Peter the Brazen_ A Mystery Story of Modern China George F. Worts 62967 downloads.pdf

330 pages · Make another flipbook

Page 1

Page 2

Page 3

Das Project-Gutenberg-E-Book „Peter the Brazen: Eine Kriminalgeschichte aus dem modernen China“
Dieses E-Book kann von jedem überall in den Vereinigten Staaten sowie in den meisten anderen Teilen der Welt kostenlos und ohne nennenswerte Einschränkungen genutzt werden. Sie dürfen es kopieren, weitergeben oder unter den Bedingungen der mit diesem E-Book verbundenen Project-Gutenberg-Lizenz oder online unter www.gutenberg.org erneut verwenden. Wenn Sie sich nicht in den Vereinigten Staaten befinden, müssen Sie vor der Nutzung dieses E-Books die Gesetze des Landes prüfen, in dem Sie sich aufhalten.

Titel: Peter the Brazen: Eine Kriminalgeschichte aus dem modernen China
Autor: George F. Worts
Illustrator: Gayle Porter Hoskins
Erscheinungsdatum: 12. Mai 2009 [E-Book #28780]
Letzte Aktualisierung: 5. Januar 2021
Sprache: Englisch

Weitere Informationen und Formate: www.gutenberg.org/ebooks/28780
Herausgegeben von: Al Haines

*** ANFANG DES PROJECT-GUTENBERG-E-BOOKS „PETER THE BRAZEN: EINE KRIMLINALGESCHICHTE AUS DEM MODERNEN CHINA“ ***

Page 4

PETER, der dem Mädchen eilig Anweisungen gab, zwei Rikschas zu halten, stürzte sich mit geballten Fäusten auf seinen Verfolger.

DER KÖNIGLICHE PETER

Page 5

Eine Geheimnisgeschichte aus dem modernen China

Von

Page 6

GEORGE F. WORTS

„Ein Mann, dessen Herz vor Leidenschaft brennt,
folgt den Schwankungen eines Gedankens.“
—Su-Tong-Po.

MIT EINEM FRONTISPIEL VON
GAYLE HOSKINS

PHILADELPHIA & LONDON
J. B. LIPPINCOTT COMPANY
1919

URHEBERRECHT 1918 BEI DER FRANK A. MUNSEY COMPANY
URHEBERRECHT 1919 BEI DER J. B. LIPPINCOTT COMPANY

Page 7

AN DR. UND FRÄU W. B. A. MOORE
HONGKONG

Page 8

INHALT

TEIL I

Die Stadt der gestohlenen Leben

TEIL II

Die bittere Quelle

TEIL III

Der grüne Tod

PETER DER KÖNIGLICHE

Page 9

TEIL I

Page 10

Die Stadt der gestohlenen Leben

Kapitel I
„Wie friedlich ist die Freude,
wenn Dinge, die füreinander geschaffen sind,
aufeinandertreffen und miteinander verbunden werden;
doch ach – wie selten geschieht das, dass solche Dinge
aufeinandertreffen und miteinander verbunden werden!“
– SAO-NAN.

Als Peter Moore den Raum betrat, sich schnell und unbemerkt über den mit Unrat übersäten Boden bewegte und die verglaste Tür des Büros des Leitoperators aufstieß, beobachteten ihn die anwesenden Operator mit Blicken der Bewunderung und Sorge. Niemand betrat jemals das Büro des Leitoperators auf diese Weise – man wartete, bis man gerufen wurde.

Doch Moore hatte Privilegien. Nachdem er fünf Jahre lang auf den besten und schlimmsten Schiffen, die die Ausdehnung des Pazifischen Ozeans überbrücken, gearbeitet hatte, galt er als wichtige Persönlichkeit. Er hatte mit Funkgeräten wundersame Dinge vollbracht und besaß außerdem zahlreiche Erfahrungen.

Seine erste Aufgabe führte ihn auf ein Fischerschiff – ein schmutziges, seetaugliches kleines Boot, das manchmal bis zu den Aleuten vordrang. Schon bald erhielt er offizielle Anerkennung, nachdem er 68 Stunden lang ständig seine Instrumente überwacht hatte – die Daten wurden alle 15 Minuten in seinem Logbuch festgehalten –, als das Walfangschiff Goblin im Island Passage auf einen unter Wasser liegenden Felsen stieß und das alte Notrufsignal C.Q.D. aussendete.

Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass die Entfernung, aus der Peter Moore die Signale des sinkenden Schiffes empfangen konnte, die Norm überstieg.

Page 11

Der Einsatzbereich beider Geräte. Als er unter Druck gesetzt wurde, gestand der junge Mann, über ein Paar außergewöhnlich empfindliche Ohren zu verfügen. Anschließend wurde den Zweiflern gezeigt, dass Moore Signale in den Empfängern „lesen“ konnte, während der gewöhnliche Operator nur ein fernes Kratzen hören konnte.

Als Peter Moore sein zweites Jahr in der Marconi-Uniform verbrachte, wurde er als zu wertvoller Mensch angesehen, um auf Fischereischiffen eingesetzt zu werden; daher wurde er auf die Sierra versetzt – ein Schiff, das in den Kreisen der Funktechniker damals als Überwachungsschiff galt. Die leistungsstarken Geräte dieses Schiffes konnten einen langen elektrischen „Arm“ über jeden Teil des östlichen Pazifiks ausstrecken. Die Aufgabe des Operators bestand darin, die Tröger zu tadeln, die es versäumten, Anrufe von Schiffen oder Küstenstationen entgegenzunehmen, sowie die Unerfahrenen, die die strengen Regeln für die Funkkommunikation missachteten.

Es wurde gemunkelt, dass Peter Moore der ständigen Kontrolle, die seine Position auf dem Überwachungsschiff mit sich brachte, überdrüssig wurde; daher beantragte er bald einen Posten auf einer Reise nach China. Jeder Operator im Pazifik träumt davon, eines Tages durch seine Treue eine solche Reise nach China zu erhalten – und es gibt stets Anträge auf diese „romantischen“ Posten. Der Leiter gewährte Peter Moore seinen Wunsch ohne Zögern; Moore wählte das Schiff Vandalia aus – vermutlich das begehrteste Schiff der transpazifischen Flotte –, weil es am längsten von San Francisco entfernt blieb.

Dass seine übermäßige Gehörempfindlichkeit nicht nachließ, zeigte sich bald, als er eine Nachricht erhielt, die nicht übertragen worden war – später jedoch bestätigt werden konnte – von der Küstenstation in Seattle, während die Vandalia im Hafen von Hongkong vor Anker lag. Das war ein neuer Rekord. Man glaubt, dass Marconi selbst dem jungen Mann einen lobenden Brief schrieb. Doch Peter Moore zeigte diesen Brief niemandem. Das lag in seiner Natur. Er blieb sogar für die Mitglieder seines eigenen Berufsstands ein Rätsel. Viele der jüngeren Operator kannten ihn nur als Symbol, als Genie hinter der Tastatur – oder einfach als „die Hand“. Beruflich gesehen war es gerade seine Hand, die seine Persönlichkeit einzigartig und beneidenswert machte. In den Signalen, die von einem Funkgerät in die Luft gesendet wurden, wenn seine kräftigen weißen Finger die Tasten berührten, lag eine seltsame Vitalität – seine Berührung war für diese Signale genauso vertraut wie die Stimme eines Freundes.

Page 12

Im Raum voller Störgeräusche legte sich allmählich das Gerede ab, als sich die verglaste Tür des Büros des Chefs hinter ihm schloss. Die Stimmen verstummten und verwandelten sich in neugieriges Flüstern. Dann –

„Aber um Himmels willen, Mann, ich brauche dich!“, donnerte die launische Stimme des Chefs.

Daraufhin ertönte das leise Gemurmel von Peter Moore, während er sich erklärt.

„Das macht keinen Unterschied!“, brüllte der Chef. „Ich komme ohne dich nicht aus. Zu wenig Personal – du musst bleiben!“

Aus Ärger kürzte der Chef seine Aussagen immer ab, als wären es Funksprüche, die zu einem hohen Preis übertragen werden mussten.

Dann wurde den Zuhörern im Raum voller Störgeräusche die Wahrheit klar: Peter Moore kündigte! Es war unglaublich.

Ein mutigerer Mann presste sein Ohr gegen das verglaste Fenster. Es handelte sich um einen dicken, aufgeregten kleinen Mann, der schon lange im Dienst war – doch anscheinend war ihm für immer bestimmt, in Panama mit Metall zu arbeiten. Er war ein geschickter Operator – doch wie es bei Funkern so üblich ist, brach ihm jedes Mal der Arm aus, wenn es zu einer Notlage kam. Er hörte deutlich, wie Peter Moore mit bewegter Stimme sagte: „Zu viel China. Gott, Mann – bald werde ich wohl Opium schmuggeln!“

„Unsinn!“, schnaubte der Chef.

Der Mann von der Panama-Linie winkte mit seiner blassen Hand, um absolute Stille zu fordern.

„Möchten Sie eine Zeit lang an Land arbeiten?“

„Ich möchte mich ausruhen und anschließend mich umsehen“, antwortete Moore.

„Sie werden zurückkommen. Glauben Sie mir. Das Meer und das Funkhaus – das ist eine perfekte Kombination. Alte Städte – neue Gesichter – Freiheit…“

„Ich bin müde.“

Page 13

„Pah! Du hast gerade erst angefangen. Wann legt die Vandalia nach China ab?“
„Donnerstagabend.“
„Ich werde deinen Platz bis Donnerstagnachmittag frei halten. Hoffentlich findest du einen neuen Operator. Seltsamer Kerl – Glasauge. ‚Bis Donnerstagnachmittag‘.“
Die verglaste Tür öffnete sich plötzlich nach innen. Die intensiv blauen Augen des Mannes mit dem blassen Gesicht schlossen sich halb, als sie den errötenden Lauscher sahen. Der Operator der Panama Line bewegte sich unsicher auf einen freien Stuhl zu. Unbewusst der neugierigen Blicke, die ihm zugeworfen wurden, ging Moore zur Außentür. Eine Welle der Nervosität durchlief die Stille des Raumes, als die Tür ins Schloss fiel.
Als das Gerücht die Vandalia erreichte, die vor ihrem Anlegeplatz lag, dass Peter Moore zurückgetreten war, äußerte Kapitän Jones nachdem er seine Enttäuschung unverblümt gezeigt hatte gegenüber seinem Chefingenieur die Theorie, dass Sparks „die Sache im Osten zu ernst genommen habe“.
„Er wird zur Abfahrtszeit da sein“, fügte der Chefingenieur hinzu, der seit elf Jahren versuchte, aus dem aktiven Dienst bei den Fahrten nach China auszuscheiden.
Doch aus diesem Grund kehrte Moore überhaupt nicht zur Vandalia zurück.

KAPITEL II
Die Kommunikation zwischen bestimmten Personen in China und ihren Verwandten sowie Freunden in Chinatown muss aus politischen und anderen Gründen heimlich stattfinden. In Shanghai lernte Moore unter etwas rätselhaften Umständen Ching Gow Ong kennen – eine wichtige Persönlichkeit im Seidenhandel.
Laut denen, die darüber Bescheid wussten, hatte Moore einst Ching Gow Ong einen Gefallen getan – von dem anscheinend niemand etwas wusste.

Page 14

Die Einzelheiten. Vielleicht war genauso wichtig, dass Ching Gow Ong Moore gerne jeden Geschenk gegeben hätte, das er sich leisten konnte, falls Moore dazu bereit gewesen wäre.

Doch es scheint, als sei Moore kein Suchender nach Reichtum – was der allgemeinen Annahme etwas Glaubwürdigkeit verlieh, er besitze jenes Seltenste: einen unberührten Abenteuergeist. Er festigte diese seltsame Freundschaft, indem er Nachrichten in chinesischer Schrift übermittelte, die er selbst nicht lesen konnte, zwischen Ching Gow Ong und seinem Bruder Lo Ong, der offiziell tot galt und in den Tiefen von Chinatown ein stinkendes Versteck führte.

Peter Moore bahnte sich seinen Weg durch die enger werdenden Gassen, durchquerte ein Labyrinth aus leeren Wänden, hinunter eine feuchte Steintreppe und klopfte an eine schwarze Eisentür. Sie öffnete sich sofort, und eine lange, krallenartige Hand streckte sich heraus, nahm den gelben Umschlag aus der Hand des Boten entgegen und zog sich langsam und leise zurück; die Tür schloss sich genauso schnell und leise, wie sie geöffnet worden war.

Es wurden keine Worte gesprochen. Nachdem seine Aufgabe erledigt war, kehrte Peter Moore den Weg zurück zu den breiteren und helleren Gassen, die das für Touristen bekannte Chinatown ausmachten.

Er ging langsam, mit dem Kopf leicht zur Seite geneigt – eine Angewohnheit, die er sich durch das ständige Zuhören in den Gummirecovern angeeignet hatte. Er hatte bereits einige Schritte auf einem der engen, abschüssigen Bürgersteige zurückgelegt, als er eher spürte als sah, dass ein Paar Augen ihn aus einem Fenster im zweiten Stock beobachtete.

Es waren die Augen einer jungen Chinesin – doch er spürte sofort, dass sie nicht zum Typ der Frauen am Fluss gehörte. Ihr feines schwarzes Haar war in eine prächtige Frisur gestylt. Goldene Schmuckstücke hingen an ihren Ohren, und ihre Haut war reichlich mit Reismehl gepudert. Ihre bemalten Lippen zeigten einen bösartigen Ausdruck.

In dem Blick der Frau lag eine ernste Warnung. Dann wurde ihm klar, dass sie offenbar kämpfte – als würde sie die Bewegungen von jemandem hinter ihr behindern.

Page 15

Man kann mit Sicherheit sagen, dass Peter Moore während seiner Wanderungen durch die gewundenen Gassen von Kanton, Peking und Shanghai vielen chinesischen Frauen dieses Typs begegnet ist. Ihre Züge zeichneten sich durch eine ausgeprägte Schärfe aus – ein Zeichen für Inzucht innerhalb der Oberschicht. Sie war ungewöhnlich – erstaunlich! Sie blickte heimlich auf die Straße, hob eine stark geschmückte Hand – ein imperiales Zeichen dafür, dass er anhalten sollte – und zog sich zurück. Er lehnte sich in den Eingang eines Elfenbeinladens und wartete.

In Chinatown war es ruhig, denn es war Mittag, und dieser Bereich pflegte zu dieser Zeit zur Ruhe zu kommen. Die Gestalten wurden aufgrund eines kalten, blassen Nebels, der vom Meer heraufzog, etwas unscharf sichtbar. Nach einer Weile erschien die Frau erneut, betrachtete die Straße wieder mit feindseligen Augen, hielt ein Stück Reispapier hoch und faltete es langsam zusammen.

Peter Moore nickte leicht und lächelte. Das Lächeln war bei ihm zur Gewohnheit geworden. Die Empfindlichkeit seines Nervensystems fand bei Nervosität oder Aufregung schnell einen Ausdruck in einem unaufrichtigen Lächeln. Er ging zum Laden direkt unter ihrem Fenster und stellte fest, dass es sich um Ah Sih Kings Goldladen handelte. Das Fenster war voller glänzender Schätze aus dem Orient. Er hob einen zerknüllten Ball aus rotem Papier vom Bürgersteig auf und steckte ihn in die Tasche seines Mantels.

Für einen aufmerksamen Beobachter könnte die Gleichgültigkeit, mit der Moore sich umdrehte und vorgab, die Goldschmuckstücke im Fenster von Ah Sih King zu betrachten, etwas zu offensichtlich erschienen sein – und das Lächeln auf seinen Lippen, so könnte man sagen, unnötig.

Während er wartete, ertönte ein leises Geräusch zu seinen Füßen, gleichzeitig blitzte etwas Schwarz-Weißes über seine Schulter. Er bedeckte den Gegenstand mit einem Fuß, als das ölige, lüsterne Gesicht von Ah Sih King im Eingang auftauchte. Das bleiche Gesicht wurde von einem kostbaren Mandarinenrock umrahmt – einem prächtigen blauen Gewand mit feinen Goldverzierungen und exquisiten Edelsteinen. In diesem Moment schien er einen Hauch von Misstrauen auszustrahlen.

„Herr!“, sprach er ihn mit dünnen, gekrümmten Lippen an – in einem Tonfall, der fast persönlich wirkte.

„Kaufen Sie nichts“, sagte Peter Moore kurz angebunden.

Page 16

„Sie sehen mich – ich sehe Sie“, bemerkte Ah Sih King und kehrte, da er es für angebracht hielt, wieder zum Pidgin zurück.

Der Funker drehte ihm unhöflich den Rücken zu; Ah Sih King tat dasselbe. Als er sich wieder umdrehte, war das ölige Lächeln verschwunden; ein besorgter Ausdruck hatte sich auf sein listiges, altes Gesicht geschlichen. Die leicht gebeugten Schultern des viel listigeren jungen Mannes waren bereits einige Schritte entfernt.

Ein leises Zischen, wie zur Warnung, kam von den karmesinroten Lippen der chinesischen Frau. Dann schloss sich das Fenster geräuschlos. Chinatown schenkte dem Vorfall keinerlei Aufmerksamkeit und ging weiter seinen vielfältigen Geschäften nach, ohne etwas davon mitzubekommen.

In diesem Vorfall lag etwas Unbestimmtes, das Falten auf Moores Stirn hervorrief. Warum wurden zwei Zettel geworfen? Die Frage ließ nur diese Möglichkeit zu: Jemand hinter der chinesischen Frau hatte einen Ball aus rotem Papier, also einen Zettel, auf die Straße geworfen.

Danach hatte sie ihn dazu aufgefordert, zu warten, und einen zweiten Zettel geschrieben – vielleicht, um ihn davon abzuhalten, näherzukommen. Er warf einen heimlichen Blick auf den zweiten Zettel, sah, dass er auf Chinesisch geschrieben war, und beschloss daraufhin, im Gegenzug für viele Gefälligkeiten Lo Ong um eine Übersetzung zu bitten.

Chinatown verschwand nun allmählich aus dem Blickfeld, verschlungen vom grauen Nebel, der vom Pazifik durch den Hafeneingang hereinwehte. Moore ging durch den Nebel zurück, stieg die schmale Steintreppe hinab und klopfte mit seinem schweren Siegelring gegen das eisernen Tor. Ein Riegel klirrte, misstrauische Augen musterten ihn, und er hörte, wie der Riegel zurückgeschoben wurde. Er öffnete die Tür und trat ein, wobei er den Riegel wieder an seinen Platz schob.

Der Raum war niedrig, tief und dunkel unter dem flackernden Licht einer einzigen Öllampe, die von der Decke an einem Bündel feiner Messingketten hing. Der intensive, betäubende Geruch von Opium durchzog die schwere Luft. Die orangefarbene Flamme, regungslos, als wäre sie aus festem Metall gemeißelt, zeigte, dass der Raum außer einigen Grasmatten, die im unregelmäßigen, runden Schatten darunter verstreut lagen, völlig kahl war.

Page 17

Auf eines dieser Matten zog sich Lo Ong zurück – hager, neugierig, sogar feindselig. Er hockte da, mit seinen äußerst dünnen Händen, die er über seinen Bauch gelegt hatte. Ein Ausdruck der Erkennung störte für einen Moment nur die Gelassenheit seiner öligen Gesichtszüge.

„Kommst du nicht kaufen?“, fragte er, als wäre Peter Moore noch nie zuvor diesem durchdringenden Blick begegnet.

„Ich komme nie zum Kaufen“, sagte der Funker kurz angebunden. „Willst du helfen? Verstehst du?“

„Vielleicht kann ich das“, behauptete Lo Ong – in der Stimme und Art eines Mannes, der ständig von Wohlwollenden belästigt wird. Lo Ongs Arm, als wäre er vom Körper getrennt und von irgendeinem fremden Mechanismus gesteuert, wies auf eine Matte. Moore setzte sich in die vertraute Schaukelhaltung, zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in Richtung des Bauchs auf der Matte.

„Kennst du Wanchee Cumshaw?“, fragte der Chinese unruhig.

Peter Moore weigerte sich zu antworten, holte die beiden Papierstücke hervor, schob eines unter sein Knie und entfaltete das andere. In der Zwischenzeit blickte Lo Ong missbilligend zur Tür. Darauf waren drei Reihen chinesischer Zeichen gekritzelt. Lo Ongs Körper begann im ungeduldigen Rhythmus vor- und zurückzuwogen.

„Lo Ong“, sagte Moore, „ich möchte, dass du den Mund hältst – die ganze Zeit über. Verstehst du?“

„Kann ich machen“, murmelte Lo Ong gleichgültig. Er griff nach dem Reispapier, hob es vorsichtig mit seinen langen, krallenartigen Fingern hoch und hielt es an die Flamme. Es schien, als würde er nicht glauben, was er las – denn er drehte das Papier um, betrachtete es von unten und setzte sich anschließend wieder hin, während seine dünnen Finger zuckten.

„Nein, das geht nicht“, murmelte er und legte das Papier wieder auf das Knie seines Gastes. „Ich verstehe das nicht.“

Der weiße Zeigefinger des Funkers zeigte unverwandt auf die abgeflachte Nase. „Lies das“, befahl er.

Page 18

Lo Ong blickte in eine andere Richtung, als wäre das Thema ihn nicht mehr zu interessieren – er klopfte mit den Knöcheln auf den Boden.

„Wanchee-Geld – Cumshaw?“

„Lo Ong“, sagte Moore ungeduldig, „du bist längst tot. Verstehst du jetzt?“

„Vielleicht kann ich es“, sagte Lo Ong leise.

Moore strich mit seinen Fingern über die erste Reihe der frischen Markierungen.

„O-o-ey“, kommentierte Lo Ong und rutschte unruhig hin und her. „‚Ich sehe dich immer wieder, vor langer Zeit auf dem Schiff.‘ Verstehst du?“

„Was kommt als Nächstes?“

„‚Du siehst mich nicht. Ich sehe dich aber immer wieder.‘“

Seine langen, schrägen Schultern zuckten. „Bleib weg. Verstehst du?“

„Steht das da?“

„Schau mal“, lud Lo Ong ein und stieß nervös mit seinem Finger in die Zeilen. „‚Bleib weg. Bleib weg.‘ Einmal – zweimal. Verstehst du?“

Peter Moore nickte nachdenklich.

Der Chinesische, offiziell bereits tot, legte vorsichtig das Tuch zurück auf seine Knie – als wäre es ein Instrument des Bösen. Seine knochigen Finger zuckten für einen Moment.

„Hohe Dame“, fügte er nervös hinzu, „sehr hohe Dame. Bleib weg. Hm?“

„Warte einen Moment.“ Peter holte den anderen Papierball hervor und entfaltete ihn in der Nähe der orangefarbenen Flamme. Die Innenseite war rot – das irdische Rot von Porphyr – und durch das Falten zerkratzt und verunstaltet. Fast vollständig überdeckt von Falten und Kratzern war dort eine Kritzelei zu erkennen, offenbar mit der Spitze eines Messers in die glasierte Oberfläche eingeritzt. Der obere Teil war unleserlich. Auf…

Page 19

Auf der unteren Fläche konnte er mit Mühe das einzige Wort erkennen: Vandalia. Er trug es zur Tür, schob den Riegel beiseite und ließ das schwache, graue Licht darauf fallen. Die anderen Wörter waren zu stark beschädigt, um gelesen werden zu können.

„Hi!“

Er kehrte zu Lo Ongs Seite zurück. Der knochige Finger kreiste aufgeregt um einen schwarzen Fleck in der unteren Ecke des Reispapiers.

„Was ist das?“

„Len Yang. Len Yang! Verstehst du?“

„Oh! Und wer ist Len Yang?“

Lo Ong schüttelte unruhig den Kopf. „Len Yang – die Stadt. Verstehst du? Shanghai – Len Yang – vierzehn Tage.“

„Vierzehn Tage von Shanghai nach Len Yang?“

„Nein. Nein! Vierzig.“

„Vierzig?“

„Öh.“ Die abgeflachte Nase bewegte sich auf und ab. „Bleib weg – ai?“

„Maskee“, antwortete Peter – im Großen und Ganzen: Das geht dich nichts an.

Lo Ong öffnete den Riegel der Tür, um anzudeuten, dass das Gespräch beendet war. „Bleib weg – ai?“, wiederholte er besorgt. Moore grinste auf seine eigenartig unaufrichtige Weise, stieß die schwarze Tür auf – und ein langer, grauer Arm aus Nebel tastete sich an Lo Ongs Gesicht vorbei.

KAPITEL III

Page 20

Der Junior-Operator spielte mit der schweren Sendetaste, während Peter Moore – der das Verhalten seines Apparats genauso gut kannte wie die Launen eines alten Freundes – die Helixstecker justierte, den Motor-Generator startete und dem streng blickenden Funkinspektor versicherte, dass die Wellenstärke genau so war, wie sie sein sollte.

Dann brummte der Inspektor misstrauisch und wollte wissen, ob die Hilfsbatterien richtig aufgeladen waren. Mit einem leichten Lächeln schloss Moore das Hilfssystem an, drückte auf die Taste – und ein blauer Funke sprang zwischen den Messingkontakten über der dicken Gummispule über.

„Ich denke, das wird funktionieren“, sagte der Inspektor. „Die Antenne leckt doch nicht, oder?“

„Nein“, antwortete Peter.

Der Beamte warf noch einen letzten Blick auf die glänzenden Instrumente und ging. Daraufhin drehte sich der Junior-Operator halb in seinem Drehstuhl um und zeigte Peter einen Ausdruck sanften Flehens. Zwei graue Augenlider hoben und senkten sich über leuchtend schwarze Augen – eines davon schien keinen Fokus zu haben. Peter erinnerte sich daran, dass der Chef etwas über einen zweiten Operator gesagt hatte, der nur ein menschliches Auge hatte und das andere aus Glas bestand.

„Ist das Ihr erster Einsatz?“

Das fahle Gesicht neigte sich leicht, die blassen Lippen bewegten sich trocken.

„Ich komme gerade von der Schule. Ich bin noch ziemlich unerfahren. Sie wissen schon…“

„Ich verstehe. Es ist besser, wenn ich den ersten Dienst übernehme. Ich bleibe bis Mitternacht hier. Danach gibt es kaum noch etwas zu tun. Vielleicht müssen Sie nur einen Standortbericht senden. Achten Sie darauf, nicht zur Marinezeit zu arbeiten. Der Chef wird Sie bei Langstreckenübertragungen genau im Auge behalten. Je weiter Sie senden, desto besser gefällt ihm das. Wie ist die Verbindung? Haben Sie schon zugehört?“

„Meinen Sie die Störgeräusche? Ich habe etwas gehört. Aber es schien ziemlich weit entfernt zu sein.“

Page 21

Peter justierte die mit Nickel überzogenen Bänder um seinen Kopf und drückte die Gummiringe fest gegen seine Ohren. Er neigte den Kopf leicht. In den Kopfhörern war ein fernes, aber lautes Rascheln zu hören – als würden unzählige Nadeln über Glas reiben. Dies wurde durch elektrische Ladungen in der Luft verursacht, die von Funkern als „Statische“ bezeichnet werden. Durch dieses Rascheln hindurch war eine klare, glockenartige Tonfolge zu hören. Die Station San Pedro wollte offenbar etwas an ein Kriegsschiff vor der Küste übermitteln.

Mit feinen Fingern drehte Peter den Tuningknopf etwas weiter. Dale, der jüngere Operator, stand mit den Händen hinter dem Rücken da und blickte Peter mit ängstlicher Bewunderung an. Es schien, als würde er sich jede Bewegung Peters merken, um sie später wiederholen zu können.

„Ah – hätten Sie etwas dagegen, wenn ich ein paar Fragen stelle? Ich bin nämlich noch ziemlich unerfahren.“

„Fragen Sie ruhig!“, sagte Peter freundlich.

„Wo esse ich? Mit der Besatzung? Ich habe gehört, dass auf vielen Schiffen man mit der Besatzung isst.“

„Nein. Im Hauptesssaal. Herr Blanchard, der Schatzmeister, wird sich um Sie kümmern. Treffen Sie ihn um halb sieben.“

Ein tiefes, monströses Beben, das in ein Gebrüll verwandelte – halb Brüllen, halb Schrei – kam aus den Kesseln der Vandalia.

„Es ist ziemlich interessant, zuzusehen, wie wir ablegen“, sagte Peter, als der Lärm nachließ. „Aber seien Sie vorsichtig – es gibt hier keinen Geländer um diese Decks.“

Er kniete neben dem Motorgenerator und hielt ein Stück Schleifpapier zwischen den Fingern, als die zitternde Stimme des jüngeren Operators in der Tür erscholl: „Herr Moore, es gibt Unruhe am Dock.“

Peter folgte den schmalen Gangways zur Rechten Seite und blickte nach unten. Die Vandalia löste sich langsam vom Anleger – dabei wurde ihr Heck stark gezogen. Er stellte fest, dass die Leinen immer noch fest waren. Eine Reihe von…

Page 22

Die Freunde, Ehefrauen, Ehemänner und Geliebten der Passagiere bewegten sich langsam zum Ende der Pier, um ein letztes Abschiedswinken zu machen.

Irgendetwas schien am Uferende der Gangway nicht in Ordnung zu sein – denn obwohl das Schiff bereits ablegte, war die Gangway immer noch hochgeklappt. Mitten in der aufgeregten Menge surrte ein Taxi und stieß Rauch aus. Als die Tür aufgerissen wurde, kam es zu einem allgemeinen Abschiedswinken unter den Leuten. Zwei Gestalten traten hervor, verschwanden aus dem Blickfeld und tauchten wieder am Fuß der Gangway auf. Von der Brücke ertönte ein unverständliches Rufen.

Eine der Gestalten schien zu kämpfen und klammerte sich an das Geländer. Für einen Moment schien sie in Peters Richtung zu blicken. Doch ihr Gesicht war kaum zu erkennen, da es von einem dichten grauen Schleier verhüllt wurde. Eine graue Kapuze bedeckte ihre Haare, und ein langer Umhang reichte bis zu ihren Schuhen.

Geduldig drängte sie eine chinesische Frau in einem Seidenjackett, Hosen und juwelenbesetzten Hausschuhen voran. Ein Zollbeamter versuchte, sich durch die Menge zu drängen, wurde aber irgendwie aufgehalten. Die Gestalt mit der grauen Kapuze wurde plötzlich schlaff, und die Chinesin hob und schob sie halb, bis sie das Promenadendeck erreichten.

