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Das Project-Gutenberg-E-Book mit den vollständigen Kurzwerken von George Meredith
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Titel: Vollständige Kurzwerke von George Meredith

Autor: George Meredith

Veröffentlichungsdatum: 5. November 2004 [E-Book #4499]
Letzte Aktualisierung: 27. Januar 2021

Sprache: Englisch

Weitere Informationen und Formate: www.gutenberg.org/ebooks/4499

Hinweise zur Erstellung: Erstellt von David Widger

*** ANFANG DES PROJECT-GUTENBERG-EBUCHS „VOLLE KURZWERKE VON GEORGE MEREDITH“ ***

Die Kurzwerke von George Meredith

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INHALT

FARINA
DER CLUB DER WEISSEN ROSE
DAS TEPPICHWORT
DER WETTBEWERB
DER SILBERNE PFEIL
DIE LILIEN DES TALS
DIE BRIEFE
DER MÖNCH
DIE REITUNGEN UND RENNSPIELE
DIE KÄMPFE AUF DRACHENFELS
DER GOSHAWK LEITET
WERNERS ECK
DIE WASSERFRÄULEIN
DIE RETTUNG
DIE ÜBERQUERUNG DES RHÈNES
SATANAS’ RÜCKANGRIFFE

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Der Einzug nach Köln
Schlussfolgerung

Der Fall von General Ople und Lady Camper
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII

Die Geschichte von Chloe – Eine Episode aus der Geschichte von Beau Beamish
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII

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KAPITEL IX
KAPITEL X

Das Haus am Strand
KAPITEL I
KAPITEL II
KAPITEL III
KAPITEL IV
KAPITEL V
KAPITEL VI
KAPITEL VII
KAPITEL VIII
KAPITEL IX
KAPITEL X
KAPITEL XI
KAPITEL XII

Der fünfzigjährige Herr und das neunzehnjährige Mädchen
KAPITEL I
KAPITEL II
KAPITEL III
KAPITEL IV
KAPITEL V

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KAPITEL VI

Die Sentimentalisten

Verschiedene Prosa
Einführung in W. M. Thackerays „Die vier Georgs“
Eine Pause im Kampf – 1886
Nachgiebigkeit gegenüber den Kelten – 1886
Leslie Stephen – 1904
Korrespondenz vom Kriegsschauplatz in Italien
Hauptquartier des ersten Armeekorps, Über die Idee der Komödie und die Anwendung des komischen Geistes {1}

Fußnoten

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FARINA
Von George Meredith

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DER CLUB DER WEISSEN ROSE
In jenen blühenden Zeiten, als die Kaiser den goldenen Becher von Aachen hochhoben und, mit dem Ellbogen nach oben, den Wein der alten Romantik tranken, lebte in unmittelbarer Nähe zu den Überresten der Elftausend Jungfrauen sowie der Drei Heiligen Könige ein wohlhabender Mann aus dem Rheingebiet namens Gottlieb Groschen – oder, wie er manchmal genannt wurde, Gottlieb von Groschen. Kein reicherer Händler war bereit, für die Ehre seiner alten Heimatstadt mehr zu zahlen, und kein ehrenwerter Bürger trank unter dem Schatten seines eigenen Feigenbaums gleichmütig sowohl roten als auch weißen Wein.
Weinberge inmitten der sonnigsten Gegenden des Rheingaus gehörten zu Gottliebs Besitztümern; Weizenfelder südlich von Köln; Basaltsteinbrüche in der Gegend um Linz; Mineralquellen in Nassau – ein Erbe der Römer für den Ehrgeiz und das Unternehmertum der ersten deutschen Händler. Er hätte jede Felsklippe, samt ihrem Besitzer, von der Hatto-Turm bis nach Rheineck kaufen können. Die Loreley, deren gelbe Haare sich gegen die Nachtwolken schmiegten, sah zu, wie Gottliebs Flöße im Mondlicht durch die Eisenpässe oberhalb von St. Goar glitten. Die Frauen seiner Bootsführer wurden dort durch ihre „wasserreiche Musik“ zur Witwe!
Dieser ehrenwerte Bürger von Köln besaß zahlreiche handschriftliche Briefe des Kaisers an ihn: „Lieber, edelgeborener Sohn und Untertan meiner, Gottlieb!“ Er stand in gutem Verhältnis zu den stolzesten Fürsten des Heiligen Römischen Reiches. Denn Gottlieb war zugleich Geldverleiher und ehrlicher Mensch. Er investierte in üppige Erträge durch Wucher, ohne die Jahreszeiten mit zu viel Druck zu belasten. „Ich säe meine Samen im Winter“, sagte er, „und hoffe im Herbst guten Gewinn zu erzielen; doch wenn die Ernte mager ausfällt, ist es besser, sie einfach liegen zu lassen, damit der Boden fruchtbar bleibt.“
„Die alte Erde ist der weiseste Gläubiger“, fügte er hinzu; „sie presst die Sonne niemals aus, sondern nimmt nur das, was sie Jahr für Jahr geben kann – so ist sie stets auf gute jährliche Erträge angewiesen.“
Wenn also die Leute Gottlieb fragten, wie er zu solchem Reichtum gelangt sei, kniff der alte Händler sein Auge zusammen und antwortete listig: „Weil ich schon immer ein Kenner des Himmels war.“

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Köln – eine Stadt, in der die Wissenschaft längst als Alchemie angesehen wurde und es möglicherweise immer noch ist. Der Kaiser konnte nur selten gegen Welschland in den Krieg ziehen, ohne zuerst seinen edlen Sohn und Untertanen Gottlieb um Rat zu fragen. Tatsächlich muss das kaiserliche Zeitvertreib ohne ihn aufgehört haben – der Kaiser wäre sonst verloren gewesen. In Köln galt dieser berühmte Bürger als etwas mehr als nur ein Mensch. Die Bürger nahmen ihren Hut ab, wenn er vorbeiging; freche, ledergeschmückte Bengel blickten ihm mit übernatürlicher Ehrfurcht nach, als würde ein goldreicher Schatz durch ihre Reihen schreiten. Für die jungen Männer in Köln hatte er jedoch noch einen höheren Status als Vater der schönen Margarita, der „Weißen Rose Deutschlands“ – einer edlen, unvergleichlichen Jungfrau, die für Fürsten wie ein Juwel war. Ihre Verehrung sollte ihnen einen Platz im Rittertum sichern. Zu ihrem Ehren erlitten sie täglich und nachts blaue Flecken und zeigten ihre verfärbten Gesichter – in der Hoffnung, ihr damit zu gefallen. Diese fanatischen Jünglinge zogen in Gruppen durch die Rheinlande und forderten Reisende sowie Bauern auf, mit Stab und Becher ihre Herrin anzuerkennen. Wer ins Ausland reiste, schrieb nach Hause und prahlte damit, wie oft sein Kopf im Namen der schönen Margarita zertrümmert worden sei. Wenn das oft geschah, entstand Neid – und der Betreffende musste bei seiner Rückkehr seine Fähigkeiten gegen mindestens zwanzig Gegner unter Beweis stellen. Keine „Schönheitswunde“ zu haben – so wurden die Verletzungen aus diesen endlosen Kämpfen genannt – galt als Zeichen von Minderwertigkeit. Deshalb wird angenommen, dass viele Menschen sich absichtlich verletzten. Um diesem Betrug entgegenzuwirken, wurden Protokolle der Kämpfe aufgezeichnet, in denen angegeben wurde, unter welchen Umständen und von wem eine bestimmte Wunde errungen wurde. Jedes Mitglied des Weißen-Rose-Clubs trug sein eigenes Dokument bei Feiertagen stolz auf seinem Helm. Fremde, die nach Köln kamen, waren über das hässliche Aussehen dieser jungen Männer erstaunt und dachten, sie hätten noch nie eine so hässliche Rasse gesehen. Doch sie mussten zugeben, welche positive Wirkung Schönheit auf den Handel hatte – schließlich stieg der Bierkonsum fast stündlich an.整es Bayern konnte Köln in Bezug auf die Menge des konsumierten Bieres nicht übertreffen.

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Die wichtigsten Mitglieder des Weißen Rosenclubs waren Berthold Schmidt, der Sohn eines reichen Goldschmieds; Dietrich Schill, der Sohn des kaiserlichen Sattlers; Heinrich Abt, Franz Endermann und Ernst Geller – Söhne angesehener Bürger. Jeder von ihnen trug einen ein Yard langen Pergamentstreifen in seinem Hut. Zudem waren sie alle so entstellt, dass man keine Überprüfung der Dokumente für notwendig hielt. Es handelte sich dabei um gefährliche Jugendliche – denn die Eide, Zeremonien und Verpflichtungen, die sie von jedem Reisenden verlangten, konnten nur wenige erfüllen – insbesondere nicht diejenigen, die Frauen außer der schönen Margarita liebten oder untreue Ehemänner waren. Auch niemand sonst konnte diesen Anforderungen standhalten, egal wie männlich er auch sein mochte. Der Anführer des Clubs war derjenige, der am meisten Bier trinken konnte, ohne dabei zu seufzen – und dessen Gesicht die größte Anzahl an Narben sowie die vielfältigsten Farben aufwies. Um das Anführertum stritten sich vor allem Dietrich Schill und Berthold Schmidt. Im Laufe des Streits verloren sie allmählich ihre Menschlichkeit. „Gutes Geld“, so dachten sie stolz, „braucht keinen Stempel.“

In Köln gab es einen jungen Mann, der sich gegen diese Tyrannei wehrte und beschloss, auf seine eigene Weise und in seiner eigenen Zeit der Schönheit Tribut zu zollen. Es war Farina. Gegen ihn wurden Eide in leeren Bierfässern festgehalten. Ein Grundsatz des Weißen Rosenclubs besagte, dass jeder in Margarita verliebt sein müsse. Deshalb misstrauten die Mitglieder denen, die kein Mitglied waren, besonders stark. Sie hatten zumindest die Beruhigung, zu wissen, dass Farina arm war – doch er galt als Schüler der Schwarzen Künste. Von so jemandem konnte man das Schlimmste erwarten. Er könnte Margarita verhexen!

Dietrich Schill wurde vom Club beauftragt, bei Margarita selbst nachzufragen, was mit Farina los sei. Eines Nachmittags, in der Weinlesezeit, als sie zusammen mit ihren Freundinnen unter den Rebstöcken saß und reife Trauben aß, kam Dietrich grinsend daher, mit dem Hut in der Hand und dem Pergamentstreifen hinter sich herziehend. „Willst du?“, fragte Margarita und reichte ihm einen Strauß Trauben. „Ich elender Schurke!“, antwortete Dietrich und lehnte ab. „Wenn ich eine Bitte annimme, breche ich meinen Eid gegenüber dem Club.“ „Brich ihn, um mich glücklich zu machen“, sagte Margarita lächelnd. Dietrich schnappte nach Luft. Er stellte sich auf die Zehenspitzen, um zu sehen, ob jemand vom Club in der Nähe war – und streckte halb seine Hand aus. Ein spöttisches Lachen ließ ihn seine Hand wieder zurückziehen.

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„Wenn man gestochen wird… Die Trauben fielen herab. Farina kniete zu Margaritas Füßen und bot ihr die Trauben als Gegenleistung an.“
„Willst du das?“, fragte Margarita mit sanfterer Stimme; ihre Wangen waren leicht gerötet.
Farina legte den violetten Traubenstrauß auf seine Brust und drückte ihn fest gegen sein Herz – immer noch kniend.
Margaritas Stirn und ihre Brust schienen Spiegelungen des leuchtenden Rottons zu sein. Sie hob ihr Gesicht zum Himmel und tat so, als würde sie über dieses Symbol lachen. Ihre Begleiterinnen klatschten in die Hände. Farinas Blicke richteten sich noch einmal auf sie – dann stand er auf und schloss sich den fröhlichen Gesprächen an.
Die Wut half Dietrich dabei, seine Verlegenheit zu vergessen. Er berührte Farina mit zwei Fingern an der Schulter und murmelte heiser: „Der Club erlaubt so etwas niemals.“
Farina verbeugte sich, um ihm für die Regeln des Clubs aus tiefstem Herzen zu danken. „Ich bin kein Mitglied, wissen Sie“, sagte er, und ging zu einem Stuhl in der Nähe von Margarita. Dietrich starrte ihm nach. Als Leiter eines Clubs kannte er die Bedeutung solcher Symbole. Er hatte eine großartige Gelegenheit verpasst – und Farina hatte sie genutzt.
Farina hatte ihn beraubt.
„Darf ich mit Fräulein Margarita sprechen?“, fragte der Anführer der Weißen Rose mit heiserer Stimme.
„Sicherlich, Dietrich! Sprich ruhig“, sagte Margarita.
„Allein?“, fuhr er fort.
„Ist das vom Club erlaubt?“, fragte eines der jungen Mädchen mit einem koketten Blick.
Dietrich antwortete nicht, sondern wartete auf Margaritas Entscheidung. Sie zögerte einen Moment – dann stand sie vor ihm, blickte ihm direkt ins Gesicht und winkte ihn ein paar Schritte den Weinbergweg entlang. Dietrich verbeugte sich und teilte Farina mit, dass der Club ihm wegen dieser Beleidigung Genugtuung abverlangen würde.
Farina lachte, antwortete aber: „Seht nur, ihr Leute vom Club! Das Trinken von Bier hat eure Manieren genauso verbessert wie das Kämpfen eure Gesichter verschönert hat. Macht weiter – trinkt und kämpft! Aber denkt daran: Der Kaiser kommt – und mit ihm Männer, die sich nicht unterkriegen lassen.“
„Was meinst du damit?“, rief Dietrich und drehte sich zu seinem Feind um.

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„Nicht so laut, Freund“, erwiderte Farina. „Oder willst du die Jungfrauen erschrecken? Ich meine, der Club sollte möglichst wenig Anstoß erregen und seine Augen so weit wie möglich offen halten, wenn er Mistress Margarita dienen will.“
Dietrich drehte sich mit einem Brummen um.
„Jetzt!“, sagte Margarita.
Sie klopfte mit dem Fuß. Dietrich wurde ungetreu gegenüber dem Club und blickte sie länger an, als seine Aufgabe es erlaubte. Sie war strahlend wie die Gärten bei Sonnenuntergang im Goldenen Apfel. Ihre gelben Haare waren zu Kränzen geflochten, und auf einer Seite ihres Kopfes steckte ein Safrankrokus mit der Glocke nach unten. Süße, Gesang und Witz hingen wie Morgennebel auf ihren lippenfleckigen Lippen. Sie trug ein scharlachrotes Korsett mit schwarzen Samtbändern über den Schultern. Ihr jungfräuliches Kleid bestand aus dünnem Blaustoff und endete kurz über ihren festen Füßen, die ordentlich in weißem Leder mit Schnallen eingehüllt waren. In ihren Gliedmaßen sowie in der Art, wie sie ihren Hals hielt, lag das Zeichen eines freundlichen, doch fähigen Drachen – eines Drachen, der, wenn er geweckt wird, bereit ist, sich aufzubäumen und den Goldenen Apfel vor allen zu schützen außer vor dem rechtmäßigen Anspruchsteller. Doch ihre Unterlippe sowie ihr kleiner weißer Kinnbart zeigten einen träumerischen Schwung; ihre offenen blauen Augen blickten direkt auf den Sprecher – der Drache schlief. Es war ein gefährlicher Reiz. „Denn“, sagt der Minnesänger, „welche Zierde bezaubert uns mehr an einer jungen Schönheit als der sanfte Schlaf einer Stärke, die noch nie zum Vorschein kam und von der sie selbst nichts weiß? Sie singt dem Herzen des Ritters zweifache Lieder: Sie lockt und warnt uns, verführt und droht. Sie ist wie die Natur – strahlender Frieden – doch zugleich Mutter des Sturms.“
„Es gibt keinen Mann“, ruft Heinrich von der Jungferweide begeistert aus, „der der Versuchung widerstehen kann, ein süßes Schatz zu erlangen, vor dem ein schlafender Drache liegt. Die Gefahr selbst verspricht etwas.“
Doch der Drache muss wirklich schlafen – wie bei Margarita.
„Ein falscher Drache, der vorgibt zu schlafen, hat mehr Jungfrauen zerstört als alle heidnischen Kaiser“, sagt der alte Hans Aepfelmann aus Düsseldorf.
Margaritas Fuß klopfte schneller.
„Sprich, Dietrich!“, sagte sie.
Dietrich erklärte dem Club, dass er in diesem Moment murmelte: „Wir lieben dich.“ Margarita war froh zu glauben, dass er nicht von sich selbst gesprochen hatte. Dann…

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Er informierte sie über die Befürchtungen des Clubs, der geschworen hatte, sie im Hinblick auf Farinas Künste zu bewachen und zu schützen.
„Und welche Befürchtungen sind das?“, fragte Margarita.
„Wir fürchten, liebe Herrin, dass er mit Satan im Bunde sein könnte“, antwortete Dietrich.
„Wirklich dann“, sagte Margarita, „von allen jungen Männern in Köln ist er am wenigsten wie sein Komplize.“
Dietrich schluckte und zwinkerte, wie ein Patient, der mühsam von einem abscheulichen Trank wieder zu sich kommt.
„Wir haben Sie gewarnt, Fräulein Groschen!“, rief er. „Es ist nun unsere Pflicht, sicherzustellen, dass Sie nicht in die Falle geraten.“
Margarita wurde rot und entgegnete: „Sie sind freundlich. Doch ich bin ein christliches Mädchen – kein heidnischer Sultan – und ich brauche keine Schar von Wächtern, die mir folgen.“
Daraufhin kehrte sie zu ihren Gefährtinnen zurück und begann erneut, ihren schönen Mund mit Trauben zu färben.

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Das Wandteppichwort
Anmutige Mädchen haben in der Geschichte ihren Helden. Siegfried war Margaritas Auserwählter. Sie sang überall im Haus von Siegfried. „Oh, die alten Zeiten Deutschlands – als ein solcher Held umherwanderte!“, sang sie.
„Und wer Margarita gewinnt“, sinnierte Farina, „der wird glücklicher sein als Siegfried – schließlich hat er Brunhild und Chrimhild zugleich in seinen Armen!“
Auf der Brust des jungen Mädchens befand sich ein Cameo – das Werk eines geschickten Künstlers aus Welschland, auf dem die Geschichte vom Drachenfels dargestellt war. Ihre Brüste hoben und senkten sich im Rhythmus der Schlachten.
Dieses Cameo galt als Leitstern für die deutsche Männlichkeit – doch es löste bei Tante Lisbeth, Gottliebs unverheirateter Schwester, viele Ausdrücke des Ekelns aus. Sie schien instinktiv auf der Seite des Drachen zu stehen. Sie war eine zarte, kleine Dame mit einem Gesicht, das an ständigen Zitronengeschmack erinnerte; sie führte im Haushalt ihres Bruders, wenn die gute Ehefrau nicht da war. Margaritas Robustheit begann, Tante Lisbeths Vorstellungen von Tugend zu beunruhigen und zu schockieren.
„Man muss sie im Auge behalten – so eine Verrückte!“, sagte Tante Lisbeth. „Ursula! Welche Gliedmaßen sie hat!“
Margarita wurde beobachtet – doch da der Spion weder Feind noch Freund war, wurde nichts gegen sie entdeckt. Das befriedigte Tante Lisbeth nicht – ihre eigenen Verdächtigungen waren schließlich ihr bester Beweis. Sie gab zu, dass Margarita gut verbergen konnte, was sie wirklich dachte.
„Aber“, sagte sie zu ihrer Nichte, „obwohl es gut ist, wenn ein Mädchen diese Unarten nicht offen zur Schau stellt, liebe ich dich zu sehr, um nicht zu sagen: Sei, wer du wirklich bist, mein kleines Kind!“
„Und das bin ich!“, rief Margarita und richtete sich auf.
„Sehr gut, meine Nichte“, quiekte Lisbeth. „Aber jetzt liegt Frau Groschen im Grab – du hast mir gegenüber Pflichten, merk dir das! Hast du letzte Woche Beichte abgelegt?“
„Von Anfang bis Ende“, antwortete Margarita.
Tante Lisbeth warf einen vorwurfsvollen Blick auf Margaritas Cameo.
„Und du trägst immer noch dieses Ding?“
„Warum nicht?“, fragte Margarita.

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„Mädchen! Wer würde von dir verlangen, es an einen solchen Ort zu stellen – außer Satan? Ach, du armes, verlorenes Kind! Damit die Augen der faulen Jünglinge dorthin gelockt werden! Und du wirst für andere zu seiner Falle, Margarita! Was war dieser walisische Wanderzirkusmeister anderes als der böse Teufel selbst – vielleicht, du sündiges Mädchen! Man sagt, man habe ihn kürzlich in Köln gesehen. Er war so dunkelhäutig wie Satan und hinkte auf einem Bein. Guter Herr im Himmel, beschütze uns! Ich könnte schwören, dass es der Teufel selbst war!“
Tante Lisbeth runzelte die Stirn und verschränkte die Arme.
Margarita begann, am Cameo herumzufummeln, als wolle sie es abreißen; doch Tante Lisbeths Worte brachten sie zum Lachen.
„Wo ich keinen Schaden sehe, Tante, werde ich an den guten Gott denken“, antwortete sie. „Und wo ich Schaden sehe, werde ich glauben, dass Satan lauert.“
Ein Ausdruck bitterer Verzweiflung huschte über Tante Lisbeths Gesicht. Sie seufzte und schwieg – sie gehörte zu jenen schwachen Menschen, die leicht besiegt werden und niemals überwunden werden können.
„Komm, wir machen mit dem Wandteppich weiter, Kind“, sagte sie.
Margarita strebte danach, einen bestimmten Wandteppich fertigzustellen, um ihn Kaiser Heinrich bei seinem Einzug nach Köln nach seinem letzten Feldzug am Donauufer zu überreichen. Das Motiv war wieder ihr geliebter Siegfried, der auf Drachenfels den Drachen tötet. Immer wenn Tante Lisbeth unter Margaritas offener Jungfräulichkeit litt, zog sie diesen Wandteppich als Zeichen des Waffenstillstands hervor. Sie arbeiteten daran in kleinen Teilen, da sie keine Mittel hatten, ihn in einem Stück herzustellen. Margarita übernahm Siegfried, Tante Lisbeth den Drachen. Sie teilten sich den Felsen untereinander auf.
Schon konnte man einen schelmischen Glanz des Rheins in Richtung Nonnenwerth erkennen; Rolands Ecke hing wie ein Wächter über der Insel, als würde sie dort Wache halten.
Tante Lisbeth war in dieser Kunst sehr geschickt und hatte Margarita unterrichtet. Das kleine Mädchen lernte sie – zusammen mit vielen anderen gruseligen Dingen – in der Familie des Pfalzgrafen von Böhmen. Oft sprach sie beim Verarbeiten der Fäden von den Geistern des Schlosses Hollenbogenblitz. Das waren düstere Geister in Böhmen, die nach Mord und nach dem Atem der Toten rochen. Sie machten Geräusche, die das Blut erstarren ließen, und zeigten Bilder, die selbst dreifach lange Haare steif werden ließen – ja, und sie ließen sie auch weiterhin steif!
Margarita setzte sich auf einen Stuhl neben das niedrig gewölbte Fenster, und Tante Lisbeth setzte sich ihr gegenüber. Die Abendsonne beleuchtete die Strebepfeiler…

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Die Kathedrale warf ein mäßiges Licht auf die Arbeitsplätze des friedlichen Paares. Margarita entfaltete ein Musterstück, das mit Fäden verschiedener Farben umwickelt war, und begann bald, Siegfrieds Helm sowie Hörner mit Silberfäden zu verziern.
„Ich habe dir doch von dem Verwalter erzählt, dem armen Kraut, oder, Kind?“, fragte Tante Lisbeth leise und räusperte sich.
„Mehrmals!“, sagte Margarita und summte weiter vor sich hin.

„Ihre Liebe galt einem Baron – einem sehr kühnen Baron. Sie liebte ihn aus Liebe, er liebte sie wegen des Goldes.“
„Er muss es selbst sehen und zufrieden sein“, fuhr Tante Lisbeth fort. „Und der heilige Thomas soll ihn als Beispiel warnen! Armer Kraut!“
„Armer Kraut!“, wiederholte Margarita.

„Der König liebte Wein – und der Ritter auch. Beide liebten das Sommerwetter. Sie hätten sich gut lieben können – wenn da nicht jemand gewesen wäre, den beide liebten.“
„Man kann sagen: armer Kraut, Kind!“, meinte Tante Lisbeth. „Nun, sein Gesicht war vorher so rot wie der Kiefer dieses Drachen – danach war es jedoch so weiß wie das Ei eines Küken. Das war wirklich erstaunlich!“
„Genau!“, stimmte Margarita zu.

„Oh, der König liebte seine rechtmäßige Frau – der Ritter eine unrechtmäßige Dame. Zehn gegen einen – ein schrecklicher Kampf, unter den schattigen Bäumen des Waldes.“
„Fünfzig gegen einen, Kind!“, sagte Tante Lisbeth. „Du vergisst die Geschichte. Sie ließen Kraut mit ihnen am Festmahl teilnehmen – er war der einzige Sterbliche dort. Die Wände waren voller Augenhöhlen ohne Augen – stattdessen befand sich dort Phosphor, der blau und feucht leuchtete.“
„Nicht heute Nacht, liebe Tante! Es macht mir solche Angst“, bat Margarita. Sie sah bereits den Schrecken kommen.
„Nacht? Wenn es mitten am Tag ist – du Feigling! Gott möge Mitleid mit solchen wie dir haben! Der Teller war sieben Fuß lang und vier Fuß breit. Kraut maß ihn mit seinem Blick – und vergaß es nie. Niemals! Als der Tellerdeckel angehoben wurde, sah er sich selbst darin liegen – gekocht!“

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„‚Ich fühlte mich damals nicht unwohl‘, erzählte uns Kraut. ‚Es schien ganz natürlich zu sein.‘“
„Sein Gesicht, so wie es da lag, war, so sagt er, ziemlich ruhig – nur etwas gerötet und wirkte etwas schwammig. Auf seinem Kinn war die Warze, und unter seinem linken Augenlid die Falte. Nun – der Baron begann mit seiner Arbeit. Alle Gäste wollten ein Stück von ihm haben. Einige verlangten nach Brustfleisch, andere nach Zehenfleisch. Es war entsetzlich kalt, das zu hören! Die Baronin sagte: ‚Wange!‘“
„Ah!“, schrie Margarita, „das kann ich nicht ertragen! Ich will es nicht hören, Tante – wirklich nicht!“
„Wange!“, wiederholte Tante Lisbeth und nickte in Richtung Boden. Margarita hielt sich die Ohren zu.
„Trotzdem fühlte er, so sagt Kraut, auch damals nichts Seltsames. Natürlich war er entsetzt darüber, zusammen mit Geistern wie dir und mir dort zu sitzen – doch das erste Entsetzen hatte bereits nachgelassen. Er befand sich bereits in diesem Bad des Schreckens. Ich habe gehört, dass man die Namen der Jungfrau und der Dreifaltigkeit aussprechen muss, während man drei Minuten lang ständig Wasser um sich herum spritzt; wenn man das ohne Unterbrechung tut, wird alles verschwinden. So heißt es zumindest. ‚Oh! lieber barmherziger Himmel!‘, sagte Kraut, ‚was ich fühlte, als der Baron sein langes Jagdmesser auf meine linke Wange legte!‘“
Dabei hob Tante Lisbeth den Blick, um Margaritas Entsetzen zu betrachten. Sie war sehr verärgert, als sie sah, dass ihre Nichte mit den Ellbogen auf dem Fensterbrett und den Händen um den Kopf still auf die Straße blickte. Sie sagte streng: „Wo hast du dieses Lied gelernt, das du gerade gesungen hast, Margarita? Sprich, du Mädchen!“
Margarita lachte.
„Der Drossel, der Lerche und der Rotkehlchen – sie haben mir beigebracht, zu singen:
Und ach, wenn doch der Habicht sein Auge leihen würde,
und der Adler sein Flügelpaar.“
„Ich will diese schamlosen Lieder nicht hören!“, rief Tante Lisbeth aus.
„Denn ich möchte die Länder sehen, die sie sehen,
und dort sein, wo sie gewesen sind:
Es reicht nicht aus, einfach nur zu singen –
für immer in unbekannten Tälern!“
Eine Stimme applaudierte ihr. „Gut! Sehr gut! Noch einmal ein Lied, Gretelchen – mein kleines Vögelchen!“

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Margarita drehte sich um und sah ihren Vater in der Tür stehen. Sie eilte auf ihn zu und gab ihm einen herzlichen Begrüßungskuss. Gottlieb warf einen Blick auf Siegfrieds Helm.
„Ich nehme an, die Arbeit geht gut voran – du singst heute so fröhlich, Grete! Sehr hübsch! Und das ist Drachenfels? Was für ein mutiger Kerl Siegfried war – und wie glücklich er doch war, dass das hübscheste Mädchen Deutschlands in ihn verliebt war. Nun, wir müssen sie schließlich mit Siegfried verheiraten, denke ich! Oder mit jemandem, der Siegfried ebenbürtig ist. Sing weiter, meine Liebe!“
„Tante Lisbeth billigt meine Lieder nicht“, antwortete Margarita und entwirrte einige silberne Fäden.
„Tu, was dein Vater befiehlt, Mädchen!“, sagte Tante Lisbeth.
„Und wenn ich seinem Befehl folge und etwas Schlechtes tue, dann würde ich lieber vor seinem lieben Gesicht sterben, als gegen seinen Willen zu handeln.“
„Na, na“, sagte Tante Lisbeth und streckte ihre Finger aus. „Siehst du, Gottlieb, wohin übermäßige Nachsicht sie führt. Kein anderes Mädchen im gesegneten Rheinland – und auch nicht in Böhmen – würde es wagen, solche Worte auszusprechen! Ich kann sie nicht wiederholen – frag mich nicht! Sie wird zu einem fränkischen Mädchen!“
„Welche Ballade ist das?“, fragte Gottlieb lächelnd.
„Die Ballade von der heiligen Ottilia – ihr Geliebter wurde in die Dunkelheit verkauft. Und sie liebte ihn – liebte ihn wirklich…“
„So wie du Siegfried liebst, kleines Mädchen?“
„Noch mehr, mein Vater – denn sie sah Winkried, während ich Siegfried nie gesehen habe. Ach! Wenn ich nur Siegfried gesehen hätte! Egal. Sie liebte ihn – aber sie liebte die Tugend noch mehr. Die Tugend ist das Kind Gottes – und der gute Gott vergab ihr, weil sie Winkried, den Sohn des Teufels, liebte. Er rettete sie, als sie hinabgezogen wurde – hinab, hinab – und beinahe ohnmächtig wurde vom Gestank des Schwefels. Er rettete sie und trug sie in Seine Herrlichkeit, Kopf und Füße, auf den Flügeln der Engel, vor allen Menschen – als Hoffnung für junge Mädchen.“
„Und als ich dachte, ich sei verloren, stellte ich fest, dass ich gerettet worden war. Ich wurde durch gesegnete Wolken getragen – dorthin, wo die Banner des Glücks wehten.“

Page 20

„Und du glaubst also auch, dass du dich verlieben könntest – in die Söhne der Teufel, Mädchen?“, war das Kommentar von Tante Lisbeth.
„Schau dir doch Lisbeths Drache an, kleines Herz! Er sieht genauso aus!“, sagte Margarita zu ihrem Vater.
Der alte Gottlieb kicherte und strich ihr über den Kopf. „Sie ist mein Mädchen! Das sieht man doch“, sagte er. Dann stand er mühsam von seinem Stuhl auf, um zum Drachen zu gehen. Doch Tante Lisbeth drehte den Drachen schroff zur Wand.
„Er ist noch nicht fertig, Gottlieb – man darf ihn noch nicht anschauen“, wandte sie ein. „Ich werde Holz holen und für ein Feuer sorgen: Die Frühlingsabende werden immer kälter.“ Dann ging Tante Lisbeth davon.
Margarita sang:
„Ich mit meinen Spielkameraden,
in Unordnung und Chaos,
sammelten Kräuter und Blumen
entlang des Waldes.“
„Das Lied deiner Mutter, Kind meines Herzens!“, sagte Gottlieb. „Aber quäle die gute Lisbeth nicht – sie liebt dich!“
„Und glaubst du, sie liebt mich auch? Wirst du sagen, dass es wahr ist? Oh – wird sie mich haben, wenn ich zu ihr komme, um um ihre Hand anzuhalten?“
„Du freche Göre!“, sagte Gottlieb.
„Sie wird Bänder und Schmuckstücke bekommen – und wie an einem Mai-Morgen strahlen. Wenn wir dann zur kleinen Kirche auf dem Hügel gehen, auf unserem blumengeschmückten Hochzeitsweg…“
„Das wird sie – und noch mehr!“, rief Gottlieb. „Aber hör zu, Gretelchen: Der Kaiser wird in drei Tagen hier sein. Mein Liebling! Hätte ich nicht alles für dich aufgehoben, würde ich jetzt auf einem Ofenstein sitzen, auf dem selbst er seine Stiefel wärmen könnte. Also hol deine besten Kleider und Schmuckstücke heraus – und sieh zu, wie stolz du aussehen kannst, so stolz wie jede andere im Land. Im Moment bist du nur die Tochter eines einfachen Bürgers, Grete – aber so wirst du nicht enden, meine Schmetterlingin! Sonst gäbe es weder Wert noch Verstand bei Gottlieb Groschen!“
„Drei Tage!“, rief Margarita. „Der Helm ist noch nicht fertig, die Teppichstücke noch nicht genäht und verbunden – und das Wasser noch nicht abgedeckt… Oh!“

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„Man muss Tag und Nacht arbeiten.“
„Kind! Ich will keinen Nachtdienst! Deine rosigen Wangen werden bald vom Öllicht ausgedörrt sein – und du siehst nicht besser aus als die armen Schönheiten aus dem Tal der Talglichter – ganz zu schweigen von der Gefahr. In diesem alten Haus umarmte Karl der Große einst den Obersten Richter seiner Hauptstadt dort drüben. Manche behaupten, er habe hier geschlafen. Er nieste nicht einmal in kleineren Räumen als die unserer Kaiser – keine goldenen Decken mit geschnitzten Verzierungen, nur einfache Holzbalken.“

„Wisse, dass die Männer von großem Ruhm Männer mit einfachen Bedürfnissen waren: Nackt legten sie sich dem Herrn zu Füßen und schliefen nach großen Taten.“

„Gott weiß, Grete – deine Balladen werden niemals aufgebraucht werden; so viel wird über dich gesprochen werden. Ja, die Zeiten ändern sich: Wir werden immer degenerierter. Schau dir die Leute in Linz an – was waren sie früher! Hätten sie zugelassen, dass die Jungen aus Andernach ohne Scheu auf Kohlkopfstielen zu ihnen gefahren wären? Und warum? Nur weil sie Angst vor diesem Banditen Werner haben – der bei Laach, ganz in der Nähe seines Verstecks, immer eine Strafe erhält, wenn er ein Verbrechen begeht. Was mich betrifft – mein Holz und meine Waren müssen den Fluss hinuntergeschafft werden; sie sind zu gut für die Nixen am Rhein. Glaubst du etwa, ich würde diesem Teufelskerl Tribut zollen? Donner und Blitz! Wenn doch alte Schulden auf seiner Haut ausgelöscht werden könnten!“
Gottlieb schwang seinen Peitschengriff in der Luft und stöhnte über Gesetz und Gerechtigkeit. Wohin würde das führen?
Margarita milderte das Thema mit einem Vers:

„Und obwohl es süß ist, den Feind zu quälen – für die wütende Biene – muss die wütende Biene weiterarbeiten, bevor sie die Süße des Sieges erlebt.“

Der wunderbare Klang der Stimme seiner Tochter amüsierte Gottlieb. „Genau, Vögelchen! Du und das Sprichwort habt recht. Ich weiß nicht, was besser ist:
„Besser ein Bienenstock, der am Leben bleibt,
als Rache, die einen nur quält.““

Ein Lärm auf dem Platz der Kathedrale brachte Gottlieb dazu, zum Fenster zu eilen. Es handelte sich um eine Gruppe von Reitern in glänzenden Rüstungen. Ein Trompeter…

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Sie ritten an der Seite der Truppe – voran ein Fahnenträger mit einem Brustbart aus Ockerfarbe – und zeigten den guten Bürgern Kölns drei braune Adler mit Vögeln in ihren Schnäbeln auf einem azurblauen, mit Sternen übersäten Feld.
„Heiliges Kreuz!“, rief Gottlieb leise; „Werners Wappen! Woher hat er das Geld, um seine Leute auszustatten? Das ist doch eine Frechheit gegenüber ganz Köln! Lass ihn sofort zu mir kommen! In den Spuren dieses Schurken liegt Verderben. Den ganzen Tag über hatte ich abwechselnd Fieber und Kälte.“
Die Reiter kamen lässig, in Gruppen zu zweit oder dreit, die Straße entlang, lachten miteinander und musterten mit gierigen Blicken die Mädchen in den von Dächern beschatteten Fenstern. Die guten Bürger Kölns sahen ihnen nicht wohlwollend entgegen. Einige wandten ihnen den Rücken zu und schlugen grob ihre Türen zu; andere runzelten die Stirn und ballten die Fäuste; nicht wenige schlichen wie gut abgerichtete Hunde in die Seitenstraßen und verschwanden mit gebeugten Knien. Es handelte sich dabei um wirklich furchterregend aussehende Kerle – diese treuen Diener des Räuberbarons Werner aus Werner’s Eck hinter Andernach. Leder, Stahl und Staub bedeckten sie von Kopf bis Fuß; groß und schwarz wie Bären, mit Wolfsaugen und Fuchsnasen. Sie glänzten tapfer im fallenden Sonnenlicht. Margarita streckte ihren schönen, gelockten Kopf etwas vor, über die Schulter ihres Vaters, um die ganze Prozession zu sehen. Einer der Reiter entdeckte bald das junge Mädchen. Er wies sie mutig einem Kameraden hin, der sein Interesse bestätigte und sie anschließend einem Dritten weiterempfahl. Die Übrigen folgten seinem Beispiel. Margarita war wie verzaubert, als ihr klar wurde, dass all diese gierigen Blicke auf ihr ruhten. Der alte Gottlieb war zu sehr von seinen eigenen Ängsten eingenommen, um für sie zu denken. Als er plötzlich den Kopf einzog, tat er das aus düsterer Vorahnung – denn Werners Ziel in Köln war offensichtlich das Haus von Gottlieb Groschen, zu Zwecken, die nur allzu leicht erraten werden konnten.
„Teufelsdreck!“, murmelte Gottlieb; „schau noch einmal hin, Grete – und sieh zu, ob diese Teufelsbande draußen den Weg blockiert.“
Margarithas Wangen röteten sich vor Empörung.
„Ich werde nicht wieder hinschauen, Vater.“
Gottlieb starrte sie an und klopfte ihr dann auf die Schulter.
„Ich wünschte, ich wäre ein Mann, Vater!“
Gottlieb lächelte und strich sich über den Bart.
„Oh! Wie sehr ich brenne!“

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Und das Mädchen zitterte sichtlich.
„Grete! Versuche, so sehr wie möglich eine Frau zu sein – dann kannst du solches Gesindel bald wie Spinnweben wegfegen, ohne dass etwas Schlimmes passiert.“
Er wurde durch lautes Klopfen an der Haustür aufgeschreckt – ein so lautes Geräusch, als würden die Toten gerufen. Tante Lisbeth kam herein und eilte düster durch den Raum, wobei sie rief:
„Wir sind verloren! Sie sind schon unterwegs zu uns! Besser der Tod mit einer Nadel – niemals wird man etwas über mich sagen können! Die Monster!“
Dann ermahnte sie alle, jedes Zimmer im Haus abzuschließen und zu sichern. Anschließend setzte sich Tante Lisbeth auf die Kante eines Stuhls und tat das Gegenteil dessen, was eine Eule tut – sie blieb still, wenn sie stillstand.
„Du hast nichts zu fürchten, Lisbeth“, sagte Gottlieb in unverschämtem Tonfall.
„Gottlieb! Erinnerst du dich an das, was bei der Belagerung von Mainz geschah? An die arme Marthe Herbstblum, die hoffte, in ihrem Zustand sterben zu dürfen – und an Dame Altknopfchen, Frau Kaltblut sowie die alte Bäckerin, Hans Topfs Schwester. Alle waren so fromm wie Nonnen – doch das hat sie nicht gerettet! Nichts kann diese gottlosen Monster aufhalten.“
Gottlieb ging – er hatte bereits oft von den Katastrophen gehört, die diesen Frauen widerfahren waren.
„Tröste dich, mein Herz – komm zu mir“, sagte Margarita und führte Lisbeth in dieses „Nest der Ruhe und Stärke“.
„Margarita! Das ist deine Schuld! Habe ich nicht gesagt: Locke sie nicht herbei – sie kommen viel zu früh zu uns! Und da sind sie schon! Vielleicht ist in fünf Minuten alles vorbei!“
„Herrje! Du lachst! Um Himmels willen – das Mädchen ist glücklich!“
Wieder ertönte ein spöttisches Lachen, begleitet von lauten Klopfen an der Tür – das ganze Haus erzitterte. Wieder ertönte ein ohrenbetäubender Lärm. Dieser Ruf, der für Tante Lisbeth wie ein endgültiger Befehl erschien, brachte eine seltsame Gelassenheit in ihr Gesicht. Sie war sehr blass, doch sie breitete ihren Rock ordentlich aus, als wäre die Angst verschwunden. Dann legte sie ihre Hände auf die Knie.
„Der Wille des Herrn muss geschehen“, sagte sie. „Es ist gotteslästerlich, sich zu beschweren, wenn wir in die Hände der Philister fallen. Andere haben auch…“

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„Sie wurden zum Märtyrertum verurteilt – und waren dennoch akzeptabel.“ Zu dieser heldenhaften Rede fügte sie mit kalter Entschlossenheit hinzu: „Lass sie kommen!“
„Tante“, rief Margarita, „ich höre die Stimme meines Vaters zusammen mit denen der Männer. Tante! Ich werde nicht zulassen, dass er allein bleibt. Ich muss zu ihm gehen. Du wirst hier sicher sein. Ich komme zu dir, falls es Anlass zur Sorge gibt.“
Und trotz des entsetzten Schreis ihrer Tante Lisbeth eilte sie davon, um sich wieder zu Gottlieb zu gesellen.

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Die Wette
Noch bevor Margarita das Ende der Treppe erreicht hatte, bereute sie ihre Eile und zog sich zurück. Umgeben von Flüchen sagte sie: „Es ist das kleine Mädchen, das wir wollen – lasst uns sie grüßen und dann verschwinden! Oder deckt euren Schädel mit etwas Dickerem als dem, was ihr jetzt tragt, zu, wenn ihr ihn noch ganz haben wollt – glücklicher Vater!“
„Ich bin Gottlieb von Groschen“, antwortete ihr Vater, „und der Kaiser –“
„Der liebt hübsche Mädchen genauso wie wir! Nieder mit ihr – und kein Gerede mehr! Es dauert nur einen Moment, ihr Narren!“
„Ich sage euch, Schurken: Ich kenne euren Meister. Wenn ihr dafür nicht bestraft werdet, dann möge ich als Bettler sterben!“, rief Gottlieb wütend.
„Möget ihr so reich sterben wie ein Abt! Und genau das werdet ihr tun, wenn ihr sie nicht herunterbringt – denn ich habe geschworen, sie zu sehen. Das ist das Ende, Mann!“
„Ich werde auch sehen, ob das Gesetz solche Gemeinheiten zulässt!“, rief Gottlieb. „Einen friedlichen Bürger zu beleidigen – in seinem eigenen Haus – einen Freund eures Kaisers! Gottlieb von Groschen!“
„Groschen? Dann sind wir also Verwandte! Würdet ihr eure nächsten Verwandten aussperren? Teufelslicht! Kennt ihr mich nicht? Pfennig? Von Pfennig! Das hier ist Heller – das ist Zwanziger – wir alle sind Vons, jeder Einzelne von uns! Seid ihr noch nicht entschlossen? Das wird euch aufwecken, mein lieber König Bauch!“
Margarita hörte die Schritte des Schurken – er schien nach einer Gelegenheit zum Angriff zu suchen. Sie eilte in den Flur, trat vor ihren Vater und sagte zu ihrem Angreifer: „Ihr habt nach mir gefragt! Ich bin hier!“
Ihr Gesicht war blass, und ihre Stimme schien aus einem engen Band zu kommen. Sie stand mit dem linken Fuß leicht vorne, ihr ganzer Körper zitterte; ihre Arme waren verschränkt und fest unter ihrer Brust gepresst. Ihre Augen waren stark blau geweitet, ihr Mund aschweißweiß. Ein seltsames Leuchten, als ob ein inneres Feuer unterdrückt würde, lag auf ihrem Gesicht.
„Mein Name ist Schwartz Thier – und so ist auch meine Natur!“, sagte der Kerl mit einem Grinsen. „Aber möge ich niemals wieder mit einem hübschen Mädchen knutschen, wenn ich einer solchen Schaden zufüge…“

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„Eine junge Schönheit wie diese! Freundliches Verhalten – das ist mein Lebensplan.“
„Dann verschwinde aus meinem Haus, Kerl – und hier ist Geld für dich“, sagte Gottlieb und zeigte eine wütend zitternde Handvoll Münzen.
„Pah! Geld! Vierzigmal so viel würde meine Wette nicht decken! Und selbst wenn – sollte ich dann nicht gedemütigt werden, ausgelacht wegen meines sanften Herzens? Nein, ich bin kein Dummkopf und lasse mich nicht hereinlegen. Ich werde mit dem jungen Fräulein sprechen! Schweigen da draußen – alles läuft gut“, rief er seinen Kameraden durch die Tür zu. „Nun, meine schöne Maid! So sieht es aus: Wir haben dich am Fenster gesehen – wie eine frische Rose mit einer goldenen Krone. Hier sind wir armen Kerle, um den Kaiser willkommen zu heißen. Ich begann, dich zu loben. ‚Schwartz Thier!‘, sagte Henker Rothhals zu mir, ‚Ich wette, du bekommst innerhalb von zwanzig Minuten seit dem Ohrfeigen keinen Kuss von diesem hübschen Mädchen!‘ Abgemacht! Das war mein Wort – und wir schlugen unsere Fäuste zusammen. Nun, das ist doch klar! Alles, was ich will, ist, mein Geld nicht zu verlieren und nicht zum Narren gemacht zu werden – ganz zu schweigen von diesem süßen Mund, der mich verrückt macht!“ Er strich sich mit dem Handrücken über sein stoppelbärtiges Kinn. „Komm schon! Zögere nicht! Dir wird nichts geschehen, meine Schönheit – nur ein Kompliment. Schwartz Thier ist dein Freund – und alles andere, was du willst, für immer. Komm, die Zeit ist um.“
Margarita lehnte sich einen Moment lang an ihren Vater, als hätte sie eine schwere Krankheit erfasst. Dann krampfte sie ihre Hände und Füße zusammen und flüsterte ihm ins Ohr: „Lass mich in Ruhe – geh und hol die Männer, damit sie dich beschützen!“ Sie befahl Schwartz Thier, die Tür weit zu öffnen.
Als sie sah, dass Gottlieb sie nicht verlassen wollte, faltete sie ihre Hände und bat ihn inständig. „Der gute Gott wird mich beschützen! Ich werde diesen Männern gewachsen sein. Sieh doch, mein Vater! Sie wagen es nicht, mich auf der Straße anzugreifen – in einem Haus jedoch wagen sie alles.“
Schwartz Thier hatte die Tür geöffnet. Als die Männer Margarita sahen, stießen sie einen Schrei aus.
„Jetzt! Auf die Schwelle – direkt im Blickfeld, meine Schöne! Damit sie sehen können, welch glücklicher Teufel ich bin – und keine Zweifel mehr bezüglich der Übergabe haben.“
Margarita blickte zurück. Gottlieb war immer noch da – jeder Teil seines Körpers zitterte wie ein Sumpf unter einem schweren Stiefel. Sie rannte zu ihm. „Mein Vater! Ich habe einen Plan – wirst du ihn zerstören und mich diesem Ungeheuer übergeben? Du kannst nichts tun – beschütze dich selbst und rette mich!“

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„Köln! Was für ein Tag!“, murmelte Gottlieb, als hätte diese Größe seinen Glauben an die Fakten zerstört; dann zog er sich langsam zurück.
Margarita ging auf die Türschwelle zu. Schwartz Thier wartete dort auf sie, mit ausgestrecktem Arm – sein lüsterner Blick war auf Augenhöhe mit dem ihrer Opfer. Diese grobe Geste der Zuvorkommenheit sollte ihn teuer zu stehen kommen. Während er seinen eisernen Griff um sie legte und bereits im Voraus die Triumphfreuden genoss, schlüpfte Margarita an ihm vorbei durch die Tür und war bereits zwanzig Schritte entfernt, bevor einer von ihnen daran dachte, ihr nachzujagen. Bei dem ersten Hufklappern packte Henker Rothhals die Zügel des Reiters und rief: „Gute Leistung für eine faire Wette! Überlasst alles dem Thier!“ Als Schwartz Thier von seinem Erstaunen wieder zu Sinnen kam, suchte er nach dem alten Gottlieb, um ihm einen Hinterhalt zu legen – so wie Margarita es vorausgesehen hatte. Da er ihn nicht finden konnte, eilte der Mann so schnell wie seine Ausrüstung es zuließ los und sah, wie Margarita rasch über den Domplatz verschwand.
„Nur fünf Minuten, Schwartz Thier!“, riefen einige aus der Gruppe.
„Der Teufel kann seine Arbeit auch in einer Minute erledigen“, antwortete er. Dann schwang er sich auf seinen breitschultrigen Hengst und stach das Tier so heftig, dass Funken sprühten. In einer Minute hatte er Margarita erreicht.
„Na also! Du ziehst es vor, diese Angelegenheit auf dem Platz zu klären. Gut! Meine Liebe!“ Und er sprang zu ihr.
Die Flucht hatte das Herz des jungen Mädchens mit dem Geist der Flucht erfüllt. Sie kauerte wie ein außer Atem geratenes Kaninchen unter der Nase des Hundes und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen. Margarita war nicht leicht, doch Schwartz Thier hob sie mühelos hoch, als würde er ein Tuch in die Luft werfen.
„Seht alle her und zeugt davon!“, rief er und hob den anderen Arm.
Henker Rothhals und die anderen aus der Gruppe kamen gelassen wie Schiedsrichter zum Ort des Geschehens – doch sie sahen etwas ganz anderes, als Schwartz Thier vorgesehen hatte. Es war der Anblick eines mächtigen Stabs, der einen feindlichen „Halo“ über dem Kopf des Thiers schuf und mit solcher Entschlossenheit auf ihn niederfuhr, dass der Thier ohne Widerstand seiner Kraft nachgab. Gleichzeitig hallten Schlag und Fall durch den Platz. Gleichzeitig war da noch der Träger dieses mächtigen Stabs…

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Die Logik überwältigte Margarita – sie rief auf dem Platz dazu auf, dass alle wahren Männer ihm zur Seite stehen sollten, um ein Mädchen aus den Klauen von Räubern und Entführern zu befreien. Eine Menge sammelte sich, doch es schien, als betrachteten die Leute den von den Reitern gebildeten Kreis als etwas Magisches; nur einer, ein schöner, schlanker junger Mann, trat vor und stellte sich neben den Fremden.
„Nimm du das Mädchen – ich bleibe bei meinem Stab“, sagte dieser letztere. Seine Sprache war unklar, als wäre er in einem fremden Land unter alten Wurzeln und Wolfshöhlen – dort hatte er bereits einige Zähne verloren, weshalb er vorsichtig mit den restlichen umging.
„Kann es wirklich Margarita sein!“, rief der junge Mann, beugte sich zu ihr hinunter und rief: „Margarita! Fräulein Groschen!“
Sie öffnete ihre Augen, zitterte und sagte: „Ich hatte keine Angst! Bin ich sicher?“
„Solange ich lebe – und dieser gute Freund hier – bist du sicher.“
„Wo ist mein Vater?“
„Ich habe ihn nicht gesehen.“
„Und du – wer bist du? Verdanke ich das dir?“
„Oh! Nein! Du schuldest mir nichts.“
Margarita blickte sich hastig um – zu ihren Füßen lag der Thier, dessen Stahlhelm im Licht glänzte; drei Blutströme flossen über seine gefleckte Stirn. Sie sah wieder den jungen Mann an – Röte des Erkennens überzog ihre Wangen.
„Ich kannte dich nicht. Verzeih mir. Farina! Welche Dankesworte können solchem Mut entsprechen? Sollen wir gehen?“
Der junge Mann blickte sie einen Moment lang an, fasste sich dann wieder, musterte die Situation kurz und rief dem Fremden zu, er solle folgen und dabei helfen, das junge Mädchen sicher nach Hause zu bringen.
In diesem Moment brüllte Henker Rothhals: „Die Zeit ist um!“ Daraufhin antwortete ihm ein Chor aus Zustimmungsrufen der Soldaten. Bisher hatten sie geduldig ihre Rolle als Zuschauer gespielt, regungslos auf ihren Pferden sitzend. Der Angriff auf den Thier gehörte zum Spielplan – doch nun schien das Schicksal auf Henker Rothhals’ Seite zu stehen. Plötzlich entstand große Unruhe unter den Soldaten. Der Fremde erkannte ihre Absichten sofort, als er seinen mächtigen Stab hob, um erneut zuzuschlagen – diesmal zur Verteidigung. Rothhals sowie noch ein halbes Dutzend andere trieben ihre Pferde sofort an…

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Sie ritten auf ihn zu. Sie hatten die Länge sowie die Wirksamkeit der Waffe ihres Gegners nicht berücksichtigt. Kaum waren sie in Bewegung, sauste die Waffe bereits heran und streifte mit präziser Genauigkeit die Nüstern ihrer Pferde – ein Zeichen dafür, dass der Schütze Erfahrung im Umgang mit dieser Waffe hatte. Zwei Pferde wurden dadurch zu Boden geworfen, darunter auch Rothhals. Er fiel schwer zu Boden und zeigte Anzeichen dafür, genauso kampfunfähig zu sein wie der Thier. Aus der Menge ertönte Jubel – doch er blieb unvollständig. Der Anführer ihrer Gruppe wurde von einem Mann aus der Truppe zu Boden gestoßen. Der Fremde rief nach seinem Schutzheiligen, dem Heiligen Georg, und begann systematisch, einen freien Weg für sich zu schaffen. Mehrere Reiter versuchten, mit ihren langen Zweihandschwertern nach seinen Armen zu schlagen – doch die Pferde konnten nicht noch einmal zum Rand des magischen Kreises gebracht werden. Da das Blut dieser Krieger bereits überall war, griffen sie nun zu Fuß an. In ihrer Wut hätten sie die drei Männer leicht überwältigen können – trotz der Autorität der Behörden in Köln – wären da nicht Rufe wie „Werner! Werner!“ ertönt. Am südwestlichen Ende des Platzes, mit Blick auf den Rhein, ritt der Raubbaron in voller Rüstung – Helm und Kettenhemd –, begleitet von einem einzigen Diener. Offenbar hatte er den Kampf bemerkt. Entweder erkannte er seine eigenen Leute oder suchte einfach seine natürliche Umgebung – jedenfalls eilte er herbei, um seinen Anteil am Kampf zu erhalten – normalerweise die Rolle des „Königs der Bestien“. Sein erster Ruf galt Schwartz Thier. Die Männer machten Platz – und er sah, dass sein Mann keineswegs in der Lage war, militärisch zu reagieren. Er rief nach Henker Rothhals – wieder öffneten die Männer stumm ihre Reihen und zeigten ihm die beiden Männer, die in verschiedene Richtungen ausgestreckt lagen, mit den Füßen in einer gemeinsamen Richtung. Der Baron starrte wütend drein, zog dann seinen gepanzerten Handschuh aus und steckte ihn sich in den Mund. Alles, was man hörte, war ein raues Gemurmel von Flüchen. Dann ertönte die Frage: „Wer war es?“ Margaritas Augen waren geschlossen. Entsetzt öffnete sie sie wieder. In Warners wütendem Geschrei mischten sich unheimliche und komische Geräusche – es klang wie das Gebrüll eines klagenden Bären, das von drohendem Groll bis zu jämmerlichem Weinen reichte. Noch nie in ihrem Leben hatte Margarita solche Angst erlebt. Ein halber Lachanfall entwich ihren zitternden Lippen. Sie starrte Werner an – doch Farinas Arm umschloss sofort ihre Taille. Der Fremde fing ihr Lachen auf – laut und herzhaft.

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„Was den Täter angeht, Herr Baron“, rief er in fröhlichem Ton, „so bin ich es!
Falls Sie wissen möchten, warum – und das liegt an Ihnen und mir beiden –
kann ich nur sagen: Der Kerl da drüben hat sich mit dieser friedlichen Maid hier ohne ihre Zustimmung vergnügt – ein Verbrechen, für das auf meiner Insel eine ordentliche Strafe fällig ist. Ich versichere allen Anwesenden…“ Er nickte kurz in die Runde. „Was den anderen dort angeht, der aussieht, als wäre ihm einmal ein Seil um den Hals gelegt worden und er hätte seine Pflicht vernachlässigt – der hält seine Bezahlung dafür, dem Teufel bei seinen Machenschaften zu helfen. Genau wie jeder andere Junge hier, der es wagt, es zu versuchen.“
Werner selbst hätte ihm wahrscheinlich die Arbeit gegeben, die er wollte; doch sein Blick hatte für einen Moment Margarita gestreift, und das kaum unterdrückte Klatschen der Menge bei den Worten des Fremden brachte seinen Zorn dieses eine Mal nicht zum Ausbruch.
„Wer ist das Mädchen?“, fragte er laut.
„Fräulein von Groschen“, antwortete Farina.
„Von Groschen! Die Tochter von Gottlieb Groschen? – Schurken!“, brüllte der Baron und wandte sich an seine Männer. Es ergoss sich eine Flut schmutziger Flüche und Drohungen, die Henker Rothhals, der seine Augen geöffnet hatte, wieder schließen ließ – als wäre er bereits an einem Ort der Qualen.
„Leihen Sie mir nur Ihren Stab, Freund“, rief Werner.
„Nicht ich! Schlagen Sie sie mit Ihrem eigenen Stock“, antwortete der Fremde und trat einen Schritt zurück.
Werner runzelte seine buschigen Brauen und schien von den widersprüchlichen Impulsen seines Zorns zerrissen zu werden. Er packte die Mähne seines Pferdes und schlug darauf ein, bis das prächtige Tier vor Schmerzen in die Höhe sprang.
„Ihr werdet keine Nacht überleben, ihr Schurken! Ich werde euch alle aufhängen, ihr Söhne von Hexen! Meine letzten Befehle waren: Bleibt still in der Stadt, ihr Teufelsbrut! Nehmt das! Und das!“ Er schwang sein Schwert auf sie. „Verschwindet und bringt diese beiden Schweine schnell aus den Augen – sonst nehme ich ihnen den Kopf ab und sorge dafür, dass sie bestraft werden.“
Dieser Befehl entsprang strategischen Überlegungen, denn am Anfang der Hauptstraße war das Glänzen der Stadtwache zu sehen – sie marschierten mit Speeren in den Händen.
„Mädchen“, sagte Werner mit ernstem Gesicht, „lass mich dich zu deinem Vater bringen.“

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Margarita antwortete nicht; doch reichte sie Farina ihre Hand und trat einen Schritt näher an den Fremden heran.
Werners Augenbrauen wurden dunkel.
„Genug, um dich zu retten, schöne Maid“, murmelte er heiser. „Dankbarkeit war noch nie eine Fraueneigenschaft. Sag deinem Vater, dass ich mir Ausreden für das Verhalten meiner Männer einfallen lassen werde.“
Daraufhin warf der Baron einen gelangweilt verächtlichen Blick auf die Wachen, die im letzten Licht des Tages herankamen, zuckte mit seinen riesigen Schultern – in einer Geste, die alle möglichen Arten des verächtlichen Gehabes ausdrückte – steckte einen Arm mit dem Lederbesatz in seine Seite und ging in gemächlichem Tempo davon.
„Amen!“, rief der Fremde und stützte sich auf seinen Stock. „In meinem alten Land gibt es zwar Barone – aber niemals ein brutales Ungeheuer in Rüstung.“
Margarita stand vor ihm und nahm seine beiden Hände.
„Du wirst mit mir zu meinem Vater kommen! Er wird dir danken. Ich kann es nicht. Wirst du kommen?“
Tränen und Seufzer der Erleichterung kamen über sie.
Die Stadtwachen, als sie Werners furchterregenden Rücken sahen, beschleunigten ihren Schritt und kamen nun keuchend heran, während der Fremde lächelnd unter einer neuen Flut unschuldiger Zärtlichkeiten stand. Margarita wurde an die Brust ihres Vaters gedrückt.
„Du wirst dafür Rache bekommen, mein Liebling“, rief der alte Gottlieb zwischen den Umarmungen.
„Fürchte dich nicht, Vater – sie werden bestraft“, sagte Margarita und erzählte von den Heldentaten des Fremden, indem sie ihn zu einem zweiten Siegfried erhob. Die Wachen jubelten ihm zu, verfolgten den Baron jedoch nicht.
Der alte Gottlieb grüßte ohne Zögern den erstaunten Helden mit einem Kuss auf jede Wange.
„Mein bester Freund! Du hast meine Tochter vor Demütigung gerettet! Komm mit uns nach Hause – wenn du glauben kannst, dass es ein Zuhause gibt, in dem Wölfe uns bedrohen und unsere Lieben direkt vor unserer Haustür wegreißen. Komm, damit wir dir wenigstens unter einem Dach danken können. Meine kleine Tochter – ist sie nicht ein tapferes Mädchen?“
„Sie ist nichts Geringeres als die weiße Rose Deutschlands“, sagte der Fremde und neigte sich lächelnd zu Margarita hinunter.
„So wird sie auch genannt“, rief Gottlieb. „Sie ist es wert, eine Frau zu sein!“

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„Dann wären die Männer die Verlierer – mehr, als sie ertragen könnten“, antwortete der Fremde mit hellem Lachen.
„Komm, guter Freund“, sagte Gottlieb; „du brauchst sicherlich etwas zu trinken und zu essen. Beweise mit deinem Appetit, dass du ein wahrer Held bist. Wie Karl der Große zum Erzbischof Turpin sagte: ‚Ich habe die Welt erobert, weil die Natur mir einen starken Magen gegeben hat; denn überall ist das Zeichen der Unterwerfung ein schwacher Magen.‘ Kommt, alle – es war trotzdem ein guter Tag!“

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Der silberne Pfeil
Vor Gottliebs Haus hatten sich einige der führenden Bürger Kölns spontan versammelt, um ihm ihr Beileid auszusprechen. Als er näher kam, erhoben sie laute Glückwünsche. Die Gefolgsleute Werners zeigten starke Ausdrücke des Abscheus und der Verachtung – mit diesen Worten drückten die ehrenwerten Bürger ihre Empörung aus; denn die Beleidigung gegenüber Gottlieb galt als Beleidigung aller. Die Steuern am Rhein waren schon schlimm genug; doch dass die Banden dieser Räuber bis in die Häuser freier und friedlicher Menschen vordringen konnten, die treue Untertanen des Kaisers waren, zeigte, dass das Böse nun wirklich überhandgenommen hatte. Dies musste nun, wie es sich für die Bürger des alten Kölns gehörte, durch gemeinsame Anstrengungen beseitigt werden.
„Herein, ihr alle!“, sagte Gottlieb und lächelte breit. „Wir werden das drinnen besprechen. In der Zwischenzeit möchte ich euch einen Helden vorstellen – einen echten Menschen, keine Fantasiegestalt! Einen ehrlichen Mann – etwas Seltenes, meine Herren. Alles zum Wohle eines guten Rheinweins aus der Gegend um Bacharach. Kommt herein, willkommen, Freunde!“
Gottlieb führte den Fremden unter die alten, geschnitzten Eichentore. Die Übrigen folgten ihm respektvoll nach. Um diese mangelnde Höflichkeit wiedergutzumachen, stellte sich Margarita ganz ans Ende der Prozession. Vielleicht hatte sie noch einen anderen Grund dafür – sie nutzte die Gelegenheit, Farina etwas zuzuflüstern. Dadurch wurde sein Gesicht schnell rot. Er schien stumm protestieren zu wollen; doch sie signalisierte mit einer Geste des Schweigens, dass sie das Gespräch beenden wollte. Er senkte wieder den Kopf. Auf der Türschwelle blieb sie einen Moment stehen und neigte nachdenklich den Kopf, als wäre sie von Erinnerungen bewegt. Der junge Mann war bereits ein paar Schritte weggegangen. Margarita blickte ihm nach. Seine Arme waren gestreckt, seine Hände zu Fäusten geballt. Er sah aus, als würde er gegen die Fesseln einer Kette ankämpfen, die plötzlich Stück für Stück nachgab.
„Farina!“, rief sie und eilte zu ihm zurück. „Farina! Glaubst du nicht, dass ich undankbar bin? Ich kann meinem Vater in der Menge nicht sagen, was du für mich getan hast. Er wird es erfahren. Er wird dir danken. Im Moment versteht er dich nicht, Farina. Aber er wird es tun. Sei nicht so traurig. Ich hätte dir so viel zu sagen.“

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So vieles ging ihr durch den Kopf, dass ihr jungfräuliches Herz unruhig wurde und sie warnte, vorsichtig zu sein. Der junge Mann stand da, als würde er auf den Gesang einer Nachtigall aus dem alten Wald lauschen – nachdem der erste süße Klang ihrer Stimme an sein Ohr gedrungen war. Als sie schwieg, blickte er in ihre Augen. Sie waren nicht mehr tief und ruhig wie Waldseen; das zarte, leuchtende Blau darin zitterte, als trüge es einen Funken der Seele des jungen Mädchens, im Licht des aufgehenden Mondes.
„Oh, Margarita!“, sagte der junge Mann in Tonfallen, die in Seufzer übergingen: „Was kann ich tun, um deine Dankbarkeit zu gewinnen – selbst wenn ich dafür mein Leben opfern müsste!“
Er nahm ihre Hand, und sie zog sie nicht zurück. Zweimal berührten seine Lippen diese reinen Finger.
„Margarita: Verzeih mir! Ich hatte so lange keine Hoffnung mehr. Ich habe deine Hand geküsst, du Liebste unter Gottes Engeln!“
Sanft hielt sie ihre weiße Hand fest, die er drückte.
„Margarita! Ich dachte, ich würde vor dem Tod niemals dieses heilige Glück erfahren. Ich werde bereits jetzt für alle Schmerzen belohnt, die vor meinem Tod kommen werden.“
Sie warf ihm einen Blick voll vertrauenserweckender Zärtlichkeit zu – für den jungen Mann war das wie das geöffnete Tor zum unschuldigen Garten ihres Herzens.
„Verzeihst du mir, Margarita? Darf ich dich meine Geliebte nennen? Soll ich für dich kämpfen, warten, beten, hoffen – für dich, mein Stern des Lebens?“
Ihr Gesicht strahlte solche Güte aus!
„Liebster! Ein Wort nur! – Oder sag gar nichts, bleib einfach hier und rühre dich nicht. Du bist so schön! Oh, könnte ich hier vor dir knien, dich verehren, diese weiße Hand für immer anbeten…“
Die Röte wich aus ihren Wangen – wie ein glückseliges Rot, das hinterließ eine reine Blässe. Mit geraden Augenbrauen blickte sie ihn an, ihr Busen hob sich immer schneller. Sie kämpfte gegen den Zauber an, der auf ihr lag – und ließ schließlich ihre Hand los.
„Ich muss gehen. Ich kann nicht bleiben. Verzeihst du mir? Wer könnte nicht stolz auf deine Liebe sein! Auf Wiedersehen!“
Sie drehte sich um, um zu gehen – blieb aber einen Schritt von ihm entfernt stehen, berührte hastig ihre Brust sowie ihre Hände, als würde sie nach einem Broschen oder Ring suchen. Dann errötete sie, zog den silbernen Pfeil aus ihren goldenen Zöpfen über ihrem Hals, reichte ihn ihm und verschwand.

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Farina umklammerte den Schatz und stolperte auf die Straße hinaus. Ein Dutzend Nachbarn hatte sich vor der Tür versammelt.
„Was ist jetzt im Haus von Meister Groschen los?“, fragte einer, als er zu ihnen trat.
„Los?“, rief der vom Glück berauschte junge Mann aus, griff nach diesem Wort und versank in Träumereien. „Es gibt keine größere Freude! Es ist ein Paradies hier drinnen – doch draußen herrscht Verbannung. Doch welche Verbannung! Eine Sterne am Himmel, die den Weg erhellt und dem Verbannten Trost spendet!“ Er lockerte seine Weste und umarmte den kalten Gegenstand auf seiner Brust.
„Was redest du da für Unsinn, Kerl?“, rief ein anderer. „Kannst du nicht wie ein Christ antworten auf diese Schreie – du, der du gerade aus dem Haus gekommen bist? Da sind wieder Schreie! Es ist eine Frau. Bei allen Donnerschlägen! Das klingt wie die Stimme von Frau Lisbeth. Was mag mit ihr geschehen sein?“
„Vielleicht brennt das Haus“, schlug jemand kühl vor.
„Das Haus! Die Frau, Mann – die Frau!“
„Ah!“, antwortete ein anderer, ein alter Einwohner Kölns, und schüttelte den Kopf. „Das Haus ist doch das Wichtigste!“
Farina, der nun wieder zu Sinnen kam, hörte Schreie, die er auf die Angst von Tante Lisbeth zurückführte – sie fürchtete die Bosheit des anderen Geschlechts und war außerdem beunruhigt durch die Ankunft der zahlreichen Gäste von Old Gottlieb. Um seine Vermutung zu bestätigen, erschien sie bald darauf und hing halb aus einem der oberen Fenster, während sie verzweifelt um Hilfe bei der Heiligen Ursula flehte. In seinem Herzen dankte er der alten Dame dafür, dass sie ihm einen Vorwand gegeben hatte, erneut ins Paradies einzudringen. Doch bevor die Liebe ihm helfen konnte, wurde Frau Lisbeth gepackt und gnadenlos fortgeschleppt – und er sowie der rosafarbene Raum wurden gemeinsam in Dunkelheit gehüllt.
Farina ging zweimal zum Rhein – und genauso oft kehrte er zurück. Es war schwer, von ihr getrennt zu sein. Noch schwieriger war es, in ihrer Nähe zu sein, ohne ihr nahe zu kommen. Sein Herz brannte vor Eifersucht auf den Fremden. Alles drohte, seine zerbrechliche, doch erhabene Welt des Glücks plötzlich zu zerstören. Doch wenn er daran dachte, dass seine Hand auf dem silbernen Pfeil lag, strahlte sein Gesicht auf – und Ruhe kehrte in seine Brust zurück. „Es war ihre Treue mir gegenüber“, sann der junge Mann. „Sie liebt mich! Sie traut ihrem offenen Herzen nicht, um es auszusprechen. Oh, großzügiges junges Mädchen! Was wage ich mir denn zu erhoffen?“

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Ein solcher Preis? Ich kann doch niemals würdig sein. Und sie ist jemand, der, wenn er sein Herz gibt, alles gibt. Kenne ich sie denn nicht? Wie entzückend sie aussah, als sie dem Fremden dankte! Der Blauton ihrer Augen, dieses warm leuchtende Blau, schien auf ihren geschlossenen Lidern noch intensiver zu werden – wie die Dankbarkeit des Himmels. Ihre Schönheit ist wunderbar. Welche Überraschung also, dass er sie liebt? Ich würde ihn für einen Edelmann halten – es gibt schließlich Edelleute von hohem und niedrigem Stand.

So sann Farina mit verschränkten Armen und übereinandergeschlagenen Beinen im Schatten von Margaritas Zimmer. Allmählich fiel er in eine Art trügerischen Dämmerzustand. Die Häuser wurden mit silbernen Pfeilen markiert. Überall auf den Steinen der Kathedrale tanzten und funkelten diese Pfeile. Am Himmel herrschte ein chaotisches Durcheinander aus fliegenden und fallenden Pfeilen. Farina sah sich selbst im Dienste des Kaisers, wie er diese Zeichen beobachtete und darauf wartete, morgen Ruhm und Ehre für Margarita zu erringen. Gerade als Ruhm und Ehre bereits gewonnen schienen und der alte Gottlieb sie gerade väterlich segnen wollte, weckte ein grobes Klopfen ihn aus diesem wunderbaren Mondtraum.

„Held am Tag! Wachmann in der Nacht! Das erzählt eine Geschichte“, sagte eine fröhliche Stimme.

Der Mond schien auf den Platz und die Straßen vor der Kathedrale herab, und Farina sah den Fremden vor sich stehen – groß und rotwangig. Zuerst wollte er sich über diese unverschämte Art des Umgangs ärgern, doch das Gesicht des Fremden hatte jene sanftmütige, ehrliche Ausstrahlung, die, wie die Sonne, überall ihr eigenes Gutes widerhallen lässt.

„Sie haben recht“, antwortete Farina. „So ist es tatsächlich!“

„Drinnen gibt es schöne Weine – und ein seltenes junges Mädchen. Sie hat eine Stimme wie eine Nachtigall, und mehr Lieder auf Abruf als ein Flötenspieler in seiner Börse. Wenn ich nur keine Frau zu Hause hätte…“

„Sie sind verheiratet?“, rief Farina und ergriff die Hand des Fremden.

„Sicherlich. Meine Frau kann durchaus mit den mutigsten Frauen hier konkurrieren – glauben Sie mir.“

Farina unterdrückte den Drang, einige der Tollheiten zu machen, die aus heftiger Freude entstehen. Nachdem er ein paar Mal hin- und hergelaufen war, beschloss er, seinem Geheimnis dem Fremden anzuvertrauen.

„Schauen Sie“, flüsterte er – ein Flüstern, das die Türen zum Vertrauen öffnet. Doch der Fremde wiederholte dieses Wort noch eindringlicher und lenkte Farinas Blick auf ein paar dunkle Gestalten, die unter der Kathedrale herumliefen.

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„Es steht viel auf dem Spiel, wenn Wölfe umherstreifen“, fügte er hinzu. „Es sind jetzt noch zwei Stunden bis Mitternacht. Ich bezweifle, dass unsere Arbeit für den Tag vorbei ist, bevor wir das Läuten hören, mein Freund.“
„Welches Interesse haben Sie an den Menschen dieses Hauses, dass Sie sie so im Auge behalten?“, fragte Farina.
Der Fremde unterdrückte ein Lachen in seinem Bart.
„Eine seltsame Frage, wirklich. Erstens: Wir mögen es, wenn wir gute Arbeit geleistet haben. Das zählt schon etwas. Zweitens: Ich habe in diesem Haus bereits Brot gegessen – das muss auch mitgerechnet werden. Drittens: Wenn man alles zusammenzählt, dann liegt die Gesamtsumme zu Ihren Diensten, junger Herr.“
Farina beobachtete ihn genau. Auf seinem Gesicht gab es keinen Platz für List oder Misstrauen. Er ergriff die Hand des Fremden.
„Sie nannten mich gerade Freund – machen Sie mich doch zu Ihrem Freund. Ich wollte sagen: Ich liebe dieses Mädchen! Ich würde für sie sterben. Ich liebe sie schon lange. Heute Nacht hat sie mir bewiesen, dass meine Liebe nicht vergeblich ist. Ich bin arm – sie ist reich. Ich bin arm, aber mit dem, was sie mir gegeben hat, fühle ich mich reicher als der Kaiser! Schauen Sie – das ist dieser silberne Pfeil, den unsere deutschen Mädchen in ihre Haare stecken!“
„Ein wirklich hübsches Stück heidnischer Schmuck!“, rief der Fremde aus.
„Dann wollte ich sagen – sagen Sie mir, Freund, wie man schnell Ruhm und Reichtum erlangen kann; es ist mir egal, wie groß das Risiko ist. Nur für Reichtum oder einen hohen Adelstitel wird ihr Vater sie geben!“
Der Fremde strich sich nachdenklich über den Schnurrbart – eine Geste der Mitleidigkeit, die Ältere zeigen, wenn junge Männer davon sprechen, die Welt für ihre Geliebten zu erobern. Tatsächlich ist das eine bemerkenswerte Gelassenheit!
„Die Dinge sehen hier bezüglich des Mädchens ziemlich gut aus – ich würde sagen, warten Sie eine Weile und nutzen Sie Ihre Chance. Aber Sie sind ein mutiger Junge: Ich diene in der Armee des Kaisers, unter meinem Herrn. Der Kaiser wird in drei Tagen hier sein. Wenn Sie wirklich dazu bereit sind, dann glaube ich, dass Sie eine gute Position bekommen können. Aber passen Sie auf – da drüben lauern zwei Männer. Heiraten Sie – vielleicht können Sie schon heute Nacht Ihre Auszeichnungen erhalten. Wer weiß?“
„Können Sie in den dunklen Schatten hineinschauen, Sir Squire?“

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„Ach! Dank eurer steirischen Verliese, in denen ich ein Jahr lang als Lehrling verbrachte:
‚Ich lernte, den Ratten und Mäusen zuzusehen, wie sie spielten – ohne dass eine Kerze nötig war. Sie spielten so gut, sangen so schön; sie nannten mich Kamerad, nannten mich Freund!‘“
So lautet die Ballade über die Gefangenschaft unseres rotbärtigen Königs. Jedes Böse hat auch sein Gutes:
„Wenn unsere Zehen und Kinne nach oben zeigen, machen giftige Pflanzen den süßesten Trunk“, flüstern uns die Alten zu, wenn wir krank sind. Heigho! Wenn doch nur ich wieder auf der kleinen Insel zu Hause wäre – obwohl das wohl nur ihr Willkommenslied für mich wäre, da ich Christ bin.
„Sag mir deinen Namen, Freund“, sagte Farina.
„Mein Name ist Guy, junger Mann – mein Titel ist Habicht. Guy der Habicht! So nannten sie mich in meinem fröhlichen Land. Die Mütze passt nicht mehr, dann muss man sie abnehmen. Dann schoss ich meinen Pfeil ab – und schon lag mein Feind am Boden, bevor er auch nur eine Feder bewegen konnte. Welcher Spitzname würde mir nun passen?
‚Eine solche Veränderung – so traurig und so schlecht – könnte sowohl Christen als auch Heiden zum Seufzen bringen: Veränderung ist ein Fluch, denn alles wird nur schlimmer: Das Alter kriecht heran, während die Jugend vorbeifliegt!‘“
Und so weiter, mit dem alten Lied. Aber hier bin ich – und dort drüben gibt es etwas, das belästigt werden muss; also werden wir einfach mal dort herumschnüffeln.
Er überquerte die Straße, und Farina folgte ihm aus dem Mondlicht hervor. Die beiden Gestalten sowie die größere von ihnen beobachteten offensichtlich sie – denn auch sie änderten ihre Position und verschwanden hinter einer Ecke der Kathedrale.
„Sag mir, wie die Straßen um die Kathedrale herum verlaufen – du kennst ja die Stadt“, sagte der Fremde und streckte seine Hand aus.
Farina zeichnete mit seinem Finger eine grobe Karte der Straßen auf die Hand des Fremden.
„Gut! So markiert mein Herr immer das Schlachtfeld und lässt mich ihm die Stellungen des Feindes zeigen. Vorwärts, in diese Richtung!“

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Er wandte sich von der Kathedrale ab, und beide glitten dicht unter den Dachfirsten sowie den Vorderteilen der Häuser entlang. Keiner von ihnen sprach. Farina hatte das Gefühl, in den Händen eines geschickten Anführers zu sein, und bedauerte nur den Mangel an einer Waffe, um die geplante Überraschung durchzuführen; denn er erkannte deutlich, dass es sich um Männer aus Warners Bande handelte, die Wache hielten. Sie durchquerten unzählige Kreuzungen enger Straßen mit unregelmäßig gebauten Häusern, die in Reihen standen oder schief aufragten – hier ein malerisches Haus mit kunstvollen Balkenkonstruktionen, dort fast ein Herrenhaus mit vergoldeten Verzierungen. Unbeleuchtete Öllampen hingen in regelmäßigen Abständen an den Ecken, in der Nähe eines blassen Christus am Kreuz. Auf den Gängen brannten Lichter. Die Gänge und Gassen waren zu düster und eng, als dass der Mond in seiner hellsten Pracht hindurchdringen konnte; nur ein schmaler Streifen weißes Licht konnte die Straßen erhellen. „Im Namen der Vernunft“, so sagten die guten Bürger Kölns, „ist das genug für diese heidnischen Hunde und Söhne der Sünden, die draußen sind, während Gottes eigenes gesegnetes Licht ausgeht.“ Wenn also der Mond schien, wurde der Ölverbrauch für die Kölner Staatskasse eingespart – was wiederum die Tugendhaften zufriedenstellte.

Nach endlosem Umherwandern, dem Lauschen auf Schritte sowie dem Entkommen vor einer Verfolgung, die durch ihre verdächtigen Bewegungen ausgelöst wurde, kamen sie zum Rhein. Ein reichliches Maß an Mondlicht ließ den „ritterlichen“ Fluss in funkelnden Schuppen, Platten und Ringen erstrahlen, während er unaufhaltsam ins Meer strömte – weg von den Felsen und den Symbolen des alten Rittertums und der Plünderung. Beide begrüßten dieses Bild mit Freude. Der graue Nebel über den Südufern glänzte angenehm in ihren Augen – er stammte aus jener schlafenden Menschenmenge und den dichten Wohngebieten. Doch die feierliche Pracht des Flusses, der unbeeindruckt und leidenschaftlich weiterfloss, als ob er in einer erhabenen Unterhaltung mit dem Himmel stünde, rührte Farinas begeistertes Herz tief. Der junge Mann konnte seine Tränen nicht zurückhalten – als hätte ihn eine Zauberstange berührt. Er zitterte vor Liebe; jenes zarte Glück, das die jungfräuliche Hoffnung uns zuerst wie silberner Regen schenkt, wenn sie die Gestalt einer schönen jungen Frau annimmt und uns ihre schöne, flüchtige Hand reicht, umarmte ihn zärtlich.

Als sie in den Bereich des Mondlichts traten, hielt ein Ruf des Fremden Farina auf.
„Siehst du? Dort am Ufer! Das ist er – der Größte von den Dreien. Aber wir werden ihn kriegen.“

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In einen langen Umhang gehüllt, mit einer niedrigen, spitzen Mütze sowie einer Feder auf dem Kopf, stand die beschriebene Person. Er schien über den Fluss der Wassermassen nachzudenken, ohne sich der feindlichen Präsenzen bewusst zu sein – oder sie einfach ignorierend. Seine Haltung und seine Ausstrahlung verliehen ihm eine Würde, die dazu führte, dass die beiden vorsichtiger und respektvoller vorgingen, als ihr erster Impuls es ihnen geraten hätte. Sie konnten seine Gesichtszüge nicht erkennen – sie waren hinter üppigen Falten verborgen – außer einem Paar sehr seltsamer Augen, die, selbst wenn sie direkt nach unten blickten, den Eindruck machten, als wären sie mit unruhigem, flammendem Fluid gefüllt.

Die beiden waren ganz in seiner Nähe: Guy der Habicht bereitete sich auf einen dieser tödlichen Angriffe auf den Feind vor – Angriffe, die ihm seinen Titel eingebracht hatten. Er sah Farina stumm an; sie nickte zustimmend. Doch im nächsten Moment entfuhr dem Jungen ein Schrei des Schmerzes: „Verloren! Weg! Wo ist es? Wo ist der Pfeil? Der Silberpfeil! Meine Margarita!“

Bevor die Echos seiner Stimme in der Ferne verhallten, befanden sie sich allein auf dem Steg.

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Die Lilien des Tals
„Er öffnete sich wie eine Fledermaus!“, sagte der Fremde.
„Sein Schatten war rot!“, sagte Farina.
„Er verschwand wie ein Pfeil!“, sagte der Fremde.
„Oh! Pfand meiner jungen Liebe – wie könnte ich dich verlieren!“, rief der junge Mann; seine Augen waren von Tränen gefüllt.
Guy der Habicht schüttelte ernst seine braunen Locken.
„Bringt mir einen Mann – dann werde ich mich ihm stellen, wer auch immer er ist, wie ein Mann. Doch dieser Kerl hat etwas Unheimliches an sich, wirklich! Sein Blick brennt mir den Rücken hinunter und lässt meine Fingerspitzen kribbeln. Jesus, rette uns!“
„Rette uns!“, wiederholte Farina mit der Stimme einer erloschenen Seele.
Sie machten das Kreuzzeichen und reinigten den Ort mit heiligen Formeln.
„Ich habe ihn endlich gesehen – möge es das letzte Mal sein! Das ist mein Gebet, im Namen der Jungfrau und der Dreifaltigkeit“, sagte Guy. „Und nun kehren wir um: Vielleicht finden wir dein Schmuckstück wieder – doch ich bin heute Nacht nicht mehr fähig, irgendeine Arbeit zu verrichten.“
Belastet von diesem schrecklichen Erlebnis gingen die beiden erneut hinter die Kathedrale. Farinas hungrige Blicke verfolgten jede Spur ihrer Fußabdrücke. Dort, wo der Mond kein Licht spendete, kniete er nieder und suchte mit der verzweifelten Geduld eines Geizhalses nach seinem verlorenen Schatz – indem er langsam seine Hand über den steinernen Rand sowie zwischen die Ritzen der dicht liegenden Steine führte, wie ein Wurm mit feinen Sinnen. Verzweiflung lastete schwer auf seiner Brust. Bei jeder Biegung bat er um Hilfe bei irgendeinem heiligen Mann und durchging alle Mittel, die ihm seine Vorstellungskraft und sein religiöses Wissen einfielen. Schließlich erreichten sie das Ende der Straße, in der Margarita wohnte. Der Mond neigte sich immer weiter nach unten – blasser, als wäre er von einem Zeichen des Morgengrauens berührt worden. Kalte Seufzer aus der offenen Landschaft drangen durch die Gassen der Stadt. Auf einigen farbig gestrichenen Dächern und Holzfassaden blieb das weiße Licht zurück.

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Doch meist waren die Häuser im Dämmerlicht verborgen, und Gottliebs Haus vermischte sich im Zwielicht mit denen seiner Nachbarn – obwohl es an Pracht sowie an der alten Großartigkeit seines hölzernen Bauwerks übertraf. Sie beschlossen, wieder dort Stellung zu beziehen, und gingen weiter. Farina hielt den Kopf gesenkt, während Guy die Nase in die Luft reckte, als wäre er durch seinen Geruchssinn beunruhigt. Auf dem Fensterbrett eines gut erhaltenen Hauses stand ein Blumentopf – eine einfache Erdbaukonstruktion in Form eines Flussboots – in dem einige Tallilien wuchsen, deren weiße Blüten über die Ränder hingen. Der Habicht blickte sie sehnsüchtig an. „Ich muss diesen wunderbaren Blumen nachspüren, wenn ich gerettet werden will!“, rief er und stampfte entschlossen mit seinem Stock auf den Boden. Bewegt von diesem Ausruf blickte Farina zu ihnen auf. „Wie sehr sie einer Gruppe von Jungfrauen gleichen, die in diesem ‚Boot des Lebens‘ treiben!“, sagte er. Guy betrachtete neugierig Farina und den Blumentopf, zuckte mit den Schultern und stieg mit Hilfe seines Gefährten auf dieselbe Höhe wie der Topf, ergriff die Blumen und stieg wieder herab. „Da“, rief er zwischen langen, genüsslichen Schnüfflern, „das vertreibt ihn schneller aus der Nase als alles andere – der Duft einer frischen, jungfräulichen Blume! Bis jetzt wurde ich vom Gestank der Verdammten gequält, die unter mir aufstiegen. Das ist wohl der Duft des Himmels selbst!“ Und Guy atmete den Duft der Blumen ein und sprach sanft zu ihnen. „Sie haben eine melancholische Süße, mein Freund“, sagte Farina. „Mir kommt es so vor, als würden flüsternde Feen, Elfen und Zwerge durch meinen Körper streichen, wenn ihr Duft mich erreicht. Nicht wahr?“ „Nein – und das wird auch so bleiben, bis mein Verstand völlig zerstört ist“, antwortete der Habicht. „Für mich ist es eine ehrliche Blume. Wenn ich der jungen Frau, die sie dort gepflanzt hat, einen Dienst erweisen könnte, würde ich damit einen bereits erwiesenen Dienst zurückzahlen. Denn wenn diese Blume heute Nacht nicht gegen den Teufel in meiner Nase gekämpft und ihn besiegt hat, dann ist mein Kopf nutzlos!“ „Ich weiß kaum, ob ich als frommer Christ darauf hören sollte, mein Freund“, wandte Farina sanft ein. „Lilien sind tatsächlich Symbole der Heiligen – doch sie sind keine gewöhnlichen Erdblumen, sondern verwandelt, strahlend und unvergänglich. Oh, Kreuz und Leiden! Mit welcher silbernen Ruhe…“

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Ruhm umhüllt mich, wenn ich diese schönen Blumen betrachte! Ich blicke auf das weiße Meer der Heiligen. Ich bin vernarrt in irdisches Leid und Martyrium. Alle Schönheit liegt in den blassen, lächelnden Gesichtern – dort sitzt die Hoffnung wie eine Krone auf der Trauer, und der trübe Abend des irdischen Lebens ist der Dämmerung der ewigen Freude. Farblose Ruhe! Oh, meine Geliebte! So gehst du auch für meine Seele nachts über das weiße Meer, gekleidet in dein makelloses, jungfräuliches Leinen; in deiner Hand trägst du die Lilie, und deine Wange berührt sie – dort wird die menschliche Rose zu einem milchigen Rot, zum Zeichen der Verbindung zwischen Himmel und Erde. Über dir schwebt, zusammen mit dir, ein Kranz aus Saphirsternen – und um dich herum die Stille der Reinheit!

„Ah!“, seufzte der Habicht und strich über seinen Blumentopf. „Der Mond gibt genauso Schläge wie die Sonne. Ich bin wirklich verzaubert – von dem Mond und von dem Mädchen! Bald wird er um seinen Kopf bitten. Dieser Auftritt des Mönchs und des Sängers ist ein klares Zeichen. So lieben sie in diesem Land: Sie werden alle sofort verrückt. Ich habe noch nie solche Geschichten gehört.“

Guy begleitete diese Worte mit einem mitleidigen Blick auf seinen Begleiter. „Komm, mein Lieber! Hilf mir, das zurückzugeben, was wir geliehen haben – seinem rechtmäßigen Besitzer. Mein Gott! Ich habe Hunger. Die Nachtluft wirkt auf mich wie ein Rammsporn. Ich dachte, ich hätte bei Master Groschens Abendessen genug Westfälische Würste gespeichert. Gutes Essen – dazu hervorragender Rheinwein; für meinen Geschmack wäre Liebfrauenmilch besser. Als ich sie zum ersten Mal probierte, verzog ich das Gesicht – und dachte an Roastbeef und Glo’ster-Bier.“

Der Habicht wollte gerade den Blumentopf wieder an seinen Platz stellen, als ihn ein Schlag mit einem kurzen Stock, geschickt geworfen, am Hals traf und ihn zu Boden warf. Zusammen mit ihm fielen auch die Lilien. Er blickte nach rechts und links und griff nach dem zerbrochenen Blumentopf, um damit zurückzuschlagen – doch es war kein Feind in Sicht, den er treffen konnte.

Die tief geöffneten Türen zeigten ihre leeren Räume – die Fenster schliefen.

„Hat dieser junge Mann mich betrogen?“, dachte der verunsicherte Ritter, während er sich leise auf seinen Arm stützte. Farina war nirgends zu sehen.

Guy beruhigte sich schnell wieder. „Meine Güte! Das ist wirklich großartig – und der Junge ist wirklich klug und schnell! Er wird eines Tages ein Ritter werden. Schau ihn dir an.“

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„A’Becket! Das ist ein Anblick! Ich würde das lieber sehen als wieder den Abendtisch von Old Groschen, der vor Würsten überquillt und voller Rudesheimer-Wein ist! Kämpft weiter! Ich helfe gerne, wenn es nötig ist – aber du wirst die Ehre haben, Junge, wenn du sie dir verdienen kannst.“
Dieses Bellen des Hundes wurde durch eine Verfolgungsjagd auf der Straße ausgelöst. Dabei sah der Habicht, wie Farina einen kräftigen Flüchtling verfolgte und gefangen nahm. Der Flüchtling wehrte sich mit aller Macht dagegen, zurückgebracht zu werden, und versuchte bei jedem zweiten oder dritten Schritt, sich gegen den Druck zu wehren, den Farina auf seinen Nacken und seine Kleidung ausübte.
„Wer hätte gedacht, dass der Junge so zäh und mutig ist – mit seinem sanften Gesicht, den blauen Augen und den langen Haaren? Doch grüner Met hat mehr Kraft als viele schwarze Berge. Bravo! Wenn ich dich zum Ritter schlagen könnte, würde ich es tun – glaub mir!“ Und er schüttelte Farinas Hand.
Farina trat bescheiden beiseite und ließ den Habicht mit seinem Gefangenen allein.
„Nun, Sir Shy-i’the-dark! Tapferer Stick-i’the-back! Ritter des edlen Ordens der Schnellen Silberbeine! Stell dich einfach in die Entfernung, in der du gestanden hast, als du dieses Instrument auf meinen Kopf geschleudert hast. Bei meiner Dame! Ich habe nur einen kleinen Betrag, um dir zu danken – es ist gut für dich, dass es nur wenig ist, sonst könntest du darauf rechnen, dass ich dir mehr gebe, glaub mir. Jetzt zurück!“
Der Habicht stürzte mit dem Knüppel vor, doch der Gefangene zögerte nicht und wich etwa fünfzehn Yards zurück.
„Ich nehme an, er ahnt, dass ich so einen Trick noch nie zuvor angewandt habe“, überlegte Guy. „Sonst wäre er nicht so vorsichtig.“ Als er sah, dass auch Farina zurückgetreten war, um als Wache zu dienen, gab Guy ihm ein Zeichen, weiter nach rechts zu gehen, und rief: „Kümmere dich nicht darum, warum!“
„Nun“, dachte Guy, „wenn ich sicher wäre, ihn zu treffen, würde ich erst die Rede halten – aber da ich das nicht bin – denn Knüppel werfen ist nirgendwo eine ehrenhafte Tätigkeit – werde ich das auf später verschieben. Der Schurke zögert nicht. Wir werden sehen, wie lange er standhaft bleibt.“
Der Habicht spannte seinen Arm an, fixierte sein Ziel und schwang den Knüppel nachdenklich hin und her. Dann schleuderte er ihn mit aller Kraft von der Schulter – ruhig, während er zusah, wie der Knüppel den Gefangenen zu Boden warf, wie einen Ochsen unter dem Hammer.
„Ein Treffer!“, sagte er und strich sich über den Arm.

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Farina kniete neben dem Körper nieder und hob den Kopf auf seine Brust. „Berthold! Berthold!“, rief er. „Dir wird kein weiterer Schaden zugefügt werden, Mann! Sprich!“
„Kennst du diesen Schurken?“, fragte Guy, der langsam herankam.
„Es ist Berthold Schmidt, der Sohn des alten Schmidt, des großen Goldschmieds aus Köln.“
„Diesmal hatte St. Dunstan nicht zur Hand!“
„Ein Rivale von mir“, flüsterte Farina.
„Oho!“, sagte Guy und stieß einen leisen Zischlaut aus. „Nun – ich hätte genauso gehandelt, wenn seine Ohren offen gewesen wären. Die Gerechtigkeit hat zugeschlagen – und zwar sanft. Das kommt davon, wenn man aus der Ferne zuschlägt, anstatt sich fair zu stellen. Das ist wohl alles, was man dazu sagen kann. Wo wohnt er?“
Farina zeigte auf das Haus der Lilien.
„Verdammt! Der Kerl hat tatsächlich Recht. Puh! Dort wohnt er also? Er hielt uns für nächtliche Eindringlinge. Warum kam er nicht einfach her und fragte nach meinem Begehr? Ein Blumenriechen lohnt es nicht, sich den Hals zu brechen – und die Verteidigung des eigenen Grundstücks rechtfertigt auch keinen Schuss ins Gehirn. Nun, mein Junge – du siehst, was passiert, wenn man aus der Ferne zuschlägt. Lass das eine Warnung für dich sein.“
Sie nahmen den Körper bei Kopf und Füßen und legten ihn vor das Haus seines Vaters. Da kehrte die Farbe in seine Wangen zurück, und sie wischten die Blutspuren weg, die ihn bedeckten. Guy zeigte, dass er auch gegenüber einem gefallenen Feind sanft sein konnte – Farina gegenüber einem unglücklichen Rivalen. Jeder versuchte, die beste Lösung oder die einfachste Vorgehensweise vorzuschlagen. Der Eine gab ihm ein Tuch, um ihn zu versorgen; der Andere eilte zum Stadtbrunnen, um Wasser zu holen. In der Zwischenzeit war der Mond untergegangen, und der graue, wolkenlose Morgen blickte mit ruhigem Auge auf die Dächer und die Straßen. Nun sahen beide eine Gruppe von Männern, die weiter unten vor Gottliebs Haus standen und in gewisser Ordnung angeordnet waren. All ihre Güte verschwand sofort.
„Nimm den Knüppel“, sagte Guy. „Du siehst ja, er kann Schaden anrichten. Noch mehr Arbeit vor dem Frühstück – und ich muss meiner Gastgeberin der Drei Heiligen Könige eine gute Erklärung liefern!“
Farina nahm das zerstörerische kleine Instrument wieder an sich.
„Ich bin bereit“, sagte er. „Aber höre! Ich glaube, dort gibt es kaum Arbeit für uns. Das sind Jungen aus Köln – keine wilden Kerle. Es ist die Weiße Rose.“

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Club – Immer zu spät für den Service.“
Stimmen, die ein im damaligen Zeitalter beliebtes Jagdlied sangen, erfüllten die klare Morgenluft; allmählich wurden die Worte deutlicher.

Der Kaiser geht auf die Jagd,
auf die Jagd, tra-ra:
Mit seiner Trompete am Morgen,
tritt der Kaiser auf Knospen und Dornen:
Tra-ra!

Der Tau zittert grün, während die Reiter sich aufrichten;
tausend Federn flattern vor Angst;
ein Schmerz durchfährt schnell das Herz des Hirsches –
denn der Kaiser ist auf der Jagd,
Tra-ra!
Ta, ta, ta, ta,
Tra-ra, tra-ra,
Ta-ta, tra-ra, tra-ra!

Der Besitzer des Stockes erwachte durch diese Töne und rief leise „Tra-ra!“ zurück.
„Hört noch einmal zu!“, sagte Farina als Antwort auf die Lobeshymnen des Habichts, dessen Gesicht vor Freude glühte.

Der Wildschwein brüllte,
brüllte, tra-ra!
Kommt der Kaiser, um mich zu jagen?
Oder das kleine Vögelchen, das im Baum hüpft?
Tra-ra!
Oh Vögelchen, Wildschwein und Hirsch – sie sind alle zahm geworden!
Denn eine blühende Jungfrau oder eine voll entwickelte Dame
sind die zartesten Beutetiere, wenn Kaiser auf die Jagd gehen,
Tra-ra!
Ha, ha, ha, ha,
Tra-ra, tra-ra,
Ha-ha, tra-ra, tra-ra!

Die Stimmen hielt lange auf dem letzten Ton inne und ließen ihn in einer Waldmelodie verhallen.
„Um Himmels willen! Gut gemacht! Hurra! Tra-ra, ha-ha, tra-ra! Das ist etwas, was wir zu Hause gar nicht kennen“, sagte Guy. „Ich fühle mich diesen deutschen Jungen verbunden.“
Die Stimmung des Habichts gegenüber deutschen Jungen wurde in diesem Moment stark auf die Probe gestellt – durch einen kräftigen Schlag auf die Schulter von einem Ast eines deutschen Eichenbaums sowie die Ankündigung, dass er Gefangener der Hand sei, die ihm diesen Gruß entbot hatte – im Namen des White Rose Clubs. Danach wurde ihm sein Stock von einem Dutzend kräftiger junger Männer weggenommen; sie ließen ihm keine Zeit, sich zu wehren.

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Berühmte Distanz zur Verteidigung gegen große Anzahlen; und er sowie Farina zogen sogleich zum singenden Pulk vor dem Haus von Gottlieb Groschen.

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Die Briefe
Von allen Insassen hatte Gottlieb am meisten den Tag vor Augen – denn Werner lastete wie ein Albtraum auf ihm. Margarita lag da und träumte in rosafarbenen Farben. Wenn sie auf ihrem seidenen Sofa wie eine angespannte Harfe zitterte und schläfrig in kleinen Sprüngen und Bewegungen hin- und herrutschte, dann lag das daran, dass ein Vogel in ihrer Brust saß, der die ganze Nacht über atmete und sang. Der Vogel wollte nicht zur Ruhe kommen, sondern musikalisch die süßesten Geheimgedanken eines von Liebe berauschten Mädchens zum Ausdruck bringen. Farinas Hingabe kannte sie, seine Zärtlichkeit ahnte sie – seinen Mut hatte sie an jenem Tag mit eigenen Augen gesehen. Kaum fühlte das junge Mädchen, dass sie würdig lieben konnte, liebte sie mit aller Kraft. Das Lied des Jägers drang gedämpft unter ihrem Kissen hervor und weckte sanfte, traumhafte Züge in ihrem schönen Gesicht – doch es vertrieb ihren Traum nicht. Tante Lisbeth hörte ebenfalls das Lied und sprang aus dem Bett, um sicherzustellen, dass Tür und Fenster gegen den frechen Kaiser gesichert waren. Trotz all ihrer Bemühungen hatte sie weiterhin Schlafbedürfnisse. Doch aufgrund eines mystischen Glaubens, wonach das Bett in Fällen drohender Gefahr durch Menschen ein Zufluchtsort und Schutz ist, kroch sie zurück ins Bett und ließ die Sonne ohne sich aufgehen. Gottliebs Stimme konnte sie nicht aus ihrem Schlaf wecken – schließlich liebte sie es, ihre Hausaufgaben mit so traurigem Gesichtsausdruck zu erledigen. Sie hörte, wie er sein Fenster öffnete und in wütendem Ton mit den Musikern unten sprach.
„Lockvögel!“, murmelte Tante Lisbeth. „Sei vorsichtig mit ihnen, Gottlieb!“
Er ging nach unten und öffnete die Haustür – daraufhin begannen wieder Schimpfen und Beschimpfungen.
„Du hast ihnen einen Vorteil verschafft, Gottlieb, mein Bruder“, klagte sie. „Nur der Himmel weiß, was aus solcher Unbesonnenheit entstehen kann.“
Eine Stille herrschte – begleitet vom Geräusch von Schritten im Flur und auf der Treppe. Das bereitete Tante Lisbeth große Angst.
„Das war genau dieses Geräusch im linken Flügel des Hollenbogenblitz“, sagte sie. „Damals war es Nacht, nicht Morgen. Ursula, beschütze mich!“
„Lisbeth! Lisbeth!“, rief Gottlieb von unten. „Komm runter! Es ist bereits fünf Uhr morgens. Hier sind Gäste – was sollen wir ohne sie tun?“

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„Frau?“
„Ah, Gottlieb! Das ist typisch für Männer! Sie bedenken nicht, wie anders es für uns ist!“ Diesen geheimnisvollen Satz sprach sie nur zu sich selbst – und er hatte eine Bedeutung, die an anderer Stelle verloren gegangen wäre.
Tante Lisbeth zog sich an und traf auf Margarita, die herunterkam. Sie wechselten die Begrüßungen einer jungen Maid und einer alten Frau.
„Geh du zuerst“, sagte Tante Lisbeth.
Margarita eilte fröhlich voraus.
„Mädchen!“, rief Tante Lisbeth, „was ist das da in deinen Haaren?“
„Ich habe Lieschens Pfeil ausgeliehen, Tante. Mein eigener hat einen Unfall gehabt.“
„Lieschens Pfeil! Ein Unfall! Ich kümmere mich darum nach dem Frühstück, Margarita.“
„Tra-ra, ta-ta, tra-ra, tra-ra“, sang Margarita.

„Der Wildschwein brüllte,
brüllte, tra-ra.“

„Ein wahrhaftiges Schmuckstück für ein Mädchen! Schau meinen an, Kind! Ich trage ihn schon seit fünfzig Jahren. Möge ich ihn tragen, bis ich gerufen werde! Oh Margarita! Mach dich nicht über dieses Symbol lustig.“

„„Oh Vogel, Wildschwein und Hirsch – seid zahm!““
„Ich bin so glücklich, Tante.“
„Es sind schöne Zeiten, um glücklich zu sein, Margarita.“

„Seid glücklich im Frühling, alle lieben Maiden,
denn der kalte Herbst wird bald kommen.“
So singt der Minnesänger, Tante. Und:
„„Eine Maid im winterlichen Laub
wird ihre eigene Trauer verbreiten.““
Ich liebe die Minnesänger! Sie sind liebevolle, sanfte Männer – wunderbare Liebhaber! Zudem Männer der Tat ebenso wie des Gesangs: Schwert auf der einen Seite, Harfe auf der anderen. Sie kämpfen bis zum Sonnenuntergang und legen dann ihre Rüstung ab, um…

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„Ballade für ihre Geliebten im Mondlicht – bedeckt mit den Spuren der Schlacht und müde!“
„Was für ein Mädchen! Minnesänger! Ja, ich kenne Geschichten über diese Minnesänger. Sie kamen ins Schloss – Margarita, eine Perle deines Kreuzes ist zerbrochen. Ich werde mich darum kümmern. Trage die andere Perle, bis ich sie repariert habe. Mögest du niemals in die Hände von Minnesängern fallen. Sie sind nicht wie Werners Truppe. Sie klopfen nicht an die Türen – sie schleichen sich wie Schlangen ins Haus.“
„Lisbeth! Lisbeth!“ hörten sie Gottlieb ungeduldig rufen.
„Wir kommen, Gottlieb!“ Und im leisen Flüstern hörte Margarita, wie sie sagte: „Möge dieser Tag ohne Probleme und Schande für die Frommen und Keuschen vergehen.“
Margarita erkannte die Stimme des Fremden, bevor sie die Tür öffnete. Als sie sich zeigte, grüßte der Held sie wie einen Beschützer.
„Man sieht“, sagte er, „dass man bessere Männer als die von Werner braucht, um die Rose von dieser Wange zu vertreiben.“
Gottlieb drückte ihre rosige Wange an seine Schulter und tätschelte sie.
„Was meinst du, Grete? Du hast jetzt vierzig der besten Jungen aus Köln, die dich beschützen und Tag und Nacht Wache halten. Was könnte eine Pfalzgräfin sich mehr wünschen? Und das alles freiwillig – und dafür erhalten sie nur ein Lächeln, das meine Dame sicherlich nicht verweigern wird. Lisbeth, du kennst unseren Freund. Fürchte dich nicht vor ihm, gute Lisbeth, und bereite uns Frühstück zu. Nun, meine Liebe, dir werden königliche Ehren zuteilwerden. Ich bin sicher, sie haben bereits damit begonnen, diesen faulen, verrückten Vagabunden Farina einzusperren…“
„Ihn? Warum, Vater? Wie konnten sie das tun! Was hat er getan?“
„Oh, erschreck nicht, meine Fee! Es handelt sich um eine kleine Angelegenheit – er versuchte, in Cunigondes Schmidts Zimmer einzudringen und stieß ihren Blumenkasten um. Dafür schlug Berthold Schmidt ihn nieder – und unser Freund hier schlug aus Freundschaft Berthold nieder. Jedenfalls wurde der Haupttäter von deinen treuen Wachen ins Gefängnis gebracht, damit er dort abkühlen kann. Berthold wird dir die Geschichte selbst erzählen – er wird zum Frühstück hier sein und deine Befehle entgegennehmen, meine liebe Kommandantin.“
Der Habicht hatte seinen Blick auf Margarita gerichtet. Ihre Zähne pressten sich fest auf ihre Unterlippe, und ihr ganzer Körper strahlte eine seltsame Unruhe aus – sie war völlig von Wut erfüllt.

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„Als Zeuge dieser Angelegenheit denke ich, ich sollte eine klarere Aussage machen, schöne Jungfrau“, warf er ein. „Zunächst einmal bin ich der Schuldige. Wir kamen unter dem Fenster von Fräulein Schmidt vorbei – und ich war es, der hinaufstieg, um die Lilien zu begrüßen. Einer ihrer Stängel befindet sich in meinem Helm; hier möchte ich sie einem würdigeren Träger überreichen.“
Er reichte die Blumen lächelnd hinüber, und Margarita nahm sie entgegen, strahlend vor Dankbarkeit.
„Unser Freund Berthold“, fuhr er fort, „hielt es für angebracht, mir heimlich einen Schlag zu versetzen und anschließend zu seinen Kameraden zu fliehen. Er wurde gefangen genommen – von meinem tapferen jungen Helden Farina. Was Charakter angeht, bedauere ich, dass Ihr verehrter Vater und ich unterschiedlicher Ansicht sind: Im Namen eines Soldaten und wahren Mannes kann ich sagen, dass er der Beste unter allen feinen Kerlen ist, denen ich bisher in Deutschland begegnet bin, glaubt mir. Kurz gesagt: Berthold wurde von mir wegen Verrats hingerichtet. Er scheint eine Art Anführer einer der Truppen zu sein und nicht gerade freundlich gegenüber Farina gesinnt zu sein; die Version der Ereignisse, die Ihr von Eurem Vater gehört habt, ist nämlich eine kleine Erfindung von Meister Berthold selbst. Um ihm Gerechtigkeit zu widerfahren zu lassen: Er schien genauso bereit zu sein, mich unter den kalten Stein zu bringen – doch ein Wort Eures guten Vaters änderte alles. Da ich dachte, ich könnte unserem Freund besser dienen, wenn ich frei bin und nicht hinter Gittern, nahm ich die Freiheit an. Pah! Ehrlich gesagt, hätte ich sie sowieso angenommen – Eure deutschen Verliese sind schrecklich kalte, elende Orte. Bezeichnet mich also nicht als Helden, schöne Herrin Margarita – obwohl der Versuchung, in solchen schönen Augen wie ein Held zu erscheinen, bereits begonnen hatte, mich in die Irre zu führen. Und nun, was unsere Angelegenheiten auf den Straßen zu dieser Stunde betrifft – glaubt dem Besten von uns.“
„Das werde ich! Ich tue es!“, sagte Margarita.
„Lisbeth! Lisbeth!“, rief Gottlieb. „Frühstück, kleine Schwester! Unser Held verhungert. Er verlangt Würste, Milchbrote, Wein sowie all deine seltensten Delikatessen. Beeilt euch – schließlich steht die Ehre Kölns auf dem Spiel.“
Tante Lisbeth klimperte mit ihren Schlüsseln, und bald schon zogen diese Geräusche zahlreiche Diener heran, die Tabletts mit Schweinefleisch, Rollen weißem Weizenbrot, Milch, Wein, Gerstenbrot sowie allerlei Hausdelikatessen brachten – alles funkelte auf Silberplatten, bedeckt von makellos weißen Tüchern. Gottlieb sah im Gesicht des Goshawks ein fröhliches Leuchten bei diesem gastfreundlichen Anblick, sodass er ohne auf Berthold zu warten, das Zeichen zum Anfang gab. Sein Gast machte sich sofort ans Werk und hörte erst nach einer halben Stunde auf, angesichts der Kathedralkirche, wobei er Bier mied.

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Mit einem spöttischen und bedauernden Blick tranken sie alle auf die Gesundheit – mit reichlich Rheinwein. Margarita war nachdenklich; Tante Lisbeth blieb wachsam. Gottlieb erinnerte sich an den Rat Karls des Großen an Erzbischof Turpin und bemühte sich, auf der Erde weiterhin einer der mächtigen Herrscher zu bleiben.

„Armer Berthold!“, sagte er. „Er ist ein guter Junge und verdient es, öfter am meu Tisch zu sitzen. Wahrscheinlich hat ihn die Angelegenheit mit dem Blumentopf aufgehalten. Wir trinken auf ihn – nicht wahr, Grete?“

„Trinken wir auf ihn, lieber Vater! – Aber da kommt er schon, um Ihnen persönlich zu danken.“

Margarita fühlte Mitleid, als Berthold eintrat. Die blauen Flecken an seinen Augen wurden immer dunkler und verliehen ihnen einen bösen Ausdruck, wenn er intensiv hinsah; doch sein Blick wirkte aufrichtig. Er sprach von einem Kampf, in dem er nicht feige gewesen sei – und dass man ihn grausam behandelt habe. Sie warf dem Goshawk einen stummen Vorwurf zu; doch sie lächelte und liebte ihn sehr, als sie sah, wie er Berthold eine Hand zur Begrüßung entgegenstreckte und ihm ein Glas als Zeichen brüderlicher Freundschaft anbot. Der Sohn des reichen Goldschmieds versuchte, in Margaritas Augen sein Schicksal zu erkennen; doch als Margarita seine Aufmerksamkeit auf Guy lenkte, wandte er sich ihm mit einem überraschten Blick zu – der jedoch schnell in eine herzliche Begrüßung überging.

„Gut gemacht, Berthold, mein tapferer Junge! Alle, die am Tisch sitzen, sind Freunde“, sagte Gottlieb. „Jedenfalls am meu Tisch: ‚Ein würdiger Feind vergibt den Schlag, der ihm gerecht zugefügt wurde‘, sagt das Lied. Das Sprichwort fügt hinzu: ‚Ein großzügiger Feind ist ein Freund auf der falschen Seite‘. Daran ist niemand schuld – außer der alten Dame Fortuna. Also, trinken wir auf diese fröhliche Versöhnung zwischen euch. Lisbeth! Du musst auch trinken.“

Die kleine Frau neigte traurig den Kopf.

„Warum bist du weggelaufen?“, flüsterte Guy Berthold zu.

„Weil ihr zu zweit gegen einen wart.“

„Zu zweit gegen einen! Hast du in deinem Land denn gar keine Regeln für fairen Kampf? Hast du gedacht, ich würde das ausnutzen?“

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„Wie sollte ich erkennen können, wer du bist – oder was du tun würdest?“, murmelte Berthold etwas mürrisch.
„Wirklich nicht, Freund! Also bist du weggelaufen, um dir zwanzig zu zwei zu verschaffen? Aber sei deswegen nicht niedergeschlagen. Ich wollte sagen: Obwohl ich dich anständig behandelt habe, war es vielleicht etwas streng, wenn man deine Jugend bedenkt. Doch ein Beispiel ist alles – und ich muss dir im Vertrauen sagen, dass ich in meinem Leben noch nie einen Schlagstock benutzt habe. Also, wie du siehst, habe ich dir alle Chancen gegeben.“
Berthold bewegte die Lippen zur Antwort; doch der Gedanke an das Bild der Niederlage, das er vor Margarita abgab, ließ ihn seine Chancen ungünstiger einschätzen.
Der Trunk war ausgetrunken. Tante Lisbeth berührte mit ihren schmalen Lippen das rauchgelbe Glas und winkte Margarita, sich zurückzuziehen.
„Das Wandteppichbild, Kind! Nach dem dritten Glas werden gefährliche Dinge gesagt, das weiß ich, Margarita.“
„Nennst du meinen Champion attraktiv, Tante?“
„Ich wollte mit dir über ihn sprechen, Margarita. Soweit ich mich erinnere, hat er ein grobes, aber durchaus ansprechendes Aussehen. Ja – aber du, Mädchen, denkst du an ihn? Ich habe dreimal gesehen, wie er mit den Augen zwinkerte; und das ist, wie wir wissen, eine Angewohnheit derer, die sich verkauft haben. Was kann schon ein schwaches Weib von einem solchen kräftigen Mann erwarten?“

„Oh! Seine Rüstung zu schnüren,
ihn aufs Schlachtfeld zu eilen;
ihn in einen Kussbecher einzuschließen –
der Ritter, der nicht nachgibt!“
„Ich bin sicher, er ist zärtlich, Tante. Schau nur, wie sanft er manchmal aussieht.“
„Du Mädchen! Ja, ich glaube, sie ist verrückt vor Liebe zu ihm. Zärtlich und sanft! So ist auch der Bär, wenn man außerhalb seines Bauwerks ist; aber tritt hinein, Mädchen, und versuche es! Du gute Ursula, bewahre mich vor einem solchen Schicksal.“
„Fürchte dich nicht, liebe Tante! Hab keine Angst! Außerdem sind es nicht immer die Männer, die schlecht sind. Man darf Dalila, Lots Frau, Pfalzgräfin Jutta sowie die Baronin, die ein Stück vom armen Kraut wollte, nicht vergessen. Aber lasst uns arbeiten, lasst uns arbeiten!“
Margarita setzte sich vor Siegfried und betrachtete den Helden. Zum ersten Mal bemerkte sie eine Ähnlichkeit in seinen Zügen mit Farina: dieselben langen…

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Gelbes Haar, das über seine Schultern fiel und von unterhalb von Siegfrieds Helm hervorquoll; blaue Augen, gerade Augenbrauen und klare Gesichtszüge. „Das ist ein Wunder“, dachte Margarita. „Und Farina! Er hat letzte Nacht durch die Straßen gewandert, um auf mich aufzupassen – mein Bester! Ist er nicht wunderschön?“ Und sie betrachtete Siegfried genauer.

Tante Lisbeth hatte mit ihrer üblichen Methode begonnen, gegen den Drachen vorzugehen, und bald schon wanderte sie durch die Skeletthallen des alten Schlosses in Böhmen. Die wollene Zunge des Monsters weckte in ihr neue Ängste. Hätte Margarita zugehört, hätte sie vielleicht gute Gründe gehabt, den Zustand ihres Geliebten zu vergessen – doch ihre Stimme funktionierte nur wie ein Uhrwerk, und ihre Gedanken waren bei Farina im Gefängnis. Sie überlegte lange, wie sie seine Freilassung erreichen könnte; sie dachte so intensiv nach und äußerte so oft Unmut, dass Tante Lisbeth Mitleid mit dem Mädchen bekam. „Nun“, sagte sie, „das ist eine bekannte Geschichte über die Kurfürstinwitwe von Bayern, als sie das Schloss besuchte. Und, mein liebes Kind, nimm das als Warnung – schrecklich auch!“ Die kleine Frau erschauderte angenehm. „Sie war – ich darf dir das sagen, Margarita – ja, sie war ihrem Ehemann untreu gewesen. Du verstehst das wohl nicht, Mädchen… Ich verstehe es selbst nur teilweise. Untreu, sage ich…“

„Untreu – nicht wahr? Erzähl weiter, liebe Tante“, sagte Margarita und fing das Wort auf. „Ich glaube, sie weiß genauso viel wie ich!“, rief Tante Lisbeth aus. „So sind die Mädchen heutzutage. Als ich jung war – oh! Damals galt es als Schande, wenn ein Mädchen etwas wusste. Niemand dachte daran, es zuzugeben. Wir wurden rot und senkten den Blick bei dem bloßen Gedanken daran. Nun, die Kurfürstin! Sie war – du musst es raten. Um elf Uhr abends bestellte sie ihren Trank. Was glaubst du, was darin war? Nun, es enthielt Alkohol – ganz zu schweigen von Muskatnuss, Zitronen und Pfirsichkernen. Sie wollte, dass ich bei ihr sitze, aber ich bat meine Herrin, mich von dieser frechen Frau fernzuhalten. Und Bertha von Böhmen war sicherlich keine Freundin von Hilda von Bayern. Oh! Was für Dinge sie während des Trinkens erzählte… Isentrude saß bei ihr und sagte, es sei schrecklich – eine Sünde! Sie sah aus wie eine Hexe aus der Bibel: Sie saß da, trank, fluchte und starrte in ihrem Nachthemd und mit ihrer Nachtmütze. Sie war auf dem Weg nach Ungarn und bat um Gastfreundschaft im Schloss. Beide waren Witwen. Es war Viertel nach zwölf. Die Kurfürstin lehnte sich zurück auf ihr Kissen, wie sie es immer tat, wenn sie mit dem Trinken fertig war. Isentrude…“

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Er bedeckte sie, stapelte Holz auf das Feuer, wickelte ihren Morgenmantel um sie und bereitete sich zum Schlafen vor. Es war Winter – der Wind heulte an den Türen, rüttelte an den Fenstern und erschütterte die Vorhänge. Herr, hilf uns! Draußen gab es nur Schnee und Wald – wie du gesehen hast, als du zu mir kamst, Gretelchen. Es schlug zwölf Uhr. Isentrude döste; doch sie sagte, dass sie nach dem letzten Schlag vor Kälte erwachte. Ein nebliger Kälteschleier hing im Raum. Sie blickte zur Kurfürstin – diese hatte sich nicht gerührt. Das Feuer brannte schwach und schien unter Last zu stehen. „Herrje!“, dachte sie – ihr schien ein Geräusch zu hören. Nein, völlige Stille! „Möge der Himmel sie beschützen“, sagte sie – der Geruch im Raum wurde immer unerträglicher, faulig und übelriechend. Heilige Jungfrau! Diesmal war sie sicher, ein Geräusch zu hören – doch es schien von beiden Seiten zu kommen. Da war die große Tür, die zum ersten Stock und zum Empfangssaal führte; genau gegenüber befand sich die Tür zum geheimen Gang. Die Geräusche schienen Schritt für Schritt näher zu kommen – je länger sie entsetzt auf dem Marmorboden des Kamins stand, desto lauter wurden sie. Sie blickte wieder zur Kurfürstin – deren Augen waren weit geöffnet; doch trotz Isentrudes Rufen wollte sie nicht aufwachen. Stell dir vor! Jetzt wurde das Geräusch immer lauter – es klang wie das Geräusch von Schritten, die immer näher kamen. Heilige der Barmherzigkeit! Der Raum war erfüllt von Dämpfen. Isentrude sprang hinter einen Vorhang am Bett – gerade als sich beide Türen öffneten. Durch einen Spalt im Gewebe konnte sie sehen – sie blinzelte, nachdem sie beim Geräusch der Türangeln die Augen fest zugekniffen hatte – sie wollte kurz etwas erkennen… Wir sind wirklich sündhafte, neugierige Geschöpfe! Was sie dann sah, wird sie niemals vergessen – und ich auch nicht! Da standen die beiden toten Prinzen, der Pfalzgraf von Böhmen und der Kurfürst von Bayern, Rücken an Rücken am Fuß des Bettes – beides in weißer Rüstung, mit gezogenen Schwertern, begleitet von Dienern mit Fackeln. Keiner von ihnen sprach. Ihre Helme waren gesenkt – doch sie erkannte sie an ihren Armen und ihrer Haltung: Beide waren große, stattliche Männer, gute Ritter ihrer Zeit, die gegen die Ungläubigen gekämpft hatten! Einer von ihnen zeigte auf das Bett – dann wurde eine Fackel gesenkt, und der Kampf begann. Isentrude sah, wie Funken flogen und wie die Schwerter aufeinanderprallten – doch sie kämpften weiter, ohne Rücksicht auf Verletzungen, voller Wut. Sie kämpften eine ganze Stunde lang. Das arme Mädchen war so fasziniert vom Anblick, dass sie den Vorhang losließ und völlig ungeschützt zwischen ihnen stand. Um sich zu stützen, legte sie ihre Hand auf die Bettkante – und plötzlich umklammerte eine eiskalte Hand ihre Hand – sie konnte sich nicht befreien! In diesem Moment fiel einer der Prinzen – es war der Böhme. Bayern.

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Er steckte sein Schwert ein, winkte mit der Hand – und die Diener nahmen den getöteten „Geist“ an den Füßen und Schultern und trugen ihn zur Tür des geheimen Ganges. Bayern folgte ihnen dicht auf den Fersen.

„Schändlich!“, rief Margarita aus. „Ich werde mit Berthold sprechen, sobald er herunterkommt. Ich höre ihn schon kommen. Er wird tun, was ich wünsche.“

„Nenn es schrecklich, Grete! Es war wirklich schrecklich. Wenn Berthold nur bereit wäre zuzuhören – Ah! Sie ist weg. Ein gutes Mädchen – nur an der Oberfläche leichtsinnig.“

Tante Lisbeth hörte, wie Margaritas Stimme schnell auf Berthold einredete. Seine Antwort war leise und kurz. „Er weigert sich, irgendetwas davon anzuhören“, interpretierte Tante Lisbeth. Dann schien er zu flehen, während Margarita kurze Antworten gab. „Ich hoffe, es ist nichts, was ein Mädchen nicht hören sollte“, seufzte die junge Dame.

Die Tür öffnete sich – Lieschen stand im Eingang. „Für Fräulein Margarita“, sagte sie und hielt einen Brief halb heraus.

„Gib ihn her!“, befahl Tante Lisbeth.

Die Frau zögerte. „Er ist für das Fräulein.“

„Gib ihn mir, sage ich!“, forderte Tante Lisbeth ungeduldig. Sie nahm den Brief und untersuchte ihn. Er war schwer und enthielt etwas Hartes. Durch langsame Drucke wurde seine Form auf dem Papier sichtbar – es war ein Pfeil. „Geh!“, sagte sie zur Frau. Als sie allein war, umkreiste sie den Brief wie eine Biene und betrat schließlich den Raum. Darin befand sich Margaritas Silberpfeil.

„Die Kunst dieses Mädchens!“ Auf dem Brief stand:

„Liebste Jungfrau!

Mit diesem Pfeil unserer Verlobung befehle ich dir, dich so schnell wie möglich außerhalb des Westtors mit mir zu treffen. Dort warte ich darauf, dir dringende Nachrichten mitzuteilen – Nachrichten, die man nicht auf Papier schreiben kann. Ich bitte die Heiligen um Hilfe, dein

Farina“

Tante Lisbeth legte den Brief und den Pfeil in eine Schublade, verschloss sie – und dachte weiterhin so. Sie stieg die Treppe hinauf, um mit Gottlieb zu sprechen. Kaum hatte sie den Riegel angehoben, wurden ihr lautes Gelächter entgegengeschleudert – verlegen zog sie sich zurück.

Es blieb keine Zeit zu verlieren. Farina musste dabei ertappt werden, wie sie auf Margarita wartete – von Gottlieb oder von ihr selbst. Gottlieb feierte. „Möge das eine Warnung für dich sein, Gottlieb“, flüsterte Lisbeth, während sie ihren kleinen Umhang überzog.

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In Margaritas Pelzmantel gehüllt, war sie fest entschlossen, diejenige zu sein, die Farina in Verwirrung stürzen würde. Fünf Minuten später kehrte Margarita zurück – Tante Lisbeth war verschwunden. Der Drache hatte immer noch keine Spitze an seiner gespaltenen Zunge, und aus dem Maul des Monsters hingen Flammenfäden herab. Lieschen brachte einen weiteren Brief ins Zimmer.
„Für Tante Lisbeth“, sagte Margarita, nachdem sie die Adresse gelesen hatte. „Von wem kann er nur sein?“
„Sie drängt nicht darauf, deine Briefe zu erhalten“, sagte die Frau und erzählte Margarita von dem vorherigen Brief.
„Du sagst, sie hat einen Pfeil daraus gezogen?“, fragte Margarita mit gerötetem Gesicht. „Wer hat das gebracht? Sag es mir!“ Es war Farinas Mutter – sie riss den Brief auf und las:

„LIEBE LISBETH!
Deine alte Freundin schreibt dir – eine Frau, der kaum noch die Augen zum Lesen der Worte bleiben. Du weißt, wir sind ein verfallenes Haus, aufgrund der Missbilligung des Kaisers gegenüber meinem verstorbenen Ehemann. Mein Sohn Farina ist meine einzige Stütze – er vergilt mir die Segnungen, die ich ihm schenke, in vollem Maße. Manche nennen ihn faul, andere halten ihn für zu weise. Ich schwöre dir, Lisbeth: Er ist einfach gut. Seine Zeit widmet er der Herstellung von Essenzen – nicht der schwarzen Magie. Jetzt steckt er in Schwierigkeiten – im Gefängnis. Der Schatten, der seinen verstorbenen Vater zerstört hat, bedroht auch ihn. Bitte, aus unserer alten Freundschaft heraus, liebe Lisbeth! Sprich bei Gottlieb dafür ein, dass er für meinen Sohn beim Kaiser eintritt, wenn dieser kommt…“

Margarita las nicht weiter. Sie ging zum Fenster und sah, dass ihre Wachen draußen versammelt waren. Sie warf sich ein Tuch über den Kopf und verließ das Haus durch das Gartentor.

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DER MÖNCH
Zu dieser Zeit stand die Sonne hoch über Köln. Die Märkte waren voller Käufer und Verkäufer – dazu kamen noch Soldaten, deren durstige Natur dazu führte, dass die Weinstände umgestürzt wurden. Barone und Ritter des Reiches kamen stündlich aus Süddeutschland und dem Norden nach Köln. Hier schlenderten Schwaben sowie Krieger aus dem Ostreich hin und her, tätschelten die Pferde, die ihnen in den Weg kamen – schließlich hatten sie nichts Besseres zu tun. Dort drüben bewegten sich riesige Pommern mit Bärten, die steif vom Kinn abstanden, unter den friedlichen Einwohnern. Die Soldaten stiegen ab, trugen enge Hosen und lockere Kleidung und waren bereit, jedem, der den besten Wein anbot, zuzuprosten – doch gleichzeitig bereit, mit denen Streit anzufangen, die das nicht taten. Es war eine Szene voller prächtiger Federn, weithin flatternder Hüte, blauer sowie abgenutzter Stahlplatten, zerschnittenen Wollbeuteln, Lederhosen, Fahnen sowie herrischer Stiefel und Schultern. Margarita war zu aufgeregt, um eine Unvorsichtigkeit zu bemerken; doch ihre Glieder zitterten, und instinktiv beschleunigte sie ihren Schritt. Als sie unter dem Zeichen der Drei Heiligen Könige stand, wo Farinas Mutter wohnte, sprach sie ein inniges Dankgebet und atmete erleichtert auf.
„Ich hatte eine Nachricht von Lisbeth erwartet“, sagte Frau Farina. „Aber du, gutes Herz! Wirst du uns helfen?“
„Alles, was ich tun kann, werde ich tun“, antwortete Margarita. „Doch seine Mutter sehnt sich danach, ihn zu sehen – ich bin gekommen, um ihr Gesellschaft zu leisten.“
Die alte Dame faltete die Hände und weinte.
„Hat er wirklich einen so guten Freund gefunden, mein armer Junge! Glaub mir, liebe Maid – er ist es wert. Es gab nie einen besseren Sohn, und ein guter Sohn ist einfach gut! Sicherlich werden wir zu ihm gehen – aber nicht in deinem Zustand. Ich werde dich ankleiden. Auf den Straßen sind so viele Menschen – ich habe ihr Getöse bereits heute Morgen gehört. Ruhe dich aus, liebes Herz, bis ich zurückkomme.“
Margarita hatte Zeit, sich im einzigen Wohnzimmer umzusehen, in dem ihr Geliebter lebte. Der Raum war voller Flaschen, Vasen, Pfeifen und Zylinder.

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auf dem Boden, auf dem Stuhl und auf dem Tisch. Sie konnte eine leichte Überraschung aus Angst nicht unterdrücken – denn diese Handlungen deuteten auf das Umgreifen mit verborgenen Dingen sowie auf die Herbeirufung verstreuter Geister hin. Genau das ließ seine Stirn so blass werden und die Ränder seiner Augen dunkler, als es bei einem Jüngling üblich wäre! Sie schob dieses Gefühl beiseite und nahm wieder ihr frisches Aussehen an, als Dame Farina erneut auftauchte und einen Klostermantel sowie weitere Kleidungsstücke bei sich trug. Margarita ließ zu, dass man sie in die weißen und schwarzen Gewänder der Lebensverleugnung hüllte.
„Da!“, sagte Frau Farina. „Und um alles zu besichern, habe ich einen Wächter engagiert, der uns begleiten soll. Er wurde gestern in einem Straßenkampf schwer verletzt und wohnt unten; dort habe ich ihn gepflegt. Er ist dankbar – wie es sich für einen Mann gehört – obwohl ich eigentlich nicht viel tun konnte, ich habe mein Bestes gegeben. Mit ihm in unserer Nähe haben wir nichts zu befürchten.“
„Gut“, sagte Margarita. Sie küssten sich und gingen. Der Wächter wartete draußen auf sie.
„Kommen Sie, meine kleine Dame – und mit Ihnen die heilige Schwester! Es ist nur ein kurzer Weg von hier aus. Ich verspreche, Sie sicher dorthin zu bringen – so sicher, wie mein Name Schwartz Thier lautet! Hey? Die gute Schwester fällt gleich um. Schauen Sie! Ich werde sie tragen.“
Margarita gewann ihre Selbstbeherrschung zurück, bevor er sein Angebot in die Tat umsetzen konnte.
„Lassen Sie uns nur schnell dorthin gehen“, keuchte sie.
Schwartz Thier ging voran und gewährte ihnen einen sicheren Weg zur Gefängniszelle, in der Farina eingesperrt war – dieses Gefängnis lag in der Nähe einer der äußeren Festungen der Stadt.
„Danke – und entlassen Sie ihn“, flüsterte Margarita.
„Nein! Er wird warten. Werden Sie nicht warten, meine Freundin? Wir werden nicht lange brauchen – auch wenn ich meinen Sohn besuche“, sagte Frau Farina.
„Bis morgen früh, meine kleine Dame! Der Löwe dankte demjenigen, der ihm den Dorn aus dem Fuß zog. Schwartz Thier mag zwar schwarz sein, aber er ist nicht undankbar – und kein schlimmeres Tier als der Löwe.“
Sie betraten die Stadtmauern und ließen ihn zurück.
In den ersten fünf Minuten fand Schwartz Thier Beschäftigung für seine Sinne, indem er die wackeligen, kleinen Fenster in der Umgebung anstarrte. Nachdem alle Neuheiten erschöpft waren, setzte er dies aus intuitiver Angst vor Müdigkeit fort. Es gab nichts zu sehen. Einmal tauchte eine alte Frau aus einem Dachboden auf und löschte die Funken mit Wasser. Von der zunehmenden Angst vor diesem schrecklichen Albtraum des Nichtstuns geplagt…

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Der Thier versuchte, eine romantische Beziehung zu ihr aufzubauen. Sie reagierte mit einem empörten Zusammenziehen des Kiefers und verschwand schnell wieder. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie aus tiefstem Herzen zu verfluchen. Der Thier stampfte mit seinem rechten Bein, dann mit dem linken, und dachte fünf Minuten lang weiter an die alte Frau als an eine Quelle des Ärgers. Als sie völlig vergessen war, gähnte er. Es wurde wieder eine „Ehepartnerin für den Moment“ benötigt – jemand, den man umwerben, beschimpfen und später bereuen konnte. Das Gefängnistor befand sich in einer abgelegenen Straße. Nur wenige Passanten kamen vorbei, und diejenigen, die es taten, hielten sich so weit wie möglich von der massigen, lässig dastehenden Gestalt des Thiers fern. Der Thier rief zwei oder drei von ihnen an. Einer rannte weg, ein anderer verbeugte sich, grinste, wünschte ihm freundlich einen guten Tag und tat so, als würde er nichts mehr hören – schließlich hatte er dringende Angelegenheiten zu erledigen. Der Thier war ein treuer Hund – doch der Verlockung, sein Vertrauen zu verraten und ihnen nachzujagen, konnte er kaum widerstehen. Er begann, sowohl zu weinen als auch zu brüllen. Er summte ein Lied:

„Ich schwor mir, dass ich meinen Willen durchsetzen würde –
und mit ihm auch meinen Weg finden würde.
Ich lernte das Armbrustschießen über dem Hügel –
was sagt nun meine Dame dazu?

Gebt mir endlich die gute alte Armbrust – nicht diese unzuverlässigen Waffen, die einen öfter zu Boden werfen als der eigene Mann!

In dem Wald steht noch immer ein Kreuz –
und auf dem grauen Friedhofsgelände auch eines.
Mein Fluch gilt dem, der seinen Willen durchsetzte –
und dem, der seinen Weg fand!

Guter Anfang, schlechtes Ende – aber das ist nicht immer so. ‚Viele Armbrüste haben ein Kreuz darauf‘, sagen sie. Ich wünschte, ich hätte jetzt meine Armbrust, um diese alte Frau – oder irgendjemand anderen – zu erschießen. Ich schwöre, sie späht mich von irgendwo aus an – hinter einem Dachfirst oder in einer Ecke. Die alten Frauen sind neugierig – verflucht seien sie! Und die Jungen auch. Verdammt nochmal, hier ist ein Junger…

Wenn ich in eine Stadt einmarschiere – wonach sucht man da wohl, oben und unten? Silber und Gold stecke ich mir gerne in die Tasche – aber das Schönste ist doch das Mädchen unter zwanzig Jahren.

Ich möchte gerne in Köln einmarschieren. Ich würde dieses hübsche Mädchen finden, dem ich gestern zum Opfer gefallen bin. Nehmt das Gold und Silber – gebt mir das Mädchen! Ihr Hals ist silbern, ihre Haare golden. Ah! Und ihre Wangen sind rosafarben – und ihr Mund… sag nichts mehr! Ich frage mich, ob Werner, dieses hungrige Tier, schon…“

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Er warf ihr einen wolfischen Blick zu. Man sagt, er habe letzte Nacht von ihr gesprochen. Lass ihn mich nicht vereiteln! Ich trage ihm Groll entgegen – er beginnt, meinen Lebensplan zu vergessen.
Eine Schar Tauben, die über die blaue Straße flogen, lenkten das Tier von diesen Gedanken ab. Verzweifelt starrte es ihnen nach, streckte sich und schüttelte sich, wobei seine Lungen laute Geräusche machten. Als es wieder um sich blickte, trafen seine Augen auf die eines Mönchs gegenüber, der ihn in durchdringendem Schweigen anstarrte. Das Tier hasste Mönche – genauso wie ein wildes Tier Feuer meidet – doch jetzt war selbst ein Mönch willkommen.
„Halloo!“, rief es.
Der Mönch kam auf ihn zu.
„Freund!“, sagte er, „die Müdigkeit lehrt dich Unbesonnenheit. Willst du eine Nacht lang arbeiten, wo die Gefahr gering ist und die Belohnung groß?“
„Was das angeht“, antwortete das Tier, „so kommt die Gefahr zu mir wie das Unterholz zum Hirsch – und gute Bezahlung wurde noch nie in Versprechen gegeben. Doch in einer Stunde muss ich zu den Frauen dort drinnen. Sie sind meine Herren – genauso wie sie es schon vor mir mit anderen Männern getan haben.“
„Ich werde sie suchen und ihre Zustimmung gewinnen“, sagte der Mönch und ließ es dann allein.
„Schnelles Handeln!“, dachte das Tier und wurde energischer. „Der Baron wird mich heute Nacht nicht brauchen – und selbst wenn doch? Soll er sich doch erhängen – obwohl es schade wäre, wenn ich nicht da wäre, um ihm zu helfen.“
Es ging unter der Mauer entlang bis zu ihrem äußersten Ende. Als es zurückkehrte, sah es den Mönch am Eingang stehen.
„Ein geschickter Kerl!“, dachte das Tier.
„Stelle mir keine Fragen“, begann der Mönch; „bleib still und folge mir – die Frauen werden dich gerne freilassen.“
„Das ist aber nicht mein Lebensplan! Zuerst Geld – danach kannst du Befehle erteilen!“, sagte das Tier und stellte einen Fuß vor, die Hand ausgestreckt.
Ein Ausdruck des Spotts verdunkelte die kalten Züge des Mönchs. Er steckte eine Hand in die Tasche seines Gewands über dem Gürtel und warf ihm einen Beutel mit Münzen zu.
„Nimm es, wenn du bereit bist, das größere Glück aufzugeben“, rief er verächtlich.
Das Tier spähte in den Beutel und schien zufrieden zu sein.

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„Ich folge“, sagte er. „Führe voran, guter Vater – ich werde zum ersten Mal seit dem Tag, an dem meine Mutter mich verließ, wieder auf dem Weg zur Heiligkeit sein.“ Der Mönch eilte die Straße entlang und in den Marktplatz hinein, ohne auf die Gesten und Ehrerbietungen der Menschen zu achten, die innehielten, um ihn sowie seinen abgemagerten Begleiter anzustarren. Als sie den Platz überquerten, entdeckte Schwartz Thier Henker Rothhals, der auf einem Pferd von einem Weinstand aus aufbrach – er konnte nicht widerstehen und rief ihm zu. Bevor der Mönch Zeit hatte, einen Tadel auszusprechen, waren sie bereits mitten in einem Austausch von Fragen und Antworten. „Pfeif!“, rief Thier und unterbrach die Unterhaltung. „Haben sie sie gefangen? Und sie über den Fluss geschleppt? Ich teile mit euch meinen Anteil – sonst nennt mich Schaf!“ Er winkte dem Mönch zu, ergriff die Zügel des Pferdes und rannte neben seinem berittenen Verbündeten davon – obwohl er selbst schwere Stiefel trug. Der Mönch runzelte die Stirn und seufzte tief. „Er ist weg!“, rief er. „Und das verfluchte Gold ist auch weg! Eine Stimme hat mich gewarnt, dass eine solche Dienstleistung niemals gekauft werden kann!“ Er zögerte nicht, zu klagen oder Reue zu zeigen, sondern kehrte mit schnellen Schritten zurück zur Gefängniszelle, murmelnd: „Ich mit dem Pass für zwei – warum habe ich mich von diesem Banditen täuschen lassen? Sah ich nicht den jungen Mann, der mir übergeben wurde – jenen, der bei dem Mädchen und der alten Frau war?“

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Die Reise und das Rennen
Gegen Mittag ritt ein Reiter in der Uniform der kaiserlichen Leibgarde durch trockenes, staubiges Gelände nach Köln – mit der Nachricht, dass der Kaiser sich auf Schloss Hammerstein befand und alle versammelten Ritter, Barone, Grafen und Fürsten anwies, sich an einem bestimmten Ort, zwei Meilen von Köln entfernt, einzufinden und sich auf seine Ankunft vorzubereiten, um so seinen triumphalen Einzug in die alte Stadt seines Reiches zu begleiten.
Guy der Habicht, der auf einem flämischen Pferd saß und ein Packpferd neben sich hatte, verließ kurz darauf das Gasthaus der Drei Heiligen Könige und ritt zu Gottliebs Tür.
„Zelten ist jetzt mein Beruf“, sagte er, als Gottlieb zu ihm herunterkam. „Mein Herr ist beim Kaiser. Ich muss mich vorerst verabschieden. Ist die junge Dame zu sehen?“
„Weder jung noch alt, guter Freund“, antwortete Gottlieb mit etwas verärgertem Gesichtsausdruck. „Ich habe allein gegessen, weil Sie nicht dabei waren. Ich habe gehört, es kamen geheime Briefe an jeden von ihnen – beide sind unterwegs. Was halten Sie davon, nach dem Vorfall von gestern? Auch Lisbeth!“
„Man sollte sich nach dem alten Sprichwort richten: ‚Verlass dich niemals auf Frauen für weise Handlungen.‘ Aber Lebewohl! Sagen Sie Fräulein Margarita, dass es mir missfällt, dass sie mir ihre Hand zum Abschied nicht reicht. Meine tiefsten Grüße an Frau Lisbeth. Bald werde ich wieder mit Ihnen an Ihrem hervorragenden Wein sitzen – es sei denn, das Schicksal ist mir gegenüber ungünstig.“
Mit einem Händedruck trieb Guy sein Pferd an und verließ schnell Köln über die holprige Straße.
Er war weder der Erste noch der Letzte unter den Kriegern, die eilig dem Befehl des Kaisers folgten. Eine Reihe von Reitern und Fußsoldaten erstreckte sich entlang der flachen Landschaft – ihre Farben leuchteten intensiver als die Frühlingswiesen entlang ihres Weges. Guy nickte allen zu und grüßte die Freundlicheren, bevor er weiter in Richtung Vorhut ritt. Doch die große Anzahl der Soldaten zwang ihn dazu, im langsamen Tempo der Vorhut voranzukommen – dadurch hatte er genug zu tun, damit seine beiden Pferde nicht in der Menge stecken blieben. Von Zeit zu Zeit blickte er zum Himmel hinauf – und bald…

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In einer Stellungnahme wurde bestätigt, dass er wiederholt ejakuliert hatte – und dass „die erste Nacht im Zelt zu einem regnerischen Erlebnis werden würde“. Im Westen verdunkelte eine schwarze Wolkenwand die Sonne bereits vorzeitig. Im Nordosten leuchteten die blauen Felder, leicht durchzogen von losen, schwebenden Streifen sowie roten Dampfschwaden. Die Furchen wurden immer dunkler – allmählich hüllte eine düstere Dunkelheit die ganze Gegend ein; das Geräusch der Hufe, Flüche und Wagenräder wurde zu einem dumpfen Gemurmel.
Guy fühlte sich wie ein zerschnittener Wurm – er kroch im Dämmerlicht vorwärts, wurde von hinten angetrieben und musste im Dunkeln nach dem Haupttrupp suchen. Häufig trank er aus einer Flasche, die an seinem Gürtel hing. Es war keine angenehme Vorstellung, dass es regnen würde, bevor er irgendeinen Schutz für Pferde und Menschen errichten konnte. Noch trauriger war die Notwendigkeit, seinen Standort auf fremdem Boden und im Dunkeln auszuwählen. Er behielt den Mond genau im Auge – und freute sich schließlich, ein helles Licht zu sehen, das durch die Bäume eines Obstgartens am Osthang schien.
„Mein Herr nennt sie Göttin“, sagte Guy sehnsüchtig. „Der Titel ist seltsam – eher typisch für diese Ausländer. Doch vielleicht darf sie ihn heute Nacht tragen, wenn es ihr gelingt, den Sturm davon abzuhalten, ihr strahlendes Auge zu verdecken – für etwa zwei Stunden.“
Der Mond erhob sich mit einem unheilvollen Glanz. Dünne, helle Wolken neigten sich wie Leitern herab – rein wie Jungssilber – damit sie auf ihren höchsten Platz am Himmel steigen konnte.
„Ich habe mich entschieden!“, sagte Guy zu seinem inneren Selbst. „Ich werde hier rauskommen.“
Durch das hellere Licht erkannte er einen schmalen Pfad, der parallel zur Hauptstraße verlief. Um einen Kilometer des Trupps hinter sich zu lassen, bog er ab. Ein Damm musste überwunden werden, einige schwierige Abschnitte durchquert werden – danach lag der Weg direkt vor ihm. Er begann, über das langsame Tempo sowie den Mangel an Entschlusskraft der Männer zu spotten, die er zurückgelassen hatte – im Vergleich zum Goshawk wirkten sie wirklich schlecht. Doch als er zwei Reiter vor sich sah, wurde seine Eitelkeit gebremst. Um sie einzuholen, trieb er sein fettes flämisches Pferd mit ungewöhnlicher Kraft an – dadurch zeigte das Pferd mehr Mut als Geschwindigkeit.
Die Zielpersonen dieser verzweifelten Verfolgung bemerkten zunächst nicht, dass sie verfolgt wurden. Beide ritten mit geschlossenen Gesichtsmasken und schienen völlig unbeeindruckt von der Welt außerhalb ihrer Gedanken zu sein. Doch der Goshawk ließ sich nicht abweisen – er brüllte abwechselnd auf sie ein und tadelte sie.

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Zwei riesige Bestien – schließlich weckte er den jüngeren der Ritter, der laut seinem Gefährten zuwinkte. Doch es schien nutzlos zu sein, denn er musste seine Warnung wiederholen. Guy war ihnen nahe, als der junge Mann ausrief: „Vater! Heiliger Vater! Es ist Satan selbst!“ Der andere stand auf und zeigte zitternd auf einen dunklen Punkt in der Ferne, während er schrie: „Nicht hier! Nicht hier – sondern dort drüben!“ Guy erkannte die Stimme des ersten Sprechers und rief: „Bleibt! Haltet einen Moment inne! Habt ihr den Habicht vergessen?“ „Nie!“, kam die Antwort. „Und vergesst auch Farina nicht!“ Mit Sporen und schnellen Pferden entfernten sie sich, bevor Guy noch ein Wort sagen konnte. Farina blickte ihm reumütig nach, doch der Mönch maß seinen Gehilfen nun mit Empörung. „Du Schwacher! Nichts weiter als ein Narr! Deinen Namen in einer solchen Gefahr preiszugeben, nur um Seelen zu retten!“ Farina warf seine Haare zurück und presste seine Stirn gegen den Mond. Die ganze grimmige Wut des Mönchs wurde durch das letzte, sanfte Wort seines Geliebten zunichte gemacht – dieses Wort klang wie Musik in seinen Ohren, wann immer Ärger aufkam. „Und so“, sagen die alten Schriftsteller, „werden Liebende, die wahrhaft lieben, für ihre Mühen und Leiden wirklich belohnt; diese Liebe, um derentwillen sie leiden, ist stets vorhanden, um Leiden abzuwehren, die nicht aus der Liebe entstehen. Doch die Untreuen, die der Liebe nicht treu dienen, sind einem Schicksal ausgeliefert, das diese niedrige Welt ihnen auferlegen kann – ohne Trost oder Ermutigung von ihrer Herrin, der Liebe; denn wenn sie nicht alles für sie opfern, wissen sie nicht, wie man Freude daran hat.“ Die Seele eines Liebenden lebt durch jeden Teil seines Körpers in der Freude eines Ritts im Mondlicht. Kummer und Trauer sind langsame Krankheiten, die sich in der Brise verstecken und sich von schnell bewegenden Dingen fernhalten. Ein wahrer Liebender ist nicht einer jener melancholischen Fliegen, die über schlammige, stehende Gewässer fliegen. Er muss hoch in der Luft sein. Er muss alle Saiten des Lebens berühren. Schnelligkeit ist seine Ekstase. In seinen breiten Armen umschließt er die ganze Schönheit. Seine Instinkte sind adlerartig; seine Wünsche sind taubenartig. Dann ist der schöne Mond die eigentliche Präsenz seiner Verlobten im Himmel. So ritt Farina stundenlang in silbernem Glanz; während der Mönch wie ein Schatten finster dahinjagte.

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und stumm an seiner Seite. So krönten sie den Himmel – die eine Hälfte war ganz Liebe und Licht; die andere, Dunkelheit und böser Zweck.

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Die Schlacht auf Drachenfels
Nur dem Himmel wurde die Ehre zuteil, die große Schlacht jener Nacht zu beginnen. Durch einen schwach werdenden blauen Mondstrahl sah Farina ein weites Gebiet der Dunkelheit, das die Senke im Westen ausfüllte. Bald verschwand der Mond hinter träge dahintreibenden Eisenstücken, die von den Ruinen abbrachen – während diese mit großer Wucht durch die Atmosphäre rasten.
Das Herz des Jungen war stark – doch er konnte diesen Ausdruck unermesslicher Macht nicht ohne schnelles, heftiges Schlagen betrachten. Es schien, als könnte diese Macht mit einem Schlag die Schöpfung sowie die Werke der Menschen zerstören. Die grausame Atmosphäre der Sturmfront verlieh der Unternehmung, an der er beteiligt war, eine bedrohliche Note – er kannte weder das Ziel noch konnte er das Ergebnis vorhersehen. Nun gab es nichts, was ihren Weg erhellen konnte, außer gelegentlichen Blitzen, die hier einen Hügel mit Häusern beleuchteten, dort eine Maiblüte, ein Stück Unkraut oder einen einzelnen Baum am Wegesrand. Plötzlich erschien ein intensiveres, kontinuierliches Leuchten in Violett – Farina sah den Rhein unter sich.
„An einem solchen Abend“, dachte er, „kämpfte Siegfried und tötete den Drachen!“
Ein Lichtblitz, als käme er aus dem Rachen des besiegten Drachen, zeigte ihm das Land, durch das er zog. Über dem Wasser glänzte der von Monstern heimgesuchte Felsen – jenseits des Flusses erstreckte sich die Nonneninsel in friedlicher Stille.
„Halt!“, rief der Mönch und gab mit einer besonderen Pfeiftonart ein Signal – offensichtlich wartete er atemlos auf eine Antwort. Sofort wurden sie von in lange Gewänder gekleideten, vermummten Gestalten umringt.
„Ist es noch nicht zu spät?“, fragte der Mönch heiser.
„Noch eine Stunde!“, antwortete eine Frau mit sanfter, klarer Stimme.
„Große Kraft und Mut – übermenschlich!“, rief der Mönch und stieg vom Pferd. Er ging an ihnen vorbei; sie bildeten einen Kreis, während er kniend betete.

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Kurz darauf kehrte er zurück und führte Farina zu einer Bank. Aus einem Versteck holte er ein Buch sowie eine Glocke hervor und reichte sie dem Jungen in die Hände.
„Um deiner Seele willen – kein Wort!“, sagte der Mönch mit leiser Stimme, während er Luft holte. „Nein! Keine Antwort mir gegenüber! Sei treu – dann wird dir mehr zuteilwerden als irdisches Glück. Denn ich sage dir: Ich werde nicht versagen, denn ich habe die Gnade, diesen Kampf durchzustehen.“
Dann begann er den Aufstieg zum Drachenfels. Farina folgte ihm. Er hatte keine Ahnung von der Mission des Mönchs noch von der Rolle, die er selbst darin spielen sollte. Eine solche Last des Schweigens lastete auf seinem neugierigen Geist, dass nur das Toben der Elemente ihn davon abhielt, den Mönch aufzuhalten und von ihm zu verlangen, dass er seine Aufgabe dort beendete. Dieses Toben reichte aus, um jedem Sterblichen die Sprache zu rauben. Kaum hatten sie den gewundenen Pfad auf den Felsen betreten, da wurde die ganze Rache des Sturms gegen den Berg geschleudert. Riesige Felsen wurden losgerissen und stürzten von oben herab; Bäume, deren Wurzeln aus den Spalten gerissen worden waren, wirbelten im Wind dahin; Regenströme schäumten an den steilen Felswänden herab und prallten in weißen Flocken gegen die kurzen Momente der Dunkelheit. Der Berg bebte und öffnete eine Reihe grauenhafter Schluchten.
„Da ist etwas Teuflisches dabei“, dachte Farina. Er blickte zurück und sah den Fluss, der über dem Gipfel des Berges wie abgrundtiefe Wolken erschien – ja! Und auf dem Gipfel spiegelte sich eine flammende Gestalt.
Zwei nervöse Hände pressten sich auf seinen Mund.
„Habe ich dich nicht gewarnt?“, sagte die heisere Stimme des Mönchs. „Ich kann gut aufpassen – und für dich sorgen, als wäre du ein Hund. Sei ebenso treu!“
Er reichte dem Jungen eine Flasche und bat ihn, daraus zu trinken. Farina trank und fühlte sich stark gestärkt. Dann nahm der Mönch die Glocke und das Buch.
„Aber eine halbe Stunde“, murmelte er, „für diesen Kampf, der durch die Jahrhunderte hallen wird.“
Er machte das Kreuzzeichen und stieg wild nach oben. Farina sah, wie er einmal zurückwinkte – im nächsten Moment war er hinter einer Biegung des höchsten Gipfels verschwunden. Der Wind, der gerade tausend Todesschreie ausgestoßen hatte, war nun seltsam still – obwohl Farina spüren konnte, wie er seinen Umhang und seine Haare hochhob. In dieser ungewöhnlichen Stille hörte er Töne eines Liedes, das unten gesungen wurde; mal schwoll es an, mal wurde es leiser – als würden die Stimmen zwischen Gebet und…

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Inspiration. Farina hielt sich an einer Felsvorsprunge fest und starrte auf das, was in der Höhe vor sich ging. Da war der Mönch in seinem braunen Umhang – und gegenüber ihm, sofern er seinen Blick trauen konnte, die glühend rote Gestalt des Fürsten der Finsternis. Noch hatte es keinen körperlichen Kampf zwischen ihnen gegeben. Sie stritten – zwar wütend, aber mit der gegenseitigen Respektierung erfahrener Logiker. Sowohl der Mönch als auch der Teufel benutzten abwechselnd Latein und Deutsch. Farinas leidenschaftliche Liebe zum Vaterland wurde geweckt, als er hörte, wie der deutsche Teufel sprach; doch sein Latein war ausgezeichnet, und seine Beherrschung dieser Sprache bemerkenswert. Da er im Streit meist den Nachteil hatte, rächte er sich, indem er eines der kirchlichen Lieder parodierte – mit einer Pointe, die seinen Gegner aus der Fassung brachte und ihn dazu veranlasste, einen Schritt zurückzuweichen und um Unterstützung gegen diesen gerissenen Angriff zu bitten.
„Der Einsatz einer unerwarteten Waffe im Krieg ist an sich schon eine halbe Niederlage. Bring deinen Gegner dazu, sie gegen dich einzusetzen – dann kannst du davon ausgehen, ihn vollständig zu besiegen…“, heißt es in der alten Militärchronik.
„Komm!“, sagte der Teufel spöttisch. „Du kennst dein Spiel – ich meins! Ich möchte wirklich, dass die guten Menschen glücklich sind: tanzen, küssen, sich fortpflanzen – was auch immer. Da sind wir uns einig. Du kannst nichts gegen mich haben – außer einem dummen, alten Vorurteil – nicht persönlich, sondern klassenbedingt; eine Abneigung gegen Mönche, wofür ich dir verzeihe! Was ich an dir finden könnte, worüber ich mich beschweren könnte – ich muss es nur erwähnen, da bin ich mir sicher – ist, dass du vielleicht etwas zu viel durch die Nase sprichst.“
Der Mönch fiel nicht in die scherzhafte Falle und antwortete nicht in demselben Ton.
„Mit dem Teufel lachen – und am längsten lachen“, sagt das Sprichwort. Der Heilige blieb bei seiner Haltung und runzelte die Stirn.
„Gehe weg, Teufel! Zurück in dein Reich dort unten! Du hast einen Monat lang auf der Erde gewütet, Unheil, Hurrikane und Epidemien der tödlichen Sünden verursacht. Keine weiteren Verhandlungen! Geh!“
Der Teufel lächelte: Die Mundwinkel zogen sich bis zu seinen Ohren hoch, und seine Augen senkten sich fast zusammen.
„Immer noch durch die Nase!“, sagte er tadelnd.
„Ich gebe dir fünf Minuten!“, rief der Mönch.
„Ich hatte auf ein längeres Gespräch gehofft“, seufzte der Teufel, während er mit seinem linken Bein spielte und an seinem Schwanz herumfummelte.

