ausgehende Wärme und ihr Licht führt Aristoteles darauf zurück, dass „die Luft unterhalb der Sphäre erhitzt wird“. „Denn“, fügt er hinzu, „setzt Bewegung von Natur aus sowohl Holz als auch Steine und Eisen in Feuerhitze295.“ Aber nicht nur die Erde und das Himmelsgewölbe sind nach Aristoteles kugelförmig, sondern er legt diese Form den Gestirnen ganz allgemein bei296. Die Ansicht, letztere müssten eine Art Sphärenmusik erzeugen, kann er nicht teilen. Denn übermäßiges Geräusch, meint er, zerstöre selbst die widerstandsfähigsten Körper297. Bei der Erklärung des Flimmerns fällt er in die an anderer Stelle von ihm bestrittene Sehtheorie zurück. Er meint nämlich, die Planeten besäßen ein ruhiges Licht, weil sie nahe seien und der „Blick sie deshalb in seiner vollen Kraft erreiche“. „Hingegen auf die Fixsterne gerichtet“, fährt er fort, „wankt der Blick wegen der Länge des Abstands, daher flimmern die am Himmel fest eingefügten Sterne, die Planeten aber nicht298.“ Was endlich die Kometen anbelangt, so rechnete Aristoteles sie nicht zu den Himmelskörpern, sondern er hielt sie für Gebilde der irdischen Atmosphäre. Welchen Wert man dieser Ansicht beilegte und wie sehr die Kometen das allgemeine Interesse fesselten, geht daraus hervor, dass noch am Ende des 17. Jahrhunderts in manchen Ländern kein Professor angestellt wurde, wenn er nicht öffentlich erklärte, dass er außer mit den übrigen Grundsätzen des Aristoteles auch mit dessen Ansichten über die Kometen einverstanden sei299.

Bis auf Aristoteles zurückzuverfolgen ist auch eine andere Lehre (orientalischen Ursprungs), die in ihren letzten Konsequenzen das paradoxeste Erzeugnis des menschlichen Geistes darstellt, die Lehre von der steten Wiederkehr300. Aristoteles spricht an einigen Stellen seiner Werke den Gedanken aus, ähnlich der Bewegung der Gestirne vollziehe sich alles irdische Geschehen periodisch in stetigem Kreislauf. So finde z. B. auch ein steter Wechsel zwischen Meer und Land statt301. Spätere Philosophen, so die Stoiker, waren schon, wie später Nietzsche, in maßloser Übertreibung eines an sich richtigen Gedankens, auf die sonderbare Lehre gekommen, dass in großen Weltperioden in steter Folge selbst das Einzelwesen in seiner ganz bestimmten Individualität, z. B. ein

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ein bestimmtes Dorf, ein Sokrates usw. zusammen mit allen gleichzeitigen Wesen, Dingen und Erscheinungen müsse wiederkehren302. Dieser Irrtum des menschlichen Geistes lässt sich dadurch erklären, dass man für die Sterne, denen man einen entscheidenden Einfluss auf alles Werden und Vergehen zuschrieb, eine Rückkehr in die Anfangsposition annahm. Sobald diese erreicht sei, sollten sich alle Ereignisse in derselben Abfolge erneut abspielen. Man unternahm sogar, auf Grundlage der vorhandenen Beobachtungen, die Rückkehr der Planeten in dieselbe räumliche Lage zu berechnen. Aristarch hatte dafür eine Zeitspanne von 2484 Jahren angenommen; andere kamen auf Jahrmillionen. Unter den Neuern befasste sich sogar Tycho mit der Berechnung dieses als „annus mundanus“ bezeichneten Zeitraums und fand 25816 Jahre. Diese Vorstellung wurde wohl erst ganz aufgegeben, als man erkannte, dass die Anzahl der Planeten viel größer ist, als bisher angenommen worden war.
Zu den astronomischen Grundlagen der Lehre von der ständigen Wiederkehr gehört auch Hipparchs Entdeckung der Präzession der Äquinoktien. Sie führte ebenfalls zu einer Periode von etwa 25000 Jahren, die als platonisches Jahr bezeichnet wurde. (Siehe auch späterer Abschnitt.)
Neben den astronomischen gibt es auch geophysikalische Grundlagen für diese Lehre, indem man die regelmäßige Wiederkehr gewaltiger Überschwemmungen oder auch von Phasen erhöhter vulkanischer Aktivität voraussetzte. Gewöhnlich wurden diese Ereignisse so miteinander verbunden, dass man die irdischen Katastrophen mit den periodisch wiederkehrenden astronomischen Erscheinungen in Zusammenhang brachte303.
Um die regelmäßige Wiederkehr der Überschwemmungen zu erklären, dachte man sich entweder, die Erde sei von Adern und Spalten durchzogen, die das Wasser in sich aufnehmen und sich wieder leeren sollten, oder man nahm an, dass sich in den oberen Schichten der Atmosphäre die Luft in Wasser verwandle. Zu den Anhängern dieser Ansicht gehörte Aristoteles, der sich eingehend mit den meteorologischen Erscheinungen beschäftigte.

Die Grundzüge der physikalischen Geographie und der Geologie.

In seinen vier Büchern über die Meteorologie beschreibt und erörtert Aristoteles das Auftreten von Kometen und Sternschnuppen, welche er

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Als Produkte unserer Atmosphäre gelten die Form und die Höhe der Wolken, die Entstehung von Tau, Eis, Schnee, die Entstehung von Winden und Gewittern usw. Im ersten Buch spricht Aristoteles von Erscheinungen, die wohl nur darauf hindeuten können, dass es sich um das Nordlicht handelt. Er berichtet, dass man in klaren Nächten manchmal Schlünde erkennen könne, aus denen blutrote Fackeln zu schießen schienen. Die Erscheinung mache den Eindruck, als käme sie von einem weit entfernten Feuer. Weniger eindeutig lässt sich einige bei Plinius und Seneca vorkommende Stellen auf das Nordlicht beziehen. Erdbeben werden nach Aristoteles durch eingeschlossene Luft verursacht. Sehr ausführlich wird über den Regenbogen gesprochen. Aristoteles versucht, dieses Phänomen ausschließlich aus der Reflexion des Lichts abzuleiten. Die Wassertropfen seien, so meint er, kleine Spiegel, die jedoch aufgrund ihrer Kleinheit nicht die Form, sondern nur die Farbe des leuchtenden Objekts – gemischt mit ihrer eigenen Farbe – zurückwerfen. Dem Regenbogen werden nur die drei Farben Rot, Grün und Violett zugeschrieben. Doch zeige sich zwischen Rot und Grün eine blassere Farbe (Gelb). Auch die Beziehung des Regenbogens zur Sonnenhöhe wird erörtert; es wird erwähnt, dass es um Mittag im Sommer in Griechenland keinen Regenbogen gibt. Den Mondregenbogen habe er in 50 Jahren nur zweimal beobachtet. Die Erscheinung sei so selten, weil sie nur bei Vollmond auftritt. Auch der künstliche Regenbogen, der sich im zerstäubten Wasser zeigt, wird erwähnt. Die ersten geologischen Vorstellungen trafen wir bereits bei Thales und Empedokles an (siehe S. 70). Bei Demokrit, der durch viele Aspekte der Erde bekannt wurde, hatten diese Vorstellungen ein erstaunliches Niveau erreicht. Das lässt sich aus der auf Demokrit zurückgehenden Beschreibung ableiten, die Aristoteles über die geologischen Prozesse gibt. Seine Worte lauten: „Nicht immer sind dieselben Orte der Erde feucht oder trocken, sondern sie ändern sich je nach dem Entstehen und Verschwinden der Flüsse. Ebenso ändert sich das Verhältnis des Festlandes zum Meer. Wo Festland ist, entsteht Meer, und wo jetzt Meer ist, entsteht wiederum Festland. Man muss annehmen, dass dies periodisch geschieht.“

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Da die ganze natürliche Entstehung eines Landes allmählich und in Zeiträumen vor sich geht, die im Vergleich mit unserem Leben außerordentlich lang sind, so bemerken wir nichts davon. Ägypten z. B. scheint immer trockener geworden zu sein. Das ganze Land muß wohl als eine Anschwemmung des Niles betrachtet werden. Ähnlich verhält es sich mit Argos. Vor alters war diese Landschaft sumpfig und fast unbewohnt. Heute dagegen ist sie angebaut. Was von dieser engbegrenzten Gegend gilt, das geschieht auch bei ganzen Ländern. Einige nehmen an, daß die Ursache solcher Vorgänge eine Veränderung des ganzen Himmelsgebäudes ist, als sei dieses dem Wechsel unterworfen. Oder man behauptet, das Meer nehme ab, indem es austrocknet. Dabei übersieht man, daß gleichzeitig Teile der Erde trocken werden, während das Meer andere überflutet.

Die Annahme, daß die Menge des Meeres geringer werde und das Meer schließlich ganz verschwinden müsse, rührt von Demokrit her. Letzterer ist zu dem großartigen Gedanken, daß die Konfiguration der Erdoberfläche sich im Lauf der geologischen Perioden ändere, schon vor Aristoteles gelangt. Auch die Ansicht, daß die geologischen Änderungen auf kosmologische Ursachen zurückzuführen seien, rührt von Demokrit her. Aristoteles verwirft sie, weil er den Himmel als den Ort des unveränderlichen Seins betrachtet. Wir sehen aus all dem, daß Demokrits Naturauffassung in vielem höher steht als diejenige des Aristoteles und sich der unseren nähert, denn die Einwirkung kosmischer Vorgänge auf die säkularen Änderungen der Erdoberfläche wird heute nicht mehr in Abrede gestellt. Ferner entspricht Demokrits Annahme einer steten Verringerung der auf der Erde befindlichen Wassermenge den heutigen geologischen Vorstellungen. Das Ende dieses Vorgangs würde darin bestehen, daß alles Wasser durch die Verwitterung und andere Veränderungen der Gesteine gebunden ist.

Daß das Meer nicht etwa dadurch verschwindet, daß es sich durch die Sonne in Dampf verwandelt, war Demokrit ganz klar, denn er wußte, daß das Wasser des Meeres immer wieder in Gestalt von Regen auf die Erde herabfällt. Dies ist aus seiner Erklärung der Nilüberschwemmungen ersichtlich.

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Es lässt sich annehmen, dass Demokrits sehr klare Lehre vom Kreislauf des Wassers der von Aristoteles gegebenen Darstellung zugrunde lag. Sie lautet: „Einige behaupten, dass die Flüsse nicht nur in das Meer fließen, sondern auch daraus hervorkommen.“ Das Wasser des Meeres verdampft und steigt nach oben. Dort wird es durch Abkühlung wieder verdichtet und fällt infolgedessen wieder zur Erde herab312.

Für das Entstehen der ersten geologischen Anschauungen war der Umstand von großer Bedeutung, dass das Land, in dem das älteste Kulturvolk der Ägypter lebte, alle Anzeichen dafür aufwies, dass es sich in langsamer, stetiger Veränderung befand. Die Erinnerungen und Aufzeichnungen der Ägypter umfassten einen Zeitraum von Jahrtausenden, der deutlich machte, dass sich das Land am Unterlauf des Nils kontinuierlich nach Norden ausdehnte313. Die salzigen Seen auf der Schleife von Suez konnten kaum anders als als Überreste des Meeres interpretiert werden. Auf das allmähliche Auftauchen Ägyptens aus dem Meer wiesen auch die in seinen bergigen Gebieten gefundenen Fossilien hin. Dennoch ist es erstaunlich, dass man auf Grundlage nur einer begrenzten Anzahl von Beobachtungen in der Antike bereits zu einem so klaren Verständnis der geologischen Prozesse gelangte, wie es uns bei Eratosthenes, bei Aristoteles – der jedoch nur berichtet – und ganz besonders bei Demokrit begegnet. Es lässt sich nicht leugnen, dass diese antiken Anfänge der geologischen Wissenschaft auf ihre eigentliche Begründung im 16. und 17. Jahrhundert einen nicht unerheblichen Einfluss hatten, wie an späterer Stelle gezeigt werden soll. Dieser Einfluss reicht so weit, dass zwischen den am klarsten von Demokrit entwickelten Lehren der Antike eine besonders durch Aristoteles vermittelte Wirkung auf die Geologie der Neuzeit nachweisbar ist.

Die vier aristotelischen Elemente

Am Ende seiner „Meteorologie“ behandelt Aristoteles die vier Elemente. Ausführlichere Darstellungen zu diesem Thema finden sich in dem Werk über „Entstehen und Vergehen“. Dass nur vier Elemente möglich seien, beweist Aristoteles auf spekulativer Weise. Seine Ausführungen sind für die Beurteilung der aristotelischen Denkweise so charakteristisch, dass wir uns ihnen etwas genauer widmen wollen314.

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Es gibt, so meint er, vier Grundempfindungen: warm, kalt, feucht und trocken. Diese Empfindungen werden paarweise vereint wahrgenommen. Mathematisch betrachtet, können sich sechs solcher Vereinigungen (sechs Kombinationen zu zwei) bilden. Doch sind zwei als sich widersprechend unmöglich, nämlich die Vereinigung warm und kalt sowie die Vereinigung feucht und trocken. Es bleiben folglich nur vier Gegensätze übrig, und entsprechend sind nur vier Elemente möglich. Dem Gegensatz kalt und trocken entspricht die Erde, kalt und feucht das Wasser, warm und feucht die Luft, warm und trocken das Feuer. Durch die Mischung dieser vier Elemente entstehen nach Aristoteles alle irdischen Stoffe. Zudem hat jedes Element seinen bestimmten „natürlichen“ Ort, in Richtung dessen es sich bewegt. Die Materie setzt Aristoteles als gegeben voraus; sie kann weder aus dem Nichts entstehen, sich auch nicht vermehren oder verringern. Vielmehr ist sie nur der Veränderung fähig. Veränderungen entstehen dadurch, dass Ungleichartiges oder Gegensätzliches aufeinander wirkt – was wiederum Berührung voraussetzt. Diese muss nicht immer direkt sein; es kann auch eine Vermittlung durch eine Zwischensubstanz stattfinden, durch die jeder Teil den nächstliegenden in Bewegung setzt. Letztlich beruht jede Veränderung, egal ob qualitativ oder quantitativ, auf Bewegungen. Ist ein Körper einmal in Bewegung, so gibt es keinen Grund, warum er stillstehen sollte, sofern er keinen Widerstand findet. Dennoch wehrt sich auch das Ruhende und bleibt an seinem Platz. In all diesen Aussagen finden sich bereits Keime und Vorahnungen, die sich später ganz oder teilweise bewahrheiten sollten. Neben der Andeutung des Gesetzes der Erhaltung der Materie tauchte auch eine Vorahnung des Energiegesetzes auf – sie zeigt sich in der Aussage, dass die in der Natur vorhandene Bewegung weder entstehen noch vergehen könne. Man darf jedoch nicht übersehen, dass Aristoteles manchmal rein zufällig das Richtige trifft – wie zum Beispiel, wenn er sagt, die Luft bestehe aus zwei Bestandteilen: In der Nähe der Erdoberfläche herrsche ein feuchter und kühler, in größerer Höhe hingegen ein trockener und warmer Zustand. Für das Entstehen gibt es nach Aristoteles drei Ursachen: den Stoff als das dem Werden zugrunde Liegende, die Form als Zweck sowie die Bewegung als Anlass. Die die Materie formende Form ist nach…

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Für Aristoteles spielt es für die Lebewesen keine Rolle, ob sie das haben, was wir Seele nennen. Die Artenunterschiede der Seele sollen die Stufenreihe der Lebewesen bestimmen. Die niedrigste Seelenstufe ist die vegetative. Sie beschränkt sich auf die Nahrungsaufnahme und die Fortpflanzung und ist in den Pflanzen wirksam. Die Tierseele ist außerdem der Empfindung fähig, zu der beim Menschen noch die Vernunft hinzukommt. Der Mensch selbst erscheint dem Aristoteles als Zweck und Mittelpunkt der ganzen Schöpfung. In ihm gelangt das göttliche Empfinden zum Bewußtsein. Die Seele ist indessen für Aristoteles nichts für sich Bestehendes. Sondern sie ist an den Stoff gebunden, ohne selbst körperlich zu sein. Sie ist es, welche aus dem Stoff den Leib aufbaut und bewirkt, dass dieser zweckmäßig eingerichtet ist.

Die Lehre von den vier Elementen reichte bereits den Hippokraten sowie Platon aus, um daraus die Entstehung der Krankheiten abzuleiten. Da der Körper aus Erde, Feuer, Luft und Wasser zusammengesetzt sei, müsse ein Überschuss oder Mangel an einem dieser Grundstoffe sowie eine Veränderung ihres Verteilungsverhältnisses Unruhe, d.h. Krankheit, zur Folge haben. Auch Aristoteles führt einige Krankheiten auf einen Überschuss an Feuchtigkeit, andere auf einen Überschuss an Wärme zurück. In den Lungen häufen sich nach ihm mit zunehmendem Alter erdige Bestandteile an, durch die das Feuer schließlich erlischt und der Tod eintritt.

Die Elemente sind bei Aristoteles nicht etwa Grundstoffe im heutigen Sinne. Andererseits lehnt er aber auch den Hylozoismus der ionischen Naturphilosophen ab („dass nur Eines, z.B. Luft, das All sei, ist nicht möglich“). Aristoteles ist der Ansicht, dass es „eine Substanz der sinnlich wahrnehmbaren Körper gibt, die aber immer mit einer Gegensätzlichkeit verbunden ist, aus der die sogenannten Elemente entstehen“.

Die Begründung der Zoologie.

Während die Mathematik und die Astronomie bereits vor dem Auftreten des Aristoteles die ersten Stufen ihrer Entwicklung zurückgelegt hatten und in zielgerichteter Weise die Lösung bestimmter Aufgaben anstrebten, war das Gleiche bezüglich der beschreibenden Naturwissenschaften noch nicht der Fall.

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Fall. Zwar lagen auch auf diesem Gebiet wie auf dem der Astronomie die Grundlagen in den unmittelbar vorliegenden Beobachtungen. Den Aristoteles und seiner Schule blieb jedoch die erste gedankliche Erfassung sowie die systematische Gestaltung der noch wenig zusammenhängenden naturgeschichtlichen Erkenntnisse vorbehalten. Das wichtigste zoologische Werk des Aristoteles ist seine Tierkunde322. Es handelt sich dabei um ein grundlegendes Werk und das bedeutendste zoologische Buch der Antike. Es enthält nicht nur Beschreibungen der Tiere, sondern befasst sich auch mit der Struktur und Funktion der Organe sowie mit der Entwicklung und dem Lebensweise der Tiere. Eine kurze Betrachtung mag uns einen Einblick in das Wissen des Aristoteles sowie in die Art und Weise geben, wie er sein Thema behandelte. Es beginnt mit der Beschreibung des menschlichen Körpers. Zur Erforschung der inneren Organe musste jedoch das Tier herangezogen werden, da man sich noch nicht an die Zerlegung menschlicher Leichen wagte. Die anatomischen Kenntnisse des Aristoteles sind daher noch begrenzt. Das Herz, von dem er sagt, es enthalte von allen Eingeweiden allein Blut, gilt für ihn außerdem als das einzige Organ, in dem das Blut gebildet wird323. Von dort aus lässt er diese Flüssigkeit durch den gesamten Körper strömen, verbindet dies jedoch nicht mit dem Konzept eines Kreislaufs324. Das Blut ist für ihn außerdem der Träger der dem Menschen innewohnenden Wärme. Die Aufgabe der Atmung besteht seiner Ansicht nach darin, diese Wärme auf das richtige Maß zu reduzieren. Es ist nicht verwunderlich, dass die Ansichten des Aristoteles noch so sehr von denen abweichen, die heute als richtig angesehen werden und allgemein bekannt sind. Denn gerade die Erforschung der Prozesse, die in Lebewesen ablaufen, stellte den späteren Jahrhunderten große Schwierigkeiten in den Weg – so dass wir selbst heute noch kaum zu einem zufriedenstellenden Verständnis dieser Prozesse gelangen konnten. Die Aufdeckung eines solchen Zusammenhangs hing nämlich vor allem von den Fortschritten in der Chemie und Physik ab, Wissenschaften, die zur Zeit des Aristoteles erst im Entstehen begriffen waren. So konnte beispielsweise der Prozess der Atmung sowie die Entstehung der tierischen Wärme erst richtig verstanden werden, nachdem man die Zusammensetzung und die Rolle der Atmosphärenluft erkannt hatte. Und dies geschah erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, an der Schwelle zum letzten Jahrhundert.

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Ein Abschnitt aus der Geschichte der Naturwissenschaften. Es ist bereits eine große Leistung, dass Aristoteles Fragen nach den Funktionen sowie nach der Entwicklung organischer Wesen stellte und damit späteren Generationen Anlass gab, die Erforschung dieser Dinge fortzusetzen. So ist die Entwicklung des Huhns im Ei ein Problem, das bereits Aristoteles beschäftigte. Eine gründlichere Untersuchung wurde jedoch erst 2000 Jahre später wieder aufgenommen und erst in jüngerer Zeit, aufgrund der Verbesserung aller Hilfsmittel, zu einem gewissen Abschluss gebracht.

Es mag zu Recht Erstaunen hervorrufen, dass Aristoteles nicht nur niedrigere, sondern sogar höher entwickelte Tiere durch Urzeugung entstehen ließ. Auch hier begegnet uns wieder ein Problem, dessen Entwicklung wir im Laufe der Jahrhunderte verfolgen werden, bis es schließlich in der neuesten Zeit seine Lösung fand. Zwar ist es verständlich, wenn Aristoteles Läuse aus Fleisch und Wanzen aus tierischen Feuchtigkeiten ableitet. Man höre jedoch, welche seltsamen Vorstellungen er sich über die Entstehung der Aale gebildet hat: „Sie legen“, sagt er, „keine Eier. Und man hat noch nie in ihnen einen der Fortpflanzung dienenden Teil entdecken können. Es gibt sumpfige Teiche, in denen sie wieder entstehen, auch wenn das Wasser und der Schlamm entfernt wurden, sobald diese Teiche wieder durch Regen gefüllt werden. Die Aale entstehen nämlich aus Regenwürmern, die sich von selbst aus dem Schlamm bilden.“ Als Entschuldigung mag es dienen, dass die Fortpflanzung der Aale bis in die jüngste Zeit hinein ein unklares Gebiet der Zoologie war.

Aristoteles hielt die Urzeugung bei niedrigeren Tieren jedoch keineswegs für den einzigen Weg der Entstehung. So sagt er ausdrücklich über Insekten, dass sie zwar zeugen, aber auch spontan entstehen können. Die Urzeugung war für ihn und spätere Zoologen ein Glaubenssatz, um aus der Verlegenheit herauszukommen, in die man oft durch Unkenntnis der bestehenden Verhältnisse geriet. Über den Prozess der Entwicklung selbst äußert sich Aristoteles in seinem Werk über die Zeugung und Entwicklung der Tiere mit den folgenden treffenden Worten: „Entweder entstehen alle Teile des Tieres auf einmal; oder sie entstehen nacheinander wie die Maschen eines Netzes. Dass Letzteres geschieht, ist offensichtlich. Denn man sieht, dass einige Teile bereits vorhanden sind, andere aber noch nicht.“

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Es ist unzweifelhaft, dass man sie nicht nur etwa wegen ihrer Kleinheit nicht sieht. Obwohl die Lunge nämlich einen größeren Umfang hat als das Herz, so zeigt sie sich doch später als dieses327.
Hinsichtlich der anatomischen Kenntnisse des Aristoteles sei hervorgehoben, dass er die schneckenförmige Gestalt des inneren Ohres sowie die Verbindung zwischen dem Gehörorgan und der Mundhöhle kannte. Vom Inneren des Auges sagt er, es bestehe aus einer Flüssigkeit, welche das Sehen ermögliche. Um diese Flüssigkeit herum sei eine schwarze Haut vorhanden, außerhalb dieser wiederum eine weiße Haut. Beim Gehirn unterscheidet er die stärkere, dem Schädel angehörige Haut von der schwächeren, welche das Gehirn direkt umgibt328.
Auch die Drüsen der Verdauungsorgane hat Aristoteles im Großen und Ganzen richtig beschrieben und sie sogar bei einigen Wirbellosen gekannt. Zudem hat er seine Schriften durch Zeichnungen erläutert und soll dabei vorbildlich gewesen sein. Andererseits konnte Aristoteles Nerven und Sehnen noch nicht klar genug voneinander unterscheiden. Die Bedeutung der Muskeln war ihm noch nicht bekannt. Er führte vielmehr die Bewegungen der Gliedmaßen auf die Tätigkeit der Sehnen zurück und betrachtete das Fleisch als das Organ für die Empfindung.
In den uns überlieferten Schriften erwähnt Aristoteles etwa 500 Tierarten; doch können diese Arten nicht alle identifiziert werden. Zwar werden mehrere Arten von Vierhändern unterschieden, mit den menschenähnlichen Affen war man zur Zeit des Aristoteles jedoch noch nicht vertraut329. Auch über die niederen Tiere wusste man sehr wenig. Dennoch beherrschte Aristoteles die ihm bekannten Tierformen – und das ist sein wesentlichster Verdienst –, indem er sie in ein der Natur entsprechendes, wissenschaftliches System einordnete, das erst durch Cuvier zu Beginn des 19. Jahrhunderts erheblich verbessert wurde. Es erscheint daher gerechtfertigt, diesem ersten und zugleich so gelungenen Versuch eines natürlichen Systems der Tiere etwas genauer nachzugehen.
Zunächst teilte Aristoteles das gesamte Tierreich in Bluttiere und Blutlose ein. Auch hier ging er von der falschen Annahme aus, dass die rote Farbe ein notwendiges Merkmal des Blutes sei; tatsächlich stimmen seine beiden großen Gruppen jedoch überein, wie wir aus ihrer weiteren

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Erkennen der Einteilung in Bezug auf unsere heutigen Wirbeltiere und Wirbellose.
Die Bluttiere teilt Aristoteles in lebendgebärende Vierfüßer (Säugetiere), Vögel, eierlegenden Vierfüßer (unsere heutigen Klassen der Reptilien und Amphibien, zu denen er zu Recht auch Schlangen zählt – trotz des Fehlens von Gliedmaßen aufgrund ihrer anderen Eigenschaften) sowie in Tiere, die sich deutlich von Fischen unterscheiden. Für diese Letzteren gibt er an, dass sie durch Lungen atmen und lebendgebären. „Die lebendgebärenden Vierfüßer“, sagt Aristoteles, „sind fast alle dicht behaart. Sie sind außerdem entweder vielzehig wie der Löwe, der Hund und der Panther, oder zweizehig wie Schaf, Ziege und Hirsch. Oder sie besitzen nur einen Huf wie das Pferd. Den Tieren, die Hörner tragen, hat die Natur meist zwei Hufe verliehen. Ein Einhufer mit Hörnern ist uns nie begegnet. Auch im Gebiss weichen die Tiere untereinander sowie vom Menschen oft voneinander ab. Alle lebendgebärenden Vierfüßer besitzen Zähne; in beiden Kiefern haben sie entweder zusammenhängende oder unterbrochene Zahnreihen. Allen horntragenden Tieren fehlen nämlich die Vorderzähne im Oberkiefer. Es gibt jedoch auch Arten mit unvollkommenen Zahnreihen ohne Hörner, wie das Kamel. Manche haben Hauzähne, zum Beispiel der Eber. Außerdem gibt es Tiere mit Reißzähnen, wie der Löwe, Panther und Hund. Kein Tier besitzt gleichzeitig Hauzähne und Hörner. Auch treten Reißzähne nicht neben Hauzähnen und Hörnern auf.“
Obwohl Aristoteles hier einige Angaben und Allgemeinerungen über die Zähne sowie die Struktur der Füße bei Säugetieren macht, gelangt er dennoch nicht zur Einführung von Ordnungen oder Unterordnungen im heutigen Sinne. Bei den Vögeln hingegen unterscheidet er die Ordnung der Raubvögel von den Ordnungen der Schwimm- und Stelzvögel. Die Vogelgruppe wird noch durch folgende Bemerkungen charakterisiert: „Nur sie unter allen Tieren sind zweibeinig wie der Mensch; sie haben weder Hände noch Vorderfüße, sondern Flügel. Das sind Organe, die dieser Tierklasse eigen sind. Alle Vögel haben mehrzehige Füße; in der Regel sind die Zehen getrennt. Bei den Schwimmvögeln sind die gegliederten, deutlich getrennten Zehen jedoch durch Schwimmhäute miteinander verbunden. Die Vögel, die hoch fliegen, haben alle vier Zehen, von denen meistens drei nach vorne und eine nach hinten gerichtet sind. Einige haben zwei Zehen, die nach vorne, und zwei, die nach hinten gerichtet sind.“

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Für seine fünfte und letzte Gruppe, nämlich die Fische, hebt er das Vorhandensein von Kiemen und Flossen hervor330. Auch ist ihm bekannt, dass nicht nur die Säugetiere, sondern auch gewisse Haie lebendige Junge zur Welt bringen. Ja, er zeigt sich mit Verhältnissen in der Entwicklung der Haie vertraut, welche erst in neuerer Zeit ihre Bestätigung gefunden haben. So erzählt er, dass es unter den Haie Eierlegenden und Lebendgebärende gibt, und unter den Letzteren auch solche, bei denen der Fötus mit dem Uterus wie bei den Säugetieren durch einen Mutterkuchen verbunden sei (s. Abb. 16). Diese Tatsache wurde erst im 19. Jahrhundert durch Johannes Müller an Mustela laevis wieder entdeckt331.

Unter den Blutlosen (Wirbellosen) gelten ihm als die am meisten entwickelten die Kopffüßler (Tintenfische), mit deren Bau und Lebensweise er sich eingehend befasst. „Sie besitzen“, sagt er, „Füße, die sich am Kopf befinden, einen Mantel, der das Innere umschließt, und Flossen rings um den Mantel. Es sind acht mit Saugnäpfen versehene Füße vorhanden. Einige Arten, wie die Sepien, haben außerdem zwei lange Fangarme. Mit diesen ergreifen sie die Nahrung und führen sie zum Maule. Bei Sturm befestigen sie diese Arme wie Anker an einem Felsen und lassen sich so von den Wellen hin und her treiben. Auf die Füße folgt bei allen der Kopf, in dessen Mitte sich das mit zwei Zähnen versehene Maule befindet. Darüber liegen die großen Augen, und zwischen diesen eine knorpelige Masse, welche das Gehirn einschließt.“

Abb. 16. Der Embryo des glatten Hais nach Aristoteles.
Dp: Der Mutterkuchen in Verbindung mit dem Uterus332.

Danach folgen die Krebse, von Aristoteles Weichschalige genannt. Die dritte Gruppe bilden die Kerbtiere. Aristoteles versteht darunter alle

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Tiere mit ringförmigem Körper, also nicht nur die Insekten, sondern auch die Spinnen, die Tausendfüßler und die Gliederwürmer. Er betont, dass der Körper aller Insekten in drei Abschnitte unterteilt ist: den Kopf, den Körperteil, der Magen und Darm enthält, sowie den dazwischen liegenden Abschnitt, dem bei anderen Tieren Brust und Rücken entsprechen. „Abgesehen von den Augen“, fährt Aristoteles fort, „haben die Insekten kein ausgeprägtes Sinnesorgan. Einige besitzen einen Stachel, der entweder im Körperinneren liegt, wie bei Bienen und Wespen, oder außerhalb, wie beim Skorpion. Letzterer ist unter allen Insekten der einzige mit langem Schwanz; außerdem besitzt er Scheren. Einige Insekten haben über den Augen Fühler, z. B. Schmetterlinge und Käfer. Im Inneren befindet sich ein Darm, der in der Regel gerade bis zum After verläuft, manchmal jedoch auch gewunden ist.“ Bei den Insekten faszinieren Aristoteles besonders die Struktur und der Lebenswandel der Honigbiene. Er erwähnt, dass sie den Bienenhonig auf ihren Beinen transportiert und den Honig in ihre Zellen spuckt. Er beschreibt die Struktur der Waben, die Larven und Puppen sowie die Herkunft und Funktion des sogenannten Vorwachses; daher finden wir vor Swammerdam, der durch den Einsatz des Mikroskops sowie die Anwendung der Prinzipien der modernen Naturforschung zu einem viel tieferen Verständnis gelangte, kaum eine ebenso gute Beschreibung dieses wichtigen Insekts.

Die vierte Gruppe, die durch harte Schalen gekennzeichnet ist, die einen weichen, ungeteilten Körper umgeben, bilden die Schnecken und Muscheln, die von Aristoteles als Schalentiere zusammengefasst werden. Der fünften und letzten Gruppe, den Seewalzen, Seesternen und Schwämmen, wird eine Zwischenstellung zwischen dem Tierreich und dem Pflanzenreich zugeschrieben.

Viele Überlegungen, die Aristoteles in seinen zoologischen Schriften anstellt, zeigen, dass er, wenn auch aus teleologischer Sicht, bereits von dem Konzept geleitet wurde, das die moderne Biologie als Erhaltungszweck bezeichnet. Dieser Begriff soll ausdrücken, dass Lebensweise, Wohnort und Körperbau eines Tieres miteinander übereinstimmen. Ebenso stehen die einzelnen Organe in einem bestimmten Verhältnis zueinander sowie zum Gesamtorganismus – ein Verhältnis, das Cuvier, der größte Zoologe der Neuzeit, als Korrelation der Organe bezeichnet hat. Inwieweit Cuvier und die moderne Biologie in dieser Hinsicht mit Aristoteles übereinstimmen

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Übereinstimmen – lassen beispielsweise seine Betrachtungen über die Zähne erkennen. Sie lauten334: „Die Zähne dienen den Tieren im Allgemeinen dazu, Nahrung zu zerkleinern, aber auch als Waffen zum Angriff und zur Verteidigung. Von denen, die sie zum Schutz besitzen, haben einige Hauer wie der Eber, andere scharf ineinander greifende Zähne. Die Stärke dieser Tiere beruht auf ihren Zähnen. Diese müssen daher scharf sein und zweckmäßig ineinander greifen, damit sie sich durch gegenseitige Reibung nicht abnutzen. Ferner haben die spitzzahnigen Tiere ein weit gespaltenes Maul. Da ihre Verteidigung im Beißen besteht, benötigen sie ein weites Maul, denn je weiter das Maul gespalten ist, desto mehr Zähne und desto stärker beißen sie335.“

Auch über die Ernährung der Tiere sowie über die der Pflanzen hatte sich Aristoteles bereits Vorstellungen gebildet, die viel Zutreffendes enthielten. Alle Bestandteile des Körpers entstünden seiner Ansicht nach durch die Umwandlung der aufgenommenen Nahrungsmittel336. Für bestimmte Substanzen wie Fett, Galle usw. gäbe es vermutlich ebenfalls spezielle Nährstoffe. Diese sollten aus dem Blut durch die Wände der Adern sickern und so an den Ort gelangen, an dem sie abgesondert werden. Das Fett entstehe aus mehligem und süßem Essen, das sich leicht in Fett umwandeln lasse. Als wichtigste Ausscheidung des Blutes betrachtete Aristoteles den Samen. Er enthalte neben Wasser und Erde vor allem den warmen, lebensfördernden Luftgeist, das Pneuma (siehe S. 102). So wie sich die Erde in ein Mineral verwandeln könne, so verwandle sich auch die im Samen enthaltene Erde in einen Menschen. Tiere mit starken Knochen entstünden seiner Ansicht nach aus einem besonders erdreichen Samen. Seele und Körper der Lebewesen bildeten nach ihm eine Einheit – allerdings nur in dem Sinne, dass der Körper das Organ der Seele sei337. Dafür spreche auch, dass einige Tiere, die man zerstückelt, in jedem ihrer Teile weiterleben.

Aristoteles über die Pflanzen.

In seinem Bestreben, das gesamte Wissen seiner Zeit vom Standpunkt des Philosophen aus zu sammeln, zu prüfen und systematisch zu ordnen, konnte Aristoteles auch der Pflanzenwelt nicht gleichgültig gegenüberstehen. Leider ist jedoch seine diesem Thema gewidmete „Theorie der Pflanzen“

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verloren gegangen. Was wir an Ansichten des Aristoteles über die Natur der Pflanzen kennen, sind vereinzelte, aber immerhin zahlreiche Äußerungen des Philosophen, die sich in seinen übrigen Werken zerstreut finden338. Von besonderem Interesse ist, was Aristoteles über die Verwandtschaft der Tiere mit den Pflanzen sagt339. Die Natur geht allmählich vom Unbeseelten zum Beseelten über. Auf die unbeseelten Dinge läßt sie zunächst die Pflanzen folgen. Unter diesen unterscheide sich die eine von der anderen darin, daß sie teils mehr, teils weniger Anteil am Leben zeige. Vergleiche man die Pflanzen mit den leblosen Dingen, so seien erstere wie begeistert, dagegen erscheine die Pflanze im Vergleich zum Tier wie unbegeistert. Und doch sei der Übergang zwischen Pflanze und Tier ununterbrochen. Denn bei einigen Wesen des Meeres könnte man zweifeln, ob sie Tiere oder Pflanzen seien. Auch über die Teilbarkeit der Pflanzen und der Tiere stellt Aristoteles Betrachtungen an340. „Nimmt man von einer Zahl“, sagt er, „eine Zahl weg, so bleibt eine andere Zahl. Die Pflanzen dagegen und viele Tiere bleiben bestehen, wenn man sie teilt.“ Die niederen Tiere und die Pflanzen stimmen, wie Aristoteles richtig hervorhebt, eben darin überein, daß ihnen die Einheit der Organisation fehlt. Infolgedessen können abgetrennte Teile des Organismus fortleben und sich zu selbständigen Wesen entwickeln341. Auch darin seien sie einander ähnlich, da bei beiden der Hauptzweck die Fortpflanzung sei und alle Einrichtungen sich auf diesen Zweck zurückführen ließen.
Auch über die Ernährung der Pflanzen hat Aristoteles nachgedacht. Die Wurzeln nennt er ein Analogon des Mundes, da beide die Nahrung einnehmen342. Die Erde enthalte eine für die Pflanze zubereitete Nahrung und diene ihr sozusagen als Bauch, während die Tiere gleichsam die Erde als Inhalt des Darms in sich trugen, aus dem sie, wie die Pflanzen mit den Wurzeln, mit etwas Ähnlichem die Nahrung aufnehmen müßten343. Wem fällt bei dieser originellen, im Grunde aber richtigen Auffassung des Philosophen nicht die so treffende Benennung der Darmzotten als innere Wurzeln des Tieres ein? Ein ähnliches Verhältnis, wie für die Ernährung von Tier und Pflanze, nimmt Aristoteles für die Entwicklung an. Er sagt nämlich: „Wie sich die Gewächse des Bodens bedienen, so bedienen sich die Embryonen des Uterus“344.
Was die Entstehung anbetrifft, so wird auch für die Pflanzen angenommen, daß sie entweder aus Samen oder von selbst entstanden. Letzteres geschehe,

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wenn die Erde oder Pflanzenteile faulten. Was endlich die Sexualität anbelangt, so meint Aristoteles, bei den Pflanzen sei das Männliche und das Weibliche nicht getrennt; sie zeugten daher aus sich selbst. Das Gleiche finde gewissermaßen bei den Tieren statt. Denn wenn sie zeugen wollten, so werde sozusagen ein Tier aus zwei. Die Tiere seien somit gleichsam Pflanzen, in denen das Männliche und das Weibliche voneinander getrennt sei. Aus den zerstreuten Bemerkungen des Aristoteles erkennen wir thus, dass das Nachdenken über botanische Dinge rege geworden war und manche wertvolle Beobachtung und Verallgemeinerung vorlag. Der erste, dem wir ein zusammenhängendes Werk über die Pflanzen verdanken, ist denn auch ein Schüler des großen Philosophen, Theophrast. Dieser nimmt der Botanik gegenüber eine ähnliche Bedeutung ein, wie sie Aristoteles für die Zoologie besitzt.

Theophrast begründet die Botanik.

Über das Leben des Theophrast sind wir besonders durch Diogenes Laertios und durch Plutarch unterrichtet. Doch sind seine Lebensumstände wenig bekannt und durch Sagen und Übertreibungen verdunkelt. Theophrast wurde 371 v. Chr. zu Eresos auf der Insel Lesbos geboren. Er widmete sich der Philosophie. Und zwar schloss er sich zuerst an die Atomisten (Leukipp) dann an Platon und schließlich an Aristoteles an. Theophrast nannte man ihn seiner Beredsamkeit wegen. Nach dem Tode des Aristoteles, dessen Lieblingsschüler und langjähriger Freund er war, übernahm Theophrast die Führung der von Aristoteles in Athen gegründeten Philosophenschule, die er zur höchsten Blüte brachte. Theophrast genoss in Athen das größte Ansehen. Sein Ruhm drang auch ins Ausland, so dass Ptolemäos der Lagide ihn nach Alexandria zu ziehen suchte. Wie sehr man Theophrast in seinem Vaterlande schätzte, geht auch aus folgender Erzählung hervor. Theophrast wurde des Mangels an Religion beschuldigt. Man gab indessen dieser Klage nicht nur keine Folge, sondern es fehlte nicht viel, dass der Kläger selbst in den Anklagezustand gesetzt wurde. War Theophrast auch nicht an schöpferischer Kraft mit Aristoteles zu vergleichen, so überragte er ihn durch den Umfang seiner

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natürwissenschaftliche Einzelkenntnisse. Auf die Beobachtung zahlreicher Einzelfälle, wodurch man allein zur Bildung richtiger Begriffe gelangen könne, legte er den größten Wert. Wo Theophrast nur fremde Beobachtungen zu Gebote stehen, verhält er sich durchaus kritisch und macht aus etwaigem Zweifel kein Hehl. Sein Fleiß war unermüdlich und begleitete ihn bis ins höchste Alter. Sterbend klagte er noch im Hinblick auf das Aufhören seiner wissenschaftlichen Tätigkeit über die Kürze des menschlichen Lebens347. Das Altertum pries auch seine Umgangsformen. Cicero läßt ihn sagen, die rauhe Tugend allein mache keineswegs die Glückseligkeit aus. Er galt ferner als einer der bedeutendsten Redner, der ausgezeichnet und wohlüberlegt seine Worte mit seinen Gebärden und seinem Mienenspiel in Einklang bringen konnte.
Von einem ganz ungewöhnlichen Fleiß zeugt auch die Anzahl seiner Schriften348. Leider sind die wichtigsten verloren gegangen. Sie umfassten Themen aus der Mathematik, Astronomie, Botanik, Mineralogie sowie alle Bereiche des von Aristoteles begründeten philosophischen Systems. Theophrast starb im Jahr 286 v. Chr.; er erreichte somit das Alter von 85 Jahren. Seiner Schule soll er einen Pflanzengarten sowie einen Saal hinterlassen haben, in dem der Unterricht stattfinden sollte349.
Neben dem botanischen Hauptwerk, dessen neun Bücher vollständig erhalten sind und dessen Inhalt wir im Folgenden näher betrachten wollen, verfasste Theophrast noch ein Werk mit dem Titel „Über die Ursachen der Pflanzen“. Leider ist dieses Werk nur unvollständig erhalten. Das Werk „Über die Ursachen der Pflanzen“ (περὶ φυτῶν αἰτίαι) stand in Bezug auf die Pflanzengeschichte in einer ähnlichen Relation zu den eher philosophischen Schriften wie die beschreibenden Bücher über Tierkunde, die Aristoteles verfasst hatte350.
Vor Aristoteles widmete man sich den Pflanzen – sofern sie nicht der unmittelbaren Versorgung von Menschen und Tieren dienten – vor allem aus medizinischem Interesse. Das Sammeln von Pflanzen und deren Verarbeitung zu heilkräftigen Säften wurde von den bereits erwähnten Rhizotomen (Wurzelschneidern) berufsmäßig betrieben; sie waren die Vorgänger unserer heutigen Pharmazeuten. Nun richtete sich das wissenschaftliche Interesse neben der Tierwelt auch auf das Pflanzenreich. Abgesehen vom verloren gegangenen Werk Aristoteles’ über die Pflanzentheorie lieferte Theophrast das erste umfassende

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Behandlung der den Griechen bekannten Pflanzen unter Berücksichtigung ihrer Lebensbedingungen sowie der allgemeinen Morphologie. Das Werk, auf das wir uns nun genauer besinnen wollen, trägt den Titel: Naturgeschichte der Pflanzen351. Was beim Lesen dieses Buches zunächst auffällt, ist das Fehlen genauer Beschreibungen, die erst später in immer höherem Maße als das nächstliegende Ziel der botanischen Wissenschaft erkannt wurden. Oft fehlt eine Beschreibung der zur Besprechung stehenden Pflanze gänzlich, da Theophrast davon ausging, dass sie den Lesern bereits gut bekannt sei. In anderen Fällen beschränkte er sich darauf, auffällige Eigenschaften hervorzuheben, sodass es später oft schwierig – ja manchmal sogar unmöglich – war, selbst nachdem man die Flora Griechenlands genauer kennengelernt hatte, die Identität der einzelnen Pflanzen festzustellen. Als gegen Ende des Mittelalters die Botanik eine weitere Entwicklung durchmachte, war man zunächst von der Vorstellung beherrscht, alle Pflanzen, über die die Alten, insbesondere der später zu erwähnende Dioskurides, geschrieben hatten, auch in Westeuropa zu finden. Erst nachdem man lange Zeit in diese Richtung geforscht hatte und nur in wenigen Fällen Erfolge erzielt hatte – weil man der geografischen Verbreitung der Pflanzen noch keine angemessene Aufmerksamkeit schenkte – wandte man sich einer möglichst genauen Beschreibung der Pflanzen zu. So entstanden die Kräuterbücher der ersten neueren Botaniker. Die Schwierigkeit, die von den Alten beschriebenen Pflanzen zu identifizieren, wurde noch dadurch verstärkt, dass sich die Flora der betreffenden Länder im Laufe der Jahrtausende durch Wanderungen, durch klimatische Veränderungen und insbesondere durch den Einfluss des Menschen verändert hatte352. Das dem Theophrast zur Zeit seiner Tätigkeit floristisch bekannte Gebiet war sehr groß. Durch die Feldzüge Alexanders des Großen wurde man schließlich auch mit Persien, Baktrien und Indien vertraut, während man bereits zuvor viel über die in Vorderasien und Ägypten vorkommenden Pflanzen wusste. Allerdings lernten die Griechen auf ihren Eroberungszügen die Pflanzen zunächst eher flüchtig kennen und achteten fast ausschließlich auf das, was auf den fremden Märkten ihr Erstaunen hervorrief353. Neue Erkenntnisse haben die Untersuchungen Bretzls zu den botanischen Ergebnissen der Alexanderfeldzüge gebracht354. Die griechische Armee wurde

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von Gelehrten begleitet. Ihre Aufzeichnungen bildeten einen Teil dessen,
was man heute das »Generalstabswerk« über den indischen Feldzug nennen
würde. Dieses Werk ist leider verloren, doch sind Auszüge in Theophrasts
Geschichte der Pflanzen355 übergegangen. Von den fremden
Vegetationsbildern, welche Theophrast genauer schildert und mit der
Vegetation der Länder des östlichen Mittelmeeres vergleicht, ist vor allem
die Mangroveformation des persischen Golfes zu nennen. Theophrast gibt
eine genaue Beschreibung der eigenartigen Pflanzen jener Formation. Er
schildert die Lebensweise der Mangrovegewächse, die auf Stelzenwurzeln
weit über das Meeresufer hinauswachsen, so richtig, daß neuere Reisende,
wie Schweinfurth, seine Angaben nur bestätigen konnten. Einen
„Glanzpunkt“ nennt Bretzl die Beschreibung, welche Theophrast vom
indischen Feigenbaum gegeben, der mit seinen, von den Ästen her in die Erde einbrechenden, Stützwurzeln einem Walde gleicht. Daß es sich bei den Stützen, welche die fast horizontal sich ausbreitenden Äste in den Boden hinabsenden, um eigentliche Wurzeln handelt, erkannte schon Theophrast, wie er auch das Bambusrohr als eine Schilfart erkennt und das vom Rande her einreißende Blatt der Banane sehr zutreffend mit den Schwungfedern eines Vogels vergleicht.
Wahrscheinlich sind die Griechen auch mit der Baumwolle erst nach den
Zügen Alexanders genauer bekannt geworden, während in Ägypten die
Baumwollweberei schon früh anzutreffen war. Durch die Beobachtungen,
die man auf dem Alexanderzuge anstellte, wurden die Griechen auch mit
der Tatsache vertraut, daß gewisse Pflanzen Bewegungen ausführen, wie
man sie bisher nur bei den Tieren kannte. Es handelt sich um die
periodischen Bewegungen der Blattfiedern von Tamarindus indica. Diese
Bewegungen werden in ihren einzelnen Stadien so genau beschrieben, daß
sie bis zum Beginn der neueren physiologischen Untersuchungen über
diesen Gegenstand die beste Schilderung sind, die wir über den Pflanzenschlaf besitzen. Die betreffende Stelle lautet bei Theophrast 356:
„Der Baum besitzt zahlreiche Fiederblättchen. Sie legen sich während der Nacht leise zusammen. Bei Sonnenaufgang öffnen sie sich, und um Mittag
entfaltet sich der Baum völlig. Am Nachmittage ziehen sich die Blättchen
allmählich wieder zusammen und in der Nacht schließt sich die Pflanze
wieder. Man sagt dort zu Lande, sie schlafe.“

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Dadurch, dass die Griechen die Pflanzenwelt vom Mittelmeerraum bis in die tropischen Gebiete Asiens kennenzulernen bekamen, wurden sie nicht nur mit gewissen Grundtatsachen der Pflanzengeographie, sondern auch bereits mit einigen wichtigen, pflanzengeographischen Gesetzen vertraut. Daher ist es nicht ganz zutreffend, die Anfänge dieser Wissenschaft auf A. v. Humboldt zurückzuführen. Das Phänomen, dass die Flora ihren Charakter mit der Erhebung des Bodens über dem Meeresspiegel ändert, hatten die Griechen bereits in ihrer Heimat beobachtet. Dort hatten sie festgestellt, dass sich an die Mittelmeer-Flora mit ihren immergrünen Pflanzen zunächst eine Laubwaldregion anschloss, darüber Nadelwälder und noch weiter oben eine Region, die wir heute als alpin bezeichnen würden. Das gleiche Phänomen nahmen sie noch deutlicher wahr, als sie am Fuße der Berge ankamen, die Indien vom asiatischen Kontinent trennen. Dort herrschte noch die tropische Flora mit ihren Palmen und Bananen in reicher Fülle. Unmittelbar darüber sahen die Griechen Pflanzen, die sie an diejenigen der Mittelmeerlande erinnerten. Danach folgten wieder Laubbäume, Nadelbäume und alpine Pflanzen. Einen ähnlichen Wechsel der Flora bemerkten sie auch, als sie die Pflanzen nördlicher Gebiete mit denen südlicherer verglichen. Dieser Vergleich ergab sich nicht nur in Europa, sondern auch in Asien. Auch dort fanden sie in den nördlicher gelegenen Regionen die mächtigen, dunklen Nadelwälder wieder, die sie als charakteristisch für Mitteleuropa ansahen.

In Theophrasts „Geschichte der Pflanzen“ überwiegt oft das praktische Interesse das wissenschaftliche. Die Beschreibungen bestimmter technischer Vorgänge, wie die Herstellung von Holzkohle, Teer, Harz und Gewürzen sowie die Verwendung verschiedener Holzarten – insbesondere aber die Wirkung von Pflanzen auf den menschlichen Körper – nehmen entsprechend viel Raum ein. Doch es wird auch über die geografische Verbreitung, Krankheiten, die Lebensdauer, den Einfluss des Klimas sowie die Ernährung der Pflanzen gesprochen. Dass zu einer Zeit, in der man kaum wusste, wie man Pflanzen beobachtet, geschweige denn mit ihnen experimentiert, einige irreführende Ansichten geäußert wurden, ist leicht verständlich. So führt Theophrast das Phänomen, dass Bäume, wenn sie dicht beieinander stehen, keinen kräftigen Wuchs zeigen, sondern dünn und lang werden, nicht auf den Einfluss des Lichts, sondern auf einen Nährstoffmangel zurück. Unter den Krankheiten der Pflanzen erwähnt er den Wurmfraß sowie den Rost.

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Getreide und den Honigtau. Letzteren führt er auf einen zu hohen Feuchtigkeitsgehalt der Pflanzen zurück, obwohl es sich tatsächlich um Ausscheidungen von Blattläusen handelt. Als eine Wirkung des Klimas betrachtet Theophrast das Phänomen, dass in heißen Ländern der jährliche Laubfall bei Pflanzen ausbleibt, die in den Mittelmeerländern ihren Laub im Winter verlieren. Dies sei beispielsweise beim Feigenbaum und am Weinstrauch der Fall358.
Als Nährorgane gelten nicht nur die Wurzeln, sondern auch die Blätter. Die Nährstoffaufnahme soll auf beiden Flächen durch Aufsaugen stattfinden. Das Wachstum der Blätter und das Entstehen der Früchte stehen, wie Theophrast sehr richtig bemerkt, in einem solchen Verhältnis zueinander, dass, wenn einer dieser Prozesse stattfindet, der andere zurückgehalten wird359. Auch die Möglichkeit, dass sich eine Pflanzenart in eine andere verwandeln kann – ein häufig wiederkehrender Irrtum – wird bei Theophrast erörtert. So sagt er: „Die wilde Minze soll sich in Gartenminze verwandeln, ebenso soll sich Weizen in Lolch verwandeln.“ Von der Sexualität der Pflanzen konnte er sich genauso wenig wie das übrige Altertum eine klare Vorstellung machen. Dennoch erwähnt er, dass man bei den Dattelpalmen das Entstehen von Früchten dadurch fördern kann, indem man die staubbildenden Zweige über die fruchtbaren hängt:
„Manche Bäume“, sagt er, „werfen ihre Früchte vor der Reife ab, dagegen werden Maßnahmen ergriffen. Bei Datteln besteht das Mittel darin, die männliche Blüte der weiblichen näherzubringen, denn diese sorgt dafür, dass die Früchte erhalten bleiben und reifen. Dies geschieht auf folgende Weise: Wenn die männliche Pflanze blüht, schneidet man die Blütenhülle ab und schüttelt damit den Staub auf die weibliche Frucht. Wird diese so behandelt, bleibt sie erhalten und fällt nicht ab.“ Aufbauend auf diesen und ähnlichen Beobachtungen der Alten begründete in neuerer Zeit Camerarius die Lehre von der Sexualität der Pflanzen.
Einen weiteren Beitrag leistete Theophrast durch die begriffliche Bestimmung sowie die Morphologie der wichtigsten Pflanzenorgane. Beispielsweise kommt bei ihm der Begriff des gefiederten Blattes vor, das bis dahin für einen Zweig gehalten wurde. Ihm gelang es jedoch nicht, eine natürliche Einteilung des Pflanzenreichs zu schaffen und damit das zu erreichen, was Aristoteles für die Zoologie getan hatte. Theophrast unterscheidet Bäume, Sträucher, Stauden und Kräuter und spricht innerhalb dieser vier

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Die Gruppen werden erneut in zahme und wilde Pflanzen unterteilt. So überschreibt er beispielsweise ein Kapitel mit „Von den wilden Bäumen“, während er ein anderes mit den Worten beginnt: „Nun soll von den Pflanzen der Flüsse, Sümpfe und Teiche die Rede sein.“ Zumindest werden bei seiner Einteilung der Kräuter manchmal natürliche Gruppen angedeutet. Schließlich verdanken wir Theophrast auch eine Reihe wertvoller Angaben über den Aufbau und die Entwicklung der Pflanzen. Für ihn sind Pflanzen lebende Wesen, die als Voraussetzungen des Lebens Wärme und Feuchtigkeit in sich tragen. Deshalb bemüht er sich auch, eine Ähnlichkeit im Aufbau von Pflanzen und Tieren nachzuweisen. Als innere Teile der Pflanzen unterscheidet er Rinde, Holz und Mark. Diese Teile seien aus Fasern, Adern, Fleisch und Saft gebildet. Das Fleisch entspricht dem, was wir heute als Parenchym oder Grundgewebe bezeichnen. Die Fasern hingegen sind die Gefäßbündel. Theophrast bemerkt sogar, dass sie manchmal regelmäßig angeordnet sind, bei anderen Pflanzen, wie den Gräsern und Palmen, hingegen unregelmäßig im Fleisch (Grundgewebe) verstreut sind. Auch über die Entwicklung der Pflanzen finden sich bei Theophrast einige Beobachtungen. Er weist darauf hin, dass der Keim sowohl Wurzel als auch Stamm enthält und dass die Wurzel zuerst aus dem Samen hervorkommt. Danach entwickelt sich der Stamm, dessen erste Blätter durch ihre einfachere Form von den späteren abwichen. Zudem wird treffend festgestellt, dass das Winkelige und die Gliederung mit fortschreitender Entwicklung zunehmen. Dass uns die Botanik bei Theophrast bereits als eine recht entwickelte Wissenschaft begegnet, sollte uns nicht verwundern, denn zweifellos konnte Theophrast auf Vorgänger zurückgreifen, die er teilweise auch erwähnt. Neben Theophrast wären zwar noch einige Mitglieder der peripatetischen Schule zu nennen, die sich mit Botanik beschäftigt haben. Da jedoch nur ihre Namen sowie die Titel ihrer Schriften überliefert sind, wollen wir uns mit dem weiteren Schicksal der botanischen Wissenschaft erst dann wieder beschäftigen, wenn sie uns bei den Römern erneut begegnet. Wie bei Tieren sahen auch die Griechen bei Pflanzen die Urzeugung als eine besondere Art der Vermehrung an. Man betrachtete sie nicht nur bei kleineren Pflanzen, sondern manchmal sogar bei Bäumen. Theophrast war gegenüber dieser Ansicht jedoch bereits skeptisch. Er versuchte, angebliche Fälle von Urzeugung auf die Ausbreitung der Samen zurückzuführen.

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Regenschauer, Vögel, Überschwemmungen oder der Wind können dafür verantwortlich sein. Er weist außerdem darauf hin, dass einige Samen aufgrund ihrer geringen Größe leicht übersehen werden können. Die Vermehrung durch Samen betrachtet er als die übliche Art. Den Pflanzensamen vergleicht er mit dem Tierei – beides enthält die erste Nahrung für das Keimling. Dass jedoch eine ungeschlechtliche Fortpflanzung insbesondere bei kleineren Pflanzen vorkommt, bestreitet er nicht. Vielmehr geht er davon aus, dass Pflanzen genauso wie Tiere durch die Zersetzung von Stoffen unter dem Einfluss von Feuchtigkeit und Wärme entstehen können.

Theophrast als Begründer der Mineralogie.

Auch die dritte der beschreibenden Naturwissenschaften, die Mineralogie, fand ihre erste Behandlung in derselben Epoche, in der Zoologie und Botanik entstanden. Auch dies geschah durch Theophrast, und zwar in seinem Werk „Über die Steine“. Doch handelt es sich hier in noch höherem Maße als in der Botanik um eine Zusammenstellung chemischer und mineralogischer Kenntnisse, die man durch die Durchführung von Hüttenprozessen erlangt hatte. Mit Eisen war man bereits in der mykenischen Zeit vertraut. Obwohl Griechenland reich an Eisenerz war, wurde das Metall anfangs nur für Schmuckstücke (z. B. Ringe) verwendet. Nachdem man gelernt hatte, es zu härten, diente es auch zur Herstellung von Waffen. Bei Homer wird meist von Bronze gesprochen, doch Eisen wird ebenfalls oft erwähnt. Auch das Silbererz von Laurion wurde bereits seit sehr frühen Zeiten abgebaut. Die dortigen Minen verfügten über ausgedehnte Schächte und Stollen mit Holzverkleidung. Ihre reichen Erträge ermöglichten es Athen, zur Abwehr der Perser Rüstungen in einem Umfang herzustellen, wie er sich ein so kleiner Staat sonst kaum hätte leisten können. In Laurion handelte es sich um silberhaltiges Bleierz; aus diesem gewann man zunächst, wie es auch heute noch geschieht, durch Rösten und anschließendes Schmelzen das rohe Blei. Ein dem Schmelzprozess entsprechendes Verfahren brachte schließlich, durch die Oxidation des Bleis, das Silber hervor. Theophrast betont bei der Beschreibung der Mineralien, dass sie sich insbesondere in Farbe und Gewicht unterscheiden. Zu den Mineralien

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Er berücksichtigt auch die Korallen, die im Meer entstanden sind. Ferner erwähnt er ein Mineral, das wie der Bernstein Holz, indessen auch Erz und Eisen anziehe. Theophrast nennt es Lynkurion. Es ist nicht aufgeklärt, welchen Stoff er damit gemeint hat. Manchen Mineralien wurden auch heilkräftige Wirkungen zugeschrieben. So wurde der Rauch von Gagat, einer sehr bituminösen Braunkohle, eingeatmet, um epileptische Anfälle zu bekämpfen. Malachitpulver diente als Mittel gegen gewisse Erkrankungen der Augen usw.366.
Als dasjenige Volk, das als erstes in den Mittelmeerländern Bergbau betrieben haben soll, werden seit alters die Phönizier bezeichnet. Sie waren es, die in dem an Erzen reichsten Lande des alten Europas, in Spanien, den Metallreichtum durch Betriebe größeren Umfangs aufschlossen. In der griechischen Literatur ist von Bergwerken zuerst bei Herodot die Rede. Bei Homer findet sich jedenfalls noch keine Andeutung367.
Genauere Kenntnis über den Bergbau im Altertum hat man erhalten, seitdem man den Betrieb verlassener alter Bergwerke in Spanien und am Laurion wieder aufnahm. Es geschah dies um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Am Laurion hat man zahlreiche Tagebaue und Stollen, sowie an 2000 Schächten wieder aufgedeckt. Man fand auch die Geräte, welche die Alten beim Bergbau benutzten, z. B. Grubenlampen, eiserne Hämmer, Meißel, Brechstangen usw. Die Schächte gehen bis über hundert Meter in die Tiefe. Ein weiteres Eindringen wird die Ansammlung von Grubenwasser verhindert haben. Auch in Ton geformte Nachbildungen, die sich auf den Betrieb beziehen, hat man ausgegraben. Diese archäologischen Funde ergänzen die erhaltene Literatur in solchem Maße, daß wir uns von dem bis in das 7. vorchristliche Jahrhundert zurückreichenden Bergbau und Hüttenbetrieb der Athener ein zutreffendes und deutliches Bild machen können368.

Einfluss und Dauer des aristotelischen Lehrgebäudes.

Wir haben uns in diesem Abschnitt insbesondere ein Bild von den Leistungen des Aristoteles und desjenigen, der vor allem auf dem Gebiete der Naturwissenschaften in seine Fußtapfen trat, des Theophrast, gemacht. Bevor wir uns dem alexandrinischen Zeitalter zuwenden, sei noch ein Wort

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Über die Bedeutung des Aristoteles wurde bereits viel gesagt. Sein Einfluss erstreckt sich über 2000 Jahre, und jede Epoche musste, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, zu ihm – sowie zur griechischen Philosophie und Naturwissenschaft im Allgemeinen – eine Haltung einnehmen. Die Wertschätzung, die ihm entgegengebracht wurde, war je nach dem Standpunkt der Beurteiler recht wechselhaft. Während des größten Teils des Mittelalters galt Aristoteles als unanfechtbare Autorität. Noch Dante erkennt ihn voll an und nennt ihn „il maestro di color che sanno“. Der Angriff, der zu Beginn der Neuzeit gegen Aristoteles gerichtet war, betraf weniger ihn selbst als vielmehr seine mittelalterlichen Anhänger und Ausleger, die versuchten, mit seiner Autorität eigene Irrtümer zu vertuschen. Ein scharfer Gegensatz zu Aristoteles entstand erst mit dem immer konsequenter werdenden Bestreben, die Natur aus mechanischen Prinzipien zu erklären, wobei das Konzept des Zwecks, das in der aristotelischen Philosophie das Zentrum aller Erklärungen darstellt, beseitigt werden sollte. Infolgedessen wurde Aristoteles im Zeitalter der Aufklärung, in der Zeit der französischen Materialisten und des „l’homme machine“, am schärfsten verurteilt. Es galt damals als angemessen, über die nutzlosen Hirngespinste des Aristoteles zu sprechen, ohne seine Schriften gelesen zu haben. Eine Ausnahme bildete Cuvier, der ihm für seine Leistungen auf dem Gebiet der Zoologie sogar Bewunderung zollte. Mit der Überwindung des reinen Materialismus durch das erneute Aufblühen der Philosophie trat jedoch ein Rückschlag ein. Vor allem Hegel wiedererkannte den großen Stagiriten: „Aristoteles“, so Hegel, „ist in die ganze Masse des realen Universums eingedrungen und hat seine Zerstreuung dem Begriff untergeordnet.“ Wenn wir von dieser Aussage Hegels so viel abziehen, dass wir für das Handeln das Wollen setzen, dann wird die Bedeutung des Aristoteles richtig erfasst. In ihm begegnet uns ein Mensch, der sich die Erklärung des Weltgesamten und der Natur im Einzelnen zum Ziel setzte und diese Aufgabe umfassend zu lösen suchte. Ihn dabei am Maßstab des modernen Naturforschers zu messen, wie es in England geschah, ist nicht gerecht. Durch Aristoteles wurde erstmals ein Lehrsystem geschaffen, das die Ergebnisse der Beobachtung und des Experiments umfasste – zwar unter allzu starker Betonung rein gedanklicher Begriffe, doch unter Vermeidung religiöser, mystischer und nationaler Vorurteile.

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Der wissenschaftliche Kern liegt in der Bedeutung sowie der treibenden Kraft seiner Lehre. Das war es, was Aristoteles die Wirkung für alle Zeiten und auf alle Völker sicherte. Ganz abgesehen von dieser allgemeinen Bedeutung des Aristoteles muss man zugeben, dass in seinen Werken eine Fülle von Einzelkenntnissen zusammengefasst und systematisiert wurden. Mit Recht bezeichnen daher die Herausgeber der Aristoteles’schen Tierkunde dieses bedeutendste naturwissenschaftliche Werk der Antike als „Biologie der gesamten Tierwelt, gegründet auf eine große Menge von Einzelkenntnissen, belebt durch den großartigen Gedanken, alles tierische Leben als einen Teil des Universums in all seinen unendlichen Veränderungsformen zu einem einheitlichen Bild zusammenzufassen, und erfüllt von der Weltanschauung, für die Gesetze des natürlichen Geschehens einen vernünftigen Zweck anzunehmen.“ Auch für die Entstehung der Geschichte der Wissenschaften als eigenständige Disziplin war Aristoteles grundlegend. Er war es, der beispielsweise Eudemos dazu anregte, seine Geschichte der Mathematik zu verfassen (siehe S. 81), und andere seiner Schüler dazu brachte, dasselbe für die Heilkunde und die Physik zu tun.

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4. Das alexandrinische Zeitalter.
In den ersten Abschnitten haben wir uns jene Periode in ihren Grundzügen vergegenwärtigt, in der die Keime der Naturwissenschaften entstanden – eine Periode, die in der zusammenfassenden, systematisierenden Tätigkeit des Aristoteles ihren Höhepunkt erreichte. Schon früh traten uns geistige Bewegungen in den ionischen Kolonien entgegen, wo der Kontakt des Griechentums mit der älteren, orientalischen Kultur besonders eng war. Zu Zentren der Wissenschaft wurden daraufhin Athen sowie die blühenden Städte Unteritaliens – dort durch Aristoteles und seine Schule, hier durch die Pythagoreer.
Wie Alexander durch die Ausdehnung seines Machtbereichs die Welt eroberte, so suchte Aristoteles, das gesamte Wissen seiner Zeit zu erfassen. Zu einer dauerhaften Herrschaft über die anderen Völker waren die Griechen jedoch nicht in der Lage. Mit dem Tod des großen Eroberers zerfiel auch sein Reich. Auf dem Gebiet der Wissenschaft entwickelten sich die Dinge anders: Hier kann man wohl von einer die Antike überdauernden Herrschaft der Griechen sprechen. Sie wurden zu Lehrern der alten Völker, während Rom die Rolle der Weltbeherrscherin übernahm.
Bei den Griechen hatte die persönliche Eigenart eine bisher unerreichte Bedeutung erlangt; doch die Schöpferkraft dieses Volkes war nach dem Verlust seiner politischen Unabhängigkeit nicht mehr die frühere. Zwar zeigte sich diese Schwächung stärker auf dem Gebiet der Kunst, insbesondere der Dichtkunst, und weniger auf dem Gebiet der Wissenschaften. Doch zeigte sich hier ein anderes, eigenartiges Phänomen: Während des nationalen und wirtschaftlichen Niedergangs, der bereits im dritten Jahrhundert im Mutterland einsetzte, wurde das gelehrte Griechentum kosmopolitisch. Der Sitz der griechischen Weisheit verlagerte sich gleichzeitig von Athen nach Alexandria – eine Stadt, die durch ihre günstige Lage, ihren Reichtum sowie das Interesse der ägyptischen Herrscher besonders geeignet war, die weitere Pflege der Wissenschaften zu übernehmen.

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Seit der Hellenisierung Vorderasiens waren auch die seit Jahrhunderten bestehenden Beziehungen zwischen der griechischen und der babylonischen Wissenschaft sehr eng. Die Griechen betrachteten den Besuch der Tempelschulen in Babylon geradezu als Ehre. Besonders intensiv war dieser Austausch unter der Herrschaft der Seleukiden und der Ptolemäer. Nach dem Tod Alexanders (323 v. Chr.) gelangte die Herrschaft über Ägypten in die Hände von Ptolemäos I. Dieser Fürst, dessen Geschlecht bis zum Jahr 30 v. Chr., als das Land zu einer römischen Provinz wurde, den ägyptischen Thron innehatte, zog viele griechische Gelehrte, insbesondere aus Athen, an seinen Hof. Dadurch wurde er zum Gründer der alexandrinischen Akademie, deren Aufgabe es war, die Wissenschaft über mehrere Jahrhunderte hinweg zu fördern und für zukünftige Zeiten zu bewahren. Die äußeren Einrichtungen für diese Gelehrtenvereinigung wurden durch Ptolemäos Philadelphos vervollständigt. Letzterer errichtete ein prächtiges Gebäude, das den Gelehrten Wohnräume sowie Räume zur Ausübung ihrer Tätigkeit bot. Zudem gründete er die berühmte alexandrinische Bibliothek. In einem Garten in der Nähe des Königspalastes wurden Tiere aus den tropischen Regionen Afrikas, darunter auch riesige Schlangen, gehalten. Der dritte Ptolemäos, der den Beinamen Euergetes trug (247–222 v. Chr.), fügte der Bibliothek den Buchbestand hinzu, den einst Aristoteles und Theophrast besessen hatten. In späteren Zeiten umfasste die große Bibliothek des alexandrinischen Museums etwa 400.000 Schriftrollen. Hinzu kam noch eine zweite Buchsammlung im Serapeion. Während der Belagerung Alexandriens durch Caesar (47 v. Chr.) wurden die dort befindlichen Buchschätze, die Caesar nach Rom bringen wollte, teilweise zerstört. Später wurden sie durch die Aufnahme der ptolemäischen Bibliothek um weitere etwa 200.000 Schriftrollen bereichert. Fast alle Gelehrten der Antike, von denen noch die Rede sein wird, gehörten entweder zur alexandrinischen Akademie oder standen mit ihr in mehr oder weniger engem Kontakt. Im Allgemeinen richtete sich die Tätigkeit dieser Männer jedoch nicht mehr auf grundlegende Neuentwicklungen, sondern auf die Erhaltung und Weiterentwicklung aller im Altertum erworbenen Erkenntnisse. Ihre Arbeiten betrafen dementsprechend nicht nur Mathematik und Naturwissenschaften, sondern das gesamte Gebiet des damaligen Wissens – von der Philosophie bis zu anderen Bereichen der reinen Wissenschaften.

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Das Denken bis hin zur Auseinandersetzung mit den konkretesten Dingen gehörte zu ihrem Bereich. Oft beschränkten sie sich auf bloßes Kommentieren der vorhandenen Schriften, wie es bezüglich der Zoologie und der Botanik der Fall war. Wo aber das deduktive Verfahren Anwendung finden konnte, wie auf dem Gebiet der reinen Mathematik, fand eine Fortentwicklung der übermittelten Kenntnisse statt. Auch einige Teilgebiete der Physik erhielten eine bedeutende Förderung – insbesondere die Physik der Gase. In der späteren alexandrinischen Zeit treten schließlich die Anfänge der Alchemie sowie die Wurzeln der chemischen Wissenschaft in Erscheinung.
Als Mathematiker sind unter den Mitgliedern der alexandrinischen Akademie insbesondere Euklid, Apollonios und Diophant zu nennen. Als Astronomen wirkten Hipparchos und Ptolemäos, während die Physik durch Ktesibios und Heron gefördert wurde.

Die Gründung eines Systems der Mathematik
Zu den frühesten Mitgliedern der alexandrinischen Schule gehört Euklid, dessen Name eng mit der Geschichte der Mathematik verbunden ist – einer Wissenschaft, die nicht erst in der Neuzeit, sondern bereits in der Antike maßgeblich zum Aufblühen der Naturwissenschaften beitrug. Über die Lebensumstände Euklids ist nur wenig bekannt; bezüglich seines Geburtsortes sowie seines Studiengangs gehen die Angaben auseinander. Sicher ist jedoch, dass Euklid zu Beginn der ptolemäischen Zeit, also um 300 v. Chr., in Alexandria lebte. Dem Ptolemäos Lagus, der ein erleichtertes mathematisches Lernen wünschte, soll er den berühmten Satz zugeschrieben worden sein: „Es gibt keinen kürzesten Weg zur Mathematik!“
Unter den uns überlieferten Werken Euklids nehmen die „Elemente“ den ersten Platz ein. Aufgrund ihrer Vollständigkeit sowie ihrer strengen Beweisführung galten sie in hohem Maße als Vorbild und wurden bis in die jüngste Zeit hinein häufig als Grundlage für den Einstieg in das Mathematikstudium verwendet. In seinen „Elementen“ fasste Euklid im Wesentlichen das damals bekannte mathematische Wissen zusammen und stützte das, was noch nicht bewiesen war, auf strenge Beweise. Das Werk umfasst

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Die Geometrie der Ebene und des Raumes und befasst sich auch mit der Lehre von den Zahlen, als der Grundlage aller Messung. Eine genauere Inhaltsangabe der 13 Bücher, in welche die „Elemente“ Euklids unterteilt sind, findet sich bei Cantor (Gesch. d. Mathematik Bd. I. S. 221–252)376. Das 1. Buch handelt von den Linien, Dreiecken und Parallelogrammen; den Abschluss bildet der pythagoreische Lehrsatz. Das 2. Buch befasst sich mit der Aufgabe, für jede gegebene, geradlinige Figur ein gleich großes Quadrat zu zeichnen. Im folgenden Buch wird dann die Lehre vom Kreis behandelt. Das vierte Buch handelt von den ein- und umschriebenen Vielfachen; die Konstruktion des Fünfecks erfordert dabei die Anwendung des goldenen Schnitts. Das 6. Buch ist besonders interessant, da darin die erste Lösung einer Maximumsproblematik vorgestellt wird – es wird nämlich gezeigt, dass x(a – x) seinen größten Wert erhält, wenn x = a/2 ist.
Im 7., 8. und 9. Buch finden sich die Lehren von den Zahlen. Es beginnt mit zueinander teilerfremden Zahlen sowie solchen, die ein gemeinsames Teiler haben; die Bestimmung solcher Zahlen erfolgt heute genauso wie früher durch kontinuierliche Teilung des letzten Teilers durch den verbleibenden Rest. Außerdem werden Proportionen sowie Primzahlen untersucht – beispielsweise wird bewiesen, dass es unendlich viele Primzahlen gibt. Anschließend lehrt Euklid die Summierung geometrischer Reihen und befasst sich mit Untersuchungen über irrationale Zahlen. Das 12. Buch handelt von der Pyramide, dem Kegel, dem Zylinder und der Kugel; Euklid erklärt, dass der Zylinder durch Drehung eines Rechtecks um eine seiner Seiten entsteht, während der Kegel sowie die Kugel durch entsprechende Drehung eines Dreiecks bzw. eines Halbkreises entstehen. Zwar erwähnt er, dass sich die Inhalte von Kugeln wie die Kuben ihrer Durchmesser verhalten, doch erst Archimedes konnte den Inhalt der Kugel bestimmen. Bei Euklid findet sich außerdem bereits die Bemerkung, dass durch den schrägen Schnitt eines Zylinders oder eines Kegels eine kurvenförmige Struktur entsteht, die wie ein Schild aussieht – die Ellipse377. Das 13. Buch schließlich befasst sich mit den Polyedern, die sich aus regelmäßigen Vielfachen bilden lassen; es endet mit der Aussage, dass es nur fünf regelmäßige Polyeder geben kann, nämlich das Tetraeder, das Oktaeder und das Ikosaeder, die von Dreiecken begrenzt werden, sowie der Würfel und das von Fünfecken umschlossene Dodekaeder378.

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Die Klarheit und die strenge Form der Beweisführung, die Euklid geschaffen hat, sind den späteren griechischen Mathematikern eigen geblieben. Doch fehlt ihnen meist noch der Sinn für eine allgemeinere Fassung der Probleme. So viele Fälle bezüglich der Lage von Linien in einer Aufgabe möglich sind, so viele Probleme gab es auch für die griechische Mathematik. Daher sehen wir oft ihre herausragendsten Schöpfer alle, manchmal sehr zahlreichen Fälle eines Problems bearbeiten, ohne durch eine Erweiterung der Begriffe zu allgemeineren Sätzen zu gelangen. Dass der neueren Mathematik in dieser Hinsicht gelang, was der griechischen versagt blieb, liegt daran, dass erst in der viel später entstehenden Verknüpfung der Geometrie mit der Algebra ein Mittel zur allgemeineren Lösung mathematischer Aufgaben gefunden wurde.

Die Bedeutung der euklidischen „Elemente“ wird durch folgende Worte treffend beschrieben: „Was der Alexandriner Euklid um 300 vor Beginn unserer Zeitrechnung schrieb, ist auch heute in Form und Inhalt der eiserne Bestandteil der Schulmathematik. Nur wenige Zusätze wurden dem euklidischen System hinzugefügt. Stolzer als ein Denkmal aus Stein, schärfer und reiner in der Darstellung als jedes Kunstwerk hat es sich bis in die Gegenwart erhalten. Was der junge Grieche durchdenken, lernen und üben musste, das arbeitet mit derselben Sorgfalt heute der fleißige Schüler.“

Euklid brachte das mathematische Wissen seiner Zeit in ein System. Zwar fügte er viel Eigenes hinzu, doch die weitere Entwicklung sowie die Erschließung neuer Gebiete erfolgten durch Archimedes. In ihm begegnen wir dem genialsten Mathematiker der Antike. Zwischen Aristoteles, dem Hauptvertreter des vorherigen Zeitalters, und Archimedes liegt ein Zeitraum von etwa hundert Jahren. Dieser Zeitraum ist historisch dadurch bedeutsam, dass seit dem Eroberungszug Alexanders der Orient engeren Kontakt mit den Völkern des Mittelmeeres bekam, während zugleich ein neues Reich, das der Römer, zunächst das westliche Mittelmeergebiet, später aber die ganze alte Kulturwelt umfassen wollte. Eine ähnliche Expansionskraft entfaltete auf dem Gebiet der Kunst und der Wissenschaft das Griechentum, das überall – im fernen Orient, in Ägypten, in Italien, ja sogar an den Küsten des westlichen Mittelmeeres – seine Stützpunkte fand. Griechentum und römische Herrschaft sollten dann im Laufe der folgenden Jahrhunderte die

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Es wurden Bindemittel bereitgestellt, die die so unterschiedlichen Völker Südeuropas, Vorderasiens und Nordafrikas bis zu einem gewissen Grad zu einer staatlichen, geistigen und Handelsgemeinschaft vereinten – einer Gemeinschaft, die den Boden für die so überraschend schnelle, alles überwindende Ausbreitung des Christentums bereitete.

Das Leben und die Bedeutung des Archimedes.

Bevor wir uns mit der weiteren Entwicklung der reinen und der angewandten Mathematik durch Archimedes beschäftigen, wollen wir uns in aller Kürze die bisherige Entwicklung der Mathematik vergegenwärtigen und dann einen Blick auf die Lebensumstände des großen Mathematikers werfen.
Während im 4. Jahrhundert v. Chr. noch der philosophierende, auf die Entwicklung umfassender Lehrsysteme ausgerichtete Grundzug des griechischen Geistes dominierte, tritt uns in der nach Alexander dem Großen folgenden Epoche eher eine Ausrichtung auf das Empirische und Nützliche entgegen – verbunden mit einer raschen Entwicklung der Mathematik sowie einer Einschränkung der Spekulation auf ein bescheideneres Maß. Neben den Anforderungen des praktischen Lebens (Handel, Vermessungen usw.) waren es drei Probleme der reinen Wissenschaft, die die Mathematik bei den Griechen bereits vor Archimedes auf ein außergewöhnliches Niveau gehoben hatten. Es handelte sich dabei um die Quadratur des Kreises, die Verdopplung des Würfels sowie die Dreiteilung des Winkels. So führten die vergeblichen Versuche, den Kreis zu quadratieren, Hippokrates zur Entdeckung des Satzes, der bis heute unter dem Namen der Lunulae (kleine Monde) Hippokratis bekannt ist. Hippokrates hatte mithilfe des erweiterten Pythagoras-Satzes bewiesen, dass sich zwei von gekrümmten Linien begrenzte Flächen auf ein aus geraden Linien gebildetes Flächenstück zurückführen lassen. Die Verdopplung des Würfels oder das Delische Problem verlangte es, die Kante (a) eines Würfels zu finden, der doppelt so groß ist wie ein gegebener Würfel. Mit anderen Worten: Wenn x³ = 2a² gegeben ist, soll x durch Konstruktion bestimmt werden. Die Bemühungen, dieses Problem zu lösen, wurden durch die Entdeckung zahlreicher neuer Kurven (Cissoide, Konchoide, Kegelschnitte) belohnt. Auch das

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Das Problem der Dreiteilung des Winkels führte zur Entdeckung neuer, bestimmte Eigenschaften aufweisender und auf Grund derselben konstruierbarer, gekrümmter Linien. Eine Zusammenfassung der mathematischen Kenntnisse der Griechen erfolgte durch Euklid, von dem zu Beginn des vorherigen Abschnitts die Rede gewesen ist.

Abb. 17. Vorrichtung zum Heben großer Lasten.

Über Archimedes ist wenig Zuverlässiges bekannt. Er wurde um 287 v. Chr. in Syrakus geboren, gehört also in die für Sizilien so bewegte Zeit der großen Entscheidungskämpfe, welche Rom und Karthago um die Weltherrschaft führten. Die Geschichtsschreiber dieser Periode, Livius, Polybios und Plutarch, sind es auch, denen wir die meisten Nachrichten über Archimedes verdanken. Was diese und andere über ihn erzählen, setzt sich indessen zum großen Teil aus Anekdoten zusammen, mit denen das Altertum das Leben seiner berühmten Männer, insbesondere seiner herausragenden Denker, auszuschmücken liebte. Archimedes war nach Plutarch 385 ein Verwandter Hierons II., des Tyrannen von Syrakus. Sein Vater war Astronom und machte ihn sehr früh mit astronomischen Beobachtungen vertraut. Archimedes lebte, ohne ein öffentliches Amt zu bekleiden, ganz der Wissenschaft. Eine Zeitlang hielt er sich in Ägypten auf. Dort war nach dem Tod Alexanders des Großen in der alexandrinischen Akademie, zu der man Archimedes zählen kann, eine Stätte hellenischer Weisheit aufgeblüht, die berufen war, in den nachfolgenden Jahrhunderten die Fackel der Wissenschaft hochzuhalten. Die alexandrinische Schule soll deshalb auch noch in einem späteren Abschnitt Gegenstand der Betrachtung sein. In Alexandria zählte Archimedes zu den Schülern des Mathematikers Konon. Diesem soll Archimedes auch nach seiner Rückkehr nach Syrakus, wo er den größten Teil seines Lebens verbrachte, Schriften zur Durchsicht geschickt haben.

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Auch stand er mit ihm in regelmäßigem brieflichen Verkehr. Seine Beziehungen zu den syrakusanischen Machthabern veranlaßten ihn, sein außerordentliches Geschick in mechanischen Dingen auf die Vervollkommnung der Schleuderwerkzeuge und anderer Kriegsgeräte zu verwenden. Die Alten schrieben Archimedes die Erfindung zahlreicher Maschinen zu. Unter diesen werden der Flaschenzug und die Archimedische Schraube genannt. Letztere findet noch heute in Ägypten zum Bewässern der dem Nil benachbarten Ländereien Verwendung. Bei manchen Angaben, insbesondere denjenigen, die sich auf die von Archimedes geleitete Verteidigung seiner Vaterstadt beziehen, ist es nicht leich, Wahrheit und Irrtum voneinander zu scheiden. Archimedes dürfte z. B. wohl selbst die Wirkung der Brennspiegel besser gekannt haben als die späteren Schriftsteller, die ihm das Unmögliche zuschrieben, er habe die Schiffe der Belagerer mit Brennspiegeln in Brand gesetzt. Es wird ferner erzählt, Hieron habe ihn aufgefordert, vermittelst einer geringen Kraft eine große Last zu bewegen. Dies habe Archimedes zur Erfindung des Flaschenzugs geführt, mit dem er dann vor den Augen des erstaunten Königs eine schwer beladene Triëre ohne Anstrengung an das Land zog. Vielleicht hat Archimedes auch zu diesem Zweck die Schraube ohne Enden in Verbindung mit einer Zahnradübersetzung verwendet, einen Apparat, den uns die vorstehende Abbildung vorführt.
Große Bewunderung erregte ferner eine Art Planetarium, das Archimedes konstruierte. Im Mittelpunkt befand sich die Erde. Mond, Sonne und Planeten wurden durch einen, wahrscheinlich hydraulisch betriebenen, Mechanismus um den Zentralkörper herumgeführt. Cicero erwähnt dieses Kunstwerk, das als Vorbild für die im Mittelalter (z. B. an der Uhr des Straßburger Münsters) entstandenen Planetarien diente.
Ausführlicher lauten die Berichte über die letzten Lebensjahre des Archimedes, da sie in die Zeit der Belagerung von Syrakus fallen. Hierbei hat Archimedes, den Nachrichten der Geschichtsschreiber zufolge, eine wichtige Rolle gespielt und schließlich ein trauriges Ende gefunden. Auch bezüglich der über diese Begebenheit auf uns gelangten Nachrichten sind Wahrheit und Dichtung vermengt. Der zweite punische Krieg, der über das Schicksal Siziliens entscheiden sollte, hatte im Jahre 218 v. Chr. mit einem Siegeslauf Hannibals begonnen, wie ihn die Welt seit den Tagen Alexanders nicht gesehen. Bald jedoch wandte sich das Glück, und während Hannibal

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Da die Römer nur durch geschickte Züge in Italien zu bleiben wussten, brachten sie eine Stadt Siziliens nach der andern zu Fall, bis sich schließlich die ganze Insel in ihren Händen befand. Am meisten Schwierigkeiten bereitete dem römischen Feldherrn Marcellus die Stadt Syrakus. Dass sie viele Monate der Belagerung standhalten konnte, wird vor allem den Verteidigungsmaßnahmen des Archimedes zugeschrieben. Wurfmaschinen von außergewöhnlicher Wirksamkeit und Präzision, die laut Plutarch Steinblöcke von Zentnerschwere über große Entfernungen schleuderten, schreckten die Angreifer ab. Dem Angriff der Flotte versuchte man mit Feuerangriffen entgegenzuwirken. Spätere Berichterstatter machten daraus die völlig unglaubwürdige Geschichte, Archimedes habe die Schiffe der Belagerer mithilfe von Hohlspiegeln in Brand gesetzt. Als die Römer schließlich Syrakus eroberten und die Soldaten aus Wut über die erlittenen Mühen und Verluste ein grausames Massaker anrichteten, gehörte Archimedes zu den Opfern. Über seinen Tod, der Marcellus sehr betrübt haben soll, gibt es unterschiedliche Berichte. Am bekanntesten ist die Geschichte, Archimedes sei, in Gedanken versunken über ein mathematisches Problem, von einem römischen Soldaten niedergetreten worden. Seine letzten Worte sollen „Noli turbare circulos meos“ gewesen sein. Das Grab des Gelehrten wurde mit einem Stein geschmückt, in den die vom Zylinder umschlossene Kugel eingraviert war. So soll Archimedes es selbst gewünscht haben – als Zeichen dafür, welchen Wert er auf seine Entdeckung legte, dass sich das Volumen der Kugel zum Volumen des umschließenden Zylinders im Verhältnis 2:3 verhält. Dieses Grabmal, das Marcellus errichten ließ, wurde später von Cicero in einem sehr verfallenen Zustand wiederentdeckt und der Vergessenheit entrissen. Seine Bewunderung für den größten Mathematiker der Antike drückte Cicero damit aus, Archimedes habe mehr Genie besessen, als mit der menschlichen Natur vereinbar zu sein scheint. Was Vielseitigkeit und Genialität angeht, kann ihm unter den Neuzeitlern vielleicht nur Gauß gleichgestellt werden. Die Probleme, die etwa 100 Jahre nach Aristoteles Archimedes beschäftigten, betrafen insbesondere das Gebiet der Statik. Sie wurden nach wahrhaft wissenschaftlichen Methoden, d.h. auf Grundlage von Experimenten und mathematischer Herleitung, und somit mit großem Erfolg bearbeitet. Seine Werke gelten daher als das herausragendste Produkt der griechischen Wissenschaft.

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Den Geist auf einem exakten Gebiet zu bezeichnen. Es scheint kein Zufall zu sein, dass diese Werke nicht im vorwiegend der Kunst und der Philosophie zugewandten Heimatland, sondern in Großgriechenland entstanden sind, wo der Handel blühte und eine gewisse, die forschende Tätigkeit begünstigende Nüchternheit des Verstandes vorherrschte.

Die griechische Mathematik erreicht in Archimedes und in Apollonios ihren Höhepunkt.

Die wissenschaftliche Bedeutung des Archimedes ist in gleicher Weise auf den Gebieten der reinen Mathematik und der Mechanik zu suchen. Außer dem soeben erwähnten, wichtigen Satz über den Inhalt der Kugel und des sie umschließenden Zylinders, deren Oberflächenverhältnis er ebenfalls auffand, lieferte Archimedes eine Arbeit über die Kreismessung, die eine Berechnung der Zahl π enthält. Diese Arbeit ist, sowohl nach ihrer Bedeutung für die Entwicklung der Geometrie als auch für die Geschichte der Rechenkunst, von großer Bedeutung. Sein Verfahren ist das in der elementaren Geometrie noch heute gebräuchliche. Ausgehend vom Satz, dass der Umfang des Kreises kleiner als der Umfang des umschlossenen und größer als derjenige des eingeschlossenen regelmäßigen Vielfachen ist, berechnet Archimedes als Grenzwerte für π die Zahlen 3,141 und 3,142. Es sind dies die Werte, die sich für den Umfang des eingeschlossenen und umschlossenen regelmäßigen 96-Ecks ergeben. Das erwähnte Verfahren wird als Exhaustionsverfahren bezeichnet, könnte aber auch die Integrationsmethode der alten Mathematik genannt werden. Aus dem Bestreben, bei solchen Aufgaben die Grenzwerte beliebig nahe zueinander zu bringen, ohne dabei umständliche, zeitaufwendige Berechnungen durchführen zu müssen, ist im 17. Jahrhundert die Infinitesimalrechnung entstanden. Auch mit isoperimetrischen Problemen, d.h. Aufgaben, bei denen es um die Bestimmung größter oder kleinerer Werte geht, beschäftigte sich bereits die Antike. So war bereits vor Aristoteles bekannt, dass der Kreis unter allen Flächen gleichen Umfangs den größten Flächeninhalt und die Kugel unter allen Körpern gleicher Oberfläche den größten Volumeninhalt besitzt.

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Das Exhaustionsverfahren wurde von den Alten nicht nur auf krummlinige Figuren, sondern auch auf Flächen und auf Raumgebilde angewandt. Das Verfahren lief stets darauf hinaus, den Unterschied zwischen der zu messenden Linie, Fläche oder Raumgröße und den diesen Formen sich nähernden, leicht zu berechnenden Hilfsgebilden immer kleiner zu machen. Man erhielt eine noch größere Sicherheit, wenn man zwei Hilfsgebilde, z. B. das ein- und umgeschriebene Polygon beim Kreise, wählte und auf diese Weise zwei Grenzwerte für die zu messende Größe ermittelte. Was den Inhalt des Kreises anbelangt, so bewies Archimedes, daß er gleich demjenigen eines rechtwinkligen Dreiecks ist, dessen eine Kathete gleich dem Halbmesser und dessen andere gleich dem Umfang des Kreises ist. Die Behandlung ebener Figuren wurde von Archimedes jedoch über das Gebiet der elementaren Mathematik hinausgeführt, indem er den Inhalt der Parabel und der Ellipse berechnen lehrte und die Eigenschaften von Kurven höherer Ordnung, wie der Spiralen, ermittelte. Mit Hilfe der soeben besprochenen Exhaustionsmethode wies Archimedes z. B. nach, daß das Parabelsegment 4/3 eines Dreiecks von gleicher Grundlinie und Höhe beträgt. Für die Ellipse zeigte er, daß sich ihre Fläche zur Fläche eines mit der großen Achse als Durchmesser geschlagenen Kreises wie die kleine Achse zur großen Achse verhält usw. Die merkwürdigste Schrift über die Kurven ist sein Buch von den Schneckenlinien. Die nach ihm als archimedische Spirale bezeichnete Schneckenlinie definiert er mit folgenden Worten: „Wenn eine gerade Linie in einer Ebene um einen ihrer Endpunkte, der unbeweglich bleibt, mit gleichmäßiger Geschwindigkeit sich dreht, und wenn gleichzeitig in der bewegten Linie ein Punkt vom unbewegten Endpunkt aus sich gleichmäßig bewegt, so beschreibt dieser Punkt eine Schneckenlinie.“ Eine derartige, zuerst bei Hippias anzutreffende Verbindung von zwei bestimmt gekennzeichneten Bewegungen stellte eine nicht geringe Bereicherung der Wissenschaft dar394. Auch gelang es Archimedes, durch ein ähnliches Verfahren, wie er es beim Kreise und bei der Parabel anwandte, die Quadratur der Schneckenlinie zu finden. Sogar das Tangentenproblem vermochte er für diese Kurve zu lösen, indem er zeigte, wie die Berührungslinie an irgend einen ihrer Punkte gezogen werden kann.

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Dass Archimedes bereits eine Methode anwandte, die in ihrem Wesen unserem heutigen Integrationsverfahren entsprach, lässt sich noch deutlicher als aus den hier besprochenen Werken aus der vor kurzem durch Heiberg entdeckten Methodenlehre (Ephodion) erkennen395. Es scheint, als habe Archimedes die im Ephodion enthaltene Infinitesimalmethode gewissermaßen nur zu seinem Privatgebrauch entwickelt, weil die Anwendung der Unendlichkeitsbegriffe bei den Mathematikern, die die Einwände der Philosophen fürchteten, verpönt war. Als vollgültig galt für die hier in Betracht kommenden Probleme nur das Exhaustionsverfahren. In dieses kleidete Archimedes, offenbar der herrschenden Schule zuliebe, Sätze, die er zunächst ausgehend von der Mechanik oder mit Hilfe seiner Infinitesimalmethode gefunden hatte. Als Beispiel dafür verdient der Satz vom Zylinderhuf genannt zu werden396. Für diesen liefert Archimedes einen mechanischen Beweis, einen Beweis nach dem Exhaustionsverfahren sowie einen Beweis mit Hilfe seiner nun bekannten Infinitesimalmethode. Letztere bestand darin, dass er die Flächen auf Geraden und die Körper auf Flächen zurückführte, wie es unter den neueren Mathematikern zuerst Cavalieri tat. Die neue Methode wird unter anderem am Satz vom Flächeninhalt des Parabelsegments sowie an mehreren Sätzen über die Bestimmung von Volumen und Schwerpunkt erläutert.
Ein Buch von Archimedes über das Siebeneck im Kreise sowie ein weiteres über die Berührung von Kreisen sind leider verloren gegangen. Von herausragender Bedeutung sind die erhalten gebliebenen archimedischen Schriften über die Kugel und den Zylinder. Darin wird bewiesen, dass die Oberfläche der Kugel dem Vierfachen ihres größten Kreises entspricht (O = 4 r² π). Zudem wird die Oberfläche der Kalotte bzw. des Kugelabschnitts berechnet. Schließlich wird gezeigt, dass ein Zylinder, dessen Grundfläche einen größten Kreis der Kugel und dessen Höhe den Durchmesser der Kugel hat – mit anderen Worten: ein von der Kugel umschlossener Zylinder – sich hinsichtlich seines Inhalts zur Kugel selbst im Verhältnis 3 : 2 verhält. Die Oberfläche dieses Zylinders hielt Archimedes für das Einhalbte der Kugeloberfläche. Diese Figur fand nicht nur auf seinem Grabstein Platz, sondern blieb auch auf Münzen der Stadt Syrakus erhalten. Seine Untersuchungen über die Kugel führten Archimedes schließlich noch zu den Rotationskörpern, die durch die Drehung von Kegelschnitten entstehen.

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entstehen, seine Konoide und Sphäroide. Auch in diesen Fällen bediente er sich der Exhaustionsmethode, indem er die zu kubierenden Körper in Scheiben von gleicher Dicke zerlegte und die ein- und umgeschriebenen Zylinder summierte. Die erhaltenen Summen stellen Grenzwerte dar, die sich dem zu ermittelnden Rauminhalt um so mehr nähern, je geringer der Abstand der Schnitte ist.
Über die Kegelschnitte hatte schon Euklid geschrieben. Doch hat sich um die Begründung dieses Gegenstandes keiner unter den alexandrinischen Mathematikern ein so großes Verdienst erworben wie Apollonios von Pergä. Er war ein Zeitgenosse von Archimedes und Eratosthenes. Seine Werke entstanden in der Zeit von 240–200 v. Chr. Erhalten ist nur das bedeutendste, als κωνικά (Kegelschnitte) bezeichnete Werk. In diesem zeigte Apollonios, daß die als Ellipse, Parabel und Hyperbel bezeichneten Kurven auf der Oberfläche eines Kegels entstehen, wenn durch letzteren Ebenen gelegt werden. Auch das schwierige Gebiet der Asymptoten, die sich den Ästen der Hyperbel nähern, ohne sie zu schneiden, hat Apollonios erschlossen. Seine acht Bücher über die Kegelschnitte397 erregten nicht nur bei den Zeitgenossen, sondern auch bei den späteren Geschlechtern die größte Bewunderung, wenn auch von einigen Verkleinerern dem Apollonios mit Unrecht vorgeworfen wurde, daß er sich zu sehr auf die von Euklid und Archimedes geschaffenen, indes verlorengegangenen Vorarbeiten über diesen Gegenstand gestützt habe398.
Besteht doch eine grundlegende Neuerung des Apollonios schon darin, daß er sich nicht wie seine Vorgänger auf den geraden Kegel beschränkte, sondern nachwies, daß alle Schnitte auch an dem schiefen Kegel entstehen können. Auch war er der erste, welcher an den Kegelschnitten die Mehrzahl derjenigen Eigenschaften nachwies, die man heute aus den Gleichungen dieser Kurven ableitet. Der Inhalt seines Werkes ist der Hauptsache nach folgender. Zunächst wird der Kegel als die Oberfläche definiert, welche durch eine Linie entsteht, wenn man sie in einer Kreisperipherie herumführt, während diese Linie zugleich durch einen festen, außerhalb der Ebene des Kreises liegenden Punkt geht. Jeder Schnitt, welcher durch den festen Punkt geht, erzeugt ein Dreieck. Liegt in der Schnittebene auch die Verbindungsgrade zwischen dem Mittelpunkt des Kreises und dem festen Punkt, welcher die Spitze des Kegels bildet, so nennt man das entstandene Dreieck, weil es jene Verbindungsgrade oder die Achse enthält, ein Achsendreieck. Neue Schnittebenen liefern dann, je nach

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ihrer Richtung, die verschiedenen Kegelschnittkurven auf der Oberfläche des Kegels. Es werden sodann Betrachtungen über konjungierte Durchmesser, über die Tangente an irgendeinen Punkt des Kegelschnittes sowie über die Asymptoten der Hyperbel angestellt. Eingehend wird auch von jenen Punkten gehandelt, die wir heute als die Brennpunkte der Kegelschnitte bezeichnen. Bewiesen wird der wichtige Satz über die Gleichheit der Winkel, welche die Normallinie mit den beiden Brennstrahlen des Berührungspunktes bildet, sowie auch der Satz von der Konstanz der Summe bzw. der Differenz der Brennstrahlen. Die entsprechenden Abschnitte des Werkes enthalten also fast sämtliche grundlegenden Sätze der Lehre von den Kegelschnitten.
Auf dem Satz, daß die Summe der Brennstrahlen gleich der großen Achse ist (r + r’ = 2a), beruht bekanntlich die gebräuchliche Fadenkonstruktion der Ellipse. Dieses Verfahren findet sich jedoch noch nicht bei Apollonios, sondern es kam erst viel später auf. Hinsichtlich der Hyperbel sei bemerkt, daß man vor Apollonios die Zusammensetzung der Kurve aus zwei Ästen nicht kannte, sondern die Untersuchungen immer nur an einem Ast durchgeführt wurden. Apollonios selbst führte den zweiten Ast noch unter einem besonderen Namen auf. Die Quadratur der Hyperbel gelang den alten Mathematikern nicht. Sie erfolgte erst, als im 17. Jahrhundert neuere, die höhere Mathematik ausmachende Methoden gefunden wurden.
Den Höhepunkt des Werkes bildet das Buch, das von den größten und kleinsten Werten handelt, die in Verbindung mit den Kegelschnitten auftreten399. Insbesondere sind es Untersuchungen über die längsten und kürzesten Linien, die von irgendeinem Punkt der Ebene an einen Kegelschnitt gezogen werden können.
Infinitesimalbetrachtungen, die sich bereits bei Euklid und Archimedes finden, vermochten die Alten noch nicht zu einer allgemeinen Methode zu erweitern. Die alte Mathematik hat vielmehr in den Werken des Archimedes und des Apollonios das erreicht, was ohne den Besitz der Infinitesimalmethode und des analytischen Kalküls, die erst im 16. und 17. Jahrhundert zu allgemeinerer Anwendung gelangten, zu erreichen möglich war400. Mit der Lehre von den Kegelschnitten wurde für die spätere Entwicklung der Astronomie und der Mechanik eine wichtige Grundlage geschaffen. Das Gleiche gilt auch von der Trigonometrie, die aus den Bedürfnissen der Astronomie entstand und von den späteren

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Es wurde den Alexandrinern damit begründet. Wie wir später sehen werden, konnte Aristarch, als er die Entfernung zur Sonne anhand gegebener Seiten eines Dreiecks ohne die Hilfe der Trigonometrie berechnete, die gesuchte Größe nur auf umständliche Weise durch Näherungswerte bestimmen. Anhangsweise sei hier noch eine Schrift des Archimedes erwähnt, die früher viel gelesen wurde und auch heute noch Beachtung verdient. Es ist dies seine „Sandesrechnung“. Zum Verständnis der in dieser Schrift gelösten Aufgabe müssen wir vorwegnehmen, dass die Griechen etwas Entsprechendes unseres heutigen Ziffernsystems noch nicht besaßen. Die Zahlen wurden durch Buchstaben bezeichnet. Größere Zahlen zu schreiben war daher sehr unbequem, weil man das Prinzip der Stellenwertlehre, das erst durch Vermittlung der Araber aus dem Orient nach Europa gelangte, noch nicht kannte und auch noch kein Zeichen für die Null besaß. Es ist erstaunlich, wie weit es die Alten dennoch in der Arithmetik gebracht haben. Archimedes wagte sich sogar an die geometrische Reihe 1, 1/4, 1/16, 1/64..., deren Summe er gleich 4/3 fand. Sie diente ihm bei der Berechnung der Fläche des Parabelabschnitts. Auch vermochte er bereits schwierige Quadratwurzeln zu berechnen.

In der Sandesrechnung wird gezeigt, dass sich jede, noch so große Menge durch eine Zahl ausdrücken lässt. Indem Archimedes die Abmessungen der aristarchischen Fixsternsphäre zugrunde legt, berechnet er, wie viele Sandkörner von bestimmter Größe sich darin unterbringen lassen. Die meisten Astronomen zur Zeit des Archimedes verstanden unter dem Begriff Welt eine Kugel, deren Zentrum der Mittelpunkt der Erde und deren Radius eine gerade Linie zwischen den Mittelpunkten von Erde und Sonne ist. In seiner Schrift „Gegen die Astronomen“ versuchte nun Aristarch von Samos zu beweisen, dass die Welt ein Vielfaches der oben beschriebenen Kugel sei. Er sei zu der Annahme gelangt, dass die Fixsterne zusammen mit der Sonne unbeweglich seien, während die Erde in einer Kreisbahn um die Sonne, die sich in der Mitte der Erdumlaufbahn befände, kreiste. „Der Durchmesser der Fixsternkugel möge sich“, sagt Archimedes, „zum Durchmesser der Welt (im zuvor genannten Sinne) verhalten wie dieser zum Durchmesser der Erde.“ Er behauptet weiter, dass selbst bei Existenz einer Sandkugel der Größe dieser aristarchischen Fixsternsphäre eine Zahl angegeben werden könnte, deren Wert die Menge der Körner in der gedachten Kugel übersteigt. Unter bestimmten Voraussetzungen

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Auf der Grundlage des Umfangs der Erde, des Größenverhältnisses von Erde und Sonne – wobei aus der Bestimmung des scheinbaren Sonnendurchmessers die Entfernung der Sonne in 10.000 Erdenhalbmesser ermittelt wird – berechnet Archimedes die Anzahl der Sandkörner, die innerhalb der Fixsternsphäre Platz finden, auf 1063 oder 1000 Dezillionen.

Archimedes entwickelt die Prinzipien der Mechanik.

Das Altertum hatte keinen Mangel an herausragenden Mathematikern. Neben Archimedes müssen wir nur Euklid und Apollonios nennen. Es gab jedoch bis in die neuere Periode der Geschichte der Wissenschaften niemanden, der ähnliche Leistungen auf dem Gebiet der Mechanik vollbracht hätte wie Archimedes. Letzterer muss als der Hauptbegründer dieser Wissenschaft bezeichnet werden. Es sind die wichtigsten Sätze vom Hebel, vom Schwerpunkt und aus der Hydrostatik, die uns bei Archimedes zum ersten Mal klar ausgedrückt begegnen. Die Gesetze vom gleicharmigen Hebel formuliert Archimedes in folgenden Worten:
a) Gleich schwere Größen, die in ungleichen Entfernungen wirken, sind nicht im Gleichgewicht; vielmehr sinkt diejenige, die in größerer Entfernung wirkt.
b) Ungleich schwere Größen sind bei gleichen Entfernungen nicht im Gleichgewicht; die schwerere wird sinken.
c) Wenn ungleich schwere Größen in ungleichen Entfernungen im Gleichgewicht sind, dann befindet sich die schwerere in geringerer Entfernung.
d) Ungleiche Gewichte stehen im Gleichgewicht, sobald ihre Entfernungen umgekehrt proportional zueinander sind.

An den letzten Satz, der das Hebelgesetz ausdrückt, knüpft sich das Archimedes zugeschriebene Wort an: „Gib mir einen Ort, wo ich mich stellen kann, und ich will die Erde bewegen.“

Die Bestimmungen des Schwerpunkts erweitert Archimedes im zweiten Teil der Abhandlung über das Gleichgewicht sogar auf das Parabelsegment – nachdem er zuvor die Quadratur der Parabel behandelt hat. In den Büchern, die sich mit schwimmenden Körpern beschäftigen, leitet er daraus ab…

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Grund Eigenschaften der Flüssigkeiten, nämlich die leichte Verschiebbarkeit ihrer Teilchen und die Druckfortpflanzung, ergeben sich aus einer Reihe von Sätzen, von denen die wichtigsten wie folgt lauten:
a) Die Oberfläche jeder zusammenhängenden Flüssigkeit im Zustand der Ruhe ist sphärisch, und ihr Mittelpunkt fällt mit dem Mittelpunkt der Erde zusammen.
b) Feste Körper, die bei gleichem Volumen dasselbe Gewicht wie eine Flüssigkeit haben, sinken, in diese getaucht, so weit, dass nichts von ihnen über die Oberfläche der Flüssigkeit hervorragt.
c) Jeder feste Körper, der leichter ist als eine Flüssigkeit und in diese getaucht wird, sinkt so tief, dass die Masse der Flüssigkeit, die dem eingetauchten Teil an Volumen gleich ist, genauso viel wiegt wie der ganze Körper.
d) Wenn Körper, die leichter sind als eine Flüssigkeit, in diese getaucht werden, so heben sie sich wieder mit einer Kraft, die gleich ist dem Gewicht der Flüssigkeit mit dem gleichen Volumen wie der Körper, abzüglich des Gewichts des Körpers selbst.
e) Feste Körper, die bei gleichem Volumen schwerer sind als eine Flüssigkeit und in diese getaucht werden, sinken, solange sie noch tiefer kommen können, und werden in der Flüssigkeit umso leichter, je größer das Gewicht der Flüssigkeitsmasse ist, die dem eingetauchten Körper entspricht.

Das zuletzt erwähnte Gesetz, das Archimedische Prinzip, ist für die Mechanik der Flüssigkeiten von derselben grundlegenden Bedeutung wie das Hebelgesetz für die Mechanik der festen Körper. Auf das nach ihm benannte hydrostatische Prinzip soll Archimedes nach der Erzählung des Vitruv durch einen besonderen Anlass gekommen sein. Demnach ließ Hieron aus einer abgewogenen Menge Gold einen Kranz anfertigen. Als man ihm mitteilte, dass ein Teil des Goldes unterschlagen und durch Silber ersetzt worden sei, wurde Archimedes um Rat gebeten, um den Betrug nachzuweisen. „Dieser, eifrig damit beschäftigt“, fährt Vitruv fort, „kam zufällig in ein Bad. Als er dort in die gefüllte Wanne stieg, bemerkte er, dass das Wasser in gleichem Maße austrat, in dem er seinen Körper in die Wanne hinabließ. Sobald er auf den Grund dieser“

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Als dies eintrat, verweilte er nicht länger, sondern sprang, von Freude getrieben, aus dem Bad und rief, nackt seinem Haus zulaufend, mit lauter Stimme: Εὖρηκα! εὖρηκα! (Ich habe es gefunden!).«
Die Lösung des von Hieron gestellten Problems, der sogenannten Kronenrechnung, erzählt Vitruv mit folgenden Worten: »Dann soll Archimedes, von jener Entdeckung ausgehend, zwei Klumpen von demselben Gewicht, das der Kranz besaß, den einen von Gold, den andern von Silber, hergestellt haben. Hierauf füllte er ein weites Gefäß bis zum obersten Rande mit Wasser und senkte dann den Silberklumpen hinein, wodurch das Wasser in gleichem Maße ausfloß, wie der Klumpen in das Gefäß getaucht wurde. Nachdem er den Klumpen wieder herausgenommen hatte, füllte er das Wasser um so viel wieder auf, als es weniger geworden war, und maß dabei die zugegebene Menge. Daraus ergab sich, welches Gewicht Silber einem bestimmten Volumen von Wasser entspricht. Nachdem er dies erforscht hatte, senkte er den Goldklumpen in das volle Gefäß und füllte das verdrängte Wasser mittels eines Messgefäßes nach. Es zeigte sich, dass dieses Mal von dem Wasser umso weniger abfloss, je geringer das Volumen des Goldklumpens im Vergleich zu einem Silberklumpen desselben Gewichts war. Nachdem er anschließend das Gefäß erneut gefüllt und den Kranz selbst ins Wasser getaucht hatte, stellte er fest, dass beim Kranz mehr Wasser abfloss als beim gleich schweren Goldklumpen, und ermittelte aus dem größeren Abfluss die Silberbeimischung und machte so die Unterschlagung offensichtlich.«
Im weiteren Verlauf seiner Abhandlung über das Schwimmen untersucht Archimedes die Stabilität gewisser schwimmender Körper, wie des Kugelabschnitts und des parabolischen Konoids, wobei es ihm offenbar mehr darauf ankam, sein mathematisches Geschick einzusetzen, als die Mechanik zu bereichern.
Auch mit Schwerpunktberechnungen befasste sich Archimedes. So war ihm bekannt, dass der Punkt, in dem sich zwei Seitenhalbierenden treffen, der Schwerpunkt des Dreiecks ist. Im Allgemeinen erweisen sich die mathematischen Hilfsmittel des Archimedes gegenüber den von ihm behandelten mechanischen Problemen als überlegen, während in der neueren Zeit manchmal das umgekehrte Verhältnis herrschte, sodass die von Leibniz stammende Aussage gilt: „Wer in die Werke des Archimedes“

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„Wenn man eindringt, wird man die Entdeckungen der Neueren weniger bewundern“ – das scheint wohl gerechtfertigt zu sein.

Fortschritte der Optik und Akustik.

Durch die bedeutenden Fortschritte der Mathematik wurden vor allem die Physik, die Astronomie und die mathematische Geographie gefördert. Die ältesten Ansichten über den Schall und über das Licht haben wir bei den Pythagoreern und bei Aristoteles kennengelernt. Den Alexandrinern, die ja besonders zur Zusammenfassung des Wissens neigten, verdanken wir die erste zusammenfassende Bearbeitung der Optik. Diese Bearbeitung wird dem Euklid zugeschrieben. Sie erfolgte in zwei Büchern, der „Optik“ und der „Katoptrik“, und ist wohl der erste Versuch, die Geometrie, unter Benutzung des Satzes von der geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes und des Reflexionsgesetzes, auf die Erklärung der scheinbaren Größe, der Gestalt, der Spiegelung und anderer optischer Erscheinungen anzuwenden407. Von Interesse ist der Satz408, dass „von Hohlspiegeln, welche gegen die Sonne gehalten werden, Feuer erzeugt wird“. Doch wird irrtümlich behauptet, die Entzündung erfolge im Krümmungszentrum.

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Abb. 18. Das Verhalten des Hohlspiegels nach Euklid410.

Euklid versucht, dies geometrisch durch die obige Figur409 (Abb. 18) darzustellen, und bemerkt zu seiner Konstruktion: „Alle Strahlen, die von der Sonne (ΔΕΖ) aus durch das Zentrum Θ des Spiegels (ΑΒΓ) gehen, fallen in das Zentrum Θ zurück. Durch diese Strahlen wird daher im Zentrum die Sonnenwärme gesammelt und infolgedessen ein dort befindlicher Körper entzündet.“ Die Annahme, dass die Sonnenstrahlen parallel in den Hohlspiegel fallen, hätte Euklid bei der Bestimmung des richtigen Verhältnisses helfen sollen. Den Irrtum Euklids erkannte bereits Apollonios 411.

Die Spiegelung an Konkav- und Konvexspiegeln wird von Euklid dadurch erklärt, dass an ihnen, wie an ebenen Spiegeln, die Strahlen unter gleich großen Winkeln zurückgeworfen werden. Zur Veranschaulichung dient die folgende Abbildung412. Auch mit einem der bekanntesten Experimente zur Brechung des Lichts war Euklid bereits vertraut. Er berichtet darüber mit den folgenden Worten413: „Legt man einen Gegenstand auf den Boden eines Gefäßes und schiebt dieses so weit zurück, dass der Gegenstand gerade noch sichtbar ist, so wird er wieder sichtbar, wenn wir Wasser in das Gefäß gießen.“

Abb. 19. Die Spiegelung an einem Konkavspiegel (links) und an einem Konvexspiegel (rechts) nach der Darstellung Euklids.

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Wie die Geometrie von gewissen Prinzipien ausgeht, die sich auf wenige Axiome zurückführen lassen, so geht auch die Optik Euklids von einer Anzahl – es sind acht – Grunderfahrungen aus, aus denen Euklid seine Theoreme durch geometrische Konstruktionen ableitet. Die wichtigsten der von Euklid hervorgehobenen optischen Grundtatsachen sind die folgenden: Die Lichtstrahlen sind gerade Linien. Die von den Strahlen eingeschlossene Figur ist ein Kegel, dessen Spitze im Auge liegt, während die Grundfläche dieses Kegels der Umriss des gesehenen Objekts entspricht. Objekte, die aus einem größeren Winkel betrachtet werden, erscheinen größer als solche, die aus einem kleineren Winkel betrachtet werden; die scheinbare Größe eines Objekts hängt somit vom Betrachtungswinkel ab. Auch in der Katoptrik wird von bestimmten Erfahrungssätzen – es sind insgesamt 7 – ausgegangen. Aus diesen werden etwa 30 Theoreme abgeleitet. Höchstwahrscheinlich sind die optischen Schriften Euklids in einer stark verfälschten Form zu uns gelangt. Dennoch waren sie trotz vieler Mängel und Unrichtigkeiten bis zur Zeit Keplers, der die Optik erheblich weiterentwickelte, weit verbreitet im Gebrauch. Auch mit akustischen Problemen beschäftigte man sich in Alexandria. Während die Pythagoreer das Phänomen der Konsonanz und Dissonanz von Tönen einfach als Tatsache hinnahmen, findet sich bei Euklid erstmals der Versuch, eine Erklärung für die Ursache dieses Phänomens zu liefern. Für ihn ist Dissonanz die Unfähigkeit der Töne, miteinander zu verschmelzen, wodurch der Klang für das Ohr rauh wird; konsonierende Töne hingegen können miteinander verschmelzen. Damit nähert sich Euklid bereits vorausschauend der später gegebenen Erklärung an.

Die Grundlagen der wissenschaftlichen Geographie.

In engstem Zusammenhang mit dem Fortschritt der gesamten Kultur, der politischen Entwicklung sowie den anderen Wissenschaften erreichte die Geographie in dieser Epoche ein Niveau, das sie bis zum Beginn der Neuzeit nicht mehr übertreffen sollte. Insbesondere im alexandrinischen Zeitalter ermöglichten das Verkehrs- und Nachrichtensystem sowie die damaligen Entdeckungsreisen den Gelehrten, weite Strecken zu bereisen und umfangreiche Erkundungen durchzuführen. Dadurch entstand auch ein besseres Verständnis für den fernen Osten.

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Die wissenschaftliche Geografie wurde durch die Alexanderfeldzüge erschlossen. Dass die auf diesen Feldzügen gesammelten Erfahrungen die Grundlagen der Pflanzengeographie schufen, haben wir bereits an einer früheren Stelle gesehen. Afrika wurde seit der ptolemäischen Zeit immer weiter von Ägypten aus erschlossen. Nach Norden hatte sich der geografische Horizont fast bis zum Land der Mittagssonne ausgedehnt. Mit den nördlichen Ländern Europas wurde das Altertum insbesondere durch die Reisen des Massilier Pytheas, eines Zeitgenossen Alexanders des Großen, bekannt. Pytheas unternahm eine Forschungsreise bis zur Nordspitze Britanniens. Die frühere Annahme, er sei bis nach Island vorgedrungen, konnte nicht aufrechterhalten werden. Jedenfalls brachte er jedoch Nachrichten über das Phänomen, dass im hohen Norden zur Sommersonnenwende die Sonne nicht untergeht. In diesem Zusammenhang erwähnt er das sagenhafte Thule416. Der geografische Horizont der Alten erstreckte sich somit von der südlichen Hemisphäre bis zum nördlichen Polarkreis417. Die Ergebnisse der alten Forschungsreisen waren besonders wertvoll, wenn es sich, wie bei Pytheas, um einen Mann handelte, der mit physikalischen und astronomischen Kenntnissen ausgestattet war. Leider sind eigene Schriften von Pytheas nicht erhalten geblieben, und die von ihm gewonnenen Ergebnisse sind nur zu einem geringen Teil durch Fragmente bei anderen Schriftstellern bekannt geworden418. Das reiche Material, das durch die Feldzüge Alexanders sowie Entdeckungsreisen wie jene Pytheas gewonnen wurde, wurde von Dikaiarchos, einem Schüler des Aristoteles, verarbeitet – und etwa ein halbes Jahrhundert später am umfassendsten von Eratosthenes. Dikaiarchos schätzte die Breite der den Alten bekannten Welt von Meroë bis zum Polarkreis auf 40.000 Stadien. (Die Länge des attischen Stadions betrug 177,6 Meter.) Die Längenausdehnung von den Säulen des Herkules (der Straße von Gibraltar) bis zur Mündung des Ganges schätzte er auf 60.000 Stadien419. Nach Dikaiarchos (350–290) sollten die Säulen des Herkules, die Straße von Messina, die Peloponnes, die Südküste Kleinasiens und Indien auf demselben Breitengrad liegen; dieser Breitengrad sollte wiederum die Ökumene, d.h. den als bewohnt angesehenen Teil der Erde, umfassen.

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Halbieren. Die Orientierungsfehler, die Dikäarch bei der Bestimmung dieser Linie beging, waren also nicht unerheblich. Von Dikäarch stammen auch die ersten Höhenbestimmungen, die über bloße Schätzungen hinausgingen. Anfangs hatten die Alten übertriebene Vorstellungen von der Höhe der Berge. So ließ Aristoteles die Höhen des Kaukasusgebirges noch 4 Stunden, nachdem die Sonne für den Fuß des Gebirges untergegangen war, in ihrem Licht glänzen, und Plinius schätzte die Alpen zehnmal zu hoch420. Er hätte eine solche Übertreibung vermeiden können, wenn er die Werte mehr beachtet hätte, die Dikäarch und nach ihm Eratosthenes bereits für bedeutende Höhen ermittelt hatte. So bestimmte Dikäarch die Höhe des Pelion (1620 Meter) und die Höhe von Akrokorinth (575 Meter) annähernd richtig. Als allgemeines Ergebnis hob er bereits hervor, dass solche Werte im Vergleich zum Durchmesser der Erde verschwindend klein seien. Dikäarch wird wohl als der Begründer der mathematischen Geographie bezeichnet worden421. Dieser Ehrentitel bleibt jedoch besser dem etwa ein halbes Jahrhundert nach ihm lebenden Eratosthenes vorbehalten.
Eratosthenes wurde 275 v. Chr. in Kyrene geboren. Ptolemäos III. Euergetes berief ihn nach Alexandria und ernannte ihn zum Bibliothekar der großen alexandrinischen Bibliothek. Das Hauptwerk des Eratosthenes war seine „Erdbeschreibung“, das erste wissenschaftliche Werk über Geographie, das jedoch nur in Fragmenten bei Strabon bekannt ist422. Es bestand aus drei Büchern: Das erste behandelte die physikalische, das zweite die mathematische Geographie, während das dritte die Chorographie, d.h. die Beschreibung der einzelnen Länder, enthielt. Zudem leistete Eratosthenes auch auf dem Gebiet der Astronomie hervorragende Arbeit. Es existiert außerdem ein Brief, in dem er sich mit dem berühmten delischen Problem der Verdopplung des Würfels befasste. Auch eine Regel zur Findung der Primzahlen stammt von ihm. Im Jahr 220 v. Chr. soll Eratosthenes in Alexandria Armillarsphären423 aufgestellt und damit den Abstand der Wendekreise auf 11/83 des Kreisumfangs, das sind 47,7 Bogengrade, ermittelt haben.
Nachdem man erkannt hatte, dass die Erde die Form einer Kugel hat, lag es nahe, die Größe dieser Kugel zu bestimmen. Der Ruhm, den man dafür erlangte, den richtigen Weg für eine solche Messung eingeschlagen zu haben, blieb dabei…

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Dass er ein im Verhältnis zu den vorhandenen Mitteln annähernd richtiges Ergebnis gefunden hatte, gebührt ebenfalls Eratosthenes 424. Bei größerer Ausdehnung der Reisen musste es den Alten auffallen, dass die täglichen Kreise, welche bekannte Sterne beschreiben, nicht überall die gleiche Neigung zur Ebene des Horizontes besitzen. Insbesondere konnte ihnen dies nicht lange bezüglich der Sonne verborgen bleiben. So wusste Eratosthenes, dass dieses Gestirn zur Zeit der Sommersonnenwende im südlichen Ägypten mittags durch den Zenit geht, während es in Alexandria an diesem Tag einen südlich vom Zenit liegenden Punkt durchläuft. Infolgedessen zeigte der Gnomon an dem Mittag jenes Tages in Syene425 keinen Schatten. Anknüpfend an diese, ihm bekannte Tatsache, ging Eratosthenes bei der Lösung seiner Aufgabe von einigen Voraussetzungen aus, die zwar nicht ganz zutreffend sind, der Wahrheit aber doch so nahe kommen, dass bei dem nur rohen Verfahren, um das es sich hier handelt, das Ergebnis dadurch nicht wesentlich beeinflusst wird. Zunächst war dies die Annahme, dass die Erde eine perfekte Kugel sei. Ferner, dass die genannten Städte auf demselben Meridian lagen, während sie in Wirklichkeit einen Längenunterschied von mehreren Grad426 aufwiesen.

Abb. 20. Das zum Messen der Sonnenhöhe dienende Instrument der Alten427.

In A (Abb. 20) befindet sich das Instrument, das die Alten bei der Bestimmung der Sonnenhöhe üblicherweise verwendeten. Es handelte sich dabei um eine halbkugelförmige Vertiefung, aus deren Mitte sich ein Gnomon (GC) erhob. Dieses Werkzeug wurde so aufgestellt, dass der Gnomon senkrecht zum Horizont stand, also die Verlängerung des Erdradii bildete. Der Winkel EDA (Abb. 21) ließ sich auf einer Gradskala ablesen. Er war gleich

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dem zu messenden Bogen AB des Meridians (siehe Abb. 21).
Eratosthenes fand nun EDA gleich 1/50 des Kreisumfanges oder gleich 7° 12’. Er schätzte ferner die Strecke Syene-Alexandrien auf 5000 Stadien.
Genauere Landesvermessungen gab es nämlich nur für das untere Ägypten, so daß Eratosthenes auf die Angabe von Reisenden angewiesen war, welche die Entfernungen in Tagesmärschen aufgezeichnet hatten428. Der Umfang der Erde ergab sich somit gleich 5000 × 50 = 250000 Stadien, eine Größe, die sich in heutigem Maße auf etwa 45000 Kilometer beläuft, während der wahre Wert 40000 Kilometer beträgt429. Diese wissenschaftliche Tat des Eratosthenes erregte die Bewunderung des Altertums, das nur in den besprochenen Messungen des Aristarch etwas Ähnliches aufzuweisen hatte.

Abb. 21. Die Gradmessung des Eratosthenes.

Das Nächstliegende wäre nun gewesen, die Gradmessung auf einem nicht lediglich abgeschätzten, sondern genauer gemessenen Teil des Meridians zu wiederholen. Eine solche Untersuchung gelangte jedoch erst viel später zur Ausführung.
Wie Dikäarch, so hat auch Eratosthenes die Messung der Erdoberfläche durch die Bestimmung der sie überragenden Höhen zu ergänzen gesucht. Eratosthenes verfuhr dabei wie Dikäarch auf trigonometrischem Wege und gelangte zu dem Ergebnis, daß es sich bei den höchsten von ihm gemessenen Bergeshöhen um Werte von etwa 10 Stadien handele.