In diesem Moment spürte Peter, wie ein starrender, lebloser Blick auf ihn gerichtet war.

„Was halten Sie davon, Herr Moore?“, wollte der jüngere Mitarbeiter wissen.

„Von dem?“ sagte Peter. „Nichts – überhaupt nichts. Übrigens habe ich vergessen, Ihnen zu sagen, dass der Kapitän strenge Befehle erlassen hat, denen zufolge Unteroffiziere die rechten Decks nicht benutzen dürfen. Immer, wenn man nach vorne oder nach hinten geht, muss man auf der linken Seite gehen.“

KAPITEL IV

Page 23

Peter übergab das Logbuch sowie die Funkanlage an Dale, wenige Minuten vor Mitternacht.

„Alles ist geklärt. Die Störgeräusche sind schlimmer geworden – KPH möchte vielleicht, dass du eine oder zwei Nachrichten nach Honolulu weiterleitest. Wenn du Probleme hast, lass es mich wissen.“

„Ja, ja“, antwortete Dale und blickte nervös über seine Schulter. „Ich werde es tun. Danke.“

Peter ließ ihn dem Zufall der Störgeräusche überlassen. Als er die eiserne Leiter zum Promenadendeck hinunterstieg, glaubte er, jemanden unter sich in Bewegung zu sehen. Die Gestalt – wer oder was auch immer es war – glitt an der weißen Wand entlang und verschwand, als sein Fuß den Boden berührte. Er eilte ihr nach.

Als er ins Licht trat, erreichte ihn ein leises, zischendes Flüstern. An der Tür zum Quergang sah er gerade noch, wie ein graues Kleidungsstück sowie ein Fuß in Sandalen über den Eingangsbereich huschten. Er riss die Tür auf und folgte ihnen.

Ein vertikaler Streifen gelben Lichts durchschnitt die Dunkelheit des Korridors, als eine Tür leise geschlossen wurde. Er hörte das leise, ferne Klicken eines Türschlosses. Nachdem er die Eingänge gezählt hatte und sicher war, keinen Fehler gemacht zu haben, klopfte er an. Als Antwort hörte er das Geräusch aus dem Maschinenraum. Er versuchte, den Türgriff zu bewegen – doch dieser ließ sich nicht bewegen. Er zündete ein Streichholz an. Es handelte sich um Kabinennummer vierundvierzig.

Peter ging ins Büro des Schiffskaufmanns. Wie er gehofft hatte, drang Licht durch das wellige, grüne, runde Fenster. Er klopfte leise – eine Stimme bat ihn herein.

Blanchard, der Schiffskaufmann, wirkte kleinwüchsig und hatte ständig gebeugte Schultern. Er blickte von einem Stapel Frachtrapporten auf und blinzelte durch seine dicken, stählernen Brillengläser zu seinem Störenfried. Seine Augen waren rot und trüb, mit einer graublauen, unklaren Struktur – was Peter immer an Austern erinnerte. Blanchard war bereits seit dreizehn Jahren Schiffskaufmann auf der Vandalia, und Peter wusste, dass der Mann genauso schwatzhaft war wie eine Auster.

„Nun, nun!“, sagte Blanchard mit dem knappen, brüchigen Akzent des Alters. „Du bist also wieder da, hm? Nun, nun, nun.“ Dabei lag keinerlei Betonung in seinen Worten.

Page 24

Die Wörter – sie wurden alle aus demselben Stück altem Metall gefertigt.
„Hier bin ich!“, stimmte Peter mit mäßigem Enthusiasmus zu. „Der ‚schlechte Penny‘!“
„Ha, ha! Der ‚schlechte Penny‘ kehrt zurück!“ Der Ausruf erstarb in einem vergeblichen Husten.
„Was machst du um diese Nachtzeit noch auf dem Schiff, he? Nach drei Glockenschlägen – es ist Zeit für anständige Leute, fest zu schlafen. Oder lässt du das Radio unbeobachtet?“
„Ich suche nach Informationen.“ Peter zog sich mit steifen Armen auf die einzige Pritsche des Schatzmeisters hoch.
„Nach Informationen suchen?“, fragte die dünne Stimme – sie klang überrascht und zittrig. „Seltsamer Ort, um danach zu suchen. Was geht dir durch den Kopf, he?“
„Chinesen!“
Blanchard schob die rostigen Brillengläser auf seine Stirn – die regungslosen grauen Augen schienen im schwachen Licht zu glänzen. „Chinesen? Welche Chinesen?“ Die Brille rutschte wieder an ihren Platz.
„Eine Frau – sie kam an Bord, als wir heute Nachmittag ablegten. Wer ist sie? Wo ist sie? Woher kommt sie? Wohin geht sie? Wer ist bei ihr? Das möchte ich herausfinden.“
„Ist das alles?“, quiekte Blanchard. Seine runzligen, trockenen Lippen bewegten sich, als würde er mit sich hadern. Hinter dieser alten grauen Maske schien ein Konflikt von Emotionen stattzufinden. „Wozu – wozu eigentlich?“, flüsterte er zögernd.
„Meine private Neugier“, lächelte Peter. „Ich bin nur neugierig – mehr nicht. Ich wollte keine geheimen Geheimnisse aufdecken.“ Er tat so, als wolle er gehen.
„Sparks! Hab keine Eile. Ich bin doch nicht so beschäftigt.“
„Nun?“
„Was bedrückt dich? Vielleicht kann ich dir helfen.“

Page 25

„Wer sind die Bewohner der Kabine Nummer vierundvierzig?“, antwortete Peter.

Wieder veränderte sich der Ausdruck seines Gesichts – wie Wasser, das von einem bösen Wind getroffen wird.

„Vierundvierzig!“ Die Worte klangen wie leichte Explosionen.

Aus einer geräuschlos geöffneten Schublade wurde ein langes Kartonblatt mit blauen und roten Linien hervorgeholt.

„Die Passagierliste. Wir werden sehen.“ Blanchards roter, glänzender Zeigefinger fuhr die Spalte mit den Namen entlang und hielt bei der Zahl vierundvierzig an. Der entsprechende Platz war leer. „Sehen Sie?“

„Leer?“

„Leer.“ In Blanchards gebrochener Stimme war unverkennbar ein Hauch von Triumph zu hören.

„Ich störe Sie noch mit einer letzten Frage: Wer ist Len Yang?“

Ein Ausdruck des Zweifels, der Ungläubigkeit – fast schon leichter Empörung – zeigte sich auf seinem Gesicht. Doch Blanchard schüttelte nur den Kopf, als würde er es nicht verstehen.

Peter stieg vom Bett herunter. „Ich werde wohl mal aufs Deck gehen, falls der Nebel sich lichtet. Gute Nacht, Schatzmeister.“

Blanchard wollte etwas sagen, überlegte es sich aber offenbar anders und nahm seinen Stift wieder zur Hand. Als er versehentlich die feine Spitze in die rote Tinte tauchte, warf er erneut einen finsteren Blick über die Schulter. Der Funker blieb in der Tür stehen und zögerte, sie zu schließen.

„Gute Nacht, Sparks.“

Page 26

KAPITEL V

Die Vandalia glitt majestätisch durch die langen, toten, schwarzen Wellen. Peter kämpfte sich nach vorne zum einzigen Ausguck auf dem Gipfel und blickte über den Rand. Breite, phosphoreszierende Wellenkämme brachen mit einem lauten, rauschenden Geräusch über die steilen Wellenränder. Seine Blicke wanderten hin und her über die Leere – sein Verstand versuchte, diese neue Komplikation zu verstehen.

Die wichtigen Informationen, die er vielleicht von Blanchard erfahren hatte, wurden durch die misstrauische Haltung des Schatzmeisters überschattet. Blanchard wusste etwas – aus irgendeinem Grund entschied er sich jedoch nicht, es preiszugeben. Das machte die Situation interessanter – wenn auch etwas komplizierter.

Er war nun ziemlich sicher bezüglich einiger Dinge – obwohl er eigentlich keine konkreten Beweise dafür hatte. Die chinesische Frau mit den bösen Augen sowie alle, die sie erfolgreich hinter sich im Dachraum über Ah Sih Kings Unterkunft versteckt hatte, waren jetzt an Bord der Vandalia. Er war sich ziemlich sicher, dass er sie in der Frau wiedererkannt hatte, die in letzter Minute vor Abfahrt zusammen mit der Gestalt im grauen Umhang an Bord gekommen war.

Er erinnerte sich an die Szene am Pier – ihm fiel ein, dass die Augen hinter dem grauen Schleier, bevor ihr Besitzer aufs Deck gebracht und außer seinem Blickfeld geriet, ihn für einen langen Moment anstarrten.

„Vier Glockenschläge – alles in Ordnung!“, rief der Ausguck, als vier laute Schläge vom Heck des Steuerhauses her zu hören waren.

Und Blanchard hatte bewiesen, dass Kabinennummer vierundvierzig unbewohnt war. Peter beschloss, morgen vielleicht einen Schlüssel beim Chefingenieur zu leihen, um Kabinennummer vierundvierzig zu untersuchen. Mit dem Gefühl, kurz davor zu stehen, etwas zu entdecken, das eigentlich nicht existierte, bereitete er sich darauf vor, ins Bett zu gehen.

Er war noch nicht ausgezogen, als das Schloss knarrte, die Tür aufsprang – und das blasse Gesicht von Dale erschien neben ihm. Ein Versuch zu lächeln endete in einem keuchenden Schluchzen. Der kraftlose Körper fiel neben Peter auf das Bett; Dales weißes, schweißbedecktes Gesicht wurde von seinen gelähmten Händen bedeckt.

Page 27

„Spürst du die Bewegung?“ Peter zog eine der Hände herunter und enthüllte vorsichtig das ausdruckslose Auge.

„Ich wünschte, ich wäre tot!“

„Möchtest du, dass ich deinen Trick zu Ende bringe?“

Dales Gesicht verschwand im Kissen. Einen Moment lang war es völlig ausdruckslos. Sein Kopf drehte sich leicht, wodurch sich eine gelbe, spitze Nase gegen den Weißton der Bettwäsche abzeichnete.

„Die Störgeräusche sind viel schlimmer, Herr Moore. Frisco hat mir bereits dreimal dieselbe Nachricht geschickt – sie ist für Honolulu bestimmt. Er sagt, er werde es nicht noch einmal tun.“ Die blassen Lippen zitterten vor Qual. „Und es scheint eine seltsame Art von Störgeräusch in den Empfängern zu geben. Die Dynamos im Maschinenraum könnten dafür verantwortlich sein.“

„Das ist seltsam“, überlegte Peter, während er seinen blauen Mantel anzog. „Soweit ich mich erinnern kann, gab es an Bord noch nie solche Störungen. Gibt es ein Summen – oder was?“

„Nein, es ist eher ein reibendes Geräusch, wie Störgeräusche. Es klingt wie Störgeräusche – ist aber doch nicht dasselbe. Ein eher heiseres Dröhnen, wie bei einer defekten Zündspule.“

Zwei ordentliche Reihen weißer Zähne umschlossen die zitternden Lippen. „Dieses schreckliche Störgeräusch – und der Rover ruft uns ständig an.“ Er stöhnte qualvoll. „Ich konnte auf keine der Anrufe antworten. Ich lag auf dem Teppich!“

„Schlaf etwas“, riet Peter. „Wenn es dir besser geht, komm hoch und hilf mir. An deiner Stelle würde ich nicht rauchen, wenn es so schlecht ist.“

„Ich werde kein weiteres Zigarette mehr rauchen, solange ich lebe!“

Peter zog seine Uniform an, legte sich einen Ölmantel über die schlanken Schultern und machte sich auf den Weg zum Funkraum. Die Empfänger lagen auf dem Boden.

Page 28

Die Vandalia betrat eine Zone aus blasser, dünner Nebelwand, die um die Deckbeleuchtung herum kreisförmige, neblige Aureolen erzeugte. Der mit Planen bedeckte Motor unter den Ladeflächen knarrte, als der Heckbereich der Vandalia in eine Vertiefung sank; das Dröhnen der Motoren wurde gedämpft und tiefer. Ein Tropfen weißer Schaum glitzerte auf der schwarzen Oberfläche und verschwand anschließend im Heckbereich.

Das Funkhaus wirkte im Schein seiner grünen und weißen Lichter warm und gemütlich. Als er die Tür öffnete, strömte ein Geruch nach billigem Zigarettenrauch heraus.

Peter setzte sich die Gummikappen über die Ohren und drückte auf den Regler des Tuners. In dieser Nacht war das Rauschen stark – es plätscherte, explodierte und zischte in den Empfängern.

Die elektrischen Lichter wurden unter der Belastung des leistungsstarken Motors schwächer, als er an dem Starthebel drehte. Die weißglühende Funke entstand in Form einer Reihe von Punkten und Strichen. Er schaltete den Antennenstecker ein und lauschte.

KPH – der Sender in San Francisco – war trotz des Störgeräusches klar und laut zu hören. Peter bestätigte die Verbindung, stellte auf den Sender Kahuka Head in Honolulu um und übertrug die Nachricht erneut.

Nachdem er den Empfänger sensibilisiert hatte, drehte er den Tuner für die höheren Wellenlängen. Aus der Ferne drang weiteres Rauschen herein. Dann durchbrach ein schwaches, musikalisches Heulen – wie von einer Geigen-Saite – dieses Rauschen. Es handelte sich dabei um den Sender der Regierung in Arlington, Virginia, der Schiffen im Südatlantik eine Sturmwarnung übermittelte. Das Heulen hielt fünf Minuten an. Anschließend drehte Peter den Tuner wieder nach unten, um auf kommerzielle Wellenlängen zu hören.

Ein hartes, unmelodisches Geräusch – wie Schleifpapier auf hellem Bronze – war in den Kopfhörern zu hören. Unter den zitternden Fingern eines offensichtlich verängstigten und unerfahrenen Operators wurden die Signale in unkoordinierte Punkte und Striche umgewandelt. Waren das die Geräusche, die Dale beunruhigt hatten? Für eine Weile ergaben die Signale keinen verständlichen Sinn. Der unbekannte Sender wiederholte offensichtlich immer wieder dasselbe Wort. Dieses Wort bestand aus vier Buchstaben: H-I-J-X. Ein anderes Mal waren es S-E-L-J – und noch einmal L-P-H-E.

Page 29

Die mühsame Anstrengung des Senders – wie die scharfen Ohren des Empfängers erkennen konnten – war in jedem Fall identisch. Oftmals war das Wort völlig unverständlich; die Signale bedeuteten nichts.

Plötzlich hob Peter den Kopf. Aus dem Chaos ragte das Wort hervor – genauso wie ein unsichtbares Schiff oft deutlich in einer Nebelschlucht zu erkennen ist. Immer wieder, in unregelmäßigen Abständen, formten diese Signalen das Wort H-E-L-P.

Er wartete auf eine Bestätigung vom Sender. Doch es kam keine. Nach dem letzten Buchstaben „p“ hörten die Signale auf.

Für eine Minute oder zwei herrschte Stille, während Peter nervös nachdachte. Dann rief eine andere Station ihn an. Ein lautes Summen erfüllte den Empfänger. Peter gab das Signal für „k“. Die klare Stimme des Transportschiffs Rover sagte: „Ich kann KPH nicht erreichen. Können Sie für mich eine Nachricht senden?“

„Sicher!“, antwortete der Operator von Vandalia. „Aber warten Sie einen Moment. Haben Sie gehört, wie ein defektes Hilfsgerät um Hilfe bittet? Es stört mich bereits seit fünfzehn Minuten. Es scheint ganz in der Nähe zu sein, K.“

„Nichts“, antwortete Rover gelassen. „Es kann nicht in der Nähe sein – sonst würde ich es auch hören. Ich kann Ihre Lichter aus meinem Fenster sehen. Sie befinden sich auf unserer Backbordseite. Hier ist die Nachricht.“

Peter nahm die Nachricht entgegen, übertrug sie an den Operator von KPH und rief anschließend telefonisch die Brücke an. Quine, der Erste Offizier, antwortete verschlafen.

„Hat der Wachmann in der letzten Stunde außer dem Rover ein weiteres Schiff gemeldet?“

„Ist das der Rover auf unserer Backbordseite?“, fragte Quine überrascht. Wie die meisten Seemänner der alten Schule betrachtete er das Funkgerät als Störung. Doch gelegentlich überraschte es ihn mit seinen Informationen.

„Das ist das einzige Schiff in Sicht, Sparks.“

Page 30

Peter machte einen Eintrag ins Logbuch, faltete die Hände und schloss die Augen.
Die Leyden-Flaschen klirrten in ihren Mahagoni-Fassungen, während die Vandalia eine Welle erklomm, ins Wanken geriet und anschließend in die Vertiefung hineinfuhr. Weit entfernt von ihrem Schwerpunkt verhielt sich das drahtlose Haus wie ein Expressaufzug – doch der Stuhl im drahtlosen Haus war mit Bolzen am Boden befestigt.

Falten der Verwirrung zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Hatte dieses unregelmäßige Rauschen etwas mit jenen anderen, formlosen Ereignissen zu tun? Falls nicht – welche erschreckende Kreatur bat ihn auf diese chaotische Weise um Hilfe?

Ein einfacher Test würde zeigen, ob die Signale ihren Ursprung in der Nähe hatten – also in einem Miniaturgerät an Bord des Schiffes. Er hoffte verzweifelt auf diese Gelegenheit. Und weniger als eine halbe Stunde später ergab sich diese Gelegenheit tatsächlich.

Eine mit Teer überzogene Schnur strich über den weißen Untergrund des Rettungsboots, das sich aus dem Deck vor der Tür hob und bei jedem Aufbäumen der Motoren ein dumpfes, knirschendes Geräusch von sich gab. Der quadratische Bereich darüber war von wirbelnden Sternen übersät – vor einem purpur-schwarzen Himmel.

Peter, der die mit Teer überzogene Schnur betrachtet hatte, drehte sich in seinem Stuhl um und ließ einen nervösen Finger auf das silberfarbene Kabel fallen, das gegen den glänzenden Detektorkristall lag. Eine kleine, blau-rote Flamme sprang von seinem Finger auf den Kristallchip! Der verzweifelte Sender befand sich an Bord der Vandalia!

Die unregelmäßigen Signale nahmen allmählich die Form von verständlichen Punkten und Strichen an. Die frühere Unregelmäßigkeit war verschwunden – als wäre die zitternde Hand des Senders durch eine überwältigende Notwendigkeit gestützt worden; die Signale wurden durch den Druck der Angst klarer.

„Versuchen Sie nicht, mich zu finden“, stammelte die Stimme, bevor sie verstummte.

Es schien, als würde in Peters Kehle ein wahnsinniger Puls zum Leben erwachen. Seine Finger, die am unteren Teil des kleinen Instruments arbeiteten, waren kalt und feucht.

„Sie müssen warten“, krächzte der unbekannte Sender zögernd. „Sie müssen mir helfen! Man beobachtet Sie.“

Page 31

Für einen Moment war in den Empfängern kein Geräusch zu hören – außer dem Schlagen seines Herzens.

Klick! Schnapp! Zischen! Dann: „Warten Sie auf die Lichter Chinas!“

Die Empfänger wurden auf den roten Notizblock geworfen, und Peter eilte auf das Deck hinaus. Mit einem lauten Knall schloss er die Tür hinter sich und starrte auf die weißen Strahlen, die im rasch fließenden Wasser erschienen. Die vorsichtigen Berührungen dieses unbekannten Senders waren unbeschreiblich feminin!

Im Hintergrund der Funkkabine ertönte ein metallisches Geräusch. Es war ein Schritt zu hören – gleichzeitig stieß eine unförmige Gestalt gegen seine Seite. Die Hände dieser Person waren ölig und heiß und tasteten über seinen Körper. Beide stöhnten.

„Bist du’s, Sparks?“ Es waren Luffbergs deutsche, kehlige Worte – er gehörte zu den Männern, die Wache hatten. „Ich habe gerade den Ventilator repariert. Der Chef fragt sich, ob du schon wach bist. Er will wissen, warum du nicht runtergekommen bist, um Hallo zu sagen.“

Peter beschloss, einen Teil seiner Probleme mit Minion zu besprechen.

KAPITEL VI

Schon früh während seiner Tätigkeit in der Funkkabine der Vandalia hatte der erste Funker die warme Freundschaft des Chefingenieurs gewonnen. Ein Funker ist für seine innere Ruhe viel mehr von der Besatzung im Maschinenraum abhängig als von der Besatzung vorne im Schiff. Letztere hat nur ein Interesse an ihm: dass er sich an seine Instrumente hält. Die Besatzung im Maschinenraum hingegen ist die Quelle all seiner Vorteile – diese Vorteile nehmen die unsichtbare, lebenswichtige Form von elektrischem Strom an.

Funkgeräte sind Energieverschwender. Nicht ein Zehntel der Energie, die aus den Leitungen des Schiffes entnommen wird, kommt tatsächlich zum Einsatz.

Page 32

Durch das Labyrinth aus Spulen und Behältern bis zu den Antennen zwischen den Mastspitzen.

Die Ausrüstung im Maschinenraum der Vandalia wurde bereits lange bevor die drahtlose Telegrafie zu einem Bedürfnis auf See sowie zu einer staatlichen Vorgabe wurde, installiert. Deshalb protestierten ihre Dynamos heftig gegen die Belastung, die ihnen durch das Funkgerät auferlegt wurde. Jeder Elektromotor unterscheidet sich von jedem Dampfmaschine: Dampfmaschinen leisten eine bestimmte Menge an Arbeit – nicht mehr. Dynamos oder Motoren hingegen können viel mehr Arbeit leisten – und sogar noch mehr. Sie können ohne Rücksicht überlastet werden. Doch die Belastung zeigt ihre Wirkung: Robuste, zuverlässige Bauteile werden heiß, verschleißen, zerfallen oder brechen.

Im Fall der Vandalia reduzierte sich die Frage, ob den Funkern die gesamte benötigte Strommenge zur Verfügung gestellt werden sollte, auf die einzelnen Personen.

Hätte Minion Peter Moore nicht gemocht, hätte er die Dynamos in den kritischen Momenten, in denen der Bediener hohe Spannung benötigte, verlangsamen können. Doch Peter hatte bereits zuvor Erfahrungen mit den Chefingenieuren gesammelt. Zunächst versuchte er, Minions Gunst mit guten Zigarren, Nachrichten aus dem Funkbereich sowie unermüdlicher Höflichkeit zu gewinnen. Als er feststellte, dass der Chef im Grunde ein Sentimentaler und von Natur aus Dichter war, schenkte er ihm ein günstig gebundenes Buch seines Lieblingsautors. Kühn – aber ein Meisterstreich! Seitdem hatte er nie wieder Probleme mit der Spannung – und zwar in ausreichender Menge.

Während er den schweißbedeckten, nur mit Unterhemd bekleideten Schultern folgte, um zum Maschinenraum zu gelangen, überlegte er, ob es ratsam sei, Minion vollständig in sein Vertrauen aufzunehmen. Von dort aus führte der Weg über das ölverschmierte Gitter aus glänzenden Stahlstäben – eines der zahlreichen, gefährlichen „Oberdecks“, die die Zylinder umgaben.

Minion hatte ein besonders heißes Lager im linken Wellengang zu bewältigen.

Der dicke Zylinder drehte sich mit einem angenehmen Klingelton; die Konturen der häufig bewegten Gelenke verschwanden im gelben, gewölbten Gang, bis sie schließlich an dem Punkt ankamen, an dem die Welle durch den Rumpf führte. Das Schlagen der großen Propeller schien die feuchte Atmosphäre abwechselnd zusammenzudrücken und auszudehnen.

Page 33

Das traurige, weiße Gesicht von Minion tauchte aus den tropfenden Seiten des Journal heraus auf, als er Peter im gewölbten Eingang sah. Ein blasses Lächeln erschien auf seinen Lippen.

Der Chef spiegelte keineswegs seine monströs zuckenden, ölgetränkten Umgebung wider. Er war ein kleiner, bedächtiger Mann mit unerschöpflichen Energien. Seine Haut hatte die wachsartige Weißheit einer Teichlilie. Ein exquisit gestutzter schwarzer Schnurrbart zierte seinen Mund. Die dunkelbraunen Augen eines Visionärs lagen unter den sanften, sickelförmigen Kurven seiner dünnen, spitzen Augenbrauen.

„Sie sehen besorgt aus“, sagte Minion, als sich ihre Hände berührten. Seine leise Stimme hatte eine Klarheit, die sie gut durch das Chaos der Geräusche im Maschinenraum trug. „Warum sind Sie so früh – oder so spät hier? Ist etwas nicht in Ordnung?“

Peter holte eine Zigarette hervor und zündete sie nervös an der flackernden Flamme an, die Minion ihm reichte. „Mr. Minion, da ist etwas im Gange“, klagte er und zögerte. Er stand kurz davor, zu erzählen, was er auf dem Promenadendeck gesehen hatte, von der Verwirrung am Anleger, vom unerklärlichen Verhalten der Frau im Fenster über Ah Sih Kings Laden, von Blanchards misstrauischem Verhalten sowie vom jüngsten Hilferuf. Wieder hielt ihn etwas zurück.

„Mr. Minion, was ist Len Yang? Und wo liegt es?“

Minions augenbrauen zogen sich zusammen. Seine klaren, braunen Augen ruhten auf seinen Lippen, als würde er auf eine Erklärung warten. Plötzlich verhärteten sich seine Züge. Seine ganze Haltung schien sich augenblicklich zu ändern – von freundlichem Interesse zu heftiger Verteidigungshaltung.

„Len Yang ist eine Stadt in China. Warum?“

Der Operator vermutete, dass Minion Zeit schinden wollte.

„Wo liegt Len Yang?“

„Meinen Sie, wie man nach Len Yang kommt?“

Page 34

„Eins von beidem.“

„Herr Moore“ – der Verdacht verschwand aus dem Gesichtsausdruck des Chefs; er wirkte nun ruhig und ernst – „Sie sind kein Amateur. Sie haben Urteilsvermögen. Der Mann, der Len Yang kontrolliert, ist der Besitzer der Vandalia.“

„Ich dachte, die Pacific and Western Atlantic Transport Line sei ihr Eigentümer!“

„Dieser Mann – er ist Chinesen. Oh, ich habe ihn noch nie gesehen, Herr Moore. Einer der reichsten, unbekannten Adligen Chinas – die zentrale Figur im Netzwerk der Cinnabar-Ringe. Sind Sie denn noch nie mit uns den Fluss hinaufgefahren, um in Soo-chow zu laden?“

Peter schüttelte den Kopf. „Der Cinnabar aus seinen Minen wird per Dschunken den Jangtse hinuntergebracht und in Soo-chow umgeladen?“

Minion schien nicht zuzuhören. Seine Augen waren voller entsetzlicher Erinnerungen. „Ein schrecklicher Ort – grauenhaft! Vor fünf Jahren besuchte ich Len Yang. Abscheuliche Menschen mit starren Augen, die das blutrote Schleim aus den Minen absonderten! Und Mädchen! Junge Mädchen! Schön – für eine Weile.“ Er seufzte. „Sie arbeiten in diesem grausamen Loch!“

„Junge Mädchen?“ rief Peter aus.

„Importiert. Aus allen Richtungen. Ich versuchte herauszufinden, warum. Es gibt keine Erklärung. Sie kommen – sie arbeiten – sie werden abscheulich – sie sterben! Das ist seine Gewohnheit. Niemand versteht das. Arme Kreaturen!“

Peter starrte ihn prüfend an. „Sind Sie sich sicher, dass er sie importiert, damit sie in den Minen arbeiten?“

Minion nickte heftig. „Da bin ich mir sicher. Ich bin als sein Gast den Fluss hinaufgefahren. Probleme mit den Pumpen zur Abpumpung des Wassers. Hunderte von ihnen ertranken wie Ratten. Len Yang liegt in der Nähe der Handelsrouten nach Indien. Lepra – Schmutz – Ungeziefer! Gott! Sie hätten die Ratten sehen sollen! Monster! Sie fressen die Mädchen. Arme Teufel! Und sie leben in Höhlen, die aus dem Rubin-Schlamm gehauen wurden.“

Page 35

Er riss den Klumpen Abfall von seiner linken Hand und zermalmte ihn unter seinem Absatz.

„Und inmitten all dieser Schrecklichkeit – sein Palast! Schneeweißer Marmor, weißer noch als der Taj bei Mondlicht. Doch seine Basis ist rot gefärbt, ein blutroter Schimmer vom Zinnober. Verflucht sei er!“

„Keine Fluchtmöglichkeit?“, murmelte Peter.

„Flucht!“, schrie Minion. „Dang hsin! Man nennt ihn den Grauen Drachen. Er erstreckt sich über ganz Asien. Das ist keine Übertreibung. Nehmen Sie meinen Rat an, Herr Moore: Wenn Ihnen eines seiner Komplote in die Hände fällt – ní chü bà – mischen Sie sich nicht ein!“

Das weiße Gesicht zuckte, und aus einem neuen Grund unterdrückte Peter den Impuls, dem aufgeregten Minion zu erzählen, was er gesehen hatte. Ihr Gespräch wandte sich allgemeinen Themen an Bord zu. Als er ging, lieh er sich den Schlüssel des Chefingenieurs aus, mit der Begründung, er sei in der Funkkabine eingeschlossen worden.

Abgesehen von einem starken Gegenwind hatte das Schiff nun auch noch mit hohen Wellen zu kämpfen. Weit jenseits des Lichts der verstreuten Lichter leuchteten die Sterne blass. An den Gipfeln der Wellen erschienen weiße Spritzer.

Ein Hagel aus stechendem Sprühwasser, der von einem starken Windstoß ins Innere geweht wurde, traf Peters Gesicht, als er vorwärts kämpfte. Die Tropfen prallten wie kleine Kugeln gegen die Schutzbrille seines Hutes und brannten in seinen Augen. Die nadelfeinen Tropfen waren eiskalt. Der elastische Stoff der Vandalia zitterte; ihre breite Nase tauchte immer wieder in eine Reihe schwarzer Berge ein. An den Wellenkämmen tobte es, als das herabstürzende Wasser zurück zur Oberfläche gesogen wurde.