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„Eine Minute!“, rief der Mönch.
„Wirklich!“, sagte der Dämon. „Ich kenne die alte Zeit und ihre Gewohnheiten besser, als du es je tun kannst. Wir treffen uns jeden Samstagabend und teilen uns unsere besten Witze mit. Ich halte ein Buch damit dort unten!“
Und als hätte er Grund, sich an den Boden seiner Hallen zu erinnern, stand er auf Zehenspitzen und hob seine Beine.
„Zwei Minuten!“
Der Dämon signalisierte mit einer Geste seine Zustimmung und fuhr fort:
„Wir verstehen uns, er und ich. Alle Alten tun das. Solange er besteht, werde auch ich bestehen. Was mich überrascht, ist, dass du und ich uns nicht einigen können – obwohl wir uns im Temperament ähneln und beide langfristig planen. Mein Versagen liegt wohl darin, dass ich zu große Leidenschaft für Sport habe, haha! Nun, es ist schade, dass du nicht versuchst, nach dem Prinzip der Güte zu leben. Ich bin wirklich freundlich zu denen, die Mitleid mit meiner Situation haben. Ich gebe ihnen alles, was sie wollen, haha! Hmm! Versuche jetzt nicht, mir nicht zu glauben, haha! Ho!… Kannst du es nicht? Was sind Augen? Überzeuge dich selbst davon, dass du träumst. Mit einem Verstand wie deinem kannst du alles erreichen, Vater Gregor! Und bedenke den Luxus, mich so leicht aus dem Weg räumen zu können, wie viele es tun. Das ist mein beste Trick, haha! Normalerweise bringe ich ihnen die großartige Idee bei – Du bist über Bestechungsgelder erhaben? Ich wollte gerade darauf hinweisen…“
„Drei!“
„Beachte: Wenn dir weltliche Ehren wichtig sind, kann ich dich mit solchen Dingen erdrücken. Mehrere deiner besten Leute haben mit mir einen Handel geschlossen, als sie verwirrt waren, und schulden mir etwas. Sie nennen das Protektion. Ich fange sowohl die Höheren als auch die Niedrigeren ein. Zu wenig und zu viel dienen mir besser als Beelzebub. Ein schwacher Magen ist sicherlich frommer als ein voller. Deshalb wird mein Königreich immer respektabler. Sie alle haben Titel und lehnen es ab, ohne entsprechende Titel Aufgaben zu erledigen – Ehrwürdige und außergewöhnlich strahlende Baronin dies! Wunderbar gütige Hoheit jenes! Das stört die Arbeit, besonders wenn man sie bitten muss, sich selbst zu braten, gemäß den Regeln… Möchtest du Mainz und den Rheingau?… Dir liegt Schönheit nicht – Mädchen, Mädchen? Ich habe auch viele davon dort unten. Historische Schönheiten, die sofort zur Verfügung stehen. Moderne Schönheiten, die innerhalb von Tag und Nacht berühmt werden – Ruhm ist die Soße der Schönheit. Oder etwa nicht?“

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„Vier!“
„Nicht so schnell, wenn ich bitten darf. Sie wollen, dass ich gehe. Wo ist denn Ihre Barmherzigkeit? Verlangen Sie etwa von mir, ständig diese armen Kreaturen zu belästigen? Solange ich hier bin, haben sie wenigstens eine Atempause. Sie können doch nicht denken, dass Sie freundlich sind, Pater Gregory! Was den Schaden angeht – nun, ich werde dadurch nicht angenehmer, dass ich Ihnen gegenübertrete; obwohl einige schöne Damen mich äußerst mögen. Das Geheimnis liegt darin, wie viel Smalltalk ich beherrsche: Dadurch vergessen sie meinen Geruch – der, muss ich zugeben, abscheulich ist, mir selbst unangenehm und mein schlimmster Fluch. Leute wie Sie, Pater Gregory, sind in dieser Hinsicht etwas unangenehm – wenn ich nach ihrem Gesandten hier urteilen darf. Nun, versuchen Sie es mit Smalltalk. Sie würden sich verzweifelt in Füchse oder Stinktiere verlieben, wenn sie über Smalltalk verfügten. Schließlich waren sie schon früher in Mönche verliebt! Wenn schon Stinktiere – warum dann nicht Mönche? Und wiederum…“
„Fünf!“
Nachdem er diese gewaltige Zahl feierlich ausgerufen hatte, hob der Heilige seine Arme, um den Kampf zu beginnen.
Farina spürte, wie seine Nerven vor Bewunderung für diesen kühnen Krieger prickelten, der es wagte, die zweite Macht der Schöpfung auf diesem einsamen Gipfel herauszufordern. Er erwartete – und erschauderte bei dem Gedanken an den schrecklichsten Kampf, der je zwischen Helden und den Hunden des Bösen stattgefunden hatte – doch zu seiner Überraschung zog sich der Dämon zurück, während Bell in der Luft und das Buch hoch erhoben waren, und rief: „Halt!“
„Ich ergebe mich“, sagte er mürrisch. „Welche Bedingungen?“
„Sofortiges Verschwinden von der Erdoberfläche.“
„Gut! – Nun“, sagte der Dämon, „haben Sie etwa gedacht, ich würde in einen Kampf gelockt werden? Zweifellos möchten Sie ein Heiliger werden und dass alle über meine Niederlage sprechen… Bilder, Gedichte, Prozessionen – mit dem Teufel als Verlierer! Nein. Sie sind mir mehr als gewachsen.“
„Schweigen, Dunkelheit!“, donnerte der Mönch. „Versuchen Sie nicht, Ihren Sieger mit Schmeicheleien zu besiegen. Gehen Sie!“
Wieder ragte er wütend auf.
Der Dämon zog seinen Schwanz zwischen die Beine und warf das gegabelte, fleischige, zitternde Ende über seine Schulter. Dann nickte er fröhlich, zeigte mit den Füßen in eine Richtung und ging ein paar Schritte weg, wobei er sagte: „Ich hoffe, wir treffen uns wieder.“

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Daraufhin breitete er seine Flügel aus – Flügel, die wie die Flossen des Wyvernfisches aussahen und an ihren Spitzen vergiftet waren.
„Befehle für dein Volk da unten?“, fragte er mit einem spöttischen Lächeln.
„Das sind verzweifelte Schurken, diese Kerle unter den Kapuzen. Du hast recht, sie nicht anzuerkennen.“
Farina sah, dass der Heilige keineswegs bereit war, länger vom Feind manipuliert zu werden.
Auch der Dämon wurde von ähnlichen Gedanken beeinflusst; denn er sagte: „Köln ist doch die Stadt, in der Eure Heiligkeit wohnt, oder?“ Dann schoss er wie eine Rakete über das Rheintal hinweg und traf dabei die gesamte Gegend – die felsigen Burgtürme, die Schieferfelsen, die dornigen Gebiete sowie die von Efeu bedeckten Hänge und verfluchten Täler – mit einem einzigen Schwefelblitz. Frankfurt und der weit entfernte Main sahen ihn und röteten sich. Die alten Städte Trier und Mosel, Heidelberg und Neckar, Limberg und Lahn – alle fühlten sich schuldig gegenüber diesem Dämon. Der Rhein, dieser schnelle „Blutstrom“, glänzte in schrecklicher Dunkelheit – wie ein Höllenkomet, der über Bonn hinwegflog, einen Moment lang am Ufer des Flusses funkelte und anschließend verschwand, wobei er einen Streifen aus Flammen am Nachthimmel hinterließ.
Farina atmete schwer durch die Zähne.
„Der Letzte von ihnen war schrecklich“, sagte er und trat näher zu dem Mönch, der kniete und sein Gebetbuch umklammerte. „Aber er wurde leicht besiegt.“
„Leicht?“, rief der Heilige zufrieden aus. „Du Schwächling! Solltest du etwa die Schwierigkeiten messen oder die Kräfte abschätzen können? Leicht? Du Weltling! So werden große Taten beurteilt, wenn die Gefahr vorbei ist! Und was bin ich anderes als das bescheidene Instrument, das zu diesem wunderbaren Sieg geführt hat? Das arme Werkzeug dieses erstaunlichen Triumphes! Soll das Schwert sagen: ‚Das ist die Schlacht, die ich gewonnen habe! Dort drüben liegt der Feind, den ich besiegt habe! Verneigt euch vor mir, ihr Herren der Erde, ihr Anbeter großer Taten!‘ Nein! Das Schwert wird erst dann geehrt, wenn es im Griff des Helden bleibt – und wenn es nicht bricht, gilt es als zuverlässig. Das kann ich also behaupten: Ich war zuverlässig! Zuverlässig in einer heldenhaften Auseinandersetzung! Zuverlässig in einer Schlacht gegen die Schrecken der Erde! Oh! Doch das darf man nicht sagen. Das wäre zu viel gedacht! Das wäre mehr, als der Mensch bisher erreicht hat!“
Der heilige Krieger verschränkte die Arme und neigte sanft den Kopf.
„Bringt mich zu den Schwestern“, sagte er. „Die Kraft ist aus mir gewichen! Ich bin schwach – wie ein Kind!“

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Farina fragte und erhielt seine Segnung.
„Und damit auch meinen Dank!“, sagte der Mönch. „Du hast gesehen, wie man ihn überwinden kann! Du hast eine Szene erlebt, die zur Ehre des Christentums werden wird! Du hast die Niederlage der Dunkelheit vor der Stimme des Lichts gesehen! Denke aber nicht zu viel von mir – betrachte mich in dieser Angelegenheit als unbedeutend! Ich bin nur ein Instrument! Nur ein Instrument! – Und wieder: nur ein Instrument!“
Farina legte die Arme des heiligen Kämpfers um seine Schultern und stieg von Drachenfels herab.
Der Sturm war wie eine vergessene Qual. Der Mond strahlte in jugendlicher Pracht; die alten Felsen, von seinem Licht umhüllt, reckten ihre Spitzen erneut zum blauen Himmel empor. Alle Bäume auf dem Land zitterten, als wollten sie einen bösen Traum abschütteln, und bebten von Zeit zu Zeit, wobei sie von vergangenen Ängsten und der gegenwärtigen Ruhe flüsterten. Das Wasser des Flusses spielte mit dem Bild des Mondes in seinen Tiefen.
„Das ist viel, was man für die Erde gewinnen kann“, murmelte der Mönch. „Was ist das Leben schon – wer würde nicht alles riskieren, um solche Schönheit aus den Klauen des Teufels, des Erzfeindes, zu retten? Doch nicht ich! Nicht ich! Sagt nicht: ‚Ich habe das getan!‘“
Sanfte, melodische Klänge drangen zu ihnen herüber, begleitet vom feuchten Duft der Luft. Es war das Lied der Schwestern.
„Wie süß!“, murmelte der Mönch. „Nehmt es von mir weg! Lasst es verschwinden!“
Er stieg auf Farinas Rücken und setzte seine Füße auf die Oberschenkel des Jungen. Dann rief er laut: „Ich befehle euch, wer auch immer ihr seid: Singt nicht von diesem Kampf vor dem Kaiser! Um des Atems willen, der aus euren Nasen strömt – haltet inne! Bevor ihr etwas über den Kampf des heiligen Gregorius mit Satan, seinen Sieg und die Wunderhaftigkeit dessen erzählt, solange er noch lebt – denn er möchte als bescheidener Mönch sterben.“
Er nahm wieder Platz, und Farina brachte ihn in den Kreis der Schwestern.
Diese reinen Frauen nahmen ihn in ihre Arme, streichelten ihn und füllten die Nacht mit triumphierenden Klängen.
Farina stand abseits.
„Die Brise kündigt den Morgen an“, sagte der Mönch. „Wir müssen vor Tagesanbruch in Köln sein.“
Sie stiegen auf ihre Pferde, und die Schwestern versammelten sich unter den Segnungen des Mönchs.

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„Kein Wort darüber!“, sagte der Mönch warnend. „Wir schweigen, Vater!“, antworteten sie. „Zum Kolonialbezirk!“, rief er dann, und er sowie Farina eilten davon.

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Der Goshawk führt an.
Der Morgen lag hinter den grauen Wolken im Osten, als sie auf dem hastig errichteten Lager ankamen, um dem Kaiser entgegenzukommen. Überall herrschte Chaos. Heftige Kämpfe um die Vorherrschaft tobten in der Nähe des kaiserlichen Zeltes – dort lagen unter der Flagge Deutschlands einige Veteranen der kaiserlichen Garde und beobachteten gelassen das Geschehen. Bis zum Rand des Ackerlandes war nichts zu sehen außer kämpfenden Gruppen von Kriegern, die ihre jeweiligen Herren verteidigten. Diese Ansprüche wurden heftig und unterschiedlich bestritten – wie viele Rotschöpfe bezeugten. Auf dem grünen Feld wurde kein Schritt gemacht, denn die Fürsorge des Kaisers für die Bauern sowie seine Zuneigung zu guten Ernten sorgten dafür, dass er selbst inmitten dieser eifersüchtigen Rivalitäten respektiert wurde. Es hieß von ihm, er würde lieber in einem Sumpf lagern oder sich in einer Kathedrale niederlassen, als ein grünes Weizenkorn niederzutrampeln oder einen Rebenstock umzudrehen. Deshalb wurde die Anwesenheit von Kaiser Heinrich vom Pöbel niemals als Fluch Ägyptens betrachtet, sondern überall willkommen geheißen.
Pater Gregorius und Farina befanden sich mitten in einer Gruppe, bevor sie ihre Pferde anhielten. Ein Ruf ertönte: „Der gute Pater wird entscheiden – dann ist alles in Ordnung!“ Daraufhin: „Einverstanden! Hurra! Er hat seine Absicht aufgegeben.“
„Pater“, sagte jemand, „siehe da! Ich glaube, ich habe den Teufel selbst fliegen sehen – von Drachenfels weg, nach Köln hinüber. Fritz und Frankenbauch haben ihn auch gesehen. Sie werden dafür schwören – ich auch. Verdammt nochmal! Die anderen behaupten, es sei nur ein Blitz gewesen – als ob ich ihn nicht gesehen hätte! Hörner, Schwanz, Krallen – es war wirklich ein beeindruckender Anblick, bei Gott!“
Bei dieser genauen Beschreibung des Bösen Geistes brach ein Streit aus – einige sprachen für den Teufel, andere dagegen. Der Mönch senkte seinen Kopf.
„Ich würde gerne schweigen, meine Söhne“, sagte er mit flehender Stimme.
„Sprechen Sie, Pater!“, rief der erste Sprecher und nahm Mut aus dem Blick des Mönchs.
Pater Gregorius schien tief in Gedanken versunken zu sein. Schließlich hob er den Kopf und murmelte: „Es muss so sein.“ Dann sagte er laut:

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„Es war wahrhaftig Satan, oh meine Söhne! Ihn habe ich in dieser Nacht im tödlichen Kampf auf dem Gipfel des Drachenfels getroffen und besiegt – vor den Augen dieses Jungen. Von Satan werde ich euch in dieser Nacht befreien! Ein Werkzeug – hier wie in allen anderen Fällen.“
Rufe und ein weit hallendes Summen erfüllten das Lager. Hunderte hatten nun gesehen, wie Satan vom Drachenstein davonflog. Pater Gregor konnte nicht mehr hoffen, der drängenden Menge zu entkommen, die ihn um Erklärungen bedrängte. Das umstrittene Thema war nun die genaue Position von Satans Schwanz während seines Fluges, bevor er nach Köln hinabstieg. Der Schwanz peitschte wie der eines Löwen. „Er war sicherlich angehoben! Er steckte ihn wie ein Windhund zwischen die Beine! Oder er hielt ihn wie einen Bärenschwanz nach unten! Oder er trug ihn senkrecht wie eine Lanze!“
„Oh meine Söhne! Habe ich Zwietracht gesät? Habe ich euch keinen Frieden gebracht?“ rief der Mönch aus. Doch sie setzten ihre Diskussionen mit immer größerem Eifer fort.
Farina warf einen Blick über das Getümmel und sah seinen Freund Guy, der eindringlich zu ihm winkte. Es fiel ihm nicht schwer, zu ihm zu gelangen, denn alle Blicke waren allein auf den Mönch gerichtet.
Der Habicht stampfte vor Aufregung mit den Füßen. „Keine Zeit zu verlieren, mein Junge“, sagte Guy und packte seinen Arm. „Hier – ich habe bereits ein halbes Dutzend Kämpfe um diesen Platz geführt. Kennst du den Kerl da drüben?“
Farina sah den Mann am Eingang eines zerfallenen Zeltes. Er rieb sich reumütig den gebrochenen Kopf.
„Nun“, fuhr Guy fort, „es geht darum, auf ihn zu steigen – und dann, so schnell es die Pferde tragen können, weg von den Wölfen von Werner. Keine Fragen! Bist du bereit? Und was bin ich? Das ist Leben oder Tod, mein Junge! Hör zu!“
Der Habicht flüsterte etwas, das Farina das Blut aus den Wangen saugen ließ.
„Hör zu – wie heißt du? Sei mir treu, und du wirst Rache bekommen – sowie die versprochenen Prügel. Außerdem wird mein Herr Interesse daran haben, einen besseren Herrn zu finden. Aber beeil dich! Wir steigen erst auf, wenn wir außer Sichtweite dieser Höllenbande sind.“
Der Mann stand auf und taumelte ihnen hinterher durch das Lager. Es gab keine Schwierigkeiten, auf ihn zu steigen – die Pferde waren frei und rannten herum.

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Das Land war noch nicht von den Schrecken des Sturms der vergangenen Nacht befreit.
„Da sind wir, drei gute Männer!“, rief Guy, als sie aufbrachen. Farina hatte ihm eilig berichtet, was bei seinem Abenteuer mit dem Mönch geschehen war. „Drei gute Männer! Einer hat dazu beigetragen, den Teufel zu vertreiben; ein anderer hat eine Zeit lang bei ihm gelernt; und der Dritte ist bereit, ihn jederzeit direkt konfrontiert zu stellen – und das sollte ich sein. Wir brauchen keinen weiteren Mann, selbst wenn es darum geht, den Schatz zu holen, von dem du sprichst – er soll unter dem Rhein liegen und von unzähligen listigen Schurken bewacht werden. Man kann die Pferde doch in Linz über den Fluss bringen, oder?“
„Ja, mehr oder weniger“, brummte der Thier.
„Dann sind wir auf dem richtigen Weg!“, sagte Guy. „Dank euch beiden habe ich seit zwei Nächten nicht geschlafen – kein Auge zugemacht – und muss im Gehen schlafen – das ist nicht das erste Mal.“
Der Goshawk beugte seinen Körper und sagte nichts mehr. Farina konnte kein Wort mehr aus ihm herausbekommen. Allein durch seine Kontrolle über die Zügel bewies der Goshawk, dass er zum Leben gehörte. Der Schwartz Thier, entweder mürrisch oder schockiert durch die letzte Demütigung, hielt seinen Mund fest geschlossen, als wären seine Kiefer zugenagelt.
In Linz konnten die Pferde wieder durchatmen. Der Goshawk, der gerade noch geschnarcht hatte, untersuchte sie genau und schüttelte seinen berechnenden Kopf.
„Schlag diesem Tier in die Rippen“, sagte er zu Farina. „Ah! Keine Spur von Kraft in ihm. Und dann kommt noch die Rückreise – da müssen wir noch mehr tragen. Nun, das ist das Geld meines Herrn; aber ich bin sicher, es wird für einen guten Zweck verwendet. Meister Groschen wird alles in Ordnung bringen, da bin ich mir sicher.“
Der Goshawk hatte in den Ställen der Kaiser’s Krone einige ausgezeichnete Pferde gesehen; doch der Besitzer weigerte sich, ohne Vorauszahlung in Silber etwas zu tauschen. Nachdem das geklärt war, ging alles schnell.
„Schwartz Thier! Jetzt kenne ich deinen Namen“, sagte Guy, während sie den Fluss überquerten. „Bist du dir sicher, dass sie gestern Nachmittag mit dem Mädchen Köln verlassen haben?“
„Ah, wirklich? Dann ist sie jetzt wohlbehalten in Eck angekommen.“
„Und heute Nacht wird sie von Eck weggehen, glaub mir!“
„Oder ich werde dort mit ihr sterben!“, rief Farina.

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„Höchstens fünfzehn Männer hat er, hast du gesagt“, fuhr Guy fort. „Zwei sind unzuverlässig, fünf sind zuverlässig wie Stahl – der Rest zögert nur herum. Ein einziger Schlüssel genügt uns bereits; zwei Schlüssel retten uns völlig. Mit fünf Männern können wir es aufnehmen – wenn wir noch den bluffenden Baron hinzunehmen. Der Rest sorgt für den Sieg.“
„Können wir diesem Kerl trauen?“, flüsterte Farina.
„Vertraut ihm!“, rief Guy. „Ich habe ihn doch schon besiegt – ich habe ihn gefangen genommen und dann wieder freigelassen. Vertraut ihm? Vertraut mir! Wenn Werner auch nur seinen Kopf in einer Entfernung von einer halben Meile von seinem Versteck sieht, wird er ihn lebendig verbrennen.“
Er senkte seine Stimme: „Vertraut ihm? Ohne ihn können wir nichts ausrichten. Ich habe ihm heute Morgen den Verstand geraubt. Für Seine Hoheit gibt es jetzt keine Chance mehr. Dieses Versteck von Werner könnte sogar einem Angriff des Kaisers selbst standhalten, habe ich gehört. Wir müssen wie Wiesel hinein – und so schnell wie möglich wieder heraus.“
Nachdem sie die Fähre mit strengen Anweisungen zurückgeschickt hatten, sich von Mittag bis Mittag bereitzuhalten, stiegen die drei auf ihre Pferde.
„Haltet im ersten Dorf an“, sagte Guy. „Wir müssen Vorräte besorgen. Wie Meister Groschen sagt: ‚Ohne Vorräte kann man nichts tun, Turpin.‘“
„Goshawk!“, rief Farina. „Du hast Zeit – erzähl mir, wie das alles gemacht wurde.“
Die einzige Antwort war ein leises, aber entschlossenes Schnarchen – ein Zeichen dafür, dass der Mann in Träumen versunken war.
In Sinzig legte Thier seine Hand auf Guys Zügel und sagte: „Hier gibt es etwas zu essen.“ Das war ein kurzes, aber effektives Signal – es weckte Goshawk vollständig auf. Hier konnten sie nur Würste, die nach Knoblauch rochen, Eier, Schwarzbrot und sauren Wein bekommen. Farina weigerte sich zu essen und blieb bei seiner Entscheidung – trotz Guys sarkastischer Ermahnungen.
„Dann reibt die Tiere ab und gebt ihnen Wasser“, sagte Guy. „Er hat wohl einen Schwur abgelegt“, murmelte er.
„So sind diese Leute eben. Kein ehrlicher Mann nimmt die Dinge einfach hin – sondern versucht immer, etwas mehr zu bekommen. Was hat sein Magen schon getan, um ihn zu beleidigen? Er wird gerade dann laut werden, wenn wir absolute Ruhe brauchen. Ich würde Werner keinen solchen Gefallen tun und ohne Frühstück für ihn auskommen. Ich nicht! Und du, Schwartz Thier?“

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„Henker! Nicht ich!“, knurrte das Tier. „Er wird schon bald einen verlieren.“
„Erst schnapp dir seine Beute – sonst wird dieser Brute, Gott steh uns bei!, ein Mahl für einen Kaiser bereiten.“
Guy rief die Wirtin herbei, bezahlte die Rechnung und kritisierte den Wein.
„Herr“, sagte die Wirtin, „unsere Herberge ist nur eine arme Herberge – aber wir tun unser Bestes.“
„Das tut ihr“, antwortete der Habicht sanfter. „Und ich sage: Eine höfliche Sprache sowie fröhliche Lächeln machen selbst sauren Wein süß.“
Die Wirtin, eine Witwe aus dem Sommer, wurde rot im Gesicht. Als er den Raum verließ, rief sie ihn beiseite.
„Ich dachte, Sie gehörten zu dieser schrecklichen Bande von Werner – ich hasse ihn.“
Guy machte sie nicht falsch verstehen.
„Er hat meine Schwester mitgenommen“, fuhr sie fort. „Seine Grausamkeit tötete sie. Er verfolgte mich sogar noch zu Lebzeiten meines guten Mannes. Gestern Nacht kam er mitten im Sturm hierher – mit einem jungen Mädchen, das so strahlend wie ein Engel war – doch traurig…“
„Ist er wirklich weg?“, unterbrach sie Guy.
„Weg! Oh, ja! Sobald der Sturm nachließ, zog er sie mit sich. Oh! Wie dieses junge Mädchen mich ansah – und ich konnte nichts für sie tun.“
„Nun, der Herr segne Sie als gute Christin!“, rief Guy. In seiner Bewunderung legte er seinen Arm um sie und drückte ihr einen Kuss auf jede Wange.
„Kein guter Mensch lässt sich von so etwas täuschen! Zeigen Sie mir doch denjenigen, der daran etwas auszusetzen hat. Wenn ich jemals einer Frau ein Geheimnis verraten würde, dann würde ich es Ihnen jetzt verraten – glauben Sie mir. Aber das tue ich nie. Also, auf Wiedersehen! Kein weiterer Kuss?“
In stressigen Zeiten brodeln die Gefühle – die Wirtin war äußerst wütend auf Guy, vergab ihm aber sofort wieder.
„Nicht mehr“, sagte sie lachend. „Aber warten Sie – ich habe etwas für Sie.“
Der Habicht blieb stehen. Schnell stand sie wieder vor ihm, mit zwei Flaschen in den Händen.
„Hier! Ich treffe selten einen Mann wie Sie – und wenn doch, möchte ich in Erinnerung bleiben. Das ist echter guter Wein, richtige Liebfrauenmilch – den gebe ich nur ausgewählten Kunden.“
„Sehr willkommen!“, rief Guy ihr zu. „Aber ich muss dafür bezahlen.“

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„Kein Pfennig!“, sagte die Wirtin.
„Keiner?“
„Keiner!“, wiederholte sie und stampfte mit dem Fuß auf.
„Dann in einer anderen Währung“, sagte Guy. Als er ihre Taille umfasste – diesmal wich sie nicht zurück – zeigte die begehrte Habichtin ein rosiges Lächeln auf ihren frischen roten Lippen. Im Gegenzug erhielt er einen solch reizvollen Rabatt, dass er sich aus Gewissenhaftigkeit verpflichtet fühlte, die volle Summe ein zweites Mal zu zahlen.
„Was für ein Mann!“, seufzte die Wirtin, während sie zusah, wie der Habicht den Uferweg entlangging. „Kultiviert wie ein Ritter, offen wie ein Knecht und sanftmütig wie ein Page!“

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WERNERS ECK
Einen Ligabogen hinter Andernach gelegen – und weiter im „wintlichen Kreis der Sonne“ als Laach, sein nahegelegener Klosterort – stand die Burg von Werner, dem Räuberbaron. Tief im Süden, im Dunst des Nachmittagslichts, erstreckte sich eine Reihe gelber Sandhügel, die gegen den blauen Himmel eines längst vergangenen Zeitalters Feuer spuckten – doch heute waren diese Hügel karg und ohne Pflanzenwuchs. Umgeben war die Gegend von einer staubigen Ebene, auf der die grünen Frühlingsblätter kaum sichtbar wurden, bevor sie vom Sand bedeckt wurden und einen alt wirkenden Anblick annahmen – entsprechend den mageren Ernten, die sie versprachen. Die Trostlosigkeit dieser Gegend wurde auf der einen Seite durch die hohen Wälder von Laach gemildert, durch die die untergehende Sonne ein golden-rotes Licht warf; auf der anderen Seite durch das silberne Glitzern eines schmalen, gewundenen Baches, der von Pappeln gesäumt war – nur eine Meile seines Laufs war für alle durstigen Hügel sichtbar. Das Gebiet selbst war dicht mit Bäumen bewachsen, doch diese wuchsen nur kümmerlich und bildeten so einen dunklen Fleck auf der Landschaft. Es diente jedoch dazu, die Burg vollständig zu verbergen und jede Bewegung des wachsamen, furchterregenden Herrschers zu verschleiern. Ein geschulter Beobachter, der sich durch den Wald bewegte, würde kaum das Leuchten der Türme über den obersten Blättern erkennen können – doch durch jede Schießscharte in den Mauern konnte man die Umgebung überblicken. Werner konnte mit einem Blick den Lauf der Rheinfluten von den breiten Felsen bei Koblenz bis zur weißen Turmruine von Andernach überblicken. Er beanspruchte dieses Gebiet als sein Recht – doch die Mosel war nicht weit entfernt, und er stillte seinen Durst nach Plünderungen hauptsächlich an diesem Fluss. Seine räuberische Natur ließ ihn dabei genauso viel Freude empfinden wie seine feudalen Privilegien es zuließen.
Oft hatte der Baron Belagerungen sowie alle Arten von Beschränkungen und Auflagen standgehalten. Er prahlte damit, dass es nie einen Ritter in einem Umkreis von zwanzig Meilen um ihn herum gab, den er nicht besiegt hätte – und keinen Mönch in diesem Umkreis, der nicht in seiner Gewalt gewesen wäre. Diese Prahlerei fand ihre Bestätigung in seinem jährlich wachsenden Machtbereich – seine List und seine Burg machten ihn zu einer ernsthaften Plage für die Gegend, zu einem Skandal für das Kloster, dem er unterstand, und zu einer schrecklichen Last für die armen Bauern und Landarbeiter.
Die Sonne begann, über Laach zu sinken, und warf die Schatten der Kloster Türme bis in die Mitte der blauen Seenwasser. Zwei Männer in Bauernkleidung traten aus dem Wald hervor. Ihre Füße versanken schwer im Sand.

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Und ihre Köpfe hingen gesenkt, während sie neben einem Wagen mit Strohbelag dahinschritten und eine Melodie des dummen Gleichgültigkeitsgesangs pfiffen; doch ein aufmerksamer Zuhörer hätte hören können, dass das langsame Fahrzeug eine menschliche Stimme trug, die ihnen Anweisungen gab, welchen Weg sie einschlagen sollten und welche Verhaltensweisen bei bestimmten Situationen angebracht waren. Die Gegend war verlassen. Ein vorbeikommender Bauer fragte, ob sie eine Abgabe oder Tribut für Werner transportierten. Sie sollten antworten, es sei Tribut – was ihn dazu veranlasste, mit den Schultern zu zucken und zu fluchen, bevor er weiterging. Als die Stimme im Wagen das hörte, lachte sie grimmig. Ihr nächster Gesprächspartner war ein Soldat, der sie einholte und wissen wollte, was sie im Wagen für Werner hatten. Tribut, antworteten sie – und erhielten dafür den Titel „mutige Schweine“ für ihre Mühen.

„Aber woraus besteht dieses ‚Gericht‘?“, fragte der Soldat und stieß mit der Spitze seines Schwertes in das Stroh.
„Tribut“, kam die Antwort.
„Ha! Ihr wart wohl nicht in Warners Schule“, sagte der Soldat und führte einen Schwertstoß gegen den Größeren der beiden – was einen heftigen Schauer durch seinen Körper sandte. Doch er hielt seinen Kopf gesenkt und zeigte nur tierisches Bewusstsein, indem er sein Ohr näher an den Wagen legte.
„Blut und Sturm! Wollt ihr denn nicht sprechen?“, rief der Soldat.
„Spricht man nicht viel; aber wenn ihr dem Baron nichts sagt“ – er steckte seine Hand ins Stroh – „dann ist das hier besser als Reden.“
„Gut gesagt! – Äh? Liebfrauenmilch? Ho, ho! Was für eine Seltenheit!“
Der Soldat schlug gegen den Hals der Flasche, setzte sie an seinen Mund und trank ununterbrochen, bis sein Gesicht rot anlief und die Flasche umgekehrt war. Dann warf er sie zu Boden, seufzte und schüttelte sich.
„Seltsame Nachrichten! Der Kaiser ist gekommen – er wird heute Nacht in Köln sein; aber zuerst muss er den Baron sehen. Ich habe den Befehl dabei. Das zeigt, wie hoch er in der Gunst des Kaisers steht. Denkt jetzt noch nicht daran, Werner zu stören – passt auf!“
„Das ist Blass-Gesell“, sagte die Stimme im Wagen, als der Soldat weiterging – und fügte hinzu: „Gegen uns.“
„Damit sind es sechs“, antwortete der Fahrer.
In Sichtweite der Ecke sahen sie einen weiteren Soldaten auf sie zukommen. Diesmal sprach der Fahrer zuerst.

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„Opfergaben! Vorräte! Brot und Wein für den hochwohlgeborenen Baron Werner von seinen Vasallen aus Tonnistein.“
„Und ich bin raus aus der Sache! Faste wie ein Wintewolf“, heulte der Mann. Er wollte gerade den Inhalt des Wagens inspizieren, als eine zweite Flasche in die Luft gehoben wurde – das weckte seine Neugier. Auch diese Flasche erlitt dasselbe Schicksal wie die erste.
„Ein Schwabe, nicht wahr?“
„Ja, aus diesem Land“, sagte der Kutscher. „Vielleicht ist Henker Rothhals zufällig bei dem Baron?“
„Zum Teufel mit ihm! Ich wünschte, er hätte meine Arbeit – und ich seine, auf dieses gelbe Vogelmädchen in ihrem neuen Käfig aufzupassen, bis sie heute Nacht herausgeholt wird – und anschließend dem Baron alles Gute zu wünschen.“
Der Kutscher wünschte ihm eine glückliche Reise und empfahl ihm dringend, am Kloster vorbei nach Westen zu fahren und durch das Ahr-Tal zu gehen – dort regte sich etwas. Mit den Worten „Jetzt sind es wieder fünf“ setzte er die Räder in Bewegung.
„Goshawk! Was sagst du jetzt?“, fragte sein Begleiter.
„Ich sage: Segne diese Witwe!“
„Oh! Bring mich schnell face to face mit diesem verfluchten Werner, mein Gott!“, stieß der junge Mann hervor.
„Tusk! Wir wollen nicht Werner – da spricht Thier. Nein, nein, Schwartz Thier! Ich vertraue dir zwar, aber der Dachs schnüffelt erst, bevor er hineingeht. Wir sind Fremde – es ist uns erlaubt, den Weg zu verfehlen.“
Nachdem er den Wagen Farinas Obhut überlassen hatte, drang er durch dichten Strauchbewuchs und Unterholz vor und kauerte sich auf den steilen Rand eines bewaldeten Felsens – von dort aus hatte man einen Blick auf die Festung, die ringsherum lag, als wäre sie durch natürliche Kräfte ausgehöhlt worden. Etwa einen Steinwurf entfernt, fast auf Höhe des Wachtturms. Aus einem tiefen, kreisförmigen Becken, das mit Bäumen bedeckt war und dessen Boden aus Gras sowie sprudelndem Wasser bestand, ragte ein nackter, moosbedeckter Felsen empor – auf dessen Gipfel die Burg fest saß, wie ein Spähfalken. Der einzige Zugang bestand über eine enge, natürliche Felsbrücke, die von diesem isolierten Gipfel zum Festland führte. Ein gut gesinnter Mann könnte diese Brücke gegen vierzig Männer verteidigen.

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„Unser Weg ist der beste“, dachte Guy, während er über alle Möglichkeiten nachdachte, hineinzukommen. „Hundert Männer pro Stunde könnten dabei umkommen, wenn sie versuchen, die steilen Stufen hinaufzusteigen; und einmal oben müssten wir nur noch wieder hinuntergestoßen werden.“ Während er so nachdachte, hörte er einen Ruf vom Schloss her – er eilte zurück zu Farina. „Jetzt führt Thier an“, sagte er. „Und wer führt, der ist der Anführer. Es scheint einfacher zu sein, dort herauszukommen als hineinzukommen. Da gibt es einen quadratischen Turm und einen runden. Ich vermute, das Mädchen befindet sich im runden Turm. Nun, Junge – schreie nicht! Du kommst nicht mit uns; sondern du kehrst zurück zu den Pferden und sorgst dafür, dass sie bereit sind, auf dieser bewässerten Wiese unter dem Schloss. Der Weg nach unten ist einfach.“ „Mann!“, rief Farina. „Für wen hältst du mich eigentlich? Geh du doch zu den Pferden!“ „Nicht für einen Dummkopf“, entgegnete Guy und presste die Lippen zusammen. „Aber jetzt ist die Zeit gekommen, dich als solchen zu beweisen.“ „Mit dir oder ohne dich – ich werde in dieses Schloss eindringen!“ „Oh! Wenn du unbedingt zum Abendessen des Barons serviert werden willst, dann tu das ruhig.“ „Donner!“ knurrte Schwartz Thier. „Bewegst du dich denn nicht?“ Der Habicht winkte Farina beiseite. „Tu, was ich sage – sonst bringe ich dich um.“ „Verräter!“, murmelte der junge Mann. „Ich schwöre: Falls wir versagen, wird der Baron eher eine Quappe als eine Braut brauchen.“ „Das muss ich übernehmen!“ Der Habicht packte den Muskel an Farinas Arm so fest, dass der junge Mann vor Schmerzen gezwungen war, loszulassen. „Könntest du ein Messer durch eine sechs Zoll dicke Holzwand stoßen? Ich bezweifle, dass dieses wilde Wildschwein einen härteren Schlag braucht als viele Männer ihm geben könnten. Verdammt! Gehorche endlich! Wie sollen wir diesen Kerl unter Kontrolle halten, wenn er sieht, dass wir uns gegenüberstehen?“ „Ich gebe nach“, rief Farina mit gesenktem Kopf. „Aber höre ich bis Mitternacht nichts von dir – dann werde ich keine weitere Minute mehr verschwenden. Leb wohl! Beeile dich! Möge Gott dir helfen! Du wirst sie sehen – und unter ihren Augen sterben. Mir wird das vielleicht verwehrt bleiben. Was habe ich getan, dass mir diese letzte Gunst verweigert wird?“ „Du bist ohne Frühstück und Abendessen gegangen“, sagte Guy in verächtlichem Ton.

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Ein Pfeifen aus dem Wagen, gefolgt vom Geräusch von aufgeschlagenen Türen, rief den Habicht weg. Er ließ die Schultern hängen und ging, ohne ein weiteres Wort zu sagen, daran, seine Pflicht zu erfüllen. Farina blickte ihm nach und zog sich in den Schatten zurück.

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DIE WASSERFRAU
„Vogel der Liebenden! Stimme der Leidenschaft der Liebe! Süßer, tiefer Nachtigall mit klagendem Klang!“, singt der alte Minnesänger. „Wer noch nie geliebt hat, wird durch dein Singen von den Geheimnissen der Liebe berührt und sehnt sich danach, jemanden zu kennen – doch weiß nicht wen. Sein Herz ist überfüllt vor Sehnsucht. Doch wer zuhört, liebt bereits – er hört die Sprache, die er selbst sprechen möchte, doch versagt darin. Er spürt das große, stumme Meer seiner unendlichen Wünsche, das in seinem engen Herzen tobt. Er ist wie jemand, dem die Flügel genommen wurden, und die Engel rufen ihn zu ihren silbernen Heimen. Er beugt sich vor, um zu ihnen aufzusteigen – doch wird durch seine Bemühungen verspottet. Dann gehört er zu den Gefallenen. Er würde gerne bei ihnen bleiben – doch Tränen erleichtern ihn. Durch diese Tränen strömen juwelenbesetzte Strahlen vom Himmel herab – wertvolle Leitern, verziert mit Amethysten, Saphiren, Jaspis, Berylen, Rosenrubinen sowie dem „Äther des Himmels“, erfüllt vom sanften Glanz der unerträglichen Präsenzen. Die Leitern tanzen und zittern – sie bedrängen seine Augenlider. Ein zweites Mal wird er verspottet, während er weiterhin strebt. Nach dem dritten Mal steht die Hoffnung vor ihm mit verschränkten Armen, mit Augen frei von Tränen und Illusionen. Sie sagt: ‚Du hast gesehen! Du hast gefühlt! Deine Kraft hat bis hierhin gereicht! Nun werde ich niemals in dir sterben!‘“
„Denn sicherlich“, sagt der Minnesänger, „ist die Hoffnung nicht aus der Erde geboren – sonst wäre sie vergänglich. Vielmehr ist sie das Produkt jener starken Liebe, die die Himmel zu sprengen droht. Das verdanken wir deiner Musik, du bräutliche Nachtigall! Der Unterschied zwischen diesem himmlischen Geist und der spöttischen Fantasie dessen, der früher oder später im Stich gelassen wird, ist der Unterschied zwischen einem bemalten Tag mit seinen armseligen, ehrgeizigen Fallen und der Nacht, die ihre unzähligen Kerzen um den Thron des Ewigen entzündet – die Sterne der ewigen Zeit! Der eine stirbt, der andere lebt; der eine bleibt unbedauert, der andere wandelt in Kleidern göttlicher Melancholie. Ihre Ohren sind erfüllt von den blassen Wellen, die dieses wechselhafte Ufer umgeben. In ihren Augen schwebt ein Bild der Schönheit – doch sie kann es nicht erreichen. Sie bleibt für immer in ihrer Sehnsucht gefangen.“
„Deshalb halte dich an deine vier langen Töne – sie sind wie die Grenze, an der Freude und Schmerz zusammenfließen und zu einer einzigen Ekstase werden, du Vogel, der Tod und Leben voneinander trennt! Fülle die Wälder mit leidenschaftlichem Lachen…“

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Ach, süßer Priester der Eheschließung einer Seele mit dem Himmel! Gieße dein heiliges Liedwein über die dunklen Schatten – bis sie, wie Priester des innersten Tempels, von schönen „Intelligenzen“ berauscht werden! So taten es die alten Minnesänger. In jener Nacht sangen die Nachtigallen laut und kraftvoll. Farina hielt Wache am schuldigen Schloss, das seine lebende Geliebte gefangen hielt. Das Schloss wirkte in den vom Mond beleuchteten Schatten der Felsen und Bäume wie ein noch dunklerer Schatten. Das Feld erstreckte sich wie ein grüner Hof zu Füßen des Schlosses. Es bestand aus üppigem, dunkelgrünem Gras, das im Mondlicht leicht grau erschien und wie Jaspis glänzte. Dort, wo die Schatten am dichtesten waren, lag immer noch ein Hauch von Farbe in der Luft. Überall floss ein Bach, der leise plätscherte. Die Frühlingsknospen hoben ihre Köpfe aus dem feuchten Gras des Feldes und freuten sich über die Frische. Die zerklüfteten Höhen schienen diesen unschuldigen Ort als ihr einziges „Gartenjuwel“ zu umarmen; eine Reihe von Haselnussbäumen verbarg ihn vor dem Schloss – wie der Arm eines Liebenden. „Der Mond wird es mir sagen“, sann Farina. „Der Mond wird mir die Stunde anzeigen! Wenn der Mond über dem runden Turm steht, werde ich wissen, dass es Zeit ist zuzuschlagen.“ Das Lied der Nachtigallen war ein ständiges, lautes Summen. Es klang wie der Schrei eines Herzens von Ast zu Ast. Die vier langen Töne sowie der kurze fünfte Ton, der in einen hastigen Musikstrom überging, kamen dicht und ununterbrochen unter den zitternden Blättern hervor. Zuerst war Farina taub für dieses Lied. Sein Herz war bei Margarita im Verlies – oder bei dem Habicht in Gefahr. Er entwickelte tausend verzweifelte Pläne. Schließlich wurde er, ohne dass er es bemerkte, erobert. Die Zärtlichkeit seiner Liebe überwältigte ihn. „Gott wird nicht zulassen, dass diesem schönen Kopf etwas zustößt!“, dachte er – und mit diesem Gedanken fiel eine Last von seiner Brust. Er ging auf dem Feld auf und ab und streichelte die drei Pferde, die dort weideten. Unwillkürlich richtete sich sein Blick auf den Mond. Er bewegte sich so langsam – es schien, als würde er überhaupt nicht voranschreiten. Ein kleiner Wolkenfetzen flog auf ihn zu; er wurde weiß, zog weiter – und der Mond bewegte sich noch langsamer als zuvor. Oh! Zögerten die Himmel ihren Lauf, um dieses Unrecht zu beobachten? Immer wieder rief er: „Geduld – es ist noch nicht Zeit!“ Er warf sich ins Gras. Im nächsten Moment…

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Er stieg in die Höhen hinauf und spähte zu der Dunkelmasse, die den Himmel bedeckte. Sie hob einen drohenden Kopf empor, der sein Herz mit Zittern erfüllte, als wäre es getroffen worden. Dahinter lagen vereinzelt einige kleine, schwach leuchtende Sterne auf smaragdgrünen Flächen, und ein Streifen gelben Lichts war in einer Lücke einer Mauer zu sehen.

Er stieg wieder hinab. Was tat der Habicht? War er verraten worden? War jetzt sicherlich die Zeit gekommen? Nein – der Mond hatte das Gesicht der Burg noch nicht berührt. Er bahnte sich seinen Weg durch die Haselnussbüsche, umgeben von flatternden Nachtfaltern, und blickte nach oben, um die Entfernung zum Mond abzuschätzen. In diesem Moment fiel ein erstes Schimmer von Silber auf den grauen Fels.

„Oh, junges Vogel des Himmels in den Klauen des Teufels!“

Geräusche, die wie das Bellen von Wildhunden klangen, beunruhigten ihn. Sie verstummten wieder.

Er wich zurück. Die Wiese strahlte Ruhe aus, und immer mehr Nachtigallen ließen ihre Töne ertönen. Wie in einem magischen Kreis aus pulsierendem Gesang gab er der Müdigkeit nach. Der Bach floss neben ihm dahin, frisch wie ein Säugling, und spielte mit dem Mondlicht. Er beugte sich darüber und tauchte dreimal unentschlossen seine Hand in die klare, durchsichtige Flüssigkeit.

Spiegelte sich dort sein eigenes Gesicht?

Farina beugte sich tief über eine Wasserrinne. Das Wasser wirbelte in seltsamem Aufruhr, und daraus formten sich Linien und Lichter – ein Gesicht, das weder seines noch das des Mondes war; es war auch kein Spiegelbild. Die Unruhe nahm zu. Nun krönte eine Krone aus Blasen den Teich, und eine reine Wasserlilie, allerdings größer, stieg schwankend empor.

Er wich zur Seite – unter ihm erschien ein helles Haupt, gekrönt mit blumenverzierten Rosen. Farina hatte noch nie eine schönere Frauengestalt gesehen. Ihr Antlitz hatte den glänzenden Weißton des Mondlichts, und ihre ganze Gestalt schimmerte in einem Kleid aus funkelndem Silberweiß – wunderbar anzusehen. Die Dame des Wassers lächelte ihn an und näherte sich mit Wellen und Grübchen reinster Schönheit. Als er auf das Gras der Wiese zurückwich, schwamm sie auf ihn zu, nahm seine Hand und presste sie an ihre Brust. Nach ihrer Berührung fürchtete sich der junge Mann nicht mehr. Sie bog ihren Finger und winkte ihn weiter. Alles, was sie tat, geschah fließend. Der junge Mann war nur ein Schatten in ihrem silbernen Pfad, während sie wie eine harmlose Welle über die geschlossenen Krokusse glitt; doch die Krokusse zitterten und schwollen an, ihre Stängel in purpurfarbenen und silbernen Streifen – als würden sie köstliche, seltene Schlucke Wein trinken. Der Duft von Veilchen, Frauenhaaren und Talblumen vermischte sich und schwebte um sie herum.

Farina war wie ein Mensch, der in einem Traum die Aufgaben des Tages erledigt. Er konnte sehen…

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Ein Herz in ihrem durchsichtigen Körper – es hing da wie ein kalter, trüber Rubin. Aufgrund der Reinheit seiner Natur glaubte er, dass eine solche Präsenz nur dazu da sein konnte, zu helfen. Vielleicht war es Margaritas Schutzfeen!
Sie passierten den Haselnusshang und umrundeten den Burghügel, der vom Bächlein umspült wurde. Unter dem aufgehenden Mond standen sie in einem Kreis aus silbernem Licht. Der junge Mann mit seinen leidenschaftlichen Augen bemerkte die alten Verfärbungen und Narben, die Zeugen langer Widerstandskämpfe waren. Das Rätsel der Bosheit, das die Türme im Dämmerlicht getragen hatten, löste sich auf – und er ertrug nicht länger dieses Gefühl der Minderwertigkeit, das ihn glauben ließ, es gäbe nichts anderes zu tun, als zu sterben, wenn man allein gegen eine solch gewaltige Macht kämpfen musste. Der Mond schien ruhig und mächtig, wie die Stärke junger Ritter; nun verlieh ihm der strenge Ausdruck der Mauern Entschlossenheit – und stärkte ihn mit Hass sowie dem Verachtungsblick, den wahre Tapferkeit empfindet, wenn sie auf Betrug und Gemeinheit trifft.
Auf einem herabgefallenen Schieferblock, bedeckt mit dunkelbraunem Moos und verrosteten Verfärbungen, saß die Wassergöttin. Sie zeigte Farina den Weg des Mondes zur runden Turm. Sie sprach nicht – und wenn seine Lippen sich öffneten, legte sie ihren kalten Finger darauf. Dann begann sie, ein sanftes, süßes Lied zu summen; es klang vage und unbeschwert – doch sehr verzaubernd. Farina verstand keine Worte, auch nicht, ob das Lied von Tagen voller Staub oder Blumen handelte. Doch in seinem Geist entstanden Legenden und traurige Geschichten, während sie weiter auf dem Schieferblock sang, umgeben von Schatten am Wasser.
Er lauschte lange in Trance – bis die Wassergöttin aufhörte zu singen und ihren schlanken Zeigefinger zum Mond ausstreckte. Der Mond wirkte wie ein Punkt über dem runden Turm. Farina stand eilig auf. Sie ließ ihm keine Zeit, um Hilfe zu bitten – sondern nahm seine Hand und führte ihn den steilen Weg hinauf. Auf halbem Weg zum Schloss machte sie Rast. Dort, verborgen hinter Büschen, zeigte sie ihm den Eingang zu einem geheimen Gang – und öffnete ihn mühelos. Sie blieb an der Tür stehen; er sah, wie sie zitterte – und plötzlich schien sie größer zu werden, bis sie wie eine Quelle im kalten Licht funkelte. Dann verschwand sie in dem Gang.
Dunkelheit, erfüllt vom Tau der Erde, überwältigte seine Sinne. Er spürte, wie die feuchten Wände ihm nahekamen. Es gab weder ein Licht noch irgendeinen Orientierungspunkt – doch die Frau ging weiter, als kenne sie den Weg. Nachdem sie einen niedrig gewölbten Kerkerraum passiert hatten, stiegen sie eine in den Felsen gehauene Treppe hinauf – und kamen zu einer Tür, die sich bei ihrer Berührung öffnete. Dahinter lag ein Raum, schwach beleuchtet…

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Von einem einzigen Strahl Mondlicht erhellt. Farina erkannte, dass sie sich über den Fundamenten der Burg befanden. Die Wände glänzten blass im Licht der Rüstungen der Ritter – Helme, die für Köpfe bestimmt waren, Brustpanzer aus blauem Stahl, Hellebarden und Handäxte, Beinschienen, Schwerter, Wildschweinspieße sowie polierte Absätze mit Sporen. Er griff nach einem dort hängenden Schwert, doch die Dame hielt seinen Arm fest und führte ihn zu einer weiteren Steintreppe, die in eine Art Korridor mündete. In diesem Moment umgab ihn Lärm von Lachen und ausgelassenem Feiern. Die Dame des Wassers neigte ihren Kopf, als wolle sie eine vertraute Stimme erkennen; anschließend zog sie ihn zu einer Öffnung. Farina sah eine Szene, die zunächst blendend erschien, aber je deutlicher sie wurde, desto mehr entsetzte sie ihn. Unten, auf derselben Höhe wie der Raum, den er verlassen hatte, lag ein grober Bankettsaal, erleuchtet vom Licht Dutzender Fackeln. Dort lagen rauchende Stücke Wildschweinfleisch und Hirschfleisch, Steingefäße sowie Hornbecher. An der Spitze des Tisches saß Werner, rot im Gesicht vor lauter Feiern; zu seiner Rechten saß Margarita, bleich wie eine schöne Märtyrerin, die dem Feuer ausgeliefert war. Warners Diener bevölkerten den ganzen Saal, wiederholten die Reden des Barons und tranken auf ihre eigene Gesundheit, wenn nicht gerade jemand anderes darum bat. Farina sah seine Geliebte allein. Sie war genauso gekleidet wie beim letzten Mal, als er sich von ihr verabschiedet hatte. Der kostbare Kamée lag auf ihrer Brust – doch er hob sich nicht mehr stolz wie früher. Ihre Schultern hingen nach vorne, was ihre Brust zusammendrückte. Sie hätte einen demütigen Ausdruck gehabt, wären da nicht die strengen Augen aus Marmor gewesen. Sie blickten, als sähen sie den Weg zum Tod durch alle irdischen Dinge hindurch.
„Nun, Hunde!“, rief der Baron. „Auf die Nacht! Füllt eure Lungen – ich will kein Miauen hören, wenn Warners Braut zum Trinkspruch wird. Egal ob Mönch oder nicht – sie gehört mir. Ach, meine Schöne! Es wird am Morgen alles in Ordnung kommen, wenn ich all diese Laacher Ratten an der Nase hierherführe. Donnerwetter! Keine Respektlosigkeit gegenüber Warners Braut von Seiten eines Papstes oder Abtes. Nun, singt! – Oder wartet! Diese Kerle werden zuerst trinken.“
Er streckte sich und warf einen Weinkelch nach rechts und links hinter sich. Farinas Verzweiflung ließ seine Glieder erstarren, als er den Goshawk und den Schwarzthier am Boden gefesselt sah. Ihre Bärte waren bereits feucht von den vorherigen Getränken, die ihnen ebenfalls gegeben worden waren; sie nahmen diese neuen Getränke in düsterem Schweigen entgegen. Doch Farina glaubte, einen schnellen, ermutigenden Blick unter den gesenkten Augenbrauen des Goshawks zu erkennen – als Margarita kurz ihren Kopf in seine Richtung drehte.

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„Leckt eure Schwänze, ihr Bestien – und sagt nicht, dass Werner diesen Ungeheuern keinen guten Trunk spendet, um seine Hochzeitsnacht zu feiern. Nun“, fuhr der Baron fort, seine Stimme wurde immer rauer, je lauter er sprach: „Kurz und bündig, meine teuflischen Kleinen: Werner und seine Braut! Möge sie euch bald einen jungen Baron schenken, der euch besser im Zaum hält als ich es kann – denn wenn sie ihre Pflicht erfüllt, wird sie das tun.“
Der Baron stand auf und hob seinen riesigen Arm, um den Trinkspruch auszusprechen. „Werner und seine Braut!“
Keine Stimme antwortete ihm. Es war, als würde der Ruf widerhallen – doch dann verstummte er in unklaren Geräuschen, als wäre die Hallehttür hinter der Antwort zugeschlagen.
„Was ist das?“, brüllte der Baron mit dieser tierhaften Stimme, an die Margarita sich erinnerte – die Stimme, die sie auf dem Domplatz gehört hatte.
Niemand antwortete.
„Sprecht! Sonst werde ich euch in den Felsen verrotten lassen, verfluchte Kerle!“
„Herr Baron!“, sagte Henker Rothhals eindringlich. „Es gibt etwas Unheiliges unter uns.“
Noch bevor diese Worte ausgesprochen waren, flog der Becher des Barons auf seinen Kopf zu.
„Ich werde aus demjenigen, der das sagt, ein Unheiliges machen“, sagte Werner und blickte die Männer nacheinander an.
„Dann sage ich es, Herr Baron!“, beharrte Henker Rothhals und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Der Teufel hat sich endlich gegen Sie gewandt. Schauen Sie dorthin – Ah, es ist jetzt verschwunden. Aber wo sitzt der Mann, der das gesehen hat? Ich habe ihn nicht gesehen.“
Der Baron sprang hoch und stand auf dem Podest. „Nun! Wird hier jemand so dreist sein, das zu sagen?“
Etwas in der grausamen Haltung seines Kiefers ließ viele davon ab, ihre Behauptung zu bestätigen.
„Treten Sie vor, Henker Rothhals!“
Rothhals schob ein Jagdmesser an sein Handgelenk und trat vom Podest zurück.
„Bestie!“, brüllte der Baron. „Ich sagte, ich werde heute Nacht kein Blut vergießen. Ich habe einen Verräter und einen Feind verschont…“
„Schauen Sie noch einmal hin!“, sagte Rothhals. „Wird jemand behaupten, er hätte nichts gesehen?“

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Während alle Blicke, einschließlich Werners, auf die Öffnung gerichtet waren, durch die man sie beobachtete, warf Rothhals unbemerkt sein Messer dem Habicht zu. Diesmal kamen Antworten auf seine Herausforderung – doch nicht als Bestätigung. Der Baron sprach mit keuchender Sanftheit:
„Also spielst du mit mir? Ich bin für dieses Spiel zu gefährlich. Erinnerst du dich an Blass-Gesell? Ich habe aus ihm ein besseres Ungeheuer gemacht, indem ich ihn drei Viertel des Weges in die Hölle schickte, um dort bestraft zu werden.“ Mit einem Brüllen schleuderte er ein breites Schwert, das bis dahin in seiner rechten Hand verborgen gewesen war, direkt auf Rothhals. Es bohrte sich in seine Wange und seinen Kiefer; er stieß einen schrecklichen Schmerzensschrei aus, als er gegen die Wand fiel.
„Das ist eine Lektion für euch – übertretet mich nicht, Kinder!“, sagte Werner, während er mit seinen kurzen Beinen auf dem Holzbrett auf und ab stapfte und seine riesige Brust sowie seinen Bauch aufblähte. „Lassen wir ihn eine Weile dort liegen – damit er sieht, was passiert, wenn man Werner widerspricht! Feuerteufel! Auch vor der Baronin! Ist da etwas Unheiliges? Ich glaube, etwas Unheiliges ist in seinem Kiefer! Lassen wir es drin stecken! Er wird zuletzt gegen Fleisch kämpfen müssen, oder? Ich werde euch zeigen, wem er gehört! Wer hat da gesprochen?“
Alle schwiegen. Diese Männer waren Tiere, die von einem mächtigeren Tier beherrscht wurden. Er umklammerte seinen Hals, erschütterte das Brett mit einem Sprung und fragte erneut, eher quiekend als rufend: „Wer hat da gesprochen?“
Er musste nicht noch einmal fragen. In dieser Pause, während der Baron nach seinem Opfer suchte, drang ein Lied zu seinen Ohren – so leise gesungen, dass es entfernt klang, doch dessen jeder Laut klar und deutlich zu hören war. Es ließ ihn in seiner wütenden Haltung erstarren.

„Das Blut der Barone wird zu Eis werden,
und ihre Burgen werden zu Trümmern zerfallen,
wenn ein wahrer Liebender dreimal ins Wasser taucht,
das um Werner’s Eck fließt.

Um Werner’s Eck fließt das Wasser;
die Haselnussbäume zittern und beben.
Die Mauern, die einst solch glückliche Sonnen verdeckten,
erzittern unter dem Erschütterungsschlag des Untergangs.

Und zittere mit dem Untergang, zittere vor Reue,
du Letzter aus Werners Linie!
Die Herzen der Barone wurden kalt, als sie
die Umarmung der Wasserdame kannten.

Denn ein Verbrechen wurde begangen, eine Schande geschaffen –
deshalb verschwand das Wasser.
Und diejenigen, die dachten, sie könnten es ungeschehen machen,
verbreiteten es nur weiter.“

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„Sei bereit, bereit, den Preis zu zahlen,
Und bewahre deine Hochzeitsfreude:
Eine Hand hat dreimal ins Wasser getaucht,
und die Wassergöttin ist hier.“

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Die Rettung
Der Habicht stand auf. „Jetzt, Mädchen“, sagte er zu Margarita, „jetzt ist die Zeit!“ Er nahm ihre Hand und führte sie zur Tür. Schwartz Thier schloss diese hinter ihr. Kein Mann im Flur mischte sich ein. Werners Kopf drehte sich ihnen nach, wie der eines Wachhundes – doch er blieb stumm. Die Tür öffnete sich, und Farina trat ein. Unter seinem Arm trug er einen Bündel Waffen. Dieser vertraute Anblick befreite Werners Sinne von dem Bann, der auf ihnen lastete. Er schrie, um den Gefangenen den Weg zu versperren. Seine Männer standen wie Statuen im Flur. Es kam zu Unruhe unter ihnen – als würde dieser schreckliche Lärm einen Instinkt zur Gehorsamkeit hervorrufen – doch mehr geschah nicht. Sie blickten einander an und blieben still. Der Habicht hatte seinen Blick auf Werner gerichtet. „Treten Sie zurück, Mädchen!“, sagte er zu Margarita. Sie nahm ein Schwert von Farina entgegen und antwortete mit blassen Lippen und funkelnden Augen: „Ich kann kämpfen, Habicht!“
„Und das werde ich, wenn es nötig ist – aber überlassen Sie das jetzt mir“, erwiderte Guy. Sein Blick ließ den Baron keine Sekunde lang los. Plötzlich ertönte ein metallisches Klirren. Alle traten beiseite, und die Kämpfer standen nun auf freiem Feld gegenüber. Farina nahm Margaritas linke Hand und drückte sie gegen die Wand, zwischen Thier und sich selbst. Werners Männer waren zufrieden damit, ihren Herrn kämpfen zu lassen. Die Worte des Henkers Rothhals, dass der Teufel ihn verlassen habe, schienen in ihren Augen durch das seltsame Lied bestätigt zu werden – ein Lied, das jeder Anwesende mit eigenen Ohren gehört zu haben glaubte. „Lassen wir ihn seine Chance nutzen und sein Glück versuchen“, sagten sie und zuckten mit den Schultern. Der Kampf fand zwischen Guy, als Margaritas Champion, und Werner statt.
Nach Ansicht von Schwartz Thier waren die beiden ebenbürtig – er bewertete ihre unterschiedlichen Fähigkeiten aufgrund seiner reichen Erfahrung. „Der Baron eignet sich für kurze Kämpfe – mein neuer Partner hingegen für härtere Auseinandersetzungen!“, fasste Farina die Situation zugunsten des Habichts zusammen. „Ein stärkeres Herz, härtere Sehnen – und eine gute Sache.“ Der Kampf wurde im Allgemeinen mit professionellem Blick verfolgt – nur wenige beteten. Nur Margarita bat um Hilfe vom Himmel und kniete vor der Jungfrau – doch auch sie wurden durch das Klirren der Waffen und die verzweifelte Intensität des Kampfes aufmerksam. In ihren Träumen hatte sie sich nicht mit Helden abgegeben.

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Er war genauso bereit, Siegfried auf dem blutroten Feld zu unterstützen, wie ihn in dem seidenen Raum zu pflegen. Es war gut, dass ein weibliches Herz da war, um die Anmut und Größe des Mannes in einem ehrlichen Zweikampf zu erkennen. Für die anderen war es lediglich eine Rechnung mit glücklichen Treffern. Selbst Farina sah in ihrer Sorge um sie in jeder Haltung und jedem heftigen Schlag nur die Chancen auf Flucht – mal größer, mal kleiner. Margarita war von schmerzhafter Erregung erfüllt. In ihren Augen nahm der tierische Baron nun eine edlere Gestalt an; doch der Habicht zeigte das majestätische Aussehen alter Helden, die, ob verfolgt oder vom Himmel begünstigt, ihren Stand behielten, daran denkend, aus welchem Stoff sie gemacht waren und wer sie erschaffen hatte.
„Nie“, sagen die alten Schriftsteller mit einer Leidenschaft, die ihrer Kenntnis der Elemente entspricht, aus denen unser Dasein besteht, „nie darf dieses wunderbare Privileg eines gerechten Kampfes von uns weichen, und niemals darf man es nicht nutzen! Ein Mann gegen einen Mann – oder ein Tier –, der seinen Platz hält, ist für die Brust ebenso erfreulich wie die Schönheit in ihrem sanftesten Moment. Denn wenn die Frau ihre Schönheit bei Schwäche mit sich trägt, so tut es der Mann in diesen wilden Momenten, wenn Stahl und Eisen aufeinanderprallen, ihr Atem Feuer ist und ihre Lippen weiß vor Entschlossenheit; alle ihre Fähigkeiten sind auf einen Punkt konzentriert, ihre Energien lebendig wie das Tageslicht, um nach den Gesetzen und unter dem Segen der Ritterlichkeit zu beweisen, dass sie überlegen sind.“
„Denn alle“, fahren sie fort, um den Vergleich zu vertiefen, „können die schönen Täler unter der blauen Kuppel des Friedens bewundern und sich daran erfreuen; doch nur das seltene, hohe Herz versteht und wird durch die schrecklichen Pracht der Stürme erhöht, wenn Wolke auf Wolke trifft in Himmeln schwarz wie das Grab – und die Herrlichkeit wie eine Flamme auf dem Helm der Zerstörung thront.“
Eine Weile zeigten die Kämpfer ihre Geschicklichkeit, begnügten sich mit listigen Schnitten und Schwüngen der Schwertklinge. Dabei brachte Werner als Erster Blut zum Vorschein, indem er mit der Klinge über die Stirn des Habichts strich. Guy ließ ihn weiterhin auf dem Kampffeld stehen und kämpfte weiterhin gegen sein Gesicht und seinen Hals. Nun zog er seinen Körper zurück und führte einen Kreisschlag gegen Werners Knie, sodass dieser vor Schmerz zurückwich. Bevor der Baron seine Position wieder einnehmen konnte, war Guy bereits wieder auf gleicher Höhe mit ihm.
Werner stieß einen tadelnden Schrei aus – seine Männer waren noch nicht bereit, ihn zu unterstützen. Sie alle billigten seinen persönlichen Kampf gegen das Schicksal.

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Und niemals wieder bewunderte sie ihn oder spürte seine Macht – doch die Situation war aufregend, und sie waren nicht die Säulen, die ein zusammenbrechendes Haus stützen konnten. Werner umklammerte mit beiden Händen sein schweres Schwert und stürzte sich mit noch größerer Wut auf Guy. Er wurde allmählich würdig der geringen Anerkennung, die Margarita ihm entgegenbrachte. Die Stimme der Wassergöttin flüsterte ihr zu, dass der Baron gegen sein Schicksal kämpfte – und dass dies alle lebenden Seelen erhebt. Ohne Helme kämpften die Kämpfer, wobei der Kopf der wichtigste Angriffspunkt war. Für beide war es unmöglich, den Schlägen auszuweichen – entweder abwehren oder hinnehmen; ein falscher Schritt hätte den Untergang bedeutet. Das erforderte Vorsicht. Oft war das Geräusch mehrfacher Fußtritte zu hören, da jeder abwechselnd zurückweichen musste. „Nicht so sehr auf seinen Kopf – den kann er die ganze Nacht über aushalten“, sagte Henker Rothhals in einer Pause zwischen den Angriffen. Die Schläge wurden mehr oder weniger gleichmäßig ausgetauscht, doch der Kopf des Barons schien am wenigsten anfällig zu sein, während Guy bereits mehrere blaue Flecken hatte. Dennoch wirkte er, sowohl in seinem Blick als auch in seiner Haltung, genauso frisch wie zu Beginn – sein ruhiges, regelmäßiges Atmen stand im Kontrast zu Warners schnellen Atemzügen. Sein Lächeln gab Margarita Mut, jedes Mal, wenn der Baron zum Atmen innehielt – es war kein spöttisches Lächeln, sondern eines völligen Vertrauens, und zeigte noch mehr über seinen Gegner aus. Als Werner erneut angriff – und die Entscheidung immer bei ihm lag – kam jede Regung im Gesicht des Habichts in seinen breiten Augen zum Vorschein. Der Angriff des Barons war eine rücksichtslose Wut – darin gab es nichts zu analysieren. Guy wurde zum Hauptgegenstand der Spekulationen. Offensichtlich versuchte er, seinen Gegner in die Irre zu führen. Einige meinten, er schlage wild um sich; andere hielten ihn für einen zufälligen Angreifer ohne klaren Ziel. Schwartz Thiers Meinung wurde oft geäußert: „Zu kreisförmiger Schlag – direkt auf ihn! Schlagen, nicht schneiden!“ Guy beharrte auf seiner eigenen Art. Laut Schwartz Thier brachte seine Sturheit den Schlag mit sich, der ihn am linken Schulterblatt traf und ihn beinahe zerstörte. Es war ein heftiger Schlag, gefolgt von einem lauten Knall. Die Schwertklinge streifte sein Schulterblatt – sonst wäre er sicherlich außer Gefecht gesetzt worden. Doch Warners Angriffe waren unpräzise, und er hatte keine Zeit, seinen Erfolg auszunutzen. Einer der Angriffe des Habichts durchtrennte fast sein rechtes Handgelenk – Blut spritzte über das Kampffeld. Er keuchte und schien aufzugeben, hielt aber weiterhin durch – wenn auch mit geschwächter Kraft. Nun griff Guy an.

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Mit seinen schnellen Bewegungen gewöhnte er Werner daran, den Körper zu schützen – und bewegte sich dabei so geschwind nach rechts und links, dass Werner verwirrt wurde, seine Vorsicht verlor und zurückwich. Plötzlich blitzte der Schwert des Habichts durch die Luft und sauste direkt auf Werners Kopf nieder. Es war ein so gezielter Schlag gegen eine halbherzige Verteidigung, dass der Baron ohne ein Wort direkt auf den Rand des Brettes fiel und dort regungslos liegen blieb, mit schwachen Fingern nach etwas greifend.

„Wer versperrt nun den Weg?“, rief Guy.

Niemand nahm die Herausforderung an. Der Erfolg machte ihn mächtig und gab ihm ein übermächtiges Selbstvertrauen.

„Dann lebt wohl, meine fröhlichen Männer“, sagte Guy. „Tragt mir deswegen keinen Groll nach. Ein wenig Hilfe wird den tapferen Baron wieder gesund machen.“

Er ging fröhlich zum Rand des Brettes und hielt seinen Finger aus, damit Margarita folgen konnte. Sie trat vor. Die Männer flüsterten miteinander. Sie konnte nicht weitergehen. Farina beugte seinen Ellbogen und zeigte mit der Schwertspitze auf sie. Drei der Schurken stritten nun mit gezogenen Schwertern um den Weg. Margarita blickte den Habicht an. Er lächelte ruhig und neugierig, beugte sich über sein Schwert und nickte ihr ermutigend zu. Sie machte einen weiteren Schritt – herausfordernd. Einer der Männer streckte seine Hand aus, um sie aufzuhalten. Ihr ganzer jungfräulicher Stolz erwachte sofort. „Was für ein wunderbares Mädchen!“, murmelte der Habicht, als er ihr Gesicht sah. Sie wich einen Schritt zurück und führte einen schnellen Hieb gegen die Knöchel ihres Angreifers – und blickte ihn sowie die anderen mit festen, klaren Augen an, voller Rachebereitschaft, und forderte sie auf, einer reinen Jungfrau etwas anzutun.

„Du hast es, Barenleib!“, riefen die anderen. Dann zu Margarita: „Schau, junge Dame! Wir sind arme Kerle – wir verlangen nur eine kleine Lösegeldsumme, danach sind wir wieder Freunde.“

„Kein As!“, verkündete der Habicht von seinem Platz aus. „Zwei zu eins – denk daran.“

„Die Chancen liegen bei uns“, antwortete der Habicht selbstbewusst.

Sie stellten sich vor die Tür des Saals. Anstatt diese Herausforderung anzunehmen, ging Guy zu Werner und legte seinen stöhnenden Gegner in eine bequemere Position. Danach hob er Margarita auf das Brett und rief ihnen zu: „Freier Durchgang!“ Sie antworteten mit einem mürrischen Schulterzucken und Spott.

„Schwartz Thier! Rothhals! Farina! Macht euch bereit!“, sang Guy.

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Er maß die Länge seines Schwertes und hob es. Der Habicht hatte seine Feinde nicht unterschätzt. Er war versucht, sie zu verachten, als er ihre allmählich anwachsenden Schenkel und Augäpfel sah. Keiner von ihnen bewegte sich. Alle starrten ihn an, als würden ihre Knochen vor Entsetzen erstarren.
„Was ist das?“, rief Guy.
Sie wussten genauso wenig wie er – doch eine Kraft stand hinter ihnen, der sie nichts entgegenzusetzen hatten. Die knarrende Eichentür schwang auf und schob sie nach vorn; eine Erscheinung glitt vorbei, sanft wie das blasssilberne Licht des Mondes. Sie glitt zum Baron, legte ihre Arme um ihn und sang für ihn. Selbst wenn die Wassergöttin eine eiserne Hand auf all diese Schurken gelegt hätte, könnte sie sie nicht fester binden als die Furcht vor ihrer Anwesenheit. Der Habicht führte seine Truppe durch sie hindurch, gefolgt von Farina, dem Tier und Rothhals. Ein letzter Blick in den Saal zeigte ihnen, dass sie regungslos dastanden – wie alte Kathedralskulpturen, die ins weiße Licht auf einem gepfeilten Säulenstück der Wand starrten.

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DIE ÜBERQUERUNG DES RHÈNS
Tief zwischen den dunklen Sandhügeln hinter der Abtei von Laach sank der runde, rote Mond. Sanfte Schleier aus nebligem Gelb zogen durch die Täler des Rheinlandes. Die Nachtigallen sangen weiter. Der Mond kam immer näher in die stillen Täler.

Hinter Schloss Hammerstein gibt es ein Tal – einen Kreis aus grünem Gras, umgeben von einem silbernen Bach. Es wird gesagt, dass hier Elfen und Menschen zusammen spielen, im Kreis tanzen und dabei Pilze wachsen lassen. Sie hätten jetzt diese Tradition fortgesetzt – doch der Ort wurde von einer Gruppe kräftiger Sterblicher besetzt, die mit Stöcken bewaffnet waren. Die Eindringlinge waren schläfrig und lagen auf den Hängen. Von Zeit zu Zeit standen zwei von ihnen auf – dann ertönten laute Geräusche. Wieder wurde alles ruhig, und das weiße Wasser floss friedlich dahin.

Vielleicht heckten die Elfen Unheil aus – denn die Schläge mit den Stöcken wurden immer häufiger. Einer beschwerte sich über einen Tritt, ein anderer verlangte Genugtuung für einen Kratzer. „Geht weg“, murmelte der Angeklagte in beiden Fällen schläfrig, „zu viel Bier gestern Abend!“ Innerhalb von drei Minuten hatte die Gruppe bereits zwei gebrochene Köpfe. Im Osten siegte gegen den Westen – die Dämmerung lichtete sich. Sie begannen, festzustellen, wen sie jeweils geschlagen hatten. Ein Geräusch von etwas, das sich schnell bewegte, machte sie wachsam. Ein Reh rannte den Hügel hinunter und überquerte das Gras. Das Tier verschwand so schnell, dass man es kaum noch erkennen konnte.

„Satanas wieder!“, flüsterten sie und versammelten sich.
Der Name ging unter ihnen wie ein Schlachtruf um.
„Nicht er dieses Mal“, riefen die beiden Neuankömmlinge, die aus dem Gestrüpp hervorkamen. „Er ist sicher unter Köln – das ist schlecht für alle guten Menschen, die dort leben! Aber kommt! Folgt mir zum Rhein! Dort gibt es Arbeit für uns – und schwierige Arbeit.“
„Warum?“, antworteten einige. „Wir haben heute ja schon unseren Kampf mit den Leuten aus Leutesdorf und Wied.“

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„Seht ihr das?“, sagte der Anführer der Gruppe und zeigte auf eine aus Elfenbein geschnitzte weiße Rose auf seinem Hut.
„Brüder!“, rief er mit lauter Stimme, „folgt entschlossen – denn die Weiße Rose ist in Gefahr!“
Sofort formierten sie sich und folgten eifrig durch die Knospen junger Büsche sowie über Haufen feuchter, toter Blätter. Nach einer halben Stunde erreichten sie Hammerstein und standen schließlich am Rhein. Ihr Anführer führte sie den Fluss hinauf; nach einem kurzen Marsch blieb er stehen, löste seinen Umhang und zog sich aus.
„Nun“, sagte er und band das Bündel auf seinen Rücken, „zeigt mir doch den Hund, der es ablehnt, seinem Anführer zu folgen, wenn die Weiße Rose in Gefahr ist.“
„Es lebe Dietrich!“, riefen sie. Er stieg vom Ufer ins Wasser. Bald wurde er von den anderen jungen Männern unterstützt, und alle stürmten mutig hinaus in die Mitte des Flusses.
Nie wurde von einer edleren Überquerung des Rheins berichtet als diese von den Mitgliedern des Weißen-Rose-Clubs zwischen Andernach und Hammerstein – mit dem Bündel auf dem Rücken, um die Weiße Rose Deutschlands von Knechtschaft und Schande zu befreien!
Die Strömung trug sie weit flussabwärts; keuchend erreichten sie schließlich das Ufer. Nachdem sie sich wieder angezogen hatten, marschierten sie weiter nach Tonnistein und tranken dort aus einer Quelle mit frischem Wasser.
Am Rande des Sees sahen sie zwei Bauern, die an einen Haselnussbaum gefesselt waren. Sie befreiten sie, konnten aber keine Informationen aus ihnen herausbekommen – denn die Männer gähnten nur, zwinkerten und verschwanden sofort, um ihre Freiheit zu sichern. Am Ufer des Sees entdeckten die Brüder eine Gruppe junger Menschen; sie grüßten sie, und man nahm sie in die Gemeinschaft auf.
„Wo ist Berthold?“, fragte Dietrich.
Er war nicht da.
„Umso größer ist unsere Ehre“, sagte Dietrich.
Hier musste der Anführer ernsthaft darüber nachdenken, ob sie nicht bei der Abtei anhalten und nachdenken sollten – schließlich lag eine große Aufgabe vor ihnen.
„Wirklich“, sagte Dietrich, „mit leerem Magen zu sterben, ist heidnisch – und kaltes Blut lässt Wunden weiter bluten. Kaiser Konrad sollte gastfreundlich sein, und die Mönche schätzen die Zahl der Menschen. Wir sind hier – neununddreißig Personen. Lasst uns weitergehen!“

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Der Westen war dunkelblau im fahlen Licht. Die Gewässer des Sees wurden im Dämmerlicht grau. Das Kloster lag in Schatten gehüllt da. Schon hatten die jungen Männer damit begonnen, gegen die Türen des Klosters zu hämmern, als sie von der Stimme des Habichts zu Pferd gerufen wurden. Zu ihrer Verwunderung sahen sie die Weiße Rose selbst in seiner rechten Hand. Der beschämte Dietrich verneigte sich vor seiner lieben Herrin.
„Wir kamen, um zu helfen“, stammelte er.
Ein Lachen ertönte vom Habicht. „Ihr dachtet, die Dame sei in einem spukhaften Lagerhaus eingesperrt, nicht wahr?“
Dietrich griff nach seinem Schwert und zog seinen Gürtel enger.
„Der Club duldet keine Scherze mit der Weißen Rose, Herr Fremder.“
Margarita schlichtete den Streit. „Ich danke euch allen, guten Freunde. Aber streitet bitte nicht mit denen, die mich auf eigene Gefahr retten.“
„Unser Dienst ist gleichwertig“, sagte der Habicht und schwang sein Schwert. „Nur sind wir zufällig dem Club voraus – wofür Farina und ich im Namen der ganzen Bruderschaft um Vergebung bitten.“
„Farina!“, rief Dietrich. „Dann machen wir einen Gefangenen, anstatt einen Gefangenen freizulassen.“
„Was soll das?“, fragte Guy.
„Das ist alles“, antwortete Dietrich. „Dort drüben steht ein Flüchtling vor zwei Herren: dem Gesetz von Köln und dem Besieger Satans – und alle guten Bürger haben das Recht, ihn lebend oder tot zurückzubringen.“
„Dietrich! Dietrich! Wie kannst du so über den Mann sprechen, der mich gerettet hat?“, rief Margarita.
Dietrich beharrte stur darauf.
„Dann seht!“, sagte die Weiße Rose, deren Gesicht im blassen Morgenlicht rot wurde. „Er wird nicht mit euch gehen.“
Einer aus dem Club wollte gerade zur Weißen Rose sprechen – was eine Verletzung des Privilegs des Anführers war. Dietrich warf ihn ohne Widerstand zu Boden und fuhr fort:
„Es muss getan werden, Schönheit von Köln! Der Mönch, Pater Gregor, muss nun Schande und Spott ertragen, weil es diesen flüchtigen Zeugen nicht gibt.“
„Genug! Ich gehe!“, sagte Farina.

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„Du verlässt mich?“ Margarita blickte ihn zärtlich vorwurfsvoll an. Müdigkeit und heftige Aufregung hatten ihren Augen einen flüssigen Glanz verliehen sowie eine reizvolle Dunkelheit um ihre Augenränder – etwas, das seltsam zu ihrer üppigen Jugend passte. Ihre Züge zeigten einen sanften, weißen Hauch. Sie strahlte weniger, wirkte aber noch nie so bezaubernd. Ein Hauch süßer menschlicher Schwäche berührte das Herz der Liebe und löste Unruhe aus.

„Es ist eine Pflicht“, sagte Farina.

„Dann geh“, sagte sie und hielt ihm ihre Hand zum Küssen hin. Er hob sie zu seinen Lippen. Das wurde von allen im Club gesehen.

Als sie mit Farina aufbrachen und Guy darauf vorbereitet war, Zutritt zum Kloster zu erbitten, fragte Dietrich zufällig, wie es Dame Lisbeth ging. Schwartz Thier war in der Nähe und antwortete lachend, er habe die kleine Dame völlig vergessen.

„Wir hielten sie fälschlicherweise für Sie, Herrin! Sie schrie wie verrückt – im selben Moment, als wir sie küssten. Wir küssten sie alle, nur zum Spaß. Kein Schaden – wirklich nicht! Wir hätten sie fallen lassen, als wir feststellten, dass wir die alte statt der jungen hatten, aber wir dachten an Lösegeld. Ich wette, sie sitzt jetzt wieder da und zappelt herum, genau wie die Nuss vom letzten Jahr in der Schale!“

„Lisbeth! Arme Lisbeth! Wir werden sofort zu ihr zurückkehren!“, rief Margarita.

„Nicht du“, sagte Guy.

„Doch! Ich!“

„Nein!“, sagte Guy.

„Edler Habicht! Beste aller Vögel – lass mich gehen!“

„Ohne mich oder Farina niemals! Ich sehe, ich habe jetzt keine Chance bei meinem Herrn. Komm schon, schöne Unwiderstehliche! Kommt, Jungs. Farina kann alleine zurückreisen. Du wirst den Ruhm erlangen, Dame Lisbeth gerettet zu haben.“

„Farina! Vergiss nicht, meinen Vater zu trösten“, sagte Margarita.

Zwischen Margaritas Angebot und Farinas stand dem Kapitän keine große Wahl offen. Farina durfte alleine nach Köln reisen; Dietrich, von Margarita verwöhnt und von Guy sanft verspottet, führte den Club von den Gewässern von Laach zum Schloss des Räuberbarons.

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Satanas’ Hinterhältigkeiten
Mönch Gregorius ging unruhig auf dem Weg zwischen dem kaiserlichen Lager und dem leidenden Köln hin und her. Die Sonne stieg durch endlose Wolkenmassen auf – sie hielt ihn in einer Abfolge von immer weiter entfernten Hügeln und dünnen Schleiern gefangen, von Reich zu Reich, bis sie schließlich ohne Licht erschien, wie ein Phantomkönig in einem phantastischen Land. Der Morgen war noch jung; Feldmäuse liefen entlang der Furchen. Tau hing rot und grau an den grasbewachsenen Ufern sowie an den Bäumen am Wegesrand. Manchmal hob der gute Mönch die Nase und schlug sich auf die Brust, bevor er wieder in trübe Gedanken versank. Wenn ein Bürger aus Köln vorbeikam, senkte er seinen Kopf tief in seinen Umhang. „Da ist ein schwarzer Rabe!“, sagten viele. Mönch Gregorius hörte sie und murmelte: „Du hast mich, Böser! Du hast mich!“
Es war Mittag, als Farina vom Lager herunterkam. „Vater“, sagte er, „ich habe nach dir gesucht.“ „Mein Sohn!“, rief Mönch Gregorius und legte ihm eine Hand auf den Mund. „Es war nicht richtig von dir, mich allein gegen die Zweifel kämpfen zu lassen. Antworte mir nicht. Das Mädchen – wie viel wog sie schon auf dieser Waage? Genug! Ich werde bestraft. Das alte Sprichwort sagt recht: ‚Hütet euch vor Satanas’ Hinterhältigkeiten!‘ Ich, der ich dachte, ihn besiegt zu haben! Die Eitelkeit hat mich zerstört – in dieser Welt und in der nächsten. Ich bin das Opfer meiner eigenen Selbstüberschätzung. Ich höre, wie die Dämonen ihren Chor anstimmen: ‚Da kommt Mönch Gregorius, der sich selbst zum Besieger der Dunkelheit nannte!‘ Im Lager werde ich verspottet; in der Stadt wird man mich verachtet. Satan, mein Sohn, kämpft nicht mit seinen Krallen – er kämpft mit seinem Schwanz, o Farina! Hör zu: Er ist durch Köln in sein Reich eingedrungen, sogar unter den Steinen des Domplatzes. Sein widerlicher Gestank bleibt bestehen und reizt sowohl die Nasen der Heiligen als auch der Ungläubigen. Der Kaiser kann ihm nicht nahekommen; die Bürger sind empört. Ach! Hätte ich in Demut geschwiegen, hätte ich ihn wirklich besiegt. Doch er gab mir einen leichten Sieg, nur um mich zu vergrößern. Ich werde es nicht lange aushalten.“

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Nun bleibt nur noch dies übrig, mein Sohn: dass du lebendiges Zeugnis für die Wahrheit meiner Aussagen ablegst – so wie ich Zeugnis für die Torheit anderer ablege!
Farina versprach vor allen, er würde seinen Sieg auf Drachenfels verkünden und dafür Zeugnis ablegen.
„Damit ich nicht als Betrüger angesehen werde!“, fuhr der Mönch fort. „Und wie groß muss doch die Tugend dessen sein, der diesem dunklen Geist begegnet! Mut nützt nichts. Doch wenn ihr keine Tugend habt, werdet ihr bald unter dem Gift dieses Teufels zerplatzen. Sicherlich bist du, mein Sohn, treu – und für diese Dienste kann ich dich belohnen. Folge mir noch einmal.“
Auf dem Weg trafen sie auf Gottlieb Groschen, der eilig zum Lager eilte. Entsetzen verzerrte das Gesicht des alten Händlers. Farina zügelte sein Pferd vor ihm.
„Ihre Tochter ist in Sicherheit, ehrenwerter Meister Groschen“, sagte er.
„In Sicherheit?“, rief Gottlieb. „Wo ist sie, meine Grete?“
Farina erklärte es kurz. Gottlieb breitete die Arme aus und wollte den Jungen danken. Doch dann sah er Pater Gregor – und sein ganzer Körper verkrampfte sich vor Abscheu.
„Bist du mit diesem verdammten Tier zusammen, mit diesem Fluch Kölns!“
„Der gute Mönch…“, sagte Farina.
„Dann bist du also mit ihm verbündet, Herr! Erwarte keine Dankbarkeit von mir. Köln ist verflucht! Ihr eingebildeten Narren – könnt ihr Satan nicht in Ruhe lassen? Er hat uns doch nicht geschadet. Wir waren frei von ihm. Köln ist verflucht! Der Feind der Menschheit wird durch euch zum tödlichen Feind Kölns.“
Nach diesen Worten ging Gottlieb weg.
„Siehst du, mein Sohn“, sagte der Mönch, „sie denken nicht nach!“
Farina war niedergeschlagen. Er wäre gerne bereit gewesen, die Seele des Bösen weiterhin frei umherwandern zu lassen – umso mehr hoffte er auf eine hellere Zukunft.
Gottlieb fühlte keinerlei Reue. Der Kaiser hatte ihm ein Lager sowie eine Ehrengarde für seine Familie zur Verfügung gestellt, während das Unheil tobte. Dort begrüßte Gottlieb am Nachmittag nach seinem Treffen mit Farina Margarita und Tante Lisbeth wieder. Die Weiße Rose hatte in Laach Rast gemacht und blühte wieder. Sie und der Habicht kamen vor dem Club durch die Wälder von Laach – sie erschreckten die Rehe mit ihrem Lachen und trieben die Hasen mit angelegten Ohren über das ganze Land. Vergeblich drohte Dietrich Guy mit den Schrecken des Clubs – Tante Lisbeth bat darum…

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Margarita wollte sie nicht umsonst bei den Dienern zurücklassen. Das fröhliche Paar ritt über das Land, sprang über Gräben und Dämme, hinauf und hinunter an den Ufern – glücklich wie Morgenadler – und erreichte schließlich Andernach in schnellem Tempo. Dort ruhten sie in einer Herberge, die damals genauso gutes Rhein- und Moselwein hervorbrachte wie heute. Hier wurde für sie im Garten ein Mittagessen vorbereitet; bei ihrer Ankunft wurden sie mit dem besten Scharzhofberger-Wein besänftigt. Nach einer erfrischenden Rast wurden drei Boote gemietet. Auf ihrem Weg zum Fluss trafen sie auf einen Zug von Mönchen unter der Führung des Erzbischofs von Andernach, die eine kleine Figur Christi aus Holz trugen – diese sollte Wunder wirken und war ein Geschenk zweier ungarischer Pilger an die gute Stadt. „Seid ihr auf dem Weg nach Köln?“, fragten die Mönche sie. „Geradestromabwärts!“, antworteten sie. „Schickt uns dann Gregor, den Besieger der Dunkelheit, damit er erfährt, dass es auf Erden Dankbarkeit und Anerkennung für große Taten gibt“, sagten die Mönche. Also knieten die Reisenden nieder und stiegen durch den Weißen Turm des Erzbischofs in die Boote. Sie fuhren an Hammerstein Castle und Rheineck vorbei, an Salzig und der Mündung der Ahr, an Rolandseck und Nonnenwerth, an Drachenfels und Bonn – an Hügeln, bedeckt mit jungen Reben, sowie an Tälern voller frischen Blätter. Margarita sang, während sie dahinfuhren. Sie sang alte Balladen, die den Habicht sehnsüchtig nach Hause denken ließen und beim Club eine wahre Liebe zum großen, alten Wasser weckten, das sie vorantrug. Tante Lisbeth ließ sich jedoch nicht rühren. Nur sie hielt ihren Kopf gesenkt. Sie blickte Gottlieb nicht ins Gesicht, als er sie umarmte. Auch auf alle Fragen antwortete sie nicht. Von da an zeigte sie Güte gegenüber Frauen; die überschwängliche Fröhlichkeit und Vertrautheit der Männer gegenüber ihr wurden bald freundlich und respektvoll. Der „Drache“ in Tante Lisbeth war besiegt – sie hatte nun keine Einwände mehr gegen Margaritas Cameo. Der Habicht versöhnte sich schnell mit seinem Herrn und erhielt die Anerkennung des Kaisers. Dietrich Schill dachte daran, ihn herauszufordern – doch der Club hatte wichtigere Angelegenheiten zu erledigen: nämlich ein Urteil über Berthold Schmidt wegen des Verbrechens, die Weiße Rose in die Hände von Werner geliefert zu haben. Sie fanden Berthold in Eck und stimmten zu, ihn dort zu behalten, bis Lösegeld für seinen verräterischen Körper gezahlt worden war. Berthold wurde in seiner verrückten Leidenschaft von Werner getäuscht – und nach seiner Freilassung musste er…

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Lösegeld – eine Entscheidung, die dem Urteil des Clubs überlassen wurde; dieser verurteilte ihn dazu, nacheinander gegen sie alle zu kämpfen und anschließend die Verbannung aus der Rheinlandregion hinzunehmen. Der Habicht bat aus Liebe zu seiner Schwester bei einem strengeren Gericht um Gnade.

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Der Einzug nach Köln
Sieben Tage lang lag Kaiser Heinrich vor den Toren Kölns im Lager. Sechsmal innerhalb von sechs aufeinanderfolgenden Tagen versuchte der Kaiser, in die Stadt einzudringen – doch jedes Mal scheiterte er.
„Bart des Barbarossa!“, sagte der Kaiser. „Das ist die erste Festung, die mir je Widerstand leistet hat.“
Die kriegerischen Bischöfe, Kurfürsten, Pfalzgrafen sowie Ritter des Reiches schworen alle, es sei keine Schande, dem Teufel nicht gewachsen zu sein.
„Wenn“, sagte der nachdenkliche Kaiser, „wir das gleiche Leid ertragen sollen wie das arme Köln jetzt, dann sollten wir um Himmels willen Reformen durchführen und Buße tun.“
In diesem Moment wehte ein starker Wind von Köln herüber – das machte die Höflinge ernst. Viele dachten zum ersten Mal an ihre Seelen.
Dies wird zu Ehren des Mönchs Gregor aufgezeichnet.
Am siebten Morgen kündigte der Kaiser seinen Entschluss an, einen letzten Versuch zu wagen.
Es war bereits Tag – ein junger Mann stand vor dem Zelt des Kaisers und bat um eine Audienz.
Als er vor den Kaiser geführt wurde, gelang es ihm, diesen aus seiner Depression zu holen. Denn obwohl Kaiser Heinrich mutig war, fürchtete er das, was kommen würde. Sofort wurde befohlen, dass die Prozession weiterziehen sollte – Kaiser Heinrich behielt den jungen Mann an seiner rechten Seite. Doch der junge Mann nutzte die Gelegenheit, um Gottlieb und Margarita zu besuchen; jedem von ihnen gab er eine Flasche seltsamer Form, gefüllt mit einer Flüssigkeit.
Als der Anführer der Prozession die Tore Kölns erreichte, zeigten sich Anzeichen von Zögern.
Kaiser Heinrich befahl, um jeden Preis voranzukommen.
Pfalzgraf Nase – so nennen ihn die alten Chroniken scherzhaft, doch er war zweifellos ein großer Adliger – führte die Vorhut an und überquerte die Zugbrücke. Unter den Menschen um den Kaiser herum zeigten sich Zögern und Anzeichen von Entsetzen. Der Kaiser sowie der junge Mann an seiner rechten Seite blieben jedoch fröhlich.

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Keineswegs sanken sie in sich zusammen! Mehrere der heldenhaften Ritter baten den Kaiser um Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen.
„Folgt dem Pfalzgrafen Nase!“, soll der Kaiser gesagt haben.
Groß war die Verwunderung der Menschen in Köln, als sie sahen, wie Kaiser Heinrich in vollkommener Würde die Hauptstraße entlang zur Kathedrale ritt, während zu seiner Rechten und Linken Bischöfe und Kurfürsten kraftlos zu Boden sanken.
Der Kaiser ritt weiter, bis schließlich nur noch ein junger Mann an seiner Seite ritt.
„Dein Name?“, fragte der Kaiser.
Er antwortete: „Ich bin ein armer Junge, unbesiegbare Kaiser! Mein Name ist Farina.“
„Deine Belohnung?“, fragte der Kaiser.
Er antwortete: „Die Hand eines Mädchens aus Köln, gnädigster Kaiser und Herr!“
„Sie gehört dir!“, sagte der Kaiser.
Kaiser Heinrich blickte hinter sich – unter einer Schar von Männern, die die Zügel ihrer Pferde umklammerten und besiegt dalagen, standen nur zwei aufrecht: ein Mädchen und ein alter Mann.
„Das ist sie, unbesiegbare Kaiser!“, fuhr Farina fort und verbeugte sich tief.
„Es wird vor Ort geregelt werden“, sagte der Kaiser.
Ein Wort des Kaisers Heinrich genügte, um Gottliebs Zustimmung zu sichern.
Er sagte: „Gnädiger Kaiser und Herr! Obwohl ein solcher Junge niemals selbst danach gestrebt hätte, auch nur einen Groschen zu besitzen, so ist doch jede Einwände gegen ihn sinnlos, wenn der Kaiser für ihn bittet. Wahrlich, er hat Köln große Dienste erwiesen – und wenn man meine Tochter Margarita überzeugen kann…“
Der Kaiser wandte sich mit finsterer Miene an sie.
Margarita wurde rot – ein Zeichen ihrer bereiten Zustimmung.
„Eine Heirat wird dort registriert!“, sagte der Kaiser und zeigte nach oben.
„Ich gehöre dir“, flüsterte Margarita, als Farina näher kam.
„Besiegeln wir es! Besiegeln wir es!“, sagte der Kaiser in fröhlicher Stimmung. „Ohne Siegel darf keine Zustimmung von Mann oder Frau eingeholt werden.“
Farina warf den Inhalt einer Flasche in die Luft und küsste seine Geliebte auf die Lippen.

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Diese Szene fand in der Nähe des verbrannten Erdkreises statt – dorthin war der Verfluchteste in sein Königreich hinabgestiegen. Die Menschen füllten Köln nun mit Flaschen, um die Atmosphäre zu reinigen. Es wurde möglich, frei zu atmen.
„Wir Deutschen“, sagte Kaiser Heinrich, als er wieder von seinen Höflingen umgeben war, „können Fehler machen, wenn wir immer dem Pfalzgrafen Nase folgen; aber dieses Mal wurden wir gut geführt.“ Daraufhin ertönte unterwürfiges Gelächter.
Der Pfalzgraf rechtfertigte sich damit, dass seine Nase besonders empfindlich sei.
„Du bist, fürchte ich, nur ein feiger Sterblicher“, sagte der Kaiser.
„Nie zuvor wurde ich auf dem deutschen Schlachtfeld so gefunden, kaiserliche Majestät!“, erwiderte der Pfalzgraf. „Ich betrachte es als Ehre, dass dieser üble Geruch mich überwältigt.“
„Auch das müssen wir bekämpfen, wie man sieht!“, rief Kaiser Heinrich. „Aber kommt heute Nacht alle zu der Hochzeit und nehmt euch so viele Bräute, wie ihr wollt. Vermehrt euch und gebt uns viele treue Untertanen. Ich messe den Wohlstand an der Anzahl der Ehen in meinem Reich!“
Die Mitglieder des Weißen-Rose-Clubs wurden von Gottlieb zur Hochzeit eingeladen. Zunächst waren sie sehr wütend – doch als sie den Kaiser sowie das hervorragende deutsche Essen sahen, entbrannte sofort ein Wettstreit darum, wer der Hochzeit am meisten Ehre erweisen könnte. Dieser Streit dauerte bis zum Morgengrauen an. Dietrich Schill war der Sieger – er hatte eine Wurst verschlungen, so lang wie sein Arm, sowie genug Wein, um einen Lachs aus St. Goar zu tränken. Dies wurde lange Zeit stolz in seiner Familie aufgezeichnet und ist nun aus den alten, ehrenvollen Aufzeichnungen Kölns wiederentdeckt worden.
Der Habicht war Farinas Trauzeuge – und ein wirklich lebensfroher Trauzeuge obendrein! Tante Lisbeth saß in einer Ecke und lächelte schwach.
„Kind!“, sagte die kleine Dame zu Margarita, als sie sich zum Abschied küssten, „dein Mut erstaunt mich. Glaubst du das wirklich? Armes, liebes Kind – völlig hilflos!“
„Ich liebe ihn! Ich liebe ihn, Tante! Das ist alles, was ich weiß“, sagte Margarita. „Liebe, Liebe, Liebe zu ihm!“
„Gott möge dir helfen!“, rief Tante Lisbeth aus.
„Betet mit mir“, sagte Margarita.

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Die beiden knieten am Fuß des Brautbettes und sprachen ganz unterschiedliche Gebete – doch mit demselben Ziel. Danach half Tante Lisbeth der Weißen Rose beim Ausziehen; sie zitterte, erzählte eine traurige Hochzeitsgeschichte aus dem Schloss, legte ihre kleine, welke Hand auf Margaritas Herz und schrie: „Kind! Es pocht!“ „Das ist Glück“, sagte Margarita und strich sich durch die Haare. „Möge es nur anhalten!“, rief Tante Lisbeth. „Es wird anhalten, Tante! Ich bin bescheiden – ich bin aufrichtig“, sagte das schöne Mädchen und strich über den Kragen ihres Nachthemds. „Schau nicht in den Spiegel“, sagte Lisbeth; „nicht heute Nacht! Schau, wenn du kannst, morgen.“ Sie glättete die Weiße Rose in ihrem Bett, deckte sie zu und küsste sie – ließ sie wie einen Knospen zurück, der auf das Sonnenlicht wartet.

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**Schlussfolgerung**
Der Schatten von Mönch Gregor wurde in Köln nicht mehr gesehen. Er gelangte in den Kalender – und steht dort neben dem Heiligen Antonius. Drei aufeinanderfolgende Jahrhunderte lang konnten sich die Städte am Rhein rühmen, von ihm persönlich besucht worden zu sein. Der „Eroberer der Dunkelheit“ verursachte schreckliche Fehden im Rheingebiet.

Der „gekrönte Teufel“ wiederholte seinen berüchtigten Angriff auf Farina. Eines Morgens erwachte der junge Mann und sah Lagerhäuser, die genauso aussahen wie seine eigenen – mit Flaschen, die genau wie seine eigenen geformt waren. Rechts und links von ihm standen weitere „Farinas“. Innerhalb einer Woche verdoppelten sich diese Anzahl; nach einem Monat vervierfachte sie sich. Sie nahmen weiter zu.

„Ruhm und Reichtum“, sinnierte Farina, „kommen vom Menschen und von der Welt – Liebe aber kommt vom Himmel. Wir können würdig sein und dennoch den ersten verlieren. Die Liebe verlieren wir nur, wenn wir unwürdig sind. Möchtet ihr den wahren Farina kennenlernen? Sucht ihn dort, der unter dem Zeichen des Glücks wandelt; dessen Geliebte für immer seine junge, süße Braut ist, die ihn vor Fallen bewahrt und seine Seele mit himmlischer Frische erfüllt. Keine Heuchelei kann dieses Bild nachahmen – schon gar nicht die Kreaturen der Verdammten! An diesem Merkmal kann man mich erkennen.“

Sieben Jahre später, als der Habicht nach Köln kam, um alte Freunde zu sehen und etwas von Gottliebs ältestem Rudesheimer zu trinken, wurde er von falschen „Farinas“ aufgehalten. Erst zufällig entdeckte er schließlich den wahren Farina in den Musikgärten am Rhein – dort saß Farina, in einer Hand Margarita, zu seinen Füßen drei Jungen und ein Mädchen. Er beugte sich liebevoll über sie, wie eine Weinrebe, die ihre Trauben im Sommerlicht streichelt.

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Selbstweihrauch
Ein Zeichen dafür, dass das Böse von Stichen zu Peinigungen übergegangen ist.
So werden große Taten beurteilt, wenn die Gefahr vorbei ist – so einfach.
Sanfter Schlaf einer Kraft, die noch nie zum Einsatz kam.
Der Verdacht war ihr bester Zeuge.
Süßer Schatz – davor liegt ein schlafender Drache.
Wir schätzen gerne das, wofür wir gute Arbeit geleistet haben.
Schwache Halme, die leicht besiegt werden und niemals überwunden werden können.
Ein schwacher Magen ist sicherlich „moralisch“ tugendhafter als ein voller Magen.
Er gewinnt überall wieder einen Spiegel seiner eigenen Güte.

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Der Fall von General Ople und Lady Camper
Von George Meredith

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KAPITEL I
Eine Exkursion jenseits der unmittelbaren Vororte Londons – ursprünglich geplant, lange bevor er eine Kutsche mietete, um dorthin zu gelangen, tatsächlich bereits seit seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst – führte General Ople über einen berühmten öffentlichen Platz, in den er sich auf der Stelle verliebte, zu einer hohen Straße entlang der Grenzen eines Parks, für den er sofort sein Herz gab. Schließlich gelangte er in eine Entfernung von etwa einem Steinwurf vom Flussufer – dort beschloss er, nicht nur seine Zuneigung zu schenken, sondern auch dauerhaft zu leben. Man kann erkennen, dass er ein abenteuerlustiges Temperament hatte, obwohl er es für angebracht hielt, seinen Schwertgürtel abzunehmen. Die Kutsche wurde jedoch aus einem ganz besonderen Grund gemietet: um ihm dabei zu helfen, die sogenannten Landhäuser, Häuschen oder sogar Baugrundstücke in der Nähe des wunderschönen Londons zu inspizieren. Und da es keinen Zweifel daran gab, dass Coelebs, wenn er auf die Suche ging, eine Frau mitbringen würde, reichte bereits die Tatsache aus, dass es ein zum Verkauf stehendes Haus in einer malerischen Lage, in angemessener Entfernung von der Stadt, die er verehrte, gab, aus, um den Enthusiasmus des Generals zu wecken. Er hätte das erste Haus genommen, das er sah, wäre da nicht seine Tochter gewesen, die ihn begleitete und im Alter von achtzehn Jahren die Leitung seines Hauses übernehmen sollte. Unter der lenkenden Hand von Elizabeth Ople führte das Schicksal ihn zu einem Ort voller Komfort. Den Ort kann man nur in den Worten von Auktionateuren beschreiben; in der ersten Woche nach seinem Einzug bezeichnete er ihn bescheiden als „Bijou“. Mit der Zeit, als seine eigene Vorstellungskraft – angeregt von mehr als nur bloßer Zufriedenheit – zum Wirken kam, wählte er den passenden Ausdruck: „ein adliger Wohnsitz“. Denn es handelte sich dabei um ein kleines Anwesen. Es gab ein Gebäude, das wie zwei Wachhäuschen wirkte, in denen jeweils ein altes Ehepaar saß bzw. lag; es gab einen Weg zu den Ställen; es gab etwas Gras, das wie ein Feld erschienen wäre, wenn man es vergrößerte; außerdem gab es eine Mauer um den Küchengarten sowie einen Zaun um den Blumengarten. Eine Einmischung von außen war unmöglich. Komfort, Sicherheit und Adelhaftigkeit machten diesen Ort, wie der General sagte, zu einem idealen englischen Zuhause.

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Das Anwesen umfasste eine Fläche von einem halben Acre – vielleicht noch ein oder zwei Acres dazu. Genau die richtige Größe, um die zärtliche Liebe zu schenken, wofür General Ople am glücklichsten war. Er entschied sich weise dafür, das alte Ehepaar im Haus zu behalten – schließlich waren sie an Einschränkungen gewöhnt – und auch nicht, eine Kuh zu kaufen, die Weideflächen benötigt hätte. Während der alte Mann sich um den Garten kümmerte – eine Tätigkeit, die ihm Freude bereitete, solange er sie auf eine würdevolle Weise ausüben konnte, also solange er nicht übersehen wurde – kümmerte sich die alte Frau um die Glocke an dem prächtigen Eingang mit seinen vergoldeten Toren. Das Haus war völlig von der Straße aus verborgen. Es gab nur ein Haus – und seltsamerweise nur ein Fenster in diesem Haus. Um zu zeigen, dass der Schutz auch auf das Douro Lodge ausgedehnt wurde, befand sich dieses Fenster im Dachgeschoss und blickte auf das Haus hinunter. Das Haus war jedoch leer.

Zwei Jahreszeiten später wurde das Haus von einer Dame bezogen. Über diese Dame berichtete der Ruhm – wie eine Staubwolke, die von dem Ort auszog, an dem sie gelebt hatte –, dass sie exzentrisch sei. Dieses Wort sagt wenig aus – es erschreckt nicht. Bei einer Dame eines bestimmten Alters ist es eher ein Merkmal der Aristokratie im Ruhestand. Zumindest deutet es auf Reichtum hin.

General Ople wollte sie unbedingt sehen. Er hatte einen tiefen Respekt vor der Aristokratie – und an Reichtum fand er etwas, das seine Bewunderung weckte. London beispielsweise nannte er die Wunderwelt der Welt. Er meinte außerdem, dass allein die Plünderung Londons ausreichen würde, um jeden einfachen Soldaten der fremden Besatzungstruppen für den Rest seines Lebens zu einem unabhängigen Gentleman zu machen. „Aber das ist ein Albtraum!“, sagte er – erschrocken von diesem abscheulichen Traum voller Neid auf die reich gewordenen invadierenden Offiziere. Denn Beute ist das Einzige, was der militärische Verstand im Abstrakten bewundern kann. Seine Gewohnheit war es, nach solchen Ausführungen in tiefe Seufzer auszubrechen – wie ein Mensch, der im Krieg mit sich selbst steht.

Die Dame kam rechtzeitig an. Sie nahm die Visitenkarten der Nachbarn entgegen – zeigte aber durch ihre Gleichgültigkeit gegenüber diesen Karten ihre Exzentrik, mit Ausnahme der Karte von Frau Baerens, bei der sie sofort vorgelassen wurde. Auf ausdrückliche Vereinbarung folgte die Karte von General Wilson Ople, seinem nächsten Nachbarn, auf die Karte des Pfarrers, des sozialen Leiters der Gegend. Dem Pfarrer wurde ein Treffen gewährt – doch Lady Camper war nicht zu Hause.

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Ople. Sie steht in einer höheren Stellung als ich und möchte vielleicht nicht mit mir in Verbindung treten, sagte der General bescheiden. Dennoch war er verletzt – denn trotz seines Wunsches, sich nicht aufzudrängen, zwang ihn sein Rang in der britischen Armee dazu, in Abwesenheit eines ranghöheren Offiziers deren Vertreter zu sein. Somit wurde er beruflich verletzt; da sein Herz seiner Berufung gehörte, kann man ehrlich sagen, dass auch seine Gefühle verletzt wurden – obwohl er das leugnete und auf die Unterschiede bestand. Einmal am Tag zwang ihn sein Spaziergang zur körperlichen Betätigung dazu, an den Fenstern von Lady Camper vorbeizugehen. Diese Fenster waren nicht schüchtern verdeckt, wie er humorvoll über Douro Lodge sagte; stattdessen neigte er sich dort herrisch, militärisch, wie ein Feldherr zu Pferde, und hatte die volle Kontrolle über die Straße sowie über das Gelände bis zu den Bäumen im Park. Er ging mit festem Schritt vorbei, wobei er seinen aufrechten Gang leicht senkte, als würde er sich beeilen, einen Freund zu begrüßen, dessen Hand bereits zum Händedruck ausgestreckt war. Das hätte selbst eine Hausmagd bemerkt; angesichts seiner gutaussehenden Figur sowie des besonderen silbernen Schimmers seines Haares war die Beschleunigung seines Schrittes besonders auffällig. Wenn er vorbeifuhr, zuckte das rechte Ohr des Ponys – was das empfindliche kleine Tier zutiefst verärgerte. Infolgedessen musste der General unter den Augen von Lady Camper weiterfahren; da ihm dieses Tempo nicht gefiel, verringerte er es stets bereits ein oder zwei Häuser weiter hinter der Ecke ihres Grundstücks. Doch weder er noch seine Tochter Elizabeth schenkten einer solch trivialen Angelegenheit Bedeutung. Der General vermied es sorgfältig, während seines Vorbeigehens in die Fenster zu blicken – egal ob zu Pferd oder zu Fuß. Elizabeth schaute nur aus dem Seitenfenster, so wie man einen Baum am Wegesrand betrachtet. Ihr Gespräch über Lady Camper bestand aus einem Austausch von Alltäglichkeiten bezüglich ihrer Einsamkeit. Diese Situation erschien General Ople umso rätselhafter, als seine Tochter ihm erzählte, dass Lady Camper sehr hübsch sei und nicht so alt, wie er sich exzentrische Damen vorgestellt hatte. Auch die Beschreibung der Pfarrerin weckte sein Interesse. Sie hatte ihm unverblümt gesagt, dass sie gelegentlich aus Gründen der Fassade in die Kirche gehe, aber keine regelmäßige Kirchgängerin sei, da sie die Dauer der Gottesdienste nicht ertragen könne. Dennoch steuere sie Spenden für wohltätige Zwecke bei und ließ ihren Sitzplatz für Arme frei – und nur für Arme. Sie hatte Europa bereist und den Orient kennengelernt. Aquarellzeichnungen der Orte, die sie besucht hatte, schmückten ihre Wände; außerdem besaß sie ein Paar Pistolen, die ihr nützlich erschienen waren.

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Es wurde bestätigt, dass die Pistolen auf dem Schreibtisch in ihrem Salon lagen. General Ople erfuhr vom Rektor, dass sie eine große Verachtung für Männer hatte – doch diese Verachtung ging seltsamerweise einher mit Klagen über die Schwäche der Frauen. „Wirklich, sie kann unmöglich ein Vorbild dafür sein“, sagte der General und dachte an die Pistolen.
Wir erfahren von denen, die Frauen auf dem Schachbrett studiert haben und wissen, welche Figuren in bestimmten Situationen welche Wirkung entfalten, dass die Männer, über die viel gesprochen wird, die Gedanken dieser Frauen für sich beanspruchen werden – und dieses Phänomen kann durchaus als einer ihrer „Züge“ angesehen werden. Doch das gesamte Gebäude unseres Wissens über Frauen, das wir auf dieser ursprünglich scharfen Wahrnehmung aufbauen sollen, bricht zusammen, wenn wir hören, dass es bei Männern und ihren Gedanken in Bezug auf Frauen, über die viel gesprochen wird, genauso ist – in derselben Weise, proportional zur Menge der Arbeit, die sie leisten müssen. So war es auch bei General Ople – mir bleibt nichts anderes übrig zu sagen, als dass es ein breiteres Feld gibt als das Schachbrett. Ich wehre mich entschieden gegen die Ähnlichkeit dieser „einzigartigen Paare“ auf dieser Welt; sonst läuft der General Gefahr, des Vorwurfs beschuldigt zu werden, ein weiblicher Charakter zu sein. Er war nicht nur ein tapferer Offizier und Veteran im Krieg, sondern auch – und es ist bemerkenswert, dass wahre Demut dies nicht verhinderte – ein Herrscher über die Frauen. Er hatte bereits genug Unheil angerichtet, natürlich im Namen der Ehre – doch Herzen wurden dadurch berührt. Mit seinem hellweißen Haar, seinen dicht behaarten weißen Schnurrbart auf einem braun gebrannten Gesicht, seinen klaren Gesichtszügen sowie dem charmanten Herabfallen seiner Augenlider hatte er immer noch „Pulver in sich“ – wenn auch kein Schießpulver.
Er war äußerst anfällig für den Charme der Damen. Andererseits hielt ihn aus Schüchternheit, die zum Schutz des weiblichen Geschlechts bestand, davon ab, aktiv vorzugehen – solange keine Anzeichen für Ermutigung vorhanden waren. Er tötete die Sanften, die zu ihm kamen, angezogen von seiner Sanftheit – doch kluge Frauen machten ihn nervös und lähmten ihn. Ihre Fähigkeit, Fragen zu stellen und sofortige, brillante Antworten zu fordern; ihr Bedarf an frischem Witz – einer Art, die nicht durch Publikationen bereitgestellt wird, die diesen Witz mit einem Hammer in die Köpfe prägen und ihn dann in großen Mengen liefern – ihre vielfältigen Interessen sowie ihre Fähigkeit zum Spott machten sie in seinen Augen furchterregend.

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Angenommen – so dachte der entflammbare Offizier nun, und zwar nachdenklich –, angenommen, eines Nachts wären Lady Campers Pistolen zur Verteidigung notwendig: Bei dem ersten Alarm, der ihre Not signalisierte, könnte der Mut ihm einen einfachen Weg zu ihr eröffnen – und es würde nicht erwartet werden, dass er dabei besonders geistreich ist. Vielleicht würde sie nach dem Aufregenden seine männliche Überlegenheit auf die schöne, alte Weise anerkennen, indem sie in seinen Armen in Ohnmacht fiel. Solche Träumereien ließ er sich gerne gehen – nur so konnte er hoffen, die furchterregende Dame, seine nächste Nachbarin, kennenzulernen. Doch die stolze Gesellschaft der Diebe verwehrte ihm diese Gelegenheit.

In der Zwischenzeit erfuhr er, dass Lady Camper einen Neffen hatte – der junge Herr diente in einem Kavallerieregiment. General Ople traf ihn vor den Toren seines Hauses, begrüßte ihn höflich und sprach mit ihm über sein Aussehen und seine Manieren. Er erzählte Elizabeth davon und fragte sie, ob sie ihn zufällig gesehen habe. Sie antwortete, sie glaube schon, und lobte seine Fähigkeiten im Rudern. Der General stellte fest, dass der junge Mann außerdem ein hervorragender Ruderer war. Seine Tochter ruderte ihn flussaufwärts, als der junge Mann mit einer prächtigen Bewegung in einem Boot vorbeifuhr, sich neben das Boot setzte und vorgab, ein Gespräch anzufangen. Dabei gelang es ihm, Bedauern über die Einsamkeit seiner Tante auszudrücken. Da sie zu verschiedenen Zweigen derselben Truppe gehörten, hatten der General und Herr Reginald Roller etwas Gemeinsames – sowie eine Leidenschaft. Elizabeth sagte ihrem Vater, nichts bereite ihr so viel Freude wie das Zuhören, wie er mit Herrn Roller über militärische Angelegenheiten sprach. General Ople versicherte ihr, dass es ihm genauso gefalle. Er begann, nach Herrn Roller Ausschau zu halten – manchmal unterhielten sie sich sogar über die Mauer hinweg; das ließ sich kaum vermeiden. Ein paar Andeutungen, unklare Hinweise gaben dem General zu verstehen, dass Lady Camper in ihrer Ehe unglücklich gewesen war. Es tat ihm leid, an ihr Unglück zu denken – doch da sie noch keine vierzig Jahre alt war, war das Unglück vielleicht noch nicht unheilbar. Das heißt, falls man ihr beibringen könnte, Männern zu vergeben und ihre Einsamkeit aufzugeben. „Wenn“, sagte er zu seiner Tochter, „Lady Camper zufällig dazu gebracht werden könnte, eine zweite Ehe einzugehen, dann könnte man erwarten, dass sie menschlicher wird – und wir hätten sehr angenehme Nachbarn.“ Elizabeth hoffte geschickt darauf, dass so etwas geschehen möge.

Sie widersprach ihrem Vater nur selten – für ihn hielt sie, nach dem Vorbild der Menschen um sie herum, das Vorbild eines Mannes mit weiser Lebensführung.

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Und er war einer von ihnen; und obwohl er bescheiden war, war er mit sich selbst zufrieden, schätzte sich selbst und konnte sagen, dass er – ohne auf seine Erfolge anzugeben – ein zufriedener Mensch war, bis er Lady Camper traf.

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KAPITEL II
Das ist der tragische Aspekt meiner Geschichte – und er muss hervorgehoben werden, denn er konnte niemals erklären, was ihm daran so grausam erschien. Er war schließlich kein glücklicher Sohn des Reichtums, kein großer Pretender, keiner jener Menschen, die aus den Höhen, auf die sie erhoben wurden, logischerweise verdrängt werden – Menschen, die offensichtlich dazu da sind, die Moral der Vorsehung zu zeigen. Er war bescheiden, zurückhaltend, bescheiden zufrieden; eine vornehme Wohnsituation stillte seinen Ehrgeiz. Zwar war er beliebt, doch nicht auf übermäßige Weise – vielmehr dank seines Willens, Licht anzunehmen, statt es selbst auszustrahlen. Warum also wurde gerade er, von allen Männern, dieser schreckliche Prüfung unterzogen? Er war einer von uns – weder schlechter noch besonders besser – und er konnte nicht umhin, in der Bitterkeit seiner Überlegungen über ein unerklärliches Schicksal zu spüren, dass die Strafe, die ihn traf, obwohl sie unbegründet war, wie das Fehlen eines Plans im Gesamtplan der Dinge wirkte. Es schien, als wäre der Schlag ihm durch rücksichtsloses Zufall zugefügt worden. Und daran zu glauben bedeutete für General Ople, zu seinem „Alphabet“ zurückkehren und den mühsamen Aufstieg zum Gipfel des Verständnisses erneut beginnen zu müssen.

Um fortzufahren: Die Bekanntschaft des Generals mit Lady Camper entstand durch eine Nachricht, die sie ihm über ihren Gärtner schickte – in der sie bat, einen Ast eines Baumes zu fällen, der ihre Sicht auf den Fluss behinderte. Der General beriet sich mit seiner Tochter und kam zu dem Schluss, dass er zwar kaum eine schriftliche Antwort auf eine mündliche Bitte senden konnte, aber den Wünschen von Lady Camper dennoch gerne nachkommen wollte. Deshalb war es am besten, um ein Treffen zu bitten. Er ließ wissen, dass er sofort bei Lady Camper erscheinen würde, und begab sich sogleich in seine Toilette. Sie war die Nichte eines Grafen.

Elizabeth lobte sein Aussehen – „Er war beeindruckend“, wie er es wohl ausgedrückt hätte. Und das zu Recht, denn sein Hut, sein Mantel, seine Hosen und Stiefel waren würdig, einem Mitglied der Königsfamilie vorgestellt zu werden. Ein Hauch von scharlachrotem Seidengewebe um den Hals verlieh ihm Eleganz – und noch mehr: das Bewusstsein dafür.

„Du solltest nicht nervös sein, Papa“, sagte Elizabeth.

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„Überhaupt nicht“, antwortete der General. „Ich sage, überhaupt nicht, meine Liebe“, wiederholte er und verriet damit, dass er in eine nervöse Stimmung gefallen war. „Ich meinte nur, ich hatte schon schlimmere Morgen als diesen.“ Er wandte sich ihr zu, lächelte strahlend, nickte und machte sich bereit, der Zukunft entgegenzutreten.

Er war eineinhalb Stunden weg. Als er zurückkam, war sein Strahlen etwas gedämpft – doch keineswegs verschwunden; denn wenn die Erfahrung uns Anlass zum Nachdenken gibt, strahlen wir nicht mehr so blendend, sind aber dennoch nicht getrübt; die Strahlen sind lediglich ruhiger geworden. Die Summe seiner Eindrücke drückte er in folgenden Worten aus: „Es zeigt nur, meine Liebe, wie unterschiedlich die Realität von unseren Erwartungen ist!“

Lady Camper war bezaubernd – voller Herablassung, freundlich, bereit, sich mit dem Opfer eines kleinen Astes des Wych-Elm zufriedenzugeben, und verlangte nur das aus geschmacklichen Gründen. Elizabeth wollte wissen, um welche Gründe es sich handelte, fand diese Bitte jedoch ziemlich seltsam. Doch der General bat sie, bedenken zu müssen, dass man es hier mit einer sehr außergewöhnlichen Frau zu tun hatte; „sehr talentiert, wirklich äußerst hübsch“, sagte er laut zu sich selbst.

Die Gründe waren ihr Bedürfnis nach frischer Luft und Aussicht sowie der Wunsch, in den Garten ihres Nachbarn blicken zu können, ohne auf das Dachboden steigen zu müssen. Elizabeth gab einen leisen Ausruf von sich und wurde rot.

„Also, meine Liebe, wir sind Gegenstand von Interesse für Ihre Ladyschaft“, sagte der General. Er versicherte ihr, dass Lady Campers Umgangsformen entzückend seien. Seltsamerweise kannte sie viel über seine Vergangenheit – Dinge, von denen er nicht geglaubt hatte, dass sie bekannt seien; „Kleinigkeiten“, bemerkte er, woraufhin seine Tochter eine Andeutung auf seine glorreichen Zeiten erahnte. Lady Camper hatte beiläufig auch ein wenig von sich selbst preisgegeben: Sie sei walisischer Abstammung und in den Bergen geboren worden. „Sie hat einen romantischen Ausdruck“, kommentierte der General; außerdem sei ihr Mann vor seinem Zusammenbruch ein unersättlicher Reisender gewesen und habe nie etwas für Kunst übrig gehabt. „Eine wirklich außergewöhnliche Situation – mit einer solchen Frau!“, sagte der General.

Unter dem Schutz des Blätterdaches hackte er mit eigenen Händen auf den Wych-Elm ein. Am nächsten Tag besuchte er Lady Camper, um zu fragen, ob ihre Ladyschaft weitere Hindernisse für die Sicht erkennen könne.

„Keine“, antwortete sie. „Und nun werden wir sehen, was die beiden Vögel tun werden.“

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Offenbar hegte sie also Groll gegen ein Paar Vögel im Baum.
„Ja, ja; ich sage, sie zwitschern schon früh am Morgen“, sagte General Ople.
„Zu jeder Tageszeit.“
„Das Lied der Vögel…?“, bat er sanft um Verständnis für die Natur.
„Wenn ihnen ein Nest zur Verfügung steht – aber ich mag dieses ständige Zwitschern nicht.“
Der General stimmte voll und ganz zu. Im Umgang mit einer klugen Frau sollte man genau das tun – sonst kann es passieren, dass man unvorbereitet in einen Sturm gerät, mit vom Wind weggeblasenem Hut und verlorenen Mantelschößen; mit anderen Worten: Man steht in seiner Verwirrung lächerlich da. General Ople achtete stets darauf, diesem Dilemma auszuweichen. Die größten Schwierigkeiten hatte er bisher vermieden; die kleineren, in die er durch seine geschickten Ausweichmanöver geriet, waren ihm bislang glücklicherweise entgangen.
Er bat um die Erlaubnis der Dame, seine Tochter vorzustellen. Lady Camper schickte ihre Karte.
Elizabeth Ople sah eine große, anmutig wirkende Dame mit schönen Gesichtszügen und durchdringenden dunklen Augen, einer gelassenen Haltung und einer angenehmen Stimme – doch unter den durchdringenden Blicken der Jugend wirkte sie wie fünfzig Jahre alt. Ihre reiche Hautfarbe bestätigte das. Doch sie war sehr angenehm anzusehen – und Elizabeths Aufmerksamkeit blieb bei ihr, weil der männliche Edelmut ihres Vaters diese Dame davor bewahrt hatte, älter als vierzig zu erscheinen.
Elizabeth befürchtete, dass diese reiche Hautfarbe künstlich sei – und das ließ ihr junges Herz erschaudern. Denn wenn uns eine Dame mit ihren Gaben schmeichelt, sind wir so sehr der Natur zugeneigt, dass wir solche Ersatzmittel verabscheuen – ohne darüber nachzudenken, wie viel weniger belastend sie sind als eine echte Form der Bewunderung.
Unsere junge Detektivin verbarg jedoch ihre kindliche Furcht.
Lady Camper sagte über sie: „Sie scheint ehrlich zu sein – und das ist das Beste, was wir von Mädchen erwarten können.“
„Sie wäre ein Juwel für einen ehrlichen Mann“, seufzte der General. „Eines Tages!“
„Hoffen wir, dass das ein ferner Tag sein wird.“
„Doch“, sagte der General, „Mädchen erwarten, heiraten zu dürfen.“

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Lady Camper richtete ihren schwarzen Blick auf ihn, sagte aber nichts.
Er erzählte Elizabeth, dass die Augen ihrer Herrin äußerst durchdringend seien:
„Nur“, sagte er, „da ich nichts zu verbergen habe, kann ich einer Inspektion standhalten.“ Er lachte leise – bis ein heftiger Hustenanfall ihn unterbrach – und ließ die Verzierungen im Kaminrahmen genauestens prüfen.
General Ople war der Held, der eine Dame verteidigte, deren hochnäsige Art dazu führte, dass man hinter ihrem Rücken über sie sprach. Er versicherte allen, dass Lady Camper völlig falsch verstanden wurde; sie sei eine außergewöhnliche Frau, sehr freundlich und äußerst intelligent. Er hob ihre Eigenschaften auf das Höchste und behauptete, sie sei fromm, wohltätig, geistreich – und wirklich eine außergewöhnliche Künstlerin. Besonderen Wert legte er auf ihre künstlerischen Fähigkeiten, beschrieb ihre Fähigkeit beim Malen mit dem Pinsel, ihre Aquarellskizzen sowie einige äußerst kluge Karikaturen. Da er von niemand anderem sprach, erfuhren seine Freunde genug über Lady Camper – die keineswegs eine Favoritin war. Die Pollingtons, die Wilders, die Wardens, die Baerens, die Goslings sowie andere seiner Bekannten sprachen über Lady Camper und General Ople eher spöttisch. Sie waren alle Stadtbewohner und bewunderten den General – doch sie bedauerten, dass er sich so demütig einem Weib zu Füßen geworfen hatte, das rot wie ein Schminkkasten war. Dass er das nicht erkannte, zeigte, in welchem Zustand er sich befand.
Die Schwester von Mrs. Pollington, eine freundliche Witwe, Ehefrau eines großen Stadtwarenhauses namens Barcop, fühlte sich durch den Rückgang seiner Aufmerksamkeit gekränkt. Seine Entschuldigung dafür, nicht zu den Gartenpartys zu kommen, lautete, er sei damit beschäftigt, Lady Camper zu dienen.
Einst war es ein Thema voller Ironie, dass sie sich weigerte, den unterwürfigen General zu besuchen. Doch schließlich tat sie es doch. Lady Camper kam unerwartet zu seinem Tor, läutete die Glocke und wurde wie eine gewöhnliche Besucherin eingelassen. Zufälligerweise war der General gerade im Garten – nicht mit der schönen Beschäftigung des Beschneidens, sondern mit Graben – und musste daher seinen Mantel ausziehen. Er war verschwitzt, staubig und sah schrecklich aus. Von der Verehrung der Erde als Mutter der Rosen aus kann man ohne Vorbereitung vor eine Dame treten – doch das ist nicht möglich (so dachte der General), wenn man gerade dabei ist, die „Mutter der Kohlarten“ zu verehren. Obwohl er selbst den Kohl genauso sehr liebte wie die Rose, respektierte er in seinem Herzen das Gemüse mehr als die Blume – schließlich war sein Küchengarten etwas, worauf er stolz war. Das war kein Geheimnis für die Welt. Als ihm mitgeteilt wurde, welche große Ehre Lady Camper ihm erwiesen hatte, war er fast außer sich vor Freude.

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Er steckte hastig seine Arme in die Jacke, in der Hoffnung, zum Haus gelangen zu können, um sich dort ein paar Minuten Zeit für seine Erscheinung zu nehmen. Bei jedem anderen Besucher wäre das vielleicht möglich gewesen – doch Lady Camper mochte es nicht, allein in einem Raum zu sitzen. Sie befand sich auf dem Rasenplatz, während der General den Weg entlangschlich. Hätte sie ihm den Rücken zugewandt, hätte er sie unbemerkt umrunden können. Ihr Gehör war äußerst scharf. Sie drehte sich um, gerade als er noch zögerte – in einer seltsamen Haltung, mit einem Bein vorne, das andere Bein leicht angehoben. Es war der tödlichste Moment, den sie sich für seine Enthüllung aussuchen konnte.
Natürlich blieb ihm nichts anderes übrig, als auf der Stelle aufzugeben. Er begann, sich mit zahlreichen Entschuldigungen zu quälen. Lady Camper sprach einfach vom schönen kleinen Garten, roch an den Blumen und nahm eine Nelkenrose sowie Rosen der Sorten Rohan, Cline, Falcot und La France entgegen. „Wirklich eine wunderschöne Rose“, sagte sie über diese letztere, „nur sie riecht nach Macassaröl.“
„Wirklich? Mir ist das noch nie aufgefallen“, erwiderte der General und roch an der Rose, als handelte es sich um Pfeifentabak. „Ich wollte sagen…“ Mit dem absurdsten Lächeln bat er stumm um Erlaubnis, einen Satz unvollendet zu lassen – einen Satz, der an sich nicht besonders schwierig war.
„Ich habe eine Nase“, bemerkte Lady Camper.
Wie eine adlig Geborene, so berichtete General Ople von dem Gespräch auf seinem Anwesen, brachte sie ihn dazu, sich wohlzufühlen – oder zumindest versuchte sie das. Wenn er große Qualen durchmachte, lag das an seiner übermäßigen Sorgfalt bezüglich Kleidung, Anstand und Aussehen.
Auf ihr Verlangen führte er sie in den Gemüsegarten, zu den Ställen und zur Kutsche – anschließend zurück auf den Rasenplatz. „Das ist ein Zuhause für ein junges Paar“, sagte sie.
„Ich bin nicht mehr jung“, sagte der General und verbeugte sich mit dem Seufzer, der dieser Aussage eigen war. „Ich meine, ich bin nicht mehr jung – aber ich nenne diesen Ort ein würdevolles Anwesen. Ich wollte sagen…“
„Ja, ja!“, sagte Lady Camper, schüttelte den Kopf, schloss die Augen halb und zog die Stirn zusammen, als würde sie Schmerzen haben.
Jedes Mal, wenn er von seinem Anwesen sprach, bemerkte er denselben Ausdruck bei ihr.

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Vielleicht erinnerte es an glücklichere Zeiten, ein solches Nest zu betreten. Vielleicht war es einst ein Zuhause für ein junges Paar gewesen – eines, in das sie bei ihrer Heirat mit Sir Scrope Camper eingezogen war, bevor er seinen Titel und sein Vermögen erbte. Der General wusste nicht, was das sein könnte. Dieser Gedanke kam wieder auf, als er erneut über die Art dieses Hauses nachdachte. Es war fast wie ein Anfall. Er beschloss, ihre Erinnerungen nicht weiter zu belästigen; und da diese Entscheidung seinen Geist auf sein eigenes Wohnhaus lenkte – das er für äußerst vornehm hielt – machte seine Zunge den Fehler, den Satz noch einmal zu wiederholen, wobei er „auf vornehme Weise“ als Variation verwendete. Elizabeth war nicht da – er wusste nicht, wo. Die Hausmagd teilte ihm mit, dass Fräulein Elizabeth zum Rudern ans Wasser gegangen sei. „Ist sie allein?“, fragte Lady Camper. „Ich denke schon“, antwortete der General. „Das arme Kind hat keine Mutter.“ „Es ist ein trauriger Verlust für uns beide, Lady Camper.“ „Ohne Zweifel. Sie ist zu hübsch, um allein auszugehen.“ „Ich kann ihr vertrauen.“ „Mädchen!“ „Sie hat den Geist eines Mannes.“ „Das ist gut. Sie hat einen Geist – das wird sich zeigen.“ Der General nannte bescheiden ein oder zwei Beispiele für ihren Mut. Lady Camper schien dieses Thema zu mögen; sie zeigte freundliches Interesse. „Trotzdem sollten Sie nicht zulassen, dass sie allein ausgeht“, sagte sie. „Ich habe volles Vertrauen zu ihr“, sagte der General; daraufhin gab Lady Camper auf. Sie schlug vor, die Gassen entlang zum Flussufer zu gehen, um auf Elizabeths Rückkehr zu warten. Der General zeigte Begeisterung – doch diese wurde von Zögern begleitet. Lady Camper hatte ihm gesagt, dass sie es ablehnte, allein in einem fremden Raum zu sitzen; danach konnte er sie kaum allein lassen, um schnell nach oben zu gehen und sich umzuziehen. Doch wie sollte er das tun, in dem Mantel, der ihn daran hinderte, an seinen eigenen Anblick zu denken, und ihn ständig etwas hinter Lady Camper halten ließ, damit sie dadurch nicht gestört wurde? – Und er kannte die Gewohnheiten der Leute vom zweiten Rang…

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Kritisiere die Situation – wie kann man zustimmen, sich in solch einem Stil der Außenwelt zu stellen, Seite an Seite mit der Frau, die man bewundert?
„Kommen Sie“, sagte sie; er machte einen Schritt nach vorn, als hätte er danebengezielt.
„Kommen Sie nicht, General?“
Er trat mechanisch vorwärts.
Auf den Gassen begegnete ihnen niemand außer einem kleinen Kind, dem Lady Camper eine kleine Silbermünze gab – schließlich war das Kind ein entzückendes Bild.
Diese Geste der Wohltätigkeit drang tief in das Herz des Generals ein – wie jede schöne Handlung auf einer weichen, „wachsartigen“ Seele.
Lady Camper überraschte ihn, indem sie seine Gedanken aussprach: „Nein; es geschieht aus meinem eigenen Vergnügen.“
Nach einer Weile sagte sie: „Da sind sie.“
General Ople sah seine Tochter am Flussufer, am Ende der Gasse, in Begleitung von Herrn Reginald Rolles.
Es war wieder ein entzückendes Bild: Die junge Dame und der junge Mann trugen Bootshüte, waren beide in Weiß gekleidet und standen neben dem Boot oder drehten sich gerade vom Boot ab, das sie einem Bootsmann anvertrauen wollten. Elizabeth streckte einen Finger aus, um Anweisungen zu geben; Herr Rolles übernahm diese Anweisungen und formulierte sie noch einmal für den Mann – aus Betonungszwecken. Er war es, und nicht Elizabeth, der bei Anblick der herannahenden Personen zusammenzuckte.
„Mein Neffe soll, wie Sie wissen, Soldat werden“, sagte Lady Camper. „Ich mag diese Art von Soldaten am liebsten.“
General Ople senkte die Schultern unter diesem persönlichen Kompliment.
Sie fuhr fort: „Sein Gehalt ist für ihn von großer Bedeutung. Sie kennen ja die geringe Höhe des Gehalts eines Unteroffiziers.“
„Ich“, sagte der General, „ich finde, mein armseliges Halbgehalt – schließlich war ich selbst immer Soldat – ist für mich sehr wichtig!“
„Warum sind Sie in den Ruhestand gegangen?“
Ihr Interesse an ihm schien vielversprechend zu sein. Er antwortete gewissenhaft: „Über die Pflichten eines Brigadegenerals hinaus konnte ich einfach nicht weitermachen.“

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„Ich wage es, zu streben; ich kann Befehle annehmen und ausführen – doch vor der Verantwortung zögere ich!“
„Es ist schade“, sagte sie, „dass Sie nicht, wie mein Neffe Reginald, völlig von Ihrem Beruf abhängig sind.“
Sie legte solchen Nachdruck auf diese Worte, dass der General, der gerade eine sehr bescheidene Einschätzung seiner Fähigkeiten gegeben hatte, es nicht übers Herz brachte, ihre Schmeichelei abzulehnen – schließlich nahm sie an, er sei ein Mann mit etwas Vermögen. Er räusperte sich und sagte: „Sehr wenig.“ Ihm kam der Gedanke, dass er ihr vielleicht bald eine klare Stellungnahme geben müsste, und er betonte: „Wirklich nur sehr wenig. Es reicht“, versicherte er ihr, „um einen gentlemanhaften Eindruck zu machen.“
„Ich habe Sie gewarnt“, war ihre unergründliche Antwort, die sie leise den jungen Leuten zurief – insbesondere Elizabeth gegenüber war sie freundlich. Das Bootskostüm des Mädchens wurde gelobt, ebenso ihre rote Gesichtsfarbe, die vom Sport und der Sonne herrührte.
Lady Camper bedauerte, ihren Sonnenschirm nicht zurücklassen zu können: „Ich bekomme so leicht Sommersprossen.“
Der General, der über ihre seltsamen Worte bezüglich einer Warnung nachdachte, blickte mit einem Ausdruck tiefer Versunkenheit auf die rote Rose auf ihrer Wange.
„Ich bekomme so leicht Sommersprossen“, wiederholte sie und ließ ihren Sonnenschirm fallen, um ihr Gesicht vor seinem prüfenden Blick zu schützen.
„Ich werde braun“, sagte Elizabeth.
Lady Camper legte einen Knospen der Falcot-Rose an die Wange des Mädchens – doch dadurch entstand eine intensive Farbgebung, die den vorübergehenden Vergleich zwischen der sonnenverbrannten Haut und dem reichen, dunkelgelben Farbton der Rose überlagerte.
Reginald streckte seine Hand nach der wertvollen Blume aus – sie ließ ihn sie nehmen. Dann blickte sie zum General hinüber; doch dieser blickte mit seinem üblichen zufriedenen Ausdruck irgendwohin anders.

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KAPITEL III
„Lady Camper ist kein gewöhnliches Rätsel“, bemerkte General Ople gegenüber seiner Tochter.
Elizabeth war zufrieden mit ihr – schließlich hatte der General auf ihren Vorschlag hin ein paar Pferde gekauft, damit sie im Park reiten konnte, begleitet von ihrem Vater oder dem jungen Knecht. Dennoch war diese edle Dame schwer zu durchschauen. Sie prüfte die finanziellen Möglichkeiten des Generals durch allerlei Anstiftungen zum Ausgeben, denen seine Großzügigkeit nicht standhalten konnte. Sie ermutigte ihn, von seinen militärischen Taten zu erzählen. Sie war freundlich, fast zärtlich und überaus großzügig mit Geschenken wie Früchten, Pfirsichen, Nektarinen, Trauben sowie exotischen Pflanzen, die sie auf seinen Tisch häufte. Doch sie blieb ein Rätsel – aufgrund ihrer offensichtlichen Unzufriedenheit mit ihm wegen etwas, das er anscheinend ungesagt gelassen hatte. Und was könnte das sein?
Beim letzten Treffen hatte sie ihn gefragt: „Sind Sie sicher, General, dass Sie mir nichts mehr zu sagen haben?“
Als er Elizabeth davon erzählte, sagte er: „Man könnte wirklich versucht sein, die Absichten dieser Dame falsch zu verstehen… Man könnte sich sogar in eine Situation bringen, aus der es kein Zurück mehr gibt. Nun, meine Liebe, was glaubst du, was sie gemeint hat?“
Elizabeth wurde rot im Gesicht – wie es ihre Art war. Sie antwortete: „Ich bin sicher, Sie wissen nichts, was sie interessieren könnte – nichts, es sei denn…“
„Nun?“, drängte der General.
„Wie kann ich das sagen, Papa?“
„Du meinst doch nicht wirklich…“
„Papa, was sollte ich denn meinen?“
„Wenn ich nur dumm genug wäre!“, murmelte er. „Nein, nein, ich bin ein alter Mann. Ich meine, ich bin längst außerhalb des Alters der Dummheit.“
Eines Tages kam Elizabeth nach ihrem Ausritt in nachdenklicher Stimmung nach Hause. Sie hatte ihren Vater, abgesehen von dem bereits Erwähnten, nicht dazu veranlasst, über das Alter der Dummheit nachzudenken. Doch ob freiwillig oder nicht – Lady Camper hatte durch ihre Überfreundlichkeit geradezu eine Einladung ausgesprochen. So zum Beispiel: „Werden Sie darauf bestehen?“

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„Indem Sie mir Ihr Vertrauen vorenthalten, General?“ fügte sie hinzu. „Ich bin doch keine so schwierige Person.“ Diese ermutigenden Worte wurden am Morgen des Tages gesprochen, an dem Elizabeth nach einer langen Reise aufs Land an seinem Tisch saß – tief in Gedanken versunken.
Ein Zettel wurde General Ople überreicht mit der Bitte, am Abend oder am nächsten Morgen mit Lady Camper zu sprechen. Elizabeth wartete, bis er seinen Hut aufgesetzt hatte, dann sagte sie: „Papa, auf meiner Reise heute habe ich Herrn Rolles getroffen.“
„Ich bin froh, dass Sie eine angenehme Begleitung hatten, meine Liebe.“
„Ich konnte seine Gesellschaft nicht ablehnen.“
„Natürlich nicht. Und wohin sind Sie geritten?“
„In ein wunderschönes Tal; und dort haben wir uns getroffen…“
„Lady Camper?“
„Ja.“
„Sie bewundert Sie immer, wenn Sie zu Pferd sind.“
„Also wissen Sie es schon, Papa – falls sie darüber spricht.“
„Und ich muss Ihnen sagen, mein Kind“, sagte der General, „dass Lady Camper sich mir heute Morgen gegenüber… nun, wenn ich ein Narr wäre… Ich sage, heute Morgen habe ich mich zurückgezogen, aber offensichtlich sie… Ich sehe keinen Ausweg, falls sie…“
„Ich bin sicher, sie schätzt Sie sehr, lieber Papa“, sagte Elizabeth. „Finden Sie sie sympathisch, meine Liebe?“, fragte der General besorgt. „Ein wenig? – Ein wenig ängstlich vor ihr?“
„Ein wenig“, antwortete Elizabeth. „Nur ein wenig.“
„Machen Sie sich keine Sorgen um mich.“
„Nein, Papa; Sie werden sicher das Richtige tun.“
„Aber Sie zittern.“
„Oh! Nein. Ich wünsche Ihnen Erfolg.“
General Ople war überglücklich über die guten Wünsche seiner Tochter. Er küsste sie, um sich bei ihr zu bedanken. Dann drehte er sich wieder zu ihr, um sie noch einmal zu küssen.
Sie hatte die Schwierigkeiten dieser delikaten Situation zumindest etwas gelindert.
Es lag ganz im Charakter von Lady Camper, ihn am Abend zu rufen, um das Gespräch vom Morgen zu beenden – aus jener offensichtlichen Falle, aus der er recht voreilig geflohen war. Doch wenn seine Tochter…

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Er wünschte ihm herzlich Erfolg, und Lady Camper bot ihm die Krone dafür an – er musste also nur Mut fassen, wie ein guter Kommandant, der in Gegenwart des Feindes einen überquerbaren Fluss überwinden muss: Ein Sprung, ein paar Schüsse – und schon ist man auf der anderen Seite. Doch man muss vom Sieg überzeugt sein; sonst kann die neue Position, mit dem Fluss im Rücken, gefährlich werden. Also betrat der General vorsichtig Lady Campers Salon und beobachtete die schöne Feindin. Er wusste, dass er charmant war – seine früheren Eroberungen flüsterten ihm zu – und ihre Art, ihn zu empfangen, deutete fast darauf hin, dass sie ihn zu ihren Füßen haben wollte. Er hätte sofort dort liegen bleiben können, wenn er sich nicht an eine Bemerkung von Herrn Reginald Rolles erinnert hätte, bezüglich Lady Campers erstaunlicher Wechselhaftigkeit.

Lady Camper begann: „General, Sie sind heute Morgen vor mir weggelaufen. Lassen Sie mich sprechen. Übrigens muss ich Sie tadeln – Sie hätten es mir nicht überlassen sollen. Die Dinge sind jetzt so weit gediehen, dass ich nicht mehr so tun kann, als wäre ich blind. Ich kenne Ihre Gefühle als Vater. Das Glück Ihrer Tochter…“

„Meine Dame“, unterbrach der General, „ich habe ihre ausdrückliche Zusage, dass ihr Glück mit meinem verbunden ist.“

„Lassen Sie mich sprechen. Junge Leute sagen alles. Nun, sie haben zwar einen gewissen Grund für ihren Egoismus – wir aber nicht. Ich bin bis zu einem gewissen Grad meinem Neffen verpflichtet; er ist der Sohn meiner Schwester.“

„Sicherlich, meine Dame. Ich würde niemals im Weg stehen, seien Sie unbesorgt. Wenn ich nicht irre, dann ist er – oder hat das Potenzial – ein hervorragender Soldat zu werden und wird wahrscheinlich ein bedeutender Kavallerieoffizier.“

„Er muss sich seinen eigenen Weg in der Welt bahnen, General.“

„Alle guten Soldaten müssen das, meine Dame. Und wenn meine Position nach einer langen Dienstzeit nicht mehr dieselbe ist, dann…“

„Um fortzufahren“, sagte Lady Camper: „Ich mochte frühe Ehen nie. Ich heiratete in meinen Teenagerjahren, bevor ich Männer kannte. Jetzt kenne ich sie – und jetzt…“

Der General drang vor: „Die Ehre, die Sie uns jetzt erweisen – reifere Erfahrung ist etwas Wertvolles. Meine liebe Lady Camper, ich habe Sie bewundert – und Ihr Widerstand gegen frühe Ehen kann doch nicht auf… nun ja, meine Dame, Kraft zutreffen – obwohl natürlich die Jugend… aber junge Leute, wie Sie selbst sagen… Und ich – auch wenn vielleicht mein Ruf dagegen spricht – habe…“

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„Natürliche Schüchternheit gegenüber dem anderen Geschlecht – und ich bin grauhaarig, weißhaarig, aber glücklicherweise ohne jede Krankheit.“
Lady Campers Augenbrauen zeigten leichte Verwirrung. „Ich spreche von diesen jungen Leuten, General Ople.“
„Ich stimme im Voraus allem zu, meine liebe Dame. Er sollte versorgt werden – ich meine, Herr Rolles sollte versorgt werden.“
„Auch sie sollte versorgt werden, General – auch Elizabeth.“
„Das wird sie, das wird sie, liebe Dame. Mit Ihrer Erlaubnis… Mein Gott! Lady Camper, ich weiß kaum, wo ich bin. Sie würde… Ich möchte sie nicht verlieren – Sie würden das auch nicht wollen. Mit der Zeit wird sie… Sie hat alle Eigenschaften einer guten Ehefrau.“
„Seien Sie doch vernünftig“, sagte Lady Camper. „Sie hat tatsächlich alle Eigenschaften – Geld sollte auch dazu gehören. Hat sie Geld?“
„Oh! Meine Dame“, rief der General aus, „wir werden auf Ihr Vermögen nicht zurückgreifen, wenn die Zeit gekommen ist.“
„Hat sie zehntausend Pfund?“
„Elizabeth? Sie wird es nach dem Tod ihres Vaters haben… Aber was mein Einkommen angeht, so ist es bescheiden und reicht nur aus, um einen würdevollen Lebensstil zu führen. Ich mache keinen Aufwand. Ein reiches Eheleben ist das Letzte, was ich mir wünschen würde. Ich bevorzuge Ruhe und Zurückgezogenheit – persönlich gesehen. Das ist mein persönlicher Geschmack. Doch wenn die Dame… Nun, ich bin nicht der Typ, der Druck ausübt. Aber wenn die Frau, die mich schätzt und ehrt, zufällig reich wäre, dann kann ich nur ihr dieses Vermögen zur Verfügung stellen – und das tue ich auch, uneingeschränkt. Ich fühle mich sehr verwirrt, äußerst verwirrt. Ihre Ladyschaft verdient jemand Besseren… Ich hoffe, ich habe nichts Falsches getan… Ich bin völlig in Ihren Händen.“
„Sind Sie bereit, falls Ihre Tochter um ihre Hand angehalten wird, zehntausend Pfund für sie bereitzustellen, General Ople?“
Der General sammelte sich. Im Innersten schätzte er die moralische Schönheit von Lady Campers großer Sorge um die Versorgung seiner Tochter – doch er hätte gewünscht, dass diese sowie andere materielle Fragen, die auf eine ferne Zukunft bezogen waren, aufgeschoben würden, bis sein eigenes Schicksal entschieden wäre.

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Er sagte also: „Die Großzügigkeit Ihrer Ladyschaft ist wirklich bemerkenswert. Ich sage, sie ist wirklich bemerkenswert.“
„Wie, mein guter General Ople! Inwiefern ist sie denn bemerkenswert?“, rief Lady Camper aus. „Ich bin nicht großzügig. Ich tue nicht so, als wäre ich es – und sicherlich möchte ich auch nicht, dass die jungen Leute das von mir denken. Ich möchte gerecht sein. Ich nehme an, Sie beabsichtigen das ebenfalls. Werden Sie mir dann die Ehre erweisen, mir zu antworten?“
Der General lächelte gewinnend und eindringlich, um ihr zu zeigen, dass er sie schätzte und sie seinen Lobeshymnen nicht entkommen lassen würde.
„Bemerkenswert, meine Liebe, darin, dass Sie an die Zukunft meiner Tochter mehr denken als ich. Ich sage, mehr sogar als ihr eigener Vater. Ich weiß, ich sollte wärmer sprechen – ich fühle es auch so. Ich war nie ein rednerischer Mann. Wenn Sie mich als Soldaten betrachten, dann bin ich, wie ich es immer war im Dienst, Wilson Ople, General im Rang, auf den man sich verlassen kann, um Befehle auszuführen. Und Sie sind Lady Camper – Sie befehligen mich. Ich kann nicht präziser sein. Tatsächlich ist es gerade das Bedürfnis, sich auf die Angelegenheit zu konzentrieren, das verhindert, dass ich klar ausdrücken kann, was ich meine. Ich bin in Wirklichkeit äußerst unfähig, meine eigenen Angelegenheiten zu regeln.“
Lady Camper stand von ihrem Stuhl auf.
„Meine Güte, das ist sehr seltsam – es sei denn, ich irre mich völlig“, sagte sie.
Der General ahnte nun, dass er vielleicht selbst im Unrecht sein könnte. Doch er hatte bereits alle Rückzugsmöglichkeiten zerstört; ein Rückzug war nicht mehr möglich.
Er stand da, den Kopf gesenkt, und blickte sie flehend an. Mit großer Höflichkeit und leidenschaftlicher Freundlichkeit bat er zunächst um Vergebung für seine Anmaßung und anschließend um die Hand ihrer Ladyschaft.
Was seine Sprache betraf, so war es die Sprache von General Ople. Doch seine Haltung war vorzüglich. Wenn sein kurz geschnittenes, weißes Seidenhaar auf sein Alter hindeutete, so strahlte seine Erscheinung Männlichkeit aus. Er war wie ein Gemälde – und sie liebte Gemälde.
Um seiner selbst willen bat sie ihn, aufzuhören. Sie fürchtete sich davor, etwas „gehobenes“ zu hören.
„Das ist eine neue Idee für mich, mein lieber General“, sagte sie. „Sie müssen mir Zeit geben. Menschen in unserem Alter müssen an ihre Verpflichtungen denken. Natürlich sind wir im Grunde beide frei, zu tun, was wir wollen. Vielleicht kann ich Ihnen ja helfen.“

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Die Vorliebe gilt der absoluten Unabhängigkeit. Ich möchte über eine andere Angelegenheit sprechen. Kommen Sie morgen zu mir. Seien Sie nicht verletzt, wenn ich entscheide, dass es besser ist, so zu bleiben, wie wir sind.
Der General verbeugte sich. Seine Bemühungen sowie das Wanken der Flagge des schönen Feindes hatten in ihm ein neues Aufleben männlicher Leidenschaft hervorgerufen – die Leidenschaft, diese Festung zu erobern. Er sagte: „Dann habe ich also das Glück, gnädige Frau, bis morgen hoffen zu dürfen?“
Sie antwortete: „Ich möchte Ihnen keinen Moment des Glücks vorenthalten. Bringen Sie guten Verstand mit, wenn Sie kommen.“
Der General fragte eifrig: „Habe ich Ihre Erlaubnis, früher zu kommen?“
„Beraten Sie sich mit Ihrem Glück“, antwortete sie. Und obwohl sie in seinen Augen wieder in einen rätselhaften Zustand zurückzukehren schien, war das insgesamt äußerst angenehm. Sie gab ihm seine Jugend zurück. An jenem Abend erzählte er Elizabeth, dass er wirklich anfangen müsse, darüber nachzudenken, sie mit einem würdigen jungen Mann zu verheiraten. „Allerdings“, sagte er in einem Ton offener Begeisterung, „meiner Meinung nach sind die Jungen heutzutage nicht so lebhaft wie die Alten – sonst wäre ich schon längst belagert worden.“
Den genauen Inhalt des Gesprächs verschwieg er aus sehr ehrenhafter Diskretion gegenüber seiner neugierigen Tochter.