Die Anfänge der heliozentrischen Lehre.

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Dass bereits während der ersten Periode der alexandrinischen Akademie die Astronomie zu einer wissenschaftlichen Disziplin heranreifte, indem sie sich von der Spekulation hin zur messenden Beobachtung wandte, erkennt man vor allem an den im dritten vorchristlichen Jahrhundert entstandenen Arbeiten der Alexandriner Aristyllos und Timocharis sowie des mit der alexandrinischen Schule in engem Kontakt stehenden Aristarchos von Samos. Letzterem gebührt das Verdienst, die heliozentrische Theorie in voller Klarheit entwickelt zu haben. Daran, dass die Erde im Mittelpunkt der Welt ruhe, zweifelten zunächst die Pythagoreer. Unter ihnen entwickelte Philolaos eine Theorie, nach der sich die Erde innerhalb eines Tages um ein Zentralfeuer drehe. Auf diese Weise wurde die tägliche Bewegung des Himmels als nur scheinbar erklärt. Sobald man das Zentralfeuer in die Mitte der Erdkugel verlegte, hatte man bereits einen Bestandteil der kopernikanischen Lehre, nämlich die Drehung unseres Weltkörpers um seine Achse, vorausgedacht.

Der Kern dieser Lehre, die Umlaufbewegung der Erde und der übrigen Planeten um die Sonne, lässt sich heute in ihrer allmählichen Entwicklung zurückverfolgen. Ausgangspunkt sind die Beobachtungen an Venus und Merkur. Sie führten, wie wir sahen, zur Lehre des Herakleides Pontikos, nach der diese Himmelskörper um die Sonne kreisen. Von dieser Lehre, die früher wohl den Ägyptern zugeschrieben wurde, wusste Kopernikus nach eigenen Worten sehr wohl. Von hier aus konnte man leicht zu einer richtigen Auffassung des Weltsystems gelangen, wenn man die Sonne als Mittelpunkt der Bahnen auch der übrigen Planeten betrachtete. Abgesehen von den heute schwer zu überprüfenden Spekulationen der Pythagoreer war es vor allem Aristarch, der die heliozentrische Weltanschauung in voller Klarheit formulierte. Ihn soll die Überzeugung, dass die Sonne weitaus größer als die Erde und der Mond sei, zur Entwicklung seines Systems veranlasst haben. Auch ohne Kenntnis der Gesetze der Dynamik erkannte Aristarch im Grunde, dass es unlogisch sei, anzunehmen, ein riesiger Weltkörper bewege sich um einen im Vergleich dazu winzig kleinen. Zu diesem Grund fügte Kopernikus noch hinzu, dass die Sonne als Leuchte der Welt auch in deren Mitte stehen müsse.

Bis zum Ende der ersten, etwa bis Aristoteles reichenden Periode der griechischen Astronomie hatte die Spekulation überhandgenommen. Glücklicherweise traten jedoch in der alexandrinischen Schule, und im Zusammenhang damit…

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Es handelt sich dabei um Männer, die sich mit nüchternem Verstand der Erforschung der Himmelserscheinungen widmeten. Dadurch wechselte die Astronomie von den durch mangelhafte Beobachtungen gestützten Philosophemen zu messenden Verfahren und stieg so auf das Niveau einer Wissenschaft im strengen Sinne des Wortes auf. Als diejenigen unter den Griechen, die als Erste diesen Weg einschlugen, sind die Alexandriner Aristyll und Timocharis sowie vor allem der bereits erwähnte Aristarch von Samos zu nennen. Mit der Forschungstätigkeit dieser Männer tauchen zwei Probleme auf, die seither den menschlichen Geist beschäftigen und deren Lösung mit immer größerer Schärfe angegangen wird. Es handelt sich dabei um die Topographie des Fixsternhimmels, d.h. die genaue Bestimmung möglichst vieler Sternpositionen, sowie um die Ermittlung der Abmessungen der Erde und unseres Planetensystems – zunächst der Entfernung zur Sonne und zum Mond. Inwieweit die Ägypter und insbesondere die Chaldäer den alexandrinischen Astronomen durch das Sammeln eines reichen, über lange Zeiträume erstreckenden Beobachtungsmaterials Vorbereitung geleistet hatten, wurde an einer früheren Stelle dargelegt.

Aristyll und Timocharis, die ihre Beobachtungen um das Jahr 300 v. Chr. durchführten, nutzten Armillen, d.h. geteilte Kreise, von denen einer in der Ebene des Äquators lag, während der andere um die Weltachse gedreht werden konnte. Mit Hilfe dieses Apparats bestimmten sie die Lage einzelner Sterne, indem sie ihre Deklination oder den Bogenabstand vom Äquator bis auf Bruchteile von Grad ermittelten und gleichzeitig den Ort der Sterne in Beziehung zum Frühlingspunkt setzten. Die von ihnen erstellte Liste, die bis auf wenige Angaben verloren gegangen ist, gab 170 Jahre später Hipparch die Möglichkeit, den Vorrücken der Tag- und Nachtgleichen zu entdecken. Timocharis nutzte bei seinen astronomischen Beobachtungen auch Stundenangaben. Die (babylonische) Zwölfteilung des Tages lässt sich bei den Griechen nicht vor Alexander dem Großen nachweisen. Zuvor orientierte man sich im praktischen Leben an der Länge des eigenen Schattens und vereinbarte beispielsweise ein Treffen zu der Tageszeit, zu der der Schatten 6 oder 8 Fuß lang war.

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Abb. 22. Aristarchs Verfahren zur Bestimmung der Entfernung von Mond und Sonne.

Über die Größenverhältnisse des Planetensystems führte Aristarch die ersten Untersuchungen durch. Er war zweifellos einer der bedeutendsten Astronomen seiner Zeit. Von seinem Leben ist jedoch keine genauere Information zu uns gelangt. Aristarch wurde um das Jahr 270 v. Chr. auf Samos geboren. Das Einzige, was von seinen Schriften erhalten geblieben ist, sind Teile einer Abhandlung, die von der Größe und den Entfernungen des Mondes und der Sonne handelt435. Die Entfernungen dieser Himmelskörper von der Erde stehen nach Aristarch etwa im Verhältnis 1 : 19, während das tatsächliche Verhältnis ungefähr 1 : 400 beträgt. Zu seinem Ergebnis gelangte Aristarch durch folgende Überlegung: Wenn von einem Punkt E auf der Erde (siehe Abb. 22) der Mond genau zur Hälfte von der Sonne beleuchtet erscheint, dann bilden jener Punkt E zusammen mit den Mittelpunkten des Mondes und der Sonne ein rechtwinkliges Dreieck, in dem die Entfernung zum Mond eine Kathete (ME) und die Entfernung zur Sonne die Hypotenuse (ES) darstellt. Der Winkel bei E misst nach Aristarch 87°, während er in Wirklichkeit viel weniger von 90° abweicht und bei 89° 50’ liegt. Das gesuchte Verhältnis, das Aristarch auf mühsame Weise auf den Bereich 1 : 18 bis 1 : 20 eingrenzte, entspricht dem Kosinus des Winkels bei E, unter dem beide Himmelskörper aus Sicht der Erde betrachtet werden (EM : ES, siehe Abb. 22).

Auch die räumlichen Verhältnisse der Himmelskörper berechnete Aristarch. Er stellte dabei fest, dass der Mond etwa 25-mal (anstatt 48) kleiner und die Sonne hingegen 300-mal (anstatt 1.300.000) größer als die Erde sei436.

Der Weg, auf dem Aristarch versuchte, sein Problem zu lösen, ist theoretisch gesehen zwar richtig. Dass dennoch ein Ergebnis zustande kam, das sich in so erheblichem Maße vom heute gültigen Wert unterschied, lässt sich aus mehreren Gründen erklären. Zum einen war man zu jener Zeit noch nicht

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fähig, solch kleine Winkelunterschiede wie diejenigen, um die es sich hier handelt, zu messen. Andererseits besitzt die gesuchte Grenze zwischen dem beleuchteten und dem dunklen Teil des Mondes keine hinreichende Schärfe. Dennoch verdiente Aristarch in vollem Maße die Anerkennung, die ihm das Altertum aufgrund dieser Bestimmung zollte. Dass Aristarch die heliozentrische Theorie 1½ Jahrtausende vor Kopernikus klar aussprach, geht auch aus einer Äußerung des Archimedes hervor. Sie lautet: „Aristarch kommt zu der Annahme, dass die Fixsterne zusammen mit der Sonne unbeweglich sind. Die Erde hingegen wird in einer Kreisbahn um die Sonne, die sich in der Mitte der Erdbahn befindet, geführt.“ Zu den Vorgängern von Kopernikus gehört auch der Pythagoreer Niketas. Auf ihn führt Kopernikus selbst die Anregung zurück, die ihn veranlasste, den geozentrischen Standpunkt aufzugeben. Über die Lehre des Niketas gibt uns eine kurze Bemerkung Auskunft, die sich bei Cicero findet und auf die sich später Kopernikus berief. Sie lautet: „Niketas von Syrakus geht davon aus, wie Theophrast berichtet, dass der Himmel, die Sonne, der Mond und die Sterne stillstehen und dass sich außer der Erde nichts im Weltall bewegt. Die Erde dreht sich um eine Achse. Dadurch scheint sich der Himmel zu bewegen.“ Zweifellos ist dies ein klares Zeugnis dafür, dass man im frühen Altertum, wenn auch nur vereinzelt, versucht hat, die scheinbare tägliche Umdrehung des Himmels aus einer Rotation der Erde zu erklären. Auch auf Plutarch konnte sich Kopernikus berufen, da Plutarch in seinem Werk „Über die Ansichten der Philosophen“ die astronomischen Lehren des Philolaos und des Herakleides Pontikos erwähnt sowie an anderer Stelle auch auf die Ansichten Aristarchs Bezug genommen hat.

Fortschritte der messenden Astronomie.

Die bedeutendste Förderung während des vorchristlichen Abschnitts des alexandrinischen Zeitalters erhielt die Astronomie durch Hipparch. Seine wissenschaftliche Tätigkeit fällt etwa in die Zeit von 160–125 v. Chr. Über sein Leben ist wenig bekannt. Er lebte auf Rhodos, hielt sich jedoch wahrscheinlich auch in Ägypten auf. Hipparch erleichterte die Arbeit des Astronomen vor allem dadurch, dass er als Trigonometriker

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Ein Hilfsmittel in Form einer Sehntafel wurde geschaffen. Sie enthielt für die Winkel im Kreis den Wert der zugehörigen Sehnen, ausgedrückt in Teilen des Halbmessers. Die Berechnung war sehr mühsam; sie erfolgte, indem man von den Sehnen der Winkel 120°, 90°, 72°, 60°, 36° ausging. Diese Sehnen ließen sich als Seiten des regelmäßigen 3-, 4-, 5-, 6- und 10-Ecks leicht in Teilen des Radius ausdrücken. Mit Hilfe des Pythagoras’schen Satzes sowie eines Hilfssatzes bestimmte man anschließend die Sehnen von Halbbögen sowie die Sehnen von Bogensummen und -differenzen und gelangte so zu einer Tabelle mit zahlreichen Bögen samt den entsprechenden Sehnen. Anfangs wies diese Tabelle erhebliche Lücken auf, die jedoch durch Interpolation allmählich ausgefüllt wurden. Erst Ptolemäus bestimmte die Sehnen aller Winkel, schrittweise in halben Gradintervallen, mit ausreichender Genauigkeit. Seine Tabelle, die einen wesentlichen Teil des über 1½ Jahrtausende die Astronomie prägenden ptolemäischen Werkes ausmachte, leistete Astronomen während dieses langen Zeitraums anstelle unserer heutigen trigonometrischen Tabellen große Dienste. Ptolemäus teilte den Radius in 60 Teile und führte diese Teilung weiter in sexagesimaler Form fort; die Sehnen wurden anschließend für die verschiedenen Winkel in Sechzigsteln des Radius ausgedrückt. Dadurch ergaben sich feste Verhältnisse, da die absolute Größe des Radius und der Sehnen keine Rolle spielte. Es kam auch vor, dass Ptolemäus gelegentlich statt der vollen Sehnen die halben verwendete; doch die konsequente Anwendung dieser Maßnahme – was ja die Einführung der Sinusfunktion bedeutet hätte – blieb den Indern vorbehalten. Bei den Alten beschränkte sich die Trigonometrie auf das rechtwinklige Dreieck. Die Erweiterung der trigonometrischen Funktionen auf Winkel von 90°–180° erfolgte erst durch die Araber, die auch die Trigonometrie des schrägwinkligen Dreiecks begründeten. Falls solche Dreiecke für die alten Astronomen in Frage kamen, wurden sie in berechenbare rechtwinklige Dreiecke zerlegt. Von den Fortschritten, die die Mathematik in der alexandrinischen Ära machte, zog unter allen Wissenschaften weiterhin die Astronomie den größten Nutzen. Für sie begann die Periode systematischer, messender Beobachtungen. Und obwohl das Ergebnis noch nicht in der allgemeinen Annahme eines wahren Weltbildes bestand, gelangte man…

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Doch zur klaren Auffassung vieler ist nur durch genaue Messung der wahrnehmbaren Erscheinungen zu gelangen. Vor allem ist hier Hipparch zu nennen, der für die Astronomie dieselbe Bedeutung hat, wie Aristoteles in Bezug auf die Zoologie und Archimedes in Bezug auf die Mechanik zugeschrieben werden muss.
Während der ersten Entwicklungsstadien der Astronomie beschränkte man sich darauf, die Position der wichtigeren Fixsterne dadurch festzulegen, dass man am Himmel bestimmte Figuren einzeichnete. Manchmal drückten diese Sternbilder auch äußere Ähnlichkeiten aus, wie beispielsweise beim Wagen.
In die Blütezeit der alexandrinischen Schule fällt nun der Versuch einer genaueren, durch Winkelmessung ermittelten Ortsbestimmung der wichtigsten Fixsterne. Man bezog ihre Positionen auf die Punkte, an denen die Ekliptik den Himmelsäquator durchschneidet, und bestimmte bei einer größeren Anzahl auch den Abstand vom Äquator bis auf Teile eines Grades.
Ein solches, von Aristyll und Timocharis erstelltes Verzeichnis der Fixsterne, das etwa 150 Angaben umfasste, befand sich in den Händen des Hipparch, als plötzlich, im Jahr 134 v. Chr., ein seltenes astronomisches Ereignis eintrat – nämlich das Auftreten eines neuen Sterns erster Größe. Da jedoch die Fixsternregion, die Aristoteles als den Ort des Unveränderlichen bezeichnet hatte, solche plötzlichen Veränderungen aufwies, musste sich bei den Astronomen der Wunsch nach einer genauen Topographie des Himmels regen, um künftigen Zeiten eine ständige Kontrolle zu ermöglichen. In den Jahren nach diesem Ereignis bestimmte Hipparch daher etwa tausend Sternpositionen. Dadurch löste er nicht nur die gestellte Aufgabe, sondern machte außerdem die wichtige Entdeckung, dass der Frühlings- und der Herbstpunkt ihre Lage langsam ändern. Für einen der herausragendsten Sterne des Tierkreises, nämlich Spica in der Jungfrau, ergab sich, dass er 6° vom Herbstpunkt entfernt war, während der zuvor über 170 Jahre gemessene Abstand 8° betrug. Die Breite der Fixsterne hingegen blieb unverändert. Diesen Vorrücken der Äquinoktialpunkte glaubte Hipparch aufgrund seiner eigenen sowie älterer Beobachtungen auf mindestens einen Grad pro Jahrhundert, also auf 36″ pro Jahr, schätzen zu können; tatsächlich beträgt dieser Wert jedoch 50″.

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Die Werke, in denen Hipparch über die Präzession der Äquinoktien schreibt, sind leider bis auf das, was der „Almagest“ dazu berichtet, verloren gegangen. Nach Tannery beträgt der von Hipparch gefundenen Wert der Präzession 1° 23’ 25” pro Jahrhundert443. Auf die Entdeckung der Präzession beruht die Vorstellung von einem 26.000 Jahre umfassenden Zeitraum (dem platonischen Jahr), der mit der Lehre von der steten Wiederkehr in Verbindung gebracht wurde. Andeutungen, die auf diese Lehre abzielen, finden sich bereits bei Platon sowie später bei Cicero, Seneca und anderen Schriftstellern der Antike. Die Vorstellung, dass die Natur einem regelmäßig wiederkehrenden Wechsel unterliegt, hatte durchaus ihre Berechtigung. Die Kirchenväter verhielten sich jedoch ablehnend ihr gegenüber, weil sie den christlichen Vorstellungen nicht entsprach. Unter den Arabern finden sich hingegen wieder Anhänger der Lehre von der steten Wiederkehr444.

Auch dass sich die Erde in der Nähe der Sonne schneller bewegt als in ihrer Ferne, wurde von Hipparch beobachtet – wenn auch diese Bewegung auf unseren Zentralstern übertragen wurde, an dem sie ja scheinbar stattfindet. Da man in der Antike an der aristotelischen Annahme festhielt, dass sich die Bewegung der Himmelskörper gleichmäßig und in Kreisen vollzieht, erklärte Hipparch das beobachtete Phänomen mithilfe der Epizyklentheorie: Er ließ die Sonne einen Kreis durchlaufen, dessen Mittelpunkt sich auf einem größeren, um die Erde gezogenen Kreis bewegte.

Die genaue Untersuchung der scheinbaren Sonnenbewegung führte Hipparch außerdem dazu, zu entdecken, dass die Länge des Jahres, d.h. die Zeit zwischen zwei Durchgängen des Sonnenzentrums durch den Frühlingspunkt, nicht, wie zuvor angenommen, 365 1/4 Tage beträgt, sondern etwas kürzer ist445.

Eine präzisere Bestimmung der Bewegungen des Mondes und der Planeten, wie sie am Himmelszelt scheinbar stattfinden, nahm Hipparch ebenfalls in Angriff. Die Lösung dieser Aufgabe gelang jedoch erst mehrere Jahrhunderte später Ptolemäus – dessen Bedeutung für die astronomische Wissenschaft einer späteren Würdigung bedarf.

Auch das durch die Zahlensymbolik der Pythagoreer angeregte, bereits von Aristarch behandelte Problem der Entfernungen und Größen der

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Hipparchos beschäftigte sich mit der Bestimmung von Himmelskörpern. Zur Lösung dieser Aufgabe führte er den Begriff der Parallaxe ein. Damit ist der Winkel gemeint, unter dem der Erdumfang vom Stern aus erscheint, dessen Entfernung gemessen werden soll. Hipparchos’ Messungen ergaben für die Entfernung des Mondes 59 Erdumfänge. Dieser Wert kommt der Wahrheit ziemlich nahe, während die von Hipparchos angegebenen Werte für die Entfernung und Größe der Sonne erheblich von der Realität abweichen.
Die wichtigsten Lehren der antiken Astronomie wurden nach dem von Hipparchos gewonnenen Standpunkt von Geminos zusammengefasst. Geminos von Rhodos lebte um 70 v. Chr. in Rom. Seine Einführung in die Astronomie („εἰσαγωγή“) wurde 1590 unter dem Titel „Elementa astronomiae“ veröffentlicht. Sie zeugt von großer Fachkenntnis, ist frei von jedem üblichen Aberglauben und somit durchaus wissenschaftlich gestaltet. Geminos nimmt gegenüber vielen gängigen Lehren eine entschieden ablehnende Haltung ein. So behauptet er beispielsweise, dass die Hitze des Sommers nicht vom Hundestern (Sirius) abhängt, sondern in der Position der Sonne ihre Ursache hat. Für Geminos befinden sich außerdem nicht alle Fixsterne in einer einzigen Sphäre; ihre Entfernung von der Erde sei wohl sehr unterschiedlich. Es fehle uns lediglich an einem Mittel, diese Unterschiede wahrzunehmen. Geminos’ Werk diente späteren Zeiten als wertvolle Quelle für die antike Astronomie.

Die Anfänge der wissenschaftlichen Kartographie.

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Abb. 23. Bestimmung der Breite mit dem Gnomon.

Die beschriebenen Fortschritte der Astronomie trugen dazu bei, dass auch die Geographie immer mehr einen wissenschaftlichen Charakter erhielt. Dies zeigte sich insbesondere darin, dass man begann, die astronomische Ortsbestimmung zu nutzen. Anfangs waren die geografischen Karten lediglich Itinerarien, d.h. sie wurden auf der Grundlage der von Reisenden angegebenen Streckenlängen sowie der eingeschlagenen Himmelsrichtung erstellt. Während Eratosthenes bei seiner Erforschung der Länderkunde sich auf die Angabe der Polhöhe eines Ortes oder einer Landschaft beschränkte, führte Hipparch die Bestimmung nach geografischer Länge und Breite ein. Um die Breite eines Ortes zu ermitteln, musste man lediglich die Höhe der Sonne zur Mittagszeit während der Tag- und Nachtgleiche bestimmen und den so ermittelten Winkel von 90° abziehen. Dazu wurde der Gnomon verwendet. Bei diesen Messungen, die bis auf 1–2 Bogeminuten genau durchgeführt wurden, machten die alten Astronomen einen Fehler von 16 Bogeminuten – ein Wert, der dem Halbmesser der Sonne entspricht. Die Ursache dieses Fehlers wird in Abb. 23 erläutert. Sie zeigt, dass aus dem Schatten als Höhenwinkel der Winkel BDA entsteht, während die wahre Sonnenhöhe BCA ist448. Hipparch teilte den Äquator in 360 Grad ein. Als Anfangsmeridian wählte er jenen, der die Insel Rhodos durchschnitt, da er dort einen Teil seiner Beobachtungen durchgeführt hatte. Während die Breite, nachdem ihr Zusammenhang mit der Polhöhe erkannt worden war, leicht bestimmt werden konnte, stellte die Bestimmung der Länge Schwierigkeiten dar. Diese Schwierigkeiten bestanden noch im

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Das Zeitalter Newtons wurde lebhaft erlebt und erst durch die immer weiter fortschreitende Verbesserung der Chronometer verbessert. Auch Hipparchos schlug eine Art chronometrisches Verfahren vor. Unter der Voraussetzung, dass der Eintritt eines Himmelsphänomens, z. B. der Beginn einer Mondfinsternis, von allen Bewohnern eines Erdteils zum selben Zeitpunkt wahrgenommen wird, sollte die Zeit des Eintritts für verschiedene Orte ermittelt und aus dem Unterschied der Ortszeiten der Unterschied der Längengrade berechnet werden.

Abb. 24. Stereografische und orthografische Projektion.

Für die kartografische Darstellung nutzte Hipparchos zur Darstellung des Himmels die stereografische Projektion, zur Darstellung von Ländern meist die orthografische Projektion. Bei der ersten Projektionart wird eine Ebene zwischen das Auge und die abzubildende gekrümmte Fläche gebracht. Jeder Strahl, der einen Punkt dieser Fläche mit dem Auge verbindet, schneidet diese Ebene. Infolgedessen werden die Punkte der gekrümmten Fläche so auf die Ebene projiziert, dass das Auge vom Bild auf der Ebene denselben Eindruck erhält wie von der gekrümmten Fläche, z. B. der Himmelshälfte. Bei der orthografischen Projektion hingegen wird von jedem Punkt der abzubildenden gekrümmten Fläche eine Senkrechte auf die Projektionsebene gezogen. Das Bild auf dieser Ebene erweckt somit den Eindruck, den die gekrümmte Fläche für ein weit entferntes Auge bietet.

Die Begründung einer Physik der Gase und der Flüssigkeiten.

Während sich die Astronomie und die Geographie stark entwickelten und im 2. Jahrhundert nach Beginn der christlichen Zeitrechnung innerhalb derselben alexandrinischen Akademie durch Ptolemäos eine zweite Blütezeit erlebten, schien die wissenschaftliche Mechanik nach den

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Aufgrund der vielversprechenden Anfänge, die man Archimedes verdankte, war die weitere Entwicklung dieser Wissenschaft zum Stillstand verurteilt – obwohl sie sich ebenfalls hervorragend für die Anwendung der durch die Mathematik bereitgestellten, deduktiven Methoden eignete. Abgesehen von der Bestimmung des Schwerpunkts körperlicher Gebilde – wobei Archimedes sich auf Flächen beschränkte – machte die theoretische Mechanik kaum wesentliche Fortschritte. Diese Erkenntnisse stammen von Pappos von Alexandria, der im 4. nachchristlichen Jahrhundert lebte und somit einer späteren Epoche angehörte.

Pappos befasste sich nach dem Vorbild von Archimedes auch mit der Untersuchung von Rotationskörpern und gelangte dabei zu einem wichtigen allgemeinen Satz, der später unter dem Namen von Guldinscher Regel bekannt wurde. Pappos stellte nämlich fest, dass der Inhalt eines Rotationskörpers aus der Fläche der sich drehenden Figur sowie dem von ihrem Schwerpunkt beschriebenen Kreis berechnet werden kann. Diese Regel wurde im Laufe der Jahrhunderte vergessen und erst von Guldin (1577–1643), nach dem sie heute so benannt wird, wiederentdeckt.

Während der alexandrinischen Zeit wurde weitaus mehr Wert auf die Weiterentwicklung der praktischen Mechanik gelegt als auf die der theoretischen Mechanik. So wurden beispielsweise Wasseruhren mit einem Zeigevorrichtung ausgestattet, und es wurde die Feuerspritze erfunden. Letztere verfügte bereits in der Antike über eine Anordnung, die im Grunde der heutigen entspricht – wie man anhand eines im 18. Jahrhundert gefundenen Exemplars aus der römischen Kaiserzeit erkennen kann (Abb. 25).

Auch erhielt man damals einige Kenntnisse über die Natur von Gasen und Dämpfen. Besonders verdient machte sich hierbei Heron von Alexandria, dessen Name bis heute in einem bekannten Gerät unserer physikalischen Sammlungen, dem Heronsball, weiterlebt. Herons Tätigkeit fällt wohl auf das Jahr 100 v. Chr. zurück; doch die Frage, zu welcher Epoche er tatsächlich gehörte, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Weitere Informationen zur sogenannten „Heronischen Frage“ finden sich in der Einleitung der oben erwähnten Ausgabe der Werke Herons (siehe S. 192, Anm. 4). Sein Verdienst bestand darin, dass er zahlreiche Erfindungen alter Physiker und Techniker zusammenstellte und damit die Entwicklung der Physik seit dem 16. Jahrhundert maßgeblich voranbrachte.

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In Herons Schriften wird kaum über seine eigenen Erfindungen gesprochen. Seine „Pneumatik“ ist das erste uns überlieferte Werk453, das sich mit Experimenten zu den Eigenschaften der Luft und der gespannten Gase befasst. Dass Heron in diesem Bereich zahlreiche Vorgänger hatte, geht daraus hervor, dass er seine „Pneumatik“ mit den folgenden Worten beginnt: „Die Beschäftigung mit den Künsten der Luft und des Wassers wurde von den alten Philosophen und Mathematikern hoch geschätzt. Es ist daher notwendig, das seit altersher darüber Bekannte in geordneter Form darzustellen …“

Abb. 25. Die Feuerwehrpumpe nach Heron.

Unter den Vorgängern Herons ist als einer der frühesten, der uns bekannt geworden ist, Ktesibios von Alexandria zu nennen (um 140 v. Chr.). Letzterer fand einen Nachfolger in Philon von Byzanz. Bei ihm findet sich bereits die Beschreibung des Heronballs, der daher eigentlich als Philonball bezeichnet werden müsste454. Auch das Thermoskop taucht bereits bei Philon auf455. Philons „Pneumatik“ und Herons „Mechanik“ waren bis vor Kurzem nur in spärlichen Fragmenten bekannt. Dann wurde entdeckt, dass es arabische Übersetzungen der griechischen Texte gibt. So wurde man456 1894 mit der „Mechanik“ Herons und 1897 mit der „Pneumatik“ des Philon von Byzanz vertraut. Die Gesamtausgabe der Werke Herons ist für die Geschichte der Mathematik sowie der reinen und angewandten Naturwissenschaften von großer Bedeutung. Herons Werk über Automaten ist auch aus kunstgeschichtlicher Sicht wichtig, da es viele Einblicke in die antiken Bühnenausstattungen bietet457. In seiner „Pneumatik“ beschreibt Heron eine große Anzahl von Apparaten, die durch Erwärmung

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Luft oder Dampf in Bewegung gesetzt werden. Die Abbildungen, von denen wir einige hier wiedergeben, stammen nicht von Heron selbst, sondern von einem späteren Herausgeber her458.
Obwohl es sich teilweise auch um physikalische Spielereien handelt, begegnet uns doch manches, was den Anstoß zu späteren Erfindungen gegeben hat. Insbesondere gilt dies von einem Apparat, bei dem der Dampf auf dieselbe Weise einen Körper in rotierende Bewegung versetzt, wie es das austretende Wasser bei den Reaktionsrädern bewirkt. Die Maschine von Heron (Abb. 26) besteht aus einem Kessel, von dem zwei vertikale Rohre ausgehen. Zwischen ihnen befindet sich eine drehbare Halbkugel mit zwei Öffnungen, aus denen der in die Halbkugel geleitete Dampf in tangentieller Richtung entweicht. Dadurch wird die Kugel in Rotation versetzt.

Abb. 26. Heron verwendet den Dampf zur Betrieb einer mechanischen Anlage.

Den nach ihm benannten Ball (siehe Abb. 27) beschreibt Heron wie folgt: „In die Öffnung eines Gefäßes wird ein Rohr eingelegt, das fast bis zum Boden reicht und in eine enge Mündung ausläuft. Durch eine seitliche Öffnung gießen wir Wasser in das Gefäß. Anschließend blasen wir in diese Öffnung hinein, während wir unseren Finger auf die enge Mündung des vertikalen Rohres legen. Wenn wir dann die seitliche Öffnung schließen und den Finger vom vertikalen Rohr nehmen, wird das Wasser darin durch die hineingeblasene, komprimierte Luft nach oben gedrückt.“

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Abb. 27. Der Heronsball.

Schließlich sei hier noch Herons Abbildung des Hebers wiedergegeben (s.
Abb. 28). „Findet sich“, sagt Heron in seiner Erläuterung dieses
Apparats, „die Hebermündung in gleicher Höhe mit dem Wasserspiegel, so
wird der Heber, obgleich er voll Wasser ist, nicht fließen, sondern gefüllt
bleiben. Es ist nämlich, wie bei einer Waage, das Wasser in diesem Falle im
Gleichgewicht, indem es bestrebt ist, auf der Seite θβ sich zu heben und auf
Seite βγ sich zu senken. Ist aber die äußere Mündung des Hebers niedriger
als der Wasserspiegel, so fließt das Wasser aus, da das in dem Abschnitt κβ
befindliche Wasser, das schwerer ist als das in βθ, letzteres überwältigt und
anzieht.“

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Abb. 28. Heron: Darstellung eines Hebers.

Was die Natur der Luft betrifft, so meint Heron, dass sie aus Teilchen bestehe, die wie die Körnchen des Sandes durch leere Zwischenräume getrennt seien. Dies beweise zumal der Umstand, dass sich noch Luft in eine Kugel zu der darin bereits vorhandenen füllen lasse, was darauf beruhe, dass die neuen Luftteilchen an Stelle der leeren Räume treten. Wolle man annehmen, die Luft fülle den vorhandenen Raum ganz aus, so würde eine Kugel beim Hineinbringen einer weiteren Luftmenge platzen müssen. Gäbe es keine Vakua, fügt Heron noch hinzu, so könnten weder Licht noch Wärme durch Wasser oder andere Flüssigkeiten dringen. Wenn nämlich die Flüssigkeit keine Poren hätte, die Strahlen also mit Gewalt ins Wasser drängen, so müssten volle Gefäße überlaufen. Jeder Körper besteht deshalb, nach Heron, aus kleinen Teilchen und dazwischen befindlichen leeren Räumen. Ein kontinuierliches Vakuum sei dagegen ohne Mitwirkung einer äußeren Kraft nicht möglich. Dass die Luft ein Körper ist, beweist Heron, indem er ein leeres Gefäß umgekehrt ins Wasser taucht. Auch bemerkt er, dass die Luft eine eigentümliche Spannkraft habe, indem sie sich, wie ein trockener Schwamm, nach dem Zusammendrücken wieder ausdehne. Zu welch überraschenden Kunststücken man diese Kenntnisse zu nutzen wusste, zeigt uns die, durch die nebenstehende Abbildung (29) erklärte, auf der Ausdehnung und der Zusammenziehung der Luft beruhende Vorrichtung.

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Wenn auf dem Altar E ein Feuer entzündet wird, treibt die erwärmte Luft infolge ihrer Ausdehnung das Wasser, das sich in der Kugel P befindet, in das aufgehängte, mit einem Drehwerk verbundene Gefäß M. Letzteres sinkt infolge seines Gewichtszuwachses und öffnet die Tür. Nach dem Abkühlen der Luft strömt das Wasser durch die Röhre L zurück nach P, und die Tür wird durch das Gegengewicht D geschlossen, während das Gefäß M in seine frühere Lage zurückkehrt.

Abb. 29. Herons Automat zum Öffnen der Tempel461.

Sowohl eine Beschreibung in Herons „Pneumatica“ als auch die archäologischen Funde liefern den Beweis, daß man im späteren Altertum bereits Orgeln mit Klaviaturen besaß, die man wie unsere heutigen Orgeln und Klaviere benutzte (Abb. 30). Sie wurden durch Wasser angetrieben, mit dessen Hilfe man die Luft in einem Kasten zusammenpreßte (Wasserorgel oder hydraulische Orgel). Eine aus Ton gefertigte Orgel wurde vor kurzem in Karthago gefunden. Sie weist neben den Vorrichtungen, die zur Erzeugung des Luftstroms dienen, drei Reihen von Orgelpfeifen sowie eine Klaviatur auf462.

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Abb. 30. Wasserpfeife oder Hydraulikapparat.

Heron gibt außerdem eine Beschreibung der Feuerwehrpumpe wieder, deren Rekonstruktion in Abb. 25 dargestellt ist (siehe S. 191). Seine Beschreibung lautet: „Es seien αβγδ und εζηθ zwei bronzenen Stiefel, deren Inneres für zwei Kolben ausgehöhlt ist. Die Kolben müssen luftdicht in die Stiefel passen. Letztere seien durch das an beiden Enden offene Rohr ξοδζ miteinander verbunden. Außerhalb der Stiefel, aber innerhalb dieses Rohres, sollen Klappenventile π und ρ so angebracht sein, dass sie sich nach außen öffnen können. Die Stiefel sollen außerdem am Boden runde Löcher haben, die mit kleinen, geschliffenen Scheibchen bedeckt werden. Diese sind durch Stifte und Häkchen so befestigt, dass sie sich zwar bewegen können, sich aber nicht von den Öffnungen entfernen können. Mit den Kolben sind Kolbenstangen sowie ein Querholm verbunden. Mit dem Rohr, das die beiden Stiefel verbindet, steht ein vertikaler Steigrohr in Verbindung. Dieses teilt sich bei ϛ in einen Doppelarm auf, der zu einer drehbaren Mündung führt.“ Die beschriebene Vorrichtung entspricht somit der heutigen Feuerwehrpumpe – nur fehlt dabei der Windkessel.

Ein Teil der zahlreichen Experimente, die in Herons „Pneumatica“ beschrieben werden, stammt von Philon von Byzanz, der wie Heron ein Schüler von Ktesibios war. Da einige dieser Experimente von grundlegender Bedeutung sind, werden sie hier aufgeführt. So fertigte Philon ein Thermoskop an, das auf der Ausdehnung der Luft durch Wärme beruhte.

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beruhte. In eine Bleikugel a wurde das doppelt gebogene Rohr b (s. Abb. 31) luftdicht eingefügt. Das andere Ende des Rohres mündete unter Wasser.
Brachte man die Bleikugel in die Sonne, so strömte die Luft durch b aus.
Wurde dagegen die Bleikugel abgekühlt, so gelangte Wasser durch b in die
Kugel a464.

Abb. 31. Philons Thermoskop.

Abb. 32. Philons Saugkerze.

Die Abbildung 32 zeigt uns Philons Saugkerze. In dem Gefäß a befindet
sich Wasser und eine brennende Kerze. Über diese wird d gestülpt465. »Man
wird«, sagt Philon, »bald das Wasser aufwärtssteigen sehen. Dies
geschieht, weil die in d enthaltene Luft durch die Bewegung des Feuers
verflüchtigt wird. Das Wasser steigt empor, je nach der Quantität Luft,
welche verflüchtigt wird.« Daß stets nur eine gewisse Menge Luft
verschwindet, entging also der Beobachtung des alten Physikers. Immerhin
begegnet uns hier schon derselbe Versuch, den im 18. Jahrhundert Scheele

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und andere einsetzten, um zu beweisen, daß die Luft aus zwei verschiedenen Gasen zusammengesetzt ist.

Weitere Fortschritte der Mechanik.

Abb. 33. Herons Flaschenzug.

Heron hat auch über die Mechanik der festen Körper ein Werk geschrieben, das lange als verloren galt und nur auszugsweise durch den späteren Alexandriner Pappos (um 300 n. Chr.) erhalten geblieben ist466.
Wie Pappos mitteilt, hat Heron in diesem Werk die fünf Potenzen behandelt, nämlich den Hebel, das Rad an der Welle, den Keil, die Schraube und den Flaschenzug. So wird, um ein Beispiel zu geben, der Flaschenzug mit folgenden Worten beschrieben: „Wenn wir eine Last heben wollen, so müssen wir an einem daran gebundenen Seil mit einer Kraft ziehen, welche der Last gleich ist. Wenn wir aber das eine Ende des Seils an einem festen Ort befestigen und das andere Ende um eine an der Last befestigte Rolle legen, so werden wir die Last leichter bewegen. Und wenn wir an dem festen Ort eine zweite Rolle anbringen und das Seil auch um diese legen, werden wir die Last noch leichter bewegen. Aber wir bringen die einzelnen Rollen nicht direkt am festen Ort an, sondern, um ihre Achse drehbar zu machen, in einem hölzernen Gehäuse an, das wir eine Flasche nennen, und binden diese Flasche mit einem Seil an den festen Ort. Diejenigen Rollen, die mit

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Die mit der Last verbunden werden sollen, schließen wir in eine andere, der ersten gleiche Flasche ein467. Je zahlreicher die Rollen, desto leichter lässt sich die Last heben.« An anderer Stelle löst Heron die Aufgabe, durch Zahnradübertragungen vermöge der Kraft 5 die Last 1000 zu heben (s. Abb. 17)468.

Abb. 34. Herons Wegmesser469.

Durch eine ähnliche Übertragung finden wir schon bei Heron das Prinzip des Taxameters gelöst. Seine Einrichtung ist aus Abb. 34 ersichtlich. An der Nabe des Rades befindet sich ein Stift, der das horizontale, mit 8 Speichen versehene Rad EZ jedes Mal um eine Speiche weiter dreht. Einer Umdrehung des Rades EZ entspricht eine Fortbewegung des über EZ befindlichen Zahnrades um einen Zahn. Die Übertragung erfolgt durch das Schneckengewinde über EZ. Diese Übertragung wiederholt sich so oft, dass eine Umdrehung des letzten Zeigers mehrere tausend Umdrehungen des Wagenrades oder auch direkt den zurückgelegten Weg in Stadien anzeigt470.
Neuerdings ist die Mechanik Herons nach einer arabischen Handschrift in französischer Übersetzung herausgegeben worden471. Heron bringt nicht nur die Beschreibung und die Theorie der fünf einfachen Maschinen, sondern er beschäftigt sich auch eingehend mit Schwerpunktsbestimmungen. So findet er den Schwerpunkt des Dreiecks als den Schnittpunkt der Mitteltransversalen, die sich im Verhältnis 2 : 1 teilen. Um den Schwerpunkt des unregelmäßigen Vierecks zu finden, zerlegt er es durch

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Eine Diagonale teilt einen Dreieck in zwei Dreiecke auf, verbindet deren Schwerpunkte und teilt anschließend diese Verbindungslinie im umgekehrten Verhältnis der Gewichte dieser Dreiecke. Beim Hebel sowie beim Flaschenzug untersucht Heron das Verhältnis des Kraftweges zum Lastweg – oder auch das der Zeiten, die die Last je nach Kraftaufwand benötigt, um auf eine bestimmte Höhe zu steigen. Dabei gelangt er zum Gesetz, das wir heute als die goldene Regel der Mechanik bezeichnen. Die von ihm gegebene Formulierung dieses Gesetzes lautet: „Das Verhältnis der Zeiten ist gleich dem umgekehrten Verhältnis der bewegenden Kräfte.“ Die Theorie der Schraube sowie des Keils ist Heron hingegen nicht so klar erschienen; hier konnte er das Verhältnis von Kraft zu Last nicht angeben. Dies liegt daran, dass er Keil und Schraube nicht auf die schräge Ebene zurückführte, sondern vergeblich versuchte, sie aus der Hebelwirkung zu erklären. Die schräge Ebene zählt bei ihm nicht zu den einfachen Maschinen, und ihre Wirkung wurde ebenfalls noch nicht richtig erkannt.

Die wissenschaftlichen Grundlagen der Vermessungskunde.

Besondere Anerkennung verdienen außerdem Herons Bemühungen um die Entwicklung der Feldmesskunst. Er verfasste ein Werk mit dem Titel „Über die Dioptra“. Dabei handelt es sich um ein Messgerät, in dem wir das Vorbild des heutigen Theodolithen erkennen können. Eine Rekonstruktion dieses interessanten Instruments ist in der nebenstehenden Abbildung dargestellt. Die Hauptbestandteile waren die auf dem Stativ ruhende Platte ΑΒ sowie das Zahnrad ΓΔ, das durch die Archimedische Schraube ΕΖ in Bewegung gesetzt wurde und dadurch eine Drehung des gesamten Instruments um eine vertikale Achse ermöglichte. Eine weitere Archimedische Schraube befand sich über ΚΛ; sie hatte die Aufgabe, mithilfe des vertikal angeordneten, halbkreisförmigen Zahnrads die obere, mit dem Visierlineal ausgestattete Platte um eine horizontale Achse zu drehen. Da die Platte nicht direkt auf dem halbkreisförmigen Zahnrad ruhte, sondern an eine rechteckige Fortsetzung desselben angebracht war, konnte die Drehung um die horizontale Achse mithilfe der oberen Archimedischen Schraube so lange fortgesetzt werden, bis die große Platte eine senkrechte Position eingenommen hatte. So ließ sich jede

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Horizontale sowie alle Höhenwinkel konnten mithilfe dieses Apparats gemessen werden, sodass die Dioptrin hervorragend geeignet war, um Aufgaben der Feldmesskunst zu lösen. Die Einstellungen erfolgten mittels Wassergefäß und Bleigewicht. Zudem besaß das Dioptrinalineal, um auch kleinere Winkel ablesen zu können, eine beträchtliche Länge.

Abb. 35. Herons Winkelmessapparat.

Von den zahlreichen Aufgaben, für die Heron in seinem Werk das entsprechende Mess- und Berechnungsmethoden angibt, sollen hier nur einige erwähnt werden. Die wichtigste Aufgabe bestand darin, ein Feld beliebiger Form zu vermessen. Heron vorging dabei wie folgt: Zunächst wurde ein großes Rechteck so abgesteckt, dass es innerhalb der Grenzen des Feldes lag (siehe Abb. 36). Anschließend wurde für viele Punkte an den Grenzen der vertikale Abstand von der gegenüberliegenden Seite des großen Rechtecks gemessen. Auf diese Weise wurde der außerhalb des Rechtecks liegende Teil des zu messenden Feldes in kleinere, möglichst regelmäßig geformte Abschnitte aufgeteilt, deren Flächeninhalt leicht annähernd ermittelt werden konnte.

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Abb. 36. Herons Vermessung eines Feldes.

Ein Blick auf die Abbildung lehrt uns, daß Heron hier mit rechtwinkligen Koordinaten arbeitet und daß er die umgrenzende Linie recht genau in den Plan einzeichnen konnte, wenn er nur recht viele Senkrechte von den Punkten der Linie aus nach den Rechteckseiten errichtete und ausmaß. Weiter zeigt Heron, wie man die Breite eines Flusses ermittelt, ohne ihn zu überschreiten. In einem anderen Abschnitt wird die Aufgabe gelöst, ein Feld mit Hilfe eines Plans wieder abzustecken, wenn die Umfriedigung mit Ausnahme weniger Grenzsteine verlorengegangen ist476. Ein Abschnitt (30) entwickelt die Heronsche Formel für die Fläche eines Dreiecks, dessen drei Seiten gegeben sind. Sie lautet:
∆ = √(((a + b + c)/2) · ((a + b - c)/2) · ((a + c - b)/2) · ((b + c - a)/2)))

Ob Heron diese Formel selbst gefunden oder anderen entlehnt hat, ist nicht bekannt. Auch weiß man nicht, wie groß sein Anteil an der Konstruktion der Dioptra ist. Sicherlich bestand die Feldmesskunst in Ägypten bereits Jahrtausende vor Heron. Doch waren ihre Regeln teilweise recht mangelhaft, so daß man477 annimmt, daß Heron, auf den Arbeiten seiner Vorgänger fußend, ein amtliches, zahlreiche Verbesserungen aufweisendes Lehrbuch der Feldmesskunst lieferte. Dieses hat dann auch den Römern als Handbuch gedient. Stand doch bei diesem Volk die Vermessungskunst, wie bei dem praktischen Grundzug der Römer nicht anders zu erwarten ist, in hohem Blüte. Wie hätte sich beispielsweise die Anlage ausgedehnter Wasserleitungen ermöglichen lassen, wenn die Kunst des Nivellierens, für die man sich ebenfalls der Dioptra bediente, den Römern nicht geläufig gewesen wäre.

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Während der griechische Text der „Dioptra“ bereits seit 1858 bekannt ist, entdeckte man erst 1896 Herons „Metrika“, ein Werk, das seit dem 6. Jahrhundert verschollen war. Die „Metrika“ Herons stellt ein Handbuch dar, das eine Anleitung zur Teilung und Berechnung von Flächen enthält, während die „Dioptra“ Herons die Beschreibung der wichtigsten geodätischen Hilfsmittel sowie eine Anzahl von Aufgabenbeispielen lieferte. Zu den Aufgaben, deren Lösung Heron vorlegt, gehört neben Nivellierungen auch die Absteckung von Geraden zwischen zwei Punkten, von denen der eine nicht vom anderen aus gesehen werden kann. Diese Aufgabe war bereits in der Antike praktisch wichtig – beispielsweise bei der Errichtung von Tunneln durch Berge. Dass die alten Ingenieure bereits Tunnel von beträchtlicher Länge errichteten, beweist die im Jahr 1884 erfolgte Entdeckung eines etwa 1000 m langen Tunnels unter dem Kastroberg (auf Samos). Wie Heron die Aufgabe löste, einen Berg zu durchstoßen, wenn die Eingangspunkte des Durchstichs bekannt waren, zeigt uns Abbildung 37. Wir sehen, dass er auch hier wieder ein System rechtwinkliger Koordinaten verwendete. Heron schließt seine Darstellung mit den zuversichtlichen Worten ab: „Wird der Tunnel auf diese Weise hergestellt, so werden sich die Arbeiter von beiden Seiten treffen.“

Abbildung 37: Herons Tunnelaufgabe.

Der Tunnel unter dem Kastroberg wurde durch deutsche Forschungen wiederentdeckt. Er diente dazu, einen Ort jenseits des Berges zu erreichen.

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Eine Quelle, die mit der Stadt verbunden sein sollte. Diese Anlage, die Herodot als Wunderwerk preist, entstand zur Zeit des Polykrates. Sie verdient auch deshalb Bewunderung, weil die Arbeit ja ohne die modernen Sprengmittel erledigt werden musste480.
Ein weiteres Beispiel für den Tunnelbau der Alten bietet der noch heute vorhandene Abfluss (Emissar) des Albaner Sees. Dieser Abflusskanal ist ein Stollen von 1200 m Länge. Seine Breite beträgt 11/2 m, seine Höhe 2–3 m481.
Als eine Ingenieurarbeit größeren Umfangs ist aus der griechischen Geschichte die Trockenlegung des Kopaissees unter Alexander dem Großen zu erwähnen482.
Bei Heron begegnen uns auch die ersten Anweisungen darüber, wie man sich beim Bergbau unter der Erde orientieren muss. Aus diesen Anfängen hat sich, besonders seit dem Zeitalter Agricolas, des Begründers der neueren Mineralogie (16. Jahrhundert), die Markscheidekunst entwickelt.
Durch Herons Schriften wird man am besten mit dem konkreten Messen und Rechnen seiner Zeit und mit den damals gebräuchlichen Maßen vertraut. Für das kaufmännische Rechnen fehlt es leider an einer ähnlichen Überlieferung483. Doch begegnet uns bei Heron die schon im alten Ägypten gepflegte Verteilungs- und Gesellschaftsrechnung. Bekannt ist beispielsweise Herons Brunnenaufgabe. Darin wird nach der Zeit gefragt, innerhalb derer ein Behälter mit Wasser durch mehrere Röhren gefüllt werden kann, wenn man die Füllzeit für jede einzelne Röhre kennt.
Heron hat auch eine Katoptrik geschrieben. Sie lässt erkennen, dass bereits in der Antike die Ansicht bestand, dass die Natur nichts vergeblich tut. Von diesem Prinzip ausgehend wurde die gradlinige Ausbreitung des Lichts erklärt. Die gleiche Betrachtungsweise führte Heron bei der Nachweiserstellung an, dass der Weg, den das einfallende und das reflektierte Licht zurücklegt, nur dann ein Minimum ist, wenn der Einfallswinkel gleich dem Reflexionswinkel ist484.

Naturbeschreibung und Heilkunde im alexandrinischen Zeitalter.

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Bei der Beurteilung der Schriften eines Ptolemäos, Euklid und Heron lässt es sich schwer entscheiden, was diese Männer auf den von ihnen behandelten Gebieten Eigenes, Neues geschaffen, und was sie ihren Zeitgenossen und Vorgängern entlehnt haben. Es kann indessen auch gar nicht die Aufgabe der hier gebotenen, zusammenhängenden Darstellung einer Geschichte der Wissenschaften sein, im einzelnen Prioritätsansprüche gegeneinander abzuwägen. Diese, in der Regel wenig fruchtbringende Aufgabe muss der historischen Einzelforschung überlassen bleiben – eine Einschränkung, die hier auch gleich für die Behandlung späterer Perioden der Wissenschaft gemacht sei. Für uns ist es viel wichtiger, in den jeweiligen Stand der Kenntnisse einzudringen und den logischen Zusammenhang sowie die bedingenden Ursachen aufzuweisen. Für diesen Zweck war die etwas ausführlichere Darstellung, die wir den genannten drei alexandrinischen Gelehrten gewidmet haben, von Wert.

Während die Astronomie, die Mathematik und einige Zweige der Physik von den Alexandrinern sehr gepflegt und gefördert wurden, wandten sie den beschreibenden Naturwissenschaften eine geringere Aufmerksamkeit zu. Vielleicht ist dies in der kommentatorischen Gelehrsamkeit der Alexandriner begründet. Bestand doch ihre Hauptaufgabe darin, Handschriften zu vergleichen, zu erläutern und zu ergänzen. So sagt Plinius von ihnen: „In den Schulen sitzen und Vorträge anhören, war angenehmer, als durch Einöden zu gehen und Tag für Tag neue Pflanzen zu suchen.“ Als eigenständige Wissenschaft hörte die Botanik auf zu existieren; in der alexandrinischen Schule existierte sie nur noch als ein Zweig der Heilkunde, als Lehre von Heilmitteln. Es war deshalb von Bedeutung für die Entwicklung der Botanik, dass auch die Geographen dieser Epoche der Pflanzenwelt ihre Aufmerksamkeit schenkten. Vor allem ist hier Strabon als der größte unter den Geographen der spätalexandrinischen Schule zu nennen. Auch wenn dieser Mann selbst kein Pflanzenkenner war, so nahm er doch die Pflanzen- und Tierwelt zu Recht als Gegenstand seiner Wissenschaft in Anspruch – sodass seit Strabons Erscheinen die Bedeutung der Botanik für die allgemeine Erdkunde stets gewürdigt wurde.

In höherem Maße als die Botanik wurde die Anatomie bei den Alexandrinern gepflegt. An erster Stelle sind hier Herophilos (um 300 v. Chr.) und Erasistratos (um 280 v. Chr.) zu nennen. Von Herophilos, einem der bedeutendsten Ärzte der Antike, stammt die erste ausführlichere Darstellung.

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Untersuchung des Auges – während Erasistratos die blutführenden Venen von den, nach damaliger Ansicht, mit Pneuma gefüllten Arterien unterschied. Erasistratos war auch nahe daran, den Kreislauf des Blutes zu erkennen. Er scheiterte nur am soeben erwähnten Irrtum, dass die Arterien das Pneuma (den Luftgeist) enthielten. Andererseits erkannte er ganz richtig das Herz als den Ausgangspunkt der Gefäße sowie das Gehirn als die Ursprungsstelle der Nerven. Vor allem wurde die Anatomie dadurch auf eine sichere Grundlage gestellt, dass man die Sehnen von den Nerven unterschied und letztere als die Organe der Empfindung sowie die Muskeln als die Werkzeuge der Bewegung kennenlernte. Allerdings waren die Alexandriner in ihren Mitteln nicht sehr wählerisch, da sie selbst vor Vivisektionen an Menschen nicht zurückschreckten.

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5. Die Naturwissenschaften bei den Römern.
Weit später als in Griechenland und im von Griechen bewohnten Süden Italiens entwickelte sich eine höhere geistige Kultur in Mittelitalien. Die Hauptmasse der Bevölkerung dieses Teils der Apenninenhalbinsel bestand in vorgeschichtlichen Zeiten aus einem Volk, das den Hellenen und Kelten verwandt war und über die Alpen eingedrungen war. Zunächst kam es dort zu Kontakten mit den Etruskern, einem Volk, dessen Abstammung zweifelhaft ist. Erst viel später zeigte sich der Einfluss der in Süditalien vorhandenen griechischen Siedlungen auf die Völker Mittelitaliens – und zwar erst nachdem diese unter der Führung Roms eine staatliche Einigung erreicht hatten.
Während man in den Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung in der Stille des alexandrinischen Gelehrtentempels versuchte, die Welt zu verstehen, wurde sie von Mittelitalien aus durch die Macht der Waffen unterworfen. Griechenland war bereits seit länger als einem Jahrhundert römische Provinz, als im Jahr 30 v. Chr. Ägypten dasselbe Schicksal ereilte. Die politische Umgestaltung dieses Landes vollzog sich jedoch allmählich, da der römische Einfluss bereits lange vor diesem Zeitpunkt in immer größerem Maße spürbar wurde. Daher hatte diese Umgestaltung auch für die Wissenschaften keine so entscheidende Bedeutung wie später der Aufstieg wilder, barbarischer Horden.
In dem Maße, in dem die Römer Griechenland politisch beherrschten – jenes Land, das dem Osten seinen geistigen Charakter verlieh –, übernahmen sie auch den Inhalt der griechischen Bildung. Sie wurden die Herrscher, aber zugleich die Schüler der Griechen. Auch aus den reichen literarischen Schöpfungen der Semiten und Ägypter konnten die Römer schöpfen. Meister wurden sie jedoch nicht im Bereich der Kunst und Wissenschaft. Vielmehr entsprach einer Weiterentwicklung der Technik ihrem gesamten Verständnis sowie ihren Bedürfnissen. In diesem Bereich haben sie, wie die großartigen Überreste ihrer Werke noch heute bezeugen, die Griechen zweifellos übertroffen. Doch die wissenschaftliche Grundlage der Technik, nämlich die Mechanik, erlebte durch die Römer keinen wesentlichen Fortschritt. Auch während der Kaiserzeit blieb Rom…

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Nachdem es zum politischen Zentrum der Welt geworden war und neben Alexandria immer mehr zu einem Sitz der Wissenschaften wurde, kann man doch nicht von einer römischen Ära dieser Wissenschaften sprechen. Was das Erwerben der Elemente der griechischen Bildung betrifft, so kamen die Römer kaum weiter, während in dem römisch gewordenen Alexandria ein neuer, bedeutender Aufschwung die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung prägte.
Als der Hellenismus etwa zur Zeit des Zweiten Punischen Krieges begann, das römische Geistesleben zu durchdringen, verfügte die römische Literatur noch über keine Schöpfung von erheblicher Bedeutung. Ein mit wissenschaftlichen Themen befasstes Prosawerk fehlte ihr bis zu diesem Zeitpunkt fast gänzlich. Was in diesem Bereich vorhanden war, betraf lediglich die Grundlagen des Rechtswesens, die Führung von Chroniken, den Kultus sowie die engeren Bedürfnisse des praktischen Lebens. Der größte Einfluss auf die Literatur des römischen Volkes hatte seine Berührung mit den Griechen – zunächst mit den Kolonien Süditaliens und später mit dem griechischen Mutterland. Die Begegnung zwischen Römer- und Griechentum wurde durch den Handel eingeleitet; eine intensivere Durchdringung kam jedoch erst durch die kriegerischen Auseinandersetzungen zustande, die die römischen Heere in die griechischen Kolonien und nach Hellas führten und umgekehrt zahlreiche Griechen sowie griechische Kunst- und Wissensschätze nach Rom brachten. Diese Umwälzungen begannen im 3. vorchristlichen Jahrhundert mit dem Tarentinischen Krieg (282–272) und dem Ersten Punischen Krieg (264–241). Um 200 v. Chr. folgte die Niederlage Makedoniens; wenige Jahrzehnte später beendete Aemilius Paullus durch die Schlacht bei Pydna (168 v. Chr.) das einst dem Römischen Reich in Umfang und Bedeutung gleichkommende makedonische Reich. Zahlreiche Geiseln, meist aus adligen und gebildeten hellenischen Familien, kamen infolge dieses Sieges nach Rom. Eines der wertvollsten Beutestücke, die der Sieger mitbrachte, war die Bibliothek des makedonischen Königs. Infolge dieser Ereignisse entstand in Rom ein stetig wachsender Kreis von Freunden der griechischen Bildung, die voller Bewunderung den Vorträgen der nach Rom gekommenen Rhetoren und Philosophen lauschten. Aus dieser geistigen Verbrüderung entwickelte sich immer deutlicher der Wunsch, durch die Vereinigung der realen römischen Macht mit dem Inhalt des griechischen Geisteslebens innerhalb eines einzigen Staates…

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eine von den bisherigen engen nationalen Schranken befreite Weltbürgerschaft entstehen zu lassen.
Unter den Männern, die sich gegen diese Entwicklung stemmten, ohne sie jedoch nur im geringsten hemmen zu können, ist besonders Marcus Portius Cato zu nennen. Dem Haß, mit dem er in jeder Sitzung des Senats die Zerstörung Karthagos forderte, kam seine Erbitterung gegen griechische Bildung und griechisches Geistesleben gleich. Aus dieser Stellungnahme erwuchsen Catos „Unterweisungen“, ein Werk, das eine Art Enzyklopädie darstellte und zeigen sollte, daß die ältere römische Literatur es mit der besonders ihrer Neuheit wegen so hoch eingeschätzten griechischen wohl aufnehmen könne. Von Catos „Unterweisungen“ sind nur einige Fragmente erhalten geblieben. Dagegen besitzen wir in seinem Buch über die Landwirtschaft (De agricultura) das älteste auf unsere Zeit gekommene Werk des lateinischen Prosaschrifttums. Es ist eine der wichtigsten Quellen für die an späterer Stelle ausführlich zu besprechende „Naturgeschichte“ des Plinius gewesen.
Von dem die Hellenen beherrschenden Streben, im Einzelnen das Allgemeine, die Idee zu finden, gingen die Römer später zu einem mehr empirischen, oft unkritischen Beobachten des Äußerlichen über und gelangten auf diesem Weg mitunter zu Plattheiten, wie sie uns bei Cicero begegnen, der da meinte, die Naturwissenschaft suche entweder nach Dingen, die niemand wissen könne, oder nach solchen, die niemand zu wissen brauche. Es sind manche Vermutungen darüber ausgesprochen worden, weshalb die Römer das von den Griechen begonnene Werk nicht fortgesetzt haben, so daß auf die Begründung der Wissenschaften unmittelbar ihr weiterer Ausbau gefolgt wäre. Die einen erblicken die Ursache dieser Erscheinung in dem Fehlen der experimentellen Forschungsweise, obgleich doch, wie wir sahen, die Ansätze zu einer solchen in der Blütezeit der alexandrinischen Periode wohl vorhanden waren. Andere meinen, die Römer, welche zwar die berufenen Erben der Griechen gewesen seien, hätten bei ihrer Aufgabe, die Welt erst zu erobern und sie dann zu beherrschen, weder Zeit noch Sinn für die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Dingen gehabt. Auch den Mangel an Werkzeugen für die wissenschaftliche Arbeit, wie sie die neue Zeit in Fülle hervorbrachte, hat man dafür verantwortlich machen wollen, daß die

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Die Wissenschaft zeigte nach ihrer Entstehung zunächst keine wesentlichen Fortschritte. Die Einflüsse, welche die in Frage stehenden sowie ähnliche Erscheinungen in der Entwicklung der Zivilisation und des Geisteslebens herbeigeführt haben, sind für uns, die wir solche entlegenen Zeiten durch ein sehr getrübtes Medium betrachten, nicht mehr klar erkennbar. Jedenfalls spielten hier nicht nur eine oder einige der genannten Ursachen eine Rolle, sondern es kam zu einer Wechselwirkung zahlreicher Umstände. Die natürlichen Anlagen, die auch bei nahe verwandten Völkern nicht immer dieselben sind, sowie die Macht der politischen und religiösen Verhältnisse haben dabei in erster Linie entscheidend gewirkt. So war „die ganze Geistesanlage der Römer nach wesentlich anderen Gebieten gerichtet als die der reinen Wissenschaft“. Und selbst als Rom zu einem Weltreich wurde, betonte Cicero, dass die griechischen Mathematiker auf dem Gebiet der reinen Geometrie das Beste geleistet hätten, während sich die Römer nur auf die Ausübung des Rechnens und Messens beschränkt hätten.

Messkunst und Astronomie bei den Römern

Die Römer hielten die Feldmesskunst für mindestens ebenso alt wie Rom. Zunächst wurde sie von Priestern ausgeübt, um das zum Tempel gehörende Land abzugrenzen. In der Kaiserzeit war die Feldmesskunst sehr entwickelt. Wer sie ausüben wollte, musste eine Schule besuchen und eine Prüfung bestehen.

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Abb. 38. Das Messgerät der Römer.

Abb. 39. Die Rekonstruktion der Groma.

Die ersten Kenntnisse in der Feldmesskunst verdankten die Römer sehr wahrscheinlich den Etruskern. Als Messgerät verwendeten sie ein Winkelkreuz, das aus zwei in der horizontalen Ebene sich schneidenden Linealen bestand. Eine Abbildung dieses Apparats wurde auf dem Grab eines römischen Feldmessers gefunden493. An den Enden der Linealen befanden sich Lote. Die alten Italer vermochten mit Hilfe dieses Instruments, der Groma, und der Messstange bereits die Breite eines Flusses zu messen.

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von einem Ufer aus zu bestimmen, ohne den Fluss zu überqueren. Für diese Aufgabe war sogar eine bestimmte Bezeichnung im Gebrauch494. Das erwähnte, von den Römern benutzte Winkelmaßinstrument haben neuere Ausgrabungen ans Licht gebracht. Die nebenstehende Abbildung 38 stellt ein bei der Limesforschung495 entdecktes Exemplar dar. Die Abbildung 39 zeigt uns eine Rekonstruktion. Das Instrument496 der Römer bedeutet gegenüber Herons Dioptra einen Rückschritt. Sie benutzten es zur Festlegung der Nord-Süd-Linie und zum Abstecken rechter Winkel. Als Nivellierlineal dienten sie sich einer Art Kanalwage. Besonders fand die Groma Verwendung, wenn es darum ging, eine Niederlassung oder eine Flur durch ein System rechtwinklig sich schneidender Wege einzuteilen. Einen Aufschwung erhielt die Mathematik zur Zeit Cäsars. Es zeigten sich die Anfänge einer eigenen mathematischen Literatur, wie denn auch Cäsar selbst als Schriftsteller auf mathematischem Gebiet tätig gewesen ist. Hat doch Plinius ein von Cäsar verfasstes und „De astris“ betiteltes Werk vielfach als Quelle für das XVIII. Buch seiner „Naturgeschichte“ verwendet. Cäsar hatte sich zwei große Aufgaben auf dem Gebiet der angewandten Mathematik gestellt. Er wollte den in die größte Verwirrung geratenen römischen Kalender verbessern und eine Vermessung des ganzen römischen Reiches ins Werk setzen.
Bis zum Jahr 46 v. Chr. hatte man in Rom nach Mondjahren gerechnet und durch ziemlich regelloses Einschieben von Schaltmonaten den Kalender den Jahreszeiten anzupassen versucht. Der Fehler war indessen schließlich so groß geworden, dass um die Zeit Cäsars der Tag der Frühlingsnachtgleiche 85 Tage vor die wirkliche Nachtgleiche, also mitten im Winter, fiel. Nach der Rückkehr von dem ägyptischen Feldzug (47 v. Chr.) regelte Cäsar den Kalender unter Mitwirkung des alexandrinischen Astronomen Sosigenes. Es kam zur Einführung einer neuen Zeitrechnung, von der uns bereits das Dekret von Kanopus Kenntnis gibt497. Das Jahr wurde fortan als 365 Tage berechnet, und im 4. Jahr, jeweils vor dem 24. Februar – dies sextus ante calendas Martis – wurde ein Tag als Schalttag hinzugefügt (daher auch annus bissextilis).
Die von Cäsar geplante Vermessung des römischen Reiches wurde vermutlich auch von alexandrinischen Gelehrten angeregt. Die Verpachtung der Provinzen, die Heereszüge sowie die Ausdehnung der Kriegs- und Handelsflotte machten diese Arbeit als dringend notwendig.

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erscheinen. Da Cäsar indessen vorzeitig durch Mörderhand hinweggerafft wurde, blieb die Ausführung dem Augustus vorbehalten. Die Vermessung, welche der Augustus nahestehende Feldherr und Staatsmann Agrippa leitete, wurde nach fast dreißigjähriger Arbeit im Jahre 20 v. Chr. beendet und besaß für Italien, Griechenland und Ägypten einen ziemlich hohen Grad von Genauigkeit, während andere Länder nur durch Leute, die man Dimensionen nannte, ausgeschritten wurden. Ihr Ergebnis war eine gewaltige Karte, welche in einer für diesen Zweck errichteten Säulenhalle „die Welt als Schauspiel“ darbot498. Neuerdings sind Zweifel darüber entstanden, ob diese auch wohl nach Agrippa benannte Karte auf Grund genauerer Messungen entworfen wurde. Indessen, selbst wenn es unentschieden bleibt, welchen Wert die Karte besessen hat, so ist Agrippas Unternehmen doch ohne Zweifel das Vorbild für spätere, den orbis terrarum umfassende Karten gewesen. Von diesen ist noch heute ein Exemplar erhalten, das offenbar für strategische Zwecke gedient hat. Es ist unter dem Namen der Tabula Peutingeriana bekannt, enthält die Heerstraßen für das ganze römische Reich und befindet sich in Wien499. Abb. 40 zeigt den Teil, der die Balkanhalbinsel darstellt.

Abb. 40. Peutingers Karte (Balkanhalbinsel).

Die ganze Karte (Abb. 40 stellt ein Stück aus der Mitte dar), besteht aus einer Rolle von 11 Pergamentblättern und ist etwa 7 m lang und 0,3 m hoch. Die eigentümliche Verzerrung in der Richtung Ost-West ist aus der Rollenform zu erklären. Bei dem Entwurf trat nämlich offenbar der kartografische Gesichtspunkt hinter dem rein praktischen, eine bequeme Übersicht über die Wege zu haben, zurück. Durch die hakenförmigen

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Unterbrechungen der Wege (Itinerarien) sind die Stationen, die angezeigt sind. Ihre Entfernungen werden durch Zahlen bezeichnet. Meist handelt es sich dabei um römische Meilen – das sind 1000 Schritte (milia passuum) bzw. 1482,500 Meter. Mit astronomischen Dingen beschäftigten sich die Römer erst relativ spät und meist nur aus praktischen Gründen. Mit Sonnenuhren wurden sie erst um die Mitte des 3. vorchristlichen Jahrhunderts vertraut, mit Wasseruhren etwa ein Jahrhundert später; die Chaldäer hingegen nutzten bereits im Jahr 750 v. Chr. Sonnenuhren.

Die Pflege der „Ingenieurmechanik“
Wie Mathematik und Astronomie wurde auch die Mechanik bei den Römern weniger aus eigenem Antrieb als vielmehr wegen ihres praktischen Nutzens gefördert. So entstand ein Gebiet, das den Namen Ingenieurkunst oder Ingenieurmechanik verdient und bei den Römern große Blüte erlebte. Einen guten Einblick in die Ingenieurmechanik der Römer gewährt das Werk von Vitruv, das den wenig zutreffenden Titel „Über die Architektur“ trägt. M. Vitruvius Pollio lebte zur Zeit von Augustus. Er beschäftigte sich insbesondere mit dem Bau von Kriegsmaschinen und wurde von Augustus mit der Leitung des Bauwesens beauftragt. Eine kurze Inhaltsangabe von Vitruvs Werk kann uns den damaligen Stand des Wissens veranschaulichen. Vitruv fordert für den Ingenieur eine umfassende wissenschaftliche Ausbildung – er soll nicht nur in Mathematik bewandert sein, sondern auch mit den Grundlagen des Rechts sowie der Heilkunde vertraut sein. Letztere kommt schließlich ins Spiel, wenn es darum geht, geeignete und gesunde Baustellen auszuwählen. Sehr zutreffend ist auch das, was Vitruv über das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis sagt: „Diejenigen, die ohne Wissenschaft nur nach mechanischer Fertigkeit strebten, konnten durch ihre Arbeiten niemals einen bedeutenden Einfluss erlangen. Umgekehrt scheinen diejenigen, die sich ausschließlich auf die Wissenschaft verließen, nur dem Schatten hinterhergejagt zu sein. Nur die, die Theorie und Praxis gründlich beherrschen, verfügen über die volle Ausrüstung, um das von ihnen gesteckte Ziel zu erreichen.“

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Die in diesen Worten ausgesprochene Ermahnung gilt bis zum heutigen Tag505.

Abb. 41. Römisches Hebezeug506.

Im zweiten Buch bespricht Vitruv die Baumaterialien. Es wird das Brennen und das Löschsen des Kalkes beschrieben. Auch die Puzzolanerde, die mit Kalk vermischt für Wasserbauten verwendet wurde, wird erwähnt. Danach folgen Angaben über den Bau von Häusern, Tempeln, Bädern usw. In einem Abschnitt über die Wandmalerei werden als geeignete Farben Zinnober, Kupfergrün und Ocker genannt. Das achte Buch handelt von den Quellen und der Anlage von Wasserleitungen. Ebenfalls erwähnt werden bittere Quellen und Erdöllagerstätten sowie der Asphaltsee bei Babylon, der das Bindemittel für die dortigen Bauten lieferte. Im neunten Buch geht es insbesondere um physikalische und astronomische Themen, während das letzte Buch Pumpwerke, Feuerspritzen und andere Maschinen behandelt. Von den praktisch-physikalischen Instrumenten ist die Schnellwaage, die auch heute noch den Namen der römischen Waage trägt, wohl dasjenige, das die Römer selbst entwickelt haben und bereits in der Antike einsetzten507. Abb. 42 zeigt uns zwei in Pompeji entdeckte Schnellwaagen. Sie werden, wie die meisten Funde aus Pompeji, im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt. Die Erfindung der römischen Waage reicht mindestens bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. zurück. Das Laufgewicht dieser Waagen wurde sehr oft künstlerisch gestaltet.

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indem man diesem Teil der Waage die Form einer Frucht (Granatapfel) oder
einer Büste (Merkur) gab.

Abb. 42. Römische Schnellwagen.

Die Leistungen der Römer gingen auf den Gebieten der Architektur und der
Ingenieurkunst (Brückenbau, Schiffsbau, Anlage von Wasserleitungen,
Heerstraßen, kriegstechnischen Arbeiten) jedenfalls über das rein
handwerksmäßige Schaffen hinaus. Diese Leistungen setzen nämlich
wissenschaftlich und praktisch vorgebildete Architekten und Ingenieure
voraus. Besondere Schulen, wie sie für Philosophie, Rhetorik, Jurisprudenz
und Medizin bestanden, gab es für die Ingenieure zwar nicht. Wer das
Ingenieurfach ergreifen wollte, wurde in jugendlichem Alter einem
Fachmann in die Lehre gegeben. Voraussetzung für die Erlernung der
Ingenieurkunst waren Kenntnisse in der Mathematik, der Optik, der
Astronomie, der Geschichte und im Rechtswesen. Während der Kaiserzeit
wirkten in Rom neben den Lehrern für Rhetorik, Heilkunde usw. auch
solche, die in der Mechanik und in der Architektur unterrichteten. Für
Gehalt und Lehrsäle sorgte der Staat. Auch befreite er wohl die Väter, die
ihrer Söhne die Ingenieurkunst erlernen lassen wollten, von der Zahlung der Steuern. Die gleiche Vergünstigung erhielten Ingenieure, die sich als Lehrer in ihrem Fache auszeichneten. Wie sehr man die Bedeutung der Ingenieure
zu würdigen wußte, beweist folgende Stelle aus einem Briefe, den Kaiser
Konstantin (323–337) an einen seiner Statthalter richtete. Sie lautet: »Wir
brauchen möglichst viele Ingenieure. Da es an solchen mangelt, veranlasse

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Zu diesem Studium Personen, die ungefähr 18 Jahre alt sind und die zur allgemeinen Bildung notwendigen Wissenschaften bereits kennengelernt haben. Befreie die Eltern von den Steuern und gewähre den Schülern ausreichende Mittel508.«
Die Mechanik hatte also, wo es sich um praktische Anwendungen handelte, zur Zeit der Alexandriner und der Römerherrschaft schon manche Frucht getragen. Anders stand es um die Mechanik als wissenschaftliche Disziplin. Welche unvollkommenen Vorstellungen in mechanischen Dingen die meisten Schriftsteller des Altertums hegten, davon lässt sich manches Beispiel nachweisen. So erzählt Plinius folgende Fabel vom Schiffshalter (Echineis remora), einem Fisch des Mittelmeeres, der eine Anzahl Saugnäpfe auf der Stirn trägt, mit denen er sich an Schiffen und anderen Gegenständen festhält: „Mögen die Stürme wüten und die Wellen rasen, dieses kleine Wesen spottet ihrer Wut, zähmt ihre Kraft und zwingt ein Schiff zum Stillstehen, während kein Seil und kein Anker dazu in der Lage sind. Und zwar hemmt es den Ansturm und besiegt die Elemente nicht durch eigene Anstrengung oder Gegenwirkung, sondern einzig und allein dadurch, dass es sich daranheftet.“
Eine solche Unklarheit herrschte also bezüglich eines so einfachen mechanischen Begriffs, dass ein Schriftsteller wie Plinius, lange nachdem die ersten erfolgreichen Schritte auf dem Gebiet der Mechanik durch Archimedes unternommen worden waren, solche Fabeln ohne Widerspruch aufnahm. Darin zeigt sich aber auch, dass Archimedes auf das physikalische Denken der auf ihn folgenden Jahrhunderte nur einen geringen Einfluss ausgeübt hat. Das vollständige Verständnis für seine Werke sowie die Fähigkeit, an das von ihm Erreichte anzuknüpfen und darauf weiterzubauen, schien in den nächsten anderthalb Jahrtausenden mit wenigen Ausnahmen zu fehlen.

Die Literatur während der Kaiserzeit.

Die Literatur eines Volkes war stets nicht nur von seiner Eigenart und fremden Einflüssen, sondern auch vom Verlauf der politischen Entwicklung in hohem Maße abhängig. Diese Abhängigkeit war im Altertum weitaus größer als in der Neuzeit, in der das geistige Leben

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Es ist weniger an nationale Grenzen gebunden, und die Freiheit des Einzelnen hat erheblich zugenommen. Wie im alten Athen, in Alexandria und in anderen wissenschaftlichen Zentren, so war auch im kaiserlichen Rom die Stellung, die das Staatsoberhaupt zur Kunst und Wissenschaft einnahm, für das Gedeihen dieser Bereiche von großer Bedeutung. Schon Augustus, der die kaiserliche Macht begründete, zeigte Interesse und Verständnis für die Literatur – schließlich hatte er selbst als Dichter und Prosaautor experimentiert. Augustus wusste außerdem voll und ganz zu erkennen, dass die Literatur der staatlichen Macht, von der sie abhängt, entweder dienstbar gemacht oder durch eine falsche Behandlung in Gegensatz zur Staatsmacht gesetzt werden kann, wodurch diese stets mehr oder weniger geschwächt wird. Auf die reiche Entwicklung der römischen Literatur in der augusteischen Zeit folgten unter der Herrschaft des düsteren Tiberius sowie des vom Cäsarwahn befallenen Caligula weniger günstige Jahrzehnte. Der lähmende Druck, der damals auf allen Gesellschaftsschichten lastete, spürte sich auch im Bereich der geistigen Schöpfung bemerkbar. Er ließ erst nach dem Tod Neros nach, als Vespasian als milde Herrscher den Kaiserthron bestieg – ihm folgte leider nur für einige Jahre sein Sohn Titus. Plinius stand beiden in engem Verhältnis, insbesondere zu Titus. Zwar trat dieser erst im Jahr des Todes Plinius an die Macht, doch übte Titus bereits zu Lebzeiten seines Vaters sowohl im Staatsleben als auch im wissenschaftlichen Bereich einen bedeutenden Einfluss aus. Während Vespasian noch in erster Linie Krieger war, hatte sich Titus bereits mit der gelehrten Bildung seiner Zeit so sehr auseinandergesetzt, dass er, wie Plinius berichtet, ein Gedicht über das Erscheinen eines Kometen verfasste. Ein Produkt dieser für die Literatur so günstigen Ära der Kaiser aus dem Haus der Flavier ist Plinius’ „Naturgeschichte“. Sie ist das umfassendste Zeugnis, das wir von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen der Römer besitzen, und enthält zahlreiche Angaben, die ohne die sorgfältigen Aufzeichnungen Plinius’ verloren gegangen wären. Wie aus der Vorrede hervorgeht, wurde sie im Jahr 77 oder 78 n. Chr. fertiggestellt.

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Plinius.

Gaius Plinius Secundus Major wurde im Jahr 23 n. Chr. in Como geboren. Er erhielt den Beinamen Major (der Ältere), um sich von seinem ebenfalls als Schriftsteller bekannten Neffen desselben Namens zu unterscheiden, der den Zusatz Minor (der Jüngere) erhielt. Plinius kam frühzeitig nach Rom, wo er sich Pomponius Mela zum Vorbild wählte. Dieser hatte es verstanden, eine verantwortungsvolle Amtstätigkeit mit einer großen Vorliebe für das literarische Schaffen zu verbinden. In dieser Hinsicht folgte ihm Plinius. Genau wie Pomponius Mela war auch er Militärkommandeur. Von Vespasian wurde er häufig als Berater in Regierungsgeschäfte hinzugezogen. In jüngeren Jahren führte ihn der Kriegsdienst auch nach Germanien. Obwohl er hohe Ämter innehatte und stets im Eiltempo der Geschäfte lebte, fand Plinius doch Zeit, das Wissen seiner Zeit in einem Sammelwerk zusammenzufassen. In der an Titus gerichteten Widmung spricht er über sein Vorhaben: „Der Weg, den ich beschreiten werde, ist unbetreten; keiner von uns, keiner der Griechen hat es versucht, das Ganze der Natur zu behandeln. Wenn mein Vorhaben nicht gelingt, so ist es doch großartig und schön, danach gestrebt zu haben.“

Die „Naturgeschichte“ muss um 77 n. Chr. weitgehend fertiggestellt worden sein. Da ihr Verfasser bald darauf plötzlich aus seiner Tätigkeit gerissen wurde, erfolgte die Veröffentlichung durch seinen Neffen, den bereits erwähnten Plinius Secundus Minor. Offenbar änderte dieser nur wenig am Werk. Er bezeichnet es als „ein umfangreiches, gelehrtes Werk, das nicht weniger vielfältig ist als die Natur selbst“.

Das tragische Ende von Plinius ist bekannt. Als er im Jahr 79 n. Chr. in der Nähe von Neapel weilte, brach plötzlich jener schreckliche Ausbruch des Vesuvs aus, durch den Herculanum und Pompeji zerstört wurden. Der furchtlose Römer ließ sich nicht davon abhalten, zum Ort der Zerstörung zu eilen – ob nun Pflichtgefühl oder Wissensdurst ihn dazu trieb. Nach der Landung fiel er dem Zorn der entfesselten Elemente zum Opfer.

Die Katastrophe selbst hat der jüngere Plinius in einem an den Historiker Tacitus gerichteten Brief beschrieben. Aus diesem mögen hier einige Stellen stehen:

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»Du bittest mich, dir den Tod meines Oheims zu schildern, eines Mannes,
der das Glück hatte, große Taten zu vollbringen und herrliche Bücher zu
schreiben. Ein wunderbares Schicksal fügte es, dass er beim Untergang
einer herrlichen Landschaft den Tod fand. Sein Andenken wird jedoch ewig
leben.
Mein Onkel befand sich mit der Flotte, die er als Admiral befehligte, bei
Misenum. Am 22. August meldete man ihm, dass sich eine Wolke von
ungewöhnlicher Gestalt zeige. Sie hatte das Aussehen einer Pinie, deren
Stamm sich himmelhoch erhebt und deren Äste sich schirmartig
ausbreiten. Mit dem Eifer eines Naturforschers, der etwas untersuchen
wünscht, befahl mein Oheim, sogleich ein Schiff zur Abfahrt bereitzumachen. Noch bevor er es betrat, erhielt er einen am Fuße des Vesuvs geschriebenen Brief, in dem um Hilfe gebeten wurde. Deshalb musste die ganze Flotte auslaufen. Mein Oheim steuerte auf dem Admiralsschiff mutig der Gefahr entgegen und beobachtete vom Deck aus den Verlauf der schrecklichen Erscheinung. Gleichzeitig diktierte er seine Beobachtungen einem Schreiber. Als man sich dem Unglücksort näherte, fiel die Asche immer dichter und heißer auf die Schiffe. Sogar Stücke von Bimsstein und Lava mischten sich darunter. Man landete in Stabiae.
In der Zwischenzeit wurde es Nacht. Vom Vesuv brachen die Flammen hoch
empor. Gleichzeitig bebte die Erde, sodass das Haus, in dem sich Plinius mit seiner Begleitung aufhielt, ins Wanken geriet. Man verließ das Haus, nachdem sich jeder zum Schutz vor dem Steinschlag ein Kissen über den Kopf gebunden hatte. Als man versuchte, dem Schwefeldunst und der Feuerglut zu entkommen, sank Plinius plötzlich erschöpft nieder. Einmal gelang es ihm noch, sich mit Hilfe zweier Sklaven wieder aufzurichten. Dann brach er sterbend zusammen.«
Auch über die Persönlichkeit und die Arbeitsweise seines Onkels hat der
jüngere Plinius einige Angaben gemacht510. Was ihn auszeichnete, war eine unglaubliche Fleißigkeit. Er schlief nur wenig und aß auch nur wenig, und zwar nach der Sitte der Väter ganz einfach. Auch auf seinen Reisen studierte er unermüdlich. Dabei hatte er seinen Schreiber stets bei sich.
Die literarische Fruchtbarkeit des Plinius war außergewöhnlich. Neben der „Naturgeschichte“ hat er noch eine Reihe weiterer Werke geschrieben, die jedoch verloren gegangen sind oder nur in Fragmenten, d.h. als Bestandteile anderer Werke, erhalten geblieben sind. So verfasste

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Plinius verfasste während seines Aufenthalts in Germanien ein Werk, das von den Kriegen handelt, welche die Römer auf germanischem Boden geführt haben.

Die Quellen des Plinius.

Aus nicht weniger als 2000 Werken hat Plinius den Stoff für seine „Naturgeschichte“ entnommen. Seine Leistung verdient umso größere Anerkennung, als er nur die Stunden nutzen konnte, die ihm die Geschäfte übrig ließen – also insbesondere, wie er selbst berichtet, die Nächte – für sein Werk. Ohne Plinius würden wir von manchen Schriften keine Kenntnis besitzen. Andererseits muss jedoch betont werden, dass Plinius sich nicht auf das Niveau unabhängiger Forschung und des eigenen Denkens erhebt. Er bringt sogar manches ein, was er offensichtlich nicht einmal richtig verstanden hat. Oft werden bei ihm Wahres und Falsches miteinander vermischt. Man gewinnt den Eindruck, dass Plinius sein Wissen weniger aus der Natur, sondern vorwiegend aus Büchern bezogen hat – was bei einem Mann, der bereits einen Spaziergang als Zeitverschwendung betrachtete, nicht verwundern kann.

Die Liste der Quellen, aus denen Plinius nach eigenen Angaben schöpfte, umfasst 146 römische und 327 fremde Schriftsteller. Unter diesen befinden sich viele, deren Schriften vollständig verloren gegangen sind und von denen man auch die Namen nicht kennen würde, wenn Plinius sie nicht unter seinen Quellen aufgeführt hätte.

Unter den römischen Schriftstellern, auf die Plinius zurückgriff, ist vor allem Marcus Terentius Varro (116–27 v. Chr.) zu nennen. Er hat eine ganze Anzahl von Wissenschaftsbereichen enzyklopädisch behandelt. Seine Schriften dienten als Vorbild für die im Mittelalter häufig vorkommenden Werke über die „sieben freien Künste“. Wie Cato bemühte sich auch Varro, den alten Wissensschatz zu sammeln und ihn gegenüber der einflussreichen griechischen Literatur in seiner Unabhängigkeit sowie in seinem wahren Wert hervorzuheben. Unter den von Plinius genutzten Schriften Varros ist vor allem das Werk über die Landwirtschaft zu nennen (Rerum rusticarum libri III). Darin behandelt Varro den Ackerbau, die Viehzucht, die Bienen sowie die Fische.

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und dem Wild. Auch wenn Varro sich auf Cato stützt (siehe S. 210), entwickelt er dennoch überall ein sicheres Urteil, das auf reicher Erfahrung und umfassendem Wissen beruht. Von besonderem Interesse ist ein Passus512, in dem man eine Art Vorwegnahme der Bazillentheorie erkennen kann. Varro vermutet nämlich, dass in sumpfigen Gebieten Lebewesen entstehen, die so winzig sind, dass man sie nicht sehen kann. Diese Geschöpfe sollen nach ihm durch Mund und Nase in den Körper eindringen und schwere Krankheiten verursachen. Der Wert solcher Vorstellungen, die sich teilweise mit unseren heutigen Ansichten decken, wird von philologischer Seite oft überbewertet. Varros Meinung war sicherlich unbedeutend für die Begründung der modernen Bazillentheorie – genauso wenig wie die Ansichten Epikurs513, Lamarcks oder Darwins dazu anregten, ihre Theorien zu entwickeln. Dennoch haben divinatorische Eingebungen, wie wir sie in der Entwicklung der Wissenschaften so oft antreffen, das Recht, in der Geschichte des menschlichen Geistes erwähnt zu werden. Ihr Wert ist unbestreitbar. Man darf sie jedoch in ihrer Bedeutung nicht so sehr überbewerten, dass man versucht, sie mit sicheren Ergebnissen der Neuzeit in Einklang zu bringen.

Unter den medizinischen Schriftstellern, die Plinius mit Material für seine den Heilkünsten gewidmeten Bücher versorgten, sind neben Hippokrates, Erasistratos und vielen anderen insbesondere Cornelius Celsus (ca. 35 v. Chr. bis ca. 45 n. Chr.) zu nennen. Ähnlich wie Varro und bereits lange vor ihm Cato suchte auch Celsus das Wissen seiner Zeit in einer Enzyklopädie zusammenzufassen. Sie erhielt den Titel „Artes“. Erhalten ist nur der Teil, der sich mit den Heilkünsten befasst. In diesem Bereich gelang es Celsus, obwohl er kein Arzt war, aufgrund eigener Erfahrungen eigene Ansichten zu entwickeln. Als griechische Quellen nutzte Celsus neben den hippokratischen hauptsächlich die alexandrinischen Schriften. Mit diesen sowie den Schriften Galens lässt sich Celsus’ medizinisches Werk in eine Reihe stellen514. Es behandelt in einer klaren, schmucklosen Darstellung zunächst die Lebensweise, anschließend die Krankheiten und schließlich deren Heilung durch Medikamente und chirurgische Eingriffe515. So beschreibt Celsus das Verfahren des Unterbindens, das in den hippokratischen Schriften noch nicht erwähnt wird – obwohl bereits sehr früh blutstillende Mittel verwendet wurden, die verklebend oder zusammenziehend wirkten.

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wirkten, benutzte. Solche Mittel finden sich nämlich bereits bei Homer Erwähnung516.
Sehr zutreffend hat Celsus unter anderem die Krankheiten der Leber und des Magens beschrieben. Das von ihm bei diesen Krankheiten empfohlene Heilverfahren und seine Begründung auf diätetischen Regeln ist selbst heute noch von Wert517.
Einer etwas späteren Zeit als Celsus gehört Asklepiades an. Er war hellenischer Herkunft518 und lebte im Anfang des 1. Jahrhunderts v. Chr. in Rom. Asklepiades wirkte dort zunächst als Lehrer der Beredsamkeit. Später erwarb er sich als Arzt große Anerkennung. Er wird als der Erfinder der Tracheotomie bezeichnet. Anklänge an die moderne Zellentheorie enthält seine Lehre, dass die Lebewesen aus einer sehr großen Zahl von Körperchen zusammengesetzt seien. Sie sollten sich in steter Bewegung und Veränderung befinden und beim Menschen durch ihr Verhalten und ihre Beschaffenheit Gesundheit und Krankheit bedingen.
Auch den als Schöpfer der Äneis bekannten Virgil erwähnt Plinius als Quelle für eine Anzahl seiner Bücher. In einer „Georgica“ genannten Dichtung schildert und preist nämlich Virgil das Leben auf dem Lande. In der Hauptsache handeln die „Georgica“ vom Ackerbau, der Baumpflege, der Viehzucht und der Imkerei. Das Leben der Bienen wird anschaulich und in der fesselnden Sprache des Dichters beschrieben.
Von den zahlreichen ausländischen Schriftstellern, die Plinius als seine Quellen nennt, seien hier nur folgende genannt: Thales, Aristoteles, Theophrast, Demokrit, Hipparch, Herophilos, Eudoxos, Pytheas, Juba usw. Juba war nach Besiegung seines Vaters als Geisel aus Numidien nach Rom gekommen. Dort widmete er sich ganz den Wissenschaften. Auch Plutarch und andere Schriftsteller beziehen sich häufig auf Juba, von dessen Schriften nur noch Fragmente erhalten sind.
Die Frage nach den Quellen, die Plinius benutzte, hat eine umfangreiche Literatur hervorgerufen. Insbesondere wurde das Verhältnis eingehend erörtert, in dem Plinius zu Aristoteles, zu Cato und zu Varro steht519.
Als Schriftsteller, dem besonders die Rolle eines Vermittlers zwischen Plinius und der griechischen Literatur zugeschrieben wird, gilt Juba. Letzterer bezieht sich auf Aristoteles und Theophrast und

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hatte für Plinius hinsichtlich der griechischen Literatur etwa die Bedeutung, die Varro für ihn bezüglich der römischen besaß. Fehlt der „Naturgeschichte“ des Plinius auch die Einheitlichkeit des Aufbaus, so ist doch eine vom Allgemeinen zum Einzelnen fortschreitende Gliederung des Stoffes nicht zu verkennen. Plinius beginnt seine Darstellung mit der Schilderung des Weltgebäudes sowie den Erscheinungen, die uns das Luftmeer und die Oberfläche der Erde im allgemeinen darbieten. Darauf folgt das Wesentlichste aus der Geographie und der Völkerkunde. Im Anschluss daran werden die Tiere, beginnend mit den Säugetieren und schließend mit den Insekten, behandelt. Es folgen die Bücher über die Pflanzen sowie über die dem Pflanzenreich entstammenden Heilmittel und ihre Wirkungen. Den Schluß bilden die Bücher mineralogischen Inhalts. Den Edelsteinen sowie den Mineralfarben sind je ein besonderes Buch gewidmet. In den letzten Büchern wird die Verwendung der Metalle und der Gesteine zu künstlerischen Zwecken eingehend unter Aufzählung zahlreicher hervorragender Kunstwerke beschrieben520.

Unter den Geographen, auf die sich Plinius stützte, ist vor allem Pomponius Mela, ein Zeitgenosse des Kaisers Claudius, zu nennen. Seine „Chorographie“ (Ortskunde) entstand wahrscheinlich um das Jahr 43 n. Chr. Sie ist das älteste römische Werk über Geographie, das uns erhalten geblieben ist521. Pomponius beschreibt, den Küsten folgend, die Länder und enthält über die mathematische Geographie, mit der Plinius sein Werk anhebt, fast nichts.

Die „Naturgeschichte“ des Plinius.

Wir gehen jetzt zu Plinius selbst über. In seiner „Naturgeschichte“, die 37 Bücher umfasst, stellt er sich die Aufgabe, das in den zahlreichen erwähnten Quellen zerstreute Wissen seiner Zeit zu sammeln und zu sichten. Durch die mühevolle Lösung dieser Aufgabe hat er sich ein großes Verdienst erworben, wenn er auch oft kritiklos zusammenträgt und den Stoff nicht immer beherrscht. So hält er beispielsweise die fabelhaftesten Nachrichten über afrikanische Völker für erwähnenswert. Er berichtet von einem dieser Volksstämme, seine Angehörigen besäßen keine Köpfe, sondern trugen

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Mund und Augen auf der Brust. Die Grundidee, die das Werk durchzieht, ist die, dass die Natur des Menschen dazu neigt, alles hervorzubringen. Die beschriebenen Naturkörper werden daher kaum als solche betrachtet, sondern vor allem in ihrer Beziehung zum Menschen. Über den Menschen selbst äußert er sich in folgenden, für ihn charakteristischen Worten: „Die anderen Tiere fühlen sich sofort im Besitz ihres Wesens. Nur der Mensch kann ohne Anleitung nichts tun. Er allein kennt Ehrgeiz und Habgier, kümmert sich um sein Grab – ja sogar um die Zukunft nach seinem Tod. Keinem Lebewesen raubt die Angst so sehr den Verstand. Bei keinem wird die Wut so heftig. Alle anderen Tiere leben in Frieden mit ihren Artgenossen. Die Löwen kämpfen trotz ihrer Wildheit nicht gegeneinander, genauso wenig wie die Meerestiere. Doch wahrlich: Dem Menschen bereitet das größte Leid wieder der Mensch selbst.“

Dass Plinius übrigens oft auch mit den jeweiligen Objekten selbst vertraut wurde und sich eigene Meinungen bildete, geht aus verschiedenen Stellen seines Werkes hervor. Vieles von dem, was er berichtet, wurde ihm wohl auch durch das vielfältige Leben in der Kaiserzeit nahegebracht. Viele der von ihm beschriebenen Tiere wurden zur Befriedigung der Neugierde, für die Arena oder zum Verzehr aus den entlegensten Teilen der Welt in die Hauptstadt gebracht. Ähnlich war es mit den Pflanzen: Plinius berichtet von einem botanischen Garten, den ein römischer Gelehrter unterhielt, um die Wirkungen der Kräuter zu erforschen. Unter seiner Anleitung lernte Plinius zahlreiche heilkräftige Pflanzen kennen.

Zur Lehre von der kugelförmigen Gestalt der Erde kam die Ansicht, dass die Menschheit viel weiter verbreitet sei, als man früher annahm – ja, dass es auch Lebewesen mit gegenüberliegenden Füßen geben müsse. „Die Wissenschaft und die Ansichten der breiten Masse“, sagt Plinius, „stehen in großem Widerspruch zueinander. Nach der einen Ansicht ist die Erde ringsum von Menschen bewohnt, sodass diese mit den Füßen zueinander stehen und alle gleichmäßig den Himmel über ihrem Kopf haben. Nach der anderen Ansicht fragt man, warum die Antipoden nicht herunterfallen. Dabei liegt doch die Gegenfrage nahe: Warum wundern sie sich nicht darüber, dass wir nicht herunterfallen? Am meisten wehrt sich die breite Masse dagegen, wenn man ihr weismachen will, dass auch das Wasser gekrümmt ist. Und doch ist das der Fall.“

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Nichts ist auffälliger, als dass überall hängende Tropfen zu kleinen Kugeln werden. Aus der Tatsache, dass der längste Tag in Alexandria 14, in Italien 15 und in Britannien 17 Stunden hat, schließt Plinius, dass die dem Pol benachbarten Länder im Sommer 24 Stunden Tag, zur Zeit des Wintersolstitiums dagegen ebenso lange Nacht haben müssen. Bei Plinius finden wir unter den Beweisen für die Krümmung der Erdoberfläche auch die Erscheinung angeführt, dass auf dem Meer zuerst der Mast der Schiffe und erst später der Rumpf sichtbar wird. Während zur Zeit der römischen Weltherrschaft die Lehre von der Kugelgestalt der Erde zu einem Gemeingut der Gebildeten geworden war, hatte man vereinzelt auch schon eine richtige Auffassung vom Verhältnis der Sonne zu den Planeten gehabt. Infolgedessen blieben die bei den Griechen entstandenen Keime der heliozentrischen Lehre bei den späteren Schriftstellern nicht unbeachtet. Kopernikus konnte seine Lehre daher unmittelbar an die aus dem Altertum überlieferten Ansichten anknüpfen. Dem Mond und sogar den Fixsternen, denen wir heute keine nachweisbaren Einflüsse auf irdische Vorgänge beimessen, schrieben die Römer, wie wir aus der „Naturgeschichte“ des Plinius ersehen, solche zu. So heißt es dort: „Dass beim Aufgang des Hundes der Einfluss dieses Gestirns auf die Erde in der weitesten Ausdehnung empfunden wird, wer würde das nicht wissen? Bei seinem Aufgang schäumt das Meer, der Wein wird unruhig in den Kellern und die Sümpfe beginnen zu gären.“ Dass der Mond bei der Erregung von Ebbe und Flut eine wichtige Rolle spielt, hatte man wohl erkannt, doch man erklärte diese Erscheinung in einem durchaus mystischen Sinne, indem man den Mond als das Gestirn des Odems ansah. Daher sollten sich bei der Annäherung des Mondes alle Körper füllen. Plinius behauptet sogar, dass bei zunehmendem Mond die Muscheln größer würden. Ja, auch das Blut im menschlichen Körper vermehre und verringere sich wie das Licht dieses Gestirns. „Ebbe und Flut des Meeres“, sagt Plinius, „haben bei aller Abwechslung doch ihre Ursache nur in der Sonne und im Mond. Indessen treten die Gezeiten nie wieder zur gleichen Stunde ein wie am Tag zuvor, weil sie dem gierigen Gestirn, das alle Tage an einer anderen Stelle aufgeht, gewissermaßen dienstbar sind. Bei Vollmond ist die Flut am heftigsten. Auch tritt die Flut zwei Stunden später ein.“

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später ein, als sich der Mond aus der Mittagslinie abwärts senkt, da die Wirkungen aller Erscheinungen am Himmel erst später zur Erde gelangen, als die Erscheinungen selbst stattfinden. Die offene, große Fläche des Meeres empfindet die Kraft des weithin wirkenden Gestirns nachdrücklicher als engbegrenzte Räume. Daher werden weder Seen noch Flüsse auf solche Weise in Bewegung versetzt530.«
Die Anzahl der Sterne, welche die Astronomen mit Namen bezeichnet hatten, gibt Plinius mit 1600 an531. Sie sollen aus dem das All umgebenden Feuer entstanden sein und werden nach ihm von der belebenden, alle Räume durchdringenden Luft, die sich dem Feuer am nächsten befindet, in der Schwebe gehalten. Von der Luft getragen, ruht die Erde, verbunden mit dem Wasser als viertem Element, im Raum. Zwischen der Erde und dem Himmelsgewölbe schweben der Mond, die Sonne und die fünf Planeten.
Ihrer Bewegung wegen würden diese wohl Irrsterne genannt, obgleich keine weniger irrten als gerade sie.
Das ist in großen Zügen das Weltbild, das sich das Altertum gebildet hat. In dieser Vorstellung gab es keinen Platz mehr für die anthropomorphen Götter der früheren Zeit, an denen das Volk unter der Führung der Priester festhielt. Ein unüberwindbarer Widerspruch zwischen Wissen und Glauben war somit auch im Altertum das Ergebnis der gesamten geistigen Entwicklung. Dem Fortschritt des Wissens hat sich jedoch stets der religiöse Glaube anpassen müssen. So hat im Altertum der Fortschritt der Wissenschaft einer neuen, monotheistischen Gestaltung der Religion Vorausgegangen. Hatten in dem neu entstandenen Weltbild die vielen Götter der früheren Zeit keinen Platz mehr, so musste, wie Plinius es ausdrückt, die Welt selbst als Gottheit angesehen werden. Dem pantheistischen Standpunkt des Plinius entspricht seine Ansicht, dass, wenn man von einer Gottheit spricht, damit nur die Natur gemeint sein kann. Von der Ansicht, die Welt sei ein Ganzes, zum Glauben, dass die Welt zwar nicht Gott selbst, aber doch die Manifestation eines einzigen Gottes sei, war es jedoch nur ein Schritt. Und dieser führte in der Epoche, von der wir sprechen, zur Begründung des Monotheismus. Da der alte Götterglaube für den Gebildeten überwunden worden war, fehlte es an einer inneren Beziehung zwischen Gott-Natur und dem Menschen. Daher das Unzufriedensein sowie der pessimistische Grundton, der der christlichen Religion jener Zeit den günstigsten Boden bereitete. Plinius bezeichnet sie nämlich als den einzigen Trost.

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Gegenüber der Unvollkommenheit des Daseins, dass der Mensch diesem Dasein jederzeit freiwillig entsagen könne.
Im Bereich der beschreibenden Naturwissenschaften finden wir bei Plinius einen Rückgang gegenüber Aristoteles und Theophrast. Manche zoologische Angaben älterer Schriftsteller, die Aristoteles in das Gebiet der Fabel verwiesen hatte, übernimmt Plinius ohne Bedenken wieder. Von einem systematischen Aufbau der Zoologie und der Botanik ist bei ihm nicht die Rede. Was diese Letztere betrifft, bleibt er weit hinter Theophrast zurück, da er bei der Einteilung der Pflanzen den reinen Nutzenaspekt berücksichtigt. Er unterscheidet nämlich Heilpflanzen, Gewürzpflanzen usw. Eine richtige Auffassung finden wir hingegen bei Plinius bezüglich jener Tiere, die Aristoteles „blutlos“ genannt hatte. „Dass Insekten kein Blut haben“, sagt er, „gebe ich zu, doch besitzen sie dafür eine gewisse Lebensfeuchtigkeit, die für sie Blut ist.“
Seine den Botanik gewidmeten Bücher beginnen mit den Bäumen – nicht etwa, weil er in ihnen die höchste Stufe der pflanzlichen Organisation sah, sondern weil sie zunächst die einfachsten Bedürfnisse des Menschen befriedigten. Zunächst bespricht er (Buch 12 und 13) die bemerkenswerteren fremden Bäume nach ihrem geografischen Vorkommen. Danach geht er auf den Weinstrauch, den Ölbaum sowie die Obstbäume ein. Ein Buch ist den Zierpflanzen sowie den blütenreichen Pflanzen gewidmet; letztere unterscheidet er in solche, die empfehlenswert sind, und in solche, die den Honig verschlechtern.
Am ausführlichsten werden die Heilpflanzen behandelt. Plinius ist dabei von der Vorstellung beseelt, dass selbst das unscheinbarste Kraut seine, wenn auch oft noch verborgenen, heilenden Kräfte haben muss. Wie hier gilt auch an den übrigen Stellen der „Naturgeschichte“ die Leitidee, dass die Natur alles zum Wohle des Menschen geschaffen hat. Das Nutzenprinzip bestimmt somit die Darstellung, die entsprechend oft recht trocken ist und nicht selten auf eine bloße Auflistung hinausläuft. An manchen Stellen erreicht sie jedoch auch einen rhetorischen Schwung – insbesondere dort, wo Plinius seine stoische Weltanschauung durchscheinen lässt oder sich als Lobredner auf die gute alte Zeit zeigt.

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Die Hauptquelle für die botanischen Kenntnisse des Plinius ist Theophrast. So entnahm er z. B. Theophrast die Beschreibung der indischen Pflanzenwelt. Doch geschah dies ohne tiefere Beurteilung und Verständnis. Das Feine und Exakte ist meist verschwommen und kaum merklich hebt sich bei Plinius dieser Teil aus der Menge der übrigen Einzelheiten ab532. Eigene Beobachtungen konnte Plinius angesichts seines oben erwähnten Lebenswandels wohl nicht oft machen. Wenn er gelegentlich in seinem Werk von Erfahrungen spricht, dann ist damit wohl in den meisten Fällen ihm mündlich mitgeteilte Information gemeint. Die Anzahl der bei Plinius erwähnten Pflanzen ist recht beträchtlich – sie beträgt fast tausend, etwa das Doppelte der bei Dioskurides aufgeführten Arten533. Das entspricht zwar dem encyklopädischen Prinzip von Plinius, verdient aber dennoch Aufmerksamkeit, wenn man bedenkt, dass Linné den Pflanzenreichtum der ganzen Erde auf nur 10.000 Arten schätzte.

Auch über die Wirkung, die Plinius’ „Naturgeschichte“ auf die Nachwelt ausgeübt hat, sowie über die Würdigung, die das Werk erfahren hat, mögen hier einige Bemerkungen stehen. Tatsächlich hatte die „Naturgeschichte“ für alle nachchristlichen Jahrhunderte bis zur Wiederbelebung der Wissenschaften eine Bedeutung, wie sie nur wenige Bücher hatten. Sie war die wichtigste Quelle für jede Art von Kenntnis in den Naturwissenschaften und vielen anderen Bereichen. Dies blieb so lange der Fall, bis man das eigene Beobachten und Forschen höher als Autoritäten und Buchwissen einstufte und damit die Grundlagen für einen Neuaufbau der Naturwissenschaften schuf.

Dass die Elemente des alten Wissens nicht nur viele wertvolle Informationen für diesen Neuaufbau lieferten, sondern auch durch ihre Unvollkommenheiten Anreize zur Weiterentwicklung gaben, wird bei der Bewertung antiker Schriften oft übersehen. Deshalb ist das Urteil je nach eingenommener Haltung äußerst schwankend und widersprüchlich – das gilt gleichermaßen für Plinius wie für Theophrast, Aristoteles und viele andere. Man hat sie mal hoch gelobt, mal herabgewürdigt; selten jedoch wurden sie angemessen gewürdigt. Selbst Forscher wie Cuvier und Buffon, die zu den bedeutendsten der Neuzeit gehören, versagten Plinius ihre Anerkennung nicht. So schreibt Buffon in seiner großen „Naturgeschichte“, der er ein Wort des Plinius

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Es wird über ihn gesagt: „Sein Werk umfasst nicht nur die Tiere, die Pflanzen und die Mineralien, sondern auch die Erd- und Himmelskunde, die Medizin, die Entwicklung des Handels und der Künste – kurz alle Wissenschaften. Erstaunlich ist, wie bewandert Plinius sich auf allen Gebieten zeigt. Erhabenheit der Gedanken und Schönheit des Ausdrucks vereinigen sich bei ihm mit tiefer Gelehrsamkeit.“ Auch A. v. Humboldt, der uns im 2. Band seines „Kosmos“ eine Geschichte der physischen Weltanschauung hinterlassen hat, hat für Plinius Worte der Anerkennung. Er bezeichnet die „Naturgeschichte“, dem das Altertum nichts Ähnliches an die Seite zu setzen habe, als das großartige Unterfangen einer Weltbeschreibung. Trotz aller Mängel des Werkes hatte dem Autor ein einziges großes Bild vorgeschwebt. Man möchte hinzufügen, dass Plinius für seine Zeit das versucht hat, was v. Humboldt im „Kosmos“ anstrebte. Und wenn Plinius selbst sein Werk als eine Enzyklopädie bezeichnete, so ist zu bedenken, dass dieses Wort seit dem Altertum seine Bedeutung gewechselt hat. Es bedeutete nämlich etwa so viel wie „Vollkreis und Inbegriff der allgemeinen Wissenschaften“, während man heute darunter eine Art Wörter- und Nachschlagebuch versteht. Neuere historische Darstellungen, deren Autoren die „Naturgeschichte“ vielleicht nicht einmal genau kennen, haben Plinius manchmal als enzyklopädischen Vielschreiber und geistlosen Kompilator abgetan. Dabei fielen sie selbst in den Fehler, zu Nachahmern der abfälligen Urteile zu werden, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts über das Altertum und seine Schriftsteller (insbesondere aus naturwissenschaftlicher Sicht) in Umlauf kamen. Heute ist hingegen eine sachlichere Würdigung der historischen Entwicklung im Entstehen begriffen; daher würde man wohl allgemein ablehnen, wenn jemand Plinius oder Aristoteles an dem Maßstab eines modernen Forschers messen wollte. Um den richtigen Maßstab zu finden, müssen wir sie aus der Zeit heraus verstehen, die sie hervorgebracht hat, und ihre Werke mit denen derselben oder einer noch naheliegenden Epoche vergleichen. Dabei richtet sich der Blick zunächst auf die christliche und arabische Literatur des Mittelalters. Und wenn man die „Naturgeschichte“ des Plinius mit einem Produkt jener Literatur vergleicht, das dasselbe Ziel verfolgt – beispielsweise mit dem „Buch der Natur“ von Konrad Megenberg –, dann erscheint das Werk des Römers in einem völlig anderen, und vor allem im richtigen Licht.

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Der Anerkennung, die man der „Naturgeschichte“ des Plinius während des gesamten Mittelalters zollte, entspricht es, dass aus diesem Zeitraum eine große Anzahl von Handschriften – es sind nicht weniger als zweihundert – auf uns gelangt sind. Von den älteren ist allerdings keine einzige vollständig; sie sind sogar oft sehr fragmentarisch. Sämtliche neueren Handschriften lassen übrigens erkennen, dass sie auf einen Archetyp (d.h. die gleiche alte Vorlage) zurückzuführen sind.

Fortschritte der Anatomie und der Heilkunde.

Für die Beschäftigung mit den Tieren und den Pflanzen waren bei den Römern, wie in der alexandrinischen Akademie, an erster Stelle medizinische und landwirtschaftliche Aspekte maßgeblich. Wichtig war es auch, dass man sich über die Bedenken hinwegsetzte, die bis dahin von einem Eindringen in die Struktur und Funktionen des menschlichen Körpers abgehalten hatten. Schon bald nach Aristoteles, dessen anatomisches Wissen, wie wir sahen, zumindest was den Menschen betrifft, noch gering war, unterschied man Arterien und Venen. Man bemerkte außerdem, dass ihre Verzweigungen dicht beieinander liegen. Da man die Arterien jedoch beim Zerschneiden eines toten Körpers leer fand, glaubte man, dass es ihre Aufgabe sei, im lebenden Organismus Luft zu transportieren. Zu einer zwar noch mit vielen Unrichtigkeiten durchsetzten Vorstellung von der Bewegung des Blutes, deren wahrer Ablauf erst Harvey im 17. Jahrhundert erkannte, kam der römische Arzt Galen (131–201 n. Chr.). Galen wurde in Pergamon geboren. Er erhielt seine Ausbildung in Griechenland, praktizierte aber die Medizin in Rom (von 164–201 n. Chr.) und hielt dort auch Vorlesungen über Anatomie, für die er wertvolle Erkenntnisse auf Grundlage von Zootomieuntersuchungen lieferte. Galen betrachtete Anatomie und Physiologie als die Grundlagen der Heilkunde und bemühte sich bereits, physiologische Fragen auf experimentellem Weg zu klären. Die Bewegung des Blutes beschreibt er wie folgt – wobei wir die heutige Begrifflichkeit verwenden wollen: „Durch die Venen gelangt das Blut in den rechten Teil des Herzens. Durch die Wärme des Herzens werden die noch nutzbaren Bestandteile vom unbrauchbaren Teil getrennt. Letzterer wird durch die Lungenarterie zu den Lungen geleitet und beim Ausatmen entfernt.“

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Gleichzeitig ziehen die Lungen das Pneuma aus der Atmosphäre an538. Das Pneuma gelangt durch die Lungenvenen zum linken Herzen, verbindet sich hier mit dem Blut, das durch die Herzwand austreten soll, und wird anschließend durch die Aorta in alle Teile des Körpers geleitet und schließlich wieder in die Venen zurückgeführt.
Vom großen Blutkreislauf hatte Galen539 also bereits eine Vorstellung, obwohl ihm unbekannt blieb, dass die gesamte Blutmasse nach Abschluss dieses Kreislaufs durch die Lungen geführt wird. An die Stelle einer richtigen Auffassung von der Rolle des Sauerstoffs in der Luft, die erst durch zunehmendes Verständnis der chemischen Prozesse möglich wurde, trat bei Galen die Annahme eines mystischen Pneumas. Unter diesem verstand man nicht die Luft selbst, sondern ein in ihr vorhandenes, belebendes Prinzip.
Über die Fortschritte, die die Anatomie zur Zeit der römischen Herrschaft machte, gibt uns Galens Werk die beste Auskunft540. Es verdient auch deshalb besondere Aufmerksamkeit, weil es die einzige ausführliche, aus der Antike überlieferte Darstellung der Anatomie ist. Galen beginnt mit der Anatomie des Gehirns sowie der daraus hervorgehenden Nervenpaare. Danach folgen die Beschreibungen des Auges, der Zunge und der Lippen. Die Bewegung wird durch das Verhalten der Muskeln erklärt; Galen gibt an, dass diese sich zusammenziehen und wieder entspannen541. Zu sehr wichtigen physiologischen Erkenntnissen gelangte Galen, weil er als einer der ersten den vivisektoralen Versuch anwandte. In seinem Buch werden daher die Auswirkungen beschrieben, die das Durchtrennen des Glossopharyngeus-Nervs, des Sehnervs und des Hörnervs hat. Besonders faszinierend sind die an dem Glossopharyngeus-Nerv durchgeführten Experimente. Galen erwähnt, dass sich auf jeder Seite der Zunge zwei Nerven befinden. Wenn man eines der Paare durchtrennt, sei die ganze Zunge der willkürlichen Bewegung beraubt, während die Durchtrennung nur eines dieser Nerven nur die Hälfte der Zunge lähmt542. Das zweite Nervenpaar, so Galen weiter, verbinde sich nicht mit den Muskeln, sondern verteile sich in der Zungendecke und übertrage die Empfindungen. „Der Nerv bringt die Geschmacksempfindung vom Gehirn herab“, heißt es bei ihm.
Hervorzuheben ist auch Galens Beschreibung des Lidhebemuskels sowie insbesondere seine anatomische Untersuchung der Nerven und Muskeln.

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der Kehle – eine Untersuchung, bei der es ihm vor allem darauf ankam, das Wesen der Stimmbildung festzustellen.
Ein Buch Galens handelt von den Venen und den Arterien, ein zweites von den Fortpflanzungsorganen. Auch der Fötus mit seinen Hüllen und die Plazenta werden beschrieben.

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Abb. 43. Chirurgische Instrumente.

Wenn es für die Entwicklung der Medizin von großer Bedeutung ist, dass Galen in einem umfassenden Lehrwerk das Ganze der griechischen Heilkunde darstellte, so ist es aus rein wissenschaftlicher Sicht gerade Galens Methode, die unser höchstes Interesse beansprucht. Schließlich war er es, der zuerst in größerem Umfang durch seine an lebenden Tieren durchgeführten Untersuchungen sich der Erforschung der Vorgänge im Organismus widmete. Zu Recht kann Galen daher als Begründer der experimentellen Physiologie bezeichnet werden543. Inwieweit die Heilkunde bereits durch die Leistungen der Mechaniker gefördert wurde, zeigt uns das aus der Antike erhaltene ärztliche Besteck (Abb. 43). Es sei noch erwähnt, dass Galen, wie Jahrhunderte zuvor die Verfasser der hippokratischen Schriften, der hygienisch-diätetischen Seite der Heilkunde großen Wert beimaß. Galen entwickelte ausführlich seine Ansichten über die Wirkung der Luft und der Nahrungsmittel und bewertete auch Schlaf und Wachen, Ruhe, Bewegung sowie Gemütszustände aus medizinischer Sicht. In dieser prophylaktischen Richtung folgte ihm im Mittelalter die Schule von Salerno544.

Erst dadurch, dass Galen zu einem im Großen und Ganzen richtigen Verständnis des Wesens der Muskeln, Sehnen und Nerven gelangte, wurde die Heilkunde auf das Niveau einer Wissenschaft erhoben. Vor allem profitierte die Chirurgie von dem erlangten Verständnis der anatomischen Struktur des Körpers. Die Zoologie und die Botanik hingegen verloren im Vergleich zu der Betrachtung, die Aristoteles und Theophrast diesen Gebieten widmeten, an wissenschaftlicher Tiefe und wurden nur noch aus medizinischen Gründen weiterentwickelt. So entstand kurz vor Plinius’ Schriften die Arzneimittellehre des Dioskurides545.

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Wir finden dort etwa 600 Pflanzen erwähnt, die jedoch so oberflächlich beschrieben sind, dass es meist schwierig ist, die Arten mit Sicherheit zu erkennen. Bei den Bearbeitern der Schriften des Dioskurides finden wir nämlich als einen grundlegenden Merkmal, das uns bei allen naturwissenschaftlichen Schriftstellern des Mittelalters begegnet, dass man dem Wort fast größere Bedeutung beimaß als dem Ding selbst. Genaue Überlieferung der Namen, möglichst vollständige Auflistung der Synonyme sowie der volkstümlichen und geheimen Bezeichnungen nehmen in jenen Schriften den ersten Platz ein. Ja, es gab Schriftsteller, deren Hauptthema die Nomenklatur der Pflanzen sowie die darauf basierenden Betrachtungen zu Besonderheiten der Grammatik und der Synonymik war. Die Botanik berücksichtigte Dioskurides nur insofern, als es seinem Zweck diente. Die bei manchen seiner Vorgänger übliche alphabetische Anordnung der Pflanzen lehnte er ab und ordnete sie stattdessen nach ihm erscheinenden Gruppen. Dabei kam es jedoch zu vielen Fehlern. Es ist freilich schwierig zu entscheiden, was er selbst entdeckt hat und was er von seinen Vorgängern übernommen hat. Das Werk des Dioskurides blieb für das gesamte Mittelalter und noch darüber hinaus von großer Bedeutung. „Was einer späteren Zeit“, sagt Meyer in seiner Geschichte der Botanik, „Linnés Systema naturae wurde, das war für jene Zeit die Arzneimittellehre des Dioskurides – nur mit dem Unterschied, dass man nicht lange zögerte, auf Linnés Werk aufzubauen, während man auf dem Werk des Dioskurides eher ruhte.“ Tatsächlich galt Dioskurides nicht nur im Mittelalter als unangefochtene Autorität auf diesem Gebiet, sondern auch die Begründer der neueren Botanik knüpften Anfang des 16. Jahrhunderts oft an ihn an. Dabei wurden sie von dem Bestreben geleitet, die von Dioskurides beschriebenen Pflanzen wiederzufinden, wodurch die Liebe zur Natur neu belebt wurde. Während die Griechen im Bereich der Pflanzenkunde eher als Theoretiker hervortraten, förderten die Römer, gemäß ihrem auf das Nützliche ausgerichteten Denken, vor allem die angewandte Botanik. Eine Anregung dazu erhielten sie von den Karthagern. Dort entstand bereits im 6. Jahrhundert v. Chr., also lange vor den griechischen Georgikern, Magos’ Werk über die Landwirtschaft, das der römische Senat später ins Lateinische übersetzen ließ. Die Bedeutung der Karthager auf diesem Gebiet war daher groß.

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Das Phänomen lässt sich wohl auf ihre Abhängigkeit von der phönizischen Kultur zurückführen549. Das Interesse an der Pflanzenkunde wurde bei den Römern auch dadurch gefördert, dass sie sich mit besonderer Vorliebe dem Gartenbau widmeten. So kamen bei ihnen auch die Fensterbeete auf, welche die jungen Pflanzen vor Kälte schützten, aber durch ihre Glasplatten die Sonnenstrahlen durchließen550. Berühmt waren die Gärten, welche Kaiser Hadrian bei seinem Landsitz in Tibur, dem heutigen Tivoli, unterhielt. Auch die Landsitze, mit denen die römischen Großen die felsigen Gestade des Mittelmeers säumten, erhielten reichen gärtnerischen Schmuck. Die römischen Gärten wiesen jedoch auch manche Künstlichkeiten auf, sodass sich Stimmen erhoben, die, wie z. B. Horaz, die Rückkehr zur Natur predigten. Eines der besten Werke über die Landwirtschaft verfasste M. Portius Cato, der durch sein Bemühen, die Römer zur Einfachheit und Sittenreinheit zurückzuführen, bekannt gewordene Zensor. Das Werk551 beginnt mit dem Lobe der Landwirtschaft und enthält Vorschriften über die Obstzucht, den Anbau von Getreide sowie die Pflege anderer nützlicher Pflanzen552. Wir haben es bereits als eine der Quellen betrachtet, aus denen Plinius schöpfte.

Die Botanik als Hilfswissenschaft der Heilkunde.

Auch vom medizinischen Standpunkt aus beschäftigte sich Galen, der als Anatom und Arzt große Berühmtheit erlangte, mit Pflanzen. Auf seinen Reisen, die ihn nach Griechenland, Kleinasien, Ägypten und Palästina führten, bemühte er sich, alle Pflanzen, denen Heilwirkungen zugeschrieben wurden, an ihrem natürlichen Standort zu beobachten und zu sammeln. Welchen Wert man diesem Gebiet beimaß, geht auch daraus hervor, dass die römischen Kaiser jener Zeit Kräuter Sammler auf Kreta unterhielten, da die Arzneipflanzen dieser Insel besonders hoch geschätzt wurden. Galen lehnte diese Ansicht ab und vertrat die Meinung, dass Italien ebenso wirksame Arzneipflanzen aufweise. Durch viele archäologische Funde ist unsere Zeit mit den Pflanzen vertraut geworden, mit denen sich das Altertum beschäftigte. Zu denen, die die Mumienkisten Ägyptens enthielten, gehören vor allem die

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Pflanzliche Überreste, die bei der Ausgrabung von Pompeji zutage kamen. Sie sind im Nationalmuseum in Neapel aufbewahrt und zum Teil so gut erhalten, dass sie identifiziert werden konnten553. Ein besonderes Interesse, das manchmal sogar gekrönte Häupter beherrschte, galt in der Antike der Erforschung giftiger Pflanzen. König Attalos von Pergamon, so berichtet uns Plutarch554, züchtete giftige Pflanzen wie Bilsenkraut, Brechnuss, Wolfskralle und Stechapfel und machte es sich zur Aufgabe, ihre Säfte kennenzulernen und zu sammeln. Im Allgemeinen rivalisierte Pergamon eine Zeit lang mit Alexandria im Bereich der Förderung der Wissenschaften.

Die römische Naturanschauung bei Lukrez und Seneca.

Neben Plinius sind insbesondere noch zwei weitere römische Schriftsteller zu nennen, die über die Naturwissenschaften geschrieben haben: Lukrez und Seneca. Lucretius Carus (er starb 55 v. Chr.) entwickelte seine naturphilosophischen Ansichten, die auf Epikur zurückgingen, in einem Lehrgedicht, das einige bemerkenswerte Passagen enthält. Es trägt den Titel „De rerum natura“, wurde unter den literarischen Werken der voraugusteischen Zeit hochgeschätzt und ist sowohl in Form als auch in Inhalt griechischen Vorbildern entlehnt. Zu seinen Quellen nennt Lukrez neben Empedokles, dem „prächtigsten Schatz der reichen sizilianischen Insel“, vor allem Epikur. Aus den Schriften dieses Mannes, der „die anderen Weisen überstrahlte wie die Sonne die Sterne verdunkelt“, habe er die „goldenen Worte“ entnommen, die uns sein Lehrgedicht bietet. Für einen Dichter war es wohl keine leichte Aufgabe, die mechanistische Weltanschauung poetisch zu formulieren. Umso mehr verdient die Art und Weise, wie Lukrez diese ansprach und dadurch den Lorbeerkranz der Musen errang, unser Bewundern. Es sind nicht nur die Schönheit der Vergleiche sowie die lebendigen Beschreibungen gewaltiger Naturphänomene, die uns in seinem Werk fesseln, sondern vor allem die Genialität der auf der Ablehnung aller Götzendienste und Aberglauben beruhenden Lebensanschauung. Was seine Auffassung der Naturvorgänge555 angeht, müssen wir uns hier auf einige Andeutungen beschränken.

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„Nichts entsteht aus Nichts“, sagt Lukrez zusammen mit Demokrit und Epikur – selbst wenn die Götter es wollten. Vielmehr erzeugt die Natur stets das Eine aus dem Anderen. Die Dinge bestehen laut Lukrez aus unendlich feinen Teilchen; andernfalls wäre beispielsweise das allmähliche Verdünnen der im Gebrauch befindlichen metallenen Gegenstände völlig unerklärlich. Da bei absoluter Raumfüllung Bewegung unmöglich wäre, muss man annehmen, dass die Teilchen nicht dicht beieinander liegen, sondern durch leere Zwischenräume voneinander getrennt sind. Zudem sei alles schwer – selbst die Flamme im leeren Raum müsse schwer sein. Ihr Aufsteigen werde dadurch verursacht, dass der Luftstrom sie trotz ihrer natürlichen Schwere nach oben treibt, genauso wie das schwere Holz im Wasser nach oben steigt. Schall, Licht und Wärme sind für Lukrez physische Erscheinungen. Bemerkenswert ist seine, von Epikur übernommene Theorie der Bilder: Nach dieser nehmen wir die Dinge wahr, indem dünne Hüllen von ihrer Oberfläche abgelöst werden und durch die Luft zu unserem Auge schwimmen. Auch die magnetischen Erscheinungen werden durch die Annahme erklärt, dass feine Teilchen vom Magnet ausgehen. Selbst den Blitz lässt Lukrez aus glatten und winzigen Teilchen bestehen.

Eine Andeutung des Gesetzes der Erhaltung von Materie und Energie findet sich in den folgenden Zeilen: „Denn er (die Materie) vermehrt sich niemals, noch verringert er sich durch Zerstörung. Ferner war die Bewegung, die jetzt in den Urstoffen herrscht, schon von jeher da, und so wird sie auch künftig noch da sein. – Denn es gibt keinen Ort, wohin die Teile des Urstoffs entfliehen könnten, keinen Ort, von wo aus neue Kräfte hervorkommen könnten, um die Natur und Bewegung der Dinge zu verändern.“

Interessant ist außerdem, wie Lukrez das Verhältnis von Empfindung und Materie erörtert. Er schreibt die Empfindung nämlich nicht den Atomen zu, sondern nur deren Zusammensetzung. Denn, so meint er, könnten die menschlichen Atome doch nicht weinen und lachen. Dadurch hebt sich Lukrez über den extremen Materialismus der demokritischen Lehre hinweg.