Als er den Quereingang erreichte, stemmte er all seine Kraft gegen die Winde, die die Tür festhielten, und kroch den Gang entlang.

Sein Herz pochte, als seine tastenden Finger die kalten Eisenziffern auf dem Paneel ertasteten. Nervös steckte er den Schlüssel ins Schloss und lauschte.

Page 36

Rhythmisches Schnarchen drang aus einem geöffneten Bullauge in der Nähe. Welche anderen nächtlichen Geräusche dort draußen wohl vorhanden sein mochten, wurden vom lauten Dröhnen im Maschinenraum übertönt.

Das Bullauge des Schlafsaals Nummer vierundvierzig war geschlossen. Der Riegel gab nach – die Tür öffnete sich geräuschlos. Auf der gegenüberliegenden Wand glänzte ein rundes, unheimliches Auge. Ihm entgegen strömte der Geruch von frisch aufgetragener Farbe sowie neuem Bettzeug. Das heftige Pochen seines Herzens übertönte das Geräusch der Motoren.

Vorsichtig schloss er die Tür, um die Bewohner der Betten nicht zu wecken. Ihm schien, als könnte er wieder das warnende Zischen eines Flüsterns hören – doch vielleicht kam es aus unbewussten Lippen im Schlaf.

Gierig glitt seine Hand über die emaillierte Wand und fand den Lichtschalter. Um alle Ecken des Schlafsaals abzuleuchten, schaltete er das Licht ein.

Schlafsaal Nummer vierundvierzig – durch dessen Tür er schwören konnte, dass weniger als drei Stunden zuvor ein Fuß in Sandalen darin verschwunden war – war leer!

Die blumenverzierten Vorhänge der weißen, emaillierten Betten hingen steif und ordentlich zurück. Unter den Kissen waren die oberen Laken ordentlich gefaltet, wie Wellen an einem Korallenstrand. Er riss die Tür des Schranks auf – leer! Er fand kein Zeichen dafür, dass jemand dort gewesen war; er suchte überall.

Als er den Raum verlassen wollte, wurde ein kleines, rechteckiges Stück weißes Papier unter der Tür hindurchgeschoben. Überrascht zögerte er, beugte sich hinunter, um es zu nehmen, und riss die Tür auf. Ein Windstoß – das Zuschlagen einer Tür – und der Überbringer des Papiers war verschwunden.

Zitternd entfaltete er das Papier. Seine Augen weiteten sich. In der unteren rechten Ecke des sonst leeren Blattes stand hastig gekritzelte Kopie des verschwommenen Symbols, das bei Lo Ong solche Besorgnis ausgelöst hatte.

Dieses Symbol war ihm bereits zweimal aufgefallen – offenbar handelte es sich dabei um eine ernste Warnung. Sollte er darauf achten? Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. Doch das Bullauge glühte leer.

Page 37

Er zündete sich eine Zigarette an, setzte sich auf die Pritsche, stützte das Kinn in die Hände und blickte finster auf den grünen Teppich.

Er fühlte sich von Menschen mit raffinerter List frustriert – das war verrückt. Es handelte sich nicht mehr um ein abenteuerliches Spiel; es wurde zu einem Kampf gegen Waffen, deren einziger Zweck offenbar darin bestand, den Rückzug irgendeines bösen Geistes zu schützen.

Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass er zumindest in einer Hinsicht dankbar sein sollte: Er hatte die Spur nicht verloren, denn die Symbole waren unverändert geblieben.

Doch ab diesem Punkt verschwand die Spur – genauso plötzlich, als wäre ihr Verlauf einfach von der Erde getilgt worden! Seine scharfen Augen und Ohren sowie seine Wachsamkeit nützten ihm Nacht für Nacht nichts. Erst als die funkelnden Lichter von Nagasaki hinter ihnen lagen und die Vandalia ihren Kurs in das gewellte Meer des Gelben Meeres nahm, zeigten sich die Spuren wieder schwach.

KAPITEL VII

Der Gedanke, dass eine Zunahme der Beteiligten an dieser undurchsichtigen Angelegenheit unmittelbar bevorstehen könnte, kam Peter in den Sinn, als die grüne Küste Japans über dem Horizont auftauchte. Mit jedem Schub der Schrauben der Vandalia rückte die Lösung des Rätsels näher. Jeder Schritt verringerte die Entfernung zu den Lichtern an der chinesischen Küste – den Lichtern der Insel Tsung-min. Und dann – was?

In einer Ecke des Rauchsitzungsraums paffte er an seiner Zigarette und beobachtete die Kartenspieler, während er abwesend auf das quadratische Stück grünen Korkes klopfte, das in den Tisch eingelassen war. Das rötliche Licht des Dachfensters schwand allmählich. Die Lichter gingen an. Ein Klirren eines Trommelfells in den Händen eines Stewards ertönte an der Tür, verstummte anschließend und endete in einem fernen, hallenden Geräusch.

Page 38

Die launische Stimme eines Elektrohändlers, der heimlich die finanziellen Interessen Amerikas in der Mongolei vertrat, drang durch den Tabakqualm am Pokertisch.

„——das ist es, was ich wissen möchte. Verdammt nochmal – wahrscheinlich nur Zeitverschwendung, Wu-Sung vor Mitternacht zu helfen – wenn ich etwas Geld hinzulegen würde, würde ich morgen das Flussboot verpassen – nicht schon wieder am Samstag. Verdammt!“

Peter zog lange an seiner Zigarette und blickte nachdenklich zur Decke mit den Eichenpaneelen. Die Chips klickten. Die launische Stimme fuhr fort:

„——die schlimmste Scheiße, die man haben kann. Offensichtlich bezog er sich auf seine Verluste. ‚Schlechte Karten – noch schlechterer Service – ich verpasse meinen Mann – Mukden…‘ Die Stimme verstummte, als ihr Besitzer seinen Kopf halb drehte, von dem intensiven Blick des Spielers fasziniert. Peter wandte den Blick ab. Der Händler konzentrierte sich wieder auf den Croupier.

Die Vandalia fuhr in einen dünnen Nebel hinein. Es war eine kühle, ruhige Nacht. Hätte er auf dem Deck gestanden, hätte er die letzten Lichter von Osezaki sehen können, die, als würde ein Vorhang fallen, verschwanden.

Während der Reise verbrachte er Zeit im Rauchzimmer in der Hoffnung, durch geduldiges Zuhören vielleicht ein informatives Wort aufzuschnappen, das einer der Spieler unachtsam fallen ließ. Doch das Glück war ihm nicht hold. Die Spieler waren Touristen außer Saison, auf dem Weg nach Südchina oder Indien, oder Händler, die sich geduldig der langwierigen Aufgabe widmeten, die Zeit totzuschlagen.

„——dreißig – dreißigfünf – vierzig – vierzigfünf——“ Der Dicke zählte seine Verluste.

Leise, gedämpfte Schritte kamen vom Eingang her. Peter bemerkte einen schwer fassbaren Duft – duftender Reispulver –

„——siebenfünfzig – achtzig – achtzigfünf – neunzig——“

Ein blasses, böses Gesicht erschien für einen Moment in einem der Fenster an Steuerbord.

Page 39

Peter blinzelte, dann eilte er hinterher. Der Verkäufer behinderte seinen Vormarsch und gab widerwillig den Weg frei.

Die Decksfläche war leer – durch den Nebel feucht und rutschig. Plötzlich bemerkte er, dass eines der Lukenfenster in der Nähe des Kabinenraums, in den er eingetreten war, einen Spalt breit offen stand. Nervös hielt er inne; ein langer, zitternder Arm, am Ende eines „gespenstischen“ Handgelenks, griff nach seinem Ärmel. Blass wie der Arm eines jungen Mondes tastete dieser Arm schwach nach seinen Fingern – und zog sich schnell wieder zurück!

Die starrenden Augen eines weißen, gewölbten Gesichts blickten aus dem Loch hervor. Unter der Nase schien das Gesicht gar nicht zu existieren.

Seine Angst umschlang sein Herz wie ein eiserner Strick. Er steckte seinen Arm bis zur Schulter durch die runde Öffnung – berührte dabei einen weichen, warmen Körper; Krallen umklammerten sein Handgelenk und drückten ihn absichtlich zurück.

Das mit Messing umrandete Glas presste sich gegen seine Finger. Er riss sie los – sie waren zerquetscht, pochten und feucht. Der Schmerz schien sich bis zu seinem Ellbogen auszudehnen. Dann ertönte plötzlich die raue, erfahrene Stimme von Kapitän Jones aus dem Raum hinter ihm: „Sparks, kommen Sie in meine Kabine.“

Peter folgte den kräftigen Schultern zum vorderen Aufgang und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Er war leicht verwirrt, als Kapitän Jones die Tür seiner geräumigen Kabine hinter ihnen verschloss und sich schwerfällig in einen der massiven Teakstühle fallen ließ.

Kapitän Jones war ein harter, kräftiger Mann – cholerisch im Aussehen und Temperament, brutal in seinen Methoden, entschlossen in seinen Ansichten. Eisen war sein Metall. „Starboard Jones“ gehörte zu den wenigen Überlebenden, die während des blutigen Konflikts zwischen dem „Schwarzen Bären“ und der „Inselpanther“ erfolgreich die japanische Blockade um Vladivostok durchbrochen hatten.

Rote Augenhöhlen zeigten scharfe, blaue Augen – vor dem Hintergrund eines ständigen „Feuers“. Seine große, geschwollene Nase hatte eine violette Färbung; im kalten Wetter wurde sie noch purpurner. Kleine rote Adern, so zahlreich wie Risse in Satsuma-Geschirr, erstreckten sich über beide Wangen in Form einer karminroten Filigranstruktur.

Page 40

Seine Kabine war hauptsächlich mit handfarbigen Fotografien aus den Yoshiwaras von Nagasaki geschmückt – Fotos von schüchternen, koketten Geishas. Andenken an ihren Beruf: glitzernde Fächer, gestohlene Teetassen, zerbrechliche Sandalen – all das füllte die verfügbaren Regalflächen. Zigarren, so dick und schwarz, als hätte ihr Hersteller versucht, die Statur des Kapitäns nachzuahmen, lagen verstreut zwischen den Papieren auf seinem schmalen Schreibtisch.

Er griff ungeschickt nach einer dieser braunen Zigarren, ohne seinen triumphierenden Blick vom angespannten Gesicht des Operators abzuwenden.

„Habe dich in letzter Zeit kaum gesehen, Sparks“, bemerkte er und zündete die ovale Spitze der Zigarre mit einem festen Streichholzfeuer an. Er sprach in seinem üblichen Tonfall – mit einer Rauheit, die genau auf der Grenze zwischen grober Scherzhaftigkeit und offizieller Strenge lag. „Was Neues? Willst du eine meiner Zigarren?“

Peter betrachtete die leuchtende Spitze der Zigarre aufmerksam. „Ich hatte in der ersten Nacht etwas Probleme. Nein, danke. Ich rauche heute Abend nicht.“ Seine blauen Fingerspitzen lagen sanft in der Tasche seines Mantels.

„Was ist los?“ Die stahlblauen Augen blieben unter halb gesenkten Lidern regungslos.

„Jemand hat eine elektrische Maschine benutzt. Dadurch wurden meine Signale blockiert.“

Das cholerische Gesicht des Kapitäns zeigte ein wissendes Lächeln. Was Kapitän Jones nicht verstand, tat er stets so, als würde er es verstehen. „Ist noch etwas anderes aufgefallen?“ Sein gerötetes Gesicht wirkte nun bedeutungsvoll.

Peter setzte sich abrupt auf. „Was!“

Ein dicker, roter Zeigefinger drohte: „Hör mir zu, Sparks – du bist ein überdimensionierter, ungeschickter Ochse in einem Porzellangeschäft. Du bist…“

„Nun?“ In Peters sanfter Frage lag ein Hauch von Ärger. Sein Gesicht wurde steinhart weiß. Auf beiden Wangen erschienen Röteflecken.

„Ich meine: Halte deine verdammte Nase raus aus Dingen, die dich nichts angehen. Verstanden?“ Die hitzigen Worte kamen in schnellem Tempo über die roten Lippen des Kapitäns. „Ich meine: Halte dich raus aus Angelegenheiten chinesischer Frauen – und kümmere dich um deine eigenen verdammten Angelegenheiten! Die Pflicht auf diesem Schiff besteht darin, sich um das Radio zu kümmern. Was…“

Page 41

„Das geht draußen vor deiner Hütte vor sich – das geht dich einen Dreck an!“ Kapitän Jones’ Mund blieb offen, und der Stumpf der schwarzen Zigarre rutschte hinein.

Peter hob eine Hand, um ihn zurückzuhalten. Seine Lippen zitterten. Seine Augen wanderten schnell zwischen den Augen und dem Mund des großen Mannes hin und her, der in dem Stuhl vor ihm saß. „Warten Sie einen Moment“, stieß er hervor. „Da Sie ja wissen, dass auf diesem Schiff jemand entführt wird –“

„Was zum Teufel meinen Sie damit?“

„Genau das, was ich sage. Eine chinesische Frau – egal wer sie ist – versteckt hier auf diesem Schiff jemanden, eine Frau. Diese Frau – die Frau, die festgehalten wird – hat vor nicht einmal fünf Minuten meine Hand gepackt. Es ist Ihre Pflicht –“

„Halten Sie Ihre Hände, wo sie hingehören. Sie reden wie ein Idiot. Entführt? Sie sind verrückt. Meine Pflicht? Sie sind ein Idiot! Sie reden Kindersprache.“ Kapitän Jones sprang von seinem Stuhl auf. „Sie sind auf diesem Schiff, um sich um das Funkgerät zu kümmern“, schrie er. „Sie haben geschworen, den Mund zu halten. Ist da jemand?“

„Nein!“

„Wissen Sie denn nicht, dass es gegen die Regeln der Regierung verstößt, wenn dieser Raum auf See leer ist?“

Der neblige Wind heulte durch die plötzlich zurückgeschobene Glastür. Kapitän Jones knallte die innere Tür zu. Peter hob den Kragen seines Mantels, band sich ein sauberes Taschentuch um seine schmerzenden Finger, kletterte geschickt über die Rettungsboote, ging an den brüllenden, schwarzen Schornsteinen vorbei und betrat das Funkhaus.

Das leise, gemischte Summen der japanischen Stationen wurde durch das beharrliche Signal eines P.&O.-Dampfers unterbrochen, der Aufmerksamkeit forderte. Shanghai antwortete mit monotoner Stimme und riet dem Mann vom P.&O.-Dampfer, seine Sendeleistung zu reduzieren.

Peter tippte auf seinen Detektor und brummte. Shanghai war laut – ganz in der Nähe! Die Vandalia musste sich dem Delta nähern.

Page 42

„——Nanking Road. Anhalten. Vierzig Fässer Soey——“, rief der P. und O.

Wir nähern uns dem großen Fluss! Aus dem Nebel tauchte ein schwacher Schimmer auf – die ersten Lichter Chinas!

„——Dreizehn Kisten aus Zinn——“ Die Stimme des P. und O. blieb weiterhin tonlos.

Waren das die Lichter von Hi-Tai-Sha – Tsung-min? Links oder rechts?

Tief unter Deck läutete eine Glocke leise. Das Dröhnen der Motoren verstummte plötzlich. Die Glocke klang in der bedrohlichen Stille in der Ferne. Peter warf einen Blick auf die Uhr: Halb eins.

Die Stille wurde durch ein heftiges, dumpfes Geräusch unterbrochen, als sich die Schrauben umdrehten. Die Vandalia schwankte heftig und lag nun mit der Strömung.

Peter löschte die Lichter, schlich aufs Deck, beugte sich über den Rand und spähte in die Dunkelheit. Sein Herz schlug nervös.

Zuerst war alles dunkel. Dann schien ein grau-weißer Schimmer weit links zu schweben. Unklar nahm er Form an, verschwand wieder, tauchte erneut auf – nur um erneut verschlungen zu werden.

Aber das waren nicht die Lichter von Tsung-min. Das Schiff befand sich im Fluss. Er kannte diese Lichter gut. Auch jetzt glitt die Vandalia mit der Strömung vorbei an Woo-Sung! Die ersten Lichter Chinas! Doch was geschah da? Er eilte zur rechten Seite.

Aus dem Nebel tauchte ein hoher, magerer Schatten auf – ein Dschunke. Vielleicht war eine Kollision vom bösen Geist des Whang-poo vorherbestimmt. Doch die üblichen Schreie der verlorenen Flussschiffer fehlten. Der graue Körper trieb untätig neben dem Dampfschiff. Eine tödliche Stille herrschte in beiden Schiffen.

Unfähig, diese seltsame Zufälligkeit, diese stumme Verbindung zu erklären, beugte sich Peter gefährlich weit über den Rand und rutschte hinunter.

Page 43

Den Pfosten hinunter auf das Promenadendeck.

Gleichzeitig erlosch jedes Licht auf dieser Seite des Schiffes. Als seine Füße den Metallgitterrost berührten, eilten mehrere unsichtbare Gestalten an ihm vorbei nach achtern.

Er wurde von hinten gepackt und auf das Deck geworfen. Als er wieder aufsprang, hörte er das tiefe Atmen seines unbekannten Angreifers. Er stürzte sich auf die Quelle dieses Geräusches, prallte auf fliegende Fäuste und warf seinen Gegner gegen die Reling. Der Schlag raubte seinem Gegner den Atem – oder brach ihm den Rücken.

Peter zögerte nicht, Nachforschungen anzustellen. Während der leblose Körper auf das Holz fiel, rannte er den verschwundenen Gestalten hinterher.

Ein einzelnes Licht am Heck des Schiffes beleuchtete die chaotische Situation im Laderaum. Das Heck des Schiffes war gegen die Reling gedrückt. Ruder blitzten schwach auf, während die Besatzung versuchte, das Schiff fest gegen die Seite des Dampfers zu halten. Doch wo war die Besatzung der Vandalia? Hatte Kapitän Jones diesem Treffen mitten auf dem Fluss zugestimmt – und vielleicht sogar geholfen?

Eine weitere Lichtquelle entstand. Ein Feuer brannte gelblich auf dem Heckdeck des Schiffes und warf viel Licht auf die Szene.

Als Peter die steile Leiter hinunter in den Laderaum stieg, sah er zwei Gestalten, die gegen die Reling ankämpften. Von dem Schiff aus streckte ein riesiger Chinese mit wehenden Zöpfen flehend seine langen Arme aus. Sein Gesicht verzerrte sich vor Dringlichkeit.

Peter drängte sich zwischen die beiden Gestalten – eine von ihnen brach plötzlich zusammen und blieb regungslos liegen. Die andere stürzte sich auf seinen Hals und grub ihre langen Krallen in seinen Hals. Ihre Augen funkelten. Bevor ihm der Atem genommen werden konnte, bemerkte er den intensiven Duft eines starken Parfüms. Eine Frau!

Er schlug die krallenden Hände weg – sie unterdrückte einen Schrei mit zuckenden Lippen. Die Frau von Ah Sih King!

Er warf sie zurück – sie taumelte gegen die eiserne Wand des Laderaums. Chinesische Worte kamen über ihre Lippen. Zitternd holte sie etwas hervor…

Page 44

Sie holte den Umschlag aus ihrer Satinbluse und drückte ihn ihm in die Hände. Gedankenlos steckte er den Umschlag in seine Tasche, ohne zu bedenken, was darin sein könnte.

Das Boot schwang hinaus, schloss sich mit einem lauten Knall – der Riese auf ihrem Deck kauerte sich zum Sprung zusammen. Er schrie auf, ein hoher, wütender Schrei. Ein weiterer Laut war zu hören: das Klingeln der Glocke im Maschinenraum.

Peter schlug die tastenden Hände der Frau weg und sprang zum Geländer, stützte seine Füße auf die glatte eiserne Decksplatte, während der Chinesische sprang. Ein Messer blitzte auf. Peter packte mit beiden Händen ihr Handgelenk, bog es nach hinten und verdrehte es. Das Messer prallte mit einem zischenden Platschen ins Wasser. Der Chinesische verlor das Gleichgewicht; seine Beine verfingen sich.

Er stammelte vor Entsetzen, während er ausrutschte – immer weiter ausrutschte…

Die chinesische Frau stürzte sich wie eine Pantherin auf Peter.

Ein lautes Platschen – Peter sah noch gerade das auf und ab tauchende Haupt, bevor es unter die Wasseroberfläche gedrückt wurde, da das Boot näher kam und den Schwimmer unter Wasser drückte.

Ein Leben? Nichts gegen den reißenden Fluss, der alle Abfälle aus dem „gelben Herzen“ dieses faulenden Landes mit sich fortnahm.

Mit einem zischenden Schluchzen stieß die Frau Peter nach hinten und hämmerte wiederholt auf seine Brust ein. Die Motoren dröhnten laut. Verzweifelt änderte Peters Gegnerin ihre Taktik – sie überraschte ihn, indem sie sich auf das Geländer warf.

Das Boot entfernte sich, während die Schrauben des Vandalia es packten.

Sie stellte sich auf das obere Geländer, sammelte sich und sprang!

Das Boot glitt in den Nebel hinein.

Page 45

KAPITEL VIII

Peter spürte eine heiße, klebrige Stelle an seinem Hals – dort, wo die Krallen Halt gefunden hatten. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit der grauen Gestalt zu, die regungslos auf dem eisernen Deck zu seinen Füßen lag. Ihm wurde klar, dass neue Feinde aus anderen Richtungen jederzeit angreifen könnten.

Er hob die leblose Gestalt auf, kletterte die Leiter hinauf auf das dunkle Promenadendeck und weiter durch die Planenabdeckung hinauf auf das Bootsdach. Nachdem er die Tür zur Funkkabine geöffnet hatte, legte er seine Last vorsichtig auf den Teppich und schaltete das Licht ein. Anschließend drehte er den Schlüssel im Schloss um und betrachtete seine Fundstücke. Ein langer, grauer Sack aus irgendeinem schweren Material umhüllte die kleine Gestalt von Kopf bis Fuß. Es gab kein Lebenszeichen.

Aus dem Fluss ertönte ein Heulen. Es war immer noch dunkel. Die Arbeiter auf den Sampans waren bereits früh unterwegs. Peter lauschte nachdenklich – es schien, als würde sich eine Lösung für sein Problem abzeichnen.

Er ging auf das Deck hinaus und winkte einem der Arbeiter zu, in seiner Nähe zu bleiben.

Ein Arbeiter am Heck des nächstgelegenen Bootes bemerkte ihn.

„Hie! Hie!“ Der Ruderstock bewegte sich wild hin und her. Das Sampan glitt unter den riesigen Schatten und prallte mit einem Knall gegen den sich bewegenden schwarzen Rumpf.

Peter hob die Planenabdeckung des Rettungsbootes an, zog ein Bündel schmutziger Seile heraus, befestigte eines der Enden am Fuße des Davits und warf das andere Ende über Bord. Der Arbeiter fing es auf und klammerte sich daran fest.

Nachdem er wieder in die Funkkabine zurückgekehrt war, öffnete Peter sein Taschenmesser und schnitt das Seil am Kopfende durch.

Eine Masse lockiger, brauner Haare floss auf den Teppich. Man hörte das leise Rascheln von Unterröcken – sowie ein schwaches Seufzen.

Plötzlich drehte Peter den Kopf. Schwarze, glasige Augen starrten ihn vom hinteren Fenster aus an. Dann verschwanden sie.

Page 46

Er sprang auf, rannte zum Deck und blieb regungslos stehen, lauschend.

Von der Backbordseite war das Geräusch von Schritten zu hören. Jemand rannte vorwärts. Er folgte ihm. Die Schritte hörten plötzlich auf – gleichzeitig ertönte ein dumpfer Knall sowie ein verzweifelter Laut. Der Verfolgte stolperte auf das Deck und stöhnte.

Peter stürzte sich auf ihn, packte ihn am Kragen und zog ihn über das Deck in das Funkhaus.

„Mr. Moore, der Kapitän hat mir gesagt——“, wimmerte Dale.

Peter stieß ihn in den Stuhl, öffnete die Werkzeugkiste und holte ein Stück Phosphorbronzedraht hervor. Er band die zappelnden Arme des Mannes an den Stuhl und befestigte die Enden dahinter.

Nachdem er die Lichter ausgeschaltet hatte, nahm er die graue Tasche in die Arme und legte sie auf das Deck, in den schmalen Raum zwischen dem Rettungsboot und dem Rand. Er blickte nach unten. Der Arbeiter starrte nach oben, klammerte sich an das Seil und wartete.

Die Tasche rutschte halb herunter. Eine warme, feuchte Hand umklammerte sein Handgelenk. Ein leises Stöhnen kam von den unsichtbaren Lippen. Er riss sich erneut los. Die Tasche fiel ins Wasser – der gelbe Strom riss sie sofort aus seinem Blickfeld.

Die Hand klammerte sich verzweifelt an sein Handgelenk. „Lassen Sie sie nicht——“, begann eine sanfte Stimme in seinem Ohr.

Er schlang seine Beine um das Seil und kletterte über den Rand. „Arme um meinen Hals!“, befahl er heiser. „Halten Sie fest!“

Sanfte Arme umschlangen ihn. Sie hingen über dem Rand.

Das grobe Seil glitt schnell durch seine Finger, verbrannte seine Handflächen und schien seine Handknochen zu zerkratzen.

Ein wilder Schrei kam aus dem Funkhaus. Ein Echo antwortete von vorn.

Page 47

Sie rutschten, drehten sich, schabten den rauen Strang hinunter. Seine Hände schienen so heiß zu sein, dass sie platzen könnten. Blut pochte wild in seinen Augen und Ohren und ließ seinen Hals austrocknen. Die schwachen Lichter der Promenadendeck schienen nach oben zu steigen – darauf folgte ein glänzendes Lukenloch.

Eine Ewigkeit lang hingen sie dort, dann stürzten sie nach unten.

Etwas platzte in Peters Ohren. Seine Füße trafen auf ein nachgebendes Deck. Er taumelte rückwärts und fiel zu Boden. Das Seil entglitt seiner Hand. Die warmen Arme hielten weiterhin seinen Hals umschlungen.

Während die Welt sich drehte – wie ein betrunkenes Universum – schrie eine mürrische Stimme ihm ins Ohr. Die Arme lockerten sich.

Die Vandalia glitzerte in der Nähe, wurde jedoch von dem Nebel verschluckt – zu einem verschwommenen Schatten, zu einem Phantom. Seine Hände brannten vor höllischem Feuer.

Er setzte sich auf und blickte hinter sich. Der Fluss war tödlich dunkel. Wasser gurgelte unter dem schwachen Bug des Bootes. Das dumpfe Geräusch von Schritten sowie das verzweifelte Strampeln hinter ihm verrieten Peter, dass der Arbeiter gegen die reißende Strömung ankämpfte.

Langsam wurde ihm bewusst, dass etwas auf seiner Brust lag – ein leises Weinen. Ein zarter, weiblicher Duft brachte ihn zur Besinnung und klärte seinen verwirrten Verstand.

Er saß auf dem nassen Boden der niedrigen Kabine des Sampans. Seine Gefangene hatte sich aus Schutz ganz nah an ihn herangeschlichen. Schutz! Er schnaubte und fragte sich, ob der Arbeiter überhaupt eine Lizenz hatte.

„Hai! Hai! Woo-Sung-way.“ Die Stimme klang bösartig stur.

„Shanghai-way. Kuai cho – beeil dich!“, brüllte Peter. Ein Seufzer entwich dem Mädchen. Sie kuschelte sich noch enger an ihn. „Woo-Sung. Pu-shih! Savvy?“

„Hai! Vielleicht kann ich es schaffen.“ Der Sampan neigte sich, als er dem direkten Ansturm der schnellen Strömung des Whang-poo entgegenfuhr.

Unzählige Fragen schwirrten ihm durch den Kopf – doch das Mädchen sprach zuerst.

Page 48

„Wer sind Sie?“, flüsterte sie. „Ich bin Eileen Lorimer.“

„Ich – ich war der Funker der Vandalia.“

Der Arbeiter hielt einen Moment inne, um zu Atem zu kommen, dann war wieder das wilde Schlagen des Paddels zu hören.

„Der Funker? Haben Sie meinen Ruf gehört?“

„Ich warte seitdem auf die Lichter Chinas. Aber wie – was?“, fragte er.

Sie schwieg einen Moment. „Ich kenne den Code. Mein Bruder besaß eine private Funkstation. Wir lebten vor langer Zeit in Pasadena. Es scheint schon ewig her zu sein.“ Sie bewegte sich schwach. „Stört es Sie nicht?“

„Nein, nein“, protestierte er.

„Ich fürchte – es ist so lange her. Wochen? Jahre?“ Sie zitterte. „Ich weiß es nicht. Oh – ich möchte nach Hause!“

Der Arbeiter begann, im Rhythmus seiner Arbeit zu summen. Bald würde sich die Flutrichtung ändern.

„Waren Sie im Dachgeschoss über Ah Sih Kings Haus?“

„Mit Seilen gefesselt! Ich habe mich befreit.“

„Die rote Notiz?“

„Ich habe damit mit einem Nagel gekritzelt und sie weggeworfen, bevor sie mich zu Boden werfen konnte. Diese Frau war ein Dämon!“

Ein blasses, gelbes Leuchten schien aus dem nebelverhüllten Raum hervorzukommen. Der Morgen brach an. Bald würde der große Fluss erleuchtet sein.

„Lehrerin“, murmelte das Mädchen. „Ein Hochzeitsgeschenk für sie – in Ah Sih Kings Haus.“ Eine kleine Hand suchte nach seiner und fand sie. „Im Hintergrund“

Page 49

In dem Raum begannen sie, unverständliches Zeug zu mir zu murmeln. Und dann kam dieser Dämon – sinnlose Worte… Ah Sih King grinste mich an und nannte mich die glücklichste Frau Chinas.

„Aber wie hast du das gewusst?“

Ein leerer Frachter mit wedelnden Propellern, die halb aus dem Wasser ragten, fuhr durch den gelben Nebel in ihrer Nähe.

„Hie! Hie!“, schrillte die Warnung des Arbeiters.

Licht drang durch die Türöffnung. Die Umrisse eines dunklen Rocks zeichneten sich gegen den sauber gewischten weißen Boden ab.