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KAPITEL IV
Elizabeth kehrte zu Fuß vom Ritt um den Park zurück, um zum Frühstück zu kommen. Als sie an dem Tor von Lady Camper vorbeikam, wurde sie mit einem Gruß durch ihren Sonnenschirm begrüßt. Lady Camper sprach mit ihr durch die Gitterstäbe. Es gab kein Anzeichen dafür, dass sich ihre freundliche Haltung gegenüber der Nachbarin geändert hatte. Sie sagte einfach, es sei üblich, dass ihr Neffe früh zu Pferd ausreite – vielleicht habe Elizabeth ihn gesehen, denn seine Unterkunft sei in der Nähe. Doch sie verlangte keine Antwort. Sie habe eine ziemlich unruhige Nacht hinter sich, sagte sie.
„Wie geht es dem General?“
„Papa muss tief geschlafen haben, denn normalerweise ruft er mich durch seine Tür, wenn er hört, dass ich auf bin“, sagte Elizabeth.
Lady Camper nickte freundlich und ging weiter.
Früh am Morgen war General Ople bereit für die Schlacht. Seine Truppen waren bereit, die Vorfreude auf den Sieg, eine sorgfältig arrangierte Erscheinung sowie ein ungewöhnliches Unternehmungsgeist im Umgang miteinander – schließlich hatte er keine Angst mehr vor Lady Camper.
„Haben Sie gut geschlafen?“, fragte sie.
„Ausgezeichnet, meine Dame.“
„Ja, Ihre Tochter sagt, sie habe Sie gehört, als sie morgens an Ihrer Tür vorbeiging, um mit meinem Neffen auszureiten. Ich nehme an, Sie sind bereit für Ihre Aufgaben.“
„Elizabeth? … Um ihn zu treffen?…“ Generals Fähigkeit, etwas anderes als seine Emotionen wahrzunehmen, war schwach – und verschwand sofort wieder. „Bereit! Oh, natürlich!“ Dann machte er ein Kompliment über die frische Schönheit von Lady Camper.
„Das ist kaum zu erkennen“, antwortete sie. „Ich habe mich noch nicht geschminkt.“
„Machen Sie bereits sehr früh am Morgen mit dem Malen weiter?“
„Rouge. Ich trage Rouge.“
„Mein Gott! Das hätte ich nicht gedacht.“
„Sie haben offen darüber spekuliert, General. Ich erinnere mich daran, wie Sie versucht haben, eine Sommersprosse durch das Rouge zu erkennen. Aber die Wahrheit ist: Ich gehöre zu den Menschen mit übernatürlichen Eigenschaften.“

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Blassheit – wenn ich kein Rouge auftrage, dann trage ich es eben. Sie verstehen also: Ich habe eine falsche Gesichtsfarbe. Nun zum Geschäft.
„Wenn Ihre Ladyschaft darauf besteht, es Geschäft zu nennen… Ich habe wenig zu bieten – außer mir selbst!“
„Sie haben eine vornehme Residenz.“
„Ja, meine Ladyschaft, das stimmt. Es ist ein kleines Juwel.“
„Ah!“ Lady Camper seufzte enttäuscht.
„Es ist wirklich ein perfektes Juwel!“
„Bitte tun Sie mir den Gefallen, General – sprechen Sie dieses französische Wort nicht so aus, als würden Sie etwas auf Englisch beschwören, wie ein Soldat.“
General Ople erkannte, dass das Wort französisch war, und entschuldigte sich für seine Aussprache. Ihre Veränderlichkeit war nun wie eine Gewitterwolke über einem Teil des Schlachtfelds sichtbar.
„Das Geschäft, das wir besprechen müssen, betrifft die jungen Leute, General.“
„Ja“, sagte er erleichtert, „ja, liebe Lady Camper – das gehört zum Geschäft, es ist ein sekundärer Punkt; es muss besprochen werden. Ich stimme bereits im Voraus zu. Ich kann sagen, dass ich Sie, da ich Sie so sehr ehre und schätze, inbrünstig auf Ihre Zustimmung hoffe…“
„Sie müssen ein Zuhause und ein Einkommen haben, General.“
„Ich nehme an, liebe Lady, dass Elizabeth in Ihrem Haus willkommen sein wird. Ich werde Reginald auf keinen Fall aus meinem Haus vertreiben.“
Lady Camper warf den Kopf zurück. „Dann sind Sie noch nicht wach – oder Sie üben die Kunst des Schlafens mit offenen Augen! Hören Sie mir jetzt zu: Ich trage Rouge, das habe ich Ihnen bereits gesagt. Ich mag Farbe – und ich möchte keine Falten sehen oder dass andere sie sehen. Deshalb trage ich Rouge. Ich erwarte nicht, die Welt in meinem Alter so offensichtlich zu täuschen – und Sie würde ich niemals täuschen. Ich bin siebzig.“
Die Wirkung dieser edlen Offenheit auf den General war, dass er aus seinem Stuhl hochfuhr, als wäre er in die Luft geschleudert worden.
Ihr Gesicht blieb unerschütterlich ruhig, während er abwechselnd blinzelte und sie ansah – mal näher, mal weiter weg, wie ein geheimnisvolles Spielzeug.
„Aber“, sagte sie, „ich bin Künstlerin – ich mag den Anblick extremer Alterszeichen nicht, deshalb verberge ich sie, so gut ich kann. Es ist sehr freundlich von Ihnen, dieser Täuschung zuzustimmen – einer unschuldigen und, meiner Meinung nach, angemessenen Täuschung vor der Welt, auch wenn nicht vor…“

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Der Gentleman, der mir die Ehre erweist, um meine Hand anzuhalten. Sie möchten zunächst unsere Angelegenheiten klären. Sie schätzen mich – ich nehme an, das bedeutet genauso viel wie das, was junge Leute meinen, wenn sie sagen, sie lieben einander. Nicht wahr? Lassen Sie uns zu einer Einigung kommen.
„Ich kann es“, keuchte der melancholische General, „ich sage, ich kann es – nein, ich kann es nicht… Ich kann dem, was Ihre Ladyschaft sagt, keinen Glauben schenken…“
„Sie dürfen mich Angela nennen.“
„Angela…“, versuchte er es – doch aus Scham gab er wieder auf. „Madam, ja. Danke.“
„Ah“, rief Lady Camper, „verwenden Sie in meiner Gegenwart keine solchen vulgären Abkürzungen für anständige Ausdrücke. Ich verabscheue das Wort ‚Danke‘. Es eignet sich nur für Unsinniges.“
„Meine Güte, ich habe es mein ganzes Leben lang verwendet“, stöhnte der General.
„Dann soll es für den Rest der Zeit so sein, dass Sie darauf verzichten. Um fortzufahren: Mein Alter beträgt…“
„Oh, unmöglich, unmöglich“, jammerte der General fast; in seiner Stimme lag wirklich eine Verzweiflung.
„Ich bin auf siebzig zugegangen. Doch genau wie Sie kann ich sagen, dass ich keine Krankheiten habe. Ich bringe kein krankes Körperbild in eine Ehe, bei der die Haustür Tag und Nacht für den Arzt offen bleiben muss. Ich glaube, ich könnte meinem Mann weiterhin auf Feldzügen folgen, falls er ein Krieger statt ein Rentner wäre.“
General Ople zuckte zusammen.
Er wollte demütig sagen: „Als Brigadegeneral…“
„Ja, ja, Sie wollen einen Befehlshaber – das habe ich gesehen, und das hat mich dazu gebracht, über Ihr Angebot nachzudenken“, unterbrach sie ihn. Während er ihr Gesicht genau betrachtete – mit dem schmerzhaften Ausdruck eines Jugendlichen, der sich an etwas aus seiner Vergangenheit erinnert – versuchte er, ihre Zeichen jugendlicher Schönheit gegen ihre schreckliche Aussage über ihr extrem hohes Alter ins Feld zu führen. Hätte man nicht die offensichtliche Schminke gesehen – obwohl sie behauptete, noch am Morgen nicht zum Pinsel gegriffen zu haben – dann hätte er wohl seine Handschuhe abgeworfen, um sie wegen ihres Alters herauszufordern. Tatsächlich hatte sie Charme: Ihr Mund war bezaubernd, ihre Augen lebhaft; ihre Figur war, wenn man so will, reif – aber zumindest voll und ansehnlich. Sie stand aufrecht da, hatte eine königliche Haltung. Sein Gedanke war: „Was für eine wunderbare Konstitution!“

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Aus Unhöflichkeit wiederholte er es halblaut vor sich hin; er war erschreckend nervös.
„Ja, ich bin gesünder als viele jüngere Frauen“, sagte sie. „Eine einfache Berechnung sagt voraus, dass mir noch zwanzig gute Jahre bleiben. Ich bin eine Witwe, wie Sie wissen. Übrigens haben Sie eine Vorliebe für Witwen – nicht wahr? Ich glaube, ich habe von einer Witwe namens Barcop in dieser Pfarrei gehört. Wehren Sie sich nicht. Ich versichere Ihnen, Eifersucht ist mir fremd. Mein Einkommen…“
Der General hob die Hände.
„Nun dann“, sagte die kühl und gelassen wirkende Dame, „bevor ich weitergehe, darf ich Sie fragen: Nachdem Sie nun wissen, was ich Ihnen anvertraut habe, sind Sie immer noch derselben Meinung bezüglich der Heirat? Und einen Moment, General – ich verspreche Ihnen aufrichtig, dass Ihr Rückzug keinerlei Einfluss auf meine freundlichen und brüderlichen Gefühle gegenüber Ihnen haben wird, überhaupt nicht. Sollen wir wieder so sein wie zuvor?“
Lady Camper streckte ihm ihre zarte Hand entgegen.
Er nahm sie respektvoll, betrachtete ihre adligen, unverkrümmten Finger und küsste sie, bevor er sagte: „Ich ziehe mich niemals aus einer Position zurück, es sei denn, ich werde zurückgeschlagen. Lady Camper, ich…“
„Mein Name ist Angela.“
Der General versuchte es erneut – doch er konnte den Namen nicht aussprechen.
Eine Frau im Alter von siebzig Jahren Angela zu nennen, ist an sich schon schwierig. Im Rahmen eines Werbens scheint es dreimal so schwierig zu sein.
„Angela!“, sagte sie.
„Ja. Es gibt keinen schöneren weiblichen Namen, liebe Lady Camper.“
„Sparen Sie mir dieses Wort ‚weiblich‘, solange Sie leben. Nennen Sie mich einfach bei diesem Namen, wenn Sie wollen.“
Der General lächelte. Das Lächeln sollte wohl besänftigend und freundlich wirken – doch es wurde zu einem dreisten Lächeln.
„Es sei denn, Sie möchten einen Schritt zurücktreten“, sagte sie.
„Gewiss nicht. Ich bin glücklich, Lady Camper. Mein Leben gehört Ihnen. Ich sage: Mein Leben ist Ihnen gewidmet, liebe Dame.“
„Angela!“
General Ople brachte den Namen mit rotem Gesicht hervor.

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„Das wird genügen“, sagte sie. „Und da ich denke, dass man als Künstler manchmal zu sehr bewundert werden kann, muss ich Sie bitten, mein Alter geheim zu halten.“
„Bis zum Tod, Madame“, sagte der General.
„Und nun werden wir einen Spaziergang im Garten machen, Wilson Ople. Passen Sie auf eines auf: Sie sind voller Unkraut – und ich habe vor, etwas davon auszureißen. Nennen Sie niemals einen Ort in meiner Gegenwart eine ‚edle Residenz‘, und lassen Sie es auch nicht zu, dass ich erfahre, dass Sie diesen Ausdruck anderswo verwendet haben. Zeigen Sie keine Überraschung. Im Moment reicht es schon aus, dass ich ihn nicht mag. Aber nur unter einer Bedingung“, fügte Lady Camper hinzu, „nur, wenn Sie nicht die Absicht haben, Ihren Posten aufzugeben.“
„Madame, meine Dame – ich wollte sagen… äh! Angela, ich könnte mir wünschen, meinen Posten nicht aufzugeben.“
Lady Camper lehnte sich etwas nachdrücklich gegen seinen Arm und bemerkte: „Sie haben eine seltsame Zuneigung zu Antiquitäten.“
„Meine liebe Dame, es ist Ihr Verstand – ja, Ihr Verstand! Ich meine, ich bin in Ihren Verstand verliebt“, versuchte der General, sie – und auch sich selbst – zu beruhigen.
„Oder sind es meine Fähigkeiten als Künstlerin?“
„Ihr Verstand, Ihre außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten.“
„Nun“, sagte Lady Camper, „ein erfahrener Brigadegeneral ist eine gute Stütze für eine kinderlose alte Frau.“
Und als solche Stütze fand sich General Ople dabei, mit der alten Frau durch ihren Garten zu spazieren – und wurde dabei genutzt und herumkommandiert.
Die Genauigkeit seiner Wahrnehmungen ließ sich in Frage stellen. Er war wie ein Mann, der von einem großen tropischen Fruchtstück getroffen wurde – das auf das Verlangen seiner Augen reagierte, indem es auf seinen Kopf fiel. Doch es schien ihm, als würde ihre Bitterkeit mit jedem Schritt, den sie machten, zunehmen – als wolle sie unbedingt, dass er ihre Falten bemerkte.
Er war sogar so unbesonnen – oder erkannte seine eigene Position so wenig –, dass er insgeheim dagegen protestierte, Wilson genannt zu werden.
Es stimmt, dass sie „Wilsonople“ aussprach, als würden die Namen ein einziges Wort bilden. Bei einer zweiten Gelegenheit (als er das Gefühl hatte, verletzt zu werden) bemerkte sie: „Ich fürchte, Wilsonople – um ehrlich zu sein – sind Sie nichts weiter als ein Narr.“ Er…

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Vielleicht lehnte er das natürlich ab. Doch er war benommen und wusste kaum, was er tat.
Wieder einmal veränderte sich die magische Frau. Jeder Anschein von Härte sowie einer zänkischen, scharfsinnigen Art verschwand, als sie sich verabschiedete.
Der Astronom, der durch sein Teleskop die rauen, unebenen Oberflächen des vergrößerten Mondes betrachtete – und anschließend mit bloßem Auge den sanft strahlenden Mond sah, dessen Kraterränder kaum sichtbar waren – erlebte eine ähnliche starke Abwechslung der Eindrücke wie General Ople.
Doch zwischen dem Betrachten eines Himmelskörpers, der nur nach unserem Willen seine Eigenschaften ändert, und dem Anschauen einer Frau, die ständig in Bewegung ist und zittert, liegt doch ein riesiger Unterschied!
Und bedenken Sie: Diese Frau soll bald seine Ehefrau werden! Er hätte glauben können – wenn er nicht genau gewusst hätte, dass solche Dinge nicht möglich sind –, dass er in den Händen einer Hexe sei.
Lady Campers „Abschiedswort“ war wunderschön – freundlich, herzlich, intim. Um seinen gegenwärtigen Wünschen gerecht zu werden, war es ein typisch weibliches Abschiedswort – das Abschiedswort einer zarten und eleganten Frau, die gerade erst die vierzig überschritten hatte.
Ach! Er hatte ihr Wort darauf, dass sie mindestens siebzig Jahre alt war. Und schlimmer noch: Sobald er sich ihr fest verschrieben hatte, zeigte sie deutliche Anzeichen von Bitterkeit und Alter.
„Der Weg zur Flucht steht Ihnen offen“, waren ihre letzten Worte.
„Mein Weg“, antwortete er tapfer, „führt nach vorne.“
Während er das sagte, wich er zurück – und etwas brachte sie zum Lächeln.

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KAPITEL V
Es ist eine edle Haltung, zu sagen, dass der eigene Weg nach vorne führt – und das entspricht einem Krieger. General Ople war ein zu treuer Gentleman, um an einen anderen Weg zu denken. Dennoch konnte er, obwohl ihm die Vorstellungskraft fehlte, das Gefühl nicht abschütteln, dass er sich dem Winter entgegenstellte. Plötzlich fand er sich mitten im Winter wieder – in einem eisigen Winter. Denn Lady Camper erwies sich als äußerst streng. An seinen üblichen Floskeln, gegen die Lady Camper Einwände hatte, sah er keinerlei Schaden. Das Gespräch mit ihr im privaten Rahmen des häuslichen Lebens würde niemals so reibungslos verlaufen wie bei anderen Männern. Es würde ständige Wachsamkeit, Ausweichmanöver und Entschuldigungen erfordern.
Das war keine erfreuliche Aussicht.
Andererseits war sie die Nichte eines Grafen – reich dazu. Sie könnte eine ausgezeichnete Freundin für Elizabeth sein; und je nach Laune konnte sie sowohl autoritär als auch bezaubernd feminin sein.
Gut! Doch er war ein General im Alter von kaum fünfzigfünf Jahren, in voller Kraft – während sie eine Frau von siebzig Jahren war!
Die Aussichten waren düster. Es erinnerte an die Steppe. Was die Disziplin betraf, so konnte man ihn mit einem unerfahrenen Rekruten vergleichen – und das noch in seinem eigenen Zuhause!
Doch sie war eine kluge Frau – man wäre stolz auf sie gewesen.
Aber kannte er das Schlimmste an ihr? Ein schreckliches Unbehagen überkam General Ople – er ahnte, dass er das Schlimmste an ihr noch nicht kannte. Dieses Unbehagen brachte eine Welt der Dunkelheit mit sich; nur ein einziger Gedanke blieb in dieser Dunkelheit übrig: Er würde bald bestraft werden dafür, dass er in einem relativ jungen Alter vom aktiven Dienst in ein Leben des Komforts zurückgetreten war – obwohl er noch in bester körperlicher Verfassung war. Der Schatten dieses Gedankens war: Er verdiente diese Strafe!
Er befand sich mit dem Morgengrauen in seinem Garten. Anstrengende Übungen sind das beste Mittel gegen düstere Gedanken. Der General machte seiner Tochter Sorgen, indem er anbot, sie auf ihrer morgendlichen Ausfahrt vor dem Frühstück zu begleiten. Sie meinte, das würde ihn erschöpfen. „Ich bin kein Mann von achtzig!“, rief er. Er wünschte, er wäre es.

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Er führte den Weg zum Park, wo sie bald den jungen Rolles sahen. Dieser überprüfte sein Pferd und spähte wie ein Spion zu ihnen hinüber. Doch als er bemerkte, dass er gesehen worden war, kam er galoppierend heran und begrüßte den General mit aufrichtiger Bewunderung.

„Und was sagt die Welt dazu, General?“, fragte er. „Aber wir alle loben Ihren Geschmack. Meine Tante Angela war die schönste Frau ihrer Zeit.“

Der General murmelte verwirrt: „Mein Gott!“ und blickte den jungen Mann an, in dem Glauben, dieser könne das Alter seiner Tante nicht kennen.

„Ist alles geregelt, mein lieber General?“

„Nichts ist geregelt. Ich bitte – ich flehe darum… Ich bin nur herausgekommen, um frische Luft zu schnappen und ein wenig spazieren zu gehen.“

Der General ritt verzweifelt weiter. Trotz der frischen Luft konnte er beim Frühstück nichts essen. Natürlich musste er sich unverzüglich aus Höflichkeit bei Lady Camper melden.

Welche Ausdrücke musste er vor ihr unbedingt vermeiden? Ihm fiel nur der Begriff „adliger Wohnsitz“ ein. Es handelte sich tatsächlich um einen adligen Wohnsitz, dachte er, als er Abschied nahm. Der Name passte perfekt zu diesem Ort. Lady Camper ist wirklich eine sehr exzentrische Person!, entschied er aufgrund seiner Erfahrungen mit ihr.

Er war ziemlich überrascht, dass der junge Rolles so gelassen über die Heiratsneigung seiner Tante gesprochen hatte. Vielleicht kannten die jüngeren Familienmitglieder ihr genaues Alter nicht.

Diese Überlegung beruhigte ihn, denn sie deutete auf die äußerst ehrenhafte Natur von Lady Campers „unangenehmer“ Beichte hin.

Auch er selbst hatte eine unangenehme Beichte zu machen – er musste über seinen Einkommensstand sprechen. Er lebte bereits am Rande dessen, was er sich leisten konnte.

„Sie ist eine ehrliche Frau – und ich muss genauso sein!“, sagte er, glücklicherweise nicht in ihrer Gegenwart.

Das Thema war für einen Mann, der sensibel bezüglich Geldfragen war und das Gefühl hatte, seine Vorsicht habe ihn kürzlich dazu gebracht, nur Fassade zu wahren, äußerst unangenehm.

Lady Camper befand sich in ihrem Garten und lag unter ihrem Sonnenschirm. Neben ihr stand ein Stuhl. Als sie den Gruß ihres Verehrers bemerkte, winkte sie ihm zu.

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„Haben Sie heute Morgen meinen Neffen Reginald getroffen, General?“
„Seltsamerweise ja – im Park, heute Morgen, vor dem Frühstück. Hem! Ich sage, ich habe ihn tatsächlich getroffen. Hat Ihre Ladyschaft ihn gesehen?“
„Nein. Der Park ist sehr schön in den frühen Morgenstunden.“
„Wunderschön.“
Lady Camper hob den Kopf und sprach mit der Sanftheit einer selbstsicheren Diktatorin: „Sagen Sie das niemals in meiner Gegenwart.“
„Ich unterwerfe mich, meine Ladyschaft“, sagte der arme Mann.
„Natürlich tun Sie das. Vulgäre Phrasen muss man ertragen – es sei denn, unsere Vertrauten sind schuldig; dann werden wir nicht nur beleidigt, sondern auch kompromittiert. Sind Sie immer noch derselben Meinung wie gestern? Sie sind einen Tag älter geworden. Aber ich warne Sie: Ich auch.“
„Ja, meine Ladyschaft – wir können die Zeit einfach nicht aufhalten. Wir sind eindeutig derselben Meinung.“
„Zwingen Sie mich nicht dazu, ständig ‚Eindeutig‘ zu sagen. Mein Anwalt sagt das – das riecht nach der City of London. Und sehen Sie nicht so elend aus.“
„Ich, Madame? Meine liebe Ladyschaft!“ Der General strahlte für einen Moment – doch sein Lächeln verschwand sofort wieder.
„Nun“, sagte sie fröhlich, „und Sie stehen auf der Seite der alten Frau?“
„Auf der Seite von Lady Camper.“
„Sie sind geschickt darin, Komplimente zu machen, General. Nun, dann müssen wir über Geschäfte sprechen.“
„Meine Angelegenheiten…“ General Ople begann mit gerunzelter Stirn; doch Lady Camper hob ihren Finger.
„Wir werden Ihre Angelegenheiten beiläufig erwähnen. Hören Sie mir jetzt zu – und rufen Sie nichts aus, bevor ich fertig bin. Sie wissen, dass diese beiden jungen Leute seit einigen Monaten hinter der Mauer miteinander flüstern. Sie treffen sich regelmäßig am Fluss und im Park – offensichtlich mit Ihrer Zustimmung.“
„Meine Ladyschaft!“
„Ich sagte nicht mit Ihrer Billigung.“
„Meinen Sie meine Tochter Elizabeth?“

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„Und mein Neffe Reginald. Wir haben ihnen Namen gegeben – falls das etwas nützt.
Das Ende solcher Beziehungen ist die Heirat, und je schneller, desto besser, wenn sie weiterbestehen sollen. Ich würde lieber, dass sie es nicht tun; ich halte es nicht für gut, wenn junge Soldaten heiraten. Aber wenn sie es dennoch tun, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr Gehalt nicht ausreicht, um eine Familie zu ernähren. Bei einer Ehe zwischen zwei gesunden jungen Menschen müssen wir davon ausgehen, dass eine Familie entsteht. Sie haben es so weit kommen lassen, dass der Junge verliebt ist – ich nehme an, das Mädchen auch. Sie ist ein nettes Mädchen. Persönlich habe ich nichts dagegen. Doch ich bestehe darauf, dass eine Vereinbarung bezüglich ihr getroffen wird, bevor ich meinem Neffen auch nur einen Penny gebe. Hören Sie mir zu – ich mag keine Geschäfte und wäre froh, mit diesen Erklärungen fertig zu sein. Reginald besitzt nichts Eigenes. Er ist der Sohn meiner Schwester; ich habe sie geliebt und mochte den Jungen auch. Derzeit erhält er vierhundert pro Jahr von mir. Ich werde diese Summe verdoppeln – voraussetzungsgemäß überweisen Sie sofort zehntausend Pfund – nicht weniger –, damit diese Summe Ihrer Tochter sowie deren Kindern zukommt, unabhängig vom Ehemann – das versteht sich von selbst. Nun können Sie sprechen, General.“

Der General sprach mit schwerem Atem:
„Zehntausend Pfund! Hm! Zehn! Ehrlich gesagt – zehn, meine Dame! Das ist wirklich überraschend. Ich meine, Elizabeths Verhalten – obwohl, armes Kind! Es ist doch normal, dass sie nach einem Partner sucht, also einen Ehemann und ein eigenes Zuhause. Reginald ist ein sehr vielversprechender junger Mann – ich wünsche ihnen beiden alles Gute. Sie ist außerdem eine tapfere Soldatin, und als Soldatin muss sie eben heiraten. Aber zehntausend!“

„Es geht darum, das Glück Ihrer Tochter zu sichern, General.“

„Pfund! Meine Dame – das würde mich fast ruiniieren.“

„Sie hätten mein Haus, General; Sie hätten, wie die Anwälte sagen, die Hälfte meines Vermögens; Sie hätten Pferde, Kutschen, Diener – ich kann mir nicht vorstellen, was Sie sonst noch wollen könnten.“

„Aber, Madame – ein Pensionär des Staates! Ich kann auf meine vergangenen Dienste zurückblicken, auf alte Dienste – und ich akzeptiere meine Position. Aber, Madame, ein Pensionär, der von seiner Frau abhängig ist und kaum etwas zum Haushalt beiträgt! Ich fürchte, mein Selbstrespekt würde…“

„Nun, und was würde damit passieren, General Ople?“

„Ich meine, mein Selbstrespekt als Pensionär meiner Frau, meine Dame. Ich könnte nicht mit leeren Händen zu ihr kommen.“

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„Erwarten Sie etwa, dass ich die Person sein soll, die Geld für Ihre Tochter bereitstellt, um sie vor Unheil zu bewahren? Zum Beispiel vor einem unanständigen Ehemann – schließlich ist Reginald noch jung, und niemand kann vorhersagen, was aus ihm werden wird.“
„Unzweifelhaft haben Sie Recht, Mylady. Wir könnten versuchen, das arme Mädchen in die Ferne zu schicken. Ich habe keine weiblichen Verwandten, aber ich könnte sie an die Küste zu einer Freundin schicken.“
„General Ople, ich verbiete Ihnen – da Sie meinen Respekt schätzen – unter allen Umständen – und ich wiederhole: Ich verbiete Ihnen auf jeden Fall –, mir jemals wieder den Ausdruck ‚Freundin‘ anzuhören!“
Der General blinzelte in einem Zustand unterwürfiger Demut.
Solche ständigen Beleidigungen konnten selbst den demütigsten Mann verletzen; und „Freundin“ war, so war er überzeugt, ein sehr gebräuchlicher Begriff, der sogar in den besten Gesellschaftskreisen verwendet wurde. Er hatte noch nie gehört, dass Ihre Majestät von einer „Freundin“ sprach, doch er war sich sicher, dass sie eine hatte. Wenn dem so war, welchen Grund könnte es dann geben, dass ihre Untertanen diesen Begriff zur Beschreibung ihrer eigenen Situationen verwenden durften?
Er war durch das Verhalten von Lady Camper verärgert und verwirrt und beschloss, sie nicht einmal auf Bitten hin Angela zu nennen – zumindest an diesem Tag nicht.
Sie sagte: „Sie müssen keinerlei Besitz mit in das Gemeinschaftseigentum bringen; weder suche ich ihn noch wünsche ich ihn. Das Großzügigste, was Sie tun können, wäre, Ihrer Tochter alles zu geben, was Sie haben, und zu mir zu kommen.“
„Aber, Lady Camper, wenn ich mich enteignen oder mein Einkommen einschränken muss – ein Mann, der der Willkür seiner Frau ausgeliefert ist…“
General Ople war aus Gründen seiner männlichen Würde gezwungen, gegen diese Behandlung protestieren. Er sah nicht, wie er daran vorbeikommen könnte; er war eher ein Agent als der eigentliche Herrscher. „Der Willkür meiner Frau“, sagte er erneut – doch nur als jemand, der höhere Befehle verkündet.
Lady Campers Stirnrunzeln zeigte ihren Zorn. Ein tiefes Rot überlagerte ihr Rouge und verlieh ihr einen furchterregenden Ausdruck.
„Die Versammlung wird nun geschlossen, und der Vertrag wird nicht abgeschlossen“, sagte sie nur.
Sie stand auf, verbeugte sich vor ihm: „Guten Morgen, General“, und drehte sich um.
Er seufzte. Er war ein freier Mann. Doch das ließ sich nicht leugnen – egal wie alt die Dame auch war, sie war eine großartige Frau in ihrem Auftreten.

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Wütend – sie hatte einen königlichen Ausdruck, der sie über die Grenzen der Zeit hinausheben ließ. Nun wusste er also, dass es noch Schlimmeres gab als das, was er bisher gewusst hatte. Er war voreilig damit, es als das Schlimmste zu bezeichnen. „Jetzt“, sagte er zu sich selbst, „weiß ich, was das Schlimmste ist!“ Kein Mensch sollte jemals so etwas sagen – am allerwenigsten jemand, der eine Beziehung zu einer exzentrischen Dame eingegangen ist.

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KAPITEL VI
Die Höflichkeit verlangte, dass General Ople nicht den Eindruck erwecken durfte, über seine Abweisung als Bewerber erfreut zu sein, und dass er zumindest so tun musste, als stünde er bereit, auf eine mögliche Änderung der Entscheidung zu warten. Er beging den Fehler, bereits am nächsten Tag nach London zu eilen und bis zum Einbruch der Dunkelheit abwesend zu bleiben – und das tat er auch an den beiden folgenden Tagen. Als er vor dem Tor von Lady Campers Anwesen erschien, bereitete ihm die erstaunliche Nachricht, dass Lady Camper bereits ins Kontinentalgebiet und nach Ägypten aufgebrochen sei, Reuegefühle. Diese Reue nahm schließlich die Form einer Art Ehrfurcht vor ihrer „siegreichen“ Natur an. Er vermied es, ihr Alter zu erwähnen – schließlich war er ein äußerst ehrenhafter Mann – doch eine Gewohnheit aus den Gesprächen beim Tee trieb ihn dazu, eine Idee zu wiederholen, nämlich dass Lady Camper zu jenen außergewöhnlichen Frauen gehörte, die mit brillanten Generälen vergleichbar seien und sich durch verschiedene „aggressive“ Maßnahmen gegen die Angriffe der Zeit wehren könnten. Aus Angst, nicht verstanden zu werden – schließlich kamen die ehrenhaften sächsischen Soldaten unter seinem Befehl nur selten dazu, eine Idee zu erklären – formulierte er seinen Satz neu. Doch da sein Wortschatz begrenzt war und er es nicht gewohnt war, über Gedanken und Bilder nachzudenken, führten seine Wiederholungen eher dazu, dass das Wissen, das er gerade erworben hatte, offensichtlicher wurde, anstatt seine Aussage klarer zu machen. Es ist also kein Wunder, dass seine Bekannten annahmen, er wisse insgeheim um das extreme Alter von Lady Camper.

General Ople nahm wieder an den Freuden des Umlands teil und verbrachte den Winter fröhlich. Um ihm Gerechtigkeit widerzusprechen, muss man jedoch sagen, dass seine völlige Unwissenheit über das Unglück seiner Tochter darauf zurückzuführen war, dass sein Geist ständig bei Lady Camper verweilte – und nicht auf dem festlichen Leben, das er führte. Sie lebte zwar bei ihm, doch erst in anderen Häusern erfuhr er, dass sie unglücklich war. Nach seinem letzten Treffen mit Lady Camper hatte er Elizabeth von der ruinösen und absurden Summe Geldes berichtet, die von ihm gefordert wurde, um eine Einigung mit ihr und Elizabeth herbeizuführen. Wie es sich für ein vernünftiges Mädchen gehört, antwortete sie sofort: „Daran kann man nicht einmal denken, Papa.“

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Er hatte auch mit Reginald gesprochen. Der junge Mann geriet in einen dramatischen Zustand der Verzweiflung – er riss sich die Haare aus und war außer sich vor Wut, was für einen verliebten Dragoner durchaus typisch war. Doch er behauptete, seine Tante sei zwar exzentrisch, aber dennoch eine herzlich gute Frau. Es schien, als würde er, wenn auch nur andeutungsweise, glauben, dass der General die Bedingungen von Lady Camper vielleicht akzeptiert hätte. Der junge Offizier konnte nicht länger in Douro Lodge willkommen sein; daher besuchte ihn der General morgens in seinen Räumlichkeiten. Er war bestürzt, als er sah, wie spät der junge Mann frühstückte – er klopfte auf Eier, die er vergessen hatte zu öffnen – eindeutiges Zeichen dafür, dass der junge Mann zutiefst verliebt war, wie der General aus Erfahrung wusste. Zudem umgab ihn eine Ansammlung von Sportzeitschriften aus den vergangenen Wochen, deren Datierung genau bis zum Tag reichte, an dem der Schlag ihn getroffen hatte – genauso genau wie die Uhr eines Ertrunkenen die Sekunden anzeigt. Lady Camper war nach Italien gegangen und stand in Kontakt mit ihrem Neffen; Reginald war nicht weiter explizit. In seiner Verzweiflung traten seine Beine besonders hervor, und seine Finger dienten oft als „unpräzise Kämme“. Der General war daher von seiner Leidenschaft für Elizabeth beeindruckt. Das Mädchen, das zwar oft in Gedanken versunken war, ihm aber immer mit einem Lächeln in die Augen sah und leise „Ja, Papa“ oder „Nein, Papa“ sagte, bereitete ihm wenig Sorgen bezüglich ihrer Gefühle. Doch alle sagten nun, sie sei unglücklich. Frau Barcop, die Witwe, erhob ihre Stimme am meisten. Sie kümmerte sich so sehr um Elizabeth, dass dem General vorgeschlagen wurde, dass jemand versuche, ihn über seine Tochter für sich zu gewinnen. Er blickte die Witwe an – sie war kaum älter als dreißig. Es war wirklich seltsam – er hätte lachen können – wenn er daran dachte, wie Frau Barcop ihn ständig an Lady Camper erinnerte. Seine verrückte Vorstellung kehrte also von der etwa fünfunddreißigjährigen Dame zur siebzigjährigen zurück. „Das ist Genie bei einer Frau!“, dachte er. Unter seinen Nachbarn neigte insbesondere Frau Baerens, die Frau eines deutschen Händlers und hervorragende Pianistin, dazu, ihn dazu zu bringen, über Lady Camper zu sprechen. Sie war eine freundliche, plappernde Frau und galt als Gouvernante, bevor ihre Reize den gourmandischen Gottfried Baerens davon abhielten, seinem Club treu zu bleiben. Dort hatte er, wie er ausrief (immer wieder liebevoll zu seiner Frau blickend), alles Notwendige sowie jeden Luxus des Lebens gefunden – „außer Frauen!“ Frau Baerens, eine Frau germanischer Abstammung, unterschied sich durch ihre Weiblichkeit von anderen Männern – zumindest war sie nicht maskulin. Sie sprach mit großem Respekt über Lady Camper und ihre Familie und schien damit einverstanden zu sein.

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Die Lobeshymnen des Generals auf die Konstitution von Lady Camper – doch er glaubte trotzdem, dass sie ihn seltsam ansah.
An einem Aprilmorgen erhielt der General einen Brief mit italienischem Poststempel. Mit seiner üblichen ruhigen und neugierigen Art öffnete er ihn und stellte fest, dass der Brief aus Zeichnungen mit Stift und Tinte bestand. Plötzlich sank sein Herz wie ein gesunkenes Schiff. Er sah sich als Opfer einer Karikatur.
Die erste Zeichnung schien zunächst nur malerisch zu sein; er nahm an, es handele sich um ein geschicktes Spiel der Fantasie irgendeines Reisefreundes – oder vielleicht um eine tatsächliche Szene, die etwas übertrieben dargestellt wurde. Selbst beim Lesen des Textes „Weiterer Blick auf die Stadt Wilsonople“ wurde er nur leicht aufgeklärt. Sein Herz schlug weiterhin in regelmäßigem Rhythmus. Doch die zweite und dritte Zeichnung zeigten die schreckliche Hand, die dahintersteckte: Der „weitere Blick“ auf die Stadt Wilsonople zeigte prächtige Kuppeln – doch im anschließenden „Nahblick“ erwiesen sich diese als Seifenblasen. Stattdessen wurde eine äußerst flache Gegend gezeigt, umgeben von verrückten, altmodischen Befestigungsanlagen. In der dritten Zeichnung, die das Innere darstellte, stand als einziger Wohnort eine Wachstube.
In äußerster Detailgenauigkeit – und leider auch mit erschreckender Präzision – war dort ein in Unterwäsche gekleideter Militäroffizier abgebildet. Es bestand kein Zweifel daran, um wen es sich handelte.
Der General versuchte verzweifelt, ungläubig zu bleiben. Er erinnerte sich allzu gut daran, wer ihn Wilsonople genannt hatte.
Doch hier kam das Außergewöhnliche: Auf der vierten Seite befand sich der Umriss einer wunderschönen weiblichen Hand, die einen Stift hielt – offenbar im Begriff, etwas zu zeichnen – und darunter standen diese Worte: „Was ich sage, ist: Ich finde das äußerst undamenhaft.“
Stellen Sie sich nun die Gefühle des Generals vor, als er zur vierten Seite blätterte und genau diese Worte dort geschrieben fand – als genaue Ausdrucksform seiner Gedanken!
Ein Feind, der die Handlungen unseres Geistes vorausahnt, besitzt eine Art böser Göttlichkeit, die durchaus Furcht hervorrufen kann. Die Sinne des Generals wurden von dem Anblick einer grellen Göttin getroffen – einer Göttin, die in ihn eindrang, ihn durchschaute und die Macht sowie den Willen hatte, ihn für immer lächerlich zu machen.

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Auch die Schönheit der Hand widersprach auf verwirrende Weise seiner Verurteilung ihres Verhaltens. Sie war äußerst adlig anmutend, und das führte dazu, dass er in einen verworrenen Mix aus Moralischem und Materiellem geriet – so wie es bei jungen Menschen üblich ist, wenn sie versuchen, diese beiden Aspekte voneinander zu trennen, in einem Anfall von Wahnsinn. Mit einem spöttischen Lachen faltete er den Brief, steckte ihn in seine Brusttasche und ging spazieren – hauptsächlich, um mit sich selbst darüber zu sprechen. Doch da der Brief ihn völlig in Anspruch nahm, zeigte er ihn dem Rektor, dem er begegnete. Was der Rektor sagte, ist unbedeutend; General Ople hörte auf keine Bemerkungen, sondern besuchte nacheinander die Pollingtons, die Goslings, die Baerens und andere – obwohl es noch früh war und die Herren dieser Familien abwesend waren und Reichtümer ansammelten. Den Damen zeigte er überall die Skizzen, die er erhalten hatte, und bemerkte, dass Wilsonople damit sich selbst meinte. „Da ist er“, sagte er und zeigte auf den Mann im Wachhäuschen – die Ähnlichkeit war tatsächlich bemerkenswert. „Sie ist eine Frau von Genie“, rief er voller Melancholie aus. Frau Baerens half ihm mit einer Lupe dabei, einen Satz unter dem Wachhäuschen zu lesen – er hatte diesen für einen bloßen, zitternden Strich gehalten. Der Satz lautete: „Ein ehrenhafter Wohnsitz.“ „Was für Augen sie hat!“, rief der General aus. „Es ist wirklich erstaunlich, welche Augen sie in ihrem Alter hat… Ich wollte sagen: Ich hätte niemals gedacht, dass es sich um Schrift handelt.“ Er seufzte tief. Seine überempfindliche Reaktion auf Karikaturen wurde durch eine gewisse Furcht vor der Frau verstärkt, die sie erstellte – die Erkenntnis, dass er gegenüber dieser Frau völlig wehrlos war, offengelegt für alle seine kleinen Launen, Schwächen, Tricks, Unfähigkeiten sowie für das, was in seinem Herzen lag, und für die Worte, die über seine Lippen kommen würden. Er fühlte sich wie ein Mann, der von Dämonen heimgesucht wird. Er spürte den Schlag so tief, dass die Leute sich fragten, wie er nur so dumm sein konnte, Lady Camper bei ihren Bemühungen zu helfen, ihn lächerlich zu machen – er spielte die Rolle des Verlegers und Agenten dieses schrecklichen Karikaturisten. Tatsächlich gab es einen seltsam doppelten Grund für sein Verhalten: Einerseits suchte er Sympathie – er hatte einen intensiven Wunsch danach –, aber noch mehr, oder genauso sehr, wollte er, dass die Fähigkeiten seines Feindes hochgeschätzt wurden. Erstens, damit er sich selbst entschuldigen konnte, wenn er unter deren Einfluss litt; zweitens, weil eine schreckliche Bewunderung für sie – die durch entsprechende Gefühle in seiner Umgebung noch verstärkt werden würde – ihm dabei half, luxuriöse Erinnerungen an eine Stunde zu genießen…

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Er war kurz davor, sie zu seiner eigenen zu machen – zu seiner eigenen, in der heiligen, abstrakten Kontemplation der Ehe, ohne sich der wahrscheinlichen Verhältnisse nach der Zeremonie bewusst zu sein.
„Ich sage, das ist genau das Bild von Lady Campers Hand“, bemerkte er besonders gerne. „Ich sage, es ist eine wunderschöne Hand.“
Er trug den Brief in seinem Portemonnaie bei sich; und da er annahm, sie habe ihr Schlimmstes getan – schließlich konnte er sich keine so raffinierte Bosheit vorstellen, die dieses Thema weiterverfolgen könnte – sprach er mit mitleidigem Bedauern über ihre Art, ihn zu behandeln, was nicht unbedingt gespielt wirkte, da es teilweise aufrichtig war.
Zwei Briefe, datiert aus Frankreich – einer aus Dijon, der andere aus Fontainebleau – kamen gleichzeitig an. Da der General wusste, dass Lady Camper nach England zurückkehrte, erwartete er, dass sie sich bei ihm entschuldigen wollte. Seine Finger waren jedoch nicht so sicher – er riss einen der Briefe auf, um ihn zu öffnen.
Die Stadt Wilsonople war sofort wiederzuerkennen – genauso wie ihr einziger Bewohner.
General Oples spöttisches Lachen ertönte erneut, wie das Husten eines schwächlichen Patienten im Wechsel der Winde nach Osten.
Der Schatten einer namenlosen Frau kniet auf dem Boden in der Nähe des Wachhäuschens und weint. Der Schatten eines jungen Mannes zu Pferd wird gesehen, wie er auf einen Abgrund zugaloppiert. Der einzige Bewohner betrachtet sein eher kräftiges Gesicht und seine Figur im Spiegel.
Dann sehen wir die Flagge Großbritanniens, wie sie eingeholt wird; anschließend wieder ausgebreitet und von einer Gruppe von Schatten zum Wachhäuschen getragen. Der Offizier darin sagt: „Ich würde sehr gerne diese Flagge tragen, aber ich kann dieses ehrenwerte Wohnhaus nicht verlassen.“
Danach wird gezeigt, wie die Flagge von Schusswaffen angegriffen wird. Mehrere der Schatten liegen am Boden. „Ich versichere Ihnen, dass nur dieses ehrenwerte Wohnhaus mich davon abhält, Ihnen entgegenzukommen“, sagt der tapfere Offizier.
General Ople zitterte vor protestantischer Empörung, als er sah, wie er in einem vergrößerten Wachhäuschen saß, während Trupps von Schatten zu ihm eilten, um ihm die Flagge seines Landes zu zeigen, die im Staub schleifte. Ihm wurde böswillig aufgetragen zu sagen: „Ich hasse Verantwortung. Ich sage, ich bin ein leidenschaftlicher Patriot und liebe meinen Komfort sehr – aber ich meide Verantwortung.“
Der zweite Brief enthielt Szenen zwischen Wilsonople und dem Mond.

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Er spricht sie als seine Nachbarin an und erzählt ihr von seinen „Triumphen“ über das Geschlecht. Er bittet sie, ihm mitzuteilen, ob sie eine „Frau“ sei – damit er auch über sie triumphieren könne. Er eilt zu Fuß an ihrem Fenster vorbei, mit gesenktem Kopf, genau wie es der General gewohnt war zu gehen. Er treibt ein Mäusepferd wütend vor sich her. Er fällt einen Baum, damit sie hindurchspähen kann. Aus Sicht des Mondes ist Wilsonople, ein Silenus, in einem Sessel zu erkennen – er zwinkert einem Paar zu, dessen Lippen offensichtlich geschürzt sind; Zweifel an ihren Absichten bestehen nicht. Ein vierter Brief traf ein, datiert aus Paris. In diesem Brief wurde Wilsonoples Werben um den Mond beschrieben; er endete mit seinen Worten in seiner eigenen Art: „Trotz ihres Make-ups hätte ich nie gedacht, dass ihr Alter so enorm sein könnte.“ Wie kann er seine Verlobung mit der Mondfrau lösen? Er will keines ihrer Bedingungen akzeptieren! Obwohl er es nicht gewohnt war, hinter einem Schleier zu lesen, schärfte die Intensität seines Leidens den Verstand des Generals bis zu einem Grad, der es ihm ermöglichte, in lebhaften Dialogen mit jeder neuen Karikatur zu treten – oder aber von Pfeilen getroffen zu werden, sobald sein Blick darauf fiel. Hier sind einige Beispiele: „Wilsonople teilt dem Mond mit, dass sie ‚entzückend hübsch‘ sei.“ „Er bedankt sich bei ihr mit ‚Danke‘ für ein schönes Stück Mondgrünkäse.“ „Er zeigt auf sie und sagt anscheinend zu jemandem: ‚Meine Dame-Freundin.‘“ „Er niest ‚Bijou! Bijou! Bijou!‘“ Es waren Kleinigkeiten – doch sie beeinträchtigten seine Sprachgewohnheiten. In jeder neuen Karikatur wurde er immer absurder. Er sah sich selbst als das, was die böse Frau aus ihm gemacht hatte. Es war ungerecht – es gab keine Ähnlichkeit – und doch gab es sie! Es blieb noch ein Hauch von Ähnlichkeit übrig, der dieses „Ungetüm“ etwas erträglicher machte. Von nun an musste er mit diesem beunruhigenden Bild von sich selbst vor Augen herumlaufen – anstelle des zufriedenstellenden Bildes des Mannes, der in der Vergangenheit Unheil angerichtet hatte und glücklich darüber war, das getan zu haben. Ein solches Ende für einen Eroberer war zu pathetisch.

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Der General überraschte sich selbst, als er lauter mit sich selbst sprach – lauter als ein Summen – am Esstisch der Nachbarn. Er blickte sich um und bemerkte, dass die Leute ihn schweigend beobachteten.

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KAPITEL VII
Die Rückkehr von Lady Camper war Gegenstand von Spekulationen in der Nachbarschaft – denn die meisten Leute glaubten, sie würde aufhören, den General mit ihren absurden und unbegründeten Zeichnungen zu belästigen, wenn sie so nah beieinander wohnten. Die Frage war, wie er sich verhalten würde. Diejenigen, die ihn für einen Helden hielten, waren sicher, dass er sie verachten würde. Andere waren unsicher. Er war so schwer getroffen worden, dass es möglich schien, dass er keinen großen Mut mehr zeigen würde.

Er selbst hatte eine solche Furcht vor dieser Situation entwickelt, dass seine Sorgen am Morgen durch die Rückkehr von Lady Camper verschwanden. Er hätte ihr verziehen, auch wenn er Angst davor hatte, sie zu sehen – vorausgesetzt, sie hätte versprochen, ihn in Zukunft in Ruhe zu lassen. Er fürchtete sich davor, sie zu sehen, weil es sehr wahrscheinlich war, dass sie wieder neue Anlässe fand, um ihn zu belästigen. Natürlich konnte er nicht vermeiden, von ihr gesehen zu werden – und das war eine besondere Qual für ihn. Er hoffte, dass eine gentlemanhafte Demut oder Bescheidenheit bei ihrem Anblick seine Feindin entwaffnen würde. Das sollte doch möglich sein, dachte er. Er hatte unvorstellbare Dinge ertragen müssen. Keiner seiner Freunde und Bekannten wusste – sie konnten es auch nicht wissen –, was er durchgemacht hatte. Das hatte dazu geführt, dass er stotterte; außerdem hatte es seine Gelassenheit beim Gehen zerstört. Elizabeth hatte ihm gesagt, dass er ununterbrochen und laut mit sich selbst sprach. Sie, das arme Mädchen, sah ebenfalls blass aus – offensichtlich machte sie sich Sorgen um ihn.

Young Rolles, den er ab und zu traf, bestand darauf, das gute Herz seiner Tante zu loben. Vielleicht würde sie, nachdem sie ihre Rache ausgeübt hatte, nun bereit sein, Frieden zu schließen – unter Bedingungen der distanzierten Höflichkeit.

„Ja! Arme Elizabeth!“, seufzte der General aus Mitleid mit der enttäuschten jungen Frau. „Arme Elizabeth! Sie hat keine Ahnung, was ihr Vater durchgemacht hat. Armes Kind! Ich sage, sie hat keine Vorstellung von meinen Leiden.“

General Ople überreichte seine Karte an den Eingang von Lady Campers Haus und floh anschließend in seine Residenz – in einem Zustand der Unruhe, der es erforderlich machte, seine Haare mehrere Minuten lang mit harten Bürsten zu kämmen, um sich wieder zu beruhigen.

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Er war gerade dabei, in seinem Garten zu arbeiten, als eine Stunde nach Zustellung seiner eigenen Karte auch die Karte von Lady Camper bei ihm abgegeben wurde – eine angenehm schnelle Reaktion, die Anzeichen von Reue zeigte und dem General sofort einige scharfe Sätze über Frauen einfielen, die er in Zeitungen und Predigten gelesen hatte, seinen beiden Hauptquellen für Informationen. Anstatt die Karte der Dienstmagd zurückzugeben, steckte er sie in seinen Hut und setzte mit dem Graben fort. Am Nachmittag darauf wurde ihm die erste einer Reihe von Briefen überreicht, die schamlose, realistische Karikaturen enthielten. Sie kamen schnell und in großer Anzahl – es wurde nicht einmal ein Tag Gnadenfrist gewährt. Niobe unter den Strahlen Dianas wurde kaum weniger heftig und tödlich angegriffen. Die Gefährlichkeit dieser Angriffe lag darin, dass die täglichen Gewohnheiten eines der empfindlichsten Männer – was sein persönliches Aussehen sowie die Meinung der Welt betraf – verspottet wurden. Er hätte die Skizzen verstecken können, doch die blauen Flecken konnte er nicht verbergen. Die Leute fragten den unglücklichen General ständig, was er da sagte, denn er sprach mit sich selbst, als würde er es ihnen zum zehnten Mal wiederholen.
„Ich sage“, meinte er, „ich sage, dass es für eine Dame – wirklich eine gebildete Dame – wirklich unangemessen ist, so zu sitzen, wie sie es offensichtlich getan hat: Sie muss in einem Dachgeschoss gesessen haben, um einen guten Überblick über mich zu haben. Und da sehen Sie’s – das ist genau das, was sie getan hat. Das ist die letzte Karte, die heute Nachmittag angekommen ist. Ihre Ladyschaft hat meine Kleidung richtig dargestellt, aber so eine Skizze könnte ich Damen nicht zeigen.“
Eine Rückansicht des Generals beim Graben wurde gezeigt. „Ich sage, ich könnte es nicht zulassen, dass Damen das sehen“, erklärte er den Herren, denen gestattet wurde, sie sich frei anzusehen.
„Aber sehen Sie, ich habe keine Möglichkeit zur Flucht; ich bin von morgens bis abends ihrer Gnade ausgeliefert“, sagte der General mit zitternder Zunge. „Es sei denn, ich bleibe im Haus – aber das wäre für mich der Tod. Oder ich muss den Ort sowie meinen Mietvertrag aufgeben. Ich werde – ich sage, ich werde in ganz England keinen Ort finden, der auch nur annähernd so viel Geld oder Bequemlichkeiten bietet wie ein Wohnsitz, den man als geeignet für einen Gentleman bezeichnen könnte. Ich nenne es ein Juwel – kurz gesagt, ein wunderbarer Ort. Aber ich muss gehen.“
Der junge Rolles bot an, mit seiner Tante Angela zu sprechen. Der General sagte: „Danke, vielen Dank. Ich möchte nicht, dass Ihre Ladyschaft denkt, ich sei so empfindlich. Ich weiß kaum“, gestand er kläglich, „was richtig und was falsch ist – was falsch ist. Ich weiß nie, wann ich…“

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Ich will nicht wie ein Idiot aussehen. Ich eile von Baum zu Baum, um dem Licht auszuweichen. Mein Appetit ist ernsthaft beeinträchtigt. Ich sage mir: „Ich muss gehen.“
Reginald machte ihm klar, dass die Lichtstrahlen ihn verfolgen würden, falls er fliegen würde – schließlich würde Lady Camper ihm niemals seinen Fluchtversuch verzeihen und wäre durchaus dazu fähig, ein Buch über die Abenteuer von Wilsonople zu veröffentlichen.
Am Sonntagnachmittag, als General Ople mit seiner Tochter im Arm im Park spazierte, traf er auf Herrn Rolles. Er sah, dass der junge Mann und Elizabeth totenblass waren. Da ihn allein schon der Gedanke an sein eigenes Elend beschäftigte, wandte er sich gemeinsam an sie und sprach über seine Verfolgung – ohne ihnen die Möglichkeit zu geben, etwas zu sagen, bis sie gezwungen waren, sich zu trennen.
Als Ergebnis entstand ein Skizzenbild: Darin waren ein verwelkter Cupido und eine blass werdende Psyche zu sehen, die von Wilsonople getrennt wurden. Dieser hielt sie mit seinen Fäusten fest auseinander und bat sie höflich und elegant, ihm zuzuhören. „Trefft euch“, sagte er zu ihnen, „so oft ihr wollt – in meiner Gesellschaft, solange ihr mir zuhört.“ Die Traurigkeit in seinem Ausdruck ließ nachdrückliche Forderungen nach einem mitfühlenden Publikum entstehen.
Das war es also – und nicht die Serie, die das Martyrium des alten Paares bei den Douro Lodge Gates darstellte, deren steife Körper Zeugnis von der engen Bebauung eines vornehmen Hauses ablegten. Dieses Skizzenbild verteilte General Ople in seinem Wahnsinn auf der Gartenparty von Frau Pollington. Einige sagten, er hätte seine Tochter nicht verraten sollen; doch es ist vernünftig anzunehmen, dass er keine Ahnung hatte, dass seine Tochter die Psyche war. Falls er es doch wusste, so war dieses Wissen aufgrund der Intensität seiner persönlichen Emotionen unklar. Er gab das Skizzenbild nacheinander an zwei oder drei Damen weiter und ließ sich dabei immer wieder zu folgenden Aussagen hinreißen: „Wie Sie wollen, meine Dame – schlagen Sie zu, ich sage, schlagen Sie zu; ich ertrage es, ich sage, ich ertrage es… Wenn Ihre Ladyschaft nicht verzeihen will, dann sage ich, ich ertrage es weiterhin… Ich kann gehen – nein, ich kann verrückt werden – aber solange ich noch bei Sinnen bin, gehe ich aufrecht.“
Herr Pollington sowie einige Herren aus der Stadt, die die wiederholten Monologe des armen Generals hörten, waren entsetzt über das Verhalten von Lady Camper und rieten dringend dazu, sich an die Gerichte zu wenden.
Er hörte ihnen nur halbherzig zu. Stattdessen holte er das ganze Bündel mit den Karikaturen hervor – offenbar trug er sie in einer Ledertasche in seiner Brusttasche – zeigte sie ihnen und kommentierte sie.

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„Es wird noch mehr geben, es muss noch mehr geben – ich bin mir sicher, dass es Dinge gibt, die ich tue und die Ihre Ladyschaft entdecken und aufdecken wird“, sagte er. Er weigerte sich, Gerechtigkeit oder einfach nur Schutz zu suchen. Bald darauf bot sich das erbärmliche Schauspiel dar: Dieser kultivierte Mann hörte sich von Frau Barcop etwas über das Wetter an und antwortete zustimmend: „Es ist heiß. Wenn Ihre Ladyschaft nur auf Farben verzichten würde… Sehr heiß, wie Sie sagen, meine Dame – ich beschwere mich nicht über Stift und Tinte, aber ich würde lieber den Farben entkommen. Ich wette, Ihnen ist es auch heiß?“ Frau Barcop schloss die Augen und seufzte über dieses Wrack eines einst stattlichen Militäroffiziers. Sie fragte ihn: „Was ist Ihr Einwand gegen Farben?“ Sofort legte er seine Hand in die Brusttasche und sagte: „Haben Sie es denn nicht gesehen?“ Obwohl er ihr erst vor wenigen Minuten den Inhalt des Päckchens gezeigt hatte – einschließlich eines flüchtigen Blicks auf die berühmte Szene des Grabens. Zu dieser Zeit stand die ganze Gegend in leidenschaftlicher Solidarität mit General Ople. Die Damen äußerten nicht, wie ihre Herren, ihre Verwunderung darüber, dass ein Mann es zuließ, dass eine Frau ihn in einen Zustand der Halbverrücktheit trieb. Doch eine oder zwei gestanden ihren Männern, dass es großes Lob verdiente, wenn man General Ople nicht verachtete – sowohl wegen seiner Anfälligkeit als auch wegen seiner Geduld. Was die Männer betraf, so wussten sie, dass er Schlachten durchgestanden hatte; sie wussten, dass er Entbehrungen ertragen hatte – nicht nur Kälte, sondern auch völligen Mangel an Nahrung und Trinken – ein fast unvorstellbarer Horror für diese tapferen Menschen, die täglich feierten. Deshalb konnten sie ihn nicht ganz verachten; doch sein Mangel an Verstand war anstößig – und umso mehr seine Unterwerfung unter die Quälereien einer Frau. Keiner von ihnen hätte es für nötig gehalten, Mitleid mit ihm zu haben. Hätten sie ihr erlaubt zu erkennen, dass sie sie quälen konnte? Sie hätten über sie gelacht – oder sie vor einen Richter gezerrt. Es war ein Sonntag Anfang Sommer, als General Ople ohne Elizabeth, die krank war, zur Morgengebetstunde ging. Die Kirche war im altmodischen Stil gebaut, mit stummen, quadratischen Bänken, die es dem Geist ermöglichten, sich vom Predigttext abzulenken oder in Ruhe mit den Schwierigkeiten zu kämpfen, die der Prediger aufwarf – wie General Ople es oft tat. Er war regelrecht vernarrt in seine aufrichtige Aufmerksamkeit bei der Auseinandersetzung mit diesen schwierigen Fragen. Zudem war die Kirche für ihn ein Zufluchtsort. Hier kam sein Feind nicht hin. Er hatte diesen einen Ort der Zuflucht – und sah fast wieder wie ein glücklicher Mensch aus.

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Er war in seinen Hut hineingegangen und wieder herausgekommen – was er beim Stehen gewöhnlich tat. Da kam plötzlich Lady Camper auf wenige Meter Entfernung zu ihm. Ihr Sitzplatz war voller armer Menschen, die Anstalten machten, Platz zu machen. Sie gab ihnen zu verstehen, dass sie bleiben sollten, setzte sich anschließend leise zu ihnen und saß dem General gegenüber im Gang. Während der Predigt war eine leise, schrille Stimme zu hören – im Gegensatz zur monotonen Stimme des Predigers –, die immer wieder die Worte wiederholte: „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das überleben werde.“ Außerdem war in derselben Gegend lautes Gemurmel zu hören. Nach dem üblichen Zeremoniell, bei dem alle frei waren, sich zu bewegen – doch niemand wollte als Erster gehen –, waren es Lady Camper und ein Junge aus wohltätigen Zwecken, die den Anfang machten. Doch Lady Camper konnte ihren Sitzplatz nicht verlassen, weil die Tür klemmte. Sie lächelte, während sie mit ihrer schönen Hand versuchte, die Tür zweimal oder dreimal aufzudrücken. General Ople eilte ihr zu Hilfe. Er zog an der Tür, machte eine höfliche Verbeugung – und wäre sicherlich zurückgetreten, wenn Lady Camper ihm nicht, während sie seine Höflichkeit dankte, ihr Gebetbuch in die Hände legte, damit er es trug. Ihm blieb keine Wahl. Er holte sich seinen Hut und folgte ihr. Alle Anwesenden wollten dieses Schauspiel sehen; der Weg von Lady Camper, die den General hinter sich herzog, wurde von den gut gekleideten Mitgliedern der Gemeinde ohne jegliche Reaktion beobachtet – bis schließlich der Wunsch in ihnen aufkam, zu sehen, wie Lady Camper sich ihrem Opfer gegenüber verhalten würde, sobald sie ihn außerhalb des Gotteshauses hatte. Niemand hätte sich eine solche Szene vorstellen können. Lady Camper saß in ihrer Kutsche; General Ople hielt ihr Gebetbuch in der Hand, mit dem Hut in der anderen, und sah aus, als stünde er vor den Rosten eines Ofens – denn während er dort stand, skizzierte Lady Camper eilig Umrisse in einem kleinen Notizbuch. Es gibt Hunde, deren Schüchternheit dazu führt, dass sie menschliche Blicke und direkte Ansprache – selbst von ihren Besitzern – ertragen müssen; diese lieben, einfachen Hunde wedeln mit dem Schwanz und drehen unsicher den Kopf zur Seite, als würden sie bitten, nicht so angestarrt und angesprochen zu werden. General Ople wirkte in Gegenwart des Notizbuchs genau wie dieses nervöse Tier. Er hätte am liebsten weggelaufen. Er blickte darauf, dann um sich herum, wieder auf das Notizbuch und schließlich zum Himmel. Die Grausamkeit von Lady Camper sowie seine unerklärliche Unterwerfung unter sie wurden von der Menge beobachtet.

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Die Freunde des Generals gingen sehr langsam. Lady Campers Kutsche fuhr vorbei, und der General holte auf, sprach abwechselnd mit ihnen und mit sich selbst. Sie fragten ihn, wo Elizabeth sei, und er antwortete: „Das arme Kind – ja! Man sagt, sie sei blass, aber ich kann es nicht glauben. Ich finde meine Reaktionen einfach lächerlich.“ Er zog ein halbes Dutzend Blätter hervor und zeigte ihnen Skizzen, die Lady Camper in der Kirche angefertigt hatte – Darstellungen von ihm im Sitzen und Stehen. Sie hatte diese Skizzen aus dem Buch gerissen und ihm beim Wegfahren gegeben. „Ich sagte gerade, dass mir das Gebet im üblichen Sinne verboten werden wird, wenn Ihre Ladyschaft…“, sagte der General und wühlte traurig in den Skizzenblättern, auf denen er abgebildet war.

Unterwegs machte er den Herrschaften Gosling folgende seltsame Aussage: Er habe zu seinem Gürtel gegriffen, um seinen Umfang zu messen, und festgestellt, dass er dünner war als bei seinem Weggang vom Gottesdienst – was zuvor nicht der Fall gewesen war. Es war also offensichtlich, dass Lady Camper ihn abgemagert hatte. Sie hatte ihn genauso effektiv abgemagert wie durch eine belagernde Bedrohung.

„Aber warum schenken Sie ihr Aufmerksamkeit? Warum…!“, rief Herr Gosling, ein Gentleman aus der Stadt, dessen Fülle selbst einen Schuss aus einem Gewehr ablenken würde. „Damit sie Sie so schwer verletzen kann!“, rief Frau Gosling. „Madam, wenn sie meine Frau wäre“, erklärte der General, „würde ich es spüren. Ich sage, es ist tatsächlich so: Ich spüre es – auch wenn ich in den Augen eines Menschen, in den Augen irgendjemandes, äußerst lächerlich erscheine.“ „In Lady Campers Augen.“ Er gab zu, dass das möglich sei. Er hatte nicht daran gedacht, die Intensität seines Schmerzes auf das elende Bild zurückzuführen, das er in den Augen dieser Frau abgab. Nein – es stimmte wirklich, seltsamerweise: Das Auge einer anderen Frau hätte ihn vielleicht in eine Kürbisform verwandeln können, all seine Schwächen fünfzigfach übertrieben dargestellt – und er hätte, obwohl es ihm nicht gefiel, natürlich nicht, dennoch eine gewisse männliche Gelassenheit bewahrt. Wie konnte Lady Camper nur solche Macht über ihn haben? Eine Dame, die siebzig Jahre mit einem Rouge- oder Farbdöschen verbarg! Das war Hexerei in ihrer schlimmsten Form. Sechs Monate lang hatte er auf ihren Befehl hin tatsächlich das Leben eines Tieres geführt, in seiner eigenen Wertschätzung erniedrigt worden; von jedem Lachen, das er hörte, verletzt; immer wieder gejagt, eingeholt – und anschließend wieder freigelassen, damit der Prozess von vorn begann.

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KAPITEL VIII
Unsere jungen Barbaren machen mit uns, was sie wollen, wenn sie sich verlieben – sie führen uns dorthin, wohin es ihnen gefällt, und wecken unser Interesse für ihre Wünsche, ihr Weinen sowie diese „prächtigen“ Küsse. Doch wenn wir sehen, wie unsere erfahrenen Männer ins Stolpern geraten, erlauben wir ihnen kaum noch, einen Wunsch zu haben; was Küsse angeht, so rufen wir ihnen zu, falls wir sie auf dem Weg zum heiligen Hain antreffen – dort soll man solche Dinge doch nur von den Erwachsenen tun lassen. Diese Ungerechtigkeit, um nicht zu sagen Unhöflichkeit, beruht ganz auf der falschen Ansicht, dass die Natur dabei keine Rolle spielt – als ob gerade unsere Achtung vor der Natur dazu führt, dass wir sie nicht respektieren. Tatsächlich zeigen uns die Erwachsenen die Natur als besonnen, zivilisiert und von anständigen moralischen Eigenschaften geprägt; durch ihre rührenden kleinen Emotionen werden uns Aussichten des wirklichen Lebens sowie Bilder des Geistes offenbart. Die frechen jungen Leute hingegen, die auf uns einbrüllen und uns mit ihren Sinnen ablenken, beweisen eindeutig entweder, dass wir nicht besser sind als sie, oder dass wir unserer Natur nur dann Aufmerksamkeit schenken, wenn sie uns erschreckt. Wenn wir wirklich Wert auf sie legten, würden wir ihr ehrfürchtig folgen und sie in ihrem langsamen Tempo genau betrachten. Ihnen lehrt sie nichts, wenn sie im Taumel sind. Unsere besten Lehrer, die wahren Philosophen – kurz gesagt, die Geschichtenerzähler – werden mit der Zeit erkennen, dass die Natur nicht unbedingt immer tosend ist; sobald sie das begreifen, kann man sagen, dass die Welt erleuchtet ist. In der Zwischenzeit: Wenn man sich ein Paar weiße Schnurrbarthaare ansieht, die um ein offensichtlich geschminktes Gesicht flattern, so sei versichert – die Natur ist dabei: nicht dieser aufdringliche Unfug, sondern die Jungen sollen ihren Spaß haben. Dem überlegenen Interesse der Leidenschaften der Älteren soll Vorrang eingeräumt werden – und kein Wort soll gegen die Jungen gesprochen werden.
Wenn also die Natur dabei ist – wie wurde sie aktiviert? Der Grund für ihr Eingreifen ist, dass sie erkannt hat, dass die Person fehlt, die ihr aus Erfahrung bekannte Tugenden bieten könnte. Im weiteren Sinne kehren viele, die weit auf ihrem Weg gekommen sind, zur Verehrung der Jugend zurück, die sie verloren haben. Einige sind von der anmutigen Weltläufigkeit des Witzes fasziniert – sie haben gerade genug davon, um sie zu bewundern. Andere werden von Händen angezogen, die ein Stockwerk führen können – etwas, dem sie in früheren Zeiten zum Nachteil ausgewichen sind. Im Fall von General Ople lag das teilweise daran…

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Ihre Züchtigungen ihm gegenüber – teilweise auch ihre Penetration; ihre Fähigkeit, die einer reichen Frau so gut zu Gesicht stand; ihre Gleichgültigkeit gegenüber konventionellen Umgangsformen, die einer Adligen so gut entsprach – und vor allem ihre Korrektur seiner kleinen Schwächen und Unzulänglichkeiten, trotz seines Widerwillens dagegen, gewannen ihn für sie. Er begann, eine Art angenehmes Vergnügen an ihren grotesken Skizzen von ihm zu empfinden; er neigte dazu, immer wieder zu den alten zurückzukehren, während er gleichzeitig die Ankunft neuer Skizzen fürchtete. Man hört oft, wie alte Herren mit Zuneigung von solchen Praktiken sprechen; sie sind nicht an Schmerz gebunden, sondern dieses Mittel weckt in ihnen das Gefühl der Jugend. General Ople genoss halbwegs, obwohl er dabei zurückzuckte, Lady Camper’s Skizzen von ihm. Denn aus der Ferne kann das Ende der Peitsche wie eine zärtliche Berührung erscheinen statt wie ein schmerzhafter Schlag. Doch diese feige Schwäche in seinem Herzen wurde von einem sehr würdigen Stolz zurückgewiesen – einem Stolz, der sich gegen die Beleidigung seiner Gefühle sowie gegen die Verletzung des „heiligen Gebäudes“ wehrte. Nachdem er darüber nachgedacht hatte, beschloss er, seine Wohnung aufzugeben; und da es ihm als Pflicht erschien, beauftragte er mit unausgesprochener Qual den Immobilienmakler in seiner Stadt, seine Mietverträge zu verkaufen oder das Haus möbliert weiterzuvermieten – ohne weitere Verhandlungen. Vom Büro des Immobilienmaklers aus ging er in die Apotheke, um ein Tonikum zu kaufen – eine törichte Handlung, denn er hatte bereits genug „Stärkung“ durch den Schlag erhalten, den er sich selbst zugefügt hatte. Doch in letzter Zeit hatte er über Tonika nachgedacht und sich bestimmte wunderbare Wirkungen davon vorgestellt, sowie Visionen einer einstigen, sorglosen Glückseligkeit, die diese Tonika wiederherstellen könnten. Deshalb bat er darum, ein starkes Tonikum zu bekommen, und trank ein Glas davon. Fünfzehn Minuten nach dem Trinken sah er sein Haus – und als er es betrachtete, hätte er laut unter Lady Camper’s Fenstern behaupten können, es handele sich um eine adlige Residenz. Sein Aufruhr war so heftig. Er sprach ununterbrochen darüber, vermied es jedoch, Elizabeth zu sagen, warum die bescheidenen Vorzüge des Hauses ihn so berührten – schließlich sah sie blass aus. Er sehnte sich nach der Stunde seiner nächsten Dosis sowie nach einer weiteren Karikatur, damit er sie trinken und damit trotzen konnte. Er dachte, er habe tatsächlich eine Karikatur verdient – sonst hätte er doch seine kleine Wohnung nicht aufgegeben. Lady Camper schickte jedoch keine. Er musste zwei Wochen warten, bis eine Karikatur eintraf – und sie war ziemlich ähnlich, sogar recht genau, abgesehen von einer gewissen Unordnung in seiner Kleidung, die er selbst für ganz untypisch hielt. Dennoch ließ er sich sofort vor den Spiegel bringen, um dieses „Beweismittel“ gegen die Skizze heranzuziehen. Während er dort saß, hörte er, wie das Dienstmädchen an die Tür klopfte – und er erfuhr, dass seine Tochter bei Lady Camper war und eine Nachricht hinterlassen hatte…

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Sie hoffte, er würde seinen Verpflichtungen nicht untreu werden und zur Gartenparty von Frau Baerens kommen.
Der General sprang vom Spiegel weg und schrie wütend auf die abwesende Elizabeth – eine Wut, die ihm völlig fremd war. Er eilte zurück, um sich noch einmal anzusehen, und rief mit hoher Stimme: „Ich glaube, das liegt an einer Verdauungsstörung durch dieses Tonikum. Hören Sie das?“ Die Hausmädchen antwortete leise von draußen, dass sie es höre – was ihn beunruhigte, denn es schien irgendwo Unordnung zu herrschen. Er hoffte, dass niemand den Namen von Lady Camper erwähnen würde, denn allein der Gedanke an sie ließ sein Blut in Wallung geraten. „Ich glaube, ich bekomme einen Schlaganfall“, sagte er zum Rektor, der ihn bereits auf dem Rasen von Herrn Baerens begrüßt hatte. Er sagte das lächelnd, doch er sehnte sich nach etwas Mitgefühl. Anstatt des flüsternden Kommentars sowie des bedeutungslosen Handzeichens an seinem Kragen, mit dem der Rektor reagierte, rief er: „Schlaganfall!“ Sein Freund schien dann zu verstehen und verschwand unter den Damen.
Mehrere von ihnen umringten den General, und eine fragte, ob die Serie fortgesetzt werde. Er holte sein Portemonnaie hervor, gab ihr das neueste Exemplar und kritisierte die grobe Ungerechtigkeit dabei – schließlich stellte seine Gattin ihn nun als jemanden dar, der keine Rücksicht auf seine Kleidung nahm. Er bat sie, darauf zu achten, dass sie ihn mit locker hängender Krawatte dargestellt habe. „Und das“, sagte er, „ist mir seit meinem Eintritt in die Gesellschaft noch nie passiert.“
Die Damen wechselten besorgte Blicke – denn tatsächlich war der General ohne Krawatte und ohne Kragen gekommen und schien sich dessen nicht bewusst zu sein. Der Rektor hatte ihnen erzählt, dass der General auf eine Andeutung bezüglich Krawatten mit leichter Angst vor einem Schlaganfall reagiert habe; doch seine nachlässige oder nur oberflächliche Beobachtung der Regeln bezüglich der Knöpfe hatte nichts mit solchen Ängsten zu tun. Vielmehr deutete das auf eine geistige Störung hin. Elizabeth wurde dafür verurteilt, ihn allein herumlaufen zu lassen. Die Situation war wirklich äußerst peinlich – denn ein Wort an einen so empfindlichen Mann könnte ihn aus Scham für immer vertreiben. Doch ihn in diesem Zustand herumlaufen zu lassen, im Vergleich zu seinem natürlichen Erscheinungsbild, war ebenfalls eine schreckliche Alternative. Frau Baerens wies ihren Mann schließlich auf den General hin – sie zitterte, als würde sie auf die Wirkung eines Torpedos warten – und auch die anderen Damen teilten ihre übertriebene Besorgnis.

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Angst – denn Herr Baerens hatte die Haltung und den Ausdruck eines Artilleristen, und an diesem Tag trug er außerdem eine größere Menge Pulver bei sich. Der General lauschte aufmerksam Herrn Baerens, doch dessen wiederholte Bemerkungen auf Deutsch und Englisch – „Ich werde es mit Feingefühl erledigen“ – halfen ihm nicht beim Verständnis. Gerade als er Klarheit gewinnen könnte, erstarrte er, als er sah, wie Lady Camper mit Elizabeth über den Rasen ging. Die edle Dame stand einen Moment lang neben Frau Baerens; anschließend kam sie direkt auf ihn zu und betrachtete ihn schweigend. Dann sagte sie: „Ihr Arm, General Ople“, und ging mit ihm einmal um den Rasen herum, wobei sie kaum sprach. Auf ihr Verlangen führte er sie zu ihrer Kutsche. Er setzte sich gehorsam neben sie. Er hatte das Gefühl, als würde man ihn zeichnen, und benahm sich wie eine Puppe, die bei Ziehen an einem Faden springt. „Wo haben Sie Ihr Mädchen gelassen, General?“ Bevor er antworten konnte, wurde er gefragt: „Und was haben Sie mit Ihrer Krawatte und Ihrem Kragen gemacht?“ Er berührte seinen Hals. „Ich bin heute ziemlich nervös – ich habe Elizabeth vergessen“, sagte er und strich verwundert mit den Fingern über seinen Hals. Lady Camper lächelte mit triumphierendem Humor. Die offensichtliche Abwesenheit von Krawatte und Kragen schien ihn zu erdrücken. „Machen Sie sich keine Sorgen – Sie waren schon einmal ohne sie im Ausland, und das ist ein Sieg für mich. Und Sie dachten zuerst an Elizabeth, als ich Sie darauf aufmerksam machte – das ist ein Sieg für Sie. Es ist ein sehr großer Sieg. Bitte seien Sie nicht entmutigt, General. Sie haben einen stattlichen Aussehen für Feldzüge. Und bitte keine Entschuldigungen – ich mag Sie so, wie Sie sind. Hier ist meine Hand.“ General Ople verstand ihren letzten Satz. Er drückte stumm und sehr nervös die Hand der Dame. „Aber ziehen Sie Ihren Kopf nicht in die Schultern, als gäbe es irgendeine Möglichkeit, das Offensichtliche zu verbergen“, sagte Lady Camper. Ihre herzliche Umarmung, ihre freundlichen Augen sowie ihre seltsame Sprache ließen ihn erzittern. „Sie haben den Kragen weggelassen. Nun? Der Kragen ist der entscheidende Schlusspunkt in der Männerkleidung – er würde sogar Apollo wie einen Bürgerlichen aussehen lassen.“

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Ihre Hand lag in seiner: Und als er die Regungen ihres Gesichts beobachtete, entstand in General Ople ein Funke – der ihn dazu brachte, den Kragen sowie alle anderen Überlegungen zu vergessen und auszurufen: „Siebzig? Hat Ihre Ladyschaft wirklich siebzig gesagt? Völlig unmöglich! Sie spielen mit mir.“
„Wir werden reden, wenn wir von diesem Lärm der Wagenräder befreit sind, General“, sagte Lady Camper.
„Ich bitte um Erlaubnis, hingehen und Elizabeth holen, meine Dame.“
„Gute Idee. Holen Sie sie mit meinem Wagen. Übrigens: Frau Baerens war meine ehemalige Musiklehrerin – sie ist, glaube ich, ein Jahr älter als ich. Sie kann Ihnen sagen, auf welcher Seite von siebzig ich mich befinde.“
„Ich werde nicht fragen müssen, meine Ladyschaft“, sagte er seufzend.
„Dann schicken wir den Wagen, um Elizabeth abzuholen – sofort. Ich bin ungeduldig, ja, General, ungeduldig – weshalb? Auf Vergebung.“
„Von mir, meine Ladyschaft?“ Der General atmete tief durch.
„Von wem sonst? Wissen Sie, was das bedeutet? Ich glaube nicht. Ihr Engländer habt keinerlei Erfahrung mit der Menschlichkeit. Ich meine Folgendes: So hart zuzuschlagen, dass man am Ende sein Herz gegenüber dem Opfer weich macht. Das ist meine Schwäche. Wir Menschen unseres Blutes setzen keine Beschränkungen auf die Schläge, die wir austauschen, wenn wir sie für notwendig halten – deshalb übertreiben wir stets.“
General Ople half Lady Camper aus dem Wagen; dieser wurde sogleich geschickt, um Elizabeth abzuholen.
Er bereitete sich darauf vor, ihr mit einem Lächeln der äußersten Aufmerksamkeit zuzuhören.
Sie hatte sich verändert. Sie sprach über Geld – zehntausend Pfund sollten seiner Tochter ausgezahlt werden. „Und jetzt“, sagte sie, „werden Sie sich daran erinnern, dass Ihnen ein Kragen fehlt.“
Er stimmte zu. Er bat um Erlaubnis, sich für zehn Minuten zurückziehen zu dürfen.
„Einfache Menschen! Was soll euch dann bedecken?“, rief sie aus. Sie befahl ihm entschieden, im Salon Platz zu nehmen, nahm eine der berühmten Pistolen in die Hand und sagte: „Wenn ich mich in eine ähnliche Situation begebe und auch zur Geisel werde – wird das Sie zufriedenstellen? Sehen Sie diese mörderischen Waffen. Nun, ich bin ein Feigling. Ich fürchte Schusswaffen. Sie dienen dazu, die Welt einzuschüchtern – und das gelingt ihnen auch. Ihnen gegenüber haben sie bereits Erfolg gehabt. Nun, Sie würden niemals daran denken, eine moralische Eigenschaft vorzutäuschen, die Sie nicht besitzen.“

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Besitzen… Aber, du dummer, einfacher Mann! Du kannst dir den Anschein von Reichtum geben, Pferde kaufen, um deine Armut zu verbergen – und wenn man dich nach deinem scheinbaren Einkommen beurteilt, ziehst du es vor, wie ein Geizhals davonzulaufen, anstatt ehrlich und aufrichtig zu handeln. Ich habe es vielleicht etwas übertrieben, aber ich liege nicht weit daneben.
„Ihre Ladyschaft braucht Mut!“, rief der General.
„Erfrische dich, indem du darüber nachdenkst“, sagte sie. „Und um es dir zu beweisen: Ich war froh, dieses Haus zu nehmen, als ich wusste, dass ich einen ehrenhaften Herrn als Nachbarn haben würde. Keine Besucher werden zugelassen, General Ople – also bist du nur mir gegenüber unverschleiert: Setz dich ruhig hin. Eines Tages hast du eineinhalb Minuten lang über die Farbe auf meinen Wangen nachgedacht – ich hatte gesagt, dass ich leicht Sommersprossen bekomme. Dein Blick zeigte, dass du tatsächlich keine einzige Sommersprosse erkennen konntest. Ich habe dir vergeben – oder auch nicht. Doch als ich feststellte, dass du gegenüber dem Glück deiner Tochter genauso gleichgültig warst wie gegenüber ihrem Ruf…“
„Meine Tochter! Ihr Ruf! Ihr Glück!“
General Ople hob die Augen und stieß halblaut Schreie aus.
„So gleichgültig gegenüber ihrem Ruf, dass du einem jungen Mann erlaubtest, mit ihr über die Mauer zu sprechen und sich mit ihr zu treffen – so rücksichtslos gegenüber dem Glück des Mädchens, dass du, als ich versuchte, im Namen ihres Glücks einen Kompromiss mit dir auszuhandeln, nicht davon abzubringen warst, nur an dich selbst und deine eigenen Angelegenheiten zu denken. Als ich das erkannte, neigte ich wohl dazu, dir etwas von dem zu geben, was meine Schwestern früher meine ‚Würze‘ nannten. Du wolltest die Höhe deines Einkommens nicht ehrlich angeben und tust so, als wärst du treu zur Frau im Alter von siebzig Jahren. Wie absurd! Kann irgendeine Karikatur von mir an Groteske deinen Selbstporträts übertriffen? Du bist trotzdem ein mutiger und großzügiger Mann – und ich vermute, dass eher Täuschung als Egoismus – oder extremer Egoismus – dich blind macht. Man muss schon ein gewisses Maß an Männlichkeit haben. Dir gefiel meine Schminke nicht, noch weniger meine Aufrichtigkeit; du wurdest durch meine Korrekturen deiner Sprechgewohnheiten verärgert; du warst entsetzt über das Alter von siebzig – und du warst leichtgläubig, General Ople: Hör mir zu und denke daran, dass du keinen Kragen trägst – du warst leichtgläubig bezüglich meiner Angabe meines hohen Alters – oder du hast so getan, als wärst du es, weil ich das Fell deiner Katze gegen dein Fell gerieben hatte. Und dann, voller Selbstüberschätzung, ohne an Elizabeth zu denken, wolltest du im ritterlichen Verhalten eines Mannes, der seinem Wort gegenüber der alten Frau treu bleibt, einfach nur…“

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Unabhängigkeit vom Normalaktienkapital – denn, ich zitiere Sie! Und Sie tragen ja keinen Kragen um den Hals – „Sie könnten nicht der Willkür Ihrer Frau ausgeliefert sein.“ Sie zogen Ihre ursprüngliche Forderung bezüglich des Geldes zurück. Wo war da Ihr Respekt gegenüber Elizabeth?

„Nun, General, Sie neigten dazu, nur an sich selbst zu denken, und ich dachte, ich könnte Ihnen helfen. Ich gab Ihnen viele Anregungen. Ich will nicht behaupten, dass ich eine Art ‚homöopathische Heilung‘ anwenden wollte. Aber wenn ich Sie dazu bringe, Ihren Kragen zu vergessen – ist das dann kein Triumph?“

„Nein“, fügte Lady Camper hinzu, „für mich ist es kein Triumph, aber für Sie schon, wenn Sie daraus Nutzen ziehen wollen. Ihr Fehler war, den aktiven Dienst aufzugeben und Ihren Komfort zu sehr zu schätzen. Es ist auch die Schuld Ihrer Landsleute. Sie müssen ein Milizregiment oder eine Aufsichtsfunktion in der Miliz übernehmen. Im Aktivdienst wären Sie zehnmal der bessere Mensch. Wollen Sie mir etwa sagen, dass Sie sich um meine Zeichnungen gekümmert hätten, während Sie marschierten?“

„Ich glaube schon“, sagte der General ernst.

„Ich bezweifle das“, erwiderte sie. „Aber genug davon – da kommt Elizabeth. Wenn Sie laut Ihren vorsichtigen Berechnungen nicht viel Geld übrig haben, dann überlegen Sie doch, wie dieses Geld Sie geschwächt hat und Sie auf das Niveau der Leute hier herabgebracht hat – wer sind das? Bewohner von Herrenhäusern, ja! Aber was für Menschen? Sie haben keinen geistigen Standard, kein moralisches Ziel, keine echte Ritterlichkeit. Sie wurden schnell zu einem von ihnen – zum Glück für Sie waren Sie jedoch empfindlich gegenüber Spott.“

„Elizabeth soll die Hälfte meines Geldes erhalten“, sagte der General; „obwohl ich fürchte, es ist nicht viel. Und wenn ich eine Beschäftigung finden kann, meine Dame…“

„Etwas Wertvolleres als das“, sagte Lady Camper und skizzierte hastig Konturen am Rand eines Buches. Der General sah sich dabei, wie er einen Pony anbindet; „oder das“, und er pflückte an einer Kohlpflanze; „oder das“, und er verbeugte sich vor drei Frauen in Röcken.

„Die Ähnlichkeit ist perfekt“, stöhnte General Ople.

„Dann können Sie wohl annehmen, dass ich Sie studiert habe“, sagte sie. „Aber es gibt keine wirkliche Ähnlichkeit. Leichte Übertreibungen schaden der Wahrheit mehr als rücksichtslose Verfälschungen. Sie hätten sich überhaupt nicht für eine Karikatur interessiert, wenn Sie nicht diese absurde Vorstellung gehabt hätten, einer unserer Eroberer zu sein. Es ist wirklich tragisch für einen Mann wie Sie, solche Vorstellungen zu haben, mein armer, lieber Freund.“

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Die Bescheidenen sind am leichtesten berauscht, wenn sie vom Ehrgeiz trinken. Überlege dir, ob du nicht selbst berauscht gewesen bist – denn diese jungen Leute haben elend gelebt, und du hast es nicht bemerkt, obwohl einer von ihnen bei dir lebte und das Kind ist, das du liebst. Nun, ich habe es getan. Bitte zeige Elizabeth ein gutes Gesicht.

Der General gehorchte, so gut er konnte. Er fühlte sich wie eine Schafherde, die gerade geschoren worden war – und sobald sie freigelassen wurde, wollte sie davonlaufen. Doch kaum hatte er entkommen können, sehnte er sich schon wieder nach einer erneuten „Schur“. „Sie durchschaut mich, sie durchschaut mich“, hörte man ihn zu sich selbst sagen. Schließlich lernte er, dies mit heimlicher Freude auszusprechen – denn da es auf ihrer Seite ein außergewöhnliches Maß an Einsicht war, ihn durchschauen zu können, wurde ihm klar, dass er dadurch neue Kräfte in der menschlichen Natur entdeckte.

General Ople beobachtete Lady Camper sorgfältig auf der Suche nach weiteren Beweisen für ihre Fähigkeit, die Geheimnisse in seinem Herzen zu durchschauen. Da sie gerade die beiden Verlobten genau beobachtete, begann auch er, sie zu beobachten – und fand Gefallen an ihrem Anblick. Ihre Treffen, ihre Trennungen, ihre Ausflüge bereiteten ihm Gesprächsstoff. Bald hatte er genug zum Reden. Zuvor, so erinnerte er sich, hatte er noch nie ein längeres Gespräch mit Gelassenheit und einem Gefühl des Wohlbefindens geführt. Fünftausend Pfund – auf diese Summe reduzierte Lady Camper ihre Forderung für Elizabeths Mitgift – übergab er gerne an sein geliebtes Mädchen. Gleichzeitig gestand er Lady Camper, dass sein Vermögen zwölftausend Pfund betrug. Sie zuckte mit den Schultern und sagte, sie habe aufgehört, ihn hin und her zu ziehen – daher seien seine „Fesseln“ angenehm. Er sagte zu sich selbst: „Wenn sie mitten in der Nacht einen Mann brauchen sollte, der sie beschützt!“ Er erwähnte dies gegenüber Reginald, der die Klagen Elizabeths über ihren allein gelassenen Vater gehört hatte. Der junge Mann schmiedete einen Plan, um um Mitternacht die große Glocke seiner Tante läuten zu lassen – was sicherlich zu einer dramatischen Situation geführt hätte und letztendlich zur Wiederherstellung unserer männlichen Vorherrschaft am Ende dieser Geschichte. Doch er vergaß diesen Plan in seiner Hochzeitsfreude – bis er während des Hochzeitsfrühstücks seine feierliche Rede hielt und Elizabeth dazu brachte, hinter einer Träne zu lächeln. Als sie im Saal stand und bereit war zu gehen, wurde am Tor von Douro Lodge ein großer Wagen gesichtet. Die Wachen behaupteten, dieser Wagen enthalte die Sachen und Kleinigkeiten der Menschen, die…

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Sie hatte das Haus ein Jahr lang möbliert gemietet und kam genau an diesem Nachmittag an.
„Ich erinnere mich – ja, jetzt erinnere ich mich, ich hatte eine Benachrichtigung“, sagte der General fröhlich zu seiner besorgten Tochter.
„Aber wohin sollst du gehen, Papa?“, weinte das arme Mädchen fast in Tränen aufgelöst.
„Ich werde irgendeine Arbeit finden“, sagte er. „Ich sage, ich will sie, ich brauche sie, ich benötige sie.“
„Du sagst dreimal so viel, wie früher ausgereicht hätte“, sagte Lady Camper. Sie stellte ihm einige Fragen, runzelte lächelnd die Stirn und bot ihm eine Unterkunft im Haus seines Nachbarn an.
„Wirklich, liebe Tante Angela?“, fragte Elizabeth.
„Was sonst kann ich tun, Kind? Ich habe ihn anscheinend aus einer würdevollen Wohnung vertrieben – also muss ich ihm eine würdevolle zur Verfügung stellen. Zugegeben, ich hätte lieber, dass er jederzeit zur Stelle ist, aber da ich schon immer einen Polizisten im Haus haben wollte, kann ich mich eben mit einem Soldaten zufriedengeben.“
„Aber was ist, wenn Sie Ihren Charakter verlieren, meine Dame?“, fragte Reginald.
„Dann muss ich darauf hoffen, dass der General ihn wiederherstellt.“
General Ople neigte sofort seinen Kopf über Lady Campers Finger.
„Seltsam, was mit einer Frau von einundvierzig Jahren passieren kann!“, sagte sie zu ihren Dienern. Diese gehorchten mit größter Anmut, während dem General die Ohren kribbelten – bis er sich jünger als Reginald fühlte. Das, dachte er, oder genauer gesagt: Das ist das Ergebnis der Schminke! Man kann einer Frau jeden Alter zutrauen, solange ihre Wangen gerötet sind!
Was Lady Camper betrifft, so wurde sie versehentlich in den Spott über eine Heirat hineingezogen – zu einer Zeit ihres Lebens, die für sie genauso schrecklich war wie ihre Vorstellung von siebzig Jahren für General Ople. Sie gab sich damit zufrieden, die Dinge ihrem Lauf zu überlassen. In ihrer ersten Ehe war sie nicht glücklich gewesen; sie hatte die Suche nach einem idealen Mann aufgegeben und stattdessen einen gefunden, der so war, dass er ihre Ohren nicht beleidigte – und der vermutlich für immer Quelle des Amüsements für ihren Sinn für Humor sein würde: gutmütig, beeinflussbar – und vor allem sehr malerisch. Das ist das Geheimnis ihrer Beziehung – und auch deshalb, warum ein einfacher Mann und eine komplexe Frau nach der seltsamsten Trennung wieder zueinanderfanden.

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Man kann einer Frau jeden Alter zutrauen, wenn ihre Wangen gerötet sind.
Bescheidene Menschen werden am leichtesten betrunken, wenn sie vom Stolz trinken.
Die Natur brüllt nicht unbedingt immer – sie kann nur in der Sprache der Auktionateure beschrieben werden.
Er respektierte das Gemüse noch mehr als die Blume.
Sie scheint ehrlich zu sein – und das ist das Beste, was wir von Mädchen erwarten können.
Spare mir dieses Wort „weiblich“, solange du lebst.
Die Sanftheit einer souveränen Diktatur…
Wenn wir sehen, wie unsere Veteranen taumelnd zu Fall kommen.

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Die Geschichte von Chloe – Eine Episode aus der Geschichte von Beau Beamish
Von George Meredith

„Schöne Chloe, einst haben wir auf dich angestoßen,
als Königin unseres Festes;
nun ist Chloe leblos und kalt;
du musst in das Grab gehen, um sie zu grüßen.
Ihre Schönheit und ihre Talente waren dazu bestimmt,
auch den Stolzigsten dazu zu bringen, sie zu gewinnen;
dann soll man die Erinnerung an die Reinste, die je ein Sünder war, nicht tadeln!“

Captain Chanter’s Collection.

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KAPITEL I
Eine echte Zuneigung zum Adel wird weiterhin bei dem berühmten Herrn bestehen bleiben – dem Mann, der von Cupids Pfeilen entflammt wurde und die Milchmagd unter seinem Balladennamen „Herzog von Dewlap“ heiratete. Keine geringere Dienstleistung leistete ihm Beau Beamish, als er der jungen Herzogin bereits am ersten Tag ihrer Ankunft in Wells den Namen „Grace“ gab. Diese glückliche Eingebung eines Geistes, der in schwierigen Situationen nie versagt, rettete eines unserer edelsten Geschlechter vor den Angriffen der Vulgären, die immer nur zu gerne ein prächtiges Wappen beschmutzen und entstellen würden. Die Ballade, der wir die Erzählung über das Treffen und die Heirat des Herzogspaars verdanken, spricht daher in gutem Glauben von Dewlap –

„Oh, ich bin der neunte Herzog von Dewlap, meine liebe Susie!“
ohne auch nur den geringsten Hinweis auf einen Titel. Ebenso freut sich der bildliche Historiker über die „Bündnisse mit Dewlap“ in seiner Beschreibung der Gesellschaft jener Zeit. Er hat die Ballade gelesen, ignorierte aber die Memoiren von Beau Beamish. Schriftsteller mit Ansprüchen scheinen eine Abneigung gegen Menschen wie Herrn Beamish zu haben. Sie beschreiben die Gewohnheiten und Umgangsformen von Räubern und zitieren obskure Zeitungen sowie Volkslieder, um ihre Geschichten zu bereichern – doch sie weigern sich, unseren königlichen Herrschern mehr als nur einen beiläufigen Kommentar zu widmen. Wahrscheinlich deshalb, weil sie nicht erblich sind. Die Ballade „Der Herzog und die Milchmagd“, der mit fragwürdiger Autorität der Schreiberling Herr Beamish selbst zugeschrieben wird, war einst so beliebt, dass sie den Moralisten dazu veranlasste, Kritik an dieser Art von Literatur zu üben – Literatur, die „jedes frische Landmädchen dazu verleitete, sehnsüchtig auf volle Wangen zu blicken“ in der Hoffnung auf eine Krone für ihre Bemühungen – mit einem nassen Graben als Ergebnis! Wir können bezweifeln, dass es tatsächlich zu solchen Unfällen kam. Doch dass diese Ballade bei einem volkstümlichen Volk, das die Adligen liebt – ja sogar die Liebe zum Adel unter dem Volk – Schaden anrichten konnte, muss man zugeben – und zwar aus dem besonderen Grund, dass der Held der Ballade sich so ehrenhaft verhielt. Wir erkennen eine Neigung zur Verfälschung in ihrer Verehrung, wenn einer ihrer eigenen Leute, ein junges Mädchen, plötzlich entführt wird…

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Atemberaubende Höhen des Luxus und der Mode – durch reine Schönheit erreicht.
Wenn man bedenkt, dass sie an ein völlig entgegengesetztes Ergebnis solcher Besitztümer gewöhnt sind, ist es sehr deutlich zu erkennen, wie eine Störung in ihrer Ehrfurcht aus diesem Wandel entstehen kann.
Ansonsten ist die Ballade unschuldig – zumindest in ihrem Aufbau. Es wurde noch nie ein frischerer Volkslied über ein schönes Ereignis aus unserem Landleben geschrieben. Die Gefühle sind natürlich, die Bilder passend und voller Lebensfreude; die Musik der Strophen spricht selbst das stumpfste Ohr an. Sie hat nichts Fremdes oder Unpassendes an sich – sie ist genau das, was sie vorgibt zu sein: das Lied eines heimischen Vogels. Ein Auszug zeigt dies – schließlich ist die Ballade zu lang, um sie vollständig wiedergegeben zu werden:

„Süße Susie, sie stolperte an einem strahlenden Mai-Morgen,
so fröhlich wie ein Lerche im grünen Frühlingskorn.
Neben einem Steg hatte sie das Glück,
einen wunderbaren Herrn zu sehen – ganz in Gold gekleidet!

Auf seiner Hose und seinem Mantel war Gold,
seine Kragenverzierung war prächtig wie eine Fünfzig-Pfund-Note.
Die Diamanten funkelten an ihm so hell,
sie hielt ihn für einen Feenwesen, das vom Milchstraßenlicht umhüllt war!

„Fürchte dich nicht, schöne Maid“, sagte er lächelnd.
„Lass mich dir helfen, den Steg zu überqueren.“
Sie machte ihm eine so reizende Verbeugung,
dass sie wie ein Pfeil in sein Herz eindrang.

So leicht wie ein Rotkehlchen sprang sie auf den Stein –
doch ihre Hand griff schnell nach der des Herrn.
Stell dir vor, wie sie staunte – sie konnte ihren Sinnen nicht trauen,
als dieser edle Herr im Staub kniete!

Mit Lobpreisungen auf ihre Schönheit teilte er ihr seinen Stand mit – und machte ihr einen Antrag auf eine ehrenvolle, sofortige Heirat. Er konnte nicht warten. Das ist die tödliche Eigenschaft seiner Liebe – offensichtlich eine Eigenschaft liebeskranker Fürsten. Wir lesen davon in den Berichten, die uns überliefert wurden. Die Gedanken dieser erhabenen, einsamen Männer wurden noch nicht ergründet – sie sind einfach zu fern. Auf ihren hohen Gipfeln sind sie für das einfache Volk genauso unverständlich wie Zeilen in Keilschrift auf alten Schriftblättern. Durch ihre Taten kennen wir sie – genauso wie die Heiden ihre Götter kennen. Es wird immer wieder berichtet, dass sie, sobald sie sich ineinander verlieben, heiraten müssen – auch wenn der Finger der Dame nur mit einem Ring aus dem Bettvorhang geschmückt ist. Vergeblich versucht die ehrliche Landmagd mit den blauen Augen, Susan, ihm klarzumachen, dass sie nur eine arme Milchmagd sei. Er war Schüler der Frauen am Hof – dort wird das Weib zur Transparenz. Deshalb erzählt er…“

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Er zeigt ihr den Katalog der materiellen Vorteile, die er ihr bieten kann. Schließlich, nach seinen Versicherungen, dass sie vom Pfarrer heiraten werde – wirklich vom Pfarrer, und von einem echten Pfarrer –

Die liebe Susie macht sich auf, um die Zustimmung ihrer Eltern zu erhalten. Die Alten müssen lange darüber beraten, was das bedeutet. Sie verließ sie in der Vorabendstunde jenes glücklichen Mai Morgens, um wie eine Blüte zu strahlen, die an einem Dorn hängt!

Abgesehen von seinem historischen Wert ist die Ballade ein Vorbild für Dichter unserer Zeit, die in das mythologische Griechenland, in einen fantasievollen und morbiden Mittelalterstil oder – Gott bewahre! – in abstrakte Ideen fliehen, wenn es darum geht, Themen für Lieder zu finden. Wenn sie nur die Schätze nehmen würden, die ihnen auf dem Weg zur Verfügung stehen, könnten sie unser englisches Leben poetisch interessant machen. Da die Natur heute genauso wie damals der Schlüssel zur Beliebtheit ist, müssen sie selbst dafür sorgen, dass sie einen Platz im Herzen des Volkes behalten. Für Engländer ist ein lebender, einheimischer Herzog fünfzig Phoebus Apollos wert – und ein schönes junges Mädchen vom Land, das von zwei Eimern aus zur Herzogin aufsteigt, ist ein romantischeres Motiv als ganze Heerscharen eurer visionären Yseults und Guineveres.

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KAPITEL II
Eine Weile nach der Hochzeit kam Seine Gnaden nach Wells und nahm sich die Ehre, Herrn Beamish zu besuchen. An diesen Mann, dem er nicht fremd war, wandte er sich und erklärte den Zweck seines Besuchs.
„Sir, mein sehr guter Freund“, sagte er, „erlauben Sie mir zunächst, Sie darum zu bitten, die Strenge in Ihrem Gesichtsausdruck zu verringern. Wenn ich hier gegen Ihr Verbot verstoße, werde ich umgehend wieder gehen. Ich könnte wirklich den Verlust der Leidenschaft für das Spiel bedauern – eine Leidenschaft, von der Sie mich erfolgreich geheilt haben. Damals war ich gegen einen grausameren Feind gerüstet, der dem Menschen keine Zeit lässt, sich zum Wiedergewinn seiner Kräfte zu entschließen!“
„Die Krankheit besteht wohl hauptsächlich aus Krisen“, bemerkte Herr Beamish.
„Genau, Sir – wenn sie trockenes Holz befällt, brennt es bis zur letzten Späne nieder. Es sind nun – der Herzog stieß einen leisen Seufzer aus – drei Jahre her, seit ich den Wunsch hatte, eine Enkelin zu heiraten!“
„Adams Enkelin?“, fragte Herr Beamish fröhlich. „Es gab keine rechtlichen Hindernisse für diese Ehe.“
„Leider nicht. Doch Sie sollen nicht denken, dass ich es bedauere. Eine wunderbare Frau, Herr Beamish – eine wahre Göttin! Je besser man sie kennt, desto mehr verehrt man sie. Das ist das Unglück. In meinem Alter, da sowohl die großen als auch die kleinen Organe darauf bestehen, mir zu zeigen, dass ich sterblich bin, muss die Leidenschaft der Liebe als Katastrophe angesehen werden – obwohl man ohne sie nicht jünger werden kann. Sie müssen verstehen: Bei einem gewissen Maß an Vergnügungssucht ist sie der unschuldigste aller Engel. Bisher haben wir zusammen gelebt – für sie war es eine neue Welt. Doch nun beginnt sie, diese Welt eng zu finden. Nein, nein – sie ist nicht müde von meiner Gesellschaft. Im Gegenteil. Doch in ihrer gegenwärtigen Stellung ist eine Neigung zu solchen Zusammenkünften wie den hier ein Wunsch nach Freiheit – und die gesunden Gewohnheiten meiner Herzogin haben sie nicht daran gewöhnt, eingesperrt zu sein. Kurz gesagt: So sehr wir uns auch bemühen – es nähert sich eine Zeit, in der der Eifer, den ganzen Tag über die Frau des Hauses als Spielkameradin zu dienen, durch die Gänge zu laufen oder hinter einem gebundenen Taschentuch herzujagen, stark nachlässt. Doch die Angst vor einer Trennung von ihr hat mich bisher bei diesen Vergnügungen gehalten.“

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Eine Zeit, die über meine Fähigkeit hinausgeht, mich damit zu beschäftigen. Nicht dass ich Müdigkeit zugeben würde – es scheint, ich habe eine Vorliebe für Nachdenken; ich bin jetzt sehr geneigt zu lesen und zu meditieren, was ohne Ruhe nicht möglich ist. Ich setze mich hin, bekomme einen Wollball ins Gesicht und soll ihn zurückgeben. Ich tue das – dann könnte man sagen, es handelt sich um ein Kinderspiel. Andernfalls wäre es ein bedauerlicher Anblick: eine schöne junge Frau, die gähnt.

„Erdbeben und Salpeter bedrohen uns nicht so schlimm“, sagte Herr Beamish. „Kurz gesagt: Sie hat mir versprochen, dass sie diesen Sommer einen Monat lang nach Wells kommen wird. Ich fürchte, ich kann mein Versprechen nicht brechen – ich fürchte, das kann ich wirklich nicht.“

„Ganz sicher würde ich das nicht tun“, sagte Herr Beamish.

Der Herzog seufzte. „Es gibt Gründe – familiäre Gründe – warum ihr meine Gesellschaft und meinen Schutz hier verwehrt bleiben müssen. Ich habe kein Verlangen… tatsächlich möchte ich im Moment, bis sie wieder auf eigenen Beinen steht, keinen Kontakt zu ihr haben… Und dafür muss immer eine Strafe gezahlt werden. Ach, Herr Beamish: Bilder gehören uns, sobald wir sie gekauft und aufgehängt haben – aber wer garantiert uns, dass wir auch weiterhin ein wunderschönes Werk der Natur besitzen? In letzter Zeit habe ich viel und ernsthaft darüber nachgedacht. Ich bin versucht, den Ansichten der Geistlichen in den Predigten zuzustimmen – das Fleisch ist schließlich die Wohnstätte eines rebellischen Teufels.“

„Dagegen protestieren wir in dem Maße, in dem wir selbst von ihm befreit werden“, stimmte Herr Beamish zu.

„Aber diese Manie der jungen Leute nach Vergnügen, nach ewigem Vergnügen – das ist wirklich erstaunlich. Es lässt sie nicht müde werden; sie sind unersättlich.“

„Da ist die Schlucht, da ist der Felsen. Von Herrscher zu Herrscher, Herzog – solange Sie sich auf meinem Territorium befinden, versteht sich. Einmal auf dem Weg zu einem Gotteshaus kam ich an einem Puritaner vorbei, der sich über einen Schmetterling beschwerte, der dort flatterte und somit den Tag der Ruhe entehrte. ‚Freund‘, sagte ich zu ihm, ‚durch Ihre Worte beweisen Sie mir endgültig, dass Sie kein Schmetterling sind.‘ Der Mann reagierte nur mit einem finsteren Blick.“

„Cousin Beamish, meine Beschwerde bezüglich dieser jungen Leute ist, dass sie das Vergnügen, das sie dabei empfinden, verpassen. Ich habe meiner Herzogin Vorträge gehalten…“

„Ha!“

„Dumm, das gebe ich zu“, sagte der Herzog. „Aber nehmen wir an, Sie hätten Ihren Schmetterling gefangen – dann könnten Sie ihn weder freilassen noch seinen Launen folgen.“

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„Das stellt Sie vor ein Problem.“
„Junge Leute“, sagte Herr Beamish, „fallen in meinem armen Königreich unter meine Beobachtung – jung und alt. Ich finde, sie sind in ihrer Liebe zum Vergnügen erstaunlich ähnlich; der Unterschied besteht hauptsächlich in ihrer Fähigkeit, dieses Vergnügen zu erfüllen. Das ist keine ungewöhnliche Beobachtung. Die Jungen haben eine Unbesonnenheit, die sie gerne mildern möchten; die Alten hingegen nicht. Der Ruf der Jungen nach Vergnügen ist eigentlich – ich habe ihre Sprache studiert – ein Ruf nach Lasten. Seltsam! Und die Alten beklagen sich darüber, zu viele Lasten auf ihren Schultern zu tragen – was nicht überraschend ist. Zusammen bilden sie ein angenehmes Konzert, das sowohl die Ohren erfreut als auch den Weg des Philosophen leitet – dessen Weisheit darin besteht, ihren Spuren aus dem Weg zu gehen.“
„Gut. Aber ich habe Sie um praktischen Rat gebeten, und Sie geben mir einen Aufsatz.“
„Aus dem Grund, Herzog, weil Sie einen Fall vorschlagen, der zur Hinrichtung führt. Sie erwähnen zwei Dinge, die unmöglich zu tun sind. Die Alternative sind ein Strumpfband und ein Bettpfosten. Wenn wir an einer Kreuzung angekommen sind und weder rechts noch links, weder vorwärts noch zurück gehen können, zeigt uns der Zeiger, der uns den Weg weisen sollte, auf sich selbst und sagt unmissverständlich: Galgen.“
„Beamish, ich bin abgelenkt. Wenn ich ihr den Besuch verweigere, sehe ich Streitigkeiten, Tränen, Ballspiele, Ausflüge voraus – ich werde keinen einzigen Tag Ruhe mehr haben. Ich könnte tatsächlich Ihrer Meinung sein, des Puritaners. Wenn ich es zulasse, muss ein so unschuldiges Wesen in einer solchen Umgebung doch verdorben werden. Sie sollten wissen, dass der Stand, aus dem ich sie geholt habe … bescheiden war. Sie war einfach ein gewöhnliches Mädchen vom Lande. Sie hatte verschiedene Herren. Sie tanzt … sie tanzt schön, man könnte sagen, zauberhaft. Und nun will sie ihre Fähigkeiten zeigen – so sind eben Frauen!“
„Haben Sie von Chloe gehört?“, fragte Herr Beamish. „Da haben Sie ein Beispiel für eine junge Dame, die von diesem Ort nicht verdorben wurde – worüber ich nur sagen möchte, dass es am besten ist, diesen Ort nicht zu besuchen, aber besser ist, ihn kennenzulernen, als danach zu sehnen.“
„Chloe? Eine Dame, die ihr Vermögen verschwendet hat, um einen unwürdigen Schurken zu retten? Ich erinnere mich, von ihr gehört zu haben. Ist sie immer noch hier? Und natürlich ruiniert?“
„Was das Geld angeht, ja.“
„Das kann ohne Verlust des Rufs nicht möglich sein.“

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„Chloes Beschützer wird zugeben müssen, dass sie den Übeln der Unvorsichtigkeit ausgesetzt ist. Je heller ihre angeborene Reinheit, ihre Güte und ihr Vertrauenswürdigkeit strahlen, desto mehr wird das deutlich. Sie ist eine Dame, deren Würde auch in ihrer Demut leuchtet.“
„Sie hat, wie ich sehe, ihre Schönheit bewahrt“, bemerkte der Herzog mit einem Lächeln.
„Trotz all der Versuchungen – die ihre Geduld auf die Probe stellten – herrscht nun die Lilie. Also wird Chloe während ihres Aufenthalts der Herzogin zur Seite stehen. Es sei denn, der Teufel selbst mischt sich ein, dann garantiere ich Ihrer Gnaden vor jedem Schaden, der schlimmer wäre als das, was sie bereits erlebt hat. Und das“, fügte Herr Beamish hinzu, als der Herzog bei diesen Worten die Arme hob, „werde eher geringfügig sein. Sie wird spielen – das ist sicher. Schätzen wir die Summe auf tausend. Wir legen für sie einen Plan mit erlaubten Torheiten fest, und sie spielt, bis sie nach und nach dieses Geld verliert – mit dem gewünschten Effekt auf ihr Gewissen.“
„Tausend“, sagte der Herzog, „das wäre tatsächlich billig. Ich glaube, jetzt habe ich eine Beschreibung dieser schönen Chloe – von jemandem, der sie bewundert. Eine Brünette, elegant erzogen, aus einer guten Adelsfamilie – obwohl sie es für richtig hielt, ihren Namen zu verbergen. Das wird unsere Schwierigkeit sein, Cousin Beamish.“
„Unter meiner Obhut hieß sie Miss Martinsward“, fuhr Herr Beamish fort. „Sie kam sehr jung hierher – schon bald hatte sie zahlreiche Bewunderer. Wie es Frauen so geht, wählte sie den Schlechtesten unter ihnen. Um diesen Caseldy zu retten, opferte sie das Erbe, das sie von ihrem Onkel geerbt hatte. Um ihn aus dem Gefängnis zu holen, zahlte sie all seine Schulden – eine Unmenge an Rechnungen, dazu noch die Anwaltskosten. Tatsächlich beging sie, getrieben von ihrer Großzügigkeit, die Unbesonnenheit, sich selbst zu entblößen – was Skandal auslöste. Das geschah direkt nach ihrer Volljährigkeit – und es war der Todesstoß für ihre Beziehungen zur Familie. Seitdem lebt sie arm in Wells. Ich nannte sie Chloe – jeder, Mann oder Frau, der Chloe respektlos behandelt, wird bestraft. Als Opfer ihrer großzügigen Natur konnte ich sie nicht retten – aber ich kann sie vor den Pfeilen des Bösen schützen.“
„Hat sie keine Leidenschaft für das Spiel?“, fragte der Herzog.
„Sie hegt eine Leidenschaft für den Mann, für den sie Blut vergossen hat – um alle anderen Leidenschaften zu vernachlässigen. Sie lebt – und ich glaube, ich darf sagen, dass dies der Grund dafür ist, dass sie jeden Tag aufsteht und sich kleidet, in der Hoffnung auf seine Ankunft.“

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„Er könnte tot sein.“
„Der Hund lebt. Und er ist weiterhin der attraktive Caseldy, so sagen sie. Unter uns gesagt, Herzog – es gibt Dinge, die ihr das Herz brechen würden. Er war der Graf Caseldy an den Spieltafeln des Kontinents, und in letzter Zeit ist er Sir Martin Caseldy, der auf dem Anwesen wohnt, das sie ihm nach dem Tod seines Vaters zur Verfügung stellte.“
„Pah! Ein Schurke!“
„Jeden Morgen trägt er eine weitere „Schande“ mit sich, wenn er über sein Eigentum blickt – und lässt sie darben! Sie erhält immer noch Angebote – ich sage das zum Wohle unseres Geschlechts. Ihre unvergleichlichen geistigen und körperlichen Reize üben eine natürliche Anziehungskraft aus. Doch sie lehnt alle ab. Ich nenne sie die Schöne Selbstmörderin. Sie starb aus Liebe – und nun ist sie ein Geist, ein guter, angenehmer Geist – doch auch nur ein Schatten.“
Der Herzog wurde unruhig und drückte den Wunsch aus, zu hören, dass sie nicht von melancholischen Themen sprach – und dass ihr Gesprächsstoff nicht nur auf Liebe und Liebende, sei es glücklich oder unglücklich, beschränkt sei. Er wünschte, seine Herzogin würde mit fröhlicheren Themen unterhalten werden; Liebe sei ein Thema, das er für sich selbst behalten wolle. „Diesen Monat!“, sagte er mit zitternder Stimme. „Ich wünschte, dieser Monat wäre vorbei – dann wären wir endlich davon befreit.“
Mr. Beamish beruhigte ihn. Chloes Witz und Lebhaftigkeit seien so berühmt, dass man sie fast schon als medizinisches Phänomen betrachten könne, versicherte er. Sie sei ständig um ihre Gesellschaft gebeten; sie komponierte und sang Improvisationen, spielte Harfe und Cembalo hervorragend, spielte Gitarre und tanzte – wie der silberne Mond auf den Wassern des Teichs. Abschließend sagte er, sie sei zugleich menschlich und weise, bescheiden und unterhaltsam, tugendhaft – aber kein Tyrann; die beste Begleiterin für Ihre Gnaden, die junge Herzogin. Zudem versprach er mutig, die Herzogin während ihres Besuchs unter einem Namen zu begleiten, der als Tarnung dienen würde, um Ihre Gnaden’ Identität zu verbergen – während ihr alle Ehren zuteil würden, die ihrem Rang entsprachen.
„Sie verstehen meine Wünsche genau“, sagte der Herzog. „Alle Ehren, der erste Platz – und mein Zorn auf jeden Mann oder jede Frau, der dagegen verstößt!“
„Meine Aufgabe! Wenn Sie es wünschen, Herzog“, sagte Mr. Beamish.
„Tausend Entschuldigungen! Ich überlasse es Ihnen, Cousin. Ich könnte mir keine sichereren Hände wünschen. Ich bin Ihnen zutiefst dankbar. Dann also Chloe. Übrigens – sie hat…“

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„Angemessener Respekt vor dem Alter?“
„Sie neigt dazu, Respekt zu zeigen.“
„Nicht das meine ich. Ich frage mich: Ist sie keine leichtfertige Schwätzerin über die Reize und Vorteile der Jugend?“
„Sie hat einen jungen Verehrer – den ich Alonzo nenne –, den sie kaum wahrnimmt.“
„Das könnte nicht besser sein. Alonzo – hm! Ein treuer junger Mann?“
„Das Leben ist für ihn wie ein Baum, auf den er ständig die Initialen seiner Geliebten meißelt.“
„Sie sollte nicht zu grausam sein. Ich erinnere mich an mich selbst in jungen Jahren: Junge Männer wechseln ihre Zuneigung, wenn sie lange ignoriert werden, und sind der zweiten Liebe gegenüber wärmer als der ersten. Ich warne Sie. Folgt er ihr oft? Diese Liebesgeschichten und Angebereien in der Nähe der unschuldigsten Frauen sind ansteckend.“
„Ihre Gnaden wird umso schneller nach Hause eilen.“
„Oder weggehen! Möge sie mir verzeihen! Ich bin wie der Jude bei König Johann – gezwungen, sein Vermögen ohne Sicherheit auszuleihen. Was für eine Welt wir doch haben! Nichts, Beamish, nichts Erwünschtes bleibt unbegehrt! Wenn man etwas erlangt, stellt man fest, dass man im Krieg mit seiner eigenen Art steht. Von diesem Moment an muss man sich verteidigen. Es gibt keine friedliche Prozession auf dieser Welt. Selbst wenn es sich um eine schöne junge Frau handelt! – Ah!“
Mr. Beamish antwortete entschlossen: „Der Meisterkämpfer fordert alle heraus, solange er den Gürtel trägt.“
Der Herzog stimmte niedergeschlagen zu. „Wahr – oder er wird herausgefordert. Gibt es irgendeine Geschichte über diesen Alonzo, die wir ihr erzählen könnten? Sie könnten ihn für einen Monat ins Exil schicken, mein lieber Beamish.“
„Ich begehe keine Ungerechtigkeit, es sei denn, es gibt triftige Gründe. Es handelt sich um einen ehrenwerten jungen Mann – wie seine Hingabe an diese außergewöhnliche Frau zeigt. Sein einziger Wunsch ist es, ihr seinen Namen und sein Vermögen zu schenken.“
„Ich verstehe – ein ausgezeichneter junger Mann! Ich beginne, diesen jungen Alonzo zu mögen. Sie dürfen nicht zulassen, dass meine Herzogin sich über ihn lustig macht. Ermutigen Sie sie vielmehr, seine Werbung zu unterstützen. Die Dummheiten eines jungen Mannes sind kein schlechter Anblick. Nun gut, Beamish – Sie haben mich beruhigt. Das ist nur eine weitere Verpflichtung, die sich ansammelt. Wenn ich also nicht von einer Entlohnung spreche, dann deshalb, weil ich weiß, dass Sie nicht wollen, dass ich bankrott gehe.“

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Der Rest des Gesprächs zwischen dem Herzog und Herrn Beamish bezog sich auf das Datum der Ankunft Seiner Gnaden in Wells, die Unterkunft, die sie erhalten sollte, sowie auf weitere kleinere Arrangements, die ihre Bedingungen und ihren Komfort betrafen. Der Herzog sagte ständig: „Aber ich überlasse alles Ihnen, Beamish“, obwohl er bereits genaue Anweisungen in diesen Angelegenheiten gegeben hatte – sogar bezüglich der Ladenbesitzer, des Konditormeisters und des Apothekers, deren Lieferungen sich gegenseitig ausgleichen sollten, sowie des Kleiderhändlers und des Juweliers, bei denen sie einkaufen sollte. Der Herzog erinnerte sich nämlich an verwirrende Läden sowie an verwirrende Ladenbesitzer; und es war durch das Ausfüllen dieser Rolle für einen Tag, dass ein gewisser großer Adliger Erfolg bei der Gewinnung eines von Eifersucht umhegten Weibes erringen konnte, das so schön war wie Venus. „Ich hätte die Göttin herausgefordert!“, rief er, bevor er in seinem Enthusiasmus kläglich nachließ, wie ein schwaches Blasinstrument. „Sehen Sie also, wie vernünftig es ist, die richtigen Läden auszuwählen. Aber ich überlasse alles Ihnen, Beamish.“ Ebenso wendet sich der große Militärkommandant, nachdem er alles getan hat, was eine sorgfältige Voraussicht zur Sicherstellung seines Sieges vorschlägt, an den Schicksalsgott in der Hoffnung, das Unerwartete und das Dunkel Mögliche abzuwenden.

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KAPITEL III
Die prächtige Kutsche mit sechs Pferden sowie Dienern in Rot und Grün brachte Beau Beamish an einem sonnigen Tag fünf Meilen den Weg entlang, um die junge Herzogin an der Grenze seines Gebiets zu treffen und sie feierlich nach Wells zu begleiten. Chloe saß neben ihm und erhielt Ratschläge bezüglich ihrer zukünftigen Pflichten. An diesem Tag war er der vollkommene Schönling – charmant, doch zugleich herrisch; seine Art zu sprechen spiegelte seine äußere Pracht wider.
„Spähe zum Horizont und sage mir, ob du irgendwo einen Wagen erkennen kannst“, sagte er, als sie auf einem Hügel ankamen, von dem aus der staubige Weg zwischen braunen Hecken verlief und sich von trockenen Senken bis zu Getreidefeldern auf einem gegenüberliegenden Hügel erstreckte – etwa eineinhalb Meilen entfernt. Chloe blickte in die Ferne, während der Schönling aus Höflichkeit seinen Hut hob und murmelte: „Es ist schon unangenehm, das anzusehen!“
Kurz darauf sagte Chloe: „Jetzt weht Staub. Etwas nähert sich. Ich sehe Pferde – und ja, es ist ein Wagen!“
Es wurden Befehle an die Vorreiter gegeben, die Hornsignale zu ertönen lassen. Sowohl Chloe als auch Beau Beamish runzelten die Stirn über die unharmonischen Töne der Hornsignale – deren Klang eher säuerlich als angenehm klang.
„Man könnte meinen, es wären Hunde, die zum Mond heulen!“, sagte der Schönling. „Doch wie du weißt, wurden diese Tiere trainiert. Ich habe sie stundenlang auf einer Wiese herumlaufen lassen – in der Hitze und im Regen –, damit sie ihre ursprüngliche Kakophonie ablegen. Doch sie lieben das, genauso wie sie Speck und Bohnen lieben. Der musikalische Geschmack unseres Volkes befindet sich noch auf dem Niveau eines primitiven Verlangens nach Lärm – deshalb sind sie Feinschmecker des Lärms.“
„Es wird wohl angenehm klingen, wenn man es aus der Ferne hört“, antwortete Chloe.
„Ja, je weiter entfernt, desto angenehmer klingt es. Kommen sie näher?“
„Sie halten an. Am Fenster steht ein Reiter – jetzt nimmt er seinen Hut ab.“

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Chloe beschrieb den Halbkreis auf sehr beeindruckende Weise.
Die Augenbrauen des Schönlings hoben sich. „Göttliche Mächte!“, murmelte er. „Sie wird von Hand zu Hand weitergegeben – und irgendwann taucht ein Ritter auf. Wir haben mit solchen Rittern nicht gerechnet. Also muss ich mich mit einem Ritter auseinandersetzen! Das bedeutet, meine liebe Chloe, dass ich unbedingt Leidenschaft vortäuschen muss, wenn ich ihm gewachsen sein will – nichts weniger.“
„Er ist bereits weggeflogen“, sagte Chloe.
„Wen sie nach unserem Treffen trifft, ist mir egal“, erwiderte der Schönling und schnippte mit dem Finger. „Aber es gab bereits Zeit genug, um einer Frau wie Eva Schaden zuzufügen. Kommt sie näher?“
„Der Wagen bewegt sich den Hügel hinunter. Er ist bereits zurückgeritten. Sie hat keinen Begleiter.“
„Sie wurden auf meinen Befehl hin zehn Meilen entfernt abgeschickt – offenbar zum Vorteil dieser Ritterhorde. Im Fall einer Frau, Chloe, bedeutet schon ein Blinzeln eine Nachlässigkeit in der Wachsamkeit.“
„Das ist ein Axiom, das eher für den Harem des Großherrn geeignet ist.“
„Der Großherr könnte uns nützliche Lektionen im Umgang mit dem anderen Geschlecht erteilen.“
„Vertraut mir nicht – das wäre ein Kriegserklärung!“
„Vertraut mir doch – dann ist der Stopfen aus der Duftflasche heraus.“
„Herr Beamish, wir sind zwar Frauen, aber wir haben Seelen.“
„Der Kern im Apfel, dessen rote Schale den kleinen Tommy verleitet, den Obstgarten zu plündern, ist genauso gut als Konservierungsmittel.“
„Sie geben also zu, dass Männer unsere Feinde sind?“
„Ich behaupte vielmehr, dass sie das Banner der Tugend tragen.“
„Oh, Herr Beamish – ich werde sterben.“
„Ich verbiete es in meinem Leben, Chloe – denn ich möchte in dem Glauben an eine einzige Frau sterben.“
„Keine Schmeicheleien mir auf Kosten meiner Schwestern!“
„Dann flieht in ein Kloster – denn jede Schmeichelei geht auf Kosten eines anderen, Kind. Es handelt sich dabei um einen Extrakt der Menschlichkeit. Auf ihn zu leben, wie manche es tun, ist schlecht – das ist pure Kannibalisierung. Doch wir können unsere Taschentücher damit bestreuen – und das sollten wir tun, wenn wir unsere Nasen damit berühren wollen. Die Gesellschaft, meine Chloe, ist eine Wiederholung auf einer höheren Ebene…“

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Ein grausames System – wir müssen Opfer bringen. Was halten Sie zum Beispiel von mir im Vergleich zu unseren einfachen Rittern?
„Hunderte von ihnen, Herr Beamish!“
„Das ist ein Holocaust an Rittern, die dazu dienen sollen, mir Weihrauch zu bereiten – obwohl Sie keine druidischen Rituale durchgeführt haben und sie nicht in riesigen Weidenkörben verpackt haben. Seien Sie philosophisch – aber akzeptieren Sie Ihre Pflichten. Geben Sie uns auch unsere Pflichten zurück. Ich habe die ernsthafte Absicht, diese junge Herzogin zu schützen – und ich erwarte, dass meine Aufgabe schwierig sein wird. Ich trage das genannte Banner – wahrhaftig und mit Reue. Es ist ein Irrtum der Gewöhnlichen, anzunehmen, dass alles in den Klauen des Drachen liegt.“
„Die Menschen sind seine Zähne und Krallen.“
„Ja – doch die Leidenschaft für seinen feurigen Atem liegt bei der Frau. Sie wird springen, egal was passiert! Und genau in dem Moment, in dem sie springen will – oder auch nicht – verschlingt der Drache sie. Doch unsere Aufgabe ist es, unsere Herzogin davor zu bewahren. Ist sie in der Nähe?“
„Ich kann sie sehen“, sagte Chloe.
Beau Beamish bat um ein Porträt von ihr. Chloe begann: „Sie ist bezaubernd.“
Daraufhin kommentierte er: „Jede Frau ist aus vierzig Schritten Entfernung bezaubernd – und in der Vorstellung noch mehr.“
„Schönes braunes Haar sowie eine strahlend rote und weiße Hautfarbe – eingefasst von einem blauen Kopfschmuck.“
„Und ihre Augen?“
„Flüssiges Blau.“
„Das ist eine englische Hexe!“, rief der Edelmann aus – und rief mit Mitleid nach ihrem abwesenden Herrn.
Chloes Augen konnten nun die Züge der schönen Dame nicht mehr erkennen – denn die Fenster des Wagens lagen auf derselben Höhe wie die des Edelmanns auf der breiten Anhöhe des Hügels. Die Tür seines Wagens wurde geöffnet. Er setzte sich aufrecht hin und blickte die Herzogin Susan unverwandt an, bis sie rot wurde.
„Ach, Madame“, sagte er, „ich bin nicht der Erste.“
„Ach, Sir!“, sagte sie. „Wer sind Sie?“
Der Edelmann hob absichtlich seinen Hut und verbeugte sich. „Ich bin der Mann, von dessen Ankunft Ihnen jener Herr berichtet hat, der vorhin von dort oben Abschied von Ihnen nahm.“

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Sie warf ungeschickt einen Blick über ihre Schulter auf den Mann, der aus seiner Kutsche stieg. „Ein Herr?“
„Auf Pferd.“
Die Herzogin streckte aus Impuls heraus ihren Kopf aus dem Fenster, um die Entfernung zwischen den beiden Hügeln abzuschätzen.
„Nie und nimmer!“, rief sie.
„Warum hat er denn keine Botschaft hinterlassen, um mich anzukündigen?“, fragte der Mann verärgert.
„Mein Gott! Sie müssen Herr Beamish sein“, antwortete sie.
Er legte seinen Hut auf seine Brust und bat sie, aus der Kutsche zu steigen, um sich neben ihn zu setzen. Sie forderte: „Wenn Sie wirklich Herr Beamish sind?“ Er runzelte die Stirn und hob den Kopf, um sie zu überzeugen – doch sie ließ sich nicht beeindrucken. Daraufhin wandte er sich an Chloe, um seine Identität zu bestätigen. Als die Herzogin Chloes Namen hörte, rief sie: „Oh! Das reicht jetzt – Chloe ist meine Zofe hier, und ich weiß, dass sie von adliger Herkunft ist. Wir werden Freundinnen werden. Reichen Sie mir Chloe herüber. Und Sie sind Chloe?“, fragte sie, nachdem sie ein paar Schritte zwischen den Kutschen gegangen war. „Und es macht Ihnen nichts aus, meine Zofe zu sein? Sie sehen wirklich wie ein nettes, gutes Mädchen aus. Ich sehe, dass Sie von adliger Herkunft sind – das erkenne ich sofort. Sie sind dunkelhäutig, ich bin hellhäutig – wir passen zusammen. Und sagen Sie mir – pssst! – welche schrecklich langen Augen er hat! Ich werde Sie gleich fragen, was Sie von mir halten. Ich war noch nie zuvor in Wells. Mein Gott! Die Kutsche hat sich gedreht. Wie weit entfernt müssen wir sein, um die Glocken hören zu können, die ankündigen, dass ich komme? Ich weiß, dass es Glocken geben wird. Herr Beamish, Herr Beamish! Ich muss unbedingt mit einer Frau reden. Ich habe großen Respekt vor Ihnen, aber Männer, die bereit sind, auf meinen Wink hin zu sprechen – das gibt es im Palast meines Herzogs Dutzende – auch wenn es alte Männer sind – aber eine Frau, die Adlige ist und freundlich genug ist, meine Zofe zu sein, die habe ich seitdem nicht mehr getroffen, seit ich das Recht hatte, eine Krone zu tragen. Na gut, ich werde Chloes Hand halten – das wird genügen. Sie würden mir sofort sagen, Chloe, wenn ich nicht nach Ihrem Geschmack gekleidet wäre, oder? Was das Reden angeht – das ist bei mir ein Zeichen dafür, dass mir jemand gefällt. Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich zu meinem Herzog sagen soll. Ich sitze da und finde es lustig, einen Herzog statt eines Ehemanns zu haben. Auf Wiedersehen!“
Die Herzogin lachte über Chloes Lachen. Chloe entschuldigte sich, doch ihre Herrin sagte ihr, dass das genau das sei, was sie mochte.
„In den ersten zwei Jahren“, fuhr die Herzogin fort, „konnte ich kaum ein Wort sprechen. Ich stotterte, wurde rot und wünschte mir, in meinem Zimmer zu sein und mein Haar zu kämmen und zu locken.“

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Meine Haare – und ich war bereit, vor allen einen Knicks zu machen. Jetzt fühle ich mich ganz wohl hier, denn ich habe viel Mut – außer vor dem Tod. Vor dem Tod bin ich noch schlimmer dran als damals, als ich nur ein einfaches Wesen mit den „Lachs“ eines Dummkopfs in meinen runden Augen und einem Mund wie ein Ei war. Ich frage mich, warum das so ist. Aber ist der Tod nicht schrecklich? Und Skelette! Die Herzogin zitterte.

„Das hängt vom Skelett ab“, sagte Beau Beamish, der sich der Unterhaltung angeschlossen hatte. „Ihres, Madame, würde ich lieber nicht treffen – denn es würde mich in tiefe Reue über den Verlust des Fleisches stürzen. Ich habe jedoch mein eigenes Skelett getroffen und hatte Grund zur Zufriedenheit mit diesem Treffen.“

„Ihr eigenes Skelett, Sir!“, sagte die Herzogin erstaunt und entsetzt.

„Unverkennbar meins. Ich werde Sie durch eine Beschreibung davon als Zeuginnen heranziehen.“

Herzogin Susan starrte ihn an und rief: „Oh, tun Sie das nicht!“ Doch dann fügte sie hinzu: „Es ist hellichter Tag, und nach Einbruch der Dunkelheit muss jemand bei mir schlafen.“ Dabei lächelte sie Chloe an, die ihr versicherte, dass es keinen Grund zur Besorgnis gebe.

„Ich begegnete meinem Skelett in der Nacht, als ich zu meinem Zimmer ging“, sagte Beau. „Wir befanden uns in einem engen Flur – es war unumgänglich, dass einer von uns Platz machte. Ich muss gestehen: Wir sehen uns alle in unseren Knochen erstaunlich ähnlich. Ich war bereit, ihm den Vortritt zu lassen. Denn dieser Kerl war zweifellos ein Hindernis – und auf den ersten Blick abstoßend. Ich hielt ihn für irgendein Skelett, für den Boten des Todes – mit seinem lachenden Schädel, den nummerierten Rippen sowie den seltsam gespreizten Füßen. Im Grunde genommen war er einfach das ganze ungeschickte, wackelige Etwas, aus dem der Mensch besteht – und dessen Bild ihn in schwächeren Momenten heimsucht. Um ehrlich zu sein, hatte ich gerade an einem Abendessen mit einigen unserer besten Intellektuellen und Schönheiten teilgenommen. Das ist doch die perfekte Voraussetzung, um Geister herbeizurufen. Also dachte ich: Mein Lieber, ich werde dich einfach beiseiteschieben. Ohne Gruß drängte ich mich vorwärts. Madame, ich versichere Ihnen: Er verhielt sich genau so, wie ich selbst unter ähnlichen Umständen gehandelt hätte. Aufgrund der Struktur seines Körpers zog er sich zurück und machte mir eine Verbeugung – eine Verbeugung, die genau zwischen Würde und Dienstlichkeit lag. Ich trat vor, er zog sich zurück – wieder diese Verbeugung, frei von Unterwürfigkeit, aber dennoch majestätisch. Das, dachte ich, sind königliche Umgangsformen. Ich hätte ihn für den Schwarzkönig persönlich halten können – ohne seinen Umhang. Bei meiner Seele, er brachte mich zum Erröten.“

„Und das ist alles?“, fragte die Herzogin und atmete erleichtert auf.

„Nun, Madame“, antwortete Beau, „sehen Sie denn nicht, dass es nur mein eigenes Skelett gewesen sein kann – ein Skelett, das sich mit solcher Würde verhalten konnte?“

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Und Anmut – selbst wenn man von seinem nächsten Verwandten verletzt wird? Als er mir die Tür öffnete und das „Pas“ annahm, das ich ihm nun von Herzen gewährte, erkannte ich sofort sowohl ihn als auch die Rüge, die er mir absichtlich erteilt hatte – oder vielleicht sollte ich sagen: den Weinfest, auf dem ich getanzt hatte. Ich protestiere: Mit einer solchen Demonstration höchster Umgangsformen gelang es ihm, den größten Kompliment zu übermitteln, den ein Mensch je erhalten kann – nämlich die Gewissheit, dass ich auch nach dem Vergehen dieses irdischen Körpers weiterhin für meine Höflichkeit und Eleganz bekannt sein werde. Nein, sogar unsterblich – ohne die Fehler, die ich begangen habe, als ich die Weinkiste trug.

Herzogin Susan fächelte sich, um die Geschichte besser verdauen zu können. „Nun, es ist keine so schreckliche Geschichte – und ich weiß, dass Sie der große Herr Beamish sind“, sagte sie.

Er fragte sie, ob der Gentleman ihr vom Hügel aus Zeichen gegeben habe. „Was meint er mit einem Gentleman?“, wandte sie sich an Chloe. „Mein Herzog sagte mir, Sie würden mich treffen, Sir. Und Sie sollen mich beschützen. Wenn etwas passiert, liegt es an Ihnen.“

„Ganz recht“, sagte der Mann. „Daher werde ich wachsam bleiben.“

„Außer dass Sie mir Freiheit lassen. Uff! Ich war schon so lange eingesperrt. Ich schwöre, Chloe – ich fühle mich wie ein Kleid, das zum Urlaub bereitsteht, und habe etwas Angst, es zu ruinieren. Ich bin wirklich noch ein Kind, mehr als damals, als mein Herzog mich heiratete. Es schien, als würde ich wieder erwachsen – nachdem ich zum Reichtum gekommen war. Und niemand, dem ich davon erzählen kann! Stellen Sie sich das vor! Man kann doch nicht mit alten Herren darüber sprechen, was im eigenen Herzen vorgeht.“

„Wie sieht es mit jungen Herren aus?“, wurde sie vom Mann gefragt.

Sie antwortete: „Die finden es heraus.“

„Nur nicht, wenn Sie ihnen nicht helfen“, sagte er.

Herzogin Susan ließ ihre Lider halb sinken, während sie ihn mit der einfachen Schüchternheit eines Naturgedankens ansah, der einen Blick auf die Welt wirft. Ihre blauen Augen und ihre Kirschlippen ergaben ein äußerst anziehendes Bild. „Nun, ich frage mich, ob das wahr ist“, sagte sie und brachte ihre List in Worte.

„Hüten Sie sich vor Männern mittleren Alters!“, rief er aus.

Sie wandte sich an Chloe: „Und ich bin sicher, dass sie die Nettesten sind.“

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Chloe stimmte zu, dass dem so war.
Die Herzogin maß Chloe und Beau zusammen – mit einem scharfen Verstand, der alles erfasste, wonach es verlangte.
Sie hätte dieses angenehme Thema weiterverfolgt, wenn man sie nicht dazu aufgefordert hätte, nach unten zu blicken auf die Türme und Dächer von Wells, die im sanften Licht der Nachmittagssonne dalagen.
Mit ausgestrecktem Seidenkleid berührte sie ihre Haare und flüsterte Chloe zu: „Ich kann dieses Pulver nicht ausstehen. Du wirst sehen, wie ich in einem Kreis tanze. Ich kann das – ich habe es schon bei langsamer Musik getan, bis mein Herzog in die Hände klatschte. Im Sitzen bin ich nichts im Vergleich zu dem, was ich zu Fuß bin. Das liegt daran, dass ich noch keine feine Sprache habe. Ich werde sie bekommen – es scheint immer das Letzte zu sein. Und wo treffen sich all die wichtigen Leute zum Spazierengehen?“
„Sie spazieren dorthin, wo man die Bäume sieht, Madame“, sagte Chloe.
„Und wo sitzen die Damen und essen Marmorkuchen mit Schlagsahne, während die Herren stehen und Komplimente machen?“
Chloe sagte, es sei in einem Laden in der Nähe des Pumpenhauses.
Herzogin Susan blickte über die Dächer, jenseits der staubigen Hecken.
„Oh, und dieses Pulver!“, rief sie. „Ich hasse es, aus der Mode zu sein und kein Spektakel mehr darzustellen. Aber ich liebe meine eigenen Haare – ich habe so viele davon, und mir gefällt ihre Farbe, meinem Herzog auch. Nur lassen Sie mich nicht anfassen. Wenn ich einmal vor Menschen erröte, ist mein Mut verschwunden; mein Gesang wird erstickt – und in mir tobt den ganzen Tag über ein regelrechtes Treiben, egal ob es regnet oder sonnig ist – still, immer nur Liebe und Unterhaltung.“
Chloe lächelte, und Herzogin Susan sagte: „Genau wie ein Vogel – denn ich weiß nicht, was es sonst sein könnte.“
Sie wartete darauf, dass Chloe sagte, sie wisse es.
In diesem Moment kamen zwei berittene Knappen angefahren, und der Wagen hielt an. Beau Beamish gab Befehle, die Kirchenglocken läuten zu lassen sowie dass die Band zusammenkommen und seine Kutsche an der Spitze der Allee begleiten sollte – „zu Ehren der Ankunft Ihrer Gnaden, der Herzogin von Dewlap“.
Er sprach diese Worte laut zu seinen Männern und warf der Herzogin einen strahlenden Blick zu – sodass sie für einen Moment fasziniert war und nicht mehr auf ihr Gehör achtete. Doch bald wurde sie unruhig; die Anzeichen…

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Sie biss sich auf die Lippe – nachdem sie ein- oder zweimal kurz geatmet hatte, fragte sie: „Meinte er damit mich, Herr Beamish?“
„Sie, meine Dame, sind die Person, der wir die Ehre erweisen dürfen“, antwortete er.
„Herzogin wovon?“, fragte sie mit besorgtem Gesichtsausdruck.
„Herzogin von Dewlap“, sagte er.
„Das ist nicht mein Titel, Sir.“
„Auf meinem Territorium ist es Ihr Titel, meine Dame.“
Mit einem spöttischen Lächeln verzerrte sie ihre hübsche Nase und ihre Oberlippe: „Dewlap! Ich werde auf keinen Fall in diese Stadt als Herzogin dieses dummen Namens eintreten – nein, das werde ich nicht! Rufen Sie bitte sofort diese Männer zurück. Bitte, Herr Beamish! Sie beleidigen mich damit. Ich werde kein Opfer von Spott werden. Sie beleidigen auch meinen Herzog – er würde lieber sterben, als dass meine Gefühle verletzt werden. Mein ganzer Spaß ist ruiniert. Ich werde nicht als Herzogin dieses dummen Namens in die Stadt gehen. Rufen Sie sie sofort zurück! Ich weiß, wer ich bin und was mir zusteht.“
Beau Beamish entgegnete: „Ich auch. Chloe wird Ihnen sagen, dass ich hier der Lord bin.“
„Dann werde ich nach Hause gehen. Ich werde nicht zum Gespött werden – als dumme Adlige. Ich bin eine echte Adlige von hohem Rang – und so werde ich auch auftreten. Was ist schon eine Herzogin von Dewlap? Man könnte genauso gut Herzogin von Cowstail oder Herzogin von Mopsend sein. Und diese Leute! Aber das werde ich nicht tun. Ich werde nicht zum Spielball anderer werden. Ich sehe, wie sie mich anstarren! Nein, ich kann meine Entscheidung treffen – bitte rufen Sie Ihre Männer zurück, sonst gehe ich nach Hause.“ Sie murmelte: „Gespottet werden – zum Narren gemacht!“
„Ihres Gnaden Wagen steht hinter Ihnen“, sagte Beau.
Seine despotische Kälte brachte sie dazu, laut aufzuschreien und zu weinen. Sie wiederholte schluchzend: „Dewlap! Dewlap!“ Sie schüttelte ihre Schultern und verbarg ihr Gesicht.
„Sie sind stolz auf Ihren Titel, nicht wahr, meine Dame?“, fragte er.
„Ja, das bin ich“, antwortete sie stolz.
„Dann merken Sie sich Folgendes: Ich bin der Freund Ihres Herzogs – und Sie stehen unter meiner Obhut. Ich bin Ihr Beschützer, und Sie sind meine Schutzbefohlene. Sie können nur unter der Bedingung in die Stadt eintreten, dass Sie mir gehorchen. Merken Sie sich das, meine Dame – niemand kann Ihnen Ihren wahren Namen und Titel nehmen.“

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„Aber Sie betreten einen Ort, an dem Sie auf tausend Versuchungen stoßen werden, die Ihr Ansehen trüben – und vielleicht sogar zerstören könnten. Ich warne Sie: Tun Sie nichts, was dazu führen könnte.“
„Dann soll ich also meinen eigenen Titel haben?“, fragte sie.
„Für den Monat Ihres Besuchs sind Sie Herzogin von Dewlap.“
„Ich sage, das werde ich nicht tun!“
„Sie werden es tun.“
„Niemals, Sir!“
„Ich befehle es.“
Sie stürzte mit einem Schrei auf Chloes Brust zu. „Können Sie denn nichts für mich tun?“, wimmerte sie.
„Es ist unmöglich, Herrn Beamish zu bewegen“, sagte Chloe.
Nach einer Pause, die aus Schluchzern und Seufzern bestand, brach die Herzogin mit gebrochener Stimme hervor: „Dann glaube ich – ich glaube, ich hätte lieber sein Skelett getroffen!“
Ihre Aufrichtigkeit glich ihrer Geistesgegenwart.
Beau Beamish rief aus, applaudierte ihr herzlich und gestattete sich aus aufrichtiger Bewunderung die Freiheit, ihre Finger zu berühren. Sie glaubte, es gäbe noch eine Chance für sie – doch er runzelte die Stirn, als sie daran dachte.
In diesem Moment ertönte der begeisterte Klang der Band; gleichzeitig ertönten die Glocken des Festes. Zudem wurde ihr eingeschärft, ihren Kummer zu verbergen und den Menschen Würde sowie ein fröhliches Gesicht zu zeigen. Die Aufregung durch die neuen Szenen sowie die Marschmusik halfen dabei, das starke Gefühl der Enttäuschung aus dem Kopf der Herzogin Susan zu vertreiben. Bald schon stand sie aufrecht da, mit einem Gesicht, das allen Wundern offen war – so empfänglich wie die Oberfläche eines blauen Sees, hier und da von gelegentlichen Brisen geglättet unter der Sonne.

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KAPITEL IV
Für Herrn Beamish – unseren ersten, wenn nicht einzigen philosophischen „Beau“ und einen Mann von beträchtlichem Verstand – galt es als Axiom, dass die englischen Menschen eine tyrannische Regierung genauso benötigten wie die Politiker, die ohne sie auskommen konnten. Dies erklärte er durch eine Darstellung des Charakters einer Rasse, die über die hervorragende Tugend der individuellen Selbstbehauptung verfügte – was dazu führte, dass sie überall, wo sie sich versammelten, ausreichend Freiraum einforderten. Die Gesellschaft ist jedoch nicht erträglich, wenn die Harmonie im Umgang miteinander durch ständiges Anstoßen gestört wird; die Vorzüge des freien Bürgers werden zu seinen Nachteilen, sobald ein „brüderlicher Kreis“ entsteht. Diejenigen, die in einem Bereich ein so bemerkenswertes Beispiel für Zivilisation gezeigt haben, dass es Lob verdient, findet man oft am Rande der Barbarei – wo sie wiederum mit den Ellbogen vordringen. Sie müssen daher Gesetze akzeptieren, die nicht von ihnen selbst erlassen wurden und äußerst streng sind.

Auch hier besteht eine weitere Gefahr: Die mutigen Eigenschaften, die sie im Zustand der Unabhängigkeit auszeichneten, können – wie er die traurige Erfahrung späterer Zeiten vorausahnte – in der Unterwerfung vollständig verschwinden. Die prächtige Lebhaftigkeit, die zum Dorfplatz gehört, verlässt sie sogar in ihren Orten liberaler Zusammenkünfte, falls sie einmal vollständig von der Obrigkeit gezähmt werden. Unser „fröhliches England“ wird dann zu einem ernsten England – einem England von gescheiterten Männern, ähnlich einem Wildschweinkopf, der zum Sprechen eine Zitrone im Mund trägt: vielleicht gut zum Verspeisen – aber nicht zum Leben!

Herr Beamish schien tatsächlich die Gefahren eines solchen Übergangs vorausgesehen zu haben – einen Übergang, den er nur in seiner Zeit beobachten konnte. Wie er sagte: „Ich gehe, wie ich kam, im Nu.“ Er hatte weder Vorfahren noch Nachkommen; er war ein Genie, und er wusste, dass er allein war. Trotz seiner Bemühungen, Gleichgesinnte zu schaffen, gelang es ihm in seinem Gebiet doch, etwas zu erreichen – genug, um ihm den Rang eines der bedeutendsten Begründer unserer häuslichen Zivilisation zu verschaffen. Doch heute scheinen wir dadurch mehr verloren zu haben als früher gewonnen zu haben. Das Streben nach dem Natürlichen ist stets von fragwürdigen Gefahren begleitet. Wenn es, wie das Sprichwort sagt, zurückgaloppiert, dann tut es das in vollem Galopp – meistens jedoch galoppiert es einfach davon, ganz weg. Und dann bleibt für jede Art von Vitalität nur unsere prekäre Abhängigkeit übrig.

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Es kommt auf den Verstand an: Wir müssen von unserem Scharfsinn leben – ein Scharfsinn, der in der Regel weniger produktiv ist als Land und nicht weitergegeben werden kann. Richtig oder falsch – darüber gibt es unterschiedliche Meinungen – unterdrückte Herr Beamish unter seiner Herrschaft das „chthonische“ Natürliche mit eisernem Stab. Die einfachen Leute hatten keine Ruhe, bis sie öffentlich Nachahmungen der Damen und Herren darboten; auch die Damen und Herren hatten nicht das Privileg, das er als „freie Flaggen“ bezeichnete zu sein. Er konnte zwar nachsichtig gegenüber solchen Leidenschaften sein, doch er verurteilte das Wort selbst mit aller Strenge gegen jene, die sich schamlos der kleinen Schandtaten der Koketterie schuldig machten. Sein berühmter Umgang mit einer Dame, die zu sinken drohte und sich bereits wie ein Schiff in dieser Situation verhielt, war eine Beleidigung – er sagte zu ihr: „Nun, Madame, ich höre, Sie wollen sich dem sehr alten Orden anschließen?“… Das war eine Unverschämtheit, die ihn in Streit mit der Ehe des Mädchens sowie mit dem „schlechten Verwalter“ brachte – so nannte er die dritte Partei in diesen Angelegenheiten. Dennoch soll dies das Leben der Dame gerettet haben. Zudem kritisierte er die Vulgarität von Menschen von Stand. Er sagte zu einer modischen Dame, die sich in einem spöttischen Lächeln zeigte – was ihren Zügen nicht gut stand –, dass er gerne ihre Zusicherung hätte, dass es tatsächlich ihr Gesicht sei, das sie der Welt zeige. Das ist – vielleicht vor allem dank ihm – heute nicht mehr möglich. Eine Frau fragte ihn, warum er seine Verfolgungen besonders gegen Frauen richtete. „Weil ich eure Kämpfe führe“, antwortete er, „und ich findet euch in den Reihen des Feindes.“ Er betrachtete sie als Verräterinnen. Dennoch wurde er von einem Geschlecht stark unterstützt, das seine Abneigung gegenüber seinen Freunden vor einem bestimmten Alter durch eine herzliche Anerkennung, sobald diese das entsprechende Alter erreicht hatten, ausglich. Eine Gruppe von Adelsherrinnen bereitete ihm große Schwierigkeiten – außer bei denen, die von Natur aus dreist, aggressiv oder unerträglich dumm waren. Von dort aus setzte er seine Beschlüsse und Anordnungen in Kraft – natürlich nicht ohne Gegenangriffe und ohne anschließende Fragen darüber, ob die Tätigkeit dieses Mannes dem Land zugutekam. Er zähmte zwar den einfachen Adligen und seine Nachkommen, doch zum Preis ihres geistigen Lebens und ihrer Fähigkeit zu sprechen – indem er sie „versteinerte“. Bei einer erfolgreichen Tracheotomie hängt die Behandlung des Patienten, glauben wir, von der Schnelligkeit und Geschicklichkeit bei der Einsetzung der künstlichen Luftröhre ab.

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Die Landsleute, die von der Quelle ihres Atems abgeschnitten wurden, wurden nicht ordentlich behandelt; oder es gibt in ihnen eine natürliche Abneigung gegen alles Künstliche – es muss entweder die Natur sein oder gar nichts. Die Debatte soll dort bleiben, wo sie ist.
Es war wirklich kühn von Herrn Beamish, es zu wagen, eine schöne junge Herzogin von Dewlap zur Schau zu stellen – obwohl sie den Geruch einer Hirtenmaid an sich hatte, trotz ihrer erlernten Fähigkeit, sich angemessen zu bewegen – und gleichzeitig volle Ehrerbietung für eine Dame mit solchem Titel zu fordern. Diese Dame hatte die verführerischen Reize einer Apfelblüte am Baum neben der Straßenmauer, wenn der Besitzer abwesend war. Doch selbst er hätte es nicht versucht, wenn er nicht die Unterstützung seiner Gruppe von adligen Damen gehabt hätte. Sie hatten nämlich vereinbart, dass sie zunächst die verwandelte Milchmagd betrachten müssten – und die Beurteilung war nicht ungünstig. Herzogin Susan kam unbeschadet daraus hervor, besser sogar als ihr Herzog. Sie war sprachlos, doch ihr geübtes Gehen sowie ihre wirklich bewundernswerte Statur halfen ihr dabei, die Kritiker ihres Geschlechts zu besänftigen. Ihre allzu leicht errötende Unschuld wurde gelobt – allerdings mit der Einschränkung, dass sie ein wunderbares „Spielzeug“ für die „zweite Kindheit“ eines Herzogs sei und niemals aus seinem Kinderzimmer entlassen werden dürfe. Ihr Friseur wurde ebenfalls gelobt. Der Herzog galt als bekannter Kenner weiblicher Reize – natürlich würde er dafür sorgen, dass sie von den besten Modistinnen ansprechend geschmückt wurde. Ihr Lächeln war hübsch, ihre Augen sanft; sie könnte gut werden, wenn man sie eine Weile gut beschützte – doch diese Vorzüge einer gewöhnlichen Frau entsprachen nicht denen einer großen Dame. Ihr Titel war ein zu starker Einfluss auf ihren Charakter, um ihr bei den Kritikern eine Chance zu geben. Alle empfahlen Puder für ihre Haare und Wangen. Den Geruch der Hirtenmaid ließe sich nach ihrer Ansicht auf keine andere Weise beseitigen. Ihr Erröten sei unanständig. Tatsächlich verhielten sich die Kritiker des gegnerischen Geschlechts auf eine Weise, die dazu führte, dass die Wangen rot wurden – wie die Truppen der jungen Liebenden um Cytherea bei ihrer Geburt im Meer. Einige schwebten empor, andere sanken hinab – sie flatterten wie ihre lockeren Gewänder und füllten die Luft mit Blütenblättern, während sie ihr „Netz für die Welt“ webten. Herzogin Susan konnte zwar protestieren, dass sie ihr Erröten nicht unter Kontrolle habe – dass das Problem an den dreisten Augen liege und nicht an ihren unschuldigen Wangen – doch die Natur muss, wenn wir diese Männer zähmen wollen, verhüllt und eingesperrt werden – teilweise erstickt, manchmal sogar völlig. Die natürliche Frau bewegt keinen Fuß, ohne damit die „grausige Erscheinung“ des natürlichen Mannes hervorzurufen – eines Mannes, der nicht wie sie ist, sondern ein wilder Kannibale.

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Sie soll das Licht sein, das führt – es ist ihre Aufgabe, den nebligen Umhang einer Idee anzulegen, damit sie als Idee in den Köpfen der Menschen wohnen kann: sehr schwach sichtbar, doch mächtig, aber auch rätselhaft und ungreifbar. Über dieses Thema wurde ihr viel Weisheit mitgeteilt; sie verstand etwas davon und antwortete auf den Rest nur leeres Echo, bereit, vollkommene Unterwürfigkeit zu zeigen, soweit ihr Verstand es zuließ. Sie befand sich in jenem Stadium zarter, leicht gefärbter Unschuld der Liebe zu sich selbst, in dem schöne junge Frauen, die in ihrer Kindheit nicht zur Erziehung weggebracht wurden, es für eine Entweihung halten, anders dazustehen, als die göttliche Natur sie geschaffen hat – eine Schöpfung, die sie schön gemacht hat und daher sicherlich verehrt werden verdient. Die Vorträge der großen Damen sowie Chloes Ratschläge konnten sie nicht dazu bringen, den Puderpinsel zu benutzen. Vielleicht genoss sie auch, da ihre Schüchternheit verschwand, ihre Besonderheit inmitten von ihnen.

Doch die Besonderheit einer Herzogin von Dewlap mit Haaren und Wangen wie die unserer heimischen Landschaften brachte Probleme mit sich, die Mr. Beamishs Berechnungen überstiegen. Er hatte erkannt, dass sie attraktiv sein würde; doch er hatte nicht mit der Homogenität ihrer besonderen englischen Reize gerechnet. Eine Schönheit in Rot, Weiß und Blau ist unsere Göttin Venus mit der Apfel der Aphrodite in der Hand; nach zwei Besuchen im Pump Room und einem Spaziergang durch die Gärten rund um das Assembly House hatte sie die gewöhnlichen Gäste von Wells genauso in Männer und Frauen unterteilt, wie die Mutter Natur sie in Geschlechter geteilt hatte. Und die Männer wollten nicht schweigen; sie hatten ihre göttlichste Schönheit betrachtet – und nun mussten die Frauen diesem ungesunden Zustand nachgeben, so voller Leidenschaft. Ritter und Knappen, Militärs und Landbewohner, legten ihre Loyalitäten nieder, um sich dieser neuen, kraftvollen Erscheinung zu widmen – auf ihre eigene Art, mit lauten Rufen wie „View-halloo!“, „Yoicks!“, „Tally-ho!“, los geht’s! So etwas war in England noch nie dagewesen: Dass eine Schönheit die Leidenschaften entfachen konnte – Herzogin Susan tat sogar mehr: Sie verwandelte all ihre Anhänger in Hunde; sie waren Verrückte. Innerhalb weniger Tage nach ihrem Eintreffen gab es Wetten auf sie, Kämpfe sowie überschwängliche Lobeshymnen auf ihren Charakter – begleitet von Lügen. Einmal wurde ihr sogar öffentlich ein Schlag versetzt, als hätte dieser Ort noch nie die Pflege durch Mr. Beamish erfahren.

Dieser Schlag brachte ihn in große Verwirrung. Obwohl er ein Duell so weit wie möglich ablehnte, war ein Schwertkampf immer noch besser als der brutale Faustschlag. Und von allen Männern, die dazu fähig waren – wer würde…

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Er hatte den jungen Alonzo vorausgesehen – Chloes stillen, bescheidenen Geliebten! Es war tatsächlich er.
Der Fall wurde Mr. Beamish zur Entscheidung vorgelegt; er musste ein unparteiisches Urteil fällen. Während der Beweisaufnahme litt er, wie er in seinen Memoiren berichtet, unter großer Qual. Die Pflicht, mit dem Schwert der Gerechtigkeit jene zu bestrafen, die man am meisten schätzt, ist das größte Leid, das Könige kennen. Er hätte es getan – er verdiente es, zu herrschen. Glücklicherweise rechtfertigten die Beweise gegen den Mann namens Ralph Shepster Mr. Augustus Camwell, alias Alonzo, dafür, dass er schnell handelte, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Dieser Shepster, ein unerfahrener junger Edelmann, „der stank“, wie Beau Beamish über ihn schreibt, „die eine Hälfte aus Dreck und die andere Hälfte aus Stadtdreck“, hatte Chloe in seine anzüglichen Bemerkungen über die Herzogin von Dewlap hineingezogen. Der persönliche Respekt, den Mr. Beamish für Chloe hegte, befürwortete Alonzos Verteidigung ihrer Ehre so sehr, dass er bei seiner Entscheidung auf Alonzos Leidenschaft für Chloe hinwies, um sowohl die Unparteilichkeit des Angreifers als auch den gerechten Charakter des Urteils zu beweisen. Das Urteil lautete, dass Ralph Shepster ins Exil geschickt werden sollte und das Recht hatte, Entschädigung zu fordern. Der zweite Teil dieses Urteils trug dazu bei, den ersten in die Tat umzusetzen. Shepster lehnte das Schwert ab und bezeichnete es als Mord; außerdem brachte er viele Argumente vor, um seine Haltung zu begründen.
„Weil irgendein Mann kommt und mich zu Boden wirft, soll ich zu ihm gehen und ihn bitten, mich niederzustechen?“
Sein Kopfschütteln zeigte, dass er kein solcher Feigling war. Er widersetzte sich dem Befehl und weigerte sich, Genugtuung zu erhalten – bis plötzlich weiße Federn um ihn herumwirbelten und er zum Ziel von Verfolgungen wurde, die zu schwer für die Freundschaft seiner Freunde waren. Er floh und wiederholte immer wieder seine Geschichte, dass er „Beamishs Herzogin“ sowie Chloe bei einem Treffen im South Grove gesehen habe, wo ein Mann, dem die Wells nicht bekannt waren, sich den abenteuerlustigen Damen näherte – eine Geschichte, die mit Nicken endete.
Shepsters Exil war einer jener Siege der Gerechtigkeit, über die die Menschheit sich freuen könnte, wenn sie keine Unruhen hinterließen. Doch genauso wie ein Junge, der vor seinen Kameraden gedemütigt wird, in Angst geraten kann, gibt es auch im „Schulalltag“ Teufelei – und überall auf der Welt…

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Eine summarische Bestrafung, die den Ort nicht vollständig säubert, neigt dazu, diejenigen anzustecken, die zurückbleiben. Die großen Gesetzgeber – Lykurg, Drakon, Solon, Beamish – geben bedauernd zu, dass sie auf teuflische Mittel zurückgegriffen haben, nachdem sie ihren Kreis von Verbrechern gereinigt hatten. Ärzte gestehen das Gleiche bezüglich ihrer Heilmittel. Das auslösende Element muss ebenfalls beseitigt werden – es handelt sich dabei um ein subtiler Giftstoff, der unseren Geist beeinträchtigt. Herzogin Susan verfügte nun über den „Duft einer Opfergabe“, um ihre Anziehungskraft zu steigern; ähnlich wie die schatzbeladene spanische Galeone, auf die unsere unternehmungslustigen Privatkapitäne auf ihrer Rückreise aus den südamerikanischen Gewässern lauerten, besaß auch sie die doppelte Anziehungskraft, sowohl begehrenswert als auch feindlich zu sein. Sie sorgfältig im Auge zu behalten, war eine belastende Aufgabe.