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Außerdem bringt er bemerkenswerte Anschauungen über Gegenstände der physikalischen Geographie. So erklärt er den gleichmäßigen Bestand des Meeres als eine Folge des Kreislaufs des Wassers. Nach seiner Annahme gelangt das Wasser aus dem Meere auf unterirdischem Wege in die Gebirge zurück und speist dort unter Abgabe des Salzgehalts die Quellen. Die Erdbeben werden darauf zurückgeführt, daß die Erde mit Höhlungen, Strömen, Sümpfen und geborstenem Gestein ausgefüllt sei. Durch den Einsturz der Höhlen entstanden Erschütterungen, die man als Erdbeben bezeichnet.

Nicht minder merkwürdig als die Schrift des Lukrez sind die „Quaestiones naturales“ des römischen Dichters und Philosophen Seneca, der im Jahre 65 n. Chr. starb. Seneca meint, das Auge sei der trügerischste Sinn, da z. B. ein Ruder im Wasser wie gebrochen erscheine. Den Regenbogen hält er für das Spiegelbild der Sonne, denn einige Spiegel, sagt er, seien so beschaffen, daß sie die Gegenstände zu einer entsetzlichen Größe ausdehnen. Bei Seneca findet sich auch die einzige Stelle, welche darauf hinweist, daß die Alten das Prisma kannten und das Spektrum beobachtet haben. Seneca sagt nämlich, wenn man Glasstücke mit mehreren Kanten herstellt und die Sonnenstrahlen darauf fallen lässt, so erblicke man die Farben des Regenbogens. Er erwähnt ferner mit Wasser gefüllte Glaskugeln und ihre Eigenschaft, dahinter befindliche Gegenstände vergrößert darzustellen.

Dafür, daß die Römer mit den optischen Eigenschaften geschliffener Gläser vertraut waren, soll auch eine Angabe des Plinius sprechen. Es heißt dort, daß Nero sich eines Smaragds bediente, um besser sehen zu können. Dieser Stein sei konkav und dadurch geeignet gewesen, „die Sehstrahlen zu sammeln“. Man hat auch bei Ausgrabungen (so in Pompeji) linsenförmig geschliffene Gläser gefunden und nimmt an, daß sie als Brenngläser dienten. Auch bei den Ausgrabungen in Ninive wurde eine plankonvexe Linse aus Bergkristall entdeckt, die angeblich ebenfalls optischen Zwecken diente.

Für Seneca ist der Klang ein Druck der Luft. In dieser, annähernd richtigen Ansicht stimmt er mit Vitruv überein, der im Gegensatz zu Lukrez, der alles als Ausflüsse betrachtete, den Klang als eine Lufterschütterung ansieht. Diese Erschütterung entsteht laut Vitruv auf ähnliche Weise wie die Wellenkreise durch einen Stein im Wasser.

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Nur entstanden die Wellen beim Schall nicht allein in der Fläche, sondern sie dehnten sich auch in die Breite und in die Höhe (somit kugelförmig) aus.
Im 3. Buche findet sich ein Anklang an den als Apokatastasis bezeichneten periodischen Wechsel. Die Erde sollte nachdem562 verbrennen, wenn alle Wandelsterne im Krebse zusammenkämen und somit eine gerade Linie bildeten. Dagegen würde eine allgemeine Überschwemmung eintreten, wenn sich diese Konstellation im Steinbock wiederhole.
Die Höhe der Naturanschauung Senecas zeigt sich besonders in den Ansichten, die er über die Kometen entwickelt563. Seine Zeitgenossen, sagt er, seien der Meinung, die Kometen entstünden aus verdichteter Luft. Er aber halte sie für „ewige Werke der Natur“, und zwar deshalb, weil auch ihnen ein Kreislauf eigen sei.
Von Beobachtungsgabe und Scharfsinn zeugen auch die Ansichten, die Seneca über die geologischen Erscheinungen entwickelt. Die Erdbeben werden teils auf den Einsturz von Höhlungen des Erdinneren, teils auf dort angehäufte Gase zurückgeführt. Die Vulkane stellen die Verbindung zwischen der Oberfläche und dem glutflüssigen Erdinneren her. Unter den Vulkanen, welche Seneca aufzählt, findet der Vesuv keine Erwähnung, während Strabon ihn wegen der in seiner Nähe befindlichen Schlacken als einen erloschenen Vulkan betrachtete. Manche Bemerkungen Senecas über die lösende und die abtragende Tätigkeit des Wassers sowie über die Bildung von Ablagerungen stimmen mit den neueren geologischen Ansichten gut überein und „verraten durchweg ein gesundes Urteil“564. Auch Vitruv äußert in seiner Schrift „De architectura“ die Ansicht, daß in der Nähe des Vesuvs das Innere der Erde glühend sein müsse. Er schließt dies daraus, daß bei Bajae heiße Dämpfe aus dem Boden entweichen. Vitruv erwähnt ferner auf Grund der Überlieferungen, daß die Glut des Erdinneren in alten Zeiten Ausbrüche des Vesuvs veranlaßt habe; daher rühre wohl auch der Pumeksstein in der Nähe von Pompeji, der infolge der Hitze aus einem anderen Stein entstanden sei. Vitruv erwähnt außerdem, daß es Quellen gäbe, die vermöge ihrer Säure Blasensteine auflösen könnten, so wie Essig Eierschalen auflöst565.

Chemische Kenntnisse und ihre Anwendungen.

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Über die mineralogischen und chemischen Kenntnisse der Römer erfahren wir manches durch Plinius 566. Eingehender befasst sich dieser mit dem Glas. Er schildert seine Herstellung aus Sand, Soda (Nitrum) und Muschelschalen567. Auch ist ihm bekannt, dass man mit Kugeln aus Glas oder Kristall sowie mit kugeligen, mit Wasser gefüllten Glasgefäßen in der Sonne Hitze erzeugen kann568. Die Römer stellten sogar Treibhäuser mit gläsernen Wänden her, um auf diese Weise frühzeitig frisches Gemüse zu erhalten. Aus Glas gefertigte Spiegel finden gleichfalls schon bei Plinius Erwähnung. Neuere Ausgrabungen haben solche auch zutage gefördert. Der Belag dieser antiken Spiegel besteht bald aus reinem Blei569, bald aus anderen Metallen.

Auch über die wichtigsten Farbstoffe und ihre Verwendung berichtet Plinius. Er erwähnt den Krapp und den Indigo, mit denen man die Wolle färbte. Wie man in Indien den Indigo gewinnt, ist ihm indessen nicht bekannt. Am weitesten hatten es in der Kunst zu färben nach Plinius die Ägypter gebracht. Er erzählt von ihnen, dass sie die Stoffe vor dem Färben mit besonderen Flüssigkeiten (Beizen) behandelten.

Plinius kannte auch schon die Seife. Er erzählt, dass sie von den Galliern und den Germanen durch Kochen von Talg mit Pflanzenasche hergestellt werde. Wahrscheinlich wurde die Aschenlauge durch Zusatz von Kalk kaustisch gemacht570.

Mancherlei über die chemischen Kenntnisse zur Zeit der Römerherrschaft erfahren wir auch durch die um 75 n. Chr. entstandene Arzneimittellehre des Dioskurides. So spricht dieser vom Verzinnen von Kesseln571. Dass gewisse Mineralien beim Übergießen mit Essig Gas entwickeln, war im Altertum bekannt. Plinius knüpft daran die Bemerkung an, der Essig sei stärker als das Feuer, denn er bezwinge Felsen, die dem Feuer Widerstand leisteten572.

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6. Das Schicksal der antiken Wissenschaft.
In die Zeit der römischen Weltherrschaft fällt eine weitere Blütezeit der alexandrinischen Akademie. Die damit verbundene große Bibliothek war zwar im Jahr 47 v. Chr. zum größten Teil zerstört worden. Als Ersatz dafür gelangten zahlreiche Schriftrollen der pergamenischen Bibliothek nach Alexandria (siehe S. 153). Eine zweite, kleinere Bibliothek befand sich dort im Serapeion. Sie wurde gegen Ende des 4. Jahrhunderts bei einem von den Christen ausgelösten Aufstand zerstört. Dennoch blieb Alexandria noch lange über das 4. nachchristliche Jahrhundert hinaus die bedeutendste Hochschule des Orients573.

Das ptolemäische Weltbild.
Als berühmteste Persönlichkeit unter den alexandrinischen Gelehrten der nachchristlichen Jahrhunderte strahlt uns der Name Ptolemäos entgegen. Zunächst müssen wir uns mit seinen Leistungen für die Weiterentwicklung der Astronomie und Geographie beschäftigen. Ptolemäos lebte im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria. Als Mathematiker, Astronom, Physiker und Geograph erwarb er sich große Verdienste. Wahrscheinlich wurde er in Ptolemais im Oberägypten geboren. Über sein Leben ist sonst fast nichts bekannt. Ptolemäos verfasste zahlreiche Schriften, die teilweise im Original, teilweise in arabischer oder lateinischer Sprache erhalten geblieben sind. Die wichtigsten sind die „Geographie“, der „Almagest“ (das wichtigste astronomische Werk) und die „Optik“.
Das Weltbild des Aristarchos war zwar eine kluge Idee; doch allein die heliozentrische Ansicht konnte noch keine solide Grundlage für eine genaue Beschreibung der am Himmel stattfindenden Vorgänge bieten. Daher konnte dieses System in der Antike keine allgemeine Anerkennung finden – insbesondere weil es an den mechanischen Begriffen mangelte, die damit in Einklang gebracht werden mussten. So entwickelte Ptolemäos

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den später auch Koppernikus und Galilei gegenüber gemacht, von
letzterem aber entkräfteten Einwand, daß eine Drehung der Erde um ihre
Achse die Ablenkung eines senkrecht in die Höhe geworfenen Körpers zur
Folge haben müßte. Ferner galt der von Aristoteles herrührende Satz, daß
die Bewegungen der Himmelskörper, weil die letzteren göttlich und ewig
seien, gleichmäßig und im Kreise vor sich gehen müßten, dem Ptolemäos,
wie dem gesamten Altertum, als eine unumstößliche Wahrheit. Zwar hatte
es den Anschein, als ob sich die Planeten, sowie die Sonne und der Mond
am Fixsternhimmel bald schneller, bald langsamer bewegten; erstere
schienen sogar zeitweilig stillzustehen und sich bald vor-, bald rückwärts zu
bewegen.
Die Unregelmäßigkeit der jährlichen Sonnenbewegung machte sich dem
Ptolemäos vor allem darin bemerkbar, daß die Sonne 178 Tage und 18
Stunden gebraucht, um im Verlauf des Winterhalbjahres vom Herbstpunkt
zum Frühlingspunkt zu gelangen, während sie die andere Hälfte der
Ekliptik, also den Weg vom Frühlings- zum Herbstpunkt, in weit längerer
Zeit, nämlich in 186 Tagen und 11 Stunden, zurücklegt574. Diese als die erste
Ungleichheit bezeichnete Unregelmäßigkeit entspringt, wie wir heute
wissen, daraus, daß die Himmelskörper sich nicht in Kreisen, sondern in
Ellipsen bewegen. Die zweite Ungleichheit, die nur bei den Planeten
auftritt, wird dadurch hervorgerufen, daß wir unsere Beobachtungen von
der Erde aus anstellen, die sich ihrerseits wieder um die Sonne bewegt.
Dieser Umstand ist es, der die scheinbaren Stillstände und Rückgänge der
Planeten verursacht. Auch daß an dem Monde eine als Evektion bezeichnete
Ungleichheit in die Erscheinung tritt, bemerkte Ptolemäos schon575. Wir
führen sie heute auf Störungen zurück, welche die Mondbewegung durch
die Sonne erleidet. Sie ist die bedeutendste unter den Unregelmäßigkeiten
der Mondbewegung und erreicht einen Betrag von mehr als einem Grad.
Schon Platon hatte es als die wichtigste Aufgabe der Astronomie
bezeichnet, die beobachteten, scheinbar unregelmäßigen Bewegungen auf
gleichmäßige zurückzuführen, da, wie er sagte, keine Ursache dafür
vorhanden sei, daß die himmlischen Körper sich anders als gleichmäßig
bewegen sollten. Der erste, der eine Lösung der von Platon gestellten
Aufgabe versuchte, war sein Schüler Eudoxos von Knidos. Er bediente
sich dazu der Theorie der homozentrischen Sphären; und es gelang ihm so,
die zweite Ungleichheit als ein gesetzmäßig bestimmtes

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Ein Bewegungsfenomen darzustellen. Nach Eudoxos ist jeder Planet auf einer rotierenden Kugel befestigt. Die Pole dieser Kugel liegen in einer zweiten Kugel, die ebenfalls um eine Achse rotiert. Es ging nun darum, die Geschwindigkeiten jener Kugeln sowie die Lage ihrer Achsen so zu wählen, dass dadurch dem tatsächlichen Verlauf der Erscheinungen möglichst Rechnung getragen wurde. Zu diesem Zweck mussten für den Mond und für die Sonne jeweils drei sowie für jeden Planeten vier Kugeln angenommen werden. Auf diese Weise gelang es am besten, die Bewegungen der weiter entfernten Planeten Saturn und Jupiter gewissermaßen in eine Regel zu fassen. Die größten Schwierigkeiten bereitete der Mars, bei dem später Tycho und Kepler nach endlosen Mühen den wahren Ablauf der Planetenbewegungen entdecken sollten. Um die Theorie besser mit den Beobachtungen in Einklang zu bringen, wurde später die Anzahl der Kugeln noch erhöht. Hipparch und Ptolemäus wählten einen anderen Weg: Sie nutzten zur Beseitigung der ersten Unregelmäßigkeit exzentrische Kreise und zur Überwindung der zweiten Unregelmäßigkeit den Epizykel. Hipparch erklärte das Phänomen, dass die Sonne auf ihrer jährlichen Bahn eine größere und eine kleinere Geschwindigkeit annimmt, indem er die Erde vom Mittelpunkt verlagerte und die Sonne um diese in gleichmäßiger Bewegung einen exzentrischen Kreis beschreiben ließ. Die Größe der Exzentrizität konnte nun leicht so gewählt werden, dass dadurch dem Verlauf der Erscheinungen Rechnung getragen wurde. Die Annahme exzentrischer Kreise vermochte jedoch nicht einmal die Bewegung des Mondes – geschweige denn die der Planeten – zu erklären. Deshalb griff Ptolemäus auf eine Idee zurück, die der Mathematiker Apollonios geäußert hatte, und nutzte zwei oder mehr Kreisbewegungen. Zur Veranschaulichung dient Abbildung 44: Sei E die Erde, um die mit einem Radius R = Mm ein exzentrischer Kreis gezogen ist. Auf diesem Kreis bewegt sich jedoch nicht der betreffende Himmelskörper, sondern der Mittelpunkt der Kreisbahn p q t s, in der erst der Planet mit gleichmäßiger Geschwindigkeit sich bewegt. Diese Kreisbahn wird der Epizykel genannt; die Theorie daraufhin die Epizyklentheorie. Es ist offensichtlich, dass sich der Himmelskörper, vom Standpunkt der Erde aus gesehen, in p schneller bewegt als in t, wo seine Bewegung derjenigen des Epizykels entgegengesetzt ist. Ebenso ist klar, dass trotz der angenommenen gleichmäßigen Bewegung, mit deren Hilfe der Anforderungen Platons Genüge getan wurde, scheinbare Stillstände und Rückschritte auftreten können. Es ging lediglich darum, das

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Das Verhältnis von r und ME zu R sowie die Umlaufzeiten um M und m sollten so gewählt werden, dass dem Verlauf der Erscheinungen durch die hypothetischen Bewegungen Genüge getan wurde und letztere aus den angenommenen Verhältnissen berechnet werden konnten. Stimmen die Berechnungen dann nicht mit neuen, auf Grund der Berechnungen vorgenommenen Beobachtungen überein, so wurde ein dritter Epizykel eingeführt, dessen Mittelpunkt den Kreis p q t s beschrieb. Durch eine Verknüpfung solcher Kreisbewegungen lässt sich offensichtlich jede, nach einem bestimmten Gesetz auf beliebiger Bahn ablaufende Bewegung darstellen.

Abb. 44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie.

Ptolemäus wandte die Epizyklentheorie zunächst auf die Erklärung der Mondbewegung an. Dass die Entfernung des Mondes von der Erde beträchtlichen Schwankungen unterliegt, ging ihm aus der Tatsache hervor, dass der scheinbare Durchmesser des Mondes nach seinen Beobachtungen zwischen 311/3 und 351/3 Minuten schwankt. Aristoteles hatte also recht, als er behauptete, „dass derselbe Diskus, bei sich gleichbleibender Entfernung vom Auge, den Mond bald bedecke, bald nicht“.
Um die Ungleichheiten des Mondumlaufs zu erklären, ließ Ptolemäus das Gestirn einen Epizykel beschreiben, der sich innerhalb eines Zeitraums vollziehen sollte, in dem der Mond zu demselben Endpunkt seiner großen Bahnachse zurückkehrt. Der Mittelpunkt dieses Epizykels umlief

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Die Erde in einem Kreislauf, der gegen die Ekliptik, der Neigung der Mondbahn entsprechend, schief orientiert war. Die Dauer dieses Kreislaufs betrug bis zur Rückkehr zu den Knoten, den Punkten, an denen sich Ekliptik und Mondbahn schneiden. Auf diese Weise gelang es Ptolemäus, dass Berechnungen und Beobachtungen, zumindest im damaligen Stand der astronomischen Wissenschaft, weitgehend übereinstimmten. Dasselbe Ziel verfolgte Ptolemäus bezüglich der Planetenbewegung unter Verwendung von Epizyklen und exzentrischen Kreisen. Doch waren die Schwierigkeiten hier fast noch größer. Solange man die Epizyklentheorie als bloße Hilfshypothese betrachtete und verwendete, ließ sich dagegen nichts einwenden. Noch heute nutzen wir zur Beschreibung von Naturvorgängen manche Fiktionen, die dem Fortschritt des Wissens nur dann gefährlich werden, wenn wir daran gewöhnt sind, in ihnen den wahren Grund der Erscheinungen zu sehen. Man denke nur an die Annahme magnetischer und elektrischer Fluida, deren tatsächliches Vorhandensein kein Physiker für möglich hält, obwohl sie einer elementaren Beschreibung der magnetischen und elektrischen Vorgänge zugrunde liegen. Mit der zunehmenden Komplexität solcher Hypothesen wird jedoch ihre Anwendung immer schwieriger. Schon aus diesem Grund trug die Epizyklentheorie den Keim des Untergangs in sich – auch wenn ihre Herrschaft noch lange andauern sollte. Denn selbst Kopernikus war, nachdem er die Sonne, wie er sich ausdrückte, auf ihren „königlichen Thron“ in die Mitte der um sie kreisenden Himmelskörper gesetzt hatte, gezwungen, die Epizyklen erneut als Hilfsmittel zu verwenden, da er an der Vorstellung einer kreisförmigen Planetenbewegung festhielt. Zwar verschwand bei Annahme der heliozentrischen Theorie die sogenannte zweite Ungleichheit, da sie aus der Betrachtung der Erde als Bewegungszentrum entstand. Anders sah es mit der ersten Ungleichheit aus, die dadurch entsteht, dass sich die Himmelskörper nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen. Da Kopernikus noch nicht einmal an eine andere als die kreisförmige Bewegung dachte, blieb ihm zur Erklärung der ersten Ungleichheit nichts anderes übrig, als die Epizyklentheorie anzuwenden. Das astronomische und trigonometrische Wissen seiner Zeit führte Ptolemäus, nachdem es durch ihn erheblich erweitert worden war, in einem Lehrbuch zusammen.

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Das von den Arabern Almagest genannte Werk galt im gesamten Mittelalter in astronomischer Hinsicht als ein „Evangelium“. Schon im Mittelalter bestand das Bedürfnis nach einer Verbesserung der von Ptolemäus überlieferten Planetentabellen. Um das Jahr 1250 berief daher König Alfons von Kastilien eine Anzahl von Gelehrten herbei, die neue astronomische Tabellen, die sogenannten Alfonsinischen Tabellen, entwickelten – Tabellen, die einen bedeutenden Fortschritt gegenüber denen von Ptolemäus darstellten. An der Epizyklentheorie wurde jedoch trotz ihrer wachsenden Komplexität nicht gerüttelt, was Alfons dazu veranlasst haben soll zu sagen, die Welt wäre einfacher gewesen, wenn Gott ihn bei ihrer Schöpfung um Rat gefragt hätte.

Neben der oben skizzierten, dem damaligen Stand der Astronomie entsprechenden Epizyklentheorie finden wir im Almagest auch die bereits von den älteren alexandrinischen Astronomen sowie von Hipparchus in Angriff genommene Bestimmung der Positionen der Fixsterne fortgesetzt. Die von Ptolemäus erstellte Liste umfasst 1022 Sterne, die nach ihrer Lage innerhalb der von den Griechen angenommenen Sternbilder sowie nach Länge und Breite bestimmt sind. Auch die Untersuchung der von Hipparchus entdeckten Präzession der Tag- und Nachtgleichen – deren Größe auf etwa einen Grad pro Jahr geschätzt wurde – wurde von Ptolemäus wieder aufgenommen. Eine Bestätigung dieses Phänomens war nämlich sehr wichtig, da Hipparchus sich nur auf die wenig genauen Beobachtungen der älteren Alexandriner stützen konnte.

Bevor wir die Beschreibung der astronomischen Leistungen von Ptolemäus beenden, sei noch etwas aus dem Inhalt des Almagest mitgeteilt, aus dem sich der Standpunkt erschließen lässt, den die Astronomie in Alexandria erreicht hatte. Die Erde ist eine Kugel; sie befindet sich im Zentrum des Himmels, kann aber im Vergleich zu den Himmelsräumen nur als ein Punkt angesehen werden. Während die Erde unbeweglich bleibt, bewegen sich die Gestirne auf kreisförmigen Bahnen. Das sind die Aussagen, die an der Spitze des Werkes stehen. Die Länge eines Jahres wird im Almagest mit 365 Tagen, 5 Stunden und 55 Minuten angegeben. Die Erde ist 39 Mal so groß wie der Mond, während die Sonne den Mond 6600 Mal in ihrer Größe übertreffen soll.

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übertreffen sollte. Was die Entfernungen betrifft, so wird angegeben, dass der Mond 59, die Planeten hingegen 1210 Erdhalbmesser von uns entfernt seien. Die Abstände der Himmelskörper von der Erde richten sich nach Ptolemäus wie folgt: Dem Mond folgt zunächst Merkur, dann Venus und anschließend die Sonne. Die weitere Reihenfolge ist Mars, Jupiter und Saturn. Auf diese sieben Planeten, deren Zahl erst durch Herschels Entdeckung des Uranus erhöht wurde, folgen die Fixsterne. An die Beschreibung dieses nach ihm benannten Weltbildes schließt sich eine Darstellung der Grundzüge der flachen und der sphärischen Trigonometrie an, der wichtigsten Hilfswissenschaften der Astronomen.

Hilfswissenschaften der Astronomie.

Die astronomischen Leistungen von Ptolemäus wurden dadurch ermöglicht, dass die beiden wichtigsten Hilfswissenschaften der Astronomie, die Mathematik und die Messkunst, bedeutende Fortschritte gemacht hatten. Die wichtigste Vorarbeit auf dem Gebiet der Mathematik leistete der Astronom Menelaos von Alexandria, dessen Sternbeobachtungen im Almagest erwähnt werden. Menelaos verfasste ein Werk über die Berechnung der Sehnen, das verloren gegangen ist, sowie ein zweites Werk mit dem Titel „Sphärik“, in dem er die Grundzüge der sphärischen Trigonometrie entwickelte; dieses ist jedoch nur in Übersetzungen bekannt geworden. Menelaos formulierte bereits den Satz, dass in jedem sphärischen Dreieck die Summe der drei Winkel größer als zwei Rechtecken ist. Er zeigte außerdem, dass gegenüber gleich langen Seiten desselben sphärischen Dreiecks gleich lange, gegenüber ungleichen Seiten ungleiche Winkel liegen – wobei den längeren Seiten die größeren Winkel zugeordnet sind. Sein Werk enthält die wichtigsten Sätze über die Kongruenz sphärischer Dreiecke sowie jene Sätze über Transversalen im flachen und im sphärischen Dreieck, die bis heute als Menelaos’sche Sätze bezeichnet werden. Ptolemäus vollendete das, was Hipparchos und Menelaos auf dem Gebiet der flachen und der sphärischen Trigonometrie begonnen hatten. Er gab dieser Wissenschaft für den astronomischen Gebrauch eine Form, die, genauso wie seine Lehren, länger als ein Jahrtausend erhalten geblieben ist.

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Als der letzte unter den großen Mathematikern der Antike gilt Diophantos von Alexandria. Dieser verfasste ein Werk über Arithmetik, das etwa zur Hälfte erhalten geblieben ist582. Er titulierte es ἀριθμητικά und eröffnete damit ein bis dahin kaum betretenes Gebiet.
Bei Diophantos finden wir bereits bestimmte Zeichen und Abkürzungen, während vor ihm die Berechnungen meist nur durch Worte dargestellt wurden und höchstens gewisse Fachbegriffe (wie bei den alten Ägyptern) vorkamen. Für die Unbekannte (unser x) verwendete Diophantos beispielsweise das Sigma, ς – den einzigen griechischen Buchstaben, der keine bestimmte Zahl bedeutete. Für die zweite Potenz lautet sein Zeichen δῦ (δύναμίς = Quadrat), für die dritte kῦ (κύβος = Würfel). Für die sechste Potenz schrieb Diophantos κῦ κῦ. Höhere Potenzen kommen bei ihm nicht vor. Für die Subtraktion verwendet er ein besonderes Zeichen (⋔ = umgekehrtes ψ). Zu addierende Größen hingegen werden ohne ein Zeichen nebeneinander gestellt. Sogar ein Gleichheitszeichen (ι als Abkürzung von ἴσοι, gleich) fehlt nicht583. Diese Beispiele zeigen ausreichend, dass wir bei Diophantos bereits ein Verfahren antreffen, das seine herausragenden Erfolge erklärt. Ein wesentlicher Mangel der diophantischen Algebra besteht darin, dass sie den Gegensatz von positiv und negativ noch nicht kennt. Dies hat seinen Grund darin, dass Diophantos nur Differenzen bildet, bei denen der Minuend größer als der Subtrahend ist. Eine größere Zahl von einer kleineren abzuziehen – die algebraische Operation, die ja zum Begriff der negativen Zahl geführt hat – erschien ihm als etwas Unmögliches. Führte die Lösung einer Gleichung auf negative Werte, so erklärte Diophantos einen solchen Fall für unzulässig. Eine Rolle spielte diese Beschränkung insbesondere bei der Lösung quadratischer Gleichungen, mit denen sich Diophantos sehr gut auskannte. Bei ihm finden wir auch die erste kubische Gleichung – doch bleibt dieser Fall vereinzelt. Zudem ließ sich die betreffende Gleichung auf einen niedrigeren Grad reduzieren584. Diophantos gibt die Lösung, ohne jedoch sein Verfahren anzugeben.
Was Diophantos vor allem auszeichnet, ist die Art und Weise, wie er bei fast allen Problemen von den Einzelfällen losgelöst wird und sich einer allgemeineren Betrachtung zuwendet.

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Die Stellung, die Diophant in der Entwicklung der Wissenschaften einnimmt, ist infolgedessen eine ganz einzigartige. Einmal treten uns seine Schöpfungen, die von allem, was vor ihnen liegt, so sehr verschieden sind, ganz unvermittelt entgegen. „Eine ganz andere Luft weht in den Schriften dieses Arithmetikers als in denjenigen der klassischen Geometer“585. Und wie es an nachweisbaren Vorstufen und Vorläufern fehlt, so mangelt es im auf Diophant folgenden Jahrtausend auch an Mathematikern, die das von ihm Begonnene fortgesetzt hätten. Erst zu Beginn der neueren Periode vermochte man an Diophant anzuknüpfen und eine höhere Mathematik zu schaffen, deren wichtigstes Element, wie bei Diophant, allgemeine Zahlen sind – betrachtet sowohl für sich allein als auch in ihrer Beziehung zu geometrischen und physikalischen Größen.

Diophant lebte vermutlich im 3. nachchristlichen Jahrhundert; jedenfalls ist sein Werk später als die Schriften des Ptolemäos verfasst worden. Auf die Entwicklung der alten Astronomie hatte es keinen Einfluss ausgeübt586. Die Förderung, welche die Messkunst bei den Vorgängern des Ptolemäos erfahren hatte, wusste dieser sich nicht weniger als die mathematischen Fortschritte zunutze zu machen. In der Jugendzeit der Astronomie wurden die Entfernungen am Himmelszelt wohl nach Mondbreiten geschätzt, wobei vermutlich zwei um ein Scharnier drehbare Stäbe verwendet wurden, in deren Treffpunkt sich das Auge des Beobachters befand. Die Alexandriner nutzten zwei Arten von Winkelmessinstrumenten: Beim einen wurde eine gerade Linie, beim anderen die Kreiseinteilung angewandt. Zu der ersten Art gehört das parallaktische Lineal, auch Regula Ptolemaica genannt, das Ptolemäos im Almagest beschreibt. Es besteht aus einem senkrecht und drehbar aufgestellten Stab, um dessen oberen Endpunkt sich ein gleich langer Stab mit Dioptern zur Anvisierung des Gestirns bewegen ließ. Am unteren Ende des senkrechten Stabs war ein dritter, drehbarer Stab mit Längenmarkierungen angebracht; dieser Stab ließ sich in einer Rille des Diopteralinials verschieben. Bei jeder Höhenmessung konnte die Position des Diopteralinials auf der Gradmarkierung des zweiten, beweglichen Stabs abgelesen werden, woraufhin der entsprechende Winkel aus der Sehnentafel entnommen werden konnte.

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Abb. 45. Das parallaktische Lineal.

Unterdessen bediente sich Ptolemäos nach dem Beispiel von Aristyll und Timocharis (300 v. Chr.) auch der mit Gradeinteilung versehenen, miteinander verbundenen Kreise, der sogenannten Armillen. Eratosthenes hatte 220 v. Chr. in Alexandria Armillen von bedeutender Größe errichtet und mittels dieser Instrumente den Abstand der Wendekreise auf 11/83 des Kreisumfangs bestimmt. Eine der von Ptolemäos verwendeten Armillen zeigt uns die Abbildung 46587 auf S. 256. Sie bestand aus einem aus Kupfer oder Bronze gefertigten Ring, der in 360 Grade unterteilt war. Der Ring war in senkrechter Lage auf einer Säule aufgestellt und fiel mit dem Meridian zusammen. An diesen Ring war ein zweiter, drehbarer Ring mit zwei diametral gegenüberliegenden Vorsprüngen angebracht. Wenn man beispielsweise die Mittagshöhe der Sonne messen wollte, wurde der innere Ring gedreht, bis der Schatten eines Vorsprungs auf den anderen Vorsprung fiel. Eine Armillarsphäre (Ringkugel) bestand aus zwei fest miteinander verbundenen, rechtwinklig zueinander stehenden Kreisen, von denen der eine in der Ebene des Meridians, der andere in der Ebene des Himmelsäquators lag. Im Meridiankreis war ein dritter, drehbarer Kreis angebracht, dessen Drehachse mit der Weltachse übereinstimmte. In diesem dritten Kreis befand sich, konzentrisch und verschiebbar, ein vierter Kreis. Durch Diopter wurde ein Anvisieren ermöglicht, während Gradeinteilungen ein Ablesen der Deklination und des Stundenwinkels ermöglichten. Dem Instrument lag also der Gedanke zugrunde, die an der Himmelskugel erkennbaren Kreise und

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Kreisbewegungen im Kleinen nachzubilden. Zum Messen von Winkeln diente wohl auch der astronomische Ring oder das Astrolabium588. Es bestand aus zwei konzentrischen, gegeneinander verschiebbaren Ringen, die mit je zwei gegenüberstehenden Dioptern versehen waren. Wollte man Horizontwinkel messen, so wurde der Ring hingelegt. Handelte es sich um das Messen von Höhenwinkeln, so hing man ihn auf.

Abb. 46. Solstitial-Armille des Ptolemäos. Schematische Skizze nach dem Almagest.

Außer den Armillen nutzte Ptolemäos, wie die chaldäischen Astronomen, auch aus Stein gefertigte Mauerquadranten, die in der Ebene des Meridians errichtet wurden.
Wir erkennen, dass bereits bei den frühesten astronomischen Beobachtungen die Forscher wesentlich auf die Geschicklichkeit des Mechanikers angewiesen war. Die Entwicklung der Astronomie ging daher mit der ständigen Vervollkommnung sowie mit der wachsenden Genauigkeit der Messwerkzeuge Hand in Hand589. Schon die Herstellung der Ringinstrumente, die die Alexandriner verwendeten, erforderte eine herausragende Fertigkeit. „Noch heute“, so lautet das Urteil eines ausgezeichneten Kenners der Präzisionsmechanik, „würde nur von einem geschickten, mit einer Drehbank ausgestatteten Arbeiter die auch nur für primitive Beobachtungen ausreichende Genauigkeit solcher Messinstrumente erwartet werden“590.

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Die für die Astronomie ebenso wichtige Zeitbestimmung erfolgte, wie es bereits bei den Chaldäern der Fall war, durch Messung des Wassers. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. begnügte man sich nicht mehr mit einer Schätzung der Tagesstunden anhand der Länge des Schattens, sondern man baute Wasseruhren (Klepsydren). Ja, bereits im 4. vorchristlichen Jahrhundert finden wir solche Uhren mit Weckfunktion. Die dabei verwendeten Instrumente wurden vom um 270 v. Chr. lebenden Alexandriner Ktesibios weiterentwickelt; er gilt außerdem als Erfinder der Feuerwehrpumpe sowie der Wasserorgeln usw., und in Heron fand er einen Fortsetzer seiner Arbeiten. Damit die Öffnung, durch die das Wasser in seinen Uhren floss, unverändert blieb, fertigte Ktesibios diese Öffnung nicht aus gewöhnlichem Metall, sondern aus Gold oder Edelsteinen an. Zudem sorgte er dafür, dass das Wasser im Ablaufbehälter auf einem konstanten Niveau blieb, damit zu denselben Zeiten immer dieselben Mengen ausflossen. Manchmal wurden durch das austretende Wasser Gegenstände angehoben, die ihre Bewegung anschließend auf ein Rad- oder Zeigerwerk übertrugen.

Fortschritte der Geographie

Ebenso wie durch Hipparchus erfuhr auch die Geographie durch Ptolemäus eine bedeutende Förderung. Das von diesem um 140 n. Chr. verfasste Lehrbuch dieser Wissenschaft genoss, genauso wie der Almagest, bis zum Ende des Mittelalters eine unangefochtene Vorherrschaft. Durch beide Schriften wurde Ptolemäus zu einem der großen Lehrer aller Zeiten – schließlich knüpften die großen Entdeckungen, die die Neuzeit im astronomischen und geografischen Bereich gemacht hat, an den „Almagest“ und die „Geographie“ an. Wie der „Almagest“ enthält auch die „Geographie“ eine erstaunliche Fülle an Fakten: In ihr werden nicht weniger als 5000 Orte der damals bekannten Erdoberfläche nach Länge und Breite angegeben. Dabei werden nicht nur Städte, sondern auch Flussmündungen, Berge und andere bemerkenswerte Orte berücksichtigt. Die Bestimmung der Breite erfolgte mit solcher Genauigkeit, dass die nach Ptolemäus’ Angaben erstellten Karten in meridionaler Richtung nur geringe Verzerrungen aufwiesen. Ptolemäus selbst gab Anleitungen zur Ortbestimmung sowie zum Erstellen von Karten. Die alten Handschriften seiner Geographie

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Die beigefügten Karten (10 über Europa, 5 über Afrika und 12 über Asien) stammen jedoch erst aus dem 6. Jahrhundert, obwohl sie zweifellos auf antiken Vorbildern beruhen. „Sie sind“, so Ritter 593, „die Grundlage aller neueren Landkarten geworden. Ohne sie hätten unsere Landkarten kaum ihr heutiges Maß an Vollkommenheit erreicht.“ Das bei den Alten übliche Verfahren zur Bestimmung der Länge wurde bereits erörtert594; es lieferte jedoch sehr unvollkommene Ergebnisse595. Schon in der Antike wechselte man außerdem bezüglich der Lage des Nullmeridians. Ptolemäus rechnete beispielsweise nicht nach dem durch die Insel Rhodos verlaufenden Meridian, sondern verlegte den Beginn der Zählung auf die „glücklichen Inseln“ im äußersten Westen. Dieser Ansatz hatte den Vorteil, dass für die betrachteten Regionen der Erde die Unterscheidung zwischen westlicher und östlicher Länge entfiel. Bei der kartografischen Darstellung des ihm bekannten Teils der Erdoberfläche konnte Ptolemäus deren Krümmung nicht länger unberücksichtigt lassen. Daher musste eine Methode verwendet werden, die es ermöglichte, Teile einer Kugeloberfläche in der Ebene darzustellen. Diese Aufgabe löste Ptolemäus, indem er eine Projektionsmethode empfahl, die grundlegend für die weitere Entwicklung der Kartographie war. Marinus von Tyros, Ptolemäus’ Vorgänger, hatte die Breitengrade sowie die Längengrade alle als gerade Linien und diese wiederum parallel zueinander dargestellt. Dadurch wurden die Längengrade für die nördlichen Regionen der Erde viel zu groß – was Ptolemäus durch seine Projektionsmethode vermeiden wollte. Ptolemäus erklärt dies mit folgenden Worten: „Es ist richtig, die Meridiane zwar als gerade Linien zu zeichnen, die Breitengrade hingegen als Abschnitte von Kreisen, die um ein und dasselbe Zentrum gezogen sind. Dieses Zentrum wird senkrecht über dem Nordpol angesetzt. Von dort aus müssen die Meridiane als gerade Linien dargestellt werden, damit eine annähernde Ähnlichkeit mit der Kugeloberfläche gewährleistet bleibt. Dies geschieht dadurch, dass die Meridiane senkrecht zu den Breitengraden verlaufen und im gemeinsamen Pol zusammenlaufen“596. Während der mathematische Teil der Geographie aufgrund der bedeutenden Fortschritte in der Astronomie stark gefördert wurde, blieb auch die physikalische Geographie nicht zurück. Von großer Bedeutung war dabei die Erweiterung des Horizonts durch die römischen Eroberungszüge sowie dadurch

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Eine bedingte kosmopolitische Einstellung, die lehrte, die ganze Erde als Wohnort des Menschen anzusehen. Insbesondere zeigt sich diese Einstellung bei Strabon, von dessen Beschreibung der Erde Humboldt 597 sagt, sie übertreffe an Vielfalt und Großartigkeit alle geografischen Werke der Antike. Strabon lässt Inseln und ganze Kontinente, im Einklang mit den Ansichten der heutigen Geologen, durch vulkanische Kräfte emporgehoben werden. „Nicht nur kleine Inseln können erhoben werden“, heißt es bei Strabon 598, „sondern auch große, ja sogar das Festland“. Von Sizilien sagt er, man wolle es „nicht für einen Bruchteil Italiens halten, sondern vermuten, es sei durch das Feuer des Ätna aus der Tiefe emporgehoben worden“. Doch Strabon erörtert auch die Möglichkeit, dass Sizilien durch ein Erdbeben von Italien getrennt worden sei. Als Beweis dafür, dass Inseln auf vulkanischem Wege entstehen, führt er an, dass sich im Jahr 196 v. Chr. in der Nähe von Thera, dem heutigen Santorin, unter Feuererscheinungen eine Insel von 12 Stadien Umfang erhoben habe. Wie Sizilien betrachtete Strabon auch Capri und andere der Küste benachbarte Inseln als ehemalige Teile des Festlands, während Inseln, die mitten im Meer liegen, wie jene Neubildung in der Nähe Theras, durch vulkanische Aktivität entstanden sein sollten.

Bei Strabon begegnet uns übrigens auch erstmals die Ansicht, dass die Vulkane Sicherheitsventile der Erde seien. Die Alten wollten nämlich beobachtet haben, dass Sizilien in Zeiten einer erhöhten Aktivität der in der Nähe dieser Insel liegenden Vulkane und des Ätna weniger unter Erdbeben zu leiden hatte.

Auch die Fossilien werden von Strabon richtig interpretiert. So tritt er bei der Besprechung der linsenförmigen Nummuliten des Kalksteins, aus dem die Pyramiden von Gizeh erbaut sind, der Ansicht entgegen, es könne sich hier um verhärtete Überreste von den Speisen der Bauherren handeln. Schon Eratosthenes habe erwähnt, dass Tausende von Stadien vom Meer entfernt Schnecken und Muscheln gefunden würden599. Man müsse daher annehmen, dass einst große Teile des Festlands für eine gewisse Zeit überflutet und dann wieder trocken geworden seien. Der Meeresboden sei ferner uneben wie die Oberfläche des Landes und das Meer infolgedessen von unterschiedlicher Tiefe.

Als Beweis für eine außergewöhnliche, in historischer Zeit stattgefundene Verschiebung der Meeresküste erwähnt Strabon von einer früheren

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Eine Seestadt südlich der Mündung – sie lag 90 Stadien vom Ufer entfernt. Seit jener Zeit ist diese Küste bekanntlich um einen weiteren beträchtlichen Betrag meereswärts hinausgeschoben worden, so dass Ravenna, das z. B. zur Zeit Strabons noch Seestadt war, jetzt sieben Kilometer von der Küste entfernt liegt.
Strabon besitzt auch bezüglich der erodierenden Tätigkeit des Wassers, der Ursache von Ebbe und Flut, sowie der Abnahme der Temperatur mit der Höhe richtige Vorstellungen. Er ahnt sogar das Vorhandensein einer zweiten Kontinentalmasse neben der von Europa, Asien und Afrika gebildeten, wenn er sagt: „Es ist wohl möglich, dass in demselben gemäßigten Erdgürtel, welcher durch das Atlantische Meer geht, außer der von uns bewohnten Welt noch eine andere oder selbst mehrere liegen.“
Columbus ließ sich dagegen von der Vorstellung leiten, dass eine Reise nach Westen unmittelbar zu den östlichen Gestaden des asiatischen Festlandes führen müsse.
Auch bei den Römern war man auf dem Gebiet der physikalischen Geographie gegen den Ausgang der Antike zu ziemlich klaren Vorstellungen gelangt. So verdankt man dem Vitruvius eine im Ganzen richtige Theorie der Quellbildung samt einer darauf beruhenden Anleitung zur Findung von Quellen, während Seneca die durch das Wasser auf der Erdoberfläche verursachten Veränderungen recht gut beschreibt und die Hochwasser darauf zurückführt, dass bei ihnen neben dem Mond auch die Sonne eine Rolle spielt.
Nicht gering waren ferner die Kenntnisse auf dem Gebiet der Länderkunde während der letzten Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeitrechnung. Was die Kenntnis der einzelnen Länder angeht, so ergänzt die Erdbeschreibung Strabons glücklicherweise diejenige des Ptolemäos. Strabon hat mehr die europäischen, Ptolemäos hingegen mehr die asiatischen Länder berücksichtigt. Nur in Bezug auf das nördliche und östliche Germanien ist der Bericht des Ptolemäos wieder als der reichhaltigere zu bezeichnen.
„Ptolemäos eröffnete“, sagt Ranke, „durch seine Beschreibung der Länder jenseits des Rheins und der Donau gleichsam eine neue Welt.“ Er zerstörte ferner den Irrtum, dass das Kaspische Meer in das Weltmeer münde, und zeigte die Abgeschlossenheit dieses Beckens nach. Seine Darstellung stützte Ptolemäos insbesondere auf die geografischen Kenntnisse der Phönizier sowie auf die Berichte, die ihm der Karawanenhandel lieferte.

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Auch die Feldzüge Alexanders, die enorme Ausdehnung der römischen Herrschaft sowie die Reisen, die die damaligen Geographen im Gefolge der Armeen, Statthalter und Gesandtschaften unternahmen, lieferten eine Fülle an Material. So wusste man beispielsweise zur Zeit der Ptolemäer viel mehr über Indien als zur Zeit Mercators am Ende des 16. Jahrhunderts603.

Nach Herodots Erzählung (IV, 42) ließ der ägyptische König Necho um 600 v. Chr. phönizische Seefahrer vom Roten Meer aus Afrika umsegeln und durch die Straße von Gibraltar nach Ägypten zurückkehren. Die Reise soll 3 Jahre gedauert haben. Herodots Erzählung wurde oft in Frage gestellt. So viel ist jedoch sicher: Im Altertum wurde der Äquator überschritten. Denn die Seefahrer berichteten, dass sie bei ihrer Reise um Libyen herum nach Westen die Sonne zur Mittagszeit auf der rechten Seite, also im Norden, sahen. Herodot fügt dieser Angabe hinzu, er könne ihr nicht glauben; vielleicht gäbe es andere, die es glauben könnten. Diese Erzählung Herodots wurde als Beweis dafür angesehen, dass die Reise tatsächlich stattgefunden hat604.

Die Quelle, aus der Ptolemäus bei der Abfassung seiner acht Bücher umfassenden Geographie besonders schöpfte, waren die Reiseberichte des Marinus von Tyrus605. In den phönizischen Häfen verfügte man aufgrund des dort betriebenen umfangreichen Handels über umfassende Kenntnisse aller von phönizischen Schiffen besuchten Länder, Inseln und Meere. Auf dieser Grundlage erstellte Marinus eine Karte, die unter dem Namen „Tyrische Weltkarte“ in der Bibliothek von Alexandria aufbewahrt wurde.

Bei Marinus waren die Längen- und Breitengrade gerade Linien, die sich unter rechten Winkeln schnitten. Für den damals bekannten Teil der Erde (30.–40. Breitengrad) ergab diese Projektion, die man wohl als „flache“ bezeichnen kann, ein Netz aus Rechtecken. Für den Äquator als mittleren Breitengrad hätte dieses Netz aus Quadraten bestanden. Marinus von Tyrus wurde durch seine flache Karte zum Begründer der mathematischen Geographie. Er ging von einem Gradkreuz aus, das er aus dem Meridian und dem Breitengrad von Rhodos (36°) bildete, und erweiterte es zu einem Netz rechtwinklig sich schneidender Linien.

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Ptolemäus sagt über Marinus, auf dessen Arbeiten er sich besonders stützt, dass dieser einen so großen Reichtum an Nachrichten der Alten und der Neueren zusammengetragen und so viele Reiseberichte und Werke berücksichtigt habe, wie keiner seiner Vorgänger. Entsprechend sind auch die Angaben, die Ptolemäus von den asiatischen Ländern macht, weitaus reichhaltiger als diejenigen, welche durch die römischen Geographen auf uns gekommen sind. So nennt Ptolemäus viele Städte, Flüsse und Berge der Insel Ceylon (Taprobane), von der Plinius kaum etwas zu erzählen weiß. Ptolemäus kennt auch die Sundainseln. Vorderindien ist ihm so gut bekannt, dass er von 39 Orten nicht nur die Lage, sondern auch die Dauer des längsten Tages nach genauen Beobachtungen angibt. Die Flüsse und Berge Indiens, die er nennt, blieben den Europäern bis ins 16. Jahrhundert hinein unbekannt.

Die geographischen Kenntnisse der Phönizier, auf denen Ptolemäus fußte, erstreckten sich also keineswegs nur auf die Meere und die Küsten, sondern auch auf das Innere der Kontinente. Selbst der Weg über Land vom Euphrat über Baktrien und ein hohes Gebirge, das sich bis nach China erstrecke, wird beschrieben.

Weitere Fortschritte der Physik.

Wir haben die Fortschritte, welche die Astronomie und die mit ihr aufblühende Geographie in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten erlebten, als die wichtigsten wissenschaftlichen Ereignisse an die Spitze dieses Zeitraums gestellt. Es gilt nun, der Naturlehre und der Naturbeschreibung, die weniger hervortreten, eine kurze Darstellung zu widmen. Die Mechanik hatte in der vorchristlichen Zeit in Archimedes und in Heron ihren Höhepunkt erreicht. Als ihr Hauptvertreter während des nun zu beschreibenden Zeitraums ist der Alexandriner Pappos zu nennen, der sich auch um die Weiterentwicklung der Mathematik verdient gemacht hat. Pappos lebte gegen das Ende des 3. Jahrhunderts n. Chr. Sein uns überliefertes Werk besteht aus 8 Büchern und trägt den Namen „Die Sammlung“. Besonders das letzte Buch enthält geometrisch begründete Lehren der Mechanik, wie die Lehre vom Schwerpunkt und von der schiefen Ebene. Es behandelt auch die Aufgabe, eine gegebene Last durch eine gegebene Kraft mit Hilfe von Zahnrädern zu bewegen, deren

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Der Durchmesser steht in bestimmten Verhältnissen zueinander. Das 7. Buch des Pappos enthält jenen wichtigen Satz, der unter dem Namen der Guldinschen Regel erst im 17. Jahrhundert wieder allgemeiner bekannt wurde – nämlich den Satz, dass der Inhalt eines Rotationskörpers gleich dem Produkt aus der rotierenden Fläche und dem Weg ihres Schwerpunkts ist. Ebenfalls erwähnenswert ist, dass bei Pappos in solch ausgedehntem Maße die Verwendung von Buchstaben zur Bezeichnung allgemeiner Zahlen vorkommt wie bei keinem Schriftsteller vor ihm; somit begegnen uns bei Pappos bereits die Elemente der Buchstabenrechnung.

Über die Förderung der Optik und der Akustik während der ersten Blütezeit der alexandrinischen Schule wurde bereits an früherer Stelle gesprochen. Bemerkenswert ist, dass die Optik auch während der zweiten Blütezeit erheblich gefördert wurde – und zwar durch denselben Ptolemäus, dessen Verdienste auf dem Gebiet der Astronomie und der Geographie wir soeben als besonders herausragend anerkannt haben. Bei Ptolemäus finden wir nämlich einen der merkwürdigsten Ansätze zur induktiven Behandlung einer physikalischen Erscheinung, die im Altertum ansonsten nur selten vorkam.

Es geht um die Ablenkung, die ein Lichtstrahl beim Übergang aus einem Medium in ein anderes mit anderer Dichte erlebt, während das Licht sich in derselben Substanz geradlinig ausbreitet. Schon den frühesten Beobachtungen war klar, dass diese Brechung umso größer ist, je schräger das Licht die Trennfläche zwischen den beiden Medien trifft. Der erste Schritt auf dem Weg des induktiven Verfahrens bestand darin, dieses Phänomen messend zu untersuchen und für eine Reihe von Einfallswinkeln die Größe der entsprechenden Brechungswinkel durch Experimente zu bestimmen. Dies wurde von Ptolemäus durchgeführt: Mit einem dafür hergestellten Instrument maß er für Einfallswinkel von 10°, 20°, 30° usw. die entsprechenden Brechungswinkel. Sein Apparat bestand aus einer in Grade unterteilten Scheibe, die bis zum Mittelpunkt ins Wasser getaucht wurde (Abb. 47). Das Verfahren sah wie folgt aus: Ein Lichtstrahl BC wurde durch eine Markierung B auf dem über der Wasseroberfläche MN liegenden Teil der Scheibe zum Mittelpunkt C der Scheibe gelenkt. An dieser Stelle fand beim Eindringen ins Wasser die Brechung statt. Der gebrochene Strahl CD setzte seinen Weg unter Wasser fort, bis er den Umfang der Scheibe erreichte – wobei dieser Punkt anhand der Gradmarkierungen abgelesen werden konnte.

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Punkt D traf erneut. Die Werte, welche Ptolemäos auf diese Weise erhielt, sind in der folgenden Tabelle zusammengefasst:
Einfallswinkel (α) Brechungswinkel (β)
10° 8° (anstatt 7° 29')
20° 15° 30' (» 14° 51')
30° 22° 30' (» 22° –)
40° 29° (» 28° 49')
50° 35° (» 34° 3')
60° 40° 30' (» 40° 30')
70° 45° 50' (» 44° 48')
80° 50° (» 47° 36')

Abb. 47. Ptolemäos misst die Brechungswinkel.

Der Brechungsexponent für den Übergang des Lichts aus Luft in Wasser ergibt sich daraus gleich 1,31, während dieser Wert nach neueren Messungen 1,33 beträgt609. Das Ergebnis war also hinsichtlich der Art des Verfahrens recht genau, ein Beweis dafür, dass einem der wichtigsten Anforderungen der genauen Forschung, nämlich der Genauigkeit der Messung, Ptolemäos nicht mangelte.
Ptolemäos nutzte sein Ergebnis auch zur Erklärung eines astronomischen Phänomens. Er schloss nämlich, dass der Lichtstrahl auch beim Durchgang durch die Atmosphäre eine Brechung erfährt, die vom Zenit zum Horizont allmählich zunimmt und unter dem Namen der

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ist der atmosphärischen Brechung bekannt. Diese Brechung zeigte sich ihm
z. B. dadurch, dass er die Entfernung eines Himmelskörpers bei Auf- und Untergang kleiner fand als zur Zeit der oberen Kulmination.
Nach der Messung besteht der nächste Schritt auf dem Weg des induktiven
Verfahrens darin, eine gesetzmäßige Beziehung zwischen den gegebenen und den gefundenen Größen aufzufinden. Ptolemäos hat auch diesen Schritt
auf dem Gebiet der Physik zu machen versucht. Obwohl es ihm nicht gelang, die gefundenen Beziehungen auf einen mathematischen Ausdruck zurückzuführen, formulierte er doch das Grundgesetz der Dioptrik dahingehend, dass der Lichtstrahl beim Übergang aus einem dünneren in ein dichteres Medium zum Einfallswinkel gebrochen wird. Er hielt es sogar für wahrscheinlich, dass für jeweils zwei Stoffe stets ein bestimmtes Verhältnis zwischen dem Einfallswinkel und dem Brechungswinkel besteht.
Nachdem das Problem der Brechung bis zu diesem Punkt erforscht worden war, lag es lange Zeit brach. Zwar beschäftigten sich damit die gerade auf dem Gebiet der Optik sehr aktiven Araber, doch gelang es ihnen nicht, wesentlich über Ptolemäos hinauszukommen. Auch Johann Kepler befasste sich damit, indem er nach einem später zu beschreibenden Verfahren Messungen zur Brechung durchführte und den Begriff des Grenzwinkels einführte. Seine Lösung des Problems fand jedoch erst im 17. Jahrhundert durch Snellius, den wir als den Entdecker des Brechungsgesetzes kennenlernen werden.
Ebenfalls erwähnenswert ist Damians Schrift über die Optik. Über die Lebensumstände Damians ist nichts Genaueres bekannt. Seine Schrift über die Optik wurde jedenfalls später als die von Ptolemäos verfasst.
Bemerkenswert ist außerdem die Begründung, die Damian für die optischen Ansichten der Griechen anführt. Deshalb sollen hier einige Stellen in freier Übersetzung wiedergegeben werden:
„Die Form unserer Augen, die nicht wie die anderen Sinnesorgane hohl und somit zur Aufnahme von etwas geeignet sind, sondern kugelförmig sind, beweist, dass eine Ausstrahlung von uns ausgeht. Dass diese Ausstrahlung Licht ist, zeigt die von den Augen ausgesandten Blitze. Bei Nachttieren erscheinen die Augen nachts sogar leuchtend. Noch deutlicher wird diese Ansicht, wenn wir die Gleichartigkeit unseres Sehorgans mit der Sonne darlegen.“

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Da die Sehstrahlen, die von unserem Auge ausgehen, möglichst schnell zu dem sichtbaren Gegenstande gelangen sollen, so müssen sie sich in gerader Linie bewegen. Und ferner, wenn sie davon möglichst viel erfassen sollen, werden sie in Kreisform darauf zustreben. Denn alles, was den lebenden Wesen nützlich ist, pflegt die Natur zu tun. Um die sichtbaren Gegenstände in Kreisform zu erreichen, müssen die Sehstrahlen entweder die Gestalt eines Zylinders oder eines Kegels haben. Ein Zylinder kommt nicht in Frage, denn dann könnten keine Gegenstände erfasst werden, die größer als das Auge sind. Die Sehstrahlen haben daher die Gestalt eines Kegels. Die geradlinige Fortbewegung des Sehstrahls, seine Rückprallung sowie seine Bewegung über große Entfernungen hinweg, die zeitlos stattfindet – all dies kann man auch an den Sonnenstrahlen beobachten. Ebenso kann unser Sehstrahl durch jene Stoffe, durch die die Sonnenstrahlen dringen, wie Glas und Wasser, seinen Weg finden.

Nach der Betrachtung der Fortschritte, die sich besonders unter der Mitwirkung des Ptolemäos im Bereich der Astronomie, Geographie und Physik vollzogen haben, wollen wir uns in groben Zügen den Erkenntnisstand vor Augen führen, über den das Altertum während der römisch-alexandrinischen Periode in den übrigen Zweigen der Naturwissenschaften verfügte. Während die Mechanik, Optik und Akustik ihre Grundlagen erhielten, blieb man auf den Gebieten der Wärme, des Magnetismus und der Elektrizität bei einigen rohen Beobachtungen und unklaren Deutungen. Der Magnetstein und seine Eigenschaft, Eisen anzuziehen, waren bereits im frühesten griechischen Altertum bekannt. Da man der Seele die Fähigkeit zuschrieb, Dinge in Bewegung zu setzen, glaubte man, dass der Magnet, ähnlich wie Tier und Pflanze, eine Seele habe. Auch die Eigenschaft des Magneten, durch andere Stoffe hindurchzuwirken, konnte nicht lange verborgen bleiben. So berichtet Lukrez in seinem Werk „De rerum natura“, in dem er die magnetischen Phänomene ausführlich beschreibt: „Ich sah, wie eiserne Späne in bronzenen Behältern kochten und wallten, wenn der magnetische Stein darunter gelegt wurde.“ Auch die bereits von Platon bekannten Ketten, die bei Unkundigen größtes Erstaunen hervorriefen und aus magnetischen Eisenstücken bestanden, konnten nicht lange geheim bleiben.

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Lukrez beschreibt Ringe, die nicht miteinander verbunden waren, sondern sich nur berührten. Er wagt sich sogar an eine Erklärung der magnetischen Erscheinungen. Wie von manchen Körpern sollen auch vom Magneten Teilchen ausströmen, welche die benachbarte Luft zurückdrängen. Infolgedessen „stürzen urplötzlich des Eisens Stoffe sich hin nach dem Leeren, und also geschieht es“614. Dass der Magnet zwei Pole besitzt und zwischen diesen eine Indifferenzzone liegt, scheint den Alten entgangen zu sein615. Auch die Richtkraft kannten sie nicht, während die Chinesen mit ihr bereits vor Beginn unserer Zeitrechnung vertraut waren. Die Grunderscheinung der Reibungselektrizität wurde den alten Völkern jedenfalls bekannt, sobald sie durch den Handel in den Besitz des Bernsteins gelangten, da dieser auf besonders auffällige Weise nach dem Reiben leichte Körperchen anzieht. So sagt Plinius: „Übrigens zieht Bernstein, wenn er durch Reiben mit den Fingern Lebenswärme erhalten hat, trockene Blätter, Spreu und Bast genau so an wie der Magnet das Eisen“616. Den Bernstein nannten die Alten Elektrum. Aus diesem Wort entstand die Bezeichnung „Elektrizität“ für die am Bernstein zuerst beobachtete Eigenschaft. Auch an anderen Stoffen scheinen die Alten gelegentlich jene Eigenschaft bemerkt zu haben617, doch ahnten sie keinen Zusammenhang zwischen ihr und dem Gewitter. Zwar sahen die Philosophen im Blitz und im Donner nicht mehr, wie das bei einem Volk, das von einer heidnischen Naturreligion beeinflusst war, die Geschosse und die Stimme des Zeus, doch man war noch weit entfernt von einer richtigen Deutung dieser Erscheinungen. Anaximander hielt den Blitz beispielsweise für die in den Wolken verdichtete Luft, die plötzlich mit Geräusch hervorbrach. Plinius spricht vom Blitz und vom Donner mit folgenden Worten: „Bricht der Wind aus einer größeren Höhle einer herabgedrückten Wolke hervor, so nennt man ihn Orkan. Hat sich der Wind im Moment, in dem er die Wolke durchbrach, entzündet, dann ist es ein Blitz. Dass man den Blitz eher sieht als den Donner hört, obwohl sie gleichzeitig entstehen, ist sicherlich nicht verwunderlich, da das Licht schneller ist als der Schall. Blitz und Donner treten gleichzeitig auf – so hat es die Natur festgelegt“618. Auch mit den stillen elektrischen Entladungen, die als Elmsfeuer bezeichnet werden, waren die Alten wohl vertraut. Plinius beschreibt diese

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Das Erscheinungsbild ist wie folgt: „Es entstehen sogar Sterne über Wasser und an Land. Ich selbst sah während des nächtlichen Wachdienstes der Soldaten auf den Speeren außerhalb der Mauer einen Lichtschein dieser Art. Auch auf die Rahen und andere Teile der Schiffe setzen sich solche ‚Sterne‘ mit einem eigenartigen, hörbaren Ton ab; dabei wechseln sie, wie Vögel, oft ihren Platz.“619
Aus einigen literarischen Quellen sowie antiken Gegenständen (vergoldete Spitzen von Tempeln, mit Kupfer überzogene Stangen) glaubte man schließen zu können, dass die alten Völker bereits Blitzableiter verwendet hätten. Aus der Kritik des vorhandenen Materials geht jedoch hervor, dass von einer bewussten Anwendung von Blitzableitern vor Benjamin Franklin nicht die Rede sein kann.620
Auch das Phänomen der tierischen Elektrizität war den Alten wohl bekannt. Es entzog sich jedoch ebenfalls ihrem Verständnis. Erst im 18. Jahrhundert gelang es, die atmosphärischen Erscheinungen anhand der Gesetze der Reibungselektrizität zu erklären, während ein Verständnis der Gesetze der tierischen Elektrizität erst in der neuesten Zeit, nach der Entdeckung des Galvanismus, möglich wurde. „Dem Zitterrochen steht ein gefährliches Gift zur Verfügung“, schreibt ein griechischer Autor eines im 2. Jahrhundert n. Chr. entstandenen Werkes, „von Natur aus ist er schwach und so langsam, dass es scheint, als könnte er nur kriechen. Er besitzt auf jeder Seite ein Gewebe, das denjenigen, der es berührt, sofort aller Kraft beraubt, sein Blut erstarren lässt und seine Glieder lähmt.“ Plinius ahnt bereits, dass es sich hier um einen ganz besonderen Vorgang handelt, wenn er sagt: „Der Zitterrochen lähmt bereits aus der Ferne, sobald er nur mit der Lanze berührt wird, den stärksten Arm. Daraus lässt sich schließen, dass es unsichtbare Kräfte gibt.“ Dass auch der menschliche Körper, ähnlich wie die Lanze, diese besondere Wirkung übertragen kann, ist zwar eine Entdeckung der neueren Zeit – doch ein anderer antiker Schriftsteller erwähnt, dass bereits eine Berührung mit Wasser aus einem Gefäß, in dem sich ein Zitterrochen befindet, zu Schmerzen führt.623
Die Heilkunst ließ es sich nicht nehmen, von diesem bemerkenswerten Phänomen Nutzen zu ziehen. So berichtet Galen, dass er einem Menschen mit Kopfschmerzen einen lebenden Zitterrochen näherbrachte – und dass dieser sich als schmerzlinderndes Mittel erwies.624 Avicenna

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(Ibn Sina), der arabische Bearbeiter der Schriften Galens, wiederholt diese Angabe.

Die Anfänge der Chemie.

Während die Physik im Altertum zumindest in einigen ihrer Bereiche bereits einer wissenschaftlichen Behandlung unterlag, war dies bezüglich der Chemie noch nicht der Fall. Hier konnte ein Einblick in das Wesen der Erscheinungen nur auf Grund zahlreicher, zielbewußter Versuche erlangt werden, und einer solchen Forschungsrichtung zeigte die frühere Periode wenig Neigung. Was wir über die Anfänge der Chemie berichten können, ist, dass man durch die Heilkunst sowie durch die Handwerke, insbesondere den Hüttenbetrieb, allmählich mit einer Anzahl von chemischen Vorgängen vertraut wurde, ohne dass es gelang, eine Verknüpfung dieser Vorgänge untereinander oder mit anderen Gruppen von Erscheinungen zu finden. Alle Erklärungen, die man für die materiellen Veränderungen aufstellte, hatten nur den Wert bloßer Philosopheme, zu deren Überprüfung man noch keine Mittel besaß.

Den größten Einfluss auf die weitere Beschäftigung mit chemischen Dingen hatte wohl jene Lehre, welche die Welt auf einen einzigen Urstoff zurückführte, der sich den Sinnen in vier Erscheinungsformen – als Feuer, Erde, Luft und Wasser – offenbaren sollte. Im Einklang mit dieser Lehre stand auch das gegen Ende des Altertums auftretende Bestreben, unedle Metalle in edle zu verwandeln – ein Problem, das während des gesamten Mittelalters als Ziel und Zweck der Chemie angesehen wurde.

Die Kenntnis sowie die Verwendung von Metallen war im Altertum bereits recht ausgeprägt. Blei beispielsweise, das genauso wie Eisen nur selten in reiner Form vorkommt und aus Bleiglanz gewonnen wurde, fand bereits im alten Rom zur Herstellung von Wasserleitungen Verwendung. Zinn und Zink waren nicht in reiner Form bekannt, sondern lediglich als Bestandteile von Legierungen. Diese entstanden, indem man Zinnstein oder den zinkhaltigen Galmei den Kupfererzen bei deren Verhüttung zufügte. Auch die Gewinnung von Quecksilber durch Erhitzen von Zinnober mit Eisen war bereits dem Altertum bekannt.

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Die Darstellung von chemischen Präparaten, soweit sie nicht durch bloße Oxidation entstanden, war kaum möglich, so lange man sich nicht im Besitz der Mineralsäuren befand. Mit ihrer Darstellung waren die Alten jedoch noch nicht vertraut. Die einzige ihnen bekannte Säure war eine organische, die Essigsäure.
Die Tatsache, daß Marmor und Kalkstein beim Glühen eine neue Substanz liefern, die, mit Wasser in Verbindung gebracht, ein vorzügliches Baumaterial abgibt, wußte man indes wohl zu nutzen. In der späteren Römerzeit finden wir auch Zement in Anwendung, ohne den manche gewaltige Bauwerk nicht ausführbar gewesen wäre. Auch daß der gebrannte Kalk die Soda ätzender macht, war schon im Altertum bekannt. Dagegen blieb die chemische Natur gasförmiger Substanzen in Dunkelheit gehüllt. Zwar bemerkte man, daß bei der Gärung und an manchen Stellen der Erde ein Gas auftritt, das zur Atmung nicht geeignet ist. Es kam jedoch niemandem in den Sinn, in dieser Luftart ein von der natürlichen Luft verschiedenes Gas zu erkennen.
Einen gewaltigen Anstoß zur Beschäftigung mit stofflichen Veränderungen rief der Gedanke hervor, durch geeignete Behandlung könne aus unedlen Metallen Edelmetall gewonnen werden. Eine gewissermaßen theoretische Grundlage fand dieses Streben in den Lehren von Platon und Aristoteles. Das alchemistische Problem begegnet uns schon in den ersten Jahrhunderten n. Chr. in Ägypten bei Gelehrten der alexandrinischen Schule. Es stützte sich auf die, während einer langen vorhergehenden Periode rein empirisch erworbenen, nicht unbeträchtlichen Kenntnisse über die Metalle, ihre Gewinnung und ihre wichtigsten Legierungen.
Auch für die Folgezeit kann man wohl sagen, daß die Geschichte der Alchemie und diejenige der Metallurgie im Wesentlichen zusammenfallen. Die Ägypter unterschieden nach Lepsius in ihren Inschriften acht mineralische Erzeugnisse, die sie für besonders wertvoll hielten. Es waren vor allem das Gold, die als Elektrum bezeichnete Legierung von Gold und Silber, das Silber und der Lapis lazuli.
Bei den ersten Alchemisten spielte das Blei eine große Rolle. Da man aus dem Rohblei Silber absondern konnte, glaubte man, das Blei sei für die Erzeugung von anderen Metallen hervorragend geeignet. Zinn findet sich zwar in den Bronzen der alten Ägypter. Wahrscheinlich kannten sie es bereits.

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Reines Zinn – aber nicht627. Auch Quecksilber, das aufgrund seiner seltsamen Eigenschaften bei den Alchemisten eine zentrale Rolle spielte, war den alten Ägyptern wohl noch nicht bekannt. Es kam erst bei den Griechen und Römern in Gebrauch. Plinius bezeichnet es als eine beständige Flüssigkeit sowie als Gift für alles628.
Nachdem über lange Zeiträume hinweg chemische, insbesondere metallurgische Kenntnisse gesammelt worden waren, trat kurz nach Beginn der christlichen Zeitrechnung die als Alchemie bezeichnete Richtung in Erscheinung, deren Ziel es war, unedle Stoffe in edle Metalle umzuwandeln. Die älteste ägyptische Handschrift, die uns darüber Aufschluss gibt, stammt aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. In ihr wird die Alchemie in Verbindung mit der Astrologie dargestellt. Darauf weist auch hin, dass dem Gold die Sonne, dem Silber der Mond sowie den übrigen Metallen die Planeten zugeordnet wurden. Aus der Beobachtung, dass durch das Zusammenschmelzen unedler Metalle Legierungen erzeugt werden konnten, die dem Gold und Silber ähnelten, sowie daraus, dass durch geeignete Behandlung aus Rohblei tatsächliches Silber und aus Amalgam Gold gewonnen werden konnte, entwickelte sich schließlich die Annahme, unedle Metalle in edle umwandeln zu können. Aufgrund mangelnder Kenntnisse über den chemischen Prozess gingen die Menschen von echten Umwandlungen der Stoffe aus. Da durch Verbesserungen in der Metallverarbeitung höhere Erträge erzielt werden konnten, kam man auf die Idee, ob nicht durch geeignete Behandlung das gesamte Rohmaterial in edle Metalle umgewandelt werden könnte. Die Periode, in der die Erforschung materieller Veränderungen von diesem Bestreben geleitet wurde, wird als das Zeitalter der Alchemie bezeichnet.
Die ersten alchemistischen Bestrebungen finden sich bereits bei den Alexandrinern. Aus dem 3. nachchristlichen Jahrhundert sind nämlich Schriften alexandrinischen Ursprungs bekannt geworden, die sich mit dem Problem der Metallveredelung beschäftigen629. Von den Gelehrten des unterjochten Ägyptens sowie den nestorianischen Schulen Vorderasiens ging zweifellos der Anstoß für die Araber aus, sich mit demselben Problem auseinanderzusetzen. Schon das Wort „Chemie“ deutet vielleicht darauf hin – es ist nämlich identisch mit einer alten Bezeichnung für Ägypten. Wie Plutarch berichtet, hatten die Bewohner dieses Landes die schwarze Farbe seines

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Aufgrund des Bodens wird sie chemisch genannt. Auch die Bezeichnung „schwarze Kunst“ würde dadurch vielleicht ihre Erklärung finden. Nach neueren philologischen Untersuchungen ist diese Ableitung zweifelhaft geworden. Man ist heute geneigt, mit Zosimos, einem alchemistischen Schriftsteller des 4. nachchristlichen Jahrhunderts, das Wort Chemie von Chemes abzuleiten, den Zosimos als den Verfasser des ersten chemischen Buches bezeichnet. Eine dritte Auffassung geht dahin, daß das Wort χύμα, welches „Metallguß“ bedeutet, das Stammwort für „Chemie“ sei630. Bei diesem Stand der ganzen Frage wird man sich also wohl dahin entscheiden müssen, daß der Ursprung des Wortes Chemie völlig dunkel ist.
Die alexandrinischen Gelehrten, sowie auch später die Araber, die sich mit chemischen Vorgängen befassten, ließen sich in ihren Anschauungen von den Theorien leiten, die Platon und Aristoteles über die Natur der Materie entwickelt hatten.
Die praktische Grundlage, auf der sich die Alchemie erhob, war neben der hüttenmännischen Gewinnung der Metalle, vor allem die Verarbeitung der Edelmetalle zu Schmuckgegenständen. In dieser Industrie regte sich seit den frühesten Zeiten das Bestreben, Minderwertiges an die Stelle von Wertvollem zu setzen und auf diese Weise den Käufer zu überlisten.
Man erreichte dies entweder dadurch, daß man dem Gold und Silber andere Metalle beimischte oder daß man Metalle und Legierungen oberflächlich färbte, um ihnen ein dem Gold oder Silber ähnliches Aussehen zu verleihen. Als ein Mittel dieser Art diente zum Beispiel die Verbindung des Arsens mit dem Schwefel, die in der Mineralogie noch heute den Namen Auripigment trägt. Auch das Quecksilber, mit dem man in Kleinasien und durch den von den Karthagern in Spanien betriebenen Bergbau bekannt wurde, fand zur Herstellung von Legierungen und oberflächlichen Veränderungen schon lange vor dem Beginn der christlichen Zeitrechnung Verwendung. Wenn man all diese Praktiken, an die sich bald gewisse Vorstellungen und Spekulationen anschlossen, schon mit dem Namen Chemie belegen will, so geht die chemische Wissenschaft in ihren Anfängen bis tief ins Altertum zurück. Das Bekanntwerden mit Stoffen, welche die Metalle oberflächlich veränderten, führte ganz von selbst zum Suchen nach einem, die gewünschten Veränderungen hervorrufenden Universalmittel. So entstand die Lehre vom „Stein der

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„Weisen“, denen man, ohne sie gefunden zu haben, später immer neue Wirkungen zuschrieb, insbesondere die, Krankheiten zu heilen und das Leben zu verlängern631.
Eine wichtige Rolle spielte bei jenen Veränderungen das Quecksilber. Es ist verständlich, daß ein so sonderbares Metall bei seiner Entdeckung erstaunte und die Phantasie anregte. Welche universelle Bedeutung man dem Quecksilber zuschrieb, beweist ein Abschnitt aus einem Brief aus dem 4. nachchristlichen Jahrhundert632. Er lautet: „Was ich lernen möchte, lehre es mir. Das ist die Tat, die Du kannst – die Transmutation. Das Quecksilber nimmt schließlich jede Form aller Körper an. Es bleicht alle Körper auf und zieht ihre Seelen an, nimmt sie durch Kochen in sich auf und bemächtigt sich ihrer. Es eignet sich dafür, weil es in sich selbst die Prinzipien allem Flüssigen enthält. Wenn es die Transmutation durchlaufen hat, bereitet es alle Farbwechsel vor. Es bildet die feste Grundlage, obwohl die Farben keine eigentliche Grundlage haben. Das Quecksilber wird, indem es seine eigene Grundlage verliert, zu etwas Veränderliches – und zwar durch die auf die metallischen Körper ausgeübten Behandlungen.“
Die hellenistischen Schriftsteller nennen als Begründer der Alchemie Hermes Trismegistos (den Dreimalgrößten)633. Es handelt sich dabei um eine durchaus mystische Persönlichkeit, die wohl auch mit einem der ägyptischen Hauptgötter (Ptah, Thot) identifiziert wurde. Hermes wurde zahlreiche Werke (20.000 und mehr) zugeschrieben. Ausdrücke wie hermetische Kunst, hermetischer Verschluß, hermetische Bücher erinnern bis heute an ihn. Auch Tafeln wurden Hermes zugeschrieben; die berühmteste trug die Überschrift: De operatione solis, d.h. Über die Herstellung der Sonne (des Goldes). Von dem mystischen Inhalt dieser im Mittelalter hochgeschätzten Tafel geben folgende Zeilen einen Eindruck: „Wie alle Dinge aus Einem entstanden sind, so sind auch alle Dinge aus diesem einen Ding geboren. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauch. Seine Nährerin ist die Erde. Wenn du das Erdige vom Feurigen, die dünnen Teile von den dichten trennst, gewinnst du das Rühmlichste der ganzen Welt“634.
Bestimmtere, wenn auch nur spärliche Überreste werden einem alexandrinischen Schriftsteller namens Zosimos zugeschrieben. Er wurde in Panopolis (Oberägypten) geboren und lebte um 300 n. Chr. Zosimos ist

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Ohne Zweifel hatte es einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Alchemie. In einem umfangreichen Werk fasste er die Kenntnisse seiner Vorgänger sowie seine eigenen Erfahrungen zusammen. Es handelt sich dabei jedoch meist um kaum verständliche Rezepte, die in mystischen Ausdrücken formuliert sind. Laut Zosimos entstanden diese Rezepte in Ägypten. Sie befanden sich im Besitz der Priesterkaste und wurden äußerst streng geheim gehalten. Wer in die alchemistische Kunst eindringen wollte, musste eine Reihe von sittlichen Voraussetzungen erfüllen: Er musste reinen Sinnes sein und frei von Gier. Zudem musste er in der Lage sein, sich von ganzem Herzen auf sein Ziel zu konzentrieren. Nur wer nach Erkenntnis strebte, hatte Erfolg – nicht der Ungebildete oder gar derjenige, der von unlauteren Absichten beherrscht wurde. Eine weitere Voraussetzung bestand darin, dass man „die richtige Zeit und die günstigen Momente“ wählte. Um diese herbeizuführen, waren nicht nur Beschwörungen, Zaubermittel und Gebete notwendig, sondern auch die Mitwirkung der Planeten.

Abb. 48: Der von Zosimos beschriebene Destillierapparat.

Diejenigen Werke Zosimos’, die in Fragmenten durch syrische Manuskripte bekannt geworden sind, enthalten viele Informationen über die von den Alchemisten verwendeten Apparate wie Öfen, Destilliergeräte usw. Was die planetaren Einflüsse betrifft, so stützt sich Zosimos insbesondere auf Hermes Trismegistos. Die wirksamste Sphäre sollte laut ihm die des Merkur sein, da der Schattenkegel der Erde genau bis zu ihm reichte.

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An einer Stelle beschreibt Zosimos, wie sich erhitztes Quecksilber und Schwefel zu Zinnober vereinigen, der zunächst eine schwarze Masse bilde, die erst beim Sublimieren rot werde. Wird Zinnober mit gewissen Zutaten in einem geschlossenen Gefäß erhitzt, so steigt aus dem Zinnober das Quecksilber als „Silberwasser“ oder „göttliches Wasser“ empor. Es ist ein furchtbar giftiges, in der Hitze nicht festzuhaltendes Pneuma, das beim Abkühlen seinen „flüchtigen Schwung“ verliert und sich an dem Deckel des Gefäßes in Form von Tropfen festsetzt637.

Die von Zosimos im Anschluss an Hermes entwickelte Lehre von dem Einfluss der Planeten auf das Gelingen des „heiligen Werkes“ findet sich im 5. Jahrhundert bei dem Neuplatoniker Olympiodor zu einem System entwickelt638. Er schrieb nämlich jedes von den sieben Metallen den den Alten ebenfalls nur in der heiligen Siebenzahl bekannten Planeten zu. Das Gold entsprach bei ihm der Sonne, das Silber dem Mond, Kupfer der Venus, Eisen dem Mars, Zinn dem Jupiter, Quecksilber dem Merkur, Blei dem Saturn.

Das Gestirn sowie das entsprechende Metall erhielten dasselbe Zeichen639. Diese mystischen Beziehungen zwischen der Alchemie und der Astrologie wurden später von den Arabern mit Vorliebe weiter gepflegt.

Man hat sich bemüht, durch archäologische Nachforschungen in Ägypten Stätten nachzuweisen, wo man chemische Prozesse ausübte, sozusagen die Laboratorien jenes ersten alchemistischen Zeitalters und die in diesen Stätten zur Anwendung kommenden Gerätschaften. Der Erfolg ist bisher nur ein geringer gewesen. So beschreibt Berthelot nach den Angaben Masperos eine Stätte, die an eine Grabkammer stößt und die, nach allen Anzeichen zu urteilen, während des 6. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung als Laboratorium gedient hat. Die Wände jener Stätte waren angeräuchert, und am Boden befand sich ein Herd aus Bronze und allerlei Gerät aus Bronze, Alabaster und anderen Mineralien.

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Zu den noch vorhandenen Überresten der alchemistischen Literatur gehören vor allem die Schriften, die fälschlich dem Demokrit zugeschrieben werden, sowie zwei in Theben in Ägypten aufgefundene Papyrusurkunden. Das Werk des Pseudo-Demokrit entstand ursprünglich wohl um 200 v. Chr. in Ägypten; es enthielt eine Zusammenfassung des gesamten chemisch-technischen Wissens jener Zeit, aber noch keine alchemistischen Inhalte (nach v. Lippmann). Unter den aus dieser Quelle stammenden Bearbeitungen ist vor allem ein umfangreiches Werk zu nennen, das sich „Demokrits Physik und Mystik“ tituliert. Was davon bis zu uns gelangt ist, ist lückenhaft und verzerrt. Die pseudodemokritischen Lehren wurden in der Neuzeit erst im 16. Jahrhundert näher bekannt. Aus den erhaltenen Fragmenten geht hervor, dass „Demokrits Physik und Mystik“ insbesondere über Gold, Silber, Perlen, Edelsteine und Purpur handelte. Ein Beispiel mag uns einen Eindruck vom Inhalt vermitteln: Es lautet: „Nimm Quecksilber, fixiere es mit Magnesia. Gib das weiße Pulver auf Kupfer – wenn du darauf gelbes Silber gibst, erhältst du Gold. Die Natur besiegt die Natur.“ Der demokritische Spruch „Eine Natur vergewaltigt die andere, eine Natur besiegt die andere“ blieb über alle Jahrhunderte hinweg das Leitmotiv der Goldschmiedekunst. Die Papyrusfunde der thebanischen Ausgrabungen haben neues Licht auf die Vorgeschichte der Alchemie geworfen. Diese Funde wurden 1828 bei der Entdeckung eines Grabes gemacht. Sie gelangten zusammen mit zahlreichen anderen Papyrusrollen nach Europa, erhielten aber erst kürzlich Aufmerksamkeit. Die in Leyden befindliche Urkunde wurde 1885 und die Stockholmer 1913 veröffentlicht. Beide Papyri stammen aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. und enthalten im Wesentlichen Vorschriften zur Fälschung von Edelmetallen, zum Färben mit Purpur und Isatis tinctoria sowie zu Edelsteinen und Perlen. Der Stockholmer Papyrus enthält beispielsweise Anleitungen, wie man Perlen ihren verlorenen Glanz zurückgeben kann. Andere Vorschriften betreffen die Herstellung von Perlen aus Glimmer und anderen minderwertigen Materialien – diese werden als „besser als die echten“ beworben.

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Abb. 49. Ein Auszug aus dem Stockholmer Papyrus.

Rezepte zur Herstellung goldähnlicher Legierungen werden beschrieben, von denen behauptet wird, dass selbst Fachleute über den Ursprung des Produkts getäuscht würden643. Die erste Seite des berühmten Stockholmer Papyrus ist in Abb. 49 teilweise wiedergegeben. Sie bezieht sich, wie aus der Überschrift hervorgeht, auf die Herstellung von Silber (Ἀργύρου ποίησις) und beginnt mit den Worten: χαλκόν τὸν Κύπριον τὸν ἤδη εἰρκασμένος ...
Die Übersetzung des hier vorliegenden Textauszugs lautet wie folgt:
„Schön bearbeitetes und abgeputztes Kupfer tauche in ein scharfes Alaunbad und lass es drei Tage darin weich werden. Dann schmelze es zusammen mit einer Mine (= 43,6 g) Erz aus chiischer Erde, nachdem Du kapadokisches Salz und kristallinischen Alaun zu 200 Drachmen644 hinzugefügt hast. Schmelze es sorgfältig – dann wird es wertvoll sein. Füge dazu nicht mehr als 20 Drachmen schönen und reinen Silbers hinzu; das wird die gesamte Mischung unlöslich halten.“
Als Ausgangsmaterial für die Legierungen dient in der Regel Kupfer. Es wird durch Arsen-, Blei- oder Zinnverbindungen zu Silber „weiß gemacht“ (der Prozess wird λεύκωσις genannt). Die oberflächliche Vergoldung von Kupfer erfolgt durch Quecksilber (Feuervergoldung). Auch die im Mittelalter wieder auftretende Vorschrift, Blattgold in Eiweiß zu mischen und mit dieser Tinte Manuskripte herzustellen, findet sich unter den Rezepten. Weitere Abschnitte beziehen sich auf die Vermehrung (Verdopplung, Verdreifachung) von Silber645.
Die Angaben zu Farbstoffen und der Färbekunst, die sich im Stockholmer Papyrus finden, zeigen das hohe Niveau, das die chemische Technik in diesen Bereichen bereits in der Antike erreicht hatte. Die zum Färben

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Bestimmte Wolle wird durch Waschen und Kochen unter Zusatz von Seifenwurzel, Kalkwasser oder Sodalösung gereinigt. Danach wird die Wolle gebeizt, wozu hauptsächlich Alaun oder alaunhaltige Mineralien verwendet werden. Die Farbstoffe sowie die übrigen Materialien werden vor der Verwendung überprüft – dabei wird das Aussehen, das Verhalten bei der Zerkleinerung sowie die Reaktion auf Lösungsmittel usw. geprüft. Schließlich folgt die Herstellung bestimmter Farbtöne sowie die eigentliche Färbung. Gefärbt wird fast ausschließlich Wolle, und zwar mit syrischem Kermes (Scharlach), Krapp, Schöllkraut und Purpur. Die indigoführende Waidpflanze diente zur Blaufärbung; durch geeignete Mischungen aus Waid und Kermes konnten täuschend echte Imitationen von Purpur erzeugt werden. Die entsprechende Vorschrift endet mit den Worten: „Du wirst sehen, der Purpur wird unbeschreiblich schön.“ Zu den wenigen Vorgängern, die die Autoren des Leydener und des Stockholmer Papyrus kurz erwähnen, gehört auch der oben genannte Pseudo-Demokrit.

Die Anfänge der Chemie zeigen bereits zwei Einflüsse, die ihre Entwicklung bis in die Neuzeit prägten. Erstens bestand das Bestreben, die entdeckten Fakten sowie die entwickelten Verfahren geheim zu halten; zweitens wurde dieses Gebiet mit Magie und Mystik verbunden. Dies lässt sich dadurch erklären, dass die chemischen Vorgänge in hohem Maße einen rätselhaften und wunderbaren Charakter trugen und erst nach langen Forschungen wissenschaftlich erfassbar wurden. Zudem spielten in diesem Bereich seit jeher Gier nach Profit, Aberglaube und Betrug eine große Rolle – bereits in der Antike kam es zur Verwendung gold- und silberähnlicher Legierungen zum Zweck des Fälschungsmünzens. Die Geheimhaltung der Vorschriften wird bereits im Stockholmer Papyrus gefordert; die viel später entstandene Mappae clavicula stellt sogar den Schwur zur Geheimhaltung an die Spitze. Durch die Geheimhaltung wollte der Chemiker nicht nur sein Wissen, sondern vor allem auch sich selbst persönlich schützen – schließlich drohten ihm Angriffe seitens der Kirche, der Herrscher sowie der besonders abergläubischen Massen. Wie die Chemie seit der Renaissance aus diesen Fesseln befreit wurde und in der Neuzeit eine führende Position in den Wissenschaften einnahm.

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Und dass sie der Technik untergeordnet wurde, soll Gegenstand späterer Betrachtungen sein.

Der Übergang vom Altertum zum Mittelalter.

Mit der zweiten Blüteperiode der alexandrinischen Schule und dem mehr kommentierenden Verhalten, das die Folgezeit den Naturwissenschaften entgegenbrachte, ist die Entwicklung, welche diese Wissenschaften im Altertum erfuhren, beendet. Es trat nunmehr eine lange Zeit des Stillstands, ja des Verlusts an manchem erworbenen Besitz ein, die sich etwa mit demjenigen Zeitraum deckt, den man in der Weltgeschichte als das Mittelalter bezeichnet. Erst im 13. Jahrhundert mehren sich, abgesehen von vereinzelten, insbesondere bei den Syrern und den Arabern anzutreffenden Bestrebungen, auf die wir näher eingehen werden, die Anzeichen, die auf ein Wiederaufleben der Wissenschaften schließen lassen. Und erst, nachdem man das Studium der alten Literatur auf allen Gebieten aufgenommen, nachdem in Italien und den benachbarten Ländern im 15. und 16. Jahrhundert die Kunst blühte, nachdem endlich der geografische Gesichtskreis sich über die ganze Erde ausgedehnt hatte sowie die allgemeine Kultur sich beträchtlich erhoben hatte, sehen wir mit dem Anfang des 17. Jahrhunderts eine neue Blüte der Naturwissenschaften anbrechen, welche dem geistigen Leben der vorangegangenen Jahrhunderte den Stempel aufgedrückt hat. Ja, dieser neue Aufschwung ist so eng mit der gesamten Kultur unseres Zeitalters verbunden, dass ein abermaliger Verfall der Wissenschaften zugleich das Ende dieser Kultur bedeuten würde. Man hat viel nach den Gründen für das Verschwinden der Wissenschaft und Kultur des Altertums sowie für die Tatsache gesucht, dass die menschliche Gesellschaft während eines Zeitraums von tausend Jahren fast dem Stillstand verfallen war. Unsere Zeit wird doch vom Gefühl beherrscht, dass die Menschheit auf dem Weg, den sie seit dem Ende des Mittelalters eingeschlagen hat, in einem unaufhaltsamen Fortschritt toward weiterer Erkenntnis und höherer Zivilisation voranschreitet. Ein wichtiger Grund, der diesem Gefühl Sicherheit verleiht, besteht darin, dass die moderne Wissenschaft eine gewaltige Technik hervorgebracht hat, wie sie das Altertum, während dessen die industrielle Tätigkeit im Wesentlichen noch auf einem Niveau stand, das nicht von wissenschaftlichen Prinzipien durchdrungen war,

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Das Handwerk blieb bestehen, war jedoch unbekannt. Durch die Tatsache, dass der Mensch in der Neuzeit auf dem Weg des experimentellen Verfahrens zum Herrn der Naturkräfte wurde, erlebte die Wissenschaft eine weitaus engere Verschmelzung mit der gesamten Kultur, als es im Altertum der Fall war.
Es hat nicht an那些, die die wissenschaftlichen Leistungen des Altertums herunterspielten, gefehlt. Man darf jedoch nicht vergessen, dass im Altertum aufgrund mangelnder Vorbereitungen überall zunächst die Grundlagen geschaffen werden mussten. Auch wenn man zugeben mag, dass die Alten in den Bereichen Mathematik, Dichtkunst und Philosophie mehr leisteten als im Bereich der Naturwissenschaften, so kann ihnen deshalb keine Kritik entgegengebracht werden. Ihre Beobachtungen konnten nicht über das hinausgehen, was die ungeschützten Sinne wahrnehmen konnten. Zudem führten das bloße Nachdenken auf der Grundlage nur oberflächlicher, nicht durch besondere Hilfsmittel vertiefter Beobachtungen sowie der Mangel an einer induktiven Forschungsmethode zu vielen Irrwegen. Eine bemerkenswerte Ausnahme bildeten wieder die Araber, unter denen sich auch bedeutende Experimentatoren befanden. Erst gegen Ende des Mittelalters breitete sich allmählich das Bewusstsein aus, „dass alleiniges Spekulieren nichts nütze und dass nicht nur die Fakten, sondern auch ihre Gründe erforscht werden müssten“, woraufhin eine im modernen Sinne durchgeführte Forschung entstand.
Es muss außerdem berücksichtigt werden, dass es im Altertum noch an einem konsequent angewandten Verfahren der wissenschaftlichen Forschung mangelte. Ihr Wesen besteht dabei keineswegs darin, wie bereits im Altertum viele forderten, von der Erfahrung auszugehen. Vielmehr besteht es darin, dass der Forscher seine aus der Untersuchung der Erfahrungswelt entstandenen Vorstellungen ununterbrochen und möglichst vollkommen den Fakten anpasst. Den Alten mangelten solche Vorstellungen nicht, doch ihnen fehlte noch das Verständnis dafür, dass erst der ständige Vergleich von Ideen mit den Erscheinungen, die Anpassung der Ideen, ihre deduktive Gestaltung sowie ihr Ersatz durch eine neue Vorstellung, falls die alte nicht ausreicht, das Wesen der Naturwissenschaft ausmachen. Schließlich hat sich gerade das Festhalten an einer Idee aus Vorurteilsgründen als das größte Hindernis für den Fortschritt erwiesen.
Die genannten Mängel des Altertums gehören zu den Ursachen dafür, dass politische und religiöse Umwälzungen von solchem Umfang eintraten.

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der neueren Kulturwelt, der vielleicht andere Gefahren drohen,
hoffentlich erspart bleiben werden. Es war der durch eine jahrhundertelange
Zersetzung vorbereitete, durch den Ansturm der germanischen Stämme
herbeigeführte Zerfall des Römerreiches, sowie die Überwindung des
Heidentums – oder der angesichts der Unhaltbarkeit des Götterglaubens
eingetretenen Indifferenz – durch das Christentum und den Islam. Von
diesen wirkte das erstere mehr innerlich, indes nachhaltiger, während der
Islam, das Feuer und das Schwert mit dem Bekehrungseifer648 verbindend,
unmittelbar in die Geschicke eines großen Teils der Welt eingriff. Mit dem
zunächst zersetzenden Wirken all dieser Einflüsse beginnt für die
allgemeine Geschichte wie für die Geschichte der Wissenschaften das
Mittelalter, dem wir uns jetzt zuwenden wollen.

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7. Der Niedergang der Wissenschaften zu Beginn des Mittelalters.
Der tiefste Einschnitt, den die Entwicklung der allgemeinen Kultur und der Wissenschaft erlitt, bestand in der Zerstörung des römischen Weltreichs durch die germanischen Völker. Die meisten Städte wurden zerstört. An die Stelle des Städtewesens, das in Griechenland und in Italien zu hohem Blüte gelangt war und allein die feineren, auf Kunst und Wissenschaft gerichteten Kräfte zu entwickeln vermochte, trat wieder eine mehr ländliche, den geistigen Bestrebungen abholdere Lebensweise. Die Bevölkerung der Städte, wie diejenige der Mittelmeerländer im Allgemeinen, verringerte sich trotz des Zuzugs neuer, erobernd einbrechender Völkermassen. Unermesslich waren auch die Verluste an den seit Jahrhunderten aufgespeicherten Schätzen der Kunst und Wissenschaft. Hatte Rom doch z. B. zu Beginn des 5. nachchristlichen Jahrhunderts, von den ältesten Zeiten abgesehen, noch nie einen Feind in seinen Mauern beherbergt. Zwar hatten blutige Kämpfe in seinen Straßen getobt, doch waren Verwüstung und Plünderung bis dahin von Rom ferngehalten worden. Das erste Ereignis dieser Art erfolgte durch Alarich und seine Westgoten im Jahr 410. „Ungeheuer war der Eindruck auf die Zeitgenossen. Die römische Welt zuckte von Riesenschmerz überwältigt zusammen“649. Auf diese erste Verwüstung folgten andere, weitaus schlimmere. Nicht nur Rom, sondern auch andere Zentren der geistigen und künstlerischen Bestrebungen wurden von solchen Ereignissen heimgesucht. Unter diesen Bedingungen war der Zerfall des gewaltigen römischen Weltreichs unvermeidlich. Der Historiker, der es liebt, seine Einteilungen auf auffällige Ereignisse zu stützen, lässt daher das Mittelalter mit dem Beginn der Völkerwanderung oder mit der Errichtung der ersten germanischen Herrschaft auf italienischem Boden beginnen. In der Geschichte der Wissenschaften wurde wohl nach ähnlichen, epochale Ereignisse gesucht, und die Auflösung der Philosophenschule in Athen oder die Eroberung Alexandriens durch die Araber im Jahr 642 als solche angesehen (so Heller in seiner Gesch. der Physik). Man darf jedoch nicht vergessen, dass auf diesem Gebiet die Ereignisse meist geräuschlos vor sich gingen.

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Es wird wohl von den Katastrophen der Weltgeschichte beeinflusst, verleugnet aber niemals den Charakter einer ruhigen Entwicklung. Der Geist der zweiten alexandrinischen Blüteperiode war um das Jahr 600 längst erloschen. Die alexandrinischen Gelehrten verstanden die alten Schätze, von denen das Meiste bereits zerstört war, kaum noch zu bewahren. Seitdem moralische Fäulnis auf der einen und das der Welt mit seinem Wissen abgewandte Christentum auf der anderen Seite das Leben immer mehr durchdrangen – also bereits eine ganze Reihe von Jahrzehnten vor dem endgültigen Sieg des germanischen Elements – fanden auch in Rom die Wissenschaften nicht mehr die frühere Pflege. Rom und Alexandria wurden Hauptsitze der christlichen Kirche. Und diese kehrte sich, da es ihr Ziel war, die antiken Elemente zu überwinden und neue an deren Stelle zu setzen, in missverstandener Auslegung der Heiligen Schriften auch gegen die antike Wissenschaft. Es sollte nur das Verhältnis der Seele zu Gott erkannt werden; alles andere galt als unerheblich. Der Verstand hingegen galt als machtlos. Nur die durch Gottes Gnade geschehende Offenbarung sollte in der Lage sein, die Menschen zu erleuchten. „Forschung“, sagt Tertullian, „ist nach dem Evangelium nicht mehr vonnöten“. Und Eusebius meint von den Naturforschern seiner Zeit: „Nicht aus Unkenntnis der Dinge, die sie bewundern, sondern aus Verachtung ihrer nutzlosen Arbeit halten wir ihr Thema für gering und wenden unsere Seele der Beschäftigung mit besseren Dingen zu.“ Schließlich konnten diese Kirchenväter der ältesten christlichen Zeit sogar Meinungen heidnischer Philosophen für ihre Ansichten heranziehen, wie diejenige des Sokrates, der die menschliche Seele mit ihren inneren Zuständen zum einzigen, zum Nachdenken würdigen Gegenstand erklärt hatte. Mit wahrer Ingrimm wandten sich die ersten christlichen Gelehrten gegen den von Leukipp, Demokrit und Epikur stammenden Versuch einer mechanischen Weltersklärung. „Es wäre mir besser“, ruft Augustinus aus, „ich hätte den Namen Demokrits nie gehört!“ Die Atomisten werden als blinde und bedauernswerte Menschen bezeichnet. Besonders eifrig kämpft gegen sie der alexandrinische Bischof Dionysios der Große in seinem Werk „Über die Natur“. Die Angaben, die Dionysios über die Lehren der Atomisten macht, dienen trotz ihrer polemischen

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Als wertvolle Quelle zu diesem wichtigen Abschnitt der griechischen Philosophie.
Dionysius bekämpft die Atomisten vor allem dadurch, dass er die Zweckmäßigkeit der Welt betont und im Gott den Künstler und Schöpfer des Kunstwerks sieht, das die Welt für den Menschen darstellt. Denn, so lauten einige seiner Ausführungen, können weder ein Kleid noch ein Haus von selbst entstehen – es bedarf dazu einer geordneten Führung. Und nun soll das große „Haus“, das aus Erde und Himmel besteht, nämlich der Kosmos, aus dem Chaos entstanden sein. Bezüglich der Sterne sagt er: „Aber auch wenn jene Unglücklichen es nicht wollen, so ist es doch, wie die Gerechten glauben, der große Gott, der sie geschaffen hat und durch seine Worte ihren Lauf bestimmt.“ Weder der Aufbau der menschlichen Organe und ihre Wechselwirkungen noch erst recht die geistige Tätigkeit seien, wie Dionysius betont, mit der Atomlehre vereinbar. Der Philosoph könne seine Vernunft schließlich nicht von den vernunftlosen Atomen erhalten haben.
Während Dionysius gegenüber der mechanischen Erklärung der Natur die Haltung eines eifrigen Theologen einnimmt und mit Argumenten argumentiert, die einer wissenschaftlichen Erörterung entziehen sind, erhebt Laktanz gegen die atomistische Lehre physikalische und philosophische Einwände. Laktanz fragt, woher diese Teilchen stammen sollten und wie ihr Dasein bewiesen werden könne – schließlich hat niemand sie je gesehen oder gespürt. Doch selbst wenn man das Vorhandensein der Atome zugibt, könnten diese leichteren, runden Teilchen keinen Zusammenhang bilden und keine festen Körper erzeugen. Wenn man versuchen würde, dieser Schwierigkeit zu begegnen, indem man den Atomen Ecken und Haken verleiht, dann hätte man keine Atome mehr – solche Ausbuchtungen könnten schließlich abgetrennt werden. Der Versuch, die Gesetzmäßigkeiten des Geschehens zu erklären oder zumindest nach ihnen zu suchen, wurde abgelehnt. Diese Haltung, die die Kirche einnahm, blieb über lange Zeiträume hinweg bestehen – mit nur wenigen Zugeständnissen an die Fortschritte der Wissenschaft. „Je mehr die Macht der christlichen Lehre zunimmt, desto mehr schwindet das Verständnis für die kausale Erklärungsweise. Das Wunder reicht überall aus. Welchen Sinn haben dann die Bemühungen, Erklärungen zu finden?“
Diese Haltung der Kirchenlehrer gegenüber der naturwissenschaftlichen Erklärungs- und Betrachtungsweise ist bei dem

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Die Anerkennung, die ihren Schriften bis in die Neuzeit zuteilwurde, hatte für die weitere Entwicklung schlimme Folgen. Sie weckte außerdem sehr oft den Fanatismus der Menge, die sich keineswegs mit dem Streit der Meinungen zufriedengab, sondern nicht nur gegen die Wissenschaft, sondern auch gegen ihre Denkmäler und Schätze in den Kampf zog. So wurde beispielsweise, lange bevor die Araber Alexandria eroberten, in dieser Stadt, unter der Führung eines christlichen Patriarchen, die wertvolle Bibliothek des Serapeions den Flammen überlassen. Schon im 3. Jahrhundert hatte ein Patriarch die Gelehrten der alexandrinischen Akademie vertrieben. Unter Kaiser Julian durften sie zurückkehren. Inzwischen begann unter Theodosius die Verfolgung von neuem. Damals war es, dass der Patriarch Theophilos sich vom Kaiser die Erlaubnis erbat, das Serapeion zerstören zu dürfen. Mit derselben Unvernunft, mit der gegen die weltliche Wissenschaft vorgegangen wurde, verhielten sich auch die ersten Anhänger des neuen Glaubens gegenüber der von den Alten überlieferten Heilkunst. Krankheiten wurden mit Gebet und Beschwörung bekämpft oder sogar als Strafe Gottes angesehen, der man sich willfährig fügen musste, während glückliche Heilungen als Teufelswerk galten.
Sogar die Lehre von der Kugelgestalt der Erde – eine Lehre, die auf ein Alter von Jahrhunderten zurückblicken konnte und allein die geografische Ortsbestimmung ermöglicht hatte – ging im Mittelalter, nachdem Kirchenväter wie Laktantius sie verdammt hatten, verloren oder wurde zumindest durch mystische Vorstellungen getrübt. So trifft man auf die Ansicht, dass die Erde ein Hügel sei, um den sich die Sonne im Laufe eines Tages bewege. Augustinus sprach sich gegen die Existenz von Antipoden aus, weil eine solche Gattung in der Heiligen Schrift nicht unter den Nachkommen Adams aufgeführt werde. Bei Rhabanus Maurus hat die Erde eine radförmige Gestalt und wird vom Ozean umgeben. Welcher Rückschritt im Vergleich zu den Astronomen der alexandrinischen Schule! Die Gelehrten des frühen Mittelalters befanden sich mit ihrer Weltanschauung nämlich fast wieder auf dem naiven Standpunkt, den Hesiod im 8. Jahrhundert v. Chr. einnahm. Erst ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. wurde der Erde allmählich die Form einer Kugel zugeschrieben. In einer Hinsicht wirkten die Kirchenväter übrigens auch Gutes: Sie verhielten sich nämlich im Allgemeinen ablehnend gegenüber den astrologischen Lehren, die während der Kaiserzeit das astronomische Wissen getrübt hatten. Dies geschah zwar weniger aus wissenschaftlicher Überzeugung, sondern weil…

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Es sei frevelhaft, das Schicksal von Menschen und Völkern aus den Sternen heraus erkennen zu wollen654.
In demselben Maße wie die ersten Christen – wenn auch aus anderen Gründen – verhielt sich auch die zweite Macht, die von der Welt auf den Trümmern der Antike Besitz ergriffen hatte, das Germanentum, bildungsfremd. Seine Träger waren Volksstämme, die erst von dem Augenblick an, in dem sie mit der alten Kultur in Berührung kamen, in das Licht der Geschichte traten. Ihnen galten nicht nur die zivilisierten Bewohner Südeuropas, sondern auch deren geistige Errungenschaften zunächst als feindliche Kräfte. So berichtet Prokop von den Goten, die nach den langen Wirren der Völkerwanderung in Italien zunächst wieder geordnete Verhältnisse schufen; sie seien der Ansicht gewesen, dass derjenige, der die Rute des Lehrers fürchtet, keinem Schwert und keinem Speer mehr festen Blickes begegnen könne.
Wenn man nun bedenkt, dass diese beiden Mächte, das Christentum und das Germanentum – das eine geistig, das andere physisch – den westlichen Teil der alten Welt in ihren Besitz nahmen, während bald darauf im Morgenland der Islam mit ähnlichen Tendenzen entstand, so lässt sich verstehen, dass die im Altertum begründete Wissenschaft im geistigen Leben des Mittelalters zunächst keinen Platz fand. Man wird vielmehr erstaunt sein, dass diese Wissenschaft genug Kraft besaß, nicht völlig zu untergehen, sondern unter der Asche weiter zu glimmen, bis sie seit etwa dem 13. Jahrhundert erneut entfacht wurde.
Auf eine Weiterentwicklung der im Altertum geschaffenen Grundlagen wirkte nicht nur das beschriebene Streben entgegen, das dem Christentum und dem Germanentum zu Beginn ihres Aufkommens innewohnte, sondern es brach auch eine Reihe von Ereignissen über die alte Welt herein, die in ihrer Schrecklichkeit ihresgleichen suchten und Südeuropa in Trümmer legten; dadurch wurde der Wohlstand, der doch bis zu einem gewissen Grad die Voraussetzung für alle Kunst und Wissenschaft ist, zerstört.
Während das Oströmische Reich eine gewisse Beständigkeit genoss, wurde der Westen zum Spielball der germanischen Stämme. Auf die Verwüstung durch die Goten folgte der Einfall der Vandalen, die überall Ruinen als Zeichen ihrer Anwesenheit hinterließen. „Sie zerstörten alles.“

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Der Chronist berichtet von ihnen: „Was sie fanden. Die Pest konnte nicht verheerender sein. Auch wütete eine fürchterliche Hungersnot, so daß die Überlebenden die Körper der Gestorbenen verzehrten.“ Es klingt kaum glaubwürdig, wenn uns die Geschichtsschreiber jener Zeiten erzählen, dass man Festungen durch den Leichengeruch zur Übergabe zwang, indem man die Gefangenen vor den Wällen niedermetzelte.
Fast zur gleichen Zeit, als die Vandalen Rom plünderten, wurde Oberitalien von den Hunnen verwüstet, deren Zug durch die von Aëtius gewonnene Schlacht bei Châlons nach Süden abgelenkt worden war. Nach diesen völkermordenden Kriegen ergriffen todbringende Seuchen das aus vielen Wunden blutende Europa. Vielleicht war infolge der vorangegangenen Ereignisse eine allgemeine Schwächung der europäischen Menschheit eingetreten und dadurch der Pest der Boden bereitet worden. Zum ersten Mal hatte diese Geißel unter Marc Aurel ihren Weg durch das Römische Reich gefunden und weitaus mehr Opfer gefordert als die Seuchen der Neuzeit. Nach dem von Prokop, dem Sekretär Belisars, hinterlassenen Bericht wütete sie ganze 50 Jahre lang im gesamten Römischen Reich – in Italien verdarben an manchen Stellen die Weinreben und das Getreide, weil es an Arbeitskräften mangelte.
Allmählich erhoben sich jedoch aus der Verwirrung und der Zerstörung, die die ersten Jahrhunderte des Mittelalters kennzeichneten und das Erlahmen des wissenschaftlichen Geistes erklären, gefestigte Verhältnisse. Rom wurde dadurch, dass es im 5. Jahrhundert in den Besitz der kirchlichen Vorherrschaft gelangte, wieder – wenn auch in anderer Weise als im Altertum – zum angesehenen Zentrum des Abendlandes, und die römische Sprache wurde zur Weltsprache.
Benedikt von Nursia gründete Anfang des 6. Jahrhunderts das Klosterwesen in Westeuropa. Die Idee, sich aus religiösen Gründen von der Welt zurückzuziehen, stammt aus dem Orient und war bereits im heidnischen Orient üblich. Sie ergriff mit besonderer Kraft die ersten Christen, die die Vorschriften der neuen Religion nicht mit den Anforderungen und Schwierigkeiten des Lebens in Einklang bringen konnten. So sahen wir kurz nach der Ausbreitung des Christentums Tausende, die sich in abgelegene Teile Syriens und Ägyptens zurückzogen. Es entstand ein Mönchtum, das von bestimmten Regeln abhing – eine für jene Zeiten berechtigte Erscheinung.

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Die Erhaltung der geistigen Kultur wurde gefördert. Schon um die Mitte des 4. Jahrhunderts verbreitete sich das Mönchtum insbesondere durch Bischof Basilius den Großen in Kleinasien und auf der Balkanhalbinsel. Bald fand es auch im Weströmischen Reich Eingang, wo insbesondere Augustinus den Boden für diese Form des religiösen Lebens bereitet hatte. Benedikt von Nursia verdient es, dass er zuerst die umherziehenden, zügellosen, dem Mönchtum ergebenen Scharen zum Zusammenleben und zu geordneter Tätigkeit zwang. Die Beschäftigung mit den Wissenschaften bezeichnete er als eine der wichtigsten Pflichten seines Ordens. „Den Klöstern“, sagt Lindner 655, „verdanken wir alles oder das weitaus Meiste, was von antik-lateinischen Schriften und selbst von den alten germanischen auf uns gekommen ist; sie haben den Rückweg zum Altertum offen gehalten.“

Zwar wurde das Studium der nichtphilosophischen Schriften der Antike von den kirchlichen Machthabern nur ungern gesehen. So begegnet uns um 1200 ein Verbot656, das den Mönchen das Lesen naturwissenschaftlicher Schriften als sündhaft verbot. Im Ganzen jedoch war die Tätigkeit der Orden auf die Erhaltung der alten Schriftwerke und die Ausbreitung der Bildung ausgerichtet, so dass die Benediktiner zu Recht den Wahlspruch „Ex scholis omnis nostra salus“ führten.

Auch im politischen Leben Italiens machte die Stürme, die dort jahrhundertelang gewütet hatten, schließlich einem ruhigen Entwicklung Platz. Während der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts herrschten hier die Ostgoten. Unter ihrem großen König Theoderich (475–526), der eine Verschmelzung des germanischen mit dem römischen Element herbeiführen wollte, erlebte das Land sogar einen kurzen Aufschwung. Der wissenschaftliche Sinn wurde wieder lebendig, die Schulen blühten auf und die Gelehrten wurden wieder geehrt657. In diesem Zeitraum verdienen besonders Cassiodor und Boethius Erwähnung.

Cassiodor wurde in Süditalien geboren und war um 500 Theoderichs Geheimschreiber und Berater. Nach der Niederlage der Ostgoten durch die Byzantiner zog er sich in die klösterliche Einsamkeit zurück. Durch ihn und Benedikt von Nursia, der im Jahr 529 das Kloster von Monte Cassino bei Neapel stiftete, wurde anstelle der früheren Beschaulichkeit der Mönche eine aktive Tätigkeit als oberstes Prinzip etabliert. Unermüdlich wurden in schöner Schrift die den Klöstern gehörenden Werke kopiert.

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Auf Pergament übertragen und so neben manchem Wertlosen doch auch das Wertvolle der Nachwelt erhalten. Cassiodor selbst empfiehlt das Abschreiben von Büchern den Mönchen als die verdienstlichste Arbeit. Seine letzte Schrift verfasste er im 93. Lebensjahr. Er hinterließ 12 Bücher, Briefe und eine Enzyklopädie der sogenannten sieben freien Künste (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie). Indessen handelt es sich für ihn nicht um eine ausführliche Darstellung dieser Wissenszweige, sondern mehr um eine Aufzählung derjenigen griechischen und lateinischen Schriftsteller, deren Studium dem Anfänger zu empfehlen sei.
Das Urbild solcher, im Mittelalter so häufigen Sammelwerke über die freien Künste stammt von Marcus Terentius Varro, der im 1. Jahrhundert v. Chr. lebte und neun Wissenschaften enzyklopädisch behandelte. Außer den genannten hatte er nämlich auch die Medizin und die Baukunst in Betracht gezogen.
Der in einer Geschichte der Wissenschaften Erwähnung verdienende Genosse Cassiodors war der aus altem römischen Geschlecht stammende Boëthius. Nachdem er in seiner Vaterstadt die höchsten Ämter bekleidet hatte, fiel er in Ungnade und wurde nach längerer Gefangenschaft enthauptet. Im Kerker entstand seine berühmte Schrift „Über die Tröstungen der Philosophie“, ein Werk, das in viele Sprachen übersetzt wurde. Boëthius machte das Studium der griechischen Schriftsteller wieder zugänglich, indem er sie ins Lateinische übersetzte und erklärte. Cassiodor, der Geschichtsschreiber der Ostgotenzeit, hat der Nachwelt einen Auszug aus einem Brief Theoderichs an Boëthius bewahrt, der den König wie den Empfänger in gleicher Weise ehrt. „In deinen Übersetzungen“, heißt es in diesem Schreiben, „wird die Astronomie des Ptolemäos sowie die Geometrie des Euklid lateinisch gelesen. Platon, der Erforscher göttlicher Dinge, und Aristoteles, der Logiker, streiten in der Sprache Roms. Auch Archimedes, den Mechaniker, hast du lateinisch wiedergegeben. Welche Wissenschaften und Künste auch das fruchtbare Griechenland hervorgebracht hat, Rom empfing sie in der väterlichen Sprache durch deine Vermittlung.“
Boëthius’ Lieblingsgebiete waren die Musik und die Akustik. Er führte zahlreiche Versuche mit dem Monochord und mit Pfeifen durch und schrieb ein Werk über die Musik, in dem einige klare Ansichten entwickelt wurden.

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Wichtiger ist dieses Buch dadurch, daß wir uns nach ihm eine gewisse Vorstellung von der Tonkunst des Altertums und des früheren Mittelalters machen können. Auch der Astronomie und der Physik brachten die gebildeteren Goten, geschichtlichen Berichten zufolge, ein großes Interesse entgegen. Leider sollte dieser hoffnungsvolle Ansatz, den der italische Boden zeitigt hatte, noch in der Blüte geknickt werden. Ebenso rasch, wie das Ostgotenreich aufgekommen war, wurde es durch die furchtbaren Kriege, welche der oströmische Kaiser gegen die Ostgoten führte, wieder hinweggefegt. Zehn Jahre später fiel das verwüstete Italien in die Hände der Langobarden. Einen ähnlichen Aufschwung, wie zur Zeit der Ostgoten, hat es unter der, Jahrhunderte dauernden Herrschaft dieses Volkes nicht wieder erlebt. Doch fand in dieser verhältnismäßig ruhigen Zeit eine allmähliche Verschmelzung des germanischen Elements mit dem römischen statt, wodurch die Voraussetzung für eine höhere Kultur geschaffen wurde. Neben Cassiodor und Boëthius verdient für diese Epoche der Bischof Isidor von Sevilla Erwähnung. Er wurde im Jahr 570 in Cartagena geboren und starb 636. In einem, aus 20 Büchern bestehenden Werk, das den Titel „Origines“ (die Ursprünge) trägt, gab er, wie es Cassiodor und Martianus Capella getan hatten, eine Art Enzyklopädie der Wissenschaften heraus. Die „Origines“ berücksichtigen nicht nur die freien Künste, das Trivium (Grammatik, Rhetorik und Dialektik) sowie das Quadrivium (Arithmetik, Musik, Geometrie und Astronomie), sondern auch die Medizin, die Naturgeschichte, die Geographie usw. Das Werk verdrängte die Enzyklopädien von Cassiodor und Martianus Capella und war neben Plinius und Aristoteles bis fast zum Ende des Mittelalters die wichtigste Quelle für alle späteren Sammelwerke. Es trägt möglicherweise auch den Titel „Die Etymologien“ (Libri originum seu etymologiarum). Dementsprechend finden wir für alle Themen die Etymologien der Namen an erster Stelle – oft sogar als einzige Angabe. In den meisten Fällen waren die Wortherleitungen jedoch sehr willkürlich und wertlos. Männer wie die Genannten haben das Bestehende nicht erweitert, sondern, wie Plinius, als literarische Sammler gewirkt. Als solche waren sie jedoch für die Bewahrung des Wissens und des wissenschaftlichen Interesses im gesamten Mittelalter von Bedeutung. Fast allen lag daran, die Beschäftigung mit den Wissenschaften auf weitere Kreise auszudehnen, indem

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Sie wirkten für die Verbreitung und Verbesserung des Schulwesens. Dafür sind nicht nur Cassiodor und Rhabanus Maurus, sondern auch Isidor von Sevilla zu loben.
Wie die Klöster zu Zentren literarischer Tätigkeit wurden, fand in ihnen auch, insbesondere in den sich gerade der Kultur öffnenden germanischen Ländern, die Heilkunst einen Platz. Die Mönche bereiteten Arzneien nicht nur für ihren eigenen Gebrauch, sondern auch für die Bewohner der Umgebung. Die heilbringenden Kräuter wurden in besonderen Gärten unter dem Schutz der Klostermauern angebaut. Genauere Angaben gibt es über den Kräutergarten des Klosters St. Gallen, aus dem bereits im 9. Jahrhundert die benachbarten Dörfer mit Arzneien versorgt wurden. Von den zahlreichen Kräutern, die man in St. Gallen zu diesem Zweck anbaute, seien beispielsweise Salbei, Raute, Minze und Fenchel genannt. Ein eigenständiges Apothekenwesen entwickelte sich im germanischen Kulturbereich erst im späten Mittelalter. Im Altertum bereitete der Arzt die Arzneien in der Regel selbst zu.

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8. Das arabische Zeitalter.
Ein neuer Anlaß zur Beschäftigung mit der Wissenschaft des Altertums sollte im Abendlande nicht mehr, wie zur Zeit Theoderichs, auf eigenem Boden entspringen, sondern von einem orientalischen Volk ausgehen, das bis dahin kaum eine Rolle gespielt hatte. Dieses Phänomen ist eines der merkwürdigsten, die uns in der Entwicklung der Wissenschaften begegnen, weshalb wir ihm eine etwas eingehendere Betrachtung schenken müssen.
Während das Christentum die abendländischen Völker durchdrang, bemächtigte sich der Islam des gesamten Orients. Die Ausbreitung der neuen Lehre erfolgte durch Feuer und Schwert und ging Hand in Hand mit der Errichtung eines Weltreiches durch die Araber. Auch diese traten, wie die ersten Bekenner des Christentums, den vorhandenen Bildungselementen zunächst feindlich gegenüber. Von fanatischem Eifer geblendet, soll der Kalif Omar dem arabischen Feldherrn, der Alexandria eroberte, den Befehl zur Vernichtung der noch vorhandenen Buchschätze mit den Worten gegeben haben: „Wenn diese Bücher das enthalten, was im Koran steht, so sind sie unnütz; wenn sie etwas anderes enthalten, so sind sie schädlich. Sie sind deshalb in beiden Fällen zu verbrennen.“
Nach anderen Berichten soll dieser Satz bei der Eroberung Persiens gefallen sein. Bei dieser Aussage sowie bei einigen anderen Worten, denen historischen Persönlichkeiten zugeschrieben werden, ist in vielen Fällen nicht nachzuweisen, dass es sich um eine belegte Äußerung handelt. Wenn sie dennoch, wie beispielsweise Galileis Wort: „Und sie bewegt sich doch“, in der Geschichte der Wissenschaften Erwähnung finden, dann geschieht dies, weil sie häufig Personen, Zeitverhältnisse oder geistige Strömungen hervorragend charakterisieren.
Wie groß der Verlust an Buchschätzen infolge der von den Arabern zu Beginn ihres Auftritts gezeigten Zerstörungswut war, lässt sich heute nicht mehr abschätzen. Diese Verluste begannen übrigens bereits in Alexandria viel früher, nämlich zur Zeit der Belagerung durch Julius Caesar. Unter Kleopatra wurden sie jedoch durch den Erwerb der pergamenischen Bibliothek ausgeglichen. Die Zerstörung des Serapeions

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Es fand unter Theodosius statt. Doch es wurde so viel gerettet, dass eine neue Bibliothek gegründet werden konnte. Mit den etwa noch vorhandenen Überresten an literarischen Schätzen scheinen die Araber bei der Eroberung Alexandriens nicht allzu glimpflich umgegangen zu sein, auch wenn die Nachrichten über ihren Vandalismus zweifellos stark übertrieben sind666. Im Allgemeinen waren die Anhänger des Islams nämlich toleranter als die Christen. Während letztere die Unterworfenen zur Bekehrung zwangen und keine Religion neben dem Christentum anerkannten, strebte der Islam eher danach, zu herrschen. Die Christen behielten unter dieser Herrschaft ihre Glaubensfreiheit – ja sogar ihre Kirchen und Klöster. Der Islam ließ den unterworfenen Völkern mehr ihre Eigenart. Auch die von ihm unterjochten Städte behielten als Zentren des geistigen Lebens sowie des Wohlstands ihre Bedeutung, während das Abendland durch die Germanen einer mehr ländlichen, natürlichen Lebensweise unterlag. Die Kultur des Orients erlitt daher durch den Islam in ihrer Entwicklung keine so gewaltsame Unterbrechung wie das Abendland. Die mittelalterliche orientalische Kultur verdient auch die Bezeichnung „arabisch“ – weniger aufgrund ihrer Eigenart als vielmehr deshalb, weil die Sprache der Araber zur dominierenden wurde. Mit dieser Erkenntnis verschwindet auch das Paradoxon, das entstehen würde, wenn man allen Errungenschaften, die der Orient im Mittelalter hervorbrachte, einem bis dahin unbekannten nomadischen Volk zuschreiben wollte.
Die Araber verstanden es hervorragend, die kulturellen Elemente, die die unterworfenen Völker besaßen, zu sammeln und zu ordnen. Nachdem sie in der kurzen Zeit von Mohammeds Auftreten bis zum Beginn des 8. Jahrhunderts Syrien, Palästina, Ägypten, Persien, Nordafrika und Spanien erobert hatten, nahmen sie die Bildungselemente, die sie in diesen Ländern fanden, auf, um sie später den Völkern des Abendlands weiterzugeben. Letzteren blieb es vorbehalten, auf dieser Grundlage erfolgreich weiterzubauen – etwas, was die Araber nur in begrenztem Maße schafften. Es ist ein Verdienst der arabischen Literatur, wichtige Teile der griechischen Wissenschaften zu bewahren und sie durch die Dunkelheit des Mittelalters in die Neuzeit zu retten.
Nach dem Untergang der alten Kultur entwickelten sich die Wissenschaften in Syrien und Persien in griechisch-christlichen sowie jüdischen Schulen weiter.

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pfleglich. Als die Araber diese Länder eroberten, fanden sie dort ein reiches geistiges Leben vor667. Wahrscheinlich wurde jedoch bei dem ersten Ansturm die ältere Literatur jener Länder teilweise zerstört, so dass man bei dem erwachenden Interesse an wissenschaftlichen Dingen dazu gezwungen war, auf die griechischen Originale zurückzugreifen, was sich beispielsweise in dem später zu erwähnenden Verhalten des Kalifen Al-Ma’mun erklärt668. Mit dem Übersetzen ging das Kommentieren Hand in Hand. So soll Ibn Sina (Avicenna, 980–1037) die Schriften des Aristoteles in 20 Bänden kommentiert haben. Seine Arbeit ging verloren, doch blieb sein Kommentar zu den aristotelischen Schriften über die Tiere in lateinischer Übersetzung (von Michael Scotus) erhalten.
Trotz aller Verfolgungen, denen die griechische Wissenschaft ausgesetzt war, fanden sich also im Orient doch noch zahlreiche, wertvolle Überreste. Vor allem war es die zur Zeit der Eroberungskriege der Araber in Syrien und Persien verbreitete christliche Sekte der Nestorianer, die sich um die Erhaltung dieser Überreste große Verdienste erworben hatte669. Seit der Zeit Alexanders hatten sich viele Griechen in den bedeutenderen Städten Syriens und Persiens niedergelassen und ihr Wissen sowie ihre Sprache in Vorderasien verbreitet. Mit dem Griechentum kam dort bald das jüdische Element in Berührung. Beide wurden nach Beginn unserer Zeitrechnung durch die Ausbreitung des christlichen Glaubens noch enger miteinander verbunden. Der den Griechen eigene Drang, überall, wo sie in fremden Ländern sich niederließen, als Lehrer ihrer neuen Landsleute aufzutreten, erhielt dadurch neue Impulse. Die Schulen wurden christlich, behielten aber ihre Ausrichtung auf die Pflege und Verbreitung der weltlichen Wissenschaften, getreu dem Geist des Griechentums.
Als Sitz einer Akademie sei Edessa erwähnt. Dort entstand auch eine bedeutende Bibliothek. Ab etwa dem 5. Jahrhundert wurden die Werke des Aristoteles sowie griechische Schriften über Medizin, Mathematik, Astronomie usw. ins Syrische übersetzt. Die Syrer sind als die unmittelbaren Schüler der Griechen anzusehen. Eine nennenswerte Förderung der Wissenschaften scheint durch die Syrer jedoch nicht stattgefunden zu haben. Ihr Hauptverdienst besteht darin, dass sie die Kenntnisse und Anschauungen der Alten den Arabern weitergaben. Die in Mesopotamien entstandenen Nestorianerschulen blühten vom 5. bis ins 11. Jahrhundert. Und hier war es, wo die Elemente der antiken Wissenschaft,

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Dazu gehörten auch jene der Alchemie, die den Arabern bekannt wurden und durch die sie schließlich nach Spanien und von dort in die übrigen Länder Europas gelangten. Durch die Beschäftigung mit chemischen Vorgängen kamen die syrischen Gelehrten Mesopotamiens vielleicht auf die Erfindung des sogenannten griechischen Feuers, das seit dem Ende des 7. Jahrhunderts bei Belagerungen und in Seeschlachten verwendet wurde670. Das griechische Feuer wurde im Jahr 678 von einem Syrer in Konstantinopel eingeführt und bestand vermutlich aus einer Mischung von leichtflüchtigen Erdölen, Asphalt und gebranntem Kalk. Letzterer sorgte dafür, dass sich die Masse beim Zusammentreffen mit Wasser entzündete. Die Verwendung von Salpeter zu Zündsätzen, Raketen usw. lässt sich hingegen erst viel später datieren671.
Von den syrischen Handschriften, die sich mit chemischen Dingen beschäftigen, sind noch mehrere erhalten geblieben und durch Berthelot ihres Inhalts nach bekannt geworden. Dazu gehört eine Auflistung672 der Metalle, der sieben Erden, der zwölf als Amulette dienenden Steine sowie einer Anzahl von Mineralien, die zur Färbung von Glas verwendet wurden. Als Amulette, denen magische Kräfte zugeschrieben wurden, galten beispielsweise der Amethyst (gegen Trunkenheit) und der Bernstein (gegen Gelbsucht). Eine weitere syrische Handschrift673 kann als das älteste methodische Buch über Chemie angesehen werden. Ihre Abschnitte tragen Überschriften wie „Die Verarbeitung von Kupfer, Quecksilber, Blei, Eisen usw.“. Die syrische Alchemie besteht hauptsächlich aus Übersetzungen griechischer Quellen. In der erwähnten Auflistung wird dem Namen jedes Metalls der Name eines bestimmten Planeten sowie einer bestimmten Gottheit zugeordnet. Dogmatische Auseinandersetzungen führten zu einem Konflikt zwischen den syrischen Christen, die an der Lehre des Bischofs Nestorios674 festhielten, und der Hierarchie von Alexandria und Byzanz. Die Unterdrückung, der die in Syrien tätigen Gelehrten dadurch ausgesetzt waren, veranlasste sie, sich in den persischen christlichen Gemeinschaften – insbesondere in Mesopotamien – niederzulassen und dort im 5. Jahrhundert neue Niederlassungen zu gründen675. Dadurch wurden die Nestorianer zu Vermittlern zwischen Ost und West der alten Welt. Die in Indien entstandenen Erkenntnisse fanden nämlich in Persien Eingang und wurden später den Arabern sowie über diese Europa übermittelt.