„Er sagte, wenn ich die Lichter Chinas sähe, würde ich an Bord eines wunderschönen Schiffes gehen. Sie beobachtete dich. Drei Mal wurde unser Zimmer gewechselt – immer nachts.“

„Hast du eine Spule verwendet?“, fragte Peter aus beruflichem Interesse.

Das Mädchen nickte. „Sie litt an einer Krankheit. Ein Arzt in San Francisco meinte, eine Elektromaschine könnte sie heilen. Ich tat so, als würde ich sie auch benutzen – doch in jener Nacht funktionierte sie nicht mehr.“

Das gelbe Licht wurde stärker. Die Ausstattung der Kabine wurde sichtbar: ein Topf mit Reis und Fisch, ein mit Kork verschlossener Krug, ein Bündel grober Essstäbchen, zusammengebunden mit abgenutztem Seil, sowie ein dunkler Haufen gekochter Meeresalgen auf einer fettigen Platte.

Er blickte nach unten. Das Mädchen bewegte ihren Kopf – ihre Blicke trafen sich.

Schüchterne, graue Augen voll unschuldiger Aufrichtigkeit blickten ihn an. Glänzendes dunkles Haar fiel zu beiden Seiten eines blassen, schönen Gesichts herab. Sie war jünger, als er erwartet hatte – und schöner, als er gehofft hatte. Ihr rosafarbener Mund zitterte im Begriff eines Lächelns.

Seine Gefühle schwankten zwischen Bewunderung für sie und Entsetzen – sie war ja nur knapp entkommen. In diesem Moment entschied Peter, was er tun würde. Sein nächster Gedanke galt den finanziellen Aspekten.

Page 50

Er holte ein paar Münzen hervor – weniger als einen Dollar, wenn man die vier 20-Cent-Münzen nicht mitzählte; kaum genug, um den Sampan-Kuli zu bezahlen.

Seine Begleiterin seufzte hilflos – das bestärkte ihn in seiner Entscheidung. „Ich habe keinen Cent“, sagte sie.

Er durchsuchte die Seitentasche seines Mantels, in der Hoffnung, dass er sein Portemonnaie nicht in die andere Hand gelegt hatte. Seine Finger stießen auf ein unbekanntes Objekt.

Die kämpferische Panterin tauchte in seinen Gedanken auf – sowie der zerknitterte Umschlag, den sie aus ihrer Satinjacke geholt und ihm in die Hand gedrückt hatte. Seine früheren Erfahrungen mit Chinesen gaben ihm zu verstehen, dass er unbewusst bestochen worden war.

Ein scharlachroter Stempel befand sich in der oberen rechten Ecke des blassblauen Rechtecks.

„Geld – chinesische Banknoten. Überall!“ keuchte Miss Lorimer. „Ich habe es gesehen. Wofür sind die? Und warum diese schreckliche Frau…“

„Jet-t-e-e-ee!“, sang der Kuli und schwang den Ruderstock kräftig. Der Sampan stieß gegen den Anleger. „Shanghai. Ma-tou! Hān liang bu dung yāng che lāi!“

Peter zählte die Banknoten. „Fünfundfünfzigtausend Dollar an Banknoten der Bank of China!“

Auf dem Ma-tou ertönten aufgeregte Rufe. Die Rikschakulis stritten sich um ihr noch nicht gezahltes Entgelt.

Peter warf dem Jungen vom Sampan alle Münzen zu, die er hatte, und ließ ihn damit weitermachen, während er das Mädchen zum Anleger trug. Sie klammerte sich zitternd an seinen Arm, während die Kulis einen lachenden, schreienden Kreis um sie bildeten. Weitere kamen vom schlammigen Ufer herbeigelaufen.

„Was sollen wir nur tun?“, stöhnte sie.

Page 51

„Wir werden Ihrer Mutter telegrafieren, dass Sie mit dem ersten Dampfschiff nach Hause aufbrechen“, rief Peter und setzte sie in das sauberste und bequemste Rikschaf von allen. „Die Mongolia legt heute Nachmittag ab.“

„Was wird aus Ihnen werden?“, fragte sie.

Peter schenkte ihr sein naives Lächeln. „Ich werde verschwinden – für eine Weile. Sonst könnte ich für immer verschwinden.“

Miss Lorimer streckte ihre kleine weiße Hand aus und berührte seinen Ärmel. Sie fuhren über die Su-Chow-Brücke auf dem Weg zum amerikanischen Konsulat. „Werde ich Sie nicht wiedersehen? Nie?“ Sie wirkte verwirrt und verloren, als wäre dieses fremde alte Land zu viel für ihre Anpassungsfähigkeit. Ihr rosiger Mund schien zu zittern. „Sind Sie in Gefahr, Herr Moore?“

Peter sah ein sehr gelbes, hochmütiges Gesicht, das aus der Menschenmenge in seine Richtung geschwenkt wurde.

„Vielleicht ein wenig“, gab er zu.

„Wegen mir?“

Das gelbe Gesicht tauchte erneut auf und wurde dann wieder von der Menge verschlungen, wie ein Schlammklumpen vom Jangtse verschluckt wird.

Miss Lorimer wiederholte ihre Frage. Peter schüttelte energisch den Kopf und half ihr vom Rikschaf herunter. Sie hatten vor dem Konsulat im amerikanischen Viertel angehalten.

„Ich lasse Sie hier zurück“, sagte er.

„Aber – aber ich mag Sie!“, ihre leise Stimme zitterte. „Werden Sie denn nichts erklären? Ist das – ist das alles?“

Peter unterdrückte seine aufkommenden Gefühle unter einem Anschein großer Eile. „Ihr Weg liegt dort“, sagte er und zeigte flussabwärts. „Mein Weg liegt vorerst hier“, fügte er hinzu und deutete in die allgemeine Richtung der engen, schlammigen Gassen Schanghais.

Page 52

„Soll ich – wollen Sie nicht – um Himmels willen!“ Miss Lorimer starrte auf ihre linke Hand. Darin lagen zwei tausend Dollar schwere Banknoten der Bank of China. Sie war verwirrt. Als sie wieder aufsah, war der junge Mann, der sie wundersamerweise vor einem unvorhersehbaren Schicksal gerettet hatte, durch östliche Magie aus ihrem Blickfeld verschwunden.

KAPITEL IX

Der Bund von Shanghai war von den langen, violetten Schatten der nahenden Nacht überschattet – einer Nacht, die似乎 aus dem Herzen des Landes hervorkroch und mit sich ein Gefühl subtiler Anspannung brachte. Es schien, als würde die Dunkelheit eine Schar von Schatten zum Leben erwecken; diese Schatten lauerten und flüsterten miteinander und bildeten so eine Art Unterwelt böser Wesen, die das erste Licht der Dämmerung dazu bringen würde, in tausend übel riechende Verstecke zurückzukehren.

Das rhythmische Singen der Arbeiter am Fluss verstummte. Die riesigen Frachtschiffe, auf denen die Produkte Chinas in ferne Länder transportiert wurden, wurden düster still und leer. Hübsche, große Sikhs, die Polizisten der Stadt, erschienen zu zweit oder dritt dort, wo zuvor nur einer stationiert gewesen war – denn in China, wie auch anderswo, wird Böses auf den Flügeln der Nacht getragen.

Mit dem hereinbrechenden samtenen Dunkelheit schlüpfte der ehemalige Funker des Transpazifik-Schiffs Vandalia aus einer unscheinbaren, dunklen Tür in der Nanking Road und steuerte auf den glänzenden Bund zu – dort war er zuversichtlich, dass seine Feinde Schwierigkeiten haben würden, ihn zu erkennen.

Peters Uniform lag nun auf einem dunklen Regal im hinteren Teil eines Seideladens. Er hatte keine Lust, von hinten erstochen zu werden – was durchaus möglich war, falls einige Männer aus dem Oberlauf des Flusses ihn finden sollten. Der chinesische Geschäftsführer des Seideladens war ein alter Freund und vertrauenswürdig.

Page 53

Peter trug nun die Kleidung eines japanischen Händlers. Seine Füße waren mit Sandalen bedeckt. Seine gerade, geschmeidige Gestalt war in einen teuren grauen Seidenkimono gehüllt. Wie es der gute japanische Stil verlangte, waren seine Ohren mit schwarzen amerikanischen Derby-Schuhen bedeckt. Seine Augenbrauen waren mit Kajal nachgezogen – in einem durchaus lobenswerten Versuch, den typischen asiatischen Ausdruck nachzuahmen – und er trug einen leichten Bambusstock.

Doch der ehemalige Mitarbeiter der Vandalia war sich nicht ganz sicher, ob die Verkleidung erfolgreich war. Falls das finster dreinblickende gelbe Gesicht, das er an diesem Morgen unter den Menschenmengen entdeckt hatte, ihm bis zum Seideladen folgen sollte – wozu dann diese dumme Verkleidung?

Er schlich an der Seite eines Wechselstubenbesitzers entlang, blieb dabei dicht an der Wand. Allmählich wurde ihm klar, dass er verfolgt wurde; er versuchte, dieses Gefühl auf seine Einbildung oder überreizte Nerven zurückzuführen. Ein Geistergleiches Rikschaflitzte vorbei. Das leise Geräusch der nackten Füße des Trägers wurde immer leiser, bis es schließlich verstummte. Eine murmelnde alte Frau watschelte vorbei.

Er blickte zurück und sah gerade noch, wie ein hageres Gesicht, vom schwachen Licht einer Ladenfensterbeleuchtung erhellt, in einer Türöffnung verschwand. Als er kurz darauf wieder zurückblickte, sah er, wie der Mann in eine andere Türöffnung sprang.

Peter rannte zu dieser dunklen Öffnung, packte einen muskulösen Arm, der mit Satin bedeckt war, und zog einen flüsternden Chinesen – einen großen, kräftigen Kerl – in den Bereich des gelben Straßenlaternenlichts. Der Chinese erholte sich schnell von seiner Überraschung und griff hastig nach seinem Gürtel. Peter, in der Hoffnung, dass nur ein Mann ihm auf den Fersen war, stieß einen mörderischen Schrei aus und schlug gleichzeitig mit der Faust auf den weichen Bauch des Chinesen ein.

Mit einem Stöhnen taumelte der Chinese gegen das Ladenfenster; dabei brach er mit dem Ellbogen ein Glas. Peter hob seine Faust, um erneut zuzuschlagen.

Dann trat eine riesige Gestalt mit einem sauberen Turban auf dem Kopf ernsthaft in den Kreis des gelben Lichts.

„Ta dzoh shēn mō szi?“

„Dieb“, sagte Moore einfach und zeigte auf das zerbrochene Ladenfenster.

Page 54

„Lāo shēn lāo shēn!“, knurrte der Sikh. Er packte den unglücklichen Fensterbrecher an beiden Schultern, drückte ihn gegen einen eisernen Pfosten und fesselte ihn daran.

Mit den Worten „Allah sei mit dir!“ setzte Peter Moore seinen Spaziergang in Richtung des Ufers fort. Da der Anhänger zumindest für die Nacht aus dem Weg war, konnte er nun in Ruhe zum Palace Bar gehen und herausfinden, was dort auf ihn zukam.

Als er die Nanking Road überquerte, wo sie sich mit dem Ufer traf, trieb ein verzweifelter Schrei – gemischt mit einem Schrei der Angst oder Warnung – ihn dazu, aus dem Weg eines Rikschas zu springen, das mit hoher Geschwindigkeit auf ihn zukam. Ein weißes Gesicht sowie eine schlanke, behandschuhte Hand, die fest vor den Lippen gehalten wurde, zogen an ihm vorbei.

Peter schnappte überrascht nach Luft – als hätte das Mädchen in der Rikscha ihm ins Gesicht geschlagen. Er rief ihr hinterher. Doch sie ging einfach weiter, ohne sich umzudrehen.

„Rikscha?“, sagte ein grinsender Arbeiter und ließ die Stangen einer leeren Rikscha neben Peter Moore zu Boden fallen.

Seine Wut verschwand, als eine sanftere Wärme in seine Adern strömte. Die Rikscha bog rechts ab und folgte der anderen, die sich in der Mitte des fast verlassenen Ufers befand und wie der Wind dahinflog.

„Ní chü bà!“, rief Peter Moore. Das Mädchen schien auf die Brücke über das Ufer zuzusteuern. Aber warum? Mehrere Fragen schwirrten nutzlos in seinem Kopf herum. Warum hatte das Mädchen ihn ignoriert? Warum war sie nicht wie versprochen an Bord der Manchuria gegangen?

Der Arbeiter trottete weiter, seine nackten Beine hoben und senkten sich mechanisch. Der Funker zog die Falten seines Kimonos enger um seinen Hals – die nächtliche Luft vom Whang-poo war kalt und feucht.

An der Brücke hielt die Rikscha vor ihm plötzlich an und wartete. Peter Moore näherte sich und sprang zu Boden.

Page 55

Die nahegelegene Straßenlaterne verriet ihm, dass er einen Fehler gemacht hatte. Die junge Frau im Rikschawar unbestreitbar der Mädchen ähnlich, das er an jenem Morgen nach Mandschurien geschickt hatte: Sie hatte dasselbe weiße, traurige Gesicht, dieselben wachsamen, ansprechenden Augen sowie denselben rosigen Mund. Jeder hätte einen solchen Fehler machen können – es war sehr peinlich.

„Warum folgen Sie mir?“, fragte sie.

„Ich dachte, ich kenne Sie. Es tut mir leid. Ich gehe sofort.“

„Nein! Warten Sie.“ Ihre Haltung wurde sanfter. Es war eine junge, klare Stimme – durchaus nicht unähnlich der von Miss Lorimer. Sie lächelte. „Warum sind Sie als Japaner verkleidet?“

„Es tut mir leid“, stotterte Peter und wich zurück. „Ein Fehler. Sie sind nicht das Mädchen, das ich erwartet habe. Auf Wiedersehen!“

„Bitte laufen Sie nicht weg“, sagte das Mädchen mit leisem Lachen. „Ich habe keine Angst – sonst wäre ich weggelaufen, anstatt zu warten, als Sie mir folgten. Ich komme gerade aus Amoy – allein. Und morgen reise ich nach Ching-Fu – ebenfalls allein. Sie sind Amerikaner!“, flüsterte sie. „Aber warum die Verkleidung als Japaner? Ich bin auch Amerikanerin. Ich habe früher in New York, auf der Riverside Drive, gewohnt. Oh! Das muss schon vor langer Zeit gewesen sein!“

„Warum?“, fragte Peter unvorsichtig.

„Ich habe seit Jahrhunderten keinen Landsmann mehr getroffen! Und morgen fahre ich den Fluss hinauf – weit über Ching-Fu hinaus, bis nach Szechwan!“

„Die Reise auf dem Fluss zu dieser Jahreszeit ist nicht einfach“, murmelte Peter höflich. „Mir wurde gesagt, der Fluss steigt oberhalb von Ichang über die Ufer.“

„Ja“, antwortete das Mädchen traurig. „Wenn ich nur einen Abend lang Spaß haben könnte – vielleicht ein oder zwei Tänze – dann würde es mir nicht mehr so viel ausmachen. Ich…“

Peter sagte zu sich selbst: Ich hab’s dir doch gesagt. Laut sagte er: „Ich glaube, im Astor Hotel gibt es einen Tanz. Wenn wir einen Tisch bekommen könnten…“

Page 56

„Oh, wie wunderbar!“, rief das Mädchen aus. „Haben – haben Sie wirklich viel dagegen?“

„Ich kriege Gänsehaut“, erklärte Peter freundlich.

KAPITEL X

An einem kleinen runden Tisch am Ende des Raumes, über dem sich der Balkon der Orchesterbühne befand, fand sich Peter den Anblick zweier entwaffnend grauer Augen gegenüber – Augen, die jedes Detail seines attraktiven jungen Gesichts in sich aufnahmen, einschließlich der mit Kajal nachgezogenen Augenbrauen.

Fräulein Vost – Fräulein Amy Vost – machte ihm klar, dass sie wirklich dankbar für seine Gastfreundschaft war. Sie versicherte ihm eilig, es sei nicht üblich, dass sie fremde junge Männer wie ihn traf, und fragte ihn anschließend offen, was er in China mache. Immer, wenn sie an ihn dachte, schien ihre Neugierde durch den japanischen Kimono behindert zu werden.

Unter dem Einfluss seines dritten Glases japanischen Champagners wäre er beinahe bereit gewesen, ihr die Wahrheit zu sagen. Stattdessen behauptete er, er sei Funker, habe sein Schiff verpasst und plane, noch eine Weile in China zu bleiben. Ihm gefiel China – sehr sogar.

Fräulein Vost strich sich mit ihrem kleinen, rosafarbenen Daumen über die Nasenspitze. Sie gehörte nicht zu den Menschen, die zögerten.

„Sie können mir einen Gefallen tun“, sagte sie und hielt inne.

Das philippinische Orchester begann, einen fröhlichen One-Step zu spielen. Fräulein Vost hob die Augenbrauen. Peter stand auf, und sie gingen gemeinsam tanzen. Es stellte sich heraus, dass Fräulein Vost hervorragende Fähigkeiten im Tanzen hatte. In ihrer jugendlichen Anmut lag etwas Göttliches; sie gab beim Tanzen ihr Bestes. Für Peter Moore schien es wahrscheinlich, dass sie bei allem, was sie tat, ihr Bestes gab.

Page 57

„Sie sprachen davon, dass ich einen Gefallen tun soll“, schlug er vor und warf einen strengen Blick auf ein dunkeläugiges eurasisches Mädchen, das offenbar versuchte, seine Aufmerksamkeit abzulenken.

„Es gibt einen Mann in Shanghai, den ich möchte, dass Sie für mich finden – noch heute Nacht. Als ich ihn zuletzt sah – heute Morgen – war er betrunken. Er war der Erste Offizier auf dem Dampfer, der mich aus Amoy herbrachte. Vielleicht kennen Sie ihn. Er ist erst seit Kurzem an der Küste tätig. Davor arbeitete er bei der Pacific Mail Line zwischen San Francisco und Panama. Sein Name ist MacLaurin – ein netter Kerl. Schotte. Aber er trinkt.“

„MacLaurin? Ich kenne einen Mann namens MacLaurin – Bobbie MacLaurin.“

„Nein!“, hauchte Miss Vost. „Ich schätze, ich sollte wieder einmal sagen, wie klein die Welt doch ist! Wissen Sie, wo Bobbie MacLaurin ist?“

„Nein“, murmelte er. „Warum ist er betrunken?“

„Das ist eine Sache“, antwortete Miss Vost etwas abwesend, „über die ich lieber nicht sprechen möchte. Werden Sie versuchen, ihn für mich zu finden? Er hat gedroht, Kapitän des Flussbootes Hankow zu werden, mit dem ich morgen nach Ching-Fu aufbreche. Ich würde gerne wissen, ob er seine Drohung wahr machen will. Können Sie herausfinden, ob er nüchtern genug sein wird, um die Reise anzutreten – und es mir mitteilen?“, bat Miss Vost, als die Musik aufhörte. „Ich würde lieber, dass er es nicht tut, Herr Moore“, fügte sie schnell hinzu. „Aber ich wünsche mir wirklich, dass Sie die Reise antreten. Ich würde Sie gerne bei mir haben!“

Der ehemalige Operator der Vandalia spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. Im nächsten Moment fühlte er sich aufrichtig schuldig. Als er in die besorgten, bittenden grauen Augen von Miss Vost blickte, verfluchte er sich selbst dafür, ein Träumer zu sein – oder dazu neigen zu können. Seiner Ansicht nach lag ein Träumer nicht weit entfernt von der Reptilienklasse. Doch irgendwie, verdammt nochmal, lockte ihn diese Reise nach Ching-Fu mit dem Hankow nun als äußerst vorteilhafte Exkursion – schließlich lag Ching-Fu nur wenige hundert Li von Lienyang entfernt.

Peter Moores Entschluss, in die Festung des Königs von Cinnabar einzudringen, glich in gewisser Weise dem Mut einer Mungo, die in das Nest riesiger Kobras vordringt. Er wusste, dass seine Chancen, nach Lienyang zu gelangen, gering waren.

Page 58

Die Yang waren absurd klein. Doch das gesamte Chinesische Reich war für ihn jetzt nicht besonders sicher. Der Graue Drache hatte ihm die Ehre erwiesen, in ihm einen Feind zu erkennen. Er zweifelte nicht länger an Minions Warnung – der Drache von Len Yang kontrollierte eine mächtige Organisation. Kein Teil Chinas war sicher. Wenn er vor dieser sehr realen Gefahr fliehen wollte, in welche Richtung konnte er dann gehen?

„Wenn man von Gefahr bedroht wird“, lautet ein altes chinesisches Sprichwort, „gehe ins Herz der Gefahr; dort wirst du Sicherheit finden.“

Es fehlten nur wenige Minuten bis Mitternacht, als Peter die Bar am Ufer des Bunds betrat. Nur einige Lichter brannten, und die äußerst lange Teakbar – „die längste Bar östlich von Suez“ – war nur von ein paar Männern besetzt. Der Tabakrauch war hier dicht und verdeckte fast den Eingang zum Hotellobbys.

Er musterte die Herumstehenden auf der Suche nach den Kleidern von Seeleuten. Seine Suche war beendet: Bobbie MacLaurin war hier und trank all den importierten schottischen Whisky, der in seiner Reichweite lag.

Mit tiefer, klangvoller Stimme wies er einer Gruppe uniformierter Seeleute darauf hin – dabei stieß er mit seinem Zeigefinger, der wie ein Stock aussah, auf die Kante der Teakbar – dass er zwar selten außerhalb der Dienstzeit trank, aber niemals während der Dienstzeit. Peter hatte Grund zu glauben, dass diese Behauptung nicht falsch war.

Der Funker schob sich langsam zu MacLaurins Seite, berührte seinen Arm und flüsterte etwas, was der Schotte offensichtlich nicht verstand. Denn MacLaurin drehte sich zu ihm um und warf ihm einen roten, glasigen, zornigen Blick zu.

Bobbie MacLaurin war, in der Sprache der Seeleute, ein echter Riese. Sein Kopf schien unnötig groß zu sein – bis man ihn mit seinem Körper verglich. Sein Körper war ein Albtraum für Hersteller von Uniformen, die vor allem einen angemessenen Gewinn erzielen wollten. Er war wie ein lebendes Monument – zweihundertfünfzig Pfund an Kampffleisch und Knochen, die, wenn sie alle zum Einsatz kamen, eher mit…

Page 59

Mehr wie ein Vulkan als wie ein Denkmal – ansonsten war er ein äußerst freundlicher junger Riese.
Die Röte und Hitze seines Blicks, den er seinem Freund aus mehreren abenteuerlichen Expeditionen zuwarf, ließen allmählich nach; nur noch die Glätte seines Blicks blieb sichtbar. Bobbie wurde unruhig.
„Verdammt nochmal!“, brüllte er. „Dein Gesicht kommt mir bekannt vor! Wo habe ich dieses Gesicht schon einmal gesehen? Ah! Jetzt weiß ich es! Ich hatte einmal einen Kampf mit dir.“
„Mehr als einmal“, korrigierte Peter Moore grinsend. „Das letzte Mal war in Panama. Erinnerst du dich? Ich habe dich aus dem Gleichgewicht gebracht, nachdem du mir den Atem geraubt hattest – und du bist mit allem, was du anhattest, in den Schwimmbecken des Washington Hotels gefallen.“
„Peter Moore!“, keuchte Bobbie MacLaurin. Peter Moore wurde von Armen umschlungen – Armen, die wie Baumstämme waren – sowie vom Alkoholgeruch eingehüllt.
Nachdem er sich endlich aus dieser monströsen Umarmung befreit hatte, ließ Peter zu, dass man ihn auf Armeslänge hielt und ihn warmherzig und ausführlich bewunderte.
„Mein alter Partner aus dem verdammten San Felipe!“, verkündete Bobbie MacLaurin der kleinen Gruppe der etwas verlegenen Seeleute. „Der beste Funker, den Gott je erschaffen hat! Er kann ein Funksignal hören, bevor es überhaupt gesendet wird. Nicht wahr, Peter? Jungs, schaut euch gut an den einzigen lebenden Mann an, der mit einer Anzahl von Seeschlangen gleichwertig kämpfen kann – den einzigen lebenden Mann, der mich jemals außer Gefecht setzen konnte und damit durchkam! Jungs, schaut euch ihn gut an – in zehn Sekunden müsst ihr alle diesen Raum verlassen! Gott segne ihn! Schaut euch nur diese japanische Kleidung an! Ganz sicher hat Gott große Fische geschaffen, um die kleinen zu fressen – Peter Moore ist wieder dabei, irgendeine teuflische List auszuführen, sonst bin ich ein Hummer!“
„Sch!“, warnte Peter Moore – er wusste, dass es in China Wände, Türen, Böden, Decken, Fenster – ja sogar die Barkeeper – gibt, die alles hören können.
„Raus mit euch allen!“, bellte MacLaurin. „Heute Nacht geht es um wichtige Dinge. Wir müssen allein sein. Nicht wahr, Peter?“

Page 60

Und Peter war überzeugt, dass man die Geschäfte heute Nacht nicht besprechen konnte. Nur eines wollte er mit Sicherheit wissen.

„Sie fahren morgen den Hankow flussaufwärts?“

„Ja, das tue ich, Peter!“

„Dann nehmen wir morgen früh den Express nach Nanking.“

„Jawohl, Sir!“

„Wir sollten jetzt ins Bett gehen. Sonst sehen Sie aus wie ein Wrack, wenn Miss Vost Sie sieht.“

„Miss Vost!“, explodierte MacLaurin. „Wann haben Sie Miss Vost gesehen?“

„Vor kurzem, Bob. Sollen wir jetzt ins Bett gehen?“

„Wegen Miss Vost bin ich betrunken, Peter“, sagte Bobbie MacLaurin traurig.

„Also hat sie es zugegeben. Morgen werden wir mit ihr sowie über andere wichtige Dinge sprechen.“

„Wie Sie sagen, Peter. Ich bin die körperliche Kraft, aber Sie sind das Gehirn dieses Teams – wie immer! Zeit zum Schlafen.“

Als aus dem riesigen Körper unter den weißen Laken Bobbie MacLaurins nicht ganz musikalischer Schnarchen zu hören war, ging Peter Moore wieder in die Lobby, trat hinaus auf die Straße und hielt ein Rikschaf an.

Der Nebel vom Whang-poo hatte sich in einen schrägen Regen verwandelt. Der Uferstreifen war ein Graben aus lehmiger Schlammigkeit. Jede Straßenlaterne wirkte wie ein eigenes Halo.

Er zündete sich eine Zigarette an, ließ den Träger seinen feuchten Ölzeugmantel bis zur Taille hochziehen und betrachtete träumerisch den Sumpf, der Shanghai war.

Das Rikschaf überquerte die Brücke über den Soochow-Creek und hielt triefend unter dem Vordach des Astor House Hotels an, wo ein majestätischer Inder stand.

Page 61

Ein Mann trat aus den Schatten hervor, in der Hand einen großen, geöffneten Regenschirm.

Entgegen ihrem Versprechen wartete Fräulein Vost nicht auf seine Nachricht. Doch sie schickte durch den Diener zurück, dass sie sich anziehen und herunterkommen würde, falls er es wünschte. Peter überlegte einen Moment. Ein Blick auf Fräulein Vost zu dieser Nachtstunde bedeutete ihm nichts – oder verlangte er doch danach? Unsinn!

Er schrieb hastig eine Notiz, versiegelte sie in einem Umschlag und gab ihn dem Zimmerjungen, damit dieser sie überbrachte.

Er stellte sich ihr verschlafenes Erstaunen vor, als sie den Umschlag öffnete und las:

Bobbie scheint sehr verärgert zu sein. Wir nehmen den Morgenexpress nach Nanking. Versuche, mitzukommen. Wir werden zu dritt in Soochow Tee trinken.

In Soochow! Da war er wieder – mit solchen Kleinigkeiten beschäftigt.

„Verdammt nochmal, mein verdorrtes Ehrgefühl!“, murmelte Peter Moore zu sich selbst, als er in das vom Regen durchnässte Rikschaf stieg.

KAPITEL XI

Mit dem reinen Morgengrauen erhob sich Robert MacLaurin aus seinem Bett – wie ein großer, gelber Berg; denn seine Pyjamahose bestand vollständig aus feiner Kantoneser Seide, in der Farbe des kugelförmigen Mondes, wenn er tief am Horizont Chinas steht.

Nachdem er sich endlich vergewissert hatte, dass es im Schlafzimmer noch einen Bewohner gab, goss er den Inhalt eines dicken, weißen Wasserkessels aus und warf den Kessel auf das Bett des anderen Bewohners des Schlafzimmers.

Page 62

In solch kritischen Zeiten war das lächelnde Schicksal, das das Schicksal von Peter Moore in der Handfläche hielt, stets wachsam. Der weiße Krug prallte von seiner ruhigen Gestalt ab – mit nicht mehr als einem unbedeutenden Knall. Der Krug fiel zu Boden und endete schließlich an der harten Wand. Peter Moore setzte sich auf und rieb sich die Augen.

„Tot oder lebendig, Peter?“

„Du hast mir fast den Rücken gebrochen.“

„Das hast du dir selbst zuzuschreiben, du Träumer! Gestern Abend hast du mich ins Bett gebracht und gewarnt, dass wir den frühen Express nach Nanking nehmen müssen.“

„Genau“, gab Peter Moore mit heiserer Stimme zu. In den letzten zwei Tagen hatte er es geschafft, insgesamt vier Stunden zum Schlafen zu finden – und fühlte sich entsprechend. Er betrachtete seinen Zimmergenossen, war aber nicht überrascht über das, was er sah.

Bobbie MacLaurin sah, obwohl er noch nicht rasiert war, frisch wie eine Rose aus. Seine Ausdauer glich der eines Gebirgszuges. Seine meerblauen Augen waren klar und durchdringend, seine Haut strahlend und glatt. Die negativen Auswirkungen der vergangenen Nacht wurden von ihm mit kaum sichtbarem Aufwand absorbiert – so, wie ein riesiger Schwamm einen Tautropfen aufnimmt.

„Chinesische Augen und chinesische Messer sind in meinen Träumen“, murmelte Peter.