Herr Beamish rief Chloe zu sich – sie kam sofort zu ihm. Ihr Blick war seltsam; er betrachtete ihn während des Gesprächs. So sieht jemand aus, der den sicheren Flug eines Pfeils oder die glücklichen Entwicklungen einer Intrige beobachtet. „Ich bin kein Inquisitor, Kind“, sagte er und stellte zwei oder drei bescheidene Fragen bezüglich seiner Herrin. Den Titel, mit dem er Herzogin Susan bezeichnet hatte, bereute er als Hauptursache für die Unruhen in seinem Fürstentum. „Man umwirbt sie“, sagte er, „nicht wie eine Festung, die eine Flagge hisst, sondern eher wie eine Herberge, in der man einen Sitzplatz und einen Becher Wein verlangt! Das sind unsere Sitten. Doch ich muss zugeben: Eine Herzogin von Dewlap ist eine Provokation – mein einziger Wunsch, den Namen meines Herrn zu schützen, wird durch die Gefahren, die seine Frau umgeben, beeinträchtigt. Sie ist nicht das, was ich angenommen hatte; wir hoffen, sie ist eine ausgezeichnete Person – doch sie ist für die meisten zu attraktiv, weshalb Zugbrücken sowie die üblichen Verteidigungsmaßnahmen nicht vernachlässigt werden dürfen.“

Chloe antwortete auf seine Fragen mit einer Beschreibung der Unschuld und Güte der jungen Herzogin – das beruhigte Herrn Beamish. „Und du?“, fragte er. Sie lächelte als Antwort. Dieses Lächeln war kein gewöhnliches Lächeln – es war ein Lächeln voller Begeisterung, das bei seinem Anblick ein neugieriges Zucken auf seinen Lippen hervorrief. Ein solches Lächeln fordert uns auf, zu raten – es beschleunigt unser Raten, warnt uns davor, zu verbrennen – und hebt uns so, wie ein Engel, empor, damit wir in der Welt der Farben erkennen können, was der Mund nur in blassen Worten ausdrücken kann. Das ist die Sprache des Herzens selbst; die Jahre spiegeln sich in einem Blick wider – genauso wie Berge und Täler in der dunklen Landschaft im Blitzlicht erscheinen.

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Er überprüfte sich selbst – er wagte kaum, es auszusprechen.
Sie nickte.
„Hast du den Mann gesehen, Chloe?“
Ihr Lächeln verschwand und wich strengen Zügen der Ekstase, die von Schmerz begleitet wurde.
„Er ist gekommen; er ist hier; er ist treu; er hat mich nicht vergessen. Ich hatte recht. Ich wusste es!“
„Caseldy ist gekommen?“
„Ja, er ist gekommen. Frag nicht weiter. Ihn haben zu dürfen! Ihn zu sehen! Herr Beamish, er ist hier.“
„Endlich!“
„Grausam!“
„Nun, Caseldy ist also gekommen! Aber jetzt, liebe Chloe, solltest du wissen, dass der Mann…“
Sie hielt sich die Ohren zu. Dabei bemerkte Herr Beamish einen dicken Seidenfaden, der an einer Hand hing. Ein Teil davon war geflochten, und am oberen Ende befand sich ein Knoten. Es sah aus wie der Anfang der Herstellung eines Peitschens – sie schwang ihn hin und her, damit er die Fäden mit seinen Fingern ergreifen und ihr Werk betrachten konnte. Es gab keinen besonderen Kommentar, also ließ er den Faden einfach wieder fallen.
Ihre Gesichter zeigten ihren Wunsch, nichts von ihm über Caseldy zu hören – sowie seine Bereitschaft, ebenfalls nichts zu sagen. Ihre Freude war zu groß; es schien, als würde sie darum bitten, sie auf ihrem Schoß zu tragen, wie eine müde junge Mutter, die gerade zum ersten Mal ihr Kind aus den Armen der Amme empfängt.

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KAPITEL V
Mit seiner üblichen Rücksichtnahme versuchte Herr Beamish, Chloe ihre frisch entstandene Freude nicht zu trüben – und zweifelte sogar nicht im Stillen an der Beständigkeit dieser Freude. Caseldys Rückkehr nach Wells war zumindest ein Zeichen für seine Treue, schließlich hatten sie sich dort verabredet, als er und Chloe sich das letzte Mal getrennt hatten. Alles könnte gut sein – obwohl unklar blieb, warum er sich nicht früher gezeigt hatte. Auf die leiseste Nachfrage antwortete Chloe mit einem Glücksschauer.
Außerdem rechnete Herr Beamish damit, dass Caseldy ein nützlicher Verbündeter sein würde, um den gebührenden Respekt vor ihrer Gnaden, der Herzogin von Dewlap, zu gewährleisten. Also machte er sich fröhlich auf den Weg zu Caseldys Unterkunft, um eine Begrüßungsbotschaft zu überbringen. Unterwegs traf er auf Herrn Augustus Camwell, mit dem er ein kurzes Gespräch führte. Er bewunderte sehr die Güte und Zurückhaltung des verliebten jungen Mannes, der über das bessere Schicksal von Caseldy und Chloe sprach. Herr Camwell schien in Eile zu sein. Caseldy war nicht zu Hause, und so begab sich Herr Beamish zu den Räumlichkeiten der Herzogin. Auch dort fand er sie nicht. Die beiden beratschlagten sich. Herr Beamish nahm einen ernsten Ton an – bis Chloe auf den Konditorladen zu sprechen kam. Denn Herzogin Susan hatte eine Schwäche für Süßes; sie liebte es, den Konditor zu besuchen, dessen Marmorkuchen ihr wichtiger waren als seine berühmteren Lammkuchen. Der Konditor teilte Herrn Beamish mit, dass ihre Gnaden früher als üblich in seinem Laden gewesen sei – begleitet von einem fremdartig aussehenden Herrn mit Schnurrbart. Ihre Gnaden habe mehrere Kuchen zusammen mit dem Herrn gegessen; dieser habe ihn dafür gelobt, dass er den kontinentalen Konditoren übertraf. Herr Beamish warf Chloe einen Blick zu. Er setzte seine Suche im Pump Room fort, während sie sich im Damencafé umsah. Als sie sich wiedertrafen, gingen sie zurück zu den Räumlichkeiten der Herzogin. Dort spielte auf Befehl ihrer Gnaden eine Band auf der Straße – doch die Herzogin war nicht da und seit ihrem Morgenaufbruch nicht mehr gesehen worden.
„Welchen Charakter würden Sie Ihrer Kenntnis nach der Herrin Susan von Dewlap zuschreiben?“, fragte Herr Beamish Chloe, als sie die Tür verließen.

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Chloe dachte nach und sagte: „Ich würde zu dem grausamsten Vergleich, den man für sie finden könnte, noch ‚gut‘ hinzufügen.“
„Aber der Vergleich ist doch akzeptabel!“, nickte Herr Beamish und dachte über die Tatsache nach, dass sie allein in den Händen der Natur waren – genauso wie Herzogin Susan. Von ihr konnte man sagen, dass ihr Charakter gut war, doch umso mehr war sie den Verlockungen der Frühlingszeit ausgeliefert. Er verband Chloes Adjektiv mit einer Reihe von Eigenschaften, die gleichermaßen auf die Natur und auf Frauen zutrafen, und schloss mit den Worten: „Man nennt Ihren Caseldy bei ihm zu Hause ‚den Grafen‘. ‚Der Graf geht spazieren.‘ Er gilt als außer Spiel. Ah! Sie werden ihn dazu bringen, dieses ‚Grafen‘-Titel aufzugeben, wenn er Sie von hier wegbringt.“
„Sprechen Sie nicht von der Zeit nach diesem Monat“, sagte Chloe so eindringlich und hastig, dass Herr Beamish ihr einen fragenden Blick zuwarf. Sie antwortete: „Ist ein Monat des Glücks nicht schon alles, was wir uns wünschen können?“
Der Verehrer klopfte zufrieden mit den Ellbogen an seine Seiten – in philosophischer Übereinstimmung mit ihren Gefühlen.
Am Nachmittag, während des Spaziergangs, trafen sie auf Herrn Camwell, der sich unter Gruppen modischer Damen und deren Begleiter befand. Sie gingen ruhig spazieren – auf Anraten der Ärzte, um den Appetit anzuregen. Da er nichts zur Abwesenheit der Herzogin sagte, erwähnte es Herr Beamish; daraufhin wurde ihm mitgeteilt, dass sie sich auf den Wiesen aufhielt und bereits seit einigen Stunden dort war.
„Nicht ungeschützt“, antwortete er Herrn Beamish.
„Aha!“, sagte dieser. „Wir haben also einen Argus!“ Da die Herzogin sich nicht auf den Hügeln befand und die Sonnenstrahlen durch die Wolken sanft waren, stimmte er dem Vorschlag seines jungen Freundes zu, ihr entgegenzugehen. Chloe ging mit ihnen, doch ihr Gesichtsausdruck war verächtlich. An den Zäunen reichte sie Herrn Beamish ihre Hand; sie sprach kein Wort mit Herrn Camwell – und er kannte den Grund. Dennoch behielt er seinen militärisch gelassenen Eindruck bei und hielt den Kopf hoch, wie ein Gentleman, der sich die Schande eines Spionagetuns nicht vorstellen kann. Chloe wich vor ihm zurück.
Herzogin Susan kam über eine weite, ungeschnittene Wiese – sie sang fröhlich, begleitet vom Gesang eines Lerches; Caseldy begleitete sie. Sie blieb stehen und sprach mit ihm; dann kam sie näher und rief aufrichtig: „Oh, Herr Beamish – ist das nicht genau das, was Sie wollten, dass ich tue?“

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„Nein, Madame“, sagte er, „Sie hatten meine Anweisungen im Gegenteil.“
„Ach!“, rief sie aus, „Ich dachte, ich müsse ab und zu über die Felder laufen, um meine Unschuld zu bewahren. Ich weiß, man hat es mir gesagt – und wer hat es mir gesagt!“
Herr Beamish verbeugte sich überschwänglich bei der Vorstellung von Caseldy, berührte dessen Finger als Zeichen der Wiederbelebung der Bekanntschaft und wandte sich lachend an die Herzogin:
„Madame, Sie erinnern mich an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Ich hatte einen jugendlichen Freund im zartesten Alter namens Tommy Plumston. Er genoss das Privileg einer Vertrautheit mit einem anderen Straßenjungen namens Jimmy Clungeon. Zusammen mit diesem abenteuerlustigen Gesellen verließ er gegen den Befehl seiner Mutter, das Haus während ihrer Abwesenheit auch nur für einen Moment zu verlassen, die Gegend. Vielleicht war das Ergebnis dieser Reise folgendes: In einer Entfernung von vier Meilen vom elterlichen Haus konnte er seine geliebte Mutter deutlich erkennen und war sicher, dass auch sie ihn gesehen hatte. Tommy beratschlagte sich mit Jimmy und rannte anschließend zu seiner Mutter und überreichte sich selbst in diesen naiven Worten – die ich wörtlich wiederhole, um Ihnen den Ton des unschuldigen Kindes näherzubringen: Er sagte: ‚Ich glaube, ich habe gehört, wie du mich rufst, Mama! Und Jimmy Clungeon glaubt das auch!‘ Also, wie Sie sehen, waren die beiden der Ansicht, sie handelten richtig. Es gibt eine feine Unterscheidung in den Zeitformen der Aussagen – allein das reicht aus, um der Aussage Glaubwürdigkeit zu verleihen.“
Caseldy sagte: „Die Richtigkeit der Aussage eines Jungen, der einen Freund namens Clungeon hat, steht außer Frage.“
Herzogin Susan öffnete die Augen. „Vier Meilen von zu Hause entfernt! Und was tat seine Mutter mit ihm?“
„Tommys Mutter“, sagte Herr Beamish, und mit der freimütigen Offenheit jener Zeit, in der die Menschen noch in Übereinstimmung mit der Natur lebten, erklärte er unverblümt, was sie getan hatte.
„Ich glaube, Sir, ich habe Ihre Gestalt vor etwa einer Stunde auf jenem Hügel dort drüben gesehen“, sagte Caseldy zu Herrn Camwell.
„Wenn das zu der Zeit war, als Sie aus dem Wald kamen, Sir, dann ist Ihre Vermutung richtig“, sagte der junge Mann.
„Sie sind weitsichtig, Sir!“
„Ja, Sir.“

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„Und ich auch.“
„Und ich“, sagte Chloe.
„Unsere Chloe wird Sie aus einer Meile Entfernung genau erkennen – und das hat sie bereits getan“, bemerkte Herr Beamish.
„Man vermutet etwas nur vage – wenn man falsch liegt, ist es vorbei; wenn man recht hat, dann ist es ein Wunder“, sagte sie und erhob ihre Stimme, um ein Lied anzustimmen und das Thema zu wechseln.
„Ach, ach, Chloe – also hattest du doch einen Verdacht, du Schelmin, an dem Tag, an dem wir die Ehre hatten, die Herzogin kennenzulernen, nicht wahr?“ beharrte Herr Beamish.
Herzogin Susan mischte sich ein: „Was für ein schönes Lied! Und Sie wollen sie davon abhalten, Sir!“
Caseldy begann zu spielen.
„Oh, ihr beide zusammen!“ rief sie aus. „Ich liebe es, Musik auf dem Feld zu hören – es ist himmlisch. Orchester in der Stadt und Stimmen auf den grünen Feldern – finden Sie nicht auch? Können Sie sich nicht zu Chloe gesellen, Herr… Graf, Sir, bevor wir zu den Leuten gehen, hier, wo alles so schön und ruhig ist. Musik! Mein Herz beginnt dann so zu klopfen. Singen Sie, Herr Alonzo?“
„Nicht besonders gut“, antwortete der junge Mann.
„Aber der Graf kann singen – und Chloe ist ein wahrer Engel, wenn sie singt. Werden Sie es nicht tun, Liebes?“ bat sie Chloe. Caseldy wandte sich an Chloe mit einem Präludium, begleitet von einer Verbeugung und einer Handbewegung.
Chloes Stimme ertönte – Caseldys tiefe, männliche Stimme ergänzte sie. Das Lied war fröhlich; er schnippte ab und zu mit den Fingern im fremdländischen Stil, sang mit voller Stimme und großer Hingabe – und reagierte sofort auf die geschickten Melodien seiner schönen Begleiterin sowie auf die Begeisterung der Herzogin Susan.
Herr Beamish und Herr Camwell applaudierten ihnen.
„Ich weiß nie, was ich sagen soll, wenn ich so voller Gefühle bin“, seufzte die Herzogin. „Und er kann auch Flöte spielen, Herr Beamish. Er versprach mir, in einem Ihrer wunderbaren Abendkonzerte in der Orchestergemeinschaft mitzuspielen – das wäre wunderbar… Oh!“
„Er hat es Ihnen versprochen, Madame, wirklich?“ fragte der junge Mann. „War das auf dem Weg zu den Quellen?“
„Auf dem Weg zu den Quellen!“ rief sie leise aus. „Wie könnte jemand mir etwas versprechen, bevor er mich überhaupt gesehen hat? Das finde ich seltsam.“

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Etwas, was man einer Person fragen könnte. Nein, heute, während wir spazierten – ich sollte ihn singen hören, sagte er. Er bewundert seine Chloe wirklich sehr. Nun, kein Wunder, oder? Sie kann alles: stricken, nähen, singen, tanzen – und auch sprechen! Sie ist niemals unsicher, wenn sie etwas sagt. Sie schafft es, ganze Szenen um einen herum entstehen zu lassen, wie bei einer Bildershow, sage ich zu ihr. Und immer fröhlich. Sie hat keinen einzigen Moment der Mürrischkeit; während ich manchmal wie eine Portion alter Milch bin, die nur für Schweine geeignet ist. Bei deinen späten Stunden hier wünsche ich mir morgens sicherlich etwas Unterhaltung – dann singt Chloe mir eines ihrer Lieder, und ich sage: „Da ist mein Vogel!“
Herr Beamish fügte hinzu: „Und Sie werden sich daran erinnern, dass sie ein Herz hat.“
„Das denke ich doch!“, sagte die Herzogin.
„Ein Herz, Madame!“
„Nun, was sonst?“
Nichts anderes, musste der Mann zugeben. Er schien von dieser Tochter der Natur verwirrt zu sein – besonders, als sie sagte: „Sie wissen doch etwas über ihr Herz, Herr Beamish.“
Er stimmte zu, denn natürlich kannte er ihre lebenslange Hingabe an Caseldy – doch in ihrem Ton lag Spott. Dennoch erwartete er nicht, dass eine Frau mit ihrer Bildung ihren Tonfall vollkommen den Umständen anpassen würde. Als er vorsichtig auf Caseldys hübsches Gesicht und ihre Figur zu sprechen kam, freute er sich, als die Herzogin sagte: „So sage ich es auch zu Chloe.“
„Nun“, sagte er, „wir müssen sie als ein Paar betrachten – sie gehören zusammen.“
Herzogin Susan antwortete: „Das sage ich ihm auch – sie wird alles tun, was Sie wünschen.“
Er wiederholte diese Worte mit einem Ausruf und kam zu dem Schluss, dass sie einfach lächerlich seien. Sie war von Geburt und Natur aus eine echte Hirtenmaid – und aufgrund ihrer Naivität benötigte sie einen starken Schutz vor ihren Reizen. So sah er das Problem – er hatte diese Ansicht bereits beim ersten Anblick von ihr gewonnen und kehrte immer wieder darauf zurück, wenn er in die unschuldigen Augen der Herzogin blickte. Obwohl seine Theorien über Männer und Frauen durchdacht waren, wurde er manchmal von dem selbstsicheren Verhalten der Herzogin beunruhigt. Immer wieder den Dummkopf in einer Person vorauszusehen, ist der sicherste Weg, manchmal zum Opfer zu werden – doch abstrakte Weisheit braucht einen unstillbaren Verdacht gegenüber der Schärfe des Geistes, wenn wir wollen, dass sie gegenüber unschuldigen Augen und unserer voreingenommenen Vorstellung von deren Unschuld wirksam bleibt.

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„Sie sprechen mit ihm über Chloe?“, fragte er.
Sie antwortete: „Ja, das tue ich. Und er liebt sie wirklich! Ich mag es, ihn darüber reden zu hören. Er gehört zu den Herren, bei denen ich mich nicht schüchtern fühle.“
Er hielt eine kurze Rede über die Vorzüge der Schüchternheit dabei, den Sex vor Gefahren zu schützen; anschließend, da man annahm, dass eine Frau, die sich bei einem bestimmten Herrn nicht schüchtern fühlt, keine Zuneigung für ihn empfindet, gab er seinen Platz an Herrn Camwell ab und wandte sich Caseldy zu.
Dieser Herr war sehr offen im Umgang. Chloe hatte ihn verlassen, und er erzählte, wie er nach England zurückgerufen worden sei und gezwungen gewesen sei, einen Streit zu lösen, der zu einer Klage hätte führen können. Deshalb musste er vorübergehend auf Besuche bei den Wells verzichten – nicht aus Angst vor dem Spielvergnügen – denn er hatte diese Schwäche bereits überwunden – sondern weil er es seiner Chloe schuldig war, ihr ein unbeschwertes Gesicht zu zeigen. Zuerst wollte er die ernsten Probleme, die ihn bedrückten, in den Griff bekommen. Aus ähnlichen Gründen hatte er auch nicht geschrieben; er wollte ihre Überraschung genießen. „Und ich wurde belohnt“, sagte er, als wäre er derjenige gewesen, der am meisten unter dieser Enthaltsamkeit gelitten hatte. „Ich fand – ich darf es Ihnen sagen, Herr Beamish – Liebe in ihren Augen. Von Natur aus göttlich, ist sie eine der Unsterblichen – sowohl in ihrem Aussehen als auch in ihrer Beständigkeit.“
Sie sprachen über Herzogin Susan. Caseldy gab widerwillig zu, dass es unhöflich wäre, Chloe während der kurzen Zeit ihres Aufenthalts in den Wells davon abzuhalten, die Herzogin zu besuchen. Deshalb habe er diesen Vorschlag nicht gemacht, sagte er. Die Herzogin sei schließlich noch ein Kind, unschuldig – keineswegs dumm – doch natürlich brachte ihr Wechsel von einer niedrigeren zu einer höheren Position Nachteile mit sich.
Herr Beamish sprach über die Schwierigkeiten seines Amtes als Vormund sowie über den seltsamen Herrn, den Chloe am Fenster ihrer Kutsche gesehen hatte.
Caseldy lächelte und sagte: „Falls es wirklich einen solchen Mann gibt – und Chloe hat ja eine ziemlich gute Sehkraft – können wir kaum erwarten, dass sie es zugibt.“
„Warum nicht, Sir, wenn sie doch so unschuldig ist?“, fragte Herr Beamish.
„Sie fürchtet Sie, Sir“, antwortete Caseldy. „Sie haben in ihr eine außergewöhnliche Furcht vor Ihnen geweckt.“

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„Ich habe es?“, sagte der Verehrer. Es war sein Bestreben gewesen, dieses Gefühl in ihr zu wecken – und er fühlte sich etwas stolz, eher aus Erleichterung darüber, dass er die Macht besaß, seine zarte Schutzbefohlene zu kontrollieren, als aus Eitelkeit. Doch wäre es dreist, zu behaupten, dass es keine Spur von Eitelkeit bei ihm gab. Er war ein sehr menschlicher Mann – und er hatte, wie wir gesehen haben, seine eigenen Vorstellungen davon, welche Wirkung die Angst auf die Herzen von Frauen hat. Jedenfalls ließ ihn etwas den Kavalier vergessen.

Sie wurden von dem heftigen Streit zwischen Chloe und Herrn Camwell angezogen. Herzogin Susan erklärte es auf ihre direkte Art: „Sie will, dass er nach Hause geht, und er sagt, er werde gehen, wenn sie ihm diesen doppelten Seidenfaden gibt, den sie immer bei sich trägt. Doch sie sagt, sie werde es nicht tun – egal wie oft er darum bittet. Also sagt er, er werde nicht gehen, und ich verstehe wirklich nicht, warum er das sollte. Sie sagt, er darf bleiben, aber er bekommt ihren Halsschmuck nicht, wie sie ihn nennt. Da reißt Herr Camwell danach, und Chloe wird wütend. Mein Gott, kann sie denn nicht finster schauen – auf ihn? Sie schaut niemals jemand anderen als ihn finster an.“

Caseldy versuchte, auf Herrn Camwells Seite zu argumentieren. Mit dem Mund an Chloes Ohr sagte er: „Geben Sie es ihm doch – lassen Sie den armen Kerl sein Andenken haben.“

„Ich kann hören! Und das ist wirklich nett“, rief Herzogin Susan aus.

„Es handelt sich dabei wohl um so einen typischen Mädchenschmuck“, bemerkte Herr Beamish. „Aber er könnte ihn haben – ohne dass er weggeschickt wird. Ich kann schließlich nicht zulassen, dass Alonzo verloren geht. Nein, meine Dame“, nickte er der Herzogin zu.

Caseldy fuhr mit seinem Flüstern fort: „Können Sie sich vorstellen, so etwas um den Hals zu tragen?“

„Doch, das kann ich mir vorstellen“, sagte Chloe.

„Was für eine Mode herrscht hier eigentlich?“

„Es ist noch keine Mode“, antwortete sie.

„Ein Seidenkranz eignet sich meiner Ansicht nach nicht für irgendeinen wertvollen Anhänger.“

„Eine Staubtasche ist auch kein besonders wertvoller Anhänger“, sagte sie.

„Oh, ein Andenken an den Tod!“, rief er aus.

Und sie antwortete: „Ja.“

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Er ermutigte sie wegen ihres Aberglaubens und fuhr fort: „Sicherlich, meine Liebe – es ist eine billige Art, sich eines lästigen, aufdringlichen Eifersüchtigen zu entledigen. Gib ihm das als ‚Mittelsmann‘.“
„Stört dich seine Anwesenheit?“, fragte sie.
„Ich muss zugeben, dass es nicht angenehm ist, ständig von diesem Kerl verfolgt zu werden – mit seinem bedrückten Blick. Er beobachtet uns jetzt, weil meine Lippen ganz nah an deiner Wange sind. Er sollte weg sein; er ist einfach zu viele. Schick ihn auf seine Reise mit dem Andenken, das er verlangt.“
„Ich behalte es für meine eigene Reise auf, die ich vielleicht antreten muss“, sagte Chloe.
„Mit mir?“
„Du wirst mir folgen – du kannst mir einfach nicht ausweichen, Caseldy.“
Er betrachtete ihr Gesicht. Sie lächelte zärtlich. „Bist du glücklich, Chloe?“
„Ich habe noch nie solches Glück gekannt“, sagte sie. Der Glanz in ihren Augen bestätigte das.
Er warf einen Blick auf Herzogin Susan, die wie eine Sonnenblume im Sonnenlicht aussah. Sein Blick verweilte einen Moment lang. Ihre üppigen, strahlenden Jugendreize waren die größte Faszination, auf die ein Auge wie seines blicken konnte. „Richtig“, sagte er. „Wir werden bis zum Monatsende völlig glücklich sein. Und danach? Aber wir müssen uns von Monsieur le Jeune befreien – gib ihm dieses Andenken; ich erspare ihm das. Für ihn wird es ein Segen sein – auf Kosten eines kleinen Stücks Seidenfaden für uns. Außerdem: Wenn wir ihn hier behalten, um seine Leidenschaft zu heilen – könnte das nicht dazu führen, dass diese Jungen plötzlich, wie die Winde Albions, von einem schönen Objekt zum anderen wechseln – auf Kosten der kostbaren, einfachen Frau, die du beschützt? Ich mache nur Andeutungen. Diese beiden beeinflussen sich gegenseitig – falls das überhaupt möglich ist. Sie spricht von ihm. Es soll nach deinem Willen geschehen – aber ein solches Andenken, meine Chloe, um sich eines eifersüchtigen Mannes zu entledigen!“
„Wünschst du dir wirklich, dass er geht?“, fragte sie.
Er zuckte mit den Schultern. „Der Kerl steht uns im Weg.“
„Glaubst du, er ist etwas gefährlich für meine unschuldige Dame?“
„Ehrlich gesagt, ja.“
Sie streckte das halb geflochtene Seil in ihren Händen aus, um seine Festigkeit zu prüfen, knüpfte einen zweiten Knoten und steckte es in ihre Tasche.
Sofort zeigte sie ihren fröhlichsten, spielerischen Ausdruck – in dieser Rolle war niemand so bezaubernd wie Chloe, denn dann wurde sie zur Gefährtin der Männer.

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Ohne dass ihr Status unter den weisen, sanften Damen in Gefahr geriet, war sie wie ein gut erzogener, fröhlicher Junge – dem seine bewundernden Älteren die Führung bei Streichen, Launen und Kämpfen überließen. Doch angenehmer als ein Junge: Die zarten Farbtöne ihres Geschlechts milderten ihren verspielten Geist. Sie schien die Vertreterin ihres Geschlechts zu sein, die den Stärkeren zeigte, wo sie sich treffen konnten – etwa auf einer Brücke über dem reißenden Strom, der sie voneinander trennte –, um fröhlich das Beste beider Seiten auszutauschen. Unberührt von Leidenschaft, doch mit all jenen Elementen, die Feuer entfachen können, um ihre Herzen zu beleben.

„Glücklich der Mann, der für sich dieses lebenslange Glück gewinnt!“, sagte Herr Beamish zu Herzogin Susan.
Sie verstand metaphorische Ausdrücke nur schwer, doch sie war geschickt darin, Gesichter zu deuten. Als sie den Enthusiasmus im Gesicht des Verehrers mit Caseldys besorgtem, verwirrtem und bedauerndem Blick verglich, hatte sie Mitleid mit dem Liebhaber, der sich bewusst war, keinen größeren Anteil an der Zuneigung seiner Geliebten zu haben. Als er sie anschließend ansah, hätte diese gütige Frau vor Mitleid weinen mögen – so deutlich zeigte er, dass er Chloes Vorzug für den anderen bemerkte.

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KAPITEL VI
An jenem Abend spielte Herzogin Susan am Pharaoh-Tisch und verlor achthundert Pfund – aus Verzweiflung über den Verlust von zwanzig Pfund zuvor. Nachdem Caseldy sie dazu ermutigt hatte, diesen Extremfall einzuschlagen, überwachte er sie. Als er sie aus dem Spielzimmer führte, kamen ein paar junge Ritter des Shepster-Ordens, betrunken vom Wein, ihr entgegen, um ihr ihr Beileid auszusprechen. Dabei benutzten sie übertriebene Gesten, die dazu dienten, die aus dem Kontinent importierte Höflichkeit nachzuahmen, sowie sehr süße Formulierungen bezüglich ihres christlichen Namens – ohne ihren besonderen Titel zu vergessen: „Meine liebe, liebe Dewlap!“

Sie war aufgeregt und schockiert durch diese unmittelbare Erfahrung mit dem Geldtransfer und sagte: „Ich bin sicher, ich weiß nicht, was Sie wollen.“
„Doch!“, riefen sie, schlugen sich auf die Brust wie Gitarrenspieler und ahmten die Haltung eines Musikers nach; „sie weiß es. Sie weiß wirklich, was wir wollen. Die hübsche Susie weiß, was wir wollen.“ Einer rief sanft: „Oh!“, der andere: „Ah!“, in offensichtlicher Spotthandlung gegenüber den fremden Bräuchen – ein selbsttröstender und üblicher Trick der Grobiane.

Caseldy stand hinter ihnen. Er trat vor und verbeugte sich vor ihnen. „Meine Herren, würden Sie mir bitte sagen, was Sie wollen?“
Er sagte das mit einem Blick, der Stahl ausdrückte. Das kühlte sie genug ab, damit er die Herzogin unter den Schutz von Herrn Beamish stellen konnte. Anschließend kam Herr Beamish mit Chloe aus einem anderen Raum herein; daraufhin zogen sich die beiden rustikalen Kerle zurück, um ihr Mut wiederzuerlangen.

Herr Beamish erkannte, dass es Anlass zur Dankbarkeit gegenüber Caseldy gab. Er fragte ihn: „Hat sie verloren?“ Und er schien zufrieden zu sein, als er den Umfang des Verlusts hörte. Er beauftragte Caseldy, die Damen sofort zu ihren Unterkünften zu begleiten, und sagte: „Leben Sie wohl, Graf!“
„Ihr ausländischer Titel wird Ihnen hier nach ein oder zwei Spielen nützlich sein“, antwortete Caseldy.
„Keine Spiele, wenn es möglich ist, sie zu vermeiden – obwohl ich sehe, wie der Klang Ihres Grafentitels bei unseren Leuten für Angst sorgen könnte.“

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Sie sind bereit, sofort mit den Fäusten zuzuschlagen – doch sie schätzen keine raffinierten, kalten Waffen.
Herr Beamish verbeugte sich hochnäsig vor der Herzogin und schickte sie weg.
Caseldy nutzte die Gelegenheit, als er ihr in ihre Kutsche half, um zu sagen:
„Wir werden versuchen, bei der Wahrsagerin herauszufinden, an welchem Tag wir Rache nehmen können.“
Sie antwortete: „Oh, sprechen Sie nie wieder mit mir über das Spielen! Ich habe fast kein Geld mehr – und ich kannte noch nie einen so verdorbenen Ort wie diesen. Ich habe das Gefühl, in einen Abgrund gefallen zu sein. Und da ist Herr Beamish – immer so höflich, wenn er sich vor mir verbeugt. Sie lassen Chloe warten, Sir.“
„Wo war sie, während wir am Tisch saßen?“
„Sicherlich war sie bei Herrn Beamish.“
„Ah!“, stöhnte er.
„Das arme Mädchen ist wegen ihrer Verluste heute Abend verzweifelt“, sagte er und wandte sich von der eingesperrten Herzogin ab, um zu Chloe zu sprechen. „Geben Sie ihr etwas Trost und ein paar moralische Ratschläge.“
„Das werde ich tun“, sagte sie. „Lieben Sie mich, Caseldy?“
„Sie lieben? Ich? Sie selbst? Welche Garantie hätten Sie denn?“
„Keine, mein lieber Freund.“
Es handelte sich dabei um eine Frau, die leicht getäuscht werden konnte.
In den Herzen mancher Männer wird das Gewissen beim Betrügen durch den intellektuellen Spott über leicht zu täuschende Menschen geschwächt – und dieses sanfte Vertrauen, das oft dazu führt, dass Verräter noch einmal über die Reize der Seele nachdenken, die sie verlassen wollen, veranlasst diese Männer dazu, mit doppelter Entschlossenheit weiterhin betrügerische Wege einzuschlagen. Zudem empfinden sie Zuneigung für ihre Opfer – und indem sie ihr Opfer nach der Stärke ihrer gegenwärtigen Gefühle beurteilen, können sie leicht verletzt werden, sogar schockiert, durch eine Kälte, die keinerlei Misstrauen in ihnen weckt. Eifersucht könnte sie vielleicht davon abhalten – schließlich ist es nicht unmöglich, sie dazu zu bringen, ihre Loyalität zu bekennen – doch völlige Gleichgültigkeit hat einen noch stärkeren Einfluss auf sie als eine stumpfe, blinde Vertrauensseligkeit. Sie hassen die Last, die diese Gleichgültigkeit mit sich bringt; der blinde Aspekt erinnert sie nur daran – und sie hassen das, sowie die enorme Arroganz, die aus der Annahme resultiert, dass sie für immer an so einen Dummkopf gebunden seien. Sie geht herum mit geschlossenen Augen – in der Erwartung, nichts zu sehen…

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Stolpert sie – und wenn das passiert, bin dann ich schuld? Der Verletzte stellt diese Frage im Laufe seiner Überlegungen. Er erinnert sich an die Vorzüge seiner Opfer – doch nur aus Mitleid. Doch dieses Mitleid wird durch den Gedanken gekühlt, dass sie ihm am Ende vielleicht im Weg stehen könnte, um ihn zu behindern. Da denkt er an den Preis, den sie ihm rauben könnte. Wenn eine Frau ein Hindernis ist, erscheint die andere als etwas Wünschenswertes – wie das Leben nach dem Tod. Er muss sie haben; er sieht sie in den Farben seines Verlangens nach ihr, während das Hindernis in den Farben seiner Abneigung erscheint. Grausamkeit ist nichts anderes als der Versuch des Mannes, das gewünschte Objekt zu erlangen.
Sie sollte es nicht seiner Vorstellung überlassen, dass der Blinde am Ende erwachen könnte, um ihm im Weg zu stehen. Es wäre besser für sie, ihn wegzuschicken oder ihm klarzumachen, dass sie kämpfen wird, um ihn bei sich zu behalten. Doch der Stolz einer Liebe, die in der Treue zur Liebe erstarrt ist, ist nicht immer weise, wenn es darauf ankommt.
Caseldy ging ziemlich weit hinter dem Paar von Stühlen. Auf seinem Weg sah er, was kommen würde. Seine beiden jungen Diener standen bereits vor der Tür der Herzogin Susan, als sie ankam. Beim Bemühen, ihr einen Weg freizumachen, wurde er von einem von ihnen geschlagen. Sie packte seine Hand. „Haben sie dir wehgetan?“, fragte sie.
„Denk daran, dass ich heute Nacht ihnen – und dem Himmel – dafür danken werde, meine Liebe“, antwortete er. Sein Tonfall ließ diesen Moment noch bedeutungsvoller werden.
Chloe bat einen ihrer Träger um Hilfe, um herauszukommen. Sie zeigte mit dem Finger auf die ungehobelten Eindringlinge und rief streng: „Ihr habt Blut an euch – kommt mir nicht nahe!“ Selbst die kraftvollsten Worte hätten ihre Vernunft nicht beeinflussen können. Sie starrten sich im hellen Mondlicht an. Wer von ihnen hatte Blut an sich? Da sie nicht aus Rache, sondern nur zum Spaß und um am nächsten Tag damit prahlen zu können handelten, gaben sie nach den Anweisungen des Tanzmeisters Zeichen der Höflichkeit – und verschwanden aus Caseldys Weg, als dieser sich seiner Herrin widmete. „Ignoriere sie einfach, Liebster“, sagte sie.
„Nein“, sagte er. „Was ist los?“ Sein heiserer Akzent sowie sein fester Griff um ihren Arm bereiteten ihr Übelkeit – fast so, als würde der Tod nahe sein.
Oben umarmte die Herzogin Susan sie. Beide zitterten. Die Herzogin schob ihren Zustand auf diese schrecklichen Männer. „Warum behandeln sie mich so?“, fragte sie.
Chloe antwortete: „Weil du schön bist.“

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„Bin ich das?“
„Ja, das sind Sie.“
„Ich bin es?“
„Sehr schön – jung und schön; noch in der Blütezeit. Sie werden lernen, sie zu entschuldigen, Madame.“
„Aber, Chloe –“ Die Herzogin hielt den Mund. Aus einem trägen Tagtraum heraus seufzte sie: „Ich schätze, ich muss es sein! Mein Herzog – oh, sprechen Sie nicht von ihm. Armer Mann! Er liegt schon seit Langem im Bett und schläft tief und fest. Ich frage mich, wie er es zulassen konnte, dass ich hierherkomme. Ich habe ihn wohl belästigt, das weiß ich. Bin ich wirklich, wirklich schön, Chloe, dass die Männer sich nicht beherrschen können?“
„Sehr, Madame.“
„Nun, gute Nacht. Ich möchte ins Bett gehen. Ich kann Sie nicht küssen, weil Sie mich ständig ‚Madame‘ nennen – aber ich liebe Sie, Chloe.“
„Ich bin sicher, dass Sie das tun.“
„Ich bin mir ganz sicher. Ich weiß, dass ich nie Böses im Sinn habe. Aber wie soll man als Frau sich dann verhalten? Oh, ich bin unglücklich, wirklich.“
„Sie müssen aufhören zu spielen.“
„Genau das ist es! Ich habe mein Geld verloren – ich hatte es vergessen. Und ich muss es meinem Herzog gestehen, obwohl er mich gewarnt hat. Alte Männer heben ihre Finger hoch – so! Ein Finger: Man vergisst diesen Anblick niemals. Es ist ein runder Finger, wie der Griff eines Kruges. Wenn sie predigen, zeigt dieser Finger nicht auf einen – die Haut sieht aus wie ein alter Mantel auf den Schultern eines alten Mannes – oder, Chloe! Genau wie, wenn man auf den Fingernagel schaut: ein zerknittertes Tuch bis zum Gesicht eines Toten. Ich schwöre, es ist genau so! Ich habe das Gefühl, als würde es mir nichts ausmachen, heute Abend über Tote zu sprechen. Mein Geld ist weg – und es macht mir auch nichts aus. Ich bin wieder ein wildes Mädchen, schöner als damals – er ist ein lieber, guter, alter Adliger mit seinem seltsamen alten Finger: ‚Susan! Susan!‘ Ich bin nicht schlimmer als die anderen. Jeder spielt hier; jeder hält sich für etwas Besseres. Sie haben doch auch gespielt, Chloe.“
„Nie!“
„Ich habe gehört, dass Sie einmal gespielt haben – und es ging um eine größere Summe, haben Sie gesagt, als je zuvor.“
„Nicht um Geld.“
„Um was dann?“

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„Mein Leben.“
„Mein Gott – ja! Ich verstehe. Ich verstehe heute Nacht alles, meine Herren.
Du hast es also getan! – Sie sind nicht so schändlich böse, Chloe. Denn ich sehe nichts Falsches in der menschlichen Natur – vorausgesetzt, wir sind diskret. Ab und zu ein Landtanz und ein Spiel, dann nach Hause, ins Bett und Träume. Daran ist nichts Schlechtes, das schwöre ich. Und deshalb bist du hiergeblieben. Gefällt es dir hier, Chloe?“
„Ich bin daran gewöhnt.“
„Aber wenn du den Grafen Caseldy heiratest, wirst du dann gehen?“
„Ja, dann.“
Sie sagte das so ohne Freude, dass Herzogin Susan mit großer Zärtlichkeit hinzufügte: „Du bist nicht verpflichtet, ihn zu heiraten, liebe Chloe.“
„Und er mich auch nicht, Madame.“
Die Herzogin umarmte sie impulsiv, um sie zu küssen, und sagte, sie wolle sich ausziehen, da sie allein sein wolle.
Von jener Nacht an war sie wie berauscht.

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KAPITEL VII
Das völlige Verschwinden des Paares von Helden, die zu den Letzten in der Verschwörung gehörten, ihn mit Problemen zu belästigen, veranlasste Herrn Beamish dazu, eine hohe Meinung von Caseldy als Assistent in einem solchen Amt zu haben. Sie waren gegangen – und es hörte sich nichts mehr von ihnen. Caseldy beschränkte seine Bemerkungen zu diesem Thema darauf, dass er die besten Mittel eingesetzt habe, um sich von solchen Leuten zu befreien; ob ihre Seelen oder nur ihre Körper geflohen seien, sei unbekannt. Doch die Herzogin unternahm ruhige Spaziergänge mit Caseldy, um sich zu schützen, während Herr Beamish ungeduldig die verbleibenden Tage ihres Aufenthalts zählte – wie ein Mann, der ständig auf die Uhr schauen muss. Denn Herzogin Susan war jetzt nicht mehr leicht zu handhaben: Sie hatte Anfälle von Ungehorsam und sagte offen, dass ihre Zeit knapp sei. Sie wollte tun, was ihr gefiel, wohin sie wollte gehen, wann sie wollte spielen – und eine unabhängige Frau sein – wenn sie schon so bald weggebracht werden sollte und in einem Schloss eingesperrt werden sollte, das im Grunde nur ein größeres Gefängnis war.
Caseldy protestierte, er sei genauso hilflos wie der andere Mann. Er beschrieb amüsant, wie lästig es sei, ständig hinter ihr herlaufen zu müssen, und schlug vor, dass sie die Gegend durchkämmen müsse, um ihren „seltsamen Ritter“ wiederzufinden – von dem, oder von jemandem, der ihr auf der Reise nach Wells einen halben Tag lang neben der Kutsche geritten sei, sagte er, habe sie eine Art Andeutung gemacht. Er klagte darüber, dass es ihm unmöglich sei, auch nur eine Stunde allein mit seiner Chloe zu verbringen.
„Und ich“, sagte Herr Beamish, „der daran gewöhnt ist, mit ihr Ratschläge auszutauschen, sehe sie viel zu wenig. Bald werde ich sie überhaupt nicht mehr sehen – und bereits jetzt spüre ich meinen Verlust.“
Er erklärte der Herzogin Susan seine Situation: Sie fuhr ständig weite Strecken und nahm Chloe ihm weg, während seine Arbeit es ihm verbot, sie zu begleiten. Da Chloe bald für immer aus seinem Leben verschwinden würde, fühlte er ihren Verlust zutiefst.
Die Herzogin antwortete ihm rätselhaft: „Sie können all das ändern, Herr Beamish – wenn Sie wollen. Sie wissen ja, dass Sie es können. Oh ja, Sie können es. Aber Ihnen gefällt es, ein Schmetterling zu sein – und wenn Sie die Damen blass machen können, sind Sie glücklich.“

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Dort sollen sie bleiben und verwelken – für Sie. Niemals! Ich habe Stolz. Ich mag zwar besorgt sein, aber ich werde niemals so tief sinken, dass ich wegen eines Mannes trübsinnig werde.
Sie betrachtete sich im Spiegel – dort war kein Anzeichen von Blassheit zu sehen.
Mr. Beamish dachte nach und hielt es für klug, mit Caseldy offen über ihre kindischen Verdächtigungen zu sprechen, damit sie nicht auf dieselbe Weise den Geist des Geliebten störte.
„Oh, beruhigen Sie sich doch, mein lieber Herr – was mich betrifft“, sagte Caseldy. „Aber um ehrlich zu sein: Ich glaube, ich kann die Andeutungen dieser edlen Dame etwas anders – und genauso klar – interpretieren. Mir persönlich gefallen blassere Frauen lieber als solche mit rotem Teint. Ich setze meine rechte Hand auf Chloes Treue. Welchen Schaden auch immer diese sinnlose Grausamkeit – ich würde es eher Unglück nennen – dieser wunderbaren Frau in der Zukunft zufügen mag, niemand wird sagen können, dass ich jemals auch nur für einen Moment der Niedrigkeit angehört habe, indem ich ihre Reinheit und Beständigkeit in Frage gestellt habe. Und, Sir, ich möchte hinzufügen, dass ich auch voll und ganz auf Ihre Ehre zählen kann.“
Mr. Beamish verbeugte sich. „Sie tun mir Unrecht. Aber welche Interpretation denn?“
„Zuerst hatte sie Angst vor Ihnen“, sagte Caseldy. „Sie glaubt, Sie vernachlässigen sie. Vielleicht hat sie den Verdacht einer Frau, dass Sie das absichtlich tun, um sie auf die Probe zu stellen.“
Mr. Beamish nannte verzweifelt all seine vielen Aufgaben. „Wie könnte ich denn Zeit für sie haben?“ Dann sagte er: „Pah“, und strich sanft über die Rüschen an seinem Handgelenk. „Nein, nein – obwohl, falls es zu einem Streit zwischen uns käme, könnte ich im Interesse meines alten Freundes, ihres Lords, den ich schätze, eingreifen, damit die Ausübung meiner Autorität angenehm verläuft. Bisher sah ich keinen wirklichen Grund dafür – und ich beobachte genau. Ihr Blick fiel ein- oder zweimal auf Colonel Poltermore; sein Blick auf sie ebenfalls. Diese Frau ist wie eine Rose im Juni, Sir – ich vergebe der ganzen Welt, dass sie hinschaut – und auch sehnt. Doch ich habe nichts Ernstes bemerkt.“
„Er gehört morgen zu unserer Gruppe, die zum Leuchtturm geht“, sagte Caseldy. „Sie bestand darauf, ihn zu haben – und wenigstens das gibt mir eine Stunde Freizeit.“
„Tun Sie mir den Gefallen und berichten Sie mir“, sagte Mr. Beamish.

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Auf diese Weise beauftragte er Caseldy damit, ihm Erfindungen zu liefern, und bereitete sich darauf vor, sie zu akzeptieren. Es war ständig Poltermore – der Colonel hier, der Colonel da –, bis die Verfolgungsjagd so intensiv wurde, dass Herr Beamish dem ermüdenden Gerede des jungen Herrn Camwell über das doppelzüngige Verhalten von Chloes Verlobtem nicht mehr zuhören konnte. Er begann, ihre Denkweise anzunehmen, und behandelte den jungen Mann fast genauso kalt wie sie. Mit der Zeit kam er durch seine eigene Schärfe darauf, dass der „seltsame Ritter“ niemand anderer als Colonel Poltermore sein konnte. Als Caseldy darauf anspielte, sagte Herr Beamish: „Ich habe ihn im Auge.“ Mit großer Selbstzufriedenheit fügte er hinzu: „Mit all Ihrer ausländischen Ausbildung werden Sie noch lernen, dass wir Engländer in der Kunst, Intrigen aufzuklären, keineswegs hinter Ihnen zurückstehen.“ Darauf antwortete Caseldy, dass die kontinentalische Welt Herrn Beamish wenig beizubringen habe.

Der arme Colonel Poltermore, wie er bald genannt wurde, war offensichtlich ein Opfer der plötzlichen Freundlichkeit der Herzogin Susan. Die Verwandlung eines steifen Militäroffiziers in einen geschickten Diener, einen Boten und einen flinken Helfer blieb nicht unbemerkt. Die erste Wirkung ihrer wohlwollenden Herablassung auf diesen unglücklichen Mann bestand darin, dass sie ihn zum Verteidiger ihrer Ansprüche auf Adelhaftigkeit machte. Sie besitze diese Eigenschaft von Natur aus, sie sei die große Dame der Natur – so protestierte er bei den adligen Damen seines Umfelds. Diese gaben zu, dass sie in jeder Hinsicht anders sei als eine Bürgerliche, die durch Heirat einen hohen Rang erlangt hatte: Sie war nicht vulgär. Doch sie blieben skeptisch bezüglich der vollkommenen Einfachheit einer jungen Frau, die solche Veränderungen in Männern bewirken konnte, dass einer der berühmten Eroberer jener Zeit zu ihrem unterwürfigen Diener wurde. Im Laufe der Zeit war der Colonel tatsächlich dazu herabgesunken.

Wenn er nicht an ihrer Seite war, eilte er stets mit schnellen Schritten durch Räume und Gänge, bis er sie gefunden hatte und sich an ihren Rock hängte. Und seltsamerweise war das Objekt seiner Eifersucht der treue Alonzo! Herr Beamish lachte, als er davon hörte. Die Aufregung und das atemlose Verhalten der Dame deuteten jedoch darauf hin, dass Poltermore bereits einen Erfolg errungen hatte, gegen den sofort vorgegangen werden musste. Es wurde erwähnt, dass die Herzogin Susan unbedingt den beliebten Wahrsager aus der Hütte auf der Heide besuchen wolle – doch Herr Beamish lehnte diesen Ausflug ab. Sie hatte ihm bereits gehorcht, indem sie in letzter Zeit auf Spielvergnügen verzichtet hatte, daher erwartete er, dass auch dieses Verbot befolgt würde. Zudem handelte es sich beim Wahrsager um einen Betrüger, der bereits bestimmten Damen Dinge vorausgesagt hatte, die diese nur allzu gerne als vom Schicksal vorherbestimmt betrachteten.

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Angabe des Laufs der Planeten durch den Tierkreis – wodurch sie durch das Beispiel der Himmelskonjunktionen sündigen – ein Akt grober Gottlosigkeit. Der Verehrer nahm eine abwehrende Haltung gegenüber diesem Abenteuer ein. Dennoch reiste Herzogin Susan trotzdem los. Sie fuhr früh am Morgen in die Heide, begleitet von Chloe, Colonel Poltermore und Caseldy. Anschließend frühstückten sie in einer Herberge, in der gelegentlich zigeunerische Mahlzeiten serviert wurden. Sobald es draußen hell wurde, kehrten sie zu den Quellen zurück. Ihre Überraschung war enorm, als Herr Beamish sie mitten in der Gruppe ansprach und fragte, ob sie mit den Vorhersagen bezüglich ihres Schicksals zufrieden seien. Noch größer war ihre Überraschung, als er bewies, dass er sich mit den Vorhersagen auskannte, die jedem von ihnen im Vertrauen mitgeteilt worden waren.

„Sie, Colonel Poltermore, werden bis zum zehnten Meilenstein vom Glück begleitet werden – doch dort wird Ihr Wagen umkippen und Sie für den Rest Ihres Lebens behindert sein.“
„Nicht ganz so schlimm“, sagte der Colonel fröhlich; ihm war schließlich von etwas Besserem berichtet worden.
„Und Sie, Graf Caseldy, werden mit viel Glück alles nach Ihren Wünschen haben – nachdem Sie ein Massaker verübt haben. Die einzige Strafe wird sein, dass Sie jede Nacht von einem Geist heimgesucht werden.“
„Geist“, korrigierte ihn Caseldy lächelnd.
„Und Chloe wollte ihr Schicksal nicht vorausgesagt haben – weil sie es bereits kannte!“ Herr Beamish warf ihr einen väterlichen Blick zu. „Und Sie, Madame“, wandte er sich an die Herzogin, „haben die Botschaft erhalten, dass ‚Alles für die Liebe‘ Sie genauso untergraben wird, wie es Sie erhoben hat, Sie wieder herunterbringen wird, nachdem es Sie hochgehoben hat – und dem Rabengentlemann das Festmahl bieten wird, das eigentlich dem goldenen Adler zusteht?“
„So etwas gibt es nicht! Ich glaube an keine ihrer Geschichten“, rief die Herzogin mit gerötetem Gesicht.
„Sie leugnen das, Madame?“
„Ja. Es wurde nie etwas über einen Raben oder einen Adler gesagt – das schwöre ich.“
„Sie leugnen also, dass jemals etwas über ‚Alles für die Liebe‘ gesagt wurde? Sprechen Sie, Madame.“
„Das sind nur die Tricks ihrer Zauberer!“, murmelte sie verächtlich. „Als würde ich auf ihren Unsinn hören!“
„Wagt es die Herzogin von Dewlap, mir Lügen aufzutischen?“, sagte Herr Beamish.

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„Das ist nicht mein Titel – und das weißt du“, erwiderte sie.
„Was ist das?“, rief der wütende Mann aus. „Was für Zeug trägst du da?“ Er baute sich vor ihr auf, legte seine Hand auf den Spitzenrand ihres Morgenkleides, riss ihn wütend entzwei und schwang ein Stück davon durch die Luft. Während die Herzogin vor Empörung keuchte und zitterte – eine Empörung, die ihr die Sympathie aller anwesenden Damen sowie die Unterstützung der Herren einbrachte – warf er die Spitze zu Boden und trat darauf. Mit lauter Stimme sagte er über den Lärm hinweg: „Hört nur, was sie tut! Das ist ein Verbrechen! Sie trägt dieses Zeug zusammen mit dem gelben Stärkeprodukt von Betty Worcester – als lächerliche Nachahmung von Antiquitäten! Und wer sonst es trägt, soll es sofort ablegen, bevor die Leute sagen, wir seien beschämt – schließlich wurde Betty Worcester gestern Morgen in Tyburn wegen Mordes gehängt!“ Es ertönten Schreie. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, begann die Menge auseinanderzufließen. Er stand mitten im Raum wie ein Pfahl, um den bunte Bänder wirbelten; das Geräusch und der Trubel glichen dem von Herbstblättern, die im November vom Wind verweht werden. Die Damen eilten davon, um sich ihrer modischen, nachgeahmten Spitzenverzierungen zu entledigen – Verzierungen, die sie in gewisser Weise zu Komplizinnen der blutrünstigen, verhassten Frau Elizabeth Worcester machten, ihrer Wohltäterin vom Vortag, die nun gehängt am Galgen hing. Die Damen, die am Morgen weder nachgeahmte Spitze noch irgendeine andere Spitze trugen, waren kaum verärgert über die Enthüllungen des Mannes bezüglich derer, die solche Verzierungen trugen. Die Herren waren von seiner demonstrativen Machtentfaltung verblüfft. Die beiden Herren, die am meisten unter seiner Brutalität gegenüber Herzogin Susan litten, führten sie zusammen mit Chloe aus dem Raum. „Diese Frau wird mich endlich fürchten“, sagte Herr Beamish zu sich selbst.

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KAPITEL VIII
Herr Camwell befand sich im Vorraum, als Chloe hinter den beiden wütenden Anhängern der Herzogin Susan verschwand.
„Ich werde um acht Uhr abends bei den Fichten auf dem Berg sein“, sagte sie.
„Ich werde dort sein“, antwortete er.
„Schicken Sie Herrn Beamish aufs Land, damit diese Herren Zeit haben, sich zu beruhigen.“
Er versprach ihr, dass dies geschehen würde.
Kurz vor der vereinbarten Zeit stand er unter den Fichten und bewunderte den Sonnenuntergang am westlichen Hügelzug. Als Chloe zu ihm stieß, sprach er über die Schönheit der Szene.
„Obwohl nichts so eindringlich Abschied nehmen kann“, fügte er mit leiser Stimme hinzu.
„Wir könnten es jetzt tun und weiterhin Freunde bleiben“, antwortete sie.
„Später wird es wohl unwahrscheinlich sein, dass du mir verzeihen kannst, Chloe.“
„Ehrlich gesagt, Sir – Sie machen es mir schwer.“
„Ich bin hiergeblieben, um Wache zu halten; nicht aus eigenem Vergnügen“, sagte er.
„Herr Beamish ist ein hervorragender Beschützer der Herzogin.“
„Hervorragend – und er wurde geschickt darin unterrichtet, anzunehmen, dass sie große Angst vor ihm hat. Wenn sie ihn beleidigt, zeigt er seine ‚grausame Macht‘ – mit der Folge, dass Frauen, wie Sie gesehen haben und andere vorausgesehen haben, wütend werden und unvorsichtig handeln. Machen Sie noch einen Knoten in Ihren Faden, Chloe.“
Sie wandte den Blick ab und sagte: „Sind Sie nicht der Grund dafür? Sie waren im Bunde mit diesem Scharlatan vom Heidegrund, der ihnen heute Morgen ihre Zukunft voraussagte. Ich sehe weit – sowohl im Dunkeln als auch im Licht.“
„Aber nicht durch einen Vorhang. Ich war dabei.“
„Verhasste, abscheuliche Spionagearbeit! Sie haben großen Schaden angerichtet, Herr Camwell. Wie können Sie es mit Ihrem Gewissen in Einklang bringen, eine so niederträchtige Rolle gespielt zu haben?“

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„Ich habe lediglich meine Pflicht erfüllt, liebe Dame.“
„Sie tun so, als wäre es Ihre Hingabe mir gegenüber! Ich würde mich geschmeichelt fühlen, wenn ich nicht eine so demütige Gestalt in meinem Dienst sähe. Mir bleiben nur noch vier Tage meines Monats des Glücks – und meine Bitte an Sie ist: Lassen Sie mich sie genießen. Ich flehe Sie an, zu gehen. Sehr demütig, sehr inständig bitte ich um Ihren Aufbruch. Gewähren Sie es mir und bleiben Sie nicht, um meine letzten Tage hier zu vergiften. Verlassen Sie uns morgen. Ich erkenne Ihre guten Absichten an. Ich reiche Ihnen meine Hand als Zeichen der Dankbarkeit. Auf Wiedersehen, Herr Camwell.“
Er nahm ihre Hand. „Auf Wiedersehen. Ich sehe eine frühe Trennung voraus – und diese liebe Hand gehört mir, solange ich sie in meiner Hand halte. Auf Wiedersehen. Das ist ein Wort, das bei einer Trennung wie unserer wiederholt werden muss. Wir löschen unser Licht nicht mit einem Atemzug aus – wir lassen es allmählich verblassen, wie jener Sonnenuntergang dort drüben.“
„Sprechen Sie so“, sagte sie.
„Ah, Chloe – sein Leben zu geben! Und es war Ihr Glück, das ich mehr suchte als Ihre Gunst.“
„Ich glaube es; doch mir haben die Mittel nicht gefallen. Sie verlassen uns morgen?“
„Es scheint mir, dass morgen der Termin ist.“
Ihr Gesicht verdüsterte sich. „Das ist eine sehr ungewisse Zusage.“
„Sie hatten auf einen Monat des Glücks gehofft – gemeint war ein Monat der Täuschung. Die Täuschung endet heute Nacht. Morgen werden Sie erwachen und Ihren Endpunkt erkennen. Seit dem Tag seiner Ankunft haben Sie nie über diesen Monat hinausgedacht.“
„Bitte, nennen Sie ihn nicht“, flehte sie.
„Dann stimmen Sie also zu, dass ein anderer geopfert wird, damit Sie Ihren Zustand der Täuschung noch eine Stunde länger genießen können?“
„Ich werde nicht getäuscht, Herr. Ich wünsche Frieden – und das ist alles, was ich mir wünsche.“
„Und Sie machen sie zu Ihrem Opfer für den Frieden, die Sie dazu bestimmt haben, Ihnen zu dienen! Sicherlich waren Ihre Augen genauso offen wie meine. Knoten für Knoten – ich habe Sie beobachtet – wo ist es? – Sie haben die Stellen an diesem Seidenfaden markiert, an denen die Bestätigung eines berechtigten Verdachts zu stark für Sie war.“
„Ich habe es getan – und dennoch blieb ich fröhlich?“ Sie ließ ihre Verachtung fahren und stieß unwillkürlich ein „Ah!“ aus – ein Zittern.

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„Sie haben sich wie eine Unbeschwerte verhalten, gnädige Frau – und viel zu gut, um mich täuschen zu können. Gleichzeitig haben Sie zugelassen, dass dieses Unheil weiterging, anstatt Ihre verrückte Wiegegeschichte zu stören.“
„Tatsächlich, Herr Camwell – das ist doch nur Ihre Vermutung.“
„Die Zeit sowie mein Wissen darüber, was auf uns zukommt, erfordern das – und rechtfertigen es. Sie und ich, meine geliebte, einzige Liebe auf dieser Welt, stehen außerhalb der gewöhnlichen Regeln. Wir befinden uns zwischen Leben und Tod.“
„Wir sind immer schon so.“
„Hören Sie dem Prediger weiter zu: Sie haben sie bereits ganz nah bei uns – mit der Frage, was morgen geschehen wird. Sie möchten weiter schlafen, aber ich sage nein; diese Doppelverschwörung darf nicht wegen Ihres Wunsches, in einer Wiege geborgen zu sein, begangen werden. Hören Sie mich aus. Das Mittel, das Sie eingenommen haben, um sich selbst zu täuschen, wird den Schock, der morgen bei Tagesanbruch auf Sie wartet, nicht aushalten. Hören Sie diese Vögel! Wenn sie wieder singen, werden Sie vollkommen wach sein – und von mir, von der Verehrung und dem Dienst, den ich Ihnen hätte widmen wollen, weiß ich nichts mehr… Es ist wie ein gespenstischer Sonnenuntergang eines Tages, der niemals stattfinden sollte! Wach – und was sehen Sie dann? Zurück von einer monströsen Schandtat zu dem elenden Wesen, das dazu nur mit Knoten in einem Seil genickt hat. Zählen Sie sie dann – wo wird Ihre Antwort an den Himmel sein? Ich habe Sie darum gebeten, um Sie vor diesen Qualen des Reuegefühls zu retten – ja, schrecklichen Qualen!“
„Oh, nein!“
„Schrecklich, sage ich!“
„Sie irren sich, Herr Camwell. Es ist mein Beruhigungsmittel. Ich zähle daraufhin meine Perlen.“
„Sehen Sie, wie ein dauerhaftes Verweilen an diesem Ort aus einem Menschen mit der reinsten Seele unter uns einen Heiden gemacht hat! Hätten Sie nur… aber jener Tag sollte mich nicht erleuchten! In Ihren Fehlern sind Sie noch liebenswerter als andere durch ihre Tugenden – doch Sie haben gesündigt, weil Sie über die Eigenschaften verfügten, die die Menschen schätzen. Oh, Sie haben eine grenzenlose Großzügigkeit – leider gepaart mit ebenso großem Stolz. Das ist Ihr Fehler, der Grund für Ihr Leid. Zu großzügig! Zu stolz! Sie haben vertraut – und werden weiterhin vertrauen; Sie haben geschworen, zu lieben, niemals Widerspruch einzulegen, niemals Zweifel zu zeigen – das ist Ihre Religion, wahrlich selten. Aber denken Sie an dieses unerfahrene, törichte gute Wesen, das auf dem Weg zur Vernichtung ist. Ist sie nicht – Sie werden es morgen laut aussprechen – Ihr Opfer? Sie hören es bereits in sich.“

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„Freundin, meine liebe, wahre Freundin“, sagte Chloe mit ihrer tieferen, melodischen Stimme, „beruhige dich bezüglich morgen und ihr. Ihre Sicherheit ist gewährleistet. Ich setze mein Leben darauf. Sie wird kein Opfer werden. Im schlimmsten Fall lernt sie nur eine Lektion. Also, auf Wiedersehen! Der Westen hängt wie ein Kranz aus ungewässerten Blumen da – vernachlässigt von der Herrin, die ihn geschmückt hat. Erinnere dich an diese Szene, daran, dass wir uns hier getrennt haben, und daran, dass Chloe dir das Glück wünschte, das ihr nicht geben konnte – denn sie gehörte zu einer anderen Welt, deren Geschichte bereits bis zum letzten Punkt geschrieben war, lange bevor du sie kennengelernt hast. Auf Wiedersehen – dieses Mal für immer!“
Herr Camwell stand ihr im Weg. „Blinde Augen, wenn du willst“, sagte er, „aber du wirst keine blinde Sprache hören. Ich gebe auf die geringe Achtung, die ich mir bewahrt habe, verzichtend – hasse mich! Besser von dir gehasst als dass du meiner Pflicht ausweichst! Eure Herzogin wird bei erstem Licht des nächsten Morgens abreisen – so ist es nun einmal. Ich spreche aus voller Kenntnis. Fragt sie.“
Chloe legte so viel Verachtung in ihre Stimme, wie ihr Herzschlag es zuließ. „Ich frage Sie, Sir: Wie kommen Sie zu dieser vollständigen Kenntnis, von der Sie behaupten?“
„Ich habe sie – das genügt. Nein, ich werde präziser sein: Sein Wagen ist für die von mir genannte Zeit bereitgestellt; ihre Zofe befindet sich bereits an einer Station auf dem Fluchtweg.“
„Sie haben ihre Diener unter Ihrer Kontrolle?“
„Zur Gegenmaßnahme. Wir müssen gegen Betrüger mit denselben Mitteln vorgehen. Sie, Madame, haben sich dafür entschieden, übermäßig zart zu sein – und mir die Rolle des Groben, ja Abscheulichen bei der Verteidigung Ihnen gegenüber aufgebürdet. Es ist noch nicht zu spät, um die Dame zu retten – und auch nicht zu spät, um ihm den Sinn für Ehre zurückzugeben.“
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Colonel Poltermore so ehrenlos ist.“
„Armer Colonel Poltermore! Die Position, die er innehat, ist eine alte Position. Schämen Sie sich nicht, Chloe?“
„Ich habe zu lange zugehört“, antwortete sie.
„Dann, wenn es Ihnen gefällt, gehen Sie.“
Er machte ihr Platz. Sie ging an ihm vorbei. Nach zwei eiligen Schritten in der Dämmerung blieb sie stehen, hielt sich das Herz und wandte sich schmerzerfüllt zu ihm um. Sie streckte ihre Arme aus und ließ zu, dass er sie in die Arme nahm und küsste.

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Als er um ihre Vergebung bat – was seine langjährige Gewohnheit des Respekts ihn zwang, selbst inmitten der Leidenschaft und Wiederholungen zu tun – sagte sie: „Du beraubst niemanden.“
„Oh“, rief er, „dann gibt es also eine Belohnung für treue Liebe. Aber bin ich noch derselbe Mann wie vor einem Moment? Ich habe dich; ich umarme dich – doch ich bezweifle, dass ich noch ich selbst bin. Oder ist es Chloes Geist?“
„Sie ist gestorben und besucht dich.“
„Und wird es wieder tun?“
Chloe konnte wegen ihrer Schwäche nicht sprechen.
Die Intensität des Glücks, das sie durch ihr stilles Verweilen ausstrahlte, berauschte ihre Sinne. Doch da diese schon so lange erstarrt gewesen waren, wurde ihr Erwachen zur Wärme von Spekulationen über den süßen Geschmack dieser Belohnung für Treue sowie über den seltsamen Geschmack ihrer eigenen Untreue begleitet. Während starke Arme und ein leuchtendes Gesicht sie berührten, dachte sie, ihre Sinne könnten tatsächlich tot sein – und sie selbst sei nur ein Geist, der den guten jungen Mann zum Trost besuche. So fühlen sich also Geister an, dachte sie – und das, was wir als Glück in der Liebe bezeichnen, ist nichts anderes als eine Verbindung zwischen Ekstase und Unterwerfung. Ein weiterer Gedanke durchzuckte sie: „Bei diesen beiden ist es anders! Bei ihnen wird Ekstase auf Ekstase treffen; sie werden Glück in gleichen Teilen nehmen und geben.“ Ein Stich der Eifersucht durchfuhr ihren Körper. Sie nutzte ihre Klugheit, um ihre Leidenschaft anzustacheln, zog ihn noch einmal an sich und sagte dann sanft: „Niemand wird beraubt. Und nun, lieber Freund, versprich mir, dass du Herrn Beamish nicht stören wirst.“
„Chloe“, sagte er, „hast du mich bestochen?“
„Ich möchte nicht, dass er belästigt wird.“
„Die Herzogin – ich habe es dir bereits gesagt…“
„Ich weiß. Doch du hast Chloes Wort, dass sie auf die Herzogin aufpassen und sterben wird, um sie zu retten. Es ist ein Schwur. Du hast von einigen Plänen gehört – ich sage, sie werden zu nichts führen; es wird nicht geschehen. Tatsächlich, mein Freund, bin ich wach; ich sehe genauso viel wie du. Und diese… nachdem sie dort gewesen sind, wo ich war – glaubst du wirklich, ich hätte Bedauern? Doch sie ist meine geliebte, besondere Pflicht – und wenn sie ein Risiko eingeht, vertrau mir: Es wird keine Katastrophe geben; ich schwöre es. Also, nun Lebewohl. Wir speisen heute Abend zusammen. Sie erwarten einige von Chloes Gedichten – sie muss sich ein paar Minuten lang selbst vorsingen, damit ihre Lieder fliegen können. Deshalb müssen wir uns jetzt trennen.“

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Und um ihretwillen – meide sie! Sei nicht am unserem Tisch, nicht im Raum und auch nirgendwo sonst dort. „Ja, du beraubst niemanden“, sagte sie mit einer Stimme, die durch seine Seele strich und ihn wunderbar berührte; aber ich glaube, ich werde rot werden bei diesen Erinnerungen – deshalb möchte ich lieber, dass du abwesend bist. Leb wohl! Ich werde von dir keine Gehorsamkeit mehr verlangen als bis heute Nacht. Dein Wort?“ Er gab es in einem Zustand der Glückseligkeit – und sie floh.

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KAPITEL IX
Chloe zog den seidenen Faden aus ihrer Brust, während sie den düsteren Weg durch die Finsternis entlangging, und ließ ihre Finger darübergleiten, um die Anzahl der Knoten zu ermitteln. „Ich habe kein Recht zu leben“, sagte sie. Die Zahl war sieben – sieben Jahre hatte sie auf die Rückkehr ihres Geliebten gewartet; sie zählte ihr Alter in Siebenerschritten. Der Fatalismus hatte sie während der Abwesenheit ihres Geliebten getragen; nun hielt er sie fest im Griff. Dadurch konnte sie sagen: „Er wird kommen.“ Als sie sagte: „Er ist gekommen“, ruhten ihre Finger auf dem ersten Knoten im Faden. Sie hatte keine Kraft, ihre Finger zu bewegen; der Grund für das Binden des Knotens stand in ihrem Geist in trüb roten Buchstaben geschrieben – weder für ihre Augen noch für ihr Verständnis lesbar. Doch die Erinnerung an jenen Moment kehrte mit menschlicher Klarheit in ihren Geist zurück – abgesehen vom Licht des Tages. Sie hatte das Gefühl, das Licht verloren zu haben – und vielleicht doch klarer zu sehen. Alles deutete darauf hin, dass sie klarer sah als andere; sie wusste auch, wann es an der Zeit war, aufzuhören zu leben.

Ihr Schicksal war das eines unglücklichen Menschen, dem eine poetische Vorstellungskraft geschenkt worden war – eine Vorstellungskraft, die von der Frau, die sie verdrängte, erfüllt wurde, sowie vom Mann, der sie betrog. Bei ihrem ersten Treffen, in ihrer Gegenwart, erkannte sie, dass sie keine Fremden waren; sie hatte Mitleid mit ihnen, weil sie Lügen sprachen. Als sie schwor, diesem bösen Weg Einhalt zu gebieten, um ein jüngeres weibliches Wesen zu retten – nicht aus Rivalität – behandelte sie beide mit stolzer Großzügigkeit, die sogar die Sanftheit übertraf. Alles, was an Egoismus in ihr war, richtete sich darauf aus, diesen einen Monat voller entschlossener Täuschung zu genießen.

Der Kuss, den sie gab, raubte niemandem etwas – nicht einmal der Reinheit ihres Körpers. Denn als dieser Knoten gebunden wurde, übergab sie sich ihrem Schicksal und wurde zu einem Sack voll Staub. Die anderen Knoten im Faden deuteten auf Bestätigungen hin; dieser erste Knoten war jedoch nur ein Verdacht – doch er schien ihr wichtiger zu sein, denn sie empfand ihn als Gewissheit. Er stammte aus der dunklen Welt jenseits von uns, wo alles bekannt ist.

Ihr Glaube daran, dass er von dort kam, wurde durch Zeugnisse gestärkt. Die Zeit der Dunkelheit, in der sie danach lebte, raubte ihr ihre letzte Lebenskraft – in der Simulation kindlicher Glückseligkeit, die nichts anderes war als die Fortsetzung ihrer Emotionen aus jenem Moment der scharfen, süß-sauren Empfindung – so wie es die Verurteilten unten für ihr Wissen um Freude erreichen können – als zum ersten Mal…

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Das Treffen mit ihrem Geliebten – die Erkenntnis seiner Verräterei gegenüber der Seele, die sich ihm anvertraut hatte – sagte ihr, dass sie gelebt habe, und öffnete für sie das wertvolle Reich der Gleichgültigkeit als ihr Erbe. Sie ließ ihre tragische Demut dankbar auf die Wunde sprechen, die sie tötete. „Wäre es nicht so gewesen, hätte ich ihn nicht gesehen“, sagte sie – ihr Geliebter wäre nicht zu ihr gekommen, wenn er nicht einer anderen Frau nachgestellt hätte. Sie vergab ihm, dass er von dieser schönen Frau angezogen wurde; sie vergab auch sich selbst. „Als ich ihn zum ersten Mal sah, war er mir genauso schön. Für ihn hätte ich dasselbe getan.“

In weiter Ferne, in einem erleuchteten Saal im Westen, hoben ihre Verwandten ihre Hände des Tadels. Es waren winzige Gestalten, deutlich sichtbar als verkleinerte Figuren aus Stahl. Die Gefühle für sie konnten nicht besonders warm sein – sie waren ja so klein –, und zwischen ihnen lag ein Meer, das sie ertränkt hatte. Wenn sie dorthin blickte, fühlte sie kaum noch Wärme, außer dem Anblick eines weißen Rehs, das aus zerrissenen Wolken durch bewachsene Felsen sprang – dort hatte sie als Kind geklettert und geträumt. Damals waren es Träume von den kommenden, bunten Tagen; nun war ihr Geist wieder kindlicher. Sie beobachtete, wie das Wasser immer weiter anschwoll, roch den Sprühnebel, saß da und genoss dieses Bild – unbeschwert von Hoffnungen, wie ein Lamm. Der einzige Unterschied zu einem Kind bestand darin, dass sie wusste, sie hatte ihr Leben hinter sich gelassen, um in ihre Heimat zurückzukehren und erfrischt zu werden. Sie hörte ihre Leute reden – sie waren endlose Plapperer am Wasserfall. Die Wahrheit und Weisheit waren bei ihnen. Wie konnte sie da noch Anspruch auf ein Leben erheben? Schon hatte sie keinen Namen mehr; sie lebte weniger als ein Grabstein. Wer war Chloe schon? Ihre Verwandten könnten am Grab von Chloe vorbeigehen, ohne zu weinen, ohne Moralpredigten abzugeben. Sie hatten ihren Untergang vorausgesehen, sie hatten ihn vorhergesagt, sie verkündeten ihn im Wasser – und eilten dann weiter in die Ebenen, um der Welt von ihrer Prophezeiung zu erzählen und das, was noch ungesagt war, leichter machbar erscheinen zu lassen.

Die Lampen, die in unregelmäßigen Abständen unter dem Hügel standen, riefen sie dazu auf, die Fröhlichste unter denen zu sein, die für den Tag Atem schöpfen und für den Morgen einen Puls haben.

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KAPITEL X
Um Mitternacht endete das große Festmahl zur Feier der Versöhnung von Herrn Beamish und Herzogin Susan. Unter einem sanften, hellen Himmel nahmen die Damen Chloe in ihre Arme, um sie zu küssen – wodurch es für ihre Begleiter selbstverständlich wurde, auszurufen, dass Chloe glücklicher sei als alle Sterblichen. Die Herzogin zog es vor zu gehen. Ihre Stimmung war aufgeregt, und ihre Sprache verriet ihren Herkunftsort. Doch die außergewöhnliche körperliche Schönheit dieser Frau strahlte besonders hell. „Ich schwöre, ich würde in einem dieser Kästen explodieren – als hättest du mich aufgehalten!“, rief sie, fächelte sich Luft ins Gesicht und breitete ihre Röcke prächtig aus. Begleitet wurde sie vom besiegten und gefangenen Colonel Poltermore – einem Mann, der offensichtlich darauf aus war, mit hinterhältigen Bemerkungen zu flirten. „Wirklich?“, hörte man sie sagen. Sie seufzte tief – wie eine Kokette, die in lautes Lachen ausbricht.
Kurz darauf rief sie: „Als würde ich das tun!“ Diese lebhaften Szenen aus dem Verhalten des Colonels dienten den Zuschauern als Unterhaltung – darunter zwei sehr vornehme Damen, Caseldy, Herr Beamish, ein Adliger sowie Chloe.
„Du Mann! Oh!“, rief die Herzogin aus. „Was höre ich da? Ich will nicht zuhören – ich kann nicht, ich darf nicht, ich sollte es auch nicht.“ So sagte sie – doch ihr Kopf neigte sich, sie gab ihm bereitwillig ihr Ohr, völlig den Verlockungen seiner Flüstereien ausgeliefert. Der Adlige lachte laut auf. Es war ein Festmahl mit reichlich Wein – und mit Liedern, die aus dem Wein entstehen. Unsere Mitternachts-Naturforscher entschuldigten diese Verhaltensweisen der Menschen. Die beiden vornehmen Damen forderten daraufhin von Herrn Beamish, sie beim Abschied von Chloe und Herzogin Susan zu begleiten.
Während des kurzen Umherwanderns der Paare beim Abschied flüsterte die Herzogin Caseldy zu: „Habe ich es gut gemacht?“ Er lobte ihre perfekte Darstellung. „Ich bin um drei Uhr an Ihrer Tür – denken Sie daran.“

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„Mein Herz schlägt mir bis zum Hals“, sagte sie.
Colonel Poltermore hatte immer noch das Privileg, sie die wenigen Schritte zu ihrer Unterkunft zu begleiten.
Caseldy ging neben Chloe her – schweigend – bis er sagte: „Falls ich das Thema noch nicht angesprochen habe…“
„Wenn es um Geld geht, dann möchte ich es heute Abend nicht hören“, antwortete sie.
„Ich kann nur sagen, dass meine Anwälte Anweisungen haben. Doch meine Anwälte können Ihnen keine Dankbarkeit zeigen. Glauben Sie bitte nicht, dass ich undankbar bin – auch wenn Sie mich für mein Fehlverhalten verurteilen. Ich habe Sie stets über allen anderen Frauen gestellt; das tue ich immer noch – Sie sind einfach zu gut für mich. Ich fürchte, ich bin aus schlechtem Material gemacht; ich habe auf dem Kontinent keinen besonders guten Ruf erlangt. Ich beginne, mich selbst zu erkennen – und im Vergleich zu Ihnen, liebe Catherine…“
„Sie sprechen mit Chloe“, sagte sie. „Catherine ist bereits tot. Sie starb ohne Schmerzen. Inzwischen ist sie nur noch Staub.“
Der Mann seufzte tief. „Frauen haben keine Ahnung von unseren Versuchungen.“
„Ich vergebe Ihnen all Ihre Fehler, Caseldy. Denken Sie daran.“
Er seufzte erneut. „Ach, Sie haben ein christliches Herz.“
Sie antwortete: „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es eher ein heidnisches Herz ist.“
„Was mich betrifft“, fuhr er fort, „so bin ich Fatalist. Im Laufe meines Lebens habe ich mein Schicksal gesehen. Was sein muss, wird geschehen – wir können nichts dagegen tun.“
„Ich habe von jemandem gehört, der an einer Überdosis starb – er hatte diese bereits vorhergesehen, ja sogar angekündigt, als er sich dem letzten gewünschten Bissen hingab“, sagte Chloe.
„Er wurde dazu getrieben.“
„Von innen heraus.“
Caseldy stimmte zu; sein Verstand war trüb – selbst eine noch grobesere und groteskere Erklärung hätte bei ihm nur ein ernstes Nicken und ein Seufzen hervorgerufen. „Ja, wir werden von anderen Kräften gelenkt!“
„Es ist angenehm, so zu denken – und denken Sie morgen genauso über mich. Werden Sie das tun?“, fragte Chloe.
Er versprach es ihr aufrichtig, damit sie auch so über ihn denken würde.
Ihre Trennung war keineswegs bemerkenswert. Die üblichen Formalitäten wurden an der Tür erledigt, und die beiden Herren gingen.

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„Es ist immer noch ziemlich dunkel“, sagte Herzogin Susan und blickte zum Himmel auf. Dann eilte sie nach oben und ließ sich, klagend über die Schwäche ihrer Beine, in einem Stuhl im Vorraum ihres Schlafzimmers nieder – dort schlief Chloe. Danach fragte sie nach der Uhrzeit. Sie konnte ihr leises „Oh!“ nicht unterdrücken; es wurde mit jeder Minute stärker. Plötzlich eilte sie in großen Schritten in ihr eigenes Zimmer und sagte, es müsse die Müdigkeit sein, die sie so beeinflusste. Ihr Schlafzimmer hatte eine Tür zum Wohnzimmer; von dort aus sowie auch vom Zimmer von Chloe aus gelangte man zur Treppe, denn das Zimmer verlief parallel zu beiden Schlafzimmern. Sie ging hinein, öffnete das Fenster – schloss es jedoch sofort wieder; sie öffnete und schloss die Tür, kehrte zurück und rief nach Chloe. Sie wollte, dass man ihr vorlas. Chloe nannte einige Bücher. Die Herzogin wählte ein Buch mit Predigten. „Aber wir sind alle solch schreckliche Sünder – es ist besser, uns spät in der Nacht nicht damit aufzuhalten“, sagte sie und lehnte diesen Vorschlag ab. Chloe schlug Bücher mit Gedichten vor. „Aber ich verstehe sie nicht – außer bei Themen wie Lerchen, Margeriten und Heuwiesen – und das ist kein Trost für eine Frau, die leidet“, antwortete sie.
„Haben Sie Fieber, Madame?“, fragte Chloe. Die Herzogin antwortete scharf: „Ja, Madame, das habe ich.“
Sie tadelte sich selbst und änderte ihren Ton: „Nein, Chloe – kein Fieber. Nur diese Luft hier ist so aufregend, wie der Arzt sagt. Man hat mich dazu gebracht, Wein zu trinken – und ich habe vor dem Abendessen gespielt… Oh! Mein Geld – ich dachte immer, ich könnte mehr bekommen, aber jetzt…“ Sie seufzte. „Aber es gibt Dinge auf der Welt, die wichtiger sind als Geld. Das weißt du doch, oder, meine Liebe? Sag es mir. Ich möchte, dass du glücklich bist – dass du es findest. Ich wünschte, wir könnten alle glücklich sein!“ Sie weinte und sprach davon, dass sie etwas Musik brauchte, um sich zu beruhigen.
Chloe streckte ihre Hand nach der Gitarre aus. Herzogin Susan lauschte einigen Tönen und rief aus, dass es ihr ins Herz drang und sie schmerzte. „Alles, was wir sehr mögen, hat eine Barriere gegen Eindringlinge – wegen all der Menschen auf der Welt“, klagte sie. „Spielen Sie nicht, leg dieses Ding bitte weg, meine Liebe. Sie sind das Klügste, was man je kennengelernt hat – das sagen alle. Ich wünschte, ich… Schöne Frauen fangen Männer ein – und kluge Frauen halten sie bei sich. Das habe ich an diesem elenden Ort gehört – und das ist keine gute Aussicht für mich, direkt neben einem Narren! Ich weiß, dass ich einer bin.“
„Der Herzog verehrt Sie, Madame.“
„Armer Herzog! Lassen Sie ihn in Ruhe – er schläft da drüben, mit offenem Mund, und sein Kinn sieht aus wie das eines Babys – als würde er von einer Pfeifenspielerei träumen.“

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Man hätte mich nicht hierherkommen lassen sollen. Über Herrn Beamish – wie sehr wird er dich vermissen, Chloe!
„Das wird er“, sagte Chloe traurig.
„Wenn du gehst, meine Liebe…“
„Ich gehe.“
„Warum musst du ihn verlassen, Chloe?“
„Ich muss es.“
„Und schon macht dir der Gedanke daran Kummer!“
„Ja.“
„Das musst du nicht, da bin ich mir sicher.“
Chloe blickte sie an. Die Herzogin wandte den Kopf. „Warum kannst du nicht so sein wie beim Abendessen, Chloe? Du strahlst für ihn wie eine Blume, wenn die Sonne über den Hügel steigt; du bist fröhlich wie ein Vogel im Tau – genau wie ich früher, als ich an nichts dachte. Ach, der frühe Morgen – und ich bin müde. Was für ein Ungeheuer fühle ich mich, mit meiner Größe, und in einer oder zwei Stunden beginnen die Vögel zu singen – und ich bin bereit einzuschlafen. Ich muss jetzt gehen und mich ausziehen.“
Sie eilte auf Chloe zu, küsste sie hastig und sagte, sie sei völlig erschöpft, dann entließ sie sie. „Ich brauche keine Hilfe, ich kann mich selbst ausziehen. Als könnte Susan Barley das nicht selbst tun! Und du kannst die Tür schließen – ich werde heute Nacht keine Angst haben, ich bin einfach zu müde.“
„Noch einen Kuss“, sagte Chloe zärtlich.
„Ja, nimm ihn“ – die Herzogin legte ihre Wange hin – „aber ich bin so müde, dass ich nicht weiß, was ich tue.“
„Es wird dir keine Sorgen bereiten“, antwortete Chloe und küsste sie warm. Dann zog sie sich zurück, und die Herzogin schloss die Tür. Sie verschloss sie sofort mit einem Riegel.
„Ich bin zu müde, um noch etwas zu wissen“, sagte sie zu sich selbst und stand mit geschlossenen Augen da, um bestimmte Gedanken zu umarmen, die ihren Brustkorb zum Beben brachten. Da war das Bett, da war die Uhr. Sie hatte die Wahl, sich hinzulegen und ruhig in den Tag hineinzuschweben – alle Gefahren waren vorbei. Für einen Moment schien das schön. Doch bald wirkte es wie ein altes, abgenutztes Leben, kalt und ziellos – wie etwas, das hungrig und zahnlos war. Das Bett lud dazu ein…

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Der unschuldige Schlaf stieß sie ab und trieb sie zum Uhrwerk. Die Uhr war schrecklich: Der Zeiger für die Stunden, der Finger für die Minuten – sie befahlen ihr, aktiv zu werden, und trieben sie dazu, sanft auf dem Bett zu meditieren. Sie legte sich angezogen hin, nachdem sie ihre Lampe neben die Uhr gestellt hatte, damit sie diese jederzeit sehen konnte. Sie hielt es für notwendig, dass das Bett so aussah, als wäre man darauf gelegen. Da sie auch wollte, dass man ihre Bewegungen beim Ausziehen hörte, stand sie vom Bett auf, um sicherzugehen, dass sie die Zeit richtig ablas. Eine Stunde und zwanzig Minuten! Sie hatte nicht mehr Zeit – und das reichte nicht aus für all ihre Vorbereitungen. Zwar hatte ihre Zofe bereits die wichtigsten Dinge eingepackt, doch die Herzogin musste ihre Schuhe und ihr Kleid wechseln. Ihre ständigen Meinungswechsel waren ein beruhigender „Einstieg“ zu jedem entscheidenden Schritt – bei Frauen ihrer Art führt das zur Unentschlossenheit, die wiederum ihre Skrupel überwindet, und dann lässt man einfach dem Blut freien Lauf. Mit so kurzer Zeit hielt sie das Ganze für entschieden und warf sich erleichtert aufs Bett, um endgültig mit ihrem Herzog zusammenzulegen. Bald schon begann ihr Verstand, ihn streng zu beurteilen – genauso genau, wie es ein männlicher Moralist tun würde, der ihrem Geschlecht wohlgesinnt ist. Sie verließ das Bett, um ihrem imaginären Herrn zu entkommen – und als hätte sie gespürt, dass er noch da war, legte sie sich nicht mehr hin. Ein solches ruhiges Leben gefiel ihr besser als ein schön gebundenes Buch ohne Druck auf den Seiten und ohne Bilder. Ihre Betrachtungen dieses Lebens im Gegensatz zum Leben, das ihr die Uhr zeigte, ließen ihren ganzen Körper vor Wut beben – sie brannte darauf, wegzulaufen. Doch vorsorglich schlug sie auf ein Kissen und brachte die Bettdecken durcheinander, um der Welt zu zeigen, dass ihre Glieder sie erwärmt hatten – und dass alles von Impulsen getrieben wurde. Dann begann sie sich auszuziehen, murmelte dabei vor sich hin, dass sie jetzt aufhören könnte – bei jedem Schritt des Umziehens – und reflektierte über ihr seltsames Schicksal. „Plötzlich schoss sie über allen Köpfen empor – und plötzlich fiel sie wieder herab“, flüsterte Susan vor sich hin. „Aber es war aus Liebe!“ Von der Romantik der Liebe beseelt, beendete sie ihre Vorbereitungen mit einer Aufmerksamkeit für alles Notwendige, die der vollkommenen Gelassenheit entsprach. Danach blieb nichts anderes übrig, als in einem Stuhl zusammengesunken zu sitzen, sich das Gesicht zu bedecken und die Ticken der Uhr zu zählen – die sagten: Ja – nein; tu’s – tu’s nicht; flieh – bleib; flieh – flieh! Es schien ihr, als würde sie etwas hören. Nun, mit diesem schrecklichen Herzen konnte das ja passieren.

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Chloe schlief inzwischen friedlich, dachte sie – und wie sehr beneidete sie Chloe! Sie könnte genauso glücklich sein, wenn sie es nur wollte. Warum nicht? Doch welche Art von Glück wäre das? Sie verglich es mit dem Glück eines Leichnams im Boden und zuckte angewidert zurück.

Susan stand vor ihrem Spiegel, um sich das Wesen anzusehen, wegen dem all dieser Aufruhr entstand. Sie warf ihre Arme hoch und gähnte trägerisch – ein Gähnen, das mit einem glückseligen Zittern endete, als sie spürte, wie die Arme ihres Geliebten sich um ihre Taille schlangen und sie in einem Moment der Unschutzbarkeit festhielten. Sicherlich würden sie das tun. Sie nahm einen juwelenbesetzten Ring aus ihrer Tasche – sein Geschenk – küsste ihn, zog ihn an und wieder ab und ließ ihn schließlich an ihrem Finger. Nun konnte sie ihn tragen, ohne Angst vor neugierigen Blicken oder missbilligenden Mienen zu haben. Oh, wie wunderbar – wenn doch schon in einer Stunde so wäre… und sie hinter den galoppierenden Pferden herreiten könnte!

Die Uhr zeigte genau diesen schrecklichen Zeitpunkt an. Sie zögerte innerlich, dann eilte sie vorwärts. Einmal blieben ihre Füße stecken – doch entschlossen sagte sie: „Nein.“ Doch die Uhr war ihr Herr. Die Uhr war ihr Geliebter und ihr Herr – und indem sie ihr gehorchte, schaffte sie es, ins Wohnzimmer zu gelangen, unter dem Vorwand, nur durch das Vorderfenster sehen zu wollen, ob bereits Tageslicht hereinbrach.

Wie gut kannte sie dieses Halbdunkel am Ende der Dunkelwelle! Seltsam war es, zu sehen, wie die Häuser ihre Festigkeit des vergangenen Tages zurückerlangten – anstelle von weiteren Feldern, schwarzen Hecken oder vertrauten Baumformen. Die Häuser hatten keine Lebendigkeit; man sah sie nur da stehen, und das Licht offenbarte lediglich Leere. Susans Herz war darauf aus, ihren Herzog dafür zu tadeln, dass die Szene, die sie sah, sich von der unschuldigen, offenen Landschaft unterschied. Ja, es war Morgen an einem bösen Ort – einem Ort, den man ihr niemals hätte besuchen lassen sollen. Doch wo war er, den sie suchte?

Da! Eine vermummte Gestalt eines Mannes stand an der Straßenecke. Es war er. Ihr Herz erstarrte – doch ihre Glieder sehnten sich danach, das Haus zu verlassen, frische Luft zu atmen – und, wie ihre Gedanken sagten, ohnmächtig zu werden, gut geschützt. Für ihre Sinne war das Haus ein brennendes Haus, das sie dazu drängte, zu fliehen.

Doch sie trat vorsichtig vor, um in dem düsteren Raum sicher zu sein. Sie tastete sich an der Wand entlang bis zur Tür – dort stolperte sie fast über einen Fußhocker. Hier machte ihr Tastsinn Fehler: Obwohl sie wusste, dass sie sich in der Nähe der Tür befinden musste, stieß sie auf ein Hindernis, das nicht aus Holz bestand. Die Tür schien weder geschlossen noch geöffnet zu sein. Sie konnte den Griff nicht finden – etwas hing darüber. Wenn sie ruhig nachdachte, kam sie zu dem Schluss, dass es sich um ein Kleid handeln musste…

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Morgenrock – er hing schwer herab. Ihre Finger spürten den Kontakt mit Seide; sie erkannte eine gewisse Masse, die dort hing, und berührte sie sehr vorsichtig und mechanisch. In ihrer Sorge, keinen Lärm zu machen, dachte sie bei sich: „Wenn ich doch nur die arme Chloe nicht wecken würde!“ Sie hatte Angst, dass die Tür knarren könnte. Bevor ihr noch weitere Ängste kommen konnten, wurde ihre Hand, mit der sie berührte, taub; ihr Mund stand offen, ihre Kehle wurde eng – ein Klumpen bildete sich in ihrem Hals. Der Versuch, ihn hinunterzuschlucken und Luft zu bekommen, hinderte sie daran, weiter darüber nachzudenken. Wieder berührte sie das Ding, bereit zu lachen oder zu schreien. Über ihrem Kopf, auf einer Seite, hatte das Ding einen runden weißen Teil. Konnte es eine Hand sein, über die ihre Berührung glitt? Auch ein Arm! Das war ein Arm! Sie umklammerte ihn und stellte sich vor, er halte sich an ihr fest. Sie zog daran, um sich daraus zu befreien – verzweifelt zog sie daran. Dann fiel etwas herab – und plötzlich wurde ihr klar, dass ein toter Mensch auf ihr lag.

Um Viertel vor vier an einem Sommernachmittag, wie Herr Beamish in seiner Erzählung über Chloe berichtet, ertönten drei Schreie hintereinander – in schrillen Tönen der Qual. Er hörte sie genau in dem Moment, als er seine Haustür verließ, um dem dringenden Ruf des jungen Herrn Camwell Folge zu leisten. Dieser hatte ihn zehn Minuten zuvor durch seinen Diener dringend gerufen. Als er die Straße erreichte, in der Herzogin Susan wohnte, sah er viele Köpfe mit Nachtmützen an den Fenstern. Ein Fenster des Hauses war geöffnet – doch leer. Seine erste Vermutung galt den beiden Herren, die er mit gezogenen Schwertern sah – offensichtlich waren sie nicht in freundlicher Stimmung. Wahrscheinlich hatte das zu einer schrecklichen Auseinandersetzung geführt, die Herzogin Susan oder ihre Zofe erschreckt hatte. Er war sich sicher, dass es nicht Chloe sein konnte – schließlich war sie die Letzte, die sich aus Angst oder in Gefahr dazu bringen ließe, ihre Waffen einzusetzen. Die Gegner waren Herr Camwell und Graf Caseldy. Als er auf sie zuging, steckte Herr Camwell sein Schwert weg und sagte, seine Arbeit sei erledigt. Caseldy war vor Wut außer sich – so sehr, dass es gefährlich wurde, als Vermittler zu fungieren. Es kam zu Wortwechseln zwischen ihnen – Caseldy rief laut, er wolle das Blut seines Feindes haben. Die Nachtwache war nirgends zu sehen. Doch bald halfen einige Ladenbesitzer sowie ihre Lehrlinge Herrn Beamish dabei, den Frieden zu bewahren – trotz von Caseldys Wut und seinen Provokationen gegenüber dem jungen Camwell. Letzterer sagte zu Herrn Beamish: „Ich wusste, dass ich…“

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„Keine Übereinstimmung – deshalb habe ich nach dir geschickt“, was seinen Freund in Erstaunen versetzte, denn er war von dem natürlichen Mut des jungen Mannes überzeugt. Herr Beamish wollte ihnen eine Rüge erteilen, da er keinerlei anderen Grund für den Aufruhr vermutete als diesen offensichtlichen Konkurrenzkampf, den er gerne den Reizen von Chloe zugeschrieben hätte. In diesem Moment schwang die Haustür weit auf, damit sie eintreten konnten. Die Hauswirtin streckte ihre Hände aus und bat sie inständig, zu der armen Frau zu eilen: „Oh, sie ist tot! Sie ist wirklich tot!“ Caseldy rannte an ihr vorbei. „Wie, tot? Gute Frau?“, fragte Herr Beamish ungläubig und mit einem halben Lächeln. Sie antwortete unter Stöhnen: „Erstochen am Hals – neben der Tür – Oh!“ Der junge Camwell presste seine Stirn gegen den Boden und rief den Namen seines Schöpfers. Als sie im Obergeschoss ankamen, kam Caseldy aus dem Wohnzimmer. „Welche?“, fragte Camwell. „Sie!“, sagte der andere. „Die Herzogin?“, rief Herr Beamish. Doch Camwell betrat das Zimmer. Nach dieser Antwort hatte er nichts mehr zu fragen. Die auf dem Boden liegende Gestalt war mit einem Laken bedeckt. Der junge Mann fiel daneben nieder, sein Gesicht nach unten gerichtet. Herr Beamish berichtet: „Bis heute, wenn ich alle fünfzehn Jahre wieder schreibe, spüre ich noch immer die Trauer jenes Moments in mir. Ich sehe die unter dem Laken verborgene Gestalt der bewundernswertesten Frau – deren Herz von einem untreuen Mann gebrochen wurde, bevor sie ihren zerstörten Lebensweg nutzen konnte, um einen Schwächeren als sich selbst vor dem Verderben zu retten. Ihnen wurde gnädigerweise ermöglicht, den Dienst zu leisten, um den sie durch ihren Tod gebeten hatte. Sie starb, um zu retten. In einem letzten Brief, der auf ihrer Nadelkissen gefunden wurde und an mich gerichtet war – unter Verschwiegenheit gegenüber den betroffenen Personen – ahnte sie bereits die ganze Beichte der unglücklichen Herzogin voraus. Nein, sie prophezeite sogar: ‚Die Herzogin wird Ihnen wahrhaftig sagen, dass sie genug vom Lieben hat!‘ Diese Worte wurden mir von der armen Frau täglich wiederholt, bis ihr Ehemann eintraf, um die Beerdigung anzuführen und dabei zu helfen, die gesundheitliche Verfassung seiner Frau wieder so zu verbessern, dass sie reisen konnte. Für mich zumindest war sie…“

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Sie wiederholte ständig: „Keine Liebe mehr!“ Anhand ihres Verhaltens gegenüber ihrem Herzog kann ich urteilen, dass sie aufrichtig war. Sie sagte, sie spüre bei jedem Wort, an das sie sich erinnerte, als würden Chloes Blicke durch sie hindurchgehen. Auch Chloes Tod hatte Auswirkungen auf den Verräter – er begleitete den Leichnam Chloes zum Grab. Er sprach mit niemandem. In einem Vers mit der Überschrift „Meine Gründe für den Tod“ wird deutlich, dass sie besorgt um die Sicherheit von Herrn Camwell war:

„Ich sterbe, denn mein Herz ist tot.
Um eine Seele vor Sünde zu warnen, sterbe ich.
Ich sterbe, damit kein Blut vergossen wird, usw.“

Sie fürchtete, er könnte unterwegs sein, um den Flüchtlingen zu schaden. Sie kannte ihn – genauso wie er sich selbst kannte – und wusste, dass er kein Gegner für jemanden war, der in den Kampftechniken des Schwertkampfs ausgebildet war. Sie erinnert sich an Herrn Camwells Bitte um das verschnürte Seidenband – sie bat darum, dass es von ihrem Hals abgeschnitten und ihm gegeben werde.

Herr Beamish verfasst Gedichte am Grab von Chloe. Sie dienen dazu, die Emotionen zu beruhigen. Doch wenn wir einen Mann finden, der normalerweise besonders anfällig für Spott sowie für das ist, was angemessen ist – und der keine Rücksicht auf mögliche Konsequenzen nimmt – dann können wir über die Aufrichtigkeit seiner Gefühle nachdenken. Vielleicht kann uns durch seine stockenden Worte etwas vom Dichtergeist mitgeteilt werden – auch wenn wir zugeben müssen, dass ein Zitat den Pathos zerstören würde.

**E-TEXT-EDITORS-BUCHMARKEN:**
Alle Schmeicheleien gehen auf Kosten anderer.
Sei philosophisch – aber akzeptiere deine eigenen Pflichten.
Aber das überlasse ich dir.
Vertraue uns nicht – das ist eine Kriegserklärung.
Glück in der Liebe bedeutet ein Gleichgewicht zwischen Ekstase und Unterwerfung.
Wenn ich nicht über Bezahlung spreche…
Intellektuelle Verachtung gegenüber leicht zu täuschenden Menschen.
Lass Unentschlossenheit zu, damit ihre Skrupel verschwinden.
Ist ein Monat Glück nicht schon genug?
Keine Schmeicheleien für mich auf Kosten meiner Schwestern.
Du wirst nichts haben, was du nicht begehrst.
Ursprüngliches Verlangen nach Lärm.
Sie könnte gut werden, wenn sie eine Weile gut beschützt wird.
Die Alternative: Strumpfhalter und Bettpfosten.
Sie verpassen das Vergnügen, danach zu streben.
Diese Manie der Jungen nach Vergnügen – ewigem Vergnügen.
Intelligenz, die normalerweise weniger produktiv ist als Land.

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Das Haus am Strand
Von George Meredith – Eine realistische Geschichte

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KAPITEL I
Die Erfahrungen großer Beamter, die vor ihrem Tod ihre Würde aufgegeben haben oder die die philosophische Weisheit besaßen, sich selbst zu überdenken, solange sie noch das Stab des Amtes in Händen hielten, lehren sie, dass bei der Ausübung der Macht über Menschen ein exzentrisches Verhalten in Kleinigkeiten sie am meisten der feindlichen Kritik aussetzte und ihr Ansehen am meisten gefährdete. Das ist ihr Achillesferse – der Punkt, an dem die „Mutter Natur“ sie festhält, wenn sie sie in unsere „Wasser“ taucht. Die Exzentrik gewöhnlicher Menschen dient der Unterhaltung der Menge; die „mütterliche Hand“ wird dabei als Zeichen der Zuneigung angesehen. Doch das ist selten geeignet für diejenigen in hohen Positionen – nur dann, wenn ihr Stab nicht mehr bedrohlich ist als der Birkenstock einer Großmutter. Solche Menschen müssen früh oder spät lernen, dass sie letztlich sterblich sind.

Wenn zum Beispiel Heringe an einem Strand versteigert werden, sollte der angesehene Mann der Stadt nicht unter die einfachen Leute gehen, um von dieser Gelegenheit zur Billigkeit Gebrauch zu machen – auch wenn er vorgeben mag, dies tun zu wollen, um die Fischer von ihrer Last zu befreien. Ebenso sollte ein Würdenträger wie der Amtmann von Cinque Port die Beute seiner erfolgreichen Verhandlungen nicht in einem Korb mit nach Hause tragen. Es liegt nicht daran, dass sein Verhalten an sich verwerflich wäre, sondern vielmehr daran, dass es dazu führt, dass er von den Menschen beurteilt wird. Solange der beste Verteidiger noch nicht vor unseren Landsleuten argumentieren kann, dass wir ihnen nicht im Weg stehen, ist es klug, diesem Prozess aus dem Weg zu gehen.

Herr Tinman jedoch, dieser hochmütige Mann, stammte zufällig aus einer Familie von Händlern. Seine Mutter half ihm dabei, von einem kleinen Laden zu einem größeren überzugehen. Durch die Anwendung ihrer Tugenden konnte er schließlich selbst zu einem Gentleman werden. Er hatte große Ambitionen – und war darauf stolz. Doch da er zu unvorsichtig vorging, geriet er in die Lage, von seinen eigenen Einkünften abhängig zu sein. Schließlich fürchtete er die Gefahren des Hungers, die denen drohen, die versuchen, sich von ihrer Einnahmequelle zu trennen. Wenn also in unserer Zeit in Prosa edle Bilder erlaubt wären, könnte man annehmen, dass Ängste und Bedauern die prächtige Kürbisse antreiben, die von ihren Ranken losgelöst werden. Ohne die reichlichen Ressourcen des Ladens im modischen Seehafen Helmstone zog er in seine Heimatstadt zurück.

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Cinque Port in Crikswich – dort mietete er die billigste Unterkunft, die er finden konnte, das Haus am Strand – und lebte dort in Pracht, ohne jedoch völlig gegen die Prinzipien seiner alten Mutter zu verstoßen. Sein Einkommen, wie er fast täglich in privaten Gesprächen mit seiner verwitweten Schwester und einzigen Begleiterin feststellte, war respektabel. Der Rückgang vom Fünfzigprozentigen auf das Fünfprozentige ist natürlich spürbar. Dennoch war es für einen Mann, der zwischen Traum und Wachzustand schwankte, eine tröstliche Erinnerung, dass er keine schlechten Schulden hatte – schließlich musste man bezahlen, um als Edelmann bezeichnet zu werden. Einmal Edelmann, dann stand man in England auf festem Boden und war auf dem Weg nach oben. Ein Edelmann konnte einer Dame von Rechts wegen seinen Heiratsantrag machen; gewöhnliche Edelleute haben Herzoginnen geheiratet – sie heiraten jeden Tag die Töchter von Baronetten. Solche Gedanken kamen dem neuen Edelmann immer wieder in den Sinn. Wie oft hatte er in seinem Geschäft in Helmstone schon Damen mit Adelstiteln gehört, die sich weigerten, schöner zu sprechen als gewöhnliche Frauen – und er war in der Lage, ihre Stolzhaftigkeit zu verstehen. Er wusste genau, dass sie bei einem Heiratsantrag von ihm ganz anders reagieren würden als gewöhnliche Frauen. In ihnen schlummerte etwas, das nur von einem Edelmann kontrolliert werden konnte. Im Alter von vierzig Jahren legte er sein Geschäft nieder, um vorgeben zu können, eine adlige Frau zu heiraten – zumindest war das einer seiner Pläne. Und hier, denke ich, ist der Moment für ein Epitaph über ihn – sowie für den Ausruf: „Ach!“ Ich möchte nicht voreilig sein, aber es ist notwendig, Interesse an ihm zu wecken. Nur ein Ausländer könnte im Moment Interesse an diesem Engländer zeigen, der einfach nur wie seine Landsleute handeln und sie nach und nach übertreffen möchte. Ach! Dann ist der Pathos eines Bestatters besser als gar keiner – er war kein Mensch, der ausschließlich nach sozialen Ehren strebte. Seine alte Mutter, der er seinen Reichtum verdankte, trug dazu bei, seine Ambitionen zu behindern. Die Natur dieses Mannes war so widersprüchlich, dass er aus Rache an Enttäuschungen manchmal gegen den Geist der Sparsamkeit vorging. Leser, die sich mit griechischen Dramen auskennen, werden die „verhängnisvollen Schwestern“ hinter dem Stuhl eines Mannes erkennen, der häufig und großzügig Bankette veranstaltet, um in seiner Umgebung wichtig zu werden – während er gleichzeitig den Preis für seinen Wein senkt, um sich so von den Ausgaben zu befreien. Ein Schluck seines Weins ließ ihn nach Luft schnappen – wie bei Menschen, die in Gegenwart der gewaltigen Kräfte der Natur stehen.

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Die Konstitution war noch schrecklicher – und zeugte zugleich von einer bemerkenswerten Widerstandskraft gegen Krankheiten – als die Instrumente des Arztes. Die meisten Gäste am Tisch von Herrn Tinman waren derart gestrickt, dass sie seine „kraftvollen“ Eigenschaften umso mehr bewunderten, je höher der Preis für sein Essen ausfiel. Die Kombination aus Stärke und günstigem Preis schmeichelte ihnen wohl – als weiteres Beispiel für die nationale Energie. So musste es auch gewesen sein, denn seine Landsleute freuten sich, ihn zum Anführer ihrer Stadt zu ernennen. Hier und da gab es einen einzelnen Edelmann, der während der Badesaison ausnahmsweise zum Essen ins Haus am Strand kam – dieser verursachte oft Beschwerden wegen Kopfschmerzen, was ihm einen schlechten Ruf einbrachte. Ein oder zwei ansässige Edelleute, bei denen die Erinnerung an Tinnmans Essen wie ein „Haken“ wirkte, den ein alter Forellenhaken dem Angler entwendet hat, um ihn zukünftig vorzubeugen, verbreiteten diese negativen Berichte. Der Leutnant der Küstenwache hörte von den neuesten Opfern und nickte nur und sagte, er habe noch nie bei Tinnman gegessen, ohne anschließend Kopfschmerzen zu bekommen und zum Apotheker zu müssen – was seiner Ansicht nach gut fürs Geschäft sei. Er stimmte zu, denn das war es, was ein Mann, der seinem Land treu ergeben war, tun sollte. Er aß wieder mit Tinnman. Wir versuchen, gesellig zu sein. Acht Monate im Jahr hatte er keine andere Wahl, als mit Tinnman zu essen – oder als Einsiedler zu leben. „Wohin gehen Sie, Leutnant?“, fragte man ihn. Seine ehrliche Antwort lautete: „Ich werde getötet werden.“ Es wurde allgemein bekannt, dass damit Tinnmans Tisch gemeint war. Wir kommen so gut miteinander aus, wie es geht. Vielleicht würden wir, wenn wir äußerst berechnend wären, es besser finden, Tinnman aus Trotz gegen alle Folgen zu töten – doch das sind wir nicht. Deshalb erledigt er die Arbeit für uns. Wir müssen ein großzügiges Volk sein – denn Tinnman wurde nicht gehasst. Die Erinnerung an den „nächsten Morgen“ ließ ihn vage Angst empfinden. Tinnman selbst war sich nur dessen bewusst, dass er als Edelmann keinen Fortschritt machte – außer in Bezug auf Umschläge für Briefe sowie in Bezug auf seinen eigenen Selbstwert. Er begann, diesen Bereich für sich zu beanspruchen und andere Bewohner auszuschließen. Das Ergebnis dieser Art von Isolation war, dass er in tiefgründige Gedanken versank. Seit dem Moment, in dem er zum Anführer der Stadt ernannt wurde, beherrschten ihn solche Gedanken. Er war klug – er kannte die Gefahr des Spotts – und wusste, dass…

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Er war unten nicht beliebt und stand auch mit den Leuten über ihm nicht in gutem Verhältnis. Er dachte an einen großartigen Coup als Mitglied der Bande der Edlen – ein Coup, der nichts Originelles enthielt, um den einheimischen Verstand zu verwirren oder zu ärgern, doch dennoch beeindruckend war. Nur wenige Mitglieder dieser privilegierten Gruppe wagen es, sich so etwas überhaupt vorzustellen. Es ist kaum zu glauben – doch es ist historische Tatsache: Während er frische Heringe auf dem Arm trug, kam ihm die Idee, den Herrscher des Landes zu besuchen, und er stellte sich angenehme Vorstellungen von einer persönlichen Begegnung mit ihm vor. Tatsächlich hatte er bereits mit den Stadträten Rücksprache gehalten. Man muss wissen, dass eine der Prinzessinnen kürzlich in den Zeitungen verlobt worden war – und wenn sie die Verlobung bestätigte, wäre es doch nur vernünftig, dass der Anführer von Cinque Ports seiner Herrin sowie deren berühmter Mutter gratulierte. Das sind Gedanken und Handlungen, die den Mitgliedern einer elend verdunkelten Bevölkerungsgruppe emotionale Wärme und Farbe verleihen. Sie sind unser Sonnenlicht, unser lebhafteres Gesprächsthema. Sie sind für das Klima und den sächsischen Geist unerlässlich – es wäre töricht, sie beiseitezuschieben, genauso wie es töricht wäre, nicht alles zu tun, um in Kontakt mit den irdischen Prachtexemplaren zu bleiben, solange wir sie haben – wie man von Aufsehern, Bürgermeistern und Richtern sagen kann. Tinman war genau dieser Ansicht: Sie dienen dazu, unsere Langeweile zu vertreiben. Wir haben sie anstelle des Himmelslichen – und er hätte argumentiert, dass wir auch das Recht hätten, uns um sie zu kümmern. Ihm kam die Idee, in Crikswich ein Krankenhaus für Seeleute einzurichten, um damit einen Prinzen zu verführen, ihm den Spaten in die Hand zu geben, ihn dazu zu bringen, „den ersten Stein zu legen“ – und anschließend den armen Prinzen am Tisch zu bewirten. Doch das war eine Sache für später. Nachdem er die Heringe gekauft hatte, ging Herr Tinman über den Kieshaufen zum Haus am Strand. Er war ein junger Mann mit sächsischem Teint und sah aus der Ferne fröhlich aus. Dass er trotz des täglichen Kampfes mit dem Wein noch so gut aussehen konnte, zeugte von großer körperlicher Kraft. Sein Schritt war gemächlich – schließlich musste er über Kieselsteine gehen, bei denen bei jedem vollen Schritt ein halber Schritt abzuziehen war. Zudem spürte er beim Gehen einen allgemeinen Unmut, der auf eine kritische Atmosphäre hindeutete. Warum sollte er sich nicht selbst bewerben? Er verlieh seiner sich entfernenden Gestalt Würde als Antwort auf diese innere Frage. Es war ein Moment, in dem ein bewusst rechtschaffener Mensch eigentlich einen Schwanz brauchte, um seine Rechtschaffenheit zur Schau zu stellen. Philosophen haben auf die Fähigkeit des menschlichen Gesichts hingewiesen, reine Tugend auszudrücken – doch sobald dieses Gesicht wieder verschwindet, bleibt nur noch der Geist übrig.

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Drinnen schien man hilflos zu sein. Die Breite unserer Schultern scheint den Kritikern als Anlass zu dienen, darüber zu schreiben. Die einfache Vorstellung vom moralischen Wert erfüllt ihre Pflicht nur unvollkommen – sie kann jenen Mangel an Ausdruckskraft auf dem flachen Rücken nicht ersetzen. In dieser Hinsicht stehen wir unter den Tieren. Wie voller Sprache doch ein Hund ist! Das hat jeder bemerkt. Wenn ein Hund sich von einer feindseligen Gruppe abwendet, verteidigt sein knackiger, wachsamer Schwanz ihn nicht nur – er droht auch; er ist eine Waffe. Der Mensch hat keine andere Wahl, als entweder in Wut zu geraten oder sich lächerlich steif zu machen. Da Tinman die allgemeine Einstellung bezüglich seines Marketings kannte – schließlich können Männer hinter den Rücken anderer blicken, auch wenn sie nichts zu sagen haben – glich er jenen prinzipientreuen Menschen, die sich weigern, einer redseligen Bettlerin für einen „Gott segne Ihre Ehre!“ zu zahlen und stattdessen nach ihrem Weggang das Gegenteil erhalten. Er war empfindlich genug, um zu spüren, dass sein Rücken wie auf eine Tafel gekritzelt wurde. Das einzige Kommentar, das ihm folgte, lautete: „Da geht er!“ Er ging zum Meeresausgang des Hauses am Strand – dieser war durch eine niedrige Feuersteinkulisse geschaffen worden – wo ihn seine Schwester Martha erwartete. Er übergab ihr den Korb. Offenbar nannte er den Preis pro Dutzend seiner Einkäufe. Sie berührte die Fische und drückte auf deren Bäuche – vielleicht, um sie sanft nach ihren Eiern zu fragen. Dann verschwanden das Paar aus dem Blickfeld. Kurz darauf verbreiteten die Heringe ihren Geruch durch alle Schornsteine von Crikswich – und so entstand unter den Einwohnern eine Atmosphäre der Harmonie und festlichen Gemeinschaft. Das Haus am Strand stand wohl deshalb dort, weil man von dort aus auf das Meer blicken konnte. Es wandte sich direkt dem Städtchen zu, hinter einem Streifen Gras und Salzkrusten – es sah aus wie ein quadratischer, verächtlicher Soldat, der ständig eine ungeschickte Truppe von Rekruten inspizierte. Weder das Meer noch das Land schienen es zu mögen. Die Marine Parade gegenüber ließ die Augen im Schatten eines abgenutzten grünen Vordachs verblassen – vor der Sonne, die nur selten erschien. Die Fenster der Villen blickten ohne Scheu hinaus; sie schämten sich nicht für ihre gelbe Färbung. Eine heruntergekommene Kneipe, die sich als neues Hotel ausgab, wirkte zurückhaltend. Villen mit Bezeichnungen wie „Königliche“ oder „Blutige Schlachten“ beanspruchten fünf Fuß Gartenfläche und ragten mit ihren Erkerfenstern über die anderen Villen hinaus – diese zeichneten sich durch ihre anständige Geradlinigkeit und zurückhaltende Eleganz aus. Auf einer erhöhten Wiese rechts lag der Crouch. Die Hall of Elba befand sich weiter oben, inmitten von vom Wetter gezeichneten Wäldern. Kahlheit, Mangel an Ausdruckskraft, Leere, Feuchtigkeit und Rauheit bildeten die Charakteristika dieses Ortes.

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Die äußere Erscheinung einer Stadt, zu der die Menschen im Sommer gerne aus London kamen – schließlich gab es in Crikswich nichts, was die ungetrübte Suche nach Gesundheit stören könnte. Das Meer warf sein erfrischendes Salzwasser dem Tier entgegen, das mit großem Appetit aß und so von diesem Ort begeistert war – trotz einiger unangenehmer Gerüche aus einer offenen Deponie auf dem Gemeindegrundstück, die sich mit dem Salzwasser vermischten. Laut Überlieferung kamen einmal eine französische Dame und ein Herr in die Stadt, um sich für einen Monat ein Quartier zu suchen. Am nächsten Tag nahmen sie ein Boot vom Ufer und sagten in ihrem schlechten Englisch zu einem erfahrenen Seemann der Küstenwache, den sie um Rat bezüglich des Wetters gefragt hatten: „Es ist besser zis zan zat“, während sie zwischen dem rauen Meer und dem felsigen Land mit den Schultern zuckten. Danach wurden sie nicht mehr gesehen. Niemand verstand ihre Absichten. Nachdem sie ihre Rechnung im Gasthaus bezahlt hatten, wurde ihr Verhalten als systematische Verrücktheit angesehen. Die Engländer kamen nach Crikswich wegen der reinen Meeresluft – sie erwarteten nicht, dass diese für sie „zubereitet“ oder „dekoriert“ werden würde. Wenn man der Natur solche Dinge antut, dann hat man nicht mehr die Natur selbst, sondern etwas, das französisiert wurde. Diese Franzosen sind doch nur dazu da, Neptuns Bart zu schneiden! Warten Sie nur ab – Sie werden sicherlich eine Vielfalt in der Natur finden, mehr, als Ihnen lieb ist. Sie werden sie bei Neptun finden. Was halten Sie davon, wenn die Meermauer bricht und die duftenden Grasflächen, die vom Haus am Strand bis zu den wackeligen Terrassen und Villen reichen, überflutet werden – und die Gasthäuser durch ihre Flaggen in Hotels verwandelt werden? Solche Ereignisse hatten schon früher stattgefunden und dem Haus am Strand nur große Erschütterungen bereitet – Erschütterungen, wie sie allein der zornige Neptun verursachen kann. Doch viele Jahre waren vergangen. Schutzdämme wurden errichtet, um ihn aufzuhalten. Im Allgemeinen verursachte er im Winter Schäden in Mühlen und Salzmarschen weiter westlich. Herr Tinman war stets sehr engagiert dabei, die Gelder, die die Stadt zur Verfügung hatte, für den Schutz der Küste auszugeben – quasi, um den Meergott zu besänftigen oder ihm trotzig entgegenzutreten. Unter den Stadträten gab es einen scherzhaften Spott gegen ihn zu diesem Thema. Er antwortete mit dem Scherz, dass die Engländer zuerst auf die Verteidigung Englands achten sollten. Doch es ist nicht gut, zu sehr in unseren Friedenszeiten zu schwelgen – für die wir doch solch großartige Opfer bringen. Der Frieden, abgesehen von den deutschen Banden, die von Zeit zu Zeit die Ruhe der Stadt störten, verlieh den Einwohnern von Crikswich, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Stadt, das Erscheinungsbild ihrer vollkommensten Form – zusammen mit einem gewissen Grad an Nervosität, der alltäglichen Ereignissen einen Hauch von Angst verlieh.

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Letzter Trumpf: Eines Nachts, gerade nach dem Übergang des Frühlingsequinoxes, geschah etwas.

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KAPITEL II
Eine Kutsche kam im Lichtkegel einer Kerze zum Stehen – dieses Licht flackerte unregelmäßig und schwach in der windigen Dunkelheit vor der offenen Werkstatt des Tischlers Crickledon, der direkt am Meeressstrand wohnte. Man fragte nach dem Haus von Herrn Tinnnan. Crickledon hörte auf zu planen; halb über das Holz gebeugt rief er: „Biegen Sie rechts ab – direkt vor Ihnen; man kann es nicht verfehlen.“ Er nickte einem seiner Freunde zu, der darauf achtete, wie er arbeitete: „Nur, wenn sie als Köder für Haifische dienen wollen. Für wen ist das wohl bestimmt, Tinman?“ Die Spekulationen von Crickledons Freunden gingen im Lärm der Säge unter. Einer warf einen Blick durch die Tür und stellte fest, dass die Kutsche immer noch da war. „Der Herr ist ausgestiegen und zu Fuß weitergegangen“, sagte Crickledon. Ihm wurde mitgeteilt, dass jemand im Inneren zu sehen sei. „Vielleicht die Frau des Herrn“, sagte er. Seine Freunde nutzten ihr Recht, zu denken, was sie wollten – in der Werkstatt herrschte wieder die übliche Stille. Crickledon sorgte für Geräusche und Bewegungen zur Unterhaltung seiner Freunde; ab und zu gab es auch ein paar Worte des Gesprächs. Die ruhigeren Geister, die in seiner Nähe lebten, waren es gewohnt, vorbeizukommen und zuzusehen, wie er bis zum Abendessen arbeitete – anstatt sich den chaotischeren und teureren Vergnügungen in der Kneipe hinzugeben. Crickledon blickte von seinen Messungen auf. Im Türrahmen stand ein bärtiger Herr, der mit dem Ausruf „Das ist ja eine schöne Katastrophe!“ seine Anwesenheit ankündigte und eilig Platz machte für einen Mann, den sie gut kannten: Ned Crummins, den Mitarbeiter des Polsterers. Auf seinem Rücken hing ein Möbelstück – dessen Zustand zeigte er in einer humorvollen, prägnanten Weise, indem er beim Eintreten einfach nur um sich selbst drehte. „Zerschmettert!“, riefen alle. „Ich bin direkt gegen ihn gelaufen“, sagte der Herr. „Um Himmels willen – keine Knochenbrüche, das ist schon mal etwas. Der Kerl – schauen Sie ihn an: Er sieht aus wie eine Glasschildkröte.“ „Es handelt sich um Glas vom Typ Chiwal“, bemerkte Crickledon und zeigte auf den Stern in der Mitte.

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„Ein Herr ist direkt in mich hineingelaufen“, sagte Crummins und stellte den Rahmen auf den Boden der Werkstatt.
„Ich hatte noch nie in meinem Leben einen solchen Schock“, fuhr der Herr fort. „Bei meiner Seele – ich hielt ihn für eine Tür! Tatsächlich. Ein Lichtstrahl kam aus einem Ihrer Häuser hier, und in völliger Dunkelheit dachte ich, ich wäre vor dem Haus von Old Mart Tinman. Verdammt nochmal – ich bin doch hineingestürmt! Aber was zum Teufel machen Sie da, dass Sie nachts dieses riesige Spiegelstück tragen? Und sagen Sie mir: Wie kommt es, dass Sie gerade mit dem Spiegel voran gingen, obwohl er doch auf Ihrem Rücken war?“
„Nun, das ist nicht meine Schuld, das weiß ich“, entgegnete Crummins. „Ich bin so vorsichtig wie nur möglich vorangekommen. Ich wollte gerade zu Master Tinman sagen: ‚Ich kenne den Weg, haben Sie keine Angst vor mir‘ – denn ich glaube, ich habe ihn aus seinem Haus rufen hören: ‚Sehen Sie den Weg?‘ Da stürmt dieser Herr mit voller Wucht auf mich zu – und der Spiegel zersplitterte. Ich war erst zehn Schritte von Master Tinmans Tor entfernt – und ich war wirklich sehr vorsichtig, bei jedem Schritt aufzupassen. Das weiß ich.“
„Ach, ich war es, der gerufen hat: ‚Ich kann wirklich den Weg nicht sehen.‘“
„Sie haben mich gehört, Sie Esel!“, erwiderte der bärtige Herr. „Was nützte es schon, dass Sie mir den Spiegel entgegenhielten, genau in dem Moment, als ich auf Sie zustürmte?“
„Nun, das ist wirklich nicht meine Schuld, ich schwöre es“, sagte Crummins. „Der Wind trägt Stimmen in einer völlig dunklen Nacht – man kann nie erkennen, ob sie von links oder rechts kommen. Und wenn ich nun meinen Job verliere, ohne dass es meine Schuld ist …“
„Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sir, dass ich den Schaden ersetzen werde? Hier“, sagte der Herr und kramte in seiner Weste, „nehmen Sie diese Karte. Lesen Sie sie.“
Zum ersten Mal während des Geschehens in der Tischlerei zeigte sich in der Stimme des Herrn eine gewisse Prunkhaftigkeit. Die Art, wie er die Karte überreichte, wirkte, als würde ein Trompetensignal vor wichtigen Männern ertönen.
„Van Diemen Smith“, stellte er sich vor und dankte Ned Crummins für seine Hilfe. Der besorgte Ausdruck auf Crummins’ Gesicht, als er die Karte entgegennahm, schien auf ein unreines Gewissen hinzudeuten.
In der Nähe von Herrn Van Diemen Smith war eine ängstliche weibliche Stimme zu hören:
„Oh, Papa – gab es einen Unfall? Sind Sie verletzt?“

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„Überhaupt nicht, Netty – überhaupt nicht. Ich bin einfach in einen großen Spiegel im Dunkeln gelaufen, das ist alles. Es handelt sich um acht oder zehn Pfund – das wird uns nicht weiter stören. Aber das sind wirklich seltsame Verhältnisse in altem England: Man kann im Dunkeln am Meerufer keinen Schritt machen, ohne sofort in einen Spiegel zu fallen. Das scheint mir ein schlechtes Omen für meinen Besuch bei Old Mart Tinman zu sein.“

„Können Sie“, wandte er sich an die Anwesenden, „mir von einer sauberen, angemessenen Unterkunft erzählen? Ich dachte daran, mich samt Gepäck bei Ihrem Bürgermeister oder wem auch immer – meinem alten Schulkameraden – unterzubringen. Doch mir gefällt dieser Anfang nicht besonders. Ein paar Schlafzimmer und ein Wohnzimmer; saubere Laken, gute Belüftung; gutes Essen, gut zubereitet; Bezahlung im Voraus pro Woche.“

Ein Kieselstein, der ins tiefe Wasser fällt, zeigt seine Tiefe durch das späte Erscheinen von Blasen an der Oberfläche. Ebenso dauerte die sehr einfache Frage von Herrn Van Diemen Smith eine ganze Weile, bis sie in den Köpfen der Anwesenden angekommen war – ohne dass ein Zeichen darauf hinwies, dass sie den „Boden“ erreicht hatte.

„Sicherlich können wir doch in eine Herberge gehen, Papa! Es muss doch irgendein Hotel geben“, sagte seine Tochter.

„Im Cliff Hotel in der Nähe gibt es gute Unterkünfte“, sagte Crickledon.

„Aber“, sagte einer seiner Freunde, „falls Sie nicht so weit gehen möchten, Sir, dann gibt es nebenan das Haus von Master Crickledon. Seine Frau vermietet Zimmer – und es gibt keine bessere Köchin entlang dieser Küste.“

„Warum hat der Mann das dann nicht erwähnt? Hat er Angst vor mir?“, fragte Herr Smith etwas verärgert. „Ich bin vielleicht noch nicht allzu bekannt in England – aber ich sage Ihnen: Fragen Sie nach dem Weg zu Herrn Van Diemen Smith in Australien.“

„Ja, Papa“, unterbrach ihn seine Tochter, „aber Sie müssen bedenken, dass es vielleicht nicht praktisch ist, uns zu dieser späten Stunde aufzunehmen.“

„Das ist es nicht, Fräulein, entschuldigen Sie bitte“, sagte Crickledon. „Ich halte es für wichtig, mein eigenes Haus niemals zu empfehlen. Es liegt dort drüben. Ansonsten sind Sie herzlich willkommen, es auszuprobieren.“

„Ich dachte daran, mich bei meinem alten Schulkameraden unterzubringen und die alte englische Gastfreundschaft auf die Probe zu stellen“, überlegte Herr Smith. „Aber es ist schon spät. Ja – und dieser verdammte Spiegel! Nein, wir werden bei Ihnen bleiben, Herr Zimmermann. Ich werde…“

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„Ich werde morgen meine Karte zu Mart Tinman bringen und ihn beim Frühstück in Aufregung versetzen.“ Herr Van Diemen Smith winkte mit der Hand, damit Crickledon vorausging. Daraufhin blickte Ned Crummins von der Karte auf, die er immer wieder durchgeblättert hatte – er sah aus wie jemand, der zu einem verurteilenden Urteil über einen Fisch gelangt ist. „Ich kann doch nicht zu meinem Herrn gehen und ihm statt seines Glases eine Karte geben“, bemerkte er. „Ja, das erinnert mich daran – ich möchte gerne wissen, was Sie damit meinten, dass Sie dieses Glas nachts aus dem Haus von Herrn Tinman weggebracht haben“, sagte Herr Smith. „Wenn ich dafür bezahlen soll, habe ich das Recht, es zu erfahren. Was hat es für einen Sinn, so etwas nachts zu bewegen? Nun, sagen Sie schon. Die Nacht ist nicht die richtige Zeit, um solche großen Gläser zu bewegen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich keinen Grund habe, misstrauisch zu sein.“ „Wenn Sie mir bitte folgen würden, Sir“, sagte Crummins, „vielleicht wird mein Herr es erklären.“ Crummins wurde gebeten, anzugeben, wer sein Herr sei – er antwortete: „Phippun and Company.“ Doch Herr Smith weigerte sich entschieden, mit ihm zu gehen. „Aber hier“, sagte er, „ist eine Münze für Sie – schließlich sind Sie ein anständiger Mensch. Sie werden morgen früh wissen, wo Sie mich finden können. Und denken Sie daran: Ich erwarte von Phippun and Company eine gute Erklärung dafür, warum sie an einem solchen Abend ein großes Glas bewegt haben. Nun, gehen Sie schon.“ Die Münze in seiner Hand brachte eine positive Veränderung in Crummins’ Bereitschaft, zu sprechen. Crickledon sprach mit ihm über das Glas; zwei oder drei der Anwesenden drängten ihn dazu, weiterzusprechen. „Was wollte Herr Tinman damit, dass das Glas so spät am Tag bewegt werden sollte, Ned? War Ihr Herr denn nicht besorgt um sein Eigentum?“ „Nein“, sagte Crummins. Er begann, an seiner Oberlippe zu saugen, seine Augenlider zu bewegen und unruhig herumzustehen – deutliche Anzeichen dafür, dass er bald zu erzählen beginnen würde. Er erwiderte den Blick von Herrn Smith, dann sah er verlegen zu Miss Crickledon. Sie erkannte seine Zwickmühle. „Sagen Sie einfach, was Ihnen auf dem Herzen liegt, Ned – es spielt keine Rolle, wie Sie es ausdrücken. Englisch ist schließlich Englisch. Herr Tinman hat Sie doch beauftragt, das Glas wegzubringen, oder?“ „Ja, das hat er“, sagte Crummins. „Und Sie sind zu ihm gegangen.“

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„Ach, das habe ich tatsächlich getan.“
„Und er befestigte das Chiwal-Glas auf deinem Rücken.“
„Das hat er wirklich getan.“
„Das ist doch ganz einfach. Hat er das Glas gekauft?“
„Nein, er hatte es nicht gekauft – er hatte es gemietet.“
Genau wie bei einem erzwungenen Besuch beim Zahnarzt, wenn bereits ein Zahn entfernt wurde, sind die übrigen Zähne bereitwilliger für eine weitere Behandlung – man könnte sogar poetisch behaupten, dass sie wie Blätter vom Baum fallen. So gab Crummins, der zuvor geschwiegen hatte, nun nacheinander ganze Sätze preis. Wie wichtig sie für seinen Landsmann, Herrn Smith, und besonders für Fräulein Annette Smith waren, konnte man an ihren Äußerungen erkennen – noch bevor sie selbst in den Strudel des Interesses hineingezogen wurden.
Und das war die Situation: Tinman hatte das Glas für drei Tage gemietet. Schon am ersten Tag der Mietdauer, gegen Abend, schickte er dringende Befehle an Phippun and Company, das Glas umgehend aus seinem Haus zu holen. Warum? Weil, wie er behauptete, mit dem Glas etwas nicht stimmte – es verursachte einen unpassenden, absurden Reflex. Zu diesem Zeitpunkt wartete er auf die Ankunft eines anderen Chiwal-Glases.
„Los, Ned“, sagte Crickledon.
„Was zum Teufel will er überhaupt mit einem Chiwal-Glas?“, rief Herr Smith. Dadurch wurde der Erzählfluss gestört – er schlug dem Erzähler vor, „zurückzugehen“, was für ihn gleichbedeutend damit war, einen Abgrund zurückzulegen. Glücklicherweise fiel ihm ein Bild ein: „Herr Tinman steht da in seinem besten Gerichtsanzug.“
Tinmans ehemaliger Schulkamerad zuckte zusammen – und das war auch kein Wunder.
„Er steht da?“, rief er. Da das Stehen an sich nichts Außergewöhnliches war, konzentrierte er sich auf den Anzug: „Gerichtsanzug?“
„So hat es mir Frau Cavely gesagt – das war es, worin er stand. Als ich ihn fand, ließ ich ihn dort“, sagte Crummins.
„Er steht jetzt immer noch darin?“, fragte Herr Van Diemen Smith mit großen Augen.
Crummins wiederholte seine Aussage beharrlich. Viele hätten die Aussage bei der Wiederholung verziert – doch er blieb bei der einfachen Wahrheit.

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„Er muss sehr stolz darauf sein, einen Hofanzug zu haben“, sagte Herr Smith und blickte seine Tochter so durchdringend an, dass sie lächelte – obwohl sie ungeduldig darauf war, zu Mrs. Crickledons Wohnung aufzubrechen.
„Oh! Da ist es also?“, warf der Tischler ein und runzelte die Stirn, als Ned Crummins leise etwas sagte. „Übt er etwa? Herr Tinman übt vor dem Spiegel, bevor er zum Palast in London geht.“
„Er hat mir einen Shilling gegeben“, sagte Crummins.
Crickledon verstand ihn sofort. „Wir sollten nicht darüber sprechen, Ned.“
„Was hast du gesehen?“, wurde vorsichtig gefragt.
Der Shilling lag Crummins auf der Zunge – doch da er daran dachte, dass er nur zufällig Zeuge dessen geworden war und Herr Tinman ihm nicht vollständig vertraute, steckte er seine Hand in die Tasche, um die Münze zu berühren. Dadurch wurde er dazu inspiriert, zu sagen: „Alles, was ich sah, war, wie sich die Tür öffnete – nicht die Haustür, sondern die Tür zum Salon. Ich sah, wie er zum Spiegel ging und wieder zurückkam. Als er beim Spiegel ankam, verbeugte er sich – und ging anschließend wieder weg.“
Wahrscheinlich war die Anwesenheit einer Dame der Grund dafür, dass Crummins nicht in der Lage war, die Gestalt von Herrn Tinman vollständig nachzuahmen – und somit nur eine kurze Darstellung seiner Haltung vor dem Spiegel liefern konnte. Doch es handelte sich dabei um eine Art groteske Darstellung; obwohl die Männer in der Tischlerei dies mit nüchterner Gelassenheit aufnahmen, zupfte Annette an dem Arm ihres Vaters. Sie konnte ihn nicht dazu bringen, wegzugehen. Das Bild seines alten Schulkameraden Martin Tinman, der vor einem Spiegel übte, um im Hofanzug zum Palast zu gehen, schien seinen australischen Verstand zu lähmen.
„Welches Recht hat er eigentlich, zum Gericht zu gehen?“, fragte Herr Van Diemen Smith – wie ein Ausländer, der er durch das Exil geworden war.
„Herr Tinman ist der Stadtschreiber“, antwortete Crickledon.
„Und was hatte er gegen den Spiegel einzuwenden, den ich zerstört habe?“
„Er ist ein ziemlich reizbarer Herr“, murmelte Crickledon und wandte sich an Crummins.

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Crummins knurrte: „Er sagte, es sei neblig – und gab ihm eine Ausrede.“
„Was für ein großer Dummkopf er wohl sein muss! Nicht wahr?“ Herr Smith blickte zu Crickledon sowie den anderen Männern, um die Meinung der Einwohner von Tinmans Stadt über seinen Charakter zu erfahren.
Sie hatten Grund, eine andere Meinung über Tinman zu haben.
„Er ist kein Dummkopf“, sagte Crickledon.
Ein anderer schüttelte den Kopf. „Er ist geschickt im Verhandeln.“
„Das stimmt“, sagten die anderen.
Herrn Smith wurde mitgeteilt, dass Herr Tinman vermutlich letztendlich die Hälfte der Stadt kaufen würde.
„Dann kann er sich leisten, die Hälfte des Geldes für dieses Glas auszugeben – und das wird er auch tun“, sagte Herr Smith.
Mit dieser Aussage wurde die jüngste Katastrophe ernsthaft betrachtet.
Während des Gesprächs über den Preis des Glases wurde den Einwohnern von Tinmans Stadt klar, dass es genug Material zum Lachen gab – vorausgesetzt, sie warteten etwas mit ihrem Lachen und ließen es in Maßen kommen. Annette überredete ihren Vater, Crickledon ein Zeichen zu geben, dass er bereit war, sich die Unterkünfte anzusehen. Kaum hatte er das getan, sagte er: „Was zum Teufel hat uns dazu gebracht, hier so lange zu warten? Ich habe Hunger, meine Liebe – ich möchte Abendessen.“
„Das liegt daran, dass du enttäuscht bist. Ich kenne dich doch, Papa“, sagte Annette.
„Ja, es ist wirklich enttäuschend wegen diesem alten Mart Tinman“, stimmte ihr Vater zu.
„Oder vielleicht habe ich den Schock vom Zerschlagen des Glases noch nicht überwunden – und das macht mich wütend auf ihn. Aber bei meiner Ehre: Er ist mein einziger Freund in England. Ich kenne keinen einzigen Verwandten. Zu erfahren, dass dein einziger Freund sich wie ein Idiot benimmt, reicht aus, damit man an Essen und Trinken denkt.“
Annette murmelte tadelnd: „Wir können kaum sagen, dass er unser einziger Freund in England ist, Papa, oder?“
„Meinst du diesen jungen Mann? Wenn du von ihm sprichst, nimmt mir das den Appetit. Er ist ein Fremder. Ich glaube nicht, dass er auch nur einen Penny wert ist. Er behauptet zwar, Journalist zu sein.“
Diese Worte wurden hastig an der Schwelle von Crickledons Haus ausgetauscht.

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„Es sieht nicht vielversprechend aus“, sagte Herr Smith.
„Ich habe es nicht empfohlen“, sagte Crickledon.
„Warum zum Teufel vermieten Sie dann Ihre Unterkunft?“
„Leute, die einmal gekommen sind, kommen wieder.“
„Oh! Ich bin in England“, seufzte Annette fröhlich – sie fühlte sich zu Hause wegen irgendetwas, das sie an Crickledon bemerkt hatte.

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KAPITEL III
Die Geschichte vom zerbrochenen Chiwal-Glas sowie vom Besuch von Tinmans alter Schulkamerad, der gerade aus Australien gekommen war, wurde bereits oft am Frühstückstisch erzählt. Tinman hörte davon – doch er hatte keine Zeit für solche Angelegenheiten, denn er las seiner verwitweten Schwester Martha in einem eindrucksvollen Tonfall, mit einer durchaus hohen Stimmlage und unterdrückter Aufregung vor. Diese Aufregung vertrieb alle äußeren Dinge aus seinem Geist – genauso wie sie seinen Körper in Unruhe versetzte. Es sind nicht die Wellen draußen, sondern der Motor darin, der dem Schiff Erschütterungen und Zittern verursacht und es dazu zwingt, durch die Wellen zu brechen und sie in Sprühnebel zu verwandeln. So ignorierte auch Martin Tinman den äußeren Angriff durch die Karte von VAN DIEMEN SMITH sowie die darauf stehende Notiz: „Ein alter Kumpel von dir, was, Kumpel?“ Selbst die Mitteilung von Phippun & Co. bezüglich des Chiwal-Glases konnte ihn nicht von seiner Aufgabe ablenken. Es handelte sich dabei um eine öffentliche Pflicht – doch das Chiwal-Glas gehörte zu einer privaten Angelegenheit. Wer das Glas zerbrochen hat, soll dafür bezahlen, sagte er – zweifellos auf einfache Weise, da er sich zu Hause wohlfühlte, aber mit der Gelassenheit eines Menschen, der erhaben ist. Was den Namen VAN DIEMEN SMITH betrifft, so kannte er ihn nicht. Deshalb sagte er zu sich selbst, während er sich genau an die Identität dieses alten Kumpels erinnerte – der einzige Mensch, der wohl auf die Idee kommen würde, „was, Kumpel?“ zu schreiben.
Herr Van Diemen Smith brachte die Karte nicht persönlich vorbei. „In Crickledon’s“, schrieb er – offensichtlich in der Erwartung, dass der Stadtschreiber sofort zu ihm kommen würde, ohne erst herauszufinden, wer er war.
Tinman hatte viel zu viel zu tun. Jeder kann klar geschriebene Texte oder Druckschriften lesen – doch man sollte niemanden, der kein Kabinettsminister oder Adliger ist, bitten, im Palast, vor dem Thron, laut und deutlich vorzulesen. Oh! Die Natur des Lesens wird sofort verdreht. Wie Tinman zu seiner Schwester sagte: „Ich kann es, aber ich darf keine Zeit verlieren, um mich vorzubereiten.“ Bei einer erneuten Durchsicht sagte er zu ihr: „Ich muss mich daran gewöhnen.“ Zu diesem Zweck hatte er bereits über Nacht den passenden Anzug angezogen.
Sein Ziel war es, fehlerfreies Englisch zu sprechen. Seine Schwester Martha saß da wie eine Königin und nahm seine aufrichtigen Glückwünsche zur glänzenden Hochzeit entgegen. Sie war nachdenklich – weniger nervös als ihr Bruder, da sie nicht sprechen musste.

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Ununterbrochen – doch etwas beunruhigt. Sie hatte auch ihre Aufgabe: Sie musste vermeiden, sich selbst für die Person zu halten, an die ihr bittender Bruder sich wandte. Gleichzeitig musste sie über die nötige akademische Ausbildung sowie ein perfektes Wissen bezüglich der Rechtschreibung und Ausspracheregeln verfügen – Fähigkeiten, die in der schrecklichen Stunde der Ansprache unweigerlich zum Einsatz kommen würden. Es war außerdem keine leichte Aufgabe, gezwungen zu sein, den ganzen Anspruch bis zum Ende anzuhören, bevor auch nur das sanfteste Wort des Tadels erlaubt wurde. Sie beschwerte sich nicht wirklich über die Wiederholung der Proben – Müdigkeit lässt sich ertragen, wenn sie Freude bringt. Was sie störte, war ihr schwaches Gedächtnis für die Einwände, wie sie sie sich in ihrem imaginären „hohen Amt“ vorgestellt hatte. Denn in schmerzhafter Wahrheit verlor sie sobald ihr Bruder fertig war völlig ihre Schärfe des Gehörs – und damit auch ihr Gedächtnis. Es blieb also nichts anderes übrig, als zu sagen: „Exzellent! Völlig einwandfrei, lieber Martin, wirklich!“ So sagte sie es – mit Nachdruck. Doch das Wort „nur“ stand deutlich auf ihrer gerunzelten Stirn geschrieben. Da alle Fähigkeiten von Tinmans Geist und Natur zu dieser Zeit unter Spannung standen, fragte er sie gereizt: „Was jetzt? Was ist jetzt das Problem?“ Sie versicherte ihm müde, dass es kein Problem gäbe. „Es liegt an deiner Art zu sprechen“, sagte er – und das stimmte. Seine Beobachtungsgabe war außergewöhnlich; normalerweise bemerkte er gar nichts. Nicht nur wurden seine Wahrnehmungen durch die Vorbereitungen auf den Tag der großen Pracht geschärft – einen Tag, den er ebenfalls durchstehen musste! – er lernte außerdem auf erstaunliche Weise Englisch. Ein Aussprachewörterbuch lag auf seinem Tisch. Bei der geringsten Andeutung einer anderen Methode kam es zwischen Bruder und Schwester zu Streitigkeiten, Überprüfungen und „Triumphen“. Im Inneren glaubte der aufgeregte Mann, seine Schwester sei eine irreführende Führerin. Er wagte es nicht, es auszusprechen – er dachte es nur. Vor seiner Reise durch das Wörterbuch hatte er geglaubt, seine Schwester sei in diesen Dingen unfehlbar. Er wagte es nicht, es auszusprechen, denn er kannte niemanden sonst, bei dem er üben konnte. Und da er vor allem Vertrauen brauchte – schließlich entsteht Vertrauen durch Übung – zog er es vor, weiter zu üben, anstatt eine absolute Gewissheit bezüglich der Richtigkeit zu haben. Mittags kam ein weiteres Schreiben von Herrn Van Diemen Smith mit der Überschrift: Alias Phil R. „Kann es möglich sein“, fragte Tinman seine Schwester, „dass Philip Ribstone die Frechheit hat, in dieses Land zurückzukehren? Ich glaube“, fügte er hinzu, „ich habe recht.“

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„Jeden, der mir diese Karte schickt, als Fälscher zu betrachten.“ Marthas Rat war, dass er der Karte keine Beachtung schenken sollte. „Ich bin ernsthaft verlobt“, sagte Tinman. Mit den Worten „Nun denn, mein Lieber“ setzte er seine Arbeit fort. Zwischen Tinman und Phippun wurden Nachrichten ausgetauscht; am Nachmittag schien Phippun das Thema der Bezahlung für das Chiwal-Glas anzusprechen. Er hatte Mr. Van Diemen Smith getroffen und fand ihn sehr seltsam – fast undurchführbar. Er musste Tinman mitteilen, dass dieser für das Glas haftbar sei; außerdem könne er kein zweites Stück liefern, solange die Bezahlung für das erste noch ausstand. Es schien tatsächlich so, als wäre Tinman unter den Umständen gezwungen, zu seinem alten Freund zu gehen und ihm die Hand zu schütteln. Andernfalls könnte der Mann jederzeit abreisen und damit einen rechtlichen Streit hinter sich lassen. Andererseits – vielleicht war er nach Crikswich gekommen, um finanzielle Hilfe zu erhalten? Freundschaft ist etwas Gutes, genauso wie Gastfreundschaft, eine Eigenschaft, die im Wesentlichen englisch ist und daher dazu gehört, dass ein Engländer es für seine Pflicht hält, sie zu praktizieren – doch wir erweisen sie nicht den Armen. Doch wenn ein Armer so nahe kommt, uns anspricht und schwört, einst unser Freund gewesen zu sein – wie soll man ihn dann loswerden? Tinman ahnte, dass es dabei um fünf Pfund gehen könnte, vielleicht zehn, wenn man das Glas mitrechnet. Er setzte seinen Hut auf, voller melancholischer Vorahnungen; es war genau halb sechs an diesem Frühlingsnachmittag, als er an Crickledons Tür klopfte. Hätte er auf dem Weg dorthin in Crickledons Laden geschaut, hätte er Van Diemen Smith gesehen, wie er auf einem Holzstück saß und eine Pfeife rauchte. Van Diemen sah Tinman. Seine Augen wurden feucht. Es ist eine beschämende Tatsache, dies ohne Umschweife festzuhalten. Tatsächlich war der bärtige Mann im Grunde genommen eher wie eine Frau – er kam von den Antipoden, voller Verlangen, Martin Tinman auf den Rücken zu klopfen, ihm die Hand zu drücken, mit ihm durch England zu reisen, ihn zu verwöhnen und in Gegenwart einer Flasche Champagner von alten Zeiten zu sprechen. Die Angelegenheit mit dem Chiwal-Glas hatte seinen Enthusiasmus vorübergehend gedämpft. Das Fehlen einer Antwort auf seine beiden Karten hatte ihn verletzt; außerdem missfiel ihm etwas an Tinmans Aussehen. Doch die bekannten Züge erinnerten ihn an die Jugendzeit. Tinman war seine einzige lebende Verbindung zum Land, das er als Weltbeherrscher bewunderte und sich als Ort des Vergnügens vorstellte – er konnte das Gefühl einer gewissen Zuneigung zu Tinman nicht einfach abschütteln, ohne den Kontakt dazu zu verlieren.

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Der Grund dafür war, dass er so sehnsüchtig darauf gewartet hatte und mit großer Eile hierher zurückgekehrt war. In ihren Jugendjahren war Van Diemen Tinmans herzlicher Gefährte gewesen – an ihm fand er fröhliche Visionen vom Leben sowie gelegentlich auch eine aufrichtige, ehrliche Emotion. Ob es seltsam war, dass der Trinker nichts davon mitbekam, während der herzliche Gefährte sich lebhaft an jene Zeiten erinnerte, darauf wollen wir uns nicht weiter einlassen.

Ihre Begegnung fand in Crickledons Laden statt. Tinman wurde von Mrs. Crickledon hineingeführt. Seine Stimme klang metallisch in seiner Kehle, und er wirkte wie ein Mann, der bis zum Hals zugeknöpft war, als er von dem Karton las, wobei er über seine Augenlider blickte: „Mr. Van Diemen Smith, glaube ich.“

„Phil Ribstone, wenn Sie wollen“, sagte der andere, ohne aufzustehen.

„Oh, ach, tatsächlich!“, hustete Tinman zurückhaltend.

„Ja, wirklich. Finden Sie das seltsam?“

„Der Namewechsel“, sagte Tinman.

„Aber nicht die Natur!“

„Ah! Sind Sie schon lange in England?“

„Es war Zeit, nach Helmstone zu gehen und anschließend hierher. Ich habe gehört, Sie hatten im Geschäft Glück.“

„Danke – so weit, so gut. Denken Sie daran, in England zu bleiben?“

„Ich muss noch eine Rechnung für ein Glas begleichen, das ich letzte Nacht zerbrochen habe.“

„Ah! Davon habe ich gehört. Ja, ich fürchte, es wird eine Regelung geben müssen.“

„Ich werde die Hälfte des Schadens bezahlen. Sie müssen Ihren Anteil aufbringen.“

Van Diemen lächelte schelmisch.

„Wir müssen das besprechen“, sagte Tinman, der ebenfalls lächelte – wie ein Patient im Bett, der über einen Arztnachwitz lächelt. Denn er war, wie Crickledon über ihn gesagt hatte, in praktischen Dingen kein Dummkopf. Van Diemens Erwähnung der Hälftezahlung beruhigte ihn bezüglich der Stellung seines alten Freundes in der Welt und milderte seine Anspannung. „Werden Sie heute mit mir essen?“

„Ich habe nichts dagegen. Ich habe ein Mädchen. Erinnern Sie sich an kleine Netty? Sie spaziert gerade am Strand mit einem jungen Mann namens Fellingham herum – den wir auf der Reise kennengelernt haben – und lässt uns kaum noch allein. Möchten Sie sie auch dabeihaben? Ich nehme an, Sie müssen ihn fragen. Er ist Zeitungsredakteur, war um die Welt gereist und hat viel gesehen.“

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Tinman zögerte. Die Idee, stattdessen Sherry zum Preis von fünfzehn Schillingen pro Dutzend auf den Tisch zu stellen – anstelle des feierlichen Weins zu fünfundzwanzig Schillingen – half ihm, freundlich zu sagen: „Oh! Ah! Ja; jeder Ihrer Freunde.“
„Und jetzt werden Sie wohl meine Faust schütteln“, sagte Van Diemen.
„Mit Vergnügen“, sagte Tinman. „Es war Ihr Namewechsel, wissen Sie, Philip.“
„Hören Sie zu, Martin. Van Diemen Smith war ein Sträfling – und mein Wohltäter. Warum er diesen Namen so sehr mochte, kann ich Ihnen nicht sagen; aber sein letzter Wunsch war, dass ich ihn übernehme und weitertrage. Er hinterließ mir sein Vermögen, damit Van Diemen Smith das Leben genießen konnte – wie er es zu Lebzeiten nie tun konnte, der arme Kerl. Das Geld wurde ehrlich verdient, durch harte Arbeit in einem Laden. Einmal tat er Böses – doch bereute es später. Aber, bei Gott!“ – Van Diemen sprang auf und rief aus – „der Mann hatte eines der edelsten Herzen, die je geschlagen haben. Ja! Und ich bin stolz auf ihn. Als er starb, wandten sich meine Gedanken wieder nach Altengland – und zu Ihnen, Martin.“
„Oh!“, sagte Tinman. Durch Van Diemens Art zu sprechen daran erinnert, dass man von ihm Herzlichkeit erwartete, bewegte er seine Glieder etwas energischer und fuhr fort: „Nun, ja – wir müssen alle, wenn möglich, in unserer Heimatland sterben. Ich hoffe, Sie wohnen komfortabel?“
„Ich werde Ihnen eines der Abendmahlzeiten von Frau Crickledon anbieten, damit Sie es ausprobieren können. Ich höre, Sie sind sozusagen der Bürgermeister dieser Stadt?“
„Ich bin der Stadtschreiber“, sagte Herr Tinman.
„Man sagt, Sie werden vor Gericht gehen.“
„Die Terminvereinbarung“, antwortete Herr Tinman, „wird bald getroffen werden. Ich habe noch keinen festgelegten Tag.“
Auf dem großen Weg des Lebens gibt es Erwartung – und Erfüllung – sowie Neid. Herr Tinmans Haltung drückte aus, dass die Erfüllung die Erwartung überschattet – und sich im Licht des Neides sonnt –, während er vom festgelegten Tag sprach. Es war eine unwillkürliche, natürlich vergängliche Momentaufnahme seines Geistes.
Er richtete sich wieder auf und bat darum, vorerst entschuldigt zu werden, um seiner Schwester mitzuteilen, dass Gäste kamen.
„In Ordnung. Ich denke, wir werden uns wiedersehen – genug voneinander“, sagte Van Diemen. Und fast, bevor das Knirschen von Tinmans Absätzen verklungen war…

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Auf der Straße vor dem Laden stellte er Crickledon die seltsame Frage: „Kämpfen Sie im Boxen?“
„Ich mache die Gegner“, antwortete Crickledon.
„Denn ich würde gerne mal dabei mitmachen, mein Freund.“
Van Diemen streckte sich und gähnte.
Crickledon empfahl einen Spaziergang.
„Ich denke, das werde ich tun“, sagte der andere und drehte sich abrupt um. „Wie lange arbeiten Sie tagsüber?“
„Im Allgemeinen die ganze Zeit, solange es hell ist“, antwortete Crickledon; „und immer bis zur Essenszeit.“
„Sind Sie gesund und glücklich?“
„Es gibt nichts, worüber ich mich beschweren könnte.“
„Guter Appetit?“
„Ziemlich regelmäßig.“
„Machen Sie nie Urlaub?“
„Nur an Sonntagen.“
„Würden Sie dann gerne weiterarbeiten?“
„Das würde ich nicht sagen.“
„Aber Sie freuen sich darauf, montagsmorgens wieder aufzustehen?“
„Im Laden fühlt man sich fröhlicher.“
„Und das Holzarbeiten ist Ihre Leidenschaft?“
„Ich denke, das kann man so sagen.“
Van Diemen klatschte sich aufs Bein. „In Altengland lebt es also noch!“
Crickledon beobachtete ihn, wie er zum Strand ging, um nach seiner Tochter zu suchen, und dachte, dass in ihm ein Hauch des Soldaten steckte.