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Als unter Al-Mansur im Bagdad das Kalifat den ganzen Glanz des Morgenlandes um sich verbreitete, wurden die Nestorianer sowie andere griechische Gelehrte an den Hof gerufen und damit beauftragt, die in ihrem Besitz befindlichen Wissensschätze ins Arabische zu übertragen. Die muslimischen Herrscher schienen dabei zunächst eher von einer Art Sammeltrieb als von einem Verständnis für die Bedeutung dessen, was erreicht worden war, geleitet zu sein. So wird beispielsweise berichtet, dass Harun al-Raschid, der zur Zeit Karls des Großen lebende Kalif aus dem Haus der Umayyaden, von den griechischen Kaisern alles erbettelt habe, was ihr Land an philosophischen Werken besaß. Die Haltung, die die Araber gegenüber diesen Werken einnahmen, war zunächst die blinde Achtung vor der Autorität. Wie der Koran in der Religion und im Leben, so dienten die vorhandenen, insbesondere die griechischen Vorbilder ihnen als unbedingte Richtschnur für das Studium der Wissenschaften. Bei dieser Grundhaltung ihres Wesens war zwar kein wesentlicher Fortschritt zu erwarten, doch hatte die von ihnen geübte Überschätzung den Vorteil, dass ihre Literatur in erster Linie der Erhaltung der gewonnenen geistigen Schätze diente. Daran – und weniger am Inhalt eigener Gedanken – beruht die weltgeschichtliche Bedeutung der arabischen Literatur.

Die Begierde, Bücher zu sammeln, war in den Ländern, in denen die arabische Kultur aufblühte, allgemein. So gab es in Bagdad angeblich über hundert Buchhandlungen, und viele Privatpersonen besaßen große Bibliotheken. Es entstanden sogar gelehrte Gesellschaften, wie wir sie im Abendland erst mit der Wiederbelebung der Wissenschaften zu Beginn der Neuzeit kennen. Auch der Mittelstand in den Städten bemühte sich, die Elemente der Bildung zu erlangen; für deren Verbreitung sorgten Schulen. Während es in Rom zur Kaiserzeit etwa 30 öffentliche Bibliotheken gab, existierten in Bagdad weitaus mehr. Die Lehrer, die an den muslimischen Schulen tätig waren, wurden vom Staat bezahlt. Obwohl sie ihren Vorträgen meist Bücher zugrunde legten, entwickelte sich der Unterricht, der meist das theologische und das juristische Gebiet betraf, zu einem belehrenden Gespräch mit den Schülern. Er befand sich somit auf einem hohen Niveau. Als weiteres Ausbildungsmittel waren ausgedehnte Studienreisen üblich. Solche Reisen gaben wiederum Anlass zur Entstehung hervorragender geografischer Werke. Mit offenen Augen beschreiben ihre Autoren nicht nur die topografischen, sondern auch die klimatologischen Verhältnisse der besuchten Länder sowie deren

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Erzeugnisse. Ja, wir besitzen arabische Berichte, die uns sogar über den Zustand von Mainz, Fulda und anderen deutschen Städten des frühen Mittelalters wertvolle Aufschlüsse geben.
Auch das Interesse für mechanische Dinge war bei den Arabern nicht gering. So übersandte, wie Einhard berichtet, Harun al Raschid Karl dem Großen unter den zur Krönungsfeier bestimmten Geschenken eine Wasseruhr, die ein Zeigerwerk besaß und die Stunden dadurch ankündigte, daß eine Metallkugel in ein aus Erz gefertigtes Becken fiel677.
Tatsache ist, daß die Präzisionsmechanik bei den Arabern einen hohen Grad der Ausbildung erreicht hatte und daß sie bei der Herstellung von verschiedenen Arten der Wasseruhren „ein fabelhaftes Talent an den Tag legten“678.
Nicht minder groß war die Vorliebe, welche der Sohn und Nachfolger Haruns, der Kalif Al Mamûn, für die Wissenschaft bekundete. Er errichtete in Bagdad eine Sternwarte und gründete in zahlreichen Städten seines Reiches Schulen und Bibliotheken. Hatte schon Harun eigene Übersetzer angestellt, so gründete sein Nachfolger zu diesem Zweck ein formelles Institut, zu dem eine große Anzahl von Gelehrten, die mit verschiedenen Sprachen vertraut waren, zusammengeführt wurden. In Syrien, Armenien und Ägypten wurden durch besondere Abgesandte Bücher aufgekauft. Vor allem wurden alle Werke des Aristoteles und des Galen übersetzt. Auch Euklid, Ptolemäos und Hippokrates wurden bekannt. Selbst aus dem Persischen und dem Indischen wurde eifrig übersetzt. Nach einem erfolgreichen Krieg gegen den byzantinischen Kaiser legte Al-Mamûn diesem die Bedingung auf, ihm von allen in den Bibliotheken des griechischen Reiches befindlichen Werken je ein Exemplar zu überlassen, damit diese Werke ins Arabische übersetzt werden konnten. Darunter befand sich auch das oben erwähnte astronomische Hauptwerk des Ptolemäos, das in der Folge Almagest genannt wurde.

Mathematische Geographie und Astronomie bei den Arabern.
Die Araber haben oft bewiesen, daß sie sich den Alten gegenüber nicht bloß rezeptiv verhalten wollten. So wurde z. B. die Messung eines Breitengrades zur Bestimmung der Erdumfang unter Al Mamûn wieder aufgenommen.

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Und zwar ohne dass man sich an das von den Griechen geschaffene Verfahren klammerte679. Ein wesentlicher Fortschritt gegenüber Eratosthenes bestand dabei darin, dass die zugrunde liegende Strecke nicht in Tagereisen ausgedrückt, sondern in Richtung des Meridians mit Hilfe der Messschnur gemessen wurde. Man fand die Länge des Grades gleich 56 sowie bei einer zweiten Messung gleich 562/3 arabischen Meilen680 – das entspricht etwa 113.040 m – wovon sich ein Erdumfang von 40.700 km ableitete.

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Abb. 50. Albirunis Bestimmung der Erdumfang.

Albiruni (um 1000) berichtet über die angewandte Methode mit folgenden Worten681: „Man wähle einen Ort in einer ebenen Wüste und bestimme dessen Breite. Dann ziehe man die Mittagslinie und schreite längs derselben nach dem Polarstern. Miß die Strecke in Ellen. Dann messe man die Breite des zweiten Ortes. Subtrahiere die Breite des ersten Ortes davon und teile den Unterschied durch die Entfernung zwischen den Orten in Parasangen. Das Ergebnis, multipliziert mit 360, ergibt den Umfang der Erde in Parasangen.“

Interessant ist eine weitere Methode, die Albiruni zur Bestimmung des Erdumfangs anwandte. Dabei wird ein hoher Berg, der in der Nähe des Meeres liegt, bestiegen, und von dort aus wird durch Beobachtung des Sonnenuntergangs der Winkel α, d.h. die Depression (Abb. 50), bestimmt. Albiruni zeigt anschließend, wie man aus diesem Winkel sowie der Höhe des Berges den Radius der Erde mittels trigonometrischer Berechnungen ermittelt. Eine solche Bestimmung führte er tatsächlich durch. Er bestieg in Indien einen Berg, der 652 Ellen über dem Meeresspiegel aufragt, und maß den Winkel, den die zum Horizont gerichtete Sichtlinie mit der Horizontalen auf dem Gipfel bildet. Dieser Winkel wurde mithilfe des Astrolabiums ermittelt und betrug 34’. Aus diesem Wert sowie der Höhe des Berges wurden der Radius sowie die Länge eines Grades berechnet. Die Berechnung ergab für den Umfang der Erde etwa 5600 Meilen682, was 41550 km entspricht.

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Auf Befehl des Al Mamûn, der die erwähnte Gradmessung in der Nähe des Roten Meeres anstellen ließ, wurde auch die Schiefe der Ekliptik mit großer Genauigkeit ermittelt. Der gefundene Wert belief sich auf 23° 35’. Heute beträgt er 23° 27’. Die Änderung beläuft sich also in einem Jahrhundert auf etwa 48''.
Die Astronomie fand bei den Arabern eine zusammenfassende Bearbeitung durch den unter Al Mamûn lebenden Alfragani oder Alfergani. Dem Werk, das Melanchthon 1537 unter dem Titel „Alfragani rudimenta astronomiae“ aus dem Nachlaß Regiomontans herausgab, lag zwar der Almagest zugrunde, es zeigt aber, daß sein Verfasser ein fleißiger Astronom war, der die Methoden seiner Vorgänger zu verbessern suchte. Auch beschrieb Alfragani die zu seiner Zeit gebrauchten astronomischen Instrumente. Er stellte seine Beobachtungen auf der von Al Mamûn errichteten Sternwarte an und wurde dabei häufig vom Kalifen unterstützt.
Alfragani wurde weit übertroffen durch den etwa ein Jahrhundert später lebenden Al Battani (Albategnius haben ihn seine Übersetzer genannt). Al Battani war prinzlichen Geblüts und hat sich nicht nur um die Astronomie, sondern auch um die Einführung der trigonometrischen Funktionen große Verdienste erworben. Seine Beobachtungen, die er etwa von 880–910 anstellte, wurden von den Arabern als die genauesten gepriesen. Albattani hat viele Angaben des Ptolemäos nachgeprüft und verbessert. Das von ihm verfaßte Werk „Über die Bewegung der Sterne“ erschien in lateinischer Übersetzung und mit Zusätzen Regiomontans im Jahr 1537. Aus diesem Werk ist die Bezeichnung Sinus, für das Verhältnis der halben Sehne zum Radius, in die mathematische Literatur aller Völker übergegangen. Die mit der Anwendung der ganzen Sehnen verknüpfte rechnerische Unbequemlichkeit, welche der Almagest aufwies, kam damit in Fortfall. Die trigonometrischen Sätze nehmen ferner bei Albattani mehr den Charakter für die Rechnung bestimmter Formeln an. Aus sin α/cos α = D wird sin α = D/√(1 + D2) berechnet und α dann in den Sinustabellen aufgefunden. Auch der Bruch cos α/sin α wird einer Rechnung zugrunde gelegt. Bedeutet nämlich α die Höhe der Sonne über dem Horizont und ist h die Höhe eines Schattenmessers, l die Länge des Schattens, dann ist l/h = cos α/sin α = ctg α; oder l = h cotg α.

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Abb. 51. Trigonometrische Berechnungen.

Albattani berechnete anschließend die Länge von l bei einer bestimmten Höhe h (= 12) für α = 1°, 2°, 3° usw. Auf diese Weise erhielt er eine kleine Tabelle für die Kotangenten aller Winkel. Die Trigonometrie gilt als eines der Gebiete, die die Araber nicht nur wegen ihrer Beziehung zur Astronomie, sondern auch aus eigenem Antrieb besonders gefördert haben. Schon Albattani musste auf die Tangensfunktion kommen, als er den Stab h horizontal in der Wand AB befestigte und das Verhältnis der Schattenlänge l zur Länge des Stabes h zur Bestimmung des Winkels α verwendete. Dass sich die Tangensfunktion hervorragend zur Berechnung von Dreiecken eignet, wurde bald nach Albattani erkannt683.

Abb. 52. Einführung der Tangensfunktion.

Ihr Höhepunkt erreichte die Trigonometrie der Araber um 1250 im Werk „Über die Figur der Schneidenden“. Darin werden das rechteckige sowie, ausgehend vom Sinussatz, das schrägwinklige Dreieck behandelt. Auch die Trigonometrie des schrägwinkligen sphärischen Dreiecks wird in diesem Werk in den Grundzügen entwickelt. Die weitere Entwicklung der

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Die Trigonometrie, insbesondere die Formulierung des so wichtigen Kosinusgesetzes, entstand erst einige Hundert Jahre später, als im Abendland die Wissenschaften wieder aufblühten – und zwar durch Regiomontanus. Wir haben bereits an einer früheren Stelle auf das hohe Maß an Geschicklichkeit hingewiesen, das die alexandrinischen Mechaniker bei der Herstellung astronomischer Messinstrumente, insbesondere von Astrolabien, zeigten. In diesem Bereich war die praktische Astronomie der Araber mindestens den Griechen ebenbürtig, wenn nicht sogar überlegen. Neben den ringförmigen Astrolabien nutzten die Araber als Messwerkzeuge auch Quadranten und Halbkreise sowie parallaktische Lineale und Instrumente, die die trigonometrischen Funktionen wie den Sinus anzeigten. Die Einführung dieser Funktionen in die Astronomie ist mit dem Namen Al-Battānīs verbunden; er führte in den Jahren 882–910 seine Beobachtungen durch und erstellte Tabellen. Aufgrund der astronomischen Beobachtungen der arabischen Sternwarten in Damaskus und Bagdad wurde eine Überarbeitung der ptolemäischen Tabellen vorgenommen. Die Blütezeit der arabischen Wissenschaft war keineswegs kurz, wie man immer wieder behauptet hat – denn bereits ein Jahrhundert später trafen wir auf einen weiteren herausragenden Astronomen, Ibn Yunus (gestorben 1008), der in Kairo auf Befehl des Kalifen al-Hākim wertvolle astronomische Tabellen über die Bewegung der Sonne, des Mondes und der Planeten erstellte. Auch dort standen den Astronomen Sternwarten zur Verfügung, die mit großer Großzügigkeit ausgestattet waren. Anhand der Sternkataloge gelang es, hervorragende Himmelskugeln aus Silber oder Kupfer herzustellen, von denen einige erhalten geblieben sind. Eine große Genauigkeit bei der Winkelmessung wurde dadurch erreicht, dass den mit Gradmarkierungen ausgestatteten Instrumenten enorme Abmessungen verliehen wurden. Ein in Bagdad aufgestellter Sextant, mit dem im Jahr 992 die Neigung der Ekliptik gemessen wurde, soll einen Radius von 58 Fuß gehabt haben und sogar einzelne Sekunden angezeigt haben. Auch das Verfahren, bestimmte Instrumente zur Messung der Kulmination fest am Meridian zu positionieren – indem man Wandquadranten errichtete – kam bei den Arabern zum Einsatz. Selbst ein Instrument mit einem Horizontalkreis, über dem zwei drehbare Quadranten angebracht waren, wurde von ihnen verwendet. Dieses Instrument, dem später der Tychonische Azimutquadrant im Wesentlichen entsprach, ermöglichte es, von zwei Gestirnen gleichzeitig den Azimut zu bestimmen.

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Höhe bestimmen. Jene „drehenden Quadranten“ der Araber und Tycho waren grundlegend für die Konstruktion des heutigen Theodoliten.
Die Astronomie, die immer mehr in Astrologie ausartete, die Mathematik sowie die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik – ferner auch die Chemie in ihrem ersten, von mystischen Vorstellungen durchwobenen Stadium – waren die Gebiete, denen sich die Araber mit Vorliebe zuwandten. Auf diesen Gebieten weisen sie, insbesondere was die, wenn auch nicht ihrem Ursprung, so doch ihrer ersten Entwicklung nach vorwiegend arabische Wissenschaft der Chemie betrifft, anerkennenswerte Leistungen auf.
Eine Anregung zur Beschäftigung mit der Mathematik erhielten die Araber nicht nur durch die griechischen Schriften, die von einem vorwiegend für die Geometrie begabten Volk stammten, sondern in nicht geringerem Maße auch von den Indern, die sich durch ihre rechnerische Begabung auszeichneten. Von Letzteren erhielten sie, soweit die vorliegenden, noch unvollständigen Angaben es zulassen, vermutlich auch das auf dem Stellenwertprinzip beruhende Ziffernsystem, das wir noch heute als arabisches bezeichnen, weil die Araber es den westlichen Völkern weitergaben. Auch die Algebra, soweit sie indischen Ursprungs ist, erfuhr durch die Araber eine wesentliche Weiterentwicklung.
Von den griechischen Mathematikern war Euklid für die Entwicklung der Mathematik bei den Arabern von großer Bedeutung. Zur Weiterentwicklung der Arithmetik wurden sie besonders durch die Übernahme des indischen Ziffernsystems angeregt. Die indischen Zahlzeichen verbreiteten sich übrigens bereits sehr früh von Alexandria aus nach Rom.
Bevor wir auf die weitere Entwicklung der Mathematik durch die Araber näher eingehen, sei noch erwähnt, dass gegen Ende des Mittelalters Westeuropa, vermutlich ebenfalls durch Vermittlung dieser Völker, in den Besitz der in Ostasien erfundenen Kompass sowie sehr wahrscheinlich auch des Schießpulvers gelangte. Eine Nachricht über den Kompass findet sich in einem chinesischen Text aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.; dort wird der Magnet als ein Stein bezeichnet, mit dem man der

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Die Nadel zeigt in Richtung gebe689. Zudem ist belegt, dass die Chinesen bereits im 12. Jahrhundert n. Chr. vom Phänomen der magnetischen Deklination wussten. Der entsprechende Abschnitt in der chinesischen Literatur lautet690: „Wenn man die Spitze einer Nadel mit dem Magnetstein einreibt, zeigt sie nach Süden – allerdings nicht genau, sondern etwas nach Osten. Die Abweichung beträgt etwa 1/24 des Kreisumfangs (also etwa 15°).“ Dass der Kompass von dem Seefahrer Flavio Gioja aus Amalfi erfunden oder in Europa bekannt geworden sei, hat sich als eine der vielen Legenden herausgestellt, die in der Geschichte der Wissenschaften vorkommen. Es steht außer Frage, dass man in Europa bereits lange vor Gioja, der im 14. Jahrhundert lebte, mit der Verwendung der Magnetnadel vertraut war. So erwähnt ein im 12. Jahrhundert entstandenes provenzalisches Buch691, dass der Seefahrer, wenn er weder Mond noch Sterne sehen konnte, sich nach der Magnetnadel richten solle. Auch in einem um 1180 entstandenen Schriftstück692 heißt es, die Eisennadel erhalte durch Berührung mit dem Magneten die Fähigkeit, nach Norden zu zeigen – was für den Seefahrer wichtig sei. Gioja verdient vielleicht den Ruhm, dass er die Nadel mit der Windrose verbunden und dadurch für die Nutzung geeigneter gemacht hat693. Ob der Kompass in Europa unabhängig erfunden wurde oder über die Araber aus Ostasien dorthin gelangte, ließ sich bislang nicht mit Sicherheit nachweisen. Die letztere Annahme ist jedoch angesichts des intensiven Handelsverkehrs, den die islamischen Länder mit Indien und China pflegten, wahrscheinlicher694. Interessant ist auch, wie sich die Befestigung der Magnetnadel allmählich immer praktischer gestaltete. Zunächst ließ man die Nadel schwimmen. So heißt es an einer Stelle695 im 1232 verfassten „Buche des Schatzes der Kaufleute in Kenntnis der Steine“: „Wenn die Nacht so dunkel ist, dass die Kapitäne keinen Stern wahrnehmen können, um sich zu orientieren, so füllen sie ein Gefäß mit Wasser und stellen dieses im Inneren des Schiffes, gegen den Wind geschützt, auf; dann nehmen sie eine Nadel und stecken sie in einen Strohhalm, sodass beide ein Kreuz bilden. Dieses werfen sie auf das in dem erwähnten Gefäß befindliche Wasser und lassen es auf dessen Oberfläche schwimmen. Danach nehmen sie einen Magneten, nähern ihn der Wasseroberfläche und geben ihrer Hand eine Drehung. Dabei dreht sich die Nadel auf der Wasseroberfläche; anschließend ziehen sie ihre

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Die Hände werden plötzlich und schnell zurückgezogen, wodurch die Nadel auf zwei Punkte zeigt – nämlich Nord und Süd.
Die nächste Verbesserung bestand darin, dass man den Magneten auf einer Nadel schweben ließ. Die Verbindung des Magneten mit der Windrose, die man auf diese Weise beweglich machte, erfolgte vermutlich im 14. Jahrhundert. Seine Vollendung erhielt der Kompass, als ihn Cardanus (im 16. Jahrhundert) mit der nach ihm benannten Aufhängung ausstattete.
Wie mit der Bussole verhält es sich vermutlich auch mit dem Schießpulver, das in China weitaus früher als in Europa bekannt war. Die älteste Nachricht, die die europäische Literatur über das Pulver enthält, findet sich wohl im Manuskript des Marcus Graecus. Darin wird beschrieben, man solle Schwefel, Kolophonium oder Kohle sowie Salpeter miteinander vermischen und diese Mischung in lange Röhren füllen. Wenn man die Mischung anschließend anzündet, fliegen die Röhren in die Luft oder sie explodieren mit einem donnerähnlichen Knall.
Nach Marcus Graecus sollten 1 Teil Kolophonium, 1 Teil Schwefel sowie 6 Teile Salpeter zu Pulver zermahlen, mit Öl vermischt und anschließend in eine Röhre gefüllt werden. Nach einer anderen dort angegebenen Vorschrift sollten 1 Teil Schwefel, 2 Teile Linden- oder Weidenkohle sowie 6 Teile Salpeter zu Pulver zermahlen und zur Füllung einer Art Rakete verwendet werden, um „fliegendes Feuer“ zu erzeugen. Solche Raketen wurden auch gegen feindliche Schiffe geschleudert, um sie in Brand zu setzen.

Die Rechenkunst der Araber
Zur Beschäftigung mit der Mathematik kamen die Araber dadurch, dass ihnen die Schriften der Griechen und Inder bekannt wurden. Ptolemäos und Euklid, Apollonios, Heron und Diophant wurden in zahlreichen arabischen Übersetzungen verbreitet. Welche Rolle dabei christlich-griechische Schulen spielten, die unter dem Einfluss der Sekte der Nestorianer in Syrien entstanden waren, haben wir bereits erwähnt. Im 8. Jahrhundert gelangte ein Auszug aus dem Werk des Inders Brahmagupta nach Bagdad. Dieser Auszug wurde um 820 von Mohammed ibn Musa Alchwarizmi überarbeitet.

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Ibn Musa (ben Musa), der berühmteste arabische Mathematiker, lebte unter Al-Mamun. Er war nicht nur an der Herausgabe indischer Werke beteiligt, sondern auch an einer Neubearbeitung der ptolemäischen Tabellen sowie an der erwähnten arabischen Gradmessung. Ferner schrieb Ibn Musa über die Rechenkunst und die Algebra. Ein Übersetzer des Buches über die Rechenkunst hat aus Al-Chwarizmi den Namen Algorithmus gemacht, der noch heute für jedes zur Regel gewordene Rechnungsverfahren verwendet wird.

Den Ziffern wird von Ibn Musa nach indischem Vorbild ein Stellenwert zugeordnet. Übersteigt beim Addieren die Summe der Ziffern 9, so sollen die Zehner der folgenden Stelle hinzugerechnet und an der ursprünglichen Stelle nur das geschrieben werden, was unter 10 übrig bleibt. „Bleibt nichts übrig“, fährt Ibn Musa fort, „so setze den Kreis (die Null), damit die Stelle nicht leer sei. Der Kreis muss sie einnehmen, damit durch das Leersein die Anzahl der Stellen nicht verringert und die zweite für die erste gehalten wird.“

Ibn Musas Werk über die „Algebra“ ist das erste, das diesen Titel trägt. Das Wort Algebra bedeutet so viel wie Ergänzung und bezieht sich auf die Lösung von Gleichungen. Das Verfahren der Ergänzung besteht darin, dass man, um die negativen Terme aus einer Gleichung zu entfernen, auf beiden Seiten die gleichen, positiven Werte hinzufügt.

Das Buch war weniger für den wissenschaftlichen als für den praktischen Gebrauch bestimmt. Dies geht auch aus den folgenden Worten hervor, mit denen Ibn Musa sein Buch einleitet: „Die Liebe zu den Wissenschaften, durch die Gott Al-Mamun, den Herrscher der Gläubigen, ausgezeichnet hat, und seine Freundlichkeit gegenüber den Gelehrten haben mich ermutigt, ein kurzes Werk über Rechnungen durch Ergänzung und Reduktion zu schreiben. Dabei beschränke ich mich auf das Leichteste und das, was die Menschen am meisten bei Teilungen, Erbschaften, Handelsgeschäften, Ausmessung von Ländereien usw. verwenden.“

Ibn Musa unterscheidet sechs Arten von Gleichungen, die in heutiger Schreibweise wie folgt aussehen würden:
bx = c
ax² = c
x² + bx = c
x² = bx + c

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x² + c = bx
ax² = bx

Für die Gleichung x² + c = bx gibt er die Lösung:
x = b/2 ± √((b/2)² – c).
Er erwähnt, dass die Aufgabe im Fall, wenn c > (b/2)², unlösbar sei.
Auch die Regel de tri, und zwar nach indischen Mustern, wird in dem Werk behandelt; dieses war nicht nur für die arabische, sondern auch für die Entwicklung der abendländischen Mathematik von großer Bedeutung.

Die Ausbreitung der arabischen Wissenschaft

Nach der Eroberung Spaniens errichteten die Araber das Kalifat in Córdoba, das für den westlichen Teil ihres Reiches eine ähnliche Bedeutung erlangte wie Bagdad für den Osten. Handel und Gewerbe erreichten große Blüte. Prächtige Bauwerke entstanden. Neue Pflanzen, insbesondere die Dattelpalme, wurden verbreitet. In Spanien fand die Berührung der westlichen Christenheit mit der Wissenschaft des Islams vorwiegend statt. Von hier aus erfolgte die Wiederbelebung der gelehrten Studien in den christlichen Ländern; im 9. und 10. Jahrhundert lernten diese Länder die griechischen Schriftsteller in arabischer Übersetzung sowie in Kommentaren arabischer Gelehrter wie Avicenna und Averroes kennen.
Avicenna (sein arabischer Name lautet Ibn Sina) lebte von 980–1037 in Persien. Als Philosoph schloss er sich Alfarabi an, der versuchte, die platonische und aristotelische Philosophie weiterzugeben und der der Astrologie jene Form gab, die sie im gesamten Mittelalter beibehielt. Avicenna beschäftigte sich insbesondere mit der Medizin; das Wissen seiner Zeit auf diesen Gebieten fasste er in einem großen Werk zusammen, dem Kanon.
Die Bedeutung von Averroes (Ibn Ruschd, 1120–1198) besteht vor allem darin, dass er die Werke des Aristoteles dem arabischen und christlichen Mittelalter zugänglich machte. Seine Verehrung für diesen Philosophen war so groß, dass er behauptete, die Welt sei erst durch die Geburt des Aristoteles vollkommen geworden. Dennoch kann man Averroes eine

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Man kann ihm gewisse Selbstständigkeit bei seinem Philosophieren nicht absprechen705.
Seine ganze Naturauffassung trägt einen, man könnte fast sagen, modernen Grundzug. Gott und die Materie sind danach ewig. Eine Schöpfung aus dem Nichts, die beliebte Vorstellung orientalisch-christlicher Mystik, ist undenkbar. Das Geistige ist dasjenige, was die Materie bewegt und ihre Form bestimmt. Auch die menschliche Seele ist nichts anderes als die formbestimmende Kraft unseres Seins. Dass die Kirche solche Lehren als ketzerisch verwarf, lässt sich wohl denken. Es ist sogar wahrscheinlich, dass man die Naturanschauung des Averroes, weil sie mit den physikalischen Lehren des Aristoteles verknüpft wurde, durch das zeitweilige Verbot der physikalischen Schriften dieses Philosophen zu bekämpfen suchte.
Für die hohe Blüte der Wissenschaft unter der westarabischen Herrschaft spricht auch, dass in Cordova um das Jahr 900 eine hohe Schule mit einer Bibliothek von mehreren hunderttausend Bänden entstand. Ähnliches wurde in anderen, unter der maurischen Herrschaft durch Handel und Wohlstand emporblühenden Orten, wie Granada, Toledo und Salamanca, geschaffen. Aus allen Teilen des übrigen Westeuropas zogen Wißbegierige an diese Orte, denen man daheim nichts an die Seite zu setzen hatte.
Nachdem die Araber in Süditalien Fuß gefasst hatten, wusste der hochsinnige Stauferkaiser Friedrich II. auch dort arabische Weisheit wohl zu schätzen. Auf seine Anregung wurde der Almagest nach einer arabischen Handschrift ins Lateinische übersetzt. Den Naturwissenschaften widmete dieser Kaiser, ebenfalls auf arabischen Quellen, jedoch auch auf eigenen Beobachtungen beruhend, ein großes Interesse. So entstand sein Werk über die Jagd mit Vögeln, in dem er an manchen Stellen den zoologischen Betrachtungen eine anatomische Begründung zu geben wusste706. Das Buch enthält eine gute Beschreibung des Vogelskeletts sowie eine Anatomie der Eingeweide. Es handelt von den mechanischen Bedingungen des Fliegens, den Wanderungen der Vögel usw. Die Anleitung zur anatomischen Untersuchung des Vogels verdankte der Kaiser wohl den Gelehrten der medizinischen Schule zu Salerno.
Friedrich II. soll auch als erster Herrscher die Zerlegung menschlicher Leichen erlaubt haben, weil er von der Überzeugung durchdrungen war, dass nur dadurch eine Förderung der Heilkunde zu erwarten sei.

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Optik und Mechanik bei den Arabern.

Wie bereits erwähnt, wurde neben der Mathematik und der Astronomie besonders die auf geometrischer Grundlage beruhende Optik von den Arabern gepflegt. Das auf diesem Gebiet teilweise gesammelte, teilweise erworbenen Wissen ist uns am vollständigsten in dem Werk des im 11. Jahrhundert in Spanien lebenden Physikers Alhazen (Ibn al Haitam) überliefert worden707. Dieses Werk genoss hohes Ansehen und verdient es, dass wir uns mit seinem Inhalt etwas eingehender beschäftigen, um uns ein Bild von den damaligen Kenntnissen zu machen. Zunächst behandelt Alhazen das Sehorgan. Zwar hatten sich bereits die Alexandriner mit der Bauweise des Auges beschäftigt, doch die Beschreibung, die uns Alhazen liefert, ist die erste, die den Namen einer wahren Anatomie verdient. Die bis heute gebräuchlichen Bezeichnungen für die Hauptteile des Auges – wie Humor vitreus (Glaskörper), Cornea (Hornhaut), Retina (Netzhaut) usw. – stammen von Alhazens Optik.

Die Beziehung zwischen Linse und Netzhaut sowie deren Bedeutung für die Entstehung des Bildes blieben jedoch Forschungen zukünftiger Generationen vorbehalten. Wie aus der beigefügten Abbildung aus der Ausgabe von Risner ersichtlich ist, platzierte Alhazen die Linse in die Mitte des Auges. Dorthin sollten alle Strahlen gelangen, die senkrecht auf die vordere Krümmung des Auges treffen. Nur diese Strahlen ermöglichen seiner Ansicht nach das klare Sehen und werden von der Linse aufgenommen708. Die Gesamtheit dieser Strahlen bildet die Sehpyramide; ihr Scheitelpunkt liegt somit im Mittelpunkt des Auges, während ihre Grundfläche die Oberfläche des gesehenen Objekts darstellt.

Abb. 53. Alhazens Darstellung des Auges.

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Im 2. Buch werden die 22 Eigenschaften untersucht, welche das Auge an den Körpern unterscheide, nämlich Licht, Farbe, Entfernung, Gestalt, Größe, Zahl, Bewegung, Ruhe, Durchsichtigkeit usw.
Das Licht braucht nach Alhazens Annahme zu seiner Fortpflanzung Zeit.
Auch den optischen Täuschungen widmet er eine Betrachtung709.
In der Behandlung der Reflexion und der Brechung, denen das Werk der
Hauptsache nach gewidmet ist, zeigt sich ein Fortschritt den Griechen
gegenüber710. Nicht nur ebene, sondern auch sphärische, zylindrische und
konische Konkav- und Konvexspiegel werden zur Erzeugung von Bildern
herangezogen und Lage und Größe der letzteren bestimmt. Für sämtliche
untersuchten Spiegel fand Alhazen das Reflexionsgesetz bestätigt. Er
kennt die Lage des Brennpunktes, den Euklid noch in den
Krümmungsmittelpunkt verlegt hatte. Auch mit der Tatsache, daß nicht alle
Strahlen in einem und demselben Punkt vereinigt werden, zeigt sich
Alhazen vertraut. Seine Messungen an der Brennkugel führten zu dem
Ergebnis, daß bei jeder glatten, durchsichtigen Kugel aus Glas oder einer ähnlichen Masse die Strahlen in einer Entfernung von der Kugel vereinigt werden, die etwa ein Viertel des Durchmessers beträgt. Selbst die Eigenschaft des Rotationsparaboloids, die vom Brennpunkte ausgehenden Strahlen parallel zu reflektieren, wird erörtert. In Alhazens Optik711 wird
ferner auf die Erscheinung hingewiesen, daß ein aus durchsichtigem
Material verfertigtes Kugelsegment die Gegenstände größer erscheinen läßt.

Abb. 54. Alhazen untersucht die Brechung.

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Während Ptolemäus herausgefunden hatte, dass jedem Einfallswinkel ein bestimmter Brechungswinkel entspricht, fügte Alhazen die Erkenntnis hinzu, dass der einfallende und der gebrochene Strahl zusammen mit dem Einfallswinkel in einer Ebene liegen. Die ältere Annahme, dass das Verhältnis zwischen dem Einfallswinkel und dem Brechungswinkel konstant sei, erkennt Alhazen nur für kleine Werte als richtig an. Bei seinen Untersuchungen über die Brechung des Lichts bediente er sich eines Apparats, der dem von Ptolemäos (siehe S. 265) benutzten entspricht. Er nahm eine kreisförmige Scheibe aus Kupfer, die einen Rand mit Gradeinteilung besaß (siehe Abb. 54). In diesem Rand befand sich eine Öffnung c; eine zweite Öffnung (d) war in einer Platte angebracht, die sich nahe der Mitte der Scheibe befand. Dieser Apparat wurde bis zum Mittelpunkt in die Flüssigkeit getaucht. Wenn dann ein Lichtstrahl durch die beiden Öffnungen c und d fiel, traf er die Flüssigkeit im Mittelpunkt der Scheibe – auf deren Rand der Einfallswinkel sowie der Brechungswinkel abgelesen werden konnten.

Aus der Reflexion und der Brechung erklärt Alhazen einige wichtige astronomische Erscheinungen. So wird die Dämmerung auf die Reflexion des Lichts zurückgeführt. Die Tatsache, dass die Dämmerung nur so lange andauert, bis die Sonne sich 19° unter dem Horizont befindet, gibt Alhazen ein Mittel an die Hand, um die Höhe unserer Atmosphäre zu bestimmen. Sei M die äußerste Luftschicht, die noch in der Lage ist, den Lichtstrahl SM zu reflektieren, und A der Ort des Beobachters. Der Winkel HMS, den der Sonnenstrahl SM mit dem Horizont bildet, beträgt dann 19°. Nach dem Reflexionsgesetz gilt nun ∠BMC = ∠AMC. Da außerdem die Summe der drei Winkel in M 180° beträgt, ergibt sich für den Winkel AMC der Wert (180° – 19°)/2 = 80° 30’. Da die Länge der Seite AC = r bekannt ist, ist das rechtwinklige Dreieck ACM vollständig bestimmt. Die gesuchte Höhe erhält man, indem man aus den bekannten Werten die Hypotenuse MC berechnet (MC = r : sin 80° 30’) und anschließend r davon abzieht. MD = h ist somit gleich (r : sin 80° 30’) – r. Laut Alhazens Berechnungen beträgt diese Größe 52.000 Schritte (5–6 Meilen); wir gehen hingegen von 10 Meilen aus.

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Abb. 55. Alhazen bestimmt die Höhe der Atmosphäre.

Gegen diese Berechnung lässt sich ein Einwand erheben, den Alhazen selbst schon hätte machen können. Er wußte nämlich, dass ein Lichtstrahl, der schräg in die Atmosphäre einfällt, keine gerade Linie beschreibt, sondern, da er auf immer dichtere, das Licht in wachsendem Maße brechende Schichten trifft, einen krummen Weg nimmt. Diese, mit dem Namen der astronomischen Refraktion bezeichnete Erscheinung war bereits Ptolemäus bekannt. Im Altertum wurde sie jedoch nicht auf die zunehmende Dichte der Atmosphäre, sondern auf die darin enthaltenen Dünste zurückgeführt. Das Funkeln der Sterne rührt nach Alhazen von schnellen Veränderungen in der Atmosphäre her, während die Erscheinung, dass Mond und Sonne in der Nähe des Horizonts abgeplattet erscheinen, durch die astronomische Refraktion erklärt wird.
Neben der „Optik“ gibt es auch eine kleinere Abhandlung Alhazens, in der er von der Durchsichtigkeit und über die Natur des Lichtes handelt. Sie beginnt mit den folgenden Worten714: „Die Behandlung des ‚Was‘ des Lichtes gehört zu den Naturwissenschaften. Aber die Behandlung des ‚Wie‘, der Strahlung des Lichtes, bedarf der mathematischen Wissenschaften wegen der Linien, auf denen sich das Licht ausbreitet. Ebenso verhält es sich mit den durchsichtigen Körpern, in die das Licht eindringt. Die Behandlung des ‚Was‘ ihrer Durchsichtigkeit gehört zu den Naturwissenschaften und die Behandlung des ‚Wie‘, der Ausbreitung des Lichtes in ihnen, zu den mathematischen Wissenschaften.“ Von Interesse sind auch die in diesem Werk entwickelten Ansichten über den Grad der Durchsichtigkeit, für den es nach Alhazen keine Grenzen gibt.
Durch Alhazen wurde man besonders auf die vergrößernde Kraft gläserner Kugelsegmente aufmerksam715. Es ist sehr wohl möglich, dass sein Hinweis

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zu der Herstellung von Brillen geführt hat. Auch wenn Alhazen sich auf die antiken Optiker stützt, so übertrifft er doch Ptolemäos als den letzten und bedeutendsten, den wir erwähnt haben. Während die frühere Geschichtsschreibung Alhazen nur gering einschätzte, sind sein Verdienst und die Selbständigkeit, die er in vielen Teilen seiner Schriften zeigt, durch die neuere Forschung gewürdigt worden.

Neben der Optik wurde auch die Mechanik von den Arabern gepflegt. So begegnen uns bei ihnen genauere Bestimmungen der spezifischen Gewichte. Eine aus dem 12. Jahrhundert herrührende Tabelle enthält folgende Werte:
Gold 19,05 (statt 19,26 nach neuerer Bestimmung),
Quecksilber 13,56 (» 13,59 » » »),
Kupfer 8,66 (» 8,85 » » »),
Blei 11,32 (» 11,35 » » »),
Seewasser 1,041 (» 1,027 » » »),
Blut 1,033 (» 1,045 » » »).

Die Bestimmungen erfolgten vermittelst der Waage oder eines Gefäßes, das es ermöglichte, die von einer gewogenen Menge des zu untersuchenden Stoffes verdrängte Wassermenge zu ermitteln. Für Flüssigkeiten wurde das Aräometer verwendet, das bereits die späteren Alexandriner zu diesem Zweck einsetzten.

Die Messungen waren bereits recht genau. Bei einem Gesamtgewicht von mehr als zwei Kilogramm wurden noch 0,06 g angegeben.

Diese Leistungen der Araber verdienen umso mehr Bewunderung, wenn man bedenkt, dass zur gleichen Zeit das christliche Abendland meist noch von scholastischen Streitigkeiten geprägt war. So findet sich beispielsweise im Hauptwerk des Thomas von Aquin unter mehreren hundert Kapiteln nur ein einziges, das sich mit den „natürlichen Wirkungen der Dinge“ befasst, während sich zahlreiche Kapitel mit Nahrung, Verdauung und dem Schlaf der Engel beschäftigen. Derselbe Thomas von Aquin, den die Scholastiker als ihren großen Meister verehrten, erklärte das Streben nach Erkenntnis der Dinge für Sünde, sofern es nicht auf die Erkenntnis Gottes abzielte.

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Die Chemie im arabischen Zeitalter.

Große Verdienste haben sich die Araber auch um die Entwicklung der Chemie erworben. Zwar wurde man schon lange vor ihnen durch hüttenmännisches und gewerbliches Schaffen mit einer Reihe stofflicher Veränderungen vertraut. Auch empfingen zweifellos die Araber die erste Anregung zu ihrer Beschäftigung mit der Chemie in Syrien, Mesopotamien und Ägypten, wo man zahlreiche Erfahrungen gesammelt hatte. Bei den späteren Alexandrinern und den Arabern finden wir indes die Beschäftigung mit den stofflichen Veränderungen losgelöst von den alltäglichen Nützlichkeitszwecken und in den Dienst eines Strebens gestellt, das einen Ansporn ließ, wie es kein rein wissenschaftliches Interesse in höherem Grade vermocht hätte.

Zahlreiche, aus dem Orient stammende, chemische Kenntnisse gelangten durch die Araber nach Spanien. Von hier aus wurden sie dem christlichen Abendland übermittelt, wo sie einen besonders günstigen Boden fanden. Seit dem 13. Jahrhundert stand infolgedessen die alchimistische Kunst in Frankreich, in Deutschland und in England in Blüte. Eine nicht geringe Anzahl von Kenntnissen, die sich auf das Verhalten und die Verarbeitung der Metalle beziehen, war zweifellos im Abendland selbst aus dem Altertum ins Mittelalter hinüber gerettet worden. Man darf daher die Rolle, die die Araber gespielt haben, auch nicht zu hoch einschätzen. So existiert noch heute ein Manuskript aus der Zeit Karls des Großen von 723, das den Titel „Compositiones ad tingenda“ trägt und Vorschriften über das Färben von Mosaiken und Häuten, über das Vergolden, das Löten usw. enthält. Unter den Manuskripten des 10. Jahrhunderts ist man ferner mit einem größeren Werk über Färberei (Mappae clavicula) bekannt geworden, das nach Berthelot keinen Hinweis auf arabische Einflüsse zeigt. Die Vorschriften, die diese abendländischen Schriften des Mittelalters enthalten, sind vielmehr oft wörtlich den griechischen Alchemisten entnommen. Die Mappae clavicula enthält nämlich Vorschriften, die mit solchen der kürzlich bekannten antiken chemischen Urkunden (des Leydener und des Stockholmer Papyrus, s. S. 279) wörtlich übereinstimmen. Die frühere Ansicht, dass es in der Alchemie ausschließlich mit einer Schöpfung der Araber zu tun habe, hat sich somit als unhaltbar erwiesen. Dennoch bleibt das Verdienst der Araber auf diesem Gebiet bedeutend.

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Die Gebiete der Alchemie sollten nicht unterschätzt werden. Sie haben diese Wissenschaft, wie sie ihnen aus der Antike überliefert war, nicht nur bewahrt und verbreitet, sondern sie auch weiterentwickelt und erheblich bereichert.
Bereits im 8. und 9. Jahrhundert erreichte die arabische Literatur über Alchemie einen bedeutenden Umfang. Etwas später haben die bereits erwähnten arabischen Gelehrten (siehe S. 312), Alfarabi und Avicenna, neben vielem anderen auch über Alchemie geschrieben. Avicenna, den spätere Alchemisten als einen ihrer Autoritäten ansahen, erklärte, dass Gold und Silber unter dem Einfluss des Mondes und der Sonne aus den Dünsten der Erde mit all ihren besonderen Eigenschaften entstünden – Eigenschaften, die kein Mensch künstlich nachahmen könne. Auch gegenüber den astrologischen Lehren verhielt sich Avicenna skeptisch.
Über die chemischen Kenntnisse der Araber erfahren wir viel aus dem um 975 von Abu Mansur verfassten „Buch der pharmakologischen Grundsätze“. Abu Mansur erwähnt beispielsweise die Anwendung von Gipsverbänden bei Knochenbrüchen – ein Verfahren, das die moderne Medizin erst im 19. Jahrhundert wieder aufnahm. An einer anderen Stelle des Buches heißt es, dass trinkbares Wasser durch Destillation von Meerwasser auf ähnliche Weise hergestellt werden kann wie Rosenwasser.
Während man in der Antike bereits die Schwefelverbindungen des Arsens (Realgar und Auripigment) unterschied, liefert uns das Buch von Abu Mansur eine der ersten Informationen über das weiße Arsenik. Die Arsenikverbindungen werden als flüchtig und giftig, aber zugleich heilkräftig bezeichnet. Dasselbe gilt für Quecksilber, das in Form von Salbe gegen Ungeziefer empfohlen wird. Die mineralischen Säuren werden hingegen bei Abu Mansur noch nicht erwähnt; es ist daher anzunehmen, dass sie zu seiner Zeit noch nicht bekannt waren. Salpetersäure und Königswasser tauchen in der mittelalterlichen Literatur erstmals im 13. Jahrhundert auf. Diese chemischen Stoffe konnten auch nicht viel früher bekannt geworden sein, denn Salpeter war der Antike unbekannt und gelangte erst um 1200 durch die Araber als „Chinesisches Salz“ nach Europa. In China selbst wurde dieses Salz vermutlich erst viel später, und nicht bereits vor Beginn unserer Zeitrechnung, zur Herstellung explosiver Mischungen verwendet.

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Durch die Araber wurde auch der Anbau des Zuckerrohrs von Indien in die westlichen Kulturländer verbreitet. Das Zuckerrohr war man durch die Eroberungen Alexanders des Großen kennengelernt worden. Die Herstellung von festem Zucker wurde erst mehrere hundert Jahre n. Chr. erfunden728. Seit etwa 750 n. Chr. wurde das Zuckerrohr in Ägypten angebaut. Bald nach der Entdeckung Amerikas wurde es nach St. Domingo transplantiert. So erkennen wir, wie die Ausbreitung einer Pflanze, die uns eine der wichtigsten organischen Verbindungen liefert, eng mit dem Verlauf der historischen Ereignisse verbunden ist.

Technisch und wissenschaftlich von großer Bedeutung, aber auch mit verheerenden Folgen verbunden, war die einst den arabischen Chemikern und Ärzten zugeschriebene Entdeckung, dass durch Destillation aus dem Wein der berauschende Stoff dieses Getränks abgeschieden werden kann. Später wurde er Alkohol genannt und als größtes Übel für die Menschheit zu den Arzneimitteln gezählt729. Insbesondere galt Alkohol als Mittel zur Prävention gegen die großen Seuchen (Pest, Schwarzer Tod), die im Mittelalter Europa heimsuchten.

Als bedeutendster arabischer Schriftsteller der alchemistischen Epoche galt lange Zeit Geber, der angeblich in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts lebte. Er wurde als Verfasser einer Reihe von Schriften angesehen, die in lateinischer Übersetzung überliefert sind730. Diese Schriften, insbesondere das Hauptwerk mit dem Titel „Summa perfectionis magisterii“, sind in der erhaltenen Form seit etwa dem 13. Jahrhundert im christlichen Europa bekannt. Laut den Untersuchungen731 von Berthelot und Steinschneider sind Gebers Person und seine Bedeutung aus historischer Sicht stark im Dunkeln gehüllt. Die arabischen Originalschriften, als deren Verfasser er allenfalls angesehen werden kann, enthalten nämlich nur wenig vom Inhalt der später unter seinem Namen erschienenen lateinischen Übersetzungen. Ein Auszug aus einer dieser Schriften hat Berthelot veröffentlicht732; es handelt sich dabei meist um schrillen Werbeversprechungen sowie unklare Darstellungen. In seinen Schriften rät Geber dazu, seine Mitteilungen geheim zu halten. Oft beruft er sich auf seine religiöse Identität als Muslim, um möglichen Verdächtigungen, er übertreibe oder lüge, entgegenzuwirken. Die Metalle vergleicht Geber mit lebenden Wesen – genau wie es bereits die alexandrinischen Alchemisten taten. Auch bei ihm findet sich die Lehre…

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Dass jede Sache neben ihren äußeren, erkennbaren noch geheime (okkulte) Eigenschaften hat. So sagt er: „Das Blei ist außen kalt und trocken und innen warm und feucht, während das Gold außen warm und feucht ist, im Inneren jedoch kalt und trocken.“ Dem entspricht die Ansicht, die wir bei Rhazes antreffen, nach der das Kupfer in seinen verborgenen Eigenschaften Silber sei. Wer es schaffe, die rote Farbe aus dem Kupfer herauszufiltern, führe es in das Silber zurück, das es seiner verborgenen Natur nach sei. Eine kurze Darstellung des Inhalts der pseudo-geberschen Schriften733 wird am besten darüber Aufschluss geben, welches Ziel und welcher Umfang den chemischen Kenntnissen des späten Mittelalters zugrunde lagen – auch wenn angesichts der großen Unvollständigkeit, in der die mittelalterliche Literatur erforscht ist, nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann, wie viel die Autoren jener Schriften selbstständig entdeckt haben und was sie früheren Schriftstellern entlehnt haben.

Die wichtigste Tatsache, die uns in den pseudo-geberschen Werken begegnet, ist, dass man mit der Salpetersäure, der Schwefelsäure und dem Königswasser vertraut war, während das Altertum nur über Essigsäure verfügte. Die erstgenannten Säuren erhielt man durch Erhitzen von Salzen und Salzgemischen – eine Herstellungsweise, die für die Schwefelsäure bis zur Erfindung des englischen Verfahrens die einzige blieb. Salpetersäure erhielt man durch Erhitzen einer Mischung aus Salpeter und Vitriol. Durch Zugabe von Salmiak zu der Salpetersäure entstand das Königswasser, dessen Eigenschaft, Gold, den „König der Metalle“, aufzulösen, den Alchemisten nicht entging. Die Herstellung einer solchen Lösung wurde lange Zeit angestrebt, denn man erhoffte sich davon die Heilung aller Krankheiten.

Aufgrund des Wissens um die Mineralien-säuren konnte nun eine Chemie entwickelt werden, die auf dem Nassweg beruhte, während man bis dahin vorwiegend eine Chemie der Schmelzprozesse praktizierte. So gelangte man durch Auflösen von Silber und anderen Metallen in Salpetersäure zum Höllenstein sowie zu vielen Salzen, die den Alten, wie z. B. die Salze des Quecksilbers, unbekannt waren. Es bedarf kaum der Erwähnung, dass die erhaltenen Verbindungen zunächst sehr unrein waren. Doch kannte man bereits die wichtigsten Verfahren zur Reinigung der gewonnenen Präparate. Dazu gehörte neben der Destillation, die bereits bei den Alexandrinern erwähnt wird, auch…

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All das – das Umkristallisieren, die Sublimation und das Filtern. Auch Wasserbäder sowie Öfen für chemische Zwecke werden in den pseudo-Geber’schen Werken beschrieben734.
Mit dem chemischen Verhalten der Metalle waren die Verfasser jener Werke weitaus besser als das Altertum vertraut; sie stellten beispielsweise aus den Metallen eine Reihe von Sauerstoffverbindungen her. So finden wir bei ihnen die erste Nachricht über die Gewinnung des Quecksilberoxids735, einer Substanz, die in der späteren Entwicklung der Chemie die größte Rolle spielte. Nicht nur mit Sauerstoff, sondern auch mit Schwefel wusste man die Metalle zu verbinden. Die entstandenen Sulfide erwies man sich als schwerer als das zum Einsatz kommende Metall, während man fälschlicherweise annahm, dass mit der Oxidation eine Verringerung des Stoffes einherging.
Auch im Wissen um die Verbindungen der Leichtmetalle war man in dieser Periode einen Schritt weiter gekommen. Pottasche wurde durch das Verbrennen von Weinstein, Soda nach dem bis zur Einführung des Leblanc-Verfahrens üblichen Verfahren (Einäschern von Seepflanzen) gewonnen. Durch Zugabe von Kalk machte man die Lösungen dieser beiden Salze säurend und erhielt so Kalilauge sowie Natronlauge736. Letztere dienten zur Auflösung von Schwefel, der aus der alkalischen Lösung durch Säuren in feinster Verteilung als Schwefelmilch wieder ausgefällt wurde737.
Die chemischen Einzelkenntnisse versuchte man auch aus der Perspektive einer Theorie zu ordnen (sie wurde von E. v. Lippmann in seiner „Alchemie“ als alexandrinisch nachgewiesen); diese Theorie traf angesichts des damals noch herrschenden Mangels an Verständnis für chemische Prozesse jedoch noch völlig fehl. Die Metalle galten als Gemische aus Quecksilber und Schwefel738. Der Schwefel (Sulphur) war in den Metallen, wie auch in brennbaren Substanzen im Allgemeinen, der Träger der Brennbarkeit; er sollte den Metallen außerdem die Farbe verleihen. Mercurius (Quecksilber) hingegen galt als der wesentliche Bestandteil, der die Schmelzbarkeit, den Glanz sowie die Dehnbarkeit der Metalle bedingte. Unter dem Sulphur und dem Mercurius der Alchemisten muss man sich jedoch nicht den gewöhnlichen Schwefel sowie das gewöhnliche Quecksilber vorstellen. Diese Elemente bestanden lediglich überwiegend aus Sulphur bzw. Mercurius, waren aber damit nicht identisch. Der gewöhnliche Schwefel und der Sulphur der Alchemisten standen vielmehr zueinander in etwa in dem Verhältnis wie Steinkohle und das Element Kohlenstoff. In den edlen Metallen sollte Mercurius

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Überwiegen. Durch Änderung des Verhältnisses dieser vermeintlichen Bestandteile konnten die Metalle ineinander überführt werden. So nahm das Kupfer eine Stelle zwischen Gold und Silber ein. Es mußte sich daher leicht in das eine oder in das andere umwandeln lassen. Durch Erhitzen mit Galmei739 wurde es dem Gold, durch Zusammenschmelzen mit Arsenik dem Silber angenähert. Die auf solche Weise herbeigeführte Änderung der roten Farbe in Gelb und Weiß hielt man für den Beginn des Übergangs in ein anderes Metall740. Zinn war reiner und enthielt mehr Mercurius als Blei. Daß letzteres sich durch Zusatz von Quecksilber in Zinn umwandeln ließ, galt als Tatsache. Bei allem weiteren Herumprobieren verfolgte man das Ziel, zunächst einen Stoff herzustellen, mit dem die Metallverwandlung vollständig gelingen sollte. Diesen hypothetischen Stoff nannte man den Stein der Weisen. Die späteren Alchemisten des christlichen Abendlandes legten ihm die wunderbarsten Wirkungen bei. Da sie, wie auch die späteren arabischen Alchemisten im Wesentlichen den gleichen, soeben entwickelten Ansichten vertraten und da zunächst auch keine bedeutende Vermehrung der Einzelkenntnisse stattfand, so kann von einem nennenswerten Fortschritt der Chemie im weiteren Verlauf dieser Periode kaum die Rede sein. Vielmehr fand zwischen den beiden Pseudowissenschaften, der Alchemie und der Astrologie, eine immer größere Verschmelzung unter gleichzeitiger Durchtränkung mit mystischen Elementen statt.
Die Frage, woher das in den pseudo-geberschen Schriften enthaltene Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts „in völliger Vollendung und somit als das Ergebnis einer längeren Entwicklung“ entgegentritt, gehört auch heute noch zu den dunkelsten in der Geschichte der Chemie741.

Die Pflege der Naturbeschreibung und der Heilkunde.

Wir wenden uns nun den Verdiensten zu, die sich die Araber um die Erhaltung der alten naturgeschichtlichen Schriften erworben haben. Von einem wesentlichen Fortschritt auf dem Gebiet der Zoologie und der Botanik kann im Zeitalter dieses Volkes nicht die Rede sein, zumal die Araber vor anatomischen Untersuchungen geradezu einen Abscheu hegten. Auf dem Gebiet der menschlichen Anatomie beschränkten sie sich daher ganz auf Aristoteles und Galen, während sie sich bei der Beschäftigung

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mit der Tier- und Pflanzenwelt, wie das spätere Altertum, vorzugsweise von dem Bestreben leiten ließen, den Schatz der Heilmittel kennen zu lernen und zu vermehren.
Von dem gleichen Standpunkt aus wandten die Araber den Mineralien ihr Interesse zu. Ein Bild von den mineralogischen Kenntnissen und Anschauungen der Araber erhält man aus der im 13. Jahrhundert entstandenen Kosmographie des Ibn Mahmud al Qazwini 742. Danach entstehen die durchsichtigen Mineralien aus Flüssigkeiten, die übrigen aus der Mischung des Wassers mit der Erde. Das Wasser soll ebenso zu Stein werden, wie sich Wasser aus der Luft verdichtet. „Wenn es möglich ist“, sagt Al Qazwini, „daß das Wasser Luftform annimmt, so muss es auch möglich sein, daß es die Form des Wassers ablegt und diejenige der Erde annimmt.“ Die Besprechung im einzelnen wird mit der Bemerkung eingeleitet, dass nicht alle, sondern nur die wunderbarsten Eigenschaften der Mineralien beschrieben werden sollen. Unter diesen Eigenschaften sind vor allem Heil- und Zauberwirkungen verstanden. So heißt es vom Bleiglanz: „Aristoteles sagt: Dies ist ein bekannter Stein, der in vielen Gruben gewonnen wird. Es ist ein bleihaltiges Mineral; als Augenpulver ist es gut für die Augen, es verschönt sie und beseitigt das Fließen der Tränen.“ Die Eigenschaften des Bergkristalls werden mit folgenden Worten beschrieben: „Der Bergkristall ist eine Art Glas, nur dass er härter ist. Die Könige verwenden Gefäße aus Bergkristall aufgrund der Überzeugung, dass das Trinken daraus gesund sei.“
Die Darstellung des roten Quecksilberoxids durch längeres Erhitzen des Quecksilbers war bekannt. Die entstehende rote Masse wurde indessen für künstlichen Zinnober gehalten. Der natürliche Zinnober entstehe hingegen durch die Vereinigung von Quecksilber und Schwefel im Inneren der Erde.
Unter den Eigenschaften des Alauns wird erwähnt, dass er Blutungen zum Stillstand bringen werde. Weiter heißt es: „Wenn die Färber ein Kleid färben wollen, tauchen sie es zuvor in Alaun. Die Farbe geht dann nie wieder weg.“ Besondere Zauberkräfte wurden dem Amethyst beigelegt: „Das ist ein Stein, der das Feuer auslöscht, wenn er darin liegt. Legt man ihn unter die Zunge und trinkt ein berauschendes Getränk darüber weg, so steigen die Dünste nicht zu Kopf, und man wird nicht betrunken.“ Interessant ist, dass das Bohren mit Diamanten schon Erwähnung findet. Die Werkleute befestigen nach Al Qazwini Stücke des Diamanten an den Rand des

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Bohrer werden verwendet, um die harten Steine zu durchbohren. Mit einem auf geeignete Weise gefassten Diamanten dringt außerdem der Arzt in die Harnröhre ein, um steinige Konkretionen zu zerschmettern. Über den Magneten wird berichtet: „Im Indischen Ozean befindet sich eine Insel aus diesem Mineral. Wenn die Schiffe in die Nähe gelangen und etwas an ihnen aus Eisen ist, so fliegt es wie ein Vogel fort und heftet sich an den Magneten.“ Die Kosmographie Al Qazwinis gewährt außerdem Einblicke in die zoologischen Kenntnisse und Ansichten der Araber. Auch auf diesem Gebiet waren diese im Wesentlichen nur Vermittler zwischen Antike und Neuzeit. Eigenständige Leistungen und neue Ansichten lassen sich in den uns überlieferten arabischen Schriften zoologischen Inhalts kaum nachweisen – obwohl es nicht an einzelnen zutreffenden Bemerkungen mangelt. So sagt Al Qazwini an einer Stelle, jedes Tier besitze die Gliedmaßen, die zu seinem Körper passen, sowie solche Gelenke, die zu seinen Bewegungen geeignet sind. Zudem sei die Haut so gestaltet, wie es zum Schutz der Tiere erforderlich ist.

Durch ihre Forschungsreisen nach China, Südasien, Ostafrika – ja sogar bis nach Sumatra und Java – erhielt das Wissen über die einzelnen Tierarten bei den Arabern eine bedeutende Erweiterung. Wie in den im Mittelalter im Abendland entstandenen zoologischen Schriften, nahmen auch in den Kosmographien der Araber Tierfabeln einen großen Raum ein. Die Erzählung vom Wal, der für eine Insel gehalten wird, an der die Schiffe landen, kommt uns in der Abwandlung vor, dass bei den Arabern die Rolle dieses Tieres von einer riesigen Meeresschildkröte eingenommen wird.

Neben den arabischen Bearbeitungen der Tiernatürgeschichte sind auch die Übersetzungen der Werke von Aristoteles und Galen zu nennen. Ibn Sina (Avicenna), der zu Beginn des 11. Jahrhunderts lebte, soll alle Schriften von Aristoteles in 20 Bänden erläutert haben. Ein Kommentar zu den von Aristoteles verfassten Büchern über die Tiere hat sich in lateinischer Übersetzung erhalten. Auch Ibn Roschd (Averroes), der ebenso wie Avicenna für die Philosophie des Mittelalters von herausragender Bedeutung war, schrieb Kommentare zu den naturgeschichtlichen Schriften von Aristoteles.

Rein botanische Werke entstanden bei den Arabern genauso wenig wie bei den nach Theophrast folgenden griechischen Schriftstellern.

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Auch bei ihnen diente die Pflanzenkunde fast ausschließlich praktischen Zwecken, indem sie als Heilmittelkunde, Landwirtschaftslehre oder Gartenbaulehre auftrat. Gleichzeitig brachte sie einen immer weiter anwachsenden Haufen philologischer Gelehrsamkeit mit sich, der sich auf Nomenklatur und Synonymik konzentrierte. Von den Schriften griechischen Ursprungs wurde insbesondere Dioskurides ins Arabische übersetzt und kommentiert. Zu allgemeineren Betrachtungen über die Pflanze hat sich wohl nur Avicenna erhoben. Letzterer unterschied drei Stufen der Besessenheit: die Pflanzen-, die Tier- und die Menschenseele. Der Pflanzenseele schrieb er eine nährende, eine auf das Wachstum gerichtete und eine erzeugende Kraft zu. Unter den auf Landwirtschaft bezogenen arabischen Schriften ist das Werk von Ibn Alawwâm zu nennen, von dem noch mehrere vollständige Handschriften vorhanden sind. Es entstand im 12. Jahrhundert in Spanien und handelt vom Boden, von der Düngung und der Bewässerung sowie von der Baumpflege, vom Getreide- und vom Gartenbau745. Am genauesten wird über die Baumpflege berichtet. Zahlreiche Arten der Veredelung werden beschrieben und teilweise durch Abbildungen erläutert. Ein besonderer Abschnitt handelt vom Alter der Bäume. Viele Angaben zu Pflanzen und ihrer Verbreitung finden sich auch in der umfangreichen geografischen Literatur der Araber verstreut. Im 14. Jahrhundert ragt das Reisebuch Ibn Batutas hervor, das dem von Marco Polo vergleichbar ist746. Sein Verfasser bereiste nicht nur die Länder des Mittelmeers, sondern gelangte auch nach Indien und China. In ihm werden viele Pflanzen der bereisten Länder beschrieben und deren Verwendung erläutert. Doch sammelte Ibn Batuta sein Wissen eher auf den Märkten als in der freien Natur, wodurch der botanische Inhalt des Werkes im Vergleich zum geografischen an Bedeutung verliert. Schließlich sei noch erwähnt, dass neben Chemie und Botanik auch die Heilkunde bei den Arabern intensiv gefördert wurde. Dabei knüpften sie an die von den Griechen (Galen) und den Indern überlieferten Kenntnisse an. Was sie neu schufen, war insbesondere die Pharmazie, die im 8. Jahrhundert in engem Zusammenhang mit der Chemie in den arabischen Ländern erstmals als eigenständige Wissenschaft entstand747. Auch auf den Gebieten der Krankenpflege, des Krankenhaussystems und der Heilmittelkunde lässt sich vieles den Arabern zuschreiben. Da ihnen ihre

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Verordnungen, die die Zerteilung von Leichen verboten, ließen sie hinsichtlich der Anatomie auf Galen angewiesen. Dass die Chirurgie bei ihnen dennoch Fortschritte machte, ist auf indische Einflüsse zurückzuführen. Die Bearbeitung, welche Galens Schriften durch Ibn Sina (Avicenna) erhielten, erschien um das Jahr 1000 unter dem Namen des „Kanon“ und blieb für das Mittelalter maßgebend, bis Paracelsus die Werke Avicennas den Flammen übergab. Auch auf dem Gebiet der Augenheilkunde haben sich die Araber Verdienste erworben. Zwar beruhten sie auf der von den Griechen geschaffenen Grundlage, doch versahen sie diesen Teil der Medizin „mit eigenen Zutaten“ und gestalteten ihn „nach eigenem Plan“. Nachdem die arabische Kultur ihren anregenden Einfluss auf das christliche Abendland ausgeübt hatte, ging sie einem raschen Verfall entgegen. Das mächtige Kalifat von Bagdad löste sich in eine Anzahl kleinerer Reiche auf. Durch den im 13. Jahrhundert hereinbrechenden mongolischen Völkerstrom wurden jedoch auch sie vernichtet. „Bis heute hat sich der Orient von den Schlägen jener grausigen Zeit noch nicht wieder erholen können.“ Ähnlich erging es der maurischen Herrschaft in Spanien. Die kleinen Reiche muslimischen Glaubens, die sich dort gebildet hatten, wurden durch die von Norden her vorrückende christliche Bevölkerung unterjocht. Dadurch wurde über die blühende Halbinsel zunächst der Fluch der Verödung gebracht. Die fanatische Zerstörungswut, welche die ersten Christen sowie die Araber zu Beginn ihrer Herrschaft an den Schätzen der Wissenschaft ausübten, schien wieder aufgelebt zu sein. Als nach der Vereinigung von Kastilien und Aragon Granada fiel, ging beispielsweise die dortige große Bibliothek mit ihren Hunderttausenden von Bänden in Flammen auf – ein unersetzlicher Verlust, da sie zahlreiche arabische Ausgaben der alten Schriftsteller enthielt. Nach der durch die Mongolen verursachten Zerstörung der arabischen Kultur im Vorderen Orient fand die arabische Wissenschaft zwar Zuflucht in Syrien und Ägypten. Die arabische Literatur bildete jedoch seitdem kein Ganzes mehr, sondern existierte nur noch in den einzelnen Ländern als etwas Besonderes. Die Astronomie reduzierte sich auf eine Art Pflichtdienst in den Moscheen. Die Naturwissenschaften endeten in Aberglauben und Spielereien. Schließlich gerieten Syrien und Ägypten in die Hände der osmanischen Sultane. Glücklicherweise vernachlässigten die Osmanen während der Blüte ihrer Herrschaft im Gegensatz zu den sinnlos wütenden Mongolen die Pflege der geistigen Güter nicht. Muhammad, der Eroberer Konstantinopels.

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Er hat sich sogar ausführlicher mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigt. Doch hatte der Orient damals bereits längst die Führung in den Bereichen des geistigen Lebens an den Westen, insbesondere an Italien, abgegeben. Indessen brachte nicht nur die Herrschaft durch andere Staaten die Entwicklung der arabischen Kultur zum Stillstand. Es mangelte ihr vielmehr, wie allen anderen aus dem Orient stammenden älteren Kulturen, an innerer Kraft, um ständig Neues hervorzubringen. So kam es, dass mit dem Nachlassen des arabischen Einflusses gegen Ende des Mittelalters der Orient aufhörte, in der allgemeinen Geistesentwicklung eine Rolle zu spielen. Die Führung ging vielmehr um jenen Zeitpunkt auf den Abendland mit seinen in Italien, Deutschland, England und Frankreich nach der Völkerwanderung ansässig gewordenen Bewohnern germanischer Abstammung über.

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9. Die Wissenschaften unter dem Einfluss der christlich-germanischen Kultur.
Während die arabische Wissenschaft und Literatur vom 9. bis zum 12. Jahrhundert einen fast ununterbrochenen Aufschwung nahm, finden wir während dieses Zeitraums im Abendlande nur unbedeutende Reste einer früheren Epoche und nur selten neue, vielversprechende Ansätze. Was dort an Kenntnissen und an künstlerischem Können vorhanden war, kann in der Hauptsache nur als ein Überbleibsel der römischen Kulturwelt angesehen werden, dem die germanischen Völker zunächst wenig hinzuzufügen wussten.
Kennzeichnend für diese ganze Periode in der Entwicklung Westeuropas ist das Übergewicht der religiösen Vorstellungen im geistigen Bereich sowie das der Kirche im gesamten öffentlichen Leben gegenüber allen anderen Kräften und Institutionen. Alle Wissenschaften sollten dazu dienen, die Ehre Gottes zu steigern. Tatsächlich dienten sie jedoch der Kirche und ihren Herrschern. Die sieben freien Künste – das Trivium und das Quadrivium – umfassten das gesamte damals bekannte Wissen aus dieser Perspektive. Die Grammatik wurde zum Verständnis der Kirchensprache, die Rhetorik zur Anwendung derselben gelernt. Die Arithmetik offenbarte in mystischer Deutung die Geheimnisse der Zahlen. Die Hauptaufgabe der Astronomie bestand darin, den kirchlichen Kalender festzulegen. Auch die unter den sieben freien Künsten aufgeführte Musik leugnete ihren kirchlichen Charakter nicht. Was man im Mittelalter anfangs an astronomischen Kenntnissen besaß, waren nur spärliche Reste der griechisch-römischen Literatur zu diesem Thema. Zudem hatten die germanischen Völker nichts Eigenes auf dem Gebiet der Astronomie geschaffen. Erst durch den Kontakt mit den Arabern kam es hierzu einer Veränderung.
Dass die Araber bereits so früh wissenschaftliche astronomische Kenntnisse besaßen, lag daran, dass sie bald nach ihrem Auftreten in der Geschichte mit dem wichtigsten astronomischen Werk der Antike, dem Almagest, in Berührung kamen. Dadurch konnten sie die vorbildliche griechische Wissenschaft fortsetzen und erheblich bereichern.

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Die nördlichen Länder Europas, die sich im frühen Mittelalter der Kultur öffneten, lernten die Astronomie hingegen durch das wissenschaftlich völlig unbedeutende Werk des Martianus Capella kennen, das man dem Unterricht im Quadrivium zugrunde legte. Es vermittelte einige Kenntnisse über die Sternbilder, die Planeten, die Sphärenharmonie, die Jahreszeiten usw., gab aber nirgends eine Begründung, sondern überall nur Zusammenfassungen. Zudem wurde man mit einfachen astrologischen Texten griechischen Ursprungs durch lateinische Vermittlung vertraut. Das selbst erlangte Wissen war so geringfügig, dass man nicht einmal zu Begriffen wie den Äquinoktien und den Solstitien gelangt war751. Neben Martianus Capella war Plinius in Gebrauch. Auf diese beiden stützten sich besonders Isidor von Sevilla und Rhabanus Maurus. Erst allmählich begann, von den Arabern angestachelt, ein wissenschaftlicher Geist sich in den nördlichen Ländern Europas auszubreiten. Unter seinem Einfluss entstanden die Schriften des gleich zu erwähnenden Gerbert, des späteren Papstes Sylvester II. (940–1003). Auch ging man damals unter Verwendung der im Altertum geschaffenen Armillen und Astrolabien zu eigenen messenden Beobachtungen über. Auch mit der Sonnenuhr wurde der germanische Kulturkreis erst durch die Alten bekannt. Zunächst geschah dies in England und Irland im 7. Jahrhundert. In Deutschland fertigte Gerbert die erste Sonnenuhr für Otto III. an. Er schrieb auch ein Buch über dieses Thema. Erst seit dem 15. Jahrhundert wurden in Deutschland die zahlreichen Sonnenuhren an Burgen und an Kirchen angebracht, die oft noch heute erhalten sind. Sie bestanden aus einer vertikalen Scheibe mit einem Gnomon, der mit ihr einen Winkel von 45° bildete. Auch die Wagen, darunter die Schnellwagen, die in der Merowingerzeit auftauchten und heute noch als Grabbeilagen gefunden werden, lassen bereits durch ihre Form erkennen, dass sie nach römischem Vorbild geschaffen wurden. Während das wissenschaftliche Denken in den Ländern einer neuen, auf den Trümmern der Antike entstehenden germanischen Kultur nur in enger Anlehnung an die vom Altertum überlieferten spärlichen Dokumente stattfand, verhielt es sich mit den im Mittelalter aufblühenden Handwerken ganz anders. Auf diesem Gebiet waren es nicht selten die Kelten, deren Erbe die Germanen übernahmen.

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sich selbstständig vermehrt. Das galt beispielsweise für den Bergbau, den die Kelten bereits vor dem Vordringen der Germanen in Mitteleuropa auf ein ziemlich hohes Niveau gebracht hatten. Bei der Salzgewinnung trat kaum ein Rückgang ein. In der frühesten Zeit gewann man Salz, indem man nach dem Zeugnis römischer Schriftsteller brennendes Holz mit dem Wasser salzhaltiger Quellen übergoss. Um den Besitz solcher Quellen führten germanische Stämme nicht selten untereinander Kämpfe. Später dampfte man die Sohle in irdenen Töpfen ein; schließlich kam die Pfännereibearbeitung auf. Seit der Zeit der Merowinger wurde Salz in zahlreichen größeren Betrieben gewonnen.

Bergbauliche Überreste, die den Abbau der Erze bezeugen, reichen bis in die vorgeschichtliche Zeit zurück. Nach Tacitus produzierte Deutschland jedoch nur wenig Eisen und weder Gold noch Silber. Urkundlich belegt ist der Abbau von Eisenerzlagerstätten erst seit dem 8. Jahrhundert – so zum Beispiel im Gebiet von Wetzlar im Jahr 780. Tatsächlich reicht er jedoch viel weiter zurück. Auch Gold wurde bereits früh in den Flüssen der Alpen durch Waschen gewonnen. Anfangs gab es nur Tagebau; der Tiefbau wurde erst mit der Einrichtung größerer Betriebe möglich, und im 12. Jahrhundert war man bereits recht erfahren im Bau von Schächten und Stollen.

Das Ausschmelzen der Metalle aus den Erzen setzte die Gewinnung von Holzkohle voraus. Mit deren Hilfe wurden die Eisenerze in Vertiefungen oder auf speziellen Herden geschmolzen. Durch diesen als „Rennarbeit“ bezeichneten Prozess – der anfangs mit handbetriebenen Blasenmaschinen in Gang gehalten wurde – erhielt man sogenannte Luppen aus schmiedbaren Eisen. Indem man die Vertiefung, in der die Flamme gehalten wurde, mit einer ringförmigen Mauer umgab und diese allmählich erhöhte, entstanden die Hochofen, die wir in ihrer Urform etwa zu Beginn des 15. Jahrhunderts antreffen. Ihr Erzeugnis war das kohlenstoffreiche Gusseisen, das erst durch weitere Hüttenprozesse in Schmiedeeisen umgewandelt werden musste.

Mit dem Abbau von Silber, Kupfer, Zinn und Blei wurde man in Mitteleuropa erst relativ spät vertraut. Der Goslarer Bergbau auf Silber und Blei begann unter Otto I. im Jahr 752. Zinn wurde in Böhmen etwa seit dem 13. Jahrhundert abgebaut. Zu dieser Zeit hatte der Silberbergbau in Mitteleuropa bereits eine große Ausdehnung erreicht. Er wurde

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Nicht nur im Harz, sondern auch in der Gegend von Meißen, in Freiberg, im Jura und in den Alpen betrieben. Zwischen diesen Anfängen der metallurgischen Technik und der Wissenschaft bestand zunächst nur eine sehr geringe Verbindung. Erst seit dem 15. Jahrhundert, nachdem Agricola seine gelehrten Werke über den Bergbau geschrieben hatte, begannen die Gelehrten sich diesem für das Emporblühen der neueren Naturwissenschaft so wichtigen Bereich menschlicher Tätigkeit zuzuwenden. Die Elemente der Bildung, welche die Römer nach Frankreich, England und Deutschland gebracht hatten, waren durch die Ereignisse der Völkerwanderung zum größten Teil zerstört worden. Als nach dem Ende der Wanderungen in Deutschland und im nördlichen Gallien das Reich der Franken entstand und die Ausbreitung des Christentums durch diese politische Schöpfung stark gefördert wurde, befanden sich die genannten Länder daher wieder im Zustand tiefer Unkultur. Der Gefahr einer Zersplitterung entging das neue Reich dadurch, dass es in die Hände der Pippiniden gelangte. Diese setzten der Überflutung Westeuropas durch die Araber ein Hindernis entgegen und begründeten eine christlich-germanische Bildung in ihrem stetig erweiterten Reich. Durch die tatkräftige, persönliche Fürsorge, die Karl der Große trotz seiner zahlreichen Kriege für die Wissenschaft zeigte, kam die geistige Entwicklung des Abendlandes etwas schneller voran. Insbesondere scheint nach der Eroberung Italiens beim Kaiser der Wunsch entstanden zu sein, seinem eigenen Land literarische Hilfsmittel zuzuführen und dadurch das Wissen zu fördern. Auch aus Britannien heraus wurde die gelehrte Bildung in Deutschland während jener Zeit positiv beeinflusst. Gregor der Große hatte um 600 einige Benediktinermönche in dieses abgelegene Land geschickt; diese lösten dort durch die Besiedlung des Landes und die Verbesserung der Sitten große Aufgaben, vernachlässigten dabei aber auch nicht die Pflege der Wissenschaften. Nachdem diese Mönche auf diese Weise in Nordeuropa eine Basis geschaffen hatten, traten sie als Lehrer und Bekehrer unter den germanischen Stämmen Mitteleuropas auf. Der herausragendste unter ihnen war Winfried oder Bonifatius im Jahr 753. Seine Schüler gründeten die Klosterschule in Fulda. Ein weiterer britischer Mönch, Alkuin, unterrichtete den Kaiser in gelehrten Dingen. So kam es, dass dieser, von dem

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Er war überzeugt vom günstigen Einfluss der Mönche auf die besiegten Völker und förderte die Wirksamkeit dieser Männer nach Kräften. Gelehrte Ausländer wurden an den Hof gezogen, und es entstand eine Art Akademie, die jedoch fast ausschließlich aus Briten bestand. Die Schulen sollten nach Karls Absicht nicht ausschließlich der Erziehung der Geistlichen dienen, sondern Bildung in weitere Kreise tragen.
Alkuin wurde beauftragt, eine Palastschule zu leiten. Sie umfasste Schüler sehr unterschiedlichen Alters und Standes, die der Kaiser für Führungspositionen vorgesehen hatte. Auf Alkuin geht vermutlich auch die Anordnung zurück, dass die Geistlichen ein bestimmtes Maß an wissenschaftlichen Kenntnissen haben sollten.
Den Gedanken, allgemeine Volksschulen zu gründen, hegte der Kaiser jedoch noch nicht. Die Klosterschulen zu Fulda, zu St. Gallen und Corvey wurden zu wissenschaftlichen Zentren ihrer Zeit und ihres Landes. Der gelehrte Leiter der erstgenannten, Rhabanus Maurus, der den Ehrennamen „primus Germaniae praeceptor“ erhielt, hinterließ ein Sammelwerk, das unter anderem einen Überblick über die Naturwissenschaften bietet. Man erkennt, dass dieses Wissen weitaus geringer war als das der Antike. Der Überblick von Rhabanus Maurus enthält nämlich nichts Eigenständiges, sondern basiert auf den Schriften der Alten, deren Inhalt in einer verfälschten Darstellung wiedergegeben wird.
Sein Werk verfasste Rhabanus Maurus mit der Absicht, wie er sagt, nach Art der Alten über die Natur der Dinge und den Ursprung ihrer Benennungen zu schreiben. Dadurch wird die vorwiegend grammatikalisch-philologische Behandlung erklärt, die nicht nur seinen Vorgängern eigen war, sondern bis in die neuere Zeit hinein vorherrschte. Da Rhabanus Maurus außerdem alle Dinge in Beziehung zur biblischen Überlieferung setzte, erhielt sein Werk jenen mystisch-allegorischen Charakter, der fast alle Schriften des Mittelalters kennzeichnet. Die erste Hälfte behandelt Gott, die Engel, das christliche Leben und die Bräuche. Im zweiten Teil geht es um Astronomie, Geografie, Medizin und andere Wissenschaften. Ein Buch behandelt in neun Kapiteln den Ackerbau, Getreide, Hülsenfrüchte, den Weinanbau, Bäume, aromatische Kräuter und Gemüse. Insgesamt werden etwa hundert Pflanzen nach ihrem Vorkommen und ihren Eigenschaften beschrieben.

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Ein Gegenstück zu diesem botanischen Buch ist das „Capitulare de villis et cortis imperialibus“, eine ausführliche Verordnung über die Verwaltung der kaiserlichen Güter. Darin sind unter anderem auch die Pflanzen aufgeführt, die in den Gärten des Kaisers angebaut werden sollten. Das Capitulare de villis ist eine der wichtigsten Quellen für die agrarischen Verhältnisse der Karolingischen Zeit. Vorgeschrieben war beispielsweise der Anbau von Madder und Enzian zur Färbung sowie der Anbau der Stechapfelart, die bei der Herstellung von Stoffen verwendet wurde. In den kaiserlichen Domänen sollten neben Apfel-, Birn- und Kirschbäumen auch Kastanien-, Pfirsich-, Mandel- und Maulbeerbäume sowie Lorbeerbäume und Walnussbäume gepflanzt werden. Als das Frankenreich zerfiel und endlose Kriege zwischen den neu entstandenen Reichen sowie Auseinandersetzungen im Inland und zur Abwehr äußerer Feinde herrschten, wurden die geringen wissenschaftlichen Errungenschaften, die insbesondere unter der Herrschaft des großen Kaisers entstanden waren, größtenteils wieder zerstört. Vieles ging völlig verloren; anderes hatte nicht mehr die Kraft zur weiteren Entwicklung, da das geistige Interesse durch den Wettstreit zwischen Theologie und scholastischer Philosophie vollständig in Anspruch genommen wurde. Erwähnenswert für die Zeit zwischen Karl dem Großen und Albertus Magnus ist Hildegard, die Äbtissin des Klosters Disibodenberg, die meist als Hildegard von Bingen bezeichnet wird. Sie ist die Verfasserin von vier Büchern mit dem Titel „Physica“. Ihr Werk enthält nicht nur die ersten Ansätze einer einheimischen Tier- und Pflanzenkunde, sondern bietet überraschenderweise auch eine Lehre von Heilmitteln, die nicht ausschließlich auf Dioskurides beruht, sondern auch aus der Volksüberlieferung stammt. Die „Physica“ wurden um 1150 geschrieben und enthalten viele Ergebnisse eigener Beobachtungen. Im Wesentlichen beschreiben sie die Flora und Fauna der Umgebung. Die Einordnung der beschriebenen Arten – für die zu jener Zeit übliche Namen verwendet werden – ist meist nicht einfach und oft unsicher. Hildegard hat fast alle heutigen Obstbäume berücksichtigt, vor allem jedoch die in dem „Capitulare“ aufgeführten Pflanzen.

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Und erweist sich weniger von den Alten beeinflusst als zahlreiche Verfasser späterer botanischer Bücher.
Auf das Zeitalter Karls des Großen folgte eine Periode, in der das Abendland fast ausschließlich in der Bekämpfung des Orients aufging. Dann erst setzte eine stetige Aufwärtsbewegung ein. Zwar hatten die Kreuzzüge dem westlichen Europa manche Wunde geschlagen; sie hatten aber auch den Gesichtskreis in ähnlicher Weise erweitert, wie es zur Zeit des Griechentums die Züge Alexanders bewirkt hatten. Waren ferner in den vorhergehenden Jahrhunderten geistige Anregungen besonders von den Mohammedanern in Spanien ausgegangen, so kam man jetzt mit der während der Stagnation der germanischen Völker ihre Blütezeit erlebenden islamischen Kultur auch aus Süditalien in Berührung. Dieser Einfluss erstreckte sich nicht nur auf den Norden der Halbinsel, sondern wurde, teilweise infolge der Romreisen, auch auf den nördlich der Alpen liegenden Teil Europas ausgedehnt. Auch von Byzanz und dem Orient selbst gelangten mannigfache Anregungen nach Mitteleuropa und Westeuropa.
Wir haben im vorherigen Abschnitt erfahren, dass die Araber die von den Griechen und den Indern empfangenen Kenntnisse nicht nur zu erhalten, sondern auch weiterzuentwickeln und mit ihren eigenen geistigen Schöpfungen zu einer gewaltigen Literatur zu verschmelzen verstanden. Diese arabische Literatur war während des späteren Mittelalters, wenn auch meist in lateinischer Übersetzung, im Abendland die herrschende. Da der Hauptgegenstand der arabischen oder aus arabischen Quellen entstandenen Schriften neben der Heilkunde die Astronomie und die Mathematik war, ist es begreiflich, dass sich zu Beginn der Renaissance das Abendland zunächst diesen Wissenschaften zuwandte.
Die erste Bekanntschaft mit den von den Arabern gehüteten geistigen Schätzen machte das Abendland in dem seit 711 im muslimischen Besitz befindlichen Spanien. Dorthin strömten aus Frankreich, England und Mitteleuropa wissensdurstige Männer in großer Zahl, um die erworbenen Kenntnisse später ihrer Heimat zuzuführen. Unter diesen Männern seien Gerbert, der spätere Papst Sylvester der Zweite und Gerhard von Cremona genannt.

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Durch Gerbert (940–1003) und seine Schüler lernte man unsere heutigen, noch heute arabisch genannten Ziffern kennen756.
Gerhard von Cremona (1114–1187) lieferte die erste Übersetzung des Almagest, jenes von Ptolemäos verfassten Hauptwerks der Astronomie, das dieser Wissenschaft im Altertum und im Mittelalter ihre Bahnen vorgezeichnet hat757.
Auch die Elemente Euklids wurden aus dem Arabischen übersetzt758. Das mathematische Werk Ibn Musas und die arabischen Schriften, die sich auf Aristoteles bezogen, wurden durch Johannes von Sevilla (um 1150) in lateinischer Übersetzung den Abendländern zugänglich gemacht. Von der aristotelischen Philosophie empfing man allerdings nur einen höchst verderbten Abklatsch. Dies wird begreiflich, wenn man bedenkt, daß das griechische Original zuerst ins Arabische, dann ins Castilianische und endlich ins Lateinische übersetzt wurde, und daß ferner manche schwierige Stelle nicht verstanden und infolgedessen unrichtig wiedergegeben wurde.
Nach Italien gelangten die mathematischen Kenntnisse der Araber um das Jahr 1200 durch Leonardo von Pisa 759. Die Geschichte dieses Mannes und seines mathematischen Werkes zeigt uns, wie eng die Entwicklung und die Ausbreitung der Wissenschaften mit den jeweiligen Kulturzuständen verbunden sind. Leonardos Vaterstadt Pisa war um 1200, infolge der im Zeitalter der Kreuzzüge entstandenen Beziehungen zum Orient, die mächtigste Handelsstadt Italiens geworden. Ihr Reichtum hatte mitgewirkt, um die ersten, noch heute jeden Besucher entzückenden Schöpfungen der neueren italienischen Kunst entstehen zu lassen. Der Handel entsprang praktischen Bedürfnissen und verfolgte materielle Ziele. Er suchte daher jeden geistigen Fortschritt, insbesondere auf dem Gebiet der Mathematik, unmittelbar nutzbringend zu machen. Zu diesem Zweck studierte Leonardo, der Sohn eines Pisaner Handelsherrn, auf seinen Geschäftsreisen, die ihn nach Sizilien, Griechenland, Ägypten und Syrien führten, die in jenen Ländern gebräuchlichen Rechnungsweisen. So entstand um 1200 das mathematische Hauptwerk des Mittelalters, Leonardos „Liber abaci“, mit dem die Geschichte der Mathematik wohl einen neuen Zeitabschnitt beginnt760.
In der Einleitung sagt Leonardo, die früheren Methoden seien ihm, verglichen mit derjenigen der Inder, als ebensoviele Irrtümer erschienen. Er

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Ich habe daher das indische Verfahren als Grundlage für sein Werk genommen, eigenes hinzugefügt sowie auch viel aus der geometrischen Kunst des Euklid verwendet, damit das Volk der Lateiner künftig nicht mehr unwissend in diesen Dingen dastehe761. Die ersten Abschnitte behandeln die Grundoperationen mit ganzen Zahlen und Brüchen. Zum ersten Mal begegnet uns der Bruchstrich, der auch als Zeichen für die Division verwendet wird. An die ägyptische Bruchrechnung erinnert die im Liber abaci vorkommende Zerlegung von Brüchen in eine Summe von Stammbrüchen. Die weiteren Abschnitte befassen sich mit der Regel de tri, der Gesellschafts- und Mischungsrechnung, Potenzen und Wurzeln sowie schließlich mit den Aufgaben der „Algebra und Almukabala“, d.h. der Lehre von den Gleichungen, die in enger Verbindung mit Ibn Musa behandelt werden. Insbesondere enthält das Buch Leonardos auch vieles, was dem Autor selbst gehört; vor allem ist dieser Herr Herr über den von ihm behandelten Stoff, den er in seiner eigenen, klaren Auffassung seinen Landsleuten vermittelt.

Gleichzeitig mit den mathematischen Kenntnissen wurden auch naturwissenschaftliche Erkenntnisse von den Arabern dem Abendland überliefert. Infolgedessen treten hier zu Beginn des 12. Jahrhunderts Männer auf, die sich der Alchemie sowie der von den Arabern besonders geförderten Optik widmeten. Unter ihnen sind vor allem Albertus Magnus und Roger Bacon zu nennen, mit denen wir uns noch ausführlich beschäftigen werden. Nach dem Vorbild der Araber wurde außerdem im 12. Jahrhundert in Salerno die Heilkunde wieder zu einer Wissenschaft erhoben, während die Behandlung von Krankheiten in den christlichen Ländern bis dahin vorwiegend im Bereich des frommen Aberglaubens lag.

Im Bereich der Optik verdient vor allem Vitello Erwähnung. Er stammte aus Polen und schrieb in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Werk über Optik, in dem er die Lehren Alhazens in Verbindung mit den aus den Schriften von Euklid und Ptolemäus stammenden Aussagen darlegte. Vitellos Werk wurde mehrfach gedruckt762. Es gehört zu den umfangreichsten Werken über Optik, enthält jedoch wenig Eigenständiges. Später knüpfte Kepler an Vitellos optische Untersuchungen an und veröffentlichte sie in einem Werk mit dem Titel „Zusätze zu Vitello“763.

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Betrachten wir, dass um 1200 der große, von den älteren Völkern geschaffene Schatz an Anregungen und Keimen, die nur der Weiterentwicklung harrten, den romanischen und den germanischen Völkern durch die Verbreitung der arabischen Literatur zugänglich gemacht wurde, so lässt es sich begreifen, dass dieser Zeitpunkt von der neueren historischen Forschung wohl als ein Markstein in der Geschichte der Wissenschaften hingestellt worden ist764.
Von nicht geringem Einfluss war auch die Erweiterung des geografischen Gesichtskreises durch die Reisen765 des Venezianers Marco Polo. Marco Polo gelangte bis nach Peking und im Süden bis nach Sumatra. Er verbrachte viele Jahre (1275–1292) im Dienste eines mongolischen Fürsten und richtete seine Aufmerksamkeit auf alles, was ihm in den fremden Ländern begegnete. Seine Mitteilungen erstrecken sich auf alle drei Naturreiche. Er erwähnt zahlreiche Edelsteine und Halbedelsteine. Durch ihn wurde erst allgemein bekannt, dass sich Steinkohle als Brennstoff verwenden lässt. Auch auf Petroleum, Tinte und Porzellan lenkte er die Aufmerksamkeit. Aus dem Pflanzenreich erwähnt Marco Polo zahlreiche Drogen, Arzneimittel, aromatische Stoffe, Farbstoffe sowie Indigo usw. Die Verarbeitung von Bambus, Baumwolle und Seide wird beschrieben. Zahlreich sind auch die Mitteilungen über die Fauna des gesamten asiatischen Kontinents. Die Angaben betreffen das Zebu, den Yak, verschiedene Pferderassen, Elefanten, Nashörner, Moschustiere, menschenähnliche Affen, Tiger, Schlangen usw. Von den Angaben über die Vogelwelt ist besonders die Erwähnung eines Riesenvogels auf Madagaskar interessant, dessen Flügel angeblich sechzehn Schritte lang waren766.
Von großer Bedeutung für die Entwicklung der Wissenschaften in dieser wie in jeder anderen Periode war auch das Aufblühen des Handels. Der Handel zeichnete sich insbesondere durch die enge Verbindung aus, in die Italien, Deutschland und Frankreich sowohl untereinander als auch mit dem Orient traten. Mit dem Handel blühte das Städtewesen auf. Der in den Städten zunehmende Wohlstand weckte die Teilnahme weiterer Schichten an geistigen Dingen. Reiche Städte förderten stets die Wissenschaften im eigenen Interesse. Gegen Ende des Mittelalters entwickelten sich solche Städte besonders in Italien, wobei vor allem Venedig, Pisa, Florenz und Genua genannt werden müssen. Sie besaßen staatliche Macht und führten, wenn auch unter gegenseitiger Rivalität,

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Durch das Bestreben, ihren Einfluss weit auszudehnen, kam es zur intensivsten Entfaltung aller gewerblichen, kommerziellen und künstlerischen Tätigkeiten. In hoher Blüte stand beispielsweise die Kunst, Metalle zu gießen und Glas zu formen. Etwas später entstanden im Norden städtische Gemeinwesen, die nicht nur Handelsplätze, sondern zugleich Orte der Pflege eines völlig neuen Geistes waren. Hier sind insbesondere die mächtige Hanse sowie der rheinische Städtebund zu nennen. „Es ist“, so Ranke, „eine prächtige, lebensvolle Entwicklung, die sich damit anbahnt. Die Städte bilden eine Weltmacht, an welche die bürgerliche Freiheit und die großen Staatsbildungen anknüpfen.“ Als weitere Umstände, die für die gesamte Entwicklung von Bedeutung waren, sind das Verschwinden der Sklaverei, der Übergang von der Natural- zur Geldwirtschaft sowie schließlich, vor allem für das Gebiet der Geisteskultur, die Einführung der Papierherstellung in Europa zu nennen – alles Ereignisse des 13. Jahrhunderts, in dem somit eine ganze Reihe von Grundlagen für die gegen das Ende des Mittelalters stattfindende Neugestaltung des staatlichen und geistigen Lebens geschaffen wurde. Gleichzeitig begegnen wir dem ersten großen Dichter der Neuzeit in Dante sowie den ersten vorurteilsfreieren Denkern des christlichen Abendlandes in Albertus Magnus und Roger Bacon; deren Leben und Wirken werden uns in den folgenden Abschnitten am besten in die Denkweise und die wissenschaftlichen Bemühungen dieser Epoche einführen. Auch die bildende Kunst erlebte im 13. und 14. Jahrhundert ihre Wiedergeburt – zunächst auf italienischem Boden. Es genügt, an die Schöpfungen von Niccolò Pisano und Giotto zu erinnern; deren Werke auf den Gebieten der Bildhauerkunst und der Malerei zeugen bis heute eindrucksvoll von der Kraft jener künstlerischen Impulse des 13. und 14. Jahrhunderts, die auch in den zahlreichen gotischen Kirchen jener Zeit ihren unvergänglichen Ausdruck fanden.

Die Wiederbelebung der alten Literatur.

Der Übergang ins 13. Jahrhundert bedeutet nach Chamberlains Ausdruck den Zeitpunkt, an dem „die Menschheit unter der Führung der Germanen“ ein neues geistiges Leben begann. Aus diesem Grund hält dieser Verherrlicher der Kulturmission des Germanentums es für angebracht, das

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Das Jahr 1200 kann als die Trennlinie zwischen dem Mittelalter und der Neuzeit angesehen werden. Jedenfalls scheint es gerechtfertigt zu sein, den Beginn der Renaissance bis an die Schwelle des 13. Jahrhunderts zurückzudatieren. Auch im Bereich des Bildungswesens fand die neue Zeit ihren Ausdruck. Hochschulen nach dem Vorbild der arabischen Gelehrtenschulen entstanden in Neapel, Salerno und Bologna, anschließend in Paris, Oxford und Cambridge. Im 14. Jahrhundert folgte Deutschland mit der Gründung der Universitäten in Prag, Wien und Heidelberg. Zwar waren auch diese anfangs überwiegend Orte scholastischer Auseinandersetzungen. Die Gelehrten waren jedoch von der klösterlichen Zwangsjacke befreit worden – ein Umstand, der für die Folgezeit von großer Bedeutung war. Um der Beschränkungen zu entgehen, die die Kirche während des Mittelalters jeder wissenschaftlichen Tätigkeit auferlegte, wurde die Lehre von der doppelten Wahrheit erfunden. Damit war gemeint, dass etwas in kirchlichen Angelegenheiten als wahr gelten könne, obwohl es in der Wissenschaft als falsch erwiesen worden war. Derselbe Mensch durfte somit je nachdem, ob er sich aus der Perspektive des Philosophen oder des Theologen betrachtete, dieselbe Ansicht für richtig halten und sie im selben Atemzug verurteilen.

Man sollte dieses auf den ersten Blick völlig unmoralisch erscheinende Verhalten nicht allzu streng verurteilen. Schließlich gilt auch heute noch für viele der Grundsatz, dass Glaube und Wissen als unvereinbare Bereiche streng getrennt werden müssen, während man andererseits versucht, beide miteinander zu versöhnen. Man muss daher die zunächst in Paris und Padua aufkommende Lehre von der doppelten Wahrheit als den ersten Versuch der Forschung ansehen, sich aus den Fesseln der Kirche zu befreien. Diese Lehre ist, so ein ihrer Beurteiler, „ein Denkmal des forschenden Geistes, sich ein freies, weites Feld zu schaffen“. Insbesondere fand der Geist der wiederbelebten Wissenschaften in zwei Männern seinen Ausdruck, deren Lebensumstände und Leistungen uns zunächst beschäftigen sollen. Es handelte sich dabei um Albertus Magnus in Deutschland und seinen Zeitgenossen Roger Bacon in England.

Beide Männer gehören zum 13. Jahrhundert. Es war die Zeit des großen Stauferkaisers Friedrich II. und seines vergeblichen Kampfes gegen das Papsttum. Zum 13. Jahrhundert gehören einerseits die letzten Kreuzzüge sowie die Ausbreitung der von fanatischen Mönchen durchgeführten Ketzerprozesse, während andererseits Handel und Gewerbe weiterhin eine wichtige Rolle spielten.

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Die Schulen begannen zu blühen. Auch im Bereich der geistigen Entwicklung war diese Zeit von Gegensätzen erfüllt. Bis ins 13. Jahrhundert hinein galt im Mittelalter ausschließlich die Macht der Kirche und ihrer Dogmen. Die philosophischen Schriften der Antike, insbesondere die Logik des Aristoteles, hatten Geltung, weil sie spitzfindigen, theologischen Streitigkeiten dienen konnten. Was jedoch die naturwissenschaftlichen Werke des Aristoteles betraf, so war fast jede Erinnerung an sie verloren gegangen. Auch die Auffassung von der Natur war zu einem Zerrbild geworden. Hatten die älteren Kirchenväter sie teilweise noch als einen Spiegel göttlicher Weisheit angesehen, so hatte später eine geradezu verächtliche Vorstellung Platz gefunden. Die Natur erschien dem Menschen des eigentlichen Mittelalters im trüben Widerschein einer Teufelslehre, geeignet, ihn mit sinnlichen Lüsten zu umstricken und von seiner, im Überirdischen ruhenden Bestimmung abzulenken.

Man kann sich vorstellen, welchen Eindruck auf ein solches Volk das überraschend schnell erfolgende Bekanntwerden der naturgeschichtlichen Schriften des Aristoteles zu Beginn des 13. Jahrhunderts ausüben musste. In lateinischer Übersetzung, teilweise aus arabischen, teilweise aus griechischen Originalen entstanden, verbreiteten sie sich bald über das ganze Abendland. Mit den griechischen Originalen war man im Verlauf der späteren Kreuzzüge in Konstantinopel und an anderen Orten des Ostens in Berührung gekommen. Wie ganz anders zeichnete sich in diesen, die Gemüter wie eine neue Offenbarung ergriffenen Werken die Welt ab. Sie war hier nicht die Inkarnation des Bösen und die Quelle der Verdammnis, sondern „ein wunderbar harmonisches, ineinander greifendes Geflecht vernünftiger Zwecke und Mittel“, deren Erforschung als die würdigste Aufgabe des denkenden Menschen angesehen wurde. Dass die Kirche gegenüber dieser Bewegung der Geister nicht gleichgültig blieb, lässt sich denken. So ordnete sie beispielsweise im Jahr 1209 in Paris an, dass unter Androhung der Exkommunikation weder die naturwissenschaftlichen Schriften des Aristoteles noch die dazu gehörenden Kommentare, sei es öffentlich, sei es heimlich, gelesen werden dürften.

Albertus Magnus

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Vor allem bei einem Mann fand die Naturphilosophie des Aristoteles einen begeisterten Vertreter – das war Albertus Magnus. Das Bild seines Lebens und Wirkens wird uns deshalb am besten in den beschriebenen Zeitraum versetzen können. Albertus Magnus, dessen eigentlicher Name Albert von Bollstätt lautet, wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts in einer schwäbischen Kleinstadt geboren. Er erhielt seine Ausbildung in Padua. Später lehrte er an der Dominikanerschule in Köln, zeitweise auch an der Universität in Paris, wo sein Orden einige Lehrstühle besetzen durfte. In die Zeit seines Aufenthalts in Köln fallen die Aushebungsarbeiten zur Fundamentierung der Kathedrale. In Paris fand er eine solche Anzahl von Anhängern, dass kein Gebäude seine Zuhörerschaft aufnehmen konnte. Im 13. Jahrhundert mangelte es also nicht am Wissensdurst, wohl aber an einem würdigen Gegenstand zur Befriedigung dieses Drangs. Es handelte sich nämlich nur um Schriftwerke, die durch Übersetzungen bekannt wurden; ihr Inhalt bildete das damalige Wissen. Jede eigenständige Denkrichtung wurde durch einen Autoritätsglauben unterdrückt, wie ihn keine andere Epoche in solchem Maße kannte. Verfolgung und Tod trafen jene, die sich gegen diesen Autoritätsglauben auflehnten. Man darf daher auch von Albertus Magnus nicht allzu viel Eigenes erwarten, obwohl er zu den herausragendsten Gelehrten der mittelalterlichen Geschichte gehört. Ihm ist es vor allem zu danken, dass man im Bereich der Naturwissenschaften wieder auf die Schriften der Antike zurückgriff. Dabei begann man mit den griechischen Texten, die teilweise bereits zu dieser Zeit aus Konstantinopel in den Westen gelangten, während man zuvor die arabischen Bearbeitungen ins Lateinische übersetzt hatte – eine doppelte Vermittlung, durch die der Inhalt verfälscht und falsch überliefert wurde. Was man vor Albertus Magnus über die Tier- und Pflanzenwelt wusste, verdiente kaum noch den Namen Zoologie oder Botanik. Ein gewisses Interesse galt zwar den in der Bibel erwähnten Lebewesen, die im „Physiologus“ behandelt wurden – einem sehr verbreiteten Buch in zahlreichen Ausgaben – doch es enthielt die unglaubwürdigsten Fabeln. Dennoch erfüllte der „Physiologus“ fast 1000 Jahre lang die Rolle eines elementaren zoologischen Werkes.

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Lehrbuches776 – wenn auch kein solches in unserem Sinne, da es in den Schulen in erster Linie zu religiös-erbaulichen Zwecken verwendet wurde777. Besonders berücksichtigt werden Säugetiere und Vögel, ferner einige Reptilien und Amphibien sowie nur ein Lebewesen aus der Gruppe der Gliederfüßer, nämlich die Ameise. Unter den Pflanzen kommen der Feigenbaum, der Schierling und die Nießwurz in Betracht. Ebenso werden einige Mineralien erwähnt: der Diamant, der Achat, der „indische Stein“, der angeblich die Wassersucht heilen sollte, sowie die feuerbringenden Steine. Dieser Inhalt erscheint umso dürftiger, wenn man bedenkt, dass der Physiologus keine irgendwie vollständige Beschreibung der genannten Lebewesen enthält, sondern meist nur Verweise auf Bibelstellen, einzelne Merkmale ihres Lebenswandels sowie Erzählungen und Fabeln. So wird über den Panther berichtet, dass er bunt sei, nach dem Fressen drei Tage schlafe, anschließend mit Gebrüll erwache und einen so angenehmen Geruch verströme, dass alle Tiere zu ihm kamen; nur der Drache sei sein Feind. Der Prophet Hosea soll gesagt haben: „Ich werde wie ein Löwe dem Haus Juda und wie ein Panther dem Haus Ephraim usw.“ Zu den meisten Tierfabeln werden moralische Bemerkungen hinzugefügt. Über die Affen heißt es, man fange sie, indem man sie dazu bringt, sich die Augen mit Leim zuzuschmieren. So jagt uns der Teufel mit dem Leim der Sünde. Wie der Biber sich die Hoden abbeißt, wenn man ihn verfolgt, so solle der Mensch seine bösen Leidenschaften beseitigen usw. Auch reine Fabelwesen wie die Sirenen sowie das in der Bibel mehrfach erwähnte Einhorn bilden Gegenstand verschiedener Ausgaben des Physiologus. Welcher enorme Unterschied zwischen dem mittelalterlich-kirchlichen Naturwissen und demjenigen der Blütezeit des griechischen Geisteslebens bestand, muss nach diesem Beispiel nicht weiter erläutert werden. Der älteste Physiologus entstand im 2. Jahrhundert n. Chr. in Alexandria. Auf diesem griechischen Werk beruhen zahlreiche orientalische Bearbeitungen der biblischen Zoologie. Albertus Magnus schöpfte aus einem lateinischen Physiologus, der auch ins Althochdeutsche und andere nordische Sprachen übersetzt wurde. Vor allem ist jedoch Alberts zoologisches Werk, das in 26 Bücher unterteilt ist, eine Wiedergabe der zoologischen Schriften des Aristoteles. Dennoch deuten insbesondere die letzten Bücher auf eine größere Eigenständigkeit hin. Ebenso die Naturgeschichte des ebenfalls dem 13. Jahrhundert zugehörigen Thomas von Cantimpré.

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Albertus Magnus hat eine sehr umfangreiche literarische Tätigkeit entfaltet. Eine allerdings nur mangelhafte Ausgabe seiner sämtlichen Werke stammt von Jammy; sie erschien in 21 Foliobänden im Jahr 1651. Der 2., 5. und 6. Band enthalten die naturwissenschaftlichen Schriften. Der 2. Band enthält neben einer Wiedergabe der aristotelischen Physik die Grundzüge der Himmelskunde und fünf Bücher über die Mineralien. Bemerkenswert ist, dass Albert die Milchstraße für eine Anhäufung kleiner Sterne hielt, sowie seine Meinung, dass das Erscheinen der Kometen nicht mit den Geschicken einzelner Menschen verbunden sein könne. Der 5. Band bringt Geographisches sowie die sieben Bücher über die Pflanzen. Hervorgehoben sei eine Äußerung über die Antipoden. Nur rohe Unwissenheit, meint Albertus, könne behaupten, dass diejenigen fallen müssten, die uns die Füße zukehrten. Der 6. Band der Gesamtausgabe umfasst schließlich die 26 zoologischen Bücher.
Das Verdienst Alberts besteht darin, dass er über alle Dinge, über die er aristotelische Schriften kannte, ausführlich schrieb. Dabei leiteten ihn einerseits offener Sinn und liebevolle Hingabe an die Natur. Andererseits wurde er durch das Bestreben eingeschränkt, die Naturauffassung der Antike mit den Dogmen der katholischen Kirche in Einklang zu bringen. Es gelang ihm nicht, sich aus dieser Abhängigkeit zur Freiheit des Denkens durchzukämpfen. Den Vortrag der aristotelischen Lehren wusste Albertus mit seinen eigenen Ansichten so zu verbinden, dass er zunächst Aristoteles folgte und anschließend jeweils hinzufügte, er wolle eine Disgression einfügen. Als eine solche ist das ganze zweite Buch der Botanik zu betrachten. Es beginnt mit den Worten: „Das alles – nämlich den Inhalt des ersten Buches – haben die alten Naturforscher begründet. Doch scheint das etwas verworren zu sein. Ich werde daher von neuem beginnen und die allgemeine Botanik nach der Ordnung der Natur darlegen.“
Dass Albertus auch auf anderen Gebieten nach Selbstständigkeit strebte, bezeugen die Worte, mit denen er die spezielle Botanik einleitet. Sie lauten:

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„Was ich hier schreibe, habe ich teils selbst erfahren, teils verdanke ich es Leuten, von denen ich überzeugt bin, daß sie nur das vorbringen, was sie selbst erfahren haben.“ Bei dem Wissen über die Einzellebewesen handle es sich ausschließlich um Erfahrung, da hier Vernunftschlüsse nicht möglich seien. Dennoch finden sich, besonders bei der Beschreibung der Tiere, dem Geist der Zeit entsprechend, manche alte Fabeln wieder. Sein Werk über die Pflanzen schrieb Albert in Anlehnung an eine Schrift, die damals für aristotelisch gehalten wurde. Es umfasst sieben umfangreiche Bücher und gehört zu den bedeutendsten älteren Werken botanischen Inhalts. Von Aristoteles, dem Begründer der Botanik, bis zur Zeit Alberts des Großen war diese Wissenschaft immer tiefer gesunken; mit Albert erstand sie „wie der Phönix aus seiner Asche“. Zunächst befasst sich Albert mit den Grundzügen der allgemeinen Botanik. Insbesondere beschäftigt er sich mit der Frage, ob die Pflanze beseelt ist. Sie ist es, führt er aus, genauso wie jeder Körper, der sich aus eigener Kraft bewegt. Ohne diese Bewegung sei kein Wachstum, keine Ernährung und keine Fortpflanzung möglich. Auf diese Funktionen beschränke sich jedoch die Tätigkeit der Pflanzenseele. Diesem geringen Umfang ihrer Tätigkeit entspreche auch die geringe äußere Vielfalt der Pflanzenteile sowie die Fähigkeit der Pflanze, aus jedem ihrer Teile – genauso wie aus dem Samen – Neues hervorzubringen. Bemerkenswert sind auch Alberts Ausführungen über den Schlaf der Pflanzen. Wenn die Pflanze während des Winters aufgrund der Kälte zusammengezogen wird und ihr Saft sowie ihre Wärme nach innen gedrängt werden, dann schläft sie. Dass einige Pflanzen ihre Blüten abends zusammenfalten und bei Tagesanbruch wieder öffnen, wird ebenfalls als Schlaf interpretiert. Was die Sexualität betrifft, so räumt Albert den Pflanzen nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit den Tieren ein. Das Wachstum der Pflanzen – so meint er anhand der Eiche, der Zeder und anderer Bäume – scheine, genauso wie das der Mineralien, keiner bestimmten Grenze unterliegen zu müssen. Der Mangel an Sinnes- und Bewegungsorganen, durch die sich das höhere tierische Leben zeigt, sei der Grund dafür, dass die Wurzel, als Mund der Pflanze, in die Erde reicht. Wenn die Nahrung nicht von selbst herankommt und die Wurzel nicht ständig damit umgeben wäre, könnte die Pflanze überhaupt keine Nahrung aufnehmen. Würde außerdem die geringe Eigenwärme der Pflanze nicht von außen durch die Sonnenwärme unterstützt werden, dann würde diese…

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Allein reicht das nicht aus, um die aufgenommenen Nährstoffe zu verdauen und für Wachstum und Fortpflanzung geeignet zu machen. Da die Pflanze ihre Nahrung auf weitaus einfachere Weise aufnimmt und in sich verteilt als das Tier, hat sie nach Albert weder Adern noch einen Magen, sondern nur Poren – wie sie auch das Tier unsichtbar auf seiner ganzen Oberfläche besitzt. Alberts Kenntnisse in der speziellen Botanik, die er im 6. Buch darlegt, sind nicht gering. Doch teilt er mit vielen Schriftstellern der Antike den Glauben an eine Umwandlung der Pflanzen. So sollen sich infolge des Alterns oder infolge mehr oder weniger guter Nahrung die Getreidesorten ineinander umwandeln können. Auch entstanden durch die Fäulnis einer Pflanze andere Arten. So überzieht sich ein kränkelnder Baum mit Parasiten, insbesondere mit Misteln. Alberts Darstellung der allgemeinen Botanik ist der erste Versuch einer solchen. Denn was er in den Schriften des Nikolaos fand, hat sein Unterfangen eher ungünstig beeinflusst als gefördert. Es vergingen Jahrhunderte, bevor ein zweites, seinem Werk vergleichbares Werk erschien. „Die Fehler des Letzteren waren auf seine Zeit zurückzuführen, die Vorteile gehören ihm allein.“ In seiner speziellen Botanik behandelt Albert Bäume und Sträucher, Stauden und Kräuter. Die Anordnung erfolgt alphabetisch. Die Schärfe seiner Beobachtungen ist anzuerkennen; Beschreibungen einer Genauigkeit, wie wir sie in der Antike nicht finden, widmete er beispielsweise der Esche und der Erle, dem Mohn, dem Borretsch und der Rose. Seit Albertus Magnus bestand auch das Bestreben, die von den Alten beschriebenen Pflanzen wiederzufinden. Dieses Bemühen hatte jedoch nur geringen Erfolg – zum einen, weil die vorhandenen Beschreibungen meist nicht ausreichend genau waren, um daraufhin die Arten bestimmen zu können, und zum anderen, weil man ohne Berücksichtigung der geografischen Verbreitung die Pflanzen Griechenlands und Kleinasiens in Mitteleuropa suchte. Immerhin war es ein großer Fortschritt, dass man sich wieder direkt mit den Naturkörpern beschäftigte. Die Wiederbelebung der beschreibenden Naturwissenschaften war in erster Linie die Folge eines solchen Bemühens. Dies führte weiterhin zur Anlage von botanischen Gärten sowie zur Herausgabe von Kräuterbüchern – den ersten botanischen Werken, denen wir an der Schwelle der Neuzeit begegnen.

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Von Albert dem Großen bis zur zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts waren die Fortschritte auf dem Gebiet der Botanik im übrigen nur gering785. Manche Nachricht über neue Pflanzen gelangte aus den durch die Kreuzzüge dem Abendlande erschlossenen Ländern nach Europa, jedoch ohne daß dadurch die wissenschaftliche Einsicht wesentlich gefördert worden wäre. Auch durch die Reisen Marco Polos in Ostasien erfuhr die spezielle Pflanzenkenntnis eine nicht unbeträchtliche Erweiterung, wenn es sich naturgemäß in den Mitteilungen dieses Mannes auch in erster Linie um solche Pflanzen handelte, die für den Handel in Betracht kamen. Wie die botanischen, so enthalten auch die zoologischen Schriften des Albertus zahlreiche Angaben über eigene Beobachtungen. Insbesondere gilt dies von der deutschen Tierwelt. Es finden sich z. B. recht gute Beschreibungen des Maulwurfs, der Spitzmaus, des Eichhörnchens und des Igels. Albert führt fast alle deutschen Nagetiere auf und beschreibt das Verhalten des Eichhörnchens sehr detailliert. Sehr genau beschreibt er auch das Gebiss der Nagetiere. Ebenfalls erwähnt wird der Eisbär. Über das Walross wird berichtet, dass es lange Eckzähne habe und dass man seine Haut in Riemen schneide, die in Deutschland in den Handel kämen. Zudem wird der Grönlandwal beschrieben sowie seine Jagd. Die Robben und Delfine bezeichnet Albert als „Säugetiere mit festen Knochen, lebenden Jungen und einer Luftröhre“. Er fügt hinzu: „Die Angaben der Alten übergehe ich, denn sie stimmen mit denen erfahrener Leute nicht überein.“ Über die Gliedertiere gibt Albertus sogar an, dass beim Krebs und Skorpion ein dem Rückenmark entsprechender Strang vorhanden sei, der auf der Bauchseite durch den Körper verläuft. Das Verhalten des Ameisenlöwen beschreibt er mit den folgenden Worten: „Der Ameisenlöwe ist nicht vorher eine Ameise, wie viele behaupten. Denn ich habe oft beobachtet und es meinen Freunden gezeigt, dass dieses Tier die Gestalt eines Bettlers hat. Es versteckt sich im Sand und gräbt dort eine halbkugelförmige Höhle, an deren Pol sich sein Mund befindet. Wenn nun eine Ameise suchend darüber läuft, fängt es sie und frisst sie. Das haben wir oft beobachtet“786. Albertus Magnus war auch einer der ersten, die sich in Deutschland auf dem Gebiet der Chemie schriftstellerisch betätigten, ohne sich jedoch über die Araber erheben zu wollen. Dass unedle Metalle in edle umgewandelt werden können, war für ihn eine Selbstverständlichkeit. Dies geht aus seinem Werk „De rebus metallicis et mineralibus“ eindeutig hervor.

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Albertus glaubte auch an die Darstellbarkeit eines Elixiers, das imstande sei, allen Metallen die schönste Goldfarbe zu verleihen. Er warnte zwar vor scheinbaren Umwandlungen, indessen wurden durch das hohe Ansehen, das er genoß, die alchemistischen Bestrebungen gefördert787. Auszüge aus dem Werk »De rebus metallicis et mineralibus« sind durch Kopp bekannt geworden788. Aus ihnen geht hervor, daß es sich bei Albertus Magnus zum Teil um rein aristotelische, zum Teil um arabische Meinungen und Anschauungen handelt. Er nimmt an, daß die Metalle wie alles aus den vier Elementen zusammengesetzt sind. Bestehen sie auch zunächst aus Schwefel und Quecksilber, so ist ersterer doch wieder aus Luft und Feuer, das Quecksilber dagegen aus Wasser und Erde entstanden.

Roger Bacon.

Ein fast noch höheres Interesse als der „Doctor universalis“, wie man Albertus Magnus nannte, beansprucht Roger Bacon, der „Doctor mirabilis“. Seine Schriften umfassen nicht nur die Naturbeschreibung, die Chemie und die Physik, sondern alle Wissenszweige, insbesondere auch die Philosophie und die Theologie. Der englische Franziskanermönch Roger Bacon ist ferner einer der ersten in der Reihe der Märtyrer, welche die Geschichte seit der Zeit des Wiederauflebens der Wissenschaften aufzuweisen hat.
Roger Bacon wurde im Jahre 1214 geboren789. Er studierte in Paris und dann in Oxford, wo er später ein Lehramt bekleidete. Von großem Einfluss auf die Entwicklung Bacons war Petrus Peregrinus, der in Paris lehrte und als Experimentator gerühmt wurde. Bacon sagt von ihm, was dunkel sei, ziehe Peregrinus als Meister des Experiments ans Tageslicht790. Auch daß dieser für seine Zeit seltene Mann keine Wortgefechte liebte, sondern Beweise und Fakten verlangte, war für Peregrinus charakteristisch und für Bacon, der das Wort „Scientia experimentalis“ prägte, von bestimmendem Einfluss791. Schon Gerbert 792 hatte übrigens die Beschäftigung mit der Natur als Gegengewicht gegen die scholastischen Streitigkeiten empfohlen. Bacon tat dasselbe, indes mit größerem Nachdruck793. Als Quellen für seine Naturlehre benutzte Bacon die Griechen (Aristoteles, Euklid, Ptolemäos), die Römer (Plinius,

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Boethius, Cassiodor) und die Araber. Unter diesen sind vor allem Avicenna (Ibn Sina) und Al Farabi zu nennen. Das Werk des Letzteren, das eine Art Enzyklopädie darstellt, hatte Gerhard von Cremona unter dem Titel „Liber de scientiis“ ins Lateinische übersetzt. Bacon besaß nicht nur die umfassende Gelehrsamkeit eines Albertus Magnus, sondern er zeichnete sich vor diesem durch größere Klarheit und Freiheit des Denkens aus. In seiner Schrift über die Nichtigkeit der Magie794 kämpfte Bacon gegen den Glauben an die Zauberei. Den Anhängern dieses Glaubens verdankte er selbst gegen das Ende seines Lebens eine zehnjährige Kerkerhaft. Sehr wahrscheinlich hat jedoch die Anklage auf Zauberei seinem Orden nur als Vorwand gedient, um ihn daran zu hindern, dass er fortfuhr, gegen die kirchlichen Mißstände zu eifern. Besaß doch Bacon die Kühnheit, auf eine Reform der Kirche von Kopf bis Fuß sowie auf eine kritische Behandlung der Heiligen Schrift auf Grundlage der Urtexte zu drängen. Dass die Menschen in früheren Jahrhunderten nicht viel anders waren als heute, lässt sich an folgenden Stellen aus Bacons „Compendium studii theologiae“ erkennen: „Das Haupthindernis für das Studium der Weisheit ist die unermessliche Verderbnis, die in allen Ständen herrscht. Der ganze Klerus ist dem Hochmut, der Unzucht und der Habgier ergeben. Wo Kleriker zusammenkommen, bereiten sie den Laien Ärger. Die Fürsten und Herren unterdrücken und plündern einander und ruinieren das ihnen untertanen Volk durch Krieg und Steuern. In den Königreichen geht es nur um Erweiterung. Es kümmert niemanden, ob etwas mit Recht oder Unrecht erreicht wird, solange nur der eigene Plan durchgesetzt wird. Die Oberschichten dienen nur dem Magen und den fleischlichen Lüsten. Das Volk wird durch dieses schlechte Vorbild zum Hass und zur Untreue angestiftet oder durch das schlechte Vorbild der Großen verdorben. Unzucht und Genusssucht sind schlimmer, als man es beschreiben kann. Bei den Kaufleuten herrschen List, Betrug, maßlose Falschheit usw.“ So sieht Bacons Sittenschilderung des 14. Jahrhunderts aus. Was Bacon anstrebte, war eine freiere Gestaltung des religiösen Lebens. Und zwar geschah dies fast zur gleichen Zeit, als die Albigenser Südfrankreichs ihren Austritt aus der Kirche teuer bezahlen mussten. Wenn Bacons Ermahnungen zwar ungehört blieben und nicht in der Lage waren, einen Sturm auszulösen, wie ihn beispielsweise das Auftreten eines Hus zur Folge hatte, so

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Bacon verdient doch unter den Vorboten der Reformationsbewegung genannt zu werden. Dass er sich der Autorität des Aristoteles nicht unbedingt unterwarf, war für die damalige Zeit ein nicht geringeres Verbrechen. Andererseits vermag auch Bacon es nicht, sich ganz von den Fesseln der griechischen Philosophie und der mittelalterlichen Theologie zu befreien. So hält er mit Aristoteles an dem Glauben fest, dass die Welt räumlich begrenzt sei. Er sucht auch dialektisch zu beweisen, dass es nicht mehrere Welten oder gar eine unendliche Welt geben könne. Erst viel später, bei Giordano Bruno, tritt uns der Begriff des unendlichen Alls entgegen. Wie Aristoteles, so weist auch Bacon mit dialektischen Gründen die Lehre vom Vakuum zurück, das die von Aristoteles bekämpften Anhänger der Atomenlehre als notwendige Voraussetzung für die Bewegung der Atome angenommen hatten795. Als Herrin der Wissenschaften gilt Bacon nicht die Philosophie, sondern die Theologie. Wenn ein Wissen, meint er, der heiligen Schrift widerspricht, so ist es irrig796. Innerhalb dieser Beschränkung verlangt er eine Erneuerung der Wissenschaften und eine Begründung der Naturwissenschaften auf Beobachtung und Versuch. Manches, was später, im 16. Jahrhundert, sein Namensvetter Francis Bacon gesagt hat, klingt an die schon von Roger Bacon ausgesprochenen Mahnungen und Forderungen an. „Diejenigen, die in den Wissenschaften neue Bahnen einschlugen“, sagt Roger Bacon 797, „hatten alle Zeit mit Widerspruch und Hindernissen zu kämpfen. Doch erstarkte die Wahrheit und wird erstarken bis zu den Tagen des Antichrist.“ Für die Wissenschaft gibt es nach Bacon drei Wege, die Erfahrung, das Experiment und den Beweis. Insbesondere wird die Mathematik gepriesen, aber auch der Sprache, als dem formalen Ausdruck des Denkens, wird die größte Bedeutung beigelegt. So heißt es bei ihm: „Wir müssen bedenken, dass Worte den größten Eindruck ausüben. Fast alle Wunder sind durch das Wort vollbracht worden. In den Worten äußert sich die höchste Begeisterung. Deshalb haben Worte, welche tief gedacht, lebhaft empfunden, gut berechnet und mit Nachdruck gesprochen werden, eine bedeutende Gewalt.“ Selbst wenn man annimmt, dass Bacons Wissen vollständig auf den alten Schriftstellern und den Arabern beruhe, muss man doch zugeben798, dass er kein bloßer Kompilator war, sondern das Vorhandene zu prüfen, sich

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verstand, anzueignen und selbständig wiederzugeben. Sein Hauptverdienst bleibt aber, daß er zu den ersten Männern zählt, die auf den Weg des eigenen Forschens im Gegensatz zum Autoritätsglauben, hingewiesen haben, wenn es ihm selbst auch noch an Mitteln mangelte, diesen Weg unbeeinträchtigt zu verfolgen. Aus diesem Mangel an Befriedigung eines vorhandenen Drangs entsteht eine gewisse Sehnsucht, die sich darin äußert, dass Bacons Schriften mit häufigen Ausblicken auf eine größere Herrschaft des Menschen über die Natur erfüllt sind799. Dieser Grundzug seines Wesens wird uns im 17. Jahrhundert bei seinem Namensvetter Franz Bacon wieder begegnen. Und es erscheint nicht ausgeschlossen, dass letzterer Roger mehr zu verdanken hat, als er durchblicken lässt800. Man kann dies als wahrscheinlich annehmen, ohne damit den späteren Bacon etwa des Plagiatierens zu beschuldigen.