„Sei froh! Über Ichang wimmeln die Piraten. Bevor wir Ching-Fu erreichen, werden uns beide mindestens ein Dutzend Mal die Kehle durchschneiden.“ Bobbie wandte sich vom Miniaturspiegel ab. Seine meerblauen Augen blickten durch einen weißen Schaumteppich hindurch. „Beeil dich und rasier dich, du Faulpelz! Wir werden den Zug verpassen.“

„Ich werde sechs Monate lang nicht rasieren!“

„Wette?“

Page 63

„Was du brauchst, ist ein Drink, mein Junge!“

„Wenn du Beweise hast dafür, dass der größte flüchtige Verbrecher dich wie ein Schwein einsperren will –“

MacLaurin drehte seinen großen Körper um und starrte ihn an. „Du meinst das nicht ernst.“

„Ich meine einen Grauen Drachen. Hast du schon einmal von so etwas gehört?“

Das Messer in Bobbie MacLaurins großer, roter Hand blitzte auf. Es kam seiner Wange näher – doch er fluchte nicht.

„Wir müssen uns beeilen, um den Zug zu erwischen“, brummte seine tiefe Stimme. „Wir müssen das besprechen. Wir müssen schnell sein, Peter“, sagte er noch einmal.

Miss Amy Vost war nicht zu sehen, als die beiden Rikschas auf dem Bahnsteig des roten Ziegelgebäudes ankamen.

„Vielleicht wartet sie im Abteil auf uns und hält uns Plätze frei“, schlug Peter vor.

„Genau wie sie“, sagte MacLaurin. „Sie ist wirklich eine Schönheit!“

Peter betrat das Abteil zuerst und blickte sich um. Die einzigen Haare, die man sehen konnte, waren die langen, schwarzen, glänzenden Haare einer mit Juwelen geschmückten chinesischen Dame. Die anderen Passagiere waren Männer.

„In Soochow wird es kein Tête-à-Tête geben“, bemerkte Peter Moore zu seinem Gewissen.

„Für dieses Mädchen würde ich sogar in die Hölle gehen!“, verkündete Bobbie MacLaurin, während er sich neben Peter setzte. „Jetzt erzähl mir, was du in diesem japanischen Schiff gemacht hast. Zwei Jahre sind vergangen, seit wir von den Spigotties aus Panama City vertrieben wurden, oder?“

„Ich bin mit der Vandalia hierhergekommen.“

„Und du bist nicht zurückgekehrt, nehme ich an.“

Page 64

„Sie ist gestern den Fluss hinauf nach Soo-chow gefahren. Nein, ich werde nicht zurückkehren.
Bobbie, ich habe auf diesem Schiff etwas begonnen – und ich bin auf dem Weg nach Ching-Fu – und noch weiter als Ching-Fu – um es zu beenden.“

„Es wird wunderbar fertiggestellt werden, Peter! Sonst heißt du ja nicht Moore.“

„Es gab ein Mädchen – ein wunderschönes Mädchen…“

„Das gibt es normalerweise“, seufzte MacLaurin.

Peter blickte bitter auf die Landschaft, die gleichmäßig am Fenster vorbeizog: Büsche aus federartigem Bambus, leuchtend gelbe Senffelder, prächtige Gärten – und Gräber – unzählige Gräber.

„Vielleicht durchquert sie gerade das Binnenmeer. Bobbie, ich wollte, dass sie nach Hause geht. Sie war – sie war einfach so ein Mädchen. Sie wollte bleiben. Bobbie, dieses Mädchen hätte aus mir einen Mann machen können! Sie hat mir sogar gesagt, dass sie – mich mag!“

„Sie haben eben ihre Art, so etwas zu tun“, kommentierte Bobbie traurig.

Mehrere Meilen vergingen, bevor einer der Männer wieder sprach.

„Warum unternimmt Miss Vost diese Reise nach Ching-Fu?“

„Das musst du selbst herausfinden, Peter. Ich hatte zu viel zu tun damit, ihr klarzumachen, wie viel heller mein Leben geworden ist, seit sie darin aufgetaucht ist!“

Der quadratische, rote Kiefer bewegte sich wild in Peters Richtung. Plötzlich schienen die meerblauen Augen etwas gerötet zu sein. „Wahrscheinlich reist sie wegen wichtiger Angelegenheiten nach Ching-Fu. So ist sie eben. Sie ist nicht wie du!“

„Was meinst du damit?“, fragte Peter.

„Du wirst versuchen, in Len Yang einzudringen – das meine ich! Eines Tages, bei einer deiner unvorsichtigen Expeditionen, wirst du direkt in ein langes, scharfes Messer laufen! Wenn ich dich davon abhalten könnte, würde ich es tun.“

„Das kannst du nicht, Bobbie. Ich habe mich entschieden.“

Page 65

„Verlasse China! Warum solltest du in die Höhle des Löwen gehen? Du bist zu vertrauensvoll, zu naiv – und zu jung. Aus Pflichtgefühl gegenüber meinem Gewissen sollte ich dich nicht gehen lassen. Doch ich weiß, dass du zu Fuß, per Flug oder Schwimmen weitergehen würdest, selbst wenn ich versuchen würde, dich aufzuhalten.“

„Das würde ich sicherlich tun“, stimmte Peter zu.

Kapitel XII

Kein Mitglied der großen Bruderschaft der gefährlichen Wasserwege dieser Welt ist mit dem gleichen Maß an Gefahr konfrontiert wie jene, die es wagen, den Fluss der goldenen Sande zu befahren.

Bobbies Dampfschiff, die Hankow, war das Ergebnis langjähriger Erfahrung im Schiffbau. Dutzende von scheinbar seetüchtigen Booten sind den Jangtsekiang hinaufgefahren – nur um nie wieder zurückzukehren. Nach Jahren des Experimentierens wurde schließlich ein eher zufriedenstellendes Flussboot entwickelt. Es vereint die Robustheit eines Seetugs mit der Geschwindigkeit eines Torpedobootszerstörers.

Die Hankow war lächerlich klein – doch unglaublich stark. Im Wesentlichen bestand sie aus Motoren und Kesseln. Trotz aller Sicherheitsmaßnahmen, trotz der Schiffbrüche und Todesfälle, die durch ihr heutiges Design entstanden sind, sinken jedes Jahr viele Flussboote auf dem Jangtsekiang.

Doch die Welt des Handels ist ein arroganter Herrscher. Im Land entlang des Oberlaufs des Flusses gibt es Reichtum. Dieser Reichtum muss ins Meer gebracht und in die Länder jenseits des Meeres verteilt werden. Im Gegenzug müssen Maschinen und Werkzeuge zurückgebracht werden, um diesen Reichtum abzubauen und zu nutzen.

Über die Männer, die es wagen, die Strömungen, Felsen und Sande des großen Flusses zu durchqueren, wird wenig gesprochen, noch weniger erzählt – und am wenigsten geschrieben. Manchmal treibt sie der Abenteuergeist dazu, den Jangtsekiang hinaufzufahren. Oft ist es eine Frau, die sie dazu inspiriert – oder einfach nur der Anlass dafür.

Page 66

Fräulein Amy Vost aus New York City – und kürzlich auch aus Amoy in China, in der Provinz Fujian – war die treibende Kraft im Fall von Bobbie MacLaurin. Als Fräulein Vost fröhlich an Bord der Sunyado Maru stieg, die vor den Küsten von Amoy lag, und auf den ersten Blick die Herzen des gesamten Besatzungsmitteils eroberte, war Bobbie MacLaurin der eifrigste „Gefangene“ unter ihnen. Vielleicht bemerkte sie ihn bereits mit dem Blick ihrer strahlenden jungen Augen, lange bevor er ernsthaft und tödlich erkrankte. Sicherlich glaubte der Erste Offizier der Sunyado Maru nicht an die Theorie der Nichtwehr. Hätte Fräulein Vost eine empfängliche junge Frau gewesen, kann man sicher annehmen, dass Bobbie MacLaurin die Leitung des Schiffes von Hankou bis zu dieser abgelegenen chinesischen Stadt Ching-Fu nicht übernommen hätte. Er umwarb sie im Steuerhaus – wohin Passagiere niemals zugelassen wurden –, er machte ihr Avancen im Speisesaal und schenkte ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit in allen Ecken des geräumigen Decks besondere Aufmerksamkeit. Fräulein Vost wehrte sich gegen seine Annäherungsversuche. Neben ihrer Schönheit und Anziehungskraft war sie auch klug. Sie schien der Ansicht des Philosophen zuzustimmen, der meinte, Gespräche seien der Menschheit nur zum Zweck des Ausweichens gegeben worden. Am Ende der ersten Woche erhielt Bobbie MacLaurin böse Blicke von seinem ernsten britischen Kapitän sowie keineswegs ermutigende Blicke von Fräulein Vost. Er sagte ihr, dass all die Schönheit und Pracht der Sterne, des Meeres und des Mondlichts nicht mit dem Glanz ihrer großen, grauen Augen vergleichbar sei. Sie antwortete, der Mond, die Sterne und das Meer hätten ihm zu Kopf gestiegen. Er beharrte darauf, ihr Lächeln könne nur mit dem Sonnenaufgang an einer feuchten Rosenrebe verglichen werden. Hundertmal warf er sein großzügiges Herz zu ihren Füßen. Da sie gerecht und einfühlsam war, trat sie es nicht beiseite – sie wich einfach aus. Mit der Drohung, ihr bis ans Ende der Welt zu folgen, beendete er das Gespräch an jenem Abend. Sie gab ihm buchstäblich die Gelegenheit dazu.

Page 67

Er bemerkte trocken, dass ihr Ziel genau am Ende der Welt lag – genauer gesagt in den Hügeln von Szechuan.

Er raubte ihr den Atem, als er sagte, er würde mit ihr auf derselben Flussbarke nach Ching-Fu reisen, selbst wenn er dafür die Decks reinigen müsste. Sie bat ihn, kein Dummkopf zu sein; dass er unter seiner Grobheit eigentlich ein lieber Mensch sei, aber keine Frauen kenne.

Als die Sunyado Maru vor Woo-sung Anker warf, ließ Miss Vost Bobbie ihre Hand einen Moment länger halten, als nötig war, und weigerte sich stur, mit ihm in derselben Sampan – oder demselben Schlepper – zum Zollhafen zu fahren. Kurz gesagt: Sie fuhr allein den Whang-poo hinauf, während Bobbie, die Fingernägel knirschend, absichtlich mit dem ernsten britischen Kapitän stritt und daraufhin aufgefordert wurde, Abschied zu nehmen – was er auch tat.

Durch verschlungene unterirdische Kanäle stellte Bobbie MacLaurin fest, dass die Kajüte des Kapitäns auf der Hankow frei war – der vorherige Besitzer hatte seinem Leben an Cholera entsagt. War er bereit, diese enorme Verantwortung zu übernehmen? Sehr sogar! Hatte er gültige Papiere? Auf jeden Fall!

Als der Shanghai Express in den Bahnhof von Nanking einfuhr, stieg Bobbie MacLaurin in eine quietschende Rikscha und fuhr in Richtung Flussufer davon, in der tiefen Hoffnung, dass Miss Vost es irgendwie geschafft hatte, ihm vorauszukommen. Peter Moore, der die alte chinesische Hauptstadt wie seine Westentasche kannte, machte sich zu Fuß in einer diagonalen Richtung auf den Weg.

Er suchte sich einen chinesischen Schneider auf, der ihm den japanischen Anzug abkaufte und ihm stattdessen einen Anzug aus grauem Tweed verkaufte – einen Anzug, den ein anderer Kunde nicht abgeholt hatte. Obwohl der graue Tweed kein Schmuckstück war, fühlte er sich angenehm europäisch an – ein Trost im Vergleich zum unhandlichen Kimono.

Er wollte kurz mit Miss Vost sprechen, bevor sie Bobbie sah. Er hatte so viel Zuneigung zu Bobbie, dass er Miss Vost bitten wollte, bitte nicht unnötig grausam zu ihm zu sein. Er wusste nicht, dass Miss Vost…

Page 68

Sei niemals unnötig grausam gegenüber irgendeinem Lebewesen – denn er machte den Fehler, alle Frauen in gute und grausame einzuteilen, wozu Miss Vost offensichtlich zu letzteren gehörte. Tatsächlich war Miss Vost einfach nur eine junge Frau, die weit von zu Hause entfernt war und gezwungen war, an primitive Selbstverteidigungsmethoden zu glauben und diese manchmal anzuwenden.

Peter nahm ein Rikschaf zum Fluss. Er suchte unter den vielen Schiffen das Schiff „Hankow“ aus – es lag nicht weit vom Ufer vor Anker und außerhalb der Reichweite der schnellen Strömung, die gefährlich durch die Mitte des Flusses floss. Schwarzer Rauch stieg aus seinem einzigen, dicken Schornstein auf. Arbeiter in blauen Mänteln eilten auf dem schmalen Deck hin und her. Bobbie MacLaurin beugte sich weit über die Reling, als Peters Sampan neben dem Schiff ankam. Der Arbeiter schlug mit den Armen ins Wasser, sodass gelbliche Schaumblasen entstanden.

„Haben Sie Miss Vost gesehen?“, rief MacLaurin über das Zischen des Dampfs hinweg. „Wir legen in einer Stunde ab – mit oder ohne Miss Vost. Das sind die Befehle.“

Peter erreichte das Deck und blickte sich an der mit Pagoden übersäten Uferlinie um. „Sie wird hier sein“, sagte er.

Pu-Chang, der Pilot des Schiffes „Hankow“ – ein schlanker, grauhaariger Chinese, der im Flusdienst vorzeitig gealtert war – trat zwischen sie, lächelte geheimnisvoll und fragte seinen Kapitän, ob die neue Zugleine bereits geliefert worden sei. Während MacLaurin nachfragte, beobachtete Peter ein Sampan, das mit seiner Bugseite flussabwärts trieb – offensichtlich mit der Absicht, eine Verbindung zur Leiter des Schiffes „Hankow“ herzustellen. Auf dem schmalen Vorderdeck des Sampan war eine schlanke Gestalt in Blau und Weiß zu sehen.

Etwas überrascht von dieser Erinnerung beugte sich Peter weit vor. Für einen Moment hatte er geglaubt, das weiße Gesicht gehöre Eileen Lorimer. Die zurückhaltende Haltung von Miss Vosts Händen, die sie vor sich hielt, gab Peter Moore weitere Gründe für diesen Vergleich. Ihre Jugend und Unschuld spielten dabei genauso eine Rolle wie alles andere – denn bei Miss Vost war zweifellos ein Hauch von Jugend und extremer Unschuld spürbar.

Aus dem Maschinenraum ertönte ein triumphierender Ruf. Daraufhin strömten die Leute aus dem Maschinenraum heraus.

Page 69

Die monumentale Gestalt von Bobbie MacLaurin – er grinste wie ein Schuljunge bei seiner ersten Party. Er packte Miss Vost an beiden Händen und schwang sie geschickt auf das Deck.

Sie keuchte und lehnte sich gegen die Reling, hielt sich die Hand aufs Herz und begrüßte Bobbie MacLaurin mit einem Blick, der nicht ganz herzlich war.

„Dem Jungen vom Sampan wurde noch nicht bezahlt“, bemerkte sie und öffnete ihre Handtasche. „Es sind zwanzig Cent.“

Während MacLaurin einen Silberdollar aus seiner Tasche holte und ihn dem besorgten Arbeiter zuwarf, wandte sich Miss Vost mit dem warmsten Lächeln an Peter. Selten hatte ein Mädchen so erfreut ausgesehen, ihn zu sehen – weshalb es ihm unter diesen Umständen etwas schwerfiel, dankbar zu sein.

Wieder spürte er dieses dumpfe Schuldgefühl. Er fand, sie sollte Bobbie MacLaurin mehr Freundlichkeit entgegenbringen. Da war Bobbie, der ihr wie ein treuer Hund folgte, auf der gefährlichsten Reise, die sich ein Mensch nur vorstellen konnte – und er war bislang nicht einmal mit dem knauserigsten Lächeln belohnt worden.

Frauen waren so. Sie nahmen die Früchte deiner Arbeit, oder sie nahmen dir das Leben – oder ließen dich es den Krähen überlassen, ohne auch nur ein Zeichen der Dankbarkeit. Zumindest einige Frauen waren so. Er hatte gehofft, dass Miss Vost nicht zu dieser Sorte gehörte. Er hatte gehofft…

Miss Vost legte ihre kleine, warme Hand in seine – und schien durchaus bereit zu sein, sie dort zu lassen. Ihre Lippen waren leicht geöffnet in einem Lächeln, das fast schon wie eine Zärtlichkeit war. Es schien, als hätte sie vergessen, dass es diesen verwirrten jungen Mann gab, der so gebannt auf den Rücken ihres hübschen, weißen Halses starrte.

Für Peter war das ziemlich peinlich. Das Gefühl der kleinen Hand, die so eng in seiner lag, ließ eine Wärme in sein schuldbewusstes Herz strömen.

Dann, als ihm der Schmerz im Gesicht von Bobbie MacLaurin bewusst wurde – ein Gesicht, das plötzlich blass geworden war – und er sich seines Pflichtgefühls gegenüber diesem wahren Freund bewusst wurde, schob er Miss Vosts Hände von sich weg.

Page 70

Diese Geste diente dazu, sie alle wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

„Bist du nicht froh – bist du nicht wenigstens ein bisschen froh – mich zu sehen? Mich?“ sagte Bobbie MacLaurins verletzte Stimme.

Miss Vost drehte sich anmutig um und ließ Peter Moore ihren prächtigen, gerade Rücken sehen. „Natürlich bin ich froh, Bobbie! Ich freue mich immer, dich zu sehen. Oh – schau mal! Hast du schon einmal einen solchen Chinesen gesehen?“

Alle blickten in die Richtung, in die sie zeigte. Ein lachsfarbenes Sampan näherte sich schnell der mit Nägeln verstärkten Stahlwand des Schiffes Hankow. Auf dem niedrigen Deck stand ein sehr großer, sehr ernster Chinese mit weit gespreizten Beinen. Sein langes, blasses Gesicht war nicht nur ernst, sondern auch streng.

Peter Moore starrte und durchforstete sein Gedächtnis. Er hatte dieses Gesicht, diese Miene bereits einmal gesehen. Seine Erinnerungen wanderten zurück zum Laden an der Nanking Road vom Vorabend, als er sich von dem freundlichen Geschäft seines Freundes, des Seidenhändlers Ching Gow Ong, in Richtung des Ufers schlich.

Dieser Mann war weder Kantoneser noch Pekinger. Sein langes, eher hochmütiges Gesicht, seine adlerartige Nase, die geweiteten Nasenlöcher, der nach hinten geneigte Kopf, die hohe, schmale Stirn sowie das dunkelblaue Haar identifizierten den chinesischen Fremden – selbst wenn man seine ungewöhnlich große Größe außer Acht ließ – als jemanden aus den Bergen, vielleicht Tibetier oder Mongole. Sicherlich war er kein Flussbewohner.

Es schien unwahrscheinlich, dass der Fensterbrecher so schnell von der herzlosen Polizei in Schanghai freigelassen werden konnte; doch aus seiner eigenen abenteuerlichen Vergangenheit konnte Peter sich an mehr als eine Gelegenheit erinnern, bei der Glück ihm vor Peinlichkeiten bewahrt hatte.

Die Haltung des Mannes auf dem flachen Dach des Sampan war gelassen. Mit Gleichgültigkeit wanderte sein schmaler Blick von Bobbie MacLaurins Gesicht zu dem von Miss Vost und weiter zu dem scharfäugigen Gesicht von Peter Moore.

Page 71

Hier ruhte der beiläufige Blick. Falls er Peter Moore erkannte, zeigte er es nicht. Er betrachtete Peters Gesicht mit dem Ausdruck eines Menschen, dessen Interesse bei der geringsten Störung abgelenkt werden könnte.

Als kluger und wachsamer Beobachter der menschlichen Natur senkte Peter seinen Blick auf die langen, krallenartigen Finger des Mannes. Diese zuckten ganz leicht und zupften langsam – vielleicht sogar nachdenklich – am Saum seines schwarzen Seidenmantels. Aufgrund von Peters intensivem Starren hörte dieses Zucken plötzlich auf.

Das Boot legte nebenan an. Der große Mann warf eine kleine, orangefarbene Seidentasche auf das Deck. Er kletterte die Leiter hinauf, als wäre er sein ganzes Leben lang daran gewöhnt gewesen.

„Mir gefällt sein Aussehen nicht“, bemerkte Miss Vost und blickte Peter mit einem neugierigen Lächeln ins Gesicht.

„Mir auch nicht“, sagte Bobbie MacLaurin.

Der prächtig gekleidete Fremde sprang geschickt über den Teakgeländer, holte die orangefarbene Tasche und näherte sich MacLaurin. Für einen Moment senkte er seinen Kopf, um die Autorität der blauen Uniform anzuerkennen.

Er sprach ausgezeichnetes Englisch: „Ich möchte eine Überfahrt nach Ching-Fu buchen.“

„Dort entlang“, antwortete der Kapitän des Schiffes.

„Sie scheinen ihn zu erkennen“, sagte Miss Vost zu Peter, als sie allein auf dem Deck waren.

„Vielleicht habe ich mich geirrt“, antwortete Peter ausweichend. Plötzlich bemerkte er Miss Vosts besorgten Blick.

Impulsiv legte sie ihre Hand auf seinen Arm. Sie kam ihm sehr nahe. Ihr Kopf neigte sich zurück, sodass ihr Kinn fast auf derselben Höhe wie seines war.

„Mr. Moore“, sagte sie mit leiser, sanfter Stimme, „ich werde Ihnen keine Fragen stellen. In China gibt es viele Dinge, die eine Frau besser nicht versucht zu verstehen. Aber ich – ich möchte Ihnen sagen, dass ich glaube, Sie sind…“

Page 72

Prächtig. Das ist wirklich wunderbar von Ihnen – ich kann Ihnen gar nicht genug danken. Meine Gefühle lassen es einfach nicht zu.

„Aber – warum – was – was…“, stammelte Peter.

„Oh, Herr Moore, ich weiß es!“, fuhr Fräulein Vost ernsthaft fort. „Wie alle guten, mutigen Männer sind Sie auch bescheiden! Das bringt mich fast zum Weinen, wenn ich daran denke…“

„Aber, Fräulein Vost“, unterbrach Peter sanft und ernst, „Sie übertreiben maßlos!“

Bei den geschmeidigen Bewegungen des Schiffes ertönte das Klirren der nassen Ankerketten. Eine Glocke läutete im Maschinenraum. Der starke Stoff des kleinen Dampfers erzitterte. Das gelbe Wasser strömte an ihnen vorbei. Am Ufer rückten zwei Pagoden langsam näher zueinander. Die Hankow bewegte sich.

Fräulein Vost umklammerte Peters Arm fester. Ihre leuchtenden Augen waren leicht verschwommen. „Gestern Abend, als wir uns auf dem Kai trafen“, fuhr sie mit leiser Stimme fort, „wusste ich sofort, wer Sie sind: Ein edler Gentleman! Ein Mann, der jede hilflose Frau beschützen würde, der ihm begegnet!“

„Das ist wirklich nett von Ihnen“, murmelte Peter.

Wie Saul von Tarsus begann auch er, ein helles Licht zu sehen.

„Und es stimmt tatsächlich!“, fuhr Fräulein Vost fort. „Jetzt riskieren Sie Ihr Leben für mich – für diese arme, unwürdige Person! Bitte leugnen Sie das nicht, Herr Moore! Ich möchte nur, dass Sie wissen, dass ich verstehe – und dass ich dankbar bin!“ Ihre Lider flatterten vor unkontrollierter Rührung.

„Bobbie liebt Sie“, platzte Peter heraus. „Er würde alles auf der Welt für Sie tun. Er hat es mir gesagt.“

Fräulein Vost öffnete die Augen – mit einem verletzten, gedemütigten Blick. „Was?“

„Er würde sogar in die Hölle gehen, um Sie zu retten!“

Page 73

„Er ist ein übergroßer Junge – er weiß nicht, was er sagt. Das ist Unsinn“, erklärte Miss Vost und wandte den Blick von Peter ab. „Ich kenne seine Art, Herr Moore. Er verliebt sich in jedes hübsche Gesicht – und trennt sich genauso leicht wieder davon.“

„Sie kennen Bobbie nicht so wie ich“, sagte Peter stur.

„Das muss ich auch nicht. Ich kenne seine Sorte – ein Mädchen in jedem Hafen.“

„Nein, nein – nicht Bobbie!“

Für einen Moment schien es, als wären sie in eine Sackgasse geraten. Miss Vost blinzelte schnell und schien etwas Interesse an einem Boot zu haben, das flussabwärts fuhr.

Sie blickte auf mit einem schwachen Lächeln. Wieder standen Tränen in ihren Augen. „Herr Moore“, sagte sie mit brüchiger Stimme, „was Sie mir über Herrn MacLaurin, Kapitän MacLaurin, erzählt haben, rührt mich zutiefst!“

„Versuchen Sie bitte, nett zu Bobbie zu sein“, bat Peter. „Er ist der beste Mensch, den ich kenne. Er ist aufrichtig – er würde sein Leben für Ihren kleinen Finger geben. Wirklich, Miss Vost!“

Ihre strahlenden Augen warfen ihm einen sehnsüchtigen Blick zu.

„Ich werde es versuchen“, sagte sie einfach.

In jener Nacht waren die Ufer des großen Flusses unter dem Schein eines gelben Mondes grau und geheimnisvoll. Das Suchlicht auf dem Pier durchdrang den dichten Nebel, der von der trüben Flussoberfläche aufstieg.

Die Luft war feucht vom Atem des Landes. Gelegentlich trugen sanfte Windböen Gerüche mit sich, die ungewöhnlich und unidentifizierbar waren.

Arm in Arm, während sie auf das zischende Wasser blickten, standen Miss Vost und Peter einige Momente lang in Stille da. Schließlich legte Miss Vost ihren Arm um seinen.

Page 74

„Manchmal“, flüsterte sie und neigte ihren Kopf, bis er fast auf seiner Schulter ruhte, „fühle ich mich einsam – schrecklich! Besonders an einem solchen Abend wie diesem. Der Mond ist doch so unpersönlich, nicht wahr? Da ist er, eine große, prächtige Kugel aus kaltem Feuer, die über China auf dich und mich scheint. In Amoy schien er mich anzufahren. Jetzt – scheint er zu lächeln. Derselbe Mond!“

„Derselbe Mond!“, flüsterte Peter, als ihre warme Hand herunterglitt und sich in seine schmiegte.

„Fühlen Sie sich denn nie einsam – so wie ich?“, fragte Miss Vost plötzlich.

Peter seufzte. „Oh, oft. Sehr oft! Die Welt erscheint so groß und voller Dinge, die schwer zu verstehen sind. Besonders nachts!“ Er fragte sich, was sie wohl damit meinte.

„Ich – ich fühle mich auch so“, antwortete Miss Vost mit versunken klingender Stimme. „Ich versuche immer wieder, diese Dinge zu durchdenken. Aber sie sind so rätselhaft! So schwer fassbar! Hier ist China mit seinen Millionen von armen, elenden Menschen, die im Dunkeln und in Krankheit kämpfen. Es gibt so viele! Und es ist so schwierig, ihnen zu helfen. Und jenseits davon, nur wenige Meilen hinter diesem Hügel, liegt Tibet mit seinen Millionen, seiner Unwissenheit und seinen Krankheiten. Und links – weiter links, glaube ich – liegt Indien.

„Wenn jemand glücklich sein will, sollte er nicht nach China oder Indien kommen. Ihre Probleme sind einfach zu überwältigend. Man kann nicht schnell genug Lösungen finden – und selbst während man nachdenkt, überwältigt einen die Müdigkeit, die Hoffnungslosigkeit all dessen. Ich wünschte, ich wäre nie nach China gekommen.

„Ich war vor Kurzem zufällig in Fuzhou. In Fuzhou gibt es etwas, das veranschaulicht, was ich meine. Es wird die Babenturm genannt. Mädchen, wissen Sie, gelten in China nicht besonders viel. Am Fuß des Turms befindet sich ein tiefer Brunnen. Frauen, bei denen ein Mädchen geboren wird, gehen zum Babenturm –“ Miss Vost erschauderte. „Die Babys werden in den Brunnen geworfen. Ich habe sie gesehen. Arme, kleine Wesen – die so sterben müssen!“

Miss Vost schniefte für einen Moment. Dann sagte sie fröhlich: „Ich mag es, mit Ihnen zu sprechen, Herr Moore. Sie sind so – so einfühlsam!“

Page 75

Ein großer, dunkler Schatten tauchte neben Peter am Geländer auf.

„Guten Abend, Leute!“, rief die angenehme Bassstimme von Bobbie MacLaurin.

„Wir haben gerade über Sie gesprochen, Bobbie“, sagte Peter freundlich. „Wie ich Miss Vost bereits sagte, sind Sie der mitfühlendste Mensch, den ich je kennengelernt habe! Gute Nacht, Miss Vost. Gute Nacht, Bobbs!“

Page 76

KAPITEL XIII

Als Peter die Treppe hinunter in den schmalen Vorraum stieg – der gleichzeitig als Empfangssaal, Speisesaal und auch als Korridor diente, durch den man zu den vier kleinen Kabinen des Schiffes gelangte – hatte er das kalte Gefühl, dass die Dunkelheit Augen hatte.

Doch er sah nichts. Die Kabine war dunkel. Drei runde Öffnungen glühten grünlich jenseits der Treppe auf der Vorderseite der Kabine. Dieses Glühen wurde durch die gebrochenen Strahlen des blendenden Suchscheinwerfers des Schiffes verursacht. Doch das waren nicht die „Augen“, die er gespürt hatte.

Allmählich gewöhnten sich seine eigenen Augen an die undurchdringliche Dunkelheit. Er stützte seinen Körper gegen die sanften Schwankungen des Schiffes und versuchte, trotz des lauten Dröhnens des riesigen Motors etwas zu hören.

Besorgt betrachtete er die Türen der vier Kabinen. Als die Dunkelheit allmählich nachließ, stellte Peter fest, dass die Kabine neben seiner leicht angelehnt war. Der Mond half ihm dabei – Miss Vosts „unpersönlicher“ Mond. Im Licht des Mondes zeichnete sich gegen den Spalt etwas ab, das wie ein großer, unregelmäßiger Block aussah.