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KAPITEL IV
Annettes Freude über ihr Heimatland England ließ sie überall um sich herum Schönheit und Güte erkennen; sie verlieh dem Haus am Strand einen „Halo“ und rührte sie zu Tränen, wenn sie am Tisch von Tinman das Donnern der Wellen hörte. Sie dachte, es sei ein sehr angenehmes Abendessen für ihren Vater und Herrn Herbert Fellingham gewesen – besonders für den Letzteren, der viel gelacht hatte. Überrascht war sie, als sie beim Frühstück hörte, wie beide über den Abend klagten. Daraufhin rief sie aus: „Oh, ich finde, die Lage des Hauses ist einfach wunderbar!“
„Die Lage des Gastgebers ist tatsächlich außergewöhnlich“, sagte Herr Fellingham; „aber ich halte seinen Wein für die unromantischste Flüssigkeit, die ich je probiert habe.“
„Das muss wohl so sein!“, rief Van Diemen, verwirrt durch plötzliche Kopfschmerzen.
„Alter Martin wurde nach dem Abendessen wieder etwas zu seinem alten Ich.“
„Er trank sparsam“, sagte Herr Fellingham.
„Ich bin sicher, Sie waren gestern Abend sarkastisch“, sagte Annette vorwurfsvoll.
„Im Gegenteil, ich sagte ihm, ich halte seine Situation für romantisch.“
„Aber ich hatte eine französische Mademoiselle als Gouvernante und einen Oxford-Studenten als Lehrer; und ich weiß, dass Sie Französisch und Englisch von Herrn Tinman und seiner Schwester gelernt haben – Dinge, die ich nicht gutgeheißen hätte.“
„Netty“, sagte Van Diemen, „hat die beste Ausbildung erhalten, die man mit Geld kaufen kann; und wenn sie sagt, Sie waren sarkastisch, dann können Sie sicher sein, dass das stimmt.“
„Oh, in diesem Fall natürlich!“, erwiderte Herr Fellingham. „Wer könnte da etwas dagegen tun?“
Er fühlte sich berechtigt, seinem boshaften, sarkastischen Geist freien Lauf zu lassen, und sprach leichtfertig über den zufälligen Charakter des Buchstabens „H“ in Tinmans Aussprache; darüber, wie dieser Buchstabe, wie jemandes Hut im starken Wind, auf jemand anderem landete, und darüber, wie seine Worte herumliefen, um herauszufinden, wer sie waren und was sie taten, verrückt miteinander tanzten und zum Zeichen ihrer Bedeutung mit den Fingern schnippten – und so weiter. Er war äußerst spöttisch.

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Annette warf einen Blick auf ihren Vater und senkte die Lider.
Herr Fellingham erkannte, dass er wachsam sein musste.
Er ging noch einen Schritt weiter in seinem Scherz – daraufhin sagte Van Diemen mit gerunzelter Stirn: „Wenn Sie bitte!“
Nichts konnte dem standhalten.
„Verdammt nochmal!“, platzte Van Diemen in der angespannten Stille heraus. „Mein Kopf tut weh. Ich bin in einer schrecklichen Stimmung. Ich kann kaum sehen. Ich bin gereizt.“
Herr Fellingham riet ihm, sich eine Stunde hinzulegen. Er ging murmelnd davon und beschwerte sich über Martins Unglauben an die atemberaubende Schönheit eines Ortes in Australien namens Gippsland.
Sobald sie allein waren, vertraute Annette Herrn Fellingham an, wie ritterlich ihr Vater in seinen Freundschaften war – und wie unwillig er war, satirische Bemerkungen über seinen ehemaligen Schulkameraden zu hören, sobald er erkannte, dass es sich um Satire handelte.
Fellingham wandte ein: „Der Mann ist einfach lächerlich. Er ist offensichtlich dazu da, ausgelacht zu werden – genauso wie eine Maske in einer Pantomime.“
„Papa wird das nicht so sehen“, sagte Annette. „Und Papa wurde gesagt, dass man ihn nicht als Geschäftsmann auslachen darf.“
„Schätzen Sie ihn deshalb?“
„Ich bin keine Richterin. Ich bin zu glücklich, in England zu sein, um über irgendetwas zu urteilen.“
„Sie haben seinen Wein doch gar nicht angerührt!“
„Ihr Männer legt so viel Wert auf Wein!“
„Man sagt ja, Pulver sei nach Martins Wein gut“, bemerkte Frau Crickledon, die ins Wohnzimmer gekommen war, um das Frühstücksgeschirr wegzuräumen.
Herr Fellingham lachte laut – doch Frau Crickledon bat ihn, leiser zu sein, denn Herr Van Diemen Smith hatte sich hingelegt, um seinen schmerzenden Kopf auf das Kissen zu legen. Annette rannte nach oben, um mit ihrem Vater über einen Arzt zu sprechen.
Während ihrer Abwesenheit erhielt Herr Fellingham vom Mund von Frau Crickledon das populäre Porträt von Herrn Tinman. Anschließend ging er in die Tischlerei, um eine Bestätigung dafür zu erhalten.

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„Meine Frau redet zu viel“, sagte Crickledon.
Als er jedoch von einem Herrn befragt wurde, war er natürlich verpflichtet, in dem Umfang zu antworten, wie er es wusste.
„Was für ein seltsames altes Land das ist!“, sagte Herr Fellingham zu Annette auf ihrem Spaziergang zum Strand.
Sie bat ihn inständig, sich über nichts Englisches lustig zu machen.
„Das tue ich nicht, ich versichere es Ihnen“, sagte er. „Ich liebe dieses Land auch. Doch wenn man aus dem Ausland zurückkehrt und wieder ins Alltagsleben eintaucht, ist es schwierig, das wahre Bild des alten Landes, das man von außen gesehen hat, im Gedächtnis zu behalten. Man muss sich an eine Menge Namen erinnern, um wieder den Überblick zu bekommen. Und Engländer sind so lustig! Ihr Vater kommt hierher, um seinen alten Freund zu sehen, und beginnt, mit Gippsland zu prahlen, das er hinter sich gelassen hat. Tinman prahlt sofort mit Helvellyn – sie werfen sich gegenseitig Berge an den Kopf, bis es am ersten Abend zusammen schon zu Handgreiflichkeiten kommt.“
„Oh! Bestimmt nicht“, sagte Annette. „Ich habe es nicht gehört. Sie waren gute Freunde, als Sie ins Empfangszimmer kamen. Vielleicht hat der Wein den armen Papa beeinflusst – falls es schlechter Wein war. Ich wünschte, Männer würden überhaupt keinen Wein trinken. Dann wären sie viel glücklicher.“
„Aber dann gäbe es in England keine gesellschaftlichen Treffen mehr. Was sollten wir dann tun?“
„Ich weiß, das ist ein Spott – aber Sie waren an Bord des Schiffes fast genauso begeistert wie ich“, sagte Annette traurig.
„Ganz richtig. Das war ich. Aber schauen Sie sich nur diese seltsamen Leute um uns herum an! Tinman übt in seinem Anzug vor dem Spiegel! Und dieser gute Kerl, der Zimmermann Crickledon – er hat sein ganzes Leben lang am Meer gewohnt, ist noch nie mit einem Boot gefahren und gibt zu, nur einmal ins Landesinnere gegangen zu sein – und hat noch nie eine Eichel gesehen!“
„Ich wünschte, ich könnte eine sehen – von einem echten englischen Eichenbaum“, sagte Annette.
„Und nach ein paar Monaten in England werden Sie schon wieder nach dem Kontinent sehnen.“
„Nie!“
„Glauben Sie, Sie werden hier zufrieden sein?“
„Ich bin sicher, dass ich es sein werde. Mögen Papa und ich nie wieder Exilanten sein! Als ich drei Jahre alt war und nach Australien ging, habe ich das nicht gefühlt – aber es wäre, als ob…“

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„Der Tod für mich jetzt – oh!“ Annette zitterte, als wäre sie von Kälte erfüllt.
„Bei meinem Ehrenwort“, sagte Herr Fellingham so leise wie möglich, obwohl der Wind ihm ins Gesicht wehte, „ich liebe das alte Land um das Zehnfache mehr wegen Ihrer Zuneigung dazu.“
„So möchte ich nicht, dass England geliebt wird“, entgegnete Annette.
„Die Liebe liegt in Ihren Händen.“
Sie schien unbeeindruckt zu sein, als sie das hörte.
Er hätte erkennen sollen, dass der Weg, sie für sich zu gewinnen, darin bestand, ihre Vorlieben durch eine andere Leidenschaft zu befriedigen. Er spürte, dass dies sie im Prinzip erhaben machte – doch ein verborgener Groll gegen Tinman wegen seines Weins, den er weiterhin als Ursache für ihre ungewöhnliche Schwindligkeit und leichte Reizbarkeit ansah, ließ ihn danach drängen, dass sie sich durch spöttische Abgrenzung von Tinman und seiner Schwester distanzierte.
Annette weigerte sich, über die lächerlichsten Karikaturen von Tinman zu lachen. In ihrem Widerwillen trieb sie ihre Einfachheit so weit, dass sie sagte, sie halte ihn nicht für absurd. Und wenn Herr Tinman, wie sie gehört hatte, der adligen Witwe Lady Ray sowie anderen jungen und mittelalten Damen in der Umgebung einen Antrag gemacht hatte – warum sollte er dann nicht heiraten, wenn er es wollte? Wenn er sparsam war, hatte er sicherlich das Recht, seine eigenen Angelegenheiten zu regeln. Ihre Angst bestand darin, dass Herr Tinman und ihr Vater wegen der Bezahlung für das zerbrochene Chiwal-Glas streiten könnten – was sie ehrlich zugab. Fellingham war jedoch so unvorsichtig, laut aufzuschreien, allerdings nicht besonders freundlich.
Annette hielt ihn für grausam sarkastisch; seine Gedanken an sie reduzierten sie auf den Status eines gewöhnlichen Mädchens mit ausdrucksstarken Augen.
Sie musste zu ihrem Vater zurückkehren. Herr Fellingham ging über den elastischen Rasen entlang der Klippen spazieren; „Sicherlich ist sie ein gewöhnliches Mädchen“, begann er nachzudenken – wobei er bedachte, dass seine Gedanken durch Tinnmans Einfluss verursacht wurden. „Ein Mädchen, das die Absurdität von Tinman nicht erkennen kann, muss an Intelligenz mangeln.“ Nach einer Weile atmete er genießerisch die feine, würzige Luft aus Erde und Meer ein und kehrte spät am Nachmittag in die Stadt zurück. Er lachte über sich selbst, verächtlich gegenüber seiner elenden Empfindlichkeit gegenüber solchen Einflüssen – und hasste Tinman fast schon als Ursache seiner Schwäche – vielleicht auf die Art und Weise, wie ein Verbrecher den Detektiv hasst. Er machte Tinman vollständig dafür verantwortlich, dass Annettes Charakter in seinen Augen verdorben worden war – denn trotz allem…

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Angesichts der körperlichen Frische, mit der er in ihre Gesellschaft zurückkehrte, war er nicht in der Lage, die Vorstellung abzuschütteln, dass sie gewöhnlich sei; und mit Bedauern musste er zugeben, dass er aus seinem Spaziergang nur eine höhere Meinung von sich selbst gewonnen hatte.
Ihr Vater litt unter einem schlimmen Kopfschmerz – Migräne – und lag stöhnend im Bett, betreut hauptsächlich von Frau Crickledon. Annette musste die Verhandlungen mit Herrn Phippun und Herrn Tinman bezüglich der Bezahlung für das Chiwal-Glas führen. Ihr wurde aufgetragen, im Namen ihres Vaters die Hälfte des Preises zu bieten; mehr würde er nicht zahlen. Tinman und Phippun saßen mit ihr in Crickledons Hütte, und Frau Crickledon brachte zwei Nachrichten von ihrem Kranken herunter – beide positiv –, wonach er lieber mit allen Mitteln des englischen Rechts kämpfen würde, als nachzugeben.
Tinman erklärte, es sei völlig ausgeschlossen, dass er auch nur einen Penny zahlen würde. Phippun schwor, dass er das Geld entweder von ihm oder von dem anderen bekommen würde.
Annette war natürlich zutiefst beunruhigt, und Fellingham verschob die Diskussion auf den nächsten Tag.
Selbst nach dieser Erfahrung mit Tinman konnte Annette nicht dazu gebracht werden, ihn heimlich auszulachen. Sie wirkte verärgert über die grausamen Scherze von Herrn Fellingham. Es sei monströs, dachte Fellingham, dass er sich eine zweite Rüge von Van Diemen Smith einhandeln müsse, während sie sich doch vollkommen einig über den Fall des Chiwal-Glasses waren.
„Ich muss Ihnen das sagen, mein Herr“, sagte Van Diemen, „ich mag Sie, aber ich werde ehrlich und aufrichtig sein – sonst bin ich nicht würdig, Engländer genannt zu werden. Ich mag Sie wirklich, sonst hätte ich Ihnen nicht erlaubt, uns hierher zu folgen. Wenn Sie meinen Respekt wollen, müssen Sie meinen Freund respektieren. Das ist alles. Jetzt kennen Sie meine Bedingungen.“
„Ich fürchte, ich kann den Vertrag nicht unterschreiben“, sagte Fellingham.
„Noch etwas“, sagte Van Diemen. „Ich selbst bin ein zurückhaltender Mensch – wenn ich Lachen höre und denke, ich kenne dessen Zweck, dann halte ich mich zurück. Ich bin bereit, allem zu begegnen – nur nicht Verachtung. Ich kann Verachtung nicht ertragen. Also fühle ich Mitgefühl für einen anderen. Und jetzt wissen Sie es.“
„Das bremst die Fantasie aus und hindert daran, Dampf abzulassen“, wandte Fellingham ein. „Ich verspreche, mein Bestes zu geben – aber von allen Männern, die ich je im Leben getroffen habe – Tinman! Der Lächerliche! Verzeihen Sie mir – aber der Esel und sein Spiegel! Das Glas war trüb! Er –“

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Er war sehr besorgt wegen seines Spiegelbildes im Glas – als Dichter mit seinen Versen! Voranschreiten, zurückweichen, sich verbeugen – und dazu noch diese Zerstörung der „Königinssprache“ mitten im Gespräch! Wenn ich gedacht hätte, dass er sein Wein mitnehmen will, hätte ich ihn wegen Hochverrats verhaften lassen.“
„Sie haben sich entschieden – und wissen, was Ihnen am besten gefällt“, sagte Van Diemen und betonte seine Worte; dadurch entstand eine peinliche Pause, eine Fallgrube im Gespräch – manchmal auch in der Freundschaft.
So geschah es, dass Herr Herbert Fellingham einen Tag früher nach London zurückkehrte, als er ursprünglich vorgehabt hatte – und ohne zu sagen, was er eigentlich sagen wollte.

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KAPITEL V
Ein Monat später, nach einer Nacht mit starkem Frost am Rande der wärmeren Frühlingstage, betrat Herr Fellingham Crikswich unter einem perfekt blauen Himmel, der in brillanter Harmonie mit den grünen Hügeln, den weißen Klippen und dem glitzernden Meer stand. Zweifellos war es die Schönheit vor seinen Augen, die ihn davon überzeugte, sich geirrt zu haben – indem er Annette für ein gewöhnliches Mädchen gehalten hatte. Er war aus reinem Neugierde hierhergekommen, um herauszufinden, ob sie wirklich ein gewöhnliches Mädchen war oder nicht. „Wer außer einem gewöhnlichen Mädchen würde schon daran interessiert sein, in Crikswich zu leben?“, hatte er sich gefragt. Nun war er sich sicher, dass kein gewöhnliches Mädchen jemals auf die Idee gekommen wäre. Sie war zweifellos äußerst einfach – doch das könnte durchaus ein Vorteil bei einer jungen Dame sein, deren Augen Ausdruckskraft besitzen. Das Geräusch des Sägens lockte ihn in Crickledons Laden. Der fleißige Tischler informierte ihn bald über die aktuellen Entwicklungen. Crickledon zeigte auf das Haus am Strand – dort wohnten Herr Van Diemen Smith und seine Tochter.
„Mein Gott! Und wie sieht er aus?“, fragte Fellingham.
„Unsere Stadt scheint ihm zu gefallen, Sir.“
„Nun, ich sollte wohl nichts weiter sagen“, meinte Fellingham und hielt sich zurück. „Wie haben sie diesen Streit wegen des Chiwal-Glases gelöst?“
„Herr Tinman musste nachgeben.“
„Wirklich?“
„Aber“, Crickledon hörte auf zu arbeiten, „Herr Tinman hat ihm ein Feld verkauft.“
„Ich verstehe.“
„Herr Smith kauft hier immer mehr Land. Man sagt, er wolle bald auch Elba kaufen. Er hat bereits das Crouch-Gebiet erworben. Er und Herr Tinman sind ständig zusammen unterwegs. Im Moment sind sie in Helmstone. Sie waren auch in London.“
„Wahrscheinlich kommen sie heute zurück?“
„Sicher, denke ich. Herr Tinman muss morgen wieder nach London.“

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Crickledon blickte ihn an. Er war nicht der Mann, der geschickt wirken wollte, doch in seinem Blick lag ein Ausdruck, der Fellingshams Erinnerungen wieder zum Leben erweckte – und dieser rief aus:
„Die Adresse? Ich hatte sie fast vergessen. Ist das noch nicht vorbei? Hat er viel geübt?“
„Es wurden keine Gläser mehr zerbrochen.“
„Und wie geht es Ihrer Frau, Crickledon?“
„Sie ist zu Hause, Sir – bereit für ein Gespräch, falls Sie Lust haben, es mit ihr zu versuchen.“
Mrs. Crickledon erwies sich als äußerst bereit. „Dieser Tinman“, das war ihr Thema. Er hatte ihre Mieter weggeholt, und sie kannte seine Absichten. Herr Smith bereute es, sie verlassen zu haben – das wusste sie – obwohl er es nicht offen aussprechen wagte. Sie wusste auch, dass Miss Smith völlig erschöpft war von der ständigen Gesellschaft von Mrs. Cavely, Tinmans Schwester. Diese kam in der Regel einmal am Tag, nur um der Mrs. Cavely zu entkommen – die nämlich nicht in ein Häuschen eines einfachen Bürgers gehen wollte, wo sie nicht willkommen war. Glücklicherweise hatte Miss Smith ihren Vater dazu überredet, sein eigenes Wein von den Händlern zu kaufen.
„Eine glückliche Entscheidung“, sagte Fellingham – „und außerdem eine sparsame.“
Er erfuhr weiter, dass Herr Smith nächsten Monat das Crouch in Besitz nehmen würde – und dass Mrs. Cavely wie ein Drache über Miss Smith schwebte.
„Und dieser alte Tinman – alt genug, um ihr Vater zu sein!“, sagte Mrs. Crickledon.
Sie verband die Gedanken miteinander. Fellingham, obwohl Mann und Engländer, war nervös genug, um diese Verbindung zu erkennen.
„Sie müssen erst die junge Dame um Rat fragen, Madam.“
„Wenn es die Zustimmung ihres Vaters ist, wird sie sich daran halten – glauben Sie mir“, sagte Mrs. Crickledon betont. „Sie ist eine junge Dame, die selbst denkt – aber bei Gefühlsfragen orientiert sie sich an ihrem Vater. Und der ist wegen dieses Tinman völlig blind geworden.“
Während sie sprachen, erschien Annette.
„Ich habe Sie gesehen“, sagte sie zu Fellingham – fröhlich und offen, auf die alltäglichste Weise.
„Werden Sie mir einen Spaziergang am Strand anbieten?“, fragte er.
Sie schlug den Landweg hinter der Stadt vor – das gefiel ihm genauso gut. Doch es war kein glücklicher Spaziergang. Er hatte beschlossen, dass er sie bewunderte.

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Und die Vorstellung, dass Tinman sein Rivale sein könnte, ärgerte ihn. Er überschüttete Tinman mit Spott – was Annette beunruhigte, denn nicht nur sah sie, dass er sich vor ihrem Vater nicht beherrschen würde, sondern es weckte auch ihren eigenen sarkastischen Geist gegenüber den freundlichen Gefühlen ihres Vaters gegenüber seinem alten Schulkameraden.

„Herr Tinman war uns äußerst gastfreundlich“, sagte sie etwas kühl.

„Darf ich fragen, ob er zugestimmt hat, Unterricht in Umgangsformen und Aussprache zu erhalten?“

Annette antwortete nicht.

„Wenn Übung Perfektion bringt, muss er inzwischen schon ziemlich gut sein.“

Sie blieb weiterhin still.

„Ich wette, im Alltagleben ist er genauso freundlich wie gastfreundlich – und es muss eine tägliche Freude sein, ihn in seinem Hofanzug zu sehen.“

„Ich habe ihn noch nie in seinem Hofanzug gesehen.“

„Das liegt an seiner Schüchternheit.“

„Die Leute reden über solche Dinge.“

„Sie meinen also, die einfachen Leute skandalisieren die Großen, von denen sie nichts wissen! Ich bin sicher, das stimmt – und wer am Hof lebt, muss sich dessen stets bewusst sein. Aber welch prächtiger Himmel und Meer!“
„Nicht wahr?“

Annette wiederholte seine falsche Begeisterung mit einer Aufrichtigkeit, die ihn rührte.

Er wollte die verlorene Zeit wiedergutmachen, als das wilde Schwenken eines Sonnenschirms auf einem Weg rechts, der aus der Stadt kam, dazu führte, dass Annette innehielt und sagte: „Ich glaube, das muss Frau Cavely sein. Wir sollten sie treffen.“

Fellingham fragte, warum.

„Sie liebt es so sehr, spazieren zu gehen“, antwortete Annette, während sie sich auf die Lippe biss.

Fellingham dachte, sie scheine eher gerne zu laufen.

Frau Cavely trat atemlos zu ihnen. „Meine Liebe! Mit welcher Geschwindigkeit du läufst! Ich sah, wie du losgingst. Ich folgte dir, rannte, eilte hinterher. Ich fürchtete, ich würde dich niemals einholen. Und dann so einen Morgen voller englischer Landschaften verpassen!“
„Ist es nicht wunderbar?“
„Man kann nicht mehr sagen“, bemerkte Fellingham und verbeugte sich.

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„Ich bin sicher, ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen, Sir. Gefällt Ihnen Crikswich?“
„Einmal besucht – für immer begehrt, wie Venedig auch, Madame. Darf ich fragen, ob Herr Tinman bereits seine Ansprache gehalten hat?“
„Übermorgen. Der Termin mit ihm ist festgelegt“, sagte Frau Cavely in einem etwas formelleren Tonfall. „Er ist aufgeregt, das können Sie sich gut vorstellen. Doch Herr Smith ist eine große Erleichterung für ihn – genau die Ablenkung, die er brauchte. Wir sind zu einer Familie geworden, wissen Sie.“
„Tatsächlich, Madame, das wusste ich nicht“, sagte Fellingham.
Seine weiteren Bemerkungen trugen einen solch sarkastischen Unterton, dass Annette beschloss, ihren Spaziergang abzubrechen und ihn für den Tag wegzuschicken.
Nach dem Abendessen besuchte er das Haus am Strand, um Herrn Van Diemen Smith zu sehen – dort kam es buchstäblich zu einem Duell zwischen ihm und Tinman: Van Diemen brachte Champagner mit, der bereits getrunken wurde, während Tinnmans Sherry noch übrig blieb. Tinman bestand darauf, dass Fellingham ein Glas nahm. Fellingham wehrte dies mit ruhiger Ironie ab – etwas, das Anisette deutlich spürte. Schließlich unterstützte Van Diemen Tinnmans gastfreundliche Absichten. Zu Fellinghams Überraschung stellte er fest, dass diese beiden Männer ihn die ganze Zeit für jemanden hielten, der schüchtern vor einem verlockenden Angebot zurückwich – obwohl seine Tricks in Wirklichkeit Meisterleistungen der Geschicklichkeit waren.
Tinman schob ihm das Glas in die Hand.
„Sie haben etwas verschüttet“, sagte Fellingham.
„Das schadet dem Teppich nicht“, sagte Tinman.
„Wirklich nicht?“ Fellingham blickte auf den Teppich, als erwarte er, dass dort Flammen auflodern würden.
Dann erzählte er die Geschichte vom großzügigen Alexander, der aus Spott gegenüber dem Verleumder den Trunk austrank, um seinem Freund Glauben zu zeigen.
„Alexander – wer war das?“, fragte Tinman, dessen historische Erinnerungen durch das Fehlen des Nachnamens beeinträchtigt wurden.
„General Alexander“, sagte Fellingham. „Alexander Philipson – oder er behauptete, es sei Joveson. Er mochte Wein sehr. Doch letztendlich hat ihm sein Sherry zum Verhängnis werden lassen.“
„Ah! Dann hat er zu viel getrunken“, sagte Tinman.
„Vom eigenen!“

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Anisette tadelte den rachsüchtigen jungen Herrn mit den Worten: „Wie lange bleiben Sie in Crikswich, Herr Fellingham?“ Er hatte sich äußerst unsachgemäß verhalten. Doch ein Gegner, der zugleich angriffslustig und hilflos ist, provoziert Brutalität. Anisette vermied vorsichtig, ihren Vater davon wissen zu lassen, dass Satire in der Luft lag; weder er noch Tinman waren sich dessen genau bewusst – doch beide zuckten innerlich zusammen unter dem Eindruck einer teuflischen Kraft. Am nächsten Tag begleitete Fellingham sie sowie einige Schöffen nach London.

Ja, wenn Sie wollen: Wenn ein Bürgermeister Seine Majestät besucht, handelt es sich um eine wichtige Angelegenheit. Man kann ausführlich argumentieren, dass dies mehr bedeutet als nur der Wunsch seitens des Bürgermeisters, seine Schreib- und Lesefähigkeiten zu zeigen. Es ist auch eine Art Trost für das Volk – schließlich zeigt es die Würde ihrer Majestät. Zudem ist es eine Ermutigung für die Menschen, danach zu streben, Bürgermeister, Schöffe oder irgendwelche wichtigen Positionen zu erlangen. Doch wenn man diese Angelegenheit übermäßig betont – indem man sie als zu wichtig darstellt –, dann wird das politisch denkende Volk sicherlich spüren, dass Satire in der Luft liegt. Und egal, wie sehr sie das Privileg schätzen, bei der ersten Tür des Königreichs anzuklopfen und feierlich hineinzugehen, um ihre Schriften vorzulesen – sie werden lachen, wenn sie nicht gerade in der Stimmung sind, sich zu unterwerfen. Sie werden über diesen Bericht lachen.

Umso mehr Grund haben wir, ihnen in solchen Zeiten nicht nachzugeben. Ich bedauere jeden Schriftsteller, der einen solchen Bericht über die Vorstellung des Glückwunschschreibens von Herrn Tinman aus Crikswich verfasst hat! Herbert Fellingham ließ seinen persönlichen Groll an Tinman aus. Er hätte bedenken sollen, dass damit nicht nur Tinman selbst, sondern auch eine bestimmte Position gemeint war – eine Position, mit der dieses launische Wesen gelegentlich spielt, aus Spott heraus, wohl als Trost für seinen Stolz und als Entschädigung für jene Launen der unterwürfigen Verehrung, die stark an die Zeiten erinnern, die wir durch die Augen von Herrn Darwin sehen.

Er hätte den Bericht nicht schreiben sollen. Er sorgte dafür, dass ganz England darüber lachte. Er war so unklug, eine Kopie der Zeitung, in der der Bericht stand, an Van Diemen Smith zu schicken. Van Diemen las ihn zufrieden durch – genauso wie Tinman. Beide lobten den fähigen jungen Schriftsteller. Doch sie übergaben die Zeitung dem Leutnant der Küstenwache, der Tinman fragte, was er davon halte. Dann begannen Besucher nach Crikswich zu kommen, die darauf bestanden, den Anführer zu sehen. Danach erschien eine komische Publikation – alles in allem…

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Der republikanische Ton jener Zeit – mit dem Grundsatz der Würde des Menschen sowie dem keuchenden Lachen, das durch alte Wortspiele unterstrichen wurde – in Ehrung des satirischen Berichts über die berühmte Glückwunschansprache des Bailiffs von Crikswich. „Annette“, sagte Van Diemen zu seiner Tochter, „du wirst diesen Zeitungsmann nicht mehr dazu ermutigen, hierherzukommen. Er hat bereits seine Warnung bekommen.“

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KAPITEL VI
Eine der schwierigsten Lektionen für lebhafte junge Männer ist die Erkenntnis, dass gute Witze nicht immer eine gute Strategie sind. Sie müssen bezahlt werden – genauso wie gute Mahlzeiten – obwohl es so erscheint, als wären Mahlzeiten und Witze auf Kosten anderer. Der junge Fellingham wurde von Van Diemen Smith grob behandelt und von Annette mit kühler Distanz. Deshalb hielt er sie umso mehr für gewöhnlich. Er schrieb ihr einen scherzhaften Tadelbrief, gefolgt von einem Brief, der auf ihre Gefühle einging. Doch sie antwortete auf keinen der Briefe. Dadurch endeten seine Besuche in Crikswich.

Kann ein Mädchen, das keinen Sinn für Spaß hat, uns beeinflussen? Ihre ausdrucksstarken Augen, ihre einfache Art sowie ihre Begeisterung für England verfolgten Herrn Fellingham – insbesondere im Vergleich zu dem, was er sonst um sich herum erlebte. Doch wird man ein Mädchen, das uns zum Schweigen zwingt, wirklich vermissen? Zwischen uns könnte es keine Freundschaft geben, dachte Fellingham.

Während einer Exkursion zu den englischen Seen sah er den Namen Van Diemen Smith im Gästebuch und änderte seine Ansichten über Freundschaft. Ob in den Bergen, am Meer oder beim Lesen von Geschichte – Annette war einmalig. Zufällig war er in der Wintersaison bei einem Ball in Helmstone dabei – und wer außer Annette selbst tanzte da vor ihm, gestützt auf den Arm eines Offiziers? Fellingham ließ sich die Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, nicht entgehen. Sie begrüßte ihn fröhlich; doch durch die Aufregung des Tanzes wirkte sie wie eine Fremde gegenüber den ernsten Gefühlen, die er gerne hegen würde. Sie war bereits an den Seen und in Schottland gewesen. Im nächsten Sommer wollte sie nach Wales reisen. All ihre Erfahrungen waren wunderbar. Sie war unersättlich – doch zufrieden.

„Ich wünschte, ich wäre bei dir gewesen“, sagte Fellingham.
„Ich wünschte auch, du wärst es gewesen“, sagte sie.
Mrs. Cavely war ihre Begleiterin beim Ball – und es wurde ihm nicht gestattet, länger mit Annette zu sprechen. Was sollte er von einem Mädchen halten, das sich Mrs. Cavely unterordnete und mit jedem tanzen konnte?

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Die Anzahl der Offiziere – und sie hatte keine Ahnung, außer davon, ständig durch England zu reisen, um Vergnügen zu suchen? Ihr Tonfall, als sie sagte: „Ich wünschte, du würdest es tun“, klang wie der eines ganz gewöhnlichen Wunsches – eindeutig, wenn auch vielleicht absichtlich, anders als seine eigene, melodische Ausdrucksweise. Sie gewährte ihm einen Walzer, und er sprach über ihren Vater sowie seine launischen Wanderungen. Er sagte außerdem, er habe eine echte Zuneigung zu Van Diemen – und das sagte er mit großer Klugheit. Annettes Augen leuchteten auf. „Warum gehst du dann nie, um ihn zu besuchen? Er hat Elba gekauft. Nach Weihnachten ziehen wir in das Herrenhaus. Im Moment sind wir in Crouch. Papa wird dich sicher willkommen heißen. Weißt du nicht, dass er niemals einen Freund vergisst oder eine Freundschaft bricht?“ „Das weiß ich – und deshalb liebe ich ihn“, sagte Fellingham. Wenn er sich nicht sehr irrte, wurde sein linker Finger sanft berührt – das belohnte ihn. Das bestärkte ihn in seinem Entschluss. Es sei hier angemerkt, dass er von Geburt an dem Standpunkt seiner Familie überlegen war gegenüber Annettes Familie. Doch gerade wegen dieses besseren Blutes brauchte er die Schmeicheleien durch ihre zärtliche Berührung, um diese Unterschiede zu übersehen. Zwei seiner Besuche in Crikswich endeten lediglich in Gesprächen mit Frau Crickledon. Van Diemen und seine Tochter waren in London bei Tinman und Frau Cavely, um Möbel für Elba Hall zu kaufen. Frau Crickledon zögerte nicht zu sagen, dass Frau Cavely eigentlich wollte, dass ihr Bruder im Herrenhaus wohnte – obwohl Herr Smith bei dem Kauf mehr geboten hatte. Ihrer Ansicht nach hatten Tinman und Herr Smith Meinungsverschiedenheiten; denn Herr Smith war ein sehr offener Mann, der Tinman solche Beleidigungen entgegenschleuderte, die kein vernünftiger Mensch ertragen würde, wenn er nicht listig wäre. Fellingham kehrte nach London zurück, wo er durch die Straßen streifte, die für ihre Möbellager bekannt waren – in der vergeblichen Hoffnung, auf den neuen Besitzer von Elba zu stoßen. Als ihm das nicht gelang, schrieb er Annette einen Liebesbrief. Es war ihr erster solcher Brief. Sie mochte ihn. Ihre Art zu denken war, dass sie ihn lieben könnte – weil niemand etwas dagegen hatte. Der Brief öffnete für sie eine Welt, die größer war als Großbritannien selbst. Fellingham bat sie, falls sie eine gute Meinung von ihm hatte, ihren Vater auf den Zweck seines Besuchs vorzubereiten. Falls nicht, sollte sie den Besuch verhindern.

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Mit möglichst geringer Verzögerung – und ihn im Stich lassen. Eine klare Handlungsrichtlinie war unerlässlich. Doch wie Sie gesehen haben, war sie nicht verliebt. Sie war nur nicht abgeneigt, sich zu verlieben. Und Fellingham war nur ein wenig interessiert. Beobachten Sie nun, welche Ereignisse die Situation weiter anheizen werden. Van Diemen und Tinman – alte Freunde, die wieder zusammenkamen und beide im Leben erfolgreich waren – hatten dennoch, wie Frau Crickledon sagte, ihre Unterschiede. Sie begannen mit einer Ablehnung von Tinmans Ansichten bezüglich der Ausgaben der Stadtkasse. Tinman plädierte stets dafür, dieses Geld für die patriotische Verteidigung „unserer Küsten“ einzusetzen; während Van Diemen, angewidert vom Gestank des städtischen Abwassers, das über die Wiesen am Strand floss, ihn laut dazu aufrief, zunächst unser Leben zu schützen. Dann kaufte Van Diemen Elba zu einem hohen Preis – Tinman hatte gehofft, es zu seinem eigenen Preis kaufen zu können und es anschließend aus Freundschaft gegen einen angemessenen Preis an seinen Freund zu verkaufen. Van Diemen beteiligte sich an der Jagd. Tinman konnte nicht reiten. Sie stritten nicht, aber sie waren in diesen und anderen Angelegenheiten angespannt. Van Diemen glaubte, Tinman sei eifersüchtig auf seinen Reichtum. Tinman vermutete listigerweise, dass Van Diemen seine Würde verachtete. Er erlitt einen Verlust durch ein Darlehen – anstatt Mitleid mit ihm zu haben, lachte Van Diemen ihn aus, weil er Sicherheiten für Investitionen in Höhe von zehn Prozent verlangte. Die Notlage machte Tinman äußerst empfindlich gegenüber Einschränkungen seiner Entscheidungsfreiheit. In seiner Verzweiflung sagte er seiner Schwester, er sei ruiniert – sie riet ihm, vor dem Zusammenbruch zu heiraten. Sie wusste, dass er übertrieb, doch sie wiederholte ihren Rat. Sie ging sogar so weit, den Namen der Person zu nennen. Das ist bekannt, weil ihre Zofe, eine Klatschtante von Frau Crickledon, also die später berühmte „Kleine Jane“, alles mitgehört hat. Annette hatte ihrem Vater schüchtern die Natur von Herbert Fellinghams Brief mitgeteilt und zugleich ihre volle Bereitschaft bekundet, sich seinen Anweisungen zu fügen. Der Vater war sehr verwirrt – denn Annette hatte die Worte des jungen Mannes beim Ball in Helmstone eher dramatisch dargestellt, was ihn amüsiert hatte; außerdem mochte er den jungen Mann. Andererseits gefiel ihm überhaupt nicht der Gedanke, seine Tochter zu verlieren – er wollte, dass sie eine Adlige wurde. Er deutete an, dass sie ein hohes Ansehen beanspruchen könne. Annette wich vor dieser Vorstellung zurück und sagte: „Lassen Sie mich niemals jemanden heiraten, der sich meines Vaters schämen könnte!“

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„Das sollte ich nicht ertragen können“, sagte Van Diemen – er neigte eher zum gegenwärtigen Bewerber.
Annette zitterte nun. Sie hatte einen Geliebten; er kam. Und wenn er nicht käme – spielte das eine Rolle? Nicht wirklich, außer für ihren Stolz. Und wenn er käme – was sollte sie ihm sagen? Sie fühlte sich wie eine Schauspielerin, die in wenigen Minuten auf die Bühne gerufen werden könnte, ohne ihre Rolle zu kennen. Das war schmerzhaft anders als Liebe – und das arme Mädchen fürchtete, es sei ihre Pflicht, ihn abzuweisen – natürlich möglichst sanft. Vielleicht würde er, falls er ungestüm und leidenschaftlich wäre, so nachgeben, dass sie ihm Hoffnung machen konnte – und so eine glückliche Aufschub der Entscheidung herbeiführen. Ihr Vater war wegen Geschäften mit Herrn Tinman in eine nahegelegene Stadt gegangen. Mitten in der Nacht klopfte er an ihre Tür; und sie, aus Angst vor dem Unbekannten – hauptsächlich davor, dass die entscheidende Stunde irgendwie gekommen sei – trat zitternd zu ihm heraus. Er war allein. Sie hielt sich für die kindischste aller Menschen, weil sie annahm, man könnte sie mitten in der Nacht rufen, um ihre Gefühle zu bekunden – und bemerkte kaum seine düstere Stimmung. Er bat sie, ihm fünf Minuten zu geben; dann bat er sie um einen Kuss und sagte ihr, sie solle ins Bett gehen und schlafen. Doch Annette sah, dass er unter einer großen Not litt – und sie wollte nicht ins Bett geschickt werden. Sie versprach, geduldig zuzuhören, alles zu ertragen und mutig zu sein. „Sind es schlechte Nachrichten von zu Hause?“, fragte sie – dabei dachte sie an das alte Zuhause, wo sie ihr Herz zurückgelassen hatte und wo sein Geld angelegt war.
„Es ist folgendes, meine liebe Netty“, sagte Van Diemen, während sie ihn in ihr Wohnzimmer führte: „Wir müssen die Küsten Englands verlassen.“
„Dann sind wir ruiniert.“
„Nein – der Schurke kann das nicht tun. Wir könnten auf den Kontinent gehen oder nach Amerika; wir haben Geld. Aber wir können hier nicht bleiben. Ich werde nicht dem Willen eines Mannes ausgeliefert sein.“
„Der Kontinent! Amerika!“, rief die Engländerin begeistert aus. „Oh, Papa – du liebst es doch so sehr, in England zu leben!“
„Nicht so sehr, meine Liebe. Du schon, das weiß ich. Aber ich sehe nicht, wie das möglich sein soll. Mart Tinman und ich haben heute den ganzen Tag sowie die halbe Nacht miteinander gekämpft; er hat seine Maske abgenommen – oder etwas vor meinen Augen versteckt, ich weiß es nicht. Ich habe ihn zu Boden geworfen.“
„Papa!“
„Ich habe ihn wieder aufgehoben.“

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„Oh“, rief Annette, „ist Herr Tinman verletzt worden?“
„Er nannte mich einen Deserten!“
Anisette zitterte. Sie wusste nicht, was das bedeutete – doch allein der Name erweckte schreckliche Vorstellungen in ihr. Vorsichtig berührte sie ihren Vater, um ihm ihre ständige Liebe zu versichern – und auch, um sich selbst davon zu überzeugen, dass er wirklich da war.
„Und ich bin auch einer“, gestand Van Diemen mit erstickter Stimme. „Ich bin ein Deserter – ich werde mit einem Brandmal gebrandmarkt werden. Mart Tinman kann entscheiden, ob ich morgen früh vor den Augen aller nach Crikswich gebracht werde. Alles, was ich als Mann und Brite sagen kann, ist: Ich habe vor dem Feind nicht desertiert. Ich schwöre, ich hätte das niemals getan. Selbst der Tod wäre besser als das – aber deine arme Mutter war eine schöne Frau, mein Kind. Ich konnte nicht weiter in den Kasernen leben und sie ungeschützt zurücklassen. Ich kann dieser jungen Frau diese Geschichte nicht erzählen. Mir wurden hundert Pfund als Erbe zugesprochen – wie ein Geschenk vom Himmel. Deine arme Mutter und ich sahen unsere Chance – wir berieten uns und beschlossen, das Risiko einzugehen. Ich ging mit ihr und dir an Bord des Schiffes – erst kam es zum Schiffbruch, doch letztendlich hatten wir Glück.“
Van Diemen lachte bitter. „Man bemerkte auf dem Schießplatz, dass ich eine Haltung hatte, wie sie Soldaten haben. Eine Haltung, die mit einem Brandmal versehen sein wird. Man wird mich nicht mehr zu ihren Tischen bitten, dort Platz zu nehmen. Vielleicht darf ich bei Mart Tinman sitzen – aus Mitleid – nachdem ich meine Strafe verbüßt habe. Von meinen zwanzig Jahren Dienstzeit sind noch ein Jahr übrig. Er weiß das – er hat alles durchgerechnet. Aber das Schlimmste für mich ist die Schande. Dass man auf mich zeigt und sagt: ‚Da geht der Deserter.‘ Er war Soldat bei den Carbineers – und er desertierte. Niemand wird sagen: ‚Ach, aber er hielt an der Erinnerung an seinen alten Schulkameraden fest, kehrte zurück, liebte ihn, vertraute ihm – und wurde betrogen.‘“
Van Diemen hustete heftig. Anisette weinte.
„Komm, geh jetzt ins Bett“, sagte er. „Ich wünschte, du hättest nichts von unserer Flucht gewusst – als ich dich zusammen mit deiner armen Mutter an Bord des Schiffes brachte. Aber du bist jetzt eine junge Frau – du musst mir helfen, einen neuen Fluchtweg zu finden und herauszufinden, welche Sachen wir schnell zusammenpacken können. Ich werde nicht hier unter Mart Tinmans Willkür leben.“

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Sie wischte sich die Tränen ab, um nicht wieder zu weinen, und sagte, als sie sprechen konnte:
„Wird nichts ihn beruhigen? Ich wollte Sie mit allen möglichen dummen Fragen belästigen, armer lieber Papa – aber ich sehe, dass ich es verstehen kann, wenn ich es versuche. Wird nichts – ist er wirklich so wütend? Können wir nichts tun, um ihn zu besänftigen? Er liebt Geld. Oh, der Gedanke, England zu verlassen! Papa, das wird dich umbringen; du setzt dein ganzes Herz auf England. Wir könnten – ich könnte – könnte ich nicht als Vermittlerin zwischen euch auftreten? Herr Tinman ist mir immer sehr höflich.“
Auf diese Worte von Annette hin brach Van Diemen in ein kurzes, wildes Lachen aus. „Aber das liegt doch weit in der Ferne, Herr Mart Tinman!“, sagte er. „Sie halten sich an Ihr Spiel – das weiß ich – aber Sie werden feststellen, dass ich verschwunden bin, auch wenn ich einen Namen hinterlasse, der genauso stinkt wie Ihr armseliger Hintern. Und“, fügte er als kalte Erinnerung hinzu, „dieser Name ist der Name meines Wohltäters. Armer alter Van Diemen! Er dachte, es wäre eine sichere Übertragung.“
„Es war es – es ist es! Wir bleiben hier, wir werden nicht ins Exil geschickt“, sagte Annette. „Ich werde alles tun. Worüber ging es eigentlich, Papa?“
„Die Wahrheit ist, meine Liebe: Ich wollte ihm einfach zeigen – und seinen Stolz brechen – dass ich durch meine australische Erziehung ein klügerer Spieler bin als er aus seinem alten Land. Ich kaufte das Haus am Strand, während er herummeckerte, und verkaufte es ihm dann zu einem höheren Preis, als es in der Stadt besser lief – nur um ihm etwas zu beweisen. Dann wurde er wütend wegen etwas, was ich über Australien gesagt hatte. Ich werde diesen Dummkopf loswerden. Soll er doch im Crouch als Mieter bei mir wohnen, wenn er das Haus am Strand für gefährdet hält.“
„Papa, ich bin sicher“, wiederholte Annette, „ich habe tatsächlich Einfluss auf Herrn Tinman.“
„Deine Lippen bleiben immer fest geschlossen“, sagte ihr Vater. „Hör nur zu – sie bilden ein großes ‚O‘. Der Esel! Er glaubt, du hättest Einfluss, und bietet an, still zu sein, wenn du versprichst, ihn zu heiraten. Ich bin mir nicht sicher, ob er nicht sagte: innerhalb eines Jahres. Ich habe ihm gesagt, er solle vorsichtig sein, damit er nicht wieder niedergeschlagen wird. Mart Tinman als mein Schwiegersohn! Das ist das Gegenteil meiner Erwartungen – als wäre man auf den entgegengesetzten Poln ohne Möglichkeit, zurückzukehren! Ich habe ihm mitgeteilt, dass du verlobt bist.“
Annette starrte ihren Vater mit offenem Mund an – genau wie er es vorausgesagt hatte; mal mit einer kleinen, kühlen Grübchen in einer Mundwinkel, mal in der anderen – wie ein Windhauch den eisigen Wintersee hier und da krümmt. Sie konnte seine Absicht nicht erkennen und versuchte, indem sie angestrengt hinsah, sie zu verstehen.

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Besser – genauso wie dann, wenn eine einsame junge Dame in den dunklen Stunden in ihr Schlafzimmer geht und dort – so sagt die Tradition – unbedingt den Fuß eines Einbrechers unter dem Bett sieht. Sie starrt darauf, versucht geschickt, ihre Angst zu mildern, zweifelt doch und kann nicht umhin zu glauben, dass es dort auch ein Bein, einen Rumpf, einen Kopf sowie zwei schreckliche Arme mit Pistolen gibt. Krank vor Angst zittert sie; sie versucht, ihre Furcht zu unterdrücken, hustet – vielleicht singt sie sogar ein oder zwei Strophen einer Arie. Wenn sie wieder nach unten blickt, ist es dreimal schrecklicher für sie zu erkennen, dass dort kein Fuß ist! Denn wäre er geblieben, könnte man ihn für einen harmlosen, leeren Stiefel halten. Doch sein Verschwinden hat eine tödliche Bedeutung – es deutet auf tierisches Leben hin…
Auf ähnliche Weise erkannte unsere betroffene Annette das Objekt; allmählich wurde ihr klar, dass man von ihr verlangte, Tinmans Braut zu werden – und sie konnte das nicht glauben. Sie ahnte etwas, schmiedete einen Fluchtplan, sobald das Thema noch einmal zur Sprache kam. Doch als ihr Vater, beunruhigt durch ihren Gesichtsausdruck, sagte: „Hör nicht auf das, was ich gesagt habe, Netty. Ich werde ihn nicht schlimmer darstellen, als er wirklich ist“, da war Annette sicher, dass Mr. Tinman um ihre Hand angehalten hatte – und sie dachte, ihr Vater könnte dies als Mittel nutzen, um Tinman aus eigenen Interessen für immer zum Schweigen zu bringen.
„Es stimmt nicht, dass ich mit Mr. Tinman verlobt bin, Papa“, sagte sie.
„Nein, das weiß ich. Mart Tinman hat nur andeutungsweise davon gesprochen. Komm schon! Welcher unverheiratete Mann würde nicht gerne ein Mädchen wie dich haben, Netty! Man sagt, er wurde in einem Umkreis von fünfzehn Meilen überall abgewiesen – und er sieht auch nicht schlecht aus; er wirkt frisch und hübsch. Aber ich dachte, es sei besser, ihm klarzumachen, dass er mich zwar unter Druck setzen könnte, dich aber nicht. Nun, denk nicht mehr darüber nach, mein Liebling.“
„Nur wenn es nicht nötig ist, Papa“, sagte Annette; und nutzte ihre vertraute Zärtlichkeit, um ihn dazu zu überreden, ins Bett zu gehen – als wäre er der Betroffene, der gestreichelt werden müsse.

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KAPITEL VII
Rund um die Felsen am Meer, mit Blick nach Süden, gibt es im Winter angenehme Plätze zum Verweilen. Die Sonne, die an einem frostigen Tag dort scheint, hüllt einen wie in einen Mantel ein. Hier fand Herr Herbert Fellingham Annette – einen Kalkblock für ihren Stuhl sowie einen Haufen Kalktrümmer, der sie vor dem scharfen Wind aus dem Osten schützte. Gelegentlich warfen diese Trümmer einen schwachen Schatten auf das glatte blaue Wasser – wie Reflexe von Möwen.
Man sagt, Kinder hätten ihre eigenen Gedanken – warum dann nicht auch junge Damen? Diejenigen, die ihre Verwirrungen in langatmigen, komischen Beschreibungen darlegen, sind ihnen gegenüber ungerecht, indem sie sie als die einfachsten Geschöpfe der Fiktion darstellen. Ich bin sicher, dass die meisten von uns eher bereit wären, an sie zu glauben, wenn ihre Beschreibungen etwas weniger ausführlich wären. Die bedrückten Gefühle dieser jungen Dame aus den besseren Schichten verdienen durchaus Erwähnung. Ihr armes kleines Auge, das versucht, das Komplexe – das sie für das Unendliche hält – so wenig wie möglich wahrzunehmen, hat seinen Platz in unserer Geschichte. Wir sollten alle den Pathos dieser Situation nicht übersehen – wäre da nicht die Tatsache, dass so viel Raum dafür aufgewendet wird. So muss man fast kämpfen, um der Welt klarzumachen, dass sie tatsächlich eigene Gedanken und Gefühle hat. Um glaubwürdig dargestellt zu werden, ist außerdem eine übermenschliche Feinfühligkeit erforderlich. Dennoch werden die Tausende, die an ihre Beschreibungen gewöhnt sind, wenn sie sich in Annettes Situation befindet, durch kurze Sätze enttäuscht sein – genauso wie einst der Kontinentale, der Austern aß, beleidigt gewesen wäre, wenn man ihm vorgeschlagen hätte, zwei lebende Austern gegen zwei Dutzend tote einzutauschen. Annette befand sich in der entscheidenden Position der englischen imaginativen Prosa. Ich erkenne das an – und daraus fließen alle Strömungen. Doch was war die einfache Wahrheit? Sie hatte sich eingeredet, dass sie sich Tinman opfern müsse. Ihre Ausflüchte vor Herbert, die sich in Mischungen aus Kälte und Reue zeigten, endeten genauso geheimnisvoll und düster wie sie begonnen hatten. Sie hatte kaum Worte. Lassen Sie mich noch hinzufügen, dass sie im Moment keinerlei Absicht hatte, Tinman zu heiraten. In ihren Augen zwangen die Umstände sie dazu, diesen Schritt zu tun – doch sie sah dieses Ende in weiter Ferne.

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Denn diejenigen, die auf Reisen gehen, können dem Tod durch Ertrinken begegnen. Dennoch stieg sie an Bord.
„Jedenfalls habe ich Ihr Wort, dass Sie mich nicht mögen?“ sagte Herbert.
„Oh! Nein“, seufzte sie. Sie mochte ihn – wie Emigranten das Land, das sie verlassen.
„Und Sie haben Ihre Hand noch nicht versprochen?“
„Nein“, sagte sie, doch seufzte bei dem Gedanken, dass, wenn man sie dazu bringen könnte, es zu versprechen, kein Wort mehr über einen Aufbruch aus England fallen würde.
„Dann, da Sie nicht verlobt sind und mich nicht hassen, habe ich eine Chance?“, fragte er in einem halb klagenden, fragenden Ton, wie ein Organ, das nur einen leisen Klang von sich gibt.
Die See warf eine kleine Welle vor ihre Füße.
„Ein Tag wie dieser im Winter ist seltener als ein Sommertag“, fuhr Herbert ermutigend fort.
Annette antwortete: „Die Leute missbrauchen unser Klima…“
Doch der Gedanke daran, in der Dunkelheit des Exils von diesem Klima weggehen zu müssen, während ihr Vater darunter noch mehr leiden musste als sie selbst, überwältigte sie. Die Realität ihrer Traurigkeit zeigte sich in Form von Tinman, der mit der Geschwindigkeit eines Telegrafenmastes vor ihrer Seele schwamm. Es war sofort wieder vorbei – doch es verlieh ihr ein verzweifeltes Gefühl der Geschwindigkeit.
Sie begann zu spüren, dass dies das wahre Leben war.
Herbert hätte entschlossener, leidenschaftlicher sein sollen. Sie brauchte einen starken Willen.
Doch er befand sich nicht auf den Strömen der leidenschaftlichen Leidenschaft. Denn obwohl er in einer bestimmten Geschwindigkeit vorankam, geschah das aus eigenem Antrieb. Ich fürchte, ich muss ihn, mit vielen Entschuldigungen, mit einem Eiskunstläufer vergleichen – mit einem Eiskunstläufer auf glattem Eis. Er konnte zwar Pirouetten drehen, doch eher schwebte er dahin, anstatt loszustürmen; er achtete auf seine Bewegungen. Einige Liebende, wirklich ehrliche Liebende, kommen niemals über diese „einfache“ Stufe des Eislaufens hinaus. Und einige Frauen, eine ganze Menge in einem nebligen Klima, täuschen sich durch ihre gelegentlichen Fortschritte und halten sie für Schiffe auf dem Strom der Liebe. Sollen sie sie doch für solche Schiffe halten – und der Wettlauf soll weitergehen. Nur wir erkennen, dass es keine Schiffe sind.

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Eislaufen – sie sausen über einen glatten Eisboden und können bei einem Signal anhalten, wobei nur etwa ein halber Yard Eis am Absatz auf der Außenseite bleibt. Eis – und nicht Feuer oder fallendes Wasser – ist ihr Fortbewegungsmittel. Ob ein Mann sein eigenes Geschlecht offenbaren sollte, ist eine ganz andere Frage. Wenn wir entdeckt werden, sind nicht nur wir verloren, sondern auch unsere Liebesgeschichten. Allerdings gibt es keinen Grund zur Sorge in dieser Hinsicht – schließlich ist jedes Mitglied der anderen Gruppe aus eigener Sicht blind. Für Annette war Herberts Verhalten anmutig – doch es berührte sie kaum; er sprach gut genug, um Mitleid in ihr zu wecken, aber nicht warm genug, um ihren Kummer um sich selbst zu vergessen. Herbert konnte von Annette keine Erklärung für das Seltsame ihres Verhaltens erhalten und wandte sich direkt an ihren Vater – der zunächst genauso unerklärlich war. Schließlich sagte er: „Wenn Sie bereit sind, mit uns das Land zu verlassen, kann ich Ihnen meine Zustimmung geben.“ „Warum das Land verlassen?“, fragte Herbert verwundert. Van Diemen weigerte sich, es ihm zu sagen. Doch als er sah, wie verblüfft und elend der junge Mann aussah, ging er im Raum umher und sagte: „Ich habe nicht geraubt“ – nach einigen weiteren Runden: „Ich habe nicht gemordet.“ Er trottete in den vier Wänden hin und her. „Aber ich bin in der Macht eines Mannes. Ist das ausreichend für Sie? Sie werden mir sagen, weil ich reich bin, einfach mit den Fingern zu schnippen – das kann ich nicht. Ich habe Gefühle. Er kann mich verletzen und demütigen. Die Demütigung – zu meiner eigenen Schande sage ich es – fürchte ich am meisten. Sie würden meine Lage verstehen, wenn Sie jemals in einem Regiment gedient hätten. Ich meine Disziplin – falls Sie jemals Disziplin gekannt hätten – in der Polizei, wenn Sie wollen – irgendwo, wo es das gibt, was wir früher ‚Spiny de Cor‘ nannten. Ich meine, in der Schule. Und ich bin“, sagte Van Diemen, „ein völliger Idiot, ein Dummkopf, flach wie eine Pfanne und durchsichtig wie ein Glasscheibchen. Jeder kann durch mich hindurchsehen. Ich kann nicht über meine Probleme sprechen, ohne mich selbst zu verraten. Was nütze ich unter Ihnen klugen Leuten in England?“ Solche Ausdrucksweisen brachten Herrn Herbert Fellingham dazu, intensiv nachzudenken. Er musste sich auf Van Diemens Behauptung stützen, dass er weder geraubt noch gemordet hatte, um sich damit zu trösten, dass er kein berüchtigter Bandit war.

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Ein versagerischer Bergwerksleiter – oder irgendetwas anderes, das typisch australisch und „kangaroohaft“ ist. Er saß am Esstisch in Elba, aß wie alle anderen Menschen – doch sah die ganze Zeit aus wie ein verhungerter Bettler. Aus Mitleid mit seiner Verwirrung wollte Annette, dass ihr Vater ihn in ihr Vertrauen aufnahm. Sie schlug dies heimlich vor, sprach anschließend mit ihm darüber als eine kluge Maßnahme – schließlich könnte Herr Fellingham herausfinden, inwieweit er für die Situation verantwortlich war. Van Diemen schrie auf; er verriet sich durch seine Schwäche, wie sie es sich nicht hätte vorstellen können. Er sagte, er sei bereit zu gehen – sofort, Elba zu verlassen, aus dem alten England wegzulaufen. Was er jedoch nicht tun konnte, war, seinen Landsleuten mitzuteilen, wer er wirklich war, und anschließend unter ihnen zu leben. Er erklärte, diese Tatsache habe ständig in seinem Bewusstsein gestanden und ihn zerfressen. Annette erinnerte sich an seine Güte gegenüber den Artilleristen, die entlang der Küste westlich von Crikswich stationiert waren – obwohl sie sich an kein Zeichen von Reue erinnern konnte. Van Diemen sagte: „Wir haben es hier mit Martin Tinman zu tun; das ist jemand, der mich in der Hand hat – und das reicht schon. Wenn man mein Geheimnis einem zweiten Mann verrät, verdoppelt man meine Risiken.“ Er wollte nicht verstehen, wie dieser Zweite gegen den Ersten vorgehen könnte. Die Besonderheit seines Charakters bezüglich ihrer Situation bestand darin, dass sie zwar niemanden kannte, dem sie ihre Not mitteilen konnte, und viel isolierter war als in ihrem australischen Zuhause – doch bei dem Gedanken daran, England verlassen zu müssen, überkamen sie Fieber und Kälte. Deshalb war sie der lieben, guten Frau Cavely zutiefst dankbar, dass sie sich zwischen ihrem Vater und Herrn Tinman einschaltete. Und sie konnte nur erstaunt sein, als sie den Ursprung ihres jüngsten Streits erfuhr. „Es lag an Gippsland“, sagte Frau Cavely. Annette rief: „Was?“ „An diesem Gippsland von Ihnen, meine Liebe. Ihr Vater lobt Gippsland immer, wenn mein Martin ihn bittet, die Schönheiten unserer Gegend zu bewundern. Oft kommt Martin zu mir und klagt darüber. Wir haben keinerlei Zweifel daran, dass Gippsland ein wunderschöner Ort ist – aber mein Bruder hat seine eigene Vorstellung von Würde, das müssen Sie wissen. Ich wünschte nur, er wäre an Widerspruch gewöhnter, glauben Sie mir. Im Grunde ist er wie ein Lamm. Und wie er sagt: ‚Warum sollte man sein eigenes Land unterschätzen?‘ Er kann es nicht ertragen, wenn jemand prahlt. Nun, ich frage Sie, liebe Annette: Ist er wirklich eine so unbedeutende Person? Er möchte respektiert werden – besonders von seinem engsten Freund. Und stattdessen bekommt er Schläge!“

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Mit Männern ist das so: Sie beginnen mit Kleinigkeiten, trinken, streiten – und einer tut das, wofür er später Reue empfindet, und ein anderer sagt mehr, als er meint. Mein Martin wünscht sich nichts sehnlicher, als die Hand Ihres lieben Vaters zu schütteln, zu vergeben und zu vergessen. Um Ihre Achtung zu gewinnen, liebe Annette, würde er sich bis ins Staub sinken lassen. Werden Sie mir nicht helfen, diese beiden lieben alten Freunde wieder zusammenzubringen? Es ist unvernünftig von Ihrem lieben Papa, weiterhin von Gippsland zu prahlen, wenn er doch so sehr England liebt, oder? Mein Bruder ist nach dem Gesetz der Betroffene – das ist völlig sicher. Glauben Sie, er träumt davon, das auszunutzen? Er wartet zu Hause darauf, dass man ihm sagt, er dürfe Ihren Vater aufsuchen. Rang, Würde, verletzte Gefühle – das bedeutet ihm im Vergleich zur Freundschaft gar nichts.

Annette dachte an den Schlag, der ihn getroffen hatte, und sprach die Wahrheit aus ihrem Herzen: „Er ist sehr großzügig.“

„Sie verstehen ihn“, sagte Frau Cavely und drückte ihre Hand. „Wir werden beide zu Ihrem lieben Vater gehen. Er darf“, fügte sie hinzu, nicht ohne einen Hauch weiblicher Spitzbübigkeit, „Gippsland vor den Himalaya loben. Was meinem Martin am meisten missfiel, war, dass überhaupt von Gippsland gesprochen wurde, während es um unsere Seenlandschaft ging. Ich hingegen weiß, wie gerne Männer von Dingen prahlen, die sonst niemand gesehen hat.“

Die beiden Damen gingen gemeinsam zu Van Diemen – er ließ sich zwar erweichen, blieb jedoch zurückhaltend. Seine Art, Herrn Tinman zu empfangen, missfiel seiner Tochter. Annette legte größten Wert auf einen Faustschlag; in ihren Augen war das etwas Teuflisches – und der Mann, der es vergab, stieg um ein oder zwei Stufen höher auf der Leiter der Tugend. Besonders, wenn man bedenkt, dass er die Macht hatte, ihren Vater sowie sie selbst aus dem strahlenden England zu vertreiben, bevor sie alle Kathedralen und Kirchen, die Küsten sowie die in Gedichten beschriebenen Orte sehen konnten – ganz zu schweigen von der Adelswelt.

„Papa, Sie waren gegenüber Herrn Tinman nicht so freundlich, wie ich es gehofft hatte“, sagte Annette.

„Mart Tinman hat mich in seiner Gewalt – und er wird es mir zeigen“, antwortete ihr Vater düster. „Vielleicht lässt er mich mit dem Oberbefehlshaber davonkommen. Doch eines Tages wird er meinen Ruf ruinieren. Wegen ihm werde ich in der Gesellschaft den Kopf senken müssen.“

Van Diemen ahmte den verzweifelten Ausdruck eines Galgenopfers nach – in einem jener plötzlichen Ausbrüche spontaner Glaubwürdigkeit, die aus einer angeborenen Furcht entstehen und sich äußerlich zeigen.

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„Ein Deserteur!“, stöhnte er.
Es gelang ihm, die schreckliche Bedeutung dieses Stigmas in Annettes Vorstellungskraft zu verankern.
Der Gast auf Elba war damit beschäftigt, seine eigenen Eindrücke zusammenzuzählen und sie durch dies oder jenes neue Umstand zu teilen – denn er war völlig im Unklaren. Ihn faszinierte das geheimnisvolle Treffen zwischen Frau Cavely und Annette. Tinmans Ankunft und Abreise veranlassten ihn zu neuen Überlegungen.
Annette wurde kalt und sichtlich beunruhigt durch ihr Bewusstsein dafür. Sie versuchte, diese Stimmungsveränderung zu erklären: „Wir sind eingeladen, morgen im Haus am Strand zu essen. Ich hätte nicht zugesagt, aber Papa … wir hielten es für eine Pflicht. Natürlich gilt die Einladung auch Ihnen. Wir denken, Ihnen macht es dort keinen großen Spaß. Wenn Sie möchten, wird hier für Sie gedeckt.“
Herbert zog es vor, die Fähigkeiten von Frau Crickledon auszuprobieren.
Für eine genaue Beurteilung der Situation ist ein Verstand, der von einem Verdacht geleitet wird, unschlagbar – schließlich geht dieser Verstand wenigstens mit einer Laterne durch die Dunkelheit. Herbert bat Frau Crickledon, für ihn zu kochen, und um seine Abwesenheit vom Tisch von Herrn Tinman zu rechtfertigen, machte er sich auf einen Wintertagsspaziergang über die Hügel – eine Tätigkeit, die genauso nützlich sein kann wie jede andere, die ein junger Mann, egal ob ungeschickt oder klug, ausführen kann. Sie eignet sich hervorragend für Männer, die schreiben – sei es kreativ oder kritisch – sowie für die „dummen Schafe der Literatur“ und die „Metzger“.
Um halb sieben setzte er sich an Frau Crickledons Tisch. Wie sie ihm bereits mitgeteilt hatte, war sie zur Zeit ihrer Verführung durch Crickledon eine Köchin mit einem Jahresgehalt von vierzig Pfund. Der eifrige und hingebungsvolle Ehemann unternahm seine erste Reise ins Landesinnere, um zum großen Haus zu gelangen und sie als Braut mitzunehmen – nach dem Tod ihres Arbeitgebers, Sir Alfred Pooney, der sie zu Lebzeiten niemals gehen lassen hätte. Jeden Tag während des Lebens dieses Mannes reinigte er dreizehn Teller beim Essen – genau diese Anzahl, als glaubte er, darin läge Glück. Und wie Crickledon sagte: Es war seltsam. Doch es machte immer Freude, für ihn zu kochen. Frau Crickledon konnte es nicht ertragen, für einen sparsamen Esser zu kochen. Und wenn Crickledon sagte, er habe noch nie eine Eichel gesehen, dann hätte er vielleicht eine gesehen, wenn er sich am Tag seiner Hochzeit im großen Park unter den Eichen umgesehen hätte.
„Dann ist es doch ein Kompliment für Sie, Frau Crickledon, dass er keine gesehen hat“, sagte Herbert.

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Er bemerkte mit der Sentenzhaftigkeit einer aufgezwungenen Philosophie, dass es kein besseres Wein sei als schlechter Wein.
Mrs. Crickledon sprach von einer Flasche, die ihre Sommermieter zurückgelassen hatten – tatsächlich hatten sie zwei Flaschen hinterlassen – und nannte den Wein „Krankenwein“. Sie und ihr Mann hatten eine dieser Flaschen am Jahrestag ihrer Hochzeit im Oktober geöffnet. Beide waren sich einig: Der Wein schmeckte wie aus einer Apotheke. Da keiner ihrer Freunde dazu in der Lage war, mehr als nur einen Schluck zu trinken, wurde ihnen geraten, den Wein – da er als Tonic bezeichnet wurde – mit Schweinebrühe zu mischen, damit er nicht völlig verschwendet würde, sondern der Gesundheit des Schweins zugutekam. Herbert probierte den Rest der Flasche und fand, dass es sich um einen guten Manzanilla-Wein handelte; daraufhin füllte er sein Glas wieder auf.
„Nichts, was ich kenne, beweist einen Unterschied zwischen Adligen und Armen in Bezug auf den Weingeschmack“, sagte Mrs. Crickledon und bewunderte ihn, während sie ein Gericht mit Schnitzeln brachte – mit Sir Alfred Pooneys Lieblingssauce Soubise. In dieser Sauce sollte die Zwiebel genauso zart sein wie die Vorstellung von Liebe in den Gedanken junger Mädchen – obwohl sie doch ein Geschmackselement darstellt. Etwas Ähnliches hatte Sir Alfred Pooney seiner Köchin mitgeteilt, und diese wiederholte es mit der frischen Eleganz solcher schönen Worte, wenn sie durch den Geist eines Einheimischen weitergegeben werden: „Er sagte, es sei, als würde man das Erröten eines jungen Mädchens bei einem Kuss sehen.“ Der epikurische Baronet hatte die Angewohnheit, auf diese Weise zu sprechen. Herbert trank auf sein Andenken. Er war satt, hatte keine Arbeit und war in bester Stimmung – wie Mrs. Crickledon wusste, sollten und würden ihre Landsleute unter solchen Umständen ja so sein. Plötzlich strich er sich über die Stirn, die so faltig und dunkel war, dass Mrs. Crickledon ausrief: „Herz oder Magen?“
„Oh, nein“, sagte er. „Ich hoffe, mit beidem ist alles in Ordnung.“
„Dieser alte Tinman heckt wieder irgendeinen Trick aus“, bemerkte sie.
„Glauben Sie das?“
„Er versucht, Miss Annette Smith umzustimmen.“
„Pah! Crickledon. Ein Mann seines Alters kann doch nicht ernsthaft daran denken, einem jungen Mädchen einen Antrag zu machen.“
„Er ist ein gut gepflegter Mann. Er hat nie Unfug getrieben. Er hatte einfach nicht den Hang dazu. Und vielleicht mag sie ihn gar nicht. Aber man hört immer wieder Dinge.“

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„Was für Dinge hast du denn gehört, Crickledon? In tiefer Stille kann man Nadeln hören; im Lärm kann man Kanonenkugeln hören. Aber ich glaube niemals an belauschtes Gerede.“
„Man hörte ihn zu Herrn Smith sagen“, fuhr Crickledon fort und senkte ihre Stimme, „man hörte ihn sagen, es sei passiert, als sie sich wegen dieses Chiwal stritten – sie gerieten heftig aneinander, bis Herr Smith ihn schlug und ihm dann dieses Feld verkaufte. Man hörte ihn sagen, es gäbe eine schlimmere Strafe für Herrn Smith, als nur Verbannung, falls er nur den Finger heben würde. Die Tinmans haben schrecklichen Temperament. Seine alte Mutter starb an einer Krankheit – obwohl sie eine sparsame Frau war und niemals einem Christen auch nur eine Stunde länger etwas schuldete, als nötig war, um das Geld zurückzuzahlen. Der alte Tinman ist genauso.“
„Verbannung!“, rief Herbert aus. „Das ist völliger Unsinn, Crickledon. Ich bin sicher, Ihr Mann würde Ihnen das auch sagen.“
„Es war mein Mann, der mir diese Worte überbracht hat“, entgegnete Frau Crickledon triumphierend. „Er bat mich zwar, darüber Stillschweigen zu bewahren – aber wenn ich mit Ihnen spreche, einem Freund von Herrn Smith, kann das keinen Schaden anrichten. Er hörte sie unter der Batterie, während sie sich wegen dieses Chiwal stritten: ‚Und du wirst bezahlen‘, sagte Herr Smith, und ‚Ich werde nicht‘, sagte der alte Tinman. Herr Smith sagte, er würde es trotzdem bekommen, selbst wenn er einen Sünder zum Geständnis zwingen müsste. Dann rief der alte Tinman: ‚Du!‘, stotterte er. ‚Herr Smith‘, sagte mein Mann – und Sie haben noch nie einen Mann gesehen, der so schockiert war wie mein Mann, als er gezwungen wurde, ihnen zuzuhören. Herr Smith benutzte das Wort ‚verdammt‘. ‚Sie können lachen, Sir.‘“
„Sie erzählen das wirklich hervorragend, Crickledon.“
„Und dann sagte der alte Tinman: ‚Und ein D. für dich – und wenn ich den Finger hebe, dann steht da ein großes D auf deinem Rücken.‘“
„Und was sagte Herr Smith dann?“
„Er sagte, wie ein Mann, der erschossen wurde, meint mein Mann – ‚Mein Gott!‘“
Herbert Fellingham sprang vom Tisch weg.
„Sagen Sie mir, Crickledon – hat Ihr Mann das wirklich gehört – nur diese Worte? Die Tonfall?“
„Mein Mann sagt, er habe gehört, wie er ‚Mein Gott!‘ sagte – genau wie ein armer Mann, der erschossen oder erstochen wurde. Sie können mit Crickledon sprechen, wenn Sie allein mit ihm sind, Sir. Ich denke, Sie sollten es wissen. Denn seit jenem Tag hat Herr Smith mich nie wieder so angesehen wie früher – als fröhlicher, unbeschwärter Gentleman. Er wollte, dass ich für ihn auf Elba koche – aber…“

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Crickledon meinte, ich sollte lieber unabhängig sein, und Herr Smith sagte zu mir: „Vielleicht haben Sie recht, Crickledon – schließlich weiß niemand, wie lange ich noch bei Ihnen sein werde.“ Herbert fand Trost im Tabak in Crickledons Laden. Danach, nachdem die Geschichte bestätigt worden war, schlenderte er zum Haus am Strand.

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KAPITEL VIII
Der Mond stand über dem Meer. Die Schiffe, die in die Bucht geflohen waren, um sich vor dem Nordwind zu schützen, lagen da, wobei ihre Schatten auf das kalte, glatte Wasser geworfen wurden – fast bis an den Rand des Strandes. Dort gab es weder Wind noch Geräusche, nur das Plätschern der Wellen gegen die Kieselsteine.
Mrs. Crickledons Abendessen sowie der Zustand seines Herzens ließen den jungen Fellingham gegenüber der winterlichen Atmosphäre gleichgültig sein. Es genügte ihm, dass die Nacht schön war. Er streckte sich auf den Kieseln aus und dachte an Manzanilla, an Annette sowie an den köstlichen Geschmack, den trockene, stille Luft im Mondlicht dem Tabak verleiht – auch an seine Arbeit, soweit seine geistige Müdigkeit es zuließ. Der Gedanke, Annette mitzunehmen, um sein erstes Stück im Theater zu sehen, war sehr tröstlich. Der Strand sah aus wie eine Bühne, das Meer wie ein gespenstisches Publikum – und die großen schwarzen Segelschiffe, die vor Anker lagen, konnten als Vertreter der Zeitungsredaktionen angesehen werden. Annette war ein nettes Mädchen – zwar etwas gewöhnlich und von niedrigem Stand, aber doch lieblich. Was für ein Thema er daraus machen könnte! „Der Deserteur“ bot eine weitere Komplikation. Fellingham skizzierte dies schnell in seiner Vorstellung: Van Diemen als Mitglied des Parlaments von Großbritannien, der aus dem Unterhaus weggeführt wird, um dort gebrandmarkt zu werden! Was für ein großartiger Absturz! In der englischen Realität gibt es so wenige intensiv dramatische Situationen, dass der nachdenkliche Autor von dieser fasziniert wurde und wie ein Monarch, der seine gut ausgerüsteten Soldaten inspiziert, laut „Ha!“ rief.
„Da bist du ja“, sagte Van Diemens Stimme. „Ich habe deinen Pfeifenrauch gerochen. Du bist wirklich ein Dummkopf, dass du an einem kalten Abend hier draußen bist. Bei Gott – dadurch mag ich dich nur umso weniger. Es lag an der Romantik des Mondes in meiner Jugend.“
„Wo ist Annette?“, fragte Fellingham und sprang auf.
„Meine Tochter? Sie verabschiedet sich von ihrem Verlobten.“
„Was?“ keuchte Fellingham. „Mein Gott, Herr Smith – was meinen Sie damit?“
„Nimm deine Pfeife wieder in die Hand, mein Junge. Mädchen wählen schließlich, wen sie wollen.“
„Ihr Verlobter, sagten Sie, Sir? Was soll das bedeuten?“

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„Mein lieber junger Freund, machen Sie keinen Aufstand. Wir werden alle hier bleiben und freuen uns sehr, Sie von Zeit zu Zeit zu sehen. Tatsächlich hätte ich nicht mit Mart Tinman streiten sollen, wie ich es getan habe; ich bin von Natur aus zu hitzköpfig. Ich habe ihn tatsächlich geschlagen, und er hat mir verziehen. Das hätte ich selbst nicht tun können. Ich glaube, morgen werde ich Kopfschmerzen bekommen – bei meiner Seele, das wird so sein. Mart Tinman wollte Champagner trinken; aber, armer Kerl, ich habe ihn geschlagen und konnte mich nicht entschuldigen – ich wusste nicht, wie – und wir hoben die Gläser zusammen – zum Teufel mit den Gläsern! – Und am Ende, Netty – sie hat es nicht vorgeschlagen, aber da ich ihn geschlagen hatte – nun, wenn Sie uns gesehen hätten – sie brach in Tränen aus, und da war auch Frau Cavely, der alte Mart und ich, ein richtiger Idiot – wenn ich kein Schurke bin!“
Fellingham bemerkte eine mehr als gewöhnliche Wirkung des Weins von Tinman. Er berührte Van Diemen an der Schulter. „Darf ich bitte genau erfahren, was passiert ist?“
„Bei meiner Seele, wir werden alle bequem in Alt-England leben, ohne weiteren Streit und Umzüge“, kam die dumme Antwort. „Nur dass ich eigentlich nicht – ich glaube, Sie sagten ‚genau‘? – ich habe nicht mit dem alten Mart verhandelt, als wäre er mein … aber er ist ein anständiger Mann; Mart ist jünger als ich; er ist reich. Er ist äh … er ist äh … Sie wissen schon – mein Gott! Wo sind meine Gehirnzellen? – aber er ist ehrlich – ‚nominal‘!“
„Ein sparsamer Mann“, sagte Fellingham mit gelassener Ungeduld.
„Mein lieber Herr, ich bin Ihnen zutiefst dankbar für Ihre Hilfe“, erwiderte Van Diemen. „Da ist sie.“
Annette war durch das Tor in der Feldsteinmauer gekommen. Sie zuckte leicht zusammen, als sie Herbert sah, den sie für einen Küstenwächter hielt, sagte sie. Er verbeugte sich. Er hielt den Kopf gesenkt und starrte sie aufdringlich an.
„Es liegt am Champagner“, sagte Van Diemen und versuchte, seine Lungen zu beruhigen, um wieder klar denken zu können. „Im Haus war ich überhaupt nicht seltsam.“
„Der Champagner von Tinman!“, sagte Fellingham.
„Das muss wie der Kontakt zweier feindlicher chemischer Elemente sein.“
Annette ging schneller.
Sie stiegen vom Kiesweg auf das spärlich bewachsene Grasfeld hinab, das um den salzhaltigen Müll der Stadt herumführte, in Richtung Elba. Van Diemen schnupperte und rief aus: „Ich werde der Trauzeuge für Mart Tinman bei dieser Angelegenheit sein! Sie werden bei uns bleiben, Herr – wie ist Ihr Vorname? Bleiben Sie so lange bei uns wie …“

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„Es gefällt Ihnen. Alte Freunde für mich! Der Witz daran ist: Nelson war mein Mann – und doch bin ich zur Kavallerie gegangen. Wenn man von chemischen Stoffen spricht: Der alte Mart Tinman war ein Schurke, dem sein Land völlig egal war; und ich darf kein Wort darüber verlieren…… da drüben…… Australien…… Gippsland! Er ist einfach untergegangen, völlig zerstört. Es tut mir sehr leid um das, was wir getan haben. Reumütig. Bußfertig.“

„Jetzt spüren wir etwas Wind“, sagte Annette.

Fellingham murmelte: „Erlauben Sie mir – Ihr Schal weht lose.“ Er legte seine Hände auf ihre Arme und sagte zitternd: „Ein Zeichen! Ist es nicht wahr? Ein Wort! Hassten Sie mich?“

„Vielen Dank, aber mir ist nicht kalt“, antwortete sie und schloss sich ihrem Vater an.

Van Diemen rief sofort: „Denn wir sind fröhliche Jungen! Es liegt am Champagner. Und hängt mich doch auf, wenn ich nicht über meinem eigenen Grundstück gehe!“, sagte er, als sie das Gelände von Elba betraten.

Annette mischte sich ein; sie stand wie ein Schilfrohr in seinem Weg.

„Nein! Mein Herr! Ich werde sehen, wofür ich Sie verkauft habe!“, rief er. „Ich bin Besitzer des Bodens in Altengland – und kümmere mich genauso wenig um den Titel eines Gutsbesitzers wie Napoleon Bonaparte. Aber ich sage Ihnen was, Herr Hubbard: Ihre Mutter war noch nie so überrascht über ihren Hund wie der alte Van Diemen, wenn er hört, dass man ihn in Altengland Gutsbesitzer nennt. Er war zwar ein Verbrecher, weil er einmal etwas Falsches getan hat – aber er hat sich rehabilitiert. Der Geruch meines eigenen Grundstücks lässt meine Beine wieder funktionieren. Und ich sage Ihnen was, Herr Hubbard: Mart Tinmans Vorstellungen von Wein sind ziemlich ähnlich wie seine Vorstellungen von angenehmen Düften. Wenn ich Richter in Crikswich bin, dann wird er im Stadtrat mit zwei zu eins gegen sich sein. Ich liebe mein Land – aber hängt mich doch auf, wenn ich es nicht reinige…“

Während er das sagte, durchbrach Van Diemen mit großer Entschlossenheit die Heckenbarriere. Fellingham fragte Annette: „Habe ich Sie verloren?“

„Ich gehöre zu meinem Vater“, sagte sie, zog ihre weiblichen Kleider enger um sich und folgte ihm in der kalten, silbergesprenkelten Dämmerung des Winterwaldes.

Van Diemen kam an einen Fischteich.

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„Hier, meine jungen Leute!“, sagte er zu den beiden. „Dort entlang, Fellowman. Ich sehe jetzt klarer – ich glaube, ich habe Unsinn geredet. Ich bin von Geld überladen und habe nicht mehr das Herz, das ich einst hatte. Ich sage, Fellowman, Fellowbird, Hubbard – wie ist Ihr richtiger Name? – stellen Sie sich vor, ein alter Karpfen wird aus dem Teich gefischt und ins Meer geworfen. Das ist Verbannung! Und wenn dem Mädchen das nichts ausmacht, was macht es dann für einen Unterschied?“
„Ich glaube, Herr Herbert Fellingham möchte jetzt ins Bett gehen, Papa“, sagte Annette.
„Fräulein Smith wird sicherlich kalt werden“, deutete Fellingham an.
„Geht schnell ins Haus“, antwortete Van Diemen und führte sie wie ein Stier mit sich. Annette wollte sie nicht allein im Rauchzimmer lassen und blieb unter dem Vorwand, ihren Vater ins Bett bringen zu wollen, bei ihnen. Doch Herberts Tonfall war auf seltsame Weise direkt und heftig – was sie beunruhigte, und zu Recht. Er ahnte in groben Umrissen, was geschehen war. Er dachte nicht mehr in einfachen Begriffen, sondern war verzweifelt bei dem Gedanken an einen Verlust für sich selbst sowie an das Schicksal, das Annette bevorstand. Das ließ ihn von Abscheu zu Unglauben und wieder zurück schwanken.
Van Diemen bat ihn, seine Pfeife anzuzünden.
„Ich fahre morgen nach London“, sagte Fellingham. „Ich möchte eigentlich nicht gehen – aus ganz bestimmten Gründen. Vielleicht kann ich dort nützlicher sein. Ich habe einen Cousin, der General im Militär ist. Wenn Sie mir erlauben – sehen Sie, irgendetwas ist besser, als dass Sie von der Ruhe und dem Komfort abhängig sind, solange ein Mann seinen Mund hält – besonders, wenn er nicht gerade von gutem Temperament ist. Wenn Sie mir erlauben – natürlich ohne Namen zu nennen – werde ich mich mit ihm beraten.“
Es herrschte Totenstille.
„Sie wissen, dass Sie mir vertrauen können, Sir. Ich liebe Ihre Tochter von ganzem Herzen. Ihr Ansehen und Ihre Interessen sind mir wichtig.“
Van Diemen versuchte, ruhig zu bleiben.
„Netty, was hast du getan?“, fragte er.
„Es ist nicht wahr, Papa!“, antwortete sie auf die unausgesprochene Anschuldigung.
„Annette hat mir nichts erzählt, Sir. Ich habe es gehört. Sie müssen sich damit abfinden, dass es bereits bekannt ist. Was Herr Tinman weiß, wird sicherlich bei nächstem Streit allgemein bekannt werden.“

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„Dieser Schurke Mart!“, murmelte Van Diemen.
„Ich bin sicher, Herr Tinman hat nicht von Ihnen gesprochen, Papa“, sagte Annette und wandte ihren Blick von der halb gelähmten Gestalt ihres Vaters ab, um ihn zu prüfen.
„Nein, aber er ließ sich hören, als darüber gesprochen wurde. Jedenfalls ist es bekannt – und das Einzige, was zu tun bleibt, ist, damit umzugehen.“
„Ich gehe jetzt. Ich werde keinen Tag länger bleiben. Ich würde lieber auf dem Kontinent leben“, sagte Van Diemen und schüttelte sich, als wolle er sich auf den Aufbruch in diese Wüste vorbereiten.
„Herr Tinman war wirklich sehr großzügig!“, protestierte Annette unter Tränen.
„Ich werde nicht nein sagen – aber ich glaube, du wirst getäuscht und gibst ihm deine eigene Großzügigkeit“, sagte Herbert. „Kannst du das für großzügig halten, dass er selbst in dem extremsten Fall mit deinem Vater darüber spricht und davon redet, ihn anzuzeigen? Das hat er tatsächlich getan.“
„Er wurde provoziert.“
„Ein Gentleman zeichnet sich dadurch aus, dass er sich nicht provozieren lässt.“
„Ich bin mit ihm verlobt – und ich kann es nicht ertragen, zu hören, dass er kein Gentleman sei.“
Den ersten Teil ihres Satzes sprach Annette mutig aus; am Ende brach sie zusammen. Sie wollte, dass Herbert die Wahrheit erkannte, damit er seine Angriffe auf Herrn Tinman einstellte. Sie glaubte, er habe nur Vermutungen über die Umstände angestellt, in denen ihr Vater sich befand. Doch nun wurde ihr der Vergleich zwischen ihren beiden Bewerbern bewusst – schließlich sprach der Jüngere auf eine so selbstsichere, knappe und gefühlvolle Weise.
Sie musste weinend den Raum verlassen.
„Ist Ihre Tochter verlobt, Sir?“, fragte Herbert.
„Sprechen Sie morgen mit mir – geben Sie uns nicht auf, falls sie es ist. Wir sind in der Falle, das ist meine Meinung“, sagte Van Diemen. „In diesem Wein von Mart Tinman steckt der Teufel. Ich spüre es immer noch – und morgen wird es schlimmer sein. Was kann sie an ihm nur sehen? Ich muss das Land verlassen, sie mitnehmen. Wie er das geschafft hat, weiß ich nicht. Es war diese Frau, die Witwe, die Schwester des Kerls. Sie redete und redete, bis ihr die Tränen kamen – über unsere dauerhafte Verbindung. Bei meiner Seele, ich glaube, ich habe Netty dazu angehetzt! Ich war durch diesen Wein betrunken – plötzlich legte die Frau ihre Hände in seine! Und ich – ein Mann von Geist wird mich verachten!“

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Mir ging durch den Kopf: ‚Jetzt ist mein Geheimnis sicher!‘ Sie haben mich nüchtern gemacht, junger Herr. Ich sehe mich selbst – wenn das überhaupt Nüchternheit ist. Ich frage nicht nach Ihrer Meinung über mich; ich bin ein Deserteur, treulos gegenüber meinen Pflichten, ein Brüchiger seines Eides. Nur eines merken Sie sich: Ich war verheiratet – ein gewöhnlicher Soldat, verheiratet mit einer schönen jungen Frau, aufrichtig wie Stahl. Doch sie war schön, wir waren arm wie Kirchenmäuse, und sie musste Tag für Tag Verfolgung durch einen Offizier ertragen. Behalten Sie diese Situation im Gedächtnis… Die Vorsehung warf mir hundert Pfund vom Himmel herab. Genauer gesagt tauchten sie aus der Erde auf – ich habe sie, sozusagen, aus dem Grab eines Verwandten geholt. Reiche und Arme – das ist in Ordnung, wenn ich reich und Sie arm sind; und Sie können glücklich sein, auch wenn Sie arm sind. Doch wo es viele arme junge Frauen gibt, stellen viele reiche Männer eine schreckliche Versuchung für sie dar. Das sagt meine liebe, gute Frau – und wäre sie mir erhalten geblieben, wäre ich niemals nach Alt-England zurückgekehrt, und weder Freude noch Schmerz hätte ich gekannt. Sie war meine Stütze, sie war auch meine Trostspenderin. Warum blieb sie bei mir? Weil ich an sie glaubte, obwohl die Umstände gegen sie sprachen. Doch sie vergab diesem Land niemals den Schmerz, den es ihrer weiblichen Würde zugefügt hatte. Sie werden wohl bemerkt haben, dass Netty ein kantiges Kinn hat – das liegt an ihrer Mutter. Und ich werde damit konfrontiert werden, falls sich herausstellt, dass Mart Tinman mich betrogen hat. Ich bin irgendwie durcheinander. Ich werde darüber nachdenken, welchen Weg ich von jetzt bis morgen einschlagen soll. Gute Nacht, junger Herr.“

„Gute Nacht, Sir“, sagte Herbert und fügte hinzu: „Ich werde Informationen bei den Horse Guards einholen. Was die Leute hier angeht, die davon wissen – Sie leben ja nicht besonders in Gesellschaft…“

„Es geht nicht um die Gefühle anderer, sondern um meine eigenen“, unterbrach ihn Van Diemen. „Ich spüre es, wenn etwas in der Luft liegt; seit Mart Tinman das ausgesprochen hat, habe ich ein Gefühl von Kälte und Hitze auf der Haut.“ Er schwang seine brennende Kerze und ging ins Bett – offensichtlich getröstet von der Vorstellung, dass er das Opfer seiner eigenen Gefühle sei.

Herbert konnte nicht schlafen. Annettes monströse Wahl von Tinman statt von ihm quälte und erschütterte ständig sein Verständnis. Da war noch das „kantige Kinn“, von dem ihr Vater gesprochen hatte – das weckte in ihm eine vage Unruhe. Doch er konnte sich nicht vorstellen, dass ein junges Mädchen, ein englisches Mädchen, ein leidenschaftliches junges englisches Mädchen, gefühllos sein könnte. Und da man davon ausgehen musste, dass sie Gefühle hatte, gab es keinen Grund zur Sorge, dass sie bei ihrem abscheulichen Entschluss bleiben würde, wenn sie erfuhr, dass ihr Vater dagegen war.

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KAPITEL IX
Am nächsten Morgen mied Annette ihn nicht. Auch das Thema vermied sie nicht. Doch sie sorgte dafür, dass sie nur wenige Minuten vor ihrem Vater unten sein würde. Herbert stellte fest, dass Mädchen mit solch starken Gefühlen im Vergleich zu ihr wirklich alltäglich waren. Sie hatte eine irrsinnige Vorstellung von der Edelheit von Tinman – eine Vorstellung, die sie daran hinderte, sein Aussehen, seine Figur, seinen Charakter sowie auch seine Umgangsformen wahrzunehmen. Er hatte bereits einen Schlag von ihr vergeben! So absurd diese Illusion auch sein mochte, sie verlieh ihr eine Art verspielte Anziehungskraft. Es war schön an ihr, dass sie so sehr auf moralische Qualitäten achtete. Überwältigt und hilflos durch ihre kurzen, entschiedenen Antworten musste Herbert diese außergewöhnliche junge Dame bewundern – obwohl seine Bewunderung einen ironischen Unterton hatte. In Anbetracht ihrer Offenheit hätte sie ihm eigentlich sagen sollen, dass sie vor ihrer Entscheidung die verschiedenen Ansprüche von ihm und Tinman abgewogen hatte und sich schließlich für ein friedliches Leben für ihren Vater und sich selbst in England entschieden hatte. Das tat sie etwas bedauernd – wegen der natürlichen Sympathie des jungen Mädchens für den jüngeren Mann. Doch dem jüngeren Mann erschien in ihrem ernsthaften, direkten Denken seine Werbung zu leichtfüßig und unernsthaft – wie bei einem ihrer Offiziere, die Walzer tanzten. Das war in Ordnung, solange sie mit ihm im Takt tanzte – aber nicht so fordernd, dass es sie aus dem Gleichgewicht brachte. Er hatte sich geändert; jetzt, da er überzeugender geworden war, fürchtete sie, dass er die Ruhe stören könnte, die sie sich wünschte, um über ihre Entscheidung nachzudenken. Tinmans Großzügigkeit stand in ihrer Vorstellung bereit, um sie zu stützen – obwohl ihr klar war, dass Mrs. Cavely ihren Willen überrascht und dazu gebracht hatte, ohne Rücksprache mit ihrem klügeren Verstand nachzugeben.
„Ich kann dir nicht zuhören“, sagte sie zu Herbert, nachdem sie länger zugehört hatte, als klug war. „Wenn das, was du über Papa sagst, wahr ist, glaube ich nicht, dass er in Crikswich – oder sogar in England – bleiben wird. Aber ich bin sicher, dass unser alter Freund, von dem wir in Australien so viel gesprochen haben, ihn nicht absichtlich verraten hat.“

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Herbert hätte sagen müssen: „Schauen Sie sich uns beide an!“, um mit seinem verwirrten Werben fortzufahren; und gerade die Lächerlichkeit dieses Kontrasts ließ ihn die Torheit und Schamhaftigkeit eines solchen Vorschlags erkennen.
Van Diemen kam zum Frühstück – müde und unruhig. „Ich habe meinen morgendlichen Spaziergang nicht gemacht – ich kann nicht rausgehen und beschimpft werden“, sagte er, rief seiner Tochter zu, Tee sowie starken Tee zu bringen, und erklärte Herbert, dass er wisse, dass das schlecht für die Nerven sei, aber es ein Gegenmittel gegen schlechten Champagner sei.
Herr Herbert Fellingham hatte zuvor eine Einladung im Namen einer Schwester von ihm nach Crikswich erhalten. Ein Gefühl echter Weisheit veranlasste ihn, Annette daran zu erinnern. Sie schrieb eine nette Nachricht an Miss Mary Fellingham, und Herbert freute sich ein wenig darüber, den Brief in ihrer Handschrift mitnehmen zu dürfen.
„Hol sie bald her, wir werden hier nicht lange bleiben“, sagte Van Diemen zu ihm beim Abschied. Er drückte seine Angst vor dem nächsten Treffen mit Mart Tinman aus.
Herbert brachte Mary Fellingham schnell nach Elba und ließ sie dort zurück. Die Situation schien unverändert zu sein. Van Diemen sah abgespannt aus – wie ein Mann, der hauptsächlich von seinen eigenen Gedanken lebte, was sich in seinen wenigen melancholischen Äußerungen zeigte. Er sagte zu Herbert: „Wie man sich fühlt, wenn man entlarvt wird!“ und auch: „Es ist nicht richtig, dass ein Mann mit Herz Böses tut!“ Er bezeichnete die beiden Hauptwege, auf denen arme Sünder zur Besinnung kommen. Sein eigenes Gewissen wäre sonst weiter geschlummert – und wie er sagte, wäre er ohne das Ziehen seines Herzens zu Tinman nicht in die Hände dieses Mannes gefallen.
Die Ankunft einer jungen Dame mit modischem Aussehen in Elba bereitete Frau Cavely Kopfzerbrechen. Sie vermutete, dass das etwas zu bedeuten hatte – und Van Diemens Verhalten gegenüber ihrem Bruder hätte diese Vermutung nur noch verstärkt. Er besuchte das Haus am Strand nicht, lud Martin nicht zum Abendessen ein, man sah ihn selten; und als er im Stadtrat erschien, widersetzte er sich ein- oder zweimal heftig seinem Freund Martin, der verärgert nach Hause zurückkehrte – tief beleidigt in seinen Interessen und in seiner Würde.
„Haben Sie irgendeine Veränderung in Annettes Umgang mit Ihnen bemerkt, Lieber?“, fragte Frau Cavely.
„Nein“, sagte Tinman. „Keine. Sie schüttelt mir die Hand, fragt nach meinem Befinden und bietet mir meinen Tee an.“

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„Ich habe all das gesehen. Aber meidet sie die Privatsphäre mit dir?“
„Meine Güte, nein! Warum sollte sie das tun? Ich hoffe, Martha, ich bin ein Mann, dem jede junge Dame in England vertrauen kann.“
„Ich bin sicher, das kannst du, lieber Martin.“
„Sie hat Einwände dagegen, den … den Tag zu nennen“, sagte Martin. „Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich lange Verabredungen ablehne. Mir gefällt ihr neuer Begleiter nicht – sie behauptet, man habe sie am Hof vorgestellt. Daran zweifle ich stark.“
„Das tut sie nur, um sich einen gewissen Stil zu verschaffen. Ich glaube ihr nicht!“, rief Frau Cavely mit scharfer, persönlicher Schärfe aus.
Bruder und Schwester betrachteten gemeinsam den Hofführer, den sie zu Anlass ihrer größten Ausgabe und ihres aufregendsten Vergnügens gekauft hatten; darin fanden sie sicherlich den Namen von General Fellingham.
„Aber er kann doch nicht mit einem Zeitungsredakteur verwandt sein“, sagte Frau Cavely. Darauf entgegnete ihr Bruder: „Es sei denn, der junge Mann ist zu einem Schurken geworden. Ich hasse unproduktive Berufe.“
„Ich hasse ihn, Martin“, lachte Frau Cavely verächtlich. „Ich würde eher sagen, ich habe Mitleid mit ihm. Es ist mir genauso klar wie die Sonne zur Mittagszeit – er wollte Annette. Deshalb hatte ich es so eilig. Wie sehr fürchtete ich, dass er an jenem Abend zu unserem Essen kommen würde! Als ich sah, dass er abwesend war, hätte ich jubeln können – es muss Schicksal gewesen sein! Sei also vorsichtig – bis jetzt wurde uns alles vom Himmel her gegeben – aber pass auf deinen Temperament auf, lieber Martin. Ich werde die Verbindung beschleunigen; es ist schade um ein Mädchen, wenn es einen Mann bis zum Altar hinter sich herzieht. Das Temperament, mein Lieber – wenn du nur daran denkst – ist der Schwachpunkt.“
„Jetzt fängt er schon an, mir von seinen australischen Weinen zu prahlen!“, rief Tinman aus.
„Ertrage es. Ertrage es, wie du Gippsland erträgst. Mein Lieber, du hast die passende Antwort im Herzen: Ja! Aber gibt es in Australien einen Hof?“
„Ha! Und seine australischen Weine kosten doppelt so viel wie meine!“
„Ganz richtig. Wir sind hoffentlich nicht dazu verpflichtet, sie zu kaufen. Ich würde es zwar tun – eine Dutzend –, wenn ich es für notwendig hielt, um ihn zum Schweigen zu bringen.“
Tinman murmelte weiter wütend über die australischen Weine, warf Gippsland einen verärgerten Blick zu und versprach, auf sein Temperament zu achten.

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„Was nützt uns Australien“, fragte er, „wenn es uns kein Geld einbringt?“
„Es wird uns Geld einbringen, mein Lieber“, sagte Frau Cavely. „Denk daran, wenn er anfängt, mit seinem Australien anzugeben. Und obwohl es sich um das Geld von Verurteilten handelt, wie er selbst zugibt –“
„Mit dem Geld von Verurteilten!“, unterbrach ihn Tinman zitternd. „Wie lange soll ich noch warten?“
„Vertrauen Sie darauf, dass ich mich beeile“, sagte Frau Cavely. „Gibt es sonst noch irgendwelche Ärgernisse?“
„Wo auch immer ich einkaufen gehe, überbietet mich dieser Mann und behauptet anschließend, es liege am Mangel an Mut und Entschlusskraft im alten Land – und an mangelnder Großzügigkeit! Ein Mann, der bereit wäre, auf die Knie zu gehen, nur um in England etwas zu erreichen!“ Tinman schrie das in einem Atemzug hervor; er wurde vor Anstrengung rot: „Vielleicht muss er das ja noch tun. Ich kann Beleidigungen nicht ertragen.“
„Du kannst Beleidigungen erst recht nicht ertragen, nachdem du einen Orden erhalten hast“, sagte seine Schwester, basierend auf ihren Beobachtungen seit seinem berühmten Besuch in London. „So ist es eben in der Natur. Doch im Moment ist der Charakter das Wichtigste. Denk daran: Es war aufgrund deines Temperaments und weil du zugelassen hast, dass ihr Vater sich in eine missliche Lage brachte, konntest du Annette bekommen. Ich würde sogar auf Wein verzichten – denn manchmal streitet man danach. Ich habe bemerkt, dass diese Auseinandersetzungen zwischen dir und Herrn Smith – wie er sich nennt – meist nach dem Trinken von Wein stattfinden.“
„Immer die Armen! Geld für die Armen!“, klagte Tinman weiter über seine Beschwerden gegenüber Van Diemen. „Die Ärzte sagen doch, dass diese Ausbeutung der einfachen Leute gesundheitlich vorteilhaft sei – es sei ein ‚gesunder‘ Geruch, der nährend wirke. Wir hatten das schon immer, und unsere Stadt war immer gesund. Doch das Meer drängt immer weiter vor – meine Wohnung und mein Eigentum sind in Gefahr. Er kauft meine Wohnung von mir weg und bietet mir das Crouch zur Unterkunft an – zu einem überhöhten Mietpreis. Dann verkauft er mir meine Wohnung wieder zu einem überhöhten Preis, ich kaufe sie – und anschließend stimmt er dagegen, auch nur einen Penny für den Schutz der Küste auszugeben! Und schon ist wieder Winter! Als ob er nicht in meiner Macht stünde!“
„Mein lieber Martin, wir fahren nach Elba – bald, wenn du deinen Temperament unter Kontrolle bringst“, sagte Frau Cavely. „Du bist ein Engel, dass du es zulässt, dass ich darüber spreche. Es ist nur dieser Mann, der dich ärgert. Ich nenne ihn schamlos prahlerisch.“
„Ich könnte ihn mit einer Pistole wegblasen, wenn ich mich äußern würde – und das weiß er! Ihm fehlt jegliches Dankbarkeitsempfinden – geschweige denn Respekt“, schnaubte Tinman.
„Aber er hat eine Tochter, mein Lieber.“

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Tinman beruhigte sich langsam und mit stockender Stimme.
Seine Hauptbeschwerde gegenüber Van Diemen war die Nichtanerkennung seiner Bedeutung durch diesen unkultivierten Australier – dieser schien sich der Würde und Besonderheiten nicht bewusst zu sein, die man in unserem Land hat. Die vermögende Tochter sowie die Aussicht auf eine Heirat rieten diesem wirtschaftlich denkenden Mann, der von allen um ihn herum abgewiesen wurde, dazu, seinen Zorn zu unterdrücken und sich Martha zu fügen.
„Bringen Sie Annette zum Essen mit uns“, sagte er, als Martha vorschlug, das liebreizende junge Mädchen einzuladen.
Martha trank beim Mittagessen ein Glas des Weins ihres Bruders und machte sich dann auf den Weg.
Annette lehnte ab, mitzukommen. Als Grund gab sie ihre Gästin, Miss Fellingham.
„Bringen Sie sie doch auch mit – wenn Sie so freundlich wären“, sagte Frau Cavely zu Mary.
„Ich bin Ihnen sehr dankbar; ich esse im Moment nicht auswärts“, antwortete die Londonerin.
„Ach je! Sind Sie krank?“
„Nein.“
„Hoffentlich nichts in der Familie?“
„Meine Familie?“
„Entschuldigen Sie, ich meine natürlich Ihre zukünftige Schwägerin“, sagte Frau Cavely, von Groll erfüllt – ein Groll, der selbst vom strengsten Moralisten verständlich wäre.
„Kann ich allein mit Ihnen sprechen?“, wandte sie sich an Annette.
Miss Fellingham stand auf.
Frau Cavely konfrontierte sie: „Das kann ich nicht zulassen – ich komme da nicht mit. Ich nehme mir nur etwas Freiheit heraus gegenüber jemandem, den ich als meine zukünftige Schwägerin bezeichnen könnte.“
„Soll ich mit Ihnen kommen?“, fragte Annette, aus purem Müdigkeitsgefühl Mary Fellingham bei ihrem Vorhaben helfend, diese Dame sowie ihren Bruder als unangenehm darzustellen.
„Nur, wenn Sie es möchten.“
„Ich habe keine Einwände.“
„Ein anderes Mal dann.“

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„Wirst du schreiben?“
„Per Post, natürlich!“
Frau Cavely lachte – ein Lachen, das angeblich typisch für die englische Bühne war.
„Das wäre Geldverschwendung“, sagte Annette. „Ich dachte, du könntest einen Boten schicken.“
Die Kommunikation mit Miss Fellingham hatte ihrer hohen moralischen Auffassung von den Bewohnern des Hauses am Strand geschadet. Frau Cavely bemerkte das und konnte nicht verbergen, dass es sie verärgerte.
Ihr Rat an ihren Bruder, nachdem sie ihm die beleidigende Szene in lebhaftem Dialog geschildert hatte, war, Van Diemen zu erschrecken.
„Ich wünschte, ich hätte vor dem Aufbruch dieses Glas Sherry nicht getrunken“, rief sie – zugleich wild und weise. „Am besten trinkt man das nach der Arbeit. Und eure Angewohnheit, spät zu essen, stört mich. Ich fürchte, ich habe meinen Zorn gezeigt; aber du, Martin, hättest nicht einmal ein Zehntel dessen ertragen, was ich getan habe.“
„Wie kannst du so etwas sagen!“, tadelte sie ihr Bruder empört. Im Haus am Strand entbrannte ein Sturm zwischen Bruder und Schwester – glücklicherweise hörte man das draußen nicht wegen des heftigen Windes. Dennoch dachte Tinman über Marthas Idee nach, Van Diemen zu erschrecken.

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KAPITEL X
Die Engländer werden als ein schlecht gelauntes Volk bezeichnet – doch das ist ein Urteil, das auf ihren Äußerungen beruht. Eine Untersuchung der Ursachen könnte jedoch zeigen, dass sie keineswegs schlechter gelaunt sind als jemand, der schlecht schlafen kann und in einem unbequemen Bett liegt. Wenn ein weiser Instinkt sie dazu bringt, realistische Geschichten abzulehnen, dann sollte die realistische Geschichte durch die Erfindung einer Rechtfertigung für die gequälten Seelen ihre Existenz rechtfertigen. Einst sangen sie Madrigale, tanzten auf den Wiesen und genossen ihre lebhaften Stimmungen – ohne dabei auf Wortspiele zur Unterhaltung, auf die Vorführung von Hunderten nackter Beine zur Belustigung oder auf sentimentales Weinen als „Musik“ zurückzugreifen. Es gibt Beweise dafür, dass sie seit dem letzten halben Jahrhundert ein künstlich erzogenes Volk sind, das sich vom Genie von Erfindern, Fälschern und Verfälschern ernährt – anstelle der Produkte der Natur. Es ist ungerecht, von ihnen zu behaupten, sie seien nun einmal so oder so. Sie sind Experimente – Söhne und Opfer einer verzweifelten Energie, die durch Billigkeit lockt und durch Menge sättigt, um auf Kosten ihrer eigenen Strukturen in der Gesellschaft aufzusteigen. Das Land befindet sich in einem Zustand der Gärung – und der Laden, der bereits die Hälfte ihrer „Sterne“ zum sozialen Zenit geführt hat, ist genau das, was sie unbedingt loswerden möchten. Es ist auch keineswegs ein verwerfliches Zeichen, dass sie vor dem Titel „Händler“ fliehen, als würden sie vor ihm davonlaufen. Im Gegenteil: Das ist ein Zeichen von Vernunft, das uns zu großer Hoffnung veranlasst. Energie, die in das moralische Bewusstsein übertragen wird, könnte sie vielleicht noch retten. In der Zwischenzeit sind dieses Bier und dieser Wein von solcher Art, dass sie mehr zerstört haben als die Stimmung eines weniger begabten Volkes. Martin Tinman lud Van Diemen Smith ein, den Geschmack eines Weins zu probieren – einen Wein, den er, wie er sagte, dazu verwenden wollte, „alles hinter sich zu lassen“. Schon früher wurde auf eine seltsame Wirkung auf die Gedanken derer hingewiesen, die wussten, was auf sie zukam, als sie zu einem Essen bei Tinman eingeladen wurden. Um jeden Preis an diesem kleinen gesellschaftlichen Treffen teilzunehmen, nahmen sie die Einladung an – mit einem Seufzer, als ob es sich um eine mathematische Berechnung zwischen Zukunft und Vergangenheit handelte; so mechanisch, wie menschliche Dinge nur sein können – ähnlich dem üblichen Ruf der Muslime nach dem Schicksal. Wurde nicht bereits berichtet, wie das kleine jüdische Baby an der Brust seiner Mutter saugte…

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Jerusalem – würde dieses unschuldige Land, lange nach der Gefangenschaft, plötzlich in Aufruhr geraten, seine Feste aufgeben und sich der reinsten hebräischen Klageformen bedienen, wie sie von den zähesten Völkern verwendet werden, beim Klang einer babylonischen oder neunaitischen Stimme? Auf diese Weise hörten die Menschen, die nicht ablehnen konnten, tief in dem, was noch von ihrer Natur übrig war, auf Tinman – genauso wie Van Diemen, der unter dem Einfluss einfacher tierischer Instinkte schwer seufzte.

„Sie scheinen unglücklich zu sein“, sagte Tinman, ohne seine Absicht zu verbergen, seinem Freund einen Schrecken einzujagen.

„Wirklich? Nein, mir geht es gut“, antwortete Van Diemen. „Ich denke an Veränderungen im Haus vor dem Sommer, um Gäste aufzunehmen – falls ich hier bleibe.“

„Ich nehme an, Sie möchten nicht von Annette getrennt werden.“

„Getrennt? Nein, das glaube ich nicht. Wer würde so etwas tun?“

„Weil ich meine gute Schwester Martha nicht allein in einem Haus so nahe am Meer lassen möchte…“

„Warum gehen Sie nicht einfach zu den Crouches, Mann?“

„Danke.“

„Es gibt keinen Grund zu danken, wenn Sie das Angebot nicht annehmen.“

Sie befanden sich am Eingang nach Elba, wohin Herr Tinman unterwegs war, um seine Angebetete zu sehen. Er fragte, ob Annette zu Hause sei – und zu seiner großen Verwunderung erfuhr er, dass sie für eine Woche nach London gegangen sei. Um den Groll, der in ihm aufstieg, zu verbergen, verschob er seinen fest gefassten Plan und sagte: „Sie müssen sich doch einsam fühlen.“

Van Diemen teilte ihm mit, dass dies nur eine Nacht lang der Fall sein würde, denn der junge Fellingham würde kommen, um ihm Gesellschaft zu leisten.

„Dann also um sechs Uhr heute Abend“, sagte Tinman. „Im Winter sind wir nicht besonders modisch.“

„Verdammt, ich weiß ja gar nicht, wann wir das jemals waren!“, entgegnete Van Diemen.

„Kommen Sie schon, Sie möchten es doch sein. Sie haben schließlich auch Ambitionen, Philip, wie alle anderen Männer auch.“

„Respektiert und geehrt zu werden – das ist meine Ambition, Herr Mart.“

Tinman grinste: „Mit Ihrem Reichtum!“

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„Ach, ich bin reich – zumindest für einen zufriedenen Geist.“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass Ihnen mein neuer Wein gefallen wird“, sagte Tinman. „Er kommt direkt aus Porto, so sagt mir mein Weinhändler – auf sein Wort.“
„Wie viel kostet er?“
„Nein, nein. Probieren Sie ihn erst mal. Der Preis ist ziemlich hoch.“
Van Diemen fühlte sich durch diese Mitteilung etwas beruhigt. „Was nennen Sie denn einen hohen Preis?“
„Nun – über dreißig.“
„Doppelt so viel – dann haben Sie vielleicht eine Chance.“
„Jetzt“, rief Tinman verärgert, „wie kann ein Mann aus Australien etwas über die Preise für Portwein wissen? Man kann seine Vorstellungen von den Preisen der Arbeiter nicht einfach ablegen. Sie sind wie ein berauschender Trunk für die Händler in unserer Stadt. Sie halten das für in Ordnung – ha! Ha! Ich wette, Philip, ich würde genauso handeln, wenn ich in Ihrer Position bei meiner Bank wäre. Wir können doch nicht alle Lords oder Baronets sein.“
Indem er seinen Zorn geschickt unter Kontrolle brachte, zog er sich von seinem alten Freund zurück und ließ seinen Ärger in Gegenwart der einsamen Martha heraus.
Annettes Verhalten wurde sowohl von der Schwester als auch vom Bruder scharf kritisiert.
„Sie ist zu diesen Fellinghams gegangen; vielleicht plant sie, uns im Stich zu lassen“, sagte Frau Cavely.
„In diesem Fall habe ich kein Mitleid“, rief ihr Bruder. „Ich habe bereits genug ertragen“ – er verbeugte sich mit professioneller Demut – „aber es geht bald über meine Grenzen. Ich sage, ich habe genug ertragen; und wenn es wirklich zum Schlimmsten kommt und ich ihn den Behörden ausliefere – ich sage, ich meine ihm keinen Schaden zuzufügen, aber er hat mich geschlagen. Er hat mich schon als Junge geschlagen und auch als Mann – und ich sage, ich habe keine Rachepläne, aber ich kann ihn hier nicht haben; und ich sage, wenn ich ihn aus dem Land vertreibe, zurück nach Gippsland!“
Martin Tinman konnte kaum sprechen – wahrscheinlich wegen dessen, was die Sprache antreibt, wie es bei wütenden Männern üblich ist.
„Und was dann?“, fragte Martha mit der sanften, mütterlichen Tönung einer Schwester, die tadeln will. „Welchen Nutzen können Sie erwarten, wenn Sie sich von Ihrem Zorn leiten lassen, Lieber?“

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Tinman gefiel es überhaupt nicht, dass sie kürzlich die Führung in ihren Beratungen übernommen hatte. Bissig sagte er: „Das ist gut, Martha. Wir werden Hall zu meinem Preis bekommen und hier die Chefs sein. Was er“, er hob seinen Zettel hoch, „was er, ein Deserteur, kein Recht hat, vorzutäuschen. Welche Gefühle Sie als alte Einwohnerin haben, weiß ich nicht – aber ich habe die Leute von Elba Hall immer bewundert. Ich möchte nicht, dass ein Deserteur dort das Geld der Sträflinge verschwendet – mit seinem Koch, der vierzig Pfund im Jahr verdient, und seinem Champagner, der siebzig Pfund pro Dutzend kostet. Das ist doch der Luxus von Sodom und Gomorra.“

„Das hindert daran nicht, dass es dort sehr angenehm ist, zu essen“, sagte Frau Cavely. „Und es wird unser Tisch sein, wenn ich etwas Einfluss habe.“

„Sie meinen mich, meine Dame“, rief Tinman.

„Ganz und gar nicht“, flüsterte sie im sanften Kontrast dazu. „Sie sind attraktiv, Martin – aber Sie haben nicht einmal annähernd so schöne Augen wie die Person, an die ich denke. Ich hätte niemals gewagt zu träumen, Sie führen zu können, Martin. Ich denke an die Leute von Elba.“

„Aber warum dieses außergewöhnliche Verhalten gegenüber mir, Martha?“

„Sie ist noch ein Kind – von diesen Fellinghams beeinflusst. Aber sie ist ehrenhaft; sie hat mir geschworen, ehrenhaft zu bleiben.“

„Glauben Sie wirklich, ich sollte ihm einfach einen Schrecken einjagen?“, fragte Tinman gierig.

„Eine Art Hinweis – aber sehr sanft, Martin. Seien Sie vorsichtig – tun Sie so, als wollten Sie es eigentlich nicht sagen. Bringen Sie ihn dazu, nach Gippsland zurückzukehren. Wenn er Sie dann zum Reden bringt, können Sie immer lachen und sagen, Sie würden nach Kew gehen, um die Farne anzusehen – oder sich all das auf Helvellyn oder den Downs vorstellen. Warum“, fügte Frau Cavely nach ihren klugen Ratschlägen und Ermahnungen hinzu, „warum dieser Mann überhaupt nach England zurückgekehrt ist, mit seinen Prahlereien über Gippsland – das kann ich einfach nicht verstehen. Es ist ein absolutes Rätsel.“

„Ja“, sagte Tinman nachdenklich. Er freute sich darüber, wieder die Rolle spielen zu dürfen, die er in letzter Zeit ständig spielte. Er streckte seine Hand aus und sagte: „Aber vielleicht war es für unser Wohl bestimmt, Martha.“

„Stimmt, Lieber“, sagte sie voller Dankbarkeit gegenüber der Macht, die ihn dazu gebracht hatte, ihre Denk- und Gefühlswelt anzunehmen.

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KAPITEL XI
Annette war in die große Metropole gereist, die in den kolonialen Vorstellungen als „Sonne der Städte“ gilt. Sie wollte unter den hervorragenden Bedingungen ihrer neuen Freundin Mary Fellingham sowie wegen des dichten Nebels etwas von London sehen. Die Dunkelheit beunruhigte sie – auch hatte sie etwas Angst vor Herbert. Diese Gefühle veranlassten sie dazu, sich selbst dafür zu tadeln, dass sie ihren Vater verlassen hatte.
Als sie traurig über ihren Vater sprach, schlug Herbert freundlich vor, am selben Tag, an dem sie ankam, nach Crikswich zu fahren. Sie bedankte sich bei ihm, zeigte ihm aber durch ein wohlwollendes Lächeln, dass seine Einladung nicht besonders willkommen war. Da er wollte, dass sie den Unterschied zwischen den Männern erkannte und ernst nahm, ließ er sie spüren, wie schwer es ihm fiel, sofort aufzubrechen. Mary Fellingham mochte Annette. Sie hielt sie für ein vernünftiges Mädchen mit ungewöhnlichen Empfindsamkeiten – im Gegensatz zu Tausenden anderer Menschen. Ihre Empfindsamkeiten wurden immer stärker, was daran zu erkennen war, dass sie zunehmend zögerte, über ihre Verlobung mit Herrn Tinman zu sprechen – obwohl ihre Beziehung zu Mary von Tag zu Tag enger wurde. Sie glaubte, dass sie irgendwann diesen Mann heiraten müsse, und fühlte sich noch nicht unglücklich. Nur dann, wenn sie ihren Verlobten begrüßen und mit ihm sprechen musste – insbesondere, wenn die junge Dame aus London dabei war – fühlte sie sich unwohl. Herbers Abreise befreite sie von diesem drückenden Gefühl des Kontrasts. Sie lobte ihn bei Mary für seine große Freundlichkeit gegenüber ihrem Vater – und in ihrem tiefsten Herzen wünschte sie, dass ihr Vater das noch mehr zu schätzen wissen würde als sie selbst.
Herbert fuhr nachts nach Crikswich und hielt bei Crickledon an. Dort erfuhr er, dass Van Diemen mit Tinman beim Essen war. Der Zimmermann Crickledon ließ bei dem Namen Tinman einige „trockene“ Gesichtsausdrücke erkennen – doch Herbert fragte vergeblich nach dem Grund. Daraufhin ging er zu Crickledon, dem Koch. Diese Verbindung der beiden Crickledons, eines Mannes und einer Frau, war ideal – so wie es arme Frauen sich erträumen. Auch Männer würden das gleiche tun, wenn sie wüssten, wie arm sie eigentlich sind. Jeder von ihnen hatte einen Beruf, jeder war unabhängig vom anderen.

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Jeder von ihnen stützte den anderen – dadurch entstand gegenseitiger Respekt, wie zwischen zwei Säulen eines Hauses. Jeder sah die Fehler des anderen mit einem verschmitzten Augenzwinkern und wechselte gelegentlich Spott aus, was für den Verstand sehr belebend war, ohne die Zuneigung zu gefährden. Die Köchin Crickledon vertrat ihre eigenen Meinungen und leitete das Verhalten des Zimmermanns Crickledon; wenn er von der von ihr vorgegebenen Linie abwich, schrieb sie das der menschlichen Natur zu, gegenüber der sie tolerant war. Wenn sie seinen Ratschlägen nicht folgte, schrieb er das der Natur der Frauen zu. Sie sagte niemals, sie sei ihrem Mann gleichgestellt; doch der Zimmermann gab stolz zu, dass sie einer Frau in nichts nachstand. Er ertrug ihre Schwächen, die einer solchen Größe unwürdig waren, indem er sich daran machte, Ordnung im Haushalt sowie in allen Angelegenheiten zu schaffen – was ihm zeigte, dass er sicherlich nicht so gut wie eine Frau war. Herbert freute sich über sie beide. Die Köchin verwöhnte den Zimmermann mit geschickten, köstlichen und sparsamen Gerichten; der Zimmermann versprach, auf ihre Bitte hin, falls er länger leben sollte als sie, dass nur seine Hände ihren Sarg bauen dürften. „Es ist so schön“, sagte sie, „zu wissen, dass man selbstscher Ehemann den Sarg zusammenbaut, den man später benutzen wird – und zwar aus eigener Hand!“ Selbst wenn sie ein fragwürdiges Paar gewesen wären, hätte die Vorstellung der Köchin von einem komfortablen Sarg, geschaffen vom besten Zimmermann Englands, sie zusammengehalten. Was gute Kochkunst zur Stärkung von Beziehungen bewirkt, muss denen, die bereits ein oder zwei Kapitel zur Naturgeschichte des männlichen Geschlechts gelesen haben, nicht weiter erzählt werden. „Crickledon, meine Liebe, dein Ehemann arbeitet hier nur zum Spaß“, sagte Herbert zu ihr. „Er würde nicht laut über Punch lachen, aus Angst vor Konsequenzen“, antwortete sie. „Er lacht erst, wenn er ins Bett geht und die Tür abgeschlossen hat; dann sagt er zu mir: ‚Pst!‘ Tinman ist noch nicht wieder Schreiber – und woher er seinen besten Richteranzug hat, könnt ihr euch ja fragen. Er übt damit ab und zu die ganze Woche über, nachts – manchmal auch am Tag.“ Herbert tadelte sie wegen ihrer Glaubensfähigkeit bezüglich solcher Gerüchte. „Es ist wahr“, behauptete sie. „Ich habe es von der Hausmädchen, dem kleinen Jane – er zahlt ihr vier Pfund im Jahr für alle Hausarbeiten. Sie ist ein kluges Mädchen, geschickt mit Händen und Kopf; sie kann wunderschön lesen und schreiben. Sie würde sie verlassen, wenn sie ihr keine Beförderung geben. Sie klopfte an und kam herein, während er gerade trank. Jetzt dreht er den Schlüssel um – schon ein Kind könnte erkennen, dass er getrunken hat.“

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„Er kann doch nicht so ein Esel sein!“
„Und man hat ihn am Fenster am Meer gesehen. ‚Wer ist Ihr Admiral, der im Haus am Strand wohnt?‘, fragten die Männer, als sie an Land kamen. Mein Mann hat das gehört. Tinman denkt ständig daran. Vielleicht könnte er durch eine Heirat mit einer vernünftigen Frau geheilt werden – aber wenn er weiterhin ledig bleibt, wird er bald nach Seidenstrümpfen verlangen. Man sagt mir, seine alte Mutter hatte ein Kleid im Wert von zwanzig Pfund; Prunk wird schließlich vererbt. So sehr er auch spart – es gibt immer wieder Probleme.“
Herberts Verachtung gegenüber Tinman war groß; es war die Verachtung des Jungen und Unwissenden, der in seiner Fantasie lebt wie ein Verschwender, ohne die Bedeutung dessen zu erkennen, was als Nahrung für das Leben dient – sowie ohne zu begreifen, wie notwendig es ist, sich auf den Stärkeren unter ihnen zu stützen, wenn die Schwächeren verschwinden. Das wichtigste Ereignis seiner Amtszeit als Schreiber war zu einem „Sonnenschein“ in Tinmans Welt geworden – er badete in dessen Strahlen. Er wollte wieder der stolze Beamte sein, der königlich geehrt wurde. Doch obwohl er nicht wusste, dass seine Tage langweilig waren, litt er unter dieser Langeweile. Genau wie Pferde, die normalerweise keine Beschwerden haben, ihre Unzufriedenheit zeigen, wenn sie frei im Feld herumlaufen dürfen, so war es vielleicht möglich, dass das Dasein dieses Mannes durch einige Minuten Aufregung in seinem Amtszimmer erträglich wurde. Um wirklich in unseren Erinnerungen zu „weiden“, sollten wir sie dramatisieren. Doch es gibt nur das Zeugnis einer Magd und eines Seemanns, die belegen, dass Tinman es getan hat – und das sind Zeugen aus besonderen Schichten, die dazu neigen, kleine Fakten zu übertrieben darzustellen.
Als Herbert den Saal betrat, fand er dort ein Feuer im Rauchzimmer brennen. Kurz darauf hörte er Van Diemens Stimme an der Tür, der Tinman gute Nacht sagte.
„Gott sei Dank! Da sind Sie ja“, sagte Van Diemen, als er ins Zimmer kam. „Ich hatte nicht so viel Hoffnung. Dieser Schurke!“ Er drehte sich zur Tür um. „Er hat mich bedroht und anschließend wieder beruhigt. Verdammt soll sein Öl sein – es ist brennbar! Und verdammt soll dieser Hafen sein, den er anlegen will, wie er sagt. ‚Lassen Sie das den Nachkommen überlassen‘, sage ich. ‚Warum?‘, fragt er. ‚Weil die Jüngeren besser in der Lage sein werden, auf sich selbst aufzupassen‘, sage ich – doch er besteht auf einer Erklärung. Ich gab sie ihm. Dann stürmte er hinaus wie aus einem Wespennest. Vielleicht hat er im Zorn gesprochen. Später schien es ihm leidzutun – armer alter Mart! Der Schurke sprach von Kavalleristen und Telegrafenleitungen.“

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„Schurke – aber noch mehr Idiot“, sagte Herbert voller Verachtung. „Lassen Sie ihn doch tun, was er am schlimmsten kann. Der General sagt mir, sie würden es bei den Gardisten gerne übersehen, selbst wenn sie alle Fakten hätten. Eine Bestrafung ist ausgeschlossen.“
„Ich schwöre, es wurde zu meiner Zeit getan“, rief Van Diemen aufgebracht. „Das ist völlig ausgeschlossen. Es wäre ratsam, für ein paar Monate England zu verlassen. Was die Gesellschaft hier angeht –“
„Wenn ich gehe, dann für immer. Mein Herz ist gebrochen. Ich bin enttäuscht. Ich wurde von meinem Freund betrogen. Er und ich in alten Zeiten! Was ist nur mit ihm passiert? Was verändert Menschen, die so lange in England bleiben? Es kann nicht das Klima sein. Und haben Sie meinen Namen dem General Fellingham erwähnt?“
„Sicherlich nicht“, sagte Herbert. „Aber hören Sie mir einen Moment zu, Sir. Warum sammeln Sie nicht eine Handvoll Freunde aus der Gegend und klären die Sache endgültig? Engländer schätzen solche Männlichkeit – sie werden sicherlich darauf reagieren.“
„Das könnte ich nicht!“, seufzte Van Diemen. „Es ist kein natürliches Gefühl bei mir – ich habe lange darüber nachgedacht. Wenn ich Albträume habe, sehe ich das Wort ‚Deserteur‘ in Schwefel auf der schwarzen Wand geschrieben.“
„Sie können sich nicht weiter seinem Willen unterwerfen und so gemobbt werden. Er macht Sie krank, Sir. Er wird zwar nichts tun, aber weiterhin versuchen, Sie zu belasten. Ich würde ihn sofort aufhalten. Ich würde morgen mit dem Zug fahren und eine Empfehlung beim Oberbefehlshaber einholen. Er ist genau der Richtige, um Ihnen in einer solchen Situation zu helfen. Der General würde Ihnen sicherlich eine Empfehlung geben.“
„Das gefällt mir besser – aber nein, ich könnte es nicht“, klagte Van Diemen in seiner Schwäche. „Geld hat mich zum Menschen gemacht, der ich heute bin. Früher war ich nicht so – genauso wenig wie Mart Tinman, der Verräter! Die ganze Welt scheint sich zum Schlechteren zu verändern – und England ist nicht mehr das, was es einmal war.“
„Sie lassen zu, dass dieser Mann alles für Sie ruiniert, Sir“, sagte Herbert und erzählte die Geschichte von Frau Crickledon über Herrn Tinman. „Er ist ein absoluter Idiot. Ich würde mich ihm widersetzen. Was ich tun würde, ist, ihm morgen früh mitzuteilen, dass Sie ihn nicht wieder sehen wollen. Das ist es, was er braucht. In einer Woche wird er vor Ihnen kriechen.“
„Und Sie möchten Annette heiraten“, sagte Van Diemen, obwohl er den Rat durchaus schätzte – schließlich kannte er dessen Herkunft und Zweck nur zu gut.
„Natürlich würde ich das“, sagte Herbert, dessen Gesichtsausdruck noch offener war als seine Worte.

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„Ich sehe ihn nicht als den Ehemann meiner Tochter.“ Van Diemen blickte auf die roten Löcher in den herabfallenden Kohlen. „Als ich zum ersten Mal kam und feststellte, dass er ein gesunder Mann war – gut genug aussehend für jemanden über vierzig –, hätte ich sie ihm gerne gegeben; sie nickte zustimmend. Jetzt fürchte ich nur, dass sie es ernst meint. Bei meiner Seele, ich dachte, der alte Mart sei noch immer so etwas wie ein Junge – spiele nur den Mann, wissen Sie. Aber wie können Sie das verstehen? Ich glaubte, seine Affektiertheit und Steifheit seien nur gespielt; ich dachte, hinter alldem brenne er wirklich vor Leidenschaft. Wer kann das schon sagen? Er scheint eifersüchtig darauf zu sein, dass ich in seiner Heimatstadt Eigentum kaufe. Irgendetwas beunruhigt ihn. Ich hätte ihn niemals schlagen dürfen! Das ist mein Fehler – und ich bereue es. Einen Freund schlagen! Ich wundere mich, dass er nicht sofort zu den Horse Guards gegangen ist. Ich hätte an seiner Stelle dasselbe getan, wenn ich gemerkt hätte, dass ich ihn nicht besiegen kann. Ich hätte erst versucht, ihn zu treten.“

„Ja, erst glänzen, dann pflücken“, sagte Herbert – fast ebenso überrascht wie angewidert von Van Diemens hartnäckiger sentimentaler Zuneigung zu seinem alten Freund.

Martin Tinman erwartete Gutes von dem Schrecken, den er dem Mann nach dem Abendessen eingejagt hatte. Zweifellos hatte er seinem Temperament nachgegeben und dabei die reine Strategie vergessen – eine Strategie, die äußerst schwer umzusetzen ist. Doch er hatte das verängstigte Tier beruhigt; sie hatten sich beim Abschied die Hand geschüttelt, und Tinman hoffte, dass Annettes Abwesenheit ihm die Möglichkeit geben würde, ihren Vater zu beeinflussen. Die Verpflichtung des jungen Fellingham, nach Elba zu kommen, war Mr. Tinman entfallen. Es war ärgerlich, diesen Eindringling zu sehen. „Jedenfalls ist er nicht bei Annette“, sagte Mrs. Cavely. „Wie lange muss ihr Vater noch bleiben?“ „Fünf Monate“, antwortete Tinman. „In fünf Monaten wäre seine Dienstzeit abgelaufen.“ „Und daran zu denken, dass er reich ist, weil er desertiert hat“, warf Mrs. Cavely ein. „Oh! Das finde ich wirklich unmoralisch. Er sollte festgenommen und bestraft werden, damit er ein Beispiel für die Gesellschaft gibt. Wenn Sie Zeit verlieren, mein lieber Martin, ist Ihre Chance vertan. Er windet sich jetzt heraus. Und wenn ich glauben könnte, dass er uns gegen diesen frechen Jungen aufgehetzt hat – der keinen Penny hat, den er nicht durch seine Feder verdient –, würde ich sagen: Denunzieren Sie ihn morgen. Ich sehne mich nach Elba. Ich hasse dieses Haus. Eines Tages wird es verschlungen werden; das weiß ich – ich habe davon geträumt. Elba um jeden Preis. Glauben Sie mir, Martin: Ihre Pläne sind wegen dieses elenden Hauses gescheitert. Treten Sie als Ehemann dieses Mädchens nach Elba ein – oder gehen Sie dorthin, um es zu besitzen – dann werden die Mädchen zu Ihnen kommen.“

„Sie sind eine lächerliche Frau, Martha“, sagte Tinman, ohne Widerspruch einzulegen.

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Die Mischung aus dem Gefühl der öffentlichen Pflicht und einem persönlichen Groll ist ein starker Anreiz, einen strengen Verhaltensweg einzuschlagen; und das Aufblitzen des Eigeninteresses hemmt den Moralisten nicht. Dennoch beherrschte sich Tinman. Er liebte den Frieden – er predigte ihn und verbreitete ihn. Bei einer Versammlung in der Stadt versuchte er, Van Diemen dazu zu bringen, für die Ausgabe weiterer Gelder zur Verteidigung „unserer Küsten“ zu stimmen. Van Diemen lachte ihn aus und sagte, er wolle eine Art Waffenanlage haben. „Nein“, sagte Tinman, „ich habe schon genug mit Soldaten zu tun.“ „Wie meinst du das?“ „Sie könnten vorsichtiger sein. Ich meine, sie könnten lernen, ihre Freunde von ihren Feinden zu unterscheiden.“ „Genau das“, sagte Van Diemen. „Wenn du noch mehr sagst, mein Freund, wirst du nächste Woche feststellen, dass ich gegen dich um Marine Parade und Belle Vue Terrace biete. Ich habe ein gutes Auge für Immobilien – und diese Stadt entwickelt sich prächtig.“ „Schau dir erst einmal um, bevor du hier in Grundstücke und Häuser investierst“, entgegnete Tinman. Van Diemen ertrug so viel von ihm, dass er sich fragte, ob er wirklich ein Engländer sein könnte. Der Titel des Deserteurs war seine offene Wunde. Er versuchte, sich angewöhnen, sich selbst damit zu brandmarken – und es gelang ihm, die Gewohnheit anzunehmen, mit sich selbst zu sprechen, sodass die Haushaltsangehörigen ihn hören konnten. Als Annette zurückkehrte, musste sie ihn vor seiner Unbesonnenheit warnen. Diese Entwicklung einer neuen Schwäche machte ihn wütend. Anstatt Tinnmans Ambition, der Hauptbesitzer der Häuser in Crikswich zu werden, durch höhere Gebote bei der Auktion entgegenzuwirken, ließ Van Diemen die Preise für die Häuser in die Höhe treiben – schließlich ließ er Belle Vue abreißen. Der Streit war so heftig, dass Annette zusammen mit Frau Cavely eingreifen musste, um mit ihrer sanften Art Frieden zu stiften. „Mein Heimatort“, sagte Tinman zu ihr, „es ist mein Heimatort. Ich bin stolz darauf – ich möchte dort Eigentum besitzen. Dein Vater steht mir im Weg. Er sagt, ich könne es zum Auktionserpreis zurückbekommen – nachdem er den Preis bereits verdoppelt hat! Ich habe schon zu viel ertragen – ich wiederhole: Ich habe schon zu viel ertragen.“ „Sind deine Immobilien nicht alle gleich wert?“, fragte Frau Cavely lächelnd – wie eine Mutter zu Tinman.

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Er versuchte, in seinem spöttischen Gesicht einen liebevollen Ausdruck zu erzeugen, und sagte: „Ja, ich werde das im Gedächtnis behalten.“
„Annette wird Sie in einem Monat oder zwei mit ihrer zärtlichen Geste segnen“, flüsterte Mrs. Cavely liebevoll.
„Wirklich?“ Tinman beugte sich zu ihr hinunter.
„Oh, das kann ich nicht sagen – quälen Sie mich nicht. Seien Sie nett zu Papa“, fuhr das Mädchen fort und versuchte, wegzukommen.
„Das ist das Wichtigste“, sagte Mrs. Cavely. Als Annette gegangen war, fügte sie hinzu: „Das Wichtigste ist, die nächsten Monate zu überstehen, Fräulein – und anschließend einfach mit den Fingern zu schnippen. Martin, ich würde diesen Mann zwingen, Ihnen Belle Vue zum Preis zu verkaufen, den er selbst dafür bezahlt hat – nur um Ihre Macht auszuprobieren.“
Tinman war nicht so entschlossen. Er erhielt Belle Vue zum Auktionspreis. Seine Rachegefühle wurden noch verstärkt, da ihm das Haus als Freundesgabe überlassen wurde.
Seinen geistigen Zustand verschlimmerte ein starker Wind im Dezember, der seine Fenster zum Klappern brachte – ein Zeichen dafür, dass sein Eigentum den Elementen ausgesetzt war. Sowohl er als auch seine Schwester schrieben ihre Nervosität dem bösartigen Verhalten von Van Diemen zu. Schließlich war das Haus am Strand bisher nur selten vom Meer bedroht worden – und kein Haus auf der Welt war besser vor Menschen geschützt: Neptun in Gestalt eines Küstenwächters wurde vom Staat bezahlt, um in der Dunkelheit dort Wache zu halten. Bevor Van Diemen kam, hatten sie keine Angst – und luden jedes Jahr dreimal so viele Gäste ein wie sonst. Tatsächlich schien das Haus am Strand, bevor Van Diemen kam, ohne Konkurrenz über Crickswich herrschen zu können – und aus irgendeinem unerklärlichen Grund erschien es seinen Bewohnern als sichererer und glücklicherer Wohnort.
Sie wurden getröstet, als Tinman eine kluge Entscheidung traf: Er kaufte heimlich die Häuser westlich der Stadt sowie Crickledons Laden, der an Marine Parade lag. Von dort aus konnten sie die gesamte Front ihres Besitzes überblicken.
Der Februar begann. Es durfte keine Zeit mehr verloren werden – „sonst werden wir feststellen, dass dieser Mann uns hereingelegt hat“, sagte Mrs. Cavely. Tinman erschien in Elba und forderte ein privates Treffen mit Annette. Sein Hut wurde ins Foyer geweht, als die Tür für ihn geöffnet wurde – und er selbst war froh, endlich…

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Von der Tür geschützt – so heftig war der Sturm. Annette und ihr Vater saßen zusammen. Sie ließen den verlobten Mann sehr lange warten. Schließlich ging Van Diemen zu ihm und sagte: „Netty wird dich sehen, wenn du unbedingt willst. Ich nehme an, du hast nichts mit mir zu schaffen?“
„Nicht heute“, antwortete Tinman.
Van Diemen lief mit den Händen in den Taschen durch das Wohnzimmer. „Es gibt einen Altersunterschied“, sagte er plötzlich, als wolle er seine Lehren sofort loswerden, solange er sie noch im Gedächtnis hatte. „Ein Mann über vierzig heiratet ein Mädchen unter zwanzig – er ist bereits über sechzig, bevor sie vierzig wird; er ist bereits im Niedergang, während sie erst in der Blüte steht. Ich hätte dich niemals schlagen dürfen, das weiß ich. Und du hast manchmal ein verdammt schlechtes Temperament – und das bessert sich mit dem Alter nicht, sagt man. Sie wurde hervorragend erzogen. Sie kennt sich gut in Grammatik aus – und ein Mann mag das vielleicht nicht, wenn er Ehemann ist. Sieh sie dir an, wenn du unbedingt willst. Aber sie gefällt sich nicht bei dem Gedanken – das ist die Wahrheit. Altersunterschied und unpassende Charaktereigenschaften – was hat Fellingham noch gesagt? – wie zwei Orgeln, die den ganzen Tag über unterschiedliche Melodien spielen.“
„Ich möchte keine Vergleiche von Herrn Fellingham hören“, entgegnete Tinman scharf.
„Oh! Er ist nichts im Vergleich zu dem Mädchen“, sagte Van Diemen. „Sie kann es nicht ertragen, mich zu verlassen.“
„Mein lieber Philip! Warum sollte sie dich verlassen? Wir haben doch gemeinsame Interessen als eine Familie…“
„Sie sagt, du hättest ein verdammt schlechtes Temperament.“
Tinman versuchte weiterhin freundlich zu argumentieren: „Wenn wir zusammen sind…“ Doch die schrecklichen Anschuldigungen bezüglich seines Temperaments ließen ihn aufhorchen. „Ich mag zwar hitzköpfig sein – aber Annette hat gesehen, dass ich verzeihend bin. Ich bin Christ. Du hast mich provoziert; du hast mich geschlagen.“
„Ich werde dir ein paar tausend Pfund geben, damit du die Sache fallen lässt und das Mädchen in Ruhe lässt“, sagte Van Diemen.
„Nun“, erwiderte Tinman, „ich bin beleidigt. Ich mag Geld – wie die meisten Männer, die etwas erreicht haben. Du auch, Philip. Aber ich komme nicht wie ein Bettler, um um ihre Hand anzuhalten. Nicht für zehntausend – nicht für zwanzig. Geld kann keine Entschädigung für den Verlust von Annette für mich sein. Ich sage: Ich liebe Annette.“
„Weil“, fuhr Van Diemen fort, „du uns in diese Verpflichtung gebracht hast, Mart. Du hast mir das Zeug gegeben, mit dem man Wein herstellt, während deine Schwester dabei war, mein Mädchen zu umgarnen – und sie hat es geschafft.“

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„Minutenlang – und das überraschte Netty, denn ich handelte aus Leidenschaft, ohne nachzudenken. Seitdem haben Sie wohl gesehen, wie das Mädchen sich vor der Ehe abwandte – genauso wie meine Bäume sich vor dem Wind neigen.“
„Herr Van Diemen Smith!“, keuchte Tinman; er beherrschte sich. „Sie werden mich nicht provozieren. Meine Vorstellung Ihnen in dieser Gegend, meine Unterstützung – das beweist meine Freundschaft.“
„Sie werden ein guter alter Kerl werden, Mart, wenn Sie Ihre Hoffnungen darauf aufgeben, zum Ritter geschlagen zu werden.“
„Herr Fellingham könnte Sie gegen meinen Wein aufbringen, Philip. Lassen Sie mich Ihnen sagen: Ich kenne Sie – Sie würden nichts dagegen haben, wenn Ihre Tochter ‚Lady‘ genannt würde.“
„Mit einem Ehemann, der jede Nacht in einem Hofanzug herumläuft, nur damit er nicht vergisst, was für ein großartiger Mann er einst war! Sie werden immer magerer, Mart – wie eine Erinnerung aus fünfzig Jahren Vergangenheit.“
„Sie haben mir diesen Tag nie verziehen, Philip!“
„Eifersüchtig? Nehmen Sie das Geld, geben Sie das Mädchen auf – und sehen wir, welche Freunde wir dann sind. Ich werde Ihre Käufe unterstützen, Ihre Verkäufe bewerben. Ich werde einen Maler bezahlen, der Sie im Hofanzug malt – und ein Bild von Ihnen in meinem Esszimmer aufhängen.“
„Annette ist hier“, sagte Tinman, der gerade Etnas Zeichen des Widerstands gezeigt hatte.
Er bewunderte Annette. Erst in letzter Zeit war Herbert Fellingham ein so aufrichtiger Bewunderer von Annette wie Tinman. Sie wirkte aufrichtig und kleidete sich schlicht. Aus diesen Gründen war sie das beste Vorbild einer Frau, das er kannte. Ihr Enthusiasmus für England hatte die Wirkung, dass die restliche Welt in seinem Bewusstsein in den Hintergrund trat – und er fühlte sich glücklich wegen seines Blutes und seines Geburtsortes. Das wurden manchmal durch den Stolz ihres Vaters auf Gippsland sowie durch die Erzählungen anderer Menschen über das Leben auf dem Kontinent gestört.
„Annette“, sagte er, „ich möchte gerne privat mit Ihnen sprechen.“
„Wenn Sie es wünschen – aber ich würde lieber nicht“, antwortete sie.
Tinman hob den Kopf – so wie oft in Helmstone, wenn eine beleidigende Ladenbesitzerin ihr Urteil hören musste.
Er beugte sich zu ihr hinunter. „Ich verstehe. Dann also vor Ihrem Vater!“

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„Das ist für mich keine angenehme Angelegenheit“, brummte Van Diemen, runzelte die Stirn und zuckte mit den Schultern.
„Ich bin gekommen, Annette – um dich zu bitten, dich anzuflehen, vor einer dritten Person… Lachst du, Philip?“
„Es liegt auf der falschen Seite meines Mundes, mein Freund. Und ich sage dir: Wir stecken in großen Schwierigkeiten – und es tut mir nicht leid, dass du das Haus am Strand aus meinen Händen genommen hast.“
„Bitte, Herr Tinman, sprechen Sie sofort, wenn es Ihnen beliebt – dann werde ich mein Bestes tun. Papa macht Ihnen Ärger.“
„Nein, nein“, antwortete Tinman. Er begann erneut zu sprechen – doch Van Diemen unterbrach ihn wieder.
„Setzen Sie Ihre Macht über mich ein, wie Sie es nennen. Na, alter Mart? Ich bin ein Deserteur. Ich werde tausend Pfund an die britische Armee zahlen – egal, ob sie mich bestrafen oder nicht. Schicken Sie mich morgen weg!“
„Papa, du bist ungerecht und herzlos“, sagte Annette unter Tränen.
„Nein, nein“, erwiderte Tinman. „So fühle ich es nicht. Dein Vater hat mich missverstanden, Annette.“
„Ich bin sicher, das hat er“, sagte sie leidenschaftlich. „Und, Herr Tinman – ich verspreche Ihnen treu, dass ich meinem Versprechen nicht untreu werden werde, solange Sie gut zu meinem lieben Vater sind. Bitte wünschen Sie mir nur keinen bestimmten Tag. Wir werden sehr gute Freunde sein, wenn Sie zustimmen. Werden Sie das tun?“
Nach einer kurzen Pause sprach der verliebte Mann voller Kummer: „Oh! Annette – wie lange wirst du mich noch hinhalten?“
„Da – jetzt bringst du sie zum Weinen!“, sagte Van Diemen. „Jetzt kannst du nach oben gehen, Netty. Verdammt nochmal! Mart Tinman – du hast eine tiefe Stimme für Liebesangelegenheiten.“
„Annette“, rief Tinman ihr zu und ließ sie sich umdrehen, als sie gehen wollte. „Ich muss den Tag vor dem Ende des Winters wissen. Bitte – aus Rücksicht auf meine Pläne.“
„Lassen Sie das Mädchen gehen“, sagte Van Diemen. „Essen Sie heute Abend mit mir – dann gebe ich Ihnen etwas Wein, damit Sie wieder gute Laune bekommen, alter Junge.“
„Danke. Wenn ich zu Hause bereits das Abendessen bestellt habe – und mein Wein passt zu mir“, antwortete Tinman.
„Daran zweifle ich.“

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„Du sollst mich nicht provozieren, Philip.“
Sie trennten sich steif voneinander.
Frau Cavely hatte unangenehme Nachrichten aus dem Haushalt, die sie ihrem Bruder mitteilen musste – als Gegenleistung für seine Erzählungen von Leid und Zorn. Es ging um das undankbare Verhalten ihrer kleinen Hausmädchen Jane, die, wie Frau Cavely sagte, „von dieser Frau Crickledon angestachelt“ wurde und auf eine Gehaltserhöhung anspielte.
„Sie wagte es nicht zu sprechen, aber ich sah, was in ihr vorging, als sie ein Geschirrstück zerbrach – und weigerte sich, sich zu entschuldigen. Ich weiß, dass sie zu Crickledon geht und mit ihr über uns spricht. Sie ist eine fleißige Arbeiterin, aber sie hat kein Herz.“
Tinman war in seinem Laden in Helmstone daran gewöhnt – wo ihm der Himmel die Gunst reicher Kunden geschenkt hatte, genauso wie in den Illustrationen billiger Heiligschriften Strahlen göttlichen Lichts über den Köpfen der Propheten zu sehen sind – mit willigen Arbeiterinnen umzugehen, die kein Herz hatten.
Bevor eine Bitte um Gehaltsvorauszahlung kam – und er kannte die Anzeichen dafür – berechnete er zunächst, wie viel verlangt werden könnte, und teilte die geschätzte Summe durch 4. Da dies scheinbar aus einem großzügigen Impuls heraus geschah und nicht angefordert wurde, wurde es oft demütig angenommen, und die willige Arbeiterin setzte ihren knappen, hungernden Weg in seinem Dienst fort. Diese Behandlung passte nicht immer zu seinen Männern. Bei Frauen funktionierte sie jedoch – denn sie mögen es nicht, ihre Stimme zu erheben, es sei denn, sie sind voller Leidenschaft; und wenn man ihnen die Gründe für ihren Zorn wegnimmt, nimmt man ihnen auch ihre Worte – man macht aus ihnen Hasen. Und wie Tinman sagte: „Auf Dankbarkeit kann ich nie hoffen!“ Warum nicht? Weil er die menschliche Natur kannte. Er konnte schockierende Beispiele für die Undankbarkeit der menschlichen Natur nennen, die sich während seiner Zeit im Laden in Helmstone zeigten. Obwohl die Bosheit der menschlichen Natur vom Himmel gesegnet war, hatte sie doch allzu oft von unten her gegen ihn vorgegangen, sodass sein Gedächtnis nicht trüb werden konnte. Und obwohl er immer bereit war, sich selbst als Beispiel dafür zu betrachten, dass das Gute überwiegt, konnte er Beispiele für skandalverursachende Ladenbesitzerinnen nennen, die entlassen wurden und in der Stadt Unheil stifteten – was darauf hinwies, dass die Kräfte des Guten und Bösen weiterhin in einem unglücklichen Kampf lagen.
Zeugen! Revolutionen!
„Sag ihr, wenn sie das Tuch ausbreitet, dass ich ihr aufgrund ihres guten Verhaltens fünf Shilling pro Jahr als Vorauszahlung gebe. Füge hinzu“, sagte Tinman, „dass ich…“

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„Ich möchte nichts, danke. Es ist wegen ihrer Verdienste – um sie zu belohnen; verstehen Sie mich, Martha?“
„Selbstverständlich; wenn Sie es für klug halten, Martin.“
„Das tue ich. Sie darf kein Wort zur Köchin sagen.“
„Das wird sie nicht tun.“
„Dann behalten Sie die Köchin im Auge.“
Mrs. Cavely versprach, dies zu tun. Sie war überzeugt, fünf Shilling für Undankbarkeit zu zahlen; daher gab sie bescheiden zu, einen Fehler gemacht zu haben. Während ihr Bruder nach dem Abendessen seinen gesüßten, bitteren Trunk trank – aus Befolgung des Arztes’ Anordnungen, dass er ein paar Gläser trinken sollte – erzählte sie ihm von den Auswirkungen der höheren Löhne auf das kleine Jane: „Oh, gnädige Frau! Ich habe Sie doch nie darum gebeten!“ Sie berichtete ihrem Bruder, wie wenig Jane ihr anvertraut hatte – dass sie als ‚nahe Verwandte‘ galten – und wie wenig Jane versprochen hatte, allen von ihrer Freundlichkeit zu erzählen.
„Ja! Ah!“ Tinman nahm diese Lobeshymnen entgegen. „Nein, nein; ich möchte nicht eingebildet werden“, sagte er. „Denken Sie an die Köchin. Ich habe“, fuhr er nachdenklich fort, „selten erlebt, dass mein Plan fehlschlug. Aber passen Sie auf: Ich gebe den Crickledons Bescheid, dass sie morgen gehen sollen. Sie sind eine Plage. Außerdem werde ich wohl darüber nachdenken, Villen zu bauen.“
„Wie schrecklich der Wind ist!“, rief Mrs. Cavely aus. „Ich würde dem Mädchen Annette noch eine Chance geben. Versuchen Sie es per Brief.“
Tinman schickte einen Geschäftsbrief an Annette – doch er erhielt nur eine vage, unprofessionelle Antwort. Zwei Tage später berichtete Mrs. Cavely ihrem Bruder von der Anwesenheit von Mr. Fellingham und Miss Mary Fellingham in Crikswich. Auf ihre Anweisung hin schrieb er einen zweiten Brief. Diesmal kam die Antwort von Van Diemen:

„Mein lieber Martin – bitte belästigen Sie mein Mädchen nicht weiter. Sie möchte mich nicht verlassen, und meine Erfahrung sagt mir, dass ich nicht mit Ihnen im selben Haus leben könnte. Also, nehmen Sie es freundlich auf. Ich wollte schon immer Ihr Freund sein – und bin es auch.“

„Ihr Freund,
PHIL.“

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Tinman machte sich direkt auf den Weg nach Elba – so geradeaus, wie der Wind es seinen Beinen erlaubte. Van Diemen war angeblich nicht da; Fräulein Annette bat darum, entlassen zu werden, mit der Begründung, sie sei krank. Tinman erfuhr, dass an diesem Abend in Elba ein Abendessen stattfinden sollte. Auf dem Weg dorthin traf er Herrn Fellingham. Der junge Mann aus London versuchte, Tinmans Privatangelegenheiten anzusprechen, indem er für die Crikledons eintrat – diese seien, so sagte er, sehr verzweifelt wegen der Mitteilung, sie müssten ihr Haus und ihren Laden verlassen.
„Ein anderes Mal“, brüllte Tinman. „Ich kann Sie bei diesem Wind nicht hören.“
„Kommen Sie herein“, sagte Fellingham.
„Der Hausherr ist abwesend“, antwortete Tinman lautstark; anschließend stolperte er davon – genauso wie er das Wein trank. Sein Haus schwankte. Seine Schwester stand hinter ihm und versicherte ihm, er sei hereingelegt worden.
Der Prozess, den er im Kopf durchging – nämlich sein Gehirn mit allen möglichen Methoden zu quälen – führte ihn zu dem Schluss, dass er Van Diemen zur Vernunft bringen musste – und dass Annette zu ihm kommen und um Gnade bitten würde.
An jenem Abend saß er da, während der Sturm heulte, der Wind pfiff, das Wasser gegen die Fenster schlug und der Strand verzweifelt gezogen wurde – als würden ihn die ausgestreckten „Finger“ eines Seesterns bedrängen. Er wusste kaum noch, was er schrieb. Der Mann befand sich in einem Zustand persönlicher Angst – voller Wut auf Van Diemen, der als Hauptursache für seine Gefahr galt. Denn um Annette weiterhin verfolgen zu können, hatte er es unterlassen, nach Helmstone zu gehen, um dort Geld auf sein Konto einzuzahlen. Was für das Leben ebenso wichtig war wie das Leben selbst, war durch diese beiden – Annette und ihren Vater – in Gefahr. Hätten sie ehrlich und aufrichtig gehandelt, hätten sie ihm Elba bereits als sicheren Zufluchtsort geöffnet.
Sein Brief war auf einem großen Umschlag adressiert:
„An den Generaladjutanten,
HUSARTRUPPE.“

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Aber falls das Schreiben tatsächlich per Post versandt werden sollte, dann musste diese Poststelle in London liegen. Tinman ließ den Brief auf seinem Schreibtisch liegen, bis ihm am Morgen Rat zuteilwurde bezüglich des Freundes in London, an den er ihn unter Verschluss zur Zustellung schicken könnte – falls er es wirklich so weit trieb. Schlaf war unmöglich. Die dunkle Nacht begünstigte die zerstörerischen Kräfte des Sturms. Durch ein Fenster blickte Tinman auf das Meer hinaus und sah mit Entsetzen riesige, weißliche Wolken, die schnell auf seiner Höhe vorbeizogen und im Dunkeln leuchteten, als sie mit einem Aufschrei über den Kieshaufen zu seinen Füßen hinwegflogen. Er zog sich aus; seine Schwester rief nach ihm, um zu erfahren, ob sie in Gefahr seien. In seinem Morgenrock schlich er zu ihrer Tür, um ihr heiser zuzurufen, dass sie die Diener nicht erschrecken dürfe. Eine gute Eigenschaft, die ihnen beim Zusammenleben geholfen hatte – nämlich Selbstbeherrschung – hielt sie in ihrem zitternden Entsetzen ruhig. Um sich abzulenken, öffnete Tinman die Schubladen seines Schranks. Sein glänzender Anzug lag darin. Er dachte: „Welche wunderbaren Veränderungen gibt es in der Welt!“ Damit meinte er den Unterschied zwischen einem Menschen, der der Wut der Elemente ausgesetzt ist, und demselben Menschen, der in diesem Anzug in einem Palast vor dem Herrscher über uns alle liest. Man nimmt an, dass er das schon oft getan hat. Tatsache ist jedoch, dass er es in jener Nacht tat. Die Schlussfolgerung daraus ist, dass ihm das ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit gab. Jedenfalls ist es sicher, dass er den Anzug anzog. Wahrscheinlich handelte es sich dabei um eine Geste der Zufriedenstellung – er spürte den Stoff des Anzugs, probierte ihn an einem Bein aus und passte ihn anschließend an seinen Körper an. Ihr Revolutionäre! Ihr wollt kein Staat, keine Zeremonien – nur eine einzige Klasse von Menschen! Dieser Mann muss durch die Betrachtung seines eigenen Erscheinungsbildes in diesem Anzug etwas erhalten haben, was allen Menschen, insbesondere seinen Landsleuten, zum Vorteil gereichen könnte – nämlich Vorstellungskraft. Es ist sicher, wie ich bereits sagte, dass er sich in diesen Anzug kleidete. Er bedeckte ihn mit seinem Morgenrock und legte sich in diesem Aufzug ins Bett, um das Licht des Morgens abzuwarten – vermutlich überwältigt vom Schlaf, da seine Nerven beruhigt waren.

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KAPITEL XII
Elba lag besser vor den Südostwinden geschützt unter den Hängen des Hügels als jedes andere Haus in Crikswich. Der Südwind traf auf die Klippen und auf den Martello-Turm sowie das Haus am Strand – Elba hingegen blieb unbeeinträchtigt. So waren die schlimmsten Winde für diese Küste zugleich die angenehmsten für den Besitzer des Hauses. Von seinem oberen Fenster aus blickte er auf ein Meer aus zerbröckelndem grauem Kalk, das unaufhörlich von dem heftigen Wind gepeitscht wurde – ohne Angst, dass seine erhöht liegenden Grundstücke und Mauern bei Hochwasser der Zerstörung durch Wasser ausgesetzt wären. Van Diemen hatte keine Ahnung von der Katastrophe, die sich an Land abspielte, als er zum Frühstück Platz nahm. Er sagte zu Herbert, er habe letzte Nacht für die armen Menschen auf See gebetet. Mary Fellingham und Annette wollten das Frühstück so schnell wie möglich beenden, um den Hügel hinaufzusteigen und aufs Meer zu blicken. Nachdem Van Diemen sie davor gewarnt hatte, zu nahe an die Klippen zu gehen, glaubten sie, er sei aus unnötiger Vorsicht so besorgt.
Noch bevor sie die Hälfte ihrer Mahlzeit hinter sich hatten, kam die Nachricht, dass es große Lücken im Kies gab und das Wasser bereits die Gemeinschaftsflächen bedeckte. Van Diemen rief seinen Hauptgärtner herbei. Sein Bericht über die Situation draußen hatte die Form einer Prophezeiung: Er prophezeite den Untergang der Stadt.
„Unsinn – was meinst du damit, John Scott?“, sagte Van Diemen und blickte abwechselnd auf den gedeckten Frühstückstisch und auf den Mann. „Es sieht doch noch nicht so aus, oder?“
„Das Haus am Strand wird keine Stunde länger standhalten, Sir.“
„Wer sagt das?“
„Es ist jetzt von dem Festland abgeschnitten – überall sind Wellen, die bis zur Masthöhe reichen.“
„Mart Tinman?“, rief Van Diemen.
Alle sprangen auf; es herrschte großes Durcheinander, während alle nach Hüten und Mänteln suchten. Dienerinnen und Männer des Hauses kamen herein und bestätigten die Nachricht von der Überschwemmung. Einige fürchteten um das Schicksal ihrer Verwandten, andere waren erfreut über die Katastrophe – schließlich brach sie die Monotonie – denn immerhin war es eine Abwechslung.
Von der Außenseite von Elba aus sah man Wasser, das die Gemeinschaftsflächen bis zu den Steinen von Marine Parade und Belle Vue bedeckte.