Bacons Hauptwerk trägt den Titel „Opus majus“. Es wurde 1267 fertiggestellt und von Bacon dem Papst801 gewidmet802. Im ersten Teil des Opus majus spricht Bacon von den Hauptursachen der herrschenden Unwissenheit. Als solche gelten ihm die Eitelkeit und der Autoritätsglaube, die althergebrachten Vorurteile sowie die zahlreichen unrichtigen und unzulänglichen Begriffe. Der zweite Abschnitt bietet einen Überblick über die Grundlagen, die die Griechen und die Araber geschaffen haben. Im Mittelpunkt dieser Darstellung steht selbstverständlich Aristoteles, von dem in ehrlicher Kritik gezeigt wird, dass seine Schriften weder erschöpfend noch fehlerfrei seien. Um die bisherigen Leistungen würdigen zu können, fordert Bacon im dritten Abschnitt das Studium der Urtexte anstelle des bis dahin üblichen Lesens lateinischer und arabischer Übersetzungen. Vor allem stellt er diese Forderung im Zusammenhang mit der Bibel und den Schriften des Aristoteles. Der vierte Abschnitt behandelt die Mathematik, einschließlich der Astronomie und deren Anwendungen. Bacon erkannte die Fehlerhaftigkeit des julianischen Kalenders und machte dem Kirchenoberhaupt Verbesserungsvorschläge. Der julianische Kalender, so erklärt er, rechne das Jahr mit 3651/4 Tagen. Es sei jedoch bewiesen, dass er kürzer sei und in 130 Jahren ein Tag zu viel berechnet werde.

Der nächste Abschnitt, der sich auf Alhazen stützt, befasst sich mit der Optik. Die Reflexionen durch parabolische Spiegel sowie die Anatomie und Physiologie des Auges werden so klar und präzise dargestellt, dass diese

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Es werden insbesondere die fortgeschrittenen Ansichten Bacons hervorgehoben. Den eigentlichen Prozess des Sehens verlegt er ins Gehirn, mit der Begründung, dass sich nur so die Vereinigung der in den beiden Augen entstehenden Sinnesindrücke zu einer einzigen Wahrnehmung erklären lasse803.
Bacons optische Kenntnisse gingen über diejenigen Alhazens hinaus. So war Bacon mit der sphärischen Aberration vertraut, d.h. mit der Tatsache, dass Strahlen, die parallel zur Achse einfallen, sich nur dann in einem Punkt schneiden, wenn sie den Spiegel in gleichem Abstand vom optischen Mittelpunkt treffen. Auch mit der Brennkugel804 und den Konvexspiegeln befasste er sich unter Einfluss von Alhazen. Zudem untersuchte Bacon, ob sich der Brennpunkt eines Hohlspiegels im Mittelpunkt der Kugel oder im Halbierpunkt des Radius befindet. Er entschied sich für Letzteres, also für die richtige Ansicht, und merkte ganz zu Recht an, dass eigentlich nicht von einem Punkt der Strahlenvereinigung die Rede sein könne, sondern nur von einem kleinen Bereich. Damit ist bereits das Wesen der Katakaustik angedeutet805.
Über die Fata morgana heißt es, sie werde von manchen für eine teuflische Täuschung gehalten, während sie aus natürlichen Ursachen zu erklären sei. Bacon beschreibt außerdem die Instrumente zur Bestimmung des Durchmessers von Mond und Sonne. Die Größe der Erde stehe in keinerlei Verhältnis zur Größe des Himmels und der anderen Gestirne. So sei die Sonne 170 Mal so groß wie die Erde. Auch die Milchstraße bestehe aus vielen, dicht beieinanderstehenden Sternen, deren Licht sich mit dem der Sonne mische. Ebbe und Flut entstünden dadurch, dass die Mondstrahlen bei senkrechtem Aufprall die Dünste aufsaugen, auf deren Anwesenheit auch das Funkeln der Sterne zurückzuführen sei. Das Phänomen, dass eine Flutwelle auch auf der dem Mond entgegengesetzten Seite der Erde entsteht, erklärt Bacon wie folgt: Er geht davon aus, dass die Fixsternsphäre fest sei; daher werfe sie die Strahlen des Mondes zurück. Diese reflektierten Strahlen treffen anschließend die dem Mond entgegengesetzte Seite der Erde und verursachen dort dasselbe Phänomen wie bei direktem Aufprall. Nach dieser Vorstellung sind der Fixsternhimmel und somit die Welt räumlich begrenzt. Schließlich hatte auch Aristoteles angenommen, dass die Fixsterne ihr Licht von der Sonne erhalten. Die Vorstellung von der Unendlichkeit des Universums und

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Die Vielzahl der Sonnen- und Weltansätze konnte erst nach der Etablierung des kopernikanischen Systems entstehen.
Den Regenbogen versucht Bacon unter Bezugnahme auf Aristoteles und Avicenna zu erklären. Dass der Regenbogen verschwindet, sobald die Sonne 42° über dem Horizont steht, ist Bacon bekannt. Für das runde Bild der Sonne, das entsteht, wenn die Sonne durch unregelmäßige Öffnungen in dunkle Räume scheint, kann er keine Erklärung finden. Laut seiner Ansicht benötigt das Licht Zeit und besteht nicht in einer Absonderung von Teilchen – andernfalls müssten leuchtende Substanzen wie Moschus verdunsten. Um die Art und Weise zu erklären, wie sich das Licht ausbreitet, führt Bacon den bereits von Alhazen bekannten Versuch an: Wenn drei Lichtquellen vor eine enge Öffnung eines Schirms gestellt werden, kreuzen sich die Strahlen in dieser Öffnung. Bacon betrachtete dies als Beweis dafür, dass sich die „Spezies“, d.h. das, worin er die Natur des Lichts sah, nicht mischen. Heute würden wir sagen, dass die Lichtstrahlen, ohne sich gegenseitig zu stören, durch einen Punkt hindurchgehen.

Der sechste Abschnitt ist der Wissenschaft vom Experiment gewidmet. Er beginnt mit den Worten: „Ohne eigene Erfahrung (Versuche) ist keine tiefere Erkenntnis möglich“. Das Experiment wird hier bereits als wichtigstes Mittel dargestellt, um die Theorie zu stützen und zu neuen Schlussfolgerungen zu gelangen. Den Abschluss des Werkes (7. Teil) bilden Überlegungen zur Aufgabe der Wissenschaft, die Menschheit nicht nur zum Wissen, sondern auch zu höheren moralischen Zielen zu führen. Von besonderem Interesse ist die Haltung, die Bacon gegenüber der Mathematik einnimmt: Er bezeichnet sie als Tor und Schlüssel der übrigen Wissenschaften. Die mathematischen Grundwahrheiten sind seiner Ansicht nach dem Menschen angeboren; nur durch die Mathematik können wir zur vollen Wahrheit gelangen. In den übrigen Wissenschaften gibt es umso weniger Irrtümer und Zweifel, je mehr wir sie auf die Mathematik stützen.

Bacons Schriften sind von phantastischen Ausblicken in die Zukunft erfüllt. So schreibt er: „Es können Wasserfahrzeuge hergestellt werden, die ohne Menschen rudern, sodass sie, während ein einziger Mensch sie steuert, mit größerer Geschwindigkeit fahren als, wenn sie voller Besatzungsmitglieder wären. Auch können Wagen gebaut werden, die“

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„Ohne Tiere werden sie mit einer unermesslichen Heftigkeit in Bewegung gesetzt“809. Wie Bacon sich jedoch die Umsetzung dieser Gedanken vorstellte, gibt er nicht an. Es wäre daher fehlerhaft, solchen Aussagen, wie es wohl geschehen ist, eine weitergehende Bedeutung beizumessen.
Weiterhin finden sich Bemerkungen, aufgrund deren Bacon die Priorität hinsichtlich der Erfindung des Teleskops zugeschrieben wurde. Da jedoch nicht nachgewiesen ist, dass es Versuche oder auch nur ein klares Verständnis der Grundzüge der Konstruktion gab, müssen solche Ansprüche, die von englischer Seite stammen, abgelehnt werden – ohne dass dadurch die Bedeutung dieses außergewöhnlichen Mannes gemindert wird. Bacon kannte tatsächlich sogar nicht einmal den Gebrauch von Brillen. Diese kamen vermutlich erst um 1280 auf810. Die erste schriftliche Erwähnung findet sich in einem Brief aus dem Jahr 1299. Dort sagt jemand, dass er ohne Brille, die kürzlich für alte Menschen mit geschwächtem Sehvermögen erfunden worden sei, weder lesen noch schreiben könne.
Wie alle seine Zeitgenossen war auch Bacon vom Glauben an die Möglichkeit der Metallveredelung geprägt; außerdem war er davon überzeugt, dass die Gestirne Einfluss auf die Erde und das Schicksal der Menschen ausüben.
Die astrologischen Lehren, zu denen das 13. Jahrhundert im Anschluss an die Antike und das frühe Mittelalter gelangt war, finden sich daher bei Bacon in großer Ausführlichkeit dargestellt. Die Astrologie hatte zu jener Zeit ihren Höhepunkt erreicht. Später verlor sie an Überzeugungskraft, bis sie im 17. Jahrhundert aus der gelehrten Bildung völlig verschwand. Man muss sich eigentlich wundern, dass bei einem sonst so herausragenden Geist wie Bacon keine Zweifel aufkamen. Da die astrologischen Lehren besonders geeignet sind, den Geist des Mittelalters zu charakterisieren, soll hier noch etwas daraus in der von Bacon gegebenen Fassung Platz finden.
Die Astrologen teilten den Himmel in zwölf „Häuser“. Jeder Planet – einschließlich Mond und Sonne – hat ein „Haus“, in dem er „geschaffen“ ist. Der Löwe ist das Haus der Sonne, der Krebs das des Mondes, die Jungfrau dasjenige des Merkur usw. Jeden der fünf Planeten gibt es außerdem noch ein weiteres Haus.

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den fünf übrigen Häusern zugeordnet. Jupiter und Venus sind Glückssterne, Mars und Saturn Unglückssterne. Von großer Bedeutung sind die Konjunktionen der Planeten, d.h. ihr Zusammentreffen in einem und demselben Haus. Solche Konjunktionen deuten auf Thronwechsel, Hungersnot und ähnliche Ereignisse hin. Sie wirken auch auf den einzelnen Menschen. Zwar sollen sie den Willen nicht bestimmen, wohl aber sollen die Himmelskräfte den Körper und, aufgrund der engen Verbindung von Körper und Seele, auch diese beeinflussen. Bacon schloss sich auch den orientalischen Lehren an, nach denen bestimmte Planeten über bestimmte Reiche herrschen, z.B. Saturn über Indien, Jupiter über Babylon, Merkur über Ägypten, der Mond über Asien. Vielleicht ist es auf astrologische Vorstellungen zurückzuführen, dass der Halbmond zum Symbol der Türkei wurde. Was den chemischen Inhalt der Baconischen Schriften betrifft, so verdient es hervorgehoben zu werden, dass Bacon eine Mischung erwähnt, deren Entzündung eine schreckliche Erschütterung hervorrufen würde. Als Bestandteil dieser Mischung nennt er Salpeter. Offenbar handelt es sich hier um Schießpulver, das zu dieser Zeit aus Ostasien nach Europa gelangt war. Zunächst wurde es in Bergwerken zur Sprengung verwendet. Seit dem 14. Jahrhundert brachte das Pulver eine Umwälzung in der Kriegsführung mit sich, die einen großen Einfluss auf die politische Gestaltung Europas hatte. In gewissem Sinne gehört Bacon auch zu den geistigen Urhebern der großen Entdeckungsreisen. Er vertrat nämlich die Ansicht, dass Asien so weit nach Osten reiche, dass seine östliche Küste durch eine kurze Überfahrt über den Atlantik erreicht werden könnte. Diese Ansicht Bacons sowie ihre Begründung übernahm Pierre d’Ailly in sein Werk mit dem Titel „Imago mundi“. Es ist bekannt, dass Columbus später insbesondere durch das Lesen dieses Werkes zu seiner Reise nach Westen angeregt wurde. Aus all dem geht hervor, dass wir es bei Bacon mit einem äußerst bedeutenden Menschen zu tun haben, der in der Entwicklung der Wissenschaften eine herausragende Rolle spielte und die Bewunderung, die ihm entgegengebracht wurde, verdiente. Bacon ist einer der wenigen Sterne, die die Dunkelheit des christlichen Mittelalters durchdrangen. Dass er sich nicht vollständig von den

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Er wusste, wie man sich von den Vorurteilen seiner Zeit befreien kann – doch die Anerkennung, die wir ihm schulden, darf dadurch nicht beeinträchtigt werden.

Auswüchse des mittelalterlichen Denkens.

Im Bereich der Wissenschaften zeigt sich die Besonderheit des Mittelalters besonders in den Bemühungen der Astrologen und Alchemisten. Astrologie und Alchemie sind Begriffe, deren Klang einen sofort in jene Zeit versetzt, von der wir sprechen. Nicht nur die unter diesen Namen bezeichneten Pseudowissenschaften, sondern manchmal auch Magie und Nekromantie waren damals Gegenstand von Universitätsvorlesungen.

Die größten alchemistischen Torheiten bezüglich der Wirkung der Materia prima oder des Steins der Weisen stammten von Raymundus Lullus. Lullus, der Doctor illuminatissimus, wurde um 1230 geboren. Seine Schriften – oder vielmehr das, was unter seinem Namen als solche erschien – fanden besonders im 14. Jahrhundert zahlreiche Leichtgläubige. Als Produkt der Fantasie Lullus’ gilt seine Lehre von der Multiplikation: Der Stein der Weisen verwandle zunächst eine 1000-fache Menge Quecksilber in Materia prima. Dies könne mehrfach wiederholt werden, bis nach einer gewissen Abschwächung der verwandelnden Kraft die Materia prima die 1000-fache Menge Quecksilber in reines Gold verwandelte. Angesichts solcher Übertreibungen des alchemistischen Denkens ist es nicht verwunderlich, dass er zu dem Ausspruch gelangte: „Mare tingerem, si Mercurius esset“ (Ich würde das Meer in Gold verwandeln, wenn es aus Quecksilber bestünde).

Zu den Auswüchsen und Irrtümern des Mittelalters gehören neben Alchemie, Astrologie und Magie auch der Hexenglaube. Auch von dieser so unheilvollen Verirrung, die in den Händen des kirchlichen Fanatismus oft zur schrecklichsten Plage wurde, befreite die Menschheit durch das Aufkommen einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung erst nach jahrhundertelangen Kämpfen. Zu den Ersten, die den Kampf gegen die Astrologie aufnahmen, gehört Pico von Mirandola, der in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts lebte.

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Pico von Mirandola gehörte zu den humanistischen Gelehrten, die im Allgemeinen der Astrologie zugeneigt waren, da diese ja aus der Spätantike stammte. Schließlich gehörte selbst Melanchthon zu ihren Anhängern, während Luther sich von den Sterndeutereien abwandte und sie als grobe Lügen bezeichnete, gegenüber denen man bei seinem einfachen Verstande bleiben müsse. Aus diesem Grund entstand auch Picos Einwand. Wer sich von der Täuschlichkeit aller Wahrsagerei überzeugen will, soll die Sterndeuter sowie die Handlinienleser gleichzeitig befragen und sehen, wie sie einander widersprechen. Auch ihre Wetterprophetien sind genauso unzuverlässig. So lauten seine Gründe. Dass der Himmel die allgemeine Ursache der irdischen Ereignisse sei, räumt Pico ein. Alles Besondere muss jedoch aus den unmittelbareren Ursachen erklärt werden. Über das Unheil, das die astrologische Lehre anrichtete, sagt Pico, sie zerstöre die Philosophie, verfälsche die Heilkunst, untergrabe die Religion, erzeuge den Aberglauben, begünstige die Götzendienstpraktiken, verunreinige die Sitten, verleumde den Himmel und mache den Menschen zum unglücklichen Sklaven von Vorurteilen und Verführern. Schon ein Jahrhundert vor Pico führte einer der größten Humanisten, Francesco Petrarca, den Kampf gegen die Astrologie, die Magie und andere Ausprägungen des Aberglaubens. Seine Bemühungen waren jedoch genauso erfolglos wie die seines Nachfolgers. Beide Männer haben jedoch den Verdienst, dass sie den späteren Generationen die Waffen für diesen Kampf bereitgestellt haben. Mit ähnlich überzeugenden Argumenten wie Pico von Mirandola kämpfte der Arzt Jacob Weyer gegen den Hexenglauben sowie die damit verbundenen Verfolgungen. Er wies beispielsweise nach, dass Albträume eine Folge körperlicher Zustände sind und nicht durch Dämonen verursacht werden. Er erkannte außerdem die Rolle, die die Fantasie sowie die Neigung von Frauen zur Hysterie bei der Entstehung von abergläubischen Vorstellungen spielt. Doch fand er nur wenige Anhänger und zahlreiche Gegner. Die sogenannten Hexen wurden bis ins 18. Jahrhundert hinein von Geistlichen, Inquisitoren und der fanatisierten Menge verfolgt und verbrannt.

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Das Heilmittel für all diese Gebrechen der Zeit konnten nur die Naturwissenschaften sein. Sie waren zwar auf dem Vormarsch. Um die Beseitigung von Aberglauben und Vorurteilen sowie um Anerkennung als Bildungsmittel für die breite Masse des Volkes mußten sie aber noch lange, ja sogar bis auf den heutigen Tag, kämpfen.

Die Naturwissenschaften im 14. Jahrhundert.

Von den naturwissenschaftlichen Kenntnissen und Vorstellungen, die um die Mitte des 14. Jahrhunderts herrschten, erhält man ein in mancher Hinsicht zutreffendes Bild durch Megenbergs Buch der Natur. Konrad von Megenberg wurde um 1309 in der Maingegend geboren. Er erhielt seine Ausbildung in Deutschland und Paris, wo er den Doktortitel erwarb. Danach lehrte er in Wien und wirkte schließlich als Kanoniker in Regensburg. Dort schrieb er sein Werk, das er um 1350 veröffentlichte. Er starb im Jahr 1374.

Megenbergs Hauptquelle ist ein von Thomas von Cantimpré um 1250 verfasstes Werk: Über die Natur der Dinge (De naturis rerum). Es bietet einen Überblick über das damalige Wissen über lebende und tote Naturobjekte. Cantimprés Buch ist außerdem das erste Werk dieser Art, das das Mittelalter hervorbrachte. In zwanzig Büchern behandelt Thomas die Anatomie des Menschen, die Tiere, die Pflanzen, die Metalle und Edelsteine, die vier Elemente sowie den Himmelsraum mit den sieben Planeten. Das Werk beruht jedoch nicht auf eigenen Beobachtungen, sondern ist aus den Schriften verschiedener Autoren entstanden. Am häufigsten werden Aristoteles, Galen und Plinius herangezogen; auch Theophrast, Isidor von Sevilla sowie die Kirchenväter werden zitiert.

Megenbergs Buch der Natur orientiert sich so eng an dem von Thomas verfassten Werk, dass es als eine gekürzte und dem Fortschritt des seitdem vergangenen Jahrhunderts angepasste deutsche Bearbeitung bezeichnet werden kann. Doch hat Megenberg, wie er ausdrücklich bemerkt, auch andere Bücher verwendet, falls das Werk des Thomas ihm nicht weiterhalf. Dabei ist er keineswegs nur ein bloßer Kompilator – er bezeichnet sogar vieles, was Thomas ohne Kritik übernimmt, als unglaubwürdig.

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Zurück. Dass er dennoch an Wunder, Zauberei und Beschwörungen glaubt, muss man dem Geist seiner Zeit zuschreiben. So ist das Buch Megenbergs eines der geeignetsten Zeugnisse für das Fühlen und Denken, das selbst bei aufgeklärten Männern vor der Wiederbelebung der Wissenschaften anzutreffen war. Einige Angaben aus dem Inhalt des Buches mögen dies näher verdeutlichen.
Der erste Abschnitt bezieht sich auf den Menschen. Es sind die Lehren von Aristoteles und Galen, die uns hier in jener Form begegnen, wie sie durch spätere Schriftsteller überliefert wurden. Das Gehirn soll von Natur aus kalt sein, das Herz hingegen warm. Das Gehirn liege oberhalb des Herzens, damit seine Kälte durch die Wärme des Herzens gemildert werden könne. Die Natur lasse zunächst das Herz entstehen und anschließend das Gehirn. Von dem Auge heißt es, es sei von dünnen Häuten umgeben, die die kristalline Feuchtigkeit umschlossen, auf der die Sehkraft beruhe. Der Sehnerv wird als eine hohle Ader bezeichnet, deren Aufgabe es sei, den Augen die eigentliche geistige Sinneswahrnehmung zuzuführen. Es handelt sich dabei um verworrene Vorstellungen, aus denen nicht hervorgeht, wie sich Megenberg den Prozess des Sehens eigentlich vorstellt. Über das Herz und die Lungen äußert er sich mit den folgenden Worten: Das Herz ist das erste Lebendige und das letzte Organ, das stirbt. Es besitzt zwei Kammern, eine rechte und eine linke, die das Blut sowie die besonderen „Geister“ beherbergen, die das Leben ermöglichen. Die „Geister“ und das Blut fließen durch die Adern vom Herzen zu den übrigen Organen. Das Herz liegt an der Lunge, weil diese durch ihre Funktion, Luft aufzunehmen, das Herz kühlen kann, sodass es nicht in seiner eigenen Hitze ersticken muss. Eine genaue Unterscheidung zwischen Adern, Nerven und Sehnen findet auch bei Megenberg noch nicht statt.
Der zweite Abschnitt handelt „von den Himmeln und den sieben Planeten“. Außerhalb des Firmaments, an dem die Fixsterne befestigt sind, unterscheidet Megenberg noch zwei weitere Sphären: den Wälzerhimmel und den Feuerhimmel. Darinnen befinden sich die sieben Planetenhimmel, von denen jeder nur einen Stern trägt. Alles bewegt sich in unterschiedlichen Zeiträumen um den Mittelpunkt der Welt, die Erde. Jeder Planet hat seine eigenen Eigenschaften und Wirkungen. Jupiter ist warm und trocken; deshalb macht er den Boden fruchtbar und bringt ein gutes Jahr, wenn er in voller Kraft und in der günstigsten Position steht. Mars ist heiß und trocken.

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Daher erwärmt er das Herz der Menschen und macht sie wütend. Der Sonne werden fünfzehn Eigenschaften zugeschrieben, die dann in allegorischer Weise auf die heilige Jungfrau bezogen werden.
Hinsichtlich der Kometen begegnen wir einer Auffassung, die von Aristoteles bis zu Tychos und Keplers Zeiten die herrschende blieb. Ein Komet ist danach kein eigentlicher Stern, sondern ein „Feuer, das im obersten Luftreich brennt“. Genährt wird dieses Feuer durch fettigen, der Erde entstammenden Dunst. Die Dauer des Kometen hängt davon ab, wie lange dieser Dunst in hinreichender Menge nachströmt. Betrachtete man die Kometen als atmosphärische Erscheinungen, so war die Annahme, daß sie auf die Erde eine tiefere Wirkung als die Gestirne ausüben, ganz folgerichtig. Der Komet muß für das Land, dem er den Schweif zukehrt, „ein Hungerjahr bringen, weil dem Boden dort die Feuchtigkeit entzogen wird“. Die Milchstraße endlich wird ganz zutreffend auf „zahlreiche, nahe beieinander befindliche Sterne zurückgeführt, deren Schein vereint leuchtet“.
Megenberg bespricht dann die atmosphärischen Vorgänge. Der Wind wird nicht etwa als eine Bewegung der Luft in ihrer ganzen Masse aufgefaßt, sondern als ein „angesammelter irdischer Dunst“ betrachtet, der sich durch die Luft bewegt. Aus dem irdischen fetten Dunst, der gegen die Wolken stößt, sucht Megenberg auch Blitz und Donner zu erklären. Die Kraft des Anpralls verursache die Entzündung, d.h. den Blitz. Der Regenbogen endlich wird als eine Spiegelung des Sonnenlichtes in den Wolken aufgefaßt. Durch die Annahme von Dünsten im Inneren der Erde wird, unter Zurückweisung alter Fabeleien, auch das Erdbeben erklärt. Auf die in den Höhlen der Gebirge befindlichen Dünste sollen die Gestirne, besonders Mars und Jupiter in der Art wirken, daß sie ihren Andrang gegen die Wände der einschließenden Hohlräume vermehren. Dadurch komme eine Erschütterung der Erde zustande. Megenberg berichtet dann über ein starkes Erdbeben, das 1348 in den Alpen und in Süddeutschland verspürt wurde. In demselben Jahr wurde Europa durch den schwarzen Tod heimgesucht, das „größte Sterben, das je nach oder vielleicht auch vor Christi Geburt dagewesen“. Allein in Wien seien an dieser Seuche 40000 Menschen in wenigen Monaten zugrunde gegangen. Megenberg ist nun geneigt, zwischen dem Erdbeben und jener Krankheit einen ursächlichen Zusammenhang anzunehmen. Bei dem Erdbeben entweiche nämlich

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Giftiger Dunst aus dem Inneren der Erde. Die Weltanschauung, die das Mittelalter nach dem Vorbild der Alten geschaffen hat und wie sie uns in Megenbergs Schrift begegnet, wird durch eine Beschreibung der Tiere, der Pflanzen und der wichtigsten anorganischen Naturkörper vervollständigt. Auf die Beschreibung des Tieres im Allgemeinen, die ganz im Geiste und oft in wörtlicher Übereinstimmung mit Aristoteles gehalten ist, folgen Angaben über das Aussehen und die Lebensweise der einzelnen Lebewesen. Von einer systematischen Einteilung nach irgendwelchen wissenschaftlichen Kriterien ist dabei noch keine Rede; die Anordnung erfolgt vielmehr alphabetisch. Auch werden über viele Tierwunder berichtet, die sich später als Produkte der Fantasie älterer Schriftsteller herausstellten. So wird auch die alte Geschichte vom Physiologus über den Wal, dessen Rücken für eine Insel gehalten wird, erneut aufgegriffen. Einige Bemerkungen über einheimische Tiere basieren auf eigener Beobachtung oder zumindest auf der Beobachtung Zeitgenossen. Doch fehlen auch nicht Angaben älterer Schriftsteller, die ohne Überprüfung übernommen werden – so heißt es bezüglich des Pferdes, Aristoteles sage, aus dem Fell dieses Tieres entstehe im Wasser ein Wurm. Nicht selten wird solchen Angaben jedoch ein aufrichtiges „Das glaube ich nicht“ hinzugefügt, wie bei der Erzählung des Plinius, dass der Fuchs durch eine Wand sehen könne.

Die folgenden Abschnitte behandeln – ebenfalls in alphabetischer Reihenfolge – die Bäume und die Kräuter. Die Beschreibungen beschränken sich auf den äußeren Erscheinungsbild der Pflanzen sowie auf das Aussehen der Früchte. Im Mittelpunkt der Darstellung stehen die physiologischen Wirkungen, die von den Pflanzen ausgehen. Zur Erklärung dieser wunderbaren Wirkungen reiche nach Megenberg jedoch nicht allein die Mischung der in den Kräutern enthaltenen Elemente aus; er berücksichtigt außerdem den Einfluss der Gestirne. Oft komme auch der Einfluss der heiligen Worte in Betracht, mit denen man Gott anrufe und durch die man die Kräuter beschwöre und segne – genauso wie man das Weihwasser segnet.

Durch den göttlichen Willen besitzen auch die Steine wunderbare Eigenschaften und Kräfte; insbesondere haben sie einen segnenden Einfluss. Einige Mineralien wirken giftabweisend und zeigen sogar durch Ausdünstungen an, ob sich Gift in der Nähe befindet. Der Karneol beruhigt den Zorn und stillt Blutungen. Offensichtlich galt ihm bereits seit jeher…

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Diese Eigenschaft wird aufgrund ihrer roten Farbe zugeschrieben. Auch bei den übrigen Mineralien werden die Eigenschaften nur sehr kurz erwähnt; hingegen wird ihre Verwendung als Amulette ausführlicher beschrieben, ohne dass Megenberg Zweifel an der Richtigkeit der damals verbreiteten, abergläubischen Vorstellungen bezüglich der Mineralien hatte.
Wir haben das Buch der Natur etwas ausführlicher betrachtet, denn ein solches Beispiel ist lehrreicher als lange Überlegungen zum Geist des Mittelalters. Erst wenn wir uns den geistigen Besitz sowie das Fühlen und Denken jener Zeit an einem Schriftsteller wie Megenberg oder Thomas von Cantimpré vor Augen führen, können wir den Wandel ermessen, der mit der Wiederbelebung der Wissenschaften einsetzte und der der neueren, mit Kopernikus, Galilei und Kepler beginnenden Naturforschung den Weg ebnete.

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10. Die Wiederbelebung der Wissenschaften.
Bis zum Ende der Kreuzzüge stand Westeuropa unter einer überwiegend kirchlichen Führung. Probleme religiöser und scholastisch-philosophischer Art nahmen während dieser Zeit das Denken vorzugsweise in Anspruch. Das nunmehr einsetzende Sinken der Hierarchie führte dazu, dass man sich auch anderen Gegenständen zuwandte. Es sind vor allem zwei mächtige neue Bewegungen von nie versiegender Wirkung, welche die europäische Menschheit gegen den Ausgang des Mittelalters ergriffen: die Wiederbelebung des klassischen Altertums sowie die durch die Entdeckungsreisen erfolgende Ausdehnung des geografischen Horizonts über die ganze Erde.
Vorbereitet wurde der große geistige Wandel, dessen Vorboten bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, durch einen wirtschaftlichen Prozess – nämlich durch das Aufblühen des Städtewesens. Insbesondere sind hier Pisa, Florenz, Venedig und Genua zu nennen. Durch den Handel erreichten diese Städte Reichtum und Macht und entwickelten schließlich sogar eine dominierende Stellung auf See. Der Kontakt mit allen Völkern des Mittelmeers, das Aufblühen der Kunst und der Gewerbe – kurz: die Erweiterung des gesamten Horizonts – führten dazu, dass an diesen Orten zunächst der „Nacht des Mittelalters“ der „Morgenrot eines neuen, besseren Tages“ wich.
Die ältere Geschichtsschreibung neigte dazu, die Renaissance als einen fast blitzartigen Aufleuchten darzustellen, durch den die tiefe Dunkelheit des Mittelalters vertrieben und von Italien aus ganz Europa allmählich erhellt wurde. Dies war die insbesondere von Burckhardt vertretene Auffassung. Burckhardt stand noch allzu sehr unter dem Einfluss von Vasari, dem frühesten Geschichtsschreiber der Renaissance. Vasari, der um die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb, stand offensichtlich den von ihm beschriebenen Ereignissen zeitlich noch zu nahe, um ein zutreffendes, allgemeines Urteil fällen zu können. Zudem bemühte er sich, die von ihm behandelte Epoche im Vergleich zur vorangegangenen Zeit in hellem Glanze hervorzuheben.

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Die neuesten Forschungen über die Entwicklung des geistigen Lebens und der Kunst lassen immer deutlicher erkennen, daß sich zwischen Mittelalter und Renaissance keine scharfe Grenze ziehen läßt. Vielmehr reicht die Bewegung, die wir mit dem Wort Renaissance kennzeichnen, in ihren Anfängen bis in das 13. Jahrhundert zurück. Auch war sie keineswegs auf den Boden Italiens beschränkt. Erlebte sie auch dort ihre höchste Blüte, so begegnet uns die Wiedergeburt der Künste und der Wissenschaften doch auch in Frankreich, in Deutschland und den Niederlanden. Und zwar lassen sich auch in diesen Ländern das Streben nach selbständiger Auffassung und eine dadurch bedingte Abkehr von der bisherigen Denkweise, gewissermaßen eine allmähliche Umwertung der Werte, bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Dennoch darf man, im Gegensatz zur älteren historischen Schule (Burkhardt, Voigt, Libri) nicht so weit gehen, die Renaissance »als das Resultat und die feinste Blüte des Mittelalters« zu bezeichnen827. Ist doch die Renaissance, die wenn auch lange vorbereitete, allmähliche Überwindung derjenigen Momente, welche das christliche Mittelalter kennzeichnen. Als diese in dem geistigen Leben des Mittelalters überwiegenden Momente werden stets gelten müssen: erstens die Unterordnung der wissenschaftlichen und künstlerischen Betätigung unter den Einfluss der Kirche, ferner die Herrschaft der Autorität des geschriebenen Wortes und drittens die Abkehr von der realistischen und die Versenkung in die spiritualistische Denkweise.
Die Wiederbelebung der römischen und der griechischen Literatur erfolgte seit dem 14. Jahrhundert in immer größerem Umfang und führte zu einer wachsenden Vertiefung in den Geist der Antike. Es entstand die Richtung, die man als den Humanismus bezeichnet. Brachte sie den Naturwissenschaften auch keinen unmittelbaren Gewinn, so bewirkte sie doch, daß mit den erwähnten mittelalterlichen Elementen, welche das Denken bisher gefangen hielten, gebrochen und für die Behandlung und die Darstellung wissenschaftlicher Gegenstände Vorbilder gewonnen wurden.
Es wurde, wie ein hervorragender Geschichtsschreiber der Periode des Humanismus sagt828, »die vergessene Tiefe der Vorzeit heraufbeschworen und diese in ihren edelsten Schöpfungen noch einmal durchlebt«. Das Land, wo der Humanismus seine erste Blüte erlebte, war Italien. Dort waren nämlich die Scholastik, die romantische Poesie und die gotische Baukunst nie zur vollständigen Herrschaft gelangt und immer noch eine Erinnerung

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Aus der Antike überliefert, ergriffen sie schließlich im 15. Jahrhundert alle Geister und verliehen der Literatur neues Leben829. Auf dem Boden Italiens hatte die Berührung der antiken Welt mit dem germanischen Element vorzugsweise stattgefunden. Obwohl Italien dabei auch von vielen Völkern zertreten worden war, hatten sich doch manche Reste und Vermächtnisse der alten Kultur in die neue Zeit hinüberrettet. Die führenden Männer, denen wir die Wiederbelebung dieser Keime verdanken, waren vor allem Petrarka und Boccaccio. Zu Beginn der großen literarischen Epoche, welche diese Männer verkörpern, gehört der bewundertste Dichter der italienischen Nation, Dante. Dante wurde 1265 in Florenz geboren; er starb im Jahr 1321. Zwar erhielt Dante von den besten römischen Dichtern wie Horaz, Ovid und Vergil einige Anregungen, doch gehört er noch nicht zu den Erneuerern der alten Literatur. Seine Bildung beruht vielmehr noch vorwiegend auf dem Trivium und dem Quadrivium der mittelalterlichen Philosophen. Der Geist, der aus Dante spricht, entstand aus der Vereinigung der Scholastik mit der provenzalischen Romantik. Und diesen Geist verrät auch sein geniales Meisterwerk, die Göttliche Komödie. Sie ist nicht nur als ein hervorragendes Werk der Dichtkunst, sondern auch als eine Fundgrube für den Stand der Kenntnisse zu Beginn des 14. Jahrhunderts zu schätzen830. Es war nicht viel mehr als eine dunkle Ahnung, mit der Dante das Wesen der Antike erfasste; in ihre Tiefen ist er noch nicht eingedrungen. Das geschah erst durch Francesco Petrarka831.
Petrarkas Vater besaß einige Schriften Ciceros. Sie sowie die Dichtungen Vergils, die das Mittelalter niemals vergessen hatte, gelangten in die Hände des jungen Petrarka und wurden von ihm weniger wegen des Inhalts als vielmehr wegen der Klangschönheit der Sprache und der anschaulichen Darstellung mit Begeisterung gelesen. Da nur ein kleiner Teil der Schriften Ciceros vorhanden war – die Briefe waren beispielsweise in Vergessenheit geraten –, begann Petrarka, als er heranwuchs, nach den verschollenen Werken des von ihm so hoch verehrten Schriftstellers zu suchen. Sein Suchen in alten Klosterbibliotheken wurde mit Erfolg belohnt. Er selbst machte sich daran, die Werke abzuschreiben, und wusste zahlreiche Männer für seine Bestrebungen zu gewinnen. Nach Spanien, Frankreich, Deutschland und Britannien, ja sogar nach Griechenland sandte er die Aufforderung, nach bestimmten, verschollenen Schriften zu forschen. Oft fügte er seinen Bitten und Ermahnungen auch

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Geldbeträge dabei. Die Schriften der Alten wurden jedoch nicht nur gesammelt und vervielfältigt, man betrachtete sie auch als Muster für den Ausdruck und bemühte sich, den eigenen Ausdruck danach zu vervollkommnen. Petrarca wandte sein Interesse nicht nur den Literaturwerken, sondern auch allen übrigen antiken Überresten, wie Bauwerken, Münzen usw., an denen der Boden Italiens so reich ist. Auch auf die griechische Kultur lenkten Petrarca und seine Nachfolger die Aufmerksamkeit des Abendlandes. Zwar fehlte es im 14. Jahrhundert zunächst noch sehr an der Kenntnis der griechischen Sprache. Hierin trat aber eine Änderung nach dem Fall Konstantinopels ein, da viele griechische Flüchtlinge infolge dieses Ereignisses sich nach Italien wandten. Der treueste und eifrigste Jünger Petrarcas war Giovanni Boccaccio. Die Begeisterung für das Sammeln der alten Schätze, was noch zu retten war, wurde fast durch die Sorge überwunden, dass es bereits zu spät sein könnte. Dass diese Sorge sehr berechtigt war, zeigt Boccaccios Bericht über seinen Besuch der Bibliothek in Monte Cassino. Er fand sie in einem vernachlässigten Raum und weder durch Schlösser noch durch Türen abgesperrt. Als er die Kodizes öffnete, bemerkte er Verstümmelungen aller Art. Weinend vor Unwillen verließ er den Raum. Seine Frage, warum man die herrlichen Schätze so schmählich behandele, wurde von den Mönchen damit beantwortet, dass man das herausgeschnittene Pergament zu Psaltern und Breven verwendet habe, die an Frauen und Kinder verkauft würden. Und das geschah in Monte Cassino, einer Wiege der Gelehrsamkeit.

Die Wissenschaften im Zeitalter des Humanismus.

Auf die Zeit des Beginns des Humanismus folgte seine Ausbreitung. Sie geschah besonders durch Wanderlehrer und durch die Gründung von Gelehrtenrepubliken nach platonischem Vorbild. Es gilt als eine große Leistung der ersten Humanisten, dass sie es schafften, die Fürsten, insbesondere die Medici sowie den gesamten Adel des Landes, aber auch das wohlhabende Bürgertum der italienischen Stadtrepubliken für ihre Bemühungen zu begeistern. Dies war umso schwieriger, als zu jener Zeit die beweglichen Lettern noch nicht der Wissenschaft Flügel verliehen hatten und die wertvollen literarischen Schätze noch durch Abschreiben vervielfältigt werden mussten. Durch den Humanismus fand auch an

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in den Universitäten und bei den kirchlichen Machthabern eine Heimstätte. Vor allem war es Papst Nikolaus V., der nach mediceischem Vorbild große Mittel für literarische Bestrebungen hergab. Auf seine Anregung hin wandte man sich besonders der griechischen Literatur zu. An Stelle der alten scholastischen Bearbeitungen traten jetzt im Abendlande die wirklichen aristotelischen und platonischen Schriften. Papst Nikolaus, dem es in erster Linie auf das Sammeln der Bücher ankam, der Begründer der großen, dem Ansehen des Papsttums entsprechenden vatikanischen Bibliothek, zog viele griechische Gelehrte nach Rom und ließ nach dem Fall Konstantinopels durch reisende Händler zahlreiche Bücher in Griechenland und in Kleinasien aufkaufen. Seitdem die humanistischen Bestrebungen durch Nikolaus V. ihren Mittelpunkt in Rom gefunden hatten, dehnte sich ihr Einfluss auch nördlich von den Alpen aus. Mit den Gelehrten kamen zahlreiche griechische Texte, darunter z. B. die Werke des Archimedes, von Konstantinopel nach Italien. Der Humanismus erlebte nun nicht nur hier seine höchste Blütezeit, sondern auch im übrigen Europa, vor allem in Deutschland, wo er durch den Kardinal Nicolaus von Cusa besonders Anklang fand, sowie in England. Hatte Papst Nikolaus V. die humanistischen Studien mehr aus Liebhaberei und mit der Absicht gefördert, Rom zum Zentrum auch für die geistigen Bestrebungen zu machen, so bestieg bald nach ihm in Pius II. ein echter Humanist den päpstlichen Thron. Er widmete sich der Geographie und der Geschichte, versuchte, diese beiden Wissenschaften miteinander in Verbindung zu bringen, und schuf eine Kosmographie, die auch Columbus inspirierte. Pius II. verdient umso mehr Anerkennung, als die anderen Humanisten dem wissenschaftlichen Erbe der Antike anfangs nur wenig Interesse und Verständnis entgegenbrachten. Mathematik, Naturwissenschaften und Medizin – kurz gesagt, die strengeren Wissenschaften – erhielten nur geringe Aufmerksamkeit. Der Humanismus war zur vorherrschenden Mode geworden, und diese verlangte künstlerische Leistungen. Bei allen literarischen Schöpfungen wurde größter Wert auf die Form gelegt; durch diese Bestrebung erreichte die Muttersprache, erneut unter der Führung von Petrarca und Boccaccio, eine solche Vollkommenheit, dass Galilei und seine Schüler es vorzogen, in der Sprache ihres Landes zu schreiben, während in Deutschland und den anderen Ländern unter den Gelehrten

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Kaum jemand dachte daran, sich einer anderen Sprache als der lateinischen zu bedienen. Trotz aller Bemühungen der Päpste, Rom zum Zentrum der humanistischen Bestrebungen zu machen, gebührt Florenz der Ruhm, nicht nur die Wiege, sondern in der Folge auch der bedeutendste Hort des Humanismus gewesen zu sein. Die Geschicke von Florenz hingen während des gesamten 15. Jahrhunderts auf das Engste mit der über unermessliche Reichtümer verfügenden, zugleich aber für Kunst und Wissenschaft begeisterten Familie der Medicier zusammen. In Cosmo und in seinem Enkel Lorenzo, dem „Prächtigen“, fanden die Künstler und Gelehrten Gönner, die ihren Bestrebungen nicht nur eine jederzeit offene Hand, sondern auch ein vollständiges Verständnis entgegenbrachten. Cosmo selbst war der Stifter einer Akademie, in der sich die geistig und künstlerisch herausragenden Männer zusammenschlossen. Dem Beispiel der Päpste und der Medicier folgte, wie nicht anders zu erwarten, alles, was Anspruch auf Reichtum und edle Herkunft machte. Auch die Frauen nahmen einen herausragenden Anteil an dieser Bewegung, die ihre Schattenseiten leider in den politischen und sittlichen Verhältnissen des damaligen Italiens fand. Die Freude, welche jene Bewegung in ihrer Lebensfülle hervorruft, wandelt sich angesichts mancher Ergebnisse der neueren Geschichtsforschung manchmal in das Gefühl des Schauderns, während die älteren Beschreiber jener Epoche jene Schattenseiten zu wenig berücksichtigten und in dem Bild, das sie uns von der Renaissance zeichneten, nur die hellen Seiten hervortreten ließen. Für die weitere Entwicklung des geistigen Lebens war es von größter Bedeutung, dass mit dem Aufkommen der humanistischen Strömung die Erfindung des Buchdrucks sowie die Gründung der ersten Universitäten auf deutschem Boden zusammenfielen. Das Universitätswesen hatte sich im 13. Jahrhundert in Spanien, Italien, Frankreich und England entwickelt. In Deutschland mangelte es zwar nicht an Privatschulen, Pfarrschulen und Stadtschulen, doch eine weitergehende wissenschaftliche Ausbildung sowie akademische Würden konnten nur im Ausland erlangt werden. Erst als Karl IV., gestützt auf Erfahrungen, die er selbst in Paris gemacht hatte, die erste deutsche Universität in Prag (1348) gründete, änderte sich dies. Noch im selben Jahrhundert wurden die Universitäten in Wien (1365) und Heidelberg (1386) gegründet. Auch die norddeutschen Städte

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Sie wollten nicht zurückstehen. Unter ihnen sind vor allem Köln und Erfurt zu nennen, weil sie ebenfalls noch im 14. Jahrhundert in ihren Mauern Hochschulen gründeten.
Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Institute war, mit heutigem Maßstab gemessen, allerdings noch gering. Ihre wichtigste Aufgabe erblickten sie in der Vorbildung der Geistlichkeit. Im Zusammenhang damit war im Universitätswesen der geistliche Einfluss der überwiegende. Die freie Forschung sollte sich an diesen Stätten erst allmählich und mit Überwindung des hartnäckigsten Widerstands entwickeln. Im 15. Jahrhundert und weit darüber hinaus übte Hand in Hand mit der Kirche die scholastische Philosophie eine fast unbestrittene, jedes freiere Geistesleben einengende Herrschaft aus. Der Universitätsunterricht regte nicht zum Forschen an, sondern er vermittelte wesentlich durch Diktate und Disputierübungen Wortglauben und Autoritätsdünkel.
Durch das Eindringen des Humanismus in Deutschland wurden die deutschen Universitäten wesentlich gehoben. Sie übernahmen die Pflege jener neuen Richtung, wodurch ein freierer Zug in die bisherigen Stätten scholastischen Gezänkes, theologischer Disputierwut und Unduldsamkeit kam. Am erfreulichsten trat dieser günstige Einfluss in der Um- und Fortbildung des Unterrichts in Erscheinung. Man schuf bessere Lehrbücher, ersetzte das Diktieren und Auswendiglernen durch fleißige Lektüre der durch bessere Textkritik geläuterten, alten Schriften und kehrte mit offenerem Blick zu den Erscheinungen zurück, die Natur- und Menschenleben darboten. Auch das Emporblühen einer volkstümlichen Kunst wirkte in dem Deutschland des 15. Jahrhunderts befreiend und fördernd. Erlebte doch Deutschland damals in Albrecht Dürer eine Verbindung von Kunst und Wissenschaft, wie wir sie in Italien an Leonardo da Vinci bewundern.
Die herausragendsten unter den Humanisten Mitteleuropas waren Agricola, Erasmus von Rotterdam, dem wir die erste griechische Ausgabe des Neuen Testaments verdanken, Reuchlin, der die hebräischen Studien ins Leben rief, und Melanchthon. Letzterer entfaltete eine ähnliche Tätigkeit wie Rhabanus Maurus und hat deshalb in der Geschichte des Bildungswesens ebenfalls den Ehrentitel eines Praeceptor Germaniae erhalten. Er setzte sich vor allem das Ziel, in der Philosophie eine Reformation durch das Zurückgehen auf die echten Schriften des

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Aristoteles – so wie Luther es in der Theologie erreichen wollte, indem er ausschließlich das reine Evangelium als die wahre Quelle des religiösen Glaubens setzte837.
In Deutschland wurde Wittenberg zum Zentrum des Humanismus. Von hier aus entstand, gefördert vom Humanismus, jene freiere Gestaltung des religiösen Lebens, die für Mitteleuropa und Nordeuropa einen Aufschwung von nie dagewesener Größe einleiten sollte. Bis dahin hatte nämlich die hierarchische Macht nicht nur die Normen des Glaubens, sondern alle weltlichen Einrichtungen und Ansichten beherrscht. Dass diese Macht ins Wanken geriet, musste nicht nur in den Verhältnissen jener Zeit, sondern auch im Bereich des Denkens eine unermessliche Veränderung hervorrufen838. Zu diesen beiden Elementen – der Renaissance, die erst wieder „das Auge für den Menschen und für die Dinge öffnete“839 und als grundlegendes Element angesehen werden muss, sowie der Reformation – kam noch die Naturwissenschaft hinzu, um gemeinsam mit ihnen die Weltanschauung und die Welt grundlegend zu verändern. An die Stelle der Lehre trat die Forschung, an die Stelle des Himmels die veredelte Weltlichkeit. Die Verheißung lautete nicht mehr „Unsterblichkeit“, sondern „ewiger Ruhm“840.
Der Angriff des Humanismus auf die Scholastik ging besonders von Erasmus von Rotterdam aus. Er machte den Kampf gegen die Scholastiker der Klöster und Universitäten zu seiner Lebensaufgabe. Sein „Lob der Narrheit“ ist voll Spott und Bitterkeit gegenüber den Fesseln, die die Philosophie und Theologie jener Zeit einschränkten und jede freie Entfaltung unterdrückten841. Das in unzähligen Auflagen erschienene und in viele Sprachen übersetzte Buch trug besonders dazu bei, dem 16. Jahrhundert eine antiklerikale Richtung zu geben842. Mit diesem populären Angriff verband Erasmus den gelehrten Ansatz. Wie die Humanisten Italiens forderte er, dass man die Wissenschaften aus den Schriften der Antike lernen solle – die Naturgeschichte von Plinius, die Beschreibung der Erde von Platon, die Theologie nicht von den Kirchenvätern, sondern vom Neuen Testament usw. Es handelte sich also noch nicht um einen Kampf gegen den Autoritätsglauben, der mit den Humanisten begann, sondern zunächst nur um ein Zurückgreifen auf ursprünglichere, reinere Quellen. Doch bereits diese Veränderung, obwohl ihre Ziele eher zurückhaltend waren, geschah nicht ohne heftigen Widerstand seitens der kirchlichen Scholastiker.

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Mit welcher Erbitterung gekämpft wurde, zeigt uns der Lebensgang eines Hutten. Daß es den Führern an Siegeszuversicht und an Begeisterung für die große Sache nicht mangelte, bekundet uns derselbe Hutten durch sein Wort: „O Jahrhundert, die Studien blühen, die Geister erwachen; es ist eine Lust zu leben“843. Dieses Erwachen der Geister machte sich zunächst weniger durch Neuschöpfungen geltend, als dadurch, daß man den Unterricht natürlicher gestaltete und auf wertvolleren Grundlagen errichtete, sowie vor allem dadurch, daß das ausschließlich kirchliche Denken, die „hierarchische Weltansicht“, wenn auch nicht gebrochen, so doch eingeschränkt und daneben wenigstens die Duldung anderer Ansichten erkämpft wurde.
Fast unvermittelt schloss sich an das Zeitalter des Humanismus für die Naturwissenschaften die Periode an, die auch den alten Schriftstellern keine uneingeschränkte Autorität mehr zugestand, mit dem Glauben brach und an seine Stelle die freie, unabhängige Forschung setzte. Diese Periode wird in Deutschland vor allem durch Kopernikus und Paracelsus sowie durch die Gründung der neueren Naturbeschreibung (Brunfels, Bock, Gesner und Agricola) eingeleitet. Mit dem Wirken dieser Männer werden wir uns in den nächsten Abschnitten ausführlich beschäftigen müssen.
Die Wiederbelebung der Wissensschätze des Altertums kam auf dem Gebiet der Naturwissenschaften vor allem der Astronomie zugute, für die selbst die Kirche stets ein, wenn auch anfangs nur praktisches, Interesse zeigte. Kleriker wie Laien waren nämlich ängstlich darauf bedacht, eine Verschiebung der Fasttage auf profane Tage zu vermeiden – etwas, was jede Unvollkommenheit des Kalenders mit sich bringen musste. So waren beispielsweise die Begleiter Magellans zutiefst beunruhigt, als sich nach der ersten Weltumseglung bei ihrer Ankunft in Spanien aus den Schiffsbüchern herausstellte, dass man um einen Tag hinter dem Kalender zurückgeblieben war und infolgedessen zur falschen Zeit gefastet hatte. Zunächst glaubte man an einen Irrtum, bis man die Notwendigkeit eines solchen Phänomens erkannte und später die Datumsgrenzen einführte844.

Nicolaus von Cusa.

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Bei der Wiederbelebung der naturwissenschaftlichen Forschung spielte in diesem Zeitalter der Kardinal Nicolaus von Cusa eine bedeutende Rolle. Wie einst Roger Bacon machte er Vorschläge zur Verbesserung des Kalenders sowie der alfonsinischen Tafeln, ohne jedoch damit durchzudringen. Nicolaus von Cusa wurde im Jahre 1401 in Cues an der Mosel als Sohn eines armen Fischers geboren. Seiner Begabung wegen fand er Unterstützung, studierte in Padua und zeichnete sich durch große, mit gewandtem Wesen vereinigte Gelehrsamkeit aus. In päpstlichem Auftrag reiste er nach Konstantinopel und brachte von dort wertvolle griechische Manuskripte nach Italien. Hier war er auch mit dem fast gleichaltrigen Paolo Toscanelli (geb. 1397 in Florenz) bekannt geworden, welcher, durch die alten Schriftsteller angeregt, die beobachtende Astronomie auf europäischem Boden zu neuem Leben erweckte. Toscanelli hatte im Dom zu Florenz einen Gnomon angebracht, mit dem er die Kulmination der Sonne auf die Sekunde genau zu ermitteln vermochte. Die Einrichtung bestand in einer Platte, die sich 270 Fuß über dem Boden des Doms befand. Sie besaß eine Öffnung, durch welche ein Sonnenstrahl auf den Boden fiel. Nicolaus von Cusa zählte zu den Schülern Toscanellis, der auch eine, leider verloren gegangene, Seekarte entwarf. Sie ist sehr wahrscheinlich von Behaim bei der Anfertigung seines Globus verwendet worden. Zur Zeit Toscanellis kamen wohl auch die ersten in Kupfer gestochenen Karten auf. Daran schlossen sich noch vor Ablauf des 15. Jahrhunderts die ersten in Holz geschnittenen und gedruckten Karten an. In Italien wurde Nicolaus von Cusa mit den aristotelischen Schriften im griechischen Original bekannt, und zwar zu einer Zeit, als man in Deutschland nur die arabisch-lateinischen Bearbeitungen des Aristoteles kannte. Die Folge war, dass Nicolaus sich um die Ausbreitung des Humanismus in seiner deutschen Heimat sehr verdient gemacht hat. In Vereinigung mit Papst Nikolaus V. bemühte er sich, griechische Werke durch Übersetzung ins Lateinische zugänglicher zu machen. So nahm er an der Herausgabe des Archimedes auf Grund des griechischen Originals hervorragenden Anteil. Bei seiner Beschäftigung mit Mathematik, Mechanik und Astronomie knüpfte er überall an Euklid, Archimedes und andere alte Schriftsteller an. Er war es auch, der zuerst unter den Neueren die eingewurzelte Ansicht, dass die Erde der Mittelpunkt der Welt sei, erschütterte. Nach seiner Lehre ist sie ein Gestirn und befindet sich, wie alles in der Natur, in Bewegung.

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Gleich einer Stelle aus dem Dialog des Galilei mutet es uns an, wenn Nicolaus von Cusa 847 schreibt: „Es ist jetzt klar, dass die Erde sich wirklich bewegt, auch wenn wir es nicht bemerken, da wir die Bewegung nur durch den Vergleich mit etwas Unbeweglichem wahrnehmen.“ Auf die Idee, dass die Fixsterne ein solches Unbewegliches sind, kam Nicolaus von Cusa jedoch nicht – andernfalls hätte er den Kern der kopernikanischen Lehre bereits vorweggenommen. „Wüsste jemand nicht“, so fährt er fort, „dass das Wasser fließt und sähe er das Ufer nicht, wie würde er, wenn er in einem auf dem Wasser dahingleitenden Schiff steht, bemerken, dass das Schiff sich bewegt? Da es daher jedem, egal ob er sich auf der Erde, der Sonne oder einem anderen Stern befindet, so vorkommen wird, als stünde er im unbeweglichen Mittelpunkt, während sich alles um ihn herum bewegt, so würde er, wenn er sich in der Sonne, im Mond oder auf dem Mars befände, immer wieder andere Pole angeben.“

Die Bewegung der Erde um die Sonne hat Nicolaus von Cusa jedoch noch nicht lehrt. Auch gründen sich seine Behauptungen oft mehr auf allgemeine Überlegungen denn auf Beobachtungen und mathematische Schlussfolgerungen. Obwohl sein System848 somit weit von der Wahrheit entfernt war, wurde damit zum ersten Mal an der durch tausendjährige Anerkennung heiligen Autorität des Ptolemäus gerüttelt und der großen Umwälzung, die 100 Jahre später durch Kopernikus im Bereich der Astronomie eintrat, Vorschub geleistet849.

Auch um die Kartografie hat Nicolaus von Cusa sich Verdienste erworben. Sogar der Versuch, eine Weltkarte zu entwerfen, stammt von ihm – er nutzte dabei die Kegelprojektion. Seine Karte, die während der Renaissancezeit sehr geschätzt wurde, ist noch in mehreren Exemplaren erhalten850.

Auch mit mechanischen Geräten beschäftigte sich Nicolaus von Cusa. So entwickelte er zur Bestimmung der Tiefe eines Gewässers ein Bathometer: Eine leichte Kugel sollte mit einem Gewicht belastet und dadurch zum Sinken gebracht werden; beim Berühren des Bodens sollte sich das Gewicht lösen und die Kugel wieder nach oben steigen. Aus der für beide Bewegungen benötigten Zeit konnte man anschließend die Tiefe des Wassers berechnen. Nicolaus von Cusa gehört zu den ersten, die forderten, bei allen Untersuchungen messend vorzugehen – er knüpfte diese Forderung an seine Betrachtungen über die Waage851 an.

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Sie erklärt dies anhand von Beispielen. So heißt es, man könne leicht feststellen, ob die Pflanzen ihre Nahrung aus der Luft oder aus dem Boden erhalten. Man brauche nur die Samen sowie die erforderliche Menge Erde abzuwiegen und die Wägung nach dem Wachstum der Pflanze erneut durchzuführen. Solche Vorschläge blieben jedoch zunächst noch vereinzelt. Oft wurden sie von denen, die sie aussprachen, nicht einmal weiterverfolgt. So sollten noch zwei Jahrhunderte vergehen, bis Stephan Hales als Erster die Methode des Wiegens und Messens in umfangreichen Versuchsreihen auf pflanzenphysiologische Prozesse anwandte.

Lionardo da Vinci.

Eine ähnliche Beziehung wie zwischen dem Kusner und Kopernikus findet sich auf italienischem Boden zwischen Leonardo da Vinci und Galilei. Leonardo da Vinci wurde im Jahr 1452 in der Nähe von Florenz geboren. (Er starb 1519.) Da er bereits in jungen Jahren künstlerisches Talent zeigte, brachte ihn sein Vater zu einem Meister, bei dem er Malen und Modellieren sowie Metallgießen und Goldschmiedekunst erlernte. Ein späterer Kunsthistoriker berichtet, dass Leonardo die Darstellung einer kleinen Nebenfigur auf dem Gemälde dieses Meisters in solchem Maße meisterte, dass dieser beschloss, nie wieder einen Pinsel in die Hand zu nehmen – schließlich hatte ein Junge ihn übertroffen. Im jungen Erwachsenenalter entwickelte Leonardo eine außergewöhnliche Vielseitigkeit. Er vereinte körperliche Vorzüge mit ungewöhnlicher geistiger Schärfe sowie Genialität im künstlerischen Schaffen. Als Architekt, Bildhauer und Maler schuf er Werke von unübertroffener Schönheit.

Herzog Ludovico Sforza holte Leonardo nach Mailand. Der Anlass dafür war ein Sieg, den dieser als Geiger in einem musikalischen Wettbewerb errungen hatte. Und wie belohnte der Künstler die königliche Gunst! Er beteiligte sich mit Eifer am Bau der Mailänder Kathedrale und gründete, indem er bereits damals seine Vorliebe für die mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung zeigte, eine Art Akademie. Auch die Schaffung der „Abendmahlsszene“, jenes riesigen Gemäldes, durch das sich Leonardo mit Raphael und Michelangelo auf eine Stufe stellte, fällt in die Zeit seines Aufenthalts in Mailand.

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Später sehen wir Lionardo da Vinci an verschiedenen Orten seines Vaterlandes als Ingenieur und Architekt mit Arbeiten großen Umfangs beschäftigt, wie Kanalbauten, der Anlage von Befestigungswerken sowie der Herstellung von Maschinen aller Art – selbst Flugmaschinen fehlen nicht. Aus dieser, auf das Praktische ausgerichteten Tätigkeit erklärt es sich, dass er viel über mechanische Probleme nachgedacht und Schriften darüber verfasst hat, die jedoch infolge ungünstiger Umstände die Entwicklung der Wissenschaften wenig beeinflusst und erst in neuerer Zeit ihre Würdigung gefunden haben. Diese Aufzeichnungen enthalten nämlich manche bemerkenswerte Ansätze, die zu den Arbeiten Galileis hinüberleiten. Zwölf Codices von Lionardos Manuskripten werden in der Bibliothek der französischen Akademie aufbewahrt. Zuvor befanden sie sich in der Ambrosianischen Bibliothek zu Mailand. Von dort wurden sie 1796 von den Franzosen nach Paris gebracht, wo sie Venturi eingehend studierte. Er bezeichnete die dreizehn Folianten mit den Buchstaben A bis N. Im Jahr 1815 erhielt die Ambrosiana den Codex Atlanticus (N), der sich besonders mit technischen Dingen befasst, zurück. Mit der Veröffentlichung dieses wertvollen Nachlasses wurde erst 1881 begonnen: Les manuscrits de Léonard de Vinci, publiés en facsimilés avec transcription littérale, traduction française etc. Im Druck erschien vor dem Ende des 19. Jahrhunderts nur Lionardos Abhandlung über die Malkunst (1651). Lionardos wissenschaftliche und technische Bedeutung wurde anfangs kaum beachtet. Erst nachdem Libri und Venturi darauf hingewiesen hatten, fand Lionardo auch auf diesen Gebieten die verdiente Anerkennung, die allerdings nicht selten in ein kritikloses Überschätzen ausartete. Unter den alten Schriftstellern, auf denen Lionardo da Vinci fußt, ist besonders Heron zu nennen. Er findet sich im Codex Atlanticus auch zitiert. W. Schmidt wies darauf hin, dass manche Ausführungen Lionardos augenblicklich mit solchen der Heronschen Pneumatik übereinstimmen (Math. Bibl. [3.] III. 180–187). Eine genauere Untersuchung über die Quellen, welche Lionardo benutzt hat, verdankt man dem französischen Physiker P. Duhem (Études sur Léonard de Vinci, ceux qu'il a lus et ceux qui l'ont lu. Paris 1906.). Danach hat da Vinci weit mehr gelesen, als es den Anschein hat. Er zitiert

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nämlich sehr selten. Infolgedessen kann man seine Quellen nur schwer ermitteln.
Nach Duhem (Études sur Léonard de Vinci, Troisième série. Paris 1913) und nach den „Origines de la Statique“ (2 Bde. Paris 1905/6) desselben Verfassers hat die Scholastik auf dem Gebiet der Mechanik weitaus mehr geleistet, als man bisher anzunehmen geneigt war. Duhem kommt zu dem Ergebnis, dass die dynamischen Lehren, die im 14. Jahrhundert insbesondere von französischen Scholastikern ausgingen, die Grundlagen gebildet haben, auf denen Galilei und seine unmittelbaren Vorgänger weiterarbeiten konnten. Bei der Beurteilung der Ergebnisse Duhems darf aber nicht vergessen werden, dass der französische Historiker dazu neigt, dasjenige besonders hoch einzuschätzen, was für das eigene Land und Volk als rühmlich gelten kann. Unter den Scholastikern, die zu richtigen dynamischen Vorstellungen kamen, ist auch Albert von Sachsen zu nennen. Er erkannte etwa 1368, dass der freie Fall ein Beispiel für die gleichmäßig beschleunigte Bewegung sei. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass es den Scholastikern mehr um spekulative Definitionen als um die Untersuchung physikalischer Vorgänge ging.
Auf dem Gebiet der Mechanik stützte sich Leonardo auf Heron, Vitruv sowie auf die mittelalterlichen Lehrbücher von Jordanus Nemorarius und anderen. Die Lehre vom Schwerpunkts der Erde sowie die Gleichgewichtstheorie der Meere lassen sich auf Albert von Sachsen zurückführen, den Leonardo auch gelegentlich zitierte. Bezüglich der Erklärung von Ebbe und Flut stützte sich Leonardo auf den Scholastiker Themon. Andererseits übte Leonardo aber auch einen nachweisbaren Einfluss auf Roberval, Cardano, Palissy und andere aus.
Bekannt ist Leonardos Ausspruch, dass die Mechanik das Paradies der mathematischen Wissenschaften sei, weil man durch die Mechanik erst zu den Früchten dieser Wissenschaften gelange. Leonardo da Vinci handelte aber auch gemäß diesem Ausspruch, dessen Bedeutung erst die folgenden Jahrhunderte in vollem Maße würdigten. So untersuchte er die Wirkung des Hebelns im Fall, dass die Kräfte in beliebiger Richtung auf ihn wirkten. Die Rolle sowie das Rad an der Welle wurden auf den Hebel zurückgeführt. Seine auf das Praktische ausgerichtete Tätigkeit führte dazu, dass er theoretisch sowie durch Experimente den Einfluss untersuchte, den der Reibungswiderstand auf die Bewegung der Maschinen ausübt.

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Die ersten genaueren Untersuchungen dieser Art, die wir bei Leonardo antreffen. Ferner werden der freie Fall und der Fall auf der schiefen Ebene in Betracht gezogen, wenn auch hier Galilei die erschöpfende Behandlung vorbehalten blieb. In einigen Äußerungen Leonardos lassen sich schon die Keime des Trägheits- und des Energiegesetzes erkennen; so, wenn er sagt, jedes Ding „trachte in seinem gegebenen Zustande zu verharren“ oder der bewegte Körper besitze „Wirkungsfähigkeit“ und „wuchte in der Richtung seiner Bewegung“.

Für die einfachen Maschinen formulierte Leonardo bereits das Prinzip, dass sich die im Gleichgewicht befindlichen Kräfte umgekehrt wie die virtuellen Geschwindigkeiten verhalten. Seine klare Auffassung vom Trägheitsprinzip zeugen folgende Aussagen: „Keine vernunftlose Sache bewegt sich von selbst.“ „Jeder Impuls neigt zu ewiger Dauer.“

Ferner lehnt Leonardo die Möglichkeit des Perpetuum Mobile ab und entwickelt unter Ablehnung aller Wunder- und Geheimkräfte, insbesondere der scholastischen qualitates occultae, den Kraftbegriff in einem fast modernen Sinne. So heißt es bei Leonardo da Vinci: „Kraft ist Ursache der Bewegung und die Bewegung ist die Ursache der Kraft.“ Wenn er diese letztere als eine geistige Wesenheit bezeichnet, die sich mit den schweren Körpern verbindet, erklärt er dies mit folgenden Worten: „Geistig, sage ich, weil in ihr unsichtbares Leben ist, weil der Körper, in dem sie geboren wird, weder in der Form noch im Gewichte wächst. Die berührte Saite einer Laute bewegt ein wenig eine andere gleiche Saite von gleicher Stimme einer anderen Laute. Du wirst dies sehen, wenn du einen Strohhalm auf die zweite Saite legst.“

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Abb. 56. Leonardo’s Hygrometer.

Die Beobachtungen, die Leonardo bei der Messung hygroskopischer Substanzen anstellte, führten ihn zur Konstruktion eines, wenn auch noch recht unvollkommenen Hygrometers. An den Enden eines zweiarmligen Hebelarms befestigte er zwei gleich schwere Kugeln, von denen die eine mit Wachs und die andere mit Baumwolle überzogen war. Steigerte sich die Luftfeuchtigkeit, sank die zweite Kugel. Die Abweichung konnte auf einer ringförmigen Skala abgelesen werden.

Ein Gegenstück zu diesem Feuchtigkeitsmesser ist das von Leonardo dargestellte und beschriebene Windmesser863. Es besteht aus einem mit Gradangaben versehenen Quadranten, der, wie aus der Abbildung ersichtlich ist, mit einer beweglichen Platte verbunden ist. Diese wird durch den Wind angehoben, sodass man die jeweilige Stärke des Windes auf der Gradangabe ablesen kann. Dasselbe Prinzip kam bei dem fast 200 Jahre später erfundenen Pendelanemometer von Hookes zum Einsatz; dieser galt bis dahin als Erfinder dieses Instruments864.

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Abb. 57. Leonardos Windmesser.

Auch die Theorie der Reibung sowie das schwierige Gebiet der Festigkeitslehre865 beschäftigten Leonardo da Vinci, der auf fast allen Gebieten der Naturwissenschaften Ansichten entwickelte, die ihn als einen Geist erkennen lassen, der seine Zeit und deren Denken übertraf. So äußert er sich über die Rolle, die die Luft bei der Verbrennung und der Atmung spielt, mit den folgenden Worten: „Wo eine Flamme entsteht, da erzeugt sich ein Luftstrom um sie. Dieser dient dazu, die Flamme zu erhalten. Das Feuer zerstört ununterbrochen die Luft, durch die es am Leben erhalten wird. Sobald die Luft nicht mehr geeignet ist, die Flamme am Leben zu halten, kann in ihr kein Lebewesen existieren. Zunächst ordnet die Flamme die Materie an, aus der sie entsteht, und kann sich anschließend davon ernähren. Indem sie zur Nahrung für die Flamme wird, formt sie sich um in diese.“ Dass Leonardo mit diesen Erklärungen fast überall den wahren Sachverhalt traf, ist wirklich erstaunlich. Um den Luftzug zu verstärken und dadurch die Helligkeit zu erhöhen, erfand Leonardo den Lampenzylinder. Auch die Idee des Fallschirms, „mit dem sich ein Mensch aus beliebiger Höhe herunterlassen könnte“, geht auf Leonardo zurück. Diese Idee wurde erst dreihundert Jahre später verwirklicht866.

Auf Fossilien und andere geologische Phänomene, beispielsweise die Entstehung von Gesteinsschichten durch Ablagerung sowie auf mineralogische Fragen, kam Leonardo gelegentlich durch die Wasserbauwerke aufmerksam, die er als Ingenieur errichtete.

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Die Fossilien, die man – entgegen den Lehren der Alten – noch immer meist für Naturerscheinungen hielt, wurden von ihm als Überreste von Lebewesen interpretiert. Um Leonardo voll zu würdigen, muss man bedenken, dass er einer vom Mystizismus noch ganz durchdrungenen Epoche angehörte. So musste er in seinen Betrachtungen über die Fossilien insbesondere die Ansicht zurückweisen, dass diese als Naturerscheinungen unter dem Einfluss der Sterne entstanden seien. Auch zwei weitere Vorstellungen seiner Zeit, die Quadratur des Kreises und das Perpetuum Mobile, bekämpfte Leonardo bereits aus wissenschaftlichen Gründen. Seine Tätigkeit als Künstler veranlasste ihn dazu, sich eingehend mit anatomischen Studien zu beschäftigen. Zu diesem Zweck nahm er Kontakt mit einem Arzt auf. Das Ergebnis der gemeinsamen Arbeit des Künstlers und des Naturforschers sind etwa 800 Zeichnungen, die wir als die ersten, naturgetreuen anatomischen Darstellungen bezeichnen müssen. Sie betreffen vor allem das Skelett- und Muskelsystem; es gibt jedoch auch Abbildungen der inneren Organe (Herz, Leber usw.). Leonardo war wohl der Erste, der sich eingehender mit Untersuchungen zur Mechanik des Körpers beschäftigte. Er studierte die Beugung und Streckung der Gliedmaßen sowie das Gehen ganz im Sinne der heutigen Physiologie. Zudem erklärte er, wie die körperliche Tätigkeit auf die Haltung einwirkt und welche Muskeln bei Werfen, Heben, Tragen usw. eine Rolle spielen. Gerne lehrte er sich selbst und seine Schüler auf dem Fechtboden die verschiedenen Körperrichtungen. Aus künstlerischem Antrieb beschäftigte sich Leonardo auch mit der Anatomie des Pferdes. Eine der wichtigsten wissenschaftlichen Grundlagen der Kunst schuf Leonardo erst: die Lehre von der Perspektive, um die sich neben ihm auch die Brüder van Eyck und Battista Alberti verdient gemacht haben. Dass die Alten mit den Lehren der Perspektive nicht vertraut waren, haben bereits Lessing und Lambert nachgewiesen. Lambert pries Leonardo als „den Ersten, der an die Verfeinerung der Malkunst und an die Perspektive dachte“. Der zugrundeliegende Gedanke war folgender: Wenn man zwischen Auge und dem Objekt, das man perspektivisch richtig darstellen will, etwas einfügt…

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Durchsichtige Tafel – so wird jeder Lichtstrahl die Tafel in einem bestimmten Punkt durchschneiden. Die Gesamtheit dieser Schnittpunkte gibt uns das perspektivische Bild, und die Lehre von der Perspektive besteht darin, herauszufinden, wie man ein solches Bild zeichnet, ohne die zur Erläuterung dienende Tafel zu verwenden.
Über das Auge spricht Leonardo ausführlicher im Manuskript D871. Seine Ausführungen betreffen die Größe des Winkelwinkels sowie den Vorgang des Sehens. Aus Experimenten wird geschlossen, dass der Sehsinn seinen Sitz in den Endigungen des Sehnervs habe (Manuskript D. S. 3). Zu dieser Erkenntnis war übrigens bereits Roger Bacon gelangt. Im Manuskript C wird die Lehre vom Schatten durch viele Zeichnungen erläutert. Hier wie überall finden sich nur Ansätze. Ihre Bedeutung liegt darin, dass stets experimentell und geometrisch vorgegangen wird und jedes Problem ohne vorgefasste Meinungen angegangen wird.
Bemerkenswert sind auch Leonardos gelegentliche Äußerungen über astronomische Objekte. Über die Erde heißt es, sie müsse den Bewohnern des Mondes und anderer Gestirne als Himmelskörper erscheinen; außerdem befinde sie sich weder im Zentrum der Sonnenbahn noch nehme sie den Mittelpunkt des Universums ein. „Die Erde“, heißt es an einer Stelle, „ist ein Stern ähnlich wie der Mond.“ Und weiter: „Herstelle Gläser, um den Mond größer zu sehen.“

Abb. 58. Leonardos Erläuterung des Sehens.
Das Sehen führt Leonardo darauf zurück, dass das Auge nach Art einer Camera obscura Bilder erzeuge. Er erklärt dies wie folgt: „Man lasse durch eine kleine Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines beleuchteten Gegenstands in ein dunkles Zimmer treten. Dann fange man…“

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Dieses Bild wird auf einem weißen Papier angefertigt, das man im dunklen Raum in der Nähe der Öffnung aufhängt. Dann wird man den Gegenstand auf dem Papier in seiner wahren Gestalt und Farbe sehen – allerdings viel kleiner und umgekehrt. Sei ABCDE der vom Sonnenlicht beleuchtete Gegenstand; ST sei der Schirm, der die Strahlen auffängt. Da die Strahlen geradlinig sind, wird der von A ausgehende Strahl nach K und der von E ausgehende nach F gelangen. Das Gleiche geschieht bei der Pupille. Dabei bemerkt er noch bei der Untersuchung der Natur des Auges: „Hier sind die Formen, die Farben, all die Wirkungen des Universums in einem Punkt versammelt – und dieser Punkt ist ein solches Wunder! O erstaunliche Notwendigkeit! Mit deinem Gesetz zwingst du alle Wirkungen, auf kürzestem Weg zu ihren Ursachen zurückzukehren. Schreibe in deiner Anatomie auf, wie in dem winzigen Raum des Auges das Bild der sichtbaren Dinge neu entsteht und in seiner ursprünglichen Größe wiederhergestellt wird.“

Ähnlich tief empfunden zeigt sich die Darstellung Leonardos an vielen Stellen seiner Aufzeichnungen. Man erinnert an die später von Fechner entwickelten Ansichten, wenn man bei Leonardo da Vinci liest, die Erde sei eine Art organisches Wesen, das Meer ihr Herz und das Wasser ihr Blut. Wenn er schließlich das Wasser als den „Träger der Natur“ bezeichnet, so findet wohl der moderne Geologe kaum einen passenderen Ausdruck für die Rolle des flüssigen Elements.

Leonardo hielt die Sonne für einen sehr heißen Himmelskörper. Er konnte auch das sogenannte aschfarbene Licht des Mondes, das wir neben dem leuchtenden Halbmond wahrnehmen, durch die Reflexion des vom Sonnenlicht auf die Erde fallenden Lichts erklären.

Leider haben sich die Aufzeichnungen Leonardos da Vincis nirgends zu einer abgeschlossenen, in sich abgerundeten Leistung verdichtet. Es handelt sich meist um geistreiche, treffende Einzelgedanken, die erst die neuere Zeit, voller Staunen über die Eigenart des Menschen, der ihnen entstammt, aus dem Vergessenheit gerettet hat. Die gelehrte Gemeinschaft hätte ihn wohl kaum verstanden und gewürdigt. Für sie galt in erster Linie die Autorität – etwas, was Leonardo mit den Worten kritisierte: „Wer sich auf die Autorität beruft, verwendet nicht seinen Verstand, sondern sein Gedächtnis.“ „Das Experiment irrt niemals“, rief er seinen Zeitgenossen zu, „nur eure Urteile irren.“ Auf den Weg, den seiner Meinung nach die Forschung gehen sollte, weist Leonardo mit folgenden Worten hin: „Der Interpret der Wunderwerke der“

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Die Natur ist die Erfahrung. Sie täuscht niemals; es ist nur unsere Auffassung, die zuweilen sich selbst täuscht. Wir müssen die Erfahrung in der Verschiedenheit der Fälle und der Umstände solange zu Rate ziehen, bis wir daraus eine allgemeine Regel ziehen können. Wenngleich die Natur mit der Ursache beginnt und mit dem Experiment endet, so müssen wir doch den entgegengesetzten Weg verfolgen, d. h. wir beginnen mit dem Experiment und müssen mit diesem die Ursache untersuchen«877.
Diese Worte bekunden, daß Lionardo schon ein Jahrhundert vor Francis Bacon die Induktion für die allein sichere Methode der Naturwissenschaft hielt. Auf Grund dieser Erkenntnis vermochte er es, einen bewunderungswürdig tiefen Einblick in die Natur zu tun. Die Vorstellungen, zu denen er gelangte, blieben leider in seinen Manuskripten vergraben, sonst wäre sein Einfluss auf die Entwicklung der neueren Naturwissenschaft ein ganz anderer gewesen, worauf schon A. v. Humboldt hinwies.
Haben Männer wie Lionardo da Vinci 878 und Nicolaus von Cusa auch keine derartigen Grundlagen für die weitere Entwicklung geschaffen, wie Koppernikus und Galilei, welche das zur Ausführung brachten, wozu jenen das volle Vermögen fehlte, so erkennen wir doch aus der Betrachtung, die wir ihnen widmeten, daß das Wirken der großen Begründer der Wissenschaft kein unvermitteltes ist und keineswegs mit dem bisher Erstrebten und Erreichten außer Beziehung steht. Jene Großen haben häufig das, was ihre Zeitgenossen zwar ahnten, aber nur unvollkommen zum Ausdruck zu bringen vermochten, in voller Klarheit erfasst und so begründet, daß es zum unveräußerlichen Besitz der Menschheit wurde. Auf dieser Errungenschaft baute dann bescheideneren Kräfte weiter, bis ihr unverdrossenes Mühen, das für den Fortgang der Entwicklung aber unumgänglich notwendig ist und nicht gering geschätzt werden darf, wieder einem der Großen auf dem Gebiet der Wissenschaft den Weg ebnete. So hatte auch die Astronomie, bevor Koppernikus sein Wirken begann, in Deutschland eine besondere Pflege durch Peurbach und Regiomontanus gefunden. Diese Männer, die ihrerseits wieder an die Alten anknüpften, haben Koppernikus besonders dadurch vorgearbeitet, daß sie die Kunst der Beobachtung förderten.

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Das Wiedererwachen der astronomischen Wissenschaft.

Die Astronomie war zwar durch Cusa und Toscanelli zu neuem Leben erweckt worden. An Einsicht und an Kenntnissen standen diese Männer jedoch weit hinter Hipparch und Ptolemäos zurück. Die astronomische Wissenschaft musste zunächst wieder auf jene Höhe gebracht werden, die sie im Altertum zur Zeit der Alexandrinern besaß. Dass dies geschah, war vor allem das Verdienst Peurbachs, des Begründers der beobachtenden und rechnenden Astronomie im Abendland. Georg Peurbach wurde im Jahr 1423 in Oberösterreich geboren. Als Zwanzigjähriger kam er in Rom mit Nicolaus von Cusa in Berührung. Um 1450 kehrte er nach Wien zurück, wo er studiert hatte, und erhielt dort den Lehrstuhl für Astronomie und Mathematik.

Peurbach übersetzte den Almagest. Er erkannte, dass eine Verbesserung der vorhandenen Planetentabellen die erste Voraussetzung für jeden weiteren Fortschritt der Astronomie sei. Die Abweichungen, die sich zwischen den alfoninischen Tabellen und Peurbachs Beobachtungen ergaben, erreichten für den Mars beispielsweise Werte von mehreren Grad. Auch die trigonometrischen Tabellen des Almagest erhielten durch Peurbach eine wesentliche Verbesserung, indem er anstelle der Sehne den Sinus einführte und eine Berechnung für alle Werte von 10 zu 10 Sekunden unter Verwendung eines Radii von 60.000 Einheiten lieferte.

Abb. 59. Peurbachs Quadratum geometricum.

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Für seine astronomischen Messungen benutzte Peurbach das „Quadratum geometricum“ (siehe Abb. 59). Dies ist ein quadratischer Rahmen, an dem ein bewegliches Lineal mit Dioptervorrichtungen angebracht ist. Die Seiten des Quadrats waren in 120 Abschnitte eingeteilt. Auf diese Weise ließ sich die Tangente des beobachteten Winkels mit ziemlicher Genauigkeit ablesen.

Mit dem Almagest, dem Hauptwerk der griechischen Astronomie, war das Abendland erst durch die im 10. und 11. Jahrhundert in Spanien entstandenen arabischen Hochschulen bekannt geworden. Der Almagest sowie die Schriften von Euklid und Aristoteles wurden von hier aus den Hochschulen des christlichen Abendlandes in lateinischer Übersetzung zugänglich gemacht. Durch diese Übersetzungen sowie durch die Vermischung mit verschiedenen Elementen hatte der ursprüngliche Text natürlich einige Veränderungen erfahren und dadurch viel von seinem Wert eingebüßt. Auch die Astronomie der Griechen erfuhr durch die Araber keine wesentliche Förderung; vielmehr kam es zu einer Vermischung mit astrologischen Elementen, wodurch ihr wissenschaftlicher Gehalt abnahm. Es war daher ein wichtiges Ereignis, dass im 15. Jahrhundert das astronomische Werk des Ptolemäus von Griechenland nach Italien gelangte. Peurbach war zwar auf das griechische Manuskript aufmerksam geworden, nutzte jedoch den aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzten, minderwertigen Text, da er die griechische Sprache nicht beherrschte. Erst sein begabter Schüler, sein Nachfolger auf dem Wiener Lehrstuhl, Johann Müller aus Königsberg, genannt Regiomontanus (1436–1476), arbeitete mit dem griechischen Text des Almagest. Im Jahr 1475 veröffentlichte er neue Tabellen, die nicht nur für die Astronomie, sondern auch für die Entdeckungsreisen jener Zeit ein wichtiges Hilfsmittel darstellten.

Regiomontanus war außerdem in Deutschland einer der Ersten, die das Studium der Algebra förderten. Er soll zudem die alte Hypothese von der Erdbewegung – die ihm bereits mindestens 60 Jahre vor Kopernikus zusammen mit Cusa „in den Sinn gekommen sei“ – zur besseren Verständnis der Astronomie wieder hervorgeholt haben. In mechanischen Angelegenheiten, so berichtet sein Biograf weiter, war er einer der Ersten, die „eine künstliche Anlage mit Rädern konstruierten, durch die die eigentliche Bewegung der Sterne nachgeahmt werden konnte – zu großem Erstaunen aller“. Zudem fertigte Regiomontanus einen parabolischen Brennspiegel mit einem Durchmesser von fünf Fuß aus Metall an. Regiomontanus’ Tabellen wurden von ihm als

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Sie werden als „Ephemeriden“ bezeichnet. Sie erschienen 1473, umfassten den Zeitraum von 1474–1560 und enthielten für Sonne und Mond die Längenangaben sowie für den Mond zusätzlich die Breitengradangaben. Ferner boten sie eine Liste der für die Zeit von 1475–1530 erwarteten Finsternisse. Große Verdienste hat sich Regiomontan auch um die Trigonometrie, die wichtigste Hilfswissenschaft der Astronomie, erworben. Er war es, der die Tangensfunktion, mit der die Araber ebenfalls bereits vertraut waren, im Abendlande einführte. Ein weiterer Fortschritt bestand darin, dass er sich der dezimalen Teilung bediente, indem er für seine Tangententabellen den Radius r = 100000 zugrunde legte. Unzweifelhaft schöpfte Regiomontan bei seiner Darstellung der Trigonometrie auch aus arabischen Quellen. Doch ist der Zusammenhang im einzelnen nicht mehr nachzuweisen, da er in der Darstellung wie in der Weiterentwicklung des empfangenen Wissens sehr selbstständig vorging. Sein trigonometrisches Hauptwerk „De triangulis“ entstand 1464. Durch dieses Werk lernte das Abendland den Sinussatz und die Tangensfunktion kennen. Zudem entwickelte Regiomontan darin als Erster den allgemeinen sphärischen Cosinussatz. Regiomontans Tabellen befanden sich in den Händen von Bartholomäos Diaz sowie in denen Vasco da Gamas auf seinem Weg nach Ostindien. Sie halfen Columbus dabei, den neuen Weltteil zu entdecken. Amerigo Vespucci nutzte sie, um 1499 Längenbestimmungen in Südamerika durchzuführen. So sehen wir, wie das, was der stillen Gelehrte in einsamen Nachtwachen erdacht und erforscht hat, die kühnen Seefahrer und Konquistadoren befähigte, dem europäischen Teil der Menschheit die Erde in ihrem ganzen Umfang zu erschließen. Trotz der bereits um das Jahr 1200 erfolgten Einführung des Kompasses wagten nämlich die Portugiesen, selbst nachdem Heinrich der Seefahrer die Entdeckungsreisen organisiert hatte, zunächst nicht, von der Küstenschiffahrt abzuweichen. Viele Jahre lang kamen ihre Schiffe nicht über Kap Bojador hinaus, weil man dort ein Riff sah, dessen Brandung sich weit hinaus ins Meer erstreckte. Dem Ungewissen, das die Wasserwüste des Atlantischen Ozeans in sich barg, konnte man erst begegnen, nachdem die Astronomie der Schiffahrt die zur Ortsbestimmung geeigneten Hilfsmittel bereitgestellt hatte. Zu diesen gehörte in erster Linie der Kreuz- oder Jakobsstab (siehe Abb. 60), ein Werkzeug, das zum Messen von Winkeln auf bewegtem Meer besser geeignet war als die von Ptolemäus und Kopernikus verwendeten.

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Zu den Instrumenten, bei denen das mit Kreisteilung ausgestattete Astrolabium886 sowie das parallaktische Lineal an erster Stelle genannt werden müssen887, gehört auch der Kreuz- oder Jakobsstab mit verschiebbarer Querstange, den Regiomontanus verwendete. Dieser Stab hatte eine Länge von 2½ Metern. Seine Anwendung lässt sich bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Da die erwähnten Messinstrumente fest installiert waren und ausreichend groß waren, konnten mit ihnen ziemlich genaue Messungen vorgenommen werden. Tycho, dessen Arbeiten aufgrund ihrer Genauigkeit erst die Entdeckungen Keplers ermöglichten, berichtet, dass er auf seinen Astrolabien noch eine Sechstel-Bogenminute ablesen konnte.

Abb. 60: Der Kreuzstab888.

Wahrscheinlich brachte der Nürnberger Martin Behaim (1459 bis 1506), dem man den ersten neuzeitlichen Erdball verdankt, den Kreuzstab nach Portugal und empfahl ihn dort für Messungen auf bewegtem Meer889. Aus Abbildung 61 geht die Verwendung dieses Instruments hervor. Die Querstange a wurde so lange verschoben, bis das am Ende der Längstange b befindliche Auge die beiden Objekte, deren Winkelabstand ermittelt werden sollte, über die Enden von a ins Visier nahm; b trug eine Skala, von der aus man direkt die jedem Winkel entsprechenden Werte ablesen konnte. Zu dieser Zeit war es jedoch nur mit gewisser Zuverlässigkeit möglich, die geografische Breite zu bestimmen. Was die Länge betrifft, musste man sich mit Schätzungen begnügen. Die enge Verbindung, die zu Beginn der Neuzeit zwischen Astronomie und Nautik entstand, war für beide Bereiche sehr vorteilhaft. In den folgenden Jahrhunderten wurde die Zusammenarbeit der Astronomen außerdem durch hohe Belohnungen gefördert, die die schifffahrttreibenden Nationen für die Lösung praktisch wichtiger Aufgaben aussetzten. Persönlichkeiten ersten Ranges wie Galilei und Euler zögerten nicht, ihre Arbeit diesem Zweck zur Verfügung zu stellen.

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Abb. 61. Schema zur Erklärung des Kreuzstocks.

Den ersten, noch erhaltenen Globus fertigte Behaim im Jahr 1492 an890. Auch Globen aus den Jahren 1515, 1520 und 1532 sind erhalten. Mercator machte aus der Herstellung hervorragender Erde- und Himmelsgloben bereits ein Handwerk. Zu seinen Käufern gehörten Kaiser Karl V. und andere Fürsten. Von Mercator stammende Globen finden sich noch in Duisburg, Nürnberg, Weimar und Wien891.
Das Duisburger Museum, das sich bemüht, Mercators Werke entweder im Original oder in Nachbildungen zu erwerben, besitzt einen von ihm hergestellten Erde- und Himmelsglobus. Sie wurden 1908 bei einem toskanischen Adligen gefunden und gelangten durch Kauf in den Besitz des Museums. Der Erdglobus stammt aus dem Jahr 1541, der andere wurde 1551 hergestellt. Auf ihnen sind die Sternbilder farbenprächtig dargestellt. Während die früheren Globen aus Holz oder Metall gefertigt wurden, verwendete Mercator eine Mischung aus Gips, Sägespänen und Leim, die er auf eine aus Stäben hergestellte Hohlkugel auftrug.
Die Anregung zu den Entdeckungsreisen geht nicht nur auf die Fortschritte der Astronomie und die Bedürfnisse des Handels zurück, sondern auch auf die Lektüre alter Schriftsteller. Insbesondere gilt das für Columbus. Die von den Alten stammenden Nachrichten, die die allmähliche Erweiterung ihres geografischen Horizonts zeigen, waren ihm durch das Weltbuch Alliacos 892 bekannt geworden. Je weiter die Alten die östlichen Grenzen Asiens ausdehnten, desto größer war die Wahrscheinlichkeit, dass eine Reise nach Westen bald zu bewohnten Ländern führen würde.
Diese Idee beschäftigte neben Columbus insbesondere den italienischen Astronomen Toscanelli, dessen Lieblingsprojekt die Verbindung Europas

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und Asiens auf dem Seewege nach Westen war. Toscanelli war der Meinung, daß die asiatische Küste höchstens 120 Längengrade von Lissabon entfernt sein könne. Er stand mit Columbus in Briefwechsel und hat ihn in einem Schreiben vom 25. VI. 1474 von der Durchführbarkeit des Gedankens, der ihn erfüllte, zu überzeugen gewußt. Nach allem, was an eigenen und fremden Überlegungen, von denen sich Columbus leitete, bekannt geworden ist, muß man seine Entdeckungsreisen über die früheren Unternehmungen dieser Art stellen. Welche Schwierigkeiten es zu überwinden galt, braucht hier nicht des näheren erörtert zu werden. Erinnert sei nur an die Versammlung zu Salamanca, welche den Plan des Columbus prüfen sollte. Was mag letzterer wohl empfunden haben, als man ihm entgegenhielt, wenn es auch gelingen sollte, zu den seiner Ansicht nach vorhandenen Gegenfüßlern hinunter zu fahren, so würde es doch unmöglich sein, wieder nach Spanien hinauf zu gelangen?

Dass sich trotz des gelehrten, am Buchstaben klebenden Dunkels, das nicht etwa nur diese Versammlung erfüllte, das Neue siegreich Bahn brach, ist vor allem der Erfindung der Buchdruckerkunst sowie dem Umstand zu verdanken, daß man im Latein eine Weltsprache besaß, die einen schnellen Austausch der Gedanken zwischen den Angehörigen aller Völker ermöglichte.

Es war um 1450, als Gutenberg das erste, mit beweglichen Lettern hergestellte Buch herausgab. In Paris, in Nürnberg und an anderen Orten entstanden daraufhin große Druckereien, die für die damalige gelehrte Welt arbeiteten. Mit der Ausbreitung des Buchdrucks verringerte sich allmählich der Abstand zwischen dem zunftmäßigen Gelehrten- und dem Laientum. Die Errungenschaften des Forschens und Denkens wurden immer mehr zu einem Gemeingut.

Eins der glänzendsten Beispiele für die Vereinigung geistigen und gewerblichen Schaffens und für das Zusammengehen des gebildeten Bürgertums mit Künstlern und Gelehrten bot vor allem Nürnberg, wo vorübergehend auch Regiomontan und Behaim wirkten. Für Regiomontan errichtete ein Nürnberger Kaufherr mit fürstlicher Freigebigkeit eine Sternwarte, die von hervorragenden Mechanikern mit Astrolabien, Armillarsphären und anderen astronomischen Instrumenten ausgestattet wurde. Öffentliche Vorträge belebten das Interesse für die Mathematik und die Naturwissenschaften. Eine im Jahre 1470, kurz vor der

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Die 1476 in Nürnberg gegründete Druckerei von Regiomontanus wurde bald zur bedeutendsten in Deutschland893. Behaim übermittelte die gewonnenen astronomischen Kenntnisse den seefahrenden Völkern. Er hielt sich von 1480–1484 in Portugal auf, zur Zeit, als auch Columbus dort weilte, und stand den Portugiesen bei ihren Unternehmungen zur Seite. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Diaz, Columbus und da Gama ihm die Bekanntschaft mit den Ephemeriden Regiomontans sowie manche Belehrung über die Kunst, nach der Beobachtung der Sterne zu segeln, verdanken894.
Man darf jedoch neben den gelehrten Deutschen, die hier, wie so oft in der Entwicklung der Wissenschaften, wohl den Gedanken, aber nicht die Tat brachten, den Portugiesen Pedro Nunez aus Coimbra nicht vergessen. Er war es, der zuerst ein Werk schuf, in dem die Nautik auf wissenschaftliche Grundlagen gestellt wurde (De arte atque ratione navigandi). Er war es ferner, der die Genauigkeit der Ablesung an den astronomischen Instrumenten verbesserte. Der Nonius wird nach ihm fälschlich so benannt. Der Erfinder dieser Einrichtung ist Pierre Vernier (1580–1637).

Die Wiederbelebung der Naturbeschreibung.

Auch die beschreibenden Naturwissenschaften, die Zoologie und die Botanik, erhielten gegen den Anfang des Mittelalters einige Förderung. Das Wiederaufleben der alten Literatur, insbesondere die Bekanntschaft mit den zoologischen Schriften des Aristoteles, die man zuvor nur aus arabischen und lateinischen Übersetzungen kannte, hatte hier ebenfalls Einfluss. Noch wichtiger war jedoch, dass man sich immer mehr mit offenen Sinnen der eigenen Beobachtung zuwandte und nach einer naturgetreuen Darstellung des Gesehenen strebte. Erinnert sei nur an die oben erwähnten anatomischen Abbildungen von Leonardo da Vinci. Die Erweiterung des geografischen Horizonts führte dazu, dass man bereits gegen das Ende des Mittelalters mit zahlreichen neuen Tieren und Pflanzen vertraut wurde. Die Wiederbelebung des wissenschaftlichen Denkens zeigte sich im Bereich der Botanik nicht nur durch die wachsende Neigung zum eigenen Beobachten, sondern auch durch den allmählichen Rückzug der Betonung der Nutzanwendung von Pflanzen. Die Beobachtungsfähigkeit wurde insbesondere durch zwei Umstände

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fördernd. Es handelte sich dabei um die Einrichtung von Botanischen Gärten sowie um die Anfertigung von Herbarien.
Den ersten Botanischen Garten der Neuzeit errichtete ein venezianischer Arzt im Jahr 1333, nachdem ihm die Republik dazu einen brachliegenden Platz zur Verfügung gestellt hatte. Den ersten Universitätsgarten finden wir in Padua – er wurde 1545 gegründet. Einige Jahre später folgte Pisa. Noch im 16. Jahrhundert ahmten viele Universitäten in ganz Europa das von Italien vorgelegte Vorbild nach.
Ebenso wichtig für die Förderung eigenständiger Beobachtung und Forschung war das Entstehen der Herbarien. Einen eigentlichen Erfinder dieser Einrichtung lässt sich wohl nicht nennen. Die ersten Nachrichten über umfangreichere Sammlungen getrockneter Pflanzen stammen aus dem 16. Jahrhundert. Die älteste Anleitung zur Einrichtung von Herbarien findet sich laut Meyer (Gesch. der Botanik. Bd. IV. S. 267) erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts. „Im Winter“, heißt es dort, „muss man, da fast alle Pflanzen zugrunde gehen, die Wintergärten betrachten. So nenne ich die Bücher, in denen man getrocknete Pflanzen, auf Papier geklebt, aufbewahrt.“
Ein weiteres Mittel zur Anregung der Beobachtung war die Darstellung von Pflanzen und anderen Naturkörpern. Tatsächlich nutzte bereits die Antike dieses Mittel – genauso wie die Botanischen Gärten. Noch heute sind Ausgaben des Dioskurides mit Abbildungen bekannt, die aus dem 6. Jahrhundert stammen. Im Mittelalter hatten jedoch die philologischen Studien sowie der Glaube an Autoritäten die Wissenschaft so sehr überwuchert, dass die Kunst, das Studium der Natur durch Abbildungen zu fördern, erst wieder zum Leben erweckt werden musste.
Zu den ältesten gedruckten Büchern mit Abbildungen von Naturkörpern gehört auch Konrad Megenbergs „Buch der Natur“, auf das wir bereits an anderer Stelle eingegangen sind. Megenbergs Buch enthält in Holzschnitten hergestellte, charakteristische Abbildungen von Säugetieren, Vögeln, Bäumen und Kräutern – darunter lassen sich beispielsweise Ranunculus acris, Viola odorata, Convallaria majalis und andere gut erkennen. Allerdings fehlen bei der Beschreibung der Meeresungeheuer…

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Seltsamen Menschen und anderen Dingen nicht in Abbildungen, die nur als grimmige Produkte der Fantasie angesehen werden können. Erwähnenswert ist auch das um 1485 erschienene „Ortus sanitatis“ (Garten der Gesundheit), das zahlreiche, oft nachträglich kolorierte Abbildungen enthält, von denen einige der Natur ziemlich nahekommen, während die Abbildungen exotischer Pflanzen meist erfunden sind898. Damit haben wir die Betrachtung jenes Zeitabschnitts beendet, in dem die Wiederbelebung der Wissenschaften begann. Zwar stützte man sich noch in allen Bereichen auf die seit der Mitte des 15. Jahrhunderts aus reineren Quellen fließenden Kenntnisse der Alten. Doch gab man sich nicht mehr wie früher ganz der Autorität dieser Quellen hin. Selbstbeobachtung, eigene Forschung wurden bei den herausragendsten Denkern dieser Epoche zum Leitspruch. Und obwohl noch kein neues Gebäude der Wissenschaften entstanden war, begann man in allen Bereichen mit den Vorarbeiten, was erst die Tätigkeit der folgenden Epoche ermöglichte – deren Aufgabe es war, die Grundlagen der modernen Naturwissenschaften zu legen. Wenn wir uns die hier skizzierte Entwicklung vergegenwärtigen, welche die Wissenschaft seit ihrer Wiederbelebung im 14. und 15. Jahrhundert genommen hat, so sehen wir, dass sie nicht mehr in solchem Maße wie früher von den Schicksalen eines oder einiger Völker abhängt, sondern dass ihr Verlauf stetiger und weniger als bisher durch gewaltsame Ereignisse der äußeren Geschichte beeinflusst erscheint. Die Geschichte der Wissenschaften ist auch in der Folgezeit nicht mehr so eng mit dem Verlauf der Weltgeschichte verbunden wie in den früheren Perioden, in denen wir häufig gezwungen waren, das Verständnis der Wissenschaftsgeschichte durch die Heranziehung der allgemeinen Geschichte zu erlangen.

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11. Die Begründung des heliozentrischen Weltsystems durch Kopernikus899.
Das 16. Jahrhundert war auf allen Gebieten eine Zeit der Vorbereitung. Nur zögernd und langsam, gleichsam tastend, entwickelte sich während dieses Zeitraums die neuere Methode der Naturforschung. Das 17. Jahrhundert bietet uns dagegen das Schauspiel eines nie zuvor gesehenen Siegeszuges unter der Führung von Galilei, Kepler und Newton. Nunmehr vollzog sich die innige Verschmelzung der Naturwissenschaften mit der Mathematik sowie die Ausgestaltung einer streng induktiven Forschungsweise. Durch diese beiden Momente wurde ein Umbruch herbeigeführt, wie ihn die Geschichte der Wissenschaften nicht wieder erlebt hat.
Das wichtigste Ereignis des 16. Jahrhunderts ist die Aufstellung des heliozentrischen Weltsystems durch Kopernikus und die dadurch herbeigeführte Umgestaltung des gesamten Weltbildes. Nicolaus Kopernikus wurde am 19. Februar (altjulianisch) des Jahres 1473 in Thorn geboren. Polen und Deutschland stritten um die Ehre, ihn zu ihren eigenen Rechnen zählen zu dürfen. Ein solcher Streit ist überflüssig. Kopernikus war einer der großen Geister, die durch ihr Wirken der Welt angehören. Tatsache ist, dass Thorn zum Zeitpunkt seiner Geburt unter polnischer Herrschaft stand, im Übrigen aber, was den gebildeten Teil der Bevölkerung anbetraf, eine deutsche Stadt war. Die Mutter von Kopernikus war deutscher Abstammung. Über die Stammeszugehörigkeit des Vaters lässt sich hingegen keine sichere Entscheidung treffen. So viel ist jedoch sicher: Kopernikus selbst war in seinen Gefühlen und Gedanken ein Deutscher und verwendete in allen uns überlieferten Dokumenten, sofern er nicht Latein schrieb, die deutsche Sprache.
Nachdem Kopernikus das Elternhaus verlassen hatte, bereitete er sich in Krakau auf den medizinischen Beruf vor. Aufgrund der Vielfältigkeit, mit der man in früheren Jahrhunderten die Universitätsstudien absolvierte, wurde er auch mit der Mathematik und der Astronomie vertraut. Auf diesem letzten Gebiet galt die Universität Wien, wo Peurbach und Regiomontanus lehrten, als führend.

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Sie hatten ihm beigebracht, einen hervorragenden Ruf zu erlangen. Daher begab sich nach Abschluss seines Medizinstudiums der spätere Reformer der astronomischen Wissenschaft dorthin. Zu Glück für diese Wissenschaft war Kopernikus nicht gezwungen, sofort dem Arztberuf nachzugehen. Er hatte nämlich den Vorteil, dass sein Onkel mütterlicherseits, der Bischof von Ermeland, sich um ihn kümmerte und ihm später einen Domherrnstuhl im Domkapitel von Frauenburg verschaffte. Von 1495 bis 1505 verbrachte Kopernikus die meiste Zeit in Italien. Dort hatte sich in der Renaissancezeit die Astronomie stark entwickelt. In Florenz entstand unter den Medici die erste Akademie nach platonischem Vorbild. Es wurden Sternwarten errichtet und Lehraufgaben geschaffen. Auch Nikolaus von Kues hatte in Italien Anregungen erhalten und diese von dort nach Deutschland übertragen. Diesem Vorbild folgte Kopernikus, indem er sich in Italien fast ein Jahrzehnt lang in der praktischen Astronomie weiterbildete. Doch von diesem langen Abschnitt seines Lebens, der für die Entwicklung seiner wissenschaftlichen Vorstellungen zweifellos von großer Bedeutung war, ist nur sehr wenig überliefert. Auch über die astronomischen Hilfsmittel, die Kopernikus verwendete, weiß man nur wenig. Jedenfalls verfügten sie nicht über einen hohen Grad an Genauigkeit. Wie die astronomischen Instrumente in der Zeit Kopernikus’ aussahen, erfahren wir aus dem „Instrumentenbuch“, das der Astronom Apian um 1500 zu jener Zeit verfasste. Die Idee, die seinem System zugrunde liegt, kam Kopernikus, sobald er im Blütealter selbstständig forschend zur Natur vortrat. Diese Idee zu verfolgen und zu begründen, erschien ihm als eine Aufgabe, die es wert war, sein ganzes übriges Leben der stillen Forschungsarbeit zu widmen. Seit seiner Rückkehr aus Italien im Jahr 1505 bis zu seinem Tod am 24. Mai 1543 blieb er daher, abgesehen von einigen kurzen Reisen, in seinem Bistum. Ein ruhiges Leben führte Kopernikus in dieser Zurückgezogenheit jedoch nicht. Die Zeit, die ihm die mit dem Domherrnstuhl verbundenen Pflichten ließen, widmete er der Armenfürsorge in Frauenburg sowie der sorgfältigen Ausarbeitung jenes großen Werkes, in dem er seine Theorie sowie die jahrelangen Beobachtungen, auf denen sie beruhte, darlegte.

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Das für die neuere Astronomie grundlegende Hauptwerk des Kopernikus erhielt den Titel „Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper“. In der an den Papst gerichteten Vorrede wird der Anlaß zu dem Werk und seine Geschichte mitgeteilt. Wir erfahren daraus, dass der Text „bis ins vierte Jahrhundert hinein“ verborgen blieb, bis er zur Veröffentlichung kam. Obwohl Kopernikus um das Jahr 1530 die Entwicklung der heliozentrischen Lehre abgeschlossen hatte, zögerte er, seine Ansichten der Öffentlichkeit mitzuteilen. „Die Verachtung“, sagt er, „die ich wegen der Neuheit und der scheinbaren Widersinnigkeit meiner Meinung zu befürchten hatte, bewog mich fast, das fertige Werk beiseitezulegen.“ Doch hatten befreundete Astronomen sowie Geistliche, die sich mit Astronomie beschäftigten, Kenntnis vom Werk erlangt. Auf ihren Druck hin leistete Kopernikus zunächst nicht nur aus dem erwähnten Grund Widerstand gegen die Veröffentlichung, sondern zögerte auch, weil er den Wunsch hegte, etwas wirklich Besseres an die Stelle des Bestehenden zu setzen. Ihm lag vor allem daran, der beobachtenden Astronomie einen Dienst zu erweisen und ihr das neue Theoriegebäude in einem so perfekten Zustand zu übergeben, dass es das alte, mit den praktischen Bedürfnissen eng verbundene System ersetzen konnte. Von einem vollständigen Erfolg war Kopernikus, wie er wohl selbst am besten wusste, jedoch noch weit entfernt. Wahrscheinlich ahnte er auch, welchen Sturm sein Versuch auslösen würde – schließlich ging es darum, einer seit Jahrtausenden heiligen Ansicht den Boden zu entziehen und an ihre Stelle eine neue Lehre zu setzen, die der bis dahin den wesentlichen Teil der Welt ausmachenden Erde nur eine bescheidene Stelle unter zahllosen Körpern, ja sogar höheren Ranges, einräumte. Ganz zu schweigen von der Gefahr, dass eine solche Neuerung als ketzerisch verurteilt werden könnte. Erst ein Jahr vor seinem Tod gelang es, Kopernikus zur Veröffentlichung seiner „Kreisbewegungen“ zu bewegen. Osiander, der den in Nürnberg stattfindenden Druck des Buches überwachte, hielt es – ohne von Kopernikus dazu autorisiert zu sein – für angebracht, in einer besonderen Einleitung das Ganze als bloße Hypothese darzustellen. Wenn die Wissenschaft Hypothesen entwickelt, dann behauptet sie damit keineswegs, dass man davon bereits überzeugt sein müsse; sie möchte lediglich eine Grundlage für ihre Berechnungen schaffen. Hypothesen benötigen also

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Es ist nicht einmal wahrscheinlich. Es genüge vielmehr, dass sie eine Rechnung ermöglichen, die zu den Beobachtungen passt. Mit diesen Ausführungen hat Osiander dasjenige, was wir heute als bloße Arbeitshypothese bezeichnen, durchaus richtig gekennzeichnet. Dass eine Abschwächung seiner Lehre jedoch keineswegs im Sinne des Verfassers lag, geht aus der von Kopernikus stammenden Vorrede deutlich genug hervor. Er sei, so sagt er, entgegen der Meinung der Astronomen, ja fast gegen den gesunden Menschenverstand dazu gekommen, sich eine Bewegung der Erde vorzustellen. Zu dieser Annahme habe ihn der Umstand veranlasst, dass die Astronomen bei ihren Untersuchungen sich über die Bewegungen der Himmelskörper keineswegs einig seien und die Gestalt der Welt sowie die Symmetrie ihrer Teile bis dahin noch nicht hatten ermitteln können. Zur Erklärung der astronomischen Erscheinungen wurden die verschiedensten Arten von Bewegungen angenommen; die einen bedienten sich nur konzentrischer, die anderen exzentrischer und epizyklischer Kreise. Doch wurde dadurch das Angestrebte nicht erreicht. Schließlich fand er durch zahlreiche und fortgesetzte Beobachtungen heraus, dass, wenn die Bewegungen der übrigen Himmelskörper auf einen Kreislauf der Erde bezogen und dieser dem Kreislauf jedes Sterns zugrunde gelegt würde, nicht nur die Erscheinungen der Himmelskörper daraus folgten, sondern auch die Gesetze und Größen der Sterne sowie ihre Bahnen so miteinander verbunden wären, dass in keinem Teil des Systems ohne Verwirrung der übrigen Teile und des gesamten Universums etwas geändert werden könnte. Die Astronomen sollten die neue Lehre prüfen – und er zweifelte nicht daran, dass sie ihm zustimmen würden. Damit jedoch Gelehrte wie Laien sahen, dass er keineswegs vor irgendjemandes Urteil zurückschreckte, wollte er sein Werk lieber dem Papst als irgendeinem anderen widmen.
Die Anregung zu seinem System erhielt Kopernikus offensichtlich aus den Schriften der Alten. Nachdem er über die Unzulänglichkeiten der bestehenden Theorien nachgedacht hatte, durchforstete er alle Schriften, die er in die Hände bekommen konnte, um herauszufinden, ob vielleicht jemand schon einmal andere Ansichten als die vorherrschenden über die Bewegungen der Himmelskörper geäußert hatte. Zunächst fand er bei Cicero, dass Niketas glaubte, die Erde bewege sich. Später fand er auch bei Plutarch, dass andere ebenfalls dieser Ansicht gewesen seien. Dadurch angeregt, begann er, über die Bewegung der Erde nachzudenken – obwohl diese Ansicht ihm zunächst selbst unsinnig erschien.

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Währenddessen fand Kopernikus bei den Alten nicht nur unbestimmte Ansichten, sondern auch einen recht brauchbaren Ansatz für seine Theorie. Ihm war nämlich die Ansicht einiger alter Schriftsteller begegnet, dass Venus und Merkur sich um die Sonne als ihren Mittelpunkt bewegten und deshalb nicht weiter von ihr entfernt werden konnten, als es die Kreise ihrer Bahnen erlaubten. Kopernikus nennt Martianus Capella (5. Jahrhundert n. Chr.) als seinen Gewährsmann. Bei ihm heißt es: „Venus und Merkur bewegen sich nicht um die Erde, die nicht für alle Planetenbahnen den Mittelpunkt bildet, wenngleich sie unzweifelhaft der Mittelpunkt der Welt ist. Beide Planeten gehen zwar täglich auf und unter, sie bewegen sich aber um die Sonne. In dieser, die viel größer als die Erde ist, haben sie ihren Bahnmittelpunkt.“ Martianus Capella verlegte, ebenso wie andere Berichterstatter, den Ursprung der erwähnten Lehre nach Ägypten. Neuere Forschungen haben jedoch den Beweis geliefert, dass sie auf Herakleides Pontikos, einen Schüler Platons, zurückzuführen ist. Herakleides war auch darin ein Vorgänger von Kopernikus, dass er die tägliche, scheinbare Bewegung der Himmelskugel aus einer Drehung der Erde von West nach Ost erklärte. Ihre Fortsetzung fanden diese Lehren durch Aristarch von Samos. Aristarch setzte die Sonne, die er für 300 Mal so groß wie die Erde hielt, in den Mittelpunkt und ließ die Erde sich in jährlichem Umlauf um die Sonne bewegen. Die heliozentrische Weltanschauung war dem Altertum also wohl bekannt. Sie fand sogar den Beifall vieler, trug indes ihrem Urheber, ganz ähnlich, wie es später den ersten erklärten Anhängern des kopernikanischen Systems erging, von gegnerischer Seite eine Anklage wegen Gottlosigkeit ein. Doch konnte die heliozentrische Theorie im Altertum nicht richtig Wurzel schlagen, da sie noch nicht in der Lage war, den Anforderungen der praktischen Astronomie zu genügen. Letztere sah ihre Aufgabe ja weniger darin, die beobachteten Bewegungen der Sonne, des Mondes und der Planeten zu erklären, als sie genau zu messen und im Voraus zu bestimmen. Indem nun Kopernikus von der Ansicht des Martianus Capella ausging und Saturn, Jupiter und Mars auf denselben Mittelpunkt, die Sonne nämlich, bezog, gleichzeitig aber die große Ausdehnung der Bahnen der genannten Planeten berücksichtigte, die außer den Bahnen von Merkur und Venus auch die der Erde umfassen, gelangte er zu seiner Erklärung der Planetenbewegung. Es stehe nämlich fest, führt er weiter aus, dass Saturn, Jupiter und Mars der Erde immer dann am nächsten seien, wenn sie

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am Abend untergingen, d.h. wenn sie in Opposition zur Sonne standen, oder die Erde sich zwischen ihnen und der Sonne befand. Im Gegensatz dazu seien Mars und Jupiter am weitesten von der Erde entfernt, wenn sie am Abend untergingen, wir also die Sonne zwischen ihnen und der Erde hätten. Dies beweise hinreichend, daß der Mittelpunkt ihrer Bahn die Sonne und somit derselbe sei, um den auch Venus und Merkur kreisen. Da somit alle Planeten sich um einen Mittelpunkt bewegen, sei es notwendig, daß der Raum, der zwischen dem Kreise der Venus und dem des Mars übrig bleibe, die Erde mit dem sie begleitenden Mond aufnehme. Er scheue sich daher nicht, zu behaupten, daß die Erde mit dem sie umkreisenden Mond zwischen den Planeten einen großen Kreis in jährlicher Bewegung um die Sonne durchlaufe. Auf solche Weise finde die Bewegung der Sonne in der Bewegung der Erde ihre Erklärung. Die Welt aber sei so groß, daß die Entfernung der Planeten von der Sonne, mit der Fixsternsphäre verglichen, verschwindend klein sei. Er halte dies alles für leichter begreiflich, als wenn der Geist durch eine fast endlose Menge von Kreisen verwirrt werde, was diejenigen herbeiführten, welche die Erde in den Mittelpunkt der Welt setzten.

Abb. 62. Das kopernikanische Weltbild.
(Aus Kopernikus’ Werk über die Bewegung der Weltkörper.)

Kopernikus führt dann die oben wiedergegebene Abbildung (62) seines Weltbildes ein und erklärt sie mit den folgenden Worten: „Die erste und höchste von allen Sphären ist diejenige der Fixsterne, die sich selbst und

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Alles Übrige ist darin enthalten und daher unbeweglich. Danach kommt der äußerste Planet, Saturn907, der in 30 Jahren seine Bahn vollendet; darauf Jupiter mit einer zwölfjährigen Umlaufzeit; dann Mars, der in zwei Jahren seine Bahn beschreibt. Den vierten Platz nimmt der jährliche Kreislauf ein, in dem die Erde mit ihrer Mondbahn enthalten ist. An fünfter Stelle kreist Venus in neun Monaten. Den sechsten Platz nimmt Merkur ein, der in einem Zeitraum von 80 Tagen seinen Umlauf vollendet. In der Mitte all dessen steht jedoch die Sonne. Denn wer möchte in diesem schönsten Tempel dieses Licht an einen anderen oder besseren Ort setzen?

Tatsächlich lenkt die Sonne, die auf dem königlichen Thron sitzt, die um sie kreisende Familie der Gestirne. In dieser Anordnung finden wir also eine harmonische Verbindung, wie sie anderswo nicht zu finden ist. Hier kann man erkennen, warum das Vor- und Zurückgehen bei Jupiter größer erscheint als bei Saturn und kleiner als bei Mars – und wiederum bei Venus größer als bei Merkur. Außerdem: Warum sind Saturn, Jupiter und Mars, wenn sie abends aufgehen, der Erde näher als bei ihrem Verschwinden in den Strahlen der Sonne? Vorzüglich erscheint Mars, wenn er nachts am Himmel steht, in seiner Größe dem Jupiter gleich zu sein, während er kurz darauf unter den Sternen zweiter Größe zu finden ist. All dies ergibt sich aus derselben Ursache, nämlich aus der Bewegung der Erde. Dass an den Fixsternen nichts davon sichtbar wird, ist ein Beweis für die unermessliche Entfernung dieser Sterne – eine Entfernung, die selbst die Bahn der Erde oder ihr Abbild am Himmel für unsere Augen unsichtbar macht908.

Die Grundlagen seines Systems hat Kopernikus am klarsten in einem „kurzen Überblick“909 niedergeschrieben, den er wahrscheinlich schon bald nach 1530 verfasste. Er fasst diese Grundlagen in den folgenden Sätzen zusammen:

1. Es gibt nur einen Mittelpunkt für die Gestirne und ihre Bahnen.
2. Der Mittelpunkt der Erde ist nicht auch der Mittelpunkt der Welt, sondern nur für die Mondbahn und für die Schwerkraft.
3. Alle Planeten bewegen sich um die in der Mitte ihrer Bahnen stehende Sonne. In sie fällt somit auch der Mittelpunkt der Welt.
4. Die Entfernung zwischen Erde und Sonne ist im Vergleich zum Durchmesser des Fixsternhimmels vernachlässigbar klein.

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5. Was als Bewegung am Himmel erscheint, rührt von einer Bewegung der Erde her. Sie dreht sich nämlich täglich vollständig um ihre Achse. Dabei behalten ihre beiden Pole stets dieselbe Lage bei.
6. Was uns als Bewegung der Sonne erscheint, rührt ebenfalls nicht von diesem Himmelskörper selbst her, sondern von der Erde und ihrer Bahn, in der sie sich um die Sonne genauso bewegt wie die anderen Planeten.
7. Das Vorrücken und Zurückbleiben der Planeten ist nicht ihre eigene Bewegung, sondern nur eine Folge der Erdbewegung.

Wie die ältere, so entsprach auch die neuere, von Kopernikus entwickelte Theorie den Beobachtungen bei weitem nicht in dem Maße, wie ihr Begründer anfangs hoffen mochte. Der Grund dafür lag darin, dass er genauso wie die Alten daran festhielt, die Bewegung der Himmelskörper erfolge gleichmäßig und in Kreisen. Aristoteles hatte dies gelehrt. Für ihn und alle, die sich nach ihm mit der Astronomie beschäftigten – einschließlich Kopernikus – war dies eine von vornherein feststehende Tatsache. Die Welt ist kugelförmig, die Erde ist ebenfalls kugelförmig, die Bewegung der Himmelskörper erfolgt gleichmäßig, ununterbrochen und in Kreisen. So lauteten die Überschriften der wichtigsten Abschnitte des kopernikanischen Werkes. Und warum ist das so? Weil Kreis und Kugel die vollkommensten Formen sind und es keinen Grund für eine ungleichmäßige Bewegung gibt, lautet die Antwort. Auch Kepler war, wie wir sehen werden, anfangs von diesem Vorurteil beeinflusst. Ihm gelang es jedoch, sich davon zu befreien. Als er erkannte, dass die Beobachtungen nicht mit den herkömmlichen Ansichten übereinstimmten, stellte er die Annahme auf, dass sich die Planeten nicht in Kreisen, sondern in Ellipsen bewegen und dass ihre Bewegung ungleichmäßig ist. Nun waren alle Widersprüche, in denen sich die heliozentrische Theorie gegenüber den Beobachtungen befand, beseitigt, und diese Theorie wurde dadurch erst lebensfähig. Was ihr Begründer besonders gut erklären konnte, waren vor allem das scheinbare Zurückbleiben und Stillstehen der Planeten sowie die Veränderungen in der scheinbaren Größe dieser Himmelskörper – insbesondere beim Mars. Zur Erklärung anderer Unregelmäßigkeiten blieb jedoch nichts anderes übrig, als auf die Epizyklentheorie zurückzugreifen, wobei die Sonne weiterhin als Mittelpunkt des gesamten Systems angesehen wurde.

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Wir erkennen, dass eine neue Wahrheit bei ihrer Entdeckung selten vollendet ist. Sie geht gewöhnlich nicht aus dem Gehirn eines Einzelnen, sondern als Errungenschaft des Geistes einer Zeit aus den Bemühungen mehrerer, oft sogar zahlreicher Forscher und Denker hervor.

Aufnahme und Ausbreitung der heliozentrischen Lehre.

Für die Richtigkeit seines Weltbildes konnte Kopernikus noch keine überzeugenden Beweise, sondern lediglich die größere Einfachheit anführen. Dem Einwand, dass sich die jährliche Bewegung der Erde in einer scheinbaren Veränderung der Positionen der Fixsterne zeigen müsse, wusste er nur dadurch zu begegnen, dass er diese Himmelskörper in eine so große Entfernung rückte, dass der Durchmesser der Erdbahn im Vergleich dazu vernachlässigbar klein wurde. Das Einzige, was Kopernikus den Angriffen seiner Gegner entgegensetzen konnte, waren Gründe der Vernunft. „Es ist“, sagt er, „wahrscheinlicher, dass die Erde sich um ihre Achse dreht, als dass alle Planeten mit ihren unterschiedlichen Entfernungen, alle umherirrenden Kometen sowie das unendliche Heer der Fixsterne dieselbe regelmäßige, vierundzwanzigstündige Bewegung um die Erde ausführen.“ Eigentliche Beweise, sowohl für die Rotation als auch für die Umlaufbewegung der Erde, wurden erst in späteren Jahrhunderten gefunden und damit die kopernikanische Lehre zum Rang einer unumstößlichen Wahrheit erhoben. Neben ihrer Einfachheit konnte Kopernikus für seine Theorie – genauso wie Aristarch – auch den Umstand anführen, dass die Sonne der weitaus größere Himmelskörper sei. Das Größenverhältnis von Mond, Erde und Sonne beträgt laut Kopernikus 1 : 43 : 693. Zudem schätzte Kopernikus die Entfernung zur Sonne aufgrund von Beobachtungen, die nach dem von Aristarch entwickelten Verfahren durchgeführt wurden, auf 1197 Erddurchmesser. Auch dieses Ergebnis lag weit unter der Wahrheit. Erst im 18. Jahrhundert gelang es durch Messungen, die die Vorbeizüge der Venus vor der Sonnenscheibe untersuchten, einen zuverlässigen Wert für dieses grundlegende Maß in der Astronomie zu ermitteln. Dieser überstieg den von Kopernikus angegebenen Wert fast um das Zwanzigfache.

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Das Erscheinen der „Kreisbewegungen“, deren erster Druckbogen Kopernikus noch auf dem Sterbebett gelesen haben soll, veranlasste keineswegs einen solchen Aufruhr unter den Gelehrten, wie man es angesichts der Bedeutung der darin ausgesprochenen Ansichten wohl hätte erwarten können. Dies hatte mehrere Gründe. Die zeitgenössische Astronomie beachtete die Neuerung kaum. Mit Ausnahme einiger kopernikanisch gesinnter Astronomen hielt man an der ptolemäischen Lehre fest, zu der man außerdem in jener Zeit, die noch keine Lehrfreiheit kannte, verpflichtet war. Zudem gaben die dem neuen System noch anhaftenden Unvollkommenheiten den berufsmäßigen Astronomen, denen der praktische Nutzen entscheidend sein musste, ein gewisses Recht, zunächst das Gewohnte beizubehalten. Schließlich brachte das heliozentrische System dem berechnenden Astronomen zunächst kaum nennenswerte Vorteile. Kopernikus hatte es verstanden, seine Neuerung auf eine weitegehend polemikfreie Weise darzulegen und jegliches Übertragen auf das Gebiet biblischer und religiöser Vorstellungen zu vermeiden. So kam es, dass auch die Kirche, die von einer astronomischen Neuerung wohl eine Verbesserung ihres Kalenders erwartete, das Buch, dem ja sogar eine Widmung an den Papst vorausging, duldete und dem Widerspruch, der aus Sicht des starren Wortglaubens gegen die biblische Überlieferung gerichtet war, keine Bedeutung beimaß.

„Es scheint mir“, schrieb Kopernikus in jener Widmung, „dass die Kirche aus meinen Arbeiten einige Nutzen ziehen kann. Unter Leo X. war schließlich eine Verbesserung des Kalenders nicht möglich, weil die Länge des Jahres sowie die Bewegung der Sonne und des Mondes nicht genau bestimmt waren. Ich habe versucht, diese genauer zu bestimmen. Was ich dabei erreicht habe, überlasse ich dem Urteil Eurer Heiligkeit sowie der gelehrten Mathematiker.“ Der breiten Masse, selbst den Gebildeten, mangelte angesichts der damals herrschenden Unwissenheit in naturwissenschaftlichen Dingen völlig die Fähigkeit, mit eigenem Urteil zur neuen Lehre zu stehen. Deshalb lässt sich Luthers Aussage gut entschuldigen, der meinte: „Der Narr will die ganze Astronomie umkehren. Doch die Heilige Schrift sagt uns, dass Josua die Sonne anhalten ließ und nicht die Erde.“ Dass diese Neuerung im Bereich der Astronomie der Kirche schaden oder gar das religiöse Gefühl beeinträchtigen könnte, daran hat Luther wohl kaum gedacht. Etwas ängstlicher war bereits Melanchthon, der auch mehr Verständnis für das Unerhörte zeigte.