Peter kam zu dem Schluss, dass es sich bei diesem unregelmäßigen Block um nichts anderes als den Kopf eines Mannes handelte. Um zu beweisen, dass seine Vermutung richtig war, wechselte Peter schnell den Revolver von der rechten in die linke Hand, brachte ihn in Augenhöhe – und zündete ein Streichholz an.

Im plötzlichen Licht des Phosphors wurde sofort der böse Glanz „himmlischer Augen“ in der halb geöffneten Tür sichtbar.

Mit unglaublicher Sanftheit wurde die Tür geschlossen. Anstelle von halb geschlossenen Augen, einem wütenden Gesichtsausdruck sowie einer Mähne aus blau-schwarzem Haar befand sich nun nur noch eine weiß emaillierte Türplatte.

Page 77

Peter lächelte weiterhin, während der Zylinder im schwachen Licht des Streichholzes glänzte. Er öffnete seine Tür, schloss sie wieder und verriegelte sie. Nachdem er das elektrische Licht eingeschaltet hatte, zog er vorsichtig den Vorhang beiseite. Offenbar zufrieden schnupperte er in die Luft – es roch einfach nur stickig, wie es in einem Schlafzimmer der Fall ist, das etwa eine Woche lang verschlossen war.

Er drehte die dicken Schrauben auf, mit denen das Messingfenster festgehalten wurde, und ließ frische, neblige Luft vom Fluss herein. Gleichzeitig drangen Stimmen ins Zimmer.

Miss Vost und Bobbie MacLaurin sprachen in klaren, angespannten Worten miteinander. Peter konnte nicht umhin, zuzuhören. Sie standen auf dem Deck, direkt über seinem Schlafzimmer, nur wenige Fuß von seinem Fenster entfernt – welches sich viel näher am Deck als am wellenden Wasser befand.

„Aber ich liebe dich wirklich!“, klagte Bobbie mit seiner tiefen Stimme. „Seit du das alte Sunyado Maru betreten hast, bin ich dein Schatten – dein Sklave! Was kann ein Mann noch mehr sagen?“, fügte er bitter hinzu.

„Nicht viel“, antwortete Miss Vost leichtfüßig. Plötzlich wurde sie ernst. „Bobbie, ich mag dich wirklich. Ich bewundere dich – sehr sogar. Aber du bist einfach nicht der richtige Mann für mich. Du verstehst mich nicht. Du wirst mich niemals verstehen. Begreifst du das nicht? Du bist zu impulsiv – zu brutal – zu……“

„Brutal! Ich habe dich wie eine Blume behandelt. Ich möchte dich beschützen……“

„Aber ich brauche keinen Schutz, Bobbie. Ich bin vorsichtig, furchtlos – und zweiundzwanzig Jahre alt. Ich brauche keinen Wachhund!“

„Mein Gott, wer hat denn etwas von einem Wachhund gesagt?“, rief Bobbie aus. „Ich will doch nur……“

„Du willst mich einfach nur“, vollendete Miss Vost. „Nun, das kannst du nicht haben.“

„Dann liebst du jemand anderen. Dieses junge Mädchen!“

Peter starrte finster auf den trüben Mond.

Page 78

„Wagen Sie es ja nicht, ihn einen jungen Hund zu nennen, Robert MacLaurin“, erwiderte Miss Vost verärgert. „Er ist ein wunderbarer junger Mann. Ich bewundere ihn und respektiere ihn sehr, sehr sehr.“

„Er darf keinesfalls mit einem meiner Mädchen herumalbern!“

Peter hörte, wie Bobbie den Atem zwischen den Zähnen anhielt – als hätte er sich vielleicht mit einer Nadel gestochen. Bobbie hatte schon Schlimmeres getan.

„Eines Ihrer Mädchen!“, fauchte Miss Vost.

Darauf folgten leise, ängstliche und flehende Flüstertöne. Diese wurden von einem langen, hellen und köstlichen Lachen unterbrochen.

„Bobbie, du bist so lustig!“, gluckste Miss Vost.

„Ich wünschte, ich wäre tot!“, verkündete Bobbie verzweifelt.

„Du solltest nach Liaochow gehen“, sagte Miss Vost fröhlich.

„Warum sollte ich nach Liaochow gehen?“, murrte die tiefe Stimme.

„Um glücklich zu sein, muss man in Soochow geboren werden, in Kanton leben und in Liaochow sterben. So lautet das Sprichwort.“

„Warum sollte ich nach Liaochow gehen?“, beharrte Bobbie.

„Weil Soochow die attraktivsten Menschen hat, Kanton den größten Luxus – und Liaochow die besten Särge!“

KAPITEL XIV

Peters Neugierde bezüglich der Motive, die Miss Amy Vost nach Szechwan führten – dem elendesten, armsten aller Orte…

Page 79

Die Provinzen waren zufrieden – noch bevor die Hankow die große, stürmische Stadt hinter sich ließ, nach der sie benannt worden war. In Hankow nahm die Hankow das Floß auf, das sie den ganzen Weg bis nach Ching-Fu mitziehen würde. Auf diesem Floß befand sich eine lange, kastenförmige Kabine; ununterbrochen strömten Mitglieder der großen und wachsenden chinesischen Bevölkerung hinein und heraus. Es gab dünne, schmutzige kleine Männer sowie magere, schmutzige kleine Frauen – außerdem zahlreiche hungrige, schmutzige kleine Jungen und Mädchen. Als die Hankow neben dem Floß anlegte, entstand lautes Getöse; die neue Seilverbindung wurde angebracht und festgemacht. Während der große Propeller unter ihnen arbeitete und das schlammige Wasser in einen ungesunden Schaum verwandelte, lehnten Peter Moore und Miss Vost sich über die Reling und sprachen lange miteinander. Sie spekulierten über das wahrscheinliche Ziel dieses Floßes voller schmutziger Menschen und gaben Problemlösungen für die Frage, warum all diese Menschen die relativ wohlhabende Stadt Hankow verließen, um in die überbevölkerte, überentwickelte Provinz Szechwan zu gehen. Peter hatte den Eindruck, dass Miss Vost von dieser Szene betroffen war. „Lassen Sie uns einen Spaziergang nach vorne machen“, schlug er vor. Direkt unter ihnen stand ein Straßenjunge, der sich mit beiden schmutzigen Fäusten die Augen rieb. Sein Stöhnen war über das Dröhnen der Motoren hinweg zu hören. „Nein, nein. Ich bin daran gewöhnt. Schauen Sie nur – schauen Sie sich diesen elenden kleinen Kerl an!“ „Er ist blind“, sagte Peter leise. „Die Hälfte von ihnen ist blind“, antwortete Miss Vost. Ihr Gesichtsausdruck war von Traurigkeit geprägt. „Warten Sie auf mich. Ich komme gleich zurück.“ Peter beobachtete, wie ihre Schultern elegant schwangen, als sie über das Deck zum vorderen Eingang ging; er bewunderte die zarte Stärke ihrer in Seide gekleideten Knöchel. Sie war in jeder Hinsicht ein amerikanisches Mädchen. Er war stolz auf sie.

Page 80

Er kehrte zurück und trug ein kleines, rechteckiges Stück Karton bei sich, auf das ein Foto geklebt war.

Peter blickte in die traurigen, faltigen Augen eines graubärtigen Mannes – eines patriarchalischen Gentlemans, der auf dem harten Lehm am Fuße einer niedrigen Steintreppe stand. Seine Nase, seine Augen, seine intelligent wirkende Stirn waren eindeutig die von Miss Vost. Ein Kind in einem frisch gestärkten Kleid, mit weit aufgerissenen Augen voller Überraschung und Interesse, hielt sich fest an einem seiner Hosenbeine fest.

„Mein Vater“, erklärte Miss Vost. „Er war damals in Wenchow stationiert und leitete dort die Mission. Ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen.“

Peter dachte bei sich, dass Miss Vost irgendwie nicht wie die Tochter eines Missionars aussah – genauso wenig wie ihre teure Kleidung zu ihren Worten passte. Vielleicht ahnte sie seine Gedanken.

„Er hat Geld – viel Geld. Er hat einen scharfen, weiten Verstand. Doch er wählte diesen Weg. Als er zum ersten Mal heiratete, brachte er meine Mutter nach China. Er sah die enormen Probleme Chinas und erkannte sie. Deshalb blieb er – er wollte helfen.“

Peter blickte in ihre grauen Augen, die bei tiefer Rührung eine klare violette Färbung anzunehmen schienen.

„Er bat mich, ihn zu besuchen, weil er alt wurde. Ich machte in Amoy Halt“, sagte Miss Vost mit einem leichten Lächeln. „Dort lebt ein junger Missionar, den er mir vorstellen wollte. Ich traf ihn – doch ich konnte diesen jungen Missionar nicht bewundern. Er war ein Poser, er tat nur so. Ein Grund, warum ich Sie mag, Herr Moore, ist, dass Sie so aufrichtig sind. Er hingegen war durchschaubar – und auch seine ‚Bekehrten‘ durchsahen ihn. Es waren nur solche Bekehrten, die ihm zuhörten, sein Essen verschlangen – und anschließend zu den Wahrsagern gingen! Mein Vater konnte Dr. Sanborn wohl kaum länger als ein paar Minuten gekannt haben – sonst wäre er nicht mehr der Vater, der er früher war! Ich erbe seine Liebe zur Aufrichtigkeit. Ich bin sicher – er wird Sie mögen!“

„Aber – aber…“, stammelte Peter, „ich erwarte nicht, nach Wenchow zu gehen. Besser gesagt: Er würde es gerne – Bobbie!“

Page 81

„Oh, er würde jede Person mögen, die ich mag“, sagte Miss Vost leichthin. „Es ist wirklich interessant – von Ching-Fu bis Wenchow. Wir nehmen Ochsenkarren, wenn wir sie finden können; sonst gehen wir zu Fuß. Finden Sie es nicht auch ein wenig verlockend – fast hundert Meilen lang allein mit mir zu sein?“

„Sehr sogar“, antwortete Peter aufrichtig. „Aber unsere Wege trennen sich in Ching-Fu. Ich gehe direkt nach Süden.“

„Auf der Suche nach mehr Abenteuern und Romantik? Vielleicht – vielleicht ein Mädchen, das nicht so dumm ist wie ich? Oder ist es Indien – oder Afghanistan?“

„Keines davon. Ein alter Freund!“

„Ist das der Grund, warum Sie sich einen Bart wachsen lassen – um ihn zu überraschen?“

„Vielleicht“, sagte Peter und strich nachdenklich über die Bartstoppeln. „Sagen Sie nicht, dass das unangemessen ist – sonst muss ich ihn abrasieren!“

„Als ob das, was ich denke, irgendeine Rolle spielen würde!“, erwiderte Miss Vost trotzig.

Peter blickte sie nachdenklich und verwirrt an. „Ich habe Sie gestern Nacht belauscht. Sie haben Ihr Versprechen gebrochen. Sie versprachen, nett zu ihm zu sein.“

„Das war ich auch. meinen Sie das, was ich über Liao-chou gesagt habe?“

„Sie erkennen nicht, was Sie für Bobbie bedeuten. Mein liebes, liebes Mädchen……“

„Ich bin nicht Ihr liebes, liebes Mädchen!“

Peter stöhnte.

„Tut Ihr Herz auch weh, Peter?“

„Natürlich tut es das! Ich möchte……“

„Warum tun Sie es dann nicht?“

„Das wäre nicht fair, deshalb!“

Page 82

„To – Bobbie?“
„Auch Bobbie.“
„Dann gibt es noch ein Mädchen“, rief Miss Vost bitter aus. Sie biss sich auf die Lippe.
„Du hättest es mir früher sagen sollen.“
„Ich dachte, es wäre nicht nötig.“
Miss Vost senkte ihren Blick auf Peters Hand, die auf der Reling ruhte. Ihre eigene Hand legte sich darauf.
„Liebst du sie genauso sehr wie – wie das hier?“ Ihr Blick kehrte zu seinem Gesicht zurück.
„Ich dachte schon, ja!“
„Aber du bist dir jetzt nicht mehr sicher?“
„Oh, ich dachte, ich wäre mir sicher! Ich bin mir sicher.“
„Dann gibt es wohl nicht mehr viel zu sagen, oder?“ Ihre Lider flatterten schnell, während sie auf die Menge schmutziger kleiner Araber auf dem Deck blickte. Ihre Finger zupften zitternd am bestickten Saum eines weißen Taschentuchs.
„Bobbie mag dich wirklich sehr“, bemerkte Peter mit unbeabsichtigter Grausamkeit.
„Oh – oh – er!“, schluchzte Miss Vost und ließ ihn ihre gesenkte Gestalt anschauen, als sie den Deckweg entlangging.
Plötzlich schien sie den Eingang zum vorderen Aufgang zu meiden. Er fragte sich, warum.
Das Mädchen blieb stehen, die Hände zu weißen Fäusten geballt an den Seiten.
Vom Eingang her trat die große, imposante Gestalt des Mongolen – oder war er Tibeter? – hervor. Er trug nun…

Page 83

Die feinsten, glänzendsten Seidenstoffe aus Kanton. Seine Satinhosen, in einem wunderschönen Weiß – einem verführerischen Weiß – waren um die Knöchel gebunden; sie endeten in geschwungenen Sandalen, die im Mittagslicht durch Gold und Juwelen funkelten. Sein Jackett, lang und perfekt sitzend, war in Robin-Ei-Blau gehalten. Sein blauschwarzer Zopf, frisch eingefettet, glänzte wie die Windungen einer aktiven Bergschlange.

Er war ein Bild raffinierter chinesischer Eleganz.

Miss Vost war zutiefst beeindruckt, als sie ihn sah. Sie trat zurück – nicht ohne Erschrecken – und musterte ihn von seinem Zopf bis zu seinen Sandalen mit einem Blick, der keineswegs freundlich war. Der Mongole sprach mit angenehmen, gepflegten Akzenten.

Peter ging auf sie zu.

„Er hat mich beleidigt!“, keuchte Miss Vost. „Wie viele feine chinesische Herren wohl dachte er, ich könnte vielleicht – wie nennt man das? – ein ‚nettes kleines amerikanisches Mädchen‘ sein! Überzeugen Sie ihn davon, dass dem nicht so ist, Mr. Moore – bitte tun Sie das!“

Sie eilte um die vordere Kabine herum und aus seinem Sichtfeld.

Der Mongole blickte Peter mit einem kühlen, selbstzufriedenen Lächeln an. Sein Gesichtsausdruck war selbstgefällig und unverletzt.

„Hör mal zu, Chink-a-Link“, sagte Peter zu ihm, „ich verstehe dich nicht; du verstehst mich auch nicht. Ich sehe dich immer wieder. Immer wieder. Verstehst du, Chink-a-Link?“

„Ich verstehe Sie, mein Freund“, antwortete der Mongole mit gepflegten Akzenten. „In meinem Fall ist ‚Pidgin‘, lassen Sie mich das gleich sagen, nicht notwendig.“

„Sehr gut, Chink. Beim nächsten Mal, wenn du auch nur in Richtung von Miss Vost schaust, wirst du mit den schlimmsten blauen Augen ganz Chinas davonkommen! Hast du das verstanden – du gelbe Ratte?“

„Leider“, antwortete der Mongole und hob seine feinen schwarzen Augenbrauen nur leicht, „sind Ihre Vorschläge – Ihre Ermahnungen – wieder einmal äußerst…“

Page 84

Unangemessen. Fräulein Vost – spreche ich den Namen richtig aus? Fräulein Vost und Sie selbst sind Opfer eines Missverständnisses.“

„Ziehen Sie Ihren Mantel aus und beweisen Sie, dass ich unrecht habe!“, schrie Peter. „Ich bin ein besserer Mann als Sie! Nehmen Sie es hin – oder kämpfen Sie!“

Peters grauer Tweedmantel fiel in einem Haufen auf das Deck des Schiffes.

Der Mongole trat ein paar Schritte zurück – offensichtlich besorgt.

„I-ich wollte sie nicht beleidigen“, sagte er. Seine Halsmuskeln zuckten. Sein langes Gesicht wurde rot vor Wut. Plötzlich brach er los, als könnte er sich nicht mehr beherrschen: „Meine Intelligenz – gegen Ihre Dummheit! Gehen Sie weg, lassen Sie mich in Ruhe!“

„Lao-shu“, lachte Peter. „Dang hsin!“

KAPITEL XV

Gegen Mittag kamen sie in Ichang an. Peter stand auf dem Deck und beobachtete den etwas gefährlichen Vorgang, bei dem große Kisten mit Werkzeugen von einem Dampfschiff auf das Heck des Schiffes übertragen wurden. In diesem Moment sah er, wie der Mongole aus der Tür trat und zum Geländer ging. Peter betrachtete ihn genau – doch der Mann blickte nicht in seine Richtung. Er schaute auf den schlammigen Fluss hinab und winkte.

Peter sah, wie ein Sampan-Fahrer zurückwinkte – daraufhin glitt der Sampan neben das Schiff.

Der Mongole kehrte einige Minuten bevor das Schiff Hankow seinen Anker lichtete, in seine Kabine zurück und blieb dort bis spät am Nachmittag.

Der Fluss oberhalb von Ichang war schneller und gefährlicher als im unteren Teil seines Laufs. Abgesehen von den Junks und gelegentlichen Sampanen hatte das Schiff Hankow keine weiteren Schiffe in Sicht.

Page 85

Der Fluss floss für sich allein. Das gelbe Wasser war rot gefärbt und tanzte sowie funkelte im frischen Wind unter einem klaren blauen Himmel. Hohe blaue Hügel begrenzten die reißende Strömung. Das war nicht mehr der Jangtse von gestern – es handelte sich um einen wilden Strom, der durch die Bergregen überflutet worden war. Selbst das Plätschern unter den reißenden Wassern schien eine Bedrohung auszustrahlen.

Die Deiche waren gebrochen. Das braune Wasser floss nach rechts und links und bildete ruhige Seen dort, wo einst Reis- und Weizenfelder gewesen waren. Die Schiffe, die flussaufwärts kamen, hatten große Schwierigkeiten. Schwärme von Arbeitern bedienten die langen Ruder und bemühten sich vor allem darum, ihre unhandlichen Boote in der Mitte der Strömung zu halten.

Sie passierten eine lange Reihe von Pyramiden – grün, braun und rot. Doch Miss Vost starrte nur aufs Deck.

„Der Mongole!“, murmelte sie. „Wie er Sie angrinst!“

Der Mongole war ihnen offenbar zufällig begegnet. Er zögerte und hielt inne, als Peter aufblickte. Peter sah kein Lächeln auf seinen Lippen. Seine Arme waren hinter dem Rücken verschränkt, und seine Augen zeigten weder Freude noch Bosheit – sie drückten einfach nichts aus. Er blickte kurz zu Peter hinüber und warf dann Miss Vost einen langen Blick zu.

Ihre Augen zuckten. Peter trat vor.

Doch der Mongole verbeugte sich, ging langsam und nachdenklich an ihnen vorbei und verschwand hinter der linken Seite des Schiffes aus ihrem Blickfeld.

Peter kam der Gedanke, dass der Verfolger nun zum Mörder geworden sei. In Ichang gab es eine Telegrafenstation – durch sie verliefen die dünnen Kupferdrähte, die die siebzig Millionen Menschen der Provinz Sichuan mit der Zivilisation verbanden. War es möglich, dass der Mongole seinem Herrn in Leningrad Signale senden und eine Antwort erhalten konnte, während das Schiff in Ichang lag?

Nach dem Abendessen ging Peter neugierig und nervös nach unten. Das Licht brannte über dem Waffentisch in der Hauptkabine.

Page 86

Die Tür des Mongolen stand leicht einen Spalt offen, und als Peter die Treppe hinunterging, schloss sich die Tür.

Er wartete. Sein Herz pochte – lauter als das Dröhnen des Motors. Er ging zu seiner Kabine, öffnete die Tür, trat über die Schwelle – und schlug die Tür zu! Er eilte zum Tisch und versteckte sich dahinter. Zwischen den Beinen des Tisches hatte er eine hervorragende Sicht auf beide Türen.

Mit einem Kris in der Hand, dessen Spitze nach unten zeigte, schlich sich der Mongole hinaus, versuchte, den Türgriff der benachbarten Tür zu öffnen, und betrat Peters Zimmer. Als er wieder herauskam, sah er verwirrt und wütend aus. Er steckte das Messer in seine Seidenbluse und blickte die Treppe hinauf, lauschend.

Sein wütender Ausdruck verschwand; nun war sein Blick unergründlich. Er schlich durch den Flur, näherte sich der Tür von Miss Vost und klopfte.

Peter fuhr mit den Fingern entlang des Tischrandes, bis er den Griff eines Säbels fand. Er wartete.

Der Mongole klopfte etwas lauter. Es kam keine Antwort. Wieder klopfte er, diesmal drängender. Peter hörte Miss Vosts schläfrige Stimme, die fragend klang. Ihre Tür öffnete sich ein oder zwei Zentimeter.

Der Mongole stieß sich hinein!

Miss Vost stieß einen kurzen, schrillen Schrei aus – doch dieser wurde sofort erstickt.

Als Peter in das Zimmer stürmte, drehte sich der Mongole mit einem Knurren um und griff nach seiner Seidenbluse. Peter legte seine freie Hand auf seine muskulöse Schulter und zog ihn in den Flur.

Miss Vost, in einem langen weißen Nachthemd, stand in der Türöffnung und starrte schlaftrunken vor sich hin. Ihre Hand presste sie auf die Lippen. Ihr Haar fiel in dunklen, seidigen Strähnen über ihre nackten Schultern.

Helles Stahllicht blitzte in der Hand des Mongolen auf. „Ha-li!“, murmelte er.

Peter bereitete sich vor und stieß mit voller Wucht nach oben – er durchbohrte mit dem Schwert das rechte Auge des Mongolen.

Page 87

Fräulein Vost, eine schlanke Gestalt in Weiß, blickte auf den zuckenden Haufen hinab. Es schien, als würde sie verrückt werden – das grüne Licht der Lampe funkelte in ihren geweiteten Augen.

Bobbie MacLaurin rannte die Stufen hinunter.

„Er versuchte, in mein Zimmer zu kommen“, sagte Fräulein Vost. „Er versuchte wirklich, in mein Zimmer zu kommen!“

„Ich weiß. Aber es ist schon in Ordnung“, beruhigte Peter keuchend. „Sie müssen wieder ins Bett gehen. Versuchen Sie zu schlafen.“ Er sprach, als wäre sie ein Kind. „Er war ein böser Mann. Er musste einfach so behandelt werden!“

„Sie – Sie sehen aus wie ein Araber. Die dunkle Hautfarbe und dieser Bart… Wo ist Bobbie?“

„Hier. Gleich neben Ihnen!“

„Sind Sie beide unverletzt? Ist mit euch beiden alles in Ordnung?“

„Ja. Bitte, gehen Sie ins Bett!“, bat Peter.

„Bitte!“, flehte Bobbie.

Für sie war die Vorstellung, dass Fräulein Vost vor diesem grausamen, schwarzen Haufen im Schatten stand, etwas Unheiliges, Erschreckendes. Auch ihre Jugend und Unschuld sollten nicht auf diese Weise den Männern gezeigt werden.

Als hätte ein kalter Windstoß sie getroffen, zitterte sie – und schloss die Tür.

Die Männer trugen den leblosen Körper, der unerklärlicherweise sehr schwer war, auf das Deck. Nach einer Weile war da ein Platschen. Das Schiff Hankow wurde nicht angehalten. Am Jangtse werden selten formelle Beerdigungszeremonien abgehalten.

Peter ging sofort ins Bett. Er versuchte zu schlafen. Er zählte die Drehungen des Propellers. Er stellte sich eine unglaubliche Anzahl von Schafen vor, die durch ein Loch in einer Steinmauer gingen. Von Zeit zu Zeit verschwanden die Schafe wieder, um durch andere ersetzt zu werden.

Page 88

Wegen des furchterregenden Gesichtsausdrucks des Mongolen, der sich nun wohl zehn Meilen oder mehr flussabwärts befand.
Nach einer Weile wurden die Motoren überprüft – sie drehten eine Weile mit halber Geschwindigkeit, dann hörten sie auf zu laufen, als eine Glocke läutete. Das einzige Geräusch war das Rauschen des Wassers, das gegen die Stahlplatten schlug, sowie das ferne Dröhnen der Strömung.
Er hörte das Platschen eines Ankers, begleitet vom Dröhnen und Klirren von Ketten – vorne; und eine Wiederholung dieser Geräusche hinten. Direkt unter ihm schien ein lautes, anhaltendes Schaben zu erfolgen. Die Anker wurden eingeholt.
Diese Geräusche konnten nur bedeuten, dass die Hankow das Ende der Reise erreicht hatte. Die Reise war vorbei; die Hankow lag nun neben dem Schiff Ching-Fu. Sie würde noch einige Tage im Strom treiben, bevor sie umkehrte und in Richtung Meer fuhr.
Heute würde der letzte Tag mit Miss Vost sein – das Ende dieser ernsthaft-humorvollen Liebesbeziehung, die insgesamt zu seinen schönsten Erlebnissen gehörte. Er fragte sich, ob sie ihn bitten würde, sie zum Abschied zu küssen. Er hoffte eher, dass sie es tun würde.
Andererseits hoffte er auch, dass sie nichts dergleichen tun würde. Die Entfernung verlieh Eileen Lorimer etwas Magisches. Er war sicher, dass es sich nicht um Verliebtheit handelte. Sie war nicht die Erste – er hatte bereits Beziehungen gehabt, oh, viele davon! Doch das waren nur Bruchstücke seines abenteuerlichen Lebens. Es waren Meilensteine – verschwommen und weit entfernt. Liebe kleine Meilensteine, jeder von ihnen!
Irgendwann würde er zu Eileen gehen, vor ihr niederknien und sie bitten, seine systematischen, hartnäckigen Fehler zu übersehen! Wann würde er das tun? Ehrlich gesagt wusste er es nicht.
Er döste ein – und es schien nur einen Augenblick später zu sein, als er durch einen lauten Schrei geweckt wurde.
Das Luk war immer noch dunkel. Der Morgen war noch weit entfernt.

Page 89

Der Schrei wurde wiederholt – andere Schreie gesellten sich dazu, voller Aufregung und Angst.

Peter setzte sich im Bett auf – doch sofort wurde er durch eine plötzliche Erschütterung wieder zurückgeworfen. Dann ertönten dumpfe Geräusche sowie Klopfen. Die Kabine war erfüllt vom heißen, süßen Duft von brennendem Holz – dem Duft, der durch die Reibung von Holz an Holz oder Holz an Stahl entsteht.

Wieder Klopfen und Geräusche. Jemand klopfte an die Tür. Peter versuchte, das elektrische Licht einzuschalten – doch es gab keinen Strom. Er öffnete die Tür.

Bobbie, barfuß und ohne Kragen, bekleidet nur mit Hose und Hemd, ragte über das Licht einer Kerze auf, die er in einer zitternden Hand hielt.

„Ein Zusammenstoß! Ein Schiff ist gegen uns geprallt! Steht schnell auf! Ich weiß nicht, wie groß der Schaden ist. Ruft Miss Vost! Geht aufs Deck! Kümmert euch um sie! Meine Hände sind voller Wasser.“

Peter schnappte sich seine Kleidung – noch bevor er aus seinen Pyjamas heraus war, begann das Boot zu kentern. Es glitt nach unten, bis das Bullauge in die schlammige Strömung tauchte. Wasser strömte herein und durchnässte seine Knie und Füße.

Er riss die Tür auf, ohne sich die Schuhe zuzubinden, und rief nach Miss Vost. Sie hatte die Aufregung gehört und zog sich gerade an. Der Boden erbebte erneut – er wurde heftig gegen einen scharfkantigen Pfosten geworfen.

Miss Vosts Tür flog auf – sie stolperte über den schrägen Boden und stützte sich mit den Händen auf seine Brust, um das Gleichgewicht zu halten.

„Wir sinken“, sagte sie ohne Furcht.

Für Peter war offensichtlich, dass Miss Vost noch nie zuvor einen Schiffskollaps miterlebt hatte. Ihm schien, als würde er in ihrer Stimme eine Art aufgeregte, fast freudige Begeisterung wahrnehmen. In diesem Raum waren sie, wie Ratten in einer Falle – oder würden es bald sein.

Er fühlte sich immer noch schwach und benommen von dem Sturz gegen den Pfosten – und versuchte verzweifelt, seine Kräfte wiederzuerlangen, bevor sie ihren gefährlichen Aufstieg aufs Deck begannen.

Page 90

Fräulein Vost missverstand seine Zögerlichkeit.

„Ich habe keine Angst – überhaupt nicht!“, erklärte sie und hielt mit beiden Händen die Falten seines aufgeknöpften Hemdes fest. „Ich habe nie Angst in deiner Gegenwart! Wenn ich in Gefahr bin, bist du – du bist immer in der Nähe. Es scheint, als wärst du hier, um – um auf mich aufzupassen. Aber es gibt doch keine Gefahr, oder?“ Sie schüttelte ihn fast spielerisch.

„Hör auf mit dem Gerede!“, fuhr er sie an. „Geh zu dieser Treppe!“

Er hörte, wie sie zwischen den Zähnen nach Luft schnappte. Doch sie klammerte sich gehorsam an seinen Arm. Im Dunkeln tasteten sie sich zur Treppe vor. An der Reling festhaltend erreichten sie das Deck, das so steil geneigt war, dass sie sich zur Stütze an die Reling der Kabine klammern mussten.

Im Dunkeln um sie herum schrien Arbeiter mit hoher Stimme. Es regnete in Strömen, und der Regen prasselte auf das Deck. Der Geruch von Holz, das gegen Stahl rieb, blieb bestehen. Sie konnten nichts sehen. Die Welt war dunkel und voller Unruhe.

In der Bugregion ereignete sich eine heftige Explosion. Ketten flogen durch die Luft und prallten gegen Metall und Holz. Eine der Ankerketten vorne hatte sich gelöst.

Das Deck neigte sich wieder. Von Bobby MacLaurin war nichts zu sehen. Peter rief nach ihm, bis seine Stimme heiser wurde. Dann ließ er Fräulein Vost zurück und tastete sich zum rechten Davit vor. Das Rettungsboot auf der rechten Seite war verschwunden!

Plötzlich hörte der Regen auf. Ein schwaches rotes Leuchten glimmte am östlichen Himmel.