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Die Entfernung war nicht so groß, dass das Wasser wie wütendes Wasser aussah; die Damen fanden es malerisch, und das Haus am Strand schien fest zu stehen. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich jedoch, dass das Haus völlig isoliert war. Als die Gruppe unter der Führung von Van Diemen eilig in Richtung Stadt eilte, sahen sie starke Schaumströme, die an beiden Seiten des zerstörten Hauses herunterflossen.

„Der äußere Wall ist weggespült worden“, sagte Van Diemen. „Sind sie wirklich in Gefahr?“, fragte Annette – ihre Zähne klapperten vor Kälte, und die Kälte sowie andere Sorgen hinderten sie vorerst daran, die Sympathie zu empfinden, die sie für sie gerne gehabt hätte. Sie war froh, als ihr Vater sagte: „Oh! Zu dieser Zeit sind sie sicher schon an einem trockenen Ort. Wir werden sie in der Stadt finden und aufnehmen sowie trösten. Mit zehn zu eins haben sie noch nicht gefrühstückt. Solange ich in der Nähe bin, werden sie nicht in eine Herberge gehen.“

Er rannte voraus, dicht gefolgt von Herbert. Die Damen sahen, wie die Männer mit den Stadtbewohnern sprachen, während sie die oberen Straßen entlanggingen – und das deutete nicht darauf hin, dass ihre Geschwindigkeit nachlassen würde. Am Anfang der Stadt war Wasser sichtbar, ein Stück den Hauptweg hinauf. Die Damen gingen schnell unter der alten Kirche hindurch – auf deren Turm sich Zuschauer befanden – durch den Kirchhof zu einer hohen Wiese, die an einer Steinmauer endete, die zwischen der Wiese und einem grasbewachsenen Hügel lag, der über dem Straßenniveau lag. Dort schlug das Salzwasser gegen die Mauer und spritzte etwas auf. Auf dieser Wiese befanden sich mindestens hundert Menschen, darunter Crickledon und seine Frau. Alle beobachteten schweigend das Haus am Strand, das östlich der Wiese lag – in einer Entfernung von etwa drei Steinwürfen. Die Situation war chaotisch: Ununterbrochen strömten Wassermassen durch die Spalten im Kies, ab und zu ertönte Donner, und hohe Wellen überschlugen sich und überspülten das Haus.

„Man sagt mir, Mart Tinman sei im Haus“, rief Van Diemen Herbert zu. Dieser hörte sich weitere Informationen an und rief dann: „Es gibt kein Boot!“
Herbert antwortete: „Das muss ein Fehler sein. Crickledon sagt, er habe vor Tagesanbruch eine Warnung erhalten und es geschafft, den größten Teil seiner Sachen wegzubringen. Die Leute dort müssen rechtzeitig durch den Lärm geweckt worden sein, um fliehen zu können.“
„Ich kann kein Wort von dem verstehen, was du sagst“, versuchte Van Diemen, seine Stimme über den Wind zu erheben. „Hast du gesagt, es gäbe ein Boot? Aber wo?“

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Der Zimmermann Crickledon gab Herbert ein Zeichen. Sie eilten schnell über das Feld.
„Frauen spüren in solchen Zeiten ihre Schwäche, meine Liebe“, sagte Frau Crickledon zu Annette. „Mit unseren Kleidern und unserer Feigheit scheinen wir in stürmischen Zeiten den Männern nicht ebenbürtig zu sein.“
Annette drückte die Hoffnung aus, dass sie nicht viel Eigentum verloren habe.
Frau Crickledon sagte, sie sei froh, ihr mitteilen zu können, dass sie bei einer Versicherungsgesellschaft versichert sei. „Aber“, fügte sie hinzu, „ich bedauere diesen armen Mann Tinman sehr – falls er noch am Leben ist und an Land kommt, um festzustellen, dass sein Eigentum vom Wasser zerstört wurde. Um Himmels willen! Er wollte sich doch nur gegen Dinge versichern, die seltener vorkommen als Feuer; und mein Haus sowie Crickledons Laden sind inzwischen nur noch schwimmende Holzbretter. Marine Parade und Belle Vue hingegen sind sicher. Für ihn wird das sicher eine große Enttäuschung sein – nach all seinen Investitionen.“
Ein Schrei ertönte vom Feld, als eine Welle mit großer Kraft gegen das dem Untergang geweihte Haus schlug. Die Vordertür und die Hintertür wurden zerstört, und die Wasserkraft trieb Gegenstände durch die Öffnungen, wodurch die Wände erbebten.
„Ich kann das nicht ertragen“, rief Van Diemen.
Annette kam zu spät, um ihn aufzuhalten. Er rannte über das Feld. Sie wollte ihm folgen, doch Frau Crickledon berührte ihren Arm und bat sie inständig: „Unterbrechen Sie die Männer nicht – lassen Sie sie ihre Entscheidungen treffen, wenn es um große Gefahren geht, meine Liebe. Wenn jemand Schuld hat, dann bin ich es, weil ich mich um dieses Boot gekümmert habe, das eigentlich als Rettungsboot dienen sollte – doch es reagierte nicht und liegt jetzt im Schuppen bei Crouch. Ich habe oft gesagt, es liegt da, als würde es schmollen.“
Ein Leintuch war aus einem der Fenster des Hauses am Strand geworfen worden und flatterte dort hilflos im Wind.
„Es sieht so aus, als wären die Menschen in diesem Haus verrückt geworden, dass sie so lange gewartet haben, bis sie sich melden konnten – arme Seelen“, sagte Frau Crickledon seufzend.
Man versicherte ihr von allen Seiten, dass bereits zuvor Signale gesehen worden seien, und jemand behauptete, dass Tinnmans Koch sowie Frau Cavely an Land seien.
„Es sind seine Möbel – an denen hängt er fest. Nichts trifft das Herz so sehr wie das“, fuhr Frau Crickledon fort. „Da fliegt sein Bettlaken weg!“
Das Leintuch wurde vom Wind weggerissen; es blähte sich auf, wie eine Schar Wintergänse, die Buchstaben wechseln…

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Wolken flogen hierhin und dorthin und breiteten sich schließlich über den Wassern aus, die gegen Marine Parade brandeten.
„Sie konnten doch nicht ernsthaft glauben, dass es eine echte Gefahr darstelle, dort zu bleiben“, sagte Annette.
„Herr Tinman wartete auf das günstigste Versicherungsbüro“, bemerkte ein Mann bei Frau Crickledon.
„Am wenigsten muss man dem Bestatter zahlen“, antwortete sie und stellte sich auf die Zehenspitzen.
„Und man hofft, dass er heute mehr bezahlen wird. Wenn nur diese Wände nicht einstürzen und die Chance verhindern, dass ein Boot ihn retten kann – armer Mann! Die Boote, die gestern Abend am Strand lagen, sind jetzt nur noch Bretter und geeignet für Zimmerleute.“
„Die Hälfte unserer Stadt ist bereits ruiniert“, sagte ein alter Mann; ein anderer fügte in frommem Ton hinzu: „Vom Wasser kamen wir – zum Wasser gehen wir auch wieder.“
Sie sprachen von früheren Überflutungen des Meeres – keine war so ernst wie die, die ihnen nun drohte. Das solide Haus am Strand hatte starke Stürme überstanden – es war ein tapferes Haus. Gott sei Dank waren keine Fischerboote draußen. Vor allem die Wohlhabenden würden leiden – ein außergewöhnlicher Fall. Denn es ist die geheimnisvolle und unerklärliche Vorsehung, die besagt: „Meist bestraft uns der Himmel.“
Eine Gruppe aufgeregter Zuschauer zog die anderen Neugierigen zu sich heran. Frau Crickledon berichtete an der Peripherie der Menge Annette und Miss Fellingham, was vor sich ging. Ein Boot war aus der Stadt losgeschickt worden. „Gepriesen sei der Herr – darin sind nur Küstenwächter!“, rief sie und entschuldigte sich dafür, dass ihr Herz bei ihrem Ehemann war.
Annette war ebenfalls sehr dankbar, dass ihr Vater nicht im Boot war. Sie blickten sich um und sahen Herbert neben sich. Van Diemen stand hinten, keuchend, und streckte seinen Hals, um das Boot zu sehen, das nun schnell über das wellenreiche Meer fuhr – dort konnte man Tinman selbst erkennen, der ihnen wild zuwinkte, halb aus einem der Fenster heraus.
„Einen Pfund pro Person für diese Kerle – und zwei, wenn sie Mart Tinman trocken an Land bringen. Ich habe es versprochen – und sie werden es verdienen. Schaut mal! Schnell, ihr Schurken!“
Im Osten war ein Teil des Hauses eingestürzt, verschwunden. An der Stelle, wo es gestanden hatte, direkt unter der Kieslinie, sah es nun aus wie eine Ruine auf einem verwüsteten, unter Wasser liegenden Riff. Die ganze Fläche war den Wellen ausgeliefert.
„Wo ist seine Schwester?“, schrie Annette ihren Vater an.

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„Sicher an Land – und eine der Frauen ist bei ihm. Aber Mart Tinman bleibt stehen, der Dummkopf! Der arme alte Kerl! Er versucht, seine Papiere und Sachen zu retten – doch er hat nicht den Verstand dafür, sagt mir Martha Cavely. Sie sind jetzt bei ihm! Sie haben ihn bereits erwischt! Ist da noch jemand? Oh! Es ist ein Mädchen, das ihn nicht im Stich lassen will. Sie werden hier am Ufer anlegen. Tapfere Jungs! – Verdammt, warum müssen Engländer ständig in Gefahr sein! Wenn man sehen will, wie sie sich schlagen!“
„Es ist kleine Jane“, sagte Frau Crickledon. Ihr Ehemann hatte sich zu ihr gesellt; nun, da sie wusste, dass er nicht mehr in Gefahr war, hielt sie ihre Hand auf seinem Arm, um ihn zu beruhigen.
Das Boot blieb einen Moment lang im Schutz des Schiffswracks liegen; dann glitt es, als würde es einen kleinen Strom hinunterfahren, auf einer wellenbedeckten Welle weiter – begleitet von Jubelrufen der Stadtbewohner.
„Es geht ihnen gut“, sagte Van Diemen, der keuchte, als hätte er Nebel vor den Augen. „Sie werden mit dem Wind nach Westen fahren und ihn bei uns an Land bringen. Ich erinnere mich, als mein alter Freund Mart und ich einmal badeten – er war jünger als ich und konnte nicht besonders gut schwimmen. Ich sah, wie er unterging. Es wäre schwer gewesen, ihn dreißig Jahre später noch vor den Augen zu sehen. Da kommen sie schon. Es geht ihm gut. Er trägt seinen Morgenmantel!“
Die Menge machte Platz, damit Herr Van Diemen Smith seinen Freund begrüßen konnte. Zwei Mitglieder der Küstenwache sprangen ins Wasser und halfen ihm auf den trockenen Uferboden. Herbert, Van Diemen und Crickledon nahmen ihn bei den Händen und Armen und halfen ihm, auf die Felswand zu klettern – bereit, ihn ins Feld hinunterzubringen. In dieser exponierten Situation packte der Wind, dessen Streiche endlos sind, Martins Morgenmantel und wehte ihn wie zwei heftig flatternde Flügel zu beiden Seiten von ihm – schließlich auch über seinen Kopf.
Van Diemen blickte Herbert mit entsetzten Augen an; Herbert warf den Damen einen listigen Blick zu. Tinman war bereits heruntergesprungen – doch nicht, bevor die Welt in einem einzigen, heftigen Blick den Anzug aus Samt gesehen hatte.
Die Menge begrüßte ihn mit großer Ernsthaftigkeit.
„Sicher, alter Mart! Und ich freue mich, das sagen zu können“, sagte Van Diemen.
„Wir sind so glücklich“, sagte Annette.
„Das Haus, die Möbel, das Eigentum – alles, was ich habe!“, rief Tinman zitternd aus.
„Komm schon, Mann – du brauchst etwas Warmes zum Frühstück. Deine Schwester ist bereits nach Elba gegangen. Komm auch du, alter Mann – und wo ist dieses mutige kleine Mädchen?“

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„Wer stand daneben?“
„War da ein Mädchen?“, fragte Tinman.
„Ja, und es gab auch einen Jungen, der helfen wollte“, sagte Van Diemen und zeigte auf Herbert.
Tinman blickte hin und fragte mitleidig: „Haben Sie Marine Parade und Belle Vue bereits überprüft? Es hängt von der Gezeitenlage ab!“
„Hier ist das kleine Jane, Sir“, sagte Mrs. Crickledon.
„Komm her“, sagte Van Diemen zu dem kleinen Jane.
Das Mädchen machte Annette Knicks, nachdem Mrs. Crickledon sie vorgestellt hatte.
„Martin, du bleibst bei mir zu Hause; du bleibst auf Elba, bis sich die Dinge für dich verbessert haben. Danach kannst du das Haus in Crouch ein Jahr lang kostenlos bewohnen. Nicht wahr, Netty?“
Annette fügte hinzu: „Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht. Nichts ist zu viel.“
Van Diemen lobte das kleine Jane für ihre Hingabe an ihren Herrn.
„Der Herr war so gut zu mir“, sagte das kleine Jane.
„Jetzt los – es ist kalt“, befahl Van Diemen. Herbert stand eher niedergeschlagen neben Mary und ahnte, dass seine Chancen auf Elba schlecht aussahen.
„Na dann, Mart – linkes Bein vor“, sagte Van Diemen und legte seinen Arm um den Arm seines Freundes.
„Ich muss noch mal nachsehen“, sagte Tinman und warf einen traurigen Abschiedsblick auf das letzte Haus am Strand.
„Du hast mich jetzt allein gelassen, alter Mart – vergiss das nicht“, sagte Van Diemen.
Tinmans Brust sank. „Ja, ja“, antwortete er. Er war gerührt.
„Und ich habe diesen Leuten gesagt, dass sie doppelt bezahlt werden sollen, falls sie dich trocken an Land bringen – und ich glaube, sie haben ihr Geld verdient.“
„Ich glaube nicht, dass ich besonders nass bin – ich habe nur Kälte“, sagte Tinman.
„Du kannst nichts dagegen tun, kalt zu haben – also komm schon.“
„Aber, Philip!“, rief Tinman. „Ich habe alles verloren. Ich habe versucht, etwas zu retten. Ich habe hart gearbeitet, mein Leben aufs Spiel gesetzt – und alles umsonst.“

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Die Stimme des kleinen Jane war zu hören.
„Was ist mit dem Kind los?“, fragte Van Diemen.
Annette ging leise zu ihr.
Doch das kleine Jane wandte sich an ihren Herrn.
„Oh! Wenn Sie es erlauben – ich habe gerade noch etwas retten können, als das Boot am Fenster war. Alle Pakete sind verloren gegangen, aber ich habe Ihnen einen Papierschneider sowie einen Brief für die Horse Guards aufbewahrt. Hier sind sie, Sir.“
Das dankbare kleine Mädchen holte den quadratischen Brief sowie den Papierschneider aus ihrer Brusttasche und reichte sie Mr. Tinman.
Es handelte sich um einen Brief von beträchtlicher Größe, auf dem deutlich „THE HORSE GUARDS“ in Tinmans schönster runder Schrift stand. Das sollte seinen rachsüchtigen Geist besänftigen – schließlich war der Brief offensichtlich dazu bestimmt, ihm seine Macht zu zeigen, falls er es wünschte.
„Was!“, rief er, ohne ganz zu verstehen, wie viel Mühe sie sich für ihn gemacht hatte.
„Ein Brief an die Horse Guards!“, rief Van Diemen.
„Hier, geben Sie ihn mir“, sagte der Herr des kleinen Jane und griff nervös danach.
„Was steht in diesem Brief?“, fragte Van Diemen. „Lassen Sie mich den Brief sehen. Sagen Sie mir nicht, es handelt sich um private Korrespondenz.“
„Mein lieber Philip, lieber Freund – vielen Dank! Es handelt sich nicht um einen Brief“, sagte Tinman.
„Kein Brief? Ich habe doch die Adresse gelesen: ‚Horse Guards‘. Ich habe sie gesehen, als der Brief in Ihre Hände gelangte. Nun, mein Mann – schauen Sie sich den Brief an, oder tragen Sie die Konsequenzen.“
„Vielen Dank für Ihre Hilfe, lieber Philip – wirklich! Oh! Das? Oh! Das ist nichts.“ Er riss den Brief in zwei Hälften.
Sein Gesicht hatte die Farbe des Wintermeeres, mit einer Art Kalkbeschichtung darauf.
„Reißen Sie ihn noch einmal entzwei – dann werde ich wissen, was ich von seinem Inhalt halten soll“, sagte Van Diemen finster. „Lassen Sie mich sehen, was Sie geschrieben haben. Sie haben geschworen, es zu tun – und endlich ist es hier, durch ein Wunder. Aber lassen Sie mich den Brief sehen, dann werde ich darüber hinwegsehen – und Sie bleiben weiterhin mein Hausgenosse. Andernfalls…“
Tinman riss den Brief weiter in Stücke.
„Sie irren sich, Sie liegen völlig falsch“, sagte er, während er verzweifelt versuchte, jedes Wort unleserlich zu machen.

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Van Diemen stand ihm gegenüber; die Ansammlung all der kleinen Verletzungen und Gemeinheiten, die er von diesem Mann ertragen hatte, schwoll unter dem Druck der offensichtlichen Verratshandlung noch weiter an. Er sah so finster aus, dass Annette rief: „Papa!“
„Philip“, sagte Tinman. „Philip! Mein bester Freund!“
„Pah, du bist ein armseliger Kerl. Komm mit, wir frühstücken bei Elba – dort kannst du auch übernachten. Gute Nacht. Crickledon“, wandte er sich an das obdachlose Paar, „ihr bleibt bei Elba, bis ich euch einen Laden baue.“ Mit diesen Worten führte Van Diemen den Weg an, allein. Herbert musste mit Tinman gehen.
Mary und Annette kamen hinterher. Mary kniff Annette so fest in den Arm, dass diese sicherlich laut aufgeschrien hätte, wäre es ihr in diesem Moment möglich gewesen, Schmerz zu empfinden – anstatt einer überwältigenden Freude, die wie ein Seevogel über die Wellen des Erstaunens und Entsetzens flog.
In der ersten stillen Stelle, an der sie ankamen, flüsterte Mary die Worte: „Kleine Jane.“
Annette blickte zu Frau Crickledon, die die Prozession anführte und kleine Jane bei der Hand hielt. Kleine Jane ging bescheiden voran, mit einem ruhigen Gesichtsausdruck. Annette warf einen Blick auf Tinman. Ihre aufgeregten Gefühle drohten in lautes Lachen auszubrechen. Stundenlang genügte es Mary, nur „Kleine Jane“ zu sagen, um dieselbe Reaktion hervorzurufen. Das ließ ihr Herz und ihre Sinne in Aufruhr geraten, brachte sie zum Weinen – und erschien ihr als die wunderbarste Kombination gegensätzlicher Dinge, die je auf dieser Welt bekannt geworden war. Die junge Dame schämte sich für ihr Lachen – doch sie war ihm zutiefst dankbar, denn nie zuvor wurde der Geist durch eine solche „heilende“ Reaktion so klar.

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Reiche und Arme – das ist in Ordnung, wenn ich reich bin und du arm.
Sie begann zu spüren, dass dies das wahre Leben war.
Sie beschäftigte sich mit den Verbindungen zwischen Ideen.
Sie versuchte, durch gründliches Nachdenken, es besser zu verstehen.
Das, was gute Kochkunst dazu beiträgt, Beziehungen zu stärken…
Das Komplexe – das sie für das Unendliche hielt…
Es trieb sie von Abneigung über Unglauben wieder zurück.
Zwei Hauptwege, auf denen arme Sünder zur Gewissensbildung gelangen.

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Der fünfzigjährige Herr und das neunzehnjährige Mädchen
(Ein frühes, unvollendetes und bislang unveröffentlichtes Fragment.)

Von GEORGE MEREDITH

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KAPITEL I
ER

Als ich die Ickleworth-Brücke überquerte und den stark beschatteten Fluss in unserem schmalen Tal umrundete, bemerkte ich Unruhe – als wären dort Badende anwesend – direkt unter den Stufen des Terrassengartens des Pfarrers. Meine Verwunderung war groß, als mir klar wurde, dass der Pfarrer selbst im Wasser spielte. Das Wasser reichte ihm nur bis zur Taille, sodass er in seiner gewöhnlichen Kleidung zu sehen war. Ich wusste, dass mein Freund zu den nachdenklichsten Männern gehörte. Meine erste Vermutung war, dass er versehentlich hineingegangen sein könnte, Opfer eines Momentes der Versunkenheit, und dass er noch nicht ganz begriffen hatte, in welcher Situation er sich befand. Doch diese Idee zerstreute sich, als ich die sehr kräftige Dame sah, seine Partnerin in Freude und Not, die ebenfalls im Wasser stand, vollständig angezogen, etwas näher am Ufer. Als ich entlang des gegenüberliegenden Ufers voranschritt, war ich umso mehr erstaunt, als ich hörte, wie sie miteinander sprachen – es war unmöglich zu erkennen, ob eine Katastrophe eingetreten war oder ob die extreme Hitze an einem wolkenlosen Sommertag dieses exzentrische Paar dazu veranlasst hatte, auf die direkteste Weise Kühlung zu suchen – ohne jegliche Rücksicht auf Anstand. Ich versuchte, dem Austausch der Worte „mein Lieber“ zuzuhören, doch der Tonfall zwischen Ehemann und Ehefrau war weder übermäßig zärtlich noch geschickt. Die Beziehung zwischen ihnen schien gut zu funktionieren, daher beschloss ich, abzuwarten, anstatt über den Ursprung dieses seltsamen Verhaltens zu spekulieren. Da ich nicht des Mangels an Anstand beschuldigt werden konnte, gestattete ich mir, hinter einem ausladenden Weidenbaum zu beobachten – dessen Aufgabe im Leben darin bestand, sein Spiegelbild in dem braunen Wasser zu betrachten. Das einzige Anzeichen für Unbehagen bei dem Paar war, dass die Hand der Dame unruhig damit beschäftigt war, ihr Kleid davon abzuhalten, überproportional aufzublähen. Der Pfarrer, der ohne Hut dastand, benutzte gelegentlich ein Schwämchen, um die Hitze zu lindern.

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vertikale Sonne. Wenn Sie bereit sind, sich einen kahlen Schwarzkehlchen vorzustellen, dessen Hals ängstlich zusammengezogen ist – so wie man es beim ersten Donnerschlag sehen kann –, dann werden Sie ein Bild von dem Aussehen meines Freundes gewinnen. Er vollzog seine rituellen Waschungen mit vielen lauten „Plopp“-Geräuschen sowie durch das Hochwerfen seiner blendenden Augen; diese Geste verlieh seinem Vortrag der Anrufung des Chryses an Smintheus Ausdruck – einer Anrufung, die den Griechen Unglück und viel Leid brachte. Zwischen den Zeilen antwortete er seiner Frau, deren Bemerkungen zunahmen – sowohl in Quantität als auch, wie ich dachte, in Intensität – unter dem Strom der Verse, den er ungehemmt hervorströmen ließ; dabei breitete er seine Brust aus im Einklang mit der klangvollen griechischen Musik, in einem Zustand außergewöhnlicher Verzückung. Ein weiser Mensch verschwendet sein Lachen nicht, wenn er es vermeiden kann, sondern hält es so lange wie möglich zurück. Das Glimmen des Humors versetzt den Geist in Bewegung, während ein Überlaufen lediglich zu einem verschwenderischen Aufwand und zur Störung eines klaren Flusses führt – denn das Komische ist in allen Dingen erkennbar, sofern man seinen Geist stets mit der Wahrnehmung desselben erfüllt, wie ich von einem großen Kommentator bei einem anderen Thema gehört habe; und er sprach sehr wahrhaftig. So beobachtete ich weiterhin mit der Ernsthaftigkeit der Natur selbst und konnte nicht umhin zu fantasieren – und zwar mit weniger Willkür als sonst, wenn wir über die Stimmungen der Natur spekulieren –, dass die Mutter der Menschen diese Szene mit einem halben Lächeln betrachtete, anders als die einfache Beobachtung jener Kühe, die Fliegen von ihren Flanken am Rande des gemähten Wiesenfeldes vertreiben, das sich unter dem gewölbten Dach breiter Eichenäste erstreckt. Abgesehen von dieser fröhlichen Krümmung der Äste waren wir von atemberaubendem Laub umgeben; selbst die Dunkelheit war drückend heiß; die kleinen Insekten, die Nahrung für Fische sind, versuchten zu fliegen und fielen anschließend auf die Wasseroberfläche, als würden sie nach Atem ringen. Hier und da nahm ein mürrischer Fisch sie auf, und ein Kreis breitete sich aus – ein Zeichen vergangener Aufregung. Ich hatte etwa eine Minute lang dem homerischen Brüllen des Pfarrers zugehört – dem, was jemand als das große, tierhafte, brüllende Dröhnen des Ilias-Hexameters bezeichnet hat; es verstummte plötzlich, als wäre ein Seil durchgeschnitten worden. Eine der zahlreichen Töchter seines Hauses erschien im Bogen aus weißen Rosen auf der unteren Gartenterrasse; mit einem Ausruf stand sie wie erstarrt vor diesem außergewöhnlichen Schauspiel – dann lachte sie laut auf. Bisher hatte ich Widerstand geleistet, doch das offene, ausgelassene Lachen des jungen Mädchens zog mich mit; auch ich ließ ein Lachen hören und enthüllte mich so. Der Pfarrer, als er mich sah, zeigte mit einem Lachen, dass ihm seine absurde Situation bewusst war.

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Laut. Was das freche Mädchen betrifft, so begann sie mit schrillen Schreien – wie zwanzig Spechte – und rief: „Mama, Mama, du siehst aus, als wärst du im Jordan!“
Der Pfarrer räusperte sich tadelnd, denn es war offensichtlich, dass Miss Alice ihre Mutter beleidigte. Ich nehme an, er dachte, es sei schon genug, wenn eine Person in der Familie so handelte.
„Wirst du aus dem Jordan herauskommen?“, rief ich.
„Ich bin bereits mit Wasser getauft“, sagte der hilflose Mann…
„Tatsächlich, Herr Amble“, bemerkte seine Ehefrau, „Sie können einer Frau Vorwürfe machen, weil sie die Umstände nicht optimal nutzt – aber bedenken Sie bitte, dass Sie der Unverschämte sind. Ich kann das nicht länger ertragen. Sie verdienen Mr. Pollingrays Spott.“
Daraufhin mischte ich mich ein: „Bitte, gnädige Frau, denken Sie nicht, dass Sie von mir etwas anderes als Mitgefühl erhalten.“ Doch während ich protestierte und den Mund offen hatte, raubte mir das schreckliche Miss Alice gnadenlos das Lachen.
Sie haben Franks neuen Boot versucht zu benutzen, Herr Pollingray – und es ist kaputtgegangen. Oh! Oh! Wieder ertönte dieser „Chor der Spechte“.
„Alice, ich verlange, dass du sofort hingehst und den Gärtner John holst“, sagte die wütende Mutter.
„Mama, ich kann mich nicht bewegen; warte einen Moment, nur einen Moment. John ist bei den Geranien. Oh! Sehen Sie nicht so verzweifelt aus, Papa – sonst bringen Sie mich um! Mama, kommen Sie und nehmen Sie meine Hand. Oh! Oh!“
Das junge Mädchen legte die Hände auf ihre Hüften und wand sich wie eine Besessene.
„Warum kommen Sie nicht durch die Bootshütte herein?“, fragte sie, nachdem sie ihre Anfälle unter Kontrolle gebracht hatte.
„Ah!“, sagte der Pfarrer. Ich sah, wie ihn dieser neue Gedanke traf.
„Wie absolut absurd Sie doch sind, Herr Amble!“, rief seine Frau aus. „Sie wissen doch, dass die Bootshütte abgeschlossen ist – und dass das Boot unter dem Dach lag, als Sie mich überredeten, hineinzusteigen.“
Nach dieser Erklärung für den Unfall geriet Alice in eine unkontrollierbare Emotion.

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„Siehst du, meine Liebe“, wandte sich der Pfarrer an seine Frau, „sie kann nichts tun; es ist sinnlos. Wenn uns jemals Geduld geraten wird, dann ist es, wenn uns Unfälle widerfahren – denn dann, da wir nicht verantwortlich sind, wissen wir, dass wir in anderen Händen sind, und es ist unsere Pflicht, relativ passiv zu sein. Vielleicht kann man sagen, dass in jeder Schwierigkeit die Geduld ein Lebensgürtel ist. Ich bitte dich, weiterhin geduldig zu sein.“
„Herr Amble, ich werde Sie für dumm halten“, sagte die Ehefrau mit einem betonten Nicken.
„Meine Liebe, Sie müssen nur entscheiden“, war die sanfte Antwort.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Fräulein Alice den „Teufel des Lachens“ bereits so weit bezwungen, dass sie es wagte, ihre Mutter näher an das Ufer zu rufen und ihr eine helfende Hand zu reichen. Frau Amble watete in Reichweite heran, ihr Mann folgte. Es wurde vereinbart, dass Alice ziehen und der Pfarrer schieben sollte – beides gemäß den Vorgaben von Frau Amble, denn selbst in ihrer extremen Hilflosigkeit behielt sie die Kontrolle über die Situation bei. Leider rief ich im entscheidenden Moment zufällig aus – und ich gebe zu, dass es mehr als nur Nachlässigkeit von mir war, es war eine äußerst unbedachte Handlung. Dass ich darauf verzichtete, Voltaire zu zitieren, spricht zu meinen Gunsten: „Wie um Himmels willen sind Sie da hineingefallen?“
Es besteht kein Zweifel daran, dass ich meine Neugier hätte zurückhalten können – und man könnte durchaus argumentieren, dass ich die direkte Ursache für das außergewöhnliche Verhalten meines Freundes war. Doch konnte ein Mensch ahnen, dass er gerade in dem Moment, in dem er seiner Frau half, wieder an Land zu gelangen – während sie, wenn man so sagen darf, bescheiden in seinen Händen lag – plötzlich einen Satz zitierte, der ihn mit dem alten Palinurus verglich, während er zugleich seine wertvolle Last immer tiefer auf die Wasseroberfläche sinken ließ, bis seine Frau die Hilfe ihrer Tochter nicht mehr sehen konnte? Entsetzt sah ich die Folgen meiner Unbesonnenheit. Ich wollte den absurden Vergleich mit Vergil unterbrechen – doch der Pfarrer ignorierte meine erhobene Hand sowie meinen abgewandten Kopf und zitierte weiter, ohne Rücksicht darauf, dass seine Frau zu diesem Zeitpunkt buchstäblich von ihm abhängig war. Man kann darüber nachdenken, welche Wirkung Latein in einer solchen Situation auf eine Dame hat…
„Vix primos inopina quies laxaverat artus,
Et super incumbens, cum puppis parte revulsa
Cumque gubernaclo liquidas projecit in undas.“
Es ist nicht einfach, wenn man die Sprache nicht kennt, auf Latein zu antworten – selbst wenn man versucht, es auf Englisch zu tun. Sehr wenige…

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Selbst ungebildete Ohren können solche enttäuschenden, verächtlichen Ausdrücke ertragen – wie „Englisch“, nachdem zuvor Latein gesprochen wurde. Frau Amble unterdrückte jene Gefühle, die ihre Muttersprache sonst zum Ausdruck gebracht hätte. Ich hörte nur ein Stöhnen von ihr, als sie sich ununterscheidbar in den Armen ihres Mannes zusammenkauerte.
„Nein – nicht so schnell! Ich kann froh sein“, bemerkte mein unsinniger Freund weiter und lachte fröhlich, während er seine Aussage mit einer Reihe von Verneinungen unterstrich. „Nein, nein“ – auf seine eigene Art. „Nein, nein. Wenn ich meine grauen Haare irgendwo pflanze, dann auf trockenem Land – nein. Aber jetzt, meine Liebe…“ Er kehrte zu seiner Pflicht zurück; „Du liegst wieder unten. Komm: eins, zwei – hoch!“
Er versuchte, ein totes Gewicht hochzuheben. Die Leidenschaft für sarkastische Reden stand offensichtlich im Widerspruch zur gesunden Vorsicht in Frau Ambles Herz – doch die Vorsicht siegte. Sie warf ihm einen Blick zu, der die Ehe in den Träumen von Junggesellen schrecklich macht; anschließend nutzte sie all ihre Kraft, um ihm zu helfen – und vollführte eine dieser sinnlosen Bewegungen des Oberkörpers, die dem vernünftigen Beobachter die Sinnlosigkeit eines Bemühens vor Augen führen, das nicht auf einer soliden Grundlage beruht. Aufgrund mangelnder Zusammenarbeit zwischen ihnen ging die impulsive Kraft des Pfarrers ins Leere, sobald die Kraft seiner Frau ins Spiel kam. Alice hielt tapfer ihre Mutter fest. Der Pfarrer hatte genug Kraft, um den Abstieg seiner Frau aufzuhalten – doch Alice (sie prahlt mit ihren Muskeln) hatte keine Kraft in die entgegengesetzte Richtung – und das ist auch kein Wunder. Es gibt nur wenige junge Damen, die vierzehn Zentner puren Gewichts nach oben ziehen könnten.
Frau Amble blieb zwischen den beiden in Unsicherheit.
„Oh, Herr Pollingray, wenn Sie doch nur auf dieser Seite wären, um uns zu helfen!“, rief Fräulein Alice sehr kläglich – obwohl ich sah, dass sie vor innerem Kampf zwischen Lachen über die Eltern und Sorge um sie halb verrückt war.
„Jetzt zieh, Alice!“, schrie der Pfarrer.
„Nein, noch nicht“, schrie Frau Amble; „Ich sinke.“
„Zieh, Alice.“
„Jetzt, Mama.“
„Oh!“
„Drück, Papa.“
„Ich liege unten.“
„Hoch, gnädige Frau; Jane – Frau, hoch!“
„Sanft, Papa: Abraham, ich werde es nicht tun.“

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„Meine Liebe, aber du musst es tun.“
„Und dieser Mann da drüben?“
„Was, Pollingray? Er ist fünfzig.“
Ich ging empört den Weg entlang. Auch jetzt protestiere ich – mein Freund war unverschämt, obwohl ich ihm alles nachsehe; ich entschuldige ihn, ignoriere sein Verhalten – aber warum? Was rechtfertigt es, die Alter eines anderen Mannes laut auszusprechen? Welchen Zweck dient das? Ich nehme an, der Pfarrer wollte seine Frau beruhigen – nach dem Prinzip (ich habe gehört, wie er es formulierte), dass die Geschlechter mit fünfzig miteinander verschmelzen – was wohl bedeutet, dass etwas, das gut oder schlecht sein kann und im Allgemeinen unsinnig ist, verloren geht. Natürlich bewundere und respektiere ich Bescheidenheit und Anstand genauso wie jeder andere Mensch – doch mit fünfzig gehen bestimmte Fähigkeiten verloren. Wir erröten nicht mehr so leicht – und lassen Sie mich fragen: Was ist ein Erröten? Ist es eine unwillkürliche Wahrheit oder eine naive Lüge? Ich weiß, das klingt nach den Worten eines Mannes, der ziemlich eifersüchtig auf seine jüngeren Mitmenschen ist. Ich überlasse es den richtigen Beurteilern, zu entscheiden, ob ein gesunder Mann in der Blüte seines Lebens, der genug hat und nicht von Ehrgeiz geplagt wird, eifersüchtig auf irgendeinen Lebenden sein muss.
Ein Schrei von Miss Alice hielt meine Schritte auf. Der Pfarrer versuchte, seine Partnerin zu stützen, während sie wieder festen Stand am Flussufer fand. Ihr Versuch, den Uferhang zu erklimmen, war gescheitert. Glücklicherweise sah ich in diesem Moment Franks Boot – es lag mit dem Boden nach oben an einem aus dem Wasser ragenden Uferabschnitt. Ich schaffte es, dorthin zu gelangen und das Boot wieder geradezurücken. Nachdem ich eines der Ruder festgebunden hatte, zog ich zum Retten hinüber – allerdings erst, nachdem ich aus einem Grund, den ich nicht erklären kann, eine Blume gepflückt hatte. Der Pfarrer hielt das Boot fest gegen den Uferhang, während ich – unter dem Risiko, selbst ins Wasser zu fallen (ich werde den gemeinsamen Ausdruck in Miss Alices Augen sowie die bösen Mundwinkel nicht vergessen) – die Dame ins Boot hob. Von ihrem Sitz aus konnte sie hoch genug stehen, um ohne Gefahr auf das Ufer zu treten. Als sie dort Fuß gefasst hatte, nahmen wir alle eine Haltung des respektvollen Interesses ein. Der Pfarrer, der über Katastrophen wie eine Schwalbe in gutem Wetter hinwegfliegen konnte, begrüßte die Rückkehr seiner Frau ins Wasser mit einer Reihe von entschuldigenden „Ja“-Lauten und kurzen Hustenanfällen.

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„Das würde ein gutes Konzert für die Dichter abgeben“, bemerkte er. „Ein Abschied, eine Trennung der Liebenden – ‚wie ein Körper, der aus dem Wasser gerettet wird‘, oder ‚aus dem Wasser gezogen wird‘; äh? Was meinen Sie – ‚So weine ich um sie herum, tränenüberströmt auf ihrem Weg‘, das ist ausgezeichnet…“
Doch die empörte Frau, durchnässt und sichtlich verärgert, machte eine entschiedene Geste.
„Herr Amble, kommen Sie sofort an Land! Ich habe Ihre Dummheit lange genug ertragen. Ich bestehe darauf, dass Sie sich daran erinnern, Sir – Sie haben eine Familie, die von Ihnen abhängt. Andere Männer mögen solche Torheiten begehen.“
Das war ein Schlag gegen mich, einen Junggesellen, den die Dame niemals dazu bringen konnte, davon zu träumen, seine Freiheit aufzugeben.
„Meine Liebe, ich komme schon“, sagte der Pfarrer.
„Dann kommen Sie sofort, sonst halte ich Sie für einen Idioten“, entgegnete die Ehefrau.
„Ich habe versucht“, wandte sich der Pfarrer nun an mich, „durch eine praktische Demonstration zu beweisen, dass Frauen unter jeder plötzlichen, belastenden Veränderung der Umstände genauso viel Philosophie fähig sind wie Männer.“
„Und wenn Sie eine Hitzekrankheit bekommen, werden Sie rechtlich bestraft – und ich werde es nicht bedauern, Herr Amble.“
„Ich komme, meine liebe Jane. Bitte laufen Sie ins Haus und wechseln Sie Ihre Kleidung.“
„Nur, nachdem ich gesehen habe, dass Sie aus dem Wasser herauskommen, Sir.“
„Sie verlieren die Beherrschung, meine Liebe.“
„Sie würden sogar einen Heiligen zur Weißglut bringen, Herr Amble.“
„Es gab auch weibliche Heilige, meine Liebe“, antwortete der Pfarrer sanft; und wandte sich wieder an mich: „Bis zu diesem Punkt, versichere ich Ihnen, Pollingray, konnte sich kein Verhalten mehr vorbildlich zeigen als das von Frau Amble. Ich brachte sie ins Boot – ein gutes Boot, wirklich hervorragend – doch als ich selbst einstieg, kenterten wir. Der erste Impuls einer gewöhnlichen Frau wäre es gewesen, Vorwürfe zu machen und zu schimpfen; aber Frau Amble gab nur dem ersten Impuls nach. Als sie erkannte, dass alle Bemühungen, ohne Hilfe ans Ufer zu gelangen, erfolglos waren, stimmte sie zu, geduldig zu warten und die Umstände so gut wie möglich zu nutzen – und das tat sie auch; sie lernte, es zu genießen. Meine liebe Jane, ich habe Sie noch nie so sehr bewundert. Ich habe sie in der Metaphysik auf die Probe gestellt. Ich sprach mit ihr über die Oper, die wir zuletzt gehört haben – ich glaube, vor fünfzig Jahren. Und da es weniger erträglich ist…“

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Dass eine Frau in der Not Geduld zeigt – das ist eine noch größere Ehre, wenn sie die irdischen Prüfungen überwindet. Deshalb“, sagte der Pfarrer mit einem Ausdruck von Selbstverleugnung bezüglich der Ehre, „bin ich geneigt, jeden männlichen Philosophen als unseren Überlegenen zu betrachten; wenn man denn einen findet, ha, ha – wenn man denn einen findet. O sol pulcher! Ich bin bereit zu singen, dass der Tag bisher prächtig war. Pulcher ille dies.“

Frau Amble wandte sich an mich: „Würde nicht jeder schwören, dass er verrückt ist, wenn er ihn so sieht – bis zum Bauch im Wasser stehend, mit der Sonne auf seinem kahlen Kopf? Ich bin gezwungen, Sie anzuflehen, es nicht zu tun – obwohl Sie selbst keine Familie haben –, ihn nicht zu ermutigen. Für Sie mag das unterhaltsam sein. Bitte bedenken Sie, dass solche Torheiten allzu oft tödlich enden. Zwingen Sie ihn, ans Ufer zu kommen.“

Die Logik dieses Appells war der Dame sicherlich klar, auch wenn sie nicht genau ausgedrückt wurde. Ich erkannte, dass ich zum Sündenbock des Tages auserkoren worden war, und fuhr dennoch bescheiden fort, mich gut zu verhalten. Durch einfache Gesten und Nicken sowie durch ständiges Anstoßen des Arms meines Freundes brachte ich ihn ins Boot und setzte ihn anschließend neben seine Frau. Sie hatte wohl verstanden, dass es am besten war, während der Überfahrt keine Bemerkungen zu machen, um seinen abweichenden Geist nicht weiter zu reizen, und blieb daher still. Kaum stand er wieder auf den Beinen, zog sie ihn weg.

„Dein Vaters Hut!“, rief sie und eilte mit ihrer Tochter über den Rasen zu den mit Rosen bewachsenen Wegen, die zum Pfarrhaus führten. Hinter den Rosen verschwand das weinende Paar. Das Letzte, was ich von meinem Freund sah, war, wie er sich mit der Hand gegen den Kopf schlug – in einem vergeblichen Versuch, eine der flüchtigen Ideen festzuhalten, die durch die schnelle Bewegung der Gegenstände vor seinen Augen in ihm entstanden waren und durch die übermäßige Eile wieder vertrieben wurden. Reverend Abraham Amble hatte im Wasser die Kontrolle über seine Frau gehabt – doch nun war seine Zeit vorbei. Offensichtlich hatte er großen Spaß daran gehabt, und jetzt verstand ich, warum er versucht hatte, diese Situation so lange wie möglich hinauszuzögern. Eure exzentrischen Charaktere sind oft Liebhaber kleiner Tricks. Selbst für unterwürfige Männer gibt es Momente der Rache.

Ich seufzte über die unterdrückte Lage all der Benedicts, die ich kannte – da kam mir plötzlich in den Sinn, dass ich allein mit Alice war. Das schöne und angenehme Mädchen stieg geschickt ins Boot, setzte sich hin und begann, den Ruderstock zu drehen. Dann sagte sie: „Möchten Sie mir helfen, auf das andere Ruder aufzupassen?“

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„Und Papas Hut, Herr Pollingray?“ schlug ich vor. „Werden Ihre Füße nicht nass? Ich habe es nicht geschafft, das ganze Wasser aus dem Boot zu bekommen.“
„Oh“, rief sie und warf den Kopf zurück; „nasse Füße tun jungen Leuten doch nie weh.“
Daraus ließ sich eine Ermahnung ableiten. Ich muss gestehen, dass ich gerade dabei war, sie zu erteilen, als sie hinzufügte: „Aber Herr Pollingray, ich fürchte wirklich, dass Ihre Füße nass sind! Sie mussten ins Wasser steigen, um das Boot wieder zu stabilisieren.“
Meine Reaktion bestand darin, so geschickt wie möglich – und zugleich mit gebührender Vorsicht – neben sie zu springen. Das Boot schwankte bedrohlich, und ich fand mich dabei wieder, die hübsche junge Dame festzuhalten – bis wir glücklicherweise wieder stabil wurden und demselben Unglück entgingen, das ihren Eltern widerfahren war. Sie lachte und wurde rot, dann trennten wir uns voneinander.
„Hätten Sie mir im Wasser etwa Metaphysik vorgehalten, Herr Pollingray?“
Alice beging hier einen dieser frechen, unschuldigen Sprüche, die stark an Eva erinnerten – natürlich an die Eva in ihren besten Tagen. Ich nahm die Ruderseile, um gegen die Bewegungen ihres einzigen Ruders anzusteuern, und war „Adam“ genug, der Versuchung zu widerstehen: „Vielleicht sollte ich dankbar sein für Ihre gütige Interpretation als Metaphysik.“
Sie lachte, um die Pause zu überbrücken. Es war keine Koketterie – einfach nur das unbewusste Spiel einer Frau. Ein Mann muss in solchen Situationen an das Alter denken, denn sowohl ein Neunzigjähriger als auch ein verderbter junger Mensch können davon betroffen sein, wenn sie der Gesellschaft des anderen Geschlechts ausweichen. Meine lange, kräftige Gesundheit sowie meine vollkommene Selbstständigkeit führen offenbar dazu, dass ich unvorsichtige Momente erlebe oder empfindlichen Eindrücken ausgesetzt bin. Tatsächlich gibt es Zeiten, in denen ich befürchte, ein Jungeherz zu haben – und sicherlich kann nichts Schlimmeres passieren, falls dieses Herz auch nur für einen Moment die Kontrolle über meinen Verstand übernehmen würde. Das ist die Gefahr eines Mannes, der nüchtern gelebt hat. Wissen wir denn nie, wann wir sicher sind?
Wenn ich darüber nachdenke, bin ich bereit zu sagen: Wenn es keinen Dummen gibt wie den sogenannten alten Narren – und ein Mann in der Blüte seines Lebens, der zum Lachen gemacht wird, ist der alte Narr der Welt – dann liegt doch Weisheit in der Theorie der wilden Jugend. Ich werde mich dem Denken meines Neffen annähern – zumindest soweit Master Charles durch seine Handlungen sein Denken darstellt. Auf jeden Fall werde ich bei meiner Beurteilung von ihm nachsichtiger sein und weniger streng in meinen Worten, denn ich werde dann kein Lehrbuch mehr haben, aus dem ich predigen könnte.

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Wir nahmen den Hut sowie die Ruder in einer der kleinen, schlammigen Buchtchen unseres braunen Flusses in Empfang – Buchtchen, die eine Art Amphitheater für Wasserratten bildeten und mit großen Wasserpflanzenblättern, Brennnesselblüten sowie anderen Unkräutern bedeckt waren. Die gebildete junge Dame nannte diese Pflanzen ihre botanischen Namen. Es war angenehm, sie sprechen zu hören – mit der vollkommenen Sicherheit eines Menschen, der sein Fachgebiet gut kennt. Sie ist intelligent. Sie ist definitiv zu gut für Charles – es sei denn, er ändert seine Lebensweise.

„Sollen wir weiterrudern?“, fragte sie und legte ihre Arme um die Ruder. „Du hast mich in deiner Gewalt“, sagte ich, und sie begann zu rudern. Ihre Gestalt war äußerst anmutig; ich war fasziniert davon, wie sich ihre Lippen gelegentlich zusammenzogen, wenn sie ihre Muskeln anspannte. Zwischendurch erzählte sie mir von ihrem Wettrennen mit einem ihrer selbstgefälligen jüngeren Brüder, das sie gewonnen hatte. Ich glaube, nur dann, wenn junge Mädchen körperliche Anstrengungen unternehmen, haben ihre Augen eine reine Schönheit – die Schönheit der Natur – im Gegensatz zu dieser künstlichen Schlichtheit, die sie von ihren Gouvernanten, Müttern sowie dem Bewunderung der Dummköpfe lernen. Eine attraktive Reinheit – oder jener „schöne Glanz“ des Nichtverstehens dessen, was in einer bösen Welt als unangemessen gilt – ist zwar nützlich, aber nicht nach meinem Geschmack. Französische Mädchen können im Allgemeinen nicht mit unseren englischen Mädchen in puncto reinerer Anmut konkurrieren. Sie sind nur unvergleichlich, wenn sie als Frauen zur Kunst greifen.

Alice konnte mich beim Rudern anschauen, ohne dass sie das Bedürfnis hatte, zu lächeln, zu sprechen oder albern zu sein. Ich fühlte mich ihr gegenüber wie ein Kamerad.

Wir ruderten nicht weiter als bis zur Hatchard’s Mile – dort fließt ein Nebenfluss in den armen, trägen Fluss hinein. Als der Bootskopf vollständig gedreht wurde, ließ ich das Boot los. Solche Beobachtungen junger Frauen eignen sich gut als Zeitvertreib – doch bald werden sie keine Freude mehr bereiten. Wenn sie rudert, ergibt sie ein angenehmes Bild – außerdem hat sie ein musikalisches Lachen. Ab und zu gibt sie dem schlechten Trick nach, einfach zu lachen, ohne sich darum zu kümmern oder den Grund dafür erklären zu wollen. Sie ist eher gut erzogen. Ich hoffe, sie hat Prinzipien. Manche Dinge lernt ein Mann in meinem Alter durch Umgang mit sehr jungen Menschen – Dinge, die ihm nützlich sind. Wie anders muss diese Welt für dieses Mädchen sein als für mich! Das wusste ich bereits früher – und jetzt spüre ich es wieder.

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KAPITEL II
SIE

Papa wird niemals aufhören, in Unfälle und Abenteuer zu geraten. Wenn er nur für eine halbe Stunde mit einer seiner alten Damen, wie er sie nennt, spazieren geht, passiert ihm sicher etwas – und es ist fast genauso sicher, dass Herr Pollingray zu dieser Zeit zufällig vorbeikommt und darin verwickelt wird. Seit Herr Pollingray von seinem letzten Aufenthalt auf dem Kontinent zurückgekehrt ist, habe ich ihn kennengelernt und mag ihn. Charles ist gegenüber seinem Onkel ungerecht. Er ist keineswegs der ernste Mensch, den ich anhand von Charles’ Beschreibungen erwartet hatte. Er ist äußerst unterhaltsam, versteht die Welt gut, und ich liebe es, ihm zuzuhören – er ist so unprätentiös und verwendet genau die richtigen Worte. Man würde anhand seines Aussehens niemals sein Alter erraten, und er hat mehr Spaß als jeder junge Mann, den ich je kennengelernt habe.

Doch ich bin überzeugt, seine Schwäche entdeckt zu haben. Es ist meine fatale Eigenschaft, dass ich nicht zehn Minuten mit Menschen zusammen sein kann, ohne einen Punkt zu finden, an dem sie am empfindlichsten sind. Herr Pollingray möchte als sehr jung angesehen werden. Er kann jede Menge Anstrengungen ertragen; er ist stets frisch und ein wunderbarer Gesellschafter – doch man kann ihn nicht dazu bringen, auch nur den geringsten Anflug von Erschöpfung zu zeigen oder zuzugeben, jemals zu wissen, was es bedeutet, völlig erschöpft zu sein. Das ist im Grunde nur eine Art, so zu tun, als wäre er übermenschlich. Ich mag ihn so sehr, dass ich mir wünschen würde, er wäre frei von solcher – nichts weiter als – Eitelkeit.

Was ist schlimmer: Ein junger Mann, der sich wie ein Weiser gibt, oder – aber man kann Herrn Pollingray doch keinen alten Mann nennen. Er ist ein eingefleischter Ledige. Das klärt die Sache. Charles meint es ironisch, wenn er sagt, er sei ein „Gentleman in gutem Zustand“. Ich bezweifle, dass Charles im Alter von fünfzig etwas dagegen hätte, wenn man das auch über Herrn Charles Everett sagen würde. Herr Pollingray hat schon immer auf seine Gesundheit geachtet. Er wurde nicht enttäuscht – ich bin sicher, er war schon immer sehr gesund. Doch egal, was er früher war, jetzt ist er sehr angenehm, und er spricht mit Frauen nicht so, als würde er sie für seltsam halten – oder, ich meine, als wären sie schüchtern oder verwirrt, wie es manche Männer tun – die Guten. Vielleicht war er einmal so, und deshalb ist er noch immer frei. Charles’ Angst davor, dass sein Onkel heiraten könnte, ist äußerst unwürdig. Das wird er niemals tun – aber warum sollte…

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Nicht wahr? Mama behauptet, er warte auf eine Frau mit Intelligenz. Ich kann sie hören: „Ganz sicher wird eine Frau mit Intelligenz Dayton Manor heiraten.“ Sollte dieses wichtige Ereignis nicht eintreten, muss der arme Charles den Namen Everett in den Namen Pollingray einbeziehen. Der Name von Herrn Pollingray ist das Schlimmste an ihm. Wenn ich an seinen Namen denke, sehe ich ihn zehnmal älter, als er wirklich ist. Meine Gefühle stimmen mit seiner Abstammung bezüglich des Alters dieses Namens überein. Man müsste eine Frau von großer Intelligenz sein, um die Vorteile eines solchen Namens zu erkennen.

„Frau Pollingray!“ Sie muss eine Dame mit Perücke sein. Es war, als wir mit dem Boot am Mühlrad von Hatchard vorbeifuhren, dass ich zum ersten Mal seine Schwäche bemerkte. Er sah mich so freundlich an und sprach von seiner Freundschaft zu Papa sowie davon, wie glücklich er sei, endlich in der Nähe von uns in Dayton zu leben. Ich wollte etwas Zärtliches erwidern und sagte: „Ja, und wir sind auch glücklich, Gottpapa.“ Ich war überrascht, dass er so verunsichert aussah, und fuhr fort: „Haben Sie vergessen, dass Sie mein Gottpapa sind?“

Er antwortete: „Bin ich das? Oh! Ja – der Name Alice.“ Doch er wirkte weiterhin unsicher und unbehaglich. Ich fragte: „Wollen Sie die Vergangenheit auslöschen und mich zurückweisen?“ „Nein, natürlich nicht“, dachte er wohl, er würde mir damit Sicherheit geben. Ich sah, wie sich seine Lippen bewegten, als ich sagte „Ich lösche die Vergangenheit aus“, obwohl er es nicht aussprach. Er wurde rot im Gesicht. Ich kenne die Art von junger Mann, der er gewesen sein muss – genau die Art von Mann, den Mama gerne als Schwiegersohn hätte, und deren Töchter ihn aus reinem Gehorsam akzeptieren würden, selbst wenn sie durch strenge Diäten oder Krankheiten dazu gezwungen würden.

Er ließ das Boot sofort umdrehen. Das reichte mir. Mir wurde klar, dass, als Papa zu Mama sagte (wie er es in dieser absurden Situation tat): „Er ist fünfzig“, Herr Pollingray das sicher über den Fluss hinweg gehört hatte, denn er ging eilig weg. Zwar kam er später mit dem Boot zurück, aber ich habe meine eigenen Gedanken. Er ist immer bereit, einen Dienst zu leisten – doch in diesem Fall glaube ich, war es nur nachträglich. Ich werde es nicht wagen, ihn wieder „Gottpapa“ zu nennen. Tatsächlich wünsche ich mir, blind für die Schwächen der Menschen zu sein. Meine Einsicht ist unveränderlich. Papa sagt, er habe gehört, wie Herr Pollingray mit seinem Alter prahlte. Wenn das stimmt, dann hat sich etwas in ihm verändert. Ich kann nicht getäuscht werden. Ich sehe das ständig. Nach meinem unglücklichen Auftritt mied Herr Pollingray unser Haus.

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Zwei ganze Wochen lang – und er verbeugte sich kaum vor uns, wenn er aus der Kirche kam.
Miss Pollingray verehrt ihn – verwöhnt ihn. Sie sagt, er sei zwanzigmal besser als Charles. Wir wissen, was wir wissen. Charles ist wild – aber Charles wäre über solche Kleinigkeiten erhaben. Wie könnte Miss Pollingray die Romantik von Charles’ Natur verstehen?
Meine Schwester Evelina ist jetzt Mr. Pollingrays Favoritin. Sie könnte ihm nicht einmal „Godpapa“ sagen, selbst wenn sie wollte. Menschen, die zu Hause sehr verwöhnt werden, haben immer Favoriten im Ausland. Was mich betrifft: Egal, ob sie mich loben oder nicht – ich weiß, dass ich alles tun kann, was ich mir vornimme. Im Moment entscheide ich mich dafür, frivol zu sein. Ich weiß, dass ich frivol bin. Na und? Wenn es auf der Welt Spaß gibt, darf ich da nicht darüber lachen? Ich werde sie bald überraschen. Aber ich werde lachen, solange ich kann. Ich bin sicher: Es gibt so viel Leid auf der Welt – es ist eine Gnade, lachen zu können. Mr. Pollingray mag über mich denken, was er will.
Wenn Charles mir sagt, ich müsse mein Bestes geben, um seinen Onkel zufriedenzustellen, kann er doch nicht meinen, dass ich aufhören soll zu lachen – denn das wäre Heuchelei. Und das werde ich erst tun, nachdem ich alle möglichen Stimmungen durchgemacht habe – nicht davor.
Es ist absurd anzunehmen, dass ich mich an die Lebensanschauungen älterer Menschen binden soll.
Ich gebe zu, ich habe neulich etwas zu viel gelacht – aber konnte ich daran etwas ändern? Wir hatten ein Abendessen. Anwesend waren Mr. Pollingray, Mrs. Kershaw, die Wilburys (drei Personen), Charles, mein Bruder Duncan, Evelina, Mama, Papa, ich selbst sowie Mr. und Mrs. Romer Pattlecombe. Mrs. Pattlecombe ist 31 Jahre jünger als ihr Mann – sie ist 26 Jahre alt. Sie ist voller Humor und macht ständig Witze auf seine Kosten. Er ist der sanftmütigste, freundlichste Mensch – er hat sich nie wegen irgendetwas Sorgen gemacht und wird es auch nie tun. Mrs. Romer macht nicht nur Witze – sie ist selbst lustig. Wenn man mit ihr gelacht hat, kann man über sie lachen. Sie ist das Salz der Gesellschaft in dieser Gegend. Während wir nach dem Abendessen auf der Wiese saßen, wurde auf das Unglück von Mama und Papa angesprochen. Mama, die Mr. Pollingray nie verziehen hat, weil er sie in ihrer lächerlichen Situation gesehen hatte, sagte, Männer seien ihrer Meinung nach größere Tratschtanten als Frauen. „Das ist unbestreitbar, meine Dame“, sagte Mr. Pollingray – er liebt es, sie zu verwirren. „Nur erwähnen wir es nie.“
„Wir haben eine Entschuldigung“, sagte Mrs. Romer. „Unsere Prüfungen sind so groß, dass wir Ablenkung brauchen – deshalb reden wir über andere.“

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„Jetzt wirklich“, sagte Charles, „ich glaube nicht, dass eure Prüfungen unseren gleichkommen.“ Daraufhin machte sein Vater sich über ihn lustig, und sein Onkel war ihm gegenüber scharf; Charles sprach, wie ich weiß, halb im Ernst, obwohl er versuchte, Frau Romer aus der Fassung zu bringen – er hat Probleme. Darauf kamen wir auf einen Vergleich der Leiden zu sprechen, und Frau Romer übernahm das Wort. Sie ist eine hübsche, etwas kleine, nervöse Frau mit zarten Händen und Gesichtszügen, äußerst einfühlsam; so sehr, dass man, während man ihr etwas erzählt, sie schon im Voraus eine bestimmte Miene aufsetzen sieht – bereit, vor Lachen zu schreien oder vor tiefer Trauer den Kopf zu schütteln; manchmal, wenn man sie in eine Richtung zu weit gehen lässt, tut sie beides. Alle ihre Erzählungen sind begleitet von Bewegungen ihrer Hände, Augen, ihres Kinns und ihrer Stimme. Sie nahm den armen, guten alten Herrn Romer am Kragen seines Mantels, tat so, als würde sie ihn posieren lassen, und sagte: „Na! Es ist ja schön und gut, dass Sie sagen, es gäbe etwas, das den Leiden einer Frau in dieser Welt gleichkommt. Ich sage Ihnen: Sie wissen nichts davon, was wir unglücklichen Frauen ertragen müssen. Es ist schrecklich! Kein Mann kann jemals wissen, welche Qualen ich durchmachen muss.“ Mama fand geschickt nach, indem sie sie unterbrach, einen Weg, um das Thema zu wechseln. Ich glaube, alle Damen dachten, sie seien in Gefahr, aber ich wusste, dass Frau Romer völlig vertrauenswürdig war. Sie hat einen angenehmen Witz Sinn, bis in die Fingerspitzen, und ihr Sinn für Humor überwiegt ihre Diskretion niemals – nicht einmal mit einem Blick, geschweige denn im Voraus. „Nun“, fuhr sie fort, „lass mich Ihnen erzählen, welche quälenden Prüfungen ich durchmachen muss. Dieser Mann“, sie wiegte den geduldigen alten Herrn hin und her, „dieser Mann wird mein Untergang sein. Er hat völlig kein Gespür für Anstand. Immer wieder sage ich zu ihm: Kann der Schneider diese Hosen nicht kürzen? Ja, Herr Amble, Sie predigen den Frauen Geduld, aber das ist mehr, als jede Frau ertragen kann. Versuchen Sie doch, sich vorzustellen, welche Qual das für mich sein muss: Er wird sich rasieren und dann diese unglaublich hohen Hosen tragen, die, wenn sie festgezogen werden, bis hinter den Nacken reichen! Gerade gestern Morgen, als ich im Bett lag, konnte ich ihn in seinem Ankleidezimmer sehen. Ich sage Ihnen: Er wird sich rasieren und dabei die Zeit wählen, kurz nachdem er diese extrem hohen Hosen angezogen hat, die ihn so zur Schau stellen. Oh, mein Gott! Mein lieber Romer, ich habe ihm bereits fünfzig Mal gesagt – falls ich es nur einmal gesagt habe –, mein Gott, warum können Sie keine anständigen Hosen tragen wie andere Männer? Er hat nur eine Antwort – er hat…“

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Er ist es gewohnt, diese Hosen zu tragen – in anderen Hosen würde er sich nicht wohlfühlen. Und was sagt er, wenn ich weiterhin klage? Ich muss einfach weiterklagen, denn es ist nicht nur moralisch unerträglich, sondern auch körperlich quälend, diesen Anblick zu sehen, den er von sich selbst bietet. Er sagt: „Meine Liebe, du hättest keinen alten Mann heiraten sollen.“ Was! sage ich zu ihm – muss ein alter Mann wirklich veraltete Hosen tragen? Nein! Nichts kann ihn davon abbringen – das sind seine Gewohnheiten. Doch Sie haben noch das Schlimmste nicht gehört. Der Anblick dieser abscheulichen Hosen, die seine Figur völlig zerstören, ist schon schrecklich genug – aber es ist absolut mehr, als eine Frau ertragen kann. Er rasiert sich erst, bedeckt sein Gesicht mit weißem Seife – mit diesem lächerlichen Mittelteil an seinen Hosen, das bis zu seiner Stirn reicht – und dann… können Sie sich die Wut und Qual einer Frau vorstellen! Oh! Das ist Degradierung! Welchen Respekt kann eine Frau nach einem solchen Anblick noch für ihren Ehemann haben? Stellen Sie es sich vor! Ich habe ihn angefleht, mir zu ersparen… Es ist nutzlos. Sie spotten über unsere Ehemänner und behaupten, sie störten Sie – aber Sie Herren werden nicht gedemütigt… Oh! Unbeschreiblich! – wie ich jeden Morgen meines Lebens durch dieses grausame Schauspiel eines Ehemannes.
Ich habe nur grob den Stil von Frau Romer beschrieben. Evelina, die keusch ist und ihren Stil für vulgär hält, weigerte sich zu lachen – doch für mich wirkte diese Beschreibung wie ein Bild „ Ihres eigenen alten Ehemanns“ mit einem so unwiderstehlich komischen Effekt, dass ich vor Lachen kaum noch an mich halten konnte. Ich verteidige mich nicht – es war genauso ein Anfall wie jeder andere. Ich tat alles, um ihn zu unterbinden. Schließlich rannte ich ins Haus, nach oben in mein Schlafzimmer, und versuchte verzweifelt, mich zu beruhigen. Ich bin sicher, ich war ein Beispiel für die Leiden meines Geschlechts. Für Frau Romer konnte es kaum schlimmer sein als für mich. Ich war lange Zeit von innerem Lachen überwältigt – lange nachdem ich wieder ein ernstes Gesicht aufgesetzt hatte. Am frühen Abend verließ Herr Pollingray uns.

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KAPITEL III
ER

Ich bin von der Faszination eines musikalischen Lachens erfüllt. Offenbar bin ich dazu verdammt, es auf meine eigene Kosten zu hören. In diesem Leben sind wir vor nichts sicher.
Ich habe beschlossen, für die Gemeinde einzustehen. Ein untätiger Mensch ist Beute jeder Art von Torheit. Wenn man sein ganzes Leben lang Dilettant bleibt, kann man genauso gut darauf hoffen, eine „moralische Ernte“ einzubringen – als würde man nach Schmetterlingen jagen. Die durch einen Beruf oder eine beständige Tätigkeit entstehenden Aktivitäten sind für die Entwicklung des Geistes notwendig.
Himmel! Ich finde mich dabei wieder, wie ein unehelicher Sohn von La Rochefoucauld oder Vauvenargues zu schreiben. Doch es stimmt: Ich bin fünfzig Jahre alt – und noch nicht reif. Irgendwo bin ich unentwickelt.
Die Frage, die ich mir stellen muss, ist: Soll diese Entwicklung dadurch erreicht werden, dass ich ein äußerst törichtes Verhalten begehe?
Im Alter von fünfzig Jahren! Solche Gedanken sollten bei Männern Ernsthaftigkeit hervorrufen. Eine solche Anzahl von Jahren klingt in den Ohren eines Mannes nicht wie Hochzeitsglocken. Ich habe meine Bücher, meine Pferde, meine Hunde – sowie ein zufriedenes Zuhause. Ich befinde mich im Zentrum einer „perfekten Maschine“ – und doch bin ich unzufrieden. Ich stehe früh auf; meine Verdauung funktioniert gut. Was ist dann das Problem?
Das Übel an meiner Situation ist, dass ich Gefahr laufe, unbewusst anderen gegenüber das Offensichtliche preiszugeben. Irgendeine Frau wird misstrauisch werden und Klage führen – weil sie sonst nichts zu tun hat. Mädchen haben außergewöhnlich scharfe Augen für Schwächen beim Geschlecht, das ihnen als überlegen beigebracht wurde. Doch ich halte Wache.
Die Wahrheit ist offensichtlich: Ich habe das Gefühl, mehr oder weniger nutzlos gelebt zu haben. Es ist eine träge Zeit. In jedem wohlhabenden Land gibt es eine bestimmte Gruppe von Männern, die zwar über genügend Mittel verfügen und nicht arbeiten müssen, aber dennoch dem moralischen Ideal unterliegen. Die meisten von ihnen sitzen schließlich mit unserem sechsten Heinrich oder zweiten Richard zusammen und philosophieren über Hirten. Nicht besser als ein einfaches Tier zu sein – bin ich etwa besser? Hochwertiges Fleisch und ab und zu ein Schluck klugen Weins…

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Das Bier beruhigt ihn – mich hingegen nicht. Doch ich bin gesund und kann die ganze Nacht durchhalten, bereit sein – morgen werde ich für den Bezirk antreten. Ich habe bereits angekündigt, dass ich daran denke, ins Parlament einzutreten, noch bevor ich mir eine endgültige Entscheidung überhaupt gemacht hatte – gestern auf der Gartenparty meiner Schwester.
„Gilbert!“, rief sie und hob die Hände. Eine Frau wird verletzt, wenn man ihr seine Pläne nicht so schnell wie möglich mitteilt, sobald man sie hat. Sie muss dabei sein, um bei der Umsetzung zu helfen – sonst sind es ungesegnete Pläne.
Ich hatte gerade locker mit meinem Freund Amble gesprochen. Seiner Meinung nach ist die Kirche im Unterhaus nicht stark genug vertreten. Er verstand sofort, was ich vorhatte, und wollte, dass ich verschiedene Maßnahmen im Zusammenhang mit Schulen und Gehältern für Geistliche fördere. Seine Augen weiteten sich; er sagte: „Nun, wenn du das tust, kann ich dir bei einigen Dingen helfen.“ Nachdem er in Gedanken „Ja“ gesagt hatte, fuhr er fort: „Pollingray könnte in Bezug auf kirchliche Abgaben stärker werden. Es gibt viel zu tun. Er hat im Ausland gelebt und braucht Aufklärung in diesen Dingen. Wir brauchen einen Mann. Ja, das ist eine gute Idee.“
Meine Schwester war jedoch anderer Ansicht. Sie nahm sich die Zeit, mich beiseitezunehmen.
„Gilbert, meintest du das ernst?“
„Völlig ernst. Ist das nicht meine Eigenschaft?“
„Nicht in solchen Situationen. Ich sah, wie dir die Idee plötzlich kam. Du hast Charles angesehen.“
„Und wohin hat er geschaut?“
„Er hat Alice Amble angesehen.“
„Und die junge Dame?“
„Sie hat dich angesehen.“
Plötzlich wurde ich von einer besonders hartnäckigen Fliege angegriffen – ich gewann den „Kampf“ mit einem Lachen.
„Hat sie wirklich so herablassend zu mir geschaut? Und aus diesem Blick entstand meine Entschlossenheit, ins Parlament einzutreten? Das ist doch die Doktrin der französischen Vaudevillisten: Große Ereignisse entstehen aus kleinen Ursachen. Der Schuh einer Soubrette kann das Herz eines Königs erschüttern und das Schicksal einer Nation verändern – das ist die Geschichte…“

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Die Menschheit. Es mag wahr sein. Wenn ich doch nur durch das Auge eines kleinen Mädchens ins Haus geschossen werden könnte!
Daraufhin nahm ich fröhlich ihren Arm, ging mit ihr – und übertrieb es fast mit meiner List. Ich denke, wir sind gezwungen, deutlicher zu sehen das, was wir systematisch vor anderen zu verbergen versuchen. Es ist besser, ein Taschentuch zu schwenken, anstatt einen Vorhang anzubringen. Der Hauptvorteil dabei ist, dass man sich weiterhin selbst belügen kann – denn nur wenige Gefühle sind rein faktisch; doch wenn sie es halbwegs sind, macht man sie konkret, indem man versucht, sie entweder zu unterdrücken oder zu verbergen – und wird dadurch doppelt verraten: dem prüfenden Blick und sich selbst. Wenn ein Gefühl zu einer Leidenschaft wird (möge mir das gnädigerweise erspart bleiben!), sind andere Taktiken erforderlich. Zu diesem Zeitpunkt hat man sich bereits so tief selbst verraten, dass man es nicht mehr wagt, unbeschwert zu sein: der prüfende Blick erkennt, dass er absichtlich abgelenkt wurde; indem er einige Dinge weiß, kann er sich die restlichen zusammenreimen, von denen man ihn ablenkt. Wenn man etwas sehr Ernstes verbergen will, muss man ernst darüber sprechen. Während dieser Zeit muss man nur sicher sein, dass seine Stimme richtig klingt, und eine gewisse Tiefe der emotionalen Philosophie vortäuschen – dann kann man denjenigen, der nach den Geheimnissen des eigenen Herzens sucht, wiederum für eine lange Zeit verwirren. Zusammenfassend: In den Anfangsstadien einer Schwäche muss man darauf achten, keine eigene Besorgnis zu zeigen – sonst wird alles verdächtig. Sollte die Schwäche zur „Fieberphase“ werden, darf man ein wenig davon zeigen, wie ein nachlässiger Mensch – dann wird wirklich nichts weiter gedacht.
„Ich kann das sagen, ich kann das tun“ – und ist es immer noch möglich, dass eine Nadelspitze die „Rüstung“ eines Mannes wie mich durchdringen kann?
Elizabeth verließ mich mit der Überzeugung, dass ich ein ebenso rücksichtsvoller Onkel wie ein liebevoller Bruder bin.
Ich sagte zu ihr: „Ich habe diese beiden beobachtet. Es scheint, als würden sie selbst Entscheidungen treffen.“
„Ich wollte mit dir über sie sprechen, Gilbert“, sagte sie.
Und ich: „Das Mädchen muss untersucht werden. Die Familie ist gut. Solange Charles in Wales ist, musst du sie in Dayton haben. Sie lacht ziemlich leer, findest du nicht? Doch ihr Lachen hat einen angemessenen, gesunden Klang. Ich werde ihr so viel Aufmerksamkeit schenken, wie ich kann, solange sie hier ist – aber in der Zwischenzeit muss ich eine eigene Braut finden und mit der Werbung beginnen.“
„Du meinst das Parlament“, sagte Elizabeth mit einem aufrichtigen und zärtlichen Lächeln. Die Gastgeberin wurde gerufen, um einen neuen Gast willkommen zu heißen – und sie verließ mich, zufrieden.

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Mit ihrem erfolgreichen Versuch, meine Absichten zu verstehen – und davon fasziniert.
Ich hätte Machiavelli nicht herausgefordert; aber ich wäre auch nicht auf einen so bedauerlichen Florentiner gestoßen. Ich empfinde dieselbe lebhafte Freude an intellektueller Geschicklichkeit. In einigen Punkten ist meine Schwester durchaus eine gute Gegnerin für mich: Sie kann mich im Schach sieben von zwölf Spielen besiegen; doch die fünf Spiele, die ich gewinne, sind dann die, in denen ich wach bin. Es gibt natürliche Kunst und künstliche Kunst – und die letztere übertrifft die erste. Glücklicherweise sind Frauen der künstlichen Kunst fremd. Sie mussten erst eine Maske ablegen, bevor sie eine Ausbildung erhielten; daher wissen wir, womit wir es zu tun haben, und welche Waffen eingesetzt werden müssen.
Alice – falls sie überhaupt eine gute Fechterin ist – wird wohl erwarten, in mir den gewöhnlichen englischen Adligen vorzufinden. Ich habe sie bereits am Taufbecken gesehen! Es ist unglaublich. Sie wird glauben, zumindest zehnmal subtiler zu sein als ich. Wenn ich die Oberhand gewinne – was unwahrscheinlich ist –, dann wird sich die wahre Natur des Mädchens unter dem harten Licht der Intimität als vulgär erweisen. Karl I. lässt mich sechs Wochen lang weg; also gibt es genug Zeit für eine Probezeit. Ich sehe ihn erst wieder, wenn er zurückkehrt. Falls ich zufällig früher zu ihm gekommen wäre und er auf sie angespielt hätte, hätte er mein Gewissen auf seiner Seite gehabt – und das ist genau das, was ein skrupulöser Mensch vermeiden will.
Ich frage mich, ob meine Freunde mich immer noch für denselben Mann halten, den sie vor einem Monat noch als Gilbert Pollingray kannten. Ich sehe den Wandel, ich spüre den Wandel – doch ich habe weder Rückblicke noch Reue, weder Vorfreude noch Gefühle: keine für andere, kaum welche für mich selbst. Man sagt mir, ich verliere meine Fähigkeit, beim Essen geistreich zu plaudern. Heute hat ein silbernes Lachen für mich mehr Wert als geistreicher Witz. Und das ist der Mann, der Frauen kennt – und zu bescheiden ist, um eine endgültige Meinung über ihre Vorzüge abzugeben. So sehr ich mich auch selbst durchforste, ich kann nicht sagen, wann der Wandel begann, worin er besteht, was mit mir los ist – oder welcher Reiz an der Person liegt, die dieses Übel verursacht. Sie ist wie Dutzende anderer Mädchen: lebhaft, braunäugig, braunhaarig – es ist nicht zu hart, das zu sagen – etwas minder gebildet, halbgebildet; ob sie schnell im Verstand ist, wage ich nicht zu beurteilen. Zweifellos ist sie die Letzte, auf die ich oder jemand sonst als Urheberin dieses Übels gekommen wäre. Ich kenne sie nicht – und glaube, ich möchte sie auch nicht kennenlernen. Ich sehne mich nach dem Moment, in dem ich sie studieren kann. Ist das nicht, als hätte man das Gift eines Bisses in sich?

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Blut? Der Zorn der Venus ist keine Fabel. In meiner Jugend war ich ein harter Leser und verachtete das weibliche Geschlecht – bevor mir die Familienbesitztümer zufielen. Seitdem bewundere ich das weibliche Geschlecht spielerisch; ich habe mich leidenschaftlich mit ihnen beschäftigt und kaum noch gelesen, außer zur Unterhaltung. Ihr Zorn ist keine Fabel. Viele mythologische Geschichten kann man durch die Tatsachen interpretieren, die in unserem eigenen Blut liegen. Meine Emotionen lagen stets in einem sentimentalen Zustand ruhend. Ich habe wohl angegeben, den Python getötet zu haben – und Cupido hat mich mit einem Pfeil berührt. Ich verlasse mich eher auf meine eigene Fähigkeit als auf seine Barmherzigkeit, um einem weiteren Pfeil aus seinem Bogen zu entgehen. Ich werde dieses Mädchen verstehen, wenn ich sechs Monate lang enge Intimität mit ihr ertragen muss. An der Eleganz ihrer Bewegungen besteht kein Zweifel. Charles könnte genauso gut seine Reise antreten – wir sehen ihn nächstes Jahr wieder. Ja, ihre Bewegungen sind (oder werden) anmutig sein. In einem Jahr wird sie die volleren, poetischeren Züge der Weiblichkeit entwickelt haben. Vielleicht wird dann auch ihr Lächeln länger anhalten, anstatt nur kurz aufzuleuchten. Ich kenne unendlich schönere Frauen als sie. Eine, die ich kannte! Aber lassen wir das. Louise und ich haben uns schon vor langer Zeit voneinander verabschiedet.

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KAPITEL IV
SIE

Seht mich an – ich befinde mich im Dayton Manor House und wurde hier aus dem speziellen Grund hergebracht (so hat es Charles mir geschrieben), um untersucht zu werden, damit festgestellt werden kann, ob ich würdig bin, zu irgendeinem feierlichen Anlass – vielleicht – Mitglied dieser großartigen Familie zu werden. Hätte ich das gewusst, als ich das Haus verließ, hätte ich die Verpackung meiner Kisten rückgängig gemacht. Ich packe selbst – aber nicht die Kisten zusammenbinden. Ich muss lernen, höflich zu sein; sonst werde ich diese guten Leute erschrecken.
Ich bin zutiefst beleidigt – und sehr wütend. Ich werde meine Wut zeigen. Tatsächlich habe ich sie bereits gezeigt. Herr Pollingray muss mich für eine Närrin halten.
Lieber Herr, ich denke, Sie haben Recht. Wenn jemand vorgibt, erraten zu können, wer ich bin, dann habe ich passende Bezeichnungen für diese Person parat: Ich bin eine Dummköpfin, ein Affe – und ich nenne mich selbst solche schrecklichen Dinge, weil ich Schlimmeres verdient habe. Ich bin launisch – und glaube, herzlos zu sein. Charles ist nicht da – und deshalb leide ich nicht. Die Wahrheit ist: Ich hielt mich für äußerst scharfsinnig – doch das war nur meine Eitelkeit, die sich im Spiegel zeigte. Ich sah etwas, das auf meine Gesten reagierte – doch ich schäme mich so sehr, dass ich bereit wäre, eine Sammlung von Käfern anzufangen. Ich kann meinen Kopf nicht heben.
Herr Pollingray ist ein völlig anderer Mensch als der, den ich mir vorgestellt hatte! Wer dieser andere Mensch war, habe ich längst vergessen. Ich erinnere mich jedoch sehr genau an diesen elenden Mann, der versuchte, mich zu erraten. Ich bin jetzt seit drei Wochen in Dayton – und wenn meine Schwestern mich wieder im Pfarrhaus sehen, dann sind sie keine dummen Jungfrauen. Was mich betrifft, so weiß ich, dass ich Mrs. Romer Pattlecombe für immer hassen werde – und dass ich dieser guten Frau gegenüber ungerecht bin. Doch ich hasse sie wirklich – und finde ihre Geschichten schockierend. Ich frage mich intensiv, was ich daran wohl lustig finden könnte. Ich werde viele Jahre lang nicht mehr lachen. Vielleicht, wenn ich alt bin… Ich wünschte, die Zeit wäre schon gekommen. Alle jungen Menschen erscheinen mir so hilflos dumm. Im Moment gehöre ich auch zu ihnen – und habe keine Hoffnung, jemals etwas anderes zu sein. Die Jungen sind wie eine Menge – wie eine Schar kleiner Fische. Ihre Älteren hingegen sind die Auserwählten der Welt.

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Am Morgen des Tages, an dem ich das Haus verlassen sollte, um nach Dayton zu fahren – eine Entfernung von acht Meilen – schaute ich während des Anziehens aus meinem Fenster; es war bereits halb acht. Ich sah den Reitknecht von Herrn Pollingray zu Pferd, der ein entzückendes kleines, rundes, dichtes schwarzes Pferd vor- und zurückführte. Mein Herz schlug schneller vor Sehnsucht, auf diesem Pferd zu sitzen und über die Hügel zu reiten. Dann kam das Dienstmädchen mit einem Brief zu mir: „Herr Pollingray bittet seine Patenkindin, als Gegenleistung für ihr rücksichtsvolles Verhalten und dafür, dass sie ihm offizielle Probleme erspart hat, dieses kleine Tier anzunehmen: Größe 14 Handbreit, Alter 31 Jahre; geeignet zum Jagen, sehr sicher auf den Beinen – vermutlich der beste Springer im ganzen Bezirk.“ Ich rannte die Treppe hinunter, stürmte aus dem Haus zu meinem Schatz, küsste seine Nase und streichelte seinen Schweif. Ich konnte meine Finger einfach nicht von ihm lassen. Pferde gleichen, wenn man sie streichelt, den besten und schönsten Frauen – sie zeigen ihre Freude darüber, gestreichelt zu werden, neigen ihren Hals, treten mit den Hufen und wirken stolz. Sie nehmen Ihre Komplimente wie Sonnenlicht entgegen und sind dadurch noch schöner. Ich küsste mein „Schönstes“ und betrachtete seine schwarzfleckige Haut, die an den Allingborough Heath im Dämmerlicht erinnerte. Der Geruch seines neuen Sattels und Zaumzeugs erschien mir süßer als ein Garten. Der Mann gab mir einen großen Reitstock mit Silberverzierungen. Ich sehnte mich danach, sofort aufzusteigen und bis Mitternacht zu reiten. Dann kamen Mama und Papa heraus, lasen den Zettel und schauten sich mein entzückendes kleines Pferd an. Meine Schwestern sahen es auch und küssten mich – schließlich sind sie keine neidischen Mädchen. Das Beunruhigendste war, dass wir in der Familie keine Reitkleidung hatten. Ich wäre bereit gewesen, irgendeine Art von Kleidung zu tragen – ich hätte lieber wie ein Junge geritten, als überhaupt nicht zu reiten. Doch Mama versprach mir, dass in zwei Tagen eine Reitkleidung nach Dayton geschickt werden würde. Ich musste mein Haustier also dorthin zurückbringen, woher es gekommen war. Ich hatte kein Glück mehr, solange ich ihm nicht folgen konnte. Ich hätte glauben können, er sei ein Feenprinz, der mich verzaubert hatte. Ich nannte ihn Prinz Leboo – weil er schwarz und gut war. Ich vergebe jedem, der nach meiner Erfahrung mit Prinz Leboo von der ersten Liebe spricht. Was Papa von dem Geschenk hielt, weiß ich nicht – aber ich weiß genau, was Mama dachte. Ich selbst dachte an alles Mögliche – nur nicht daran, denn ich konnte mir solchen Egoismus bei jemandem wie Herrn Pollingray nicht vorstellen. Doch ich kam nach Dayton in einem Zustand arroganter Stolz – das verlieh meinen Umgangsformen zwar Sicherheit, aber nicht Unbeschwertheit. Ich dankte Herrn Pollingray herzlich – doch auf eine Weise, die ihm klar machte, dass es zwischen uns nur um das Pferd ging. „Sie geben – ich danke – und damit ist die Sache erledigt.“

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„Er hält mich für einen Dummkopf! Einen Dummkopf!“
„Meine Gewohnheiten“, sagte ich, „folgen mir einfach. Ich hoffe, wir werden gemeinsam einige Ausflüge machen können.“
„Viele“, antwortete Herr Pollingray – und seine Worte gaben mir das Gefühl, besonders erhaben zu sein.
Und weil Fräulein Pollingray (er nennt sie Königin Elisabeth) etwas traurig aussah, deutete ich das als Zeichen dafür, dass sie mich für dumm hielt. Ich schreibe nicht auf, was ich wirklich dachte.
Sehen Sie da den größten Dummkopf unter allen weiblichen Wesen – von Herrn Pollingray durch das Haus geführt. Er zeigte mir die Familienfotos.
„Ich bin kein Experte für Bilder, Herr Pollingray.“
„Sie werden lernen, die Vorzüge dieser Bilder zu erkennen.“
„Ich fürchte nein – selbst wenn ich jahrelang darüber studieren würde.“
„Vielleicht haben Sie ja die Gelegenheit dazu.“
„Oh! Das ist mehr, als ich erwarten kann.“
„Mit der Zeit werden Sie in solchen Dingen intelligenter werden.“
Diese Worte trafen mich wie ein schwacher, ferner Schlag – doch ich achtete nicht darauf.
Er führte mich durch die Gärten und Anlagen. Der große John Methlyn Pollingray hat diese Bäume gepflanzt und das Haus entworfen; der Blumengarten erinnert noch heute an seine Arbeit. Doch er ist nicht mein Herr – daher konnte ich seine Verehrung durch seine drei Urenkel nicht teilen. Es gibt hohe Fichtenwälder und Buchenwälder sowie ein langes, schmales Feld dazwischen, durch das ein Bach in ständigen Kaskaden fließt. Es ist die Art von Landschaft, die ich liebe – denn sie hat eine gewisse Pracht und Abgeschiedenheit, die zum Nachdenken anregt und aus mir ein besseres Mädchen macht. Doch was ich sagte, war: „Ja, es ist der ideale Ort, an dem man sich zum Ende seines Lebens niederlassen könnte.“
„Könnten Sie sich jetzt schon hier niederlassen?“, fragte Herr Pollingray.
„Jetzt?“ Meine Gesichtsausdrücke müssen wohl ziemlich seltsam gewesen sein.
„Fühlen Sie sich dazu berufen, eine solche Unterkunft bereits am Anfang Ihres Lebens abzulehnen?“
Er beharrte darauf, mich anzusehen, während er sprach – und ich fühlte mich, als würde ich rot werden vor Verlegenheit.

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Ich bin überzeugt, dass er durch mich hindurchsah – während sein Gesicht aus poliertem Messing zu bestehen schien.
Meine Selbstbeherrschung kehrte zurück, denn mein Stolz sollte nicht sofort zerstört werden.
„Bitte, bringen Sie mich in die Ställe“, bat ich; dort fühlte ich mich wie zu Hause. Dort sah ich meinen Prinzen Leboo und gab ihm tausend Zärtlichkeiten.
„Er kennt mich bereits“, sagte ich.
„Dann ist er mir um einige Schritte voraus“, sagte Herr Pollingray.
Ist es nicht grausam, das eigene Charakterbild kalt zu analysieren? Ich denke auch, dass eine solche Form der Gastfreundschaft, bei der man eingeladen wird, in Ruhe analysiert zu werden, sowohl gemein als auch niederträchtig ist. Ich wurde freundlich behandelt und bin dankbar – aber ich sage trotzdem (auch wenn ich dadurch vielleicht besser geworden bin), dass es unfair ist.
Es war Zeit zum Abendessen. Die Atmosphäre in seinem eigenen Haus scheint Herrn Pollingray zu begünstigen – genauso wie bestimmte Böden und Orte andere Menschen begünstigen. Er betrat den Speisesaal zwischen uns, mit den Händen hinter dem Rücken, und sprach mit uns beiden auf eine leichte, angenehme und natürliche Weise – etwas, was kein junger Mann nachahmen kann! Man merkt kaum den Wechsel des Raumes. Wir waren nur zu dritt am Tisch – doch es mangelte es nicht an Unterhaltung. Herr Pollingray ist ein bewundernswerter Gastgeber: Er spricht gerade so viel selbst, wie nötig ist, und hilft einem dabei, selbst zu sprechen. Was mich tröstet, ist, dass es ihm wirklich Freude macht, wenn jemand guten Appetit hat. Junge Männer – das weiß ich mit Sicherheit – sind niemals ganz so menschlich wie wir. Ah! Was ist richtig? Ich möchte den Glauben an unsere edlere Natur, den Charles hat, nicht verlieren. Aber ist sie wirklich edler? Jemand, der länger auf der Welt gelebt hat, sollte es besser wissen – und Herr Pollingray befürwortet in allem Natürlichkeit. Seit mehreren Monaten sehe ich die Dinge durch Charles’ Augen – so sehr, dass ich zögere, meinem eigenen Urteil zu vertrauen. Es ist jedoch eine Tatsache, dass ich bei Charles nicht ganz natürlich bin.
Jeden Tag zieht sich Herr Pollingray aus Respekt vor seiner Schwester in Abendkleidung zurück. Wenn junge Männer solche guten Gewohnheiten hätten, würden sie unser Respekt gewinnen und ihr eigenes Selbstwertgefühl nicht so früh verlieren.
Nach dem Essen sang ich. Dann las Herr Pollingray uns einen unterhaltsamen Aufsatz vor und zog sich anschließend in seine Bibliothek zurück. Fräulein Pollingray saß da und sprach mit mir über ihren Bruder sowie ihren Neffen – für den Herr Pollingray nun Gäste empfängt und wieder in die Gesellschaft tritt. Der Brief, den Charles später erhielt, erklärte das „Empfangen von Gästen“. Damals konnte ich das nicht verstehen.

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„Das Haus steht seit Jahren leer – oder wir wohnen dort selten länger als einen Monat im Jahr. Herr Pollingray bevorzugt Frankreich. All seine Verbindungen, man könnte sagen auch seine Sympathien, liegen in Frankreich. In letzter Zeit scheint er sich etwas verändert zu haben; aber von der Normandie bis zur Touraine und Dauphiné – wir hatten dort ein dreieckiges Zuhause. Tatsächlich haben wir es immer noch. Ich bin mir meinem Bruder nie sicher.“

Während Miss Pollingray sprach, waren meine Blicke auf ein mit Buntstiften leicht gefärbtes Zeichnung von einer ausländischen Dame gerichtet – ich hätte schwören können, dass sie Französin war. Sie war jung, sehr mädchenhaft; ich bezweifle, dass ihr Alter größer war als meins.

„Sie ist hübsch, nicht wahr?“, sagte Miss Pollingray.

„Sie ist fast schön“, rief ich aus. Als Miss Pollingray meine Neugier bemerkte, hatte sie die Güte, mich nicht länger im Unklaren zu lassen.

„Das ist die Marquise de Mazardouin – geborene Louise de Riverolles. Im Haus werden Sie weitere Porträts von ihr sehen. Dieses ist das jugendlichste davon – abgesehen von einem, das ein Baby darstellt und ihre Initialen trägt.“

Ich erinnerte mich daran, eine Ähnlichkeit in den Gesichtszügen einiger Porträts in den verschiedenen Räumen bemerkt zu haben. Mein Verlangen, sie wieder anzusehen, war wie ein plötzlicher Flammenstoß in mir. Es gab keine Chance, sie vor dem Morgen zu sehen; also versprach ich mir, vom Gesicht vor mir zu träumen, und döste während des Gesprächs mit meiner Gastgeberin vor mich hin, bis ich mir die Augen, die Haare sowie die allgemeine Gestalt dieser französischen Dame, wie ich hoffte, genau eingeprägt hatte. Kaum lag ich im Bett, verschwand alles wieder. Die Qual, dieses Gesicht heraufzubeschwören, war unvorstellbar. Ich lag da, wälzte mich hin und her, zerstörte meinen Schlaf – doch nach und nach kehrten meine Gedanken zu Herrn Pollingray zurück, und dann sah ich sie wieder – lebhaft, so wie sie wohl beim Sitzen vor dem Künstler ausgesehen haben muss. Ihre Haare waren natürlich lockig, fielen dreimal über die Stirn und waren sauber von den Schläfen gekämmt, sodass die kleinen Ohren sichtbar wurden; sie waren locker hinten zu einem Knoten gebunden. Ihre Augenbrauen waren dick und dunkel, aber weich – fließende Augenbrauen; meiner Ansicht nach viel schöner als jeder mit Bleistift gezeichnete Bogen. Dunkle Augen, voll, aber nicht herausstechend. Ich finde in sehr herausstechenden Augen kaum Ausdruck innerer Gefühle. Im Gegenteil: Sie scheinen, ähnlich wie bei Fischen, ihren Blick auf das Außen gerichtet zu haben und zeigen, falls überhaupt, „fischartige“ Tiefen. Zum Beispiel sind meine Augen ziemlich herausstechend – und ich bin einfach nur ein kleiner Dummkopf – aber die französische Dame ist mein Thema. Madame la Marquise, Ihre Augen sind für mich süßer als alles Himmlische. Ich habe noch nie solche Offenheit und unverfälschte Unschuld gesehen…

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Ich sah sie bereits zuvor mit meinen Augen. Nehmen Sie das Kompliment der armen Engländerin an. Haben Sie mit ihnen Unfug getrieben? Hat Vidals feines Porträt Ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen? Ihre Lippen, Ihr Kinn und Ihre Kehle strahlen eine solche jugendliche Anmut aus, dass ich, falls mir je das Glück zuteilwird, Sie zu sehen, Sie in meinen Augen nicht älter werden werden!
Ich schlief und träumte von ihr. Am Morgen war ich mir sicher, dass sie oft zu Herrn Pollingray gesagt hatte: „Mon cher Gilbert.“ Hatte er jemals „Ma chère Louise?“ gesagt? Er hätte wohl „Ma bien-aimée!“ sagen können – schließlich war es ein Gesicht, das geliebt werden musste.
Meine Einstellung ihm gegenüber änderte sich ab jenem Morgen. Zuvor erschien er mir als ein viel älterer Mann. Nun erkannte ich in ihm eine Jugendlichkeit, die über reine körperliche Kraft hinausging. Ich konnte ihn nicht aus meinen nächtlichen Träumen verbannen. Er bestand darauf, mich mit den Bezeichnungen unseres „offiziellen“ Verhältnisses anzusprechen, als wäre das ein Prinzip unserer Beziehung.
„Nun, gratuliert Ihnen Ihr Pate dazu, dass Sie gut geruht haben?“, war seine Begrüßung.
Ich antwortete dumm: „Oh, ja, danke.“ Ich hätte alles gegeben für den Mut, auf Französisch zu antworten – doch ich traute meinem Akzent nicht. Beim Frühstück ergab sich die Gelegenheit – oder besser gesagt, der Vorwand – für einen Versuch. Sein französischer Diener François bedient ihn beim Frühstück. Herr Pollingray und seine Schwester baten um Dinge auf Französisch, und aus Angst vor einem Mangel an Höflichkeit fragte Herr Pollingray mich, ob ich Französisch könne.
„Ja, ich kenne es – also, ich verstehe es“, stotterte ich. „Allons, wir werden Französisch sprechen“, sagte er. Doch ich schüttelte den Kopf und blieb wie eine dumme Stumme.
Gegen Ende des Essens wurde ich dazu gebracht, ein paar französische Worte zu sagen. Ich schämte mich zutiefst. Herr Pollingray hat die französische Art, zu behaupten, man sei in der Sprache fast perfekt. Ich weiß, wie absurd das klingen muss. Doch ich spürte seine Freundlichkeit und dankte ihm im Stillen. Ich glaube jetzt, dass ein Aufenthalt in Frankreich einen Engländer nicht verschlechtert. Herr Pollingray besitzt, wenn er in seinem eigenen Haus ist, die besten Eigenschaften beider Länder. Er ist fröhlich – und während er mich studiert, studiere ich ihn ebenfalls. Wer von uns beiden wird den anderen zuerst wirklich kennen? Er war Papas College-Freund – natürlich jünger als Papa, und jetzt noch viel jünger. Ich bemerke, dass diese Schwäche bei ihm immer weniger wird – ich sehe es, ich kann mich nicht irren. Tatsächlich beginne ich zu spüren, dass ich es nicht wagen darf, meinem unfehlbaren Urteilsvermögen zu misstrauen – sonst werde ich überhaupt kein Selbstvertrauen mehr haben.

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Nach dem Frühstück wurde ich Miss Pollingray übergeben, wobei mir mitgeteilt wurde, dass ich ihn bis zum Abend nicht sehen dürfe.
„Gilbert ist daran interessiert, die Gesellschaft seiner englischen Nachbarn zu pflegen – jetzt, da er, wie er annimmt, endgültig bei ihnen angekommen ist“, bemerkte sie zu mir. „In seinem Alter ist das Verlangen, nützlich zu sein, fast schon eine Krankheit. Doch er hat Mitleid mit den Armen – und das ist mehr als nur eine Tätigkeit, das ist eine Tugend.“
Ihr Sprachstil wurde gelegentlich durch französische Satzstrukturen beeinflusst.
„Mais oui“, sagte ich schüchtern. Da ich allein mit ihr war, wurde ich von ihrem Lächeln nicht abgewiesen – im Gegenteil, sie ermutigte mich sogar.
Im September soll ich hier eine Gruppe von Franzosen treffen, erzählte sie mir. Die Geschichte über mich wird also im September vervollständigt oder fortgesetzt. Ich konnte Miss Pollingray nicht dazu bringen, mir klarzusagen, ob Madame la Marquise zu den Gästen gehören wird. Doch ich weiß, dass sie keine Witwe ist. Dann hat sie einen Ehemann. Was ist dann die Geschichte ihrer Beziehung zu Herrn Pollingray? Es muss doch eine Geschichte geben. Er hätte sicherlich nicht so viele Porträts von ihr im Haus – und diese begleiten ihn überallhin –, wenn sie für ihn nur ein hübsches Gesicht wäre. Ich verstehe das nicht. Sie waren häufige, ständige Besucher aufeinanderer Anwesen in Frankreich – immer zusammen. Vielleicht ein Mann im Alter von Herrn Pollingray – oder vielleicht Monsieur le Marquis – doch da verliere ich den Überblick. Französische Gewohnheiten sind so anders als unsere. Eines weiß ich sicher: Gegen meinen Engländer kann man keine Anschuldigungen erheben. Ich sehe in seinem Gesicht reine Aufrichtigkeit. Ich würde mich gerne bei ihm niederlassen. Er muss schreckliche Unglückserfahrungen gemacht haben.
Mama hielt ihr Versprechen und schickte mir pünktlich meine Reitkleidung sowie meinen Hut. Doch ich hatte bereits alle meine ursprünglichen Erwartungen übertroffen – und ich fürchtete mich etwas vor dem Ausritt mit Herrn Pollingray. Das war noch bevor ich Charles’ Brief erhielt, in dem mir der Zweck meiner Einladung hier mitgeteilt wurde. Manchmal brauche ich einen gewissen morbiden Stolz, um weiterzumachen. Ich glaube, ich habe angemessen geritten – denn Herr Pollingray lobte meine Sitzhaltung im Sattel. Ich weiß, dass ich reiten kann – oder zumindest das Gefühl habe, auf einem Pferd zu sitzen, wie er es nennt. Doch er hätte niemals einen langweiligeren Begleiter haben können. Mein Gespräch bestand nur aus Ja und Nein – als würde es auf Krücken stattfinden, wie bei einem elenden Krüppel. Ich fühlte mich erniedrigt und verärgert. Die ganze Zeit versuchte ich, auf die französische Dame zu sprechen zu kommen – doch ich konnte nicht einmal mit einer einzigen Frage beginnen. Es scheint, als hätte er die Vergangenheit in jeder Hinsicht ausgelöscht – außer indem er mich seine Patenkindin nannte. Seine Unterhaltungen…

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Von den armen Engländern, der Vegetation sowie Papas Güte gegenüber seinen alten Damen in der Pfarrei Ickleworth – und die Mängel in meiner Ausbildung, die ich selbst anerkenne – doch das wird mich wohl nicht aus meinem deprimierten Zustand befreien. Die Fahrt war wunderschön. Wir fuhren entlang eines zwölf Meilen langen Gebirgskamms zwischen Ickleworth und Hillford, über hohe Wiesen mit großartigen Ausblicken zu beiden Seiten, durch Buchenwälder, Eichenwälder sowie grasige Täler und Hügel, die mit Zypressen und Steineichen übersät waren – meine alten Picknickorte, doch Mr. Pollingrays frische Begeisterung für die Landschaft ließ sie neu und fremd erscheinen. Zurück nach Hause durch das Tal. Am nächsten Tag schloss sich Miss Pollingray uns an, gekleidet in einen grauen Filzhut mit grünem Federbusch – was äußerst seltsam aussah, bis man sich daran gewöhnt hatte. Ihr Haar zeigte deutliche graue Strähnen; das, zusammen mit der Nase der Königin Elisabeth und dem grauen Filzhut! Doch sie ist so freundlich, dass ich nicht einmal im Stillen lächeln konnte. Es ist seltsam, dass Mr. Pollingray, der nur drei Jahre jünger ist als sie, mindestens zwanzig Jahre jünger aussieht – zumindest. Sein Schnurrbart und Bart sind von der Farbe einer Maisähre, und seine blauen Augen, die darüber leuchten, erinnern mich an den Sommer. So lässt er sich beschreiben: Er ist der Sommer und ist noch nicht in den Herbst gefallen. Miss Pollingray half mir dabei, ein wenig zu sprechen. Sie versuchte, die Begeisterung ihres Bruders für unsere Landschaft einzudämmen und lobte stattdessen die französische Landschaft. Er lachte sie aus – denn als sie in Frankreich waren, war es immer sie, die sagte: „Hier gibt es nichts, was an England erinnert!“ Miss Fool ritt zwischen ihnen und achtete auf das Klingeln der Glocken in ihrem Hut: „Ja“ und „Nein“ auf jeden Befehl, zu jeder Jahreszeit. Danke, Charles, für deinen Brief! Ich begann schon zu glauben, meine Einladung nach Dayton sei unerklärlich, als dieser Brief ankam. Ich halte es für eine unwürdige Niedrigkeit, ein Mädchen dazu zu bringen, ohne Vorwarnung bei ihm zu studieren. Nachdem ich den Brief gelesen hatte, ging ich in mein Zimmer und schrieb eine Antwort, bis die Frühstücksglocke läutete. Eine Stunde später setzte ich meine Arbeit fort und schrieb bis eins Uhr. Insgesamt fünfzehn Seiten voller Texte – die ich sorgfältig faltete, an Charles adressierte, den Umschlag verschloss, versiegelte und anschließend zerstörte. Ich ging ins Bett. „Nein, ich werde heute nicht ausreiten, ich habe Kopfschmerzen!“ Ich wiederholte das etwa sechsmal – obwohl niemand an die Tür klopfte. Als schließlich jemand klopfte, versuchte ich es noch einmal, doch da ich die Nachricht erhielt, dass Mr. Pollingray besonders meine Gesellschaft beim Ausritt wünschte, stand ich gehorsam auf – und weinte. Diese Demütigung machte meinen Gemütszustand noch schlimmer. Mr. Pollingray beobachtete mein Gesicht und notierte es in sein Notizbuch. „Ein wildes Temperament“ – oder nein: „Ein ungezähmtes kleines Rebellenkind“; denn er hat Hoffnungen in mich. Er hatte die Grausamkeit, das zu sagen.

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„Was ich bin, das werde ich bleiben“, sagte ich.
Er teilte mir mit, es sei völlig natürlich, dass ich so denke; und als ich erwiderte, man solle sich selbst am besten kennen, sagte er: „Vielleicht in meinem Alter.“ Und fügte hinzu: „Ich kann nicht sehr zuversichtlich über mein Selbstverständnis sprechen.“
„Dann machen Sie uns zu nichts Besserem als Puppen, Herr Pollingray.“
„Wenn wir die frühe Ausbildung zur Selbstbeherrschung verpasst haben, meine Kleine.“
„Merci, mon parrain.“
Er lachte. Mein Französisch, vermute ich.
Ich beschloss, dass ich ihm helfen würde, falls er mich studieren wollte.
„Ich kann mich beherrschen, wenn ich es will – aber nur dann.“
Das schien mir eine durchaus vernünftige Aussage zu sein – bis ich sah, wie er nach weiteren Erklärungen suchte. Als er versuchte, meine Worte zu verstehen, wurde mir klar, dass es um meinen Charakter ging. Ich wurde immer wütender und fuhr fort: „Die jungen Leute, die eine solche Meisterschaft über sich selbst haben, sind nicht die angenehmsten.“
„Nein“, sagte er; „sie enttäuschen uns. Wir erwarten Unsinn von jungen Menschen.“
Ich presste die Lippen zusammen. Prinz Leboo wusste, dass er gehen musste – und ein schneller Ritt brachte mich wieder zur Ruhe. Danach musste ich über kleine Büsche und Gräben springen; dabei muss man zumindest so tun, als wäre man fröhlich – schließlich läuft man das Risiko, hinzufallen, und muss daher fröhlich aussehen. Mit finsterer Miene zu fallen geht niemals. Ich fiel nicht.
Mein tapferer Leboo ließ mein Herz vor Liebe zu ihm höher schlagen – auch wenn Steine daran gebunden waren. Manchmal werde ich wütend, doch ich komme schnell wieder zur Ruhe. Und er gehört mir! Ich bin sicherlich unbeständig gegenüber Charles – denn an Leboo denke ich fünfzigmal öfter. Außerdem gibt es zwischen Charles und mir noch keine Verpflichtung. Zuerst muss ich von Herrn und Fräulein Pollingray für würdig befunden werden: Zwei Paar Augen und Ohren – darüber sitzt eine ernste Eule, die Berichte über mich erstattet. Es ist eine sehr grausame Prüfung für jede unerfahrene junge Frau. Sie wurde grausam konzipiert und wird gnadenlos durchgeführt. Ich würde lauter klagen – mit Schreien –, wenn ich sagen könnte, dass ich unglücklich bin. Doch jede Nacht schaue ich vor dem Schlafengehen aus meinem Fenster und sehe die langen Ströme des Flusses durch die Wiesen sowie den dunklen Wald, der das Haus vor Gefahren schützt.

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Ich träume vom alten Bewohner, seinen Vorfahren sowie von den unzähligen Quellen – von jenen Zeiten, als die Wildblumen in diesen Wäldern blühten und die Nachtigallen dort sangen. Ich habe das Gefühl, dass es für mich niemals ein Zuhause wie Dayton geben wird.

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KAPITEL V
ER

Sechzehn Jahre meines Lebens habe ich dem Phantom der schönsten Frau hingegeben, die je gelebt hat. Ich habe mich ihren Launen unterworfen, ihre Füße angebetet – und glaube, damit ihren Stolz gestärkt zu haben. In meiner Hingabe habe ich alles getan, außer ihre religiöse Überzeugung anzunehmen. Vor einiger Zeit wurde mir klar, dass diese sechzehn Jahre lediglich eine Zeit sentimentaler Vergnügungen waren – völlig nutzlos und fruchtlos, es sei denn, sie haben mich vor anderen Torheiten bewahrt. Doch sie war an sich selbst schon eine Torheit. Kann eine Person Naturgemäß zu standhaft sein? Oft ist mir die Frage in den Sinn gekommen, ob nicht ein Hauch von Frivolität als Schutz dienen könnte. Die Wahrheit ist wohl, dass meine geistige Kraft nicht mit meinem Ideal, meinen sentimentalen Vorstellungen sowie meiner angeborenen Beharrlichkeit mithalten kann. Ich bin in eine der Fallen eines gutmeinenden, doch untätigen Menschen geraten. Die Welt bezweifelt die Existenz eines reinen Platonismus in der Liebe. Ich selbst kann kaum auf diese sechzehn Jahre der liebevollen Unterwürfigkeit zurückblicken, ohne die Rolle zu verstehen, die ich darin gespielt habe. Dennoch würde ich ungern die hohe Bewunderung von Louise für meine Beständigkeit opfern – genauso wenig wie ich ihre Reinheit gefährden möchte. Ich halte mich an die Vergangenheit, als an etwas, wofür ich es verdient habe – obwohl ich damit kaum zufrieden bin. Nach unseren englischen Vorstellungen kenne ich meinen Namen. Doch englische Vorstellungen sollten in allen Angelegenheiten nicht akzeptiert werden – genauso wenig wie eine einfache Feststellung eines Fakts dessen ganze Bedeutung aufdecken kann. Wenn unsere englische Gesellschaft zu einer hochentwickelten Zivilisation avanciert ist, wird sie weniger geneigt sein, höhere Torheiten zu verurteilen. Bei uns ist viel vom sozialen Urteil über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen nur die stereotypierte Meinung des Landes. Es gibt hier ein Sprichwort für einen Mann, der eine Frau verehrt, die bereits einem Ehemann gehört. Wenn er sie lange Zeit verehrt hat und weiß, dass sie ihn aus Unschuld ihres Herzens bevorzugt; wenn er das Problem gelöst hat, ihr Geliebter zu werden, ohne sie auf niedrige Weise zu seiner Mätresse degradieren zu wollen – dann werden die Bezeichnungen, die unser Dialekt für ihn bietet, wahrscheinlich umso weniger schmeichelhaft sein. Politisch gesehen sind wir die selbstbewusstesten Menschen auf der Welt –

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Sozial gesehen die aufrichtigsten Tiere. Der „Terror“ unserer gesellschaftlichen Gesetze ist äußerst nützlich – denn ohne ihn könnten aufrichtige Wesen wie wir in schlechte Exzesse verfallen. Ich urteile eher nach abstrakten Beweisen als nach den Beispielen, die unsere anmutigen Damen Ausländern im Ausland geben.
Louise schreibt, dass ihr Mann gelähmt sei. Der Marquis de Mazardouin erlebt endlich seine Sterblichkeit. Ich erinnere mich an den Tag, an dem er sie heiratete. Sie sagt, er habe sich an den Rat eines Priesters gewandt – und wie eine Frau lobt sie ihn dafür. Das ist das Einzige, was ich nicht getan habe, um ihr zu gefallen. Sie erwartet seinen Tod. Sollte sie frei werden – was dann? Mein Herz schlägt nicht schneller bei diesem Gedanken. Es sind bereits zwanzig Jahre vergangen – und das ist eine große Last. Doch ich wünsche mir, dass sie zu uns kommt. Die alte Torheit könnte mich vor der neuen retten. Nicht dass ich weiterhin von der Angst geplagt würde, hier in großer Gefahr zu sein. Ich habe die volle Kontrolle über meine junge Dame gewonnen. „Wir haben die Rollen getauscht.“ Alice ist gezähmt; sie lacht schwach, wird immer bewusster – ein Umstand, der bedauerlich wäre, wenn ich das Wachstum dieses Mädchens hemmen wollte. In dem Mädchen steckt großes Potenzial. Offensichtlich hat sie ihre Zuneigung nicht auf Charles gerichtet – sodass das Gewissen eines Mannes beruhigt sein könnte, falls er beschließen sollte, das, was der Anstand verlangt, zu ignorieren. Doch warum unterwerfe ich mich, wenn ich dagegen angehe, der Ansicht der Welt bezüglich des Altersunterschieds zwischen Ehemann und Ehefrau? Ich kenne unzählige Fälle, in denen ein älterer Ehemann eine jüngere Frau glücklich macht. Mein Freund Dr. Galliot heiratete seine Schutzbefohlene – und er hatte die beste Ehefrau von allen Männern, die ich kenne. Seit seinem Tod veröffentlicht sie seine wissenschaftlichen Manuskripte. Das ist ein extremes Beispiel: Er war vierundvierzig Jahre älter als sie und stand beim Altar kahlköpfig da. Der alte General Althorpe heiratete Julia Dahoop – und wäre er nicht wegen seiner absurden Eifersucht auf sie gewesen, könnte er als Beweis dienen, dass die üblichen Maßstäbe kein Joch für jemanden darstellen sollten, der ernsthaft nach einer passenden Partnerin sucht – auch wenn es schon spät im Leben ist. Doch was bedeuten fünfzig Jahre schon? Sie markieren die Blütezeit des Lebens eines gesunden Mannes. Zu dieser Zeit hat er die Welt gesehen, kann entscheiden und sich festlegen – und ist im Grunde genommen besser geeignet – um es mit dem Sprichwort der Klatschbasen auszudrücken – als ein junger Mann, selbst für ein junges Mädchen. Und darf man nicht als Krone einer tugendhaften Laufbahn eine schöne und frische Belohnung fordern?
Ich sage all das – doch mein wahres Gefühl ist, als wäre ich kahlköpfig wie Dr. Galliot und eifersüchtig wie General Althorpe. Denn mit meinem vollständigen Verständnis meiner selbst würde ich, wäre ich wie einer von ihnen, mich nicht der Gnade einer jungen Frau oder der Welt ausliefern. Und so, wie ich bin – und wie ich mich selbst kenne –…

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Würde ich mich der Gnade von Alice Amble ausliefern? Als meine Patenkindin zum ersten Mal nach Dayton kam, hatte sie einige äußerst kühne Ideen von sich selbst. Diese lebhaften, jungen weiblichen Wahrnehmungen sowie die unzügelige Vorstellungskraft sind etwas, dem man nur mit Vorsicht begegnen sollte. Es gibt nichts, das außerhalb ihrer Reichweite liegt. Unsere Sicherheit vor ihnen liegt darin, dass sie stets zu viel sehen und zu wild fantasieren; so können wir ihnen mit etwas Hilfe beibringen, sich selbst zu misstrauen. Wenn sie einmal sich selbst misstrauen, müssen wir sie danach nicht mehr fürchten – ihre übernatürliche Vitalität ist dann verschwunden. Ich denke, meine hübsche Alice befindet sich jetzt in diesem Zustand. Sie verlässt uns morgen. Im Herbst werden wir sie wieder bei uns haben, und Louise wird sie mit Mitgefühl betrachten. Ich wünsche, dass sie einander begegnen. Es wäre gegenüber dem englischen Mädchen kaum fair, aber wenn ich zwischen ihnen stehe, werde ich eine beträchtliche Menge an schlummerndem patriotischem Gefühl wecken. Auch die Betrachtung des Kontrasts könnte mich vor beiden schützen – wie der logische Esel mit den beiden Heuballen zu seinen Seiten.

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KAPITEL VI
SIE

Ich bin zu Hause. Es gab noch nie jemanden, der sich in seinem eigenen Zuhause so seltsam fühlte.
Es ist noch nicht einmal ein Monat vergangen, seit ich meine Schwestern verlassen habe – und ich erinnere mich kaum daran, dass ich sie überhaupt kenne. Sie alle, sogar Papa, scheinen nur an solchen Kleinigkeiten zu denken. Sie beschweren sich, dass ich ihnen nichts erzähle. Was soll ich schon erzählen? Mein Prinz! Mein eigener Leboo – wenn ich nur mit dir im Stall liegen könnte, dann wäre ich völlig glücklich! Natürlich nur, wenn ich einschlafen könnte. Evelina behauptet, wir wären nicht acht Meilen von Dayton entfernt. Mir kommt es vor, als wäre ich acht Millionen Meilen weit weg – und ich müsste mein ganzes Leben lang einen mühsamen Weg zurücklegen, nur um einen einzigen langen, sonnigen Tag dort zu verbringen. Und vielleicht regnet es ja, wenn ich dort ankomme! Niemand kennt meine Sorgen. Niemand weiß etwas!

In der Nacht vor meiner Abreise hatte Miss Pollingray die Güte, mich bis in mein Schlafzimmer zu begleiten. Sie sprach mit mir ausführlich über Charles – doch sie verlangte keine kompromittierenden Antworten. Sie ist gegen frühe Ehen, deshalb möchte sie nur wissen, auf welcher Grundlage wir zueinander stehen – nämlich als Freunde. Ich versicherte ihr, dass wir einfach nur Freunde seien. „Das ist die festeste Grundlage für eine Beziehung“, sagte sie – und ich schien nicht eilig zu sein.

Doch ich erreichte mein Ziel. Ich brachte sie dazu, über die schöne Marquise zu sprechen. Hier ist die Geschichte: Herr Pollingray, als er noch sehr jung und relativ arm war, reiste mit guten Empfehlungsschreiben nach Frankreich. Dort lernte er Louise de Riverolles kennen und verliebte sich in sie. Sie erwiderte seine Leidenschaft. Hätte er zugestimmt, seine Religion aufzugeben und mit ihr zusammenzuleben, dann hätte ihre Mutter, Madame de Riverolles, auf ihre Bitten gehört. Doch Gilbert blieb standhaft. Herr Pollingray weigerte sich, seinen Glauben aufzugeben. Deshalb mischte sich ihre Mutter nicht ein – und ihr Vater, Monsieur de Riverolles, gab sie dem Marquis de Marzardouin, einem jungen Adligen, der äußerst reich, aber auch äußerst ausschweifend war. Und sie heiratete ihn. Nein, ich kann französische Mädchen einfach nicht verstehen. Egal, was sie tun – es ist mir völlig unverständlich, wie Louise, die jemand anderen liebte, zulassen konnte, dass man sie in Hochzeitskleidung steckte, zum Altar führte und sie die Eheversprechen ablegte. Selbst wenn die Verdammnis drohen würde, hätte ich mich niemals gefügt. Ich habe das Gefühl, dass Herr Pollingray…

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Man hätte mindestens ein Jahr lang Groll auf ein solches Verhalten zeigen sollen – und doch bewundere ich ihn für seine sofortige, großzügige Vergebung gegenüber ihr. Das war väterlich. Sie heiratete mit sechzehn. Seine Vergebung war das Ergebnis seiner wenigen Jahre mehr Erfahrung, sagte Miss Pollingray – deren Meinung über die Markgräfin ich jedoch nicht ergründen kann. Jedenfalls sind sie seitdem treue, herzliche Freunde, die ständig miteinander zu Besuch gehen. Deshalb ist Herr Pollingray in all den Jahren eher französisch als englisch gewesen.
Miss Pollingray schloss damit ab, dass sie mich fragte, was ich von der Geschichte halte. Ich sagte: „Es ist sehr seltsam, dass französische Gewohnheiten so anders sind als unsere. Ich wage zu sagen … ich hoffe … vielleicht … tatsächlich scheint Herr Pollingray jetzt glücklich zu sein.“ Ihre Vorstellung von meinem Verstand muss wohl dahin gehen, dass er dem Niveau eines Schulmädchens entspricht – ein perfekter Behälter für unbestimmte Eindrücke.
„Ah!“, sagte sie. „Gilbert hat bis jetzt sein Herz zu Asche verbrannt.“
Ich schlief mit diesem Satz im Kopf ein. Am Morgen stand ich auf, zog mich an – im Traum versunken. Als ich den Türgriff drehte, um zum Frühstück hinunterzugehen, drehte ich mich plötzlich in Tränen aufgelöst um. Es war so erbärmlich zu denken, dass er zwanzig Jahre lang in langsamer Qual bei ihr hatte warten müssen, mit brennendem Herzen – ohne Tadel oder Klage. Ich sah ihn, ich sehe ihn immer noch, wie einen Märtyrer.
„Manche Leute“, sagte Miss Pollingray, „erlauben sich, schlecht über die unermüdliche Hingabe meines Bruders an eine verheiratete Frau zu denken. Es gibt keinen Makel in seinem Charakter – noch in dem der Person, die Gilbert liebte.“
Ich würde das auch gegen alle Verleumdungen glauben. Selbst wenn ich ertrinken würde, würde ich an meinem Glauben an ihn festhalten.
Ich halte diese zwanzig Jahre für völlig unbedeutend, wenn er es so haben will. Er lebt in einer heiligen Zuneigung eingebettet. Kein Wunder, dass er sich immer noch jung fühlt. Er hat jedes Recht, zu glauben, dass seine Zukunft noch vor ihm liegt.
Keine Menge Schwämme könnte die Flecken von meinen schrecklichen roten Augenlidern entfernen. Ich setzte mich schweigend an den Frühstückstisch – ohne zu wissen, dass eines der Dienstmädchen einen Brief von Charles in meine Hand fallen gelassen hatte, und dass ich ihn geöffnet und noch in der Hand hielt. Der Brief besagte, wie ich später erfuhr, dass Charles vom Onkel den Befehl erhalten hatte, geschäftlich nach Herrn Pollingrays Anwesen in Dauphiny zu reisen. Es tut mir nicht leid, dass sie dachten, ich sei dumm genug, wegen des Gedankens daran, dass Charles den Ärmelkanal überquert, zu weinen. Sie haben es tatsächlich geglaubt, das weiß ich; denn bald darauf sagte Miss Pollingray…

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Flüsterte: „Die Abwesenden haben dieses Mal keinen Fehler gemacht, oder?“ Und Herr Pollingray war grausam sanft – mit einem Ausdruck von „Ich möchte solche Emotionen nicht stören“; ich verstärkte ihre Illusionen so sehr wie möglich: Es gab keine andere Erklärung für mein pantomimisches Gesicht. Warum sollte er denken, dass ich so schrecklich litt? Er sprach mit aufgeregter Fröhlichkeit, die natürlich dazu dienen sollte, mich zu trösten – doch es gab keinen Grund dafür, dass er mich für ein verliebtes, kummervolles Mädchen hielt. Das veranlasste ihn außerdem dazu, eine bestimmte Haltung einzunehmen – wie soll man das nennen? Zärtliche Respektvollheit, kalter Blick – alles, was mit dem Druck der Fingerspitzen einhergeht. Er verabschiedete sich so zärtlich, dass ich ihm am liebsten den Ärmel geküsst hätte. Der Versuch, mich zurückzuhalten, machte mich zu einem Eiszapfen. Oh! Auf Wiedersehen, mein Pate!

E-TEXT-EDITORS BUCHMARKER:

Ein weiser Mann verschwendet sein Lachen nicht, wenn er es vermeiden kann.
Eine Frau wird verletzt, wenn man ihr seine Pläne nicht anvertraut.
Ein Gentleman in guter Verfassung.
Er gibt seinem eigenen Verstand ständig Zustimmung.
In jeder Not ist Geduld ein Lebensretter.
Ich wusste, dass mein Freund zu den zerstreutesten Männern gehörte.
Die Freude am Vergessen.
Wenn man ihr etwas sagt, macht sie schon im Voraus ein komisches Gesicht.
Wenn man mit ihr gelacht hat, kann man über sie lachen.

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Die Sentimentalisten
Eine unvollendete Komödie

Von George Meredith

Dramatis personae
Homeware.
Professor Spiral.

Arden,............. Verliebt in Astraea.
Swithin,........... Sympathisant. Osier.
Dame Dresden,...... Schwester von Homeware.
Astraea,........... Nichte von Dame Dresden und Homeware.
Lyra,.............. Eine Ehefrau.
Lady Oldlace.
Virginia.
Winifred.

Die Sentimentalisten
Eine unvollendete Komödie

Die Handlung spielt in einem Garten in Surrey zu Beginn des Sommers. Die Wege sind von hohen Hecken aus Buchsbaum beschattet. Es ist vor etwa sechzig Jahren.

Szene I

Professor Spiral, Dame Dresden, Lady Oldlace,
Virginia, Winifred, Swithin und Osier

(Während sie langsam durch den Garten spazieren, hält der Professor eine seiner ausgezeichneten Reden über die Frau.)
SPIRAL: Ein Ehemann! Die Frau, die der Ehe zustimmt, nimmt nur einen. Für sie gibt es kein Witwendasein. Dieses „Komma“ am Ende des Satzes – der Tod – ist für sie nicht das Ende des Kapitels. Es ist vielmehr der klare Beweis dafür, dass sie eine Seele hat. So erhöht sie ihren eigenen Geschlechtstyp. Über dem Streit und Lärm der Leidenschaften bleibt sie ein fester Stern. Nachdem sie einmal ihre Gehorsamkeit gegenüber den Gesetzen gezeigt hat…

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Aufgrund unserer gemeinsamen Natur – das heißt, indem sie einmal die Ehe eingeht – geht sie in souveräner Entschlossenheit weiter – als eine hingebungsvolle Witwe.

(Zu diesem Zeitpunkt sind sie aus dem Blickfeld verschwunden. HOMEWARE tritt auf; er meidert geschickt, sich ihrer Gruppe anzuschließen, als wäre er nicht würdig solcher edler Reden. Er wünscht sich Privatsphäre und ein Buch, doch seine Ruhe wird durch die Ankunft von ARDEN gestört, die unbedingt höflich zu ‚ihrem Onkel Homeware‘ sein möchte.)

SZENE II

HOMEWARE, ARDEN

ARDEN: Ein prächtiger Morgen, Sir.
HOMEWARE: Die Sonne scheint, Sir.
ARDEN: Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Herr Homeware.
HOMEWARE: Ich kann Ihnen den Weg zu den Damen weisen, Herr Arden. Sie finden sie dort drüben auf der Allee.
ARDEN: Ich glaube, sie hören gerade eine Rede des Professors Spiral.
HOMEWARE: Über eine alpine Blume, die nach England gekommen ist, um hier zu blühen. Professor Spiral nennt sie Naturs „hingebungsvolle Witwe“.
ARDEN: „Hingebungsvolle Witwe“?
HOMEWARE: Damit ist meine Nichte Astraea gemeint.
ARDEN: Ihr ist sie hingebungsvoll?
HOMEWARE: Ihrem verstorbenen Ehemann! Laut dem Professor ist das Gegenteil von Astraea jene weltberüchtigte Art von Witwen, die wieder heiraten.
ARDEN: Pah!
HOMEWARE: Astraea muss, so wurde entschieden, allein bleiben – kalt und keusch, wie die kleine Alpenblume. Professor Spiral hat damit sein Thema.
ARDEN: Er wird viel daraus machen. Darf ich vorschlagen, dass ich lieber Ihre Gesellschaft vorziehe?
HOMEWARE: Das ist eine seltsame Wahl. Ich kann Ihnen keine Waffen für den Kampf liefern, an dem junge Männer normalerweise teilnehmen. Sie gehören zum Lager, dem Sie ausweichen.
ARDEN: Achilles war kein schlechterer Krieger, Sir, nur weil er zunächst in Röcken aufgewachsen ist.

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HOMEWARE: Seine Taten sprechen dafür. Doch Alexander war der bessere Anführer – bis er mit Lais trank.
ARDEN: Nein, ich bekenne mich nicht schuldig gegenüber Bacchus.
HOMEWARE: Sie gestehen also die schlimmste Form des Rausches ein.
ARDEN: Wie meinen Sie das, Sir?
HOMEWARE: Wie, wenn ein junger Mann in allem, was gesagt wird, sich selbst wiedererkennt!
ARDEN: Das könnte durchaus der Fall sein. Ich habe richtig getan, zu Ihnen zu kommen, Sir.
HOMEWARE: „Ihr Onkel Homeware“?
ARDEN: Sie kennen uns alle, Sir.
HOMEWARE: Es mag Sie interessieren zu erfahren, dass Sie der Dritte unter den Herren sind, die beauftragt wurden, mit dem Onkel der Dame, Homeware, zu sprechen.
ARDEN: Der Dritte.
HOMEWARE: Ja, sie wird verfolgt. Es kann kaum anders sein. Ihre Reize sind unbestreitbar – und das Haus ist kein Kloster. Dennoch muss ich Sie daran erinnern, Herr Arden: Ihr alle betreibt eine Angelegenheit, die nach den Gesetzen dieser Gegend als gotteslästerlich gilt. Können Sie etwa vergessen, dass Astraea eine Witwe ist?
ARDEN: Sie war zwei Monate lang Ehefrau; seit zwei Jahren ist sie Witwe.
HOMEWARE: Die Witwe des großen und ehrenwerten Professors Towers darf ihre Witwenschaft nicht in Jahren messen. Seine Zeit vom Altar bis zum Grab – das entspricht im Grunde nur einem Tagesmarsch!
ARDEN: Soll sie etwa aus Stolz auf ihre Jugend einem launischen weiblichen Kaprizium geopfert werden?
HOMEWARE: Haben Sie mit ihr darüber diskutiert?
ARDEN: Ich habe es versucht.
HOMEWARE: Und dennoch lehnte sie Ihre Hand ab!
ARDEN: Sie empfahl mich Ihnen, Sir. Sie hat ein gutes Urteilsvermögen bezüglich Menschen.
HOMEWARE: Ich würde sagen, sie übertrifft sogar die Kommissare für Geisteskrankheiten – schließlich ist sie eine humorvolle junge Frau. Auch Ihre Vorgänger haben mit ihr diskutiert – und auch sie fanden ihren Feind in einem launischen weiblichen Kaprizium. Was ist der Unterschied zwischen Ihnen?

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Offensichtlich kann sie es nicht wahrnehmen – und ich muss nachforschen: Haben Sie viele Gespräche mit Astraea geführt?
ARDEN: Ich kann sagen, dass ich dreimal der Mann bin, der ich vorher war.
HOMEWARE: Durch Gespräche mit einer Witwe im Alter von zweiundzwanzig Jahren haben Sie an Reife gewonnen – und Sie wollen mehr von ihr.
ARDEN: So sehr, wie ich mehr Weisheit möchte.
HOMEWARE: Würden Sie sie Ihre Muse nennen?
ARDEN: Eine so prosaische Person würde ich nicht wagen, so zu bezeichnen.
HOMEWARE: Sie tragen das Mantel der Bescheidenheit, Herr Arden – sie hat Sie auf einige Prüfungen durch ihren Onkel Homeware vorbereitet.
ARDEN: Sie warnte mich, ich selbst zu sein – ohne den geringsten Anflug von Affektiertheit.
HOMEWARE: Keine schwierigere Aufgabe könnte einem jungen Mann in unseren Tagen gestellt werden. Oh, dieses humorvolle Fräulein – beschreiben Sie mir doch die Grübchen an ihrem Mund.
ARDEN: Ehrlich gesagt, Sir, ich wünsche, dass Sie mich besser kennenlernen – und ich glaube, ich kann einer Betrachtung standhalten. Astraea schickte mich, um die Gründe zu erfahren, warum sie mir keine Audienz gewährt.
HOMEWARE: Ihr Grund, wiederhole ich, ist folgender: Ihrer Ansicht nach ist eine zweite Heirat unrein. Mehr muss ich dazu nicht erklären. Das junge Fräulein bringt uns wieder dorthin, wo wir angefangen haben – das muss ihre humorvolle Absicht gewesen sein.
ARDEN: Was kann ich tun?
HOMEWARE: Liebe und Krieg wurden miteinander verglichen – beides erfordert Strategie und Taktik, soweit ich mich an die Kampagnen erinnere.
ARDEN: Ich werde Ihren Rat beherzigen, Sir.
HOMEWARE: Dann nehmen Sie ihn ernst – ab und zu müssen die Köpfe der Liebenden aus den Wolken herabsteigen. Und Professor Spiral – aber da kommt bereits ein spätes „Lüftchen“ in Form von Röcken…

(Das bezieht sich auf die Ankunft von LYRA, außer Atem.)

**Szene III**
HOMEWARE, ARDEN, LYRA

LYRA: Mein lieber Onkel Homeware!
HOMEWARE: Aber wo ist Pluriel?
LYRA: Wo ist der Ehemann einer Frau, wenn sie nicht bei ihm ist?

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HOMEWARE: Im Fegefeuer – nach richtiger Berechnung. Aber beeilen Sie sich, sonst kommen Sie zu spät zum Vortrag von Professor Spiral.
LYRA: Ich weiß alles, ohne es hören zu müssen. Ihr Spiral! Ah, Herr Arden! Sie haben nicht schlecht gewählt. Je mehr Erfahrung ich habe, desto mehr schätze ich die Gesellschaft meines Onkels Homeware.

(Sie ist übermäßig zärtlich, hat aber zugleich einen listigen Blick – wie jemand, der weiß, dass Onkel Homeware alle jungen Männer und die meisten jungen Frauen misstraut.)

HOMEWARE: Stimmen Sie der Dame schnell zu, mein Freund.
ARDEN: Ich würde gerne mit solch reicher Erfahrung prahlen, Lady Pluriel.
LYRA: Ich muss mit Astraea sprechen, lieber Onkel. Ihre Briefe wecken Misstrauen. Sie schreibt wie verrückt. Der letzte Brief deutet auf Dienste an der Westküste Afrikas hin.
HOMEWARE: Um ein verseuchtes Land zu befreien oder die unwissenden Schwarzen aufzuklären, könnten wir keinen effektiveren Missionar entsenden als die hübscheste Witwe Großbritanniens.
LYRA: Haben Sie keine Anzeichen für Unruhen gesehen?
HOMEWARE: Eine große Rede kann beruhigend wirken.
LYRA: Ich habe meine Verdächtigungen.
HOMEWARE: Herr Arden, ich könnte Ihnen raten, sich den Füßen von Lady Pluriel zu werfen und sie zu Ihrer Beichtpriesterin zu ernennen.
ARDEN: Madame, ich stehe bereits zu Ihren Füßen. Ich bin dieser Dame ergeben.
LYRA: Ergeben. Dagegen kann es keine Einwände geben. Das bedeutet, dass ein Mann nichts im Gegenzug verlangt!
HOMEWARE: Überlegen Sie gut, was Sie zu dieser Dame sagen, Herr Arden!
ARDEN: Ergeben – das habe ich gesagt. Ich bin es. Ich würde mein Leben für sie geben.
LYRA: In der Erwartung, dass es morgen oder übermorgen genommen wird? Nehmen Sie meine Lobeshymnen an. Ein männlicher Anhänger steht kurz vor einem Wunder. Die Frauen suchen schon seit Ewigkeiten nach einem solchen Vorbild, Onkel.
HOMEWARE: Sie sind das Vorbild, Herr Arden!

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LYRA: Haben Sie etwa damit sagen wollen, dass Sie der Witwe von Professor Towers aus Gründen der Ehe ergeben sind?
ARDEN: Das ist meine einzige Absicht.
LYRA: Es ist ein Stern, den Sie dazu bringen möchten, herabzusteigen.
ARDEN: Ja.
LYRA: Sie enttäuschen mich zutiefst. Im Grunde gehören Sie doch zur gewöhnlichen Sorte – und Ihre Hingabe verlangt einen enormen Gegenwert, der bei weitem über das hinausgeht, was Sie geben können.
ARDEN: Das stimmt. Sie ist reich an Gaben; ich bin arm. Doch ich gebe alles, was ich habe.
LYRA: Diese Liebenden, Onkel Homeware!
HOMEWARE: Es hängen Honigsäcke da, und sie versuchen, uns davon zu überzeugen, dass die wichtigste Aufgabe der Welt der Weg zum Altar ist.
ARDEN: Mit dem richtigen Partner lässt sich die Welt besser gestalten.
LYRA: Welchen richtigen Partner hat sie denn ausgewählt – von einer Frau, die hinter einem Schleier verborgen ist? Solche Frauen kehren vom Altar zurück und stellen fest, dass sie sich selbst an den „Knochenkasten“ einer Idee gekettet haben – oder dass sie unter der Herrschaft eines gierigen Ehemannes stehen. Ist Herr Arden auf der Seite dieser Dame, Onkel?
HOMEWARE: Meine Schwester ist, wie Sie wissen, eine naive Herrscherin. Diejenigen, die um die Hand einer unberührten Witwe werben, versuchen es, als würden Wellen gegen einen Felsen branden.
LYRA: Professor Spiral macht rasche Fortschritte.
HOMEWARE: Anscheinend nicht, wenn er von Damen und ihren Begleitern umgeben ist.
LYRA: Ich glaube, ich höre bereits einen Anstieg des Enthusiasmus.
ARDEN: Ich werde nachsehen.

(Er geht den Weg entlang.)

LYRA: Bitte, mein lieber Onkel – retten Sie mich vor Pluriel! Aus purem Verzweiflungsakt bin ich ihm entkommen; doch dieser Mann ist am klügsten, wenn er raten muss, wo ich bin. Sagen Sie ihm, ich bin überall, nur nicht hier. Sagen Sie ihm, ich sei weggelaufen, um beim Wiedersehen frische Luft zu schnappen. Geben Sie mir einen Tag Freiheit – sonst schwöre ich, werde ich etwas Unbesonnenes tun: Ich werde den jungen Arden trösten, nach Paris fliegen und es mit Präsidenten sowie ausländischen Fürsten aufnehmen. Alles.

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Anstatt ständig aufgefressen zu werden – wie es mir ergangen ist. Möge keine Frau, die ich kenne, einen Mann heiraten, der zwanzig Jahre älter ist als sie! Sie heiratet einen riesigen Muschelkäfer. In diesem Lebensabschnitt wird ein Mann zu unersättlich beständig.

HEIMGEGENSTÄNDE: Cupido mit abgeschnittenem Flügel ist ein zerstörerischer Parasit.

LYRA: Ich meine es ernst, Onkel – ich muss eine Pause bekommen, sonst soll das Anstandsgefühl dafür sorgen!

(Arden kehrt zurück.)

ARDEN: Die Damen sind unterwegs.

LYRA: Ich muss Astraea für mich allein haben.

HEIMGEGENSTÄNDE: Meine Bibliothek ist eine unberührte Festung, Herr Arden. Ihre Tore stehen Ihnen für andere Themen offen – nicht für Geschichten über betrunkene Paare.

(Er betritt das Haus – LYRA verschwindet im Garten – Spirals Zuhörer erscheinen wieder ohne ihn.)

SCENE IV

DAME DRESDEN, LADY OLDLACE, VIRGINIA, WINIFRED, ARDEN, SWITHIN, OSIER

LADY OLDLACE: Was für ein perfekter Rhythmus!

WINIFRED: Was für eine Redekunst!

LADY OLDLACE: Eine Meisterhand. Ich war von dem ersten Satz bis zum beeindruckenden Ende in Trance.

OSIER: Solche Redekunst ist wie eine ganze Orchestersymphonie.

VIRGINIA: Was für eine Beherrschung der Intonation und des Themas!

SWITHIN: Diese klangvolle Stimme!

LADY OLDLACE: Swithin – sein Fluss an Eloquenz! Er brach los!

SWITHIN: Wie ein Adler vom Felsen.

OSIER: Der Rhythmus der Worte glich dem Schlagen von Flügeln.

SWITHIN: Er macht aus uns Dichter.

DAME DRESDEN: Spiral hat heute seinen Höhepunkt erreicht!

VIRGINIA: Wie hinterhältig ist unser Gedächtnis, wenn wir am meisten danach sehnen, große Worte in Erinnerung zu rufen!

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OSIER: Wahr, ich denke, meine Notizen werden wertvoll sein.
WINIFRED: Sie könnten doch Notizen machen!
LADY OLDLACE: Es scheint ein Mittel zu sein, das Wesentliche zu verpassen.
SWITHIN: Stücke des Körpers – zum Verlust seiner Seele. Wir können zulassen, dass unser Freund gute, einfache Dienste geleistet hat.
WINIFRED: Ich hätte das nicht schaffen können.
SWITHIN: Ehrlich gesagt erinnert es einen an einen chaotischen Brei.
LADY OLDLACE: Man spürte kaum, dass man atmete.
VIRGINIA: Ich gebe zu, es rührte mich zu Tränen.
SWITHIN: In der Darstellung der Perfektion liegt ein Pathos für uns. Dieser subtile Kontrast zu unserer individuellen Armut berührt uns.
WINIFRED: Sicher gab es Passagen mit einem deutlichen, äußerst feinen Pathos.
LADY OLDLACE: Wie in jeder großen Rede! Der Schlüssel dazu ist das Pathos.
VIRGINIA: In großer Rhetorik, großer Poesie, großer Literatur – man prüft sie am Pathos. Alle unsere Kritiker sind sich einig, dass das Pathos unerlässlich ist. Meine Tränen waren keine weibliche Schwäche – ich konnte kein dissonantes Instrument sein.
SWITHIN: Ich muss gestehen: Er hat auch bei mir gewirkt.
OSIER: Wir werden noch lange die Wirkung dieser Berührung durch eine Meisterhand spüren.
ARDEN: Ein geschickter Musiker kann aus einer Spieluhrgeige einen Stradivari klingen lassen.
DAME DRESDEN: Haben Sie das Recht, etwas zu sagen, Herr Arden? Was hat Sie aufgehalten?
ARDEN: Ah, Dame. Vielleicht war es eine Warnung, dass ich ein dissonantes Instrument bin – ich schwinge nicht leicht.
DAME DRESDEN: Ein dissonantes Instrument gehört in keiner zivilisierten Gesellschaft hin. Sie haben etwas verloren, das nicht wiederhergestellt werden kann.
ARDEN: Da sind die Noten.
OSIER: Ja, die Noten.
SWITHIN: Sie können sich mit dem „Hundespeis“ am Tisch zufriedengeben, Herr Arden!
OSIER: Ha!

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VIRGINIA: Noch nie habe ich Astraea in ihrer Schönheit so erhaben gesehen wie in dem Moment, als sie ihre Augen zum leidenschaftlichen Redner erhob – in ihnen spiegelten sich alle Nuancen seiner Stimme wider.
ARDEN: Astraea!
LADY OLDLACE: Sie war fasziniert, als er von der Frau sprach, die von ihrem Ideal hin zur groben Realität des Mannes absteigt.
OSIER: Ja, ja. Ich habe die Worte hier [liest vor]: „Die Frau steht vor dem Mann und hält die ‚vestalische Blume‘ einer reineren Zivilisation in ihren Händen. Ich sehe“, sagt er, „die kleine Kerze in ihren Händen – durchsichtig im Licht, gegenüber den rauen Winden.“
DAME DRESDEN: Und was stand über Astraea selbst geschrieben? „Naturgeweihte Witwe.“
SWITHIN: Eine ‚vestalische Witwe‘, nicht wahr?
VIRGINIA: Ich glaube, eine ‚junge Witwe‘.
DAME DRESDEN: Wir entscheiden uns für ‚geweiht‘.
WINIFRED: Spiral brachte ihr den glücklichsten Tribut an die Erinnerung an ihren verstorbenen Ehemann, den berühmten Professor Towers.
VIRGINIA: Doch sein Blick galt der lieben Astraea.
ARDEN: Astraea? Warum?
VIRGINIA: Zweifellos, um ihre Zustimmung zu erhalten.
ARDEN: Ha!
WINIFRED: Er sagte, sein Stolz würde immer darin bestehen, als Nachfolger von Professor Towers anerkannt zu werden.
ARDEN: Nachfolger!
SWITHIN: War es nicht eher ein ‚Wächter‘?
OSIER: Ein Tutor, glaube ich.
(Die drei Herren betrachten unruhig Osiers Notizen.)
DAME DRESDEN: Unser Professor muss zu dieser Zeit bereits Astraeas Glückwünsche in vollem Umfang erhalten haben – und Lyra erfährt von ihr, was es bedeutet, zu spät zu kommen. Werden Sie sich uns am Mittagstisch anschließen, Herr Arden – falls Sie sich dort nicht wie ein störendes Element vorkommen?
ARDEN (geht auf sie zu): Die Anspielung auf Messer und Gabel stimmt meine Saiten sofort zum Klingen, Dame.

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DAME DRESDEN: Sie müssen mir heute helfen – der Professor wird müde sein, obwohl wir es nicht wagen, das in seiner Gegenwart anzudeuten. Keine Erwähnung, meine Damen, des großartigen Vortrags, den wir das Privileg hatten zu hören; wir haben unsere Wertschätzung ausgedrückt, und er konnte es kaum ertragen.
ARDEN: Nichts ist dem Redner mehr zuwider!
VIRGINIA: Wie bei jedem wahren Genie wird er durch die Bewunderung für sich selbst dazu getrieben, sich als bescheidener Mensch zu fühlen.
SWITHIN: Er atmet in gereinigter Luft.
OSIER: Ich war begeistert, habe die vorbeiziehenden Schönheiten erfasst. Ich sehe, dass ich hier und da Unsinnsnotizen gemacht habe – Zeilen haben mich verführt, sodass ich die Reihenfolge, den wertvollen Teil, übersehen habe. Meine Damen, erlauben Sie mir, ihn in Bezug auf Gleichheit von Mann und Frau mit Platon zu vergleichen.
WINIFRED: Das ist edel gesagt.
OSIER: Und in Bezug auf Zölibat mit den Stoikern.

(Zu diesem Zeitpunkt sind alle Damen ins Haus gegangen.)

ARDEN: Nachfolger! War das Wort „Nachfolger“?

(ARDEN, SWITHIN und OSIER suchen aufgeregt in ihren Notizen, als SPIRAL vorbeikommt und ins Haus schlendert. Sein selbstzufriedener Gesichtsausdruck verstärkt ihre Unruhe – sie folgen ihm. ASTRAEA und LYRA kommen den Weg herunter.)

SZENE V

ASTRAEA, LYRA

LYRA: Oh! Pluriel, frag mich nach ihm! Ich wünschte, ich wäre mir nicht so sicher, dass er nicht um die nächste Ecke sein wird, wenn ich abbiege.
ASTRAEA: Du sprichst seltsam von deinem Mann, Lyra.
LYRA: Mein Kopf ist außerhalb des Sacks. Ich konnte heute Morgen entkommen, indem ich Bad und Frühstück ausließ; und welch Erleichterung, allein im Zugwagen zu sein! Zumindest, solange der Lokomotivführer schnaubte. Wenn ich ihn innerhalb einer Woche wiedersehe, wird er einige Wahrheiten hören. Seine Vorstellung von Ehe ist es, die Frau in Gewahrsam zu nehmen. Mein Hut ist auf, und auch Pluriels Hut. Mein Fuß auf der Treppe – ich höre seine Stiefel hinter mir. Einen Moment lang bin ich allein in meinem Boudoir, dann öffnet sich die Tür zum Unvermeidlichen. Ich mache einen Besuch – er geht gerade am Haus vorbei, als ich es verlasse. Er wird nicht einmal so tun, als wäre er überrascht. Ich gehöre ihm, ich bin die Maus für die Katze. Und er wird in der Öffentlichkeit so tun, als würde er Mitleid mit mir haben. Und wenn ich…

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Sprich mit irgendjemandem – er ist das abscheuliche Abbild aller Spötteleien. Nach einer Reihe von Anrufen wirft man die Handschuhe beiseite; fühle deine Hand – da bin ich nun, endlich frei von ihm für meine halbe Tagzeit, falls es überhaupt so lange dauert.
ASTRAEA: Das ist eine der glücklichsten Ehen der Welt!
LYRA: Das ist eines der besten Gerichte der Welt! Und ich muss es ewig vor meinen Nasen haben. Spar mir die Erwähnung von Pluriel, bis er auftaucht – das wird sicher noch heute der Fall sein. Oh! Guter Ehemann! Guter Mann! Wie du willst – aber bitte etwas Ruhe für die vom Ehemann geplagte Ehefrau. Ich mag ihn, natürlich, aber ich möchte atmen können. Schließlich würde selbst ein englischer Junge, der ständig von einem Weihnachtspudding überwältigt wird, diese Situation hassen.
ASTRAEA: Sein Verhalten ist sicherlich ein Übermaß an Tugend.
LYRA: Ein Übermaß ist Gift. Ein Übermaß an Tugend ist ein schweres Verbrechen in der Moral. Es macht uns angewidert gegenüber der Tugend. Und du bist der listigste Fechter – mit Zunge oder Degen. Du bringst mich dazu, über mich selbst zu sprechen, und ich hasse dieses Thema. Übrigens hast du mit Herrn Arden geübt.
ASTRAEA: Ein langweiliger Lehrer, der dir erlaubt, seine Verteidigung zu durchbrechen, nur um dich für einen Treffer zu loben.
LYRA: Er gewinnt eher mich.
ASTRAEA: Zuerst schon.
LYRA: Er beginnt bereits, Pluriel zu verwenden – ohne dass es dafür eine Regel gibt, oder?
ASTRAEA: Die Fechtkurse sind vorbei.
LYRA: Setzen sich die Duette mit Herrn Swithins Cello fort?
ASTRAEA: Er hat die Melodie durchbrochen.
LYRA: Ich erinnere mich, es gab auch Lesungen aus Gedichten mit Herrn Osier.
ASTRAEA: Seine eigenen Kompositionen wurden aufdringlich.
LYRA: Kein Fechten, keine Musik, keine Poesie! Wahrscheinlich auch kein Westafrika.
ASTRAEA: Nun gut! Ich wehre mich. Du wirst mich zumindest nicht falsch verstehen, Lyra. Ich habe einen großen Bedauern: dass ich nicht zur Zeit der Amazonen gelebt habe. Sie waren frei von dieser Frage der Ehe – von diesem Gerede über Liebe. Warum werde ich so verfolgt? Er akzeptiert keine Ablehnung. Es gibt heilige Gründe. Ich werde von jeder Frau unterstützt, die ihr Ansehen schätzt. Ich werde durch die Wut, die ich bei ihnen empfinde, verdorben und verspottet.

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Ununterbrochener Verfolgungswahn. Und ich verachte Herrn Osier und Herrn Swithin, denn sie tun so, als wären sie mit der Dame einverstanden – in Wirklichkeit sind sie Verschwörer hinter ihrer Maske.

LYRA: Falsche, falsche Männer!

ASTRAEA: Sie kommen zu mir. Man lobt mich dafür, dass ich der schwache Punkt bin.

LYRA: Das begehrte Objekt wird normalerweise von Verehrern angesprochen, meine arme Astraea!

ASTRAEA: Unter der Annahme, dass ich weiblich bin, muss ich unweigerlich zum Opfer dieses schrecklichen „Konstruktors“, den sie Liebe nennen – und dass ich sofort an ihre erniedrigenden Heiratspläne denke.

LYRA: Einer von ihnen geht zu Herrn Homeware.

ASTRAEA: Alle werden nacheinander zu ihm geschickt. Er kann mit ihnen machen, was er will.

LYRA: Das ist wirklich meisterhaft, meine Liebe – sehr lobenswert von dir! Liebe, Heirat, eine Schar von Verehrern – und Onkel Homeware. Nein, darauf wäre mir niemals gekommen. Ich gelte schließlich als jemand mit Sinn für Humor. Natürlich kümmert er sich um sie. Er schien eine ziemlich positive Meinung von Herrn Arden zu haben.

ASTRAEA: Ich teile sie nicht. Er zeigt keinerlei Respekt vor den Gefühlen, die ich hege. Bitte, verschone mich mit Erwähnungen über ihn – genauso wie du es bei deinem Ehemann tust. Er hat diese erbärmliche Arroganz, die Männer glauben lässt, eine Frau müsse unbedingt empfänglich für die Aussage ihrer Leidenschaft sein. Mit ihm ist nicht zu diskutieren. Es ist für ihn unmöglich, sich vorzustellen, dass eine Frau einen Verstand haben könnte, der über die Bedingungen ihres Geschlechts hinausgeht. Ihrer Ansicht nach kann eine Frau kein Lebensideal haben – außer als Ball, den man in die Luft wirft und in einer Schale fängt. Lass ihn beiseite… Wir Frauen sind dem Heiraten geweiht – und wenn wir es meiden, sind wir wie Krüppel. Seine Sicht auf uns ist äußerst weltlich. Wir können keinen Schritt im Denken oder Handeln machen, ohne uns einem Ehemann zu unterwerfen. Das ist seine Logik. Natur! Ich muss ständig von Natur hören! Wir müssen über der Natur stehen, sage ich ihm – sonst werden wir weit darunter sein. Er gehört zu unseren klugen jungen Männern – und er kann unterhaltsam sein. Bisher ist er in Ordnung – und er hat eine angenehme Stimme. Ich wette, er ist der richtige Typ für Onkel Homeware. Mädchen mögen ihn. Warum konzentriert er seine Aufmerksamkeit nicht auf eines von ihnen – warum auf mich? Wir verschwenden unsere Zeit damit, über ihn zu reden… Das Geheimnis ist: Er hat keinen Respekt. Die Heirat, die er rühmt…

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Es ist nur eine praktische Regelung dafür, dass zwei Menschen unter der Führung der Natur zusammenleben können. Ehrfurcht vor dem Zustand der Ehe ist ihm fremd. Wie soll ich meine Gefühle beschreiben? Ich werde zum Schweigen gezwungen. Hört auf, über ihn zu sprechen… Er ist das Opfer seiner Eloquenz – er nennt es Leidenschaft. Ich muss mich einfach ihm anvertrauen – dann werde ich zu einer der verheirateten Frauen der Welt gehören! Worte sind nutzlos. Wie soll ich ihm klar machen, dass ich es bin, die den Zustand der Ehe durch Ablehnung respektiert – und nicht er, der ständig nachdrängt. Einmal verheiratet, für immer verheiratet. Witwe ist nur ein Begriff. Wenn Frauen sich ihm widersetzen können, wie ich es getan habe, werden sie mehr geschätzt. Ich habe Widerstand geleistet und gesiegt. Es tut mir leid, dass ich nicht der gleichen Meinung wie euer Liebling bin.
LYRA: Mein Liebling?
ASTRAEA: Ihr habt von ihm in warmen Worten gesprochen.
LYRA: In warmen Worten, wirklich?
ASTRAEA: Man kann Euch keinen Vorwurf machen, meine Liebe – er hat eine charmante Art.
LYRA: Ich halte ihn für einen männlichen jungen Mann, ziemlich klug – und auch gutaussehend.
ASTRAEA: Oh, er sieht gut aus.
LYRA: Und angeblich auch intelligent.
ASTRAEA: Für die Aufgaben der Welt, ja.
LYRA: Nicht romantisch.
ASTRAEA: Romantische Ideen sind etwas für träumerische Naive.
LYRA: Amazonen lehnen sie ab.
ASTRAEA: Lacht mich aus. Die Hälfte der Zeit lache ich über mich selbst. Ich würde meinen Stolz wiederfinden, wenn ich mich endlich entscheiden könnte. Ich habe die Kraft, Widerstand zu leisten – aber nicht die Kraft, mich zu bewegen.
LYRA: Ich sehe die Sphinx von Ägypten!
ASTRAEA: Und die ganze Zeit über bin ich eine „Pulverfabrik“ in diesem ruhigen, alten Weltkreis voller guter Seelen – mit ihren stereotypen Ausdrücken und ihrem Enthusiasmus; mit ihren feinen Köstlichkeiten – und der Freude, die sie daran finden, in allen Dingen übereinzustimmen. Für sie ist das beruhigend. Für mich ist es Anlass, aus Zimmern, Stühlen, Betten und Häusern zu fliehen. Ich schlafe kaum ein paar Stunden. Dann hinaus in die Morgenluft, zusammen mit den Vögeln – ich kenne kein anderes Vergnügen.

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LYRA: Krankenhausarbeit – in einer Variante: zivil oder militär. Bei der zivilen Variante ist es der Hauschirurg, bei der militärischen der dankbare Leutnant.
ASTRAEA: Nicht, wenn eine Frau widerstehen kann… Ich gehe dorthin in voller Rüstung.
LYRA: Was sagt die Dame?
ASTRAEA: Sie seufzt über mich! Es ist etwas ärgerlich, das zu hören.
LYRA: Wenn wir glauben, die Kraft von Riesen zu haben, und uns gesagt wird, wir sollen sitzen und lächeln! Du solltest mit ihr einige unserer alten, süßen, naiven Gartenversprechen aufsagen – „Karoline! Dame!“ Das brachte sie früher dazu, auf ihrem Stuhl zu tanzen.
– „Aber, liebe Dame, es ist für Frauen genauso natürlich, solche Erleichterung zu suchen wie für Männer; und das Natürliche wird siegen, Begonie! Es wird schon!“ Wir suchten im Buch der Botanik nach passenden Beschimpfungen. Ich glaube, unser Fehlverhalten führte dazu, dass wir dem guten Mann am Altar als angemessene Strafe übergeben wurden. Und du warst die Schlimmste unter uns.
ASTRAEA: Wirklich? Ich könnte es jetzt wieder sein – obwohl ich doch so sehr verändert bin.
LYRA: Du genießt es, mit deinem Spiral zu studieren, komm!
ASTRAEA: Professor Spiral ist der einzige ehrliche Mann hier. Er respektiert meine Prinzipien. Ich hatte nie Probleme mit ihm – keine dummen Anspielungen oder Seitenblicke – weißt du, wie der Hund bei dem verbotenen Knochen.
LYRA: Ein großartiger Redner.
ASTRAEA: Ja, das ist er. Du achtest nur auf seine kleinsten Gaben. Er ist intellektuell und moralisch überlegen.
LYRA: Solche Lobeshymnen bringen mich eher dazu, seine Untergebenen vorzuziehen. Er hat von deinen Weihrauchwolken gegessen. Ich hustete und kratzte am Kies – vergeblich; er verlangte immer mehr davon.
ASTRAEA: Professor Spiral ist ein Denker; er ist ein Weiser. Er gibt den Frauen, was ihnen zusteht.
LYRA: Und er ist auch Junggeselle – folglich…
ASTRAEA: Wenn du willst, kannst du mit mir genauso scherzen wie die Lyra in unseren Jugendtagen. Mein Lieber, wie froh ich bin, dass du hier bist! Du erinnerst mich daran, dass ich einmal ein Herz hatte. Es wird wieder schlagen, wenn du neben mir bist – und ich werde auf dich für Schutz zählen. Eine seltsame Bitte von mir – aus Ärger, meine ich. Es hat meinen Charakter völlig verändert. Manchmal habe ich Angst, daran zu denken, wer ich einmal war – aus Angst, plötzlich wieder unkontrolliert zu handeln.