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Er selbst besaß diese Neuheit. Selbst ein eifriger Astrologe hatte das Gebäude der damaligen Astronomie in seinem Lehrbuch der Physik dargestellt. Die neue heliozentrische Ansicht hielt er für so gottlos, dass er deren Unterdrückung empfahl912. Auch der viel später lebende Francis Bacon, den übertriebene Beschreibungen als den Begründer der neueren Naturwissenschaft gefeiert haben, war ein ausgesprochener Gegner von Kopernikus – und zwar zu einer Zeit, als die Frage nach der Richtigkeit des heliozentrischen Systems die Gemüter bewegte. Erst in der Zeit Galileis nahm die Kirche zu dieser Frage eine entschiedene Haltung ein und verbot die „Kreisbewegungen“. Das entsprechende Dekret stammt aus dem Jahr 1616 und wurde erst 1822 offiziell aufgehoben, nachdem sein Bestehen jedoch fast in Vergessenheit geraten war. Es lautet: „Die heilige Kongregation913 hat in Erfahrung gebracht, dass die falsche, der Heiligen Schrift völlig widersprechende Lehre der Pythagoreer, von der Bewegung der Erde, wie sie Kopernikus und einige andere vorgebracht haben, gegenwärtig verbreitet und vielfach angenommen wird. Damit eine solche Lehre nicht zum Schaden der katholischen Wahrheit sich ausbreitet, beschloss die heilige Kongregation, dass die Bücher von Kopernikus sowie alle anderen, die dasselbe lehren, bis zur Besserung verboten werden müssen. Sie werden daher durch dieses Dekret verboten und verdammt.“ Zu den ersten Anhängern der kopernikanischen Lehre gehörte der Dominikanermönch Giordano Bruno914, Spinozas Vorgänger bei der Begründung einer pantheistischen Weltanschauung. Durch seinen intuitiven Blick erweiterte sich für ihn das Sternenhimmelsgewölbe zu einem in Raum und Zeit unendlichen Universum. Bruno war außerdem der Erste, der die Fixsterne als Sonnen sowie als Zentren unzähliger, unserem ähnlicher Planetensysteme ansah. Er hat vieles intuitiv vorausgesehen, was erst in späteren Zeiten durch Beobachtungen bestätigt werden konnte. So nahm er an, dass nicht nur die Erde, sondern auch die Sonne um ihre Achse rotiert. Von der Erde behauptete er, dass sie an den Polen abgeplattet sein müsse. Die Präzession der Tag- und Nachtgleichen erklärte er mit folgenden Worten: „Bei den unberechenbar vielfältig miteinander verknüpften Bewegungen der Himmelskörper kann es nicht ausbleiben, dass auch die scheinbar festesten Punkte ihre gegenseitige Position allmählich verändern. Die Erde wird somit ihre Position zum Himmelspol ändern915.“ Die Kometen betrachtete Bruno als…

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eine besondere Gattung der Planeten. Da die Kometen ganz ohne Regel erschienen, so sei auch die Zahl der unseren Sonne umkreisenden Planeten noch nicht festgestellt916. Die Welten und die Weltsysteme endlich sind nach Bruno stetigen Änderungen unterworfen. Ewig ist nur die der Welt zu Grunde liegende schaffende Energie. Darin spricht sich schon eine gewisse Ahnung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie aus. Brunos lange als Schwärmerei betrachtete Lehre von der Beseeltheit nicht nur der All-Materie, sondern auch der individuellen Beseeltheit der einzelnen Weltkörper hat neuerdings Fechner zur Anerkennung zu bringen gesucht. Daß die Erde selbst ein lebendes Wesen ist, schloß Bruno aus ihrer Bewegung und daraus, daß sie lebende Wesen hervorbringt. Auch die übrigen Weltkörper sind belebt und ein Schauplatz des Lebens. Daß sich letzteres in denselben Formen wie auf der Erde offenbart, darf man allerdings nicht annehmen.
Man hat Bruno als den ersten monistischen Philosophen der neueren Zeit zu betrachten. In seinen Schriften kam die geistige Eigenart der italienischen Renaissance besonders zum Ausdruck. Der Lebensauffassung jener Zeit entsprach auch seine, im Gegensatz zum Christentum stehende Lehre vom heroischen Affekt. Die neue astronomische Ansicht, die sich ihm und den Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im Sinne der „Schönheitsherrlichkeit der Welt“ verwertet917.
Giordano Brunos Reformation des Himmels: Lo spaccio (Die Vertreibung) della bestia trionfante (verdeutscht und erläutert von L. Kuhlenbeck, Leipzig 1889), ist eine Moralphilosophie, die an die Betrachtung der wichtigsten Sternbilder anknüpft. Die in italienischer Sprache erschienenen Werke Brunos gab P. de Lagarde (Göttingen 1888) heraus. Die astronomische Weltanschauung betrifft besonders das Werk Del infinito Universo et de i mondi918. Einige charakteristische Sätze aus diesem Werk mögen uns noch etwas eingehender mit Brunos Vorstellungen vertraut machen: „In dem unermeßlichen zusammenhängenden Raum, der alles in sich hegt und trägt, gibt es unzählige, dieser Welt ähnliche Weltkörper. Von ihnen ist der eine nicht mehr in der Mitte des Universums als der andere. Als unendliches All ist es ohne Mitte und ohne Umfang. Wie um unsere Sonne sieben Wandelsterne kreisen, so gibt es weitere Sonnen, die Mittelpunkte für andere Planetensysteme sind. Jeder dieser Weltkörper dreht sich um sein eigenes Zentrum. Trotzdem erscheint er seinen

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Den Bewohnern erscheint es als eine unbewegliche Welt, um die sich alle übrigen Gestirne drehen. In Wirklichkeit gibt es so viele Welten wie wir Fixsterne sehen. Sie befinden sich alle in dem einen Himmel, dem einen Allumfassenden, wie unsere Welt, die wir bewohnen.«
Dass es unendlich viele Einzelwelten geben muss, folgert Bruno aus dem Wesen Gottes, dem er ein unendliches Können zuschreibt.

Astronomie und wissenschaftliche Erdkunde.

In engster Beziehung zur Astronomie hat sich die wissenschaftliche Erdkunde, d. h. eine Erdkunde, die mehr sein wollte als eine bloße Beschreibung der Länder und ihrer Erzeugnisse, entwickelt. Sie fand in dem auf Kopernikus folgenden Zeitalter in Deutschland einen hervorragenden Vertreter in Gerhard Kremer oder Mercator, wie er sich selbst, nach damaliger Sitte seinen Namen latinisierend, nannte, und in Sebastian Münster.
Münster verfasste eine „Cosmographia, Beschreibung aller Länder“. Die darin enthaltenen Karten haben die Grundlage gebildet, von der die Kartographie in Deutschland ihren Ausgang nahm.
Mercator wurde 1512 in einem flandrischen Städtchen geboren, wo sich seine, aus Jülich stammenden Eltern vorübergehend aufhielten. Als Arbeitsfeld wählte er, angeregt durch Gemma Frisius, mit dem er während seiner Studienzeit verkehrte, die mathematische Geographie, als deren Neubegründer er von vielen Seiten anerkannt wurde. Mit der Anfertigung von Landkarten, Globen und astronomischen Instrumenten erwarb sich Mercator seinen Unterhalt. Von 1552 bis zu seinem 1594 erfolgten Tod lebte er in Duisburg, wo er neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit mathematisches Unterricht am Gymnasium erteilte.
Sein erstes größeres Werk war ein Erdglobus, auf dessen Herstellung er ein Jahr und ein halbes Jahr verwendet hatte. Zehn Jahre später (1551) lieferte Mercator einen großen Himmelsglobus. Zu seinen Verehrern zählte auch Karl V. Dieser Monarch nahm an den Fortschritten der Astronomie und Geographie ein so lebhaftes Interesse, dass er während der Belagerung einer

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Eine Festung – mit Apianus konnte man über diese Wissenschaften sprechen, während die Kugeln rechts und links von ihnen einschlugen. Mit Apianus und Mercator beginnt für die Kartografie eine neue Zeit. Vor ihnen hatte man sich mit einem Abschätzen der Entfernungen und mit Itinerarien begnügt sowie sich abgemüht, das neu erworbene Wissen mit dem des Ptolemäos in Einklang zu bringen. Jetzt entstanden Karten, die auf genaueren Vermessungen beruhten. Unter diesen sind vor allem Apians 923 „Bayrische Landtafeln“ zu nennen. Sie erschienen 1568 auf 24 Blättern (Holzschnitt; Maßstab 1 : 144000) und gelten als das topografische Meisterwerk des 16. Jahrhunderts. Kein Land wurde in jener Zeit mit gleichem Treue dargestellt. Was Apian für ein engbegrenztes Stück der Erde leistete, strebte der belgische Geograph Ortelius 924 für den gesamten Erdkreis an. In seinem „Theatrum orbis terrarum“ (53 Karten in Kupferstich, Antwerpen 1570) schuf er ein Werk, das sich von Ptolemäos freimachte. Die Mehrzahl jener von Ortelius herausgegebenen 53 Karten war nach den besten Arbeiten anderer Kartographen verfertigt. Fast zu selben Zeit (1569) vollendete Mercator seine große Weltkarte. Es war dies ein für die Geschichte der Erdkunde und der Nautik hochbedeutsames Ereignis. Von diesem Zeitpunkt, sagt Mercators Biograph, datiert die Reform der Kartografie, die kein zweites Werk von gleichem Bedeutung zu verzeichnen hat. Die Vorschriften, die Mercator den Seefahrern für die Nutzung seiner Karte gab, gelten auch heute noch925. Ein für jene Zeit großes Verdienst erwarb sich Mercator dadurch, daß er die damals noch in hohem Ansehen stehende Geographie des Ptolemäos an Stelle der ungenauen Karten älterer Geographen mit Karten versah, die sich den Angaben des Ptolemäos genau anschlossen. Eine Sammlung von Karten europäischer Länder vereint mit Karten einzelner Erdteile und Übersichten der ganzen Erde veranstaltete Mercator mit seinem Sohn926. Sie erschien 1595 unter dem von Mercator gewählten Titel „Atlas“927, der seitdem für derartige Sammlungen gang und gäbe geblieben ist. Die Grundsätze der Kartografie entwickelte Mercator 928 so klar, wie es keiner vor ihm vermocht hatte. Er war der erste, der die Bedingungen, die jede Projektionart voraussetzt, genauer untersuchte, und den Begriff

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die Konformität herstellte, d.h. die Forderung, dass eine ebene Figur die größtmögliche Ähnlichkeit mit der Kugeloberfläche erhalten müsse. Da die Alten immer nur Teile der Erdoberfläche darzustellen hatten und ihre Projektionsmethoden dieser Aufgabe anpassten, stand Mercator, als es darum ging, die ganze Erde kartografisch darzustellen, vor einer völlig neuen Aufgabe. Er löste sie durch das nach ihm benannte Verfahren auf die trefflichste, für den Gebrauch geeignetste Weise. „Wenn“, sagt Mercator in der Erläuterung, die er seiner Weltkarte hinzufügt, „von den vier Beziehungen, die zwischen zwei Orten in Ansehung ihrer gegenseitigen Lage stattfinden, nämlich Breitenunterschied, Längenunterschied, Richtung und Entfernung, auch nur zwei berücksichtigt werden, so treffen auch die übrigen genau zu, und es kann nach keiner Seite hin ein Fehler begangen werden, wie dies bei den gewöhnlichen Seekarten so vielfach und zwar umso mehr, je höher die Breiten sind, der Fall sein muss.“ Mercator erzielte diesen Vorteil dadurch, dass er die Erdoberfläche auf einen den Erdball in der Ekliptik berührenden Zylinder projizierte, dessen Achse der Erdachse parallel ist. Die Ausdehnung, die dadurch die Längengrade in Richtung der Pole erfahren, wird durch eine in demselben Verhältnis stattfindende Ausdehnung der Breitengrade ausgeglichen. Eine solche Karte ist winkeltreu, d.h. sie gibt die Winkel so wieder, wie sie auf der Erdoberfläche erscheinen; sie wahrt auch die Formähnlichkeit (Konformität) der Landformen, ist jedoch nicht flächengetreu, da ihr Maßstab mit der Entfernung vom Äquator zunimmt.

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12. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der anorganischen Naturwissenschaften.
Wie im Bereich der Astronomie zeigte sich auch in den übrigen Bereichen der Naturwissenschaften im 16. Jahrhundert das Bestreben, die Fesseln der Autorität zu sprengen und Beobachtung sowie Nachdenken an ihre Stelle zu setzen. Eine zweite epochale Leistung, die neben der von Kopernikus gestellt werden könnte, haben wir in dieser Periode jedoch nicht zu verzeichnen.
Als Physiker ist unter den Zeitgenossen von Kopernikus vor allem Maurolykus (1494–1575) zu nennen. Er lehrte in Messina und stammte aus einer jener Familien, die nach der Eroberung Konstantinopels diese Stadt verlassen hatten, um den Verfolgungen durch die Türken zu entgehen. Maurolykus machte sich um die Mathematik verdient, indem er in einem umfangreichen Sammelwerk alles zusammenfasste, was er selbst an mathematischem Wissen den griechischen und arabischen Schriftstellern verdankte. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich durch die Herausgabe der archimedischen Werke sowie von Schriften des Apollonios, dessen Lehre von den Kegelschnitten durch ihn sogar erweitert wurde. Sein mathematisches Können setzte Maurolykus außerdem im Bereich der Optik ein – ein Gebiet, das sich von jeher besonders für eine mathematische Behandlung eignete. Sein optisches Werk, das er „Über Licht und Schatten“ nannte, enthält viele Fortschritte sowie Korrekturen früherer Irrtümer. Maurolykus ist beispielsweise der erste Physiker, der die Wirkung der Linse im Auge erklärt, indem er darlegt, dass sich die Strahlen hinter der Linse schneiden. Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit führt er auf einen übermäßigen oder zu geringen Grad der Linsenkrümmung zurück. Auch wenn er damit nicht ganz das Wesen der Sache traf – denn heute gelten Unregelmäßigkeiten in den Abmessungen des Augapfels als Ursache dieser Mängel – so wurde doch ein theoretisches Verständnis der bereits seit dem 13. Jahrhundert verwendeten Brillen ermöglicht.

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Ein schönes Beispiel dafür, wie unterschiedlich ein und dasselbe Problem im aristotelischen Sinne sowie im Geiste der neueren, den wissenschaftlichen Prinzipien folgenden Epoche behandelt wurde, bietet die Erklärung des kreisförmigen Sonnenbildes. Es ist eine allgemein bekannte Erscheinung, dass die Sonnenstrahlen, die durch eine unregelmäßig geformte Öffnung senkrecht auf eine ebene Fläche fallen, dort ein kreisförmiges Bild erzeugen. Die Aristoteliker waren mit ihrer Erklärung, die die Unzulänglichkeit des durch keine ausreichende Induktion gestützten philosophischen Denkens aufzeigte, bald fertig. Sie schrieben dieses Phänomen einer „zirkulären Natur“ des Sonnenlichts zu, setzten also anstelle einer echten Erklärung ein Wort ein, das lediglich das beschrieb, was zu erklären war. Wenn man hingegen davon ausgeht, dass jeder Punkt der Sonnenoberfläche Licht abgibt und somit ein Bild in Form der Öffnung erzeugt, dann bilden die unzähligen, teilweise übereinanderliegenden Bilder insgesamt eine Flächenstruktur, die sich als Projektion des leuchtenden Körpers darstellt. Deshalb muss das Bild bei einer Sonnenfinsternis, entsprechend der Form der Sonnenscheibe, sichelförmig erscheinen – wie auch die Beobachtungen zeigen.
Die Erklärung des kreisförmigen Sonnenbildes durch die „zirkuläre Natur“ des Sonnenlichts ist ein gutes Beispiel für das, was man eine „verborgene Qualität“, eine „qualitas occulta“, nennt. Solche unbestimmten Begriffe verwendeten die Aristoteliker während des gesamten Mittelalters – oft schon wegen eines einzelnen Phänomens –, wenn sie keine Erklärung, die auf Fakten beruhte, liefern konnten.
Etwas später ist die Bedeutung des Italieners Johann Baptista Porta (1538–1615) zu nennen. Dieser Mann ist typisch für jenen Entwicklungsstand einer Disziplin, an dem sie noch nicht zu einer strengeren Wissenschaftlichkeit gelangt war. Bei Porta sowie seinen Zeitgenossen, die sich mit physikalischen und chemischen Fragen beschäftigten, findet man eine Mischung aus Richtigem und Falschem, aus Klarheit sowie Mystik und Aberglauben – etwas, das heute, da das Niveau der gesamten Bildung deutlich höher geworden ist, seltsam erscheint. Das Bestreben dieser Männer nach größerem Verständnis ging außerdem Hand in Hand mit einem geschäftstüchtigen Verhalten, durch das sie ihren eigenen Ruf sowie den ihrer Wissenschaft gegenüber ihren Zeitgenossen hervorheben wollten.

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Das Buch, in dem Porta, ganz dem Geschmacke seiner Zeit entsprechend, die Naturwissenschaften behandelt, ist „Die natürliche Magie“ betitelt932. Es ähnelt in manchen Teilen einem modernen Zauberbuch, da es dem Autor nicht selten darauf ankommt, den Leser zu unterhalten oder durch das Überraschende der Erscheinung in Verwunderung zu setzen. Wichtig ist, daß Porta in seinem Buche eine von ihm getroffene Verbesserung der Camera obscura beschreibt. Bis dahin hatte man bei diesem Apparat das Licht durch eine Öffnung auf einen dahinter befindlichen Schirm fallen lassen. Porta brachte in der vergrößerten Öffnung eine Linse an, wodurch die Bilder bedeutend an Schärfe gewannen933.
Von Interesse ist ferner eine von Porta herrührende Einrichtung, den Dampf zum Heben von Wasser zu nutzen. Das Wasser befindet sich in einem Gefäß; der Dampf drückt auf die Oberfläche des Wassers und treibt es durch ein heberartiges, bis auf den Boden dringendes Rohr aus dem Behälter heraus. Eine solche Vorrichtung, die gegen das Dampfrad Herons keinen wesentlichen Fortschritt bedeutet und daher nicht als erste Stufe der Dampfmaschine bezeichnet werden kann, ist nicht gerechtfertigt. Doch lässt sich nicht leugnen, dass man durch die von Heron und Porta beschriebenen Versuche mit der Wirkung gespannter Dämpfe vertraut wurde und dass dadurch der Gedanke, diese Wirkung auf die einfachen Maschinen der Mechanik zu übertragen, allmählich heranreifte. Erst von diesem Fortschritt an, den wir später betrachten werden, kann von einer eigentlichen Dampfmaschine die Rede sein.
Es zeigt sich hier wie auch bei Galilei und anderen Forschern, dass die Physik der Gase und der Flüssigkeiten im 17. Jahrhundert besonders infolge der Anregungen ausgebaut wurde, die man dem Altertum in Herons Schriften verdankte934. So schuf Porta eine „Pneumatik“, die zwar keine bloße Wiedergabe der „Pneumatik“ Herons ist, indessen auf ihn zurückgeht935. Auch Schwenter (s. folg. Seite) hat in seinen „Erquickstunden“ manche Angaben Herons, insbesondere diejenigen, die in Herons Druckwerken enthalten sind, verwertet. Dasselbe gilt von Schott, dem Freund Guerickes, und seiner 1657 erschienenen „Mechanica hydraulico-pneumatica“. Sogar de Caus, dem die Franzosen die Erfindung der Dampfmaschine zuschreiben möchten, geht auf Heron zurück936. Selbst die Wasserkünste der fürstlichen Gärten des 17. Jahrhunderts sind teilweise den von Heron ausgehenden Anregungen zu verdanken.

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Auch den magnetischen Erscheinungen wandte man jetzt eine größere Aufmerksamkeit zu. Indessen gerade dieses Gebiet wurde von Porta und Männern verwandten Geistes noch außerordentlich mit Mystik und Aberglauben verwebt. Mit der Deklination, deren Größe Porta für Italien gleich 9° östlich angibt, war man schon vor Columbus bekannt geworden. Letzterer machte die Beobachtung, dass sich die Deklination (sie war damals im ganzen Gebiet des Mittelmeeres östlich) bei einer Reise nach Westen verringerte und schließlich in eine westliche überging. Auf Grund dieser Erkenntnis suchte sich Columbus auf seiner zweiten Reise, wenn die Schiffsrechnung unsicher war, durch einen Vergleich der Deklinationen zu orientieren. Es war dies der erste, später oft wiederholte Versuch, die Deklination zur Auffindung der geografischen Länge zu nutzen. Eine brauchbare Lösung des Längenproblems, das schon Hipparch und Ptolemäos große Schwierigkeiten bereitet hatte, sollte jedoch nicht auf diesem Weg, sondern erst durch die Erfindung genauer Chronometer ermöglicht werden. Das zweite Element des tellurischen Magnetismus, die Erscheinung nämlich, dass die um eine horizontale Achse drehbare Nadel eine geneigte Lage einnimmt, hat zuerst der Engländer Norman genauer beobachtet. Er gab im Jahr 1576 die Größe dieser, als Inklination bezeichneten Neigung für London zu 71° 50' an. Auf die wechselnde Intensität des Erdmagnetismus wurde man dann gegen das Ende des 18. Jahrhunderts aufmerksam, so dass erst seit dieser Zeit eine allseitige, auch das Quantitative in der Erscheinung berücksichtigende Kenntnis dieser Naturkraft Platz greifen konnte.

Unter den Männern, die etwas später die Naturwissenschaften ganz im Geiste Portas behandelten, ist Daniel Schwenter zu nennen (geboren 1585; gestorben 1636 als Professor der Mathematik in Altdorf). Sein bekanntes Werk, „Die mathematischen und philosophischen Erquickstunden“, ist ein würdiger Seitenstück zu Portas „Magia naturalis“ und erscheint besonders geeignet, um den Standpunkt, den die Naturwissenschaften insbesondere in Deutschland vor der großen, durch Galilei, Kepler und ihre Mitarbeiter herbeigeführten Umwälzung einnahmen, erkennen zu lassen.

Bezeichnend ist zunächst, dass Schwenter es für notwendig hält, die Beschäftigung mit der Natur gegen den Vorwurf zu verteidigen, es handle sich dabei um eine unnütze, ja kindliche Tätigkeit. Ein Kind, sagt er, werfe

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Wahrscheinlich wirft man einen Stein ins Wasser und freut sich über die vielen Kreise – das sei eine kindliche Freude. Die Ursache dieses Phänomens nachzuweisen, sei hingegen keine Kindersache. Einige Beispiele mögen zeigen, wie unzureichend und unbestimmt die Ansichten waren, die man an der Schwelle des 17. Jahrhunderts noch hegte. So können wir den großen Fortschritt, den die Wissenschaft um jene Zeit durch die Einführung der induktiven Forschungsmethode erzielte, umso besser würdigen. Das gesamte Wissen Schwenters über die Fallbewegung ist in folgenden Sätzen enthalten: „Wenn ein Körper fällt, so bewegt er sich umso schneller, je näher er der Erde kommt. Je höher der Körper herabfällt, desto größer ist seine Geschwindigkeit. Denn alles, was schwer ist, strebt nach Ansicht der Philosophen ungestört zu seinem natürlichen Ort, d.h. zum Zentrum der Erde – genauso wie der Mensch, der in sein Vaterland zurückkehrt, umso begieriger ist, je näher er kommt, und daher umso schneller eilt. Hinzu kommt noch eine weitere natürliche Ursache: Die Luft, die von der Kugel geteilt wird, sammelt sich schnell wieder über der Kugel und treibt sie immer stärker an. Was jedoch bereits in Bewegung ist, lässt sich leicht weiter und schneller in Bewegung setzen.“ In diesen Ansichten ist kein Fortschritt gegenüber Aristoteles erkennbar – im Gegenteil, sie müssen als rein aristotelisch bezeichnet werden. Dasselbe gilt für Schwenters Auffassung von der Werfbewegung: Er setzt diese aus drei Bewegungen zusammen, die er als erzwungene, gemischte und natürliche Bewegung bezeichnet. Laut ihm treibt beispielsweise das Pulver die Kugel in einer erzwungenen Bewegung schräg nach oben, bis der höchste Punkt der Flugbahn erreicht ist. Danach beginnt, „nachdem eine solch heftige Bewegung fast ihr Ende findet, die gemischte Bewegung“. Schließlich wechselt die Kugel in die natürliche Bewegung über und fällt senkrecht auf die Erde. Aus dieser Theorie versucht Schwenter die Erfahrungstatsache abzuleiten, dass die größte Schussweite bei einem Winkel von 45° erreicht wird. Interessant sind auch seine Bemerkungen zum vertikalen Schuss: Dieser verleihe dem Geschoss weitaus mehr Kraft als der horizontale Schuss – „weil das Feuer von Natur aus nach oben strebt“. Wenn außerdem das Geschütz in die Höhe gerichtet wird, drückt die Kugel das Pulver zusammen und widersetzt sich somit stärker der Kraft des Pulvers. Dadurch wird verursacht, dass das Pulver gewissermaßen „zornig“ wird, bevor es die Kugel ausstößt. Schließlich wird eine schwere…

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Eine Kugel, die Widerstand leisten könnte, wird viel weiter getrieben als eine leichte, z. B. eine solche aus Holz, die keinen Widerstand leisten könnte. Die Tatsache, dass die Kugel bei einem senkrechten Schuss in der Nähe der Kanone wieder herunterfällt, wird als Beweismittel gegen die kopernikanische Lehre herangezogen: „Wenn die Kugel 2 Minuten in der Luft bleibt, müsste der Schusspulverbehälter inzwischen 30 deutsche Meilen zurückgelegt haben. Das ist unmöglich, denn dann würde man keine Kugel mehr finden.“ Die Kopernikaner, so Schwenter, seien zwar der Ansicht, dass sich die Luft zusammen mit der Erde bewegt – und zwar mit derselben Geschwindigkeit wie die Erde. Die emporgeworfene Kugel müsse daher von der Luft nicht weit vom Schusspulverbehälter entfernt herunterfallen. „Es ist jedoch“, fügt Schwenter hinzu, „nicht glaubwürdig, ja unmöglich, dass die Luft in der Lage ist, eine schwere Kugel in so kurzer Zeit 30 Meilen weit zu treiben.“ Diese Schwierigkeit stand der Annahme des kopernikanischen Systems somit noch 100 Jahre nach seiner Aufstellung im Weg. Sie konnte erst durch die allgemeine Anerkennung des Gesetzes der Trägheit beseitigt werden.

Im optischen Teil werden die Camera obscura, das Glasprisma, die Lichtbrechung sowie der Regenbogen behandelt. Obwohl Schwenter diesen auch an Springbrunnen sowie an mit Regentropfen bedeckten Spinnweben beobachtet hat, hält er ihn dennoch für ein übernatürliches Phänomen. Der Regenbogen ist für ihn „ein Spiegel, in dem der menschliche Verstand seine Unwissenheit am hellen Tag erkennen kann“. Die Physiker hätten „durch ihr vielfältiges Nachdenken nichts anderes darin gefunden, als dass sie noch das Wenigste, was in der Natur verborgen ist, falsch interpretiert hätten“.

Im Zusammenhang mit der von ihm für glaubwürdig gehaltenen Erzählung über die Brennspiegel des Archimedes weist Schwenter darauf hin, dass man auch durch eine Anzahl flacher Spiegel Pulver entzünden könne, wenn man die Sonnenstrahlen durch die Spiegel alle auf einen Punkt lenkt.

Im Abschnitt, der sich mit der Wärme befasst, beschreibt Schwenter außerdem ein Instrument, mit dem man den Grad der Hitze und Kälte messen kann. Er füllt ein Gefäß mit langem Hals mit etwas Wasser und dreht das Gefäß anschließend unter Wasser um, sodass die Flüssigkeit einen Teil des Halses ausfüllt. Im Winter, so Schwenter, steigt das Wasser hoch auf, bis es fast den gesamten Hohlraum ausfüllt; im Sommer hingegen sinkt es tief nach unten.

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Schwenter ist zusammen mit Porta weiterhin der Ansicht, dass das Wasser durch einen Heber über hohe Berge geleitet werden kann. Man solle, so meint er, ein Rohr über den Berg legen und an der höchsten Stelle des Rohres einen Trichter anbringen. Wenn man anschließend die beiden Öffnungen des Rohres verschließt, kann man es vollständig mit Wasser füllen. Nach diesen Vorbereitungen sei es nur noch notwendig, die Öffnungen gleichzeitig zu öffnen. Das Wasser werde dann stetig aus dem Behälter, in den man eine der Öffnungen getaucht hat, durch das Rohr strömen – vorausgesetzt, die andere Öffnung liegt tiefer. Jeder Versuch hätte Porta und Schwenter gelehrt, dass über einen „Berg“ von 10 Metern Höhe das Wasser nicht durch einen Heber geleitet werden kann.

Dass Schwenter jedoch auch fremde Angaben überprüft, geht aus einigen Stellen seines Schreibens hervor. So hatte ihm jemand mitgeteilt, das Wasser steige aus einem tiefer liegenden Gefäß in ein höher gelegenes, wenn man beide Gefäße durch einen Wollfaden verbinde. Schwenter bemerkt dazu: „Ich stelle durch Versuche fest, dass dieses Verfahren nicht funktioniert, denn es ist genauso wie bei einem Heber. Das Wasser fließt nämlich nicht durch das Wollband, wenn dessen Ende nicht tiefer liegt als die Wasseroberfläche, in die das andere Ende eintaucht.“

Wir haben Schwenters Werk etwas ausführlicher behandelt – nicht etwa, weil es die Wissenschaft durch neue Gedanken oder Entdeckungen bereichert hätte, sondern weil nur wenige der im Deutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts verfassten Schriften über das gesamte Gebiet der Naturlehre so geeignet sind, uns einen Eindruck vom Wissensstand und den Ansichten zu vermitteln, die damals herrschten. In derselben Weise wie Porta und Schwenter wirkten während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Deutschland Athanasius Kircher, Kaspar Schott und andere Gelehrte. Sie alle waren Männer mit oft vielfältigen Kenntnissen, die uns zwar umfangreiche, für die Beurteilung jener Zeit wichtige Werke hinterließen, die Wissenschaft selbst jedoch weder durch neue Ideen noch durch Entdeckungen bereicherten. Insbesondere der gelehrte Jesuit Kircher verdient mehr als nur eine kurze Erwähnung.

Athanasius Kircher wurde im Jahr 1601 in der Nähe von Fulda geboren. Zunächst arbeitete er als Professor für Mathematik an der Universität Würzburg, später in Rom, wo er 1680 starb. Von Kirchers zahlreichen Schriften sind insbesondere drei hervorzuheben, weil sie uns einen Einblick…

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Sie geben Einblicke in den damaligen Zustand der Naturwissenschaften. Es handelt sich um das Werk „Über Licht und Schatten“ (Ars magna lucis et umbrae, 1646), außerdem um ein Werk über den Magnetismus (Magnes, sive de arte magnetica, 1643) sowie um das für die Entwicklung der geologischen Vorstellungen wichtige Werk „Die unterirdische Welt“ (Mundus subterraneus, 1664).
In Kirchers optischem Werk wird unter anderem bereits auf die Fluoreszenz hingewiesen. Kircher beobachtete sie in der wässrigen Lösung, die aus einem mexikanischen Holz, dem „Nierenholz“, hergestellt wird. Diese Lösung zeigte im Licht eine tiefblaue Farbe, während die Flüssigkeit bei Betrachtung farblos wie Brunnenwasser aussah. Unter bestimmten Umständen erschien sie auch grün oder rötlich. Eine Erklärung für dieses Phänomen konnte Kircher nicht liefern.
Sehr ausführlich behandelt er den bolognesischen Leuchtkiesel. Ein Alchemist hatte den in der Nähe von Bologna vorkommenden Glimmer unter Zugabe von Reduktionsmitteln im Ofen erhitzt und festgestellt, dass der Rückstand im Dunkeln leuchtete, wenn er zuvor von der Sonne bestrahlt worden war. Die Entdeckung erregte, wie verständlich, großes Aufsehen. Auch Galilei beschäftigte sich damit; er meinte, sie spreche deutlich gegen die Ansicht, dass das Licht eine unkörperliche Eigenschaft sei, denn der Stein nehme das Sonnenlicht auf, als wäre es ein Körper, und gebe es allmählich wieder ab. Kircher teilt diese Ansicht. Er stellte den bolognesischen Leuchtkiesel her, indem er Glimmer mit Eiweiß und Leinöl mischte und die Mischung erhitze.
Überraschende Entdeckungen werden fast immer in ihrem Umfang überschätzt und zu kühnen, nicht stichhaltigen Erklärungen verwendet. Das gilt auch für den bolognesischen Leuchtkiesel. So schrieb Kircher dem Auge dieselben Eigenschaften zu, die dieser Stein besitzt, um die von ihm zuerst beschriebenen physiologischen oder subjektiven Farben zu erklären. Damit ist das Phänomen gemeint, dass das Auge, nachdem es längere Zeit auf farbige Objekte und anschließend auf eine weiße Fläche gerichtet wurde, die Umrisse dieser Objekte in bestimmten Farben wahrnimmt. Dies soll darauf beruhen, dass das Auge, genauso wie der Leuchtkiesel, das Licht aufnimmt und es allmählich wieder abgibt. Ein Zeitgenosse Kirchers suchte sogar das graue Licht des von der Sonne nicht beleuchteten Teils…

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die Mondoberfläche durch die Annahme zu erklären, daß auch der Mond ein Bologneser Stein sei. Von gutem Beobachtungsvermögen zeugen Kirchers Bemerkungen über den Farbenwechsel des Chamäleons. Er brachte das Tier auf weiße und rote Tücher und zeigte, daß sein Farbenwechsel dadurch beeinflusst wird. Bei Kircher begegnet uns ferner eine genaue Beschreibung der Laterna magica. Man hat ihn daher als den Erfinder dieses Apparats bezeichnet, wahrscheinlich aber mit Unrecht943. Kircher bediente sich schon der transparenten Glasbilder. Ein erbauliches Beispiel für seinen theologischen Eifer möge nicht unerwähnt bleiben. Die Zauberlaterne erscheint ihm nämlich als ein vortreffliches Mittel, Gottlose durch Vorführung des Teufels auf den rechten Weg zurückzubringen.
Kirchers Werk über den Magneten steht hinter der viel früher erschienenen, den gleichen Gegenstand behandelnden Schrift des Engländer Gilbert weit zurück. Hervorzuheben ist Kirchers Verfahren, mittelst der Wage die Tragkraft des Magneten zu bestimmen. Auch stellt er die durch Jesuitenmissionäre im Auslande gemachten Beobachtungen über Größe und Änderungen der Deklination in einer Tabelle zusammen. Wie kritiklos jedoch auch auf diesem Gebiet Kircher und Schwenter häufig vorgehen, geht daraus hervor, daß sie die alte Fabel, daß der Magnet durch gewisse Pflanzen seine Kraft verliere, ohne Nachprüfung übernehmen. Der Magnet verliere, sagt Schwenter, durch Feuer und durch Knoblauch seine Kraft. „Wie die Erfahrung bezeugt“, fügt er sogar hinzu. Wie Schwenter handelt Kircher übrigens bei der Besprechung der magnetischen Erscheinungen oft von Spielereien, deren Beschreibung mit starken Übertreibungen und Fabeln aller Art durchsetzt ist. Beide Schriftsteller erörtern beispielsweise die Möglichkeit, vermittelst des Magneten eine Art Telegraphie zu verwirklichen. Zwei Personen, von denen die eine in Paris, die andere in Rom sein könnte, müsse man mit kräftigen Magneten ausstatten. Bei ausreichender Stärke werde der eine Magnet auf den anderen wirken können. Es sei dann nur notwendig, unter jeder Nadel eine Scheibe mit Buchstaben anzubringen. Der Sprechende habe nur seine Nadel auf die verschiedenen Buchstaben einzustellen, um die Nadel des Empfängers zu denselben Einstellungen zu bringen. Kurz, es ist der Grundgedanke des Zeigertelegraphen, der

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Was hier entwickelt wird. Schade nur, dass das Übertragungsmittel nicht ausreichte. Das erkannte auch Schwenter, denn er fügt hinzu: „Die Erfindung ist schön, aber ich fürchte, dass es auf der Welt keinen Magneten mit solchen Eigenschaften geben wird.“
Das bedeutendste Ereignis der folgenden Periode ist die Begründung der Dynamik durch Galilei. Auch dies geschah nicht unvermittelt. Schon bei Leonardo da Vinci fanden sich klare, wenn auch noch nicht ausreichend durchgearbeitete Begriffe auf diesem Gebiet der Physik, z. B. bezüglich des Fallens über die schräge Ebene, so vermehren sich die Ansätze, je weiter wir uns dem Auftreten Galileis nähern. Vor allem tritt eine bessere, bereits auf physikalischen Prinzipien beruhende Auffassung der Wurfbewegung in den Vordergrund. Man erkennt, dass die Bahn des geworfenen Körpers eine einzige gekrümmte Linie ist, nicht jedoch aus geraden und gekrümmten Abschnitten besteht, wie die Peripatetiker behaupteten, sowie dass die größte Wurfweite bei einem Elevationswinkel von 45° erreicht wird. Auch die Ansicht der Aristoteliker, dass ein Körper umso schneller fällt, je schwerer er ist, wird bereits vor Galilei, der sie brillant widerlegt, vom Italiener Tartaglia in Frage gestellt. Dieser lehrte, dass Körper von unterschiedlichem Gewicht beim freien Fall in gleichen Zeiten gleiche Strecken zurücklegen, sowie dass ein im Kreis geschwungener Gegenstand bei Aufhören der Zentralkraft sich in tangentialer Richtung fortbewegt.
Obwohl man solche Vorarbeiten als Anzeichen des beginnenden Wandelns hoch einschätzen muss, gilt doch erst Galilei als der eigentliche Begründer der Dynamik, denn durch ihn wurde fast alles beseitigt, was dieser Wissenschaft noch an Unklarheiten und aristotelischer Sichtweise anhaftete.
Für die Chemie musste ein entsprechender Fortschritt noch lange auf sich warten lassen. Zwar wurde er hier durch lobenswerte Leistungen weitaus besser vorbereitet als die fast unvermittelt auftretenden Errungenschaften Galileis. Dennoch vollzog sich die Umwandlung in eine exakte Wissenschaft im Bereich der Chemie erst im Laufe des 18. Jahrhunderts. Während nämlich die Grundlagen der Mathematik, Astronomie und Statik der Neuzeit bereits in wissenschaftlicher Form aus der Antike überliefert wurden, war die Alchemie, deren Grundlagen zwar ebenfalls in der Antike, allerdings erst in den letzten

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Im Laufe der Jahrhunderte dieses Zeitraums entstanden sie, doch im Wesentlichen sind sie ein Produkt des Mittelalters und, entsprechend der Mentalität jener Zeit, durch mystische Elemente stark verdunkelt. Wie Roger Bacon und Albertus Magnus bewegten sich auch die Vertreter der Chemie zu Beginn der Neuzeit noch vollständig auf den vom Mittelalter vorgegebenen Wegen. An den Stein der Weisen, dessen Herstellung weiterhin das Hauptziel aller Bemühungen blieb, knüpften man die abenteuerlichsten Hoffnungen. Der Stein sollte nicht nur, wie bei den älteren Alchemisten, durch die Verbindung mit unedlen Metallen Gold erzeugen – und zwar in unbegrenzten Mengen oder zumindest 1000 × 1000 Teile –, sondern er sollte auch das Leben verlängern, dem Alter die Jugend zurückgeben und alle Krankheiten heilen. Doch bereits in weitaus früherer Zeit finden wir solche Vorstellungen wieder946.

Übrigens war man fest davon überzeugt, dass die Darstellung der Materia prima erfolgreich gewesen sei und Gold mit deren Hilfe hergestellt werden könne. Die Alchemie erlangte sogar eine gewisse politische Bedeutung: An den Fürstenhöfen hatten Männer, die angeblich das Geheimnis kannten, großen Einfluss. Nachdem beispielsweise die englische Regierung die Gelehrten und Geistlichen aufgefordert hatte, Gottes Hilfe zu erbitten, damit die Herstellung des Steins der Weisen endlich gelinge und man die Staatsverschuldung begleichen könne947, entwickelte sich die Sache bald weiter. Dasselbe Land zögerte nämlich nicht, aus alchemischem Gold geprägte Münzen in Umlauf zu bringen. Doch man war, insbesondere in den betroffenen Nachbarländern, klug genug, um schnell zu erkennen, dass es sich dabei um eine grobe Täuschung handelte948.

So bildete während des langen Zeitraums von mehr als einem Jahrtausend die Suche nach Gold949 die treibende Kraft für die chemische Wissenschaft. Denn als Wissenschaft müssen wir die Chemie auf jenem Entwicklungsstand betrachten – auch wenn es sich dabei um eine rein empirisch betriebene Wissenschaft handelte. Während dieses ausgedehnten Zeitraums wurden nämlich eine unüberschaubare Fülle von Beobachtungen über das chemische Verhalten der Stoffe gemacht, unzählige neue Verbindungen hergestellt, die wichtigsten chemischen Operationen entwickelt – kurz gesagt, eine breite Grundlage geschaffen, die für den späteren Aufbau einer wissenschaftlichen Theorie unerlässlich war. Bei der Bewertung der Alchemisten dürfen wir außerdem nicht vergessen, dass viele von ihnen von einer leidenschaftlichen, wenn

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Auch noch vom unklaren Streben nach dem Eindringen in die für sie mit dem tiefen Schleier des Geheimnisvollen und Unerklärlichen verhüllte Natur erfüllt waren – und weiter: Auch heute noch ist die Hoffnung auf materiellen Gewinn oder zumindest auf Nutzen für das Gemeinwohl für sehr viele wissenschaftliche Unternehmungen, insbesondere für diejenigen, die vom Staat mit seinen Mitteln gefördert werden, die wichtigste Triebkraft. Zu den eifrigsten Beschützern der Alchemisten und Astrologen gehörte der deutsche Kaiser Rudolf II., der auf den Lebensweg des großen Kepler einen so tiefgreifenden Einfluss ausübte. Als Rudolf II. im Jahr 1612 starb, fand man in seinem Nachlass große Mengen Gold und Silber, die als Produkte der alchemistischen Kunst angesehen wurden. Einige Jahre später berichtete van Helmont, ein Mann, dessen Ehrlichkeit in wissenschaftlichen Angelegenheiten wir als gegeben annehmen können, der aber ein völlig unklarer Fantast war, dass es ihm gelungen sei, acht Unzen Quecksilber mit 1/4 Gran der gesuchten Substanz, die auf eine etwas mysteriöse Weise in seine Hände gelangt war, in Gold zu verwandeln. Unter den ersten, die sich von der Alchemie sowie von der Astrologie abwandten, ist der an anderer Stelle aufgrund seiner Verdienste um die Geologie erwähnte Franzose Palissy (1510 bis 1590) zu nennen. Für seinen Zeitgenossen Rabelais waren die Astrologen und Alchemisten sogar ein unerschöpfliches Objekt bissiger Spöttelei. Etwa zur gleichen Zeit wandte sich auch Leonardo da Vinci gegen die „lügnerische und verderbliche Kunst der Alchemie sowie ihre betrügerischen Anhänger“. Er bestritt, dass Schwefel und Quecksilber Bestandteile der Metalle seien, und erklärte die künstliche Herstellung von Gold für genauso unmöglich wie die Quadratur des Kreises und das Perpetuum Mobile. Dass die alchemistischen Bemühungen stets wieder neue Nahrung fanden und sich bis ins 18. Jahrhundert hinein fortsetzen konnten, sodass wir noch darauf zurückkommen müssen, sollte unter solchen Umständen nicht überraschen. Die Chemie erhielt in dieser Periode jedoch, obwohl sich ihr Gesamtkarakter zunächst kaum änderte, eine Anregung, die für ihre weitere Entwicklung von Bedeutung werden sollte. Als zweite wichtige Aufgabe, die die Herstellung des Steins der Weisen immer mehr in den Hintergrund drängte, galt nämlich die Suche nach geeigneten Präparaten zur

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Die Heilung von Krankheiten herbeizuführen. Damit beginnt das Zeitalter der medizinischen oder Jatrochemie.
Der Hauptvertreter der Jatrochemie war Paracelsus. Dieser seltsame Mann, dessen Lebenslauf hier nicht näher betrachtet werden kann – obwohl er dazu geeignet wäre, einen Teil der Kulturgeschichte aufzudecken – wurde im Jahr 1493 in Einsiedeln in der Schweiz geboren. Theophrastus Paracelsus (von Hohenheim) bekleidete eine Zeit lang eine Professur in Basel, führte jedoch ansonsten ein unstetes Leben, bis er 1541 völlig mittellos starb. Sein ganzes Auftreten kennzeichnet ihn als einen Vertreter des reformatorischen Geistes jener Zeit, der sich keineswegs auf das kirchliche Gebiet beschränkte. Insbesondere wandte sich Paracelsus gegen die anerkannten wissenschaftlichen Autoritäten, die bis dahin auf dem Gebiet der Chemie und der Medizin galten. Paracelsus sagt unumwunden, dass der wahre Zweck der Chemie nicht darin bestehe, Gold zu machen, sondern dass es ihre Aufgabe sei, Arzneien herzustellen, die man bis dahin nach den Vorgaben Galens fast ausschließlich aus dem Pflanzenreich gewonnen hatte. Auf etwas theatralische Weise überreichte Paracelsus, als er seine Vorlesungen in Basel gegen alle Konventionen auf Deutsch begann, ältere Werke, deren Inhalt er kritisierte, den Flammen. Dies geschah kurz nachdem Luther die „Brücke“ hinter sich zerstört hatte, indem er die päpstliche Exkommunikationsbulle öffentlich verbrannte.
Bis vor Kurzem galt Paracelsus als umherziehender, dem Trunk ergebener Scharlatan. Die neuere Paracelsus-Forschung hat diese Auffassung widerlegt. Paracelsus’ Wandertrieb lässt sich durch eine gründliche Abkehr vom herkömmlichen Buchstudium sowie durch seinen Drang zur Erkenntnis der Natur erklären. Paracelsus begründet sein ihm oft vorgeworfenes Verhalten mit den folgenden Worten: „Es ist notwendig, dass ich mich für mein Umherwandern rechtfertige. Dass ich nirgends dauerhaft bleibe, zeichnet den Weg derer, die den Büchern den Rücken kehren und in die Natur hinausgehen. Mein Wandern hat mir gezeigt, dass niemandem sein Meister im Haus wächst oder seinen Lehrer hinter dem Ofen hat. Die Künste sind nicht in einem bestimmten Land verborgen, sondern sind in der ganzen Welt verteilt; sie befinden sich nicht in einem Menschen oder an einem Ort – man muss sie suchen, wo immer sie sind. Die Kunst folgt niemandem, aber man muss ihr folgen.“

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„Wie kann hinter dem Ofen ein guter Kosmographus oder ein Geograph heranwachsen?“ An einer anderen Stelle sagt er: „Die Weisheit ist ein Geschenk Gottes. Da er sie gibt, in demselben soll man sie suchen. Auch dort, wo er die Kunst hinterlässt, soll sie gesucht werden … Die Schrift wird durch ihre Buchstaben erforscht, die Natur aber von Land zu Land – so oft ein Land, so oft ein Blatt. Also ist der Codex Naturae; man muss also seine ‚Blätter‘ umdrehen.“953

Paracelsus verhielt sich gegenüber den Anhängern Luthers und Zwinglis genauso ablehnend wie gegenüber dem Papsttum und dessen Lehre. Er stand über den kirchlichen Streitigkeiten seiner Zeit. Seine Frömmigkeit war rein menschlich; sein Herz war erfüllt von der Liebe zum Nächsten. Diese Liebe sollte die Tätigkeit des Arztes durchdringen.954

Am größten war der Einfluss von Paracelsus auf die damalige Heilkunst, die oft nur auf verdorbenen Überlieferungen der alten Literatur beruhte. Die Werke Galens, das herausragendste Produkt der antiken Heilkunde, hatten nämlich einen weiten Weg zurücklegen müssen, um nach Mitteleuropa zu gelangen. Die Araber hatten sie überliefert. Die Erläuterungen entstanden hauptsächlich in Spanien und Italien; schließlich wurden Galens Werke sogar in jenes barbarische Latein übersetzt, das vor dem Aufkommen des Humanismus die Schriftsprache der mitteleuropäischen Universitäten war. Als Lehrbuch wurde insbesondere der um das Jahr 1000 entstandene Kanon von Avicenna (Ibn Sina) verwendet – ein umfangreiches Werk, das das gesamte Gebiet der antiken und frühmittelalterlichen Chemie sowie Medizin umfasste.955

Diesem Zustand setzte Paracelsus durch sein kühnes Auftreten ein Ende. Er war es, der zuerst lehrte, die in bloßer Buchgelehrsamkeit erstarrte Heilkunst wieder als reine Erfahrungswissenschaft zu betrachten. Im Umgang mit Bergleuten, Handwerkern sowie den auf sich gestellten Bewohnern abgelegener Wälder und Gebirge sammelte er seine Kenntnisse. Man müsse der Natur von Land zu Land folgen; diejenigen, deren Augen „Freude an der Erfahrung“ hatten, seien die wahren Professoren. In Paracelsus lebte ein tiefer Geist – doch dieser „glaubte, von dem einen Punkt aus, den er ergriffen hatte, die Welt erobern zu können: zu weitgehend in seinen Ansprüchen, selbstgenügsam, stur und fantasievoll.“957

Auf die seltsamen medizinischen Vorstellungen von Paracelsus einzugehen – nach denen beispielsweise eine schaffende Kraft alles bestimmt – wäre hier nicht angebracht.

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Die Regulierung der Lebensaktivitäten, die wiederum in enger Verbindung mit den Himmelskörpern steht, ist somit von vornherein ausgeschlossen. Die Verbindung der Heilkunst mit der Chemie ergibt sich nach Paracelsus daraus, dass die Krankheiten auf Veränderungen in der chemischen Zusammensetzung des Körpers zurückzuführen seien. Chemisch wirksame Mittel müssten daher in der Lage sein, den normalen Zustand wiederherzustellen. Alle Krankheiten sind aus dieser Sichtweise heraus entweder durch Zufuhr oder durch Beseitigung des im jeweiligen Fall relevanten Elements heilbar. Fieber wird auf ein Übergewicht an Schwefel zurückgeführt, Gicht auf die Ausscheidung von Quecksilber – Elemente, die nach Paracelsus neben Salz die Grundbestandteile aller Dinge sind. Kupfervitriol, Quecksilberchlorid sowie die bereits vor Paracelsus als Heilmittel empfohlenen Verbindungen des Antimons sowie zahlreiche weitere, teilweise giftige, teilweise ungiftige Präparate gelten somit als Bestandteile des Arzneimittelschatzes. Aus diesen drei Elementen sind nach Paracelsus alle Mineralien, Pflanzen und Tiere zusammengesetzt. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die alte Lehre der Alchemisten, die auf die aristotelischen Elemente zurückgeht. Für Paracelsus war Schwefel das Prinzip der Entflammbarkeit, Quecksilber bestimmte die Verdunstung, während Salz als der feuerfeste Anteil galt, der nach dem Verbrennen übrig bleibt.

Seit der Ära der Jatrochemie entwickelte sich der Stand der chemisch ausgebildeten Pharmazeuten – aus dem viele talentierte Persönlichkeiten hervorgingen, die zur Weiterentwicklung der Wissenschaft beitrugen. Denn seit dem Verschwinden der sogenannten „schwarzen Küchen“ der Adepten bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren die Apotheken vor allem die Orte, an denen die praktische Arbeit mit der Chemie sowie die Weiterentwicklung dieser Wissenschaft ihren Anfang nahmen. Schon Kaiser Friedrich II. erließ eine Verordnung, wonach Arzneimittel genau nach den Vorgaben des Arztes und zu einem festgelegten Preis hergestellt werden mussten. In Deutschland entstanden die ersten eigentlichen Apotheken erst gegen Mitte des 13. Jahrhunderts. Ihre Ausbreitung verlief jedoch nur langsam – die erste Apotheke in Berlin wurde erst im Jahr 1488 eröffnet. Erst viel später folgten die nordischen Länder (Schweden 1552).

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Mit der Entwicklung der Chemie war das Aufblühen der Mineralogie stets eng verbunden. Um 1500 begegnet uns das erste, sogar deutsch geschriebene mineralogische Lehrbuch, das nicht ein bloßer Abklatsch der aus dem Altertum überkommenen Werke ist, sondern Selbständigkeit und Beobachtungsgabe verrät. Es trägt den Namen „Bergbüchlein“959 und wurde dem lange Zeit als Verfasser zahlreicher chemischer Schriften geltenden Basilius Valentinus zugeschrieben. Bei dieser Person handelt es sich jedoch nicht um eine historische, sondern um eine erst später (um 1600) erfundene Persönlichkeit.

Auch Paracelsus schrieb über die Mineralien. Als der eigentliche Vater der neueren Mineralogie gilt jedoch Georg Bauer. Er wurde 1494 in Zwickau geboren, wo er auch einige Jahre als Rektor einer Schule tätig war, und nannte sich, gemäß der damaligen Gelehrtenmode, durch Latinisierung seines Namens Agricola. Später studierte er in Leipzig und Italien Heilkunde und arbeitete ab 1527 zunächst in Joachimstal, später in Chemnitz als Arzt. Er starb im Jahr 1555.

Das Interesse am Bergbau und an der Hüttenindustrie in seiner Heimat veranlasste Agricola, die Zeit, die ihm sein Beruf übrig ließ, der Beobachtung dieser Bereiche zu widmen und alles, was er feststellte, mit den mineralogischen Kenntnissen der Alten, deren Schriften ihm bekannt waren, zu vergleichen. Agricolas Aufmerksamkeit wurde außerdem dadurch auf die Mineralogie gelenkt, dass in der alten Literatur metallische Heilmittel erwähnt wurden, die insbesondere bei äußeren Krankheiten eingesetzt wurden. Er sammelte daher alle mineralogischen Kenntnisse der Alten in der Hoffnung, damit seinen Zeitgenossen, die im beruflichen Leben tätig waren, helfen zu können. Zu seinem Erstaunen stellte er jedoch fest, dass ohne jegliches Zutun der traditionellen Wissenschaft in den deutschen Bergregionen ein Wissen über Metalle, Mineralien und Gesteine sowie über metallurgische Prozesse entstanden war – ein Wissen, das eine neue, den Alten fast unbekannte Welt darstellte. Es galt lediglich, die Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen, die im Laufe des Mittelalters gemacht worden waren, in der Sprache der Gelehrten darzustellen, um so eine neue Wissenschaft den älteren hinzuzufügen. „Dass er dies mit eigener Einsicht und dem unabhängigen Eifer, der allein wissenschaftliche Erfolge sichern kann, vollbracht hat, ist Agricolas Verdienst. Er hatte das Glück, nicht mit Anfängen oder zweifelhaften Versuchen, sondern mit bereits erprobten Methoden vorzugehen.“

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„Es gelang ihm, zusammenhängende Kenntnisse – fast schon Systeme der Mineralogie und der Metallurgie – zu bieten, die eine Grundlage für spätere Studien wurden.“ Als überzeugter Anhänger der Alchemie kann Agricola nicht angesehen werden. Jedenfalls sprach er sich offen gegen deren Grundlehre aus, dass die Metalle aus Schwefel und Quecksilber bestünden. Auch äußerte er sich über die Möglichkeit der Metallverwandlung sehr zurückhaltend. Die Ergebnisse seiner Bemühungen legte Agricola in mehreren Schriften nieder, die, wie Werner, der Lehrer Alexanders von Humboldt und Leopolds von Buch dankbar anerkannte, die Grundlage der Mineralogie bis zur neuesten, insbesondere durch die drei genannten Forscher begründeten Epoche dieser Wissenschaft gewesen sind. Das bedeutendste unter den Werken Agricolas ist das erst im Jahr 1556, vier Monate nach dem Tod des Verfassers, erschienene Bergwerksbuch. Es bietet ein vollständiges Bild des damaligen Berg- und Hüttenwesens sowie der Probierkunde und enthält zahlreiche ausgezeichnete Holzschnitte, die nicht nur die hüttenmännischen Prozesse, sondern auch geologische Einzelheiten wie Erzgänge, Durchsetzungen, Verwerfungen usw. darstellen.

Abb. 63. Hüttenwerk nach Agricola.

Die Verwendung des Kompasses zu bergmännischen Zwecken wird in dem Buch zum ersten Mal beschrieben. Agricola bringt auch eine Abbildung des bergmännischen Kompasses. Das Verfahren, mit dessen Hilfe Gruben

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Er nennt das Anlegen „Marktscheidern“. Etwas später begegnet uns die erste ausführliche Anleitung zu dieser Kunst962.
Die maschinellen Einrichtungen, die Agricola beschreibt, unterscheiden sich nur wenig von den aus dem Altertum bekannten. Doch tritt schon deutlich das Bemühen hervor, an die Stelle der Menschenkraft diejenige der Tiere oder der unorganischen Natur zu setzen. Die Pumpen z. B. werden durch Wasserkraft betrieben, ebenso größere Hämmer, wie die aus Agricolas Werk herrührende Abb. 63 erkennen läßt. Die Ventilationsapparate werden durch den Wind in Bewegung gesetzt usw.
Man faßte also im Mittelalter die großen Aufgaben, welche der Technik harrten, schon ins Auge, wenn auch die Lösungen, zu denen man gelangte, noch recht unvollkommen waren963.
Von den neueren metallurgischen Verfahrungsweisen erwähnt Agricola auch den Amalgamationsprozeß, der für die Ausbeutung der neuentdeckten, an Gold und Silber reichen Länder Amerikas später eine solch große Bedeutung gewinnen sollte. Zwar war man schon im Altertum mit dem Verhalten des Quecksilbers gegen Gold und Silber bekannt. Die Verwendung des erstgenannten Metalls zur Gewinnung der Edelmetalle aus dem Muttergestein blieb jedoch der Neuzeit vorbehalten. Erfunden ist das Amalgamationsverfahren in Deutschland964. In großem Maßstabe wurde es aber zuerst in Mexiko965 und in Peru966 angewandt. D’Acosta beschrieb es in seiner Natur- und Sittengeschichte Indiens967, die uns auch über die ersten Entdeckungen auf botanischem und zoologischem Gebiete Auskunft gibt.
Das Silbererz wurde der Einwirkung von Kochsalz und Quecksilber ausgesetzt und das gewonnene Amalgam durch Erhitzen zerlegt. Agricola bringt auch Mitteilungen über das Erdöl968.
Zu der Zeit, als Agricola schrieb, glaubte man noch allgemein, die Welt sei noch heute im Wesentlichen in dem Zustande, in dem Gott sie erschaffen habe. War es doch kein geringes Wagnis, dem in der Bibel enthaltenen Schöpfungsbericht zu widersprechen, an dem selbst die Gebildeten damals blindlings festhielten969. Dem gegenüber vertrat Agricola die Anschauung, daß die Gesteine und die Mineralien den Naturkräften ihren Ursprung verdanken. Durch welche Kräfte er sich die Berge entstanden denkt, schildert er mit folgenden Worten970: „Da wir sehen, daß die Gänge durch das Gestein der Gebirge gehen, so muß ich zunächst die Entstehung der letztteren und darauf den Ursprung der Gänge auseinandersetzen. Die Hügel

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Und die Berge entstehen durch zwei Ursachen, nämlich durch den Andrang der Gewässer und durch die Kraft der Winde. Zerstört und aufgelöst werden die Hügel und die Berge durch drei Ursachen, denn zu den beiden soeben genannten kommt noch die innere Glut der Erde hinzu. Dass die Gewässer die meisten Berge erzeugen, liegt klar vor Augen. Sie spülen zunächst die weiche Erde fort. Dann reißen sie die härtere Erde weg und endlich wälzen sie die Steine herab. Indem sie auf diese Weise Höhlungen hervorrufen, bewirken sie in vielen Menschenaltern, dass das stehenbleibende Land bedeutend hervorragt. Von dem steilen Abhang solcher Hervorragungen werden dann durch häufige Regengüsse erdeartige Massen so lange abgelöst, bis sich ein steiler Abhang in einen geneigten verwandelt. Agricola beschreibt somit bereits ganz zutreffend den talbildenden Vorgang, den man als Erosion bezeichnet, sowie die Abtragung der Gebirge. Hätte er bereits eine Vorstellung von der gebirgsbildenden Tätigkeit des Vulkanismus gehabt, so würden seine Ansichten sich den heutigen noch mehr genähert haben. Er fährt dann fort: „Auch die Vertiefungen, die jetzt die Meere aufnehmen, waren einst nicht sämtlich vorhanden. An vielen Stellen war Land, bevor die Kraft der Winde das in der Brandung brausende Meer ins Land hineindrängte. Auf gleiche Weise zerstört auch der Andrang der Gewässer die Hügel und die Berge vollständig. Obwohl all diese Veränderungen in großem Maße stattfinden, bemerkt man sie gewöhnlich nicht, da sie infolge der langen Zeiträume, die sie beanspruchen, aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden.“ Diese Worte erinnern an diejenigen des Aristoteles (S. 124), den Agricola an vielen Stellen seiner Schriften zitiert. Auch Avicenna (S. 312) hat eine Theorie der Entstehung der Berge gegeben, die mit derjenigen Agricolas fast übereinstimmt, weil beide direkt oder durch Vermittlung auf dieselben alten Schriftsteller zurückgingen. Über die Ansichten Avicennas berichtet Lyell 971. Danach erwähnt Avicenna als Ursache der Gebirgsbildung die Erdbeben, durch die „Land erhoben wird und einen Berg bildet“. Eine weitere Ursache ist nach ihm wie nach Agricola „die Aushöhlung durch Wasser, wodurch Hohlräume entstehen und bewirkt wird, dass das angrenzende Land hervorragt und ein Gebirge bildet“.

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Die im Zeitalter der Wiederbelebung der Wissenschaften unter dem Einfluss der antiken Schriftsteller entstandenen geologischen Erkenntnisse fanden ihre Fortsetzung insbesondere durch Steno – über den später noch die Rede sein wird. Ein Jahrzehnt vor Erscheinen seines Werkes über Bergwerke veröffentlichte Agricola sein grundlegendes Buch über die Mineralien. In diesem Werk begründete er die erste Methode zur Bestimmung von Mineralien, die auf deren äußeren Merkmalen beruhte. Trotz aller Unvollkommenheiten verdient dieses Werk Beachtung, denn spätere Versuche basierten auf Agricolas System. Agricola berücksichtigte Farbe, Glanz, Durchsichtigkeit, Geschmack, Geruch sowie die Wirkung auf den Tastsinn (Fettigkeit, Glätte, Rauheit usw.). Zudem betrachtete er als Mittel zur genauen Beschreibung von Mineralien ihre Zähigkeit, Biegsamkeit, Schwere und Spaltbarkeit. Seine Angaben zur Form der Mineralien sind jedoch noch sehr unbestimmt; er unterschied zwischen plattenförmigen, eckigen (dreieckigen, sechseckigen sowie mehrseitigen) sowie mineralienähnlichen Objekten in Form von Pfeilen, Sternen, Linsen usw. Die Nützlichkeit dieser Übersicht wurde für spätere Mineralogen dadurch erhöht, dass jedes der genannten Merkmale nicht nur beschrieben, sondern auch anhand typischer Mineralien erläutert wurde – wodurch gute Vergleichsmöglichkeiten geschaffen wurden. Schon in der Antike wurden Fossilien von Mineralien unterschieden, wobei Letztere zu Recht als Überreste organischer Lebewesen interpretiert wurden. Im Mittelalter hingegen führte die aristotelische Lehre von der zeugungslosen Entstehung niedriger Tiere zu der seltsamen Vorstellung, dass Fossilien ihrem Ursprung einer im Erdinneren wirkenden Bildungskraft, einer „vis plastica“ oder „formativa“, verdankten. Es dauerte Jahrhunderte, bis sich die im 15. Jahrhundert wiederbelebte Wissenschaft von dieser Lehre befreien konnte; ihre letzten Ausläufer begegnen uns sogar noch um die Mitte des 18. Jahrhunderts. Nach Agricolas Ansicht waren somit Fossilien Überreste von Organismen – insbesondere für fossiles Holz, Blattabdrücke, Knochen sowie die bekannten Fischabdrücke im Mannsfelder Kupferschiefer hielt er diesen Ursprung für zutreffend. Die in Gesteinen eingebetteten Muscheln, Ammoniten und Belemniten hingegen betrachtete er als „verhärtete Wassermassen“.

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Auch in Frankreich und in Italien, wo es geringere Schwierigkeiten bot, die Ähnlichkeit fossiler Konchylien mit noch heute in den benachbarten Meeren lebenden Arten zu erkennen, neigten aufgeklärte Zeitgenossen Agricolas’ zur richtigen Annahme, dass die Versteinerungen organischen Ursprungs seien. Erst als die Geologie ihr Hauptziel in der Deutung des mosaischen Schöpfungsberichtes sah und die Versteinerungen für die wichtigsten Zeugen der Sintflut hielt, fand diese Lehre allgemeinen Anklang. Die heute geltende Ansicht findet sich wohl zuerst bei Leonardo da Vinci und vor allem bei dem in Verona lebenden Arzt Fracastoro (1483–1553) ganz klar ausgedrückt. Als man in Verona bei der Errichtung von Gebäuden Muscheln aus dem Erdinneren freilegte, erklärte Fracastoro, dass es sich hier weder um Schöpfungen einer vis plastica noch um Zeugen der Sintflut handeln könne. Mögliche Beweismittel für eine allgemeine Überschwemmung müssten nämlich, wie er ausführte, die Erdoberfläche bedecken, während die gefundenen Funde tief im Boden lagen. Als einzige Möglichkeit bliebe somit, dass die Versteinerungen von Lebewesen stammten, die einst an dem Ort, an dem sie sich befanden, lebten und dadurch zeigten, dass einst das Meer dort wogte, wo heute Festland ist.

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts tauchen auch die ersten mit Abbildungen versehenen Werke über Versteinerungen auf, darunter das von Gesner, dem deutschen Plinius. Doch auch er gelangte bezüglich der Versteinerungen nicht zu einer klaren Ansicht. Er verglich sie zwar mit Pflanzen und Tieren, bezeichnete sie jedoch nicht eindeutig als Überreste organischer Wesen.

Den Standpunkt Fracastoros vertrat unter den Schriftstellern, die im 16. Jahrhundert über geologische Themen schrieben, vor allem der Franzose Bernard Palissy. In einem Werk, das klares Denken und vorurteilsfreie Beobachtung zeugt, weist er darauf hin, dass einige Versteinerungen den heute noch lebenden Tieren und Pflanzen ähneln und offenbar an Orten entstanden sind, die einst vom Meer oder von Süßwasser bedeckt waren.

Die häufig vertretene Annahme, dass Leonardo da Vinci, Fracastoro und Palissy allein durch ihr eigenes, vorurteilsfreies Denken zu richtigen Vorstellungen über Versteinerungen sowie den Wechsel zwischen Meer und Land kamen, ist nicht zutreffend. Auch diese Männer erhielten ihre Erkenntnisse von anderen Quellen.

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Die Anregung zu seinen Spekulationen stammte offensichtlich aus den Schriften der Alten, insbesondere aus den Büchern des Aristoteles, die der Neuzeit die Vorstellungen übermittelten, zu denen die griechischen Forscher, besonders Demokrit, in geologischen Dingen gelangt waren. Palissy bedient sich in seinem „Discours admirable“ genannten Buche der Form des Dialogs. Seine eigenen Ansichten legt er der „Praxis“ in den Mund, die gegnerischen denen der „Theorie“. Auf einen Einwand der „Theorie“ antwortet Palissy: „Wie wäre es möglich, daß Holz sich in Stein verwandelt, wenn es sich nicht längere Zeit in mineralhaltigen Gewässern befunden hätte. Wären letztere nicht ebensolch flüssig und fein wie die gewöhnlichen, so hätten sie nicht in das Holz eindringen und es in allen seinen Teilen durchtränken können, ohne ihm irgendwie seine ursprüngliche Form zu nehmen. Wie das Holz, so wurden auch die Muscheln in Stein verwandelt, ohne ihre Form zu verlieren.“

Palissy war ein einfacher Töpfer. Er hatte indessen bei dem gelehrten Cardanus gelesen, dass die Schalen der Muscheln an vielen Orten dadurch versteinert seien, dass sich die Substanz änderte, während die Form erhalten blieb. Wie es kommt, dass die versteinerten Organismen sich nicht nur an der Oberfläche der Erde finden, sondern das ganze Gebirge durchsetzen, schildert Palissy zutreffend mit folgenden Worten: „Die versteinerten Organismen wurden an demselben Ort erzeugt, an dem wir sie finden, und zwar zu einer Zeit, während an der Stelle der Felsen nur Schlamm und Wasser vorlag. Letzterer ist seitdem mit den Organismen versteinert. Und zwar versteinerten die Erde und der Schlamm durch dieselbe Kraft, die auch die Fossilien erzeugt hat, nämlich durch die alles durchdringenden Minerallösungen.“ In einem Punkt urteilt Palissy richtiger als Cardanus. Letzterer glaubte nämlich mit den meisten Gelehrten seiner Zeit, soweit sie die Versteinerungen nicht für bloße Naturspiele oder „Schöpfungsübungen Gottes“ hielten, dass die versteinerten Organismen Überbleibsel einer Flut seien, die die gesamte Erde bis zu den Spitzen der Berge bedeckt habe, also gewissermaßen Zeugen der Sintflut. Gegen diese Ansicht wendet sich Palissy mit dem Hinweis darauf, dass sich die Fossilien nicht nur an der Oberfläche der Erde befinden, sondern auch an den tiefsten Stellen, an die man durch das Aufbrechen der Steine gelangt. „Durch welches Tor“, fragt er seine Gegner, „drang denn das Meer ein, um die Fossilien in das Innere der dichtesten Felsen zu tragen?“

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13. Die ersten Ansätze zur Neubegründung der organischen Naturwissenschaften.
Nicht nur für die anorganischen Naturwissenschaften, einschließlich der Mineralogie und der Geologie, wurden im 16. Jahrhundert Grundlagen geschaffen, auf denen sich mit Erfolg weiter bauen ließ, sondern das Gleiche gilt auch von den übrigen Gebieten der Naturbeschreibung, der Botanik, der Zoologie sowie der Lehre vom Bau und von den Verrichtungen des menschlichen Körpers. Diese Gebiete wurden zunächst durch das Bekanntwerden der auf sie bezüglichen Schriften der Alten zu neuem Leben erweckt. Dann trat aber für sie noch ein zweiter günstiger Umstand hinzu. Infolge der Entdeckungsreisen und durch die daran sich anschließenden neuen Handelsverbindungen wurde nämlich die europäische Menschheit mit einer solchen Fülle neuer Naturerzeugnisse bekannt, wie es nie zuvor in gleichem Maße geschehen war.

Naturbeschreibung und Entdeckungsreisen.
Die Geschichte der Entdeckungsreisen gilt bereits in der üblichen, mehr das Persönliche und Zufällige schildernden Darstellung als eine der fesselndsten Episoden der Weltgeschichte. Sie gewinnt aber außergewöhnlich an allgemeinem Interesse, wenn wir sie in kausale Beziehung zum Gang der wissenschaftlichen Entwicklung setzen. Letztere ist es, welche die Entdeckungsreisen bedingt hat, um andererseits durch sie auch wieder den gewaltigsten Anstoß zu erhalten.
Wir haben bereits an anderer Stelle erfahren, dass die Seefahrt gegen Ende des Mittelalters durch die Einführung des Kompasses sowie die Entwicklung der Astronomie und der auf astronomischen Prinzipien beruhenden nautischen Instrumente viel von ihren Gefahren und Zufälligkeiten verloren hatte. Infolgedessen konnte sich die Nautik auch weitere Ziele setzen. Da der Verkehr über Land mit den südlichen und östlichen Teilen Asiens, die ja bereits in der Antike in den Blickkreis der

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Da der Weg nach Europa gegen Ende des Mittelalters immer schwieriger, teurer und gefährlicher wurde, kam es bei weitsichtigen Männern auf die Idee, ob diese asiatischen Länder nicht durch eine Reise nach Westen oder durch eine Umsegelung Afrikas erreichbar wären. Diese Idee fand ihren günstigsten Nährboden in Portugal und Spanien, die durch ihre Lage stärker als Italien auf das offene Meer hinausgerichtet waren und aufgrund der Vorherrschaft Venedigs im Mittelmeer dazu gezwungen wurden, neue Wege für ihren Handel zu suchen. In Portugal wurde dieses Bestreben insbesondere von Heinrich „dem Seefahrer“ unterstützt. Um ihn scharten sich gebildete und mutige Männer, darunter der Geograph und Astronom Martin Behaim aus Nürnberg. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts begann der Vormarsch entlang der Westküste Afrikas. Das Auftreten bewaldeter Landzungen zerstörte zunächst das mittelalterliche Vorurteil, dass in der Nähe des Äquators alles Leben von der Glut der Sonne vernichtet werde. Zudem wurde festgestellt, dass die Küste Afrikas immer weiter nach Osten abrückte, was die Hoffnung auf die Entdeckung eines östlichen Seewegs nach Indien neu belebte. Durch Bartholomeo Diaz, der 1486 die Südspitze des dunklen Kontinents erreichte, sowie durch Vasco da Gama, der 1498 nach der Umsegelung Afrikas in Ostindien landete, wurde diese Hoffnung schließlich wahr. Schnell breiteten sich die Herrschaft und der Handel der Portugiesen über Südostasien sowie die dort gelegenen Inseln aus.
Mit welcher Fülle an neuen Naturprodukten die europäische Menschheit dadurch in Berührung kam, lässt sich hier nur andeuten. An den Küsten und auf den Inseln Ostafrikas fielen besonders die gewaltigen Drachenbäume sowie der riesige Brotfruchtbaum (Adansonia digitata) auf. Auf Ceylon gelangte man in den Besitz von Zimtplantagen. Man lernte die wunderbaren Maledivennüsse, den Gewürznelkenbaum sowie Pflanzen kennen, die Muskatnüsse, Kampfer, Benzoe, Indigo, Strychnin usw. liefern. In nicht geringerem Maße wurde auch die Wissenschaft durch die Entdeckung zahlreicher neuer Tierarten bereichert. Der gebildete Clusius (geboren 1526 in Arras) unternahm es, das Wichtigste über diese neuen, fremden Naturprodukte zusammenzustellen. Bei Clusius begegnen wir zum ersten Mal…

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Abbildungen und Beschreibungen: der fliegende Hund, der Molukkenkrebs, die gewaltigen, plumpen, zur Ordnung der Waltiere gehörenden Sirenen, der heute ausgestorbene Dodo – jener unbeholfene Vogel, den Vasco da Gama auf den Maskarenen in solcher Menge antraf. Auch die Bewohner Amerikas, seine Faultiere, Gürteltiere und Kolibris sowie schließlich die so abenteuerlich gestalteten Fische, die das Meer der Tropen bevölkern, werden von Clusius beschrieben.
Den Portugiesen wurde der indische Handel von den Niederländern entrissen, deren Seefahrt nach dem Abschütteln der spanischen Herrschaft stark an Bedeutung gewann. Die wissenschaftliche Erforschung der neu entdeckten Länder erlebte bei diesem Volk, das auch im Heimatland einen lebhaften wissenschaftlichen Eifer zeigte, einen bedeutenden Aufschwung – schließlich war auch Clusius ein Niederländer.
Der Gedanke, durch eine Seefahrt nach Westen die Küsten Ost- und Südasiens zu erreichen, tauchte im Zeitalter der Renaissance erstmals beim florentinischen Astronomen Toscanelli (1397–1482) auf. Dieser Mann, der auch durch seinen Einfluss auf Nikolaus von Kues zur Wiederbelebung der Astronomie in Deutschland beitrug, gelang es, den großen Genueser, dem Europa die Entdeckung der westlichen Hemisphäre verdankt, für seine Idee zu gewinnen. Dennoch vergingen zehn Jahre nach Toscanellis Tod, bis Kolumbus nach überwundenen zahlreichen Schwierigkeiten in Westindien landete. Bereits auf der ersten Reise wurden Tabak, Yams und Mais bekannt. Bald darauf folgten die Entdeckung der Ananas, der Agave Americana, des Theobroma Cacao, der Batate, der Sonnenblume, der Manihot sowie zahlreicher anderer wichtiger und charakteristischer amerikanischer Pflanzen.
Nachdem Cabot (1497) das nordamerikanische Festland und Cabral (1500) Brasilien entdeckt hatten sowie Cortés und Pizarro in das Innere des neuen Kontinents vordrangen, begann eine gründliche naturhistorische Erforschung der entdeckten Länder. Vor allem waren es gelehrte Kleriker, die sich dieser Aufgabe mit Eifer und Erfolg widmeten. So schrieb der Jesuit d’Acosta eine „Natur- und Sittenkunde der Indier“, in der auch die gewaltigen fossilen Knochen Südamerikas erwähnt werden. d’Acosta hielt sie für Überreste von Riesen und diskutierte ganz ernsthaft die Frage, wie die Tiere Amerikas dorthin gelangt seien.

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zum heutigen Wohnsitz gelangten, da sie doch in der Arche Noahs eingeschlossen gewesen seien.
Mit noch größerem Eifer als den Pflanzen und den Tieren wandte man sich den Bodenschätzen der neu entdeckten Länder zu. In Mexiko und Peru wurde der Bergbau bald mit so großem Erfolg betrieben, daß die Einfuhr des dort gewonnenen Edelmetalls in Europa verändernd auf die wirtschaftlichen Verhältnisse dieses Erdteils wirkte. Auf die Erschließung des neuen Kontinents folgte ein Austausch seiner Erzeugnisse mit denen der alten Welt. So wird der Tabak schon 1559 in Portugal angebaut, um in Europa zunächst als Mittel gegen Geschwüre verwendet zu werden. Zu den ersten, die ihn rauchten, gehörte der große Naturforscher Gesner. Die neue Welt empfing dagegen u. a. den Kaffeebaum, das Zuckerrohr und die Obstarten.
Hand in Hand mit der unendlichen Bereicherung, welche die Wissenschaft durch die Entdeckungsreisen erfuhr, ging ein Aufschwung der gesamten Kultur und eine Erweiterung des gesamten Gesichtskreises, wie ihn kein früheres oder späteres Zeitalter erfahren hatte. Der Handel hörte auf, das Privileg einiger mächtiger süd- und mitteleuropäischer Städte zu sein, und wurde Welthandel. Die Mittelmeerländer waren nicht mehr eine Welt für sich, sondern die ganze Erde wurde zu einer Domäne der weißen Rasse. Und innerhalb dieser Rasse erlangte endlich immer mehr das germanische Element das Übergewicht. Denn die Völker germanischen Stammes waren den Romanen an Tatkraft überlegen, an Intelligenz mindestens gleichwertig, und schließlich durch ihre Wohnsitze am offenen Weltmeer ganz besonders auf die Fortentwicklung des durch die Entdecker und Konquistadoren eröffneten Welthandels ausgerichtet. All diese Faktoren begünstigten in Verbindung mit der im nördlichen Europa entstehenden Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie der Verpflanzung der in Italien wiederbelebten Wissenschaft nach Mittel- und Nordwesteuropa besonders die Entwicklung.

Die Erneuerung der Botanik.

Nach diesen allgemeineren Ausführungen wenden wir uns den organischen Naturwissenschaften im Einzelnen zu. Dass man im Zeitalter der

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Die Renaissance sowie die Entdeckungsreisen, die dazu beitrugen, die Augen zu öffnen und die Fesseln des Autoritätsglaubens sowie der Buchgelehrsamkeit abzustreifen, hatten einen großen Einfluss auf die weitere Entwicklung der beschreibenden Naturwissenschaften. Waren diese Wissensgebiete früher nur nebenbei und meist zu Heilzwecken betrieben worden, so bot sich nun eine solche Fülle an neuem Material, dass die Tätigkeit derer, die sich der Naturbeschreibung widmeten, vollständig in Anspruch genommen wurde. Dadurch rückte die Beziehung dieser Disziplinen zur Heilkunde sowie deren eigene Bedeutung allmählich in den Hintergrund.

Besonders für die Botanik kam im 16. Jahrhundert der Zeitpunkt, an dem sich dieses Wissensgebiet über die Grenzen der Heilmittellehre hinaus entwickelte – man begann nämlich, die Pflanzen um ihrer selbst willen zu betrachten. Zudem wurde das seit langem bestehende Vorurteil, die Alten hätten bereits die gesamte Vielfalt der Pflanzenwelt erforscht, überwunden. Der Drang zur eigenen wissenschaftlichen Tätigkeit äußerte sich im botanischen Bereich dieser Epoche vor allem darin, dass eine Reihe von Spezialfloren mit Abbildungen entstand – die sogenannten Kräuterbücher. In weiten Kreisen fand man Interesse an diesen Produkten des aufblühenden Buchhandwerks. Daher legten die Verleger größten Wert darauf, die Kräuterbücher mit ausgezeichneten Abbildungen auszustatten. In dem Maße, wie die Kunst des Holzschnitts in diesem Bereich Fortschritte machte, entwickelte sich auch die Fähigkeit, die Pflanzen mit präzisen Worten zu beschreiben. Durch das wachsende Wissen über Pflanzen sowie eine genauere Beobachtung wurde außerdem die natürliche Verwandtschaft der Pflanzen immer deutlicher erkannt – so kam es oft dazu, verwandte Arten zu Gattungen zusammenzufassen, ja sogar ähnliche Gattungen zu gruppenähnlichen Verbänden. Eine Art von Systematik gab es zwar bereits in der Antike – beispielsweise fasste Theophrast verschiedene Eichen-, Fichten- usw.-Arten zusammen – doch da die allgemeine Botanik, abgesehen von den vereinzelten Bemühungen von Albertus Magnus, keinen Fortschritt machte, wurde bei diesen ersten Schritten an der Schwelle zur Neuzeit eher intuitiv vorgegangen, ohne in der Lage zu sein, die gewonnenen Begriffe durch klare Definitionen festzuhalten.

Der oben kurz beschriebene Fortschritt der Botanik ist vor allem das Verdienst einiger deutscher Gelehrter, die man wohl als die Väter dieser Disziplin bezeichnen kann.

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Wie die Pflanzenkunde es bezeichnet hat, werden sie Brunfels, Bock und Fuchs genannt. Mit derselben Berechtigung, mit der Agricola als Vater der neueren Mineralogie bezeichnet wurde, können die Genannten als Begründer der neueren Botanik angesehen werden. Ihre Kräuterbücher entstanden dadurch, dass die kommentatorischen Bemühungen, die man auf die botanischen Werke der Alten verwendet hatte, aus mehreren Gründen fehlgeschlagen waren. Aufgrund des Glaubens an die Unfehlbarkeit der Alten ging man nämlich von ihren botanischen Schriften aus und nahm an, dass die darin beschriebenen Pflanzen das gesamte Pflanzenreich darstellten. Zudem suchte man die von den Alten beschriebenen Pflanzen – ohne eine klare Vorstellung von ihrer geografischen Verbreitung zu haben – in Mitteleuropa, wo sie angesichts der erheblichen Unterschiede in den Flora Griechenlands und Deutschlands nur in geringem Maße gefunden werden konnten. Erst als man die Unhaltbarkeit dieser Annahmen erkannte, wandte man sich der genauen Beschreibung jener Pflanzen zu, die man in seiner Heimat fand. An der Spitze der neueren Botaniker steht Otto Brunfels. Brunfels wurde um 1490 in der Nähe von Mainz geboren und erhielt dort eine gelehrte Ausbildung. Nachdem er einige Zeit ein Amt im Schulwesen innehatte, erlangte er den Grad eines Doktors der Medizin. Sein größter Beitrag zur Botanik besteht darin, dass er mit Hilfe eines hervorragenden Künstlers die erste Sammlung naturgetreuer, künstlerisch vollendeter Pflanzenabbildungen herausgab. Das Werk erschien unter dem Titel „Herbarum vivae icones“ im Jahr 1532. Es enthielt mehrere hundert Abbildungen mit so präzisen Umrissen, dass die dargestellten Pflanzen keineswegs falsch identifiziert werden konnten. Es handelte sich dabei in erster Linie um wild wachsende, häufig vorkommende Pflanzen der Oberrheinischen Tiefebene. Der Text, den Brunfels diesen Abbildungen beigefügt hat, ist von geringerem Wert. Er stützt sich noch hauptsächlich auf ältere Schriftsteller und versucht, die heimischen Pflanzen mit denen zu identifizieren, die von Dioskurides, Plinius und Galen beschrieben wurden. Brunfels gab seinem Kräuterbuch folgende Gliederung: Unter jede Abbildung setzte er zunächst einen deutschen Namen. Dazu kamen die lateinischen und griechischen Bezeichnungen sowie Angaben aus den Schriften von Theophrast, Dioskurides, Plinius usw. Abschließend enthielt das Buch Angaben zu den Wirkungen der Pflanzen.

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Bestimmte Versuche, die heimischen Pflanzen naturgetreu abzubilden, wurden übrigens in Deutschland schon vor Brunfels im 15. Jahrhundert unternommen. Vorbildlich war in dieser Hinsicht vor allem die Kunst von Albrecht Dürer (1471–1528). Die Pflanzendarstellungen, die sich auf seinen Gemälden sowie auf denen einiger älterer deutscher Künstler finden, waren recht naturgetreu. Dürer liebte es, auf seinen Bildern als Beiwerk Pflanzen und Tiere zu malen – er folgte dabei einem damals gängigen Brauch. Insgesamt hat Dürer etwa 180 verschiedene Pflanzen und Tiere dargestellt. Insbesondere in seinem reiferen Alter zeigen diese Darstellungen, wie z. B. Veilchen, Pfingstrosen, Lilien usw., einen unübertrefflichen Grad an Naturnähe. „Dürer gebührt daher in der Geschichte der naturkundlichen Illustration, die freilich erst noch geschrieben werden muss, ein dauernder Ehrenplatz.“

Kunst und Wissenschaft konkurrierten somit darum, die Naturkunde wieder auf eigene Beobachtungen zu stützen und sich von den überlieferten Schriften der Alten zu befreien – Schriften, die bis ins 15. Jahrhundert als einzige Quelle für das Studium herangezogen wurden. Dass der neueren Wissenschaft dennoch nur allmählich „Flügel“ wuchsen, hat verschiedene Gründe.

Ein Mitarbeiter von Brunfels war Hieronymus Bock. Bock wurde 1498 in der Nähe von Zweibrücken geboren, studierte alte Sprachen und wurde vom Pfalzgrafen von Zweibrücken mit der Aufsicht über dessen Garten beauftragt. Gleichzeitig hatte er auch die Stelle eines Lehrers inne. Bock unternahm botanische Exkursionen in der Eifel, im Hunsrück, in den Vogesen, im Jura sowie in den Schweizer Alpen und beobachtete überall mit größter Sorgfalt die dort wachsenden Pflanzen. Sein Fehler – dem jedoch sein Zeitgenosse Fuchs, wie wir gleich hören werden, entgegentrat – bestand darin, dass er den von ihm entdeckten Pflanzen griechische und lateinische Namen der alten Botaniker gab, mit denen diese völlig andere, in Südeuropa heimische Pflanzen bezeichnet hatten.

Bock wagte sogar den Versuch, eine natürliche Gliederung der Pflanzen vorzunehmen – er stellte beispielsweise die Lippenblütler, die Korbblütler sowie die meisten Kreuzblütler zusammen. Das Werk, das ihn in der Geschichte der Botanik unsterblich gemacht hat, trägt den Titel „New Kreutterbuch“. Es erschien erstmals im Jahr 1539 – ohne Abbildungen –, während die späteren Auflagen solche enthielten. Bocks Abbildungen bleiben jedoch hinter…

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denjenigen des Brunfels zurück, dafür hat es aber Bock in der Kunst des
Beschreibens viel weiter gebracht als jener, so daß er sich den Ruhm
erwarb, er vermöge in seinen Beschreibungen die Natur wirklich zu malen.
Vor allem versteht es Bock, den ganzen Habitus der Pflanze vortrefflich zu
beschreiben, während er auf die Beschreibung der Blumen und Früchte
geringere Sorgfalt verwendet. Auch berücksichtigt er keine Pflanze, die er
nicht selbst gesehen, „so viel derselben im Teutschen Land ihm zu handen
gestoßen“. Auch das Vorkommen und die Zeit des Blühens der
beschriebenen Pflanzen findet man berücksichtigt. Ferner erklärt sich Bock
entschieden gegen die alphabetische Anordnung, durch welche ähnliche
Pflanzen getrennt würden. Im ganzen hat Bock sechshundert Pflanzen
beschrieben.
Als Probe möge hier seine Beschreibung der Ackerwinde (Convolvulus
arvensis) und der Zaunwinde (Convolvulus sepium) Platz finden. Sie lautet:
„Zwei gemeine Windenkräuter wachsen in unserem Land allenthalben mit
weißen Schellen- oder Glockenblumen. Das größte sucht seine Wohnung
gern bei den Zäunen, kriecht über sich, wickelt und windet sich. Das kleine
Glockenkraut (C. arvensis) ist dem großen in der Wurzel, den runden
Stengeln, den Blättern und den Glocken gleich, in allen Dingen aber dünner
und kürzer. Etliche Glockenblumen an diesem Gewächs werden ganz weiß,
etliche schön leibfarben, mit braunroten Strömlein gemalt. Diese wachsen
in dürren Wiesen und Gärten. Es schadet dadurch, daß es mit seinem
Kriechen und Umwickeln andere Gartenkräuter zu Boden drückt. Auch ist
es schwer auszurotten“.
Die Anordnung der Pflanzen in den Kräuterbüchern war meist die
alphabetische. Allmählich entwickelte sich aber auf Grund der zahllosen
Einzelbeobachtungen das Gefühl für die Zusammengehörigkeit des
Ähnlichen und damit die Voraussetzung zur Begründung eines natürlichen
Systems. So wurden bald die Nadelhölzer, die Lippenblüter, die Korbblüter
und andere Familien als natürliche Gruppen herausgeführt, ein großer
Fortschritt gegen die Einteilung in Bäume, Sträucher und Kräuter, der wir
im Altertum meist begegnen. Das medizinische Element nahm jedoch in den
Kräuterbüchern immer noch einen breiten Raum ein, wie es auch bei der Anlage botanischer Gärten maßgebend war. Naiv genug mutet uns noch manches in den Kräuterbüchern, diesen Erstlingserzeugnissen der neueren
botanischen Wissenschaft an. So beginnt Bock mit folgenden Worten:

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„Nach Prüfung aller Schriften wird klar, dass der allmächtige Gott und Schöpfer der allererste Gärtner, Pflanzer und Baumeister aller Gewächse ist.“ Danach wird Adam als der zweite Botaniker gelobt, weil er alle Pflanzen mit ihrem richtigen Namen bezeichnet habe. Auf ihn folgen die Botaniker Kain, Noah usw.
Als dritter in der Reihe der Begründer der neueren Botanik ist der Bayer Leonhard Fuchs zu nennen. Er wurde 1501 geboren, studierte wie seine Vorgänger Medizin und alte Sprachen und gab im Jahr 1542 seine berühmte „Historia stirpium“, eine Beschreibung vieler in Deutschland wild wachsender Pflanzen, heraus, zu denen noch etwa 100 Gartenpflanzen kamen. Das Werk stellt sich denjenigen von Bock und Brunfels als ebenbürtig an die Seite. Fuchs war ein sehr gelehrter Mann. Seine eingehende Gelehrsamkeit ließ ihn die Mängel erkennen, die den arabischen Schriften über Medizin und Botanik sowie ihren lateinischen Nachahmungen anhafteten. Deshalb bestand er darauf, dass man in der Medizin auf die griechischen Urtexte und in der Botanik auf die Natur selbst zurückgreifen solle. Letzteres erschien ihm als der einzige Ausweg aus der Verwirrung, die durch die Übertragung alter Pflanzennamen auf heimische Gewächse entstanden war.
Unter den Botanikern des 16. Jahrhunderts ist auch der Niederländer Dodonaeus zu nennen; die Niederländer glänzten ohnehin frühzeitig unter den Neugründern der Naturwissenschaften und der Philosophie – ein Phänomen, das sicherlich in der geografischen Lage ihres Wohnorts sowie in der staatlichen und religiösen Entwicklung dieses Volkes begründet ist.
Dodonaeus wurde 1517 in Mecheln geboren. Sein Hauptwerk, „Die Naturgeschichte der Gewächse“, erschien im Jahr 1583. Was Dodonaeus unter den Zeitgenossen besonders hervorhob, war sein bewusster Anspruch, eine wissenschaftliche Ordnung der Pflanzen zu finden. Zwar blieb es bei einem rohen Versuch, doch er erkannte bereits viele Gattungen und Familien sowie einige weniger auffällige verwandtschaftliche Beziehungen der Pflanzen. Die von ihm beschriebenen Pflanzen gehörten teilweise zur heimischen Flora, teilweise stammten sie aus Gärten, die von den Niederländern bereits damals sehr gepflegt wurden und aufgrund der ausgedehnten Handelsbeziehungen dieses Volkes mit vielen seltenen Arten versorgt waren. Selbst Dodonaeus vergleicht noch die ihm…

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Die vorhandenen Pflanzen mit denen, die von den alten Schriftstellern erwähnt wurden. Doch hindert ihn das nicht daran, seine eigenen Beschreibungen auf genaue und eingehende Beobachtungen zu stützen, sodass seine Beschreibungen ausführlicher als diejenigen irgendeines seiner Vorgänger ausgefallen sind. Weit vielfältiger und fortgeschrittener als die genannten Männer war der große Polyhistor Konrad Gesner, ein Mann, der für seine Zeit etwa die Bedeutung hatte, wie sie Albert dem Großen für das 13. Jahrhundert zugeschrieben werden kann. Konrad Gesner wurde im Jahr 1516 in Zürich als Sohn eines armen Gerbers geboren. Er erhielt jedoch mit Unterstützung seines Onkels eine gute Schulbildung. Sein Onkel, der ein großer Gartenliebhaber war, weckte auch in dem jungen Gesner die Liebe zur Naturwissenschaft. Gesner studierte in Straßburg und Paris Medizin und Naturwissenschaften. Wenn man bedenkt, dass derselbe Mann auch praktischer Arzt war und eine Zeit lang eine Professur für die griechische Sprache innehatte, erhält man ein Bild von der vielfältigen Gelehrsamkeit, die uns in der Zeit nach dem Aufblühen des Humanismus so oft begegnet. Seine Neigung zur universellen Bildung brachte ihn mit den verschiedensten älteren und neueren Schriften in Berührung. Zunächst übernahm Gesner eine Lehrstelle. Danach ließ er sich als Arzt in Zürich nieder, wo er zugleich eine Professur für Philosophie innehatte. Erst 1558 erhielt er die sichere und besser bezahlte Professur für Naturgeschichte. Doch bereits wenige Jahre später, im Dezember 1565, wurde er durch die Pest dahingerafft. Das Lebenswerk Gesners ist eine umfangreiche Naturgeschichte der Pflanzen und Tiere – ein Vorhaben, das trotz unermüdlicher Arbeit die Zeit und Kräfte eines Einzelnen bei weitem überstieg. Für die Naturgeschichte der Pflanzen sammelte und zeichnete Gesner im Wesentlichen nur die Abbildungen, etwa 1500 an der Zahl. Der große Verdienst, den er dennoch um die Botanik erworben hat, besteht darin, dass wir in seinen Abbildungen zum ersten Mal genaue Darstellungen der Blütenbestandteile und Früchte finden, die seine Vorgänger fast vollständig vernachlässigt hatten. Aus Gesners Briefen geht hervor, dass er diesen Teilen der Pflanze besonderen Wert beimaß, insbesondere was die Verwandtschaftsverhältnisse angeht. Er unterscheidet außerdem mit klaren Worten Gattungen und Arten. „Ich halte“, sagt er, „dass es fast keine Pflanzen gibt, die nicht eine Gattung

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„bilden, welche wieder in zwei oder mehr Arten zu teilen ist“993. Auch der Begriff der Spielart begegnet uns bereits bei Gesner. Als ihm einst ein Zweig von Ilex aquifolium geschickt wurde, dessen Blätter nur eine Spitze aufwiesen, bat er den Absender, festzustellen, ob diese Abweichung konstant sei oder nicht.
Der Gedanke, medizinisch wertvolle sowie andere Pflanzen nicht nur zufällig in der Natur zu suchen, sondern sie in Gärten anzubauen, um stets Zugang zu ihnen zu haben, kommt uns zu allen Zeiten vor. Von den Gärten, die Theophrast und Mithridates angeblich unterhielten, können wir uns heute keine Vorstellung mehr machen. Besser informiert sind wir durch die Vorschriften bezüglich Gärten zur Zeit Karls des Großen994. Von Kalif Abdurrahman I. wird berichtet, dass er einen botanischen Garten bei Córdoba anlegen und ihn mit Pflanzen aus Asien bepflanzen ließ995. Die Gärten, die im 14. Jahrhundert in Salerno und Venedig entstanden, dienten wohl nur medizinischen Zwecken. Den venezianischen Garten legte ein Arzt an, um „die für seine Kunst erforderlichen Kräuter zur Hand zu haben“996. Erst als man ab der Mitte des 16. Jahrhunderts solche Gärten als notwendiges Lehrmittel an Universitäten betrachtete und die Botanik über eine bloße Heilmittellehre hinausheben wollte, wurden sie zu einem in wahrhaftiger Bedeutung hochwertigen Mittel für botanische Forschung.
Die ersten Universitätsgärten entstanden in Padua und Pisa997. In Pisa waren es die Medici, die Land für einen solchen Garten zur Verfügung stellten und sogar Samen sowie Pflanzen aus dem fernen Osten sammeln ließen. Bald darauf erhielten auch Florenz und Bologna botanische Gärten. In Venedig trugen die Cornaros sowie die Morosinis durch ihren weit verzweigten Handel sowie den Anbau von Gärten ebenfalls dazu bei, das botanische Interesse zu fördern. Nachdem die reichen italienischen Handelsstädte ein solch bemerkenswertes Beispiel für die Pflege der mit ihren Interessen verbundenen Naturwissenschaften gegeben hatten, wollten auch die anderen Länder in dieser Hinsicht nicht zurückstehen. So entstanden noch im 16. Jahrhundert in Montpellier, Bern, Basel, Straßburg, Antwerpen, Leipzig, Nürnberg sowie an einigen anderen Orten – teilweise in Verbindung mit Universitäten, teilweise aus privaten Mitteln – Anlagen, die als botanische Gärten bezeichnet werden können.

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Ungefähr zur gleichen Zeit begegnet uns zum erstenmal das Verfahren, Pflanzen zu pressen und in Herbarien auf Papier geklebt aufzubewahren. Das Herbarium Bauhins (1550–1624) wird noch heute in Basel gezeigt998. Als Erfinder der Herbarien gilt Luca Ghini, der von 1534–1544 in Bologna lehrte999.

Die Erneuerung der Zoologie.

Wie auf botanischem, so regte sich auch auf zoologischem Gebiet das Bestreben, über das von den Alten überlieferte Maß an Kenntnissen hinauszuschreiten und die bekannten Tierformen, deren Zahl sich durch Entdeckungsreisen immerfort vergrößerte, auf Grund eigener Beobachtung zu beschreiben und mit möglichster Naturtreue darzustellen. So entstanden mehrere umfassende Werke, wie diejenigen des Schweizers Konrad Gesner (1516–1565) und des Italieners Aldrovandi (1522–1607). Weit größer als in der Botanik war Gesners Einfluss auf die Entwicklung der Zoologie. Hier gebührt ihm das große Verdienst, zum ersten Mal die zu seiner Zeit bekannten Tierformen vom Standpunkt des Naturforschers aus beschrieben zu haben. Dies geschah in seiner großen, vom Jahre 1551 ab erschienenen Geschichte der Tiere (Historiae animalium lib. V). Von den fünf Foliobänden behandelt der erste die Säugetiere, der zweite die eierlegenden Vierfüßer, der dritte die Vögel und der vierte die Fische und Wassertiere. Ein fünfter, die Insekten behandelnder Band wurde aus Gesners Nachlaß zusammengestellt. Gesner, dem sein Vaterland das erste Naturalienkabinett verdankt, beschrieb in seinem Werk den äußeren Bau der Tiere unter Berücksichtigung ihrer Vorkommens, ihrer Lebensweise, des Nutzens, den sie gewähren usw. Seine Anordnung ist die alphabetische, was in Bezug auf Systematik gegen Aristoteles, der die großen natürlichen Gruppen, wie wir sahen, schon erkannt hatte, einen offenen Rückgang bedeutet. Doch macht sich bei Gesner das Bestreben geltend, die Zoologie von den gerade auf diesem Gebiet so sehr überwuchernden Fabeln zu reinigen. Letztere werden zwar gewissenhaft angeführt, doch geschieht dies nicht, ohne dass Bedenken dagegen erhoben werden.
Während Albert der Große das zoologische Wissen im engen Anschluss an die dem Abendlande übermittelten naturwissenschaftlichen Schriften der

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Um Aristoteles wiederzugeben, bestand Gesners Plan darin, unter Einschränkung des in den mittelalterlichen Schriften überwuchernden philologischen Verbalismus alles zusammenzufassen, was man zu seiner Zeit vom Tierreich wußte. Gleichzeitig suchte er jede Tierform, die er zum Gegenstand seiner Betrachtung machte, unter Berücksichtigung der Medizin und der Kulturgeschichte zu beschreiben. Obwohl die von ihm innerhalb der bereits bei Aristoteles bekannten großen natürlichen Gruppen eingehaltene Ordnung die alphabetische war, räumt er selbst ein, dass sich ein solches Verfahren nur aus Gründen der Bequemlichkeit empfiehlt und naturwissenschaftlich keinen Wert hat. Jedes Lebewesen wird in Gesners Geschichte der Tiere nach folgenden Aspekten behandelt: Der erste Abschnitt befasst sich mit der Nomenklatur. Der zweite, wertvollste Abschnitt, behandelt das Vorkommen des Tieres und enthält dessen Beschreibung. Danach folgt eine Darstellung der biologischen Eigenschaften unter Berücksichtigung der Krankheiten. Anschließend wird das seelische Leben, d.h. die dem Instinkt entspringenden Handlungen, beschrieben. Die weiteren Abschnitte befassen sich mit dem Nutzen der Tiere – insbesondere ihrer Jagd, Haltung und Zähmung – sowie mit ihrer Nahrung und den Heilmitteln, die sie liefern können usw. Manchmal finden sich auch Fabeln, Wundergeschichten und Prophezeiungen, die seit jeher mit bestimmten Tierarten in Verbindung gebracht wurden. Gesner gibt solche Angaben jedoch eher aus Gründen der Vollständigkeit weiter und nicht unkritisch wie einige seiner Vorgänger. Dabei vergisst er selten, das Unwahrscheinliche zurückzuweisen oder zumindest seinen Zweifel darzulegen. Der große Fortschritt bei Gesner besteht nämlich darin, dass er seine Beschreibungen auf der Grundlage systematischer Beobachtungen verfasste, während man vor ihm die eigene Beobachtung nur gelegentlich zur Bestätigung überlieferten Informationen nutzte und diesen stets den entscheidenden Wert beimaß. Zudem beschränkt sich Gesner nicht auf die Beschreibung der äußeren Körperform, sondern befasst sich auch mit anatomischen Besonderheiten. Diese werden jedoch noch nicht durch Vergleiche miteinander in Beziehung gesetzt, sodass es bei Gesner an einer wissenschaftlichen Nutzung der anatomischen Erkenntnisse zur stärkeren Eingrenzung der natürlichen Gruppen fehlt. Was die Abbildungen angeht, so übertrifft sein Werk alle früheren zoologischen Schriften. Unter den Künstlern, die ihm zur Seite standen, ist Albrecht Dürer zu nennen.

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Obwohl Gesners Werk größtenteils auf der Verarbeitung des zu seiner Zeit vorhandenen zoologischen Wissens beruht, kann ihm deshalb nicht der Vorwurf der bloßen Kompilation gemacht werden. „Das Talent zu einer solchen“, sagt Ranke, „ist nicht so häufig, wie man meint. Soll sie der Wissenschaft dienen, so muss sie nicht allein aus vielfältiger Lektüre hervorgehen, sondern auf echtem Interesse und eigener Kenntnis beruhen und durch feste Gesichtspunkte geregelt sein. Ein Talent dieser Art sowie die größte Fähigkeit besaß Konrad Gesner.“

Gesner kann als der früheste deutsche Zoologe bezeichnet werden. Sein Werk über das Tierreich wurde zur Grundlage der neueren Zoologie. Gesners Grundsatz war, nichts zu wiederholen und nichts wegzulassen. Da ein Einzelner die unermessliche Arbeit nicht bewältigen konnte, setzte er zahlreiche einheimische und ausländische Helfer ein. Obwohl sein Werk in erster Linie das Werk eines geschickten, seinen Stoff beherrschenden Sammlers war, war sein Nutzen für das Leben genauso groß wie für die Wissenschaft. Gesner hat dem Menschen keinen Platz innerhalb des Tierreiches zugewiesen.

Auf italienischem Boden fand Gesner einen ebenso ehrgeizigen Mitstreiter in dem etwas jüngeren Aldrovandi. Auch dieser versuchte eine enzyklopädische Darstellung der Tierkunde – diese erreicht zwar insgesamt nicht das Niveau von Gesners Werk, bietet aber in Bezug auf die anatomischen Verhältnisse sowie die Gliederung Fortschritte. Den Versuch einer systematischeren Gliederung des Tierreichs, die auf den großen aristotelischen Gruppen beruht, unternahm in der Zeit zwischen Erscheinen von Gesners Werk und dem von Aldrovandi mit gutem Erfolg der Engländer Edward Wotton (geboren 1492 in Oxford). Auf dieser Grundlage konnte Aldrovandi aufbauen. Wotton veröffentlichte im Jahr 1552 ein Werk mit dem Titel „Über die Verschiedenheiten der Tiere“, das nicht nur eine allgemeine Beschreibung des tierischen Organismus und seiner Teile enthält, sondern auch einen Überblick auf der Grundlage der natürlichen Verwandtschaft bietet. Genau wie Aristoteles beginnt Wotton die Reihe der blutführenden Tiere mit dem Menschen. Es treten die Gruppen der Einhufer, der Zweihufer und der Spaltfüßer auf. Die eierlegenden Vierfüßer werden zusammen mit den Schlangen gefasst. Die niederen Tiere werden in Insekten, Weichtiere (Kopffüßer), Krebstiere, Stachelhäuter und Pflanzenwesen eingeteilt.

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eingeteilt. Zu letzteren rechnet Wotton bereits die Seesterne, Medusen, Holothurien und Schwämme.
Wotton unternahm also, allerdings in Anschluss an Aristoteles, als Erster unter den Neuzeitlern den Versuch einer naturgemäßen Einteilung des gesamten Tierreichs, und in dieser Hinsicht folgte ihm Aldrovandi, der im Jahr 1599 mit der Veröffentlichung seines großen zoologischen Werkes begann. Dieses sollte zwar die gesamte Naturgeschichte umfassen, doch konnte Aldrovandi selbst nur fünf Bände herausbringen, nämlich drei Bände über die Vögel, einen Band über die Insekten und schließlich einen Band über die „übrigen Blutlosen“. Die weiteren Bände wurden von anderen Zoologen veröffentlicht.
Aldrovandi konnte aufgrund der umfangreichen Entdeckungsreisen seiner Zeit einige Tierarten berücksichtigen, die Gesner noch nicht kannte, doch ging er im Allgemeinen eher kompilatorisch vor als kritisch – im Gegensatz zu seinem großen Vorgänger. Trotz seines Bestrebens nach einer besseren systematischen Gliederung schaffte er es noch, Fledermäuse und Strauße einer Abteilung der „Vögel mittlerer Natur“ zuzuordnen, während Wotton die Fledermäuse bereits den Säugetieren zugeordnet hatte.
Ein weiterer wichtiger Fortschritt auf dem Gebiet der Zoologie bestand darin, dass man sich nicht mehr nur auf die Beschreibung der äußeren Form beschränkte, sondern versuchte, in die Struktur der Tiere einzudringen. Bei Aldrovandi finden wir bereits Abbildungen des Skeletts, der Muskulatur sowie der Eingeweide. So wird beispielsweise das Skelett des Adlers dargestellt; beim Huhn sind mehrere, allerdings nur ungenaue Zeichnungen zur Erklärung der inneren Struktur beigefügt. Das Skelett der Fledermaus und des Straußes findet sich ebenfalls unter den Zeichnungen, die manchmal anatomische Details wie die Zunge mit ihrer Muskulatur beim Specht, das Brustbein des Schwans und vieles mehr zeigen. Die Muskulatur wird bei mehreren Vögeln genauer beschrieben.
Groß waren die Opfer, die die Naturhistoriker jener Zeit manchmal bringen mussten, um ihre Pläne zu verwirklichen. So beschäftigte Aldrovandi, wie er in der Vorrede mitteilt, zur Herstellung seiner Originalfiguren 30 Jahre lang einen Maler gegen ein Gehalt von 200 Goldstücken. Zudem setzte er noch mehrere Zeichner ein.

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Holzschnitzer bei der Arbeit. Der Beitrag von Männern wie Gesner und Aldrovandi ist deshalb umso höher zu schätzen, denn sie versuchten zunächst Klarheit und Übersicht im immer weiter anwachsenden zoologischen Material zu schaffen und weckten in weiteren Kreisen ein lebhaftes Interesse für die Tierkunde und damit für die Naturwissenschaften im Allgemeinen.

Die Wiederbelebung der Anatomie.

Die Wiederbelebung der Anatomie lässt sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Ein besonderes Interesse wandte der freigeistige Stauferkaiser Friedrich II. im Jahr 1004 diesen Wissensgebieten zu. Er verfasste ein Werk über Falken, ließ ausländische Tiere nach Europa bringen und gestattete die anatomische Untersuchung menschlicher Leichen. In den folgenden Jahrhunderten wurden solche Untersuchungen zu medizinischen und rein wissenschaftlichen Zwecken immer häufiger durchgeführt. Wenn dadurch bereits ein besseres Verständnis für die Natur entstand und das Studium von der bloßen Buchgelehrsamkeit abgelenkt wurde, so stieg das Interesse an der Anatomie noch erheblich an, da nicht nur Gelehrte, sondern auch die großen Künstler der Renaissance mit offenen Augen und ohne Vorurteile versuchten, in die wunderbare Struktur des Organismus einzudringen. Hier sei vor allem Leonardo da Vinci als einer der größten unter ihnen genannt. Seine anatomischen Zeichnungen weisen eine solche Vollkommenheit und Genauigkeit auf, dass sie alles Bisherige auf diesem Gebiet übertrafen. Es war also an der Zeit, die Anatomie neu zu begründen – ohne Rücksicht auf die Autorität Galens und auf der Grundlage eigener Forschungen zur Natur. Diese Neubegründung erfolgte durch die Italiener Fallopio († 1562) und Eustachio († 1571), vor allem jedoch durch den Niederländer Vesalius. Letzterer gilt als der eigentliche Begründer der wissenschaftlichen Anatomie des Menschen.

Andreas Vesalius (1514–1564) stammte aus einer deutschen Arztfamilie aus Wesel. Er wurde in Brüssel geboren. Schon als Junge widmete sich der spätere Professor für Anatomie und Chirurgie sowie Leibarzt von Kaiser Karl V. der anatomischen Untersuchung kleinerer Tiere. In den letzten Jahrhunderten des Mittelalters fanden zwar gelegentlich Untersuchungen an menschlichen Leichen statt; man verfolgte

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Dabei hatte es jedoch keinen anderen Zweck, als die Lehren Galens, der eine unbedingte Autorität genoss, als richtig zu bestätigen. Wie schwierig es selbst später war, sich Material zum Studium der Anatomie zu verschaffen, geht unter anderem daraus hervor, dass der junge Vesal, um in den Besitz eines menschlichen Skeletts zu gelangen, einen Gehenkten mit Gefahr seines Lebens vom Galgen stehlen musste. Ähnlich lagen die Verhältnisse in Deutschland. So galt es als eine Aufsehen erregende Neuerung, dass im Jahr 1526 ein Anatom einen menschlichen Kopf zerlegte. Es blieb aber zunächst bei solchen gelegentlichen Versuchen, die Anatomie auf die Untersuchung von Leichen zu gründen. Erst Vesal brach gänzlich mit den alten Vorurteilen, indem er das Lehrgebäude der Anatomie von Grund auf und sogleich in fast unübertrefflicher Weise als reine Erfahrungswissenschaft aufbaute. Sein großes Hauptwerk trägt den Titel „Über den Bau des menschlichen Körpers“. Als es erschien, hatte Vesal noch nicht das dreißigste Lebensjahr überschritten. Durch scharfe Erfassung und klare Wiedergabe des Gegenstands, durch Ursprünglichkeit des Inhalts und Schönheit der sprachlichen Darstellung ragt sein Werk weit über alle ähnlichen Produkte jener Periode hinaus und erregte die höchste Bewunderung der späteren Jahrhunderte. Die meisterhaften Abbildungen des Werkes, die besonders zu seiner großen Verbreitung beitrugen, stammen von einem Schüler Tizians. Um dem Leser einen Eindruck von ihrer naturgetreuen Ausführung zu vermitteln, ist in der folgenden Abbildung 64 eine der zahlreichen Tafeln zum Muskelsystem dargestellt. Das Abhängigkeitsverhältnis, in das Vesal zum Hofe Karls V. geriet, hat ihn leider daran gehindert, seine Untersuchungen zu vollenden. Auch musste er am Hofe die Anhänger Galens ertragen. Zu Beginn seiner Laufbahn hatte Vesal mehrmals in Padua die Anatomie nach Galen vorgestellt, sich dann aber entschieden davon losgesagt. Seine wissenschaftliche Überzeugung gegenüber der anerkannten Autorität zu vertreten, war damals kein geringes Wagnis. Freunde hatten ihn vor der Veröffentlichung seines großen Werkes gewarnt. Als es erschien, entstand zunächst ein Sturm der Empörung. Man erklärte Vesal für einen wahnsinnigen Ketzer. Das Buch wurde der Inquisition vorgelegt. Deshalb verließ Vesal Italien. Später lebte er in Spanien als Leibarzt Philipps des

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Zweitens wurde er schließlich, vielleicht infolge neuer Verfolgungen seitens der Inquisition, schwermütig. Vesal beschränkte sich keineswegs auf den Menschen, sondern floss zahlreiche Hinweise auf die Anatomie der Tiere in seine Darstellung ein. Es war umso weniger zu verwundern, als er ja von der anatomischen Untersuchung der Tiere ausgegangen und sich erst später der Anatomie des Menschen zugewandt hatte. Vesals Hauptwerk erschien 1543. Die sieben Bücher behandeln: 1. Das Skelett. 2. Bänder und Muskeln. 3. Gefäße. 4. Nerven. 5. Eingeweide. 6. Herz. 7. Gehirn und Sinnesorgane. Große Verdienste um die Weiterentwicklung der Anatomie auf der von Vesal geschaffenen Grundlage hat sich auch Eustachio erworben. Doch ist bemerkenswert, dass dieser, obwohl ihm auch die Abweichungen seiner Befunde von den Angaben Galens klar zugutekamen, lieber eine Veränderlichkeit des Körperbaus annehmen wollte, anstatt der gefeierten Autorität der Antike Schaden zuzufügen.

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Abb. 64. Abbildung aus Vesals De humani corporis fabrica. 1543.
(Zweite Tafel, die das Muskelsystem betrifft.)

Vor dem Erscheinen von Vesalius und Eustachius waren aufgrund des großen Mangels an anatomen Kenntnissen, die auf eigener Beobachtung beruhten, erfolgreiche chirurgische Eingriffe kaum möglich. Erst nach der durch diese Männer bewirkten Erneuerung der Anatomie konnte sich aus den bis dahin üblichen, rohen, ja oft barbarischen Operationsmethoden eine auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Chirurgie entwickeln. Dass dies geschah, war vor allem das Verdienst von Ambroise Paré (1517–1590), der sich den Ehrennamen eines Reformators dieses Bereichs der Medizin verdient hat.

Paré war wie Vesalius Militärchirurg und als solcher dem Stand der gelehrten Ärzte verhasst – insbesondere weil er kein Latein verstand. Sein hervorragendes Buch über Schusswunden (1545) ist das erste wissenschaftliche medizinische Werk, das in französischer Sprache verfasst wurde. Bei Amputationen wandte Paré zunächst die Methode des Abbindens der Arterien an; zuvor hatte man zur Behandlung von Wunden die Cauterisation mit glühendem Eisen verwendet. Auch die Verwendung von Bindestricken geht auf Paré zurück. Die Feindseligkeit der Ärzteschaft wurde besonders heftig, als Paré die Wirksamkeit einiger der gebräuchlichsten Medikamente in Frage stellte. Dennoch wurde Paré vom König sehr geschätzt. Er soll einer der wenigen Hugenotten gewesen sein, die der König in der Bartholomäusnacht verschonen ließ.

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Die Erkenntnis, dass sich ein vollständiges Verständnis der Form erst durch das Studium ihrer Entwicklung erschließen lässt, begegnet uns ebenfalls bereits im 16. Jahrhundert – wenn auch diese Erkenntnis erst in späteren Perioden, gestützt auf die Verschärfung, welche der Sehsinn durch das Mikroskop erfuhr, allseitig Fuß fassen konnte. So wurde die Entwicklung des Küchchens im Ei, ein Problem, das bereits Aristoteles beschäftigt hatte, zum Gegenstand eingehender Untersuchungen. Dies geschah durch den verdienten italienischen Anatomen Fabricius. Er bemerkte außerdem, dass sich die Klappen der Venen in Richtung Herz öffnen. Diese Entdeckung sowie andere Beobachtungen bezüglich der Organe des Kreislaufs bereiteten einen der größten Fortschritte des 17. Jahrhunderts vor – nämlich die Entdeckung des Blutkreislaufs durch Harvey. Damit schließt sich der erste Teil dieser Darstellung, die von den Anfängen bis gegen das Ende des 16. Jahrhunderts reicht. Der zweite Band wird die Begründung der neueren Naturwissenschaften, die etwa mit dem Beginn des 17. Jahrhunderts beginnt, darstellen.

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Verzeichnis der im I. Bande enthaltenen Abbildungen.
Abbildung aus
1. Gleichschenkliges Dreieck
2. Geometrische Elemente aus Cantor, Bd. I. 1880, S. 58, Abb. 6
altägyptischen Verzierungen u. 7.
3. Keilschriftprobe
4. Babylonischer Grenzstein
5. Der Tierkreis von Dendera
6. Altbabylonisches Gewicht nach Layard.
7. Waage, einem altägyptischen Ibel, Die Waage im Altertum und
Totenbuche entnommen Mittelalter.
8. Gewinnung von Eisen nach A. de Rochas, Les origines de la
altägyptischen Wandgemälden science et ses premières
applications.
9. Geometrische Konstruktionen der
Inder
10. Die Quadratur des Kreises bei den
Indern
11. Radkarte der Erde
12. Der Satz des Hippokrates
13. Konstruktion zur Lösung des Cantor, Geschichte der
delischen Problems Mathematik. Bd. I. 1880. Fig. 34.
14. Der Tragbalken des Aristoteles
15. Der Satz vom Parallelogramm der
Kräfte
16. Der Embryo des glatten Hais des Claus, Lehrbuch der Zoologie.
Aristoteles 1883. S. 677.
17. Vorrichtung zum Heben großer Heronausgabe von Schmidt. Op.
Lasten II. 1 Fig. 62.

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18. Das Verhalten des Hohlspiegels in der Euklid-Ausgabe von Heiberg sowie nach Euklid – Mengenlehre, Band 7.
19. Die Spiegelung an einem konkaven sowie an einem konvexen Spiegel nach der Darstellung Euklids.
20. Das zur Messung der Sonnenhöhe dienende Instrument der alten griechischen Astronomie – Schaubach, Geschichte der Astronomie, Tabelle III, Abbildung 2.
21. Die Gradmessung bei Eratosthenes.
22. Aristarchs Verfahren zur Bestimmung der Entfernungen des Mondes und der Sonne.
23. Breitenbestimmung mit dem Gnomon – Geschichte der Geografie, 1877, S. 44.
24. Stereographische und orthographische Projektion.
25. Die Feuerspritze nach Heron – Herons Pneumatik, Ausgabe von Schmidt, Band I, Abbildung 29.
26. Heron verwendet Dampf zur Antrieb einer mechanischen Anlage – Ausgabe von Schmidt.
27. Herons „Ball“ – ebenda.
28. Herons Darstellung eines Hebers – ebenda.
29. Herons Automat zum Öffnen von Türen – Prinzipien der Wärmetheorie, Tempel Leipzig 1896, S. 5.
30. Wassermusikinstrument.
31. Philons Thermoskop – Ausgabe von Schmidt, Abbildung 115.
32. Philons Saugkerze – ebenda.
33. Herons Seilwinde – Opera omnia, Ausgabe von Schmidt, Band II, S. 102.
34. Herons Wegmesser.
35. Herons Winkelmaßgerät – Jahrbuch des kaiserlich-deutschen Archäologischen Instituts, Band XIV.

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1899. 3. Heft.
36. Herons Vermessung eines Feldes – Herons Opera omnia. Ausgabe von Schmidt.
37. Herons Tunnelaufgabe – ebenda.
38. Der Meßapparat der Römer – Neue Jahrbücher für das klassische Altertum. Band 13 (1904).
39. Die Rekonstruktion der Groma – ebenda.
40. Peutingers Karte
41. Römisches Hebezeug – Gerland u. Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. 1899. Abbildung 58.
42. Römische Schnellwagen – ebenda.
43. Chirurgische Instrumente
44. Zur Erläuterung der Epizyklentheorie
45. Das parallaktische Lineal – Montucla, Histoire des mathématiques. Band I, S. 307.
46. Solstitial-Armille des Ptolemäos – Repsold, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge.
47. Ptolemäos misst die Brechungswinkel
48. Destillierapparat
49. Probe aus dem Stockholmer Papyrus
50. Albirunis Bestimmung des Erdumfangs – Archiv für Geschichte der Naturwissenschaften und der Technik. Band I, S. 66.
51. Trigonometrische Berechnungen
52. Einführung der Tangensfunktion
53. Alhazens Darstellung des Auges – Gerland u. Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Abbildung 62.
54. Alhazen untersucht die Brechung – Gerland u. Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst.

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Abb. 65.
55. Alhazen bestimmt die Höhe der Atmosphäre.
56. Lionardo da Vincis Hygrometer – Gerland und Traumüller. Abb. 99.
57. Lionardos Windmesser.
58. Lionardos Erklärung des Sehens.
59. Peurbachs Quadratum – Repsold, Zur Geschichte der geometrischen und astronomischen Messinstrumente. Abb. 7.
60. Der Kreuzstab – Repsold, ebenda, Abb. 12.
61. Schematische Erklärung des Kreuzstabs.
62. Das kopernikanische Weltbild – Aus Kopernikus’ Werk über die Bewegung der Himmelskörper.
63. Hüttenwesen nach Agricola.
64. Das Muskelsystem dargestellt aus Vesals Werk: De humani corporis fabrica.

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Namens- und Sachverzeichnis.
A.
Abendstern, 25.
Aberration, sphärische, 358.
Abu Mansur, 321.
Acosta D’, 440, 449.
Ägyptische Bauwerke, 3.
Ägyptische Kultur, 2.
Äquinoktialpunkte, 36.
Agricola, 437, 443.
Ahmes, 7, 11.
Akustik, 115.
Alaun, 50.
Albattani, 304, 306.
Albertus Magnus, 346–353, 443.
Albiruni, 303.
Alchemie, 278, 353, 363, 431, 432.
Alchemistische Theorien, 325.
Aldrovandi, 460, 461.
Alfarabi, 312.
Alfons von Kastilien, 251.
Alfragani, 304.
Algebra, 57, 253, 311.
Alhazen, 314, 315, 316, 357.
Alkmäon, 101.
Alkohol, 322.
Alkuin, 336.
Alliaco, 398.
Almagest, 33, 255, 302.
Altäre, 53.
Altertum, Verfall, 283.
Amalgamationsprozeß, 440.

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Amulette, 300.
Anatomie, 59, 102, 206, 235, 326, 366, 462, 463, 464.
Anaxagoras, 76, 77, 98.
Anaximander, 36, 67, 79, 90, 100, 269.
Antipoden, 118, 227, 289.
Apianus, 404, 418.
Apokatastasis, 243.
Apollonios, 248.
Apotheken, 48, 60, 437.
Arabische Kultur, 331.
Archimedes, 218.
Aristarch von Samos, 92, 93, 122, 408.
Aristophanes, 89.
Aristoteles, 28, 69, 73, 74, 78, 97–151, 233, 345, 355.
Aristoteliker, 421.
Armillen, 255, 256.
Arsenik, 321.
Aryabhatta, 52, 58.
Arzneipflanzen, 230.
Asklepiades, 208.
Astrolabium, 306, 396.
Astrologie, 16, 24, 31, 364.
Astronomie, 20, 332, 393.
–, griechische, 80.
–, Ursprung, 20.
–, Wiedererwachen, 393.
Astronomische Messinstrumente, 256.
–, Urkunden, 26.
Asymptoten, 86.
Atmosphäre, Höhe, 317.
Atome, 71, 75, 241.
Attalos, 240.
Aufgang, heliakischer, 22.
Auge, 315, 389, 420.
Augustin, 289, 287.
Averroes, 313.
Avicenna, 270, 312, 321, 435, 442, 443.

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B.
Bacon, Francis, 414.
Bacon, Roger, 353–362.
Bartholomeo Diaz, 447.
Bäume, 230.
Baumzucht, 329.
Bazillentheorie, 223.
Behaim, 396, 397, 447.
Benedikt von Nursia, 271.
Bergbau, 334, 437, 440.
Bernstein, 268.
Berosos, 368.
Bessarion, 394.
Bibel, 18.
Bibliothek, alexandrinische, 297.
Bibliotheken, 301, 302.
Blitzableiter, 269.
Blütenteile, 456.
Blutkreislauf, 234.
Boccaccio, 372, 373.
Bock, 458.
Boëthius, 293.
Bologneser Leuchtstein, 429.
Botanik, Erneuerung, 450.
Botanische Gärten, 400, 457.
Brahmagupta, 52, 56, 310.
Brechung, 260, 265, 316.
Brennglas, 58.
Brennkugel, 358.
Brennspiegel, 58, 395, 428.
Brillen, 318, 360.
Bronze, 42.
Brüche, 19.
Brunfels, 451, 452.
Brunnenaufgabe, 205.
Buffon, 231.

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Kompass, 308.

C.

Caesar, 213.
Kamera obscura, 423, 426.
Capitulare de villis, 337.
Cardanus, 74, 445.
Cassiodor, 292.
Cato, 210, 239.
Celsus, 223.
Kelten, 214.
Chaldäer, 32, 33, 37, 89.
Chemes, 274.
China, 60.
Chinesische Astronomie, 61.
Chirurgie, 48, 466.
Chronometer, 424.
Cicero, 210, 407.
Clusius, 448.
Kolumbus, 261, 362, 375, 398, 423, 424, 448.

D.

Damianos, 266.
Dämmerung, 317.
Dante, 372.
Datumsgrenze, 379.
De Caus, 423.
Deklination, 423.
Delisches Problem, 85.
Demokrit, 71, 73, 75, 78, 99.
Destillation, 50, 321.
Destillierapparat, 276.
Deszendenzlehre, Keime, 100.
Diamanten, 328.
Dionysios der Große, 287.
Diophant, 56, 57, 253, 254.

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Dioptrik, 201, 203.
Dioskurides, 231, 238, 245, 337, 401.
Dodonaeus, 455.
Babylonische Doppelelle, 38.
Doppelstunden, 24.
Dreiecksberechnung, 11.
Dreiteilung eines Winkels, 84.
Dürer, 377, 452, 460.
Dynamik – Begründung, 430.

E.
Einhardt, 302.
Eisen, 41.
Ekliptik – Neigung, 90.
Elemente, 70, 436.
Ellipse, 87.
Elmsfeuer, 269.
Emissar, 204.
Empedokles, 70, 76, 97–99.
Entdeckungsreisen, 362, 398, 448, 449.
Enzyklopädie, 292.
Ephemeriden, 395.
Epikur, 75, 100.
Epizyklentheorie, 120, 249, 250.
Erasistratos, 206, 233.
Erasmus von Rotterdam, 378.
Eratosthenes, 255.
Erdbeben, 368.
Erde – Bewegung, 381.
–, Gestalt, 96, 117, 227, 289.
Erdkern, 70.
Eudemos, 81, 95.
Eudoxos, 78, 119, 120, 248.
Euklid, 82.
Eutokios, 85.
Evektion, 247.