Fräulein Vost betete – um Mut, um Hilfe. Sie klammerte sich an ihn und weinte. Nach und nach schienen sich ihre Nerven zu beruhigen.

Es blieb nichts anderes übrig, als auf Tageslicht zu warten – und zu hoffen, dass das brodelnde Wasser nicht noch höher steigen würde.

Page 91

Das Leuchten im Osten wurde stärker und ließ sie die vagen Umrisse einer Gestalt erkennen, die aus dem Bug zu wachsen schien. Mit dem Aufkommen der Dämmerung erkannte Peter die Form eines riesigen Schiffes, das die Reling auf der Vordeckseite zerquetscht hatte.

Dann riss das verbliebene Ankerkabel wie ein verrotteter Faden. Im Dämmerlicht sahen sie, wie das Ende der Kette nach oben geschleudert und wieder herunterkrachte. Ein Arbeiter stand paralysiert im Weg – das gebrochene Ende traf ihn ins Gesicht. Er schrie und rollte über das Deck, bis er gegen die Reling prallte.

Bobbie rief ihre Namen und kletterte hastig nach unten.

„Wir versuchen, Dampf zu erzeugen – das ist unsere einzige Chance. Beide Vorankern sind kaputt. Wir werden mit der Strömung davontreiben und dieses verdammte Schiff hinter uns lassen. Wenn der Heckanker hält, bis wir genug Dampf haben – dann sind wir in Sicherheit!“ Er eilte nach hinten.

Der Dampfer erzitterte, und sie spürten, wie er sich bewegte, während die Lichter am Ufer von links nach rechts wanderten. Das andere Schiff wirkte wie ein Hindernis. Die Lichter am Ufer blieben stillstehen. Eine Gruppe von Arbeitern versuchte, die Reling des anderen Schiffes hochzudrücken.

Peter bemerkte, dass Miss Vosts Arme um seinen Hals geschlungen waren und dass sie leise in sein Ohr flüsterte.

Flussaufwärts ertönte eine weitere Explosion. Es schien, als würde das Deck unter seinen Füßen wegbrechen. Wasser spritzte über seine Zehen. Im golden schimmernden Dämmerlicht konnte er sehen, wie das Wasser schäumte und wirbelte – und immer höher stieg.

Er wusste, dass es Selbstmord wäre, die Stromschnellen des Jangtse zu durchschwimmen – er kannte die Strudel, die einen Menschen hinabzogen und dort festhielten, bis sein Körper in Stücke gerissen wurde. Es gab keine Alternative. Das Wasser reichte nun bereits bis zu seinen Knien. Er zog das regungslose Mädchen zur Reling.

„Kannst du schwimmen – überhaupt?“

„E-ein wenig“, stotterte sie.

„Halte dich an meinem Kragen fest und schwimm mit einer Hand. Versuche einfach, über Wasser zu bleiben.“

Page 92

Sie gerieten in die reißenden Strömungen, wurden erfasst und drehten sich immer wieder im Kreis. Über dem Rauschen des Wassers hörte er das Dröhnen eines Strudels, der schnell näher kam. Der feste Griff von Miss Vosts Hand um seinen Kragen lockerte sich nicht. Gelegentlich hörte er, wie sie nach Luft schnappte, als eine Welle ihr ins Gesicht schlug.

Sie wurden mitgerissen. Immer weiter drehten sie sich, von einem Strudel zum nächsten geworfen. Das Dröhnen des Strudels wurde leiser, zu einem dumpfen Grollen.

Jetzt konnten sie die aufgewühlte Wasseroberfläche sehen, bedeckt mit zerrissenen Trümmerteilen. Ein aufgeblähter, verfärbter Körper wurde vorbeigetrieben, gefangen genommen und unter Wasser gezogen – zurück blieb nur ein unbeschreiblicher Gestank.

Nach einer Weile tauchte das nördliche Ufer, ein niedriger, brauner Strand, wie ein langer, gnädiger Arm auf. Eine Minute später berührten Peters nackte Füße den schleimigen, weichen Schlamm. Sie befanden sich in flachem Wasser!

Er hob Miss Vost in seine Arme und trug sie ans Ufer; sie klammerte sich an ihn, zitternd und stöhnend. Erst später wurde ihm klar, dass sie ihn immer wieder auf seine feuchten Lippen und Wangen küsste.

Arbeiter fanden sie und brachten sie in ein Dorf, wo sie in einem kleinen Gebäude aus rotem Lehm hinter einem Strohgebäude untergebracht wurden. Ein Feuer wurde entzündet. Die Sonne ging auf – ein Kreis, der wie aus rotem Papier ausgeschnitten wirkte.

Irgendwann kam ein großer Mann mit einer kleinen Gruppe von Arbeitern in die Lichtung; diese wiesen den Weg. Ein weißer Bart reichte ihm fast bis zur Taille.

Er sah Miss Vost und rief. Sie sprang auf und wurde in seine Arme geschlossen.

Peter starrte sie einen Moment lang mit einem etwas benommenen Blick an. Dann stand er auf und schlich aus dem Gebäude in Richtung des sprudelnden Flusses.

Page 93

Sein Verstand war zu diesem Zeitpunkt nicht in einem normalen Zustand – sonst hätte er nicht mit einem Sampan nach Ching-Fu fahren wollen. Doch er wollte tatsächlich dorthin gelangen. Im Hinterkopf drängten ihn dumme Worte: „Du musst nach Ching-Fu kommen. Du musst weiter nach Len Yang. Beeil dich! Beeil dich!“

Er hatte kein Geld. Eine Schachtel voller perforierter Szechuan-Münzen lag nun am Grund des Flusses, in dem, was von Hankow übrig geblieben war. Dennoch rief er einen Sampan heran, als wären seine Taschen mit Klumpen reinsten Silbers beschwert.

Das Boot hatte an Dutzenden Stellen Lecks. Der Paddel, zerkratzt und abgenutzt, hielt sich durch ein verrottendes Lederband am Heck fest. Während Peter zusah und zögerte, ertönte hinter ihm ein langer, eindringlicher Ruf. Wahrscheinlich wollte Miss Vost, dass er zurückkehrte.

Der Träger nannte seinen Preis, und Peter stieg ohne ein Wort, ohne auch nur umzusehen, an Bord. Die Überfahrt war gefährlich. Sie umrundeten mehr als einmal Strudel; sie wurden von Wellen so groß wie Häuser mitgerissen. Peter beobachtete das verrottende Lederband und wunderte sich, dass es tatsächlich hielt.

Am Ufer von Ching-Fus Hafen gestand er seine Armut und bot sein Hemd als Bezahlung an. Das Hemd bestand aus feiner goldener Seide, gewebt in den Fabriken von Chinan-Fu. Es hatte bereits über ein Jahr lang wie Eisen gehalten – und hatte durchaus die Chance, weiterhin so zu halten.

Peter zog das Hemd vor einer Schar quiekender Kinder aus. Der Träger betrachtete es genau. Er nahm es an, segnete Peter sowie dessen fromme Mutter und bat seine grünäugigen Götter, Peters Tage lang und mit Reis aus dem Land zu füllen.

KAPITEL XVI

Page 94

Mit Einbruch der Mittagszeit setzte sich Peter unter einen kümmerlich gewachsenen Zedernbaum und blickte mit sehnsüchtiger, entmutigter Miene auf die fernen, felsigen blauen Gebirgskämme. Aus der Tasche seiner Hose holte er zwei gelbe Loquats hervor und aß sie auf.

Er hatte schrecklichen Hunger. Sein Magen verursachte ein dumpfes, anhaltendes Schmerzgefühl, das seine Aufmerksamkeit auf die Schmerzen in seinen Muskeln und Knochen lenkte. Es war ihre Art, sich über die Misshandlungen zu beschweren, die er ihnen in den vergangenen 24 Stunden zugefügt hatte.

Er begann sich schwach und mutlos zu fühlen. Seine Konstitution ermöglichte es ihm zwar, in Notfällen schnell und entschlossen zu handeln – doch sobald der Notfall vorbei war, schien seine Vitalität erschöpft zu sein.

Während er den zweiten Loquat aß (den er auf dem Weg von einem Bauernhof am Straßenrand gestohlen hatte), blickte er die schlammige, braune Straße entlang und schätzte, dass Ching-Fu etwa zehn Meilen hinter ihm war. Durch den schlammigen Boden zu gehen, barfuß, mit Regen, der durch sein Haar, seinen Bart und seine Schultern strömte, war mühsam und anstrengend. Mehrmals blieb er stehen, da seine Füße im Schlamm versanken, und verfluchte bitter den Jangtse.

Was war aus Bobbie MacLaurin geworden? War diese edle Seele vom Fluss der goldenen Sande mitgerissen worden?

Er verfluchte den Fluss erneut – denn Bobbie war ein Mann nach Gottes eigenem Herzen. Noch nie hatte es einen so großzügigen, so edlen und mutigen Kameraden gegeben. Mehrmals rettete der Schlag mit den großen, freundlichen, roten Fäusten Peter vor etwas Schlimmerem als nur blauen Augen.

Er würde jene Nacht am Pier in Salina Cruz niemals vergessen – als der Schurke ein Messer zog, um ein Loch in Peters Herz zu schneiden – und Bobbie von hinten kam und den verrückten Mexikaner mehrere Meter vom Pier ins klare Pazifikwasser stieß!

Diese Tage waren nun vorbei. Die Abenteuer, die Aufregung, die Trauer und die leidenschaftliche Freude lagen weit hinter ihm.

Page 95

Peter lehnte sich gegen den dornigen Stamm der Zedernart Cembra und schnupperte an den Düften des nassen Bodens. Er lauschte dem Tropfen und Plätschern des kalten, grauen Regens und blickte pessimistisch auf die blaue Felskuppe, deren Granitgipfel hoch in den Nebel in der Ferne ragten.

Er streckte sich aus, stöhnte und taumelte weiter durch den Schlamm.

Das Tal war in die blauen Schattierungen der Dämmerung getaucht, als er in einiger Entfernung vor sich offensichtlich ein Lager entdeckte – eine ruhende Karawane. Die untergehende Sonne schaffte es schließlich, sich durch einen Spalt im Purpurhimmel zu drängen, bevor sie hinter der Granitkette verschwand und China der Gnade seiner langen Nacht überließ.

Diese letzten Strahlen, die durch den purpurfarbenen Spalt drangen und dessen Ränder in Rot und Gold zum Glühen brachten, bildeten einen schmalen, immer kleiner werdenden Lichtkegel, der die Gestalten von Männern und Maultieren sowie die hängenden Zelte und die sich windenden Rauchfäden der Kochfeuer in schwarzer Kontur hervortreten ließ. Die Sonne wurde verschlungen – das Lager verschwand.

Peter setzte seinen Weg fort, wobei er mit einem Bein eher widerwillig hinter sich herzog. Doch er hatte den Geruch von gekochtem Essen in der stillen Luft wahrgenommen.

Als Peter näher kam, zeigte ein Wächter, dessen Kopf mit einem dunkelroten Turban geschmückt war, die Mündung seines Gewehrs auf ihn. Er rief etwas; andere, sowohl Chinesen als auch Bengalen, schlossen sich ihm an. Peter, der nicht abgeneigt war, in die Hände von Feinden zu fallen, solange es Essen gab, wurde vor eine königliche Persönlichkeit geführt, die auf einem geschnitzten Teakstuhl saß.

Dieser Mann, offenbar ein Mandarin mittleren Alters, trug ein steifes, dunkles Satinkleid, das mit Gold und Juwelen verziert war, die im Licht des Lagerfeuers hell funkelten. Sein strenges, dunkles Gesicht war lang und zeugte von hoher Intelligenz. Er trug einen Schnurrbart, der zu beiden Seiten seines kleinen, festen Mundes herabhing.

Als Peter vor ihn gebracht wurde, legte er mit langsamer, bedachter Bewegung seinen Ellbogen aufs Knie und stützte sein rundes Kinn in seine Handfläche. Dabei warf er dem mit Schlamm bespritzten Neuankömmling einen Blick zu, der tief in Peters Seele blickte.

Page 96

Ein einziger, riesiger Diamant funkelte an der Knöchel seines Zeigefingers.

Er stellte eine Frage in einer Sprache, die Peter nicht verstand. Es war eine tiefe, resonante Stimme mit den sanften, rundlichen Tönen bestimmter Tempelglocken – ein Klang, der lange nachdem das laute Geräusch des Holzschlägers verklungen war, noch zu hören war. Diese Stimme strahlte Autorität aus; es war eine Stimme, der die Menschen gehorchten, egal wie sehr sie ihren Besitzer hassten. Er wiederholte die Frage auf Mandarin – doch auch diesmal deutete Peter an, dass es nicht seine Sprache sei.

Eine andere Stimme, genauso eindringlich wie die erste, ließ Peter aufblicken. Der Mandarin lächelte weise – aber nicht unfreundlich.

„Die Dunkelheit hat mich getäuscht“, sagte er in einem seltsamen Englisch. „Ich hielt Sie für einen Bettler. Sie sind weit vom Fluss entfernt, mein Freund. Die Überreste Ihres Dampfschiffs liegen sicher schon tief im Wasser. Warum sind Sie so weit von Ching-Fu entfernt? Waren Sie vielleicht bewusstlos?“

„Ich habe nur Hunger“, sagte Peter mutig. „Mein Weg führt nach Indien. Dort habe ich Freunde.“

Der Mandarin betrachtete ihn misstrauisch und klatschte in die Hände. Der große Diamant warf dabei ovale, farbenprächtige Muster. Die Arbeiter kamen sofort herbeigelaufen, um seinen Befehlen Folge zu leisten. Sie brachten dampfende Schüsseln mit Reis und Fleisch sowie einen schmalen Lacktisch.

„Kommen Sie, setzen Sie sich neben mich. Ihre Füße müssen schmerzen – sie bluten sicherlich. Sie können mich Chang nennen. So werde ich von meinen britischen Freunden an der Grenze bekannt. Ich war krank – vielleicht an einer Bergkrankheit. In Ching-Fu. Ich hatte erwartet, dort Medizin auf dem Dampfschiff zu bekommen.“

Er schnippte mit den Fingern und flüsterte einem Arbeiter etwas zu, dessen Gesicht im flackernden roten Licht des Feuers blass und ausdruckslos wirkte.

Während Peter Reis und Eintopf aß, wurden seine verletzten Füße in warmes Wasser getaucht, mit einer beruhigenden Salbe eingerieben und anschließend in weiche Verbände gewickelt.

Page 97

Ein blauer Likör, der in Schalen aus Silber serviert wurde, rundete das Mahl ab. Der aromatische Sirup, der einen unbeschreiblich orientalischen Duft verströmte, sandte ein berauschendes Gefühl durch seine Adern. Er schien seine Gedanken und sein Sehvermögen zu klären, seine schmerzenden Gelenke zu beruhigen und den Schmerz zu beseitigen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte er die seidigen Falten des prächtigen Zeltes des Mandarins – in dessen düsterem Inneren eine dicke, gelbe Kerze zischte und Tropfen abgab. Als sein Blick wieder zum Tisch zurückkehrte, waren die Schüsseln und Becher entfernt worden; an ihrer Stelle befand sich ein Schachbrett, das mit Elfenbein und Perlen verziert war.

Angeregt vom Likör sowie von der Seltsamkeit dieser Umgebung hatte Peter das Gefühl, die zentrale Figur eines Traums zu sein. Der intensive Geruch von Weihrauch, das ferne Klingeln einer Glocke, das Trappeln und Treten der Maultiere sowie die in Seide und Gold gekleidete Gestalt an seiner Seite versetzten ihn in die Zeiten und Nächte von Scheherazade.

Der Mandarin schien nach Peters Gesellschaft zu dürsten. Während der Schachpartien sprachen sie ausführlich über die Größe des riesigen Reiches, sobald sie erwachen würde; über die Bedrohung durch die listigen Japaner; über die Länder jenseits der Berge und Meere sowie deren Völker – über die Chang viel gelesen hatte, aber nie selbst Besuch gemacht hatte.

Holz wurde auf das Feuer geworfen; es loderte auf und tanzte hinter den dichten Schatten.

Das war das Leben, das Peter so sehr liebte.

Die Augen des Mandarins leuchteten und ruhten längere Zeit auf ihm. Seine Worte und Sätze wurden immer seltener und zögerlicher.

In einer dieser Pausen ergriff er Peters Hand. Sofort erhielt Peter einige spärliche Details einer Geschichte – deren Anfang und Ende er niemals erfahren sollte. Es handelte sich um einen Überblick über eine Geschichte voller Intrigen und kaltblütiger Morde, die ihm Gänsehaut bereiteten; eine Geschichte über Plünderungen, verschwundene Edelsteine sowie Goldbarren und -körner, die aus eisernen Truhen entkommen waren.

Page 98

Der Mandarine äußerte seinen Kummer mit zitternder Stimme, wechselte dabei vom bengalischen Dialekt ins Mandarische und wieder ins unbeherrschte Englische.

Peter wurde mitgeteilt, dass es im Lager von Chang einen Verräter gab – einen Mann, der ihm entkommen war, dessen Identität verborgen blieb; eine Schlange, die nur dann ausgerottet werden konnte, wenn das Leben aller seiner Begleiter geopfert wurde!

Mit ruhiger Stimme sagte Chang, der Mandarine: „Ihr habt einen weiten Weg hinter Euch. Ihr seid müde. In meinem Zelt gibt es ein weiteres Bett. Dort werdet Ihr schlafen können.“

Als Peter aufwachte, brannte die Kerze nur noch schwach in ihrem Bronzekessel. Eine kühle Brise bewegte die Zeltklappen. Ein seltsames Gefühl breitete sich in seinen Adern aus.

Er lag regungslos da, atmete gleichmäßig und musterte mit Augen, die heller waren als die eines Ratten, die Ecken des Zeltes. Die leisen Schlafgemurmel des Mandarinen kamen weiterhin vom Bett gegenüber.

Langsam wurden die Zeltklappen zurückgezogen. Peter anstrengte seine Augen, bis sie schmerzten. Er hatte den Drang, zu schreien, seinen Begleiter zu wecken. Doch der Besucher könnte vielleicht einen legitimen Grund haben. Er würde warten. Letztendlich war es Peters tiefes Verständnis für die Sitten des Ostens, das ihn zum Schweigen brachte. Im Herzen Chinas greift man nicht nach Schatten – oder schreit bei deren Anblick. Nicht immer.

Neben ihm, unter der Decke, lag ein kräftiges, nacktes Messer. Warum der Mandarine ihm diese Waffe gegeben hatte, wusste er nicht.

Ein grauer Schatten betrat das Zelt und lehnte sich geräuschlos gegen den vorderen Pfahl. Tatsächlich entstand bei seinem Eintreten kein Laut – nicht einmal das Rascheln nackter Füße auf trockenem Gras. Es wirkte sehr unheilvoll, geheimnisvoll und gespenstisch.

Der graue Schatten trat ins Kerzenlicht, das leicht schwankte und zitterte, als die stille Luft gestört wurde. Peter war sich bewusst, dass er genau beobachtet wurde. Kein Muskel in seinem Gesicht zuckte.

Page 99

Er atmete weiterhin regelmäßig – mit der Schwere eines Mannes, der tief im Schlaf versunken war. Vorsichtig ließ er seine Lider angehoben.

Der Eindringling stand mit dem Rücken zu ihm. Langsam und heimlich beugte er sich über das Gesicht des Mandarins. Was tat dieser Kerl da?

Peter sah den Glanz von Metall oder Glas. Gleichzeitig breitete sich ein intensiver, widerlicher Geruch im Zelt aus.

Peter suchte nach dem nackten Dolch, sprang mit einem nervösen Schrei vom Sofa auf und stieß die Klinge bis zum kostbaren, juwelenverzierten Griff in die Schulter des Mannes.

Ohne ein Geräusch drehte sich der Mann in Grau halb um. Ein Schauer durchlief ihn, wodurch die Falten seines Gewands leicht flatterten. Er sank mit einem Seufzen zusammen – wie Wind, der durch eine Höhle weht – und seine Finger krallten sich schwach in den schwebenden Schatten.

Peter bemerkte ein kleines Glasfläschchen, aus dem eine dunkle, flüchtige Flüssigkeit auf den Staub tropfte. Er hob es auf – doch es wurde ihm aus der Hand gerissen. Changs trübe Schweineaugen starrten ihm sehr nahe entgegen; die Pupillen waren noch immer von der Benommenheit des Schlafs zu runden, dunklen Flecken geworden. Das Fläschchen war in seiner Hand – er roch daran und bewegte es langsam vor und zurück unter seinen breiten Nasenlöchern. Er schrie – daraufhin strömten Männer mit Turbanen ins Zelt und trugen die graue Gestalt weg.

Changs Hand ruhte auf Peters Schulter. Mit einer Stimme, die von der Klangfülle eines Tempelgongs erfüllt war, sagte er:

„Du hast mir einen Dienst erwiesen, für den ich dir niemals genug danken kann – denn ich schätze mein Leben sehr! Morgen wirst du vergessen haben, was geschehen ist. Versuche jetzt zu schlafen. Du wirst gehorchen – sofort!“

Die Kerze zischte und flackerte, als würde sie verzweifelt versuchen, ihr goldenes Leben wenigstens um eine weitere Minute zu verlängern – dann erlosch sie.

Page 100

Von Chow Yang bis Lun-Ling-Ting konnte das ganze Land keine teurere Kleidung bieten als die, die Peter an seinem Bett fand, als die langen, durchdringenden Schreie der Maultiertreiber ihn an einem neuen Morgen zum Aufwachen brachten.

Als das Lager aufgelöst wurde – lange bevor die Sonne heiß wurde – erhielt er ein kleines, aber zähes Maultier; und er ritt zusammen mit Chang talwärts in Richtung Indien. Sie zogen an der Spitze einer langen, langsamen Karawane, denn obwohl das Land, durch das sie reisten, einsam war, fürchtete man sich hier nicht vor Banditen. Die Bauernhöfe wurden immer spärlicher, immer weiter voneinander entfernt durch Flächen aus zerbrochenem, kargem Gestein; schließlich blieben alle Spuren der geringfügigen Landwirtschaft zurück, die der Provinz Szechwan ihre bescheidene Fruchtbarkeit verlieh.

Der Mandarine ritt viele Meilen lang schweigend, wechselte gelegentlich die Zügel und blickte starr und düster nach vorne, wobei seine Aufmerksamkeit offenbar auf dem lauten, ununterbrochenen Klappern der Hufe seines Maultiers sowie auf dem gewundenen Felsweg gerichtet war.

Peters Gedanken waren auf das Problem fixiert, das von Stunde zu Stunde näher rückte. Sein Kopf war zwischen die Schultern gesunken, als laste das Gewicht einer traurigen Welt auf diesem schmalen, wohlproportionalen Schädel mit seinem Haar aus glänzendem Lichthaar.

Er liebte seine Aufgabe, wie ein Mann eine egoistische und gedankenlose Frau lieben könnte – eine Frau, die alles forderte und geschickt annahm, was er ihr geben konnte, bis zur letzten Unze seines Goldes und zur letzten Tropfe seines Blutes. Es war eine undankbare Aufgabe – doch sie hatte ihren Reiz.

Es war längst nach Mittag, bevor Chang das erste Wort sprach.

„Letzte Nacht hatte ich einen dankbaren Traum. Seit Jahren kämpfe ich in der Dunkelheit gegen einen Mann, der das Herz des Teufels selbst hat. Er hat mich beraubt. Immer wieder schickte er Spione in mein Lager. Einige waren geschickter als andere – doch keiner so geschickt wie der Kuli aus Len Yang.“

Peter unterdrückte seine Überraschung und zwinkerte nur nachdenklich mehrmals mit den Augen. Chang fuhr fort:

Page 101

„In diesem Traum letzte Nacht wurde mir ein junger Mann anvertraut, dessen Geist und Männlichkeit noch nicht befleckt wurden. Seine Dankbarkeit war sofort da. Im Gegenzug für die Handlungen, die aus dieser Dankbarkeit entstanden, bin ich bereit, ihm alles zu geben, was mir gehört oder in meiner Macht steht – egal, ob er Reichtum, einen hohen Rang oder meine Freundschaft wünscht.“

„Der junge Mann“, sagte Peter ernst, „wünscht weder Reichtum noch einen hohen Rang. Wenn er dem Mann, der ihm beigestanden hat, dienen kann, dann ist das genug.“

„Sollte er um eine Art Gefallen bitten …“

„Dann hilf ihm, seinen Feind zu erreichen – der auch dein Feind ist, der Graue Drache von Len Yang!“

„Als Scherz …“

„In aller Ernsthaftigkeit!“, sagte Peter.

„Es bedeutet den Tod, nach Len Yang zu gehen!“

„Ich habe mich entschieden, Mandarin!“

Sie waren in eine enge Schlucht eingedrungen; zu beiden Seiten des schmalen Pfades ragten spitze Felsen empor. Peters Kopf war leicht nach rechts geneigt – eine Haltung, die er unbewusst einnahm, wenn er auf wichtige Worte eines Menschen oder einer Funkanlage lauschte.

„Es ist die Torheit abenteuerlustiger Jugendlicher“, ertönte die melodische und aufrichtige Stimme des Mandarins. „Es ist die Suche nach einem Heiligtum, die mit einem See aus deinem eigenen Blut enden wird! Komm mit mir nach Indien!“

„Aber ich habe mich schon vor langer Zeit entschieden, Mandarin!“

„Dein Leben ist dein Leben“, sagte der Mandarin traurig. „Die Stadt der gestohlenen Leben liegt jenseits des Berges. Ch’ing!“

Page 102

KAPITEL XVII

Ein Weg, so weiß und gerade wie ein Silberstab, führte direkt zwischen den schwarzen, vorspringenden Hängen der Hügel zu den Toren von Len Yang.

Peter, dessen Herz in einem wilden Rhythmus vor Erwartung und Angst schlug, zog an den Zügeln.

Das kleine Maultier keuchte nach dem langen, anstrengenden Aufstieg; seine prallen Flanken schwollen an und sanken wieder zusammen, während es die scharfe Abendluft einatmete.

Unmittelbar hinter den verblichenen grünen Mauern der Stadt ragten die Gebirgszüge Tibets auf – kalt, düster und verschwommen in dem purpurfarbenen Geheimnis ihrer ungewissen Entfernungen. Sie glichen gefesselten Riesen, die über die Verbrechen in der Stadt der gestohlenen Leben brüteten, mürrisch in ihrer mächtigen Hilflosigkeit.

Im Licht der aufgegangenen Sonne schienen die dicht beieinanderstehenden Hütten innerhalb der moosbedeckten Mauern auf einem verschwommenen Hintergrund aus rötlicher Erde zu ruhen.

Als Peter mit der Zunge schnalzte und das müde kleine Tier den Hang hinuntertrieb, erinnerte er sich an den Teil der Beschreibung, der ihm über diesen Ort gegeben worden war: Schreckliche Menschen mit starren Augen, die den blutroten Schleim aus den Zinnoberminen absonderten – Lepra, Schmutz, Ungeziefer…

Sein Palast! Er ragte über die rötlichen Felsen empor wie ein Würfel aus reinstem Elfenbein in einer blutenden Wunde. Sein Marmor übertraf in Weißheit den des Taj Mahal. Es war ein Werk von schneeweißer Schönheit, wie eine Taube, die sich zum Flug über einen blutgetränkten Schlachtfeld bereit macht. Und er wurde von einer Kuppel aus Lapislazuli gekrönt – blauer noch als der Südpazifik unter einer schmelzenden Sonne! Doch seine Basis, wusste Peter, war rot gefärbt – ein blutroter Farbton, der aus dem rötlichen Lehm nach oben gedrungen war.

Das Tor zur Stadt stand offen, und dank seines blauen Satinrocks durfte Peter eintreten.

Page 103

Und sofort war er von der flammenden Farbe der ungestillten Leidenschaft dieses Mannes besessen. Rot – rot! Die Hütten waren mit rotem Lehm bedeckt. Der Mann, dieses magere, elende Wesen, das am Tor um einen Moment seiner gnädigen Barmherzigkeit flehte, war von rubinfarbenem Schmutz bedeckt. Der Maultier versank und wühlte sich durch den scharlachroten Schlamm.

Dünne, unterernährte Kinder, nackt oder in Lumpen, die kaum mehr Schutz boten als Nacktheit, streckten ihm ihre ausgehungerten, rot verschmierten Gesichter entgegen und grölten sowie heulten.

Und über all dem erhob sich die weiße Pracht seines Palastes – der Thron des Grauen Drachen!

Peter trieb das Maultier den scharlachroten Gang entlang zu einer Lichtung, auf der er Tausende von Arbeitern fand, die düster von einem zentralen Eingang herkamen, aus dem immer mehr von ihnen hervorkamen. Die schrecklichen, stinkenden Kreaturen blinzelten und starrten, als wären sie vom rosafarbenen Licht des sterbenden Tages betäubt.

Einige trugen Laternen modernen Designs; andere hatten Spitzhacken, Schaufeln und eiserne Eimer bei sich. Es schien, als würden sie endlos weiterziehen, um in den Gängen verschluckt zu werden, die in alle Richtungen von der Lichtung abführten.

Es war, als würde die Erde die abscheulichsten ihrer Kreaturen ausspucken. Und im selben Licht vernichtete sie weitere, ebenso abscheuliche Wesen. In die roten Mäuler der Schächte hinab stieg eine endlose Kette von Männern, Frauen und Kindern.

Plötzlich wich das Licht zurück, und Peter wurde sich bewusst, dass die Nacht der Berge über die Stadt kroch, ihre Entstellungen verdeckte und die grauenhafte Röte durch ein samtenes Schwarz ersetzte.

Am Eingang des Schachts entstand ein greller, blendender Lichtpunkt. Es handelte sich um eine Glühbirne! Irgendwie durchbrach dieses Licht die Angst, die ihn erfüllte, und er seufzte, als hätte sein Verstand einen quälenden Albtraum hinter sich gelassen.

Page 104

Professionell betrachtete er nun diesen Bereich von Len Yang noch einmal genauer. Dicke Kabel hingen zwischen den kurzen Pfählen herab wie Gruppen schwarzer Schlangen – sie alle führten zum Eingang der Mine. Seine scharfen Ohren nahmen ein dumpfes Summen wahr, das auf die Anwesenheit von Maschinen mit hohem Drehzahlbereich oder Dynamoanlagen hindeutete.