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Pirouetten drehen und „Carnation!“ rufen! Da ist die Glocke – wir dürfen nicht zu spät kommen, wenn der Professor sich die Mühe macht, zum Essen Platz zu nehmen.
LYRA: Das klingt für den Professor sehr angemessen.
ASTRAEA: Arm in Arm, meine Lyra.
LYRA: Noch kein Plural!

(Sie betreten das Haus; die Zeit wechselt auf den Abend desselben Tages. Die Szene bleibt weiterhin der Garten.)

SZENE VI

ASTRAEA, ARDEN

ASTRAEA: Verzeihen Sie, wenn ich Sie nicht gut höre.
ARDEN: Ich werde Sie sicherlich nicht für barbarisch halten.
ASTRAEA: Doch, das bin ich. Ich bin das Objekt der Jagd.
ARDEN: Dann ist es der Jäger, der durch den Wald zieht – nicht Sie.

ASTRAEA: Jeden Moment muss ich fliehen – oder mich zur Verteidigung wehren. Wie kann ich da nicht barbarisch sein? Sie sind der Grund dafür.
ARDEN: Nein: Der Himmel, der Sie schön gemacht hat, ist der Grund.
ASTRAEA: Sagen Sie, Erde – die Ihnen Instinkte gegeben hat – bringen Sie mich doch auch zu solchen Instinkten! Wenn ich zufällig eine Weile mit unserem Professor spreche, tauchen Sie sofort auf, voller Eifer, wieder die verschwundene Hasen zu finden. Weg mit den Gedanken! Alles Göttliche verschwindet! Ich muss bedenken, wie jung Sie noch sind.

ARDEN: Sie müssen nur vier Jahre auf mich schauen – anstelle von vierzig!
ASTRAEA: Sir?
ARDEN: Das ist mein Unglück! Und noch schlimmer: Als Junge liebe ich wie ein junger Mann. Wenn ich doch nur dieses Feuer löschen könnte, dann könnte ich die Jugendlichkeit verbergen, die Sie so sehr stört.
ASTRAEA: Ich wünsche, Sie würden das tun. Ich wünsche es wirklich.
ARDEN: Unmöglich. Ich brenne.
ASTRAEA: Sie sollten nicht brennen.

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ARDEN: Es ist mehr als ich – es ist Feuer. Es beherrscht die Willigen.
Ihr würdet nicht sagen, ich solle es nicht tun, wenn ihr das Feuer kenntet.
Es ergreift, es verschlingt.

ASTRAEA: Trockenes Holz.

ARDEN: Kalter Verstand!
Wie kalt du sein kannst! Doch sei kalt – denn süß
Mussst du sein. Und deine Augen gehören mir: mit ihnen
Sehe ich mich selbst – unwürdig, den Platz einzunehmen,
Den ich für einen Moment innehalte. Solange ich blicke,
Habe ich mein Glück.

ASTRAEA: Du solltest höher blicken.

ARDEN: Durch dich zum Höchsten. Nur durch dich!
Durch dich ist das Ziel sichtbar, das ich erreichen kann,
Und ich habe die Kraft, davon zu träumen, es zu gewinnen.
Du bist der Bogen, der den Pfeil beschleunigt; du
Bist das Glas, das die Entfernung näher bringt. Meine Welt
Ist durch dich leuchtend, rein und himmlisch –
Doch hängt sie an der äußersten Blattspitze der Rose,
Nicht direkt am Herzen. Astraea! Meine geliebte!

ASTRAEA: Wir können ausgezeichnete Freunde sein. Und ich habe Fehler.
ARDEN: Nenne sie – ich sehne mich danach, noch mehr zu lieben.

ASTRAEA: Ich schwankte ständig: Ich habe
Keine Beständigkeit in Gefühlen oder Sicht.
Ich habe keinen Mut: Oft kann ich von Mut träumen –
Wenn ich aufwache, bin ich voller Furcht.
Ich bin unbeständig wie ein Schmetterling,
Und flach wie ein Bach mit wenigen Fischen!
Seltsame kleine Fische, die das Netz des kleinen Jungen verlocken –
Doch bei der geringsten Berührung tauchen sie sofort ab! Ich gehöre jedem – und niemandem! Ich bin eitel.
Lob für meine Schönheit hallt in meinen Ohren wider.
Der Lerche wird schwindelig davon; der Nachtigall
Weint bitterlich; die Blumen neigen sich –
Ich könnte einem Dichter glauben, selbst wenn er mich ins Gesicht lobte.

ARDEN: Noch nie hatte ein Dichter eine so göttliche Quelle,
Aus der er trinken konnte!

ASTRAEA: Habe ich dir mehr gegeben, um zu lieben?

ARDEN: Mehr! Du hast mir deinen inneren Geist gegeben,
In dem das Gewissen in den Gewändern der Gerechtigkeit
Ein so ruhiges, helles Licht ausstrahlt – dass in diesem Licht
Schöne Kinder, ich, der gerade erst zum Verbrecher wurde,
Wie dein Freund Osier sagt, vielleicht einige Fehler zeigen könnten.
Auch Seraphim könnten das! Noch mehr zum Lieben? Oh! Diese lieben Fehler…

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Führt euch zu mir wie Truppen lachender Mädchen
mit Girlanden. Die einzige Angst ist, dass ihr spottet,
indem ihr so tut, als wärt ihr sie.

ASTRAEA: Zu welchem Zweck?
ARDEN: Darf ich raten? ASTRAEA:
Ich glaube, du bist es, der den spöttischen Ton anschlägt.
Mein Gehör ist scharf – wenn du sprichst, klingen zwei Stimmen,
obwohl du leidenschaftlich sprichst. Deine Zitate wirken unpassend. Pass auf!
Warum warst du heute Morgen nicht bei unserem Treffpunkt?

ARDEN: Ich war unterwegs und traf deinen Onkel Homeware.
ASTRAEA: Ah!
ARDEN: Er liebt dich.

ASTRAEA: Er liebt mich – doch er hat mich nie verstanden.
Er liebt mich als ein Tier aus der Herde; etwas heller als die anderen.
Ja, er liebt mich, wie Männer lieben – nicht, um mich zu erheben,
nicht, um Vertrauen in mich zu haben, nicht, um mich zu vergeistigen.
Für ihn bin ich eine Frau, eine Witwe – eine aus der Herde,
ohne besondere Kennzeichnung außer einem Brandmal.
Er hat es gesagt! Du gibst es zu! Du hast gelernt,
seinen Fehler zu teilen und selbst fehlerhaft zu handeln.

ARDEN: Auf wessen Rat bin ich zu ihm gegangen?
ASTRAEA: Auf wessen?
Jene ständige Verfolgung – die Verfolgung.
Außerdem habe ich mich seitdem verändert: Ich verändere mich ständig;
es ist wahr, ich verändere mich. Ich könnte dich mehr schätzen,
würdest du dich auch verändern. Hättest du heute Morgen
die edlen Worte aus dem Mund unseres Professors gehört,
wärst du verändert worden – oder über Liebe, Liebesworte, Leidenschaft und Unruhe hinausgehoben,
hoch wie ewiger Schnee. Was sagte er noch, mein Onkel Homeware?

ARDEN: Dass du nicht frei seist – und dass er uns riet, unseren Verstand zu nutzen.
ASTRAEA: Aber ich bin frei! Ich bin frei, für immer frei zu sein!
Meine Freiheit hält mich frei! Er riet uns? Ich gehöre nicht zu einer Verschwörung.
Ich plane keinen Unfrieden in meinem gegenwärtigen Leben.
Wer das tut, kann ich nicht als Freund betrachten.
Nicht frei? Du kennst mich schlecht. Wäre ich gefesselt,
würde ich meine Freiheit für Freiheit verkaufen.

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Dem, der mir zur Befreiung für eine Stunde geholfen hat.
Doch vollkommene Freiheit…

ARDEN: Nein.

ASTRAEA: Herr, prüfen Sie mich?

ARDEN: Vollkommene Freiheit?
ASTRAEA: Vollkommen!
ARDEN: Nein!
ASTRAEA: Bin ich wach? Was blendet mich?

ARDEN: Fäden – die feinsten, die je um ein Gehirn gewoben wurden. Aus den Nebeln des Gehirns, von dem kleinen Geist namens Fantasie. Ein Atemhauch würde sie zerstreuen – doch dieser Atemhauch muss aus Lebenskraft stammen. Wenn das Herz wie ein gefrorenes Meer ist, spinnt das Gehirn Netze.

ASTRAEA: Das ist sehr seltsam! Ich verstehe. Sie übersetzen geschickt. In Versen höre ich die Prosa meines Onkels Homeware. Er hat solche Vorstellungen. Alte Männer wagen es, uns zu lesen.

ARDEN: Junge Männer können es. Sie blicken auf ein Ideal, das Sie widerspiegelt – muss ich sagen, schön? Doch es spiegelt weniger Schönheit wider als die Frau, die ich liebe – sie atmet, strahlt. Blicken Sie in mir auf sich selbst. Was ist daran schlimm? Sie sind diese Blume, Sie sind jener Geist. Doch der Geist, der mit der Substanz der Blume ernährt wird, nimmt all ihre Pracht an! Und wo liegt in den Geistern die Pracht der Blume?

ASTRAEA: Das ist sehr seltsam. Ihr Ton hat sich völlig geändert.

ARDEN: Sie wollten eine Veränderung. Um Ihnen zu zeigen, wie ich Sie lese…

ASTRAEA: Oh! Nein, nein. Das bedeutet Analyse. Ich habe noch nie von einer Art des Lesens gehört, die nicht Analyse bedeutet. Sparen Sie mir das. Ich bin stur, gewalttätig, launisch, schwach – gefangen in einem Netz meiner eigenen Spinnwheel, eine Sternenbeobachterin, ein Band im Wind…

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ARDEN: Ein Banner im Wind! Und du führst mich – und wirst es tun! Zumindest werde ich folgen, bis ich gewinne.

ASTRAEA: Hüte dich, ich flehe dich an.

ARDEN: Ich hatte deine Hand in meiner.

ASTRAEA: Einmal.

ARDEN: Einmal! Einmal war das Herz noch lebendig, sprang vor, um das Eis zu durchbrechen. Oh! Einmal lachte man über den kalten Mai, als wäre es der Rückkehr des Frühlings. Du sagst, du seist verängstigt – du wagst es nicht, zu schmelzen. Du magst mich; du könntest mich lieben – doch den Mut dazu aufzubringen, erfordert mehr als nur Tapferkeit. Ehrfurcht, Freunde – Selbstverehrung, die oft aus Misstrauen gegenüber sich selbst entsteht – versperren dir den guten Weg und machen aus einem Traum eine Festung und ein Gefängnis.

ASTRAEA: Verändert! Du hast dich wirklich verändert. Als du so kühn meine Hand ergriffst, schien es ein kindischer Ausbruch zu sein. Ich wunderte mich über die Wahl von Professor Spiral – dich als Vorbild und Hoffnung für uns. Jetzt wirst du gefährlich. Du musst darüber nachgedacht haben – und einige Dinge, die du sagst, sind wahr – außer „verängstigt“. Es mag dem süßen Selbstliebe schmeicheln, anzunehmen, ich sei verängstigt. Doch es ist meine eigene Seele, mein Herz, mein Verstand – all das, was ich am meisten heilig halte –, nicht die Furcht vor anderen, die mich dazu bringt, Abstand zu halten. Wer verängstigt mich? Wer könnte das? Freunde? Niemals! Die Welt? Auch nicht. Verängstigt!

ARDEN: Verzeih mir.

ASTRAEA: Ich könnte antworten: Respektiere mich. Wenn ich lieben würde, wenn ich so untreu wäre, zu lieben – glaubst du, ich würde meine Schande lieber öffentlich bekunden, um Buße zu tun, anstatt zuzulassen, dass Freunde durch ein Bild von jemandem getäuscht werden, der sich für übermenschlich hält – während er in Wirklichkeit zum Gespött über menschliche Dinge geworden ist.

ARDEN: Würdest du deine Liebe bekennen?

ASTRAEA: Ich sagte: meine Schande. Die Frau, die Witwe ist, ist gefangen, in den Fesseln gefangen! Weg mit den Witwen! – Oh! Ich höre Männer schreien.

ARDEN: Aber es gibt keine Schande.

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Für mich bedeutet Liebe: Deshalb darf ich doch
deine Freunde als Zeugen holen – sag ihnen, dass mein Stolz
in der Liebe zu dir liegt.

ASTRAEA: Bald wird die Stille herrschen,
die zwischen uns beiden sein sollte – und bald werde ich Ruhe finden.

ARDEN: Und du stimmst zu?

ASTRAEA: Um des Friedens und der Stille willen stimme ich zu.
Du solltest gewarnt werden: Du wirst sie grausam stören. Doch es ist am besten so.
Deine Bitten werden vergeblich sein – aber es ist am besten so.
Ich gebe dir meine volle Zustimmung. Überlege gut, was du tust –
du kannst nicht dort ruhen, wo du diesen „Pfeil“ geworfen hast.
Nimm das zur Kenntnis: Du bist bei ihnen geschätzt und geliebt –
sie sind ehrenwerte Damen, warmherzige Freundinnen. Auch wenn du denkst,
sie seien zu hochmütig für deinen strengen Verstand –
sie haben einen klaren Verstand. Wenn du sie erst kennst, wird deine Verbannung dich quälen.
Ich würde solche Risiken nicht eingehen. Du wirst sie beleidigen,
ihre Ruhe stören – obwohl sie das nicht verdient haben. Doch ich,
da ich in deinen Augen nichts bedeute, stimme notgedrungen zu.
Wenn du es dir überlegt hast, lass es mich wissen.
Mein Onkel Homeware kommt gerade hierher.
Wir haben lange gesprochen – und das ganz offen sichtbar!

SCENE VII

ASTRAEA, ARDEN, HOMEWARE

HOMEWARE: Astraea, Kind! Du, Arden, tritt beiseite.
Ach, wäre sie eine Jungfrau, könntest du zuerst sprechen –
doch da sie Witwe ist, muss sie selbst sprechen.
Astraea, sie warten auf dich. Sage die Wahrheit, sobald man dich fragt – ohne Furcht.
Beginne den Kampf mit „Artillerie“.

ASTRAEA: Was ist los, Onkel Homeware?

HOMEWARE (als Fuchs): Was?
Wir haben die ganzen Vorbereitungen vom Fenster aus beobachtet –
jetzt geh hinein! Ihre Geduld ist zu Ende. Wie ich schon sagte:
Sei bereit und feuere sofort.
Deine Tanten Virginia und Winifred sowie Lady Oldlace sind die Senatoren –
die „Damen für Hunde“. Sie haben ernste Mienen –
aber erschreck nicht, mein liebes Kind. Sag ihnen, dass Onkel Homeware deine Wahl unterstützt – durch Anwälte und Priester, durch Altar, Quelle und Testament!

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ASTRAEA: Meine Wahl! Was habe ich gewählt?
HOMEWARE: Sie fragt? Hörst du sie, Arden? – Was und wen!
ARDEN: Sicherlich, Herr! ... Mein Gott! Haben Sie...

HOMEWARE: Sicherlich ist der alte Fuchs,
in allem, was ich gelesen habe, klüger als der Junge:
Und wenn es ein Spiel für Füchse gibt,
spielt der alte Fuchs am listigsten.

ASTRAEA: Warum Fuchs? Oh! Onkel,
Ihr lässt mein Herz vor Eurem Rätsel pochen;
Ich habe nie Rätsel gemocht. Warum warten sie
auf mich und sehen so furchterregend aus?

HOMEWARE: Es wird von einem alten Volk berichtet,
das Götzen anbetete, dass eines Tages
ihr Götze vor ihnen auf den Boden fiel.

ASTRAEA: Ist jemals eine so lächerliche Geschichte gewesen!
HOMEWARE: Um die Diener zur Rechenschaft zu ziehen,
setzten sich ihre Ältesten sogleich hin...

ASTRAEA: Gibt es keinen Gebetstext,
der Euch bewegen könnte, Onkel Homeware?

HOMEWARE: Gottestochter,
diesen Herrn habe ich für Euch als Ehemann vorgeschlagen.

ASTRAEA: Arden! Wir sind verloren.
ARDEN: Astraea!
Stütze ihn! Obwohl ich seine Absichten nicht kannte,
versetzt er mich in den Himmel hinauf. Wenn doch
nicht du, sondern ich den Schlag tragen müsste. Meine Liebe!
Wir sind verloren, weinst du; du rechnest mich zu deinem Verlust mit!
Die Wahrheit spricht aus deinem Herzen: und möge sie leuchten,
um uns am strahlenden Tag unserer Schlacht
und des Sieges zu erleuchten.

ASTRAEA: Wer hat mich verraten!
HOMEWARE: Wer hat verraten?
Eure Stimme, eure Augen, euer Schleier, euer Messer und Löffel;
Eure zehnfache Verehrung Eurer Witwenschaft;
Wie jemand, der sieht, muss er die Flagge abgeben,
umarmt sie jedoch schwörend – ertrinkend in Stroh.
Um vernünftig zu sein: Ihr habt diesen Herrn geschickt
und ihn mir übergeben....

Page 390

ASTRAEA: Und das ist falsch.
Alles ist falsch. Ihr habt konspiriert. Ich bin gedemütigt.
Aber ihr werdet erkennen, dass ihr falsch geurteilt habt.
Ich bin nicht das schwache Wesen, das ihr euch vorstellt.
Zwischen eurer Auffassung vom Ziel des Lebens und der ihren –
derer, die mich bald befragen werden – halte ich mich
an ihre Ansichten wie an das Licht; eure Ansichten hingegen halte ich für ein Versteck,
in dem Seelen keinen Wachstum finden können.

HOMEWARE: Aber als wir den Punkt erreichten, an dem man sich die Hände reicht – war da nicht endlich die richtige Zeit, an eheliche Bande zu denken?

ASTRAEA: Arden, Lebewohl!
(Sie stürmt ins Haus.)

SCENE VIII

ARDEN, HOMEWARE

ARDEN: Lebewohl! Das hat sie gesagt. Für sie ist dieses Wort endgültig.

HOMEWARE: Seltsam! Wie können junge Menschen Worte wie Wolken
in den Wind blasen – mal schön, mal hässlich, je nach Laune –
und dennoch weiterhin das Schicksal mit diesen Worten verbinden?

ARDEN: Sie ist verletzt – tief verletzt!

HOMEWARE: Umso schneller unser Erfolg: Denn diese Damen, die für alles Empfinden,
empfinden doch nichts.

ARDEN: Ihre Absicht war gut, lieber Herr – aber Sie haben mich ruiniert.

HOMEWARE: Gute Nacht. (Gehrt ab.)
ARDEN: Doch sie sagte, wir seien verloren – in ihrer Überraschung.
HOMEWARE: Guten Morgen. (Kommt zurück.)

ARDEN: Ich glaube, ich bin verpflichtet –
(wenn ich nur wüsste, wofür ich dankbar sein sollte!) –
Ihnen zu danken, Herr.

HOMEWARE: Schauen Sie genau hin – aber danken Sie nicht.
Ich fand mein Mädchen auf dem Weg der unkontrollierten Koketterie – und versperrte ihr den Weg.
Entweder springt sie über die Bar oder sie muss zurück.

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Das bedeutet, sie heiratet dich – oder verabschiedet sich von dir.
(Wieder geht er.)

ARDEN: Jetzt ist sie bei ihnen. (Schaut aus dem Fenster.)
HOMEWARE: Jetzt sieht sie ihren Verstand.
ARDEN: Nun entscheidet sie über mein Schicksal!
HOMEWARE: Auf der Erde und überall sonst herrscht nun Spannung.
ARDEN: Sie gehört jetzt mir – mir! Oder ich bin zum Gehen verurteilt.
HOMEWARE: Der Ehering – oder das Portemonnaie!

ARDEN: Lache, so viel du willst, Luft! Ich schäme mich nicht, sie zu lieben und zu besitzen.

HOMEWARE: So zeigen sich die Anzeichen. Richtig, junger Mann – das beweist eine gute Abstammung. Es ist eine Pflicht gegenüber der Menschheit, dies weiterzuführen. Ich habe meinen Beitrag geleistet – aber denk daran: Das alte Ilion wurde nicht an einem Tag erobert.
(Er tritt ins Haus.)

ARDEN: Zehn Jahre! Wenn ich sie am Ende doch noch gewinnen kann!

Vorhang.

E-Text-Editor-Buchmarken:
Eine großartige Rede kann beruhigend wirken.
Ein männlicher Anhänger steht kurz vor einem Wunder.
Über der Natur – sage ich ihm – oder wir werden weit unter ihr sein.
Wie in jeder großen Rede: Der Schlüssel dazu ist das Pathos.
Vom Altar zurückkehren, um festzustellen, dass sie sich selbst gefesselt hat.
Cupid ohne Flügel ist ein zerstörerischer Parasit.
Übermäßige Tugenden gelten in der Moral als schweres Verbrechen.
Seine Vorstellung von Ehe ist es, die Frau in Gewahrsam zu nehmen.
Ich bin ein dissonantes Instrument – ich schwinge nicht leicht.
Ich mag ihn, natürlich – aber ich möchte atmen.
Ich, der ich den Zustand der Ehe respektiere, indem ich ablehne…
Liebe und Krieg wurden miteinander verglichen – beides erfordert Strategie.
Frieden – ich bitte darum für die vom Ehemann geplagte Frau.
In einer bestimmten Lebensphase wird ein Mann zu übermäßig beständig.
Jämmerliche Arroganz bei Männern.
Sie freuen sich über ihre gemeinsame Übereinstimmung.
Selbstverehrung – das ist oft Selbstzweifel.
Alle jungen Männer und die meisten jungen Frauen werden misstrauisch betrachtet.
Ihr Idol liegt vor ihnen auf dem Boden.
Würde ich gefesselt sein – für die Freiheit würde ich meine Freiheit verkaufen.
Die Frau, die von ihrem Ideal zur groben Realität des Mannes herabsteigt.
Deine Hingabe verlangt einen enormen Austausch.

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Verschiedene Prosa

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INHALT:
EINLEITUNG ZU W. M. THACKERAYS „DIE VIER GEORGEs“
EINE PAUSEN IM KAMPF.
EIN KOMPROMISS FÜR DIE KELTER.
LESLIE STEPHEN.
KORRESPONDENZ VOM KRIEGSSCHAUPLATZ IN ITALIEN – BRIEFE, DIE VOM KRIEGSSCHAUPLATZ IN ITALIEN AN DIE „MORNING POST“ GESCHRIEBEN WURDEN.

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EINLEITUNG ZU W. M. THACKERAYS „DIE VIER GEORGE“
William Makepeace Thackeray wurde am 18. Juli 1811 in Kalkutta geboren – als einziges Kind von Richmond und Anne Thackeray. Den größten Teil seiner Ausbildung erhielt er, wie wir zu unserem Vorteil wissen, im Charterhouse. Danach ging er nach Cambridge, wo er von Februar 1829 bis irgendwann im Jahr 1830 blieb. Anhand von Zitaten und Anspielungen lässt sich erkennen, dass sein Lieblingsautor unter den Klassikern Horaz war – der Favorit des 18. Jahrhunderts und im Allgemeinen die Stimme seiner Philosophie in einem wohlhabenden Land. Seine Reise aus Indien ermöglichte es ihm, Napoleon auf der felsigen Insel zu sehen. In seiner Jugend zeigte er Goethe von Weimar ehrfürchtig seinen Respekt – doch das hinderte ihn nicht daran, die Schwächen von „Werther“ aufzuzeigen.

Er war von Natur aus äußerst empfänglich und besaß zugleich einen scharfen Verstand. Zudem war er ein ruhiger Beobachter – mit „dem Ertrag eines ruhigen Blicks“. Aus dieser Kombination sowie aus der Fülle an Themen, die in seinem Geist bewertet wurden, entstand sein ausgeprägter Humor, seine Neigung zur Satire sowie seine bemerkenswerte kritische Ironie, die in seinen Werken deutlich werden. Seine Parodien, selbst jene, die ins Burleske gehen, sind Ausdruck einer Kritik und wirksamer als die ernsthafte Herangehensweise – wobei sie selten die Grenzen der Fairness überschreiten. Die Romane von Thackeray verfälschen die Originale nicht, sondern überzeichnen sie lediglich. „Sieyes an Abbe“ – nun ein grausamer Rettungsschwimmer – zeichnet das Bild des fröhlichen irischen Schriftstellers, ohne ihn zu entstellen; der geheimnisvolle Besucher des prächtigen Hauses in Holywell Street zeigt die Möglichkeiten der orientalischen Vorstellungskraft dieses bedeutenden Staatsmannes, der sich darauf einließ, die Realität durch Fiktion zu beherrschen. In seinen großen Romanen zeigt Thackeray die Haltung eines gelassenen, weltgewandten Redners, der auf Augenhöhe mit einem ausgewählten Publikum steht und sicher ist, Interesse zu wecken – mehr noch als nur die üblichen Anforderungen. Die langsame Erzählweise verleiht dem Text eine anmutige Stilistik, die wie der Tanz des „Minuet de la Cour“ bezaubert; es ist die Klarheit von Addison, gewürzt mit dem Salz einer lebendigen Umgangssprache. Die Darstellung der Charaktere sowie die Dialoge sind so realistisch, dass man meinen könnte, sie kämen direkt aus dem Mund lebender Menschen. Als die Charaktere in „Vanity Fair“ so weit entwickelt waren, wurde ihr Autor zu Recht als einer der Gründerväter unserer Literatur geschätzt.

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Der Ort, den er für sich behalten wird. Mit diesem großartigen Buch sowie mit „Esmond“ und „The Newcomes“ gab er der englischen Literatur einen namhaften, einzigartigen und geliebten Namen. Anschuldigungen des Zynismus sind gegen alle Satiriker üblich – Thackeray musste damit umgehen. Die Gesellschaft, die er betrachtete, zeigte ihm keine Helden, nur hier und da eine einfache, gute Seele, gegenüber der er auf die unhysterische Weise eines englischen Vaters handelte, der seinem Sohn über den Kopf streicht. Er beschrieb seine Welt so, wie ein genauer Beobachter sie sah – er konnte nicht unaufrichtig sein. Keine Seite seiner Bücher zeigt Bosheit oder Spott gegenüber der Menschheit. Zur satirischen Tätigkeit wurde er durch die Umstände um ihn herum getrieben. Im Satiriker muss ein Moralist stecken, wenn die Satire Wirkung zeigen soll. Der Effekt der Satire wird schwächer und die Kunst wird verletzt, wenn dieser Moralist in den Vordergrund tritt. Doch Thackeray hielt ihn immer wieder zurück – auf die Weise eines gutmütigen Polizisten. Für die Frommen mag Thackeray zynisch erschienen sein, weil er ihn davon abhielt, auf der Kanzel vor Gemeinden voller Sünder zu sprechen. Der Moralist hätte diese Stelle eingenommen und mit Donnerstimme gesprochen – das sehen wir daran, dass er die Angebote einer so verführerischen Persönlichkeit für die satirische Funktion ablehnte. Er selbst war eines der mutigsten und gütigsten Menschen – doch seine Liebe zur Kunst machte ihn anfällig für Fehldeutungen. Er leistete in seiner Zeit große Dienste. Wenn die schlechten Manieren, gegen die er kämpfte, heute bis zu einem gewissen Grad abgenommen haben, dann schulden wir ihm Dank dafür, dass wir viel ihm zu verdanken haben. Und falls das Unheilbare weiterhin bei uns bleibt, wird das kontinuierliche Lesen seiner Werke zumindest dazu beitragen, dagegen anzukämpfen.

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Eine Pause im Streit – 1886
Unsere „Eriniad“, also die Balladenepik über die Emanzipation der Schwesterinsel, schließt ihren ersten Akt für den Sänger ab – mit einem Ergebnis, das jene Engländer, die etwas über ihre Landsleute wissen, bereits vorausgesehen hatten. Es gibt ausreichende Gründe dafür, warum die Tories immer in der Lage sein sollten, zusammenzubleiben; doch sollen sie das Verdienst um Kohäsion und Disziplin für sich beanspruchen. Obwohl sie für ihre eigenen Ziele handeln, gewannen sie die Achtung ihrer Verbündeten – was ihnen in den kommenden Kämpfen zugutekommen wird. Ihre Führer scheinen erkannt zu haben, was der Gegner nicht deutlich erkennen konnte: dass die Spaltung der Liberalen einen dauerhaften Austritt der alten Whigs bedeutet und somit die Entstehung einer mächtigen Kraft gegen den Radikalismus einleitet – mit einem starken Appell an das Land. Sie besitzen taktische Klugheit. Wenn sie auf ihren Sieg etwas zu stolz zu sein scheinen, dann liegt das einfach daran, dass sie, wie es ihnen entspricht, nicht in die Zukunft blicken. Sich über den Gewinn eines Tages zu freuen, ohne eine klare Vorstellung vom Morgen zu haben, ist äußerst kindisch. Jeder Sieg der Tories ist, so könnte man sagen, nichts weiter als eine Pause im Streit – es sei denn, der Radikalismus wird eingesetzt, um die Whigs zu schwächen; dann sind die Tories durch ihre Vereinigung mit diesen gezwungen, auf gewaltsame Auseinandersetzungen sowie auf die Umkehrung der bisherigen Politik in der Zeit von Derby-Disraeli zu verzichten. Sie sind durch diese neue Allianz so stark belastet, dass ihr „Jack-in-the-Box“, Lord Randolph, wie ein gewöhnlicher Wachposten dienen muss und seine eigentliche Stärke erst unter Beweis stellen kann. Angesichts ihres Eintritts in die Regierung müssen sie, um auch ihre eigenen Wähler zufriedenzustellen, einen Plan vorlegen – ihre Mehrheit im Parlament wird dies erfordern. In diesem Sinne ist Herr Gladstone also noch nicht besiegt. Die von ihm angestoßene Frage wird niemals erlöschen, solange das brennbare Material nicht zu Asche geworden ist. Persönlich jedoch muss er einen heftigen Rückschlag hinnehmen. Die Tories können darüber sicherlich jubeln. Die Radikalen müssen dies akzeptieren und die Gründe dafür aufzeigen. Zwischen einem Manns Feinden und Freunden entsteht ein grobes Bild seines Charakters – ein Bild, das zwar Ähnlichkeiten mit der endgültigen Bewertung aufweist, aber an dem fehlende, notwendige historische Feingefühl bezüglich bestimmter Aspekte ist. Einerseits wird er als „Ein-Mann-Macht“ diffamiert; andererseits wird er für seine bemerkenswerte Intuition bezüglich des Volkswillens gelobt. Man kann daran glauben.

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Dass er kaum danach strebt, diktatorisch vorzugehen – und dass seine ägyptische Politik Schritt für Schritt eine Fehldeutung des Willens des englischen Volkes war, steht außer Frage. Er begann diese Kampagne, wobei der „Zeigefinger Ägyptens“ erneut gegen ihn gerichtet war. Dennoch versteht er die englische Sprache; er hat außerdem die gefährliche Neigung, Gesetzentwürfe auf die Weise zu erstellen, wie es Jupiter in Verbindung mit Minerva tut. Er erkannte die Notwendigkeit sowie die Konsequenzen daraus; er definierte klar, was geschehen musste. Mit einem höheren Motiv als der Eitelkeit, mit der seine Feinde ihn beschuldigen – wenn auch nicht mit einer so weisen Beratung wie die der Weisheit an seinem Ohr – arbeitete er allein daran, den gesamten Gesetzentwurf selbst auszuarbeiten, und übergab ihn anschließend seinem Kabinett zur Prüfung. Zu sehr verliebt in das, was er geschaffen hatte, ließ er keine ernsthafte Änderung dessen zu. Deshalb entstand das Chaos. Er arbeitete für die Zukunft, erstellte einen Gesetzentwurf für die Zukunft – doch wurde im Hier und Jetzt zerstört. Wahrscheinlich kann er nur aus dem Impuls seines Enthusiasmus heraus, allein, arbeiten. Das ist eine Methode, die dazu führt, dass Menschen übermäßig in ihre eigenen Schöpfungen verliebt werden. Die Folge wird wohl sein, dass Irland früher Gerechtigkeit erhält, um seine Wünsche zu stillen, als es unter dem United Liberal Cabinet der Fall gewesen wäre – doch zu einem Preis sowohl für Irland als auch für England. In der Zwischenzeit haben wir ein Unterhaus, das unfähig ist, öffentliche Angelegenheiten zu regeln; die Händler, denen die Times ihr Beileid zum Verlust ihrer Geschäftsmöglichkeiten aussprach, werden mehr als nur das eine verlieren. Wir werden erkennen müssen, dass wir einen Feind in unseren Reihen haben – bis ein Volk, das langsam denkt, sich auf seine eigene Großzügigkeit besinnt und dem großzügigsten Volk der Welt Vertrauen schenkt.

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Konzession an die Kelten – 1886
Draußen vor einem Ameisennest ist es ruhig – bis ein Stock hineingestoßen wird.
Mr. Gladstones Gesetzentwurf zur Unterstützung einer weiseren Regierung in Irland hat unsere eifrigen Bürger dazu gebracht, sich einzumischen. Was auch immer gegen einen Gesetzentwurf gesagt werden mag, der viele empfindliche Interessen berührt, bleibt die Frage: Hätte etwas weniger Drastisches England dazu bringen können, endlich dieses Problem ernst zu nehmen und es zu lösen? Der liberale Führer hat darauf bestanden – manche halten das für unbesonnen, im Stil eines demagogischen Politikers; auf jeden Fall hat es die Bequemen und Diejenigen, die lieber weiterhin mit dem Problem leben, statt sich davon beeinflussen zu lassen, verärgert. Sie können zwar eine klare Ablehnung aussprechen – doch selbst sie, nach über achtzig Jahren innerer Unruhen und angesichts der über achtzig Abgeordneten, die sich für die Selbstverwaltung aussprachen, wurden dazu bewegt, nach Alternativen zum umstrittenen Gesetzentwurf zu suchen. Wie sehr leiden wir doch unter dem nutzlosen Gebrauch des Wortes „praktisch“ – das ist doch Verachtung gegenüber jeder Voraussicht! Viele der jetzt vorgeschlagenen Maßnahmen, als bessere Alternative zur Lösung durch Gewalt, sind vernünftig und gerecht. Vor zehn Jahren oder in einer früheren Zeit, bevor Mr. Parnell an Anhängern gewann, hätten sie eine Grundlage für die Beruhigung des Landes gebildet. Die Einrichtung von Bezirksräten, die Abschaffung des verhassten Castles sowie die Schaffung einer königlichen Residenz in Dublin wären gute Schritte gewesen – sowohl materiell als auch emotional gesehen. Doch jetzt werden sie zu spät vorgeschlagen. Sie gelten als unbedeutende Konzessionen, unzureichend und lästig. Sowohl die einfachen als auch die höheren Schichten der Bevölkerung werden vom Eifer derer angetrieben, die unter der Führung eines vertrauenswürdigen Anführers voranschreiten – und sie wollen keine weiteren „Kompromisse“. Unbedeutende Konzessionen sind ein Zeichen von Schwäche gegenüber den Unzufriedenen; sie wecken nur weiteren Appetit, ohne die Probleme wirklich zu lösen. Wenn unser Ziel tatsächlich darin besteht, die Iren zu besänftigen, dann müssen wir ihnen das Parlament geben, das ihr Anführer fordert. Vielleicht hätte es einmal weniger sein können – doch vielleicht wird daraus etwas Unerträgliches.

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Ringen – und noch mehr. Die Völker zahlen hohe Preise für mangelndes Vorausdenken. Die Forderungen von Herrn Parnell sind in dem Gesetzentwurf von Herrn Gladstone enthalten, dem er sowie seine Anhänger zugestimmt haben. Sein einziges Anliegen ist ein gesetzliches Parlament, damit Irland sich selbst zivilisiert regieren kann. Als Vertreter seines Landes wendet er sich an ein applaudierendes Publikum und führt die völlige Unfähigkeit Englands, diese Regierungsaufgaben zu erfüllen, als mindestens logische Begründung für seine Forderungen an. England hat offensichtlich versagt – die Welt sagt das, das Land gibt es zu. Wir haben versagt – und zwar nicht, weil der sogenannte Sachse unfähig wäre, den Kelten zu verstehen, sondern aufgrund unseres Systems der Parteiherrschaft, das ständig eine wechselnde Macht an der Spitze hat und somit zu Unruhen führt, die wiederum besänftigt werden müssen. Den Iren – und bis zu einem gewissen Grad auch den Engländern – wurde beigebracht, dass Geschrei in seinen verschiedenen Formen der Schlüssel ist, um die Ohren der Minister zu erreichen. Wir haben sie dazu ermutigt, dies zu tun – bis es zu einer Gewohnheit, zu einer „erblichen Berufung“ für sie wurde. Die Minister wiederum haben zur Verteidigung die Künste des Täuschens angewandt, ergänzt durch polizeiliche Maßnahmen. Wir gewöhnten uns an Perioden des irischen Aufruhrs. Die daraus resultierende Erschöpfung nannten wir Ruhe und hofften, dass sie Früchte tragen würde. Doch wir pflanzten nichts an. Die amtierende Partei konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf das Dringendste – auf das, was sie bedrängte. Obwohl wir gemeinsam mit einer Krankheit lebten, die immer wieder ausbrach und stets eine Bedrohung darstellte, beschränkte sich die Idee der Minister, diese Krankheit zu bekämpfen, vor der Verabschiedung von Herrn Gladstones wohlmeinendem Landgesetz auf gelegentliche Einsetzung von Kommissionen. Im Laufe der Geschichte wurde die irische Krankheit letztendlich als eine Art britischer verfassungsmäßiger Gicht behandelt. Das Parlament kümmerte sich um die Iren nur dann, wenn diese wie ein Virus aktiv wurden. Unsere späteren Wechsel zwischen Schmeichelei und Repression ähneln schmerzhaft den Anfällen von Menschen, die verzweifelt versuchen, ihren Sitz zu behalten. Die Schmeichelei war töricht, wenn ein bestimmtes Ziel im Blick stand; die Repression ineffektiv. Um effektiv zu unterdrücken, muss man ein Gewissen ersticken, das einen wegen alter Ungerechtigkeiten anklagt, und vergessen, dass man dem Freiheitsideal verpflichtet ist. Die Rufe nach Cromwell oder Bismarck beweisen die Existenz einer ungeduldigen Fraktion unter uns, die eher bereit ist, die Halsbänder jener Herrscher zu tragen, die sie anrufen, als einen Stimmzettel in die Urne zu werfen. Was die bedeutenden Politiker angeht, die ihre Rivalen teilweise aufgrund einer stillschweigenden Zustimmung zu diesen Rufen verdrängt haben, so werden wir sehen, wie sie die Situation erhellen.

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Räte eines regierenden Volkes – sie sind weiser als die bellenden Hunde.
Cromwell und Bismarck sind große Namen; doch die Quälung Irlands hat das Land nicht beruhigt. Eine Germanisierung Posens und die Bezeichnung dieses Vorgangs als Frieden finden nur im Deutschen Widerhall. Posen ist der Fehler eines Herrschers, der zu sehr darauf aus ist, Hindernisse niederzuschlagen. Er besitzt zwar den Hammer – kann man sich aber vorstellen, dass dieser in englischen Händen liegt? Ein mutigerer Vertreter bei der Bewältigung monströser politischer Aufgaben ist Cavour – er hätte niemals auf eiserne Methoden oder Gewalt zur Beruhigung des Landes zurückgegriffen. Cavour forderte Debatten heraus; er hatte Vertrauen in den aktiven Verstand – und das ist es, wofür Staatsmänner beten sollten, die dauerhafte Erfolge anstreben. Die Iren führen zwar keine Argumente kühl durch – Herr Parnell und seine Anhänger haben dem konservativen Führer sowie seinen Anhängern im Unterhaus nicht mit der Ernsthaftigkeit platonischer Streitpartner entgegentreten. Doch sie haben eine logische Position, die den besten Argumenten gleichkommt. Sie seien, so würden sie sagen, Vertreter eines Landes, das von uns zweifellos schlecht regiert wird – und sie hätten den Gesetzentwurf des besiegten Ministers als endgültig akzeptiert. Seine Bestimmungen seien ihre Friedensbedingungen. Im Gegenzug bieten sie an, die Last, unter der wir leiden, von unseren Schultern zu nehmen. Wenn wir antworten, dass wir sie für unaufrichtig halten, dann beschuldigen wir diese dreimal anerkannten Vertreter des irischen Volkes, Heuchler und listige Verschwörer zu sein. In England gibt es Menschen, die von den Mitteln beeinflusst sind, die sie verwendet haben, um zu ihrer gegenwärtigen Stärke zu gelangen – und die tatsächlich so denken. Dabei vergessen sie, dass unsere Gleichgültigkeit gegenüber ihren ständigen Appellen sie zu extremen Handlungen getrieben hat. Doch es lässt sich kaum leugnen, dass diese Männer Irland lieben – und sie haben durch ihre Taten nicht gezeigt, verrückt zu sein. Zu behaupten, sie würden für eine Trennung konspirieren, deutet darauf hin, dass man annimmt, sie hätten weder Herz noch Verstand. Für Irland bedeutet eine Trennung sofortige Zerstörung – für diese Verschwörer wäre die Reise zum Untergang des Schiffes äußerst kurz. Die vitale Notwendigkeit der Union für beide Länder – insbesondere für das schwächere der beiden – ist ihnen bekannt. Und solange wir weiterhin diesen „wilden“ Kelten reizen, haben wir keinen vernünftigen Grund, ihn wie einen Verrückten zu behandeln. Er besitzt neben seinen Leidenschaften auch gesunden Verstand – und seine Leidenschaften können durch wohlwollende Einflüsse richtig gelenkt werden. Das ist eine Sprache, die vom siegreichen Feind verspottet wird – doch sie drückt trotzdem aus, was die Welt – und sogar das gestörte Amerika – über den irischen Kelten denkt. Mehr davon auf unserer Seite des Kanals wäre nützlich. Die Vorstellung, dass er die Engländer hasst, rührt von seinem heftigen Widerstand gegen die Herrschaft Englands her – und wenn er von seinen Leidenschaften überwältigt wird, dann…

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Unbeherrscht in seinen Schreien und Handlungen – das gehört zu seiner Natur. Natürlich, wenn wir kein Vertrauen in die Tugenden der Freundlichkeit und des Vertrauens haben – keines gegenüber dem Iren – dann zeigen wir ihm seine Grenzen und stellen die Sache in Frage. Die einzige Alternative ist offener Gegensatz, eine Form des Krieges. Mr. Gladstones Gesetzentwurf hat uns an diese klare Grenze geführt. Da Irland seine Zusage gegeben hat, in gutem Glauben zu handeln und keine geringere Menge anzunehmen, kann es nur durch Vertrauen in die Iren zum Frieden kommen – wir vertrauen ihnen oder wir zerschlagen sie. Zwischenlösungen sind lediglich weitere Versuche, im Chaos voranzukommen; und obwohl wir die Wahl auf beiden Seiten als zweifelhaft ansehen, wird ein entschlossener Schritt nach rechts oder links uns nicht so hilflos und ineffektiv erscheinen lassen, wie wir in dieser Sitzung eines neuen Parlaments wirken. Mit seinen achtundachtzig Jahren kann Mr. Parnell, abgesehen von legalen oder illegalen externen Aktionen, wie eine Art „Lumbricus“ im Parlament wirken. Lassen wir die Journalisten die Ereignisse beobachten und aufzeichnen: Wenn Mr. Gladstone Humor hat, werden sie doch von Zeit zu Zeit ein seltsames Lächeln auf seinem geschlossenen Mund bemerken, wenn der „fremde Körper“ im Parlament – den er aus Gründen der Würde und der Fähigkeit des Parlaments, seine Angelegenheiten zu regeln, eigentlich beseitigen würde, bis es zu einem besseren Verständnis zwischen Iren und Engländern kommt – unsere Arbeit lahmlegt. Ein geschickt geführtes, zusammenhängendes Gremium inmitten der chaotischen Gruppen wird zeigen, dass Irland eine Nation ist – auch wenn es natürlich abhängig sein muss. Wir haben es hier mit politischen Kräften zu tun, und die überwiegende Mehrheit der irischen Nationalisten in Irland hat daraus eine echte Kraft gemacht. Zweifellos hat Mr. Matthew Arnold recht mit seinen Befürchtungen bezüglich der Gefahren, die von einem irischen Unterhaus ausgehen könnten. Die Erklärungen sowie die neuen oder extremen Theorien könnten fast im Voraus aufgeschrieben werden. Ich persönlich sehe eine größere Gefahr in der üblichen Haltung der englischen Presse und der Öffentlichkeit gegenüber einem Experiment, das ihnen nicht gefällt und das sie fürchten – in den zynischen Kommentaren, den Zitaten in Anführungszeichen, den mitleidigen Schulterzuckungen, der kalten Ironie, den groben Scherzen, den Drohungen, den scharfen Reaktionen und den Lachsalven. Franzosen der Jungen Republik, die damals noch nicht als beleidigend angesehen wurden, hatten einige dieser nachlässigen Bemerkungen übersetzt bekommen – und wurden dadurch verletzt. Früher haben wir Deutschland solche Bemerkungen zukommen lassen, bevor Deutschland zur führenden Macht in Europa wurde. Bevor Amerika sich als die größte unter den „Riesen, die nicht zerfallen“, erwies, hatte es, wie die Amerikaner nachsichtig in Erinnerung behalten, eine Reihe von „Peitschenhieben“. Es ist gut, Umgangsformen zu lernen – ohne dass sie uns aufgezwungen werden. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, jemanden ins Stolpern zu bringen.

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Experiment. Dennoch sollten wir, wenn das Experiment versucht wird – und da unser Wohlergehen davon abhängt, dass es nicht fehlschlägt –, bereit sein, es ernsthaft in Angriff zu nehmen und dabei tatkräftig zu unterstützen. Besonnene Politiker betrachten diese Maßnahme als Rückschritt; doch da die Aussicht besteht, dass eine von den Herrschern angenommene Maßnahme den Iren und Engländern vielleicht ermöglicht, gemeinsam voranzukommen, scheint dieses Risiko besser zu sein als der weiterhin aussichtslose Konflikt! Was auch immer wir tun oder unterlassen – es birgt nun offensichtliche Gefahren, und da diese unmittelbar bevorstehen, mögen sie am größten erscheinen. Doch wenn eine Abwägung der Umstände dies erfordert und das Gewissen zustimmt, ist es klüger, das Unprobte auszuprobieren. Unsere Perspektive war außergewöhnlich düster – mit einem enormen Anstieg der Gefahren –, als der Schöpfer unserer Art kühn aus der Haltung der „Vierbeiner“ hervortrat. Wir sind der Ansicht, durch seine Unbesonnenheit nichts verloren zu haben. In Zeiten des Zweifels unter dringenden Umständen ist der Instinkt, zu mutigen Handlungen anzusetzen, neben dem männlicheren Verhalten vermutlich auch das Richtige.

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LESLIE STEPHEN – 1904
Als jene Gruppe von gebildeten und fröhlichen Menschen, die sogenannten „Sunday Tramps“, unter der Führung von Leslie Stephen aufbrach, fand ein Gespräch statt, dessen Qualität es ermöglicht hätte, dass die Anwesenheit eines Schreibers eine Bereicherung für das Land gewesen wäre. Eine Pause entstand, als man die Uhr sowie die Karte des Anführers im westlichen Sonnenlicht betrachtete. Danach ging es weiter – quer durchs Land, um einen Zug einzuholen, der nach London fuhr und dort Abendessen anbot. Dabei mussten sie durch Hecken, Gräben und andere Hindernisse klettern; zudem galt ihnen die Verdächtigung, ernsthafte Verbrecher zu sein. Der Anführer der „Sunday Tramps“ besaß ein hervorragendes Auge für Entfernungen und die Beschaffenheit des Geländes – wie er durch die Entdeckung bisher unbekannter Pässe in den höheren Alpen bewies. Er zeigte keinerlei Gnade gegenüber seinen Gefolgsleuten. Ich habe oft über diesen lebenslangen Studenten und philosophischen Denker gesagt, dass in ihm das Potenzial für einen großartigen Militärkapitän steckte. Er hätte nichts dagegen gehabt, Soldat zu werden, falls er früh zur Armee eingezogen worden wäre – trotz seines Abscheus vor Blutvergießen. Er besaß großen, ruhigen Mut, blieb auch in schwierigen Situationen gelassen und wählte selbstbewusst den Weg, den er für den besten hielt. Wir müssen nicht bedauern, dass er vom Weg des Soldaten abgebracht wurde – schließlich kann England, wie man in letzter Zeit erfahren hat, nicht mit vielen Uniformträgern aufwarten, die Führungsqualitäten besitzen. Seine literarischen Werke werden von seinem Nachfolger, einem der begabtesten Schriftsteller, bewertet werden! – [Frederic W. Maitland.] – Die Erinnerung an ihn bleibt bei uns – als die tiefgründigste und nüchternste Kritik unserer Zeit. Der einzige „Stachel“ in dieser Kritik war eine harmlose, humorvolle Ironie, die gelegentlich zum Vorschein kam – wie ein flauschiges Jungtier oder Wellen auf einem See an trübem Wetter. Wir haben heute nichts mehr, das dem ähnelt. Man könnte leicht in die Falle des Lobpreisens geraten, wenn man seine persönlichen und literarischen Qualitäten aufzählt. Das würde jedoch nicht im Einklang mit dem Temperament und den Eigenschaften eines so ausgeglichenen Menschen stehen – egal ob bei Kritik oder Lob. Der Verlust eines solchen Mannes ist groß, denn in seinem Kopf waren stets Ideen, und seine Hand blieb bis kurz vor seinem Tod aktiv. Den Freunden bleibt nur der Trost…

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Die Vorstellungskraft, die ihn an ihrer Seite heraufbeschwört. Das wird keine Aufgabe für diejenigen sein, die ihn gut genug kannten, um seine Sicht der Dinge so zu erkennen, wie sie sind, und seine Art, sie auszudrücken, wieder zum Leben zu erwecken. Mit ihnen wird er leben – trotz des Wortes Abschied.

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Korrespondenz vom Kriegsschauplatz in Italien
Briefe, die unser eigener Korrespondent vom Kriegsschauplatz in Italien an die „Morning Post“ schreibt
Ferrara, 22. Juni 1866

Bevor dieser Brief London erreicht, werden die Kanonen bereits den Klang des alten Flusses Po sowie des klassischen Flusses Mincio hörbar machen. Die gesamten Truppen – etwa 110.000 Mann –, mit denen Cialdini die Überquerung des genannten Flusses erzwingen will, haben sich bereits entlang des rechten Ufers des Po versammelt und warten ungeduldig darauf, dass die letzte Stunde morgen anbricht und der Befehl zur Aktion gegeben wird. Das Telegrafennetz wird Ihre Leser bereits darüber informiert haben, dass laut der Mitteilung, die General Lamarmora am Dienstagabend an das österreichische Hauptquartier sandte, die drei Tage, die für den Beginn der Feindseligkeiten festgelegt wurden, um Mitternacht des 23. Juni ablaufen.

Cialdinis Hauptquartier befindet sich seit Mittwochmorgen in dieser Stadt. Der berühmte General, in den sein von ihm befehligtes Vierte Korps sowie die ganze Nation so viel Vertrauen setzen, hat alle seine Truppen in einem relativ engen Gebiet konzentriert und ist somit bereit zum Einsatz. Ich glaube daher, dass bis morgen das rechte Ufer des Po durch mehrere Pontonbrücken mit dem Festland von Polesine verbunden sein wird. Dadurch wird es Cialdinis Armee ermöglicht, den Fluss zu überqueren – und, wie alle hier hoffen, dies trotz jeglicher Verteidigungsmaßnahmen seitens der Österreicher zu tun.

Auf meinem Weg in diese alte Stadt gestern Abend traf ich General Cadogan sowie zwei höhere preußische Offiziere. Sie müssen zu diesem Zeitpunkt bereits das Hauptquartier von Viktor Emanuel in Cremona erreicht haben; falls nicht, wurden sie wohl an einen anderen Ort verlegt, weiter vorne, in Richtung der Linie des Mincio. Anscheinend sollen dort das erste, zweite und dritte italienische Armeekorps operieren. Der englische General sowie die beiden oben genannten preußischen Offiziere sollen dem königlichen Stab folgen – der erste als englischer Kommissar, der ranghöhere der beiden anderen in derselben Funktion.

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Mir wurde hier gesagt, dass Cialdini vor seinem Aufbruch aus Bologna ein allgemeines Ratstreffen der Kommandeure der sieben Divisionen abhielt, aus denen sein mächtiger Armeekorps besteht, und dass er ihnen sagte, dass seine Truppen den Fluss unbedingt überqueren müssten – ungeachtet der Kräfte, die der Feind am linken Ufer des Po zwischen dem Punkt gegenüber Stellata und Rovigo versammelt hat –, egal welchen Opfern diese wichtige Operation bedarf. Cialdini ist ein Mann, der sein Wort hält; deshalb habe ich keinen Zweifel daran, dass er tun wird, was er sich bereits vorgenommen hat. Ich bin daher zuversichtlich, dass innerhalb von zwei oder drei Tagen diese 110.000 italienischen Soldaten, oder zumindest ein großer Teil von ihnen, das für die Italiener heilige Land Venedigs betreten werden.

Sobald Cialdinis Armeekorps den Fluss Po überquert hat, wird es kühn in das Polesine eindringen und die Straße erobern, die über Rovigo nach Este und Padua führt. Ein Blick auf die Karte zeigt Ihren Lesern, wie sich etwa zwanzig oder dreißig Meilen von der erstgenannten Stadt entfernt eine Kette von Hügeln, die Colli Euganei genannt werden, vom letzten Ausläufer der Julianischen Alpen in der Nähe von Vicenza aus sanft zum Meer hin abfallt. Da diese Linie gute Positionen bietet, um den Vormarsch einer Armee zu behindern, die den Po bei Lago Scuro oder an einem anderen nicht allzu weit entfernten Ort überquert, ist davon auszugehen, dass die Österreicher dort Widerstand leisten werden. Es würde mich überhaupt nicht überraschen, wenn Cialdinis erste Schlacht, falls der Feind zustimmt, in diesem relativ engen Gebiet zwischen Montagnana, Este, Terradura, Abano und Padua stattfinden würde. Es ist unmöglich anzunehmen, dass Cialdinis Armeekorps, da es so groß ist, nur an einem einzigen Punkt unterhalb des Flusslaufs den Po überqueren soll; es ist äußerst wahrscheinlich, dass ein Teil davon an irgendeinem Punkt oberhalb des Flusses, zwischen Revere und Stellata, überquert wird – dort ist der Fluss an einigen Stellen nur 450 Meter breit. Sollte der italienische General in diesen beiden Operationen erfolgreich sein – geschützt durch das starke Feuer seiner mächtigen Artillerie – könnten die Österreicher, die die Linie der Colli Euganei verteidigen, leicht von den italienischen Truppen umgangen werden, die den Fluss unterhalb von Lago Scuro überquert hätten. Natürlich sind das nur Vermutungen, denn wie Sie sich vorstellen können, kennt außer dem König, Cialdini selbst, Lamarmora, Pettiti und Menabrea niemand den Plan der bevorstehenden Kampagne. Im Hauptquartier von Cialdini gab es heute Gerüchte, dass die Österreicher in großer Zahl im Polesine, insbesondere in Rovigo, zusammengezogen seien – einer kleinen Stadt, die sie in letzter Zeit stark befestigt haben, offenbar mit der Absicht…

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sich gegen die Überquerung des Po wehren würden, falls Cialdini es bei oder in der Nähe des Lago Scuro versuchen sollte. In der Gegend um Rovigo gibt es große Flächen aus Sümpfen und Feldern, die von Gräben und Bächen durchzogen sind. Obwohl diese Flächen aufgrund der Trockenheit der Jahreszeit – wie vor zwei Wochen allgemein angenommen – nicht so leicht überflutet werden können, könnten sie den Aktionen der Österreicher dabei helfen, den Vormarsch der italienischen Vierten Armee aufzuhalten. Der Widerstand der Österreicher gegen Cialdinis Vorhaben könnte sehr stark sein, doch ich bin fast sicher, dass er durch den Eifer der italienischen Truppen sowie durch die Fähigkeiten ihres berühmten Anführers überwunden werden wird.

Wie ich Ihnen bereits sagte, wurde die Kriegserklärung am Abend des 19. von Oberst Bariola, dem Stabschef, an einen österreichischen Major übergeben, damit dieser sie an Graf Stancowick, den österreichischen Gouverneur von Mantua, weiterleitete. Bariola wurde dabei vom Herzog Luigi von Sant’Arpino begleitet, dem Ehemann der liebenswürdigen Witwe von Lord Burghersh. Der Herzog ist der älteste Sohn von Prinz San Teodoro, einem der reichsten Adligen Neapels. Trotz seines hohen Rangs und seiner familiären Verbindungen trat der Herzog von Sant’Arpino, der in der Londoner High Society gut bekannt ist, als Freiwilliger in die italienische Armee ein und wurde zum Adjutanten von General Lamarmora ernannt. Die Wahl eines solchen Mannes für diese Mission wurde offensichtlich absichtlich getroffen, um den Österreichern zu zeigen, dass die neapolitanische Adelsklasse genauso am nationalen Aufbruch interessiert ist wie die Mittel- und Unterschichten des Königreichs, das einst so schrecklich von den Bourbonen regiert wurde. Der Herzog von Sant’Arpino ist nicht der einzige neapolitanische Adlige, der seit Ausbruch des Krieges mit Österreich in die italienische Armee eingetreten ist. Um Ihnen die Bedeutung dieses Schritts der neapolitanischen Adligen zu veranschaulichen, erlauben Sie mir, hier eine kurze Liste derjenigen zu geben, die als einfache Soldaten in die Kavallerieregimenter der regulären Armee eingetreten sind: Der Herzog von Policastro; der Graf von Savignano Guevara, der älteste Sohn des Herzogs von Bovino; der Herzog d’Ozia d’Angri, der 1860 ins Exil ging und vor sechs Monaten nach Neapel zurückkehrte; Markgraf Rivadebro Serra; Markgraf Pisicelli, dessen Familie 1860 aus Loyalität gegenüber Franz II. Neapel verließ; zwei Carraciolos, aus der historischen Familie, aus der der unglückliche neapolitanische Admiral dieses Namens stammte – dessen Kopf Lord Nelson besser nicht der Grausamkeit von Königin Karoline geopfert hätte; Prinz Carini, Vertreter einer berühmten Familie aus Sizilien, Neffe des Markgrafen del Vasto; sowie Pescara, Nachkomme jenes großen Generals von Karl V.

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Denen der stolze Franz I. von Frankreich bei der Schlacht von Pavia gezwungen war, sich zu ergeben und sein Schwert abzugeben. Neben diesen neapolitanischen Adligen, die kürzlich als einfache Soldaten eingetreten sind, kann das italienische Heer, das nun an den Ufern des Po und des Mincio lagert, auf zwei Colonnas, einen Fürsten von Somma, zwei Barone Renzi, einen Acquaviva, den Herzog von Atri, zwei Capece, zwei Fürsten Buttera usw. zurückblicken. Zurück zur Mission von Colonel Bariola und dem Herzog von Sant’Arpino: Ich füge einige Details hinzu, die mir heute Morgen von einem Herrn mitgeteilt wurden, der gestern Abend Cremona verließ und sie aus einer zuverlässigen Quelle hatte. Der Bote von General Lamarmora sollte von Cremona aus zum kleinen Dorf Le Grazie reisen, das an der Linie des Mincio die österreichisch-italienische Grenze markiert. Am rechten Ufer des Gardasees stand im Jahr 1340 eine kleine Kapelle, in der sich ein wundersames Gemälde der Madonna befand; die Einheimischen nannten sie „Santa Maria delle Grazie“. Die Bootsführer und Fischer des Mincio, die, wie sie sagten, oft von der Madonna vor dem sicheren Tod gerettet worden waren – genauso berühmt wie die moderne Dame von Rimini, die für ihre bemerkenswerte Geste des Augenzwinkerns bekannt war – beschlossen, für sie eine würdigere Wohnstätte zu errichten. So entstand das Santuario delle Grazie. Hier, wie auch in Loretto und anderen heiligen Orten Italiens, findet ein Markt statt, auf dem neben vielen weltlichen Dingen auch Rosenkränze, heilige Bilder und andere wundersame Gegenstände verkauft werden. Es wird behauptet, dass man bei geringstem Aufwand erstaunliche Gnaden erlangen kann. Da das Santuario della Madonna delle Grazie einen weiten Ruf genießt, strömen während des Marktes Stumme, Gehörlose, Blinde sowie Menschen mit allen möglichen Gebrechen dorthin – und auch an den anderen Tagen des Jahres fehlen sie nicht. Die Kirche von Le Grazie gehört zu den interessantesten Italiens. Nicht, weil ihre Architektur etwas Besonderes wäre – es handelt sich dabei um ein italienisches Gotikgebäude im einfachsten Stil –, sondern der dekorative Teil des Innenraums ist äußerst eigenartig. Die Wände des Gebäudes sind mit einer doppelten Reihe von Wachskulpturen in Lebensgröße bedeckt, die Krieger, Kardinäle, Bischöfe, Könige und Päpste darstellen; angeblich sollen diese während ihres irdischen Daseins eine wunderbare Gnade erhalten haben. Unter dieser Vielzahl berühmter Persönlichkeiten gibt es auch einige bescheideneren Personen, deren Geschichte durch die darunter befindlichen gemalten Inschriften treu wiedergegeben wird (falls man ihnen Glauben schenken will). Es gibt sogar einen Verurteilten, der zum Zeitpunkt seiner Hinrichtung um Hilfe bei der allmächtigen Madonna flehte; daraufhin brach sofort das Seil des Galgens, und der arme Mann…

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Der Einzelne wurde der Gesellschaft zurückgegeben – ein durchaus zweifelhafter Vorteil. Als Oberst Bariola und der Herzog von Sant’Arpino diesen Ort erreichten, der nur fünf Meilen von Mantua entfernt ist, wurde ihr Wagen natürlich vom Kommissar der österreichischen Polizei angehalten, dessen Aufgabe es war, die Grenze zu überwachen. Nachdem sie ihm mitgeteilt hatten, dass sie einen Brief zu überbringen hätten, entweder dem Militärgouverneur von Mantua oder einem von ihm entsandten Offizier, schickte der Kommissar sofort einen berittenen Gendarm nach Mantua. Kaum waren zwei Stunden vergangen, als ein Wagen in das Dorf Le Grazie einfuhr; aus diesem stieg ein österreichischer Infanteriemajor aus und eilte zu einer Holzhütte, wo die beiden italienischen Offiziere warteten. Oberst Bariola, der an der österreichischen Militärakademie in Villers-Nachstad ausgebildet worden war und 1848 den österreichischen Dienst verließ, erklärte dem neu angekommenen Major seine Aufgabe: Er sollte den versiegelten Brief dem Kommandanten von Mantua überbringen und dafür eine ordnungsgemäße Quittung erhalten. Der Brief war an Erzherzog Albert, den Oberbefehlshaber der österreichischen Armee im Süden, zur Weiterleitung an den Gouverneur von Mantua gerichtet. Nachdem der Major die Quittung übergeben hatte, führten die drei Boten ein höfliches Gespräch; dabei nutzte Oberst Bariola die Gelegenheit, den Herzog vorzustellen und betonte absichtlich, dass dieser zu einer der bedeutendsten Familien Neapels gehörte. Zufälligerweise war auch der österreichische Major an derselben Schule ausgebildet worden, an der Oberst Bariola aufgewachsen war – woran ihn der österreichische Offizier selbst erinnerte. Kaum drei Stunden nach der Ankunft der beiden italienischen Kriegsboten in Le Grazie, an der österreichischen Grenze, waren sie bereits auf dem Rückweg zum Hauptquartier in Cremona. Dort verbreitete sich in der Nacht das Gerücht, dass Lamarmora ein Telegramm aus Verona erhalten habe, in dem Erzherzog Albert die Herausforderung annahm. Viktor Emanuel, den ich gestern in Bologna sah, kam am Morgen um zwei Uhr in Cremona an; doch zu dieser Zeit musste sich das Hauptquartier Seiner Majestät weiter in Richtung Front, in Richtung Oglio, bewegt haben. Ich wäre überhaupt nicht überrascht, wenn das italienische Hauptquartier bis morgen entweder in Piubega oder Gazzoldo, falls nicht sogar in Goito, errichtet würde – einem Dorf, wie Sie wissen, das die italienisch-österreichische Grenze am Mincio markiert. Zu diesem Zeitpunkt sind bereits das erste, zweite und dritte italienische Armeekorps in diesem relativ engen Gebiet konzentriert, das zwischen den Stellungen Castiglione, Delle Stiviere, Lorrato und Desenzano am Gardasee sowie Solferino liegt; Piubega…

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Gazzoldo, Sacca, Goito und Castellucchio auf der anderen Seite. Sollen diese drei Armeekorps angreifen, sobald sie das Dröhnen von Cialdinis Artillerie am rechten Ufer des Po hören? Sind sie dazu bestimmt, den Übergang über den Mincio entweder bei Goito oder bei Borghetto zu erzwingen – oder sollen sie Verona belagern, Peschiera stürmen und Mantua einnehmen? Das kann ich Ihnen nicht sagen, denn, ich wiederhole es: Die Absichten der italienischen Führer sind von einem Schleier umhüllt, den bis jetzt niemand – auch die Österreicher nicht – durchdringen konnte. Eines ist jedoch sicher: Wenn die Uhr von Viktor Emanuel die letzte Minute der siebzigsten Stunde markiert, die am Mittwoch von Oberst Bariola dem österreichischen Major in Le Grazie genannt wurde, dann wird das schöne Land, in dem Vergil geboren wurde und Tasso inhaftiert war, von einer dichten Wolke aus Rauch Hundertter von Kanonen eingehüllt sein. Hoffen wir, dass Gott auf der Seite des Rechts und der Gerechtigkeit steht – welche in diesem unmittelbar bevorstehenden und heftigen Kampf zweifellos auf der Seite Italiens stehen.

CREMONA, 30. Juni 1866.

Die Telegrafen haben Sie bereits über die Konzentration der italienischen Armee informiert. Ihr Hauptquartier wurde seit Dienstag von Redondesco nach Piadena verlegt; der König wählte das nahegelegene Anwesen Cigognolo als seine Residenz. Die Konzentrationsbewegungen der königlichen Armee begannen am Morgen des 27., also drei Tage nach den blutigen Kämpfen vom 24., die je nach den Interessen und Leidenschaften der Erzähler auf unterschiedliche Weise beschrieben und kommentiert wurden – für viele Menschen bleiben sie weiterhin ein Rätsel. Am Ende dieses Briefes finden Sie einen kurzen Satz, mit dem ein österreichischer Major, der nun Kriegsgefangener ist, die Ergebnisse der heftigen Kämpfe jenseits des Mincio beschrieb. Dieser Offizier gehört zu den wenigen Überlebenden eines Regiments österreichischer Freiwilliger, Ulanen, deren zwei Eskadronen er selbst befehligte. Die Aussagen dieses Offiziers waren äußerst klar und vermitteln ein genaues Bild vom Mut, den die Italiener in diesem schrecklichen Kampf zeigten. Diejenigen, die die Vorteile, die die Österreicher am Sonntag erlangten, überschätzen, sollten nicht vergessen, dass die Österreicher Lamarmora nicht hätten daran hindern können, weiterhin die Positionen von Valeggio, Volta und Goito zu halten, falls er dies für richtig hielt. Es scheint, als teilte der österreichische Generalstabschef diese Ansicht; denn nachdem seine Armee unter schrecklichen Opfern die Positionen von Monte Vento und Custozza erobert hatte, zeigte sie keinerlei Anzeichen dafür, dass sie eine aktivere Kriegsführung anstreben würden.

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Es ist die Aufgabe eines Kommandeurs, sicherzustellen, dass nach einem Sieg dessen Früchte nicht verloren gehen – aus diesem Grund wird der Feind verfolgt und belästigt, sodass ihm keine Zeit für eine Neuorganisation bleibt. Nach dem 24. ist nichts dergleichen geschehen – die Österreicher haben nichts unternommen, um solche Ergebnisse zu sichern. Die Grenze, die die beiden Gebiete voneinander trennt, ist nun genauso wie am Vorabend der Kriegserklärung. In Goito, Monzambano sowie in den anderen Dörfern an der äußersten Grenze erfüllen die italienischen Behörden weiterhin ihre Pflichten. Dort hat sich nichts geändert – abgesehen davon, dass von Zeit zu Zeit eine österreichische Kavallerieeinheit plötzlich auftaucht, mit dem einzigen Ziel, die Bewegungen der italienischen Armee zu beobachten. Eine dieser Einheiten, bestehend aus vier Eskadronen des Württemberger Husarenregiments, rückte heute Morgen um sechs Uhr an der rechten Uferseite des Mincio vor, stieß auf die vierte Eskadron der italienischen Lanzenreiter aus Foggia und wurde zurückgeschlagen; sie musste in Unordnung nach Goito und Rivolta zurückweichen. In diesem ungleichen Gefecht zeichneten sich die italienischen Lanzenreiter besonders aus: Sie nahmen einige österreichische Husaren gefangen und töteten weitere, darunter auch einen Offizier. Derselbe Zustand herrscht in Rivottella, einem kleinen Dorf am Ufer des Gardasees, etwa vier Meilen von den vorgeschobensten Befestigungen von Peschiera entfernt. Auch dort rückten einige österreichische Truppen vor, um die Bewegungen der Garibaldianer zu überwachen – diese besetzen das hügelige Gebiet, das sich von Castiglione, Eseuta und Cartel Venzago bis nach Lonato, Salo und Desenzano sowie zu den Gebirgspässen von Caffaro erstreckt. An letzterem Ort kam es am Morgen des 28. zu Zusammenstößen zwischen den Garibaldianern und den Österreichern, wobei die Ersteren den Vorteil hatten. Hätte die Schlacht vom 24., oder wie Erzherzog Albrecht sie nennt, die Schlacht von Custozza, ein großer Sieg für die Österreicher bedeutet, warum sollte dann die kaiserliche Armee in solcher Untätigkeit verharren? Die einzige Schlussfolgerung, zu der wir kommen können, ist einfach diese: Die Verluste der Österreicher waren so groß, dass der Oberbefehlshaber der Armee dazu gezwungen war, vorsichtig defensiv zu handeln. Wir werden jetzt informiert, dass die Angriffe der Kavallerie, denen die österreichischen Lanzenreiter und Ungarischen Husaren am 24. in der Nähe von Villafranca durch die italienischen Kavalleristen der Regimenter Aorta und Alessandria ausgesetzt waren, für die Österreicher so verheerend waren, dass eine ganze Division der kaiserlichen Kavallerie neu organisiert werden muss, bevor sie wieder in die Schlacht geschickt werden kann. Das Regiment der Haller-Husaren sowie zwei Freiwilligen-Ulaneneinheiten wurden bei diesem schrecklichen Angriff fast vollständig zerstört. Um Ihnen ein Bild von dieser Kavallerie zu geben…

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Was diese Begegnungen angeht, so genügt es zu sagen, dass Colonel Vandoni, an der Spitze des von ihm befehligten Regiments, während des kurzen Zeitraums von vier Stunden insgesamt vierzehn Mal angriff. Die freiwilligen Ulanen des Kaiserrregiments hatten bereits die Idee aufgegeben, die von dem Bataillon gebildete Formation zu durchbrechen – in deren Mitte Prinz Humbert von Savoyen stand –, als sie plötzlich von der Leichten Kavallerie von Alessandria angegriffen und buchstäblich in Stücke gerissen wurden, trotz der langen Lanzen, die sie trugen. Diese Waffe sowie ihre lockere Uniform lassen sie den Kosaken des Don ähneln. Es gibt eine Umstände, der, wenn ich mich nicht irre, noch nicht von den Zeitungen veröffentlicht wurde – und zwar folgender: Am 25. kam es an einem Ort nördlich von Roverbella zu einem Kampf zwischen dem italienischen Kavallerieregiment von Novara und einem ungarischen Husarenregiment, dessen Name unbekannt ist. Dieses Regiment wurde von den Italienern so gründlich besiegt, dass es bis nach Villafranca verfolgt wurde; dabei wurden zwei Eskadronen außer Gefecht gesetzt, während das Regiment von Novara nur zweiundzwanzig Reiter verlor. Ich halte es für richtig, dies zu erwähnen, denn es zeigt, dass bereits am Tag nach dem blutigen Geschehen vom 24. noch ein Kavallerieregiment der italienischen Armee in Villafranca operierte – einem Dorf, das fünfzehn Kilometer von der italienischen Grenze entfernt lag. Ein hier häufig zitiertes Bericht erklärt, warum die italienische Armee die Vorteile, die sie aus den Kämpfen am 24. hätten ziehen können, nicht erlangte. Es scheint, dass die Befehle, die in der vorangegangenen Nacht vom italienischen Hauptquartier ausgegeben wurden – insbesondere die mündlichen Anweisungen von Lamarmora und Pettiti an die Stabsoffiziere der verschiedenen Armeekorps – entweder vergessen oder falsch verstanden wurden. Diejenigen, die an Durando, den Kommandanten des ersten Korps, geschickt wurden, lauteten offenbar, dass er in Richtung Castelnuovo marschieren solle, ohne jedoch an den Kämpfen teilzunehmen. Allgemein wird behauptet, dass Durando den aus dem Hauptquartier kommenden Befehlen streng Folge geleistet habe; doch es scheint, als habe General Cerale sie zu wörtlich genommen. Da ihm befohlen worden war, nach Castelnuovo vorzurücken, und er feststellte, dass das Dorf von den Österreichern stark verteidigt wurde, die seine Division mit heftigem Feuer empfingen, griff er sofort an, anstatt sich auf die Reserven des ersten Korps zurückzuziehen und auf weitere Anweisungen zu warten. Wenn das tatsächlich der Fall war, dann ist offensichtlich, dass Cerale annahm, der Befehl zum Vorrücken bedeutete, dass er Castelnuovo angreifen und einnehmen solle – obwohl dieses Dorf tatsächlich bereits vom Feind besetzt war. Bei der Erwähnung dieses Fakts muss ich darauf hinweisen, dass ich es unter größter Zurückhaltung schreibe, denn ich…

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Es wäre wirklich bedauerlich, General Cerale vorzuwerfen, einen so wichtigen Befehl falsch verstanden zu haben. Ich sehe, dass einer Ihrer Zeitgenossen glaubt, es sei für den König oder Lamarmora unmöglich gewesen, anzugeben, welches Ergebnis sie von ihrem schlecht durchdachten und noch schlechter ausgeführten Versuch erwarteten. Das von ihnen Erwartete ist, meiner Ansicht nach, ziemlich klar: Sie wollten das Quadrilateron durchbrechen und sich mit Cialdini vereinigen, der bereit war, in der Nacht zum 24. den Po zu überqueren. Dass der Versuch schlecht durchdacht und noch schlechter ausgeführt wurde, das hat weder Ihr Zeitgenosse noch die Öffentlichkeit im Allgemeinen derzeit das Recht, zu konstatieren – denn niemand kennt bislang die Einzelheiten dieses schrecklichen Kampfes außerhalb unvollständiger Informationen. Was jedoch sicher ist, ist, dass General Durando, als er erkannte, dass die Division Cerales verloren war, alles tat, um ihr zu helfen. Als ihm das misslang, wandte er sich an seine beiden Adjutanten und sagte ihnen ruhig: „Nun, meine Herren, es ist Zeit für Sie, sich zurückzuziehen – ich habe eine Pflicht zu erfüllen, die rein persönlicher Natur ist: die Pflicht zu sterben.“ Nachdem er diese Worte gesprochen hatte, ritt er nach vorn und stellte sich etwa zwanzig Schritte von einem bayerischen Bataillon von Scharfschützen entfernt auf, die den Hügel erklommen. Innerhalb weniger Minuten wurde sein Pferd unter ihm getötet, und er wurde an der rechten Hand verwundet. Ich muss kaum hinzufügen, dass seine Adjutanten nicht zögerten, Durandos Schicksal zu teilen. Sie folgten ihrem General mutig – einer von ihnen, der Marquis Corbetta, wurde am Bein verwundet; der andere, Graf Esengrini, verlor sein Pferd. Ich besuchte Durando, der sich jetzt in Mailand befindet, vorgestern. Obwohl ich ihm fremd war, empfing er mich sofort. Als er über die Kämpfe vom 24. sprach, sagte er nur: „Ich habe die Zufriedenheit, meine Pflicht erfüllt zu haben. Ich warte ruhig auf das Urteil der Geschichte.“ Angenommen, aus Argumentationsgründen, dass General Cerale die erhaltenen Befehle falsch verstanden hat und durch seine überstürzte Aktion das ganze Korps Durandos in denselben Fehler hineinzog – angenommen also, das sei die richtige Version – dann lässt sich leicht erklären, warum keines der beiden kämpfenden Lager bisher in der Lage ist, die Kämpfe vom 24. klar zu beschreiben. Warum setzten weder das eine noch das andere die gesamten Kräfte ein, die ihnen zur Verfügung gestanden hätten? Warum so viele teilweise Gefechte in großer Entfernung voneinander? Kurz gesagt: Warum dieser Mangel an Einheit, der meiner Meinung nach die wichtigste Eigenschaft dieses blutigen Kampfes darstellte? Ich könnte mich sehr irren, aber ich bin der Ansicht, dass weder der italienische Oberbefehlshaber noch der Österreicher…

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Der Erzherzog dachte in der Nacht des 23. daran, am 24. eine Schlacht zu schlagen. Dort – und nur dort – liegt das ganze Geheimnis dieser Angelegenheit. Das völlige Fehlen an gemeinsamen Aktionen seitens der Italiener sicherte den Österreichern nicht den Sieg, aber zumindest die Möglichkeit, Lamarmoras Versuch, durch das Quadrat vorzudringen, unmöglich zu machen. Das kann niemand leugnen; doch andererseits war das Scheitern der italienischen Armee bei der Erreichung ihres Ziels – aufgrund des Mutes, den sowohl die Soldaten als auch die Generäle zeigten – keineswegs katastrophal oder unbedingt irreparabel. Die Italiener kämpften von drei Uhr morgens bis neun Uhr abends wie Löwen und zeigten ihren Feinden sowie ganz Europa, dass sie wissen, wie man sein Land verteidigt, und dass sie der edlen Aufgabe, der sie sich verschrieben hatten, würdig sind.

Lassen Sie mich nun eines der bemerkenswerten Episoden jenes unvergesslichen Tages schildern. Es war fünf Uhr nachmittags, als General Bixio, dessen Division eine erhöhte Stellung in der Nähe von Villafranca einnahm, von drei starken österreichischen Brigaden angegriffen wurde. Diese waren gleichzeitig aus drei verschiedenen Richtungen vorgerückt und wurden außerdem von zahlreichen Artillerieeinheiten unterstützt. Ein Offizier des österreichischen Stabes wurde gesehen, wie er mit einem weißen Taschentuch wedelnd auf die Vorderseite von Bixios Stellung zuritt und diesem anschließend den Rückzug befahl. Wer Bixio persönlich nicht kennt, kann sich nicht vorstellen, welchen Eindruck diese kühne Forderung auf ihn gemacht haben muss. Mir wurde gesagt, dass sein Gesicht beim Hören des Wortes „Rückzug“ plötzlich blass wurde, dann purpurrot anlief, und er dem österreichischen Boten entgegenrief: „Major, wenn Sie es wagen, noch einmal das Wort Rückzug in meiner Gegenwart auszusprechen, sage ich Ihnen – und Bixio hält immer sein Wort – dass ich Sie sofort erschießen lassen werde.“ Der österreichische Offizier hatte kaum den General erreicht, der ihn geschickt hatte, da griff Bixio mit seiner Division mit solcher Heftigkeit die österreichischen Truppen an, die den Hügel erklommen, dass diese durcheinander in das Tal geworfen wurden und große Verwirrung unter ihren Reservetruppen auslösten. Bixio selbst führte seine Männer an und griff zusammen mit seinen Adjutanten, Cavaliere Filippo Fermi, Graf Martini und Oberst Malenchini – alle aus der Toskana – direkt den Feind an. Mir wurde gesagt, dass Garibaldi bei Erwähnung dieses Vorfalls sagte: „Ich bin überhaupt nicht überrascht, denn Bixio ist der beste General, den ich je hatte.“ Nachdem der Feind zurückgeschlagen worden war, erhielt Bixio den Befehl, so zu manövrieren, dass er den geordneten und langsamen Rückzug der Armee zum Mincio absichern konnte. Mit der Unterstützung der schweren Kavallerie unter dem Kommando von General Graf de Sonnaz gelang es Bixio, dies zu bewerkstelligen.

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Er zog sich zurück und besetzte in der Nacht Goito – eine Stellung, die er bis zum Abend des 27. hielt. Aufgrund der Konzentrierungsbewegungen der italienischen Armee, die ich zu Beginn dieses Briefes erwähnt habe, hält das vierte Armeekorps (Cialdinis Korps) weiterhin die Linie am Po. Soweit ich richtig informiert bin, wurde gestern vom König das Dekret zur Bildung dieses Armeekorps unterzeichnet. Es handelt sich dabei um Garibaldis Korps, das aus etwa 40.000 Soldaten besteht. Ein Offizier, der gerade aus Mailand zurückgekehrt ist, sagte mir heute Morgen, er habe die Gelegenheit gehabt, mit den österreichischen Gefangenen zu sprechen, die von Mailand in die Festung Finestrelle in Piemont gebracht wurden. Unter ihnen befand sich ein Offizier eines Ulanenregiments, der alle Anzeichen dafür zeigte, aus einer adligen Familie in Österreichisch-Polen zu stammen. Als man ihn fragte, ob er glaube, dass Österreich die Schlacht am 24. tatsächlich gewonnen habe, antwortete er: „Ich weiß nicht, ob die Illusionen der österreichischen Armee so weit gehen, dass sie glaubt, einen Sieg errungen zu haben – ich glaube es nicht. Wer Österreich liebt, kann jedoch nicht wünschen, dass es solche Siege erringt, denn das sind Pyrrhussiege!“ In Verona gibt es in den österreichischen Kriegsräten einige Faktoren, die wir nicht verstehen; doch sie verleihen ihren Aktionen in dieser Phase des Feldzugs genau denselben ungewissen und zögerlichen Charakter wie während des Feldzugs von 1859. Am Freitag befinden sie sich noch jenseits des Mincio; am Samstag fährt ihre kleine Flotte auf dem Gardasee nach Desenzano und eröffnet das Feuer auf diese wehrlose Stadt sowie deren Bahnhof, während zwei Bataillone tirolischer Scharfschützen das Gebäude besetzen. Am Sonntag ziehen sie sich zurück, doch bereits gestern früh überquerten sie den Mincio bei Goito und Monzambano und begannen, zwei Brücken über denselben Fluss zwischen diesen Orten und den Mühlen von Volta zu bauen. Gleichzeitig errichteten sie Batterien in Goito, Torrione und Valeggio und schickten ihre Aufklärungstrupps aus Husaren bis nach Medole, Castiglione delle Stiviere und Montechiara – letzterer Ort liegt nur zwanzig Meilen von Brescia entfernt. Bevor mir diese Nachricht heute Morgen hier erreichte, neigte ich dazu zu glauben, dass sie nur Verstecken spielten, in der Hoffnung, die Anführer der italienischen Armee würden durch dieses Spiel verleitet werden, zum zweiten Mal einen zu voreiligen Angriff auf das Quadrilateron zu starten. Diese Nachricht, die ich aus einer zuverlässigen Quelle habe, hat jedoch meine frühere Ansicht geändert – ich beginne zu glauben, dass der österreichische Erzherzog tatsächlich beschlossen hat, aus den Festungen des Quadrilaterons herauszukommen.

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Man beabsichtigt tatsächlich, den Krieg genau auf jenen Schlachtfeldern zu beginnen, auf denen sein kaiserlicher Cousin am 24. Juni 1859 besiegt wurde. Es ist möglich, dass die teilweisen Niederlagen, die Benedek in Deutschland erlitten hat, die österreichische Regierung dazu veranlasst haben, ein aktiveres Vorgehen gegen Italien anzuordnen – oder, wie hier allgemein angenommen wird, dass die Organisation des Stabes bei der Armee unter dem Kommando von Erzherzog Albert nicht ausreichend gut war, um eine aktivere und offensivere Strategie zu ermöglichen. Wie auch immer: Die Nachrichten, die hier aus verschiedenen Teilen Oberlombardiens eingehen, deuten darauf hin, dass die Österreicher die Absicht haben, ihre Gegner anzugreifen. Gestern, während das friedliche Dorf Gazzoldo – fünf italienische Meilen von Goito entfernt – noch im Schweigen der Nacht lag, wurde es von 400 Husaren besetzt, was zu großer Verwirrung bei den Einwohnern führte, die durch das Getrappel der unerwarteten Besucher aus ihrem Schlaf gerissen wurden. Der Bürgermeister des Dorfes, der zugleich der örtliche Chemiker war, wurde, so höre ich, gewaltsam aus seinem Haus geholt und gezwungen, die Österreicher auf dem Weg nach Piubega und Redondesco zu begleiten. Dieser ehrenwerte Beamte, dem offensichtlich nicht genug Mut zur Verfügung stand, um wenigstens halbwegs einen Helden zu spielen, hatte solche Angst, dass er krank wurde und sich bis heute in einem sehr prekären Zustand befindet. Solche Übergriffe bleiben nicht immer ungestraft – gestern Nacht, nicht weit von Guidizzuolo entfernt, stießen zwei Schwadronen der italienischen Leichten Kavallerie – wenn ich richtig informiert bin, die Cavalleggieri di Lucca – bei einer plötzlichen Kurve auf dem Weg vom genannten Dorf nach Cerlongo fast auf vier Schwadronen Ulanen. Die Italiener zählten ihre Feinde nicht, trieben ihre Pferde an und griffen die Österreicher wie der Donner an. Nach einem Kampf, der mehr als eine halbe Stunde dauerte, wurden die Österreicher in die Flucht geschlagen; dabei blieben fünfzehn Mann außer Gefecht, dazu kamen zwölf Gefangene. Während solche Scharmützel auf den Ebenen Lombardiens zwischen Mincio und Chiese stattfinden, hat das in Tirol und Valtellina stationierte österreichische Korps eine entschlossenere Strategie verfolgt. Vor einigen Tagen glaubte man allgemein, dass die Aufgabe dieses Korps lediglich darin bestand, Garibaldi entgegenzutreten, falls dieser versuchen sollte, diese alpinen Pässe zu erobern. Doch nun erfahren wir plötzlich, dass die Österreicher bereits die Kontrolle über Caffaro, Bagolino, Riccomassino und Turano haben und diese Orte befestigen. Dies erklärt Garibaldis jüngste Bewegungen in diese Richtung. Doch während die Österreicher ihre Truppen in den tirolischen Alpen sammeln, breitet sich die Revolution schnell in den anderen Gebieten aus.

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Die südlichen Berge von Friaul und Cadorina stellen somit eine Bedrohung für die Flanke sowie den Rücken der Armee in Venedig dar. Diese revolutionäre Bewegung hat zwar noch keine großen Ausmaße angenommen, doch da sie das Ergebnis eines im Voraus ausgeklügelten Plans ist, könnte sie durchaus bedrohlich werden – zumal die Reihen dieser italienischen Patrioten täglich durch zahlreiche Deserteure sowie widerspenstige Soldaten aus den venezianischen Regimentern der österreichischen Armee aufgestockt werden. Obwohl sich der Hauptteil der Österreicher anscheinend noch zwischen Peschiera und Verona konzentriert, wäre es nicht verwunderlich, wenn sie heute oder morgen den Mincio überqueren würden, um die Höhen von Volta, Cavriana und Solferino zu besetzen – Orte, die sowohl durch ihre Lage als auch durch die Beschaffenheit des Geländes selbst zu Festungen werden. Sollte die italienische Armee beschließen, in Aktion zu treten – und es gibt alle Anzeichen dafür –, ist es nicht unwahrscheinlich, dass es, nachdem wir bereits eine zweite Schlacht bei Custozza hatten, auch eine zweite bei Solferino geben wird. Dass im italienischen Hauptquartier bereits Entscheidungen getroffen wurden, die die Vorwärtsbewegung der Armee beschleunigen könnten, schließe ich aus der Tatsache ab, dass die ausländischen Militärkommissare im italienischen Hauptquartier, die nach dem 24. Juni ihre Zeit im Lager in Cremona verbracht hatten, plötzlich in Torre Malamberti auftauchten – einem Anwesen des Markgrafen Araldi, wo sich Lamarmoras Stab aufhält. Noch wichtiger ist die Anwesenheit von Baron Ricasoli, den ich gestern Abend auf meinem Weg hierher traf. Der Präsident des Rates kam aus Florenz und hielt nach ein paar Stunden Aufenthalt im Anwesen von Cicognolo, wo Viktor Emanuel und die Königsfamilie wohnen, in Torre Malamberti an, um mit General Lamarmora und Graf Pettiti zu beraten. Die Anwesenheit des Barons im Hauptquartier ist ein zu wichtiger Umstand, um von denen übersehen zu werden, deren Aufgabe es ist, den Verlauf der Ereignisse in diesem Land zu beobachten. Man sollte außerdem bedenken, dass Baron Ricasoli auf dem Weg ins Hauptquartier einige Stunden in Bologna verweilte, wo er ein langes Gespräch mit Cialdini führte. Das ist noch nicht alles: Der wichtigste Punkt, den ich heute melden muss, ist, dass zum Zeitpunkt meines Schreibens (5 Uhr morgens) drei Korps der italienischen Armee an verschiedenen Stellen den Oglio überqueren – alle drei zusammen arbeitend und bereit für jeden Eventualfall. Diese großangelegte Aufklärungsaktion könnte, wie Sie sehen, zu einer regulären Schlacht werden, falls die Österreicher in der Nacht zuvor mit dem Hauptteil ihrer Armee den Mincio überquert haben. Wie Sie erkennen können, riecht die Luft um mich herum stark nach Pulver – was eine solche Entwicklung rechtfertigt.

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Die Erwartung an Ereignisse, die wahrscheinlich einen großen Einfluss auf die Sache des Rechts und der Gerechtigkeit – also auf die Sache Italiens – haben werden.
MARCARIA, 3. Juli, Abend.
Murrays Beschreibung wird mir die Mühe ersparen, Ihnen zu beschreiben, wie dieses kleine und schmutzige Nest Marcaria aussieht. Der Fluss Oglio fließt direkt nach Süden, nicht weit vom Dorf entfernt, und durchquert die Straße, die von Bozzolo nach Mantua führt. Es sind etwa sieben Meilen bis Castellucchio, eine Stadt, die seit dem Frieden von Villafranca die italienische Grenze in Niederlombardien markierte. In Richtung dieser Stadt zog heute Morgen die elfte Division der Italiener unter dem Kommando von General Angioletti – der erst vor einem Monat Marineminister im Kabinett Lamarmora war. Angiolettis Division des zweiten Korps sollte im Falle eines Angriffs von der vierten und achten Division unterstützt werden; diese hatten bereits vier Stunden vor dem Aufbruch der elften Division den Oglio bei Gazzuolo überquert. Zwei weitere Divisionen zogen ebenfalls in einer Schräglinie vom Oberlauf des genannten Flusses aus, überquerten ihn auf einer Pontonbrücke und sollten dafür sorgen, dass die Verbindungen zu Angiolettis Truppen auf der linken Seite aufrechterhalten blieben, während die achte und vierte Division seine rechte Flanke bilden sollten. Diese fünf Divisionen bildeten die Avantgarde des Hauptkörpers der italienischen Armee. Ich kann Ihnen nicht genau sagen, welche Route die Armee vom Oglio aus eingeschlagen hat, aber man hat mir gesagt, dass man versucht hat, die Fehler zu vermeiden, die bei den Kämpfen am 24. aufgetreten sind, indem die drei Armeekorps so marschieren sollten, dass sie im Falle eines Treffens mit dem Feind eine geschlossene Front bilden konnten. Entgegen allen Erwartungen durfte Angiolettis Division ohne einen Schuss abzugeben in Castellucchio eindringen und es besetzen. Als seine Vorhut das Dorf Ospedaletto erreichte, wurde ihr mitgeteilt, dass die Österreicher in der Nacht Castellucchio verlassen hatten und nur einige Husaren zurückgelassen hatten. Diese zogen wiederum nach Mantua, sobald sie die Kavallerie sahen, die Angioletti zum Aufklärungseinsatz in das Gebiet sowie in die Stadt Castellucchio geschickt hatte.
Gerade ist hier die Nachricht eingetroffen, dass General Angioletti seine Vorposten bis nach Rivolta auf seiner linken Flanke sowie noch weiter nach vorne in Richtung Curtalone vorstoßen konnte. Obwohl die Entfernung von Rivolta bis Goito nur fünf Meilen beträgt, konnte Angioletti, so wurde mir gesagt, nicht feststellen, ob die Österreicher mit großer Streitmacht den Mincio überquert hatten.

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Welche Rolle sowohl Cialdini als auch Garibaldi im großen Kampf spielen werden, kann niemand sagen. Sicher ist jedoch, dass diese beiden beliebten Führer nicht untätig bleiben werden – und dass ein Kampf, falls er ausbricht, die Ausmaße eines fast nie dagewesenen Gemetzels annehmen wird.

Hauptquartier der italienischen Armee, Torre Malimberti, 7. Juli 1866

Während der österreichische Kaiser sich zu Füßen des Herrschers Frankreichs wirft – ich hätte fast „des Schiedsrichters Europas“ geschrieben – scheinen Italien und seine tapfere Armee die Vorstellung, Venedig als Geschenk einer neutralen Macht zu erhalten, verächtlich abzulehnen. Es besteht kein Zweifel an den Gefühlen, die seit der Veröffentlichung des österreichischen Vorschlags im Moniteur herrschen – es handelt sich dabei um Erstaunen und sogar Empörung, insbesondere seitens Italiens selbst. In jeder italienischen Stadt hört man nur solche Äußerungen. Die italienische Armee möchte natürlich nicht den Eindruck erwecken, ihre Aufgabe aufgegeben zu haben, wenn die Österreicher behaupten, sie besiegt zu haben, ohne zu beweisen, dass sie auch sie besiegen kann. Es gibt hohe Ehrengrundsätze, die kein Soldat oder General aus humanitären oder politischen Gründen jemals außer Acht lassen würde – und mit diesen Grundsätzen steht die italienische Armee seit dem 24. Juni vollkommen im Einklang. Auch die Art und Weise, wie der Kaiser beschloss, den lang umstrittenen Punkt aufzugeben, indem er Italien ignorierte und Frankreich als Partei in der Venedig-Frage anerkannte, löste große Empörung bei den Italienern aus. Ihre Zeitungen erklären einstimmig, dass dem Land erneut eine Beleidigung zugefügt wurde. So sieht die öffentliche Stimmung hier aus – und es ist wahrscheinlich, dass sie weiterhin unverändert bleibt, es sei denn, durch einen vorzeitigen Waffenstillstand und einen hastig geschlossenen Friedensvertrag werden größte Vorteile erzielt. Natürlich richten sich alle Blicke auf Villa Pallavicini, zwei Meilen von hier entfernt, wo der König entscheiden muss, ob er den Rat des französischen Kaisers annimmt oder ablehnt. Beide Entscheidungen sind mit erheblichen Schwierigkeiten und nicht geringem Risiko verbunden. Der König wird sicherlich den Rat seiner Minister eingeholt haben; außerdem wurde vermutlich auch der Rat Preußens eingeholt und gegeben. Die Angelegenheit kann sehr bald entschieden werden – oder sie kann sich über Tage hinziehen, damit die öffentliche Unruhe und Angst abklingen können. In der Zwischenzeit scheint es, als hätten der König und seine Generäle beschlossen, das Geschenk nicht anzunehmen. Ein Angriff auf die Festung Borgoforte am rechten Ufer des Po begann am 5. um halb vier Uhr morgens unter der direkten Leitung von General Cialdini.

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Das angreifende Korps gehörte dem Herzog von Mignano. Den ganzen gestrigen Tag über war das Kanonendonner in Torre Malamberti zu hören – genauso auch heute Morgen zwischen zehn und elf Uhr. Borgoforte ist eine Festung auf der linken Seite des Po; über diesen Fluss führt eine Brücke, deren rechter Endpunkt durch eine starke Verteidigungsanlage geschützt wird – diese Anlage ist das Ziel des aktuellen Angriffs. Man kann sagen, dass diese Verteidigungsanlage zum Quadrilateral gehört, da sie lediglich ein vorgeschobener Teil der Festung von Mantua ist. Die Festung von Mantua ist wiederum über eine Militärstraße mit Borgoforte verbunden; auf der Mantua-Seite wird diese Straße durch die Festung Pietolo gestützt. Die Entfernung zwischen Mantua und Borgoforte beträgt nur elf Kilometer. Die Verteidigungsanlage am Flussufer des Po stammt aus jüngerer Zeit und besteht aus einem zentralen Teil sowie zwei Flügeln, die jeweils Rocchetta und Bocca di Ganda genannt werden. Die Schleuse hier befindet sich innerhalb der Verteidigungsanlage von Rocchetta.

Seit meinem letzten Brief an Sie musste Garibaldi von dem Plan absehen, Bagolino, Sant’Antonio und Monte Suello in Besitz zu nehmen. Nach einem vierstündigen Kampf musste er aufgeben, da er es mit einer ganzen österreichischen Brigade zu tun hatte – unterstützt durch Ulanen, Scharfschützen (fast ein Bataillon) sowie zwölf Artilleriegeschütze. Diese Positionen wurden anschließend vom Feind aufgegeben und von Garibaldis Freiwilligen eingenommen. Bei diesem Gefecht erlitt der General eine leichte Verletzung am linken Bein – doch diese ist so geringfügig, dass ein paar Tage ausreichen werden, damit er wieder aktiv eingesetzt werden kann. Es scheint, als wären die Waffen der Österreicher denjenigen der Garibaldischen Truppen weit überlegen gewesen; deren Geschütze erwiesen sich als äußerst unzuverlässig. Die Verluste der Garibaldischen Truppen beliefen sich auf etwa 100 Tote und 200 Verwundete. Unter diesen Zahlen sind viele Offiziere, da sie stets an der Spitze ihrer Männer standen, kämpften, angriffen und ihre Kameraden anspornten. Hauptmann Battino, ehemals bei der regulären Armee, starb, nachdem er von drei Kugeln getroffen worden war, während er mit dem ersten Regiment gegen die Österreicher vordrang. Nachdem sie die Caffaro-Linie aufgegeben hatten – die sie nach der Schlacht bei Lodrone wieder eingenommen hatten – mussten die Garibaldischen Truppen aufgrund der Konzentration der feindlichen Truppen nach der Schlacht bei Custozza zurückweichen. Die Österreicher zogen sich in die Festung Lardara zurück, zwischen den Bergen Stabolfes und Tenara, und sicherten so die Route nach Tione und Trento im italienischen Tirol. Das dritte Freiwilligenregiment litt am meisten, denn zwei seiner Kompanien mussten den größten Teil des heftigen österreichischen Beschusses ertragen, der von stark befestigten Positionen aus abgefeuert wurde. Fast zur gleichen Zeit fand ein weiteres Gefecht im Val Camonico statt, also nördlich davon.

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Caffaro sowie Rocca d’Anfo – Garibaldis Stützpunkt. Diese Kämpfe verliefen in ähnlichem Maße; die Italiener verloren einen ihrer tapfersten und besten Offiziere, nämlich Major Castellini, einen Einwohner Mailands, Kommandeur des zweiten Bataillons der lombardischen Bersaglieri. Obwohl dieses Bataillon sowie das von Major Caldesi aus Vezza zurückweichen mussten, wurde in der Nähe von Edalo eine starke Position eingenommen, während ein Regiment im Hinterland dafür sorgte, dass Breno sicher blieb. Obwohl Baron Ricasoli erst vor zwei Tagen noch im Hauptquartier war, wurde er plötzlich per Telegramm aus Florenz gerufen; soweit ich höre, ist er gerade angekommen. Dies wird zweifellos durch die neuen Komplikationen verursacht – insbesondere weil bei einem von dem Baron geleiteten Ministerrat eine Abstimmung über die aktuelle Situation stattfand, deren Art bisher unbekannt ist. Wie Sie in England sehr wohl wissen, hat Italien großes Vertrauen in Ricasoli; sein Verhalten, das niemals unterwürfig gegenüber dem französischen Kaiser war, hat das Volk zufriedengestellt. Man hält ihn derzeit für den richtigen Mann am richtigen Platz. Mit seinem umfassenden Wissen über Italien und die Italiener sowie mit der Zusammenarbeit eines ehrlichen Mannes wie General Lamarmora kann Italien als sicher gegenüber Freunden und Feinden angesehen werden. Nach dem, was ich heute Morgen auf dem Rückweg vom Frontgebiet gesehen habe, nehme ich an, dass morgen etwas unternommen werden wird – vielleicht sogar etwas Neues. Bisher hatte der vorgeschlagene Waffenstillstand keinerlei Auswirkungen auf die Entscheidungen im Hauptquartier und konnte das Donnern der Kanonen nicht stoppen. Trotz aller Gerüchte, Hoffnungen und Ängste halten Italiens vertrauenswürdige Führer weiterhin an dem Wunsch fest, den Krieg fortzusetzen.

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Hauptquartier des Ersten Armeekorps,
Piadena, 8. Juli 1866.

Während ich Ihnen diesen Brief schreibe, kann es keinen Zweifel geben, dass nicht nur Überlegungen zu irgendwelchen Aktionen im Hauptquartier angestellt werden, sondern dass diese tatsächlich noch heute stattfinden sollen – und vermutlich gegen die österreichischen Stellungen bei Borgoforte am linken Ufer des Po gerichtet sein werden. Bisher wurde die Front auf der rechten Seite des Flusses nur von den Kanonen des Generals, des Herzogs von Mignano, angegriffen. Nun soll vielmehr versucht werden, die Verbindungen zwischen Borgoforte und Mantua abzuschneiden, indem man den unteren Teil des Gebiets um diese Festung einnimmt, in Richtung der Valli Veronesi vorrückt und so über das Quadrat in Richtung Venedig gelangt. Während wir also auf weitere Nachrichten warten, die uns mitteilen, ob dieser Plan in die Tat umgesetzt wird und weiterverfolgt wird – ohne Rücksicht auf die Existenz von Mantua und Borgoforte an seinen Flanken – ist bereits eine wichtige Tatsache klar: Der Waffenstillstand, den Kaiser Napoleon vorgeschlagen hat, wurde nicht angenommen, und der Krieg wird fortgesetzt. Die Österreicher können sich in ihren Festungen einschließen oder sogar so gnädig sein und dem König deren uneingeschränkten Besitz überlassen, indem sie sich in derselben Richtung zurückziehen wie ihre Gegner vorrücken; die Verfolgung – wenn nicht der Kampf –, der Krieg – wenn nicht die Schlacht – wird von den Italienern fortgesetzt werden. In Torre Malamberti, wo sich das Generalhauptquartier befindet, waren gestern unzählige Offiziere in alle Richtungen unterwegs. Ich traf innerhalb weniger Minuten nacheinander den König sowie die Generäle Brignone, Gavone, Valfre und Menabrea. Prinz Amadeus, der vollständig von seiner Verletzung genesen ist, wurde per Telegramm herbeigerufen und wird heute in Cremona eintreffen. Es liegen keine genauen Informationen über die Absichten der Österreicher vor, doch man hofft für die italienische Armee und zum Ruhm ihrer Generäle, dass nun mehr darüber bekannt sein wird als am Vorabend des berühmten 24. Juni sowie am Morgen desselben Tages. Der Heldentum der Italiener an jenem unvergesslichen Tag übertrifft jede Vorstellung, die man sich machen kann – genauso wie es alle Erwartungen des Landes übertraf. Erlauben Sie mir, Ihnen einige davon zu erzählen.

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Viele heldenhafte Taten werden erst dann bekannt, wenn man die Gelegenheit hat, mit denen zu sprechen, die sie mit eigenen Augen gesehen haben – schließlich sind sie weder Gegenstand übertriebener Regimentsauszeichnungen noch, bislang, verdienter Ehren. Italienische Soldaten scheinen zu glauben, dass die Armee einfach nur ihre Pflicht erfüllt hat und dass sie, wo auch immer sie kämpfen mögen, stets gleiche Tapferkeit und Entschlossenheit zeigen werden. Hauptmann Biraghi aus Mailand, der zum Generalstab gehörte, erhielt mitten im Kampf einen Befehl von General Lamarmora für General Durando. Er eilte mit aller Geschwindigkeit zum ersten Armeekorps, das langsam vor den überlegenen Kräften des Feindes sowie vor der weitaus größeren Anzahl an Kanonen zurückwich. Während er unter einem heftigen Beschuss stand, wurde er plötzlich von einem österreichischen Kavallerieoffizier konfrontiert, der auf den italienischen Bote lauerte. Der Österreicher schoss mit seinem Revolver auf Biraghi und verletzte ihn am Arm. Unbeirrt griff Biraghi ihn an und zwang ihn zur Flucht; anschließend verfolgte er ihn, entledigte ihn seines Pferdes – doch sein eigenes Pferd wurde unter ihm erschossen. Biraghi befreite sich, tötete seinen Gegner und sprang auf dessen Pferd. Doch auch dieses wurde sofort von einer Kanonenkugel zu Boden geworfen, sodass der tapfere Hauptmann blutend und kaum noch in der Lage zu gehen, zu Fuß weitergehen musste. Wenn man von Heldentum, unvergleichlicher Ausdauer und seelischer Stärke spricht – was halten Sie von einem Mann, dem der Arm vollständig von einer Granate weggerissen wird, der dennoch fest auf seinem Pferd sitzt, weiterhin seine Truppen anführt – bis ihn schließlich nur noch die Blutung tödlich trifft? So erging es einem Neapolitaner – Major Abate von der Artillerie – dessen Name der Ehre einer ganzen Armee, eines ganzen Krieges würdig ist. Sein Name findet nur einen ebenbürtigen Partner im Namen eines Offiziers des 18. Bersaglieribataillons, der auf einen österreichischen Fahnenträger zustürmte, ihm mit der linken Hand die Flagge aus den Händen riss – diese wurde jedoch sofort von einem nahe stehenden österreichischen Offizier abgeschnitten – und sie anschließend mit der rechten Hand wieder eroberte, bis seine eigenen Soldaten ihn mit seiner Beute wegtrugen! Klingt das nicht wie eine Wiederholung der griechischen Geschichte – sieht es nicht so aus, als wären die tapferen Männer der Antike wiedergeboren worden und als würden alte Geschichten erneut erzählt, um vom italienischen Heldentum zu berichten? Ein weiterer Bersaglieri – ein Toskaner namens Orlandi Matteo, der zu jenem heldenhaften fünften Bataillon gehörte, das gegen ganze Brigaden, Regimenter und Bataillone kämpfte und dabei 11 von 16 Offizieren sowie etwa 300 von 600 Soldaten verlor – war bereits verwundet, als er eine österreichische Flagge sah. Er unternahm große Anstrengungen, stürmte auf den Offizier zu, tötete ihn, nahm die Flagge an sich und übergab sie, fast schon im Sterben, seinen Leuten.

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Leutnant. Er befindet sich jetzt auf einer Station des Krankenhauses San Domenico in Brescia. Alle, die von seinem Mut erfahren haben, hoffen inständig, dass er überleben wird und als einer der vielen gelten kann, die an jenem Tag Ruhm erlangten. Wenn es traurig ist, von dem Tod so vieler patriotischer und mutiger Soldaten im Kampf zu lesen, so ist es umso trauriger zu erfahren, dass viele von ihnen von den Feinden grausam getötet wurden – und zwar auch dann, als sie bereits verletzt am Boden lagen. Der sizilianische Oberst Stalella, Schwiegersohn des Senators Castagnetto und ein Mann unter den mutigsten Männern, wurde in das Bein getroffen und vom Pferd geworfen, während er seine Männer dazu anspornte, die Österreicher abzuwehren, die in großen Scharen gegen seine geschwächte Truppe vorrückten. Obwohl das Regiment sich zurückzog, schickte es einige seiner Männer, um ihn wegzuholen. Doch sobald er auf eine Trage gelegt worden war, musste er wieder abgesetzt werden – denn zehn oder zwölf Ulanen kamen heran, wodurch die Männer gezwungen waren, sich in einem Gebüsch zu verstecken. Als die Ulanen näher kamen und sahen, wie der Oberst qualvoll am Boden lag, stachen sie alle ihre Lanzen in seinen Körper. Ist das nicht wilde Grausamkeit – eine sogar noch nie dagewesene Grausamkeit, wie sie nur Wilde besitzen? Dennoch sind das Fakten, und niemand wird es wagen, sie aus Verona oder Wien zu leugnen – schließlich ist bekannt, dass die Ulanen sowie viele österreichische Soldaten betrunken waren, als sie kämpften. Ihnen wurden nach dem Aussteigen aus den Zügen Verpflegung und Rum gegeben, und sie kämpften ohne Rucksäcke. Das ist die Wahrheit – und nichts anderes wurde zur Ehre der Italiener behauptet, weder zum Schaden noch zum Vorteil ihrer Feinde. So lehnen sie zwar ab, dass sie österreichische Gefangene schlecht behandeln, doch sie behaupten gerne, dass ihre eigenen Gefangenen in Verona gut behandelt werden – ohne dabei an Verleumdungen und Lügen zu denken, wie es die Wiener Zeitungen getan haben. Heute Morgen kam Prinz Amadeus in Cremona an, wo er von der Bevölkerung und der Nationalgarde mit großer Begeisterung empfangen wurde. Er begab sich sofort auf dem kürzesten Weg ins Hauptquartier, damit sein Wunsch, wieder an der Front zu sein, wenn etwas unternommen werden muss, in Erfüllung geht. Dieser tapfere junge Mann sowie sein würdiger Bruder, Prinz Humbert, haben den Beifall ganz Italiens gewonnen – Italien, das zu Recht stolz darauf ist, seinen König und seine Prinzen zu den Besten im Kampf zählen zu können.

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Ich habe gerade von einer äußerst zuverlässigen Quelle erfahren, dass die Österreicher die Brücke bei Borghetto am Mincio gesprengt haben. Sollte sie in die Luft fliegen, würden nur die beiden Brücken bei Goito und Borghetto zerstört werden, wodurch die Italiener gezwungen wären, provisorische Brücken zu errichten. Ich höre außerdem, dass die venezianischen Städte ohne jede Garnison sind und dass vermutlich alle Truppen auf zwei Linien konzentriert sind – eine von Peschiera bis Custozza und die andere hinter dem Adige.

Sie wissen wahrscheinlich bereits, dass die Garnison Wiens am 3. dorthin geschickt wurde. Die Nachrichten, die wir aus Preußen erhalten, sind im Großen und Ganzen ermutigend, denn der sehr gefürchtete Waffenstillstand wurde von König Wilhelm abgewehrt. Einige Leute hier glauben, dass Frankreich Italien nicht allzu hart anpacken wird, weil dieses seinem Verbündeten gegenüber Wort gehalten hat, und dass die Hauptlast des französischen Zorns oder Unmuts auf Preußen fallen muss. Das ist jedoch das Mindeste, was man von Preußen erwarten kann, wie Sie wissen!

Wahrscheinlich kann ich Ihnen bis morgen mehr über den Italienisch-Österreichischen Krieg von 1866 schreiben.

GONZAGA, 9. Juli 1866

Ich schreibe Ihnen von einer Villa, die nur eine Meile von Gonzaga entfernt liegt und der Familie der Grafen Arrivabene aus Mantua gehört. Die Besitzer sind seit 1848 nicht mehr dort gewesen; erst das Schicksal des Krieges hat sie dazu gebracht, ihren wunderschönen Wohnsitz in Aldegatta wiederzusehen – hoffentlich müssen sie ihn nicht erneut aufgeben. Wie Sie sehen, ist alles „verändert“ worden. Vorwärts also mit den verbannten Patrioten! Vorwärts auch mit dem Volk, das sie unterstützt! Der Wunsch aller, die gezwungen sind, zurückzubleiben, ist, dass Armee, Freiwillige und Flotte zusammenarbeiten und gemeinsam auf venezianischem Boden landen, um eine große Schlacht zu suchen, der Armee den Ruhm zurückzugeben, den sie verdient, und dem Land die Ehre, die es besitzt. Der König wird aufgefordert, sein edel gegebenes Versprechen einzulösen, um Novara sowie den neuen, beleidigenden österreichischen Vorschlag zu rächen. Alles sei bereit, so heißt es. Die Armee soll zahlreich sein; wenn Zahlreichkeit und Mut zum Sieg führen, dann sollen die italienischen Generäle beweisen, wofür italienische Soldaten fähig sind. Wenn sie kämpfen, wird das Land sie mit den mutigsten Entschlüssen unterstützen – das Land wird eine Diskussion zulassen, sobald die Regierung alle Ängste beseitigt hat und verkündet, dass der Krieg fortgesetzt werden soll, bis der Sieg auf Italiens Schild eingraviert ist.

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Da ich nicht weit von Borgoforte entfernt bin, kann ich mehr erfahren, als mir allein das Geräusch der Kanonen mitteilen kann. Deshalb werde ich Ihnen einige Einzelheiten über den Angriff auf die Festungen mitteilen – dieser begann, wie ich Ihnen in einem meiner früheren Briefe mitgeteilt habe, am 4. Dort befanden sich etwa 1500 Österreicher. In der Nacht vom 5. auf den 6. führten sie von ihren vier befestigten Stellungen aus einen durchgehenden Beschuss durch; Ziel dieses Beschusses war es, zu verhindern, dass der Feind seine Kanonen aufstellen konnte. Dieser Beschuss verursachte jedoch keinen Schaden, und die Italiener konnten ihre Batterien aufstellen. Früh am 6. begann der Beschuss entlang der gesamten Frontlinie – die italienischen 16-Pfünder waren die Ersten, die feuerten. Die rechte Flanke wurde von Oberst Mattei, die linke von Oberst Bangoni befehligt; letzterer leistete hervorragende Arbeit, während die andere Flanke weniger erfolgreich war. Die schwersten Kanonen waren aufgrund eines der unvermeidlichen Zwischenfälle, die immer dann auftreten, wenn man es am wenigsten erwartet, noch nicht eingetroffen; daher konnten die 40-Pfünder erst später am Tag gegen die Festungen eingesetzt werden. Der Schaden an den Festungen war vorerst nicht groß, doch man hatte zumindest den Vorteil, die Stärke der feindlichen Positionen erkennen und den richtigen Angriffsweg finden zu können. Die Artilleristen arbeiteten mit großer Entschlossenheit – sie mussten erst auf einen unerwarteten Befehl von General Cialdini gegen zwei Uhr nachmittags aufhören. Der Angriff wurde jedoch am folgenden Tag wieder aufgenommen. Der Zustand der Festungen Monteggiana und Rochetta kann als prekär bezeichnet werden. Als Zeichen der damaligen Situation – insbesondere der Ungeduld in Italien bezüglich der allgemeinen Richtung der Militäraktionen – ist es nicht unwichtig zu beachten, dass die italienische Presse bereits zu klagen begonnen hat über die Unklarheit, in der alles liegt; zugleich zeigt die seit dem 24. Juni vergangene Zeit deutlich auf Untätigkeit hin. Es wird darauf hingewiesen, dass das „schmerzhafte“ Geschenk Österreichs in Form der venezianischen Provinzen sowie das zweifelhafte Vermittlungsangebot Frankreichs Italien eigentlich in einer völlig anderen Lage hätten befinden sollen – sowohl was seine politische als auch militärische Stellung angeht. Tatsächlich befindet sich Italien jedoch im genauso gleichen Zustand wie damals, als Erzherzog Albert nach Wien telegrafierte, dass ein großer Sieg über die italienische Armee errungen worden sei. Das sind Fakten – und egal wie stark und respektabel die Gründe auch sein mögen: Es besteht kein Zweifel daran, dass es zu einer außergewöhnlichen Verzögerung bei der Wiederaufnahme der Feindseligkeiten gekommen ist, und dass die derzeit geplanten Aktionen völlig rätselhaft sind. Von Zeit zu Zeit werden einige Informationen veröffentlicht – doch diese tragen nur dazu bei, das anschließende Fehlen von Neuigkeiten noch rätselhafter zu machen. Vorerst ist dies die erste offizielle Berichterstattung über die unglückliche Schlacht vom 24. Juni.

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Es wurde veröffentlicht und wird entsprechend aufmerksam durchforstet und genau studiert. Es ist allgemein bekannt, dass man keine umfangreichen militärischen Kenntnisse benötigt, um zu erkennen, dass zu großer Verlass auf angebliche Fakten gelegt wurde und dass die Nachsicht gegenüber Spekulationen und Ideen zum Verschwenden so vieler wertvoller Leben führte. Die Vorsicht, die die anschließenden Handlungen der Österreicher auszeichnete, mag durch die Maßnahmen ihrer Gegner verursacht worden sein, doch die italienischen Kommandeure hätten es vermeiden sollen, dem Feind die Möglichkeit zu geben, in Aktion zu treten. Es ist klar, dass es zur Besserung der Situation nicht ausreicht, großzügige und patriotische Rufe auszusprechen – es muss vielmehr gezeigt werden, dass die Kraft des Körpers keineswegs der Kraft des Geistes unterlegen ist. Ebenso ist klar, dass viele Leben gerettet werden könnten, wenn diejenigen, die die Aktionen leiteten, mehr Intelligenz gezeigt hätten. Die Situation bleibt weiterhin sehr ernst. Ein Waffenstillstand, um den sich General von Gablenz erniedrigt hatte und bei den Preußen anforderte, wurde abgelehnt; doch ein anderer Waffenstillstand, den der französische Kaiser ihnen empfohlen hat, könnte letztendlich Wirklichkeit werden. Für Italien könnte dann auch die rein venezianische Frage gelöst werden, während die nationale Frage sowie die Frage nach Recht und Ehre, die das Heer so sehr schätzt, weiterhin ungelöst bleiben würden.
GONZAGA, 12. Juli 1866.
Reisen gilt im Allgemeinen als lästig – doch mit Brigaden, Divisionen und Armeekorps zu reisen, kann ich bestätigen, dass es noch unangenehmer ist, als üblich. Es liegt nicht daran, dass italienische Offiziere oder Soldaten absichtlich Hindernisse in den Weg legen würden; aber leider haben sie die unvermeidlichen Wagen samt dem unvermeidlichen Lärm dabei – beides reicht aus, um einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen, selbst wenn der Barometerwert sehr hoch ist. Aufgrund ihrer Trägheit, ihrer Anzahl sowie des Staubes, den sie aufwirbelten, dachte ich wirklich, sie würden mich vor meiner Ankunft in Casalmaggiore auf dem Weg von Torre Malamberti in den Wahnsinn treiben. Ich brach um drei Uhr morgens vom dortigen Ort auf – bei schönem Wetter, das, wie es die Tradition will, mir während der ganzen Reise Gesellschaft leistete. Nachdem ich San Giovanni in Croce passiert hatte, wohin das Hauptquartier von General Pianell verlegt worden war, bog ich rechts in Richtung Po ab und bekam allmählich eine Vorstellung davon, welche anstrengende Reise mich bis nach Casalmaggiore erwarten würde. Auf beiden Seiten des Weges befanden sich einige Regimenter, die zu…

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Die Truppen im hinteren Bereich lagerten immer noch dort, und als ich daran vorbeikam, war es sehr interessant zu sehen, wie beschäftigt sie damit waren, ihr „Rancio“ zuzubereiten, ihre Waffen zu polieren und die Zeit optimal zu nutzen. Die Offiziere standen gelassen herum und starrten mich an – vermutlich dachten sie, ich würde an irgendetwas im Schicksal ihres Landes beteiligt sein. Hier und da kamen Soldaten, die gerade aus den Krankenhäusern in Brescia und Mailand gekommen waren, zu ihren Einheiten und schüttelten den Händen ihrer Kameraden, von denen sie nur durch Krankheit oder den Krieg getrennt worden waren. Sie schienen froh zu sein, ihr altes Zelt, ihre alte Trommel, ihren alten Farbträger sowie die Flagge wiederzusehen – die Flagge, die sie in die Schlacht getragen hatten und um jeden Preis nicht hatte weggenommen werden dürfen. Ich kann hier anmerken, dass am ersten Tag der Schlacht bei Custozza insgesamt sechs Flaggen vom Feind erobert wurden und später beim Rückzug zurückgelassen wurden; bei den Italienern hingegen ging nur eine Flagge für einige Minuten verloren, bevor sie schnell wieder zurückgeholt werden konnte. Dieser Umstand sollte allein schon ausreichen, um die Tapferkeit zu zeigen, mit der die Soldaten am 24. kämpften – und die Tapferkeit, mit der sie weiterkämpfen werden, falls ihnen, wie sie sich sehnsüchtig wünschen, eine neue Gelegenheit gegeben wird.

Solange ich nur Truppen traf, die entweder marschierten oder auf der Straße lagerten, lief alles gut. Doch bald befand ich mich mitten in einer endlosen Reihe von Wagen und ähnlichen Fahrzeugen, die den militärischen und zivilen Zug der marschierenden Armee bildeten. Da brauchte man viel Geduld, um nicht aus dem Wagen zu springen und die Fuhrleute zu tadeln – schließlich weigerten sie sich beharrlich, Platz zu machen, und reagierten auf alle Bitten genauso taub wie ein Stein. Nachdem man mit einem fertig war, musste man sich mit dem nächsten beschäftigen – und stellte fest, dass sie alle genauso stur und egoistisch sind, egal ob am Weg nach Casalmaggiore oder in High Holborn. Von Zeit zu Zeit schien alles in Ordnung zu sein, und man dachte, man sei von weiteren Problemen befreit – doch bald stellte man fest, dass man sich geirrt hatte: Ein riesiger Munitionswagen kam plötzlich in die Quere, ein Rad verfing sich im anderen, und der unerschütterliche Herr Fuhrmann schien offensichtlich Freude an jeder neuen Gelegenheit zur Pause, Untätigkeit, Trägheit und zum Schlafen zu haben. Ich kam bald zu dem Schluss, dass Italien nicht frei sein würde, sobald die Österreicher vertrieben wären – denn dann müsste noch ein anderer, noch gefährlicherer Feind besiegt, vertrieben oder vernichtet werden – nämlich der Fuhrmann. Wenn man ihn einsetzt, beraubt er einen fünfzigmal so sehr; wenn man will, dass er schnell fährt, wird er sicherlich das Tier davon abhalten, schneller zu gehen.

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Alle – und wenn es noch schlimmer kommt: Wenn man überhaupt nicht an ihn denkt oder gerade von ihm ausgeraubt wurde, dann wird er keinen Finger rühren, um einem zu helfen. Sicherlich ist Cholera nicht die einzige Seuche, die ein Land heimsuchen kann; und falls Cialdini jemals nach Wien geht, könnte er sich für Novara und Spielberg rächen, indem er die Karrenführer der ganzen Armee mitnimmt.
Endlich tauchte Casalmaggiore in Sicht auf – und wenn das Glück sowie die Umstände es zuließen, erreichte ich es. Es war Zeit! Kein Mann, egal wie stark, hätte es geschafft, bei solchen Bedingungen noch zwei Meilen weiterzugehen. In Casalmaggiore bog ich ab. Glücklicherweise gab es zwei Wege – und es bedurfte keinerlei Grund oder Argumente, um mich dazu zu bringen, den Weg zu wählen, den mein Albtraum nicht gewählt hatte. Sie überquerten den Fluss in Casalmaggiore. Ich ging natürlich aus demselben Grund irgendwo anders hin. Jeder Ort war gut genug – zumindest dachte ich das damals. Neue Abenteuer, neue Leiden erwarteten mich – irgendein Karrenführer, der vermutete, dass ich weder sein Freund noch der aller anderen war, hatte mir einen Streich gespielt.
Nach vier Stunden Reise stieg ich bei Colombina ab, damit die Pferde etwas ausruhen konnten. Das Albergo della Colombina war eine große Enttäuschung – dort gab es nichts zu essen. Ich beschloss, geduldig zu warten – im Gegensatz zu einigen Kavallerieoffizieren, die völlig staubbedeckt und offensichtlich hungrig und durstig waren und laut fluchten. Nach einer Stunde wurden einige Eier sowie etwas Salami gebracht, die schnell verzehrt wurden. Ein junger Leutnant des 30. Infanterieregiments der Pisa-Brigade setzte sich mir gegenüber – bald führten wir ein Gespräch. Er hatte sich mitten im schlimmsten Teil der Schlacht von Custozza befunden und war durch ein Wunder dem Gefangensein entkommen. Er erzählte mir, wie sein Regiment auf die Stellungen am Monte Croce vorrückte – diese Stellungen sahen seiner Beschreibung nach aus wie ein englischer Pudding – und wie sie von Batterien auf beiden Flanken sowie von vorne beschossen wurden. Der Leutnant fügte jedoch eher verächtlich hinzu, dass die Österreicher nicht einmal die übliche Geste machten – also sich hinlegten –, da ihr Schießen äußerst schlecht war. Der Gegenbeschuss wurde jedoch so heftig, dass Befehle gegeben werden mussten, um entlang der Straße in Deckung zu gehen, um nicht vernichtet zu werden. Der Angriff wurde gestartet, die gesamte Reihe von Stellungen wurde eingenommen und mehrere Stunden lang gehalten – bis das unfehlbare Verhältnis von drei zu eins, unterstützt durch Batterien, Granaten und Kanonenkugeln, sie zum Rückzug zwang. Diesen vollzogen sie langsam und geordnet. Zu diesem Zeitpunkt war ihr Brigadeführer, Generalmajor Rey de Villarey, bereits…

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Ein Einwohner von Mentone zog es vor, bei seinem König zu bleiben, anstatt nach der Abtretung zu den Franzosen überzugehen. Er wandte sich an seinen Sohn, der auch sein Adjutant war, und sagte in seinem Dialekt: „Nun, mein Sohn, wir müssen beide sterben.“ Mit einem Schlag der Sporen befand er sich bald an vorderster Front auf dem Hügel – dort trafen ihn fast gleichzeitig drei Kugeln und töteten ihn. Das Pferd seines Sohnes brach beim Folgen zusammen, sodass ihm das Leben geschenkt blieb. Mein Leutnant war zu diesem Zeitpunkt so von Hunger und Erschöpfung überwältigt, dass er zu Boden fiel und für tot gehalten wurde. Tatsächlich aber lebte er noch und hatte genug Kraft, um nach dem Kampf zu hören, wie die österreichischen Jäger vorbeizogen und wieder zu ihren ursprünglichen Positionen zurückkehrten, wo ihre Infanterie lag und nicht im Geringsten daran dachte, die Italiener zu verfolgen. Vier seiner Soldaten – allesamt Neapolitaner – kamen, um nach ihm zu suchen, während die Kugeln weiterhin um sie herum summten. Sobald er ihnen ein Zeichen gab, kamen sie heran und trugen ihn auf ihren Schultern zurück dorthin, wo noch etwas vom Regiment übrig war. Es ist sehr lobenswert für die italienische Einheit, dass ein alter Piemonteser-Offizier die Rekruten aus den neuen Provinzen lobte. Der Leutnant freute sich, berichten zu können, dass ein weiterer Neapolitaner im Kampf an seiner Seite stand und so schnell wie möglich schoss. Als eine Granate in seiner Nähe explodierte, warf er ihr verächtlich einen Blick zu und versuchte nicht einmal, sich vor der Explosion in Sicherheit zu bringen. Der tapfere Leutnant musste leider schließlich gehen – ich wurde somit um viele interessante Geschichten sowie um die Gesellschaft eines mutigen Mannes beraubt. Deshalb machte ich mich auf den Weg nach Viadana, wo ich den Po überqueren wollte; die Straße folgte dort dem linken Ufer des Flusses. In Viadana fand ich jedoch keine Brücke, denn die Truppen hatten die bereits vorhandene Brücke erst am Vortag zerstört. Ich musste daher in Formation weitergehen. Während ich unter den Portiken entlangging, die man in fast allen Dörfern dieser Gegend findet, wurde ich von dem Anblick eines alten und wunderschönen Kunstwerks beeindruckt – es handelte sich dabei um einen venezianischen Spiegel aus Murano. Er hing an der Wand in einem Laden für Stoffe im Dorf, und der Besitzer zeigte ihn mir gerne; er verbarg nicht seine Freude darüber, ihn besitzen zu dürfen. Es handelte sich um einen dieser Spiegel, die man heutzutage nur noch selten sieht – früher waren sie in den Burgen und Palästen der alten Fürsten sehr verbreitet. Der Spiegel wirkte äußerst realistisch, und sein vergoldeter Rahmen war so leicht sowie von solcher Reinheit und Eleganz, dass ich all meine Willenskraft aufbringen musste, um ihn nicht zu kaufen – obwohl ein günstiger Preis wohl kaum zu erzielen gewesen wäre. Den Spiegel musste ich jedoch aufgeben, da Dosalo, der nächste Ort zur Überquerung des Po, immer noch sieben Meilen entfernt war. Zu dieser Zeit schien die Sonne in voller Kraft, und die Hitze war wirklich unerträglich.

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Angenehm. Dann gab es auch Staub – als wären Hunderte von Fuhrleuten vorbeigekommen – sodass die Hitze fast unerträglich war. Schließlich wurde die Fähre nach Dosalo erreicht, der Weg dorthin wurde eingeschlagen, und ich dachte, das Gefährt würde sofort an Bord gebracht werden. Doch dann stellte sich heraus, dass eine Herde Ochsen Vorrang hatte; daher musste ich warten. Das unter einer solchen Sonne, auf einem schattlosen Strand, mit der Aussicht, mindestens zwei Stunden dort bleiben zu müssen, war keineswegs angenehm. Es dauerte drei Viertelstunde, um die Ochsen ins Boot zu bringen, eine halbe Stunde, um sie auf die andere Seite zu bringen, und weitere eine Stunde, bis die Fähre zurückkam. Die Aussicht vom Strand aus war prächtig: Der Po zeigte seine ganze Macht. Wenn man durch das Teleskop auf die Ochsen und Bäume auf der anderen Seite blickte, schienen sie in allen Farben des Regenbogens gekleidet zu sein – als gehörten sie zu einer anderen Welt. Einige Bauern warteten in meiner Nähe auf das Boot und sprachen über den Krieg und die Österreicher; sie schworen, dass sie diese, wenn möglich, vernichten würden. Ich gab ihnen das Teleskop zum Betrachten – ich nahm an, sie hätten noch nie eines gesehen, denn sie fanden es äußerst erstaunlich, die Uhrzeit auf dem Turm von Luzzara erkennen zu können, der drei Meilen in gerader Linie auf der anderen Seite lag. Auch der Revolver war Gegenstand großer Bewunderung; sie drehten ihn immer wieder hin und her, berührten ihn und starrten darauf, als könnten sie nicht erkennen, wo die Patronen eingefügt wurden. Einer dieser Bauern tat jedoch so, als wäre er der Beste unter den anderen; einmal erzählte er allen, die zuhörten, eine Geschichte über seine Reise nach St. Helena – die sich angeblich mitten in Moskau befand –, wo es so kalt war, dass seine Nase genauso groß wie sein Kopf wurde. Offensichtlich vermischte dieser arme Mann die Geschichten einer Nacht mit denen der nächsten – Geschichten, die er wahrscheinlich vom alten Sindaco gehört hatte, der zugleich Lehrer, Notar und höchste kommunale Autorität im Ort ist. Schließlich fuhr ich mit ihnen auf der Fähre ab. Während der Überfahrt kamen sie auf die Priester zu sprechen – und waren sich, um es milde auszudrücken, einig darin, dass sie von ihnen äußerst schlechte Meinung hatten; sie unterschieden sich nur darin, welche Strafe sie ihnen auferlegen wollten. Auf der Seite, an der wir landeten, lagen Haufen von Munitionskisten für die Truppen, die Borgoforte belagerten. Andere wurden von meinen Freunden, den Fuhrleuten, mit Wagen transportiert – von denen beschlossen wurde, dass ich noch eine Weile nicht ohne sie auskommen würde. Als ich Guastalla betrat, fand ich nur wenige Artillerieoffiziere, die offensichtlich für das zuständig waren, was wir auf dem Weg gesehen hatten. Guastalla ist eine hübsche kleine Stadt, die sehr stolz auf ihre Statue von Herzog Ferrante Gonzaga sowie auf das Kreuz ist.

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Rossa ist eine hübsche kleine Herberge, die stolz auf einen klugen jungen Kellner sein kann – er stellte nämlich fest, dass ich, da ich nach Luzzara weiterreisen wollte, besser bis zum nächsten Morgen warten sollte. Ich befolgte seinen Rat jedoch nicht und befand mich bald schon vor den Toren von Luzzara, einem sehr hübschen kleinen Ort, der einst zu den vielen Besitztümern der Gonzagas gehörte, in denen sie Hof, Palast und Burg hatten. Die Wappen über dem Bogen sind noch immer zu sehen; sie würden sonst keine besondere Aufmerksamkeit verdienen – außer wegen eines bemerkenswerten Terrakottawerks, das eine Krone aus Kiefern und Kiefernnadeln darstellt und sich in einem wunderbaren Erhaltungszustand befindet. Das Ganze ist so künstlerisch gestaltet und so natürlich, dass man meinen könnte, es handele sich um eines der Werke von Luca della Robbia. Luzzara hat auch einen großen Turm, den ich bereits aus der Ferne von Dosalo gesehen hatte. Das einzige Gasthaus im Ort serviert ausgezeichnete italienische Gerichte. Der Wein könnte selbst einen der größten Bewunderer von Sherry begeistern. Falls man keine Daunendecken bekommt, sind die Betten zumindest sauber – genauso wie die Zimmer selbst. Da es allmählich zu dunkel wurde, beschloss ich hier zu übernachten – eine Entscheidung, die mir die Gelegenheit gab, einen der schönsten Sonnenuntergänge zu erleben, die ich je gesehen habe. Vom Gasthaus aus konnte ich eine Abstufung von Farben sehen: vom Purpurrot bis zum tiefsten Meerblau. Diese Farben erhoben sich wie ein riesiges Zelt aus dem dunkelgrünen Grün der Bäume und Felder, die hier und da mit kleinen weißen Häusern mit roten Dächern übersät waren. Vor mir ragte der Turm von Luzzara majestätisch in der Dämmerung empor. Mit fortschreitender Stunde wurden die Farben intensiver; das untere Ende dieses „riesigen Vorhangs“ verschwand allmählich, während Sterne und Planeten hoch am Himmel leuchteten. Ein Bauer sang auf einem nahegelegenen Feld, und in der Ferne läuteten die Glocken einer Kirche. Beides schien wunderbar miteinander zu harmonieren. Es war eine äußerst reizvolle Szene. Um vier Uhr morgens stand ich auf und machte mich kurz darauf auf den Weg nach Reggiolo und anschließend nach Gonzaga. Hier wird die Vegetation üppiger – jeder Quadratzentimeter trägt zur immensen Weite des Ortes bei. Die Natur ist hier in vollkommener Perfektion. Da sogar die Telegrafenleitungen locker von Baum zu Baum hängen, anstatt auf Pfählen befestigt zu sein, hat man das Gefühl, dass der romantische Charakter dieses Ortes zu schön ist, um beeinträchtigt zu werden. Überall herrschen Frieden, Schönheit und Glück – alles zeigt einem, dass man sich in Italien befindet. In Gonzaga, das erst vor wenigen Tagen den Österreichern gehörte, weht die italienische Trikolore aus jedem Fenster. Als die ehemaligen Herrscher abzogen, traten neue an ihre Stelle. Als eine Truppe von Lanzenreitern aus Monferrato in die alte Burghauptstadt einrückte, schien die Freude der Einwohner fast schon delirant zu sein. Die Lanzenreiter verließen den Ort jedoch bald wieder. Nur die Flagge bleibt zurück.

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11. Juli.
Cialdini begann am 8. mit der Überquerung des Po und nutzte dazu drei Übergangsstellen – nämlich Carbonara, Carbonarola und Follonica. Ab drei Uhr morgens hatte er die ersten beiden Pontonbrücken überquert und war gegen Mitternacht des 9. fertig. Die Brücke bei Follonica blieb bis sieben Uhr morgens des 10. intakt, doch die Truppen sowie die militärischen und zivilen Züge setzten ihre Reise entlang des Po fort, ohne nach Stellata zu gelangen – in Richtung Ponte Lagoscura.
Gestern wurden hier um sieben Uhr morgens Schüsse gehört, und das bis elf Uhr, in Richtung Legnano, vermutlich in Richtung Adige. Das Feuer war intensiv, und es lässt vermuten, dass gekämpft wurde. Vielleicht haben die Österreicher auf Cialdini bei Legnano gewartet oder versucht, die Überquerung des Adige zu verhindern. Rovigo wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. von den Österreichern aufgegeben. Sie sprengten die Festungen Rovigo und Boara in die Luft, zerstörten die Verteidigungsanlagen am Adige und brannten alle Brücken nieder. Möglicherweise versuchen sie nun, sich entlang der linken Seite dieses Flusses bis nach Legnano zu halten, um unter dem Schutz des Quadrilaterums zu gelangen. In diesem Fall wäre ein Zusammenstoß, falls Cialdini rechtzeitig den Fluss überqueren kann, fast unvermeidlich – und das wäre auch der Grund für die Schüsse gestern.
Sie könnten auch per Bahn nach Padua gehen, wodurch Cialdini zwischen ihnen und dem Quadrilateral liegen würde. Auf jeden Fall ist ein Zusammenstoß kaum zu vermeiden, sofern dieser General schnell handelt – oder die Österreicher nicht schneller sind als er, je nach den möglichen Anweisungen.
Baron Ricasoli hat Florenz zum Lager verlassen. Es gibt allerlei Gerüchte bezüglich des aktuellen Standes der Verhandlungen – offensichtlich finden diese statt. Ich denke, in den höheren Gremien der Krone sind die Meinungen geteilt, und das Land möchte weiterhin unbedingt wissen, wie diese Situation ausgeht. Ein großer Sieg für Cialdini könnte in diesem Moment viele Probleme lösen. Der Krieg wird überall geführt – außer auf See – denn Garibaldis Truppen rücken langsam im italienischen Tirol vor, während die Österreicher hinter den Mauern von Landaro und Ampola auf sie warten. Laut den neuesten Nachrichten befinden sich die vorgeschobenen Stellungen der Garibaldischen Truppen in der Nähe von Darso.
Die Nachrichten aus Preußen sind weiterhin widersprüchlich. Die italienische Presse fordert einstimmig gemeinsam mit dem Volk, dass Cialdini vorrücken, dem Feind entgegentreten, gegen ihn kämpfen und ihn gegebenenfalls besiegen soll. Italiens Wünsche sind ganz auf seiner Seite.

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NOALE, NAHE TREVISO, 17. Juli 1866.
Von Lusia aus folgte ich der Division von General Medici nach Motta, wo ich sie verließ – allerdings nicht ohne Bedauern, denn bessere Kameraden ließen sich kaum finden; die Offiziere waren so freundlich und die Soldaten so fröhlich. Sie lagern nun um Padua herum und werden morgen auf Treviso marschieren, wohin bereits die italienische Leichte Kavallerie angekommen ist, soweit ich das aus der Tatsache schließen kann, dass sie am 15. Noale verlassen haben. Von rechts höre ich, dass die vorgeschobenen Posten bis nach Mira am Brenta vorgedrungen sind – zwanzig Kilometer von Venedig selbst entfernt – und dass sich das erste Armeekorps gegenüber Chioggia konzentrieren soll. Dieses Korps ist von Ferrara aus direkt nach Rovigo marschiert, das durch den Vorstoß des vierten, also Cialdinis Armeekorps, bereits von Soldaten geräumt worden war. General Pianell hat weiterhin das Kommando darüber; Generalmajor Cadalini, der früher an der Spitze der Siena-Brigade stand, übernimmt nun das Kommando über seine ehemalige Division. Unter General Pianell befindet sich der tapfere Prinz Amadeus, der vollständig von seiner Brustwunde genesen ist; die Brigade der lombardischen Grenadiere ist stolz auf ihn wie eh und je. Sie könnten sich keinen fähigeren Kommandanten, keinen besseren Vorgesetzten und keinen mutigeren Soldaten wünschen. So bleiben die Truppen, die am 24. Juni gekämpft haben, in der zweiten Linie, während die noch frischen Divisionen unter Cialdini so schnell wie möglich voranschreiten. Das nützt jedoch nichts: Die italienischen Außenposten am Piave haben den Fluss noch nicht überquert, weil sie Abstand zu ihren Regimentern halten müssen – doch sie werden es tun, sobald diese dem Fluss näher kommen. Wäre das nicht bei regulären Kriegen üblich, könnten sie das Land jenseits des Piave über viele Meilen hinweg durchqueren, ohne auch nur einen Österreicher zu sehen. Für den einfachen Soldaten, der nichts von diplomatischen Intrigen und politischen Überlegungen weiß, bedeutet dieser plötzliche Rückzug fast einen ebenso plötzlichen Umkehrschritt – schließlich erinnert er sich daran, dass diese Manöver den Angriffen der Österreicher auf Solferino und Custozza vorausgingen. Für den Offizier hingegen bedeutet es nichts anderes als den festen Wunsch, dem italienischen Heer nicht mehr gegenüberzutreten – und das ist für ihn eine Quelle der Enttäuschung und Verzweiflung. Er kann es nicht ertragen, daran zu denken, dass ein weiterer Kampf unwahrscheinlich ist; es ist daher verständlich, wenn er in dieser Hinsicht nicht in bester Stimmung ist. Das gilt nicht nur für Offiziere, sondern auch für die Freiwilligen, die ihre Heime und den Komfort ihres Familienlebens verlassen haben – nicht, um bei Paraden gezeigt zu werden, sondern um gegen den Feind geschickt zu werden. Im regulären Heer gibt es Hunderte solcher Freiwilliger – insbesondere in der Kavallerie – und die Aosta-Lanciers sowie das Regiment der Führer bestehen zur Hälfte aus ihnen.

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Man sollte ihnen zuhören – es darf keinen geringsten Zweifel oder Zögern bezüglich der Überquerung des Isongo und des Vormarsches auf Wien geben. Möge der Himmel dafür sorgen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen, denn es ist Italien fest entschlossen, den Krieg ins Land des Feindes zu tragen – es sei denn, es wird durch reine Gewalt niedergeschlagen.
Die Entscheidungen der französischen Regierung werden hier mit großer Unruhe erwartet; es gibt viele, die voraussehen, dass sie für Italien ungünstig sein werden. Dennoch fällt es vielen schwer zu glauben, dass der französische Kaiser die Dinge bis zum Äußersten treiben und die bereits bestehenden Schwierigkeiten Europas noch vergrößern wird.
Heute gab es am Tisch Gerüchte, dass die Österreicher Legnano aufgegeben hätten – eine der vier Festungen des Quadrilaterums. Ich glaube diesen Gerüchten im Moment nicht allzu sehr, aber sie sind nicht ausgeschlossen, denn man kann von der Wiener Regierung vieles Unerwartete erwarten. Es wäre viel besser für sie gewesen, wenn der Erzherzog Albert beim Bericht über die Kämpfe am 24. in lobenden Worten vom König, seinen Söhnen und seinen Soldaten gesprochen und stattdessen direkt mit Italien verhandelt hätte, um so Frieden – vielleicht sogar Freundschaft – mit diesem Land zu erlangen. Doch diejenigen, die seit Jahren so despotisch über die italienischen Untertanen geherrscht haben, können sich nicht damit abfinden, dass Italien endlich zu einer Nation geworden ist. Sie nutzen sogar heimtückisch jede Gelegenheit, um Italien neue Beleidigungen zuzufügen. Man kann leicht erkennen, dass der alte Geist weiterhin um die Vorherrschaft kämpft, dass der alte Spott weiterhin versucht, die Italiener herabzusetzen, und dass an die alten Ideen Metternichs weiterhin festgehalten wird. Verdient das nicht eine weitere Lektion? Bedarf es nicht wieder eines Sadowa, um alles endgültig zur Ruhe zu bringen? Ja – und es liegt an Italien, dies zu tun. Wenn dem so ist, dann soll man Cialdinis Armee in Ruhe lassen – dann könnte der Tag nahe sein, an dem der König dem Land mitteilen kann, dass die Aufgabe erfüllt wurde.
Ein Gespräch über den aktuellen politischen Zustand sowie über die besondere Lage Italiens ist das einzige Thema, das in einem Brief vom Lager Beachtung verdient. Alles andere steht still – und die Bewegungen der hervorragenden Armee, über die Cialdini nun verfügt (etwa 150.000 Mann), sind nicht mehr von Interesse. Vielleicht gibt es Interesse an einem Angriff auf Venedig – schließlich sind dort immer noch österreichische Soldaten stationiert, die kämpfen müssen, falls sie angegriffen werden. Es wird gehofft, dass die schöne Königin des Adriatischen Meeres einer Zerstörung erspart bleibt – und dass kein neuer Haynau auftaucht, um die Taten von Brescia und Vicenza zu wiederholen.

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Der König ist noch nicht angekommen – es scheint wahrscheinlich, dass er für eine Weile nicht kommen wird, bis endlich der Tag kommt, an dem die italienischen Truppen triumphierend in die Stadt der Dogen einziehen können. Die Hitze bleibt weiterhin intensiv, und das erklärt die Langsamkeit des Vormarschs. Bisher hat sich keine Krankheit eingestellt – man muss hoffen, dass die Truppen gesund bleiben, denn Krankheiten beeinträchtigen die Moral viel stärker als ein halbes Dutzend Custozzas.
P.S.: Ich hatte gerade zu schreiben aufgehört, als ein Offizier in die Herberge gestürmt kam, in der ich wohne, und mir mitteilte, er habe gerade erfahren, dass eine italienische Patrouille auf dem Weg aus dem Dorf auf eine österreichische gestoßen sei und diese besiegt habe. Das mag wahr sein oder auch nicht – aber es war sehr interessant zu sehen, wie erfreut alle darüber waren, dass sie endlich „sie“ gefunden hatten. Sie kümmerten sich kaum um das Ergebnis der Auseinandersetzung; wie bereits erwähnt, wurde berichtet, dass dieses günstig verlaufen sei. Alles, was ihnen wichtig war, war, dass sie dem Feind nahe waren. Man kann sich eines Heeres, das von solchem Elan beseelt ist, nicht entmutigen lassen. Man könnte meinen, anhand der Freude, die den Gesichtern der Soldaten anzusehen ist, dass bereits ein Sieg für die italienischen Truppen verkündet worden sei.
DOLO, NAHE VENEDIG, 20. Juli 1866.
Ich kehrte gestern Abend von Noale nach Padua zurück. Spät in der Nacht erhielt ich in meiner Unterkunft die Nachricht, dass in Richtung Venedig Kanonendonner zu hören sei. Es war dunkel wie in Dantes Hölle – es regnete und wehte heftig; es handelte sich um einen dieser italienischen Stürme, die alle irdischen und himmlischen Kräfte der Schöpfung zu wecken scheinen. Es blieb nichts anderes übrig, als aufs Pferd zu steigen und versuchen, zum Frontgebiet vorzudringen. Wer das nicht selbst ausprobiert hat, kann sich nicht vorstellen, wie schwierig es ist, sich in einer völlig dunklen Nacht auf einer Straße zurechtzufinden, auf der ein ganzes Armeekorps mit enormem Kriegsmaterial marschiert. Doch genau das musste Ihr Sonderkorrespondent tun. Glücklicherweise war ich kaum bis Ponte di Brenta vorgedrungen, als ich auf einen Offizier aus Cialdinis Stab stieß, der ebenfalls nach Dolo unterwegs war. Während wir unter einem ununterbrochenen Regen weitermarschierten und unsere Augen immer wieder von den grellen Blitzlichtern geblendet wurden, trafen wir auf einige Bataillone oder Eskadronen, die vorsichtig vorrückten – schließlich konnten weder sie noch wir zwischen der Straße und den Gräben, die sie säumten, unterscheiden; alle Orientierungspunkte, die unseren Führern tagsüber vertraut waren, waren in völliger Dunkelheit verschwunden.

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Grad der Dunkelheit. So kam es, dass mein Begleiter und ich, nachdem wir in Gräben gestolpert waren und wieder herauskamen, nachdem wir die Köpfe unserer Pferde gegen einen Munitionswagen geschlagen hatten oder nachdem wir auf eine Gruppe von Soldaten gestoßen waren, die sich unter einem großen Baum versteckten, uns nach drei Stunden Reiten in diesem Dorf Dolo wiederfanden. Zu dieser Zeit hatte sich die Heftigkeit des Sturms stark gelegt; Donner war nur noch gelegentlich zu hören – aus einer Entfernung, die es uns ermöglichte, das Dröhnen der Kanonen deutlich zu vernehmen. Unsere Pferde konnten kaum durch den klebrigen, schwarzen Schlamm kommen, in den der weiße, erstickende Staub der vorangegangenen Tage durch den Regen einer Nacht verwandelt worden war. Wir machten uns jedoch auf den Weg zum Pfarrhaus des Dorfes, denn wir hatten bereits beschlossen, den Kirchturm zu erklimmen, um einen besseren Überblick über die Umgebung zu bekommen und möglichst besser die Kanonen hören zu können. Nach ein paar Wortwechseln mit dem Pfarrer – einem entschiedenen Italiener, wie er uns sagte – stiegen wir die Leiter des Kirchturms hinauf. Auf der Holzplattform konnten wir das Dröhnen der Kanonen noch deutlicher hören; es klang wie das Feuer von Großkanonen an einem großen Schiff. Gehörten diese Kanonen zur seit Langem inaktiven Flotte von Persano, die einige der Vorgängerfestungen von Brondolo oder Chioggia angriff? Oder gehörten sie zu einem österreichischen Kriegsschiff, das mit einem italienischen Panzerschiff gekämpft hatte? Oder handelte es sich um das Schiff „Affondatore“, das erst vor einem Monat den Themse verlassen hatte und in Triest gelandet war? Um ehrlich zu sein: Obwohl wir geduldig zwei lange Stunden auf dem Kirchturm von Dolo warteten, konnten weder ich noch mein Begleiter eines dieser Rätsel lösen. Wir glaubten jedoch damals – und glauben es auch heute noch –, dass es sich um die Kanonen der italienischen Flotte handelte, die eine österreichische Festung angegriffen hatte.

CIVITA VECCHIA, 22. Juli 1866.

Seit dem Abzug des alten Krankenschiffs „Gregeois“ aus diesem Hafen vor etwa einem Jahr war kein französisches Kriegsschiff mehr in Civita Vecchia stationiert. Doch am Mittwochmorgen warf die Dampfsloop „Catinat“ mit 180 Mann Anker im Hafen. Der Kommandant bestieg sofort nach der Landung den Zug nach Rom und nahm Kontakt mit dem französischen Botschafter auf. Ich weiß nicht, ob die päpstliche Regierung um dieses Schiff gebeten hatte oder ob seine Entsendung eine spontane Geste des französischen Kaisers war. Auf jeden Fall war seine Ankunft für Seine Heiligkeit eine Quelle der Freude – schließlich weiß man in Zeiten wie diesen nie, was passieren kann, und es ist immer gut, einen Rückzugsort zu haben.

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Gestern wurde in diesem Hafen sowie in Neapel mitgeteilt, dass die Schiffe aus Marseille bis auf weiteres einer Fünfzehntage-Quarantäne unterliegen würden – aufgrund des Auftretens von Cholera in Marseille. Ein Segelschiff, das am Tag zuvor aus Marseille eingetroffen war, musste seine Waren für Civita Vecchia in Barken vor dem Lazarett abladen, über denen eine gelbe Flagge wehte. Dieses Schiff verließ Marseille fünf Tage vor der Ankündigung der Quarantäne, während das Passagier- und Frachtschiff „Prince Napoleon“ der Valery’s Company, das Marseille erst einen Tag vor der Ankündigung verließ, heute Morgen wieder zur freien Fahrt zugelassen wurde. Nun werden nur noch wenige Reisende per Schiff hierherkommen.

MARSSEL, 24. Juli

Da wir in Italien in letzter Zeit fast stündlich Berichte über den Verlauf der Kämpfe erhalten haben, ist es eine schwierige Situation, plötzlich ohne jegliche Informationen dazustehen – wie es mir erging, als ich von Civita Vecchia aus mit dem Schiff „Prince Napoleon“ hierherkam und 36 Stunden lang keinem Hafen anlegte. Doch obwohl es an Telegrammen mangelte, gab es an Bord viele Diskussionen über die Entwicklungen unter den Passagieren, die in Neapel und Civita Vecchia an Bord gegangen waren. Unter ihnen befanden sich zahlreiche französische und belgische Priester, die von einem Pilgerzug nach Rom zurückkehrten und über reichlich Rosenkränze sowie Gebetskettchen verfügten, die vom Papst gesegnet worden waren. Diese Herren sowie die wenigen französischen und deutschen Reisenden, die zusammen mit drei oder vier Neapolitanern die Gesellschaft auf dem Oberdeck bildeten, zeigten kaum Sympathie für die italienische Sache. Unser korsischer Kapitän machte sich nicht die Mühe, seinen Spott über die trägen Handlungen der italienischen Flotte in Ancona zu verbergen. Wir wissen, dass der preußische Minister, Herr d’Usedom, kürzlich in Ferrara heftige Proteste gegen die Langsamkeit der italienischen Marine- und Streitkräfte erhoben hat – während ihre Verbündeten, die Preußen, bereits in der Nähe der Tore Wiens waren. Das Gespräch eines preußischen Herrn an Bord unseres Schiffes, der mit dieser Botschaft verbunden war, zeigte deutlich die Enttäuschung in Berlin über die eher ineffektive Vorgehensweise der Armee und Marine von Viktor Emanuel in Venedig und an der Küste Istriens. Er attribuierte seinem Minister sogar Äußerungen, die weder den zukünftigen Aussichten Italiens durch dessen Allianz mit Preußen noch der Treue Preußens bei der Erfüllung der Vereinbarungen wohlwollend waren. Ich weiß nicht, ob dieser Herr dies absichtlich tat…

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Seine Anekdote sollte mit Maß und Mitte aufgenommen werden – doch ich verstand ihn eindeutig so, dass er dem Minister die mangelnde Entschlossenheit sowie den Misserfolg der italienischen Verbündeten Preußens bedauert hatte. Darauf antwortete Seine Exzellenz: „Das stimmt. Sie haben uns betrogen; aber was wollen Sie jetzt dagegen tun? Wir werden noch Zeit haben, sie später hinrichten zu lassen.“ Es ist schwer vorstellbar, dass Preußen die Absicht hatte, die bis dahin von der italienischen Regierung im Rahmen des Bündnisses gebrachten Opfer – auch wenn diese nicht mit besonders großen Erfolgen verbunden waren – dadurch zu vergelten, dass es eigene Bedingungen mit Österreich aushandelte und Italien anschließend der Rache Österreichs aussetzte. Doch das wäre sicherlich die Schlussfolgerung, die man aus dem gerade zitierten Gespräch ziehen könnte. Erst bei der Ankunft im Hafen von Marseille zeigte sich die volle Feindseligkeit der meisten meiner Reisebegleiter gegenüber Italien und den Italienern. Ein Matrose, der als Erster an Bord kam, bevor wir ausstiegen, wurde sofort nach Neuigkeiten ausgefragt – und er berichtete tatsächlich von der mehr oder weniger vollständigen Zerstörung der italienischen Flotte durch die österreichische Flotte. Bei dieser schockierenden Nachricht brach der Preuße in einen Wutschrei aus: „Idioten! Dummköpfe! Elende! Auf See von einer schwächeren Streitmacht besiegt! Ist das ihre Art, Venedig durch Waffengewalt zurückzuerobern? Wenn sie Venedig jemals wiedererlangen, dann wird es durch das Blut unserer Brandenburger und Pommern sein – nicht durch ihr eigenes.“ Während dieser Tirade eilte ein kleiner alter Belgier in Schwarz, mit der Kette des Heiligen Petrus als Schmuck am Knopfloch, davon, um die freudige Nachricht einer Gruppe seiner kirchlichen Reisegefährten mitzuteilen – und schrie dabei vor Begeisterung: „Niederlage, meine Herren! Diese Italiener wurden auf See besiegt, genauso wie sie zu Lande besiegt wurden.“ Daraufhin gratulierten sich die ehrenwerten Herren gegenseitig mit Nicken, Augenzwinkern, Lächeln sowie verschiedenen herzlichen Händedrücken. Zweifellos hätten die neapolitanischen Passagiere dieselben Reaktionen gezeigt, wären sie zur bourbonischen Fraktion gehört – doch sie waren ehrliche Händler, die Korallen- und Lavakisten für den Markt in Paris mitführten; daher standen sie einfach nur stumm und entsetzt da, mit weit aufgerissenen Augen und Mund. Kaum war ich in meinem Hotel angekommen, erkundigte ich mich nach den neuesten Nachrichten aus Paris.