Page 448

Ermüdungsmethode, 84.
Experimente, 79, 235, 356, 359, 391.

F.
Fabricio, 466.
Versuchsfälle, 412.
Farbwechsel, 429.
Färber, 327.
Färberei, 280, 320.
Fechner, 415.
Feldmesskunst, 200, 211.
Teleskop, 360.
Feuervergoldung, 280.
Fibonacci, 339.
Dunkelheiten, 65.
Kran, 198.
Flavio Gioja, 308.
Fluoreszenz, 428.
Fracastoro, 444.
Francesco Petrarca, 364.
Friedrich II., 313, 437, 462.
Fuchs, 454.

G.
Galen, 233–237, 239, 270.
Galle, 103.
Gas, 277.
Gassendi, 75.
Geber, 322.
Bergbildung, 442.
Entgegenplanet, 94.
Geld, 14.
Geminos, 31.
Gemma Frisius, 417.
Geologie, 70, 391, 411.
Geometrie, 6, 53, 66.

Page 449

Gerbert, 333.
Gerhard von Cremona, 338.
Germanentum, 290.
Gesner, 447, 449, 455, 460.
Gewichte, 38.
Gewichtsstücke, 39.
Gewitter, 269, 367.
Gezeiten, 358.
Gift, 240.
Gilbert, 424.
Giordano Bruno, 415.
Glas, 44, 244.
Gleichungen, 9, 56, 254, 311, 340.
Globus, 120, 397, 417.
Gnomon, 36, 61, 67, 89, 380.
Gold, 43.
Gradmesser, 303.
Grenzstein, 26.
Groma, 212.
Guldinsche Regel, 264.

H.
Hammurabi, 45.
Harmonie, 80.
Harmonie der Sphären, 91.
Hartmann, 424.
Haustiere, 49.
Hebelgesetz, 113.
Heber, 194, 427.
Hebezeug, römisches, 216.
Heilkunde, Anfänge, 45, 101, 236, 294, 314, 330, 435.
Heilmittel, 46, 60.
Heilvorschriften, 46.
Hekataeos, 67.
Hellenismus, 209.
Helmont, van, 433.

Page 450

Herakleides Pontikos, 78, 92, 93, 94, 96.
Heraklit, 70.
Herbarien, 401, 458.
Hermes Trismegistos, 275.
Herodot, 6, 36, 45, 89, 262.
Heron, 58, 193, 205, 257.
Herophilos, 206, 233.
Herons Automaten, 195.
Herons Ball, 193.
Herons Dampfkugel, 193.
Heronsche Formel, 203.
Hesiod, 68, 96.
Hettiter, 16.
Hexenglauben, 364.
Hieroglyphenschrift, 3.
Hildegard von Bingen, 337.
Himmelsgebäude, 118.
Himmelsgloben, 120, 306.
Hipparch, 37, 122, 248, 251.
Hippias von Elis, 87.
Hippokrates von Chios, 83, 84, 89.
Hippokrates aus Kos, 102.
Hochöfen, 234.
Höllenstein, 324.
Homer, 96.
Horaz, 239.
Humanismus, 372, 374.
Humboldt, 232.
Hutten, 378.
Hüttenwesen, 437.
Hygrometer, 386.
Hyperbel, 86, 87.

J.

Jahr, 88.
Jatrochemie, 433, 434.

Page 451

Ibn al Haitam, 314.
Ibn Alawwâm, 329.
Ibn Batuta, 329.
Ibn Junis, 306.
Ibn Musa, 311.
Ibn Roschd, 329.
Ibn Sina, 298, 312, 328, 330.
Indien, 51.
Indigo, 245.
Ingenieur, 217, 218.
Ingenieurmechanik, 13, 215.
Inhaltsbestimmungen, 11.
Inklination, 424.
Insekten, 230.
Instrumente, chirurgische, 236.
Johannes von Sevilla, 339.
Jordanus Nemorarius, 430.
Irrationalität, 83.
Isidor von Sevilla, 294.
Islamitische Kultur, 338.
Jupiter, 34.

K.
Kaiserzeit, 219.
Kalender, 88, 89, 213, 357.
Kanäle, 13.
Karl der Große, 335.
Karten, 380.
Kartographie, 259, 381, 417, 419.
Katakaustik, 358.
Kegelschnitte, 86.
Keilschriftfunde, 16, 17, 25.
Kepler, 92, 411.
Kirchenväter, 286.
Kircher, 427–429.
Knochenbrüche, 48.

Page 452

Königswasser, 321.
Kombinationslehre, 57.
Kometen, 61, 121, 243, 367.
Kompass, 61.
Konformität, 419.
Konjunktionen, 34, 361.
Kopernikus, 403–414.
Krankheiten, 101.
Kräuterbücher, 453, 454.
Kreis, 5, 7.
Kreta, 63.
Ktesibios, 257.
Kugel, 87.
Kulturpflanzen, 49.
Kupfer, 14, 42, 43.

L.

Lactantius, 287, 288.
Länderkunde, 261.
Landwirtschaft, 238.
Längenbestimmungen, 395.
Längenproblem, 424.
Laterna magica, 429.
Leidener Papyrus, 279.
Leonardo von Pisa, 339.
Leukipp, 71, 73.
Levi ben Gerson, 396.
Liber abaci, 340.
Licht, 318.
Lionardo da Vinci, 382–392, 400.
Literatur, babylonisch-assyrische, 18.
Literatur, indische, 52.
Luca Ghini, 458.
Lucretius Carus, 74, 100, 240, 242, 268.
Luft, 194.
Lunulae Hippokratis, 83.

Page 453

Luther, 414.
M.
Magie, 422.
Magnet, 268, 429, 430.
Mago, 238.
Marco Polo, 329, 341.
Marcus Graecus, 310.
Marinus, 259, 262, 263.
Martianus Capella, 294, 333, 407, 408.
Maschinen, 385.
Maße, 38.
Mathematik, Anfänge, 7.
–, griechische, 78.
Maurolykus, 420, 421.
Mechanik, 111, 218, 385.
Medici, 375.
Megenberg, 232, 365, 368, 369, 401.
Melanchthon, 414.
Menächmos, 87.
Menelaos, 252.
Mensch, 226.
Mercator, 397, 417, 418, 419.
Messapparat, 212.
Metallurgie, Anfänge, 40.
Metallveredelung, 278.
Meteoriten, 77.
Metrologie, 38.
Milchstraße, 358.
Mine, 38.
Mineralien, 327, 369, 442.
Mineralogie, Neubegründung, 438.
Mönchstum, 291.
Mond, 37, 88, 90.
Mondbewegung, 31, 35.
Monddistanzen, 404.

Page 454

Sonnenfinsternis, 33.
Morgenstern, 25.
Musik, 293.
Münster, 417.

N.

Naturkundemuseum, 458.
Erklärung der Natur, 71.
– Philosophie der Natur, 69.
Nestorianer, 299, 300.
Nicetas, 407.
Nicolaus von Cusa, 379, 382.
Nikolaus V., 374.
Nippur-Tafeln, 17.
Nonius, 400.
Normannen, 424.
Null, 56.
Nullmeridian, 258.

O.

Obelisk, 14.
Observatorium, 5.
Oenopides, 89.
Olympiodor, 277.
Optik, 341.
Opus majus, 357.
Osiander, 406.

P.

Paläontologie – Anfänge, 443.
Palissy, 438, 444, 445.
Pappos, 198, 264.
Papyrus Ebers, 48.
– Papyrus Rhind, 7.
Parabeln, 86, 87.

Page 455

Paracelsus, 42, 434-436.
Parallaktisches Lineal, 255.
Parallelogrammgesetz, 114.
Paré, 466.
Peregrinus, 353.
Perpetuum mobile, 386.
Perspektive, 389.
Petrarka, 372, 373.
Peurbach, 393.
Peutingers Karte, 214.
Pflanzenabbildungen, 451.
– Beschreibungen, 351, 453.
– Kenntnis, 47, 59, 97.
Pflanzen, Anordnung, 455.
–, Beseelung, 70.
–, Nahrung, 382.
–, Schlaf, 350.
–, Sexualität, 350.
Philolaos, 92, 93, 94.
Philon, 197.
Philons Saugkerze, 197.
Phönizier, 63.
Phosphoreszenz, 428.
Physiologie, 388.
Physiologus, 347.
Pico von Mirandola, 363.
Pierre d’Ailly, 362.
Pius II., 375.
Planeten, 32, 34, 66, 90, 91, 114, 247, 248, 251.
Platon, 78, 85, 92, 95, 96, 102, 118, 119, 248, 268.
Plattkarte, 268.
Plinius, 206, 210, 218, 220-232, 239, 244, 245, 268, 270.
Plinius der Jüngere, 221.
Plutarch, 407.
Pneuma, 207.
Reguläre Polyeder, 82.
Pompeji, 240, 243.

Page 456

Pomponius Mela, 220, 226.
Positionsystem, 56.
Präzession der Tag- und Nachtgleiche, 122, 252, 415.
Projektionsart, 262.
Proklos, 81.
Prokop, 289.
Proportionen, 82.
Pseudo-Demokrit, 281, 278. – Gebersche Schriften, 323.
Ptolemäus, 35, 246–266.
Pyramiden, 4, 12, 87.
Pythagoras, 79–82, 101.
Pythagoreer, 80, 91.
Pythagoreischer Lehrsatz, 9, 53.

Q.
Qazwini, 327.
Quadratrix, 87.
Quadratum geometricum, 393.
Quadratur des Kreises, 54, 84.
Quadrivium, 332.
Quecksilber, 272.
Quecksilberoxid, 324, 327.
Quellen, 242.

R.
Radkarte der Erde, 67.
Raymundus Lullus, 363.
Rechenkunst, 20, 56.
Reformation, 355, 377.
Refraktion, atmosphärische, 266, 318.
Regenbogen, 359, 428.
Regiomontanus, 394, 395, 399.
Reguläre Körper, 81.
Reihen, 9, 56.
Renaissance, 334, 371.

Page 457

Rennarbeit, 334.
Rhabanus Maurus, 289, 336.
Rhases, 323.
Römer, 208.
Rudolf II., 433.

S.

Salpeter, 300.
– Säure, 321, 323.
Salzgewinnung, 334.
Saros, 37, 65.
Sehen, 116, 315, 389, 390.
Sehstrahlen, 267.
Seife, 245.
Seilspannen, 54.
Seneca, 242, 243, 261.
Sexagesimalsystem, 18.
Sinus, 59.
Sirius, 22.
Snellius, 268.
Sonnenbewegung, 247.
– Abbildungen, 421.
– Jahr, 22.
– Uhren, 62, 215, 333.
Sosigenes, 213.
Spektrum, 242.
Spezifische Gewichte, 318.
Sphären, homozentrische, 118.
Sphärenmusik, 121.
Spiegel, parabolische, 357.
Spielart, 456.
Sumerer, 15.
Summierungsformel, 10.
Susruta, 59, 64, 115.

Sch.

Page 458

Schall, 243.
Schaltjahr, 29.
Schattenmessung, 67.
Schießpulver, 59, 310, 361.
Schnellwagen, 217.
Schott, 427.
Schwenter, 424, 427.

Städtewesen, 342.
Stein der Weisen, 275, 326, 431.
Sterne, Zahl, 229.
Sternwarte, 399.
Stereometrie, 87.
Stockholmer Papyrus, 279, 320.
Strabon, 206, 259, 260.

Tacitus, 221.
Tafeln von Senkereh, 19.
Tartaglia, 431.
Telegraphen, 430.
Tell el Amarna-Tafeln, 16.
Thales, 64, 65, 67, 79.
Theophrast, 97, 107, 230.
Thermoskop, 197.
Thomas von Cantimpré, 348, 365.
Tiefenmesser, 382.
Tiere, Anordnung, 461.
–, Naturgeschichte, 459, 460.
Tierfabeln, 328, 347.
Tierformen, 328.
– Kreis von Dendera, 27.
– Kreisbilder, 25, 36.
– System, koisches, 103.
– Zeichnungen, 452.

Page 459

Timäos, 95, 102.
Töpferei, 44.
Toscanelli, 380, 448.
Tragbalken, 113.
Transmutation, 275.
Gewächshäuser, 244.
Trigonometrie, 4, 37, 58, 253, 305, 395.
Trivium, 332.
Tunnelaufgabe, 204.
– Bau von Tunneln, 203.
Tycho, 95, 122.
Phönizische Weltkarte, 262.

U.

Universitäten, 344, 376.
Unendliches Universum, 416.
Heliakischer Untergang, 22.

V.

Variation, 250.
Varro, 222, 223, 292.
Vasari, 371.
Vasco da Gama, 447.
Vedas, 53.
Venus, 25, 35.
Verbrennung, 387.
Messung des Römischen Reiches, 213.
Vernier, 400.
Versteinerten, 260, 380, 443, 445.
Vesal, 366, 463.
Ausbruch des Vesuvs, 221.
Virgil, 224.
Vitello, 341.
Vitruv, 95, 215, 216, 244, 261.
Vögel, 314.
Vulkane, 248, 260.

Page 460

W.
Wagen, 39, 333, 382.
Walfisch, 368.
Waltiere, 99.
Wasserbäder, 324.
– Orgel, 196.
– Uhren, 23, 257, 302.
Wegmesser, 199.
Weltanschauung, heliozentrische, 93.
– Bild des Mittelalters, 367.
– Entstehungslehre, 68, 72.
– Karte, 381, 418.
– System, heliozentrisches, 402, 409 bis 413.
Weyer, Jacob, 364.
Wiederkehr, stete, 121.
Windmesser, 387.
Winkelmeßinstrumente, 255.
Wirbelbewegung, 77.
Wissenschaften, ihr Verfall, 285.
Wohnungshygiene, 47.
Wotton, 461.
Wurfbewegung, 425, 430.
Würfelverdoppelung, 85.
Wurzeln, 57.

Z.
Zahlenmystik, 80.
Zahnkaries, 46.
Zahnradübertragung, 199.
Zeitmessung, 23.
Zellentheorie, 224.
Zentralfeuer, 93.
Ziffernsystem, indisches, 305.
Zink, 42, 271.
Zinn, 42, 271.

Page 461

Rochen mit Zittern, 270.
Zoologie, Anfänge, 99, 458.
Zosimos, 274, 276, 277.
Zucker, 322.
Begriff der Zweckmäßigkeit, 73, 74.

Page 462

Ergänzungen, Zusätze und Berichtigungen1015.
(Eingefügt, soweit der Platz es zuließ.)
Zu S. 2: In Anmerkung 2 muss es heißen „Siehe auch A. Wiedemann (Wi)“.
Zu S. 11: Bezüglich der Dreiecksberechnung ist die Hypothese zu beachten, die M. Simon in seiner Geschichte der Mathematik im Altertum 1909 auf S. 46 gibt. Danach würde es sich nicht um gleichschenklige, sondern um rechtwinklige Dreiecke handeln (Wü).
Zu S. 14: Über die ältere Geschichte der Metalle findet sich eine sehr ausführliche Darstellung in dem Anhang zur „Alchemie“ von Lippmanns. Kupfer wurde danach in Ägypten schon in der Steinzeit zu Geräten verarbeitet (S. 539). Silber und Eisen lernte man erst später kennen (Li).
Zu S. 15: Die Herkunft der Sumerer ist nicht sicher festgestellt. Sie sind nicht semitischen Ursprungs und hatten bereits vor 3000 eine hohe Kulturstufe erreicht; u. a. besaßen sie eine ausgebildete Schrift, die Keilschrift (Li).
Zu S. 19: Vgl. E. Hoppe, Mathematik und Astronomie im klassischen Altertum, S. 17 ff. (Wü).
Zu S. 19: Es verdient schon hier erwähnt zu werden, dass die Araber neben dem Sexagesimalsystem auch das Dezimalsystem verwendet haben (Wi).
Zu S. 31 (Dauer des synodischen Monats): Die genaue Übereinstimmung beruht darauf, dass eine sehr große Anzahl von Umläufen herangezogen wurde, und nicht darauf, dass die Beobachtungen bis auf Sekunden genau waren. Es wäre wohl angebracht, darauf besonders hinzuweisen (Wi).
Zu S. 38, unten: Die Übereinstimmung ist sicher Zufall. Sie rührt daher, dass die menschliche Elle etwa 1/2 m lang ist. Die Assyriologen hatten jedoch stets die Neigung zum Geheimnisvollen (Wi).
Zu S. 43, Anm. 3: Vgl. dazu die teilweise abweichende Ansicht von Wilers, wie sie E. von Lippmann in seiner „Alchemie“ darlegt.

Page 463

Es wurde über die ältere Geschichte des Kupfers geschrieben. Die Ansichten der Forscher gehen hier, insbesondere was das Auftreten von Kupfer in Nord- und Mitteleuropa betrifft, noch stark auseinander.
Zu S. 50, Anm. 2: Nach E. v. Lippmann hat sich die Destillation aus unvollkommenen Anfängen entwickelt, so dass sich bestimmte Angaben über ihren Ursprung nicht machen lassen. Die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von Destillierapparaten finden sich in Schriften, die angeblich im 1. Jahrh. n. Chr. entstanden sind („Alchemie“, S. 46–48).
Zu S. 60 (Ayur-Veda): Die Entstehung der Veden fällt in die Zeit von 1500 bis 500 v. Chr. Das Wort Veda bedeutet das Wissen.
Zu S. 67: Über seine Methode der Schattenmessung für beliebige Winkel vergleiche man E. Hoppe, Math. u. Astr. i. klass. Altertum (Wü). Danach hat Thales (nach Plutarch) seinen Stab bei irgendeiner Sonnenhöhe in den Endpunkt des Schattens gesteckt und gelehrt, dass die Schattenlänge des Stabes sich zur Schattenlänge der Pyramide verhalte wie die Länge des Stabes zur Höhe der Pyramide.
Zu S. 80, unten: Näheres über die fünf regelmäßigen Körper (platonische Körper) siehe bei E. v. Lippmann (Alchemie, S. 127).
Zu S. 90: Die früheren Angaben über die Schiefe der Ekliptik sind nach v. Lippmanns Mitteilung vermutlich babylonischer Herkunft. Ob tatsächlich chinesische Astronomen schon um 1100 v. Chr. den ziemlich richtigen Wert von 23° 52’ für die Schiefe der Ekliptik kannten, bleibe dahingestellt (Li).
Zu S. 113: Über die Frage der Echtheit der „mechanischen Probleme“ siehe die Anm. auf S. 128.
Auf S. 115 heißt es richtig 2 : 1 statt 1 : 2.
Zu S. 116: Das Wort Rückschritt ist hier nicht zeitlich zu nehmen, da Leukipp und Demokrit ihre Vorstellungen vor Aristoteles entwickelten.
Zu S. 123: Das Nordlicht ist auch in unseren Zeiten, wenn auch sehr selten, im südlichen Europa beobachtet worden.
Zu S. 128, Anm. 2: Mit Recht warnt auch E. Wiedemann davor, solchen Vorahnungen und Andeutungen einen zu hohen Wert beizumessen. „Ich stehe“, bemerkt er, „ihnen sehr skeptisch gegenüber, denn man kann im Altertum alles finden, positiv und negativ.“

Page 464

Zu S. 156: Bezüglich des 14. und 15. Buches der „Elemente“, die nicht von Euklid stammen, findet man das Nähere in E. Hoppes Mathematik und Astronomie im klassischen Altertum 1911, S. 314 ff. (Wü).
Zu S. 171 (Archimedisches Prinzip): Hierzu sind die Dissertationen von Th. Ibel, Die Wage im Altertum und Mittelalter, Erlangen 1908, sowie von H. Bauerreiß „Zur Geschichte des spezifischen Gewichtes im Altertum und Mittelalter“, Erlangen 1914, zu vergleichen (Wi).
Zu S. 178, Anm. 2: Nach Hoppe, Math. u. Astr. im klassischen Altertum, S. 283, beträgt der Wert des griechischen Stadiums 185,136 m und der des kleinen pharaonischen Stadiums 174,5 m. Siehe auch Decourdemanche, Traité pr. d. poids et mesures. 1909, S. 134 (Wü).
Zu S. 183, Anm. 1: Da die Neigung zur Astrologie zum Bild, das man sich sonst von Hipparch als kühlem Forscher macht, wenig passt, wurde seine Beschäftigung mit astrologischen Dingen wohl in Frage gestellt. Heute kann sie jedoch für ihn wie auch für Ptolemäos als erwiesen angesehen werden.
Zu S. 189: Ob Hipparch die stereographische Projektion kannte, ist nach Hoppe, Math. u. Astron. im klassischen Altertum, nicht sicher (Wü). Siehe dort S. 325.
Zu S. 200: Die richtige Schreibweise ist Theodolit. Der Ursprung des Wortes ist unbekannt.
Zu S. 215: Ausführliche Informationen über Uhren finden sich bei E. Wiedemann und J. Würschmidt (Wü).
Zu S. 228, Anm. 1: Günther sowie Würschmidt und andere bevorzugen die Schreibweise Copernicus. Siehe jedoch die Anm. 1 auf S. 403. Eine einheitliche Schreibweise in solchen Fällen ist kaum zu erreichen, da in der gesamten Literatur die verschiedenen Schreibweisen nebeneinander verwendet werden.
Zu S. 251, Anm. 1: Der Heibergsche Text ist dem von Halma vorzuziehen (Wi).
Zu S. 256: Über die Geschichte des Astrolabus berichtet ausführlich Josef Frank in den Sitzungsberichten der physikalisch-medizinischen Sozietät zu

Page 465

Erlangen (Bd. 50. 51. 1918/19). Die Abhandlung wird durch eine Anzahl von Abbildungen erläutert.
Das ursprünglich zur Aufnahme der Sterne bestimmte Instrument erhielt allmählich verschiedene Änderungen, die alle als Astrolabien bezeichnet werden und sich in den älteren astronomischen Werken abgebildet finden.

Page 466

Einfachste Form eines Astrolabiums nach Peschel.
(Gesch. d. Erdk. S. 386.)

Zu S. 261: Ob der Verfasser der Naturales quaestiones mit dem Tragöden Seneca identisch ist, steht immer noch nicht fest (Li).
Zu S. 264, Anm. 2: Nach E. Wiedemann ist die „Optik“ des Ptolemäos vor Govi wohl auch von anderen, z. B. Venturi, bemerkt worden.
Zu S. 271: Über die Kenntnis und Verwendung von Zink und Zinn im Altertum siehe von Lippmanns „Alchemie“ v. S. 577–600.
Zu S. 274: Über die ersten Erwähnungen der Chemie und ihres Namens sowie über die Herkunft des Namens Chemie handelt E. v. Lippmann sehr ausführlich in seiner „Alchemie“ S. 282–314. Etwas Sicheres lässt sich danach über die Herkunft des Namens „Chemie“ nicht feststellen.
Auch v. Lippmann gibt als älteste Quelle für das Vorkommen des Namens „Chemie“ Zosimos an. Dieser gehört danach schon dem 3. Jahrhundert an.
Er schrieb eine Anzahl griechischer Werke, die, wenn auch in entstellter Form, teilweise noch erhalten sind und ausdrücklich die Chemie als Kunst des Gold- und Silbermachens erwähnen (Chem. Ztg. 1914, S. 685). Die Ableitung des Wortes Chemie von Chemes findet sich nach v. Lippmann bei Zosimos jedoch nicht.
Zu S. 275: Ebenso unsicher wie die Ableitungen des Wortes „Chemie“ sind alle Nachrichten über den „Stein der Philosophen“ oder „der Weisen“.

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Nach von Lippmann taucht dieser Begriff erstmals in Schriften auf, die vermutlich im 1. nachchristlichen Jahrhundert entstanden sind („Alchemie“, S. 51).
Zu S. 277: Auch die mystischen Beziehungen zwischen Alchemie und Astrologie sind nach v. Lippmann unklar – Beziehungen, die sich in der auf S. 277 gegebenen Zuordnung der Metalle zu bestimmten Planeten deutlich zeigen.
S. 303: Al Biruni (ca. 973–1048) war Mathematiker, Astronom und Geograph. Er förderte insbesondere die wissenschaftlichen Beziehungen der arabischen Welt zu Indien. Meisterhaft beschrieb Al Biruni die Dämmerungserscheinungen, unter denen auch das Zodiakallicht deutlich erkennbar ist. Die kupferrote Mondfarbe, die bei einer totalen Mondfinsternis aufgrund des Lichts der Erde auftritt, konnten weder Al Biruni noch die anderen arabischen Astronomen erklären. (Nach Meyerhofs Sammelbericht; S. 314.)
Zu S. 304: Albattanis Werk wurde von Nallino in arabischer und lateinischer Sprache in hervorragender Bearbeitung veröffentlicht (Wi).
S. 310: Zu Marcus Graecus’ Schrift schreibt v. Lippmann: „Sie wurde erst um 1250 verfasst. Berthelots Angabe, Marcus Graecus habe Salpeter gekannt, ist völlig unhaltbar. Diels hat ihm zu Unrecht folge geleistet.“ (Li.)
S. 310, unten: Es lässt sich eine vollständige Liste der verschiedenen Bezeichnungen für den Namen Alchwarizmi erstellen. Ruska („Zur ältesten arabischen Algebra und Rechenkunst“, Heidelberg 1917) nennt etwa ein Dutzend solcher Bezeichnungen. Der vollständige Name lautet Muhammed ibn Musa Alchwarizmi.
S. 311: Ausführlicher geht Ruska in seinem Werk „Zur ältesten arabischen Algebra und Rechenkunst“ (Heidelberg 1917, Sitzungsber. d. Heidelb. Akad. d. Wissensch.) auf Ibn Musa ein. Nach Ruska wurden zu den Grundlagen der arabischen Algebra viele sich ausschließende Ansichten geäußert. Daher war ein genauerer Vergleich der Texte und Übersetzungen notwendig. Eine Algebra im heutigen Sinne…

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Ibn Musa hat keine Abhandlung über die Sinne geschrieben. Sein Buch soll nichts anderes sein als eine auf zahlreiche Beispiele gestützte Einführung in das angewandte Rechnen (ebd., S. 7). Woher Ibn Musa seinen Stoff hat, deutet er nirgends an.
Die verschiedenen Übersetzungen der Begriffe algabr und almukabalah können kein klares Bild ihres mathematischen Sinnes vermitteln. Cantor spricht von Wiederherstellung und Gegenüberstellung, Ruska hingegen von Ergänzung und Ausgleichung. Im Abschnitt, der sich mit den sechs Formen der Gleichungen befasst, heißt es nämlich, dass jede andere Gleichung durch das erwähnte Verfahren in eine der sechs Normalformen überführt werden könne.

Zu S. 314: Was die Optik der Araber betrifft, so kommt der neueste Stand der Forschung in Meyerhofs zusammenfassenden Abhandlung zum Ausdruck (Wi): Siehe M. Meyerhof, „Die Optik der Araber“ in der Zeitschrift für ophthalmologische Optik. Berlin, Verlag v. J. Springer 1920.

Zu S. 314: Als Ergänzung zur in diesem Werk gegebenen Darstellung sei aufgrund dieses Sammelberichts noch Folgendes hervorgehoben: Die Autoren der seit dem 8. Jahrhundert in arabischer Sprache entstandenen Literatur waren zum allergeringsten Teil Araber; vielmehr handelte es sich vorwiegend um Perser, Syrer, Ägypter und Mesopotamier – und zwar nicht nur Mohammedaner, sondern auch Christen und Juden.

Der bedeutendste optische Schrift der Araber, der Thesaurus Opticae von Alhazen (Ibn al-Haitham), ist zwar seit dem 13. Jahrhundert der westlichen Welt bekannt. Eine genaue Erforschung der arabischen Optik auf Grundlage der Übersetzungen der Urtexte erfolgte jedoch erst in den letzten Jahrzehnten – im ophthalmologischen Bereich durch J. Hirschberg, im physikalischen Bereich durch E. Wiedemann. Leider wurde der arabische Urtext der Optik Alhazens trotz aller Bemühungen bis heute noch nicht gefunden.

Die Lebensgeschichte Alhazens wurde von E. Wiedemann treu nach den arabischen Gelehrtenbiografien dargestellt. (Archiv für die Geschichte der Naturwissenschaften und Technik 1910, 3, S. 1–53.)

Die Übersetzung ins Lateinische, die der Risner’schen Ausgabe zugrunde liegt, entstand vermutlich im 13. Jahrhundert.

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Eine genauere Inhaltsangabe der 7 Bücher gibt M. Meyerhof in seinem Sammelbericht in der Zeitschrift f. ophthalmolog. Optik. VIII (1920), Heft 3, S. 315: Bei der Darstellung der Anatomie des Auges stützt sich Alhazen im Wesentlichen auf Galen. Wie dieser unterscheidet er 3 Feuchtigkeiten (Kammerwasser, Linse, Glaskörper) sowie 4 Häute. Auch die Linse rückt bei Alhazen in den Mittelpunkt des Auges. S. 316: Im Gegensatz zu den meisten Griechen sowie seinen arabischen Kollegen stellt Alhazen bewusst die Theorie auf, dass das Sehen durch Strahlen zustande kommt, die in gerader Linie vom Gegenstand zum Auge verlaufen (Meyerhof, a. a. O., S. 42). S. 317: Dass das Licht zur Fortpflanzung Zeit benötigt, glaubt Alhazen daraus schließen zu können, dass die Farben des Farbenkreises – der bereits Ptolemäus bekannt war – bei schneller Drehung nicht mehr einzeln unterschieden werden können (ebd., S. 43). S. 318: Dass die Gestirne in der Nähe des Horizonts größer erscheinen als im Zenit, erklärt Alhazen als eine optische Täuschung. Diese entsteht dadurch, dass das Auge die Größe der Objekte anhand des Winkelmaßes sowie der vermuteten Entfernung abschätzt. Letztere erscheint am Horizont aufgrund der dazwischen liegenden Objekte größer. Aus demselben Grund erscheint das Himmelszelt abgeplattet (ebd., S. 45). Die erste Erwähnung der Dunkelkammer findet sich in dem von E. Wiedemann übersetzten Werk Alhazens „Über die Gestalt des Schattens“. Dort heißt es: „Tritt das Licht der Sonne zur Zeit ihrer Verfinsterung aus einem engen, runden Loch hervor und gelangt zu einer gegenüberliegenden Wand, so hat das Bild eine Sichelform.“ Den Beweis liefert Alhazen durch eine ausführliche Abhandlung (übersetzt von E. Wiedemann). Sein Kommentator Kemal al-Din, der etwa 300 Jahre später lebte, entwickelt die Theorie der Dunkelkammer sehr ausführlich. J. Würschmidt geht davon aus, dass die westlichen Gelehrten die Erfahrungen der Araber bezüglich der Dunkelkammer übernahmen. Die Tatsache, dass bei einer Sonnenfinsternis hinter einer engen Öffnung ein sichelförmiges Bild der Sonne entsteht, war bereits in der Antike bekannt.

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In seinem Werk „Über Brennspiegel nach Kegelschnitten“ (herausgegeben von J. L. Heiberg und E. Wiedemann, Bibl. math. III. Folge, Bd. 10, Heft 3) erwähnt Alhazen die Beobachtung der Alten, dass Spiegel von der Form eines Umdrehungsparaboloids alle Strahlen in einem Punkt vereinigen und wirksamer sind als alle anderen Spiegel. Die Entdeckung soll von Diokles um 350 v. Chr. gemacht worden sein. Alhazen vermisst die theoretische Konstruktion, die er dann vollständig gibt. Indessen hatte bereits Appollonios die richtige Lage des Brennpunktes bei paraboloiden Hohlspiegeln festgestellt.

Z. B. 318: Einen guten Überblick über den Stand, den die Augenheilkunde bei den Arabern erreicht hatte, gibt eine von C. Prüfer und M. Meyerhof in der Zeitschrift „Der Islam“ (6. Jahrg. 3. Heft 1915) herausgegebene ausführliche Abhandlung über diesen Gegenstand.

Z. S. 319: Daraus, dass in dieser Tabelle der Alkohol fehlt, schließt von Lippmann, dass man um 1120 den Alkohol noch nicht kannte. Nach ihm ist dieser gar keine arabische Entdeckung, sondern eine verhältnismäßig späte westliche. Bisher war man allgemein der Ansicht, dass der Alkohol bereits seit dem 9. Jahrhundert den Arabern bekannt gewesen sei. Über die Geschichte des Aräometers siehe auch v. Lippmanns Abhandlung in der Chemiker-Zeitg. 1912, Nr. 68.

Z. S. 319: „Über Wagen bei den Arabern“ behandelt E. Wiedemann (Sitzsber. d. Phys. Mediz. Soziet. in Erlangen Bd. 37, 1905, S. 388 u. f.). Wiedemann berichtet dort von der Verwendung physikalischer Kenntnisse zu allerhand Betrügereien. So stellte man Wagen her, deren Balken hohl war und etwas Quecksilber enthielt. In einem arabischen Werk, das eine Reihe von Taschenspielertricks beschreibt, heißt es: „Soll das Gold leicht erscheinen, so lässt man das Quecksilber nach der Seite der Gewichte fließen.“ Auch dadurch wurde betrogen, dass der Bankier einen Ring trug, in dem sich ein Magnetstein befand. Diesen brachte er beim Wiegen in geeigneter Weise an die eiserne Zunge der Waage. Dass solche Betrügereien recht alt waren, geht auch daraus hervor, dass bereits der Koran dagegen eifert.

Zu S. 318 und 327: Al Qazwini und Al Khazini sind zwei verschiedene arabische Schriftsteller. Al Khazini lebte um 1130. Von ihm stammen die sehr genauen Bestimmungen einer Anzahl von spezifischen Gewichten.

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Al-Qazwini, der Verfasser des Steinbuchs, lebte etwa hundert Jahre später. Er schrieb eine große Erdbeschreibung: „Die Wunder der Schöpfung und die Denkmäler der Länder“. Sein vollständiger Name lautet: Zakarija ibn Muhammad ibn Mahmud al-Qazwini.
Die arabischen Steinbücher enthalten auch Vorschriften zur Gravierung von Planetenbildern auf die den einzelnen Planeten zugeordneten Steine. Bei jedem der sieben Planeten wird angegeben, bei welcher Konstellation das genau beschriebene Planetenbild in den dem Planeten gewidmeten Stein graviert werden soll sowie welche Wirkung das Amulett hat, wenn bestimmte rituelle Vorschriften eingehalten werden. Dem Saturn entspricht ein Stein in einem Ring aus Blei, dem Mars ein Stein in einem Ring aus Eisen usw. Näheres bei J. Ruska, Griechische Planetendarstellungen in arabischen Steinbüchern. (Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg 1919.)

Zu S. 320, 8. Zeile von oben: Neben Spanien verdient Sizilien Erwähnung, da auch von hier aus die arabische Wissenschaft dem Abendland übermittelt wurde (Wi).

Zu S. 322: Über Geber berichtet ausführlicher und entsprechend den Ergebnissen der neuesten Forschungen v. Lippmann in seiner „Alchemie“.

Zu S. 322: Nach v. Lippmann ist Alkohol eine Erfindung des Abendlandes, die vermutlich erst im 11. Jahrhundert hergestellt wurde – wohl in Italien (Alchemie 472). Das Wort „Kohol“ bezeichnet ursprünglich ein sehr feines Pulver. Al ist der arabische Artikel. Näheres siehe bei v. Lippmann, Chemiker-Zeitung 1913, S. 1313, ebenda 1917, S. 865.

Zu S. 325: Es sei darauf hingewiesen, dass die Gleichungen unter 2) nur zur Erläuterung dienen. Die Salzsäure, mit deren Hilfe hier die Zersetzung bewirkt wird, war damals noch nicht bekannt.

Zu S. 326: Wunderbare Wirkungen wurden dem Stein der Weisen bereits von den frühesten griechischen Alchemisten zugeschrieben (Li).

Zu S. 327, unten: Es muss jedoch anerkannt werden, dass die Araber recht gute botanische Kenntnisse besaßen (Wi).

Zu S. 330: Über die medizinischen Kenntnisse bei den Arabern hat ausführlich G. Seidel in den Sitzungsberichten der physikalisch-medizinischen Gesellschaft in Erlangen berichtet.

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berichtet (Band 47, S. 1915).
S. 352: Die dem Albertus Magnus zugeschriebenen, eigentlich alchemistischen Werke sind nach v. Lippmann Fälschungen.
Zu S. 390: In Bezug auf die Optik Lionardos sei auf Werners in Erlangen erschienene Dissertation hingewiesen. Werner weist nach, dass sich in den optischen Studien Lionardo da Vincis zahlreiche Andeutungen finden, die auf seine Bekanntschaft mit den Schriften Alhazens schließen lassen.
Zu S. 401: „Ortus“ wurde im Mittelalter häufig anstelle von „Hortus“ verwendet.

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Fußnoten:
[1] Berthold hat diese Arbeit nicht vollendet. Sie wurde später Gerland (-1800) und Würschmidt (1800–1900) übertragen.
[2] Die Verwandtschaft des Ägyptischen mit dem Semitischen wurde besonders durch Erman dargeboten, der die ältesten Verbalformen verglich und zahlreiche Übereinstimmungen feststellte. Dass der altägyptische Typus vom der Neger stark abweicht, hat Virchow durch die Untersuchung der Königsmumien nachgewiesen (Ber. d. Berl. Akad. von 1888).
[3] Siehe auch Wiedemann, Ägyptische Geschichte 1884, S. 22, sowie E. Meyer, Geschichte des Altertums, Bd. 1, 1909, S. 44.
[4] Näheres über den Namen und über die Geographie des alten Ägyptens findet man in Paulys Realencykl. d. klass. Altertumswiss., Bd. I, S. 978.
[5] G. Maspero, Gesch. d. morgenländischen Völker im Altertum, Leipzig 1877, S. 63.

[6] So entstand z. B. aus der Eule, die in der Hieroglyphenschrift „m“ bedeutet, das Zeichen (hieratisch) und schließlich (demotisch). Die demotische Schrift wurde in der griechisch-römischen Zeit besonders im Verkehr verwendet.
[7] Z. B. Athanasius Kircher (1601–1680), der sich auch um die Naturwissenschaften verdient gemacht hat (siehe auch andere Stellen dieses Werkes).
[8] E. Meyer, Geschichte des Altertums, 1909, Bd. I, S. 54. Siehe auch an späterer Stelle dieses Bandes.
[9] Zeitschrift der deutschen Morgenländischen Gesellschaft, 1904, S. 386.
[10] Nach Nissen und Lockyer. Siehe die Abhandlung Charliers in der Zeitschrift der Morgenländischen Gesellschaft, 1904, S. 386 ff. Danach wiederholte sich Ähnliches bei den älteren christlichen Kirchen. Ihre Achse wurde manchmal gegen den Punkt des Horizonts gerichtet, an dem die Sonne am Gedenktag des Heiligen der jeweiligen Kirche unterging. Charlier wollte auf diese Weise das Alter der Kirchen auf astronomischem Wege bestimmen.
[11] M. Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik, Bd. I (1880), S. 59.
[12] G. Maspero, Geschichte der morgenländischen Völker im Altertum, übersetzt von R. Pietschmann, Leipzig 1877, S. 54.
[13] Um ihre Entzifferung haben sich zunächst Thomas Young und später Champollion die größten Verdienste erworben.
[14] Lepsius, Denkmäler II, 50.
[15] In Tell el-Amarna in Mittelägypten.
[16] Herodot, II, 109.
[17] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten, Tübingen 1869.

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[18] Der Papyrus Rhind des Britischen Museums in London, den der Schreiber Ahmes des Hyksoskönigs Ra-a-us verfasste. Die Entstehung dieser Schrift fällt zwischen 1700 und 2000 v. Chr. Das Dokument wurde übersetzt und erläutert herausgegeben von Eisenlohr, Leipzig 1877. Eine eingehende Besprechung seines Inhalts findet sich in M. Cantors Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S. 19–52.
[19] J. Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 52.
[20] Eisenlohr, Ein mathematisches Handbuch der alten Ägypter (2. Ausgabe). S. 46–48.
[21] Schak im 38. und 40. Band der Zeitschrift für ägyptische Sprache.
[22] Cantor im Archiv für Mathematik und Physik. 8. Bd. 1904.
[23] Cantor, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I (1880). S. 37.
[24] Näheres über das Verfahren und die erhaltenen Exemplare siehe bei Cantor, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 43–45; 109–112 usw.
[25] Cantor, Bd. I. S. 46.
[26] Eisenlohr, Papyrus. S. 125.
[27] Cantor, Bd. I. S. 58. Abb. 6 u. 7.
[28] M. Cantor, Vorlesungen über Gesch. d. Mathem. Bd. I. S. 59.
[29] Cantor, a. a. O. Bd. I. S. 59. Siehe auch S. 9.
[30] Er lautet Seqt. Siehe Cantor, Gesch. d. Mathem. Bd. I S. 52, sowie Eisenlohr, a. a. O. S. 135 (Anm. 3).
[31] Tropfke, Gesch. d. Elementarmathematik. Bd. I. S. 74.
[32] C. Merkel, Die Ingenieurtechnik im Altertum. Berlin. J. Springer. 1900. An dieses größere Werk lehnen sich die „Bilder aus der Ingenieurtechnik“ an, die Merkel als 60. Bändchen der Sammlung „Aus Natur und Geisteswelt“ veröffentlichte (B. G. Teubner. Leipzig 1904).
[33] Ist doch bekannt, welche Mühe es kostete, den Obelisken von Heliopolis auf dem Platze vor der Peterskirche in Rom mit Hilfe zahlreicher Göpel und Flaschenzüge aufzurichten. Dieser Obelisk ist eine einzige Steinmasse von über 300000 kg Gewicht. Näheres siehe bei Beck in seinen Beiträgen zur Geschichte des Maschinenbaus. Berlin 1899. S. 192.
[34] Siehe „Der alte Orient.“ I., herausgegeben von der vorderasiatischen Gesellschaft.
[35] Ort zwischen Kairo und Theben, wo eine Anzahl Keilschrifttafeln entdeckt wurden. Sie befinden sich zum Teil im Museum der vorderasiatischen Altertümer in Berlin. In einem der Briefe (um 1400 v. Chr.) findet sich die erste Erwähnung Jerusalems. Die Berliner Sammlung enthält auch zahlreiche Tafeln der ältesten babylonischen Zeit (3000 v. Chr.). Bei ihrer Auffindung waren die Schriftzüge durch Auflagerungen unkenntlich; nach Anwendung verschiedener Reinigungsverfahren traten sie mit voller Deutlichkeit hervor. Erwähnenswert ist auch ein sumerisch-babylonisches Wörterbuch.
Von den Tell el-Amarna-Tafeln gelangten etwa 200 nach Berlin; die wertvollsten sind in London. Siehe auch C. Niebuhr, Die Amarna-Zeit. „Der Orient“ I. 2. Heft. Berlin 1899.
[36] Hettitische Schriftdenkmäler wurden in Nordsyrien und in Boghaz-Kiri (Kappadozien) gefunden. Sie bilden einen Teil der Berliner Sammlung vorderasiatischer Altertümer. Die Hettiter haben Bedeutendes auf dem Gebiet der Metallurgie geleistet. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß durch sie metallurgische Kenntnisse, z. B. die Art der Gewinnung des

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Eisen, das nach Ägypten und nach Babylonien gelangt ist (E. Reyer, Altorientalische Metallurgie. Zeitschrift der orientalischen Gesellschaft. 1884. S. 149).
[37] Merkel, „Die Ingenieurtechnik des Altertums“, enthält darüber sowie über den Wasserbau der übrigen alten Völker (Chinesen, Griechen, Römer) das Nähere.
[38] F. X. Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907. Der Inhalt der astrologischen Keilschriftfunde wurde im III. Bande des Londoner Inschriftenwerkes veröffentlicht. Die Übersetzung der astronomischen Keilschrifttafeln begann 1874.
[39] Bezold, Ninive und Babylon, Monographien zur Weltgeschichte. 1903. Mit 102 Abbildungen.
[40] A. H. Layard, Niniveh and its remains (1848).
[41] Die Nippurtexte wurden unter der Oberleitung Hilprechts veröffentlicht: The Babylonian expedition of the university of Pennsylvania, Philadelphia.
[42] Siehe S. 19.
[43] Beispiele führt Cantor Bd. I. S. 71 in größerer Zahl an. So heißt es Samuel I. 18: Saul hat tausend geschlagen, David aber zehntausend. Und an anderer Stelle: Tausend mal tausend dienten ihm (Daniel 7. 10).
[44] Auf den Tafeln sind die Zahlen selbstverständlich ohne Zeichen nebeneinander gestellt. Unter den neubabylonischen Tafeln der Berliner Sammlung findet sich der Grundriss eines größeren Gebäudes. Auf diesem Grundriss sind die Abmessungen durch Zahlen nach dem Sexagesimalsystem verzeichnet, z. B. 11 · 60 + 40 (= 700).
[45] Nach E. v. Lippmann ist es sogar sehr unwahrscheinlich.
[46] Siehe auch Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 76.
[47] Theo Smyrnaeus (ed. Ed. Hiller). Leipzig 1878. S. 177.
[48] Wilhelm Spiegelberg, Orientalistische Literaturzeitung, 1902. S. 6. Es fand sich unter einer großen Menge Ostraka (durch Einritzen beschriebene Tonscherben), welche die Straßburger Bibliothek erwarb, und wurde von Spiegelberg entziffert. Der Text ist demotisch.
[49] Geht ein Gestirn gleichzeitig mit der Sonne auf, so spricht man von seinem heliakischen oder Frühaufgang. Dabei ist der wahre Frühaufgang, der wohl ermittelt, aber nicht beobachtet werden kann, von dem sichtbaren Frühaufgang zu unterscheiden. Letzterer Zeitpunkt tritt ein, wenn das Gestirn schon etwas vor dem Aufgang der Sonne erscheint, so daß es in der Dämmerung wahrzunehmen ist. Der Zeitunterschied beläuft sich auf etwa 20 Tage. Ähnlich liegen die Verhältnisse beim heliakischen Untergang.
[50] Der Beginn der ersten ägyptischen Kalenderordnung wird in das Jahr 4241 v. Chr. verlegt. (E. Meyer, Ägypten zur Zeit der Pyramidenerbauer. Leipzig 1908. Sendschrift der deutschen Orientgesellschaft.)
[51] Der Sirius (Sothis) galt daher als der Stern der Isis, welche die Überschwemmung dadurch bewirkte, daß sie, die große Naturgöttin, eine Träne in den Strom fallen ließ. Siehe auch die Abhandlung „Die Nilschwelle“ von W. Capelle in den neuen Jahrbüchern f. d. klass. Altertum. 1914. S. 317.
[52] Näheres über die Sothisperiode und andere im Altertum gebräuchliche Ären, d. h. der Einrichtung, die Jahre von einem allgemein anerkannten, festen Zeitpunkt ab zu rechnen, enthält Paulys Real-Encycl. d. klass. Altertumswissensch. unter „Aera“ (1898. S. 606).

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[53] Ideler, Über die Sternkunde der Chaldäer. Abhandlungen der Berliner Akad. d. Wissensch. 1814/15. S. 214.
Wie die alten Astronomen dabei vorgingen, hat Pappus in seinem Kommentar zum V. Buch des Almagest beschrieben.
[54] K. F. Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier. In den Beiträgen zur alten Geschichte. Bd. I (1902). S. 350.
[55] Vielleicht haben die Babylonier die Wasserwaage auf den Durchgang der Sonne durch den Meridian bezogen und so den durch die Schiefe der Sphäre bedingten Fehler vermieden.
[56] Siehe K. F. Ginzel a. a. O. S. 351.
[57] E. Meyer, Geschichte des Altertums. Bd. III. 1901. S. 132.
[58] Arabischer Name des astronomischen Hauptwerkes von Ptolemäos.
[59] E. Meyer, Geschichte des Altertums. Bd. I. S. 527.
[60] C. Bezold, Die Astrologie der Babylonier in Bolls Sternglaube und Sterndeutung. B. G. Teubner, Leipzig. 1918. S. 9.
[61] So erscheinen die Plejaden in der Siebenzahl auf der Stele (Grabstele) eines Königs des 7. vorchristlichen Jahrhunderts.
[62] E. Meyer, Geschichte des Altertums. I (2). S. 369.
[63] Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
[64] Eine ausführliche Abhandlung von Rieß über die Astrologie im Altertum enthält Paulys Reallexik. d. klass. Altert. Bd. II (1896). S. 1802.
[65] A. H. Sayce, The astronomy and astrology of the Babylonians with translations. London 1874. Siehe auch Cantor I. S. 38 (3. Aufl. 1907).
[66] Nach Simplicius, Kommentar zu Aristoteles „De coelo“.
[67] Wolf, Geschichte der Astronomie. S. 10.
[68] H. Suter, Die Geschichte der mathematischen Wissenschaften. Zürich 1873. S. 18.
[69] R. Lepsius, Das bilingue Dekret von Kanopus. Berlin 1866. Die betreffende Inschrift wurde von Lepsius im Jahre 1866 in Unterägypten gefunden.
[70] Die aus dem Altertum auf uns überkommenen Nachrichten über die Astronomie der Babylonier hat Ideler zusammengestellt: Über die Sternkunde der Chaldäer (Abhandlungen der Berliner Akademie d. Wissensch. von 1814/15). Die in Idelers Schrift zusammengestellten und erläuterten Fragmente waren bis zur Entzifferung der Keilschriftfunde, also bis 1870 etwa, die wichtigste Quelle für die Geschichte der babylonischen Astronomie.
[71] F. Boll, Astronomische Beobachtungen im Altertum. Neue Jahrbücher f. d. klass. Altert. 1917. S. 17.
[72] Siehe Ginzel, „Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier und ihre kulturhistorische Bedeutung“; in den Beiträgen zur alten Geschichte (Klio). 1 Bd. (1901).
[73] Nach Ginzel a. a. O. S. 191.
[74] Siehe Ginzel a. a. O. (Klio).

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[75] „Was auf diesem Gebiete die Assyriologie geleistet hat, gehört zu den erstaunlichsten Ergebnissen der Altertumsforschung und bildet einen der größten Triumphe der Keilschriftenentzifferung“ (Bezold, Ninive und Babylon 1903, S. 89). Unter den Männern, die Astronomie und Keilschriftenkunde in einer Person vereinten, ist besonders F. X. Kugler zu nennen.
[76] Nach Kugler.
[77] F. X. Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
[78] Nach Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
[79] Ginzel, Die astronomischen Kenntnisse der Babylonier.
[80] Wie Geminos mitteilt. Wann Geminos lebte, ist nicht genau bekannt (100 v.–100 n. Chr.). Er stammte aus Rhodos und schrieb eine Einführung in die Astronomie (εἰσαγωγὴ εἰς τὰ φαινόμενα). Eine Ausgabe mit deutscher Übersetzung veröffentlichte K. Manitius. Leipzig 1898.
[81] Wie die Bewegung der Gestirne galt auch das Verhalten gewisser Tiere als Omen. In Babylon spielte, nach dem Inhalt mancher Keilschrifttexte zu urteilen, der Skorpion in dieser Hinsicht eine Rolle, wie sie heute beim Volk noch der Spinne zugeschrieben wird. Aus dem Verhalten der Skorpione suchte man z. B. das Schicksal der Heere oder den Verlauf öffentlicher Angelegenheiten vorherzusagen. (Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin und der Naturwissensch. 1906, S. 326.)
[82] Siehe Diodors von Sizilien, Historische Bibliothek, übersetzt von J. F. Wurm. Stuttgart 1827, Buch II, Kapitel 30.
[83] Eingehender handelt von der kulturgeschichtlichen Bedeutung der babylonischen und der ägyptischen Priesterschaft E. Meyer im 1. Band (1,2) seiner Geschichte des Altertums.
[84] Nach Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Assyriologische, astronomische und astralmythologische Untersuchungen. I. Buch: Entwicklung der babylonischen Planetenkunde von ihren Anfängen bis auf Christus. Münster 1907, S. 41.
[85] Siehe Kugler, Sternkunde und Sterndienst in Babel. Münster 1907.
[86] Kugler, Im Bannkreis Babels. S. 57.
[87] Wolff, Geschichte der Astronomie. S. 10.
[88] Berosos war Priester in Babylon. Er gibt selbst an, dass er unter Alexander, dem Sohn Philipps, gelebt habe. Näheres siehe in Christ, Geschichte der griechischen Literatur. 1889, S. 412.
[89] K. A. v. Zittel, Geschichte der Geologie u. Paläontologie. 1899, S. 2. Die Aufzeichnungen des Berosos (Christ, a. a. O.) erregten bei den Juden und den Christen besonderes Interesse durch die mit der Bibel übereinstimmenden, nun auch durch Keilschrifttexte bestätigten Mythen von der Sündflut, dem Turmbau zu Babel usw.
[90] Nach Ginzel, Das astronomische Wissen der Babylonier. (Klio. 1901.)
[91] Nach einer von H. Winckler aufgestellten, jedoch sehr fragwürdigen Ansicht. Nach Winckler begann das babylonische Jahr mit dem Frühlingsäquinoktium. Nun wandern die Äquinoktialpunkte in 26.000 Jahren durch den ganzen Tierkreis. Der Frühlingspunkt verweilt somit in jedem Tierkreisbild etwa 2000 Jahre. Angesichts des großen Zeitraums, über den sich die babylonischen Beobachtungen erstreckten, konnte die Wanderung der Äquinoktien den

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Den Babyloniern entgingen sie laut Winckler nicht. Als ihre Beobachtungen, soweit Urkunden darüber vorliegen, begannen, befand sich der Frühlingspunkt im Stier. Im 8. Jahrhundert v. Chr. war die Frühjahrssonne in den Widder getreten, während sie jetzt schon in den Fischen steht. Damit hängt vielleicht zusammen, daß die Aufzählung der Sternbilder in dem bekannten Verse: Sunt aries taurus ... mit dem Widder beginnt. Daß die Namen der Tierkreisbilder zum Teil mit babylonischen Benennungen zusammenfallen, weist darauf hin, daß sie, wenn auch auf Umwegen, von den Babyloniern auf uns gelangt sind. (S. auch Bezold, Ninive u. Babylon. 1903.)
[92] F. H. Kugler, Im Bannkreis Babels. Münster 1910.
[93] Ginzel, Das astronomische Wissen der Babylonier (Klio. 1901. S. 209).
[94] Dies entspricht auch einer Angabe des Josephus (Antiquit. I, 8). Siehe auch Kugler a. a. O. S. 117.
[95] A. Boeckh, Metrologische Untersuchungen über Gewichte, Münzfüße und Maße des Altertums in ihrem Zusammenhange. Berlin 1838.
[96] Siehe den Artikel „Gewichte“ von Lehmann-Haupt in Paulys Reallexikon der klassischen Altertumskunde. Supplement-Bd. III. (1918.) S. 588–654.
[97] Lehmann ist geneigt, hier eine absichtliche Verknüpfung anzunehmen. Beiträge zur alten Geschichte. Bd. I. (1902.) S. 355.
[98] C. F. Lehmann, Über die Beziehungen zwischen Zeit- und Raummessung im babylonischen Sexagesimalsystem (Klio. Bd. I. S. 381 u. f.).
[99] Von anderer Seite wird bestritten, daß die alten Babylonier schon das Gewicht aus dem Längenmaß abgeleitet hätten, und auf das Bedenkliche solcher Spekulationen, wie sie Lehmann und besonders Winckler (s. S. 36) anstellten, hingewiesen. Siehe u. a. E. Meyer, Geschichte d. Altertums. 1909. S. 518.
[100] Das Medizinalgewicht, das der Verfasser des Papyrus Ebers seinen Rezepten als Einheit zugrunde legt, betrug nach F. Hultsch (Griech. u. röm. Metr. 1882, S. 374 u. 376) ungefähr 6 g, und das kleinste Gewicht namens pek 0,71 g. Vgl. R. Lepsius, Abhandl. d. Berliner Akademie, 1871. S. 41–43 sowie F. Chabas, Recherches sur les poids, mesures et monnaies des anc. Egypt. Paris 1876. S. 21, 38.
[101] Näheres über die Geschichte der Waage, der Gewichte und des Wägens enthält die Schrift: Th. Ibel, Die Waage im Altertum und Mittelalter. Erlangen 1908.
[102] Lepsius, Die Metalle in den ägyptischen Inschriften. Abhandl. d. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. 1871. S. 111.
[103] A. Rössing, Geschichte der Metalle. 1901.
[104] A. de Rochas, Les origines de la science et ses premières applications.
[105] Rössing, Geschichte der Metalle. S. 11.
[106] Die erste schriftliche Erwähnung findet das Zink bei Paracelsus. Er nannte es „ein gar fremdes Metall, sonderlich seltsamer als die anderen“.
[107] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in spätägyptischen Gräbern gefunden. Die Römer unterschieden es als Plumbum candidum vom Blei, das sie als Plumbum nigrum bezeichneten.
[108] Rössing, a. a. O. S. 3. In manchen untersuchten Bronzen ist das Zinn ganz oder teilweise durch Antimon ersetzt. Entweder wurde dieses Metall in Form von Antimonerz bei der

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Die Verhüttung von Kupfererzen war bereits bekannt, oder man war in der Antike bereits mit der Gewinnung des metallischen Antimons vertraut. Diese letzte Ansicht vertritt Helm. Siehe den Jahresbericht über die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft 1902. III. S. 26–82. (Stadlers Literaturbericht.)
Einen bei den Ausgrabungen in Sakkara zutage geförderten Bronzebarren von der Form, wie ihn die alten Abbildungen zeigen, untersuchte Berthelot (Comptes Rendus 1905. S. 183), Quelques métaux trouvés dans les fouilles archéologiques en Egypte. Dieser Barren enthielt 87,5% Kupfer und 11,47% Zinn. Der Rest bestand aus Blei und Patina.
[109] E. Gerland im Archiv f. d. Gesch. d. Naturw. u. d. Technik. 1910. S. 304.
[110] Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. 1909. S. 300.
[111] L. Wilser in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. 1907. S. 487. Nach A. Ludwig stammt das Wort aus dem Hebräischen (Zeitschr. f. d. Kunde des Morgenlandes. 1905. Bd. XIX. S. 239–240).
[112] Rössing, Geschichte der Metalle. S. 14, sowie die Abhandlung Eisen und Stahl in Indien von Dr. E. Schultze im Archiv f. d. Gesch. d. Naturw. u. d. Technik. 1910. S. 350.
[113] A. H. Layard, Niniveh and its remains. London 1849.
[114] A. C. Kisa, Die Erfindung des Glasblasens. Jahrbuch für Altertumskunde I. S. 1.
[115] Herodot II. 84.
[116] Kodex Hammurabis. Siehe Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d. Naturwissenschaften. 1903. Heft 1. S. 90. Hammurabi (Chammurabi) regierte von 1958–1916. Er hat die herrschenden Rechtsgrundsätze zusammengestellt. Das Gesetzbuch Hammurabis wurde 1901 gefunden.
[117] Die Staroperation, der man bisher ein Alter von etwa 2000 Jahren zuschrieb, ist infolge dieser Erwähnung in der Gesetzessammlung Hammurabis um weitere 2000 Jahre zurückzudatieren. Siehe H. Magnus, Zur Kenntnis der im Gesetzbuche des Hammurabi erwähnten Augenoperationen. Deutsche med. Wochenschrift. 1903. Nr. 23. Es läßt sich mit Bestimmtheit annehmen, daß diese Gesetze schon vor ihrer Kodifizierung durch lange Zeiträume hindurch Geltung besaßen. Der 118. Paragraph der Sammlung Hammurabis lautet: „Wenn ein Chirurg jemandem eine schwere Wunde mit dem kupfernen Skorpionpfriemen macht und den Menschen tötet oder den Star eines Menschen mit dem kupfernen Skorpionpfriemen öffnet und das Auge des Menschen wird zerstört, seine Hände soll man ihm abschneiden.“
[118] Diodor, I. 82, 3.
[119] In einem altbabylonischen Texte wird Bilsenkraut als „die Pflanze, welche die Glieder lähmt“ und „Fett vom Baume“ (Harz) empfohlen. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1904. S. 221.
[120] F. v. Oefele, Zwei medizinische Keilschrifttexte in Urschrift, Umschrift und Übersetzung. (Mitteil. zur Gesch. der Med. u. d. Naturwissensch. 1904. S. 217 u. f.)
[121] H. A. Nielsen, Die Straßenhygiene im Altertum. Arch. f. Hygiene. Bd. 43 (1902). S. 85–115.
[122] Eine Liste der in Ägypten und in Palästina angebauten Pflanzen enthält die Abhandlung von Warburg, „Geschichte und Entwicklung der angewandten Botanik“ (Berichte der

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Deutsche Botanische Gesellschaft. 1901. S. 153). Für Ägypten kommen unter anderen in Betracht: drei Weizenarten, zwei Gerstenarten, Knoblauch, Porree, Schalotten, Lein, Papyrus, Ölbaum, Weinstock, Dattel, Feige, Melonen, Kürbis, Artischocke, Spargel, Rettich, Ackererbse, Pferdebohne, Linse, Kohl, Fenchel, Anis, Absinth, Schlafmohn, Rizinus, Granatapfel. Die meisten dieser Pflanzen wurden auch in Palästina angebaut, wo man auch schon das Pfropfen verstand. Als Werkzeuge sind der Pflug, die Egge, Sicheln, Hecheln und Dreschbretter nachgewiesen.
[123] Im Papyrus Ebers finden sich einige Andeutungen, die erkennen lassen, daß die alten Ägypter die Heilung von Wunden durch Nähte förderten. Die erste Beschreibung dieses Verfahrens findet sich bei Celsus. Siehe Gurlts Geschichte der Chirurgie, sowie Erhardt, Die in der Chirurgie gebräuchlichen Nähte und Knoten in historischer Darstellung. (Volkmanns klin. Vorträge Nr. 580/81.)
[124] Tierärztliches Zentralblatt. 1903. Nr. 18.
[125] R. Burckhardt, Geschichte d. Zoologie. S. 12. Leipzig, Göschensche Buchhandlung. 1907.
[126] Eduard Meyer, Ägypten zur Zeit der Pyramidenerbauer. Leipzig 1908. (Sendschrift der deutschen Orientgesellschaft.)
[127] v. Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere in ihrem Übergange aus Asien. Berlin 1902. S. 520.
[128] Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Engelmann, Leipzig 1899. S. 9.
[129] Meyer, Geschichte der Chemie. S. 16.
[130] Ein ausführlicher Artikel über Industrie und Handel im Altertum findet sich im 9. Bande von Paulys Reallexikon, S. 1381–1535. Der Verfasser ist Gummerus.
[131] Von den Vorstellungen der Alten über Indien handelt sehr ausführlich Wecker in Paulys Reallexik. d. klass. Altert. Bd. IX. (1914). S. 1264–1325. Die beste Darstellung der antiken Kenntnisse über Indien findet sich in der „Geographie“ des Ptolemäos (s. a. spät. Stelle).
[132] Nach Arrian.
[133] Lassen, Indische Altertumskunde. II. 511.
[134] Cantor, I. 509.
[135] Bürk in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesellschaft. Bd. 55 u. 56.
[136] Kap. I. 4. in der Zeitschrift der Deutschen morgenländischen Gesellschaft. 56. Bd. (1902.) S. 328.
[137] Die Konstruktion von Altären unter Verwendung rechtwinkliger Dreiecke, deren Seiten sich wie ganze Zahlen verhalten, geht vielleicht in das 8. vorchristliche Jahrhundert zurück. Mitteil. z. Geschichte d. Medizin u. Naturwissenschaften. 1906. S. 473.
[138] Vor allem des Apastamba Sulbasutra.
[139] Siehe Zeuthens Bemerkungen in der Biblioth. mathem. (3. Folge). V. 97–112.
[140] Cantor, Über die älteste indische Mathematik. Arch. f. Math. und Physik. 1904.
[141] Ap. Sulb. Sutra. III. 2. Zeitschr. d. morgenl. Gesellsch. Bd. 55 u. 56. Abhandlung Bürks.
[142] Siehe S. 19.

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[143] Cantor, Über die älteste indische Mathematik in Arch. f. Math. u. Phys. Bd. 8 (1904).
[144] Siehe S. 6.
[145] Cantor, a. a. O. S. 71.
[146] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 98.
[147] Siehe Arneth, Die Geschichte der reinen Mathematik. S. 143.
[148] Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 540.
[149] Sie findet sich bei Aryabhatta (geb. 476 n. Chr.), dem ältesten indischen Astronomen, dessen Schriften bis zu unserer Zeit überliefert sind.
[150] Das Nirukta.
[151] Roth, „Indische Feuerzeuge“. Zeitschrift der morgenländischen Gesellschaft. 1889.
[152] Aristophanes, Wolken. v. 766 u. f. Aristophanes erzählt dort, ein Schuldner habe seinen Gläubiger dadurch betrogen, dass er die Wachstafel, die die Forderung enthielt, mittels einer der Linsen geschmolzen habe, die zur Erzeugung von Feuer verwendet wurden.
[153] Über die „Schießpulverfrage im alten Indien“, siehe die Mitteilungen zur Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1905. S. 1 u. f.
[154] Hoernle, Studies in the Medicine of ancient India. Oxford 1907.
[155] E. v. Lippmann, Abhandlungen und Vorträge. 1906.
[156] Berendes, Das Apothekenwesen, seine Entstehung und geschichtliche Entwicklung. Stuttgart 1907.
[157] Ein Sanskrittext, der sich gegen den Genuss von Fleisch, alkoholischen Getränken sowie gegen die sexuelle Liebe richtet, findet sich in der Zeitschrift der deutschen morgenländischen Gesellschaft, Jahrgang 1907, in Übersetzung wiedergegeben.
[158] S. Hirschberg, Der Starstich der Inder. Zeitschr. f. prakt. Augenheilk. Januarheft 1909.
[159] Lindner, Weltgeschichte. Bd. I. S. 413.
[160] Siehe auch W. Förster, Die Astronomie des Altertums und Mittelalters. Berlin 1876.
[161] Wolff, Geschichte der Astronomie. S. 11.
[162] Der Jesuitenorden, dem neben der Verteidigung auch die Verbreitung des katholischen Glaubens oblag, ließ sich bereits im 16. Jahrhundert in den außereuropäischen Ländern nieder. In China gewann er besondere Bedeutung dadurch, dass er für die dort stark durcheinandergeratene Kalenderberechnung eine neuartige Ordnung auf astronomischer Grundlage schuf. Eine solche Neuregelung war besonders wichtig, da eine unübersichtliche Zeitrechnung als ungünstiges Omen für die Verwaltung und somit für die Zukunft des Staates angesehen wurde.
[163] Baden-Powell, History of natural philosophy. London 1834. S. 11.
[164] Siehe auch H. Löschner, Über Sonnenuhren. Beiträge zu ihrer Geschichte und Konstruktion nebst Aufstellung einer Fehlertheorie. Graz 1905.
[165] Mitteilungen zur Gesch. der Medizin und der Naturwissenschaften. 1908. S. 351.
[166] Näheres enthält die Abhandlung R. Ehrenfelds in den Mitteilungen zur Gesch. der Medizin und der Naturwissenschaften. 1908. S. 144 u. f.
[167] Auch H. Winckler wendet sich in einer Abhandlung über die Bedeutung der Phönizier für die Kulturen des Mittelmeeres (Zeitschr. f. Sozialwissenschaft. 1903. Bd. IV. Nr. 6 u. 7)

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Gegen die Ansicht, als ob die Phönizier die Buchstaben-Schrift erfunden hätten. Er ist der Ansicht, daß sich das Verständigungsmittel des geistigen Lebens an dessen Mittelpunkt entwickelt hat und die phönizische Schrift im Anschluss an die Keilschriftliteratur entstanden ist. Übrigens haben auch die arischen Perser die zu monumentalen Inschriften verwendete Keilschrift in eine Buchstaben-Schrift umgewandelt (L. Wilser in den Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. Naturwissensch. 1905. S. 32). Die ältesten uns überlieferten Inschriften im griechischen Alphabet und in griechischer Sprache stammen kaum aus der Zeit vor dem Beginn des 7. Jahrhunderts v. Chr. Siehe Beloch, Griechische Geschichte. Bd. I. 2. S. 2. 1913.
[168] K. Suter, Geschichte der mathematischen Wissenschaften. Zürich 1878.
[169] Im Archiv für Geschichte der Philosophie (1902. S. 311) hat Peithmann in einer Abhandlung über die Naturphilosophie vor Sokrates neu versucht, die Ansicht zu begründen, dass Thales sich nicht als Philosoph, sondern nur als Astronom und Ingenieur hervorgetan habe. Nach Peithmann scheint es, als hätte erst Aristoteles Thales unrechtmäßig zu einem Philosophen gemacht. Diese Ansicht wird jedoch nach v. Lippmann nicht allgemein anerkannt.
[170] Cantor, Geschichte der Mathematik. Leipzig 1880. Bd. I. S. 113.
[171] Ebd. S. 114.
[172] Ein Verzeichnis der von den antiken Schriftstellern erwähnten Finsternisse findet sich in Paulys Reallexikon der klassischen Altertumswissenschaften im 6. Band auf S. 2352–2364. Dort findet sich auch (S. 2339–2364) ein ausführlicher, von Boll verfasster Beitrag über die Finsternisse. Die erste belegte Nachricht betrifft eine Mondfinsternis, die am 19. 3. 721 in Babylon beobachtet wurde.
[173] Siehe oben S. 35.
[174] Thales hat die am 18. Mai 603 eingetretene große Sonnenfinsternis wahrscheinlich in Ägypten beobachtet. Er konnte daher damit rechnen, dass etwas mehr als 18 Jahre später eine neue Finsternis stattfinden würde. Diese fand tatsächlich am 22. Mai 585 statt (H. Diels, Antike Technik. 1914. S. 3). Siehe auch J. Zech, Astronomische Untersuchungen über die wichtigsten Finsternisse, welche von den Schriftstellern des Altertums erwähnt werden. Leipzig 1853.
[175] Neue Jahrbücher für das klassische Altertum. 1911. S. 5.
[176] Nach Plutarch, Vol. III, pag. 174, ed. Didot, sowie nach Plinius XXXVI. 12.
[177] A. Forbiger, Handbuch der alten Geographie. I. 44.
[178] Aristot., Metaphysik I, 3.
[179] Zeller, Die Philosophie der Griechen. Bd. I. (5. Aufl.) S. 35.
[180] E. Meyer, Alte Geschichte. Bd. IV. 1901. S. 199.
[181] Zeller, Die Philosophie der Griechen. 5. Aufl. Bd. I. S. 769.
[182] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I (1854). S. 45.
[183] Zeller, Über die griechischen Vorgänger Darwins. Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. 1878. S. 115.
[184] E. Meyer ebd.
[185] So heißt es bei Plutarch, Stromata VII. Doxographia Graeca S. 581.
[186] Siehe auch Windelband, Die Lehre vom Zufall. Berlin 1870.

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[187] A. Brieger, Die Urbewegung der Atome und die Weltentstehung bei Leukipp und Demokrit. Halle 1884.
[188] E. Meyer, Alte Geschichte. Bd. V. 1902. S. 340.
[189] Gesammelt durch Mullach, Berlin 1843. (Völlig veraltet; s. auch Diels’ „Vorsokratiker“.) Auch wenn die Anzahl der authentischen Fragmente gering ist, sind wir über Demokrits Lehren doch besser informiert als über die Ansichten zahlreicher anderer Philosophen. Es wurde zu Recht festgestellt, dass er eifriger aufgeschrieben als abgeschrieben wurde (F. A. Lange, Gesch. d. Materialismus. 1873. Bd. I. S. 11). Insbesondere durch Aristoteles und Lukrez sind wir mit Demokrits Ansichten recht genau vertraut. Selbst in der Überlieferung erscheinen sie als „so klar und folgerichtig, dass sich das kleinste Bruchstück mit Leichtigkeit dem Ganzen einfügen lässt“ (Lange, a. a. O.).
[190] Lucretius Carus, De rerum natura. Siehe an späterer Stelle dieses Buches.
[191] 5. Buch. 181–194.
[192] 5. Buch. 419 u. f.
[193] Cardanus, De subtilitate. lib. XI. (Cardani operum tom. III. Lugduni 1663. p. 549.) Auf diesen Passus wies mich Leopold Löwenheim hin. Siehe auch das von ihm herausgegebene Werk: Die Wissenschaft Demokrits und ihr Einfluss auf die moderne Naturwissenschaft. Von Louis Löwenheim. Berlin 1914.
[194] Zu diesen Zusammenhängen siehe auch das gerade erwähnte Werk von Löwenheim. Über den Einfluss, den die demokritischen Ansichten auf die weitere Entwicklung der Wissenschaften ausgeübt haben, wurden von Louis Löwenheim eingehende Untersuchungen durchgeführt. Löwenheims Arbeit ist bisher nur in Auszügen (siehe S. 74 Anm. 2) veröffentlicht worden. Nach Angaben des Autors wurde sie ihm nach Erscheinen seines Werkes vom Sohn des verstorbenen Forschers in Manuskriptform übergeben, damit sie bei einer Neuauflage berücksichtigt werden könnte. Dies konnte an mehreren Stellen dieses Bandes geschehen.
[195] Fr. Schultze in der Zeitschrift Kosmos. 1877. 8. u. 9. Heft.
[196] Siehe auch H. C. Liepmann, Die Mechanik der Leukipp-Demokritischen Atome. Leipzig 1885.
[197] Schaubach, Anaxagorae fragmenta. Lipsiae 1817. Mullachius, Fragm. phil. graec. Parisiis. I u. II. 1860–1867. Vor allem aber Diels’ „Vorsokratiker“.
[198] D.h. Vernunft, hier Weltvernunft.
[199] Es hatte die Größe eines Mühlsteins und wird auch von Plutarch und Plinius erwähnt.
[200] Anaxagoras nahm an, dass die Sonne mehrere Male so groß sei wie der Peloponnes und dass der Mond in ihrer Größe etwa gleichkam. Letzterer sei wie die Erde ein Wohnsitz lebender Wesen.
[201] Lange, Geschichte des Materialismus. Bd. I. S. 57.
[202] Den hier kritisierten Mangel der Alten darf man jedoch auch nicht übertrieben darstellen, wie es z.B. Du Bois Reymond (Kulturgeschichte und Naturwissenschaft) getan hat. Dass das Experiment auch im Altertum eine Rolle spielte und insbesondere bei den Alexandrinern zu wichtigen Ergebnissen führte, darf nicht übersehen werden. Im Mittelalter bemühten sich insbesondere die Araber, die ihnen von den Griechen überlieferten Wissenschaften durch experimentelle Methoden weiterzuentwickeln.

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Die Untersuchungen sollten weiter ausgebaut werden. Siehe auch E. Wiedemann, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter (Unterrichtsblätter für Mathem. und Naturwissensch. 1906. Nr. 4–6).
[203] Cantor, Geschichte der Mathematik. 1880. Bd. I. S. 128 u. 158.
[204] Näheres siehe bei Diels, Antike Technik, S. 21.
[205] H. Vogt, Die Geometrie des Pythagoras. Siehe Bibl. math. (3. Folge) 9. Bd. S. 15 u. f.
In jüngerer Zeit wurden auch Zweifel geäußert, ob Pythagoras bereits mit der Konstruktion der fünf regelmäßigen Körper vertraut war. Wahrscheinlich lernten die Griechen erst viel später den Begriff des Irrationalen kennen.
[206] Die Griechen haben bereits über die Entwicklung der Mathematik geschrieben. Eudemos, ein Schüler des Aristoteles, verfasste eine Geschichte der Astronomie und der Geometrie, die bis auf einige, auch die erwähnten Angaben über Thales enthaltende Bruchstücke, verloren gegangen ist. Ferner schrieb Theophrast von Eresos eine Geschichte der Mathematik. Sie ist leider ganz verloren gegangen (Suter, Geschichte der mathematischen Wissenschaften. 1873. S. 21). Die Fragmente des Eudemos wurden von L. Spengel gesammelt und herausgegeben: Eudemi fragmenta, quae supersunt. Berlin 1866. Zu erwähnen ist auch Menon. Er war ebenfalls ein Schüler des Aristoteles und schrieb eine Geschichte der Medizin. Die erhaltenen Bruchstücke veröffentlichte Diels (Suppl. Arist. III, 1. Berlin 1893).
[207] Tropfke, Geschichte der Mathematik. II. S. 5.
[208] Proclos, ed. Friedlein. S. 379.
[209] Tropfke, II. S. 88.
[210] Nach Angaben von Platon (Timäos) und Vitruv (De architectura). Näheres siehe Tropfke. II. S. 400.
[211] H. Vogt, Die Entdeckungsgeschichte des Irrationalen. Biblioth. mathemat. 10. Bd. S. 97.
[212] Siehe Paulys Reallex. d. klass. Altert. Bd. VIII.
[213] Über Hippokrates siehe Brettschneider, Die Geometrie und die Geometer vor Euklid. Leipzig 1870.
[214] Antiphon um 430 v. Chr. Siehe Cantor, Vorlesungen zur Geschichte der Mathematik. I. S. 172. (1880.)
[215] Die wichtigsten Informationen über die verschiedenen Methoden, mit denen die Alten das delische Problem lösten, verdanken wir Eutokios, der die Schriften des Archimedes kommentierte, Archimedes, ed. Heiberg, III., S. 104.
[216] Diese Konstruktion, die Eutokios in seinen Erläuterungen zu Archimedes beschreibt, wird Platon zugeschrieben. Archimedes, ed. Heiberg, III., S. 66–70.
[217] Näheres findet sich in der von Cantor (Bd. I. S. 199) nach Eutokios wiedergegebenen Darstellung der von Menächmos gefundenen Sätze.
[218] Wenn man ähnlich wie bei der Ableitung der Parabel vorging, jedoch die Bedingung stellte, dass von den an die Gerade anzupassenden Rechtecken stets ein Stück übrig bleibt, dann ergab sich als geometrischer Ort die Ellipse (ἐλλείπειν bedeutet „übrig bleiben“). Überstiegen die Rechtecke hingegen die Gerade, dann ergab sich die Hyperbel (ὑπερβάλλειν bedeutet „übersteigen“).
[219] Hippias von Elis.
[220] Näheres bei Cantor, I. S. 167.
[221] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. S. 5.

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[222] Beide Sätze werden Platons Schüler Eudoxos von Knidos zugeschrieben.
[223] Diese Entdeckung wird auf Aristaeos (um 320 v. Chr.), der ebenfalls der platonischen Schule angehörte, zurückgeführt. Er soll auch das erste Werk über die Kegelschnitte geschrieben haben. Cantor I, 211.
[224] Eine ausführliche Darstellung mit zahlreichen Literaturangaben enthält Paulys Realenzyklopädie f. d. klassischen Altertums in Bd. II (1896), S. 1828–1862. Sie stammt von Hultsch.
[225] F. Cumont, Babylon und die griechische Astronomie. Neue Jahrbücher f. d. klassischen Altertums. 1911, S. 1.
[226] Aristophanes, Wolken. 615–619.
[227] Es ist wahrscheinlich, daß Meton sich hierzu der Tabellen bediente, welche die Chaldäer Jahrhunderte zuvor für die Mondbewegung und die Finsternisse entwickelt hatten.
[228] Das Wichtigste über die Hilfsmittel, welche im Altertum für die Zeitmessung zur Verfügung standen, gibt die Realenzyklopädie d. klassischen Altertumswissens von Pauly-Wissowa-Kroll (8. Bd., Sp. 2416–2433) im Beitrag „Horologium“ von A. Rehm wieder.
[229] Der Name Ekliptik (ἑκλειπτικός κύκλος) kam im Altertum erst spät in Gebrauch.
[230] Um 560 v. Chr. Siehe auch Darmstädter, Handbuch der Geschichte der Naturwissenschaften.
[231] Solche Versuche, die Abstände der Planeten in eine mathematische Regel zu fassen, finden sich bis ins 18. Jahrhundert (Titiussche Regel; 1766).
[232] August Boeckh, Philolaos des Pythagoreers Lehren nebst den Bruchstücken seines Werkes. Berlin, Vossische Buchhandlung. 1819.
[233] Schiaparelli, Die Vorläufer des Kopernikus im Altertum. 1873. Übersetzt von Curtze.
[234] Dies gilt beispielsweise für Anaxagoras, der nach der Gründung der pythagoreischen Schule lebte.
[235] Schiaparelli, a. a. O., S. 7.
[236] Platon erklärte im „Timaios“: „Vom Ganzen, welches kugelförmig ist, zu behaupten, daß es einen Ort unten, den anderen oben habe, ziemt keinem Verständigen“ (siehe „Timaios“, 62 und 63).
[237] Er lebte etwa von 390–310 und war den Pythagoreern in mancher Hinsicht geistig verwandt. Er verfasste zahlreiche Schriften, von denen nur die Titel und Fragmente bekannt sind. Letztere den Titeln zuzuweisen, ist schwierig und oft nicht möglich. Über Herakleides siehe auch Gomperz, Griechische Denker. I, 98.
[238] Siehe die späteren Darstellungen und Abbildungen des tychonischen Systems.
[239] Vitruv, De architectura. Von den meisten Autoren wird der Ursprung dieser Lehre den Ägyptern zugeschrieben. Kopernikus selbst kannte sie durch Martianus Capella (siehe an einer späteren Stelle bei Kopernikus).
[240] Platons „Timaios“. 38.
[241] Siehe S. 93.
[242] Ein ausführlicher, von Boll stammender Beitrag über die Fixsterne findet sich in Paulys Realenzyklopädie f. d. klassischen Altertums, VI. Bd., S. 2407–2431.

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[243] Platon, Phaidon, Kapitel 58. Leipzig, Wilhelm Engelmann, 1852.
[244] Meyer, Geschichte der Botanik, Band I, S. 5.
[245] Ausgabe von Sturz, Verse 160–163. Seine Worte lauten: „Nun höre zunächst auf die vielfältigen Wurzeln des Universums: Feuer und Wasser und Erde sowie die unendliche Höhe des Äthers. Aus ihnen entstand das, was war, das sein wird oder das jetzt ist.“
[246] Meyer, Geschichte der Botanik, Band I, S. 51.
[247] Plutarch, Vita, Kapitel 26.
[248] Aristoteles, De gener. animalium, Band I, S. 23.
[249] Aristoteles, De part. anim., I, S. 640a.
[250] Aristoteles, De generatione animalium, V. 8.
[251] Diogenes Laertios, IX, 47.
[252] E. Dacqué, Der Deszendenzgedanke und seine Geschichte. München 1903.
[253] Die auf Epikur und Demokrit zurückzuführenden Verse des Lucretius lauten wie folgt:
Denn wer sich jetzt immer an den belebenden Lüften erfreut,
den hat entweder List oder Stärke oder Schnelligkeit
seit seiner frühesten Jugend geschützt und so seine Art erhalten.
Viele jedoch existieren, die unserem Schutz es verdanken,
dass sie erhalten blieben und dem sicheren Verderben entgingen.
––––––––––––––––––––––––
Denen jedoch die Natur nichts davon gegeben hat,
dass sie aus eigener Kraft ihr Leben fristen könnten,
die sind selbst zur Beute geworden.

[254] E. Meyer, Geschichte des Altertums, Band IV, 1901, S. 205.
[255] Zu den über Alkmaion handelnden Fragmenten siehe Meyers Angaben in seiner Geschichte des Altertums, Band IV, 1901, S. 207.
[256] Th. Beck, Hippokrates’ Erkenntnisse. Jena 1907.
[257] Platon, Protagoras, Kapitel III.
[258] Hippokrates von Kos lebte um 400 v. Chr.
[259] Als Corpus Hippocraticum sind der Nachwelt etwa 100 griechische und 30 lateinische Schriften überliefert worden. Mit vollkommener Sicherheit können nur wenige Bücher Hippokrates selbst zugeschrieben werden. Übrigens wurden nie alle als authentisch angesehen. Weitere Informationen finden sich im sehr ausführlichen Beitrag über Hippokrates in Paulys Reallexikon der classischen Antike, Band VIII (1913), S. 1801–1852.
[260] Beck, Hippokrates’ Erkenntnisse. Jena 1907. Das Werk enthält neben einer Untersuchung über Entstehung und Bedeutung der hippokratischen Sammlung auch eine Auswahl der wertvollsten Stellen in Beziehung zur modernen Heilkunde.
[261] Haeser, Geschichte der Medizin, Band I (1875), S. 141.
Nach den Ansichten, die Platon im „Timaios“ entwickelt, bewirkt das Herz die Verbindung der Adern. Es ist die Quelle des durch alle Glieder strömenden Blutes. Zur Abkühlung des Herzens dienen die Lungen.

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[262] In der lateinischen Fassung von Schillers „Räubern“ als Motto vorgestellt:
Quae medicamenta non sanant, ferrum sanat. Quae ferrum non sanat, ignis sanat.
[263] R. Burckhardt, Geschichte der Zoologie. S. 18.
[264] Stahr, Das Leben des Aristoteles, als I. Teil von Stahrs Aristotelia. Halle 1830.
[265] Sein Vater Nikomachos war Leibarzt des Königs Amyntas von Mazedonien.
[266] E. Meyer, Gesch. d. Altertums. V. Bd. 1902. S. 338.
[267] Zeller, Die Philosophie der Griechen. Bd. II, 2. S. 172.
[268] Ein Talent hatte in Reichsmünze den Wert von etwa 4700 Mark.
[269] Zeller, Die Philosophie der Griechen. Bd. II, 2. S. 33.
[270] Heller, Geschichte der Physik. Bd. I. S. 48.
[271] Die Schriften des Aristoteles wurden erstmals im Jahr 1473 in Rom, und zwar in lateinischer Übersetzung, gedruckt. 1493 erschien die erste gedruckte griechische Ausgabe. Derzeit gilt als beste die auf Veranlassung der Berliner Akademie der Wissenschaften von Bekker herausgegebene Ausgabe. Eine griechisch-deutsche (unvollendete) Ausgabe stammt von Prantl; sie erschien in Leipzig bei Wilhelm Engelmann und wurde insbesondere als Grundlage für die hier dargestellten aristotelischen Lehren herangezogen.
[272] Dieses Werk gilt jedoch als nicht-aristotelisch.
[273] Zeller, Die Philosophie der Griechen.
[274] Ein Beispiel dafür findet sich nach Eucken in de gener. et corr. (328,23). Dort meint Aristoteles, wenn eine große Menge mit einer sehr kleinen verbunden wird, entsteht keine Mischung, sondern das Kleinere geht in das Größere über. So wird ein Tropfen Wein in zehntausend Maß Wasser einfach zu Wasser.
[275] Eine Zusammenstellung der auf die Mathematik bezogenen Stellen hat bereits Biancani veröffentlicht: Aristoteles loca mathematica. 1615.
[276] E. Haas, Grundfragen der antiken Dynamik (Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u. d. Technik. 1908. 1. Heft).
[277] Mit Haas a. a. O. (Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u. Technik. 1908. S. 47.)
[278] Besonders bei Plutarch und bei Lukrez.
[279] Haas a. a. O. S. 44.
[280] Deshalb lautet auch der Titel des Werkes „Quaestiones mechanicae“.
[281] Mechanische Probleme. Ausg. von Poselger 1881. S. 34.
[282] Haas, Antike Lichttheorien (Archiv für Geschichte d. Philos. 20. Bd. 1907. 3. Heft.)
[283] Aristoteles, Über die Sinne. Kap. II.
[284] Wilde, Über die Optik der Griechen. Berlin 1832.
[285] Das aristotelische Werk über die Farben gilt jedoch nach neueren Untersuchungen als unecht.
[286] Haas, a. a. O. S. 386.
Platon hatte die Lehre von den Sehstrahlen und den Abbildungen zu einer Theorie der Zusammenspielung (Synergie) verschmolzen.

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[287] Wolff, Geschichte der Astronomie, S. 42.
[288] Nach der Ausgabe von Prantl.
[289] Nach Diog. Laertius VIII, 26, der aber wenig zuverlässig ist.
[290] Nach der Übersetzung von Prantl, Aristoteles’ vier Bücher über das Himmelsgebäude. Leipzig 1857. Verlag von W. Engelmann. S. 180–181.
[291] De coelo II, 4.
[292] Schiaparelli, Le sfere omocentriche di Eudosso, di Calippo e d’Aristotele. Mailand 1876; deutsch von Horn. Abhandl. z. Gesch. d. Math. 1. Heft.
[293] Siehe Wolff, Geschichte der Astronomie. S. 195.
[294] Siehe Martin Behaim, 1492.
[295] De coelo II, 7.
[296] De coelo II, 8.
[297] De coelo II, 9.
[298] De coelo II, 8.
[299] Kaiser, Der Sternenhimmel. Berlin 1850.
[300] Dass Nietzsche dieser ἀποκατάστασις genannten Lehre einen besonderen Wert beimaß, ist bekannt genug.
[301] E. v. Lasaulx, Die Geologie der Griechen und Römer. München 1851. S. 32.
[302] Auch im Neuen Testament findet sich ein Anklang an diese Lehre (Apostelgeschichte 3, 21).
[303] S. Günther, Die antike Apokatastasis. Sitzungsber. d. k. bayer. Akad. d. Wissensch. math. phys. Kl. 1916. S. 83–111.
[304] Kap. 4 u. 5.
[305] Arist., Meteor. I, 14.
[306] Ähnliche Anschauungen entwickelten auch Strabon und Eratosthenes. Siehe auch späterer Abschnitt. Strabon knüpfte seine Theorien an seine Kenntnis der vulkanischen Erscheinungen an, während Eratosthenes von der Beobachtung von Versteinerungen im Inneren der Kontinente ausging.
[307] Die Begründung, die Aristoteles hierfür gibt, soll hier weggelassen werden. Er spricht von der Blütezeit und dem Alter der einzelnen Teile der Erdoberfläche.
[308] Aristoteles erläutert anschließend genauer, warum die Erinnerung an solche Vorgänge selbst im Gedächtnis der Völker, die vor dem eindringenden Meer zurückwichen oder in neu entstandene Länder einwanderten, nicht festgehalten wurde.
[309] Barthélemy St. Hilaire erklärt diese Darlegungen des Aristoteles in der Vorrede zu seinem Werk „Météorologie d’Aristote“. Paris 1863, für geradezu bewunderungswürdig.
[310] Ovid hat diesen Gedanken in seinen „Metamorphosen“ in poetischer Form zum Ausdruck gebracht (XV, 260 u. f.). Dort steht:
260 So auch hat gar oft sich gewendet der Gegenden Schicksal.
Ich sah selber als Meer, was fester und trockener Boden
Vormals war; ich sah aus Wogen gewordene Länder.

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Weit entfernt vom Meer lagen im Meer einheimische Muscheln,
265 Und man entdeckte sogar auf Berggipfeln Anker der Vorzeit.
Was einst Ebene war, das schuf der Herabsturz der Gewässer
Zum Tal – und der Berg wurde in die Ebene gespült.
Früher sumpfiges Land sehnt sich nach trockenem Sande,
269 Während das einst ausgetrocknete Land durch den stehenden Sumpf feucht wird.

Zu 265: Pomponius Mela berichtet, im Innern Numidiens seien „Reste von Schnecken, von den Fluten abgeschliffenes und von Strandsteinen nicht unterscheidbares Gestein, in Felsen haftende Anker(?), sowie andere Zeichen dafür gefunden worden, daß einst das Meer bis in diese Gegend gereicht habe“.
[311] Diodori bibliotheca historica I, 39. Auf dieser Darstellung der geologischen Ansichten Demokrits beruht das oben erwähnte Werk von Löwenheim (siehe S. 75).
[312] Aristoteles bemerkt an dieser Stelle, daß er es lächerlich finde, wenn einige annehmen, die Sonne werde durch die feuchten Dünste ernährt und mache deshalb ihren Umlauf, da ihr nicht immer dieselben Orte die Nahrung liefern könnten.
[313] So sagt Plutarch: „Die Insel Pharos, die einst eine Tagfahrt von Ägypten entfernt war, ist jetzt ein Teil des Landes. Sie bewegte sich aber nicht an das Land heran, sondern das dazwischen liegende Meer wich vor dem, festes Land bildenden Flusse zurück.“ Weiter bemerkt Plutarch: „Ägypten war nämlich ein Meer. Daher findet man noch jetzt viele Muscheln in den Schächten und auf den Bergen. Alle Quellen und Brunnen haben salziges und bitteres Wasser als Rest des ehemaligen Meeres“ (Plutarch, „Über Isis und Osiris“, herausgegeben von Parthey, Berlin 1850. S. 70 u. 71).
[314] Auch Platon entwickelte bereits die Lehre von den vier Elementen sowie Ansichten über die Stoffe, aus denen sich die Mineralien, die Pflanzen und die Tiere zusammensetzen. Alchemistische Vorstellungen begegnen uns bei Platon und bei Aristoteles noch nicht, dennoch waren ihre Lehren von der Natur der Stoffe von großer Einfluss auf die Entstehung der Alchemie gewesen. Näheres dazu enthält die Abhandlung von O. E. v. Lippmann, Chemisches und Physikalisches aus Platon (Journal für praktische Chemie, Bd. 76. S. 513 u. f.). Siehe auch v. Lippmanns Abhandlungen und Vorträge zur Gesch. d. Naturwiss. Bd. II, Leipzig 1913.
[315] Von den chemischen Kenntnissen des Aristoteles und seinen Vorstellungen handelt E. v. Lippmann im Archiv für die Gesch. der Naturwiss. u. d. Technik. 1910. Bd. 2. S. 235–300.
[316] Nach der „Physik“, nach „Entstehen und Vergehen“ sowie dem Werk „Über das Himmelsgebäude“. Die entsprechenden Stellen hat O. E. v. Lippmann im zweiten Band des Archivs für die Gesch. d. Naturwissensch. u. d. Technik zusammengefasst. Dort finden sich auf S. 235–300 zahlreiche weitere Zitate, die die Hauptgedanken des Aristoteles wiedergeben.
[317] Mechanische Probleme. S. 9 u. 32. Die in diesem Werk entwickelten allgemeinen Ansichten entsprechen denen der älteren peripatetischen Schule. Dennoch gilt das Werk nicht als echt aristotelisch, weil die darin behandelten Probleme und Lösungen in erster Linie praktischen Anwendungen dienen. Dies gilt nämlich als unaristotelisch und entspricht eher der Richtung Stratons, der nach dem Tod des Theophrast die Leitung der peripatetischen Schule übernommen hatte. Zu grundlegenden kritischen und erklärenden Ausgaben siehe Paulys Reallex. der klass. Altertumswiss. II. Bd. (1896) S. 1012–1055 (Aristoteles).
[318] „Physik“ VIII, 1 und „Metaphysik“ XII, 6.

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Man darf solche Vorahnungen nicht zu hoch einschätzen, vor allem aber sie nicht den neueren Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung als gleichwertig gegenüberstellen. Andererseits lässt sich auch nicht leugnen, dass sie häufig durch die Jahrhunderte hindurch anregend und befruchtend gewirkt haben. Man vergleiche dazu z. B. die Beziehungen des Kopernikus zu den alten Schriftstellern.
[319] Aristoteles, Politik. I, 8.
[320] Aristoteles, Zwei Bücher über Entstehen und Vergehen. Übersetzung von Prantl. Leipzig, W. Engelmann. 1857. S. 451.
[321] Ebd. S. 437.
[322] Aristoteles’ Tierkunde, kritisch berichteter Text mit deutscher Übersetzung, sachlicher und sprachlicher Erklärung sowie vollständigem Index von H. Aubert und Fr. Wimmer. 2 Bände. Mit 7 lithographischen Tafeln. Gr. 8. Leipzig, Verlag von Wilh. Engelmann. 1868.
[323] Aristoteles, Teile der Tiere. III, 4.
[324] Als Beispiel dafür, wie Aristoteles die anatomischen Verhältnisse betrachtet, mag folgender Auszug aus seinem Werk über die Teile der Tiere dienen (Aristoteles, Vier Bücher über die Teile der Tiere. Griechisch und Deutsch; herausgegeben von Franzius. Leipzig, W. Engelmann. 1853):

„Da das Blut eine Flüssigkeit ist, so muss notwendig ein Gefäß vorhanden sein, zu dem Zweck hat die Natur die Adern geschaffen. Für diese muss notwendig ein einziger Anfang geben. Denn, wenn es möglich ist, ist einer besser als viele. Das Herz ist jedoch der Anfang der Adern, denn sie entspringen offensichtlich daraus – sie gehen jedoch nicht durch das Herz hindurch – und dessen Beschaffenheit als eines verwandten Organs ist aderartig.“

[325] Aristoteles, 5 Bücher von der Zeugung und Entwicklung der Tiere, übersetzt und erklärt von H. Aubert und Fr. Wimmer. Leipzig, Verlag von W. Engelmann. 1860.
[326] Nach einem von O. Lenz in seiner Zoologie der Griechen und Römer mitgeteilten Auszug. S. dort S. 519.
[327] Lenz, a. a. O. S. 137.
[328] Zwischen der von Aristoteles erwähnten harten und weichen Haut (dura und pia mater) befindet sich noch die sehr zarte Spinnwebenhaut (Arachnoïdea).
[329] S. Günther, Geschichte der antiken Naturwissenschaft. Handbuch der klassischen Altertumswissenschaften. Bd. V. 1. Abt. S. 100. Selbst den Elefanten, der bald darauf zu Kriegszwecken in die Mittelmeerländer eingeführt wurde, kannte Aristoteles nur vom Hörensagen (Beloch, Griechische Geschichte).
[330] Er unterscheidet Knorpelfische (Haie) und Grätenfische.
[331] Vgl. J. Müller, Über den glatten Hai des Aristoteles. Abhandlungen der Berliner Akademie. 1840.
[332] Claus, Lehrbuch der Zoologie. 1883. S. 677.
[333] Der Name Insekten, welcher heute die sechsfüßigen Arthropoden bezeichnet, wurde von Aristoteles in viel weiterem Sinne gebraucht; er rechnete auch die Spinnentiere sowie die Tausendfüßler und Eingeweidewürmer, kurz alle Geschöpfe mit Einschnitten rings um den Körper, zu den Insekten.
[334] Im dritten Buch der Schrift „Über die Teile der Tiere“.

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[335] H. Stadler zieht einen Vergleich mit dieser Betrachtungsweise des Aristoteles und derjenigen moderner Biologen (Biologie und Teleologie, in den neuen Jahrbüchern für das klass. Altert. 1910. S. 147). Als Beispiel führt er folgende Stelle aus dem Lehrbuch der Zoologie von Schmeil an: „Schließt die Katze das Maul, so greifen die Zähne des Oberkiefers dicht an denen des Unterkiefers entlang. Da die Zähne aneinander vorbeigleiten, reiben sich ihre Kronen nicht ab, sie bleiben also stets scharf und schneidend, wie dies für ein Raubtier notwendig ist. Wenn die Katze gähnt, sieht man, daß ihr Maul weit gespalten ist. Sie vermag daher ihre Zähne tief in das Opfer einzuschlagen.“ Ähnlich drückt sich auch Goethe in seiner Metamorphose der Tiere aus (siehe Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher, 3. Aufl. W. Engelmann 1908. S. 4).
[336] Tierkunde I, 69.
[337] De anima. I, 4 u. 5.
[338] Eine Sammlung dieser Fragmente aristotelischer Pflanzenkunde gab Wimmer heraus. Fr. Wimmer, phytologiae Aristotelicae fragmenta. Breslau 1838. Eine Übersetzung dieser Fragmente findet sich in E. Meyer, Geschichte der Botanik, Bd. I. S. 94 u. f.
[339] Histor. animal VIII. cap. 1.
[340] De anima. cap. 6.
[341] De part. animal. 4, 5.
[342] De animalibus II. cap. 1.
[343] De part. animal. II. cap. 3.
[344] Politic. VII. cap. 16.
[345] Diogenes Laert. 5, 38, 51.
Diogenes Laertios schrieb im 3. Jahrhundert n. Chr. „Zehn Bücher über das Leben, die Lehren und Aussprüche der in der Philosophie berühmten Männer“. Das Werk ist indessen nur oberflächlich und wenig zuverlässig.
Von Plutarch rührt eine Schrift her, die unter dem Titel „Über die Meinungen der Philosophen“ bekannt ist. Wahrscheinlich ist das Vorhandene nur ein Auszug einer Schrift des Plutarch.
Trotz ihrer Unvollkommenheiten sind die erwähnten Schriften wichtige Quellen, weil sie über manches berichten, was anderweitig nicht mehr festgestellt werden kann.
[346] Diogenes 39, 37.
[347] Cicero, tuscul. disput. 3. 28.
[348] Diogenes führt 227 Titel an.
[349] Zeller, Philos. der Griechen. II. 2. S. 642.
[350] Über die Schriften des Theophrast siehe auch W. Christ, Griechische Literaturgeschichte. Nördlingen 1889. S. 435 u. f.
[351] Theophrast, Naturgeschichte der Gewächse, übersetzt und erläutert von K. Sprengel. 1822. Die Hauptausgabe seiner Werke rührt von Wimmer her. Breslau und Leipzig 1842–1862. Theophrasti Eresii Opera, quae supersunt, omnia. – Theophrast fußt auf Schriften anderer, die jedoch nicht auf uns gelangt sind.

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[352] Eine Untersuchung über die einigermaßen sicher zu bestimmenden Pflanzen des Theophrast findet sich in Sprengels Geschichte der Botanik. I. S. 58–90.
[353] Strabon sagt von den Nachrichten der Griechen über Indien: Was sie sahen, erkannten sie nur auf den Feldzügen im Vorbeigehen. Buch 15. Ausgabe von Grosskurd. Bd. III. S. 108.
[354] H. Bretzl, Botanische Forschungen des Alexanderzuges. Mit 11 Abb. und 4 Karten. Gedruckt mit Unterstützung der Kgl. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Leipzig, B. G. Teubner. 1903. 412 Seiten.
[355] ἱστορίαι τῶν φυτῶν.
[356] Hist. plant. IV. 7, 8. Siehe Bretzl a. a. O. S. 121.
[357] Die Wirkung der Pflanzen auf den Menschen wird im 9. Buch beschrieben, das aber gerade in diesen Teilen unecht ist (H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 86).

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[358] Gesch. der Pflanzen. 1, 5.
[359] Von den Ursachen der Pflanzen. 2, 14.
[360] Gesch. d. Pflanzen. 8, 2.
[361] O. Warburg, Berichte der Deutsch. bot. Gesellschaft XIX (1901). S. 153.
[362] Ursache d. Pflanzen. I. 5, 5.
[363] Περὶ λίθων. Theophrasti Eresii Opera. Griechisch und lateinisch von F. Wimmer.
[364] Beloch, Griechische Geschichte. I, 1. S. 212.
[365] Böckh, Abhandlungen der Berliner Akademie. 1814/15. S. 104. Die von den Athenern aufgehäuften Schlacken enthalten noch 10% Blei und 0,004% Silber; sie werden neuerdings wieder auf diese beiden Metalle verarbeitet. (Siehe Dammer, Handbuch der chemischen Technologie. 1895. II. Band. S. 549.)
[366] H. Fühner, Beiträge zur Geschichte der Edelsteinmedizin. Berichte der Deutschen pharmazeutischen Gesellschaft. 1901. S. 435 u. f. 1902. S. 86 u. f. Siehe auch Lenz, Mineralogie der alten Griechen und Römer. 1861.
[367] Siehe das Reallexikon der indogermanischen Altertumskunde von O. Schrader unter „Bergwerk“.
[368] C. v. Ernst, Über den Bergbau im Laurion. Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch der k. k. Bergakademien zu Leoben und Pribram. 1902. Die Abhandlung stützt sich auf das Gutachten Cordellas, der Jahrzehnte lang die Wiederaufnahme und den Betrieb der Bergwerke des Laurions leitete.
[369] Der Meister derjenigen, die Wissenschaft treiben.
[370] Auch in der neuesten Phase der Biologie begegnet uns eine Wiederbelebung aristotelischer Gedanken. Siehe an späterer Stelle (Bd. IV).
[371] J. Tyndall, Religion und Wissenschaft. Autorisierte Übersetzung. Hamburg 1874.
[372] Aubert und Wimmer.
[373] Cantor, Vorlesungen über Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 223. Leipzig 1880.
[374] Genaueres über die alexandrinische Bibliothek und die übrigen Bibliotheken des Altertums findet man in Paulys Reallexikon d. klass. Altertums. Bd. III (1899). S. 405 u. f.
[375] Euklid ist oft mit einem Zeitgenossen Platons, Euklid von Megara, verwechselt worden.
[376] Vgl. auch Cantor, Euklid und sein Jahrhundert (Leipzig 1867). Eine neuere Ausgabe sämtlicher Werke Euklids rührt von Heiberg und Menge her (Leipzig 1883–1896).
[377] Heiberg, Euklidstudien. S. 88.
[378] Siehe die merkwürdige Anwendung, die später Kepler von den fünf regelmäßigen Körpern zur Begründung einer astronomischen Lehre machte.
[379] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten.
[380] Tropfke, Gesch. d. Elementarmath. Bd. II. S. 3.
[381] Mehrere Handschriften enthalten noch ein 14. und 15. Buch. Sie werden indessen nicht Euklid, sondern Hypsikles von Alexandria (um 150–120) zugeschrieben. Wahrscheinlich

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stammt jedoch nur vom ersten Buch seiner Werke. Beide behandeln die regelmäßigen Körper. Weitere Informationen finden Sie bei Cantor, Gesch. d. Math. I (1907), S. 358. [382] Ein ausführlicher Artikel über Archimedes veröffentlichte Hultsch in Paulys Realenzykl. d. klass. Altert., Band II (1896), S. 507. [383] Hippokrates stammte von Chios. Er lebte in der zweiten Hälfte des 5. vorchristlichen Jahrhunderts in Athen. [384] Siehe S. 83. [385] Laut Cantor (Gesch. d. Mathem., Band I, S. 253) ist es wahrscheinlich, dass er von niedriger Abstammung war. [386] W. Schmidt, Aus der antiken Mechanik (Jahrbuch für das klassische Altertum), Band 13 (1904), S. 329. Die Abbildung (Abb. 17, S. 159) stammt aus Schmidts Ausgabe von Heron (Op. II, 1, Fig. 62). [387] O. Spieß, Archimedes von Syrakus. Mitteilungen zur Geschichte der Mediz. u. Naturwiss., Band III, S. 230. Siehe auch Cicero, De rep., I, 14 sowie den Aufsatz von F. Hultsch, Über den Himmelsglobus des Archimedes, in Schlömilchs Zeitschrift, Heft XXII, S. 106–108. [388] Polybios, Geschichte. Übersetzt von Haakh. Stuttgart 1868, Buch 8, Kapitel 5–9. Plutarch: Marcellus 14–19. [389] Cicero berichtet von diesem Vorfall (Tusculanae disputationes, V, 23) mit folgenden Worten: „Als ich in Sizilien Quästor war, fand ich das Grab des Archimedes, das die Syrakusaner selbst nicht kannten. Mir waren nämlich einige kleine Verse in Erinnerung, die man auf dem Grabmal eingemeißelt hatte. Die Verse deuten darauf hin, dass sich an der oberen Seite des Monuments eine Kugel mit einem Zylinder befindet. Unter den vielen Gräbern, die sich vor dem Tor befanden, das nach Agrigent führte, entdeckte ich eine kleine Säule, die nur wenig aus dem Gestrüpp hervorragte; auf ihr befand sich das Bild einer Kugel mit einem Zylinder. Sofort sagte ich den Syrakusanern, die mich begleiteten, dass dies das gesuchte Grabmal sei. Wir ließen den Ort mit Hacken freiräumen und reinigen. Dann erschien auf der Vorderseite des Sockels jene Inschrift. Die einst so gelehrte Stadt Großgriechenlands besaß also keine Kenntnis vom Grab ihres größten Denkers, wenn nicht ein Fremder es ihren Bürgern gezeigt hätte.“ [390] De republica, I, 22. [391] So urteilt auch H. Diels im dem Archimedes gewidmeten Abschnitt seines Buches „Antike Technik“. [392] Archimedes’ in Syrakus vorhandene Werke. Aus dem Griechischen übersetzt und mit erläuternden sowie kritischen Anmerkungen versehen von Ernst Nizze. Stralsund 1824. Eine neuere Ausgabe von Archimedes stammt von Heiberg; sie erschien im Jahr 1880: J. L. Heiberg, Archimedis opera omnia cum commentariis Eutocii. Leipzig, bei B. G. Teubner. Eine weitere, erweiterte Ausgabe folgte 1910. Eutokios, der einen Teil der Archimedischen Schriften kommentierte, lebte zur Zeit Justinians (um 550 n. Chr.). [393] Laut Simplicius. Siehe auch den Aufsatz von W. Schmidt über die Isoperimetrie in der Antike (Bibl. math., 1901, S. 5).

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[394] Hippias von Elis lebte um 420 v. Chr. Seine unter dem Namen der Quadratrix bekannte Linie ließ Hippias durch die Verbindung einer drehenden mit einer fortschreitenden Bewegung entstehen. Mit Hilfe dieser Linie hoffte man zur Quadratur des Kreises zu gelangen. Näheres bei Cantor, Gesch. d. Math. I (1907). S. 197.
[395] Heiberg entdeckte sie in einem in Konstantinopel aufbewahrten Palimpsest und veröffentlichte sie in der Zeitschrift „Hermes“. Berlin 1907. S. 235 u. f. In der neuen Archimedesausgabe von Heiberg (1913) findet sich die „Methodenlehre“ mit lateinischer Übersetzung (Bd. II. S. 427). Eine deutsche Übersetzung veröffentlichte Heiberg mit Zeuthen in der Bibl. mathem. III. Folge. VII (1907). S. 322 u. f.
[396] Heiberg, a. a. O. S. 302.
[397] Des Apollonios Schrift über die Kegelschnitte wurde 1861 in deutscher Bearbeitung von H. Balsam herausgegeben. Die in der Ursprache erhaltenen Schriften gab Heiberg heraus (Leipzig 1891–1893). Das Werk über die Kegelschnitte umfasst 8 Bücher. Die ersten vier sind in der Ursprache, Buch 5–7 in arabischer Übersetzung erhalten. Das achte dagegen ist verlorengegangen. Eine gute Bearbeitung rührt von dem englischen Astronomen Halley her (1710), der das Werk unter Beifügung des griechischen Textes, soweit er vorhanden war, ins Lateinische übersetzte und verlorengegangene Teile zu rekonstruieren suchte.
[398] Die ersten Ansätze zur Erforschung der Kegelschnitte finden sich schon bei dem im 4. Jahrhundert v. Chr. lebenden Menächmos.
[399] Das 5. Buch.
[400] Daß Archimedes bei Volum- und Flächenbestimmungen sich schon einer dem Verfahren Cavalieris entsprechenden Infinitesimalmethode bediente, und zwar neben den üblichen Beweisverfahren, hat die Entdeckung des „Ephodion“ bewiesen (s. S. 164).
[401] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. I. S. 253.
[402] Eine gekürzte Wiedergabe enthält Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. Verlag von Wilhelm Engelmann. Leipzig 1908. S. 10.
[403] δός μοι ποῦ στῶ καὶ κινῶ τὴν γὴν (Pappus VIII, 11, ed. Hultsch).
[404] Archimedes' Werke. Ausgabe von Nizze. S. 26 ff.
[405] Die erwähnten hydrostatischen Grundgesetze finden sich in Archimedes' erstem Buch von den schwimmenden Körpern. Siehe die Archimedesausgabe von Nizze. S. 225–228.
[406] Vitruvius, de architectura IX. Übersetzt von V. Reber. Stuttgart 1865.
[407] Euklids Optik und Katoptrik wurde 1557 zu Paris griechisch und lateinisch herausgegeben. Eine neuere Ausgabe von Gregory erschien im Jahre 1703. Die Hauptausgabe rührt von Heiberg und Menge her. Bibl. Teubn. 1883.
[408] 30. Theorem der Katoptrik Euklids.
[409] Euklids Optik und Katoptrik findet sich im 7. Bande der Gesamtausgabe von Heiberg und Menge.
[410] Gesamtausgabe Bd. 7. S. 343. Siehe auch die Abhandlung von Würschmidt in den Commemoration Essays, Oxford 1914.
[411] E. Wiedemann, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter (Vortrag).
[412] Gesamtausgabe Bd. 7.

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[413] 7. Erfahrungssatz der Katoptrik.
[414] Eigentlich müßte man Sehstrahlen sagen, da nach der Vorstellung Euklids die Strahlen aus dem Auge kommen.
[415] Von Smith und Helmholtz.
[416] Nach Stadler handelt es sich hier nicht um eine Insel, sondern um Skandinavien (Jahrbücher f. d. klass. Altert. 1911. S. 86). Auch Island oder die Shetlandsinseln galten wohl für Thule. Siehe Peschels Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 2.
[417] Genauere Angaben über die räumliche Begrenzung der griechischen und der römischen Erdkunde enthält der erste Abschnitt von Peschels Geschichte der Erdkunde.
[418] Die von ihm erhaltenen Fragmente gab M. Fuhr heraus. Darmstadt 1841.
[419] Beloch, Griechische Geschichte. Bd. III. 1. Abt. S. 476 (1904).
[420] Plin. lib. II. cap. 65. Plinius verweist an dieser Stelle auch auf die Angaben Dikäarchs. Aus der Angabe des Aristoteles würde sich für den Kaukasus eine Höhe von etwa 70000 m ergeben haben.
[421] A. Gercke und E. Norden, Einleitung in die Altertumswissenschaft. II. Bd. S. 314. B. G. Teubner. 1912.
[422] Siehe Bernhardy, Eratosthenica, Berlin 1822, eine Sammlung von Bruchstücken der Schriften des Eratosthenes. Eratosthenes starb um 194 v. Chr. Bernhardys Schrift ist veraltet. Doch fehlt eine neuere zusammenhängende Darstellung aller Fragmente. Ferner H. Berger, Die geographischen Fragmente des Eratosthenes. Leipzig 1880.
[423] Siehe S. 180.
[424] Siehe auch Günther, Die Erdmessung des Eratosthenes (in der Deutschen Rundschau für Geographie und Statistik. III. Band).
[425] 3 Am ersten Nilkatarakt, fast unter dem nördlichen Wendekreis gelegen (das heutige Assuan).
[426] Alexandria liegt um 3° 14' westlich von Syene.
[427] Das Skaphium. Siehe Schaubach, Geschichte der griechischen Astronomie. Tab. III. Fig. 2.
[428] S. Cantor, Bd. I. S. 283.
[429] Näheres siehe bei Lepsius, Das Stadium und die Gradmessung des Eratosthenes auf Grundlage der ägyptischen Maße, in der Zeitschrift für ägyptische Sprache u. Altertumskunde. 1877. 1. Heft. S. 3–8. Nach Lepsius kann es keinen Zweifel geben, dass das Stadium des Eratosthenes eine Länge von 180 Metern hatte. A. a. O. S. 7. Dies war die Länge des griechischen Stadiums. Das ägyptische Stadium betrug 179 Meter.
[430] Siehe S. 93.
[431] Siehe S. 95.
[432] Koppernikus, De revolutionibus I, 10.
[433] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[434] G. Bilfinger, Die antiken Stundenangaben. Stuttgart 1888. S. 74.

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[434] Aristarchos, Über die Größen und Entfernungen der Sonne und des Mondes. Übersetzt und erläutert von A. Nokk. Als Beilage zu dem Freiburger Lyzeumsprogramm von 1854.
Aristarchs Schrift wurde durch eine 1488 erschienene lateinische Übersetzung bekannt. Den griechischen Text hat erst 1688 Wallis nach einem Manuskript veröffentlicht. Erneut wurde der griechische Text dann 1856 durch E. Nizze herausgegeben. Eine Ausgabe des griechischen Textes mit deutscher Übersetzung wird von K. Manitius vorbereitet.

[436] Aristarch, Über die Größen usw., Lehrsatz 15–18.

[437] Des Archimedes Sandesrechnung (Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. S. 13).

[438] Über Hipparch handelt ein Artikel von A. Rehm in der Realenzyklopädie des klassischen Altertums von Pauly-Wissowa-Kroll. 8. Bd. Sp. 1666–1681.
Hipparchs „Geographische Fragmente“ wurden von H. Berger gesammelt und bearbeitet; eine weitere Sammlung von Fragmenten liegt bisher nicht vor. Daß sich wissenschaftliche Bedeutung wohl mit astrologischen Vorstellungen vereinigen läßt, hat Hipparch ähnlich wie später Kepler bewiesen. Im Original erhalten ist von Hipparch nur ein Jugendwerk von geringerer Bedeutung (Τῶν Ἀρατοῦ καὶ Εὐδόξου φαινομένων ἐξηγησέων βιβλία).

[439] J. Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. II. S. 223.

[440] Der neue Stern trat, wie auch aus chinesischen Berichten hervorgeht, im Sternbild des Skorpions auf.

[441] F. Boll, Die Sternkataloge des Hipparch und des Ptolemäos (Bibl. math. Jahrg. 1901. S. 185). Nach Boll umfasste Hipparchs Katalog 850 Sterne.

[442] Die Erscheinung erklärt sich daraus, daß die Erdachse innerhalb eines Zeitraums von etwa 26000 Jahren einen Kegelmantel beschreibt. Infolgedessen ändert der Himmelsäquator, der sich als eine Projektion des Erdäquators darstellt, gleichfalls seine Lage innerhalb derselben Periode. Der Vorgang wird als Präzession oder Vorrücken der Nachtgleichen bezeichnet, weil dabei der Frühlings- und der Herbstpunkt langsam ihren Ort im Sinne der täglichen Umdrehung ändern.

[443] Mitteilungen zur Gesch. d. Mediz. u. d. Naturwissenschaften. Nr. 53 (1913). S. 431.

[444] Siehe auch S. 121 dieses Bandes.

[445] Hipparch nahm die Dauer des tropischen Jahres zu 365 Tagen 5 Stunden 55’ an, während sie in Wirklichkeit 365 Tage 5 Stunden 48’ 51” beträgt.

[446] Die mittlere Entfernung zwischen den Mittelpunkten von Mond und Erde beträgt 60,27 Halbmesser des Erdäquators oder 384400 km.

[447] Durch den in Jever geborenen Hildericus. Eine spätere Ausgabe besorgte 1819 Halma im Anschluß an seine Ptolemäosausgabe.

[448] Genaueres über diese Messungen siehe in Peschels Geschichte der Erdkunde. München 1877. S. 43–45.

[449] Die stereographische Projektion wurde auch von Ptolemäos empfohlen. Ob Hipparch sie kannte, ist nach Hoppe nicht sicher.

[450] Die Erfindung der Feuerspritze wird dem Ktesibios (um 150 v. Chr.) zugeschrieben. Siehe Vitruvius, De architectura X, 7.

[451] 1795 in der Nähe von Civitavecchia ausgegraben.

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[452] Ein sehr ausführlicher Artikel über Heron enthält Paulys Realenzyklopädie f. d. klass. Altert. Bd. VIII (1913). S. 992–1080.
[453] Herons von Alexandria Pneumatica et Automata. Griechisch und deutsch herausgegeben von Wilhelm Schmidt. Teubner, Leipzig 1899.
Herons „Pneumatik“ wurde 1575 durch Commandinus aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt und im Druck herausgegeben (Heronis Alexandrini Spiritualium liber. A Federico Commandino Urbinate. Ex Graeco nuper in Latinum conversus. Urbini 1575). Der Urtext wurde zuerst 1693 von Thévenot veröffentlicht.
[454] W. Schmidt, Aus der antiken Mechanik. Neue Jahrbücher für das klassische Altertum. Bd. 13 (1904). S. 329.
[455] W. Schmidt, Die Geschichte des Thermoskops (Abhandl. z. Gesch. d. Mathem. Bd. VIII. S. 161–173).
[456] Durch Carra de Vaux. Dieser gilt jedoch als wenig zuverlässig.
[457] Heronis Alexandrini Opera quae supersunt omnia. Leipzig, B. G. Teubner. Bd. I: Druckwerke und Automatentheater, griechisch und deutsch herausgegeben von W. Schmidt. 1899. Bd. II: Herons Mechanik und Katoptrik, herausgegeben und erläutert von L. Nix und W. Schmidt. 1901. Bd. III: Herons Vermessungslehre und Dioptra, griechisch und deutsch von H. Schoene. 1903.
[458] Baldo v. Urbino.
[459] Ausgabe von Schmidt. S. 24.
[460] Ausgabe von Schmidt. S. 29.
[461] Heronis Alexandrini spiritualium liber. Amstelodami 1680. Siehe auch Mach, Die Prinzipien der Wärmelehre. Leipzig 1896. S. 5.
[462] Das „Klavier“ der alten Römer (Mitteil. zur Geschichte d. Medizin u. Naturwiss. 1905. S. 342). Die Bauweise der Wasserorgeln hat sich während des Mittelalters im Östlichen Römischen Reich erhalten, sodass die Konstruktion nicht, wie man früher annahm, gegen den Ausgang des Mittelalters erneut entdeckt werden musste.
[463] Schmidt, a. a. O. S. 133.
[464] Heronis Alexandrini opera, ed. Schmidt. S. 475.
[465] Ausgabe von Schmidt. Abb. 115.
[466] Pappi Alexandrini collectionis lib. VIII, ed. F. Hultsch. Berlin 1878. Über die vor kurzem entdeckte arabische Bearbeitung der Mechanik Herons siehe die folgende Seite.
[467] Ausgabe von Schmidt. Bd. II. S. 102.
[468] Papp. Kap. X. Heron, Opera omnia, Ausgabe v. Schmidt. Bd. II. 1. Teil. S. 259.
[469] Diels, Ant. Technik, Abb. 28.
[470] Näheres über solche antiken Automaten enthält Diels’ Antike Technik im 3. Abschnitt. Leipzig, B. G. Teubner. 1914.
[471] Von Carra de Vaux im Journal asiatique X, 1–2. Von dem griechischen Text sind nur einige Fragmente vorhanden. Bd. II der Opera omnia (Ausg. v. Schmidt) enthält die Übersetzung der Mechanik nach der arabischen Bearbeitung dieser Schrift Herons. Die Katoptrik wurde nach einem lateinischen Text übersetzt.

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[472] Journal asiatique IX, 2. S. 264 ff.
[473] Eine gute Übersicht über das physikalische Wissen Herons bietet die Programmabhandlung von F. Knauff, Sophiengymnasium, Berlin. Ostern 1900.
[474] Der griechische Text wurde 1858 von Venturi und Vincent mit französischer Übersetzung herausgegeben, und zwar in den Notices et extraits des manuscrits de la bibliothèque impériale XIX, 2. Paris 1858. Dioptra heißt etwa Sehrohr oder Instrument zum Visieren durch zwei sich gegenüberstehende Öffnungen (siehe die Abb. 35).
[475] Sie rührt von Hermann Schöne her und wurde im Jahrbuch des Kaiserl. deutschen archäolog. Institutes (Bd. XIV. 1899. Heft 3) veröffentlicht.
[476] Siehe Abschn. 25 des Heronschen Werkes sowie Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 324.
[477] Siehe Cantor, Geschichte der Mathematik. I (1907). S. 382 ff.
[478] Heronis Alexandrini Opera, quae supersunt omnia. Ausgabe von Schmidt. Bd. I–III. Leipzig 1889, 1900, 1903. Die „Metrika“ finden sich im III. Bande; sie wurden von R. Schöne 1896 entdeckt.
[479] Siehe S. 200. Anm. 3.
[480] Diels, Antike Technik. S. 9.
[481] E. Merkel, Die Ingenieurtechnik im Altertum. 1899. S. 151.
[482] F. Zink, Die Entwicklung der Entwässerungen mit offenen Gräben und Drainagen von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart. – Drainierungsanlagen mit Tonröhren wurden in Babylonien schon um 1900 v. Chr. hergestellt.
[483] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik. Bd. I. S. 98.
[484] Haas, Antike Lichttheorien, im Archiv für Geschichte d. Philosophie. 20. Bd. (1907). S. 356.
[485] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 215.
[486] Einen ausführlichen Beitrag über Erasistratos enthält Paulys Realenzyklopädie f. d. klass. Altertum. Bd. VI (1909). S. 333. Er rührt von Wellmann her.
[487] Wie Diels (Antike Technik, S. 24) angibt, maß Herophilos den Puls seiner Kranken mit Hilfe einer Taschenwasseruhr.
[488] Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. I. S. 233.
[489] Lindner, Weltgeschichte. Bd. I. S. 26.
[490] Nach einem Ausspruch Cantors (Gesch. d. Math. Bd. I. S. 45).
[491] Cicero, Tuscul. disput. Lib. I. 2, 5.
[492] Siehe Cantor, Röm. Agrimensoren. Leipzig 1875.
[493] Die betreffende Grabschrift wurde im XIV. Bande der II. Serie der Abhandlungen der Turiner Akademie veröffentlicht.
[494] Siehe Cantor, Bd. I. S. 456.
[495] In der Nähe von Regensburg.
[496] Näheres siehe bei Schmidt, Neue Jahrbücher f. d. klassische Altertum. Bd. 13 (1904). S. 329. Ferner Bibl. math. 3. Folge. 4. Bd. Die Frage, ob die römischen Feldmesser von Heron

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was davon abhing, wird von Schmidt außer Acht gelassen.
[497] Siehe S. 4 dieses Bandes.
[498] Plinius, Hist. nat. III. 2.
[499] Ihr früherer Besitzer hieß Peutinger. Er lebte im Anfang des 16. Jahrhunderts in Augsburg und erhielt die Karte von Konrad Celtes, der sie 1500 aufgefunden hatte. Entworfen wurde die Karte im Jahre 375 n. Chr. Celtes war einer der bedeutendsten Humanisten Deutschlands. Er bevorzugte die Realien des Altertums gegenüber den literarischen Erzeugnissen.
[500] Eine neuere Ausgabe der Karte mit Erläuterungen stammt von K. Miller. Stuttgart 1916.
[501] Plinius, VII. 60. Siehe auch Bilfinger, Die antiken Stundenangaben. Stuttgart 1888. S. 75.
[502] H. Löschner, Über Sonnenuhren. Beiträge zu ihrer Geschichte und Konstruktion. Graz 1905. Das Buch enthält zahlreiche Quellenangaben.
[503] C. Merkel, Die Ingenieurmechanik im Altertum. Mit 261 Abbild. Springer, Berlin 1903.
[504] Vitruvius, Zehn Bücher über die Architektur. Übersetzt von Reber. Stuttgart 1865.
[505] Beherzigenswert sind die Worte, welche Diels an sie knüpft, wenn er sagt, es sei der Archimedische Punkt der Pädagogik, in der Jugend weltöffentliche Anschauung und praktische Fertigkeit, verbunden mit Wissen und wissenschaftlicher Einsicht, zu wecken (Antike Technik, 1914. S. 32).
[506] Terquem, La science romaine à l'époque d'Auguste. Paris 1885. S. 75. Fig. 9.
[507] Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. S. 56. Leipzig 1899. W. Engelmann.
[508] C. Köhne, Die Ausbildung der Ingenieure in der römischen Kaiserzeit. Mitteil. z. Gesch. d. Medizin u. d. Naturw. 1907. S. 17.
[509] Epistol. III, 5.
[510] Epistol. III, 5.
[511] Siehe Abschnitt 7 dieses Bandes.
[512] Rerum rustic. libri tres. I. 12, 2.
[513] Siehe S. 100 dieses Bandes.
[514] Haeser, Lehrbuch der Gesch. d. Medizin. Jena 1875. 1. Bd. S. 254.
[515] Cornelius Celsus, Über die Grundfragen der Medizin, als 3. Band von Voigtländers Quellenbüchern herausgegeben von Dr. Th. Meyer-Steineg. Celsus war kein Arzt, obwohl er eines der besten medizinischen Werke verfasst hat. Er wurde wahrscheinlich in Verona geboren und starb in Rom.
[516] Siehe Heeger, Zur Geschichte der Blutstillung im Altertum und Mittelalter (Wiener klin. Wochenschrift 1910. S. 1006 u. 1079). Über Parés Verfahren der Arterienunterbindung siehe später.
[517] Pron, Les maladies de l'estomac et du foie et leur traitement dans Celse. La France Médic. 1910. S. 374.