Auf der anderen Seite des roten Schachtes, der nun von der Dunkelheit der Nacht überzogen war und durch das strahlend weiße Licht des Frostes hell erleuchtet wurde, erkannte er einen tiefen, breiten Graben, in dem langsam eine rötliche Flüssigkeit floss – diese wurde aus einem kurzen, dicken Rohr zugeführt.

Peter glaubte, dass elektrische Pumpen das rote Wasser aus der Mine saugten und es in diesen Graben leiteten.

Aus Impuls hob er den Blick zum dunkler werdenden Himmel – und er wusste nun, dass die Fäden dieses, seines größten Abenteuers, zu einem Treffpunkt geführt wurden. Denn in den letzten gebrochenen Strahlen der Sonne erkannte er den bronzefarbenen Glanz der Hochspannungsleitungen! Was sich am Fuß der Antenne befand, konnte er genau erraten. Er eilte zum Fuß des nächstgelegenen Antennenmastes – eines Pfahls, der wie eine dunkle Nadel in den Himmel ragte – und fand dort ein niedriges, dunkles Gebäude aus lackiertem Kiefernholz mit einer kleinen Tür aus verwittertem, grünem Messing.

Der vom Regen gewaschene Kiefernholzbau, das völlige Fehlen von Fenstern sowie die Einfachheit der massiven Messingtür verliehen ihm ein Aussehen von würdevoller, pessimistischer Distanziertheit. Das Gebäude schien für sich allein zu stehen – als dürfe seine Intimität nicht gestört werden, als sei sein dunkles, geheimnisvolles Wesen nicht für neugierige Blicke fremder Menschen bestimmt.

Peter klopfte kühn an die Tür – doch sie öffnete sich nur leicht, ohne jeglichen Echo. Er wartete voller Erwartung.

Plötzlich schwang die Tür auf – begleitet von gemurmelten Flüchen in einem deutlich tenorhaften Tonfall.

Ein Mann mit einem weißen, entsetzten Gesicht starrte ihn von der Schwelle aus an. Sein Gesicht war lang und spitz zulaufend – es schien kein Ende zu haben. Trübe, spöttische Augen mit einem ausgebrannten Ausdruck starrten unverwandt in Peters Gesicht.

Page 105

Peter hätte aus Erkennung des schwachen Gesichts schreien können, doch er presste die Lippen zusammen und verbeugte sich stattdessen respektvoll.

„Was zum Teufel willst du?“, knurrte der Mann an der Schwelle.

„Möge Buddha dem Geist Ihrer tugendhaften Mutter den tausendsten Segen bringen“, sagte Peter in feierlichen, segnenden Tönen. „Es ist mir eine Freude, Einlass zu begehren.“

„Sprich Englisch, ja?“, zischte der Mann. „Verdammt! Dann komm herein!“ Zu dieser Einladung fügte er eine Blasphemie in Peters eigener Sprache hinzu, die sein Herz verhärtete. Es war die nutzlose, wahnsinnige Blasphemie eines Schwächlings. Es war derselbe Mann, wie Peter ihn einst gekannt hatte – nur etwas schlimmer. Er trug immer noch das, was von seiner Marconi-Uniform übrig geblieben war: einen zerrissenen, ölverschmierten Mantel und Hosen mit den abgenutzten weißen und blauen Emblemen der Dampfschifffahrtsgesellschaft, für die er gearbeitet hatte, bevor er verschwand. Seine knochigen Hände zitterten ununterbrochen, und sein Gesicht hatte die kalkige Blässe, typisch für Opiumesser.

Peter, der daran dachte, welche Ehre diese Uniform für ihn stets bedeutet hatte, hatte Lust, dieses stammelnde, wildäugige Wesen niederzuschlagen und zu zertreten. Doch er verbeugte sich respektvoll. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss, und sein Blick nahm im Nu die Details der massiv aufgebohrten elektrischen Apparate in sich auf.

„Sprich die Sprache Gottes, ja?“, wimmerte der Mann. „Setz dich und starre nicht so. Setz dich. Setz dich.“

„Ein Mandarin setzt sich niemals, o Erhabener, ohne dreimal eingeladen worden zu sein.“

„Dreimal, viermal, fünfmal – ich sage dir, setz dich!“, stotterte er. „Menschen, selbst solche wie du, die meine Sprache sprechen, sind zu selten, um sie ungenutzt vorbeizulassen. Ein Mandarin?“

Er trat zurück und betrachtete seinen Gast mit dummem Spott.

„Ich sage euch: Menschen, die meine Sprache sprechen, sind selten. Nachts höre ich mir die Narren an diesem Gerät an und sage ihnen, was ich will. Was gibt es Neues von draußen?“

Page 106

„Was gibt es Neues von zu Hause?“
„Von wo?“
„Aus Amerika!“ Er stolperte über die Worte und holte tief Luft – mit einem langen, zitternden Zischen zwischen seinen gelben Zähnen.
„Es sind viele Jahre vergangen, seit ich dieses seltsame Land besucht habe, o Großer! Tatsächlich sind es viele, viele Jahre, seit ich die Kunst erlernt habe, die du jetzt so ehrenhaft ausübst.“
„Du – was war das?“
„Auch ich habe versucht, deine ehrenwerte Kunst zu erlernen, mein Sohn. Doch es wurde mir verwehrt. Buddha befahl mir, seine Lehren zu verbreiten. Es ist meine Aufgabe, ein wenig Hoffnung, ein wenig Freude in die Herzen der Menschen zu bringen –“
„Du stehst da und behauptest, du kennst den Kodex?“, schrie der Mann mit dem weißen Gesicht schrill.
„So groß war mein Glück“, antwortete Peter ernst.
„Nun, ich glaube, du bist ein verdammter Lügner, du Chink!“, spottete der andere, der nervös oder verärgert von einer Seite zur anderen schwankte.
Peter zuckte mit den Schultern und ließ seinen Blick über die monströse Übertragungsspule wandern.
„Ich werde es dir zeigen!“, fauchte der Mann. „Ich gebe dir eine Chance – jetzt hör mir zu! Sag mir nach, was ich sage.“ Er presste die Lippen zusammen und pfiff eine Reihe von staccatoartigen Tönen.
„Was du gesagt hast“, antwortete Peter mit tiefer Stimme, „ist wahr, o Höchster!“
„Was habe ich gesagt?“
„Du hast gesagt: ‚China – es ist die Hölle auf Erden!‘ Sprache ich die Wahrheit?“

Page 107

Peter dachte, dieser verrückte Mann – dessen Name einst Harrison gewesen war – wolle auf ihn zustürzen. Doch Harrison sprang nur zu seiner Seite und ergriff seine Hände mit einer feuchten, aufgeregten Umklammerung. Tränen der Begeisterung glänzten in den nun leuchtenden Augen des Mannes.

„Du bleibst bei mir, hörst du?“, stammelte er. „Du bleibst hier. Ich werde es wert machen! Ich sorge dafür, dass du Geld hast. Ich werde——“

„Aber ich brauche kein Geld, o Erhabener!“, unterbrach Peter in einem etwas verärgerten Ton und versuchte, seine Ungeduld zu verbergen.

„Du bleibst!“, rief Harrison.

„Opiumesser!“, sagte Peter, der genau wusste, worauf er sich berufen konnte.

„Und wenn schon?“, forderte Harrison trotzig. „Du auch! Wir alle! Jeder, der in diesem verdorbenen Land lebt!“

„Für die Kranken sind alle krank“, zitierte Peter traurig.

„Verdorben! Solange ich Opium brauche, gibt es nichts mehr zu sagen. Jetzt reiße ich meine Augen mit Streichhölzern auf, um wach zu bleiben. Mit dir hier——“

Seine leise Stimme verstummte. Er hatte das zugegeben, was Peter bereits wusste. Es war das unbedachte Geständnis sowie der unbedachte Flehen eines Geistes, der zur Hälfte von Drogen zerfressen war. Ein kranker Geist, der die nackte Wahrheit aussprach, der keine Täuschung bemerkte und der von seinen eigenen Qualen und Begierden derart gequält wurde, dass er die Fähigkeit zum Misstrauen verloren hatte. Ein niedriges, verzerrtes Misstrauen könnte später auftreten; doch in seinem gegenwärtigen Zustand war dieser Geist zu gierig, um über seine eigenen kleinen Ziele hinauszudenken.

Die Lider von Harrisons glühenden Augen senkten sich – sie waren blau, ein krankhaft blasses Blau. Mit ihrem Herabsinken wurde sein Gesicht zu einer Totenmaske. Doch Peter wusste aus vielen Beobachtungen, dass solche Anzeichen täuschend waren; er wusste, dass Opium ein mächtiges und belebendes Mittel war; er wusste, dass Harrison, obwohl schwach, dumm und delirierend, durchaus am Leben war!

Page 108

„Es gibt kaum Arbeit zu erledigen“, fuhr die dünne Stimme fort. „Nur nachts. Sag, dass du bei mir bleibst!“ flehte er.

Peter ließ sich einen Stirnrunzeln anmerken, als hätte er eine negative Entscheidung getroffen. Harrison, von Verlangen zerrissen, warf sich auf die Knie und weinte in Peters Hand. Peter stieß ihn widerwillig weg.

„Was ist meine Aufgabe?“

Harrison sank zurück auf seine Fersen, ohne die feuchten Streifen zu bemerken, die von seinen Augen an den Seiten seines dünnen, spitzen Nasens herunterliefen. Nervös griff er in seine Tasche. Er holte einen Klumpen schwarzen Kautabak hervor, etwa so groß wie eine Schwarzwalnuss, brach mit seinen Fingernägeln ein Stück ab und kaute es langsam. Er grinste weise.

„Es wird ihm egal sein. Warum sollte es ihm etwas ausmachen?“

„Wer, mein Sohn?“

„Dieser Mann – der Mann, der Len Yang, mich und diese Rattenfresser besitzt. Alles, was er will, sind Ergebnisse.“

„Ah, ja. Besitzt er noch andere Minen?“

„Was kümmern ihn die Minen? Natürlich leitet er die anderen Minen per Funk. Er besitzt ein Sechstel der Welt. Ja, das tut er. Er ist reich. Sehr reich! Du und ich sind arme Narren. Er gibt mir Opium“ – Harrison starrte wütend vor sich hin und schluckte – „und stellt keine Fragen.“

„Weise Menschen lernen, ohne Fragen zu stellen, mein Sohn“, sagte Peter ernst.

„Sicher tun sie das! Er weiß alles und stellt nie eine Frage. Keine einzige! Er antwortet einfach darauf!“

„Hast du ihm schon Fragen gestellt?“

„Ich? Humph! Wie naiv du doch bist, trotz des Goldes an deinem Kragen! Habe ich ihn jemals Fragen stellen sehen?“

Page 109

„Das ist es, was ich meinte.“

„Nicht ich. Er ist kein Narr. Für mich magst du der Graue Drache sein – aber niemand in Len Yang sieht ihn. Niemand wagt es! Es bedeutet den Tod, diesen Mann zu sehen! Habe ich es nicht versucht? Aber nur einmal!“

„Du hast es wirklich versucht?“

„Das reichte schon. Ich kam bis zum ersten Schritt des Elfenbeinpalastes. Jemand schlug mich mit einem Stock! Ich war krank – ich dachte, ich würde sterben! Auf meinem Hals gibt es eine Narbe – sie heilt einfach nie!“

Sein seniler Wimmern verstummte allmählich. Seine knochigen Kiefer bewegten sich langsam und nachdenklich. Er fuhr fort:

„Er ist auch verrückt. Frauen! Schöne Frauen für die Minen! Männer – überall wissen die Männer, welchen Preis er zahlen muss. In reinem Silber!“

„Zahlt er gut, mein Sohn?“

„Tausend Tael, wenn er zufrieden ist. Deshalb hat dieses Loch seinen Namen bekommen. Kennst du den Namen – die Stadt der gestohlenen Leben? Sie sollte eher die Stadt der verlorenen Hoffnung heißen. Denn niemand verlässt sie jemals. Die Minen verschlingen sie. Was wird aus ihnen?“

„Ah! Was wird aus den gestohlenen Leben?“

Die eingefallenen Augen starrten ihn spielerisch an. „Was bedeuten tausend Tael für ihn? Er ist reich, das sage ich dir! Man sagt, seine Kellerräume seien voller Gold – reinen Goldes; seine Räume und Hallen seien über und über mit Gold bedeckt, genauso wie seine Mörder mit dem Zinnobergift. Und das Funkgerät – er hat Stationen, und meine ist die beste. Darum kümmere ich mich, das sage ich dir!“

„Sicherlich!“

„Diese Jäger, diese Männer, die seinen Preis für schöne Frauen kennen – er will keine anderen – und die tausend Tael erhalten…“

„Wo, sagtest du, befinden sich diese Stationen?“

Page 110

„Überall. Es gibt eine Station in Afghanistan, zwischen Kabul und Jalalabad, und eine in Bengalen, in den Khasi Hills, sowie eine weitere in der Provinz Sichuan im Norden – und noch eine in Siam, am Fluss Bang Pakong.“

„Eine Station am Bang Pakong?“

„Ja, ich sage es Ihnen: Überall. Diese Jäger finden ein Mädchen, ein hübsches Mädchen – und sie müssen ihren Fund in wenigen Worten beschreiben. Er ist schlau! Je weniger Worte, desto besser. Wenn ihm die Worte gefallen, lässt er mich ihnen sagen, dass sie kommen sollen. Glückliche Teufel! Tausend Tael für diese Glücklichen! Eines Tages könnte ich selbst ein Jäger werden.“

„Das klingt verlockend“, stimmte Peter zu. „Aber warum will er schöne junge Mädchen für seine Mine, mein Sohn?“

Harrison ignorierte die Frage.

„Heute Nacht werde ich zuhören. Sie können mir zusehen. Dann werden Sie sehen, wie einfach das ist. Es ist Zeit.“

Peter bemerkte, dass sich die Tür hinter ihm geöffnet und wieder geschlossen hatte. Jetzt hörte er das leise Geräusch von Sandalenfüßen, die mit rotem Schleim bedeckt waren. Ein Chinesier in strenger schwarzer Kleidung stand da und blickte ihn misstrauisch an. Seine Augenbrauen waren rasiert, und ein Schnurrbart hing wie Seegras bis zu seinem spitzen, flachen Kinn herab.

Er stellte Harrison eine schroffe Frage in einem Dialekt, der an das tibetische Gurgeln erinnerte.

„Er will wissen, woher Sie kommen“, übersetzte Harrison genervt.

„Aus Wenchou. Ich bin Mandarin. Das sollte er doch wissen.“

Der Mann in der strengen schwarzen Kleidung verbeugte sich respektvoll, während Peter ihn kühl ansah.

Harrison setzte sich die Murdock-Empfänger auf die Ohren – seine Stimme erklang nun als schwaches, wirres und bedeutungsloses Gemurmel.

Page 111

„Statisches Rauschen – ständig dieses Rauschen. Heute Nacht ist es schrecklich. Ich kann diese Leute nicht hören.
Ah! Afghanistan hat nichts – und auch Bengalen nicht. Hey, du Idiot – ich kann diesen Mann in Szechwan nicht hören. Er hat eine Nachricht. Ja, du – ich kann ihn einfach nicht hören. Kein Wort! Seine Stimme ist so leise, wie ein schwaches Flüstern. Sie werden mich wieder schlagen, wenn ich ihn nicht hören kann!“

Er versuchte es erneut, drückte die Gummiknöpfe gegen seine Ohren, bis es schien, als würden sie in seinen Kopf eindringen.

„Hast du ein gutes Gehör?“

„Ich werde es versuchen“, sagte Peter.

„Dann setz dich hierhin. Du musst ihn hören – sonst werden wir beide geschlagen. Dieser Mann sendet direkt zu ihm.“

Peter setzte sich auf den freien Stuhl und befestigte die Empfänger. Ein langes, leises Flüstern, kaum hörbar, wie das Rascheln von Blättern auf einem fernen Hügel, drang in seine Ohren. Normalerweise hätte er eine solche Station aus Abscheu aufgegeben und gewartet, bis die Verhältnisse besser wurden. Doch jetzt wollte er seine Fähigkeit unter Beweis stellen, die Schärfe seines Gehörs, für die er berühmt war.

Hinter ihm murmelte der Mann in dem schwarzen Gewand – Peter warf ihm einen finsteren Blick zu, damit er still blieb.

Mit einer Geschicklichkeit, die diesen Kerl vielleicht überrascht hätte – wären Harrisons Sinne nur schärfer gewesen – betätigte er die Schalter zur Übertragung und antwortete mit einem schnellen, professionellen „OK“.

Er neigte den Kopf zur Seite, wie er es immer tat, wenn er ferne Signale empfing. Unter seine Hand wurde ein Notizblock sowie ein Stift geschoben.

Die Welt, ihre Geräusche sowie die angespannten, erwartungsvollen Gestalten hinter ihm verschwanden – es gab nur noch eines: die Nachricht von der stummen Station in Szechwan.

Sein Stift strich leise, ohne Laut, über das glatte Papier.

Page 112

Eine Botschaft für L. Y. Ein amerikanisches Mädchen. Braune Haare. Augen voller Mondgeheimnisse. Lippen wie eine frisch geborene Rose. Bezaubernd jung.

Das Blut kochte in Peters Gehirn – der Stift rutschte aus seinen eisigen Fingern. Es gab nur ein Mädchen auf der Welt, das zu dieser Beschreibung passte: Eileen Lorimer! Sie war wieder gefangen genommen worden und nach China zurückgebracht worden!

Er griff nach dem Papier – doch es war verschwunden. Auch der Mann in dem schwarzen Gewand war weg; er eilte zu seinem Herrn.

Harrison tastete mit einer dünnen, weißen Hand über Peters Schulter und machte Geräusche in seiner Kehle.

„Du glücklicher Dummkopf! Er wird dir Cumshaw geben. Gott, du hast scharfe Ohren! Nur ein Mann, den ich kannte, hatte solch scharfe Ohren. Er gibt immer Cumshaw. Na-mien-pu-liao-pa! Du musst es mit mir teilen – das ist nur fair. Aber was macht das schon aus? Hier kannst du zwar hineingehen, aber niemals wieder heraus. Dir nützt Silber nichts – mir schon.“

Eileens Gesicht tauchte in Peters wahnsinnigem Geist auf. Miss Vost – dieses liebenswerte Mädchen mit den unschuldigen Augen – passte ebenfalls zu dieser Beschreibung!

Peter starrte dumm auf die riesige Übertragungstaste und weigerte sich, zu antworten. Miss Vost – und die roten Minen! Er zitterte.

Harrison wimmerte wieder in sein Ohr: „Er sagt ja. Ja! Sag diesem Kerl ja – und beeil dich. Der Graue Drache wird ihm wegen der Schnelligkeit noch tausend Tael geben. Oh, du glücklicher Dummkopf! Zwei tausend Tael! Sag es ihm – oder soll ich es tun?“

Wie konnte Peter Nein sagen? Das grauenhafte, weiße Gesicht starrte ihn nun misstrauisch an.

Während er zögerte, schob Harrison ihn beiseite – seine Finger bewegten sich schnell auf dem schwarzen Gummiknopf. „Ja – ja – ja. Schick sie schnell herein. Tausend Tael als Bonus. Der glückliche Teufel!“

Page 113

Aus Peters Qualen ergab sich nur eine Lösung – und zwar eine vage sowie unentschlossene. Er musste warten und auf Miss Vost achten und die drastischen Maßnahmen ergreifen, die ihm einfielen, um sie zurückzugewinnen, wenn die Zeit gekommen war.

Die blassen Lippen zitterten wieder an seinem Ohr. „Hier! Du musst es mit mir teilen. Eine Tasche voll Silber. Yin! Eine ganze Tasche davon! Hör doch auf das Klirren des Silbers!“

Peter griff nach der gelben Tasche und steckte sie unter sein Seidenoberteil. Ihm wurde allmählich klar, dass er außergewöhnliches Glück gehabt hatte, die Signale der Station in Szechwan aufzufangen. Er war jetzt weitaus wichtiger als dieses Wrack, das an seinem Arm zupfte.

„Gib mir meinen Anteil!“, jammerte Harrison.

Peter ballte die Faust.

„Gib mir meinen Anteil!“, klammerte sich Harrison an seinen Arm und schüttelte ihn verärgert.

Peter schlug ihm direkt ins Gesicht.

KAPITEL XVIII

Während die Nacht in den Tag überging und der Tag wieder von der Nacht verschlungen wurde, nahm das Problem, vor dem Peter stand, immer ernstere und rätselhaftere Ausmaße an. Seine Hoffnung, in den Elfenbeinpalast einzudringen, war zunichte. Es war unerlässlich, von diesem Plan abzulassen – von dem Versuch, die Reihen der bewaffneten Wachen zu durchbrechen und den Raum zu erreichen, in dem der Herr der Stadt der gestohlenen Leben sprach – bis zu einem späteren Zeitpunkt.

Das war ursprünglich seine Ambition gewesen, doch mit der Annäherung des gefangenen Mädchens wurde es von Stunde zu Stunde wichtiger, den ursprünglichen Plan aufzugeben.

Page 114

Wenn er Miss Vost aus dieser schrecklichen Stadt befreien könnte, wäre das mehr als eine angemessene Belohnung für seine lange, abenteuerliche Suche.

Er konnte nicht schlafen. Auf einem alten Lederschemel auf dem Dach des Funkgebäudes saß er und hielt Tag und Nacht Wache, mit den Augen starr auf die Zugbrücke gerichtet. Eine Woche verging. Essen wurde zu ihm hinaufgebracht, doch er berührte es kaum. Die Ränder seiner Augen wurden durch Schlafmangel rot, und er murmelte ununterbrochen, wie ein Mann am Rande der Vernunft, während seine Blicke immer wieder über den roten Schmutz wanderten – von der dunklen Brücke zum leuchtend weißen Palast.

Traurig, wie verlorene Seelen, die in einer halben Welt umherirren, schleppten sich die Gefangenen von Len Yang in die roten Mäuler der Minen, wurden dort für lange, grausame Stunden verschlungen und kamen anschließend taumelnd und blinzelnd unter dem wütenden Abendsonnenlicht Tibets wieder heraus.

Dieser trostlose Anblick hätte jeden Menschen in den Wahnsinn getrieben. Doch jeden Tag entstanden im grausamen roten Licht von Len Yang neue „Seelen“; sie klammerten sich verzweifelt an die Hölle, die ihr Schicksal war, während andere blutende Seelen starben und ihre zusammengeschrumpften Körper in die roten Behälter geworfen wurden, wo sie in irgendwelchen blinden Höhlen unten in Vergessenheit gerieten.

Es war eine eiskalte Nacht, mit starkem Wind, der vom Eis und Schnee auf den tibetischen Gipfeln wehte, als Peters langes Warten endlich belohnt wurde. Ein Lärm am Tor, begleitet von klagenartigen Rufen, riss ihn aus seiner Lethargie. Er blickte über die gezackte Mauer – doch das kalte Mondlicht zeigte nur eine leere Straße.

Der Lärm und die Rufe setzten sich fort, und Peter war sicher, dass Miss Vost gekommen war – denn in chinesischen Städten lässt nur ein außergewöhnliches Ereignis die Zugbrücken herunter. Er glitt die knarrende Leiter hinab in den Funkraum. Harrison befand sich in einem Dämmerzustand, murmelte sinnloses Zeug und flehte, während seine langen, weißen Finger sich öffneten und schlossen – vielleicht nach imaginärem Gold.

Page 115

Peter öffnete die schwere Messingtür und trat auf die verlassene Straße hinaus. Die mit Edelsteinen verzierten Sandalen, die Chang ihm gegeben hatte, versanken tief im roten Schlamm und blieben dort stecken.

Er eilte weiter, bis er den schwarzen Schatten der großen grünen Mauer erreichte. Plötzlich gab die Brücke unter vielen Knarz- und Stöhngeräuschen nach – und Peter sah das Mondlicht auf der silberweißen Straße jenseits davon.

Eine Gruppe von Personen, die auf Maultieren ritten und von zahlreichen Lastmaultieren begleitet wurden, bildete einen grotesken Schatten. Dann ertönte ein schriller Schrei.

Hufe trampelten dumpf auf den lockeren, klappernden Brettern – und die Prozession zog weiter.

Eine schlanke Gestalt in einem langen, grauen Umhang ritt auf dem vordersten Maultier. Peter schlich, unterstützt vom schwarzen Schatten, zu ihr hinüber.

„Fräulein Vost! Fräulein Vost!“, rief er leise. „Es ist Peter – Peter Moore!“

Er hörte, wie sie überrascht nach Luft schnappte – ihr Stöhnen drang wie ein scharfes Messer in sein Herz.

Peter versuchte, mit ihnen Schritt zu halten, doch der rote Lehm zog ihn zurück. Hinter ihm schrie jemand. In einer Sekunde würden sie ins helle Mondlicht treten.

„Hilf mir! Oh, hilf mir!“, schluchzte sie. „Er folgt uns! Er ist zu spät!“

Sie wurde ins Mondlicht getragen. Gleichzeitig schienen unzählige Gestalten aus dem Boden zu erwachen – aus dem Nichts – und in alle Richtungen hin blockierten sie Peter den Weg. Der Gestank der elenden Bewohner von Len Yang strömte von diesen Gestalten aus in die kalte Nachtluft.

Nackte, unreine Schultern streiften ihn; feuchte, schleimige Hände drückten ihn zurück. Doch er wurde nicht verletzt – er wurde einfach immer weiter zurückgeschoben, bis sein nackter Fuß auf das erste Brett der noch heruntergelassenen Brücke stieß.

Page 116

Hinter ihm wurde ein Befehl zischend gegeben. Er drehte seinen Rücken den wogenden Schatten zu. Schwere Seile wurden entrollt – die Zugbrücke wurde angehoben.

Entlang der weißen Straße, taumelnd von einer Seite zur anderen, kam ein springender schwarzer Punkt auf sie zu.

Die Zugbrücke knarrte, die Seile spannten sich, und das andere Ende hob sich Zoll für Zoll an.

Peter schrie, doch niemand achtete auf ihn. Sein Atem ging in kurzen, qualvollen Zügen ein und aus. Er sprang auf die Brücke und schrie erneut. Das Knarren hörte auf – die Brücke blieb stehen.

Der „betrunkene“ Punkt verwandelte sich in die Gestalt eines Riesen auf einem galoppierenden Maultier, das inmitten von Staub auf sie zukam. Hufe hämmerten auf der Brücke; der Riese am Maultier zog an den Zügeln – und Peter konnte das Gesicht des Mannes sehen, den er für tot gehalten hatte. Bobbie MacLaurins wütende Augen wanderten von seinem Gesicht zu seinen schlammverschmierten Füßen.

„Moore! Wohin haben sie sie gebracht?“, schrie der Riese am Maultier.

„Steig ab und folge mir – zum weißen Palast! Bist du bewaffnet?“

„Und bereit, jeden verdammten gelben Schlangenmann in ganz China zu erschießen!“

Er sprang schwerfällig auf die Bretter der Brücke – Peter sah den Glanz von Kugeln mit Stahlspitzen in dem schmalen Gurt, der vom Schultergurt bis zur Taille reichte.

Der Anführer der Männer, die die Seile zogen, wagte es, den Kopf zu heben – Bobbie trat ihm mit seinem stiefelbewehrten Fuß in den Bauch. Der Arbeiter flog nach hinten und blieb regungslos liegen.

Als sie unter dem breiten, dunklen Bogen auf die Straße liefen, reichte er Peter in einer Hand den dicken Lauf einer Militärpistole sowie in der anderen eine halbe Dose mit geladenen Patronen.

Und so bahnten sie sich mit Schüssen ihren Weg zu den Stufen des Palastes. Seltsame Gestalten sprangen aus dem Schlamm hervor – und wurden wieder zu Boden geschossen.

Page 117

Sie erreichten den Gipfel des Hügels – der grüne Mond Tibets beleuchtete das Dach des weißen Palastes. Ein paar Wachen mit Gewehren und Schwertern stürmten die breite, flache Treppe hinunter. Die beiden Männer warfen sich zu Boden, während hochkraftvolle Kugeln neben ihnen einschlugen oder über ihren Köpfen vorbeiflogen. Die beiden Automatikwaffen feuerten ununterbrochen. Die Wachen wichen zurück, einige flohen, andere fielen – Peter spürte plötzlich den brennenden Schmerz von Kugeln an seiner Schulter. Er lud einen weiteren Magazinclip in die Waffe; dann sprangen sie auf und rannten die weißen Stufen hinunter. In dem dunklen Schatten ertönte das Geräusch eines Gewehrs. Bobbie stöhnte, taumelte und kletterte weiter nach oben. Nun wurden sie von den schrillen Schreien einer Frau aus einer nahegelegenen Gasse geleitet. Sie blieben erstaunt vor einem prächtigen Portal aus weißem Marmor stehen. Das Mädchen wehrte sich verzweifelt – zwei Träger versuchten, ihre Arme festzuhalten, doch sie trat, kratzte und biss wie eine Wildkatze und zog sie in Richtung der breiten, weißen Veranda. Bobbie schoss dem ersten Träger in den Kopf; der andere verschwand unter schrecklichen Schreien im Schatten. Peter packte Miss Vost am Arm und rannte die Stufen hinunter. Bobbie folgte ihnen, wobei er seinen Kopf in einer grotesken Geste hielt. Bobbie schwang seinen freien Arm wild herum: „Wartet nicht auf mich! Bringt sie von hier weg! Nehmt eure Augen nicht von ihr, bis ihr Wenchow erreicht habt!“ Er drehte sich um und schoss dreimal auf eine Gestalt, die sich hinter ihm versteckt hatte. Die Gestalt drehte sich um und schien in ein Loch im Boden zu verschwinden. Peter legte seinen Arm um Bobbies Taille und zog ihn den Hügel hinunter. Miss Vost konnte sich, wie er nach diesem Vorfall erkannte, selbst verteidigen. Die Brücke war hochgezogen worden; Lichter leuchteten aus den Hütten wie böse rote Augen. Peter ließ das Seil los – die Brücke sank mit einem lauten Knall wieder auf die Straße herab.

Page 118

Das erschütterte