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In der Zeitschrift, als mir Frankreich übergeben wurde, erhielt ich bis zu einem gewissen Grad Bestätigung für die Katastrophe, die der Seemann über die italienische Flotte berichtet hatte – wenn auch nicht in ganz gleichem Ausmaß. Bevor ich das Thema meiner Mitreisenden auf der „Prince Napoleon“ verlasse, muss ich eine Anekdote erwähnen, die sich auf mich bezieht und von einem russischen oder deutschen Herrn erzählt wurde, der sagte, er lebe in Neapel. Er klagte über die Gefahren, denen er gelegentlich beim Reisen mit einer Kutsche von Neapel nach Foggia aus geschäftlichen Gründen ausgesetzt war. Dann sprach er über die Dreistigkeit der Räuber im Allgemeinen und erzählte mir, dass er im letzten Jahr mit eigenen Augen gesehen habe, wie zwei Räuber bei Tageslicht durch die Straßen Neapels gingen und Nachrichten von gefangenen Personen an deren Verwandte überbrachten, wobei sie die Beträge nannten, die als Lösegeld gefordert wurden. Sie waren unbewaffnet und trugen einfache Bauernkleidung. Immer wenn sie bei einem der Häuser ankamen, zu denen sie geschickt worden waren, hielten sie an, öffneten ein Taschentuch, das einer von ihnen bei sich trug, und holten daraus Ohren hervor, um zu prüfen, ob die darauf angegebenen Namen mit der Adresse des Hauses oder dem Namen des Bewohners übereinstimmten. Es gab insgesamt sechs Ohren, alle mit den Namen der ursprünglichen Besitzer versehen, die allmählich an deren Familien in Neapel weitergegeben wurden, um eine schnelle Zahlung des geforderten Lösegeldes zu erzwingen. Als ich fragte, warum die Polizei solche offenen Aktionen nicht bemerkte, sagte mir mein Informant, dass der Anführer der Bande stets vor der Ankunft dieser Boten in der Stadt an die Polizeibehörden schrieb und sie davor warnte, einzugreifen. Denn den Boten folgten stets Spione in Zivilkleidung, die zur Bande gehörten und sofort Bericht erstatten würden, falls sie bei der Ausführung ihrer Aufgabe auf irgendwelche Störungen stießen. Das unweigerliche Ergebnis solcher Störungen wäre zunächst der Tod aller Geiseln, die als Lösegeld festgehalten wurden, und anschließend die summarische Hinrichtung mehrerer Mitglieder der Gendarmerie und der Polizei, die in verschiedenen Scharmützeln von den Räubern gefangen genommen und als Kriegsgefangene gehalten wurden. Eine solche Dreistigkeit würde unglaubwürdig erscheinen, hätten wir nicht in letzter Zeit so viele ähnliche Fälle gehört und gelesen.

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Wie es ihnen entspricht, blicken sie nicht in die Zukunft.
Anschuldigungen des Zynismus sind gegen alle Satiriker üblich.
Viertel der Georgs – hier und da eine ehrliche, gute Seele, zu der er Zuneigung hatte.
Heilige Bilder sowie andere wundersame Gegenstände werden verkauft.
Es ist gut, Umgangsformen zu lernen, ohne dass sie uns aufgezwungen werden.
Menschen, die übermäßig in ihre eigenen Schöpfungen verliebt sind, müssen der Moralist im Satiriker sein, wenn die Satire Wirkung zeigen soll.
Keine Seite seiner Bücher zeigt Böswilligkeit oder Spott.
Kleine Zugeständnisse sind für die Unzufriedenen Zeichen von Schwäche.
Der Staatsmann, der sich herabließ, die Realität durch Fiktion zu erobern – die gesellschaftliche Welt, die er betrachtete, zeigte ihm keine Helden.
Die daraus resultierende Erschöpfung nannten wir Ruhe.
Das Aussprechen großzügiger und patriotischer Rufe reicht nicht aus.
Wir vertrauen ihnen – oder wir zerstören sie.
Wir gewöhnten uns an Perioden des irischen Fiebers.

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ÜBER DIE IDEE DER KOMÖDIE UND DIE ANWENDUNGEN DES KOMISCHEN GEISTES {1}
[Dieser E-Text wurde von David Price auf der Ausgabe von Archibald Constable and Company aus dem Jahr 1897 erstellt.]
Gute Komödien sind solch seltene Werke, dass wir, trotz der Fülle an komischen Elementen in unserer Literatur, nicht lange brauchen würden, um die englischen Beispiele durchzugehen. Wenn man sie auf die Probe stellt, wird sich zeigen, dass selbst sehr angesehene Komödien ihrer Stellung nicht gerecht werden – genauso wie die Damen am Hofe Artus’, als sie der Prüfung des Umhangs unterzogen wurden.
Es gibt klare Gründe dafür, warum der komische Dichter nicht häufig vorkommt – und warum der große komische Dichter keinen Gefährten hat. Es bedarf einer Gesellschaft gebildeter Männer und Frauen, in der Ideen lebendig sind und das Verständnis schnell ist, damit er Material sowie ein Publikum erhält. Der Halbbarbarismus einfacher, verwirrter Gemeinschaften sowie hitzige emotionale Phasen schrecken ihn ab – ebenso wie ein ausgeprägter sozialer Ungleichheitsgrad zwischen den Geschlechtern. Auch wer es mit dem Geist aufnehmen will, kann dort nicht verstanden werden, wo kein mäßiger Grad an intellektueller Aktivität vorhanden ist.
Außerdem erfordert es, um durch Lachen den Geist zu berühren und zu entfachen, mehr als nur Lebhaftigkeit – vielmehr eine äußerst feine Sensibilität. Das muss ein angeborenes Talent beim komischen Dichter sein. Das Material, mit dem er arbeitet, zeigt ihm sonst eine erstaunliche „Leistung“ des „Färbers“ – falls ihm dieses Talent fehlt. Die Menschen sind bereit, sich humorvollen Berührungen auf Rücken, Brust und Seiten hinzugeben – alle außer am Kopf; und dorthin zielt er. Er muss feinfühlig sein, um durchzudringen. Gleichzeitig muss eine entsprechende Schärfe vorhanden sein, um ihn willkommen zu heißen. Die Notwendigkeit dieser beiden Bedingungen erklärt, warum wir ihn seit Jahrhunderten im Singular zählen.
„Es ist eine seltsame Aufgabe, anständige Menschen zum Lachen zu bringen“, sagt Molière – und die Schwierigkeit dieser Aufgabe kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Zudem ist er von Feinden umgeben, links und rechts – Feinden, deren Charakter dem tragischen und lyrischen Dichter, ja sogar den Philosophen unbekannt ist.

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In dieser Welt gibt es Männer, die Rabelais als Agelasten bezeichnet hätte – das heißt, Menschen, die nicht lachen; Menschen, die in dieser Hinsicht wie Leichen sind, die, wenn man sie sticht, kein Blut fließen lässt. Der alte graue Felsblock, der seine Reise von der Felswand ins Tal hinter sich gebracht hat, lässt sich genauso leicht wieder in Bewegung setzen wie diese lachenden Männer. Keine Umstände in unserem irdischen Leben bringen bei ihnen irgendeine Reaktion hervor. Es ist nur ein Schritt vom Agelastischen zum Misogelastischen – und der Lachhassende lernt bald, seine Abneigung als moralisches Prinzip darzustellen.

Es gibt noch eine weitere Gruppe von Männern, die sich gerne als Gegner der ersten Gruppe betrachten und die wir Hypergelasten nennen können – die übermäßig lachenden Menschen, die ständig lachen, ähnlich wie Glocken, die durch einen Hauch oder eine Grimasse in Schwingung versetzt werden können; Menschen, die so locker zusammengesetzt sind, dass bereits ein Wimpernschlag sie erschüttert.

„… Es bedeutet, nichts zu schätzen und alle in Frage zu stellen.“ Zu allem zu lachen bedeutet, keine Anerkennung für das Komische im Allgemeinen zu haben.

Keine dieser beiden Gruppen – die Nicht-Lacher und die Über-Lacher – würde sich am Lesen von „Der Raub des Haares“ oder am Anschauen einer Aufführung von „Le Tartuffe“ erfreuen. Im Zusammenhang mit der Bühne haben sie in unserem Land die Formen und Bezeichnungen „Puritaner“ und „Bacchanten“ angenommen. Obwohl die Bühne heute nicht mehr als öffentlicher Störfaktor gilt und Shakespeare dort wieder aufgeführt wird, um ihr Würde zu verleihen, haben wir sie noch nicht vollständig über die Streitigkeiten zwischen diesen beiden Gruppen erhoben. Unsere Ausführungen zum Thema Komödie erscheinen einem von ihnen wohl als frevelhaft, während der andere meint, dass eine ernsthafte Behandlung dieses Themas uns in heftigen Widerspruch zum Thema selbst bringt.

Wir müssen zugeben, dass die Komödie niemals zu den am meisten verehrten Musen gehörte. Ursprünglich war sie die lauteste Ausdrucksform der noch unvollkommenen Zivilisation der Menschen. Das Licht Athenas über Achills Kopf beleuchtet die Entstehung der griechischen Tragödie. Doch die Komödie entstand im Getöse unter dem göttlichen Schutz des Sohnes des Weinfasses – wie Aristophanes ihn darstellt. Unser zweiter Karl war mit gleicher Güte der Schützer unserer „Komödie der Manieren“, die ebenfalls als kämpferische Darbietung begann, mit der Erlaubnis, die Puritaner zu verspotten und zu beleidigen – und an manchen Stellen sogar über das Beispiel Aristophanesses hinausgehend bacchantisch: schlimmer noch, denn zynische Lässigkeit ist noch abscheulicher als offene Unmoral.

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Schmutz. Ein bedeutender Franzose urteilt anhand der Qualität einiger Stücke, die zur Unterhaltung von Männern und Frauen aufgeführt wurden, die eine attische Komödie verfolgten, dass diese Leute in anderen Angelegenheiten wohl nicht allzu wählerisch waren, da ihnen bei der Auswahl der Unterhaltungsmittel so wenig Möglichkeiten zur Verfügung standen. Vielleicht berücksichtigt er nicht ausreichend die erlaubte Offenheit im Sprechen, die für das Fest des Gottes typisch ist und von den Komödiendichtern als ihr unveräußerliches Recht beansprucht wird – oder auch die Tatsache, dass es sich um ein Fest in einer Zeit der Freiheit handelte, in einer Stadt, die es gewohnt war, den kühnsten Äußerungen beider Seiten eines Problems Gehör zu schenken. Wie auch immer: Es besteht kein Zweifel daran, dass die Männer und Frauen, die Wycherleys „Country Wife“ sahen, längst nicht mehr rot wurden vor Scham. Unsere Hartnäckigkeit bezüglich nationaler Eindrücke hat dazu geführt, dass das Wort „Theater“ seitdem das puritanische Nervensystem wie ein satanisches Instrument reizt; genauso wie es Antipapisten gab, für die Smithfield einen düsteren Geruch hatte – als hätten sie eine spätere Erinnerung an diesen Ort als die Rinderherden. Der erbliche Puritanismus bezüglich der Bühne findet sich bis heute in vielen Familien in Form von arroganter Frömmigkeit wieder. Als Kraft innerhalb der Moralvorstellungen ist er zwar vollständig verschwunden – doch es ist ein Irrtum anzunehmen, er sei ausgestorben; außerdem ist es ungerecht, zu vergessen, dass er einst gute Gründe hatte, unsere öffentlichen Aufführungen zu hassen, zu meiden und zu tadeln.
Wir befinden uns wohl dort, wo der komische Geist uns platzieren würde, wenn wir uns in der Mitte zwischen den hartnäckigen Gegnern der Komödie und ihren Anhängern aufhalten würden – „Wie ein fester Punkt macht er die Unruhe der anderen sichtbar“, wie Pascal sagt. Und wären mehr Menschen in dieser Position, würde das komische Genie gedeihen.
Unsere englische Vorstellung von einer Komödie der Manieren könnte man an der Person eines prahlerischen Landmädchens veranschaulichen – sagen wir Hoyden, die Tochter von Sir Tunbelly Clumsy, die zu Hause „niemals ihrem Vater widersprach, außer beim Essen grüner Gänsebeeren“ –, das sich in eine geschminkte Stadtdame verwandelt, mit lautem Lachen und schnellen Schritten; die verrückte Vorfahrin eines degenerierten Nachkommen. Sie ist äußerst geschäftig und spricht stets präzise – immer darauf bedacht, der Langeweile zu entfliehen, so wie die Hunde an den Ufern des Nils am fließenden Wasser trinken, um den Krokodilen auszuweichen. Wenn das Monster sie erwischt – was manchmal der Fall ist –, dann peitscht sie es in Schaum, sodass diejenigen, die Langeweile nur als etwas Langatmiges kennen, sie in dieser leichten, luftigen Gestalt nicht erkennen werden.

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Wenn sie durch die fünf Akte hindurchspielt, um Sie mit der Nachricht zu überraschen, dass Herr Aimwell durch einen plötzlichen Tod in der Welt außerhalb der Bühne zum Lord Aimwell wird und somit bei Tageslicht die Dame heiraten kann, so ist es ihrer lebhaften Natur zu verdanken, dass sie nicht erwartet, Sie würden sie eine Farsche nennen. Fünf Akte bedeuten Würde – während ein, zwei oder drei Akte als zu kurz und demütigend angesehen werden. Hausbesitzern wurde geraten, einem Einbrecher im Dunkeln nachzusetzen, indem sie die Pistole hinterherwerfen; falls die Kugel fehlt, könnte die Waffe den Schurken treffen und ihm das Gefühl geben, er sei erwischt worden. Ihr Witz wird durch das Klappern ihrer Zunge noch verstärkt – und laut Zeugnis ihrer Bewunderer äußerst wirksam. Ihr Witz ist wie Dampf in einem Motor: Er ist sowohl die Antriebskraft als auch die Warnsignale auf ihrem rasanten Weg – doch er verschwindet, genau wie der Dampf, sobald sie ihr Ziel erreicht hat, ohne danach noch Kopfschmerzen zu verursachen. Das ist ein Merkmal, das sie mit gutem Wein teilt – zur Freude der Feiernden. Was ihren Witz angeht, so ist er kriegerisch. In den geschicktesten Händen gleicht er dem Schwert eines Ritters: Schnell gezogen bei geringster Provokation – mit dem Zweck, zu verletzen. Meist hat er eine rein kämpferische Haltung: Zwei stumpfe Fäuste, die aufeinanderprallen. Wenn er harmlos ist – wie beim Wort „Narr“ oder bei Anspielungen auf den Ehemann – klingt er wie das Klatschen des Harlekins auf den Clown – und ist genauso erfrischend. Man sollte glauben, dass sinnloses, leeres Lachen die beste Form der Unterhaltung ist – im Vergleich dazu erscheint die ernsthafte Komödie blass und oberflächlich. Unsere Vorstellung davon wäre wohl die einer skulptierten Gruppe, in der „Lachen“ beide Seiten hält, während „Komödie“ ihn kitzelt. Was die Bedeutung angeht, so meint sie, dass Komödie nicht dazu dient, Freude zu schaffen – man könnte genauso gut Kanonen auf einem Rennboot transportieren. Moral ist etwas, das man umgehen sollte. Das war die Ansicht eines weisen Essayisten über die englische Komödie: Der Höhepunkt einer Komödie sei oft der Beginn einer Tragödie, falls das Publikum wieder auftreten würde. In jenen alten Zeiten wurde weibliche Bescheidenheit durch einen Fächer geschützt – dahinter, in einer praktischen halbkreisförmigen Form, zogen sich die Damen im Theater bei einem Zeichen der Anstandlichkeit zurück, um heimlich durch ein schön gerahmtes Loch im Bogen zu spähen.
„Ego limis specto sic per flabellum clanculum.“ – TERENTIUS.
Jener Fächer ist die Flagge und das Symbol der Gesellschaft, die uns die sogenannte „Komödie der Manieren“ bietet – also die Komödie der Sitten der Insulaner im Süden.

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Unter der Fassade der Stadt – und was die komische Idee angeht, so ist sie genauso leer wie eine Maske ohne Gesicht dahinter.
Elia, dessen Humor darin bestand, Paradoxe zu schaffen und sie so weit wie möglich treiben zu lassen, beklagt das Verschwinden unserer künstlichen Komödie – wie ein Dichter, der über den verlorenen Glanz von Kleopatras Nilboot seufzt. Die Sanftheit seiner Forderungen für eine Sache, die bereits zu seiner Zeit zum Gefängnis verurteilt war, ist ein neues Merkmal des Lächerlichen. Als der Realismus dieser „fiktiven, halb glaubwürdigen Charaktere“, wie er sie nannte, nicht mehr Wirkung zeigte, waren sie unangenehme Gesellschaftspartner – kalt wie Puppen. Ihre Kunstgriffe sind offensichtlich und haben nun die Wirkung eines bemalten Gesichts, das nach stundenlangem Tanzen im Morgenlicht betrachtet wird. Wie konnten Lurewells und Plyants jemals für ihre List im Bösen gelobt werden? Kritiker, scheinbar nüchtern und von hohem Ansehen, präsentierten ihre oberflächlichen Listigkeiten der Welt zur Bewunderung. Diese Lurewells, Plyants, Pinchwifes, Fondlewifes, Miss Prue, Peggy, Hoyden – alle außer der bezaubernden Milamant – sind tot, wie die Kleidung vom letzten Jahr im Schrank einer modischen Dame. Nur eine außergewöhnlich verlassene Abigail unserer Zeit würde sie gerne nachahmen wollen. Ob die Puppenshow mit Punch und Judy unsere Straßenkinder dazu anregt, bei Streitigkeiten sofort zu ihren Fäusten zu greifen – wie es jeder der Schauspieler in dieser Unterhaltung tut – bleibt fraglich. Zornige Moralisten haben den nationalen Geschmack für Kriminalgeschichten auf den Geruch von Blut in unseren Kinderliedern zurückgeführt. Jedenfalls lässt sich kaum bestreiten, dass es ungesund ist, wenn Männer und Frauen sich so sehen, wie sie wirklich sind – wenn sie nicht besser sind, als sie sein sollten. Und wenn sie in ihrem Verhalten verbessert haben, werden sie wohl auch nicht mehr daran interessiert sein, sich so zu sehen, wie sie einmal waren. Das ist die Folge des Realismus in der Komikskunst – und es handelt sich dabei nicht um einen bloßen Launenausbruch, sondern um die Folge eines besseren Zustands. Dasselbe gilt für unmoralische Darstellungen einer vulgären Gesellschaft. Die Franzosen machen eine differenzierte Unterscheidung zwischen dem, was bewegt, und dem, was emotional berührt. In der realistischen Komödie herrscht ständiges Bewegen – keine Ruhe, nur geschäftige Figuren und kein Gedanke. Abgesehen von Congreves „Way of the World“, das auf der Bühne versagte, gab es nichts, was unsere Komödie aufgrund ihrer eigenen Qualitäten am Leben erhalten hätte – weder echte Porträts, noch viel Lustiges, noch gute Ideen; weder „Salz“ noch „Seele“.

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Die Franzosen haben eine Schule der feinen Komödie, zu der sie immer dann zurückkehren können, wenn sie davon abgewichen sind; und die Tatsache, dass sie eine solche Schule haben, ist hauptsächlich der Grund dafür, warum sie, wie John Stuart Mill betonte, Männer und Frauen genauer kennen als wir. Molière folgte dem horazischen Grundsatz, die Sitten seiner Zeit zu beobachten und seinen Charakteren die ihnen zur damaligen Zeit angemessene Ausprägung zu geben. Er malte nicht im rohen Realismus. Er fasste seine Charaktere fest im Blickpunkt des Stücks, prägte sie mit der jeweiligen Idee und verallgemeinerte sie, indem er das Gegenstand der Darstellung leicht erhöhte oder abmilderte (wie im Fall des ehemaligen Hugenotten, Herzogs von Montausier, für die Figur des Misanthropen, sowie, laut Saint-Simon, des Abbé Roquette für Tartuffe), um sie so zu einem dauerhaft menschlichen Typus zu machen. Man muss zugeben, dass es natürlich ist, dass menschliche Wesen in der Gesellschaft leben – Alceste ist ein unvergängliches Zeichen dafür, obwohl er nur in Umrissen dargestellt wird, ohne jegliche aufgezwungene menschliche Ausprägung. Unsere englische Schule hat sich die Gesellschaft nicht klar vorstellen können; von einem Geist, der über den versammelten Männern und Frauen schwebt, hat sie ebenfalls nichts vorstellbar gemacht. Die Kritiker, die sie für ihre Ehrlichkeit und dafür loben, dass sie uns die Situationen, wie sie bewundernd sagen, näherbringen, können Molières Komödien nicht anders als ablehnen – schließlich appellieren diese an den individuellen Verstand, um das Soziale wahrzunehmen und daran teilzunehmen. Wir haben großartige Tragödien, die schönsten poetischen Stücke sowie literarische Komödien, die zum Lesen angenehm sind und gelegentlich auch inszeniert werden können. Unter literarischen Komödien meine ich Komödien klassischer Inspiration, die hauptsächlich von Menander und der griechischen Neukomödie über Terenz stammen; oder aber Komödien aus der persönlichen Vorstellungskraft des Dichters, die kein Vorbild aus dem Leben haben und humorvolle Übertreibungen darstellen, sei es fröhlich oder anders. Das sind die Komödien von Ben Jonson, Massinger und Fletcher. Massingers „Justice Greedy“ kann man allenfalls auf einen Typus beziehen – „mit einem fetten Fasanenfutter“ –, der schon einmal existiert hat und auch weiterhin existieren wird; er wäre komisch, genauso wie Panurge komisch ist, doch nur ein Rabelais könnte ihn mit echter Lebendigkeit zum Leben erwecken. Wahrscheinlich wäre „Justice Greedy“ für das Publikum in einem Landlokal sowie für einige unserer Freunde komisch. Wenn wir unseren jugendlichen Enthusiasmus für die Darstellung von Charakteren, die einem bestimmten Typus entsprechen, verloren haben, fällt es uns schwer, bei seiner Aufzählung seiner Gerichte ein zivilisiertes Lächeln aufzusetzen. Etwas Ähnliches gilt für Bobadil, der „bei dem Fuß des Pharaos“ schwört – mit einer Einschränkung: Er wird dazu gebracht, schneller zu handeln und zu agieren. Die Komik bei Jonson ist die eines Gelehrten, die bei Massinger die eines Moralisten.

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Shakespeare ist eine Quelle voller Charaktere, die vom komischen Geist durchdrungen sind – mit mehr von dem, was wir als „blutiges Leben“ bezeichnen könnten, als es sonst irgendwo bei Shakespeare zu finden ist. Sie gehören zwar zu dieser Welt, doch es handelt sich dabei um eine Welt, die durch Vorstellungskraft und große poetische Kreativität erweitert wurde. Man könnte sie – um meine gegenwärtige Vergleichsmethode zu verwenden – als Kreaturen aus Wäldern und Wildnis bezeichnen, nicht aus befestigten Städten, nicht gruppiert und gestaltet, um eine komische Darstellung der engen Gesellschaftswelt zu bieten. Jacques, Falstaff und seine Truppe, die vielfältigen Clowns, Malvolio, Sir Hugh Evans und Fluellen – wunderbare Waliser! – Benedict und Beatrice, Dogberry und die Übrigen sind Gegenstände einer besonderen Untersuchung im Bereich des poetisch-Komischen.

Seine Komödien voller unglaublicher Verwicklungen gehören zur literarischen Epoche. Man kann sich vorstellen, dass es eine natürliche Ähnlichkeit zwischen ihm und Menander gab – sowohl in der Struktur als auch im Stil seiner leichteren Stücke. Hätte Shakespeare in einer späteren, weniger emotionalen, weniger heroischen Epoche unserer Geschichte gelebt, hätte er sich vielleicht auch der Darstellung von Sitten sowie der Menschheit gewidmet. Euripides hätte vermutlich zur Zeit Menanders, als Athen versklavt, aber wohlhabend war, dazu beigetragen, romantische Komödien zu schaffen. Er hat sicherlich dieses großartige Genie inspiriert.

Politisch gesehen gilt es als Unglück für Frankreich, dass seine Adligen zum Hof Ludwigs XIV. strömten. Für den komischen Dichter hingegen war das ein Vorteil: Er hatte diese lebhafe Welt voller animalischer Leidenschaften, großer Ansprüche und friedlicher Absurditäten direkt vor Augen – laute Schwindler, Heuchler, Poser, Extravaganten, Pedanten, rosarote Damen und verrückte Grammatiker, Marquisen, die Sonette dichten, hochfliegende Geliebte, einfältige Dienstmädchen – alles miteinander verflochten, wie auf einem Webstuhl, laut wie auf einem Markt. Ein rein bürgerlicher Kreis kann das nicht bieten, denn die Mittelschicht braucht einen brillanten, unbeschwerten, unabhängigen Oberschichtkreis als Ansporn und Vorbild; sonst bleibt sie innerlich langweilig, obwohl sie äußerlich korrekt erscheint. Doch obwohl der König gegenüber Molière gnädig war, verdanken wir seine unvergleichlichen Studien über die Menschheit in der Gesellschaft nicht dem französischen Hof. Zur Unterhaltung des Hofes wurden Ballette und Farcen geschrieben – Werke, die der unteren wie auch der oberen Volksklasse lieber sind als intellektuelle Komödien. Die französische Bourgeoisie in Paris war klug genug und durch Bildung genug aufgeklärt, um großartige Werke wie „Le Tartuffe“, „Les Femmes Savantes“ und „Le Misanthrope“ zu begrüßen – Werke, die riskante Versuche an der Popularität des Publikums darstellten, große Schiffe, die in Ströme hinausgeschickt wurden…

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flach. Die Tartuffe tauchte als feindliches Schiff auf; sie beleidigte nicht Gott, sondern die Frommen, wie der Prinz von Condé dem König den gegen sie gerichteten Komplott erklärte.
Les Femmes Savantes ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie Komödie dazu genutzt werden kann, der Welt zu vermitteln, was ihr fehlt. Die Farce der Precieuses machte den monströsen romantischen Jargon, der durch bestimmte berühmte Romane populär wurde, lächerlich und beendete ihn. Die Komödie der Les Femmes Savantes zeigte die spätere, weniger offensichtliche, aber umso komischeren Absurdität eines übermäßigen Purismus in Grammatik und Wortwahl sowie die Neigung zur idiotischen Genauigkeit. Die Franzosen spürten die Last dieses neuen Unsinnes; doch sie mussten die Komödie mehrmals sehen, bevor sie durch die Aufdeckung ihrer Ursachen getröstet wurden.
Der Misanthrope wurde noch kälter aufgenommen. Molière hielt ihn für gescheitert. „Ich kann ihn nicht verbessern – und werde es sicherlich niemals tun“, sagte er. Es ist eine der Ehrenbezeugungen Frankreichs, dass diese klassische Komödie über den Konflikt zwischen Alceste und Celimene letztendlich verstanden und gelobt wurde. In allen Ländern bildet die Mittelschicht das Publikum, das gegen die Welt kämpft und dabei eine gute Ausgangsposition hat, um die Welt am besten zu verstehen. Sie mag der egoistischste Teil der Gesellschaft sein – doch das führt uns in Sophistereien. Gebildete Männer und Frauen, die nicht nur das Beste im Leben genießen, sondern auch ihren Pflichten nachkommen und so den härteren Schlägen entgehen, sind scharfsinnige und ausgewogene Beobachter. Molière ist ihr Dichter.
In England gehört zu dieser Gruppe eine große Anzahl von Menschen, die weder Puritaner noch Baccanalen sind; sie haben eine sentimentale Abneigung dagegen, die reale Welt zu studieren. Wenn ihre Wahrheiten demütigend erscheinen, zeigen sie Verachtung gegenüber dieser Welt. Wenn die Fakten ihnen nicht sofort aufgedrängt werden, nehmen sie Stolz auf ihre Ungläubigkeit an. Sie leben in einer nebligen Atmosphäre, die sie für ideal halten. Humorvolle Schriften ertragen sie vielleicht sogar – vorausgesetzt, sie vermischen sich mit Pathos, um die Gefühle zu bewegen und zu erheben. Sie schätzen Satire, denn sie riecht, wie der Schnabel des Geiers, nach Aas – etwas, was sie selbst nicht sind. Doch vor der Komödie haben sie eine schreckliche Angst, denn die Komödie umgibt sie mit der elenden Masse der Welt, drängt sie alle zusammen in eine erniedrigende Assimilation – und kann von keiner edlen Art als Strafe oder Reinigungsmittel verwendet werden. Nein, eine edle Art zu sein bedeutet, unter den ruhigen, neugierigen Blick des komischen Geistes zu stehen und daraufhin untersucht zu werden, wer man wirklich ist. Unter ihnen finden sich Männer – und sehr viele gebildete Frauen. Man kann sie an einem Lieblingsausdruck erkennen: „Sicherlich“

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„Wir sind doch nicht so schlecht!“, und der Kommentar: „Wenn das die menschliche Natur ist, dann rettet uns davor!“ – als könnte das wirklich geschehen. Doch im seltsamen Paradies der sturen Menschen, die nichts sehen wollen, erhält dieser Ausruf eine Art rettende Bedeutung. Wenn man sie jedoch fragt, ob ihnen gesunder Verstand missfällt, schwören sie, dass dem nicht so sei. Und wenn man gebildete Frauen fragt, ob es ihnen gefällt, auf intellektueller Ebene mit Männern Schritt zu halten, antworten sie, dass es ihnen gefällt – viele von ihnen beanspruchen sogar diese Position für sich. Die Komödie ist nun die Quelle des gesunden Verstands; sie ist umso vollkommener, je weniger sie durch Prunk beeinträchtigt wird. Die Komödie hebt die Frauen auf eine Stufe, auf der sie ihre Geistesgegenwart frei entfalten können – wie sie es normalerweise tun, wenn sie über gesunden Verstand verfügen. Je höher die Komödie ist, desto bedeutender ist der Anteil, den die Frauen darin spielen. Dorine in „Tartuffe“ ist die Verkörperung des gesunden Menschenverstands – obwohl sie offensichtlich nur eine Kammermagd ist. Celimene ist in „Der Misanthrop“ die unbestrittene Meisterin dieses Attributes; klüger als Alceste als Mann. In Congreves „Way of the World“ überragt Millamant Mirabel, die lebhafteste männliche Figur der englischen Komödie. Doch diese beiden bezaubernden Frauen, deren Sprache so reichhaltig und ausgewählt ist, die mit Männern streiten und deren Verteidigung durchbrechen – sind sie wirklich herzlos? Ist es nicht besser, die hübsche Idiotin zu sein, die passive Schönheit, das liebenswerte Bündel an Launen – sehr weiblich, sehr einfühlsam, aus der Welt der Romantik und Sentimentalität? Unsere Frauen werden dazu erzogen, so zu denken. Agnes in „École des Femmes“ sollte eine Lektion für Männer sein. Die Heldinnen der Komödie sind wie weltgewandte Frauen – nicht unbedingt herzlos, nur weil sie klar sehen; den sentimentell Erzogenen erscheinen sie so, weil sie ihren Verstand einsetzen und keine „irrenden Schiffe“ sind, die nach einem Kapitän oder Piloten rufen. Die Komödie zeigt ihren Kampf gegen die Männer sowie den Kampf der Männer gegen sie. Da beide, so unterschiedlich sie auch sein mögen, auf dasselbe Ziel blicken – nämlich das Leben – muss die allmähliche Ähnlichkeit ihrer Eindrücke zu einer gewissen Gleichheit führen. Der komische Dichter wagt es, uns Männer und Frauen zu zeigen, die zu dieser gegenseitigen Ähnlichkeit finden; er möchte damit sagen, dass ihr Denken im sozialen Leben immer ähnlicher wird – genauso wie der Philosoph die Ähnlichkeit zwischen Jungen und Mädchen erkennt, bis das Mädchen ins Kinderzimmer gebracht wird. Philosoph und komischer Dichter sind sich in ihrer Sicht auf das Leben verwandt – und sie sind gleichermaßen unbeliebt bei unseren sturen Engländern aus der nebligen Region sowie bei denen, die ein unangetastetes Ideal haben. So verlieren wir aufgrund mangelnder Kenntnis des komischen Konzepts einen großen Teil unseres Publikums in der gebildeten Mittelschicht, von der wir eigentlich Unterstützung erwarten könnten.

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Komödie. Der Sentimentale ist genauso abgeneigt wie der Puritaner und der Bacchant. Unsere Traditionen sind bedauerlich. Der öffentliche Geschmack neigt zu den lässigen Lachern und folgt ihnen weiterhin. Das lässt sich an einer Analyse von Wycherleys „Plain Dealer“ zeigen – einer groben Prosaadaption des „Misanthrope“, voller Realismuselemente in einem ver vulgisierten Thema, das auf den englischen Geschmack zugeschnitten ist – dort finden wir den Ton der Komödie auf unserer Bühne. Es handelt sich dabei um eine verfälschte Version von Molière, mit Hufen an den Füßen und Haaren auf den spitz zulaufenden Ohren. Wie schwierig es für Schriftsteller ist, sich aus schlechten Traditionen zu befreien, wird deutlich, wenn man sieht, dass Goldsmith, der die Komik in der Erzählung meisterhaft beherrschte, eine elegante Farsce als Komödie schuf; und Fielding, der sowohl in der Erzählung als auch im Dialog ein Meister der Komik war, nicht einmal annähernd zu einer akzeptablen Farsce fähig war. Diese schlechten Traditionen der Komödie beeinflussen uns nicht nur auf der Bühne, sondern auch in unserer Literatur – und lassen sich bis in unser gesellschaftliches Leben zurückverfolgen. Sie bilden die Grundlage für die übertriebenen Moralisierungen bezüglich des Lebens als Komödie und der Komödie als etwas Wertvolles, wenn populäre Schriftsteller, bewusst ihrer Kreativitätsmüdigkeit, versuchen, in einem modischen Zynismus überzeugend zu wirken: Es handelt sich dabei um Verfälschungen der Vorstellung vom Leben sowie des angemessenen Respekts vor der Gesellschaft, den wir der Barbarei entnommen haben und höher heben wollten. Solche Klischees werden von Feigen und Empfindlichen genauso ernst genommen wie von Menschen mit düsterer Stimmung – denn nur wenige schauen mit eigenen Augen hinaus, noch weniger haben die Gewohnheit, selbst zu denken. Das Leben ist, wie wir nur allzu gut wissen, keine Komödie, sondern etwas seltsam Gemischtes – und auch die Komödie ist kein abscheuliches Maskentheater. Die verdorbenen Importe aus Frankreich waren schädlich; eine edle Unterhaltungsform, die dem elenden Geschmack eines verkommenen Zeitalters angepasst wurde. Die späteren Nachahmungen, teilweise ihres Giftes beraubt und kultiviert, wurden trotz ihres Unterhaltswertes durch die ständige Wiederholung derselben Situationen langweilig – aufgrund des Fehlens origineller Forschung und kraftvoller Konzepte. Die Szene aus Akt 2 des „Misanthrope“ wird, zweifellos wegen unseres Mangels an Material für originelle Bearbeitungen, nacheinander von Wycherley, Congreve und Sheridan wiederholt – und da es sich dabei um eine Nachahmung handelt, wird sie zynisch dargestellt – so ist jedenfalls der Tonfall. Eine auf diese Weise behandelte Komödie kann als eine Darstellung des alltäglichen Weltverständnisses unseres gesellschaftlichen Lebens angesehen werden – zumindest im Einklang mit den gängigen Ansichten dazu. Epigramme können zwar verfasst werden, doch sie sind unerzieherisch und eher schädlich. Eine richtig behandelte Komödie, wie man sie bei Molière findet…

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Denen wir auf so lächerliche Weise Unrecht getan haben – die Komödie von Molière wirft kein schändliches Licht auf das Leben. Sie ist in erster Linie tiefgründig konzipiert und kann daher nicht unrein sein. Über diese Aussage nachdenken. Noch nie hat der Mensch ein so wirksames Mittel gegen die Laster eingesetzt, ohne dass seine vollkommene Selbstbeherrschung dabei ins Wanken geriet. Tartuffe und Harpagon sollen vielmehr selbst sich sowie ihre Gesellschaftsgruppen – die falschen Pietisten und die unverschämt gierigen Menschen – bestrafen. Molière hat sie lediglich in Bewegung gesetzt. Er entblößt die Torheit bis auf die Haut, zeigt die Täuschung dieser Kreatur auf und begnügt sich damit, ihr bessere Kleidung anzubieten – zusammen mit der Lektion, die Chrysale an Philaminte und Belise vorliest. Er denkt rein und schreibt rein, in der einfachsten Sprache, in den einfachsten französischen Versen. Die Quelle seines Witzes ist der klare Verstand – er ist eine Quelle aus diesem Boden; er dient dazu, Vernunft, gesunden Menschenverstand, Richtigkeit und Gerechtigkeit zu verteidigen – niemals zu einem nutzlosen Zweck. Sein Witz hat einen solch durchdringenden Charakter, dass er Wortspiele mit Bedeutung und Interesse hervorbringt. Seine Moral steht nicht wie ein „Schwanz“ da oder predigt ständig über eine Figur, die das Publikum anstarrt – wie es in neueren realistischen französischen Dramen der Fall ist – sondern befindet sich im Herzen seines Werkes und pulsiert mit jedem Schlag der „organischen Struktur“. Wenn das Leben mit der Komödie von Molière verglichen wird, gibt es keinen Skandal in dieser Vergleich. Congreves „Way of the World“ ist eine Ausnahme unter unseren anderen Komödien – auch unter seinen eigenen – aufgrund der bemerkenswerten Brillanz des Schreibstils sowie der Figur des Millamant. Die Komödie enthält keine tiefgründigen Ideen außer der banalen Vorstellung, dass die Welt eben so funktioniert; sie endet mit der enttäuschenden Entdeckung eines Dokuments zur passenden Zeit zum Niedergang des Vorhangs. Bei Congreve war die Handlung eine Nachgedanke. Mit Hilfe eines hölzernen Bösewichts (Maskwell), der auf den ersten Blick als Henker erkennbar ist, gelingt es ihm in „The Double Dealer“ eine Art Handlung zu schaffen. Sein „Way of the World“ könnte man „Die Eroberung einer koketten Stadt“ nennen – Millamant ist ein perfektes Porträt einer Kokette, sowohl in ihrem Widerstand gegen Mirabel und ihrer Art, sich zu ergeben, als auch in ihrer Sprache. Der Witz hier ist nicht so ausgeprägt wie in bestimmten Passagen von „Love for Love“, wo Valentine Wahnsinn vortäuscht oder seinem Vater entgegnet, oder wo Mrs. Frail sich über die Harmlosigkeit von Verletzungen an der Tugend einer Frau freut, solange diese „vor Luft geschützt“ werden. In „Way of the World“ erscheint der Witz weniger gezielt und ist eher im typischen Stil der Sprecher verstreut. Doch hier, wie auch anderswo, ist sein berühmter Witz wie ein „Kämpfer“, der nicht scheut, Fallen zu stellen, um ihn zur Geltung zu bringen – offensichtlich kindisch in der Art und Weise, wie er bestimmte alltägliche Wörter mit dem „Pulvermagazin“ der Unanständigkeiten verbindet. Vergleichen Sie Congreves Witz mit dem von Molière.

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Das Erste ist ein Schwert aus Toledo – scharf und erstaunlich biegsam für Stahl. Es wurde zum Duell gefertigt; in der Scheide unruhig, doch außerhalb derselben äußerst schön anzusehen. Um zu glänzen, braucht es einen Gegner. Molieres Witz gleicht einem fließenden Bächlein – mit unzähligen neuen „Lichtern“ an jeder Biegung des Weges, den es finden muss. Es fließt nicht in der Suche nach Hindernissen, um über sie Lärm zu machen; doch wenn tote Blätter und schmutzige Substanzen entlang seines Laufs liegen, wird sein natürlicher Klang verstärkt. Ohne Anstrengung und ohne blendende „Leistungen“ ist sein Witz heilend – der Witz guter Herkunft, der Witz der Weisheit.

„Echter Humor und wahre Geistesgegenwart“, sagt Landor, „erfordern einen gesunden und weitblickenden Verstand – einen Verstand, der stets ernsthaft ist. Rabelais und La Fontaine werden von ihren Landsleuten als Scherzmacher beschrieben. Nur wenige Menschen waren ernster als Pascal – und nur wenige waren geistreicher.“

Es wäre ungerecht, die Zitate eines so großartigen Denkers wie Pascal auf unseren Landsmann anzuwenden. Congreve hatte zwar eine gewisse geistige Gesundheit; in dem Sinne, wie Landor es meint, hatte er jedoch wenig Fähigkeiten. Wenn man seinen Witz beurteilt, so gelangen ihm einige gelungene Bemerkungen – doch das ist nur oberflächlicher Witz, der weder aus Tiefe noch aus einer Quelle entspringt.

„Man sieht, dass er sich bemüht, gute Sprüche zu sagen.“
Er setzt dieses armselige Wort „Narr“ genauso grausam ein, um Witz zu zeigen, wie alle seine Konkurrenten. Hier ist ein Beispiel, das oft zur Lobpreisung herangezogen wird:

**WITWOUD:** Er hat mir einen Brief vom Narren, meinem Bruder, etc.
**MIRABEL:** Ein Narr – und Ihr Bruder, Witwoud?
**WITWOUD:** Ja, ja – mein Halbbruder. Er ist mein Halbbruder; kein bisschen mehr, bei meiner Ehre.
**MIRABEL:** Dann ist es möglich, dass er nur halb ein Narr ist.

Das ist eine Art von Witz, den man sich noch aus der Schule erinnert – von jemandem, der besonders brillant war; vielleicht hat man selbst später etwas Ähnliches getan. Für den einfachen Landjungen, der nach London kam, um ins Theater zu gehen und Umgangsformen zu lernen, war das zweifellos ein „intellektuelles Feuerwerk“.

In puncto literarischer Kraft sowie einer ihm eigenen Prägnanz des Stils übertrifft Congreve alle seine englischen Rivalen. Er hatte ein richtiges Urteilsvermögen, ein gutes Ohr für Sprache sowie die Fähigkeit, innerhalb engen Grenzen Beispiele zu liefern.

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Offensichtlich ist das Offensichtliche – und die Sprache ist reichhaltig. Er erreicht den idealen Ausgleich zwischen gutem Stil und natürlicher Dialogführung. Er ist zugleich präzise und ausdrucksstark. Wer schon einmal über Stil nachgedacht hat, wird anerkennen, dass dies eine bemerkenswerte Leistung ist. In dieser Hinsicht ist er ein Klassiker und verdient es, mit Molière verglichen zu werden. „Der Weg der Welt“ lässt sich auf den ersten Blick lesen – so deutlich fallen die Akzente der betonten Bedeutung ins Auge, dank der Klarheit und des raffinierten Ausdrucks der Sätze. Man muss sie nicht noch einmal durchlesen, bevor man sich ihm anvertraut; er wird einen sicher führen. Sheridan ahmte ihn nach, kam ihm aber bei weitem nicht gleich. Der Stil in „Lady Wishfort“ ist in Bezug auf Kraft und Schärfe des Ausdrucks unübertroffen. Er fließt wie ein Strom dahin, wie die Stimme der Natur in ihrer Wut – es handelt sich dabei um eine wirklich lebendige Eloquenz. Millamant ist eine bewundernswerte, fast liebenswerte Heldin. Es ist ein Zeichen von Genialität, wenn ein Autor die Sprache einer Frau nutzen kann, um sie darzustellen. Man spürt ihre Anwesenheit in jedem Satz, den sie spricht. Die Vereinbarungen mit ihrem Geliebten bezüglich der Heirat, ihre feine Art als Dame sowie ihre geschickten Ausweichmanöver vor Unhöflichkeiten, kokette Gesten sowie ihr Zögern – was bei einer gewöhnlichen Magd Schüchternheit wäre – bilden ein Bild, das lebendig bleibt und mit Mirabels Beschreibung von ihr übereinstimmt: „Da kommt sie, bei Gott, mit ausgebreiteter Fächerspitze und Bannern – und einer Schar von Narren als Begleitern.“ Und nach einem Treffen: „Denk an dich! Selbst ein Wirbelsturm würde eine ruhigere Betrachtung erfordern – eine große Gelassenheit des Geistes.“ In ihrer Stimme liegt etwas Bildhaftes, wie bei Millamant und niemand anderem, wenn sie von Mrs. Fainall dazu ermutigt wird, Mirabel zu begleiten – Mrs. Fainall ist sich sicher, dass sie Interesse an ihm hat: MILLAMANT: Wirklich? Ich glaube schon – und dieser schreckliche Mann scheint auch so zu denken, usw. Beim Lesen hört man die Töne und sieht die Szene in all ihren Farben. Celimene ist in Bezug auf Lebendigkeit hinter Millamant zurück. Eine Atmosphäre zauberhafter Launenhaftigkeit umgibt die Reize dieser komischen Heldin.

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Das gesprächige Spiel eines schönen Mundes – doch was das Witzige angeht, ist sie keine Konkurrentin für Celimene. Was sie sagt, trägt zu ihrem persönlichen „Zauber“ bei – doch es bleibt nicht besonders in Erinnerung. Sie ist ein lebhaftes Porträt, ein Typus der überlegenen Damen, die nicht nachdenken – im Gegensatz zu jenen, die es tun. Wenn sie also eine bestimmte Schicht darstellt, dann handelt es sich dabei um eine niedrigere Schicht – genauso wie eine der von Gainsborough dargestellten aristokratischen Frauen im Vollbild nicht an die bleibende Wirkungskraft eines schönen venezianischen Gesichts heranreicht.
Millamant neben Celimene ist ein Beispiel dafür, wie weit die realistische Darstellung eines Charakters getrieben werden kann, um unsere Zuneigung zu gewinnen – und wo sie versagt. Celimene ist der Geist einer Frau in Bewegung – ausgestattet mit unkontrollierbarem Witz, scharfsinnigen Augen für die Welt sowie einem klaren Bewusstsein dafür, dass sie zur Welt gehört und dort am wohlsten aufgehoben ist. Sie wird von Alceste angezogen durch ihren Respekt vor seiner Ehrlichkeit – doch sie kann nicht umhin, die Schwächen seines gesunden Menschenverstands zu erkennen.
Rousseau diskutiert in seinem Brief an D’Alembert zum Thema „Der Misantrop“ den Charakter von Alceste – als hätte Molière ihn als absolutes Beispiel für Misanthropie dargestellt. Doch Alceste ist nur ein Misantrop in dem Kreis, in dem er sich befindet. Er hat einen bewegenden Glauben an die Tugenden des Landlebens sowie eine kritische Zuneigung zur einfachen Schönheit. Er ist auch nicht die Hauptfigur der Komödie, der sie ihren Namen gibt – er ist nur passiv komisch. Celimene hingegen ist der aktive Geist. Während er verurteilt und klagt, wird ihr die Aufgabe auferlegt, das Beste aus ihm herauszuholen und sich selbst so gut wie möglich unter Kontrolle zu halten – als Frau mit viel Witz, die von vielen umworben wird. Indem sie ihn schätzt, gesteht sie im Grunde ihre eigenen Fehler ein – und ist eher bereit, Kompromisse einzugehen, als dass er auch nur einen Zentimeter nachgibt. Doch sie ist erst zwanzig Jahre alt – die Welt ist angenehm – und wenn die vergoldeten Fliegen am Hof dumm sind, haben auch die unversöhnlichen Fanatiker ihre lächerlichen Seiten. Kann sie das Leben aufgeben, das ihnen beiden angenehm erscheint, für einen Mann, der sich nicht vom gesunden Menschenverstand seiner Klasse leiten lässt – und der darauf besteht, in ein Extrem zu geraten – was in ihren Augen gleichbedeutend mit Selbstmord ist – nur um einem anderen Extrem aus dem Weg zu gehen? Das ist die komische Frage des „Misantropen“. Warum will er nicht weiterhin harmonisch in der Welt leben, beruhigt durch die schmeichelhaften Worte ihrer geheimen und wirklich aufrichtigen Zuneigung zu ihm – und Rache nehmen durch Satire, wie sie es aus ihren eigenen, nicht allzu hohen Maßstäben tut – und später auch aus seinen höheren Maßstäben?

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Celimene ist Weltlichkeit – Alceste ist Unweltlichkeit. Das bedeutet noch nicht unbedingt Selbstlosigkeit; und das erkennt ihr scharfsinniger Verstand. Dennoch ist er eine sehr außergewöhnliche Persönlichkeit in ihrem Kreis, und sie schätzt ihn – den „Mann mit den grünen Bändern“, der sie manchmal unterhält, aber öfter schrecklich ärgert – wie sie über ihn sagen kann, wenn ihre satirische Zunge frei spielt. Leider weigert sich die Wahrheitsseele in ihm, die ihren Respekt verdient, gezähmt oder still zu sein, und stellt stets ein Hindernis für eine gute Harmonie zwischen ihnen dar. Er ist jene melancholische Person, der Kritiker aller außer sich selbst; äußerst empfindlich gegenüber den Fehlern anderer, davon verletzt; verliebt in seine eigene unbestreitbare Ehrlichkeit sowie in sein Ideal eines einfacheren Lebens, das dieser Ehrlichkeit entspricht – Eigenschaften, die den Satiriker ausmachen. Er ist ein „Jean-Jacques“ am Hofe. Sein Antrag an Celimene, als er ihr verzeiht, dass sie ihm nicht folgen soll, um mit ihm die Menschheit zu verlassen, sowie seine rasende Abneigung gegen sie bei ihrer Ablehnung, sind ganz im Stil von Jean-Jacques. Er ist ein undurchführbarer Mensch mit einer unschätzbaren Tugend – doch Celimene könnte denken, dass es besser wäre, mit ihm in die Wüste zu fliehen – das heißt vom Hof ins Land – „Um als Ehrenmann Freiheit zu haben“ – doch wahrscheinlich würde sie sich dann als Begleiterin eines hungernden Satirikers wiederfinden, wie jene arme Prinzessin, die mit dem Diener davonlief und, als beide im Wald hungerten, gezwungen wurde, ihm Fleisch zu geben. Sie ist eine kokette Frau, die sich über ihren Witz und ihre Reize freut und durch ihre Zuneigung zu Alceste unter all ihren anderen Liebhabern hervorsticht – nur fällt es ihr schwer, diese Beziehungen abzubrechen – welche Frau mit einem Gefolge tut das nicht? – Und wenn die Enthüllung ihres frechen Witzes dazu führt, dass sie getadelt wird, wird sie alles tun, was in ihrer Macht steht: Sie wird ihrer Ehrlichkeit treu bleiben, doch die Weltlichkeit kann sie nicht ganz aufgeben. Es wäre unklug von ihr, das zu tun.
Die Fabel ist oberflächlich. Unsere geschickten Dramatiker würden in diesen Umrissen keinerlei Anzeichen des Lebens erkennen. Das Leben der Komödie liegt in der Idee. Genau wie man beim Gesang der Nachtigall, die außer Sichtweite ist, das Vogel lieben muss, um seinem Gesang Aufmerksamkeit zu schenken, so muss man die reine Komödie innig lieben, um den „Misanthropen“ zu verstehen – man muss offen für die Idee der Komödie sein. Und um die Komödie zu lieben, muss man die wirkliche Welt kennen und Männer und Frauen gut genug kennen, um nicht zu viel von ihnen zu erwarten – obwohl man trotzdem auf Gutes hoffen kann.
Menander schrieb eine Komödie mit dem Titel „Misogynes“, die angeblich sein berühmtestes Werk war. Dieser Misogyn ist laut Angaben ein verheirateter Mann.

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Ein Fragment ist erhalten geblieben – er ist ein Feind der Frauen, weil er seine Frau hasst. Er generalisiert über sie aufgrund dieses bedauernswerten Beispiels aus seinem Leben und scheint im Streit mit ihr den kürzeren gezogen zu haben, was der Realität in der höfischen Welt entspricht. Es scheint auch, als hätte er es verdient – was der Wahrheit entsprechen könnte. Doch wir können nicht sagen, ob die Frau ein gutes Vorbild für ihre Geschlechtsgenossinnen war – oder inwieweit Menander in diesem Fall das Bild der Frau aus dem Sumpf hob, in den es durch die komischen Dichter sowie die satirischen Dramatiker der mittleren Periode der griechischen Komödie vor ihm sowie der Neuen Komödie geraten war. Diese widmeten ihren Witz hauptsächlich der Verunglimpfung – oder, zur Abwechslung, der Lobpreisung berühmter Frauen außerhalb der Stadtmauern. Menander idealisierte sie, ohne sie absichtlich zu erhöhen. Er satirierte eine gewisse Thais – und seine Thais aus Terenz’ „Eunuchus“ ist weder besonders attraktiv noch abstoßend; sein Bild der beiden Andrias, Chrysis und ihrer Schwester, ist in seiner Zärtlichkeit unübertroffen. Doch die Situation ehrlicher Frauen in seiner Zeit ließ keine Freiheit im Handeln sowie keine geschickte dialektische Darstellung wie bei Celimene zu – daher fällt es unter unseren Standard für reine Komödie.

Sainte-Beuve ruft den Geist Menanders herbei und sagt: „Aus Liebe zu mir, liebe Terenz.“ Durch die Liebe zu Terenz können die Modernen Menander lieben – doch das, was von Terenz erhalten ist, hat uns offenbar nicht das Beste vom Freund des Epikur gegeben. Der entsetzte Liebhaber sowie das Mädchen, dem die Haare abgeschnitten werden, klingen vielversprechend für Szenen der Eifersucht sowie für eine übermäßig herrische Autoritätsentfaltung, die zu Reue führt – jener Art, die man bei unbeherrschten Männern kennt, die glaubten, gegen die Schwächeren zu kämpfen, wie die Fragmente zeigen.

Von Terenz’ sechs Komödien stammen vier von Menander; zwei, „Hecyra“ und „Phormio“, von Apollodoros. Diese beiden sind in Bezug auf die komische Handlung sowie die besondere Sanftheit im Stil Menanders den Werken „Andria“, „Adelphi“, „Heautontimorumenus“ und „Eunuchus“ unterlegen – doch „Phormio“ ist ein lebhafterer und unterhaltsamerer „Gesellschaftsparasit“ als der „Gnatho“ aus der letzteren Komödie. Es gab zahlreiche Rivalen, von denen wir fast nichts wissen – außer durch Zitate von Athenaios und Plutarch sowie durch die griechischen Grammatiker, die sie zitierten, um ein Sprichwort zu untermauern. In dieser wie auch in früheren Perioden der Komödie in Athen waren Menanders Stücke in großer Zahl vorhanden – doch nur achtmal wurden sie mit Preisen ausgezeichnet. Der bevorzugte Dichter bei Kritikern, sowohl in Griechenland als auch in Rom, war Menander; und wenn einige seiner Rivalen hier und da in puncto komischer Kraft über ihn hinausgingen…

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In Wettbewerben wurde er durch Umstände, die der Situation entsprachen, übertroffen – Umstände, die bereits zuvor auf dieselbe Weise dem Genie von Aristophanes seine gebührende Belohnung in „Wolken“ und „Vögeln“ vorenthielten. Seine Stellung als führender Komödiendichter seiner Zeit blieb unangefochten. Plutarch zieht Aristophanes ganz unnötigerweise in einen Vergleich mit ihm, was zum Verwirrung des älteren Dichters führte. Ihre Ziele, das Thema ihrer Werke sowie die Zeiten, in denen sie lebten, waren völlig unterschiedlich. Doch es ist kein Wunder, dass Plutarch, der zu einer Zeit schrieb, in der die ästhetische Schönheit des attischen Stils bei seinen Gönnern beliebt war, Menander auf den höchsten Platz stellte. Inwieweit Terenz Menander nachahmte – ob, wie er bezüglich des Auszugs aus Diphilus angibt, Wort für Wort in den schönsten Szenen – etwa bei der Beschreibung der letzten Worte des sterbenden Andrian sowie ihrer Beerdigung – bleibt eine Vermutung. Für uns teilt Terenz mit seinem Meister die Anerkennung für eine Anmut, die an sprachliche Schönheit des Himmelslandes erinnert – gleichmäßig und stets anmutig; wie das Gesicht der jungen Schwester des Andrian: „So bescheiden, so anmutig, dass nichts darüber kommt.“ Der berühmte Ausdruck „flens quam familiariter“ – dessen genaueste Übersetzung leider in grober Prosa erfolgen muss, um die traurige Offenheit eines jungen Mädchens auszudrücken, das seine Schwester und beste Freundin verloren hat und nur noch ihren Geliebten hat – „Sie drehte sich um, warf sich ihm in die Arme und weinte, als wäre sie zu Hause“: Unser Instinkt sagt uns, dass dies griechisch sein muss – auch wenn es im Griechischen kaum noch schöner ausgedrückt werden könnte. Einige Zeilen von Terenz zeigen im Vergleich zu den ursprünglichen Fragmenten, dass er sie verschönert hat; doch sein Geschmack war zu fein, als dass er nicht all sein Talent der ehrlichen Übersetzung solcher Werke widmen würde. Menander also – und durch die Sympathie dazu Terenz – sowie Shakespeare und Molière besitzen diese wunderschöne Klarheit der Sprache: Die Erforschung der Komödiendichter könnte daher empfohlen werden – wenn schon aus keinem anderen Grund. Ein seltsames Unglück ereilte die Schriften des Menander. Was wir von ihm bei Terenz haben, wurde wahrscheinlich ausgewählt, um die kultivierten Römer zu erfreuen; es handelt sich dabei um romantische Stücke mit komischen Handlungen, die in zwei Fällen, „Andria“ und „Der Eunuch“, entstanden, indem mehrere seiner Originalwerke miteinander kombiniert wurden. Die Titel einiger verlorener Stücke deuten auf komische, häusliche Themen hin: Ein Selbstmitleider, ein Selbstbestrafer, ein schlecht gelaunter Mensch, ein abergläubischer Mensch, ein Ungläubiger usw. Terenz übermittelte Manuskriptübersetzungen aus Griechenland, die jedoch Schiffbruch erlitten; er, der dieses „Schatz“ hätte wiederherstellen können, starb auf dem Heimweg.

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Die Fanatiker von Byzanz vollendeten die Zerstörungswerke. So haben wir die vier Komödien des Terenz, sechs Komödien des Menander sowie einige Skizzen von Handlungen – eine davon, der „Thesaurus“, stellt einen Geizhals vor, den man gerne mit Harpagon verglichen hätte – sowie zahlreiche kleine Fragmente von sentenziöser Art, die zum Zitieren geeignet sind. Es bleibt genug übrig, um seine Größe spürbar zu machen.

Ohne andere Komödienschriftsteller zu unterschätzen, kann man sagen, dass Menander und Molière als Komödiendichter der Gefühle und Ideen besonders hervorstechen. Bei jedem von ihnen gibt es eine Auffassung vom Komischen, die bis zur Schmerzhaftigkeit verfeinert ist – wie in dem „Menedemus“ aus dem „Heautontimorumenus“ sowie im „Misanthrope“. Menander und Molière haben die wichtigsten Typen der Komödie bis heute geprägt. Die Micio und Demea aus den „Adelphi“, mit ihren gegensätzlichen Ansichten über die richtige Erziehung der Jugend, sind noch immer präsent; die Sganarelles und Arnolphes aus den „École des Maris“ und „École des Femmes“ sind nicht alle verschwunden. Tartuffe ist der Vater der Heuchler, Orgon der der Betrogenen, Thraso der Prahlhänse, Alceste die Vertreterinnen der „männlichen“ Tugenden, Davus und Syrus die intriganten Diener, ähnlich den Scapins und Figaros. Die Damen, die in den Bereichen des Rosaroten schweben und deren Sprache von intellektuellem Stolz geprägt ist, lassen sich auf Philaminte und Belise aus den „Femmes Savantes“ zurückführen; die scharfsinnigen, witzigen Frauen wiederum haben die Zunge der Celimene. Der Grund dafür ist, dass diese beiden Dichter das Leben idealisiert haben: Die Grundlage ihrer Charaktere ist real und lebendig, doch sie malten mit spiritueller Kraft – was in der Kunst das Solide ist.

Die idealistischen Auffassungen vom Komischen geben dem komischen Genie Weite und Möglichkeiten und helfen dabei, die dadurch entstehenden Schwierigkeiten zu überwinden. Wie kann man dem Publikum beispielsweise sicher machen, dass ein offensichtlich und monströs betrogener Mensch tatsächlich getäuscht wird – ohne ein absoluter Dummkopf zu sein? In „Le Tartuffe“ kommt der Ton der hohen Komödie zum Ausdruck, als Orgon bei seiner Rückkehr nach Hause von dem ausgezeichneten Appetit seines Idols erfährt. „Der arme Mann!“, ruft er aus. Man teilt ihm mit, dass seine Geliebte krank war. „Und Tartuffe?“, fragt er ungeduldig, sein Geist erfüllt von Gedanken an Tartuffe, verrückt vor Zärtlichkeit – und wieder ruft er: „Der arme Mann!“ Es ist der Schrei der mitleidvollen Freude einer Mutter, wenn diese von der Amme von der Gier ihres geliebten Kindes hört. Nach diesem Meisterstück der Komödie glaubt man nicht nur an Orgons rosarote Vorstellung, sondern teilt sie auch durch komische Sympathie mit ihm und kann mit nichts weiter als einem Zittern der Lachmuskeln seinen Beispielen für die „sublime Menschlichkeit“ von Tartuffe lauschen.

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„Schon das Geringste reicht aus, um ihn zu schockieren – bis hin dazu, dass er neulich behauptete, ich hätte beim Beten eine Fliege gefangen und sie aus zu großer Wut getötet.“
Molière übersetzen zu wollen, ist wie das Summen eines Liedes, das man bereits von einem begabten Geiger in reinen Tönen ohne Prunk gehört hat.
Orgon, der feststellt, dass Madame Pernelle ebenfalls eine Betrügerin ist, und den Enthüllungen, die endlich seine eigenen „verblendeten“ Augen öffnen, misstraut, ist ein Beispiel für die doppelte Komik – eine Komik, die durch den zuvor auf den Verstand ausgeübten Einfluss noch lebendiger wird. Dort spürt man die Kraft der poetischen Schöpfung; im scharfen Licht dieser plötzlichen Wendung wirkt die Menschlichkeit lebendiger als in jedem realistischen Werk.
Die italienische Komödie liefert viele Anhaltspunkte für einen „Tartuffe“ – doch diese finden sich auch bei Boccaccio sowie in Machiavellis „Mandragola“. Der Frate Timoteo in diesem Stück ist lediglich ein sehr geschmeidiger Mönch, der bereitwillig mit kirchlichen Sophismen (um es milde auszudrücken) Intrigen unterstützt – im Austausch gegen Bezahlung. Frate Timoteo hat eine prächtige italienische Priesterhaltung.
DONNA: Glauben Sie, dass der Türke in diesem Jahr nach Italien kommen wird?
F. TIM.: Wenn Sie nicht beten, dann ja.
Priesterliche Arroganz und Schmeichelei, List und Kasuistik lassen sich nur darstellen, wenn man in der langen Reihe der italienischen Werke Ähnlichkeiten entdeckt. Goldoni skizzierte die venezianischen Sitten zur Zeit des Niedergangs der Republik mit französischem Stil – er war im Grunde ein italienischer Schreiber.
Die spanische Bühne bietet mehr solcher Komödien – wie jene, die Corneilles „Le Menteur“ inspirierten. Doch man muss sich dazu zwingen zu glauben, dass dieser Lügner nicht einfach nur Lügen aufhäuft. Es gibt keinen vorherigen Hinweis, der den Zuschauer zur Glaubwürdigkeit verleiten könnte. Die spanische Komödie ist im Allgemeinen in schroffen Umrissen dargestellt – wie Skelette; sie ist voller schneller Bewegungen, wie bei Marionetten. Die Komödie könnte auch von einer Balletttruppe aufgeführt werden; im Gedächtnis bleibt nur noch ein lebhafter Rhythmus der Schritte. Tatsächlich handelt es sich dabei um etwas anderes als die wahre Idee der Komödie. Wenn Männer und Frauen voneinander getrennt sind, werden sie, wie die Portugiesen sagen, „affaimados“ voneinander – von Hunger geplagt; und alle tragischen Elemente sind auf der Bühne vorhanden. Don Juan ist eine komische Figur, die Seelen „in die Luft jagt“ – doch der Humor, der aus dem Zerstören der Herzen Dutzender Frauen entsteht, versöhnt die Komödienmuse nicht mit dem Blutvergießen.

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Deutsche Versuche im Bereich der Komödie erinnern lebhaft an Heines Bild seines Landes in dem Gedicht „Atta Troll“. Lessing versuchte es ebenfalls – mit einer ernüchternden Wirkung auf die Leser. Die Absicht, das Gegenteil zu erreichen, ist deutlich erkennbar – und darin liegt, ähnlich wie in den „dicken“ Bewegungen des armen alten Pyrenäenbären, der auf seinem rechten und linken Hinterbein balanciert und sich dreht, der Reiz. Jean Paul Richter liefert die beste Ausgabe der deutschen Komödie durch den Kontrast zwischen Siebenkas und seiner Lenette. Ein Hauch von Komik findet sich bei Goethe – genug, um das großartige Bild dieses Mannes zu vervollständigen, aber nicht mehr. Das deutsche literarische Lachen, ähnlich wie die zeitlich geplanten „Erwachungen“ ihres Barbarossa in den Schluchten des Untersbergs, kommt selten vor – und ist eher monströs. Es handelt sich dabei nie um ein Lachen von Männern und Frauen gemeinsam. Es entsteht aus unverfeinerten, abstrakten Vorstellungen – grotesk oder grausam, oder einfach nur grob, wie die eigenartigen Humoren ihrer kleinen „Erdenmenschen“. Ein spirituelles Lachen haben sie noch nicht erreicht – der Sentimentalismus hindert sie auf ihrem Weg. Hier und da zeigt ein Volkslied oder eine Märchengeschichte eine nationale Neigung zum kräftigen, tierhaften Lachen – und wir sehen, dass die Literatur darauf aufgebaut ist, was bisher hoffnungsvoll ist. Doch um dieses Lachen wirklich zu genießen, um in die Philosophie des breiten Lächelns einzutreten – das zwischen Schädel und Embryo zu schwanken scheint und seine Vollkommenheit in der Breite erreicht, wenn zwei Finger an den Mundwinkeln gezogen werden – muss man die Hilfe des „guten Rheinweins“ haben und außerdem rein deutsches Blut in sich tragen. Diese „dreifache Holländisierung“ des komischen Geistes schließt die Idee der Komödie von vornherein aus. Die beschränkte Stimme, die Frauen im deutschen Familienleben zugestanden wird, erklärt das Fehlen komischer Dialoge, die das Leben in diesem Land widerspiegeln würden. Ich werde darauf in dem zweiten Teil dieser Vorlesung noch einmal eingehen. Im Osten herrscht völliges Schweigen bezüglich der Komödie – bei einem Volk, das äußerst lachfreudig ist, wie die „Arabischen Nächte“ bezeugen. Wo die Gesichter der Frauen verhüllt sind, kann es keine Gesellschaft geben – ohne diese werden die Sinne barbarisch, und der komische Geist wird in die Abgründe der Grobheit getrieben, um seinen Durst zu stillen. In dieser Hinsicht sind die Araber schlimmer als die Italiener – viel schlimmer als die Deutschen – genau in dem Maße, in dem ihr Umgang mit Frauen schlechter ist. M. Saint-Marc Girardin, der hervorragende französische Essayist und Meister des kritischen Stils, erzählt von einem Gespräch, das er einmal mit einem arabischen Herrn über die unterschiedliche Art und Weise führte, mit diesen schwierigen Wesen im Osten und Westen umzugehen. Der Araber sprach in Lob der vielen positiven Ergebnisse, die aus der größeren Freiheit der westlichen Damen resultieren, sowie vom Charme des Umgangs mit ihnen. Ihm wurde gefragt, warum seine Landsleute keine Maßnahmen ergreifen…

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Gebt ihnen eine solche Art von Freiheit. Im Nu stieg er aus seiner Individualität heraus und trat in die Gefühle seines Volkes ein; vom Gipfel prahlerischer Selbstüberschätzung aus antwortete er mit gespielter Demut: „Ihr könnt sie unbesorgt betrachten – aber wir!“… Nach diesem äußerst komischen Einwurf fügte er in ernstem Ton hinzu: „Das ist ja das Gesicht einer Frau!“ Unser Vertreter gemäßigter Ansichten stimmte bescheiden zu, dass der Stolz der Araber auf ihre Leidenschaftlichkeit dazu führen müsse, dass die Keuschheit durch den Schleier als zivilisierendes Mittel für ihr Volk angewandt wird. In Bagdad gab es Spaß – doch es wird niemals Zivilisation geben, wo Komödie nicht möglich ist; und das setzt einen gewissen Grad an sozialer Gleichheit zwischen den Geschlechtern voraus. Ich zitiere den Araber nicht, um den trägen Osten anzuspornen oder zu stören – vielmehr sollen gebildete Frauen erkennen, dass die komische Muse eine ihrer besten Freundinnen ist. Sie sind blind für ihre eigenen Interessen, wenn sie sich den Reihen der Sentimentalisten anschließen. Lassen Sie sie mit klarem Blick nach außen und nach innen blicken. Sie werden erkennen, dass dort, wo sie keine soziale Freiheit haben, auch keine Komödie vorhanden ist; dort, wo sie Hausangestellte sind, ist die Form der Komödie primitiv; dort, wo sie zwar relativ unabhängig, aber ungebildet sind, tritt Melodramatik sowie eine sentimentale Darstellung ihrer selbst an ihre Stelle. Doch die Komödie wird letztendlich siegen – wie sie es erkennen würden, wenn sie einige der privaten Gespräche von Männern hören würden, deren Geist nicht von der komischen Muse geleitet wird; genauso würde der sentimentale Mann zu seinem Erstaunen erkennen, könnte er auf ähnliche Weise eine Lektion erhalten. Doch dort, wo Frauen auf dem Weg zu einer Gleichstellung mit Männern sind – in Bezug auf Errungenschaften und Freiheiten – dort, wo sie etwas für sich selbst erreicht haben und was ihnen von einer gerechten Zivilisation gewährt wurde – dort blüht reine Komödie auf und ist, wie sie ihnen helfen würde zu sein, die süßeste der Unterhaltungen, die weiseste der angenehmen Begleiter. Wenn wir uns nun in der Gegenwart umschauen, wird wohl anerkannt werden, dass wir durch die Vernachlässigung der Entwicklung des komischen Gedankens die Hilfe eines mächtigen Helfers verlieren. Man sieht, wie die Torheit in einer Gesellschaft voller Reichtum und Freizeit ständig neue Formen annimmt – mit vielen Launen, vielen seltsamen Krankheiten und seltsamen Ärzten. Es gibt genug gesunden Menschenverstand in der Welt, um sie zurückzudrängen, wenn sie versucht, die Herrschaft zu übernehmen. Doch der Erstgeborene des gesunden Menschenverstands – der wachsame Komiker, das Genie des nachdenklichen Lachens, der sie gerne von Anfang an auslöschen würde – fungiert nicht als öffentlicher Verteidiger.

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Man wird bemerkt haben, dass der gesunde Menschenverstand unter dem Druck einer hartnäckigen Art von Schwerfälligkeit ungeduldig und wütend wird. Das ist ein Zeichen für das Fehlen – oder zumindest für die Untätigkeit – des komischen Elements. Denn Torheit ist die natürliche Beute des Komischen, das sie in all ihren Verwandlungen, in jedem Verkleidungszustand kennt; und es verfolgt sie mit der Freude eines Habichts über einer Reiherin, eines Hundes hinter einem Fuchs – ohne sich je Sorgen zu machen, ohne müde zu werden, sicher, sie zu fangen, ihr keine Ruhe gönnend. Verachtung ist ein Gefühl, das von komischer Intelligenz nicht geteilt werden kann. Was ist sie anderes als eine Ausrede, träge zu sein, persönlich hochmütig oder bequem engstirnig zu sein – also nicht vollkommen menschlich? Wenn wir nicht vorgeben, wenn wir sagen, dass wir die Torheit verachten, dann schalten wir unser Gehirn aus. In Gegenwart der Torheit gibt es eine verächtliche Haltung, die an die Dummheit angelehnt ist – und Wut ist keineswegs weniger dumm als Verachtung. Der Kampf, den wir führen müssen, ist ein Kampf von Essenz gegen Essenz. Niemand soll an den Ausgang zweifeln, wenn diese Emanation dessen, was in uns am Festesten ist, losgeschickt wird, um die Tochter der Unvernunft und des Sentimentalismus zu besiegen – so sind schließlich die „Eltern“ der Torheit, wenn man sie respektabel betrachtet. Unser modernes System zum Kampf gegen sie ist zu sehr defensiv und wird zu langsam mit konkreten Kriegsmitteln geführt. Sie hat Zeit, sich hinter Befestigungen in Sicherheit zu bringen. Sie ist bereit, eine Belagerung auszuhalten, bevor der schwer bewaffnete Wissenschaftler sowie der Autor von Leitartikeln oder ausführlichen Essays ihre „Großkanonen“ bereitgestellt haben. Man sollte bedenken, dass sie bei den Massen Anziehungskraft besitzt; eine englische Menge, die sieht, wie sie tapfer kämpft, wird halb in sie verliebt sein und sicherlich bereit sein, ihr Beifall zu spenden. Wohltätige Spenden helfen ihr dabei, ihren eigenen Wissenschaftler, ihre eigene Stimme in der Presse zu finden. Falls sie letztendlich vertrieben und gestürzt wird, kann sie auf Lücken in unseren Reihen zeigen. Sie kann behaupten, sie habe eine Armee befehligt und Männer verführt, von denen wir dachten, sie seien vernünftige und zuverlässige Menschen, damit sie ihre Stellvertreter werden. Erst nachdem sie ihre „Lampe“ erhellt hat, erfahren wir eher düster, dass es unter uns fähige Menschen gibt – Menschen mit Geistern, für die es keinen Polstern in der intellektuellen Navigation gibt. Die Komödie, oder das komische Element, ist das Gegenmittel gegen das Gift der Täuschung – während die Torheit vom Zustand des Dampfs in eine feste Form übergeht. Ach, ein Hauch von Aristophanes, Rabelais, Voltaire, Cervantes, Fielding, Molière! Das sind Geister, die, wenn man sie gut kennt, kommen werden, wenn man…

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Rufen Sie an. Man wird feststellen, dass allein schon die Erwähnung solcher Dinge auf einen wie frische Luft wirkt – wie der Wind aus Südwesten vom Meer her, oder ein Ruf in den Alpen. Niemand würde es wagen zu behaupten, uns mangelten Scherzkeksen. Sie sind zahlreich, und die Organisation, die ihre Kräfte darauf richtet, sie im Gefolge von Leitartikeln und dem allgemeinen Stimmungsbild einzusetzen, ist gut. Doch das Komische unterscheidet sich davon dadurch, dass es den Verstand zum Lachen anregt; und der träge Verstand benötigt etwas Übung, um darauf zu reagieren – sei es im öffentlichen oder privaten Leben, insbesondere dann, wenn die Gefühle erregt sind. Das Gespür für das Komische wird durch Gewohnheiten des Wortspiels und des Gebrauchs humoristischer Ausdrücke stark abgeschwächt – durch den Trick, johnsonische Mehrsilben zur Beschreibung von äußerst Unbedeutendem zu verwenden. Es mag zwar humorvoll sein, doch es verfehlt den Kern, weil es zu viele Umwege macht. Vor einigen Jahren starb ein französischer Herzog namens Pasquier im hohen Alter. In seinen späten Jahren bis zu seinem Tod war er der verehrte Herzog Pasquier. Es gab Berichte, wonach Herzog Pasquier ein Mann tiefsten Egoismus gewesen sei. Daher entstand eine Debatte, die leidenschaftlich geführt wurde, über den übermäßigen Egoismus jener, die in einer Welt voller Probleme, Aufrufe zum Handeln und unzähliger Pflichten ihre Kräfte dafür aufsparen, am Leben zu bleiben. Ist es möglich, so die Argumentation, dass ein wirklich großzügiges Herz bis ins hohe Alter weiter schlägt? Herzog Pasquier hatte auch seine Verteidiger, die ihn mit dem Eichenbaum im Wald verglichen – ein würdevoller Vergleich. Die Debatte wurde von beiden Seiten mit Elan und Ernsthaftigkeit geführt, gelegentlich erleichtert durch spielerische Anspielungen auf Mehrsilben, die an das ernsthafte Spielen von Schuljungen erinnern, die sicher sind, außer Sichtweite ihres Lehrers zu sein, und nun und dann versuchen, ihn nachzuahmen. Man könnte meinen, die komische Idee schlafe und kümmere sich nicht um sie! Schließlich kam man zu dem Schluss, dass entweder Herzog Pasquier ein Skandal für unsere Menschlichkeit darstellte, weil er so lange am Leben blieb, oder dass er sie ehrenhaft verteidigte, indem er dem Feind standhaft Widerstand leistete. Wie jemand, der sich in einem Labyrinth verirrt hat und froh ist, wieder am Eingang herauszukommen, endete die Debatte schließlich dort, wo sie begonnen hatte. Stellen Sie sich nun einen Meister des Komischen vor, der dieses Thema – insbesondere die damit verbundene Debatte – behandelt. Stellen Sie sich eine aristophaneske Komödie über den Hundertjährigen vor, mit chorischen Lobpreisungen auf einen heldenhaften frühen Tod sowie auf eine sture Vitalität, und den Dichter, der über den Chor lacht; und das Große…

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Eine Frage zum Streit im Dialog: Das genaue Alter, in dem ein Mann sterben sollte – bis zur letzten Minute –, damit er den Respekt seiner Mitmenschen bewahren kann. Danach folgt ein systematischer Versuch, mithilfe eines festen Seils auf der einen Seite sowie einer Reihe von Zügen auf der anderen Seite die Ausdauer des Alten im Leben sowie unsere Fähigkeit, ihm standzuhalten, genau zu messen – mit enormem Zug auf beiden Seiten. Würde nicht eine komische Sichtweise dieser Diskussion sie und die Streitenden wie ein Blitz erhellen? Es gibt Fragen – genauso wie Menschen –, die nur der Komiker angemessen ansprechen kann. Aristophanes hätte wohl den alten Baum gekrönt und den müden Reihen der lang erwarteten Erben des Hundertjährigen die tröstende Bemerkung gemacht, dass sie noch erleben dürfen, wie aus einer starken Linie Glück entsteht. Seine Spötteleien wären hauptsächlich auf die Streitenden gerichtet gewesen. Schließlich beruhte der einzige Grund für die Debatte auf dem Charakter des Alten – und es bedarf keiner Sophisten, um zu zeigen, dass wir schon bald zu viel von etwas Schlechtem haben können. Ein Hundertjähriger weckt nicht unbedingt komische Ideen – genauso wenig wie die Leiche eines Herzogs. Solche Ideen entstehen erst dann, wenn wir deren durchdringende Aufmerksamkeit auf Umstände lenken, mit denen wir unsere privaten Interessen oder unsere spekulativen Verwirrungen verbinden. Langeweile, gegenüber dem Komischen unempfindlich, hat das Privileg, ihn hervorzurufen; und das Andeuten von Langeweile in Angelegenheiten des menschlichen Lebens ist die sicherste Methode, eine „elektrische Verbindung“ zur Welt des Lachens herzustellen – wo die komischen Ideen vorherrschen. Doch wenn die komischen Ideen bei uns vorherrschten und wir einen Aristophanes hätten, der sie verspottet und damit aufzieht, würden wir Luft aus Athen atmen. Die Prosaiker, die uns jetzt wie öffentliche Brunnen überfluten, würden auf der Straße unterbrochen werden und sprachlos dastehen, mit Buchstaben im Mund. Wir würden unseren schrecklichen „Familiar“ – von manchen Langeweile genannt – abschütteln; es ist eine Schande für uns, gerade so am Leben zu sein, dass wir ihn hassen können, aber nie schnell genug, um ihm zu entkommen. Es gäbe eine klare, positive, helenische Wahrnehmung der Fakten. Die Dämpfe der Unvernunft und des Sentimentalismus würden bereits bevor sie etwas bewirken könnten, verweht werden. Wo wären dann Pessimisten und Optimisten? Sie hätten auf jeden Fall weniger Zuhörer. Doch vielleicht wäre der Wandel der Despoten – von gutmütiger, stumpfer Dummheit zu scharfsinniger Intelligenz, die von Natur aus grausam ist – mehr, als wir ertragen könnten. Die Zerstörung der Verbindung zwischen langweiligen Menschen…

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Ein brüderlicher Konsens darüber, dass etwas zu raffiniert für sie ist und außerhalb ihrer Reichweite liegt, sollte nicht leichtfertig in Betracht gezogen werden; denn auch wenn die Verbindung zwischen den Dingen dünn erscheinen mag, so ist sie doch vergleichbar mit einem Zement, der einen festen, kohärenten Beton bildet – etwas, das im Urteil des Staatsmannes äußerst wünschenswert ist.
Ein politischer Aristophanes, der von seiner lyrischen, bakchischen Freiheit Gebrauch machte, erwies sich als zu viel für das politische Athen. Ich würde nicht fordern, dass er wieder zum Leben erweckt wird, sondern vielmehr, dass das scharfe Licht eines solchen Geistes gelegentlich auf öffentliche Angelegenheiten und Themen scheint, um diese in Bewegung zu setzen.
Er hasste mit dem Eifer eines Politikers den Sophisten, der die Einfachheit des Denkens verdarb, den Dichter, der die Reinheit des Stils zerstörte, sowie den Demagogen – dieses „zahnartige Ungeheuer“, das, wie er es sah, die Menge täuschte. Er hielt gegen sie durch die Kraft seines Humors stand – bis Geldstrafen, Einschränkungen seiner Rechte als Komödiendichter sowie schließlich der Untergang Athens, das die Kosten für den Chor nicht mehr tragen konnte, ihn vollständig auf den Dialog beschränkten und ihn dem Gesetz unterwarfen. Nach der Katastrophe muss der Dichter, der stets auf die Männer von Marathon und Salamis blickte, gespürt haben, dass er dies vorausgesehen hatte – und dass er weise handelte, als er für Frieden plädierte und die militärische Torheit sowie den eigensinnigen Alten Demos verspottete. Er besaß das Talent des Komödiendichters für gesunden Menschenverstand – was jedoch nicht immer politisches Verständnis bedeutet. Doch seine politische Neigung hob ihn über die alte Komödie mit ihren lärmenden Farsen hinaus. Er verunglimpfte Sokrates, doch Xenophon, ein Schüler Sokrates’, rettete mit seiner geschulten Rhetorik die Zehntausend. Aristophanes könnte sagen, dass, wenn man seinen Warnungen gefolgt wäre, es keine griechischen Söldnerexpeditionen unter Kyros gegeben hätte. Athen jedoch befand sich auf dem Abstieg – niemand konnte dies aufhalten. Zurückschauen und die alten Zeiten bewahren zu wollen, war ein ganz natürlicher, aber nutzloser Konservatismus. Die Aloe hatte geblüht. Ob seine Politik und Kritiken richtig oder falsch waren – und unter Berücksichtigung der Mittel, die er einsetzte, sowie des Publikums, das er gewinnen musste – so gibt es in seinen Komödien doch eine Idee: die Idee des guten Bürgertums.
Es ist unwahrscheinlich, dass er wieder zum Leben erweckt wird. Er steht, wie Shakespeare, als Unnahbarer da. Swift sagt über ihn mit liebevollem Lachen: „Aber was den komischen Aristophanes angeht – er ist ein zu witziger und zu profaner Hund.“ Aristophanes war unter satirischer Leitung „profan“ – im Gegensatz zu seinen Rivalen Kratinos, Phrynichos, Ameipsias, Eupolis und anderen, wenn man dem Glauben schenken darf.

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Ihn – denjenigen, der bei ihrem außergewöhnlichen Donnybrook-Fest am Tag der Komödie sich selbst sowie alle anderen mit großer Begeisterung schlug, wie er es tat – doch zielte er dabei auf kleinere Opfer ab und zog bestimmte Frauen hervor, was er jedoch nicht tat. Er ist eine Ansammlung vieler Männer, alle von gewisser Größe. Wir können uns ein Bild seiner Kräfte machen, wenn wir Rabelais auf Hudibras setzen, ihn mit der Liedhaftigkeit Shelleys erhöhen, ihm einen Hauch von Heinrich Heine geben und ihn mit dem Mantel des Antijakobiners bedecken – und (damit vielleicht etwas Irdisches in ihm ist) einen Schuss Grattan hinzufügen, bevor er in Bewegung kommt. Doch solche Bemühungen, einen Großen durch die Vereinigung von Geringeren zu erschaffen, sind vergeblich und erfordern eine Rechtfertigung. Wenn man Wilkes als Hauptfigur in einem Land betrachtet, das ständig in Kriege gerät, angeführt von irgendeinem Lamachus mit Federn, wobei Feinde periodisch das Land bis zu den Toren Londons in Brand setzen, und Samuel Foote, ein Mann von enormem Genie, der ihn mit Spott angreift, so glaube ich, dass dies ein Bild vom Konflikt gibt, den Aristophanes ausfocht. Dieser lachende Kahlkopf, wie er sich selbst nannte, war ein titanischer Pamphletist, der das Lachen als politische Waffe nutzte – ein skrupelloses Lachen, das Lachen des Herkules. Er war voller Witz, wie das Knoblauch, den er den Fasanen gab, damit sie besser kämpften. Zudem war er ein lyrischer Dichter von feiner Sensibilität, mit dem einfachen Lied eines fröhlichen Nationaldichters, sowie ein Dichter mit solchen Gefühlen, dass die komische Maske manchmal nicht mehr ist als ein Stück Stoff im Gesicht, um die ernsten Züge unserer gemeinsamen Menschlichkeit zu zeigen. Ihn kann man nicht wieder zum Leben erwecken; doch wenn man seine Methode studiert, könnte etwas von seinem Feuer auf uns übergehen, und wir könnten wieder zum Leben erweckt werden. Im Allgemeinen steht die englische Öffentlichkeit dieser primitiven aristophanischen Komödie am meisten wohlwollend gegenüber – in der das Komische vom Grotesken übertroffen wird, die Ironie den Witz begleitet und die Satire ein nacktes Schwert ist. Sie besitzen die Grundlage des Komischen in sich: Achtung vor gesundem Menschenverstand. Sie verabscheuen dessen Gegenteil zutiefst. Sie haben ein reiches Lachen – doch es ist weder das laute Lachen des Galliers, der Salz wirft, noch das gepflegte, geistig verdauende Lachen des Franzosen. Und wenn sie jetzt, wie ein Monarch mit einer Schar Zwergen, zu viele Narren haben, die im Wörterbuch herumtrampeln, sodass sie nicht darüber nachdenken können, dass sie manchmal langweilig sind – ähnlich wie ein nachdenklicher Monarch, der sich selbst mit einer eigenen Idee überrascht –, dann sehen sie eben so aus. Sie neigen dazu, in den Spiegel zu schauen. Sie müssen erkennen, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist. Wie lange sogar die besseren unter ihnen ohne jeden Gedanken an Verteidigung auskommen werden, wenn die Person, die ihnen Leid zufügt, vor der Satire geschützt ist, lesen wir in „Memoiren eines vergangenen Zeitalters“, wo die vulgär tyrannische Hausherrin eines…

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Das prächtige Empfangshaus mischte die Gäste durcheinander und behandelte sie wie ein Kartenspiel – mit ihrer genauen Einschätzung der Stärke jedes Einzelnen darauf gedruckt. Dennoch blieb dieses Haus weiterhin das beliebteste in England; die Dame selbst erschien niemals in Druckschriften oder auf der Bühne in ihrer komischen Rolle. Es wird vermutet, dass sie die Bedeutung des Lebens in der Gesellschaft noch nicht geistig erfasst haben; denn wer ist fröhlicher, witziger auf dem Lande sowie als Entdecker oder Kolonisatoren? Sie sind glücklich bei anstrengender Arbeit – aber auch in völliger Ruhe. Im mittleren Zustand, wenn sie dazu aufgefordert werden, miteinander zu sprechen – über Dinge außerhalb geschäftlicher Angelegenheiten oder ihrer Hobbys – zeigen sie einen seltsamen Ausdruck der Leere, als fehle ein Auge. Der Komische taucht ständig im gesellschaftlichen Leben auf – doch er wird unterdrückt, weil er nicht wahrgenommen wird. So bittet bei einem Abendessen einer der Gäste, der zufällig Mitglied einer Bestattungsgesellschaft ist, die anderen höflich, sich als Aktionäre einzutragen, und erläutert die Vorteile, die ihnen im Falle eines möglicherweise schnellen Todes zuteilwerden würden – die Vorzüge des Standorts, die Eignung des Bodens für eine schnelle Zersetzung ihrer Überreste usw. Die anderen trinken aus diesem unpassenden Mann „Traurigkeit“ und leiden unter Verdauungsproblemen, da sie ihn nicht in einem klaren Licht sehen, das ihnen seine Komik bewusst machen würde. Oder es wird erwähnt, dass ein neu gewähltes Parlamentsmitglied seinen Aufstieg feiert, indem es ein Buch über Taxikosten veröffentlicht – gewidmet einer verstorbenen geliebten Verwandten – und das einzige Kommentar dazu das Wort „Tatsächlich“ ist. Doch nur zum Kontrast: Man denke an eine nicht ungewöhnliche Szene vom Vortag auf der Jagdfläche, wo ein brillanter junger Reiter, nachdem er sich den Schlüsselbein gebrochen hatte, gegen den ärztlichen Rat bald darauf weiterreitet – halb in Splittern – zum entferntesten Treffpunkt in seiner Gegend, in der Hoffnung, seinem Arzt zu entkommen, dem ersten Menschen, dem er begegnet. „Ich bin absichtlich hierhergekommen, um Ihnen aus dem Weg zu gehen“, sagt der Patient. „Ich bin absichtlich hierhergekommen, um mich um Sie zu kümmern“, sagt der Arzt. Sie reiten weiter und kommen an einen überfluteten Bach. Der Patient überwindet ihn mühelos – der Arzt fällt hinein. Das ganze Feld ist erfüllt von großer Begeisterung für jeden Vorfall und jede Unwahrscheinlichkeit dabei; und der Mann wäre als langweilig angesehen worden, hätte er beim Heimreiten nichts dazu zu sagen gehabt. In unserer Prosa-Literatur hatten wir wunderbare Komiker. Neben Fielding und Goldsmith gibt es noch Miss Austen – deren Emma und Mr. Elton direkt in eine Komödie passen würden, falls die Handlung für sie arrangiert würde.

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Verlassene Romane weisen einige Charaktere sowie Anklänge an geschickte Komik auf. In unserer poetischen Literatur ist die Komik zarter und anmutiger als die italienische und französische. Im Allgemeinen jedoch überzeugen die Engländer in der Satire – sie sind edle Humoristen. Die nationale Neigung geht dazu, mit moralischem Zweck hart zuzuschlagen; oder zu einer rosigen, manchmal auch sentimentalischen Freundlichkeit, die nicht unmännlich ist, wenn sie in Zärtlichkeit übergeht, und die eine besondere Anziehungskraft für Dummheit hat, um diese mit „Eselsohren“ sowie den schönsten „waldlichen Halos“ zu schmücken. Doch der Komische ist ein anderer Geist.
Man kann seine Fähigkeit zur komischen Wahrnehmung dadurch abschätzen, dass man in der Lage ist, das Lächerliche bei denen zu erkennen, die man liebt, ohne sie deshalb weniger zu lieben – und noch mehr dadurch, dass man sich selbst in den Augen der Geliebten etwas lächerlich vorstellen kann und die Korrekturen akzeptiert, die ihr Bild von einem vorschlägt.
Jeder Partner in einer liebevollen Beziehung mag bereit sein, wie man so sagt, für den anderen zu sterben – doch nicht bereit, zum richtigen Zeitpunkt das passende Wort zu sagen. Wenn ihnen jedoch die Geistesgegenwart ausreichen würde, um zu erkennen, dass sie sich in einer komischen Situation befinden – wie es bei streitenden Liebespaaren der Fall ist – würden sie nicht auf den Mond, das Kalenderblatt oder eine Dorine warten, um die Flut der zärtlichen Gefühle zurückzubringen, damit sie Hände und Lippen vereinen können.
Wenn man das Lächerliche erkennt und dadurch die Freundlichkeit abkühlt, gerät man in die Gewalt der Satire.
Wenn man statt mit einer satirischen Waffe auf die lächerliche Person einzuschlagen und sie zum Schreien zu bringen, lieber unter einer Art „Halbkuss“ zuschlägt, sodass sie in ihrem Schmerz zweifelt, ob ihr wirklich etwas wehgetan wurde, dann ist man ein Träger der Ironie.
Wenn man um ihn herum lacht, ihn zu Boden wirft, herumwirbelt, ihm eine Ohrfeige gibt und anschließend eine Träne vergießt, seine Ähnlichkeit mit einem selbst sowie die eigene Ähnlichkeit mit dem Nächsten anerkennt, ihn genauso wenig verschont wie man ihm ausweicht, ihn genauso sehr bemitleidet wie man ihn bloßstellt – dann ist es ein Geist des Humors, der einen antreibt.
Der Komische, also der wahrnehmende Geist, ist der leitende Geist, der diese Kräfte des Lachens weckt und ihnen eine Richtung gibt – doch er darf mit ihnen verwechselt werden: Er umfasst eine feinere Form dieser Kräfte. Im Gegensatz zur Satire dringt er nicht scharf in die empfindlichen Gefühle ein; im Gegensatz zum Humor tröstet er sie nicht und stärkt sie auch nicht, noch weist er ihnen einen weiteren Horizont als diesen hektischen Weltall hin.
Fieldings Jonathan Wild zeigt ein Beispiel für diese besondere Unterscheidung – als jener Mann von außergewöhnlicher Größe auf die Ungerechtigkeit eines Prozesses hinweist.

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in dem die Verurteilung durch zwölf Männer der Gegenseite herbeigeführt wurde; denn es ist weder satirisch noch humorvoll – doch es ist äußerst komisch, zu hören, wie ein schuldiger Schurke protestiert, dass seine eigene „Partei“ eine Stimme im Gesetz haben sollte. Es eröffnet einen Einblick in die Denkweise von Schurken. {9} Und die Komik bleibt bestehen, obwohl man annehmen könnte, Jonathan spiele mit seinem Humor. Vielleicht habe ich das geträumt oder mir das eingebildet – denn wenn ich auf Jonathan Wild zurückgreife, finde ich das nicht.
Wendet man diesen Fall auf den Mann mit tiefer Geistesgegenwart an, der stets davon überzeugt ist, von der Gegenseite verurteilt zu werden, dann wird es nicht mehr komisch, sondern satirisch.
Fieldings Blick auf Richardson ist im Grunde genommen komisch. Seine Methode, den sentimentalen Schriftsteller zu korrigieren, ist eine Mischung aus Komik und Humor. Parson Adams ist ein Produkt des Humors. Doch sowohl die Gestaltung von Alceste und Tartuffe als auch von Celimene und Philaminte sind rein komisch, gerichtet an den Verstand: In ihnen gibt es keinen Humor – sie beleben vielmehr den Verstand, indem sie durch den Kontrast zu der weiseren Welt um sie herum dazu anregen, ihre Komik zu erkennen; das heißt, zur Gesellschaft, oder jener Ansammlung von Geistern, aus der der komische Geist seinen Ursprung hat.
Byron besaß hervorragende Fähigkeiten im Umgang mit Humor – sowie die poetischste Satire, die wir kennen, die sich manchmal mit harter Ironie verbindet. Er hatte keinen starken Sinn für Komik – sonst hätte er keine antisoziale Haltung eingenommen, die dem Komischen direkt entgegengesetzt ist. In seiner Philosophie gilt er nach Ansicht der Philosophen aufgrund dieses Mangels als komische Figur. „Je mehr er philosophiert, desto kindlicher wird er“, sagt Goethe über ihn. Carlyle sieht ihn in diesem komischen Licht und behandelt ihn auf humorvolle Weise.
Der Satiriker ist ein moralischer Akteur – oft ein „sozialer Aasfresser“ – der mit Galle arbeitet.
Der Ironiker ist je nach Laune mal dies, mal jenes. Ironie ist der Humor der Satire: Sie kann wild sein wie bei Swift, mit einem moralischen Ziel, oder ruhig wie bei Gibbon, mit böser Absicht. Die affektierte Ironie, die darauf abzielt, gesehen zu werden, sowie die Ironie, die spöttisch dreinschaut, damit man ihre Absicht nicht missversteht, sind Misserfolge im satirischen Bemühen, die Schätze der Mehrdeutigkeit vorzutäuschen.
Der Humorist von geringer Qualität ist ein erfrischender Lacher – er gibt den Gefühlen einen Ton, lässt die Gefühle manchmal jedoch überhandnehmen.

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Der große Humorist besitzt ein Verständnis für Kontraste, das über das des Komödiendichters hinausgeht. Herz und Verstand lachen über Don Quijote – doch man grübelt weiterhin über ihn nach. Die Gegenüberstellung von Ritter und Knappen ist eine komische Vorstellung; der Widerspruch ihrer Naturen ist äußerst humorvoll. Sie sind so unterschiedlich wie die beiden Hemisphären zur Zeit Kolumbus’ – doch sie berühren sich und werden durch das Lachen miteinander verbunden. Der Ritter mit seinen großen Zielen und ständigen Misserfolgen, seine ritterliche Tapferkeit, die er gegen absurde Gegner einsetzt, sein gesunder Menschenverstand auf dem Weg zu den verrücktesten Unternehmungen – die Mitgefühl, das er aus Spott heraus zeigt, sowie die bewundernswerte Haltung, die er bewahrt, während er sich durch das frenetisch Groteske und Burleske kämpft – all das gehört zu den höchsten Formen des Humors und verbindet das tragische Gefühl mit der komischen Erzählung. Der Stil des großen Humoristen ist weltumfassend – in seinem Lachen spiegeln sich Elemente der Tragödie wider. Wenn wir uns einen lebenden, wenn auch nicht kreativen Humoristen als Leitfaden für unsere Beschreibung nehmen: In unseren Feiertagszeiten hält er den Schädel von Yorick in seinen Händen; er sieht Visionen von primitiven Menschen, die unter prächtigen Zeremoniengewändern lächerlich herumtollen. Unsere Seelen müssen brennen, wenn wir Ernsthaftigkeit zeigen – sonst würden wir seinen schärfsten Nerv berühren. Endliches und Unendliches wechseln bei ihm ab; dadurch erhält er einen zweischneidigen Gedanken, der gelegentlich aus seinen ruhigsten Zeilen hervorkommt – wie das Licht der Wächter am Fenster, das nachts umhergeht. Das Verhalten und die Handlungen der Menschen in der Gesellschaft erscheinen ihm, im Vergleich zu ihrer Sterblichkeit, eher grotesk als respektabel. Doch fragen Sie sich: Kann man immer auf seine Gerechtigkeit zählen? Er wird genauso schnell wie der Adler zum wahren Helden zurückkehren. Doch er wird auch entschlossen gegen den Mann vorgehen, den er selbst ausgewählt hat – einen Mann, den wir nicht als wahren Helden erkennen können. Diese enorme Kraft, die aus der Vereinigung von Gefühlen und Intellekt entsteht, mangelt oft an Proportion und Diskretion. Humoristen, die sich mit Geschichte oder Gesellschaft beschäftigen, neigen zu Launenhaftigkeit. Wie im Fall von Sterne neigen sie auch zu Sentimentalität – bei ihnen stehen nämlich die Gefühle im Vordergrund, genau wie bei Sängern. Die Komödie hingegen ist eine Interpretation des allgemeinen Geistes – deshalb muss sie notwendigerweise in Schranken gehalten werden. Die Franzosen legten großen Wert auf Maß und Geschmack; sie wissen, wie viel sie Molière zu verdanken haben, der sie in einfacher Gerechtigkeit und gutem Geschmack geführt hat. Wir können ihnen vieles beibringen – sie können uns in dieser Hinsicht etwas beibringen.

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Der komische Dichter befindet sich im engen Bereich – oder in dem abgeschlossenen „Quadrat“ – der Gesellschaft, die er darstellt; er wendet sich an den noch engeren Bereich der menschlichen Intelligenz und bezieht sich dabei auf den Einfluss der gesellschaftlichen Welt auf deren Charaktere. Ihn interessieren weder Anfänge noch Enden noch die Umgebung, sondern vielmehr das, was gerade jetzt entsteht. Um sein Werk zu verstehen und zu schätzen, muss man ein nüchternes Urteil über seine Art sowie eine nüchterne Einschätzung unserer zivilisierten Eigenschaften haben. Das Ziel und die Aufgabe des komischen Dichters werden missverstanden – seine Absichten werden nicht erkannt, ebenso wenig wie seine Sichtweise –, wenn er der Schande für unsere Natur bezichtigt wird, feindselig gegenüber Gefühlen sei, Neid hervorrufe und das Lachen ungerecht nutze. Diejenigen, die Ironie in der Komödie erkennen, tun dies, weil sie sie auch im Leben sehen wollen. Armut, so sagt der Satiriker, hat an sich nichts Schwierigeres, als dass sie Menschen lächerlich macht. Doch Armut ist aus komischer Sicht nur dann lächerlich, wenn sie versucht, ihre Armseligkeit mit nutzlosen Versuchen, anständig zu wirken, oder dumm durch Prunk zu verbergen. Caleb Balderstone, der versucht, den Ehrenstatus eines adligen Haushalts trotz Armut aufrechtzuerhalten, ist eine äußerst komische Figur. Im Fall der „armen Verwandten“ hingegen sind es die Reichen, die sie verwirren – diese sind eigentlich die Komischen; über die Ersteren zu lachen, ohne die Komik der Letzteren zu erkennen, bedeutet eine trübe Sichtweise. Humoristen und Satiriker jagen oft gemeinsam als Ironiker dem Grotesken nach – mit Ausnahme des Komischen. Es war ein bewegender Moment in der Geschichte des Prinzenregenten, als der „erste Gentleman Europas“ wegen einer sarkastischen Bemerkung von Beau Brummell über den Schnitt seines Mantels in Tränen ausbrach. Humor, Satire und Ironie greifen alles gemeinsam als ihr gemeinsames Opfer an. Der komische Geist betrachtet es zwar, berührt es aber nicht. Wenn er in die Tat umgesetzt würde, wäre das lächerlich – er ist zu grob für die Komödie. Vorfälle, die unsere unglückliche Natur statt unseres konventionellen Lebens verspotten, hervorrufen spöttisches Gelächter, das die komische Idee vereitelt. Doch Spott wird durch das Spiel des Intellekts vereitelt. Die meisten Zweifelhaften in einem Streit lassen sich komisch interpretieren – und jede intellektuelle Argumentation bezüglich eines zweifelhaften Falls enthält Keime einer komischen Idee. Das Lachen der Satire ist ein Schlag in den Rücken oder ins Gesicht. Das Lachen der Komödie ist unpersönlich und von unübertroffener Höflichkeit – es gleicht eher einem Lächeln; oft ist es nicht mehr als ein Lächeln. Es lacht durch den Verstand, denn der Verstand lenkt es – und man könnte es den Humor des Verstands nennen. Ein hervorragender Test für die Zivilisation eines Landes, wie ich bereits sagte, ist das Gedeihen der komischen Idee und der Komödie – und das ist auch der Test für wahre Zivilisation.

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Komödie besteht darin, nachdenkliches Lachen hervorzurufen.
Wenn Sie glauben, dass unsere Zivilisation auf gesundem Menschenverstand beruht – und das ist die erste Voraussetzung für Vernunft –, dann werden Sie, wenn Sie die Menschen betrachten, einen Geist über ihnen wahrnehmen: nicht himmlischer als das Licht, das von glatten Oberflächen aufsteigt, doch leuchtend und wachsam; er dringt nie jenseits davon vor, bleibt auch nicht zurück; er ist den Menschen so eng verbunden, dass man ihn für einen mechanischen Reflex halten könnte, bis seine Eigenschaften untersucht werden. Er hat die Stirn eines Weisen, und in den Ecken der halb geschlossenen Lippen lauert die sonnige Bosheit eines Fauns – in einer Art gelangweilter Wachsamkeit. Dieses schlanke, lächelnde Gesicht, geformt wie ein Bogen, war einst das laute Lachen eines großen, runden Satyrs – ein Lachen, das die Augenbrauen in die Höhe schnellen ließ, wie eine Festung, die durch Schießpulver in die Luft gehoben wird. Das Lachen wird wiederkehren – doch es wird eher dem Lächeln ähneln: fein abgestimmt, zeigend das „Sonnenlicht des Geistes“, geistige Reichhaltigkeit statt lärmender Großspurigkeit. Sein typisches Merkmal ist eine gelassene Beobachtung – als würde er ein weites Feld überblicken und Zeit haben, sich auf die ausgewählten Details zu konzentrieren, ohne übermäßige Eile. Die Zukunft der Menschen auf der Erde zieht ihn nicht an – ihre Ehrlichkeit und Anmut im gegenwärtigen Moment schon. Immer dann, wenn sie übertrieben, affektiert, prätentiös, bombastisch, heuchlerisch, pedantisch oder phantastisch zart werden; immer dann, wenn er sieht, wie sie sich selbst täuschen oder hereinlegen lassen, wie sie in Aberglauben versinken, sich in Unsinnigkeiten verlieren, kurzsichtig planen oder verrückt intrigieren; immer dann, wenn sie im Widerspruch zu ihren eigenen Prinzipien stehen und die ungeschriebenen, aber spürbaren Gesetze missachten, die sie miteinander verbinden – immer dann, wenn sie gesunden Verstand und gerechte Gerechtigkeit beleidigen, individuell oder kollektiv von Eitelkeit beherrscht werden –, dann wird der Geist über ihnen mit menschlicher Bosheit blicken und ein schräges Licht auf sie werfen, begleitet von Salven silbernen Lachens. Das ist der komische Geist.
Ihn nicht zu erkennen bedeutet, blind für das Spirituelle zu sein – und die Existenz des menschlichen Geistes zu leugnen, wo doch menschliche Geister miteinander in Zusammenwirkung stehen.
Sie müssen, wie ich bereits sagte, glauben, dass unser gesellschaftlicher Zustand auf gesundem Menschenverstand beruht – sonst werden Sie von den Kontrasten, die der komische Geist wahrnimmt, nicht beeindruckt, und Sie werden auch keine Trost in ihm finden. Tatsächlich werden Sie in diesem besonderen, schrägen Lichtstrahl stehen – für alle sichtbar als das eigentliche Ziel dieser „Dingheit“, die Ihnen verborgen bleibt. Doch seine Präsenz zu spüren und ihn zu sehen, das ist Ihre Gewissheit…

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Viele vernünftige und solide Geister stehen dir bei dem, was du erlebst – und das erspart dir bereits den Schmerz satirischer Heftigkeit sowie den brennenden Wunsch, schwere Schläge auszuteilen. Du teilst die Erhabenheit des Zorns, der die Dummen nicht verletzt hätte, sondern lediglich ihre Dummheit aufzeigen würde. Molière begnügte sich damit, sich an den Kritikern der École des Femmes zu rächen, indem er die Critique de l’École des Femmes schrieb – eines der weisesten sowie zugleich verspieltesten Werke der Kritik. Das Verständnis für den komischen Geist schafft eine hohe Gemeinschaft. Du wirst zum Bürger dieser ausgewählten Welt, der höchsten Welt, die wir im Zusammenhang mit unserer irdischen Welt kennen – einer Welt, die nicht überirdisch ist. Sucht dort eure unangreifbare Oberschicht! Ihr spürt, dass ihr zu dieser zivilisierten Gemeinschaft gehört, dass ihr ihr nicht entkommen könnt – und es auch nicht würdet, könntet ihr es. Gute Hoffnung stärkt euch; Müdigkeit überwältigt euch nicht; in der Isolation seht ihr keine Reize für Eitelkeit; persönlicher Stolz wird stark gemildert. Auch euer Bürgerrecht wird euch nicht von Welten der Vorstellungskraft oder der Hingabe ausschließen. Der komische Geist ist nicht feindlich gegenüber dem süßesten, singend-poetischen Ausdruck. Chaucer sprudelt davon; Shakespeare überfließt davon – in Comus gibt es einen milden Mondstrahl davon (blass durch Überrefinierung durch die Entfernung von unserem irdischen Planeten). Pope besitzt ihn, und er ist die helle Seite der Nacht, die Cowper nur halb verdunkelt. Er ist nur feindlich gegenüber dem priesterlichen Element, wenn dieses durch schädliches Aufblähen die Grenzen seiner Aufgabe überschreitet – dann, in extremen Fällen, ist es zu ehrlich zu sich selbst, um zu sprechen, und verhüllt die Lampe: wie zum Beispiel bei dem Anblick von Bossuet über dem Leichnam von Molière – bei dem die dunklen Engel lachen mögen, aber die Menschen nicht. Wir hatten komische Kanzeln als Zeichen dafür, dass das Lachhafte und das Ehrwürdige verbunden sein können: Ich weiß nicht, inwieweit dies komisch ist – oder wie sehr es durch Unerwartetheit und Erleichterung seines Erscheinens so wirkt – jedenfalls sind sie beliebt, man sagt, sie gewinnen die Zuhörer. Das Lachen ist wie alle guten Dinge der Verderbnis ausgesetzt; die verächtlichen und brutalen Arten sind uns nicht unbekannt – doch das Lachen, das vom komischen Geist geleitet wird, ist ein harmloses Getränk, das insofern zur Nüchternheit führt, als es belebt. Es dringt in euch ein wie frische Luft in ein Studierzimmer – wie wenn plötzlich ein Kontrast des komischen Gedankens das Gehirn wie beruhigendes Tageslicht flutet. Ihr erkennt die wahre Art davon daran, dass ihr sie aufnehmt, genießt und habt, was Blumen zum Leben brauchen – natürliche Luft als Nahrung. Was ihr aussendet – das fröhliche Gelächter – ist nicht der beste Teil; lasst das der guten Gemeinschaft und dem Nutzen für die Lungen dienen. Aristophanes verspricht seinen Zuhörern, dass, wenn sie die Ideen des komischen Dichters sorgfältig bewahren, so wie man getrocknete Früchte in Kisten aufbewahrt,

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Die Kleidung soll das ganze Jahr über nach Weisheit duften. Der Stolz wird nicht als leer angesehen von denen, die gute Freunde haben, die sich gemäß seinen Anweisungen ausgestattet haben. Solche Schätze des strahlenden Lachens sind Quellen in unserer Wüste. Empfindlichkeit für das komische Lachen ist ein Schritt in Richtung Zivilisation. Davor zurückzuweichen, zum Gegenstand desselben zu werden, ist ein Schritt rückwärts. Wir erkennen den Grad der Verfeinerung bei Menschen an dem, worüber sie lachen, und am Klang ihres Lachens; doch wir wissen auch, dass die größeren Persönlichkeiten durch ihre große Fähigkeit zum Lachen hervorstechen. Jeder, der Molière wirklich liebt, wird durch diese Liebe nicht dazu neigen, Aristophanes zu verachten oder ihm gegenüber gleichgültig zu sein – obwohl der Liebhaber von Aristophanes vielleicht noch nicht die Höhe von Molière erreicht hat. Umarmt beide, dann habt ihr das ganze Spektrum des Lachens in eurem Herzen. Nichts auf der Welt übertrifft in seiner heiteren Komik die Szene in „Die Frösche“, in der Bacchus und Xanthias von dem ernsten Aeakus ausgepeitscht werden, um herauszufinden, wer der wahre Gott der beiden ist – indem er unempfindlich gegenüber dem irdischen Schmerz bleibt. Jeder von ihnen tut so, als würde sein schreckliches Brüllen nur ein Niesen unterdrücken, die Annäherung eines Reiters oder den Auftakt zu einem Gebet an eine Gottheit bedeuten – und der Sklave sorgt dafür, dass der „Gott“ den größten Teil der Schläge erhält. Auszüge aus Rabelais, ein oder zwei aus „Don Quijote“ sowie „Das Abendmahl nach alter Art“ in „Peregrine Pickle“ weisen eine ähnliche Fülle an Humor auf. Doch dieser Humor ist nicht aufschlussreich – es ist nicht das Lachen des Geistes. Molières Lachen in seinen reinsten Komödien ist ätherisch, wie Licht für unsere Natur, wie Farbe für unsere Gedanken. In „Der Misantrop“ und „Tartuffe“ gibt es kein hörbares Lachen; doch die Charaktere sind vom komischen Geist durchdrungen. Sie beleben den Geist durch das Lachen, das aus dem Geist selbst kommt – und der Geist akzeptiert sie, weil sie klare Interpretationen bestimmter Kapitel des vor uns allen liegenden „Buchs“ sind. Zwischen diesen beiden stehen Shakespeare und Cervantes – mit einem reichhaltigeren Lachen des Herzens und des Geistes in einer Person; mit viel von Aristophanes’ Robustheit und etwas von Molières Delikatesse. Das Lachen in Kreisen, die nicht vom komischen Geist durchdrungen sind, klingt hart und seelenlos – wie versifizierte Prosa –, wenn man mit einem Bewusstsein für diesen Unterschied dorthin tritt. Man wird den Eindruck haben, man habe seinen Wohnort auf einen Planeten verlegt, der weiter vom Sonnen entfernt ist. Man mag sich auch unter klugen Menschen befinden – doch man wird keine Dichter finden – außer vielleicht einen, der übermäßig verehrt wird. Zweifellos werden dort gebildete Männer, Professoren, angebliche Philosophen sowie berühmte Amateure zu finden sein. In ihnen steckt vielleicht jedes Element, aus dem Licht besteht – außer…

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Komik. Sie lesen Verse, sie diskutieren über Kunst – doch ihre hervorragenden Fähigkeiten stehen nicht unter der wachsamen, geistigen und ständigen Aufsicht, die wir bereits erwähnt haben. Sie bauen einen Tempel der Arroganz; sie sprechen oft in der Stimme von Orakeln; ihre Heiterkeit, falls sie nicht in Grobheit umschlägt, ist meist eine Form von Kampflust. Die Unzulänglichkeit des Blicks nach außen hat sie beraubt des Auges, das nach innen blicken sollte. Sie haben sich niemals im feinen Gleichgewicht der komischen Idee abgewogen, um so einen Eindruck von den Rechten und Pflichten der Welt zu gewinnen; deshalb haben sie eine reizbare Persönlichkeit. Ein sehr gelehrter englischer Professor zerstörte in einer politischen Diskussion ein Argument, indem er seinen Gegner wütend fragte: „Sind Sie sich bewusst, Herr, dass ich Philologe bin?“ Die Praxis der höflichen Gesellschaft kann dabei helfen, sie zu bilden – der Professor, der auf einem Sofa sitzt, mit schönen Damen zu beiden Seiten, kann unbewusst ihr Schüler und Gelehrter in Umgangsformen werden; zumindest bietet er der Komischen Muse ein angenehmes Schauspiel. Doch die sogenannte höfliche Gesellschaft ist in ihren Bewunderungen launisch – morgen wird sie vielleicht einen bronzefarbenen Soldaten, einen schwarzen Afrikaner, einen Prinzen oder einen Spiritualisten verehren; Ideen können in ihrem ständig wechselnden Boden keine Wurzeln schlagen. Zudem neigt sie zur Selbstverteidigung dazu, ausschließlich über die Angelegenheiten ihrer schnell sich wandelnden Welt zu schwatzen – genauso wie Kinder auf einer Karussellfahrt ihre Aufmerksamkeit auf das Holzpferd oder die Wiege vor ihnen richten, um Schwindelgefühle zu vermeiden und ein Gefühl der Identität zu bewahren. Der Professor kommt besser ohne einen Kreis aus, der oft verwirrt durch Überhöhung, manchmal ärgert durch Verlassenheit und immer wieder verwirrt. Eine Schule, die sanft lehrt, welche Gefahren bestehen, damit ein kultivierter Verstand nicht doch zum Tollkopf wird, sowie die Kollisionen, denen hochfliegende Geister begegnen können – egal ob leer oder voll –, ist zu empfehlen statt der Welt des ununterbrochenen Wandels, die ihnen Material liefert. Länder, in denen der komische Geist kaum spürbar ist, sind voller roher Materie. Der Reisende, der an glatte Straßen und Menschen ohne Dornen und Stacheln gewöhnt ist, ist erstaunt, inmitten all dessen, was schön und liebenswert ist, auf solche seltsame Barbarei zu stoßen. Ein Engländer besuchte aus Bewunderung einen Professor im Land der Kultur und wurde von ihm einem anderen bedeutenden Professor vorgestellt; er freundete sich so sehr mit ihm an, dass er eines Nachmittags allein mit ihm spazieren ging. Der erste Professor war ein Gelehrter, der durchaus dem Respekt würdig war, der die Besuchsabsicht ausgelöst hatte.

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Er verhielt sich – abgesehen vom Dolch – mit der rachsüchtigen Eifersucht einer verletzten spanischen Schönheit. Nach einem kurzen Vorspiel aus Düsternis und unklaren Explosionen schleuderte er gegen seinen ungetreuen Bewunderer die Pfeile der leidenschaftlichen Logik, die den Ohren der flatterhaften Caballeros vertraut sind: „Entweder bin ich ein würdiger Gegenstand Ihrer Bewunderung – oder nicht. In diesen Dingen kann entweder Sie urteilen, dann bin ich von Ihnen verurteilt; oder Sie sind unfähig und daher unverschämt – dann können Sie zurück in Ihr Land gehen, Heuchler!“ Der Bewunderer versuchte, den verletzten Gelehrten davon zu überzeugen, dass es uns möglich ist, gleichzeitig zwei Professoren zu bewundern. Er wurde hinausgeworfen.

Vielleicht hätte das in jedem Land geschehen können – und eine Komödie über den Pedanten, der die gierige Menschlichkeit im staubigen Gelehrten entdeckt, würde niemandem etwas Besonderes vermitteln. Ich erinnere mich daran, dass es in Deutschland geschah – die Deutschen haben schließlich keine komischen Übungen durchlaufen, die sie vor der listigen, weisen Macht warnen könnten, die von oben auf sie herabblickt; auch keine satirischen Übungen. Heinrich Heine allein reichte nicht aus, um sie zum Nachdenken anzuregen. Sowohl national als auch individuell neigen sie, wenn sie aufgeregt sind, zum Grotesken – wie zum Beispiel, wenn sie sich weigern, Beweise anzuhören, und wegen der Verurteilung eines Menschen deutscher Abstammung in einem fremden Land einen nationalen Aufruhr veranstalten. Sie sind scharfsinnige Kritiker – doch im Streit benutzen sie immer noch Schlagstöcke. Vergleichen Sie sie in dieser Hinsicht mit Menschen, die von La Bruyère, La Fontaine, Molière unterrichtet wurden – mit Menschen, denen Trissotin und Vadius als komische Warnung vor den persönlichen Eitelkeiten der gepriesenen Professoren dienen. Es geht dabei um mehr als nur um einen Unterschied der Rasse – es handelt sich um einen Unterschied der Traditionen, des Temperaments und des Stils, der aus der Erziehung resultiert.

Der französische Streitbarde ist ein geschickter Schwertkämpfer, dessen Anmut und Höflichkeit furchterregend sind. Der Deutsche hingegen ist Orson – oder die Menge, oder eine marschierende Armee – zur Verteidigung eines guten oder schlechten Anliegens, egal ob groß oder klein. Seine Ironie ist eine Waffe von enormer Wirkungskraft; Sarkasmus sprüht er aus wie einen Feuerstrahl aus dem Maul eines Drachen. Er muss und wird ein Titan sein. Er tritt seinen Gegner nieder und wundert sich, dass dieses Wesen nicht tot, sondern weiterhin stechend ist – denn tatsächlich kämpft der Titan im Vergleich mit einem Gott.

Wenn die Deutschen sich auf die Arme stützen und über die elsässische Grenze blicken, auf die Menschenmengen der Franzosen, die im Théâtre Français Beifall für „L’ami Fritz“ spenden, und über den Sinn dieses Beifalls nachdenken…

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Grimmig komisch ist ihre politische Reaktion auf die in dem Stück dargestellte Moral – wenn die Deutschen zusehen und schweigen, spricht ihre Charakterstärke für sich. Sie sind Könige in der Musik, man könnte sagen Prinzen in der Poesie, gute Spekulanten in der Philosophie sowie unsere Führer im akademischen Bereich. Dass eine so begabte Rasse, die außerdem über den nüchternen gesunden Verstand verfügt, der das Lachen sammelt, um daraus Quellen zu schaffen, im Nachteil erscheint, halte ich für einen lehrreichen Beweis dafür, dass eine Disziplin des komischen Geistes für ihr Wachstum notwendig ist. Wir sehen, was sie in jener großen Gestalt des modernen Mannes, Goethe, erreichen können. Es handelt sich dabei um ein Volk, das weiterwächst; sie sind auch gesprächig. Und wenn ihre Männer, wie in Frankreich oder gelegentlich an den Teetischen in Berlin, bereit sind, auf Augenhöhe mit ihren Frauen zu sprechen und ihnen zuzuhören, wird ihr Wachstum beschleunigt und geformter werden. Die Komödie, oder der komische Geist in irgendeiner Form, wird ihnen dann helfen, aus dem Rohstoff Formen zu schaffen, ihnen den Spiegel vorzuhalten sowie die soziale Intelligenz zu beleben und zu erweitern.

Die moderne französische Komödie ist wegen der Direktheit ihrer Darstellung des wirklichen Lebens lobenswert – soweit dieses, was nur der erste Schritt einer solchen Kunstform ist, bei der Gestaltung des Bildes hilfreich sein kann. Eine Folge dieses rohen, wenn auch gut gemeinten Realismus ist der Zusammenstoß der Autoren in ihren Szenen und Handlungen sowie in ihren Charakteren. Die Muse der meisten von ihnen ist eine Abenteurerin. Sie ist klug, und es gibt gewisse Unterhaltungswerte darin, gemeinsam Pläne zu schmieden, um sie zu täuschen. Das Ziel dieser Person ist es, in die anständige Welt zurückzukehren; entweder gelingt es ihr durch Täuschung, doch dann entwickelt sie eine Sehnsucht nach dem „Schmutz“, die sie letztendlich wieder dorthin zurückführt, oder sie wird auf dem Weg zur Erfüllung ihres Ziels entlarvt. Ein sehr guter, unschuldiger junger Mann wird ihr Opfer – oder ein sehr listiger, aber gutmütiger junger Mann versperrt ihr den Weg. Letzterer kann zum Verteidiger der anständigen Welt werden, weil er das Unanständige gut kennt. Er hat dazu beigetragen, dass die Abenteurerinnen abrutschten; er wird ihnen nicht dabei helfen, wieder aufzusteigen. Die Welt steht auf seiner Seite – und es handelt sich sicherlich nicht um einen besonders großen Aufstieg, nach dem sie streben. Doch welche Art von Figur ist er? Der Triumph des aufrichtigen Realismus besteht darin, ihm keinen Helden zu zeigen. Man soll ihn bewundern – denn man muss annehmen, dass der Realismus eine gewisse Bewunderung hervorrufen will – als einen glaubwürdig lebenden jungen Mann; nicht besser als die anderen, nur etwas entschlossener und klüger. Wenn man jedoch nach dem Fall der Vorhänge darüber nachdenkt, könnte man meinen, dass die Abenteurerinnen Gründe haben, gegen ihn vorzugehen. Das stimmt – und der Autor hat nichts Gegenteiliges gesagt; er hat lediglich aus dem Leben gemalt und sein Publikum den Reflexionen unphilosophischer Geister überlassen.

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Das Leben – wie es im hellen, engen Kreis eines Vergrößerungsglases dargestellt wird. Ich weiß nicht, ob die Fliege in Bernstein irgendeinen besonderen Nutzen hat, doch die komische Idee, die in einer Komödie enthalten ist, macht sie allgemeiner zugänglich und „tragbar“ – und das ist ein Vorteil. Es ist für die Menschen vorteilhaft, die Lektionen der Komödie in Versammlungen zu lernen, denn sie beleben den Verstand; für Schriftsteller ist es ebenfalls vorteilhaft, denn sie müssen einen klaren Plan haben – und selbst wenn sie keine Idee zum Vorstellen haben, müssen sie beweisen, dass sie das Publikum dazu bringen konnten, ihnen zuzuhören, bevor die Aufführung stattfindet. Das Schreiben für die Bühne könnte außerdem eine Korrektur gegen einen zu steifen, akademischen Stil sein, in den manchmal auch große Künstler verfallen. Es zwingt kleinere Schriftsteller, sich an einen bestimmten Plan sowie an die englische Sprache zu halten. Viele von ihnen füllen heute den Markt mit Romanen, Wortspielen und Artikeln – sie gehören zu jenen, die dem Publikum etwas Unwertiges aufzwingen. Mit Ermutigung könnten sie sich stattdessen der Kunst in der Literatur widmen. Unsere Kritiker scheinen von der Seltsamkeit unseres Publikums fasziniert zu sein – so wie die Welt dann aussieht, wenn unser „Tiergarten“ neue Tiere erhält, deren Appetite mit Ehrfurcht berücksichtigt werden. Sie verlangen nach der Popularität eines Schriftstellers, bevor sie mehr tun, als nur seine Misserfolge oder Erfolge festzuhalten. Nun, das Schwein liefert zwar das beliebteste Fleisch, gilt aber nicht als das ehrenvollste Tier – außer vielleicht in den Augen des Landbewohners. Unser Publikum könnte sicherlich dazu gebracht werden, andere, vielleicht feinere Fleischsorten auszuprobieren. Es hat guten Geschmack beim Singen – und dieser könnte, insgesamt gesehen, genauso gefördert werden. Je eher die Ansichten des Landbewohners bezüglich des Genusses aufhören, die bescheidenen Ansichten unserer Literaturkritiker zu sein, desto eher kann diese Fähigkeit zur feinen Auswahl in Richtung dessen entwickelt werden, was zum Lachen anregt.

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Fußnoten:
{1} Vortrag, gehalten am London Institution am 1. Februar 1877.

{2} Der Realismus in der Darstellung erreicht in „THE OLD BACHELOR“ ein solches Maß, dass Ehemann und Ehefrau einander mit törichten, ehelichen Spitznamen bezeichnen.

{3} Tallemant des Reaux zeigt in seinem groben Porträt des Herzogs die Grundlagen des Charakters von Alceste.

{4} Zu Fieldings Ansichten über unsere Komödie siehe „Tom Jones“, Buch VIII, Kapitel I. Er drückt sie jedoch einfach aus – nicht als Beispiel für eine quasi-philosophische Darstellung.

{5} „Femmes Savantes“:
BELISE: Willst du dein ganzes Leben lang die Grammatik beleidigen?
MARTINE: Wer spricht davon, Oma oder Opa zu beleidigen?
Der Wortwitz wird in aller Aufrichtigkeit von einem Landbewohner ausgesprochen.

{6} Maskwell scheint nach dem Vorbild von Iago geschaffen worden zu sein – von der Hand eines ehrgeizigen Jungen. Er wendet sich immer wieder an seine „Erfindung“: „Danke, meine Erfindung.“ Wenn er auf eine Erfindung stößt, sagt er: „War es mein Gehirn oder das Schicksal? Egal.“ Es ist egal – aber es war nicht sein Gehirn.

{7} „Imaginary Conversations“: Alfieri und der Jude Salomon.

{8} Terenz gefiel den rauen, konservativen Römern nicht; sie bevorzugten Plautus. Die wiederholten Erwähnungen des „vetus poeta“ in seinen Prologen, der ihn mit seiner kritischen Haltung gegenüber seinen Werken belästigte, haben letztendlich einen komischen Effekt auf den Leser.

{9} Der Ausruf von Lady Booby, als Joseph sich verteidigt: „Ihre Tugend! Ich werde das niemals überleben!“ usw., ist ein weiteres Beispiel – aus „Joseph Andrews“. Ebenso der Ausruf von Miss Mathews in ihrer Erzählung an Booth: „Aber so sind eben die Freundschaften der Frauen.“ – „Amelia“.

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ETEXT EDITORS BUCHMARKIERUNGEN FÜR DIE KURZGESCHICHTEN VON MEREDITH:

Ein weiser Mann verschwendet sein Lachen nicht, wenn er es vermeiden kann.
Eine Frau wird verletzt, wenn man ihr seine Pläne nicht anvertraut.
Ein großzügiger Feind ist ein Freund auf der falschen Seite.
Ein sehr zweifelhafter Vorteil.
Eine große Rede kann beruhigend wirken.
Ein männlicher Anhänger steht kurz vor einem Wunder.
„Über der Natur – sage ich ihm – oder wir werden weit darunter sein.“
Ein Gegner, der zugleich angriffslustig und hilflos ist, provoziert Brutalität.
Alle, die am Tisch sitzen, sind Freunde.
Jede Schmeichelei geht auf Kosten eines anderen.
Die Amerikaner erinnern sich nachsichtig – ohne etwas zu erwähnen.
Wie es ihnen entspricht, schauen sie nicht in die Zukunft.
Wie in jeder großen Rede! Der Schlüssel dazu ist das Pathos.
Vom Altar zurückkehren und feststellen, dass sie sich selbst gefesselt hat.
Sei das, was du zu sein scheinst, mein Kleines.
Sei philosophisch – aber akzeptiere deine persönlichen Pflichten.
Das Bett war ein Fels der Zuflucht und eine starke Verteidigung.
Aber das überlasse ich dir.
Man kann einer Frau jeden Alter zutrauen, solange ihre Wangen gerötet sind.
Das führt dazu, dass er öffentlich bewertet wird.
Anschuldigungen des Zynismus sind gegen alle Satiriker üblich.
Eine höfliche Sprache und rosige Lächeln machen sogar sauren Wein süß.
Cupido ohne Flügel ist ein zerstörerischer Parasit.
Gefährliche Dinge werden nach dem dritten Glas ausgesprochen.
Er zeichnet sich dadurch aus, dass er sich nicht provozieren lässt.
Vertraut uns nicht – das ist eine Kriegserklärung.
Exzentrisches Verhalten in Kleinigkeiten.
Überall ist das Zeichen der Unterwerfung ein schwacher Magen.
Ein Übermaß an Tugend gilt in der Moral als schweres Verbrechen.
Aufgeregt – froh über eine Katastrophe, wenn sie nur die Monotonie beendet.
Ein Gesicht, das ständig nach Zitrone riecht.
Der Vierte der Georges.
Im Allgemeinen bemerkte er nichts.
Ein Gentleman in gutem Zustand.
Gute Witze sind nicht immer eine gute Politik.
Dankbarkeit war nie eine Eigenschaft von Frauen.
Glück in der Liebe ist ein Zusammenspiel aus Ekstase und Unterwerfung.
Hier und da gab es eine einfache, gute Seele, zu der er Zuneigung hatte.
Seine Vorstellung von Ehe ist die Inhaftierung der Frau.
Heilige Bilder sowie andere wundersame Gegenstände werden verkauft.
Ich, der ich den Zustand der Ehe respektiere, indem ich ablehne…
Ich mache es mir zur Regel, mein eigenes Haus niemals zu empfehlen.
Ich mag ihn – natürlich mag ich ihn – aber ich möchte atmen.
Ich bin ein dissonantes Instrument; ich schwinge nicht leicht.
Wenn ich nicht über Bezahlung spreche…
Ich erteile meinem eigenen Verstand die üblichen „Ja“-Antworten.
In jeder Schwierigkeit ist Geduld ein Lebensretter.
Sie genießen das Privileg, zu denken, was sie wollen.
Man sagt, Babys hätten ihre eigenen Ideen – warum dann nicht auch junge Damen?

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Intellektueller Spott über leicht zu täuschende Menschen
Man sollte Unentschlossenheit nutzen, um ihre Skrupel zu überwinden
Ist ein Monat des Glücks nicht schon genug, was wir uns wünschen können?
Es war schwierig, in der Nähe zu sein, ohne wirklich nahe zu sein
Es ist gut, Umgangsformen zu lernen – ohne dass sie einem aufgezwungen werden
Ich wusste, dass mein Freund zu den nachlässigsten Männern gehörte
Geben Sie ihm Ihre eigene Großzügigkeit
Liebe und Krieg werden miteinander verglichen – beides erfordert Strategie
In diesem Land zu lieben: Alle werden sofort verrückt
Männer mögen es, mit Dingen anzugeben, die niemand sonst gesehen hat
Männer, die übermäßig in ihre eigenen Schöpfungen verliebt sind
Bescheidene Menschen werden am leichtesten berauscht, wenn sie von Eitelkeit trinken
Der Satiriker muss ein Moralist sein, wenn die Satire wirken soll
Die Natur braucht nicht unbedingt immer laut zu sein
Schelmisch-australisch und „känguruhhaft“
Verlassen Sie sich niemals auf Frauen, wenn es um weise Handlungen geht
Keine Schmeicheleien für mich auf Kosten meiner Schwestern
Keine Seite in seinen Büchern zeigt Bosheit oder Spott
Nicht in Liebe – sie war nur nicht abgeneigt, sich zu verlieben
Sie werden nichts Erwünschtes haben, was nicht begehrt wird
Nur beschrieben werden kann man es in der Sprache der Auktionateure
Frieden, ich bitte darum, für die vom Ehemann geplagte Frau
In einer bestimmten Lebensphase wird ein Mann zu übermäßig konstant
Kleine Zugeständnisse sind Zeichen von Schwäche gegenüber den Unzufriedenen
Jämmerliche Arroganz bei Männern
Primitives Verlangen nach Lärm
Entzücken über die Gleichgültigkeit
Sie freuen sich über ihre gemeinsame Übereinstimmung
Er respektierte das Gemüse noch mehr als die Blumen
Reiche und Arme – das ist in Ordnung, wenn ich reich und du arm bist
Selbstverherrlichung, die oft Selbstzweifel bedeutet
Sie scheint ehrlich zu sein – und das ist das Beste, was man von Mädchen erwarten kann
Sie versuchte, durch gründliches Nachdenken, es besser zu verstehen
Vielleicht wird sie gut, wenn man sie eine Weile gut bewacht
Sie begann zu spüren, dass dies das wahre Leben war
Sie handelte mit den Verbindungen zwischen Ideen
Ein Zeichen dafür, dass das Böse von leichten Stichen zu ernsthaften Problemen wurde
So werden große Taten beurteilt, wenn die Gefahr vorbei ist (so einfach)
Sanfter Schlaf einer Kraft, die noch nie geweckt wurde
Sparen Sie mir dieses Wort „weiblich“, solange Sie leben
Ein Staatsmann, der sich herabließ, die Wirklichkeit durch Fiktion zu besiegen
Er sonnte sich im Glas der Neid
Er verdächtigte alle jungen Männer und die meisten jungen Frauen
Misstrauen war ihr bester Zeuge
Süßer Schatz – davor schläft ein Drache
Wenn man ihr etwas sagt, macht sie ein Gesicht voller Erwartung
Das, was gute Kochkunst dazu beiträgt, Paare zusammenzuhalten
Das Komplexe – das sie für das Unendliche hält
Die gesellschaftliche Welt, die er betrachtete, zeigte ihm keine Helden
Die Alternative: Strumpfband und Bettpfosten
Die daraus resultierende Erschöpfung nannten wir Ruhe
Die Milde einer sicheren Diktatur
Ihr Idol lag vor ihnen auf dem Boden
Sie vermissen ihre Freude dabei, danach zu streben
Diese Manie der Jugendlichen nach Vergnügen, ewigem Vergnügen
Es warf ihn von Abneigung zu Unglauben und wieder zurück
Zwei Hauptwege, auf denen arme Sünder zur Gewissenhaftigkeit kommen
Ausdrücke von Großzügigkeit und Patriotismus reichen nicht aus
Wir gewöhnten uns an Perioden der irischen Krankheit
Wir mögen es, wenn wir gute Arbeit geleistet haben

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Wir vertrauen ihnen – oder wir zerschmettern sie.
Schwache Menschen, die leicht besiegt werden und niemals überwunden werden können.
Ein schwacher Magen ist sicherlich „moralisch“ tugendhafter als ein voller Magen.
Würde ich gefesselt sein, würde ich um der Freiheit willen meine eigene Freiheit verkaufen.
Wenn wir sehen, wie unsere Kriegsveteranen ins Straucheln geraten…
Wenn du mit ihr gelacht hast, kannst du über sie lachen.
Was überall siegt, bringt immer wieder ein Spiegelbild seiner eigenen Güte hervor.
Intelligenz – die in der Regel weniger produktiv ist als Land.
Die Frau, die von ihrem Ideal zur groben Realität des Mannes herabsteigt.
Deine Hingabe verlangt nach einem enormen Gegengift.

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*** ENDE DES VOLLSTÄNDIGEN PROJECT GUTENBERG-E-BOOKS ***
KURZE WERKE VON GEORGE MEREDITH ***

Aktualisierte Ausgaben ersetzen die vorherigen – die alten Ausgaben werden umbenannt.

Durch die Erstellung der Werke aus gedruckten Ausgaben, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind, gilt: Niemand besitzt in den USA ein Urheberrecht an diesen Werken. Daher kann die Stiftung – und auch Sie! – diese Werke in den Vereinigten Staaten ohne Genehmigung und ohne Zahlung von Urheberrechtsabgaben kopieren und verbreiten. Besondere Regeln, die im Abschnitt „Allgemeine Nutzungsbedingungen“ dieser Lizenz festgelegt sind, gelten für das Kopieren und Verbreiten der elektronischen Werke von Project Gutenberg™, um das Konzept sowie die Marke PROJECT GUTENBERG™ zu schützen. Project Gutenberg ist eine eingetragene Marke und darf nur verwendet werden, wenn man für das E-Book kein Entgelt verlangt – und zwar ausschließlich unter Einhaltung der Bedingungen der Markenlizenz, einschließlich der Zahlung von Gebühren für die Nutzung der Marke Project Gutenberg. Wenn Sie für Kopien dieses E-Books kein Entgelt verlangen, ist es sehr einfach, sich an die Bedingungen der Markenlizenz zu halten. Sie dürfen dieses E-Book für nahezu jeden Zweck verwenden – beispielsweise zur Erstellung von abgeleiteten Werken, Berichten, Aufführungen oder Forschungsarbeiten. Project Gutenberg-E-Books können modifiziert, gedruckt und weitergegeben werden – in den Vereinigten Staaten darf man mit E-Books, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind, praktisch ALLES tun. Die Weiterverbreitung unterliegt der Markenlizenz – insbesondere die kommerzielle Weiterverbreitung.

ANFANG: VOLLSTÄNDIGE LIZENZ

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Die vollständige Project-Gutenberg™-Lizenz
Bitte lesen Sie diese vor der Verbreitung oder Nutzung dieses Werkes.

Um die Mission von Project Gutenberg™ – die Förderung der freien Verteilung elektronischer Werke – zu schützen, stimmen Sie durch die Nutzung oder Verbreitung dieses Werkes (oder jedes anderen Werkes, das in irgendeiner Weise mit dem Begriff „Project Gutenberg“ in Verbindung steht) zu, alle Bedingungen der vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz einzuhalten. Diese Lizenz ist in dieser Datei enthalten oder kann online unter www.gutenberg.org/license abgerufen werden.

**Abschnitt 1: Allgemeine Nutzungsbedingungen und Wiederverteilung von Project-Gutenberg-Elektronikwerken**

1.A. Durch das Lesen oder Nutzen eines Teils dieses Project-Gutenberg-Elektronikwerks geben Sie an, dass Sie alle Bedingungen dieser Lizenz sowie der Vereinbarung bezüglich des geistigen Eigentums (Markenrechte/Urheberrechte) gelesen, verstanden und akzeptiert haben. Wenn Sie nicht bereit sind, sich an alle Bedingungen dieser Vereinbarung zu halten, müssen Sie die Nutzung einstellen und alle Kopien der Project-Gutenberg-Elektronikwerke, die Sie besitzen, zurückgeben oder zerstören. Wenn Sie eine Gebühr für die Erhaltung einer Kopie oder den Zugang zu einem Project-Gutenberg-Elektronikwerk gezahlt haben und nicht bereit sind, sich an die Bedingungen dieser Vereinbarung zu binden, können Sie eine Rückerstattung von der Person oder Organisation erhalten, an die Sie die Gebühr gezahlt haben, wie in Absatz 1.E.8 beschrieben.

1.B. „Project Gutenberg“ ist eine eingetragene Marke. Sie darf nur von Personen verwendet werden, die sich an die Bedingungen dieser Vereinbarung binden. Es gibt einige Dinge, die Sie mit den meisten Project-Gutenberg-Elektronikwerken tun können, auch ohne sich vollständig an die Bedingungen dieser Vereinbarung zu halten. Siehe Absatz 1.C unten. Es gibt viele Möglichkeiten, mit Project-Gutenberg-Elektronikwerken umzugehen, wenn Sie sich an die Bedingungen dieser Vereinbarung halten und dazu beitragen, einen freien Zugang zu diesen Werken in Zukunft zu gewährleisten. Siehe Absatz 1.E unten.

1.C. Die Project Gutenberg Literary Archive Foundation („die Stiftung“ oder PGLAF) besitzt das Urheberrecht an der Zusammenstellung dieser Werke.

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Sammlung elektronischer Werke von Project Gutenberg. Fast alle Einzelwerke in dieser Sammlung gehören in den Vereinigten Staaten zum öffentlichen Eigentum. Wenn ein bestimmtes Werk in den Vereinigten Staaten nicht durch Urheberrechtsgesetze geschützt ist und Sie sich in den Vereinigten Staaten aufhalten, beanspruchen wir kein Recht, Sie daran zu hindern, dieses Werk zu kopieren, zu verbreiten, aufzuführen, anzuziehen oder darauf basierende abgeleitete Werke zu erstellen – vorausgesetzt, alle Verweise auf Project Gutenberg werden entfernt. Natürlich hoffen wir, dass Sie die Mission von Project Gutenberg unterstützen, indem Sie die Werke von Project Gutenberg gemäß den Bedingungen dieser Vereinbarung frei teilen, um den Namen Project Gutenberg mit diesen Werken in Verbindung zu halten. Die Bedingungen dieser Vereinbarung können Sie leicht erfüllen, indem Sie das Werk im gleichen Format sowie mit der beiliegenden vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz weitergeben, wenn Sie es kostenlos an andere weitergeben.

1.D. Die Urheberrechtsgesetze des Ortes, an dem Sie sich aufhalten, bestimmen ebenfalls, was Sie mit diesem Werk tun dürfen. Die Urheberrechtsgesetze in den meisten Ländern befinden sich ständig im Wandel. Wenn Sie sich außerhalb der Vereinigten Staaten aufhalten, prüfen Sie vor dem Herunterladen, Kopieren, Anzeigen, Aufführen, Verbreiten oder Erstellen abgeleiteter Werke auf Basis dieses Werkes oder eines anderen Project-Gutenberg-Werkes die Gesetze Ihres Landes sowie die Bedingungen dieser Vereinbarung. Die Stiftung macht keine Angaben bezüglich des Urheberrechtstatus eines Werkes in einem Land außerhalb der Vereinigten Staaten.

1.E. Sofern Sie nicht alle Verweise auf Project Gutenberg entfernt haben:

1.E.1. Der folgende Satz mit aktiven Links oder anderem unmittelbaren Zugang zur vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz muss stets deutlich sichtbar sein, sobald eine Kopie eines Project-Gutenberg-Werkes (jedes Werk, auf dem der Ausdruck „Project Gutenberg“ erscheint oder mit dem der Ausdruck „Project Gutenberg“ in Verbindung steht) angezeigt, aufgeführt, angesehen, kopiert oder verteilt wird:

Dieses E-Book ist für die Nutzung durch jeden Menschen überall in den Vereinigten Staaten und in den meisten anderen Teilen der Welt kostenlos und nahezu ohne jegliche Einschränkungen erhältlich. Sie dürfen es kopieren, weitergeben oder unter den Bedingungen dieser Lizenz erneut verwenden.

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Die Project Gutenberg™-Lizenz, die diesem E-Book beiliegt oder online unter www.gutenberg.org zu finden ist. Wenn Sie sich nicht in den Vereinigten Staaten aufhalten, müssen Sie vor der Nutzung dieses E-Books die Gesetze des Landes prüfen, in dem Sie sich befinden.

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1.E.4. Entfernen Sie die vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg-Lizenz nicht aus diesem Werk oder aus irgendwelchen Dateien, die einen Teil dieses Werks oder ein anderes mit Project Gutenberg verbundenes Werk enthalten.

1.E.5. Kopieren, anzeigen, aufführen, verteilen oder neu verteilen Sie dieses elektronische Werk oder irgendeinen Teil davon nicht, ohne die in Absatz 1.E.1 genannte Formulierung in auffälliger Weise anzugeben – zusammen mit aktiven Links oder unmittelbarem Zugang zu den vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg-Lizenz.

1.E.6. Sie dürfen dieses Werk in jede binäre, komprimierte, markierte, nicht-exklusive oder exklusive Form umwandeln und verbreiten, einschließlich jeder Textverarbeitungs- oder Hypertextform. Allerdings, wenn Sie…

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Der Zugang zu Werken von Project Gutenberg oder die Verteilung von Kopien dieser Werke in einem Format anderem als „Plain Vanilla ASCII“ oder einem anderen Format, das in der offiziellen Version auf der offiziellen Website von Project Gutenberg (www.gutenberg.org) verwendet wird, ist nur dann zulässig, wenn ohne zusätzliche Kosten, Gebühren oder Ausgaben für den Benutzer eine Kopie des Werkes in seinem ursprünglichen „Plain Vanilla ASCII“-Format oder in einer anderen entsprechenden Form bereitgestellt wird – entweder direkt oder über Möglichkeiten zur Exportierung bzw. zum Erhalt einer Kopie auf Anfrage. Jedes alternative Format muss außerdem die vollständige Project-Gutenberg-Lizenz enthalten, wie in Absatz 1.E.1 festgelegt.

1.E.7. Es dürfen keine Gebühren für den Zugang, die Ansicht, die Anzeige, die Wiedergabe, das Kopieren oder die Verteilung von Werken von Project Gutenberg erhoben werden, es sei denn, man hält sich an Absatz 1.E.8 oder 1.E.9.

1.E.8. Es sind angemessene Gebühren für Kopien sowie für den Zugang zu oder die Verteilung elektronischer Werke von Project Gutenberg erlaubt, vorausgesetzt:

• Man zahlt eine Tantiemengebühr in Höhe von 20 % des Bruttogewinns, der aus der Nutzung der Werke von Project Gutenberg entsteht. Dieser Gewinn wird nach derselben Methode berechnet, wie sie bereits zur Berechnung der anfallenden Steuern verwendet wird. Die Gebühr ist dem Inhaber der Project-Gutenberg-Marke geschuldet, hat jedoch zugestimmt, die Tantiemen gemäß diesem Absatz der Project Gutenberg Literary Archive Foundation zu spenden. Die Tantiemenzahlungen müssen innerhalb von 60 Tagen nach jedem Datum erfolgen, an dem man seine periodischen Steuererklärungen erstellt (oder gesetzlich dazu verpflichtet ist). Die Zahlungen müssen deutlich als solche gekennzeichnet sein und an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation an die in Abschnitt 4 „Informationen zu Spenden an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation“ angegebene Adresse gesendet werden.

• Man erstattet vollständig jeden Betrag, den ein Benutzer gezahlt hat, sofern dieser ihn schriftlich (oder per E-Mail) innerhalb von 30 Tagen nach Erhalt darüber informiert, dass er mit den Bedingungen der vollständigen Project-Gutenberg™-Lizenz nicht einverstanden ist. Solcher Benutzer muss aufgefordert werden, alle auf physischen Medien vorhandenen Kopien der Werke zurückzugeben oder zu zerstören sowie jegliche weitere Nutzung sowie jeden Zugang zu weiteren Kopien der Werke von Project Gutenberg™ einzustellen.

• Gemäß Absatz 1.F.3 wird jeder für ein Werk oder eine Ersatzkopie gezahlte Betrag vollständig erstattet, falls es Mängel am Werk gibt.

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Elektronische Werke werden innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt des Werkes entdeckt und Ihnen mitgeteilt.

• Sie halten alle anderen Bedingungen dieser Vereinbarung für die kostenlose Verbreitung von Projektk Gutenberg™-Werken ein.

1.E.9. Wenn Sie eine Gebühr erheben oder ein Projektk Gutenberg™-Elektronikwerk oder eine Gruppe von Werken unter anderen Bedingungen als denen, die in dieser Vereinbarung festgelegt sind, verbreiten möchten, müssen Sie schriftliche Genehmigung von der Project Gutenberg Literary Archive Foundation erhalten, dem Verwalter der Projektk Gutenberg™-Marke. Wenden Sie sich an die Stiftung gemäß Abschnitt 3 unten.

1.F.

1.F.1. Freiwillige und Mitarbeiter von Project Gutenberg investieren erhebliche Anstrengungen, um Werke, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind, zu identifizieren, urheberrechtlich zu prüfen, abzuschreiben und zu korrigieren, um so die Projektk Gutenberg™-Sammlung zu erstellen. Trotz dieser Bemühungen können Projektk Gutenberg™-Elektronikwerke sowie die Medien, auf denen sie gespeichert sein können, „Mängel“ aufweisen – wie beispielsweise unvollständige, ungenaue oder beschädigte Daten, Transkriptionsfehler, Urheberrechts- oder andere Urheberpersönlichkeitsrechtsverletzungen, defekte oder beschädigte Datenträger oder andere Medien, Computerviren oder Computercodes, die Ihre Ausrüstung beschädigen oder von dieser nicht gelesen werden können.

1.F.2. EINGESCHRÄNKTER GEWÄHRLEISTUNGSAUSSCHLUSS – Abgesehen vom „Recht auf Ersatz oder Rückerstattung“, wie es in Absatz 1.F.3 beschrieben ist, lehnt die Project Gutenberg Literary Archive Foundation, der Inhaber der Projektk Gutenberg™-Marke, sowie jede andere Partei, die ein Projektk Gutenberg™-Elektronikwerk gemäß dieser Vereinbarung verbreitet, jegliche Haftung gegenüber Ihnen für Schäden, Kosten und Ausgaben, einschließlich Anwaltskosten, ab. Sie stimmen zu, dass Sie keine Rechte wegen Fahrlässigkeit, strenger Haftung, Gewährleistungsverletzung oder Vertragsbruch haben, außer denen, die in Absatz 1.F.3 vorgesehen sind. Sie stimmen außerdem zu, dass die Stiftung, der Markeninhaber sowie alle Vertriebspartner gemäß dieser Vereinbarung nicht haftbar gemacht werden können.

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Haftbar gegenüber Ihnen für tatsächliche, direkte, indirekte, Folge-, Straf- oder zufällige Schäden – auch dann, wenn Sie von der Möglichkeit solcher Schäden in Kenntnis setzen.

1.F.3. Eingeschränktes Recht auf Ersatz oder Rückerstattung – Wenn Sie innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt dieses elektronischen Werkes einen Mangel feststellen, können Sie eine Rückerstattung des gezahlten Betrags (sofern vorhanden) erhalten, indem Sie eine schriftliche Erklärung an die Person senden, von der Sie das Werk erhalten haben. Wenn Sie das Werk auf einem physischen Medium erhalten haben, müssen Sie dieses Medium zusammen mit Ihrer schriftlichen Erklärung zurücksenden. Die Person oder Einrichtung, die Ihnen das fehlerhafte Werk zur Verfügung gestellt hat, kann sich dafür entscheiden, stattdessen ein Ersatzexemplar zu liefern. Wenn Sie das Werk elektronisch erhalten haben, kann die Person oder Einrichtung, die es Ihnen zur Verfügung stellt, Ihnen eine weitere Gelegenheit geben, das Werk elektronisch zu erhalten, anstelle einer Rückerstattung. Falls auch das zweite Exemplar fehlerhaft ist, können Sie schriftlich eine Rückerstattung verlangen, ohne weitere Möglichkeiten zur Behebung des Problems.

1.F.4. Abgesehen vom in Absatz 1.F.3 genannten eingeschränkten Recht auf Ersatz oder Rückerstattung wird dieses Werk „wie besehen“ ohne weitere Garantien jeglicher Art, weder ausdrücklich noch stillschweigend, bereitgestellt – einschließlich, aber nicht beschränkt auf Garantien hinsichtlich Markttauglichkeit oder Eignung für einen bestimmten Zweck.

1.F.5. In einigen Bundesstaaten ist es nicht zulässig, bestimmte stillschweigende Garantien auszuschließen oder bestimmte Arten von Schäden einzuschränken. Falls eine in dieser Vereinbarung enthaltene Ausschlussklausel oder Beschränkung gegen das Recht des für diese Vereinbarung geltenden Bundesstaates verstößt, soll die Vereinbarung so interpretiert werden, dass die maximale Ausschlussklausel oder Beschränkung gemäß dem geltenden Staatsrecht gewährt wird. Die Ungültigkeit oder Unanwendbarkeit einer Bestimmung dieser Vereinbarung führt nicht zur Ungültigkeit der übrigen Bestimmungen.

1.F.6. Haftungsbeschränkung – Sie verpflichten sich, die Stiftung, den Markeninhaber, alle Agenten oder Mitarbeiter der Stiftung, alle Personen, die Kopien der elektronischen Werke von Project Gutenberg™ gemäß dieser Vereinbarung bereitstellen, sowie alle Freiwilligen, die an der Erstellung, Förderung und Verbreitung der elektronischen Werke von Project Gutenberg™ beteiligt sind, vor jeder Haftung zu schützen.

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Kosten und Ausgaben, einschließlich Anwaltskosten, die direkt oder indirekt aus einem der folgenden Faktoren entstehen, die Sie selbst verursachen oder zu denen Sie beitragen: (a) die Verteilung dieses oder eines anderen Werkes von Project Gutenberg, (b) Änderungen, Modifikationen sowie Ergänzungen oder Löschungen an einem Werk von Project Gutenberg, sowie (c) alle Mängel, die Sie verursachen.

Abschnitt 2: Informationen zur Mission von Project Gutenberg

Project Gutenberg steht für die freie Verteilung elektronischer Werke in Formaten, die von der breitesten Palette an Computern gelesen werden können – einschließlich veralteter, alter, mittelalterlicher sowie neuer Computer. Es existiert dank des Engagements von Hunderten von Freiwilligen sowie Spenden von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten.

Freiwillige sowie finanzielle Unterstützung, um diesen Freiwilligen die benötigte Hilfe zu bieten, sind entscheidend, um die Ziele von Project Gutenberg zu erreichen und sicherzustellen, dass die Sammlung von Project Gutenberg auch zukünftigen Generationen weiterhin frei zugänglich bleibt. Im Jahr 2001 wurde die Project Gutenberg Literary Archive Foundation gegründet, um Project Gutenberg sowie zukünftigen Generationen eine sichere und dauerhafte Zukunft zu bieten. Weitere Informationen über die Project Gutenberg Literary Archive Foundation sowie darüber, wie Ihre Bemühungen und Spenden helfen können, finden Sie in den Abschnitten 3 und 4 sowie auf der Informationsseite der Stiftung unter www.gutenberg.org.

Abschnitt 3: Informationen über die Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Die Project Gutenberg Literary Archive Foundation ist eine gemeinnützige Bildungseinrichtung nach dem Typ 501(c)(3), die nach den Gesetzen des Bundesstaates Mississippi organisiert ist und vom Internal Revenue Service als steuerbefreit anerkannt wurde. Die EIN-Nummer bzw. die bundesweite Steuernummer der Stiftung lautet 64-6221541. Spenden an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation sind in dem Umfang steuerabzugsfähig, wie es die US-amerikanischen Bundesgesetze sowie die Gesetze Ihres Bundesstaates erlauben.

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Der Geschäftssitz der Stiftung befindet sich unter der Adresse 41 Watchung Plaza #516, Montclair NJ 07042, USA, +1 (862) 621-9288. Für E-Mails-Kontakte finden Sie Links sowie aktuelle Kontaktdaten auf der Website der Stiftung unter www.gutenberg.org/contact.

Abschnitt 4: Informationen zu Spenden für das Projekt
Gutenberg Literary Archive Foundation

Das Projekt Gutenberg™ ist von umfassender Unterstützung und Spenden durch die Öffentlichkeit abhängig – ohne diese kann es seine Mission nicht erfüllen, die Anzahl der im öffentlichen Besitz befindlichen sowie lizenzierten Werke zu erhöhen, die in maschinenlesbarer Form frei verteilt werden können und somit für die breiteste Palette an Geräten, einschließlich veralteter Geräte, zugänglich sind. Viele kleine Spenden (von 1 bis 5.000 Dollar) sind besonders wichtig, um den steuerfreien Status bei der IRS beizubehalten.

Die Stiftung ist bestrebt, die Gesetze bezüglich Wohltätigkeitsorganisationen und wohltätiger Spenden in allen 50 Bundesstaaten der Vereinigten Staaten einzuhalten. Die Anforderungen sind jedoch nicht einheitlich, und es erfordert erhebliche Anstrengungen, viel Papierkram sowie zahlreiche Gebühren, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Wir bitten nicht um Spenden in Regionen, aus denen wir keine schriftliche Bestätigung der Einhaltung der Vorschriften erhalten haben. Um Spenden zu senden oder den Status der Einhaltung der Vorschriften für einen bestimmten Bundesstaat zu überprüfen, besuchen Sie bitte www.gutenberg.org/donate.

Obwohl wir nicht und werden auch keine Spenden aus Bundesstaaten annehmen, in denen wir die entsprechenden Anforderungen noch nicht erfüllt haben, kennen wir keine Verbote gegen die Annahme unveranlasster Spenden von Spendern aus solchen Bundesstaaten, die uns mit Spendenangeboten kontaktieren.

Internationale Spenden werden gerne entgegengenommen, doch wir können keine Angaben zur steuerlichen Behandlung von Spenden aus dem Ausland machen. Allein die US-Gesetze überlasten bereits unser kleines Personal.

Bitte prüfen Sie die Webseiten von Project Gutenberg nach aktuellen Spendemethoden und -adressen. Spenden werden auch auf zahlreichen anderen Wegen entgegengenommen.

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Möglichkeiten der Spende sind unter anderem Schecks, Online-Zahlungen sowie Spenden per Kreditkarte. Um zu spenden, besuchen Sie bitte: www.gutenberg.org/donate.

Abschnitt 5: Allgemeine Informationen zum Project Gutenberg – elektronische Werke

Professor Michael S. Hart war der Schöpfer des Konzepts des Project Gutenberg – einer Bibliothek mit elektronischen Werken, die frei mit jedem geteilt werden können. Über vierzig Jahre lang erstellte und verteilte er Project-Gutenberg-E-Books mit nur einer lockeren Netzwerkstruktur aus Freiwilligenunterstützung.

Project-Gutenberg-E-Books entstehen oft aus mehreren gedruckten Ausgaben, von denen alle als nicht urheberrechtlich geschützt in den USA gelten – sofern kein Urheberrechtsvermerk enthalten ist. Daher halten wir die E-Books nicht unbedingt in Übereinstimmung mit einer bestimmten gedruckten Ausgabe.

Die meisten Menschen beginnen auf unserer Website, die über die Hauptsuchfunktion für Project Gutenberg verfügt: www.gutenberg.org.

Diese Website enthält Informationen über das Project Gutenberg, einschließlich Anleitungen zur Spende an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation, zur Unterstützung bei der Erstellung neuer E-Books sowie zur Anmeldung zum E-Mail-Newsletter, um über neue E-Books informiert zu werden.

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