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[518] Seine Heimatstadt war Prusa in Bithynien.
[519] Montigny, Quaestiones in Plinii nat. hist. de animalibus libros. 1844, und Müntzer, Beiträge zur Quellenkritik der Naturgesch. des Plinius. 1897.
[520] In einem Plinius gewidmeten Bande der „Klassiker der Naturwissenschaft und Technik“, die bei Eugen Diederichs in Jena erscheinen, habe ich dasjenige aus der „Naturgeschichte“ zusammengefasst, was besonders geeignet ist, von dem wissenschaftlichen Geist der Antike, soweit er sich in Plinius spiegelt, und den Errungenschaften jener Zeit ein Bild zu geben. Die Herausgabe wurde durch den Krieg verzögert, wird aber voraussichtlich im nächsten Jahr erfolgen.
[521] Eine Handschrift, nach der die übrigen angefertigt wurden, findet sich im Vatikan. Ein von Dr. H. Philipp herrührender Auszug erschien als 11. und 31. Band von Voigtländers Quellenbüchern.
[522] Als Beispiel diene der 6. Abschnitt von Dannemann, Aus der Werkstatt großer Forscher. Leipzig, W. Engelmann. 1908.
[523] Plinius, VII. 1.
[524] Einen ausführlichen Artikel über Gartenbau im Allgemeinen enthält Paulys Realenzyklopädie f. d. klass. Altert. im VII. Bande auf S. 768–841.
[525] Plinius, Naturgeschichte. II. 65.
[526] Plinius, Naturgeschichte. II. 75.
[527] Kopernikus erwähnt, er habe bei Cicero und Plutarch gelesen, dass die heliozentrische Lehre in der Antike Anhänger gefunden habe. Copernicus, De revolutionibus (Ausg. v. Curtze). S. 6.
[528] Plinius, Naturgeschichte. II. 40.
[529] A. a. O. II. 99.
[530] A. a. O. II. 97.
[531] A. a. O. XI. 3.
[532] Nach H. Bretzl, Die botanischen Forschungen des Alexanderzuges. Leipzig 1903. Siehe auch S. 142 dieses Bandes.
[533] E. Meyer, Geschichte der Botanik. 4 Bände. 1854.
[534] v. Humboldt, Kosmos. Bd. II. 1847. S. 230.
[535] Galen stützte sich besonders auf Erasistratos, einen der bedeutendsten Anatomen der vorkristlichen Zeit (geb. 280 v. Chr.), der auch den Aufbau des Gehirns untersucht haben soll. Sein Zeitgenosse Herophilos lieferte eine genaue Beschreibung des Auges.
[536] A. Hirsch, Geschichte d. Medizin. S. 10.
[537] H. Haeser, Lehrbuch d. Gesch. d. Medizin. Jena 1853. Bd. I. S. 154.
[538] Galen meint, dass man den belebenden Bestandteil der Luft, den er als Pneuma bezeichnet, später noch entdecken werde.
[539] Galen war ein außerordentlich fruchtbarer und vielseitiger Schriftsteller. Man kennt (nach Christ, Geschichte der griech. Literatur, S. 630) mehr als 350 Galensche Schriften, von denen 118 echte und 45 zweifelhafte erhalten sind. Die meisten sind medizinischen Inhalts. Geschätzt wurde vor allem eine kurz gefasste Therapeutik (τέχνη ἰατρική), die im Mittelalter unter

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unter dem Namen „Mikrotechnikum“ bekannt war. Außerdem hat Galen auch Schriften
philosophischen und grammatischen Inhalts verfasst, z. B. Kommentare zu Platons
„Timaeos“, zu Aristoteles und zu Theophrast. Die Hauptausgabe der Galenschen Schriften
ist die Aldina (1525; ed. Chartrier, Paris 1679). Eine ausführliche Darstellung der Bedeutung
Galens enthält Paulys Realenzyklopädie des klass. Altert. Bd. VII. S. 578–591.
[540] Galenos. Sieben Bücher Anatomie des Galen. ΑΝΑΤΟΜΙΚΩΝ ΕΓΧΕΙΡΗΣΕΩΝ
ΒΙΒΛΙΟΝ Θ - ΕΙ. Zum ersten Mal veröffentlicht nach den Handschriften einer arabischen
Übersetzung des 9. Jh. n. Chr., ins Deutsche übertragen und kommentiert von Dr. med.
Max Simon. I. Band: Arabischer Text. Einleitung zum Sprachgebrauch, Glossar mit 2
Faksimiletafeln. LXXXI u. 362 S. gr. 8o u. 2 Tafeln. II. Band: Deutscher Text. Kommentar,
Einleitung zur Anatomie des Galen. Sach- und Namenregister. – Leipzig, J. C. Hinrichs, 1906.
LXVIII u. 366 S. gr. 8o.
Die ersten 8 Bücher von Galens Anatomie und ein Stück des 9. Buches sind im griechischen
Urtext bekannt. In ihnen werden die Gliedmaßen, Kopf, Hals, Rumpf, die Organe der
Verdauung und die Atmungswerkzeuge beschrieben. Das 9.-15. Buch, die Simon nach der
arabischen Handschrift herausgegeben hat, waren bisher so gut wie unbekannt. Das 9. Buch
bringt die Beschreibung des Gehirns. Im 10. werden die Augen, die Zunge und die Speiseröhre,
im 11. der Kehlkopf, im 12. die Geschlechtsorgane beschrieben. Buch 13 handelt von den
Gefäßen, Buch 14 und 15 von den Nerven. Es handelt sich in diesen sieben Büchern fast
überall um eigene anatomische Untersuchungen am lebenden und toten Tieren, wobei stets auf
den Menschen bezogen wird. An manchen Stellen wird der berühmte alexandrinische
Anatom Erasistratos zitiert. Ausdrücklich wird gefordert, daß jeder, der über Anatomie liest,
es nicht versäumen solle, die einzelnen Dinge am Tierkörper mit eigenen Augen anzusehen.
[541] Bd. II der Ausgabe von Simon. S. 45.
[542] Bd. II der Ausgabe von Simon. S. 94.
Der häufig anzutreffende Zusatz Klaudios zu Galenos ist nicht berechtigt. Der große Arzt ist
nicht Klaudios Galenos, sondern nur Galenos zu nennen. Siehe Mitteil. zur Gesch. d.
Med. u. d. Naturwissenschaft. 1902. S. 3.
[543] H. Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. I (1875). S. 364.
Unter anderem hat Galen schon versucht, sich eine Vorstellung von dem Sitz der einzelnen
Funktionen des Gehirns zu machen, indem er die Gehirnmasse schichtenweise abtrug. Siehe
Falk, Galens Lehre vom Nervensystem. Leipzig 1871.
[544] Näheres siehe Gerster-Braunfels, Abriß der Geschichte der Jatrohygiene vom
Altertum durchs deutsche Mittelalter bis zur Neuzeit.
[545] Dioskorides lebte im 1. Jahrhundert n. Chr. Die authentische Namensform ist
Dioskurides; Dioskorides ist aber die allgemein übliche. Er war Grieche und besuchte als
Arzt im Gefolge römischer Heere viele Länder. Seine Werke wurden griechisch und lateinisch
von Sprengel herausgegeben. Leipzig 1829. (Diese Ausgabe ist völlig überholt durch die
neuere von Wellmann.) Sie sind in vielen Handschriften erhalten. Berühmt ist der mit
Abbildungen versehene Kodex der Wiener Bibliothek aus dem 6. Jahrhundert, der in
Konstantinopel für Maximilian II. erworben wurde. (Siehe W. Christ, Geschichte der
griechischen Literatur. München 1889. S. 629.) Zu beachten ist auch der Artikel über
Dioskorides von M. Wellmann in Pauly-Wissowas Realenzyklopädie. V. 1131.
[546] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. II. S. 113.
[547] Bd. II. S. 94.

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[548] O. Warburg, Geschichte der angewandten Botanik (Berichte der Deutsch. bot. Gesellsch. XIX [1901]. S. 159).
[549] Warburg, a. a. O. – Das Wichtigste über den Ackerbau bei den alten Völkern enthält der Artikel „Ackerbau“ in Paulys Realenzyklopädie der klass. Altertumswiss. 1894. S. 261 u. f.
[550] Seneca erwähnt solche Beete als neue Erfindung.
[551] Cato, De re rustica. Eine ausgezeichnete Ausgabe stammt von Keil (1892). Cato starb 149 v. Chr.
[552] Auch Marcus Terentius Varro, der zur Zeit Ciceros lebte, schrieb ein Buch über die Landwirtschaft. Näheres siehe unter den Quellen des Plinius. Varros „De re rustica“ wurde 1884 ebenfalls von Keil herausgegeben.
[553] L. Wittmack, Die in Pompeji gefundenen pflanzlichen Reste. Englers Botanische Jahrbücher. 33. Bd. (1903). S. 38–63. Identifiziert wurden unter anderem: Allium Cepa, Amygdalus communis, Castanea vesca, Corylus Avellana, Iuglans regia, Lens esculenta, Olea europaea, Panicum italicum, Panicum miliaceum, Phoenix dactylifera, Pinus Picea, Pisum sativum, Prunus persica, Triticum vulgare, Vicia Faba, Vitis vinifera. Es handelt sich bei diesen Resten um Samen und Früchte. Auf den Wandmalereien Pompejis sind etwa 50 Pflanzen dargestellt, die sich identifizieren ließen, während dies bei manchen nicht möglich war. Comes, Darstellung der Pflanzen in den Malereien von Pompeji. Stuttgart 1895.
[554] Plutarch, Vita Demetrii.
[555] Vergil widmete Lukrez die Worte: „Felix, qui potuit rerum cognoscere causas“, ein Ausspruch, der später auf Newton angewandt wurde. Siehe Vergils Georgica II, 490.
[556] Lucretius. Deutsch von Max Seydel. München, R. Oldenbourg, 1881. 2. Gesang, V. 258 u. f.
[557] Nach Vitruv hingegen werden die Quellen durch das in den Boden sickernde Regenwasser gespeist.
[558] allerdings wohl vielfach interpolierten.
[559] Quaest. natur. 1, 6.
[560] Plinius, Hist. nat. 37, 5. Diese Stelle ist jedoch unklar und ihre Deutung nur unsicher.
[561] Poggendorffs Ergänzungsband 4. S. 452.
[562] Nach einer Mitteilung des Berosos.
[563] Seneca, Quaestiones VII. 22 u. 23.
[564] A. v. Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie. 1899. S. 10.
[565] Vitruv, De architectura 8, 3.
[566] Die chemischen Kenntnisse des Plinius in E. v. Lippmanns Abhandlungen u. Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften. Leipzig 1906. Im 2. Bande der Abhandlungen und Vorträge von Lippmanns (Leipzig 1913) findet sich in der zweiten Abteilung Wichtiges über die chemischen und physikalischen Kenntnisse der Griechen zusammengefasst.
[567] Plinius 36, 64.
[568] Plinius 36, 66 u. 67.

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[569] Jahresbericht über die Fortschr. d. klass. Altertumswiss. 1902. Bd. III. S. 26–82
(Stadlers Bericht).
[570] E. v. Meyer, Geschichte der Chemie. 1914. S. 17.
[571] E. v. Lippmann, Abhandlungen u. Vorträge z. Gesch. d. Naturwissenschaften. Leipzig 1906. S. 56.
[572] Die bekannten Erzählungen über das „Auflösen“ der glühend gemachten Felsen mit Essig durch Hannibal usw. gehen jedoch nach v. Lippmann auf die rein abergläubische Vorstellung zurück, dass der Essig von äußerster Kälte sei und dass deshalb das Zusammentreffen dieses Extrems mit der Glut des Feuers auch ganz außergewöhnliche Wirkungen bedinge.
[573] Über die alexandrinischen Bücherschätze und deren Schicksale siehe auch Ritschel, Breslau 1838, sowie F. Schemmel, Die Hochschule von Alexandrien im 4. u. 5. Jahrh. n. Chr. Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1909. S. 438. Nach der dort gegebenen Darstellung wurde die große Bibliothek mit ihren 400000 Bänden erst 272 n. Chr. zerstört.
[574] Johannes Frischauf, Grundriß der theoretischen Astronomie und der Geschichte der Planetentheorien. 2. Auflage. Leipzig 1903. S. 104. Die Änderung der Geschwindigkeit der scheinbaren Sonnenbewegung erklärt sich daraus, dass die Erde im Winter der Sonne näher ist als im Sommer.
[575] Frischauf, a. a. O. S. 103.
[576] Durch Kalippos.
[577] Der exzentrische, mit dem Epizykel verbundene Kreis wurde als der deferierende Kreis bezeichnet.
[578] Entstand aus dem arabischen Artikel und dem ersten Wort des griechischen Titels (ἡ μεγίστη σύνταξις). Die Übersetzung ins Arabische fand spätestens um 827 statt. Seit dem 12. Jahrhundert wurde der Almagest wiederholt ins Lateinische übertragen. Eine ungenügende Ausgabe des griechischen Textes nebst einer Übersetzung ins Französische veranstaltete Halma (2 Bde., Paris 1813–1816). Eine griechisch-lateinische Ausgabe besorgten Wilberg und Grashof, Essen 1838–1845. Unter den neueren Schriftstellern, die den Almagest zugänglich gemacht haben, ist neben Heiberg besonders Manitius zu nennen (Des Claudius Ptolemaeus Handbuch der Astronomie. Aus dem Griechischen übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen versehen von Karl Manitius. Leipzig 1912. B. G. Teubner).
[579] Die Zahl der mit bloßem Auge sichtbaren Fixsterne beläuft sich auf 4–5000. Hipparchos erstellte das erste wissenschaftliche Verzeichnis der Fixsterne mit Angaben zu ihren Positionen und Größenverhältnissen.
[580] Es bildet das 7. Buch des Almagest und wurde 1795, übersetzt und erläutert, von J. E. Bode herausgegeben: J. E. Bode, Claudius Ptolemäus’ Beobachtung und Beschreibung der Gestirne. Berlin 1795.
[581] Die beste Ausgabe stammt von Halley; sie erschien in Oxford im Jahr 1758.
[582] Eine lateinische Übersetzung von Xylander (Basel 1575) machte die Werke von Diophantos erstmals bekannt.
[583] M. Cantor, Geschichte der Mathematik. Bd. I. S. 402.
[584] Diophantos, lib. VI. 19. Näheres siehe Cantor, I. S. 407.
[585] H. Hankel, Die Entwicklung der Mathematik in den letzten Jahrhunderten. S. 10.

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[586] Die erste brauchbare Ausgabe stammt von Halley. Sie erschien in Oxford im Jahr 1758.
[587] Aus Repsold, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge. 1908.
[588] Das heißt Sternfasser. Über noch vorhandene Astrolabien gibt der Bericht über die Ausstellung im South Kensington Museum (Berlin 1877, S. 394 ff.) Auskunft. Nach dem Almagest (V, 1) war das von Ptolemäus verwendete Astrolab eine Art Armillarsphäre, da es aus einem System teilweise fester, teilweise beweglicher, mit Absehen (Dioptern) versehener Ringe bestand.
[589] Im Einzelnen hat dies neuerdings Repsold dargelegt. S. 256.
[590] Repsold, a. a. O., S. 6.
[591] Diels, Antike Technik, S. 25. In dem noch erhaltenen Turm der Winde in Athen befand sich eine Wasseruhr, während außen eine Sonnenuhr und eine Wetterfahne angebracht waren. Unter dem Gesimse sind die acht Hauptwinde allegorisch dargestellt. Auf sie weist der Pfeil der Wetterfahne je nach der Richtung des herrschenden Windes.
[592] Herausgegeben von Nobbe. 3 Bde., Leipzig 1843–1845. Eine deutsche Übersetzung findet sich im 1. Bande der „alten Geographie“ von Georgii (Stuttgart 1838) auf dem Titel als Anhang angekündigt, ist aber nie erschienen. Eine Übersetzung der Kapitel 21–24 findet sich im Jahresbericht des Kgl. Gymnasiums zu Chemnitz von 1909. Sie stammt von Th. Schöne.
[593] C. Ritter, Geschichte der Erdkunde u. d. Entdeckungen. Berlin 1861.
[594] Siehe S. 189.
[595] So hatte Marinus die Längenausdehnung der den Alten bekannten Welt (von den glückseligen Inseln bis zur Südostküste Chinas) auf 225° angegeben. Ptolemäus beschränkte diese Ausdehnung auf 180°. Ihr tatsächlicher Wert ist 140°.
[596] Siehe die Abhandlung von Th. Schöne über „Die Gradnetze des Ptolemäos im ersten Buche seiner Geographie.“ Chemnitz 1909 (Programmbeilage des Kgl. Gymnasiums).
[597] Strabons Erdbeschreibung, übersetzt von Forbiger, Stuttgart 1856–1862. Eine neuere Ausgabe veranstaltete Meineke, Leipzig 1866. Siehe A. v. Humboldt, Examen critique de l’histoire de la géographie, I, S. 152–154. Strabon war griechischer Abstammung, lebte jedoch meist in Rom. Er wurde 63 v. Chr. geboren und lernte einen großen Teil des römischen Weltreichs durch eigene Anschauung kennen; er schrieb in griechischer Sprache.
[598] Im 3. Abschnitt seines I. Buches.
[599] Eratosthenes sah auch in den Salzseen der Landenge von Suez den Beweis dafür, dass diese Landenge früher vom Meer bedeckt war.
[600] Vitruvius, De architectura VIII, 1.
[601] Seneca, Naturales quaestiones III, 5 und 28. Seneca, römischer Dichter und Philosoph, lebte von 4 v. Chr. bis 65 n. Chr. Eine Übersetzung seiner Werke veranstalteten Moser und Pauly, Stuttgart 1828–1855. Eine neuere Ausgabe stammt von Haase (Teubner, 1893 und 1895).
[602] L. v. Ranke, Weltgeschichte III, 313.
[603] O. Peschel, Geschichte der Erdkunde, S. 12.

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[604] C. Ritter, Gesch. der Erdkunde und Entdeckungen. Berlin 1861.
[605] Marinus von Tyros lebte im 2. Jahrhundert n. Chr., kurz vor Ptolemäus. Er bemühte sich, für jeden Ort die Länge und die Breite festzustellen.
[606] Die in den auf uns gekommenen Handschriften „der Geographie“ enthaltenen Karten stammen jedoch nicht von Ptolemäus selbst, sondern von einem jüngeren Zeitgenossen, der die vorhandenen Karten einer Durchsicht und Verbesserung unterzog.
[607] Eine Ausgabe mit lateinischer Übersetzung gab Fr. Hultsch heraus. Berlin 1875–1878. Im Jahre 1871 erschienen das VII. und VIII. Buch mit deutscher Übersetzung von Gerhardt.
[608] Über die eigentümlichen Schicksale der „Optik“ des Ptolemäus berichtet Wilde in seiner Geschichte der Optik, Bd. I. S. 51 u. f. Danach war das Werk Roger Bacon, Regiomontanus sowie auch noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts bekannt. Dann galt es lange als verloren, bis es vor einigen Jahrzehnten in einer lateinischen Übersetzung aus dem Arabischen wiederentdeckt wurde. Eine kritische Ausgabe besorgte Gilberto Govi: L’ottica di Claudio Tolomeo. Turin 1885.
[609] Die Werte in Klammern sind aus dem Brechungsindex n = 1,3335 berechnet (nach J. Hirschberg, Zeitschr. f. Psychologie u. Physiologie der Sinnesorgane. XVI. S. 331).
[610] Alhazen im 7. Buche seiner Optik. Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[611] Sie wurde griechisch und deutsch von R. Schöne herausgegeben (Berlin 1897).
[612] So heißt es bei Aristoteles (de anima I. 2): „Auch Thales scheint die Seele für etwas Bewegendes gehalten zu haben, da er vom Magneten sagt, daß er eine Seele besitze, weil er das Eisen bewegt.“
[613] Lukrez VI, V. 1043–1044. Lukrez lebte von 98 bis 55 v. Chr. Seine aus sechs Büchern bestehende Schrift „De rerum natura“ befasst sich mit den Grundlagen der Physik, der Psychologie und der Ethik. Von den Ausgaben sei hier diejenige Lachmanns erwähnt. 4. Auflage. Berlin 1871. Eine Übersetzung stammt von Seydel (München 1881).
[614] Lukrez VI, V. 1005–1006.
[615] Eingehend berichtet über die Kenntnisse der Alten auf dem Gebiet der magnetischen und elektrischen Erscheinungen unter Anführung zahlreicher Literaturstellen A. v. Urbanitzky im 34. Bande der Elektrotechnischen Bibliothek. Wien, A. Hartlebens Verlag, 1887.
[616] Plinius, Naturgeschichte, Buch 37, Kapitel 12.
[617] So erwähnt Theophrast in seinem Buch über die Steine einen Edelstein, der durch Reiben elektrisch wird.
[618] Plinius, Naturgeschichte, Buch 2, Kapitel 50 und 55.
[619] Plinius, Naturgeschichte, Buch 2, Kapitel 37.
[620] R. Hennig im Archiv f. Gesch. d. Naturw. u. Technik. Band II. Heft 1.
[621] Oppian, de piscat. 2. 43.
[622] Plinius, 32, 1 und 2.
[623] Aelian, 9, 14.
[624] Galeni opera, hrsg. von C. S. Kühne. Band XII. S. 365.
[625] Meyer, Gesch. d. Chemie. S. 16.

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[626] Siehe auch Berthelot, Les origines de l’Alchimie. Paris 1885. Berthelot gilt als einseitig und durch neuere Forschungen, vor allem die v. Lippmanns, überholt.
[627] Neuerdings hat man Gegenstände aus ziemlich reinem Zinn in ägyptischen Gräbern gefunden.
[628] Liquor aeternus, venenum rerum omnium.
[629] Der Urtext dieser Schriften nebst französischer Übersetzung wurde von Berthelot in den Jahren 1887 und 1888 unter dem Titel »Collection des anciens alchimistes grecs« veröffentlicht.
Berthelot (Die Chemie im Altertum u. Mittelalter. Deutsch von Kalliwoda und Strunz. 1909. S. 5) hat Texte griechischer Chemiker, sowie diejenigen von syrischen und arabischen veröffentlicht und zugänglich gemacht, darunter auch Handschriften, die bis dahin in den Bibliotheken von Paris, London und Leyden vergraben und vergessen waren.
Etwas anders, wie auf dieser Seite angegeben, stellt sich der Beginn der Alchemie nach v. Lippmann dar. Näheres darüber siehe im Anhange und in v. Lippmanns »Alchemie«.
[630] Diels, Antike Technik. S. 111.
[631] Siehe die hiervon abweichende Meinung v. Lippmanns in dessen »Alchemie«.
[632] Berthelot a. a. O. S. 20.
[633] Einen Beitrag über Hermes Trismegistos enthält Paulys Realenzyklopädie d. klass. Altert. im VIII. Bande auf S. 792–822.
[634] Kopp, Beiträge zur Geschichte der Alchemie. S. 377.
[635] Berthelot, Collection des anciens alchemistes grecs. Paris 1888.
[636] Berthelot, Collection des anciens alchemistes grecs. II. 272 u. 274.
[637] Berthelot, Collect. II. 276.
[638] Eine ihm zugeschriebene Abhandlung führt den Titel: »Der alexandrinische Philosoph über Zosimos, Hermes und die Philosophen.«
[639] In ähnlicher Weise wurden die 12 Edelsteine, die man unterschied, den 12 Tierkreisbildern zugeordnet. „Alle irdischen Dinge und alles irdische Geschehen waren in himmlischen Vorbildern vorgezeichnet“ (M. Berthelot, Die Chemie im Altertum u. Mittelalter. Deutsch von Kalliwoda u. Strunz. 1909. XV). Nach E. v. Lippmann sind einige der von Berthelot stammenden Angaben einseitig und unzuverlässig. Siehe v. Lippmanns »Alchemie«.
[640] Die in syrischer Sprache überlieferten Lehren Demokrits sind in einigen in England befindlichen Manuskripten vorhanden. Näheres darüber siehe in E. v. Lippmanns Entstehung und Ausbreitung der Alchemie. Berlin 1919. S. 40 u. f.
[641] E. v. Lippmann, Alchemie. S. 31.
[642] Ausführlicher bei E. v. Lippmann, Alchemie. S. 32.
[643] Stockholmer Papyrus (Ausg. v. Lagercrantz). S. 4.

[644] Eine Drachme = 41/2 g.
[645] Eine genaue Analyse des Inhalts beider Papyri gibt E. v. Lippmann in seiner Alchemie auf S. 1–26. Nach Diels, Antike Technik S. 21, läuft die Vermehrung der Metalle nicht etwa

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nur auf Betrug, sondern ursprünglich auf die Vorstellung hinaus, daß das Metall sich ähnlich vermehren lassen müsse wie ein in die Erde gepflanztes Samenkorn.
[646] So sagt H. v. Mohl in einer 1863 gehaltenen Rede von den Alten: »Sie blieben in den Naturwissenschaften auf einer durchaus kindlichen Stufe und bieten ein Beispiel dafür, daß der höchste philosophische Scharfsinn unfähig ist, in den Naturwissenschaften etwas zu leisten, wenn er sich nicht auf die genaue Erforschung der Körper stützt.« Wie Mohl, so urteilten die meisten Naturforscher während des größten Teils des 19. Jahrhunderts. Erst in den letzten Jahrzehnten, nachdem der Sinn für die Geschichte der Wissenschaften bei ihren Vertretern lebendiger wurde, ist man anderer Ansicht geworden. Und der ganze Gang unserer bisherigen Betrachtung hat zur Genüge gezeigt, daß ein Urteil, wie dasjenige v. Mohls, in seiner Allgemeinheit wenigstens, nicht zutrifft.
[647] Lindner, Weltgeschichte. I. 34.
[648] Dieser richtete sich nur gegen die Heiden, nicht aber gegen Christen, Juden und Parsen (Bem. von E. Wiedemann).
[649] Lindner, Weltgeschichte seit der Völkerwanderung. I. 96.
[650] K. Lasswitz, Geschichte der Atomistik. Bd. I. S. 12.
[651] Tertullian, De praescr. haeretic. cap. 7.
[652] Bedeutende Fragmente dieser Schrift sind als Bestandteile der Werke von Eusebius auf uns gekommen (Ausgabe von Dindorf, Leipzig 1867. Bd. II. S. 321). Eine Übersetzung dieser Fragmente enthält: Georg Roch, Die Schrift des alexandrinischen Bischofs Dionysios des Großen „Über die Natur“. Leipzig 1882.
[653] So sagt Lasswitz in seiner trefflichen Darstellung der Atomistik im Mittelalter (K. Lasswitz, Gesch. d. Atomistik. Bd. I. S. 29).
[654] Nach v. Lippmann bestritten die Kirchenväter, daß die Sterne die Ereignisse bewirken. Daß letztere dagegen durch die Bewegungen der Gestirne angezeigt würden, hielt man wohl für möglich.
[655] Lindner, Weltgeschichte. Bd. I. S. 305.
[656] Erlassen auf der Kirchenversammlung zu Paris vom Jahre 1209. Siehe auch v. Humboldts Kosmos II. S. 31, sowie die bezügliche Anmerkung.
[657] Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. Bd. I. S. 82.
[658] Variarum (epistolarum) libri XII.
[659] De artibus ac disciplinis liberalium literarum.
[660] Siehe den Abschnitt über die Quellen des Plinius, S. 222 dies. Bds.
[661] De consolatione philosophiae. Herausgeg. von Peiper 1871.
[662] Cassiodorus, Varia I. 45.
[663] Boëthius, Fünf Bücher über Musik. Deutsch von Oscar Paul, Leipzig 1880.
[664] Siehe an späterer Stelle dieses Bandes.
[665] Ich verdanke darüber Herrn Prof. E. Wiedemann folgende Bemerkung: Es scheint, als ob ein Ereignis, das sich in Persien abgespielt hat, auf Ägypten übertragen wurde. Ibn Khaldun, ein arabischer Historiker, bemerkt: Wir wissen, daß die Mohammedaner bei der Eroberung Persiens eine Unzahl von Büchern vorfanden und daß ihr Feldherr Saad Ibn Abi

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Waggâs fragte den Kalifen Omar, ob diese Bücher zusammen mit der Beute unter die Gläubigen verteilt werden sollten. Omar antwortete: „Werft sie ins Wasser. Enthalten sie etwas, was zur Wahrheit führt, so haben wir von Gott, was uns noch besser dorthin leitet. Enthalten sie aber Falsches, so sind wir derselben ledig.“ Aufgrund dieses Befehls wurden die Bücher durch Wasser oder Feuer zerstört.
[666] Genaueres über das wechselnde Schicksal der in Alexandria aufbewahrten Bücherschätze siehe bei Ritschl, S. 188, Anm. 1.
[667] Wüstenfeld, Die Akademien der Araber und ihre Lehrer. Göttingen 1837.
[668] S. 304.
[669] Die Nestorianer waren um 450 aus dem byzantinischen Reich vertrieben worden. Durch sie wurden die Araber mit den syrischen Übersetzungen astrologischer und alchemistischer Schriften bekannt. Eine eigenständige alchemistische Literatur als Fortsetzung der griechischen und syrischen schufen die Araber wohl erst während der Herrschaft der Abbasiden (750–1258).
Man kann wohl mit E. v. Lippmann (Alchemie S. 357) annehmen, daß die Araber, sobald sie auf das Treiben der Goldmacher aufmerksam wurden, sich der Alchemie nicht aus wissenschaftlichem Interesse zuwandten, sondern weil sie durch die Aussicht auf Gewinn dazu verlockt wurden.
[670] M. Berthelot, Die Chemie im Altertum und im Mittelalter. Herausgegeben von E. Kalliwoda und F. Strunz. Leipzig und Wien 1909. Berthelots Buch ist nach E. v. Lippmann teilweise wenig zuverlässig.
[671] Siehe v. Lippmann, Über das Feuerbuch des Marcus Graecus in der „Alchemie“. 1919. S. 477 u. f.
[672] Das Manuskript befindet sich im Britischen Museum. Näheres siehe in v. Lippmanns „Alchemie“.
[673] Sie befindet sich in Cambridge. Siehe Berthelot a. a. O. S. 43.
[674] Nestorios war in Syrien geboren. Er war ein Anhänger des Anastasios, dessen Lehre für Ketzerei erklärt wurde.
[675] Unter diesen ist die Schule zu Nisibis zu nennen und die Akademie von Dschondisabur, die bereits im 6. Jahrhundert in hohem Blüte stand.
[676] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 107.
[677] Heller, Geschichte der Physik. 1882. Bd. I. S. 160.
[678] Über die Zeiteinteilung und den Uhrenbau der Araber haben E. Wiedemann und F. Hauser eine sehr ausführliche Darstellung gegeben: Über die Uhren im Bereich der islamischen Kultur. E. Harras, Halle 1915. 272 S. – Nach Wiedemann und Hauser ist Einhard’s Erzählung nicht ganz zutreffend.
[679] S. Günther, Studien zur Geschichte der mathematischen und physikalischen Geographie. 1877. S. 59.
[680] Peschel, Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 122.
[681] E. Wiedemann, Bestimmungen des Erdumfanges von Al Beruni (Archiv für Geschichte der Naturwiss. u. der Technik). I. Bd. (1908). S. 66.
[682] E. Wiedemann a. a. O. S. 69.

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[683] Abul Wafa (940–998). Siehe v. Braunmühl, Vorlesungen über Geschichte der Trigonometrie. S. 55.
[684] Repsold, Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge. Leipzig 1908. S. 11.
[685] Sédillot, Mémoire sur les instrumens astronomiques des Arabes. Paris 1841.
[686] C. Brockelmann, Geschichte der arabischen Literatur. 1898/1902. Bd. I. S. 222.
[687] C. Brockelmann, Bd. I. S. 220.
[688] C. Brockelmann, Gesch. d. arabischen Literatur. Bd. I (1898). S. 215.
[689] Klaproth, Sur l’invention de la Boussole. 1834.
Jüngere Untersuchungen datieren die chinesischen Angaben über den Kompass auf das 4. Jahrhundert v. Chr. zurück. Siehe E. Gerland, Der Kompass bei den Arabern und im christlichen Mittelalter. Die Chinesen benutzten den Kompass zunächst bei Landreisen; auf Seereisen wurde er wohl erst vor dem 3. Jahrhundert n. Chr. verwendet.
[690] Heller, Geschichte der Physik. Bd. I. S. 210.
[691] La Bible von Guyot de Provins.
[692] Von Alexander Neckam. Der entsprechende Abschnitt lautet: „Nautae enim mare legentes, cum beneficium claritatis solis in tempore nubilo non sentiunt, aut etiam cum caligine nocturnarum tenebrarum mundus obvolvitur, et ignorant in quem mundi cardinem prova tendat, acum super magnetem ponunt, quae circulariter circumvolvitur usque dum ejus motu cessante cuspis ipsius septentrionalem plagam respiciat.“ Siehe Hellmann, Die Anfänge der magnetischen Beobachtungen. Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Bd. 32. Berlin 1907. In der Übersetzung lautet der Abschnitt: „Wenn die Seeleute bei nebligem Wetter die Sonne nicht sehen oder bei Nacht nicht wissen, in welche Richtung das Schiff sich bewegt, so bringen sie eine Nadel über einen Magneten. Diese dreht sich so lange, bis ihre Spitze, nachdem die Nadel zur Ruhe gekommen ist, nach Norden zeigt.“
[693] A. Breusing, Flavio Gioja und der Schiffskompass. In der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. Bd. IV. 1869.
[694] Siehe E. Wiedemann, Zur Geschichte des Kompasses bei den Arabern. Verhandlungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zu Berlin. 1907. Bd. 9. S. 764–773. Wiedemann zitiert dort unter anderem einen Text aus dem Jahr 1232, aus dem hervorgeht, dass man dem Eisen durch Reiben mit dem Magnetstein die Eigenschaft verlieh, sich in Nord-Süd-Richtung auszurichten.
[695] Nach der Übersetzung von E. Wiedemann.
[696] Über die Verbesserungen, die der Kompass in jüngerer Zeit erhielt, wird an einer späteren Stelle gesprochen.
[697] Das Manuskript befindet sich in Paris.
[698] Marcus Graecus, Liber ignium. Berthelot, Chimie au moyen âge. Bd. I. S. 108.
[699] Weitere Informationen dazu finden sich bei Diels, Antike Technik. S. 97 ff. Die oben nach Diels, der wiederum Berthelot folgte, gegebene Darstellung wird von E. v. Lippmann in Frage gestellt (siehe dessen Abhandlungen und Vorträge, Bd. I). Nach v. Lippmann wurde Marcus Graecus’ Schrift erst um 1250 verfasst. Siehe auch die neuesten Arbeiten von Ruska zu diesem Thema. Weitere Informationen finden sich im Anhang dieses Bandes sowie in v. Lippmanns „Alchemie“, S. 477 ff.

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[700] So pflegte Ibn al Haitam (Alhazen) in jedem Jahre den Euklid und den Almagest abzuschreiben, um von dem Erlös zu leben. Siehe E. Wiedemann, Ibn al Haitam, ein arabischer Gelehrter. Leipzig 1906. S. 152.
[701] Die Übersetzung wurde 1857 in der Bibliothek zu Cambridge entdeckt und bildet das I. Heft der von dem Fürsten Boncompagni herausgegebenen Trattati d’aritmetica.
[702] Trattati d’aritmetica I. 8.
[703] Alfarabi verfasste eine enzyklopädische Darstellung der Wissenschaften, die arabisch und in lateinischen Übersetzungen erhalten ist (De scientiis). Näheres enthält die Abhandlung von E. Wiedemann, Beiträge zur Geschichte der Naturwissenschaften. XI. Erlangen 1907. (Sitzungsberichte der physikalisch-medizinischen Sozietät in Erlangen. 39. Bd.)
[704] Dieser erschien, ins Lateinische übersetzt, im Druck erst in Venedig im Jahre 1493.
[705] E. Renan, Averroes et l’Averroisme. Paris 1852.
[706] Reliqua librorum Friderici II. imperatoris de arte venandi cum avibus. Ed. J. G. Schneider. T. I. II. Lipsiae 1788/89. Siehe auch Carus, Geschichte der Zoologie. München 1872. S. 206, und Burkhardt, Geschichte der Zoologie. Leipzig 1907. S. 45.
[707] Opticae thesaurus Alhazeni Arabis libri VII, nunc primum editi a Frederico Risnero. Basileae 1572. Vergleiche auch Schnaase, Die Optik Alhazens. Programm des Friedrichs-Gymnasiums zu Stargard. 1889. Alhazens vollständiger Name lautet Abû Alî Muhammed ben el Hasan ibn el Haitam el Basri. Eine arabische, mit Abbildungen versehene Handschrift seines Werkes wird in Leyden aufbewahrt. Risners Übersetzung ist eine gekürzte, indes getreue Wiedergabe des Originals. Über eine spätere arabische Bearbeitung von Alhazens Optik hat E. Wiedemann ausführlich berichtet. Siehe das Archiv f. d. Geschichte d. Naturwiss. u. d. Technik. 1912. S. 1–53.
[708] Diese Ansicht begründet er fälschlich damit, daß die Zerstörung der Linse eine Vernichtung der Sehkraft zur Folge habe, während die Verletzungen anderer Teile des Auges seiner Meinung nach eine solche Wirkung nicht hervorbringen.
[709] Im 3. Buche seiner Optik.
[710] Siehe auch Schnaases „Alhazen“ in den Schriften der Danziger Gesellschaft. N. Folge. Bd. VII. S. 140.

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[711] Optic. Thes. VII. 48.
[712] In einem Anhang zum Optic. Thesaur.
[713] Alhazen nahm den Erdumfang gleich 4800 (statt 5400) Meilen an.
[714] Zeitschr. d. morgenl. Gesellsch. 1882. Baarmann, „Über das Licht“ von Ibn al Haitam.
[715] Optic. Thesaur. VII. 48. Siehe auch Schnaase, „Alhazen“, in den Schriften der Danziger Natf. Gesellschaft. N. Folge. Bd. VII. S. 140.
[716] Montucla z. B.
[717] Besonders durch Schnaase und E. Wiedemann.
[718] Die Tabelle findet sich bei Al Khazini, der im Jahre 1137 ein die „Wage der Weisheit“ betiteltes Buch verfasste. Siehe Wiedemanns Annalen. Bd. 20. S. 539.
[719] Näheres siehe Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Leipzig, Wilh. Engelmann. 1899. S. 71 u. f.
[720] E. Wiedemann, Über das Experiment im Altertum und Mittelalter (Vortrag).
[721] Starb 1274.
[722] Summa theologiae. Venet. 1593. T. XI. p. 407.
[723] In der Bibliothek zu Lucca. Siehe Berthelot a. a. O. S. 28.
[724] E. v. Lippmann, Alchemie. S. 405.
[725] Eine Übersetzung erschien in den „Historischen Studien“, Jahrg. 1893. Einen Auszug brachte E. v. Lippmann unter der Überschrift „Chemie vor tausend Jahren“ in der Zeitschrift f. angewandte Chemie. 1901. H. 26; siehe auch dessen Abhandlungen und Vorträge.
[726] Näheres siehe bei E. v. Lippmann, Abhandlungen und Vorträge zur Geschichte der Naturwissenschaften. Leipzig 1906. S. 139.
[727] E. v. Lippmann a. a. O. S. 132.
[728] Nach E. v. Lippmann (a. a. O. S. 263) in der Zeit zwischen 300 und 600 n. Chr. Geb.
[729] Über die Ergebnisse der neuesten Untersuchungen, die v. Lippmann hierüber angestellt hat, siehe den Anhang dieses Bandes.
[730] Deutsche Ausgaben erschienen 1710 in Erfurt und 1751 in Wien. Eine Aufzählung der Schriften Gebers siehe bei Wüstenfeld, Geschichte der arabischen Ärzte und Naturforscher. 1840. S. 12 u. 13.
[731] Siehe auch E. v. Lippmann in der Zeitschrift f. angewandte Chemie. 1901. H. 26.
[732] Berthelot a. a. O. S. 61.
[733] Die wichtigsten sind die „Summa perfectionis magisterii“, die Schrift „de inventione veritatis“ und die „Alchimia Geberi“. In der letzteren wird die Zubereitung der Salpetersäure und des Königswassers beschrieben. Nach Berthelot ist es unrichtig, wenn man annimmt, die genaue Kenntnis unserer Mineralien- und Salzsäuren sei auf die arabischen Autoren des 12. und 13. Jahrhunderts zurückzuführen. Vielmehr wurden die „komplizierten und umständlichen Darstellungsmethoden von damals erst im lateinischen Abendland im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts entwirrt“.

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Die Ergebnisse der Forschungen Berthelots erscheinen in neuester Zeit durch die von E. v. Lippmann in seiner „Alchemie“ über Geber veröffentlichten Untersuchungen in mancher Hinsicht anfechtbar. Siehe den Anhang des vorliegenden Bandes.
[734] Siehe auch die Abhandlung von E. Wiedemann, Über chemische Apparate bei den Arabern; erschienen in Diergart, Beiträge aus der Geschichte der Chemie.
[735] H. Kopp, Geschichte der Chemie. Bd. I. S. 53.
[736] Na2CO3 + Ca(OH)2 = 2 NaOH + CaCO3.
[737]
6 KOH + 12 S = K2S2O3 + 2 K2S5 + 3 H2O
K2S2O3 + 2 HCl = 2 KCl + SO2 + S + H2O
K2S5 + 2 HCl = 2 KCl + H2S + 4 S.
[738] In den echten Schriften Gebers ist nach Berthelot diese Theorie noch nirgends erwähnt (a. a. O. S. 65).
[739] Die Kenntnis des metallischen Zinks lässt sich nicht weiter als bis gegen den Ausgang des Mittelalters zurückverfolgen. Nach E. v. Lippmann (siehe dessen „Alchemie“) ist das metallische Zink sogar erst in der Neuzeit bekannt geworden. Die Legierung von Kupfer und Zink, das Messing, war dagegen schon zur römischen Kaiserzeit bekannt. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwissensch. 1903. S. 150 u. 174.
[740] Zur Erläuterung diene folgende von Berthelot (a. a. O. S. 66) wiedergegebene Stelle:
„Das Kupfer wird von einem trüben und dicken Quecksilber und einem trüben und roten Schwefel erzeugt. – Das Zinn wird von einem klaren Quecksilber, das kurze Zeit mit einem weißen und klaren Schwefel gekocht wird, erzeugt. Wenn die Kochung von langer Dauer ist, gewinnt man Silber usw. Diese Erzeugung der Metalle wird im Schoß der Erde allerdings in dem langen Zeitraum von hundert Jahren vollendet, aber die Kunst kann die Vollendung abkürzen. Sie wird also in einigen Stunden oder in einigen Minuten in Erfüllung gehen.“
[741] E. v. Lippmann, Alchemie. 1919. S. 487. Ferner Stillmann und Sudhoff.
[742] Eine unvollendet gebliebene Übersetzung wurde nach der Wüstenfeldschen Textausgabe von H. Ethé im Jahre 1868 herausgegeben. Den Abschnitt, der von den Steinen handelt, hat (1895) J. Ruska übersetzt und erläutert. Er wurde hier zugrunde gelegt.
[743] Siehe über den „Physiologus“ an späterer Stelle.
[744] Siehe Carus, Geschichte der Zoologie. S. 173.
[745] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 263.
[746] Ins Englische übersetzt von S. Lee. London 1829.
Ins Französische von Defremerie u. Sanguinetti. Paris 1854. Neue Aufl. ebd. 1913.
[747] Näheres enthält: Berendes, Das Apothekenwesen, seine Entstehung und geschichtliche Entwicklung. Stuttgart 1907. S. 61.
[748] Siehe Hirschberg, Über das älteste arabische Lehrbuch der Augenheilkunde (Berichte der Berliner Akademie der Wissenschaften. 1903).
Ferner J. Hirschberg, Geschichte der Augenheilkunde. Zweites Buch. 1. Abteil. Geschichte der Augenheilkunde bei den Arabern. Leipzig, W. Engelmann. 1905.
[749] C. Brockelmann, Gesch. d. arab. Literatur. Bd. II (1902). S. 3.

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[750] C. Brockelmann, a. a. O., Bd. II, S. 6.
[751] F. Boll im Reallexikon der germanischen Altertumskunde von Hoops (1911–1918) unter „Astronomie“.
[752] Hoops, Reallexikon des germanischen Altertums.
[753] Er wurde 754 in Friesland erschlagen und in Fulda beigesetzt.
[754] De Universo libri. XXII.
[755] L. Geisenheyner, Über die Physika der heiligen Hildegard und die in ihr enthaltene älteste Naturgeschichte des Nahegaues. Berichte über die Versammlungen des Botan. und des Zoolog. Vereins f. Rheinland-Westfalen. 1911. Bonn. Vgl. auch die Veröffentlichungen von Ch. Singer, Oxford (siehe Mitteil. z. Gesch. d. Med. 1919, S. 338).
[756] Tropfke, Geschichte der Elementarmathematik, Bd. I, S. 13.
[757] Vgl. H. Würschmidt, Archiv f. Gesch. d. Mathem., 1913.
[758] Durch den englischen Mönch Atelhart um 1120.
[759] Auch Fibonacci oder Bonacci genannt. Fibonacci bedeutet Sohn Bonaccis (filius Bonacci).
[760] Cantor, Bd. II, S. 3.
[761] Eine ausführliche Inhaltsangabe des Liber abaci gibt Cantor in seiner Geschichte der Mathematik, Bd. II, S. 7–32.
[762] Am bekanntesten ist die Ausgabe von F. Risner, Basel 1572.
[763] Ad Vitellonem Paralipomena, quibus astronomiae pars optica traditur, Francof. 1604.
[764] So auch von Cantor in seiner großen Geschichte der Mathematik.
[765] Die Reisen des Venezianers Marco Polo im 13. Jahrhundert. Zum ersten Mal vollständig nach den besten Ausgaben deutsch mit einem Kommentar, von Aug. Bürck, Leipzig 1845.
[766] Reste und Eier riesiger, ausgestorbener Vögel sind bekanntlich später in Madagaskar gefunden worden (Äpyornis). Ein Auszug über die zoologischen Angaben Marco Polos findet sich in Carus, Geschichte der Zoologie, München 1872, S. 197 ff. Unter dem Titel „Chemisches bei Marco Polo“ hat E. v. Lippmann eine Abhandlung in der Zeitschrift für angewandte Chemie veröffentlicht, 1908, 34. Heft.
[767] Die Gründung der Städte bedeutet eine der fruchtbarsten Errungenschaften des Mittelalters. Dadurch erfolgte eine Loslösung der Arbeit von der Scholle. Vor der Entwicklung der Städtefreiheiten besaß im Mittelalter niemand Rechte und ausgiebige Lebensquellen, der nicht mit der Scholle verbunden war. Siehe Grupp im 2. Bande seiner Kulturgeschichte des Mittelalters.
[768] Der älteste bekannt gewordene Geldwechsel stammt aus dem Jahre 1207. Siehe Grupp, Kulturgeschichte des Mittelalters, 1894, Bd. II, S. 56. Im Orient waren Wechsel, Geldanweisungen und Abrechnungsanstalten weit älter.
[769] Beide gehören der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts an.
[770] Diese Lehre war aber nicht allgemein angenommen. (Anmerkung von Würschmidt.)

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[771] M. Maywald, Die Lehre von der zwiefachen Wahrheit, ein Beitrag zur Geschichte der scholastischen Philosophie. Berlin 1861. Siehe auch J. Tyndall, Religion und Wissenschaft, sowie Langes Geschichte des Materialismus.
[772] Jourdain, Geschichte der aristotelischen Schriften im Mittelalter, übersetzt von Ad. Stahr. Halle 1831.
[773] Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S.
[774] In Lauingen. Als Geburtsjahr ist neuerdings mit großer Wahrscheinlichkeit das Jahr 1207 nachgewiesen (Enders im Histor. Jahrbuch der Görresgesellschaft. 1910. S. 293).
[775] Siehe auch Peters, Der griechische Physiologus und seine orientalischen Übersetzungen. Berlin 1898. Das genannte Werk enthält auch eine Geschichte der merkwürdigen Schrift.
[776] M. Goldstaub, Der Physiologus und seine Weiterbildung, besonders in der lateinischen und byzantinischen Literatur. Philologus, 1901. Supplementband 8, 3.
[777] H. Stadler, Neue Jahrbücher f. d. klass. Altertum. 1911. S. 86.
[778] Carus, Geschichte der Zoologie. S. 231.
[779] Eingehender wird Albertus Magnus gewürdigt in E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 9–84. Vgl. auch Fellner, Albertus Magnus als Botaniker. Wien 1881. Eine kritische Ausgabe der botanischen Schriften rührt von E. Meyer und K. Jessen her: Alberti Magni de vegetabilibus libri VII. Berlin 1867.
[780] H. Stadler, Albertus Magnus als selbständiger Naturforscher (Forschungen zur Geschichte Bayerns. Bd. 14. S. 95–114).
[781] H. Stadler a. a. O.
[782] Des Nikolaos Damaskenos.
[783] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 40. Anzuerkennen waren jedoch die Verdienste der Araber um die Botanik. (Bem. von E. Wiedemann.)
[784] E. Meyer, Geschichte der Botanik.
[785] Auch nach Warburg (Berichte der Deutschen botan. Gesellschaft. 1901. S. 153) hat das Mittelalter weder für die wissenschaftliche, noch für die angewandte Botanik neue Bahnen eröffnet, wenn auch die Araber auf dem Gebiet der Heilmittellehre einige neue Tatsachen entdeckten.
[786] Nach H. Stadler, Albertus Magnus von Cöln als Naturforscher und das Kölner Autogramm seiner Tiergeschichte. Leipzig 1908. Nach der Kölner Handschrift, welche nach Stadler von den vorhandenen Handschriften die beste ist, hat der Genannte eine Ausgabe der Tiergeschichte des Albertus Magnus herausgegeben: Albertus Magnus, De animalibus libri XXVI. Nach der Cölner Urschrift. Erster Band, Buch I–XII enthaltend. Münster i. W., Aschendorff. 1916.
[787] Die Albertus Magnus zugeschriebenen, eigentlich alchemistischen Werke sind nach E. v. Lippmann als Fälschungen zu betrachten.
[788] Kopp, Beiträge z. Geschichte der Chemie. 3, 64 u. f.
[789] Das Geburtsjahr ist nicht festgelegt. Die Angaben schwanken zwischen 1210 und 1214; meist wird jedoch 1214 angenommen. (Feier in Oxford 1914. Vgl. „Die Roger Bacon-“)

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Gedenkschrift.)
[790] Sebastian Vogl, Die Physik Roger Bacons. Inaug.-Dissertation. Erlangen 1906.
[791] Von Peregrinus ist noch eine Schrift über den Magneten erhalten. Peregrinus unterschied die Pole des Magneten und wies die Anziehung der ungleichnamigen Pole nach.
[792] Gerbert war in Frankreich geboren. Er besuchte die arabischen Hochschulen in Sevilla und Cordova und wurde im Jahre 999 zum Papst gewählt; als solcher führte er den Namen Sylvester II.
[793] Vogl a. a. O.
[794] Epistola de secretis artis et naturae operibus atque nullitate magiae. 1260. Eine Ausgabe dieser Schrift erschien im Jahre 1542 in Paris. Ausführlich über Bacon handelt Siebert, Roger Bacon, sein Leben und seine Philosophie. Marburg 1861.
[795] Bacon, Opus tert. cap. 43. Siehe auch K. Werner, Die Kosmologie und allgemeine Naturlehre des Roger Baco. Wien 1879.
[796] Opus majus cap. 1.
[797] Opus majus cap. 13.
[798] Vogl, Die Physik Roger Bacons.
[799] Bacon erklärt die Förderung des geistigen und materiellen Wohlseins als Zweck sämtlicher Wissenschaften. Doch gibt es nach Bacon ein noch höheres Ziel, das er in dem Wort ausspricht: „Humana nihil valent nisi applicentur ad divina“ (Opus majus S. 108).
[800] Döring, Die beiden Bacon (Archiv für Geschichte der Philosophie. 1904. S. 341).
[801] Clemens IV.
[802] Eine Neuausgabe veranstaltete J. H. Bridges. London 1897–1909. 3 Bände. Das Werk enthält den lateinischen Text und eine ausführliche Analyse jedes Kapitels in englischer Sprache, ferner eine Einleitung über das Leben und die Bedeutung Bacons. Eine ältere unzuverlässige Ausgabe wurde von Jebb (London 1733) herausgegeben. Zur Feier des 700. Geburtstags Bacons erschien 1914 ein Erinnerungsband, der Abhandlungen über Bacons wissenschaftliche Tätigkeit und Bedeutung enthält (Oxford, Clarendon Press, 1914). Genannt seien: F. Picavet (Paris), La place de Roger Bacon parmi les philosophes du XIIIe siècle. – E. Smith (New York), The place of R. Bacon in the history of mathematics. – E. Wiedemann (Erlangen), R. Bacon und seine Verdienste um die Optik. – Pierre Duhem (Bordeaux), Roger Bacon et l’horreur du vide. – Pattison Muir (Cambridge), Roger Bacon, his relations to alchemy and chemistry.
[803] „Visio non completur in oculis, sed in nervo“ heißt es bei ihm (Opus majus V cap. 2).
[804] Die Brennkugel erwähnen schon Aristoteles und Plinius.
[805] J. Würschmidt, Roger Bacons Art des wissenschaftlichen Arbeitens, dargestellt nach seiner Schrift „De speculis“ (Roger Bacon Commemoration Essays IX).
[806] Sine experientia nihil sufficienter sciri potest.
[807] Opus majus IV cap. 3.
[808] Ein Wort, das lebhaft an Kants späteren, oft zitierten Ausspruch erinnert.

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[809] De secretis operibus artis et naturae, Kap. 4.
[810] Als Erfinder wird ein Salvino degli Armati in Florenz genannt. Nach anderer Angabe gilt Alexander de Spina als Erfinder der Brillen. Beide Angaben sind falsch. Sicher ist jedoch, dass die ersten Brillen in Italien hergestellt wurden – und zwar gegen Ende des 13. Jahrhunderts (Wilde, Optik. Bd. I. S. 96). Dass der geschliffene Smaragd, mit dem Nero die Zirkusvorstellungen betrachtete, ein Spiegel war, hat bereits Lessing nachweisen wollen: Lessing, Antiquarische Briefe. 45. Die Erzählung findet sich bei Plinius (Nat. Hist. XXXVII. S. 84. Sillig).
[811] Sie gelten heutzutage als nicht echt (E. v. Lippmann).
[812] Laut einer Untersuchung von H. W. L. Hime (R. B. Essays, Oxford 1914) stellte er wohl zufällig aus Salpeter, Schießpulver und Schwefel eine explosive Mischung her und beobachtete deren Explosion. Die Zusammensetzung der Mischung gab er anagrammatisch an – vermutlich, um das Geheimnis nicht allgemein zugänglich zu machen und Schwierigkeiten mit der kürzlich gegründeten Inquisition wegen dieser gefährlichen Kunst zu vermeiden. (J. Würschmidt, Mon.-Hefte f. d. nat. Unterr. 1915, 264.)
[813] Laut E. v. Lippmann ist dies jedoch nicht zutreffend.
[814] Die Feuerwaffe wurde sehr wahrscheinlich in Deutschland erfunden. Ihr Erfinder ist unbekannt. Sicher ist nur, dass sich diese neue Erfindung im 14. Jahrhundert schnell in ganz Europa bis nach Asien verbreitete. Ariost kritisiert in „Orlando furioso“ diese „verderbte, dumme Teufelskunst“ und sagt dazu: „Durch dich ging jeder Ruhm der Waffen verloren – die Ritterehre wurde zu einem nutzlosen Trug!“

[815] Das Buch war eine der Enzyklopädien des Mittelalters. Es entstand im Anfang des 15. Jahrhunderts. Columbus wurde dadurch mit der Ansicht des Aristoteles und des Strabon bekannt, daß die Ostküste Asiens durch eine Fahrt nach Westen zu erreichen sein müsse.
[816] Tschackert, Peter von Ailly. Gotha 1877. S. 335.
[817] Siehe K. Werner, Die Kosmologie und allgemeine Naturlehre des Roger Baco. Wien 1879.
[818] „Seit die Inquisition ihre Ketzerverfolgungen anfing und seit fanatische Pfaffenwut alle selbständigen Gedanken auszurotten trachtete, fielen vier Jahrhunderte lang zahlreiche Schlachtopfer in ganz Europa.“ M. Carrierre, Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit. Stuttg. 1847. S. 87.
[819] Näheres über Pico von Mirandola siehe bei M. Carrierre, Die philosophische Weltanschauung der Reformationszeit. 1847.
[820] Es wurde 1862 nach den Handschriften von Fr. Pfeiffer veröffentlicht. Die neueste auszugsweise Bearbeitung rührt von H. Schulz her: Conrad von Megenberg, Das Buch der Natur. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache. In neuhochdeutscher Sprache bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von H. Schulz. Greifswald 1897.
[821] Es sind noch zahlreiche Handschriften vorhanden, so in Breslau, Wolfenbüttel, Gotha, Paris, London usw. Siehe Carus, Geschichte der Zoologie. S. 214. Über das Verhältnis Konrads von Megenbergs zu Thomas schreibt H. Stadler bei der Besprechung der ersten Auflage dieses Werkes in den Neuen Jahrbüchern f. d. klass. Altert. 1911. S. 86: „Es ist natürlich bei Konrad von Megenberg nicht an eine direkte Benutzung“

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man sollte nicht an Aristoteles, Galen, Plinius oder gar Theophrast denken, den kein mittelalterlicher Autor wirklich kennt, sondern alle diese Autorzitate Megenbergs stammen von Thomas von Cantimpré. Neben den vollständigen Handschriften (in Paris und München) dieses Autors existieren auch gekürzte Fassungen. „Eine Handschrift dieser gekürzten Form übersetzte Konrad und fügte gelegentlich eine naive Kritik, eine erweiterte Moralisation sowie einige wenige sachliche Anmerkungen hinzu.“
[822] Dass das Werk eine große Verbreitung fand, beweisen die zahlreichen Handschriften, die sich noch heute insbesondere in Süddeutschland finden. Zudem erschien es bis 1500 sechsmal in Druckform. Megenbergs „Buch der Natur“ ist eine Übersetzung von Thomas von Cantimpré und darf daher nicht als eigenständiges Werk angesehen werden (H. Stadler, Albertus Magnus, Thomas von Cantimpré und Vinzenz von Beauvais, Natur und Kultur. 1906. S. 86–90).
[823] Siehe Ausgabe von Schulz, Vorrede. VI.
[824] J. Burkhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien. Derselbe, Geschichte der Renaissance in Italien.
[825] Giorgio Vasari, Vite di più eccellente pittori, scultori ed architetti. Florenz 1550. Dasselbe auf Deutsch 1832–1849. 6 Bände.
[826] W. Goetz, Mittelalter und Renaissance. Historische Zeitschrift. Bd. 98 (1907). S. 30.
[827] W. Goetz a. a. O. S. 50.
[828] G. Voigt im Vorwort zu seinem Werk: Die Wiederbelebung des klassischen Altertums. Berlin 1859.
[829] Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. I. S. 174 u. f.
[830] Siehe auch Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. Bd. II. S. 173.
[831] G. Voigt, Die Wiederbelebung des klassischen Altertums. Berlin 1859.
[832] G. Voigt nach Benvenuti Insolensis Comment. in Dantes Comoed.
[833] Auch unter dem Namen Enea Silvio bekannt.
[834] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 277.
[835] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 291.
[836] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 314.
[837] Lange, Geschichte des Materialismus. Bd. I. S. 189.
[838] J. Ranke, Die Geschichte des Zeitalters d. Reformation. Bd. IV. S. 4.
[839] A. Harnack, Geschichte d. Akademie d. Wissensch. zu Berlin. S. 3.
[840] A. Harnack a. a. O. S. 3.
[841] Das „Lob der Narrheit“ (Encomium moriae) fand in Holbein einen Illustrator, der seiner Bedeutung gerecht wurde.
[842] Ranke a. a. O. S. 178.
[843] Das Wort, mit dem Hutten seinen Gedankenbrief an den Humanisten Pirkheimer abschloss.
[844] Peschel, Geschichte der Erdkunde. 1877. S. 386.
[845] Auf dem Konzil zu Basel im Jahre 1437.

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[846] Das Original der ersten gedruckten Karte von Deutschland befindet sich im Germanischen Museum in Nürnberg. Die Karte (1491) stammt von Nicolaus von Cusa. Die erste in Holz geschnittene Karte (Weltkarte) datiert aus dem Jahr 1475.
[847] De docta ignorantia. II. 1 u. 2.
[848] Nach diesem System wurde der Erde eine dreifache Bewegung zugeschrieben: die Bewegung um ihre eigene Achse, die Bewegung um zwei am Äquator liegende Pole sowie die Bewegung um den Weltpol.
[849] Über „Nicolaus von Cusa und seine Beziehungen zur mathematischen und physikalischen Geographie“ äußert sich Günther in den Jahrbüchern über die Fortschritte der Mathematik (Jahr 1899) mit den folgenden Worten: „Er zerstörte die Kristallsphären der Griechen, verkündete die Wesensgleichheit der Erde mit anderen Himmelskörpern, lehrte die Bewegung der Erde und entwarf als erster unter den Neuzeitlichen eine Landkarte in einem korrekten geometrischen Netz.“
[850] Max Jacobi, Das Weltgebäude des Kardinals Nicolaus von Cusa. Ein Beitrag zur Geschichte der Naturphilosophie und Kosmologie in der Frührenaissance. Berlin 1904.
[851] De staticis experimentis dialogus.
[852] Vasari.
[853] Lindner, Weltgeschichte. Bd. IV. S. 288.
[854] Er schuf den Kanal von Martesano, der den Tessin mit der Adda verbindet.
[855] Libri, Histoire des sciences mathématiques en Italie. T. III. Dühring, Kritische Geschichte der allgemeinen Prinzipien der Mechanik. Berlin 1873. S. 12 ff.
[856] Vgl. H. Grothe, Leonardo da Vinci als Ingenieur und Philosoph. Berlin 1874.
[857] H. Wieleitner, Das Gesetz vom freien Fall in der Scholastik, bei Descartes und Galilei. Mitteilungen zur Gesch. d. Medizin u. d. Naturwiss. Nr. 58. S. 488.
[858] Siehe auch Fritz Schuster, Zur Mechanik Leonardo da Vincis (Hebelgesetz, Rolle, Tragfähigkeit von Ständern und Trägern). In-Diss. Erlangen 1915. 153 Seiten.
[859] Siehe auch E. v. Lippmann in der Zeitschrift f. Naturwissensch. 72. Bd. S. 291. Siehe auch dessen Abhandlungen und Vorträge.
[860] Eine Zusammenstellung der wichtigsten Sätze aus dem großen, von der französischen Akademie herausgegebenen Manuskriptenwerk Leonardo da Vincis hat Marie Herzfeld unter dem Titel „Leonardo da Vinci, der Denker, Forscher und Poet“ herausgegeben. Jena 1906. Das Buch M. Herzfelds enthält 745 Notizen Leonardos, die nach bestimmten Kriterien geordnet sind: Über die Wissenschaft; Von der Natur, ihren Kräften und Gesetzen; Sonne, Mond und Erde; Menschen, Tiere und Pflanzen; Philosophische Gedanken; Aphorismen, Allegorien; Entwürfe zu Briefen; Allegorische Naturgeschichte; Fabeln; Schöne Schwänke; Prophezeiungen. Bei jeder Notiz wird auf die entsprechende Stelle im Manuskript hingewiesen.
[861] Auch gegen die alchemistischen Bestrebungen wendet sich Leonardo.
[862] Manuskript A. Fol. 22 v.
[863] Siehe F. M. Feldhaus, Leonardo, der Techniker u. Erfinder. E. Diederichs, Jena 1913. Mit 9 Tafeln und 131 Abbildungen im Text. S. 118.

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[864] L. Darmstädter, Handbuch zur Geschichte der Naturwissenschaften u. der Technik. Berlin 1908. S. 136. Dort wird das Jahr 1667 als das Jahr der Erfindung angegeben.
[865] Siehe F. M. Feldhaus, Leonardo, der Techniker und Erfinder.
[866] Durch Lenormand im Jahre 1783.
[867] E. v. Lippmann, da Vinci (Abhandl. u. Vortr. 1906. S. 346).
[868] Eingehender handelt von der „Anatomie des Lionardo da Vinci“ M. Roth im Archiv für Anatomie u. Physiologie. Jahrg. 1907. Anat. Abteil. Suppl.-Bd. S. 1–122.
[869] Mit den biologischen Kenntnissen und Anschauungen Lionardo da Vincis befaßt sich de Toni in seiner Schrift „La Biologia in Leonardo da Vinci“. Discorso letto nell’adunanza solenne del R. Istituto Veneto, il 24 maggio 1903. De Toni erblickt den Ausgang der zahllosen Studien Lionardos in der Künstlernatur, die sich in die Gegenstände vertieft, um sie der Realität entsprechend darzustellen. In Lionardos anatomischen Tafeln sind nach de Toni die Muskeln stellenweise so genau abgebildet, wie in den besten modernen Werken. Das gleiche Thema behandelt M. Holl in der Inaugurationsrede „Ein Biologe aus der Wende des 15. Jahrhunderts“. Graz 1905. Holl weist besonders auf die methodischen Grundsätze Lionardos hin und erwähnt als solche seine vergleichende Methode, die Anwendung des Experiments, die Bezugnahme auf die Funktionen des Organismus und die Altersveränderung der Organe usw.
[870] Im „Laokoon“ und in den „Briefen antiquarischen Inhalts“.
[871] Les manuscrits de Léonard de Vinci. Paris 1881.
[872] Manuskript F. Fol. 69.
[873] Manuskript CA. Fol. 190v.
[874] Gerland u. Traumüller, Abb. 100.
[875] Manuskript CA. Fol. 345v. in der Übersetzung von M. Herzfeld auf S. 42.
[876] Nach E. Wiedemann hat Lionardo da Vinci sehr viel von den Arabern übernommen und ist sein schriftlicher Nachlass zum großen Teil eine Sammlung von Notizen.
[877] Manuskript E. Fol. 55 v.
[878] Max Jacobi, Nicolaus von Cusa und Lionardo da Vinci, zwei Vorläufer des Nicolaus Coppernicus. Altpr. Monatsschr. Bd. 39. Heft 3 u. 4.
[879] Einen Vorläufer besaß Peurbach in Johann von Gmunden (1380 bis 1442), der vor Peurbach an der Wiener Hochschule lehrte und wohl als der Vater der deutschen Astronomie bezeichnet wurde. Nach E. v. Lippmann erhob die Universität Protest gegen diese erstmalige Einrichtung einer Professur für Mathematik. Dieser Protest wurde aber durch den einsichtigen Kaiser Maximilian I. abgelehnt.
[880] Alfons X. von Kastilien hatte um 1250 die ptolemäischen Planetentabellen durch neue Tabellen ersetzen lassen.
[881] Repsold, Zur Gesch. der astronomischen Meßwerkzeuge. W. Engelmann, Leipzig 1907. Abt. 7. – Vgl. hierzu Gerbert (J. Würschmidt, Archiv f. Gesch. d. Math. 1919), der ebenfalls das Quadratum geometr. verwendete. Er hatte es zweifellos von den Arabern übernommen.
[882] Die Anregung empfing Peurbach durch den großen Humanisten Bessarion (um 1500), durch dessen Vermittlung zahlreiche Werke aus Konstantinopel nach Italien gelangten.

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[883] Es handelt sich um einen kleinen Ort dieses Namens in Unterfranken.
[884] So berichtet Doppelmayr in seinem Werk „Historische Nachrichten“ von den Nürnberger Mathematicis und Künstlern. 1730. S. 22.
[885] Siehe Doppelmayr a. a. O.
[886] Ein mit Gradteilung und Dioptern versehener Ring, in dem sich eine drehbare, ebenfalls mit Dioptern versehene Scheibe befindet. Eine solche Vorrichtung wurde bereits von Hipparch zur Messung von Winkeln verwendet.
[887] Montucla, Histoire des mathémat. Paris. An VII. Tome I. p. 307.
[888] Repsold, Zur Gesch. der astronomischen Meßwerkzeuge. W. Engelmann, Leipzig 1907.
Als Erfinder des Jakobsstabs gilt der Astronom Levi ben Gerson. Er schuf damit (1325) ein praktisches Mittel für die Ortsbestimmung auf See.
[889] Breusing in der Zeitschrift für Erdkunde. Berlin 1868. Über Behaims Globus sowie andere Globen aus der Zeit der großen Entdeckungsreisen siehe: Matteo Fiorini, Erd- und Himmelsgloben, ihre Geschichte und Konstruktion; frei bearbeitet von S. Günther. Leipzig 1895. Kapitel V. Auch die Araber fertigten bereits Globen an, z. B. Edrisi im 12. Jahrhundert.
[890] Eine Abbildung enthält das Werk von Ghillany: „Geschichte des Seefahrers M. Behaim“. Nürnberg 1853.
[891] Plastische Darstellungen der Erde wurden übrigens bereits in der Antike angefertigt (siehe Peschels Gesch. d. Erdk. 1877. S. 51); die Araber stellten außerdem Himmelsgloben her.
[892] Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco) lebte von 1350 bis 1420. Er war ein hoher kirchlicher Würdenträger. In seinem Weltbuch (Imago mundi) findet sich die antike, von Roger Bacon wiederholte Ansicht, Asien erstrecke sich so weit nach Osten, dass seine Küste von Spanien aus in wenigen Tagen erreicht werden könne (Tschackert, Peter von Ailly. Gotha 1877. S. 335).
[893] Doppelmayr, Historische Nachrichten von den Nürnberger Mathematikern und Künstlern. 1730.
[894] E. F. Apelt, Die Reformation der Sternkunde von N. v. Cusa bis auf Kepler. Jena 1852. S. 58. Behaims Verdienst um die Entwicklung und Übermittlung der wissenschaftlichen Nautik wird heute geringer eingeschätzt. Siehe die Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d. Naturwiss. Nr. 60. S. 21.
[895] E. Meyer, Geschichte d. Botanik. Bd. IV. S. 255. Zoologische Gärten gab es bereits bei den Arabern (E. Wiedemann).
[896] Der Leydener Garten wurde 1577, der Heidelberger 1593 eingerichtet.
[897] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 273, neigt dazu, den Italiener Luca Ghini, der in Bologna lehrte, als den Erfinder der Herbarien anzusehen. In Leyden existiert noch ein Herbarium von Rauwolf, der 1573 in den Orient reiste. (Mitteilung von E. Wiedemann.)
[898] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 284.
[899] Archivische Unterlagen belegen, dass der Name Koppernigk lautete. Das Titelblatt des 1543 in Nürnberg gedruckten Werkes enthält zwar den Namen Copernicus – es handelt sich dabei jedoch offenbar um einen Fehler des Herausgebers (Rheticus). Die richtige Schreibweise wäre…

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Coppernicus oder Koppernikus lautet der Name. Siehe Max Jacobi, „Koppernikus oder Kopernikus“. Artikel in der „Täglichen Rundschau“ vom 14.8.1907.
[900] Apian lebte von 1495–1552. Er wurde von Kaiser Karl V. hoch geschätzt und fertigte für diesen eine Maschine an, durch deren Bewegung man den Lauf der Planeten darstellen konnte. Auch empfahl er dunkle Gläser zur Beobachtung der Sonne, in der Hoffnung, auf diese Weise den Vorübergang von Venus und Merkur sehen zu können. Auch der Vorschlag, die Monddistanzen zur Bestimmung der geografischen Länge zu nutzen, stammt von Apian (Cosmographia § 5).
[901] Anspielung auf das Horazische „nonumque prematur in annum“.
[902] „Dem Reformator“, sagt Schiaparelli (Die Vorläufer des Koppernikus im Altertum, S. 87), „der ein wesentlich neues Weltbild einführen wollte, konnte es nicht genügen, nur eine allgemeine Idee darzulegen; vielmehr lag es in seiner Pflicht, seine Idee bis zu demselben Grad der Vollendung auszuarbeiten, den Ptolemäus bereits erreicht hatte.“
[903] Nicolai Copernici Torinensis, De revolutionibus orbium coelestium, libri VI. Eine Übersetzung von C. L. Menzzer wurde 1879 vom Koppernikus-Verein zu Thorn veröffentlicht.
[904] Im Bestreben, die ungleichmäßig erscheinenden Bewegungen der Planeten auf gleichmäßige Bewegungen zurückzuführen, ging man davon aus, dass diese Himmelskörper Kreise beschrieben, deren Mittelpunkt sich gleichzeitig entlang der Peripherie eines zweiten Kreises bewegte; die so entstandenen Linien werden Epizyklen genannt.
[905] Siehe S. 180 ff. dieses Bandes.
[906] Schiaparelli, Die Vorläufer des Koppernikus im Altertum, übersetzt von M. Curtze.
[907] Die außerhalb des Saturns liegenden Planeten Uranus und Neptun wurden erst 1781 bzw. 1846 entdeckt.
[908] Die damit verbundene Schwierigkeit wurde erst von Bessel beseitigt, der nachwies, dass die Fixsterne tatsächlich infolge der jährlichen Bewegung der Erde ihren Ort – wenn auch in sehr geringem Maße – verändern.
[909] Das Werk galt lange Zeit als verschollen. Es wurde erst im 19. Jahrhundert wiederentdeckt und 1878 veröffentlicht. Weitere Informationen finden sich im von A. Kistner herausgegebenen Band 39 der Voigtländerschen Quellenbücher.
[910] Die Rotationsbewegung der Erde wurde durch Fallversuche sowie den Foucault’schen Pendelversuch nachgewiesen, während die Bewegung im Raum aus der Aberration und der Fixsternparallaxe abgeleitet wurde.
[911] Anstelle von 1 : 49 : 1300000.
[912] In seinem 1549 veröffentlichten Werk „Initia doctrinae physicae“ (Die Grundlagen der Naturwissenschaft), das sechs Jahre nach Koppernikus’ Tod erschien, beschuldigt Melanchthon Koppernikus, lediglich zur Befriedigung seiner Eitelkeit Irrlehren verbreitet zu haben, die bereits in der Antike als bloße Gedankenspiele erkannt worden waren (L. Prowe, Nicolaus Coppernicus. Band I, S. 232). In den späteren Ausgaben seiner „Naturwissenschaft“ schwächte Melanchthon zwar diesen Vorwurf ab, behielt aber seine ablehnende Haltung gegenüber der heliozentrischen Lehre bei. Melanchthon ließ sich von der Überzeugung leiten, dass auch in den Fragen der Naturwissenschaft die Bibel maßgeblich sei. Siehe die entsprechende Abhandlung.

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von E. Wohlwill: „Melanchthon und Copernicus“. Mitteil. z. Gesch. d. Med. u. d. Naturw. 1904. S. 260 u. f.
[913] Die kirchliche Behörde, der das Zensoramt oblag und die mißliebige Bücher auf den Index, d. h. das Verzeichnis der verbotenen Bücher setzte.
[914] Giordano Bruno wurde zu Nola im Jahre 1548 geboren. Er durchwanderte lehrend Europa, geriet jedoch mit den herrschenden kirchlichen Dogmen in Widerspruch und wurde, weil er nicht widerrufen wollte, 1600 von der Inquisition zu Rom den Flammen übergeben. Siehe Landsbeck, Bruno, der Märtyrer der neuen Weltanschauung. Leipzig 1890.
[915] De Immenso. L. III. c. 5.
[916] Wie klein erscheint Hegel dagegen, der aus spekulativen Gründen annahm, daß es nicht mehr als 7 Planeten geben könne.
[917] Dilthey, G. Bruno und Spinoza. Archiv der Philosophie. 1894. S. 269 u. f.
[918] Übersetzt von Kuhlenbeck 1893.
[919] Breusing, Gerhard Kremer, genannt Merkator, der deutsche Geograph. Duisburg 1869. H. Averdunk und J. Müller-Reinhard, Gerhard Mercator und die Geographen unter seinen Nachkommen. J. Perthes, Gotha 1914. VIII u. 188 S.
[920] Die „Kosmographie“ erschien 1544 in Basel (zuletzt 1628). Sie kam auch lateinisch (1550), französisch, italienisch usw. heraus.
[921] Professor der Medizin und der Astronomie in Löwen; lebte von 1535 bis 1577.
[922] Siehe Breusings zitierte Schrift S. 35.
[923] Philipp Apian (1531–1589), Sohn des Astronomen Peter Apian (zu deutsch Bienewitz).
[924] 1526–1598.
[925] Nova et aucta orbis terrae descriptio ad usum navigantium emendata accommodata. Duisburgi mense Augusto, 1569. Auf 8 Blättern, im ganzen 1,26 m hoch und 2 m breit. Die Karte wurde nach den Originalen in der Stadtbibliothek zu Breslau im Jahre 1891 von der Gesellschaft für Erdkunde in Berlin herausgegeben.
[926] Rumold Mercator.
[927] Atlas sive cosmographicae meditationes de Fabrica mundi et fabricati figura. Duysburgi Clivorum 1595.
[928] In seiner Schrift „Über die geographische Kunst“.
[929] Die Bedingung der Konformität aufgestellt zu haben, gilt gewöhnlich als ein Verdienst Lamberts (siehe a. a. St.). Mercator spricht sie aber fast mit denselben Worten aus. Die Bedingung der Konformität ist dann erfüllt, wenn das Verhältnis zwischen den Breiten- und Längengraden überall auf der Karte gewahrt bleibt.
[930] Maurolycus, De lumine et umbra. Venedig 1575.
[931] Die Erklärung des Maurolycus beruht gleichfalls auf der geradlinigen Fortpflanzung des Lichtes; jeder Punkt der Öffnung wird dabei als die Spitze eines von der Sonne ausgehenden Strahlenkegels betrachtet, der auf der andern Seite der Öffnung seine Fortsetzung findet.
[932] J. P. Portae Neapolitani, Magia naturalis. 1553 (nicht mehr vorhanden). 1560. 1589.

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[933] Eine Beschreibung der schon viel älteren Lochkamera findet sich auch bei Lionardo da Vinci. Sie lautet: „Wenn die Bilder von beleuchteten Gegenständen durch ein kleines Loch in ein sehr dunkles Zimmer fallen, so sieht man diese Bilder im Innern des Zimmers auf weißem Papier, das in einiger Entfernung vom Loch aufgestellt ist, in voller Form und Farbe. Sie sind aber in der Größe verkleinert und stehen auf dem Kopf.“ Die Umkehrung des Bildes leitete Lionardo da Vinci ganz richtig vom Gang der Lichtstrahlen ab. Von früheren abendländischen Gelehrten haben sich Vitello, Peckham und Roger Bacon mit der Abbildung der Sonne durch verschieden gestaltete Öffnungen beschäftigt; im 14. Jahrhundert hat sich Levi ben Gerson der Camera obscura zu Beobachtungen bei Sonnen- und Mondfinsternissen bedient, Maurolycus im 15. Jahrhundert eine genügend richtige Abbildung der Sonne durch eine enge Öffnung gegeben. Von den arabischen Gelehrten hat schon Alkindi (750–800) den Strahlengang für den Fall der Lochkamera untersucht, dann haben der große Ibn al-Haytham und sein ebenfalls bedeutender Kommentator Kamāl al-Dīn die Theorie ausführlich entwickelt. (J. Würschmidt, Zeitschr. f. math. u. naturwiss. Unters. 1915, 466.)

[934] W. Schmidt, Heron von Alexandrien im 17. Jahrhundert. In den Abhandlungen z. Gesch. d. Mathem. 8. Heft (1898). S. 195.

[935] Porta, Pneumaticorum libri tres. Neapoli 1601.

[936] Seine Vorrichtung, mit Hilfe gespannter Dämpfe Wasser zu heben, kann noch nicht als Dampfmaschine bezeichnet werden. Außerdem ist es zweifelhaft, ob de Caus ein Franzose oder ein Deutscher war.

[937] Gilbert, De magnete. I, 1. Von dem Deutschen Georg Hartmann (1489–1564) rührt eine noch ältere, aber ganz ungenaue Beobachtung der Inklination her (9 Grad anstatt etwa 70 Grad).

[938] Deliciae physico-mathematicae. Nach dem Tod Schwenters erschienen. Eine Übersetzung rührt von Harsdörffer her.

[939] A. a. O. 3. Teil XIX.

[940] A. a. O. 11. Teil XVIII.

[941] Dieses Holz hatten Jesuiten in Mexiko kennengelernt; es wurde Nierenholz (lignum nephriticum) genannt, weil man es gegen Nieren- und Blasenkrankheiten anwandte. Ausführlicher hat G. Berthold über die Geschichte der Fluoreszenz in Poggendorffs Annalen der Physik und Chemie, Bd. 158 (1876) S. 620, berichtet. Danach rührt die älteste Nachricht über die Fluoreszenz eines Aufgusses des lignum nephriticum von Monardes (16. Jh.) her. Auch Boyle, Grimaldi, Newton und andere haben sich mit dem Phänomen beschäftigt. Newton hat zuerst den Aufguss in homogenem Licht untersucht. Eingehender geschah dies durch E. Wünsch (Versuche und Beobachtungen über die Farben. Leipzig 1792). Bei Musschenbroek findet sich die Bemerkung, dass Erdöl dieselbe Erscheinung zeige wie der Aufguss des Nierenholzes (Introductio ad philosophiam naturalis 1762. Bd. II. S. 739). Goethe beschrieb sie an dem Aufguss der frischen Rinde der Rosskastanie (Nachträge zur Farbenlehre. Nr. 10). Da indessen die Erklärung dieser Erscheinung nicht gelang, geriet sie in Vergessenheit, bis sie um die Mitte des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand sehr eingehender experimenteller Untersuchungen wurde. (Siehe Bd. IV.)

[942] Sie soll um 1630 stattgefunden haben.

[943] Siehe Wilde, Geschichte der Optik. Bd. I. S. 294.

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[944] Bereits im 13. Jahrhundert versuchte der Deutsche Jordanus Nemorarius, mechanische Probleme auf dynamischem Wege zu lösen (Liber Jordani Nemorarii de ponderibus. Herausgegeben von Peter Apian, 1533). Näheres siehe Gerland und Traumüller, Geschichte der physikalischen Experimentierkunst. Leipzig, W. Engelmann. 1899. S. 78 u. f.
[945] Tartaglia, Nuova scienza (Venedig 1537).
[946] Nach v. Lippmann.
[947] Dies geschah im Jahre 1423.
[948] Übrigens betrieb Karl VII. von Frankreich, dem die Engländer den Thron zugunsten ihres Königs Heinrich VI. streitig machten, dieselbe Art von Falschmünzerei. Siehe auch H. Schelenz: „Hermes und seine Kunst, Alchemie in England“. Pharmazeutische Post. Wien 1902. Nr. 6. Danach wurde im Jahre 1440 einer englischen Firma sogar das Privileg zur Herstellung von künstlichem Gold gegeben. Doch sank dadurch der Wert der englischen Goldmünzen um die Hälfte. Nach v. Lippmann handelte es sich um gefälschte Münzen.
[949] Es lehrte, sagt Chamberlain treffend, schärfer zu beobachten, verdoppelte die Erfindungsgabe, flößte die kühnsten Hypothesen ein und schenkte endlose Ausdauer und Todesverachtung (Chamberlain, Grundlagen. S. 756).
[950] Siehe in v. Lippmanns Werk „Die Alchemie“ (1919) den Abschnitt, der von der Alchemie nach 1300 handelt (S. 495 u. f.).
[951] Vereinzelt selbst bis ins 19. Jahrhundert. So entstand 1894 in Paris eine Société hermétique und bald darauf eine Société alchimique. Fristeten diese Regungen ihr Dasein immer wieder durch ihre Verbindung mit Mystik und Okkultismus, so erhielten sie neue Nahrung durch die Umwandlungen, die man am Radium und den radioaktiven Stoffen entdeckte.
[952] Besonders die Studien Sudhoffs.
[953] Siehe F. Strunz, Theophrastus Paracelsus, sein Leben und seine Persönlichkeit. Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der deutschen Renaissance. Leipzig, E. Diederichs. 1903.
[954] Siehe E. Sudhoffs Bericht über die neuesten Wertungen Hohenheims in den Mitteilungen z. Gesch. d. Medizin u. Naturwiss. 1904. S. 475.
[955] Im Druck erschien es zuerst 1493 und zuletzt in Basel in fünf Bänden 1523, also kurz bevor Paracelsus dort auftrat.
[956] Voll Selbstbewußtsein sprach er einst das Wort: „Engländer, Franzosen, Italiener, ihr mir nach, nicht ich euch!“
[957] Strunz a. a. O.
[958] Über die Anfänge des Apothekenwesens im frühen Mittelalter siehe S. 294 d. Bds.
[959] Es wurde im Jahre 1505 veröffentlicht. Der Titel lautet: „Ein wolgeordnet vñ nutzlich büchlin wie man Bergwerck sůchen und finden sol / von allerley Metall / mit seinen figuren / nach gelegenheyt, des gebijrges / artlych angezeygt / Mit anhangenden Bercknamen / den anfahenden Bergleuten vast dienstlich.“ In dem Buch spricht „Daniel der Bergner stendig / zum jungen Knappjo“. Einen Abdruck dieses seltenen Werkes hat die „Zeitschrift für Bergrecht“ in Band XXVI gebracht. Siehe die Besprechung von O. Vogel in den Mitteilungen z. Gesch. d. Medizin u. d. Naturwiss. 1909. S. 299. Ferner W. Jacobi, Das älteste Lehrbuch für den Bergbau. Der Erzbergbau. 1909. Heft 3. S. 52.

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[960] Beckmann, Geschichte der Erfindungen. Band III.
Siehe auch Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Band V. S. 348.
[961] Agricolas Bergwerksbuch. Übersetzt von Bechius 1621. Vgl. auch Agricolas mineralogische Schriften, übersetzt und mit Anmerkungen von E. Lehmann. Freiburg 1816.
Der Titel des Originalwerkes lautet: De re metallica libri XII. 1556. Ein Jahr nach der Veröffentlichung von Agricolas „De re metallica“ wurde eine deutsche Übersetzung von Ph. Beck unter dem Titel „Vom Bergwerk XII Bücher“ veröffentlicht. Sie erlebte mehrere Auflagen (1580, 1621). Eine neuere deutsche Übersetzung gibt es nicht, wohl aber eine hervorragende englische aus dem Jahr 1912 (O. Vogel, Stahl und Eisen. Jahrgang 1916. S. 405).
[962] Vom Marktscheiden, kurzer und gründlicher Unterricht durch E. Reinhard. Erfurt 1574.
[963] Über die Anregungen, die die Bergbaukunst im Laufe der Kulturgeschichte der Naturwissenschaften und der Technik gegeben hat, berichtete E. Gerland in Archiv für Geschichte der Naturwissensch. u. der Technik. Jahrgang 1910. S. 301 ff.
[964] Lindner, Gesch. Band IV. S. 431.
[965] Seit 1566.
[966] Seit 1574.
[967] Historia natural y moral de las Indias.
[968] Näheres siehe in den Mitteilungen z. Gesch. d. Med. u. d. Naturwiss. Nr. 59. S. 592.
[969] Diejenigen Stellen der Bibel, welche der Entwicklung der Geologie besonders hinderlich waren, lauten nach der Ausgabe von E. Kautzsch, Die Heilige Schrift des Alten Testaments, 1896, S. 1 und S. 750:
Da sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort, so daß das Trockene sichtbar wird. Und so geschah es, und Gott nannte das Trockene Erde, die Ansammlung der Gewässer aber nannte er Meer. (Die Schöpfung der Welt. Text S. 1.)
Ehe die Berge geboren wurden und die Erde und der Erdkreis ‚hervorgebracht‘ wurden, bist du, o Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. (Text S. 750. Ps. 90.)
[970] Agricola, De ortu et causis subterraneorum. Basel 1546. Liber tertius, S. 36.
[971] Principles of geology. 11. Auflage. Band I. London 1872. S. 27–28.
[972] Georgius Agricola, De natura fossilium. Basel 1546.
[973] Als Begründer dieser irrtümlichen Ansicht gilt Avicenna (980–1037). Auch Albertus Magnus befürwortete sie. Er meinte jedoch, Tiere und Pflanzen könnten auch an solchen Orten zu Stein werden, wo eine steinbildende Kraft vorhanden sei. (Zittel, Geschichte d. Geol. u. Paläont. 1899. S. 15.)
[974] Konrad Gesner, De omni rerum fossilium genere. 1565.
[975] Zittel, Geschichte der Geologie und Paläontologie. 1899. S. 18.
[976] Palissy, Discours admirable de la nature des eaux et fontaines, des métaux, des sels et salines, des pierres, des terres, du feu et des émaux. Paris 1580. Nach E. v. Lippmann wird seine Originalität in jüngerer Zeit stark in Frage gestellt.
[977] Zittel, a. a. O. S. 22.
[978] Nach Löwenheim stimmen Palissy und Cardanus manchmal fast wörtlich überein. Siehe S. 74 und 75.

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[979] Der jüngste Sohn König Johanns des Ersten.
[980] Siehe S. 399.
[981] Exoticorum libri X.
[982] Sprengel, Geschichte der Botanik. Bd. I. S. 352.
[983] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 290.
[984] Eine ausführliche Schilderung des Lebenslaufs von Brunfels und seiner Verdienste um die Botanik enthält die Abhandlung von F. W. E. Roth: „Otto Brunfels, 1489–1534, ein deutscher Botaniker“. Botanische Zeitung 1901. S. 191 u. f. Brunfels trat als Kartäusermönch mit den bedeutendsten Humanisten, darunter mit Ulrich von Hutten, in Verbindung. Mit Hilfe des letzteren entfloh Brunfels dem Kloster, um offen als Lutheraner aufzutreten. Später wirkte er als Lehrer am Gymnasium in Straßburg. Er starb im Jahre 1534, nachdem er einige Jahre zuvor die medizinische Doktorwürde erworben hatte.
[985] S. Killermann, Dürers Pflanzen- und Tierzeichnungen und ihre Bedeutung für die Naturgeschichte. Heft 119 der Studien zur deutschen Kunstgeschichte. Mit 22 Tafeln. Straßburg 1910.
[986] Brunfels lernte, wahrscheinlich im Jahre 1533, die Sammlungen Bocks kennen und veranlaßte ihn zur Herausgabe des Kräuterbuchs.
[987] Hieronymus Bock (1498–1554), New Kreuterbuch von Underscheidt, Würkung und Namen der Kreuter, so in teutschen Landen wachsen.
[988] Einige der von Fuchs zum ersten Mal abgebildeten deutschen Arten seien hier aufgeführt: Ligustrum vulgare, Salvia pratensis, Hordeum vulgare, Avena sativa, Convolvulus arvensis, Lysimachia Nummularia, Cyclamen europaeum, Lilium candidum, Paris quadrifolia, Daphne Merzereum, Saponaria officinalis, Euphorbia Cyparissias, Prunus spinosa, Clematis Vitalba, Ranunculus acris, Digitalis purpurea, Genista tinctoria, Orchis Morio, Equisetum arvense, Pteris aquilina usw.
[989] Dodonaei stirpium historiae pemptades sex sive libri XXX. Antwerpiae, ex officina Christophori Plantini, 1583, in fol.
[990] Von der Einführung amerikanischer Pflanzen handelt S. Killermann in der Naturwiss. Wochenschrift. 1909. S. 193. Danach ist der Mais in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nach Europa gekommen. Die Agave americana wurde nach Caesalpin 1561 eingeführt. Weitere Angaben finden sich über Nicotiana tabacum, Solanum tuberosum, Capsicum annuum usw. Mitgebracht hat den Mais übrigens schon Columbus, wie er (nach E. v. Lippmann) selbst bezeugt.
[991] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. III. S. 325.
[992] Conradi Gesneri, Opera botanica. 2 Bde. Nürnberg 1751–1771. Dieser Nachlaß Gesners wurde also erst lange nach seinem Tode herausgegeben (durch Schmiedel).
[993] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 334.
[994] Siehe S. 337.
[995] A. v. Humboldt, Kosmos. Bd. II. S. 256.
[996] Pro herbis necessariis artis suae.
[997] 1540 und 1547.

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[998] E. Meyer, Geschichte der Botanik. Bd. IV. S. 270.
[999] H. Schelenz, Über Kräutersammlungen und das älteste deutsche Herbarium. Verhandlungen der Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte. 1906. II. 2.
[1000] L. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. 5. Bd. 4. Aufl. S. 346.
[1001] Conradi Gesneri, Historiae animalium libri, opus philosophis, medicis, grammaticis, philologis, poetis et omnibus rerum linguarumque variarum studiosis utilissimum simul jucundissimumque.
[1002] Ulisse Aldrovandi wurde 1522 in Bologna geboren. Er gründete dort 1567 einen botanischen Garten. Sein Nachfolger in der Leitung dieses Gartens war der Botaniker Caesalpin. Aldrovandi, Opera omnia. 13 Bde.
[1003] De differentiis animalium.
[1004] Nach Dantes Inferno ruht Friedrich II. in einem feurigen Grabe.
[1005] Siehe S. 313.
[1006] Eustachio lieferte unter anderem eine genaue Untersuchung des Gehörorgans und entdeckte dabei den Steigbügel (um 1546). Hammer und Amboß wurden bereits früher entdeckt (um 1480). Haeser, Geschichte der Medizin. Bd. II. S. 61.
[1007] L. v. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation. Bd. V. S. 345.
[1008] Namens Johann Stephan von Calcar. Doch seine Autorschaft ist nicht gesichert. Siehe Mitteilungen z. Geschichte d. Medizin u. d. Naturwiss. 1903. S. 282.
[1009] Sprengel, Geschichte der Arzneikunde. Bd. III. § 46–78.
[1010] Wunderlich, Geschichte der Medizin. Stuttgart 1859. S. 70.
[1011] De humani corporis fabrica libri VII. Basel 1543.
[1012] Wunderlich, Geschichte der Medizin. Stuttgart 1859.
[1013] Fabricio ab Aquapendente (1537–1619), De formatione ovi.
[1014] Zum Beispiel, dass die Herzklappe, durch die Galen das Blut vom rechten in den linken Ventrikel leitete, undurchdringlich ist.
[1015] Sie stammen größtenteils von E. Wiedemann (Wi), E. v. Lippmann (Li) und J. Würschmidt (Wü).

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Einige Auszüge aus den Besprechungen der ersten Auflage.
Des Verfassers Grundriß einer Geschichte der Naturwissenschaften wurde in der zweiten Auflage von G. W. A. Kahlbaum (I, 160 und III, 75) aufs Lobreichste besprochen und zugleich die Gefühle ausgedrückt, die angesichts der Erfolge dieses Werkes jeden Historiker der Naturwissenschaften bewegen müssen. Aus denselben Gründen begrüßen wir heute freudigst, dass unser Gesellschaftsmitglied und Mitarbeiter den zweiten Teil dieses Buches zu einem vierbändigen Werk ausformen will und bereits den ersten Band vorlegen kann.
(H. Stadler in den Mitteilungen zur Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, Bd. X, 2. Heft.)

Der soeben erschienene 2. Band dieses großen Werkes behandelt die Zeit von Galilei bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, also jene Epoche, in der die Grundlagen der neueren Naturwissenschaften gelegt wurden. Auch in diesem Bande hat sich der Verfasser mit Erfolg bemüht, eine Darstellung zu schaffen, die nicht nur dem Historiker dient, sondern für jeden anregend ist, der sich überhaupt für die Naturwissenschaften interessiert.
(Kölnische Zeitung, 20. Februar 1911.)

Ähnlich wie Cantors Vorlesungen über Geschichte der Mathematik ein „Standardwerk“ allerersten Ranges bleiben werden, so wird auch Dannemanns Werk von bleibendem Wert sein – ein Werk, das für den Geschichtsforscher wie für den Mediziner, für den Lehrer wie für den Techniker großen Nutzen haben wird und dessen Lektüre für jeden, der sich für die Naturwissenschaften interessiert, eine Quelle hohen Genusses darstellen wird.
(Monatsschrift für höhere Schulen, 1911, 6. Heft.)

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Man weiß nicht, was man mehr bewundern soll, die überraschende Belesenheit des Autors oder seine Gabe, selbst die schwierigsten Probleme wissenschaftlicher Forschung nicht nur dem Kenner, sondern auch dem interessierten Laien leichtfaßlich in ernst-vornehmer Form vorzutragen.
(Pharmazeutische Zeitung, 1911, Nr. 13.)

Besonders dankenswert erscheint, wie Dannemann in allen diesen Wissenschaften die verbindenden großen Gedanken herauszuschälen weiß, die im hohen Maße geeignet sind, die Vertreter der einzelnen Naturwissenschaftsdisziplinen vor Einseitigkeit zu bewahren.
(Ärztlische Rundschau, 1910, XX. Jahrgang, Nr. 47.)

Dem Techniker, dem Lehrer, dem Arzt, jedem, der sich lebhafter für Naturwissenschaften interessiert – vor allem also auch unseren Studierenden – dürfte das Buch eine unerschöpfliche Quelle des Genusses und der Anregung sein. Einen ganz besonderen Wert besitzt das Werk dadurch, daß es gewissermaßen den Rahmen für Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften abgibt und so die Beziehungen aufzeigt, durch welche die einzelnen Gebiete sich gegenseitig beeinflusst haben.
Für die Hebung der Kultur unseres Volkes kann dieses Buch, das die Wissenschaft und ihre Erfolge als etwas Werdendes darstellt, von größtem Nutzen sein, da es die Erfolge fortschrittlichen Denkens gegenüber den Schwächen dogmatischer Gesinnung aufs deutlichste verdeutlicht.
(Prometheus, 26. November 1910, XXII. Jahrgang.)

L’ouvrage me paraît excellent; il a d’ailleurs une qualité inappréciable: nämlich keine Entsprechung zu haben.
(Revue générale des Sciences. Paris, 15. III. 1912.)

Das Gesamtwerk, dessen Inhalt durch gute Register und Literaturverzeichnisse übersichtlich strukturiert ist, liegt nun – auch in einer äußerlich ansprechenden Gestaltung – vollständig vor; es gehört zweifellos zu…

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Das Beste, Am besten Geschriebene, Originellste und Nützlichste aus der neueren naturwissenschaftlichen Literatur – und mehr als jedes andere geeignet, den immer unheilvoller hervortretenden Folgen der völligen Zersplitterung unter den Naturforschern abzuhelfen sowie ihre allgemeine Fortbildung wiederherzustellen. Es ist sowohl dem Autor als auch der gesamten deutschen Literatur eine Ehre.
(Prof. Dr. E. O. von Lippmann in der Chemiker-Zeitung 1913.)

Seit Jahren empfehle ich meinen Hörern in dem Einführungsvorlesung über experimentelle Chemie das hervorragende, noch nicht ausreichend verbreitete Werk von Dannemann: „Die Naturwissenschaften in ihrer Entwicklung und in ihrem Zusammenhang“.
(Dr. A. Stock, Prof. a. D. an der Universität Berlin sowie am Kaiser-Wilhelm-Institut in Dahlem, in der Monatsschrift für die chemische und biologische Unterricht 1920.)

Gedruckt bei Breitkopf & Härtel in Leipzig.

Vom Autor sind außerdem erschienen:
Leitfaden für die Übungen im chemischen Unterricht der oberen Klassen höherer Lehranstalten. 6. Auflage. B. G. Teubner, Leipzig 1920.

Page 532

Aus der Werkstatt großer Forscher. 430 Seiten. 3. Auflage. Leipzig 1908. Wilhelm Engelmann. Gebunden: 9 Mark; mit 50% Rabatt: 4,5 Mark.
„Jeder, der sich bis jetzt noch nicht mit diesem hervorragenden Werk vertraut gemacht hat, soll darauf hingewiesen werden, diese sehr wertvolle Kenntnis nicht länger hinauszuzögern.“
(Prof. Dr. Wilh. Ostwald.)

Der naturwissenschaftliche Unterricht auf praktisch-heuristischer Grundlage. Hannover 1907. Hahnsche Buchhandlung. Gebunden: 6 Mark; ungebunden: 6,80 Mark.
„Das Werk entwickelt auf recht überzeugende Weise die Bedeutung und die Grundzüge des praktisch-heuristischen Verfahrens. Dem Autor kann man nicht absprechen, dass er mit Sorgfalt und Energie für eine gute Sache eingetreten ist.“
(J. Norrenberg, in der Zeitschrift für lateinloses Schulwesen 1908.)

Naturlehre für höhere Lehranstalten, auf Schülerübungen gestützt. Hannover 1908. Hahnsche Buchhandlung.
„Der Autor hat alle Aspekte zusammengeführt, die für einen zeitgemäßen Unterricht wichtig sind – und zwar so, dass ein Übergang vom bestehenden System zum neuen möglich ist.“
(Deutsche Literaturzeitung. 1909, Nr. 5.)

Handbuch für den physikalischen Unterricht. J. Beltz, Langensalza 1919.
„Was in diesem Buche gesagt wird, fasst alle lebenskräftigen Reformgedanken der letzten Jahre auf geschickte Weise zusammen.“
(R. Winderlich, in der Zeitschrift für den mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterricht.)

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VERLAG VON WILHELM ENGELMANN IN LEIPZIG

Geschichte der physikalischen Experimentierkunst von Prof. Dr.
E. Gerland und Prof. Dr. F. Traumüller. Mit 425 Abbildungen zum
größten Teil in Wiedergabe nach den Originalwerken. (XVI und 442 Seiten,
gr. 8.)
Geheftet M. 14.–. In Halbfranz gebunden M. 17.–.
Aus den Besprechungen:
»Das treffliche Buch darf weder in der Bibliothek einer mittleren oder höheren Lehranstalt, noch in
der eines Experimentalphysikers fehlen.«
(Monatshefte f. Mathematik und Physik. 1900. Heft 1.)
»Eine eingehende Kenntnis der Geschichte der Physik läßt den Lehrer erst den wahren Wert der
einzelnen Tatsachen, Begriffe und Theorien erkennen, liefert ihm überaus dankbare Mittel, den Unterricht kräftig zu beleben, und macht ihn auf die Schwierigkeiten aufmerksam, die der
menschliche Geist bei dem ersten Eindringen in die einzelnen Gebiete der Physik zu überwinden hat. Das vorliegende Werk erschließt in trefflicher Weise ein neues und wichtiges Gebiet der
Geschichte der Physik; es darf in der Hausbibliothek keines Lehrers fehlen, dem sein Unterricht und die ihm anvertraute wissensdurstige Jugend am Herzen liegt.«
(Hahn-Machenheimer, Zeitschr. f. d. physik. u. chem. Unterricht. März 1900. Heft
2.)

Zur Geschichte der astronomischen Meßwerkzeuge von Purbach
bis Reichenbach 1450–1830 von Joh. A. Repsold. 1. Band. Mit 171
Abbildungen (VIII und 132 Seiten gr. 8). M. 16.–.
Aus den Besprechungen:
»Das Buch, das sich überall als eine reiche Quelle der Belehrung über die Zweckdienlichkeit und die sachgemäße Verwendung der Instrumente, sowie über die Vorteile und Nachteile der einzelnen
Konstruktionen darbietet, wird gewiß nicht verfehlen einen dauernden, großen Nutzen für die Wissenschaft zu stiften.«
(Astronomische Nachrichten, Bd. 177, Nr. 6.)
»Ein höchst interessantes, lehrreiches Werk ist es, das der Verfasser, der wie kein anderer dazu
berufen war, es zu schreiben, den Mechanikern und Astronomen darbietet.«
(Zeitschrift für Instrumentenkunde. XXVIII. Jahrg., Sept. 1908.)

Auf vorstehende Preise 50% Verleger-Teuerungszuschlag.

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Änderungen bei der Transkription sowie weitere Anmerkungen:
In der Legende zu Abb. 5: In „Ste = Steinbock;“ wurde das „e“ hinzugefügt (da die Abkürzung so auf dem Bild enthalten ist).
In „Die Art, wie die Ägypter Eisen herstellten, ist aus der vorstehenden Abbildung ersichtlich“ stand statt „herstellten“ „darstellten“.
Anstelle von Boncompagni stand Boncampagni.
In „Woher das in den Pseudo-Geberschen Schriften enthaltene Wissen stammt, das uns in ihnen gegen das Ende des 13. Jahrhunderts ‚in völliger Vollendung und demnach als das Ergebnis einer längeren Entwicklung‘ entgegentritt“ wurde das Wort „hinter“ vor „entgegentritt“ entfernt.
In „Nur durch die Mathematik können wir zur vollen Wahrheit gelangen“ war statt „zur“ „zu“.
In „Die Renaissance ‚als das Resultat und die feinste Blüte des Mittelalters‘ zu bezeichnen“ wurde nach „Mittelalters“ etwas hinzugefügt.
In „Von anderer Seite wird bestritten, dass die alten Babylonier schon das Gewicht aus dem Längenmaß abgeleitet hätten“ stand statt „Seite“ „Zeit“.
In „König Attalos von Pergamon, so erzählt uns Plutarch[1016], baute giftige Gewächse an“ wurde das Wort „an“ hinzugefügt.
In „Eine Ausgabe mit lateinischer Übersetzung gab Fr. Hultsch heraus. Berlin 1875–1878“ stand als Enddatum 1875 statt 1878.
In „Die Stellung, welche die Araber diesen Werken gegenüber einnahmen,“ wurde das Komma hinter „Araber“ entfernt.
In „Man fand die Länge des Grades gleich 56 und bei einer zweiten Messung gleich 562/3 arabischen Meilen[1017] oder gleich etwa 113040 m, woraus sich der Erdumfang zu 40700 km berechnet.“ stand bei der letzten Angabe „m“ statt „km“, was jedoch nicht zur dargestellten Berechnung passt.

Page 535

In „Die neue astronomische Ansicht, die sich ihm und den Aufgeklärten unter seinen Zeitgenossen eröffnete, hat er im Sinne der ‚Schönheitsherrlichkeit der Welt‘ verwertet“ fehlte das beendende Anführungszeichen, ergänzt hinter „Welt“.
Fußnote 772: Seitenzahl im Original nicht lesbar.
Anführungszeichen eingefügt vor: „Der nächste Träger bei A ist das Bewegte, der andere Träger bei B ist das Bewegende.“, um Zitat zu vervollständigen.
Anführungszeichen eingefügt vor: „Man lasse durch eine kleine Öffnung (Abb. 58, M) das Bild eines beleuchteten Gegenstandes in ein dunkles Zimmer treten.“, um Zitat zu vervollständigen.

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*** ENDE DES PROJECT GUTENBERG E-BOOKS „ DIE NATURWISSENSCHAFTEN IN IHRER ENTWICKLUNG UND IN IHREM ZUSAMMENHANG“, BAND I ***

Aktualisierte Ausgaben ersetzen die vorherigen – die alten Ausgaben werden umgenannt.

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Sammlung elektronischer Werke von Project Gutenberg. Fast alle Einzelwerke in dieser Sammlung gehören in den Vereinigten Staaten zum öffentlichen Eigentum. Wenn ein bestimmtes Werk in den Vereinigten Staaten nicht durch Urheberrechtsgesetze geschützt ist und Sie sich in den Vereinigten Staaten aufhalten, beanspruchen wir kein Recht, Sie daran zu hindern, dieses Werk zu kopieren, zu verbreiten, aufzuführen, anzuziehen oder darauf basierende abgeleitete Werke zu erstellen – vorausgesetzt, alle Verweise auf Project Gutenberg werden entfernt. Natürlich hoffen wir, dass Sie die Mission von Project Gutenberg unterstützen, indem Sie die Werke von Project Gutenberg gemäß den Bedingungen dieser Vereinbarung frei teilen, um den Namen Project Gutenberg mit diesen Werken in Verbindung zu halten. Die Bedingungen dieser Vereinbarung können Sie leicht erfüllen, indem Sie das Werk im gleichen Format sowie mit der beigefügten vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz weitergeben, ohne dafür Gebühren zu verlangen.

1.D. Die Urheberrechtsgesetze des Ortes, an dem Sie sich aufhalten, bestimmen ebenfalls, was Sie mit diesem Werk tun dürfen. Die Urheberrechtsgesetze in den meisten Ländern befinden sich ständig im Wandel. Wenn Sie sich außerhalb der Vereinigten Staaten aufhalten, prüfen Sie vor dem Herunterladen, Kopieren, Anzeigen, Aufführen, Verbreiten oder Erstellen abgeleiteter Werke auf Basis dieses Werkes oder eines anderen Project-Gutenberg-Werkes zusätzlich zu den Bedingungen dieser Vereinbarung die Gesetze Ihres Landes. Die Stiftung macht keine Angaben bezüglich des Urheberrechtstatus eines Werkes in einem Land außerhalb der Vereinigten Staaten.

1.E. Sofern Sie nicht alle Verweise auf Project Gutenberg entfernt haben:

1.E.1. Der folgende Satz mit aktiven Links zu oder anderem unmittelbaren Zugang zur vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz muss stets deutlich sichtbar sein, wenn auf eine Kopie eines Project-Gutenberg-Werkes zugegriffen wird, es angezeigt, aufgeführt, angesehen, kopiert oder verbreitet wird – also auf jedes Werk, auf dem der Ausdruck „Project Gutenberg“ erscheint oder mit dem dieser Ausdruck in Verbindung steht:

Dieses E-Book ist für die Nutzung durch jeden Menschen überall in den Vereinigten Staaten und in den meisten anderen Teilen der Welt kostenlos und nahezu ohne jegliche Einschränkungen erhältlich. Sie dürfen es kopieren, weitergeben oder unter den Bedingungen der mitgelieferten Project-Gutenberg™-Lizenz erneut verwenden.

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Dieses E-Book ist online unter www.gutenberg.org erhältlich. Wenn Sie sich nicht in den Vereinigten Staaten befinden, müssen Sie vor der Nutzung dieses E-Books die Gesetze des Landes prüfen, in dem Sie sich aufhalten.

1.E.2. Wenn ein einzelnes elektronisches Werk von Project Gutenberg aus Texten stammt, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind (und kein Hinweis darauf enthalten, dass es mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers veröffentlicht wurde), kann dieses Werk ohne Zahlung von Gebühren oder Kosten in den Vereinigten Staaten kopiert und an jeden weitergegeben werden. Wenn Sie ein Werk neu verbreiten oder Zugang dazu gewähren und dabei den Ausdruck „Project Gutenberg“ verwenden oder dieser auf dem Werk erscheint, müssen Sie entweder den Anforderungen der Absätze 1.E.1 bis 1.E.7 entsprechen oder eine Genehmigung für die Nutzung des Werks sowie der Marke Project Gutenberg gemäß den Absätzen 1.E.8 oder 1.E.9 einholen.

1.E.3. Wenn ein einzelnes elektronisches Werk von Project Gutenberg mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers veröffentlicht wird, muss Ihre Nutzung und Verbreitung sowohl den Anforderungen der Absätze 1.E.1 bis 1.E.7 als auch allen zusätzlichen Bedingungen entsprechen, die vom Urheberrechtsinhaber gestellt werden. Zusätzliche Bedingungen sind im Project Gutenberg-Lizenztext für alle Werke enthalten, die mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers veröffentlicht wurden; dieser findet sich am Anfang dieses Werks.

1.E.4. Entfernen Sie die vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg-Lizenz nicht aus diesem Werk oder aus irgendwelchen Dateien, die einen Teil dieses Werks oder eines anderen mit Project Gutenberg verbundenen Werks enthalten.

1.E.5. Kopieren, anzeigen, aufführen, verbreiten oder neu verteilen Sie dieses elektronische Werk oder irgendeinen Teil davon nicht, ohne den in Absatz 1.E.1 genannten Satz deutlich sichtbar anzugeben – zusammen mit aktiven Links oder unmittelbarem Zugang zu den vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg-Lizenz.

1.E.6. Sie dürfen dieses Werk in jede binäre, komprimierte, markierte, gemeinfrei oder urheberrechtlich geschützte Form umwandeln und verbreiten, einschließlich jeder Textverarbeitungs- oder Hypertextform. Wenn Sie jedoch Zugang zu Kopien eines Project-Gutenberg-Werks in einer anderen Formatierung als „Plain Vanilla ASCII“ oder einer anderen im offiziellen Dokument verwendeten Formatierung bereitstellen, müssen Sie dies tun.

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Die auf der offiziellen Website von Project Gutenberg (www.gutenberg.org) veröffentlichte Version muss dem Nutzer ohne zusätzliche Kosten, Gebühren oder Ausgaben eine Kopie des Werkes in seiner ursprünglichen „Plain Vanilla ASCII“-Form oder in einer anderen Form zur Verfügung stellen – entweder direkt oder als Möglichkeit zum Export bzw. zur Erstellung einer Kopie auf Anfrage. Jedes alternative Format muss außerdem die vollständige Project-Gutenberg-Lizenz enthalten, wie in Absatz 1.E.1 festgelegt.

1.E.7. Erheben Sie keine Gebühren für den Zugang zu, die Ansicht, die Darstellung, die Aufführung, das Kopieren oder die Verteilung von Werken von Project Gutenberg – es sei denn, Sie halten sich an Absatz 1.E.8 oder 1.E.9.

1.E.8. Sie dürfen eine angemessene Gebühr für Kopien sowie für den Zugang zu oder die Verteilung elektronischer Werke von Project Gutenberg erheben, vorausgesetzt:

• Sie zahlen eine Tantiemengebühr in Höhe von 20 % des Bruttogewinns, den Sie durch die Nutzung der Werke von Project Gutenberg erzielen. Dieser Gewinn wird nach derselben Methode berechnet, wie Sie bereits Ihre Steuern ermitteln. Die Gebühr ist dem Inhaber der Project-Gutenberg-Marke geschuldet; dieser hat jedoch zugestimmt, die Tantiemen gemäß diesem Absatz an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation zu spenden. Die Tantiemenzahlungen müssen innerhalb von 60 Tagen nach jedem Datum erfolgen, an dem Sie Ihre periodischen Steuererklärungen erstellen (oder gesetzlich dazu verpflichtet sind). Die Zahlungen müssen klar als solche gekennzeichnet sein und an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation an die in Abschnitt 4 „Informationen zu Spenden an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation“ angegebene Adresse gesendet werden.

• Sie leisten eine vollständige Rückerstattung aller vom Nutzer gezahlten Beträge, sofern dieser Ihnen schriftlich (oder per E-Mail) innerhalb von 30 Tagen nach Erhalt mitteilt, dass er nicht mit den Bedingungen der vollständigen Project-Gutenberg™-Lizenz einverstanden ist. Sie müssen von einem solchen Nutzer verlangen, alle auf physischem Medium vorhandenen Kopien der Werke zurückzugeben oder zu zerstören sowie jegliche weitere Nutzung und jeden weiteren Zugang zu anderen Kopien der Werke von Project Gutenberg™ einzustellen.

• Sie leisten gemäß Absatz 1.F.3 eine vollständige Rückerstattung aller für ein Werk oder eine Ersatzkopie gezahlten Beträge, falls innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt des Werks ein Mangel festgestellt und Ihnen mitgeteilt wird.

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• Sie halten alle anderen Bedingungen dieser Vereinbarung für die kostenlose Verbreitung von Werken von Project Gutenberg™ ein.

1.E.9. Wenn Sie eine Gebühr erheben oder ein elektronisches Werk oder eine Gruppe von Werken von Project Gutenberg™ unter anderen Bedingungen als denen, die in dieser Vereinbarung festgelegt sind, verbreiten möchten, müssen Sie schriftliche Genehmigung von der Project Gutenberg Literary Archive Foundation erhalten, dem Verwalter der Marke Project Gutenberg™. Wenden Sie sich zur Kontaktaufnahme an die Foundation gemäß Abschnitt 3 unten.

1.F.

1.F.1. Freiwillige und Mitarbeiter von Project Gutenberg investieren erhebliche Anstrengungen, um Werke, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind, ausfindig zu machen, urheberrechtlich zu prüfen, abzuschreiben und zu korrigieren, um so die Collection von Project Gutenberg™ zu erstellen. Trotz dieser Bemühungen können die elektronischen Werke von Project Gutenberg™ sowie die Medien, auf denen sie gespeichert sein können, „Mängel“ aufweisen – wie beispielsweise unvollständige, ungenaue oder beschädigte Daten, Transkriptionsfehler, Verstöße gegen Urheberrechte oder andere geistige Eigentumsrechte, defekte oder beschädigte Datenträger oder andere Medien, Computerviren oder Computercodes, die Ihre Ausrüstung beschädigen oder von dieser nicht gelesen werden können.

1.F.2. EINGESCHRÄNKTER GEWÄHRLEISTUNGSAUFGABE, AUFSCHLUSS HAFTUNG FÜR SCHÄDEN – Abgesehen vom „Recht auf Ersatz oder Rückerstattung“, das in Absatz 1.F.3 beschrieben wird, lehnt die Project Gutenberg Literary Archive Foundation, der Inhaber der Marke Project Gutenberg™, sowie jede andere Partei, die ein elektronisches Werk von Project Gutenberg™ gemäß dieser Vereinbarung verbreitet, jegliche Haftung gegenüber Ihnen für Schäden, Kosten und Ausgaben, einschließlich Rechtskosten, ab. Sie stimmen zu, dass Sie keine Ansprüche wegen Fahrlässigkeit, strenger Haftung, Verletzung der Gewährleistung oder Vertragsbruch haben, außer denen, die in Absatz 1.F.3 vorgesehen sind. Sie stimmen außerdem zu, dass die Foundation, der Markeninhaber sowie alle Vertriebspartner gemäß dieser Vereinbarung nicht für tatsächliche, direkte, indirekte, Folgeschäden, strafende Schäden oder zufällige Schäden haftbar sind.

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AUCH IRRGENDWIE, WENN SIE ÜBER DIE MÖGLICHKEIT SOLCHER SCHÄDEN BENACHRICHTIGEN.

1.F.3. BESCHRÄNKTES RECHT AUF ERSETZUNG ODER RÜCKGABE – Wenn Sie innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt dieses elektronischen Werkes einen Mangel feststellen, können Sie den Betrag, den Sie dafür gezahlt haben (sofern vorhanden), zurückbekommen, indem Sie eine schriftliche Erklärung an die Person senden, von der Sie das Werk erhalten haben. Wenn Sie das Werk auf einem physischen Medium erhalten haben, müssen Sie dieses Medium zusammen mit Ihrer schriftlichen Erklärung zurückgeben. Die Person oder Einrichtung, die Ihnen das fehlerhafte Werk zur Verfügung gestellt hat, kann sich entscheiden, anstelle einer Rückerstattung ein Ersatzexemplar bereitzustellen. Wenn Sie das Werk elektronisch erhalten haben, kann die Person oder Einrichtung, die es Ihnen zur Verfügung stellt, sich entscheiden, Ihnen eine weitere Gelegenheit zu geben, das Werk elektronisch zu erhalten, anstelle einer Rückerstattung. Falls auch das zweite Exemplar fehlerhaft ist, können Sie schriftlich eine Rückerstattung verlangen, ohne weitere Möglichkeiten zur Behebung des Problems.

1.F.4. Abgesehen vom in Absatz 1.F.3 genannten beschränkten Recht auf Ersetzung oder Rückerstattung wird dieses Werk „SO WIE ES IST“ ohne jegliche weiteren Garantien jeglicher Art, weder ausdrücklich noch stillschweigend, bereitgestellt – einschließlich, aber nicht beschränkt auf Garantien hinsichtlich Markttauglichkeit oder Eignung für einen bestimmten Zweck.

1.F.5. In einigen Bundesstaaten ist es nicht zulässig, bestimmte stillschweigende Garantien auszuschließen oder bestimmte Arten von Schäden einzuschränken. Falls eine in dieser Vereinbarung enthaltene Ausschlussklausel oder Beschränkung gegen das Recht des für diese Vereinbarung geltenden Bundesstaates verstößt, soll die Vereinbarung so interpretiert werden, dass die maximale Ausschlussklausel oder Beschränkung, die durch das geltende Landesrecht erlaubt ist, Anwendung findet. Die Ungültigkeit oder Unvollstreckbarkeit irgendeiner Bestimmung dieser Vereinbarung führt nicht dazu, dass die übrigen Bestimmungen ungültig werden.

1.F.6. HAFTUNGSBESCHRÄNKUNG – Sie stimmen zu, die Foundation, den Markeninhaber, alle Agenten oder Angestellten der Foundation, alle Personen, die elektronische Werke von Project Gutenberg™ gemäß dieser Vereinbarung bereitstellen, sowie alle Freiwilligen, die an der Erstellung, Förderung und Verbreitung elektronischer Werke von Project Gutenberg™ beteiligt sind, vor allen Haftungsansprüchen, Kosten und Ausgaben – einschließlich Anwaltskosten – zu schützen, die direkt oder indirekt aus etwas entstehen, was Sie tun oder zu dem Sie Anlass geben: (a)

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(a) die Verteilung dieses oder eines beliebigen Werkes von Project Gutenberg, (b) Änderungen, Modifikationen sowie Ergänzungen oder Löschungen an einem Werk von Project Gutenberg und (c) alle Mängel, die Sie verursachen.

Abschnitt 2. Informationen zur Mission von Project Gutenberg

Project Gutenberg steht für die freie Verteilung elektronischer Werke in Formaten, die von der breitesten Palette an Computern gelesen werden können – einschließlich veralteter, alter, mittelalterlicher sowie neuer Computer. Es existiert dank der Bemühungen von Hunderten von Freiwilligen sowie Spenden von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten.

Freiwillige sowie finanzielle Unterstützung, um den Freiwilligen die benötigte Hilfe zu bieten, sind entscheidend, um die Ziele von Project Gutenberg zu erreichen und sicherzustellen, dass die Sammlung von Project Gutenberg auch zukünftigen Generationen weiterhin frei zugänglich bleibt. Im Jahr 2001 wurde die Project Gutenberg Literary Archive Foundation gegründet, um Project Gutenberg sowie zukünftigen Generationen eine sichere und dauerhafte Zukunft zu bieten. Weitere Informationen über die Project Gutenberg Literary Archive Foundation sowie darüber, wie Ihre Bemühungen und Spenden helfen können, finden Sie in den Abschnitten 3 und 4 sowie auf der Informationsseite der Stiftung unter www.gutenberg.org.

Abschnitt 3. Informationen über die Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Die Project Gutenberg Literary Archive Foundation ist eine gemeinnützige Bildungseinrichtung nach dem Typ 501(c)(3), die nach den Gesetzen des Bundesstaates Mississippi organisiert ist und vom Internal Revenue Service als steuerbefreit anerkannt wurde. Die EIN, also die bundesweite Steuernummer der Stiftung, lautet 64-6221541. Spenden an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation sind in dem Umfang steuerabzugsfähig, wie es die US-amerikanischen Bundesgesetze sowie die Gesetze Ihres Bundesstaates erlauben.

Der Geschäftssitz der Stiftung befindet sich bei 41 Watchung Plaza #516, Montclair NJ 07042, USA, Telefon: +1 (862) 621-9288. E-Mail-Kontakt:

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Aktuelle Kontaktdaten finden Sie auf der Website der Stiftung sowie auf der offiziellen Seite unter www.gutenberg.org/contact.

Abschnitt 4: Informationen zu Spenden für das Projekt
Gutenberg Literary Archive Foundation

Das Projekt Gutenberg™ ist von umfassender Unterstützung durch die Öffentlichkeit sowie von Spenden abhängig – ohne diese kann es seine Mission nicht erfüllen, die Anzahl der Werke im öffentlichen Besitz sowie lizenzierten Werke zu erhöhen, die in maschinenlesbarer Form frei verteilt werden können und somit für die breiteste Palette an Geräten, einschließlich veralteter Geräte, zugänglich sind. Viele kleine Spenden (von 1 bis 5.000 Dollar) sind besonders wichtig, um den steuerfreien Status bei der IRS beizubehalten.

Die Stiftung ist bestrebt, sich an die Gesetze zu halten, die Wohltätigkeitsorganisationen und Spenden in allen 50 Bundesstaaten der Vereinigten Staaten regeln. Die Anforderungen an die Einhaltung dieser Gesetze sind jedoch nicht einheitlich, und es erfordert erhebliche Anstrengungen, viel Papierkram sowie zahlreiche Gebühren, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Wir bitten nicht um Spenden in Gebieten, aus denen wir keine schriftliche Bestätigung der Einhaltung der Vorschriften erhalten haben. Um Spenden zu senden oder den Status der Einhaltung der Vorschriften für einen bestimmten Bundesstaat zu überprüfen, besuchen Sie bitte www.gutenberg.org/donate.

Obwohl wir nicht und werden auch keine Spenden aus Bundesstaaten annehmen, in denen wir die entsprechenden Anforderungen noch nicht erfüllt haben, kennen wir keine Verbote gegen die Annahme unveranlasster Spenden von Spendern aus solchen Bundesstaaten, die uns mit Spendenangeboten kontaktieren.

Internationale Spenden werden gerne entgegengenommen, doch wir können keine Angaben zur steuerlichen Behandlung von Spenden machen, die aus dem Ausland stammen. Allein die US-Gesetze überlasten bereits unser kleines Personal.

Bitte prüfen Sie die Webseiten von Project Gutenberg nach aktuellen Spendenmethoden und -adressen. Spenden können auch auf verschiedene andere Weise geleistet werden, beispielsweise per Scheck, Online-Zahlung oder Kreditkarte. Um zu spenden, besuchen Sie bitte: www.gutenberg.org/donate.

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Abschnitt 5: Allgemeine Informationen über Project Gutenberg
Elektronische Werke

Professor Michael S. Hart war der Begründer des Projekts Project Gutenberg – eines Archivs für elektronische Werke, die frei mit jedem geteilt werden können. Über vierzig Jahre lang erstellte und verteilte er eBooks im Rahmen von Project Gutenberg, wobei er dabei nur auf ein begrenztes Netzwerk an Freiwilligen angewiesen war.

E-Books von Project Gutenberg entstehen oft aus mehreren gedruckten Ausgaben. Alle diese Ausgaben gelten in den USA als nicht urheberrechtlich geschützt – sofern keine Urheberrechtsangabe enthalten ist. Daher müssen die E-Books nicht unbedingt der jeweiligen gedruckten Ausgabe entsprechen.

Die meisten Menschen beginnen auf unserer Website, die über die Hauptsuchfunktion für Project Gutenberg verfügt: www.gutenberg.org.

Auf dieser Website finden Sie Informationen über Project Gutenberg – darunter auch Anleitungen dazu, wie man der Project Gutenberg Literary Archive Foundation Spenden zukommen lässt, wie man bei der Erstellung neuer E-Books hilft sowie wie man sich für unseren E-Mail-Newsletter anmelden kann, um über neue E-Books informiert zu werden.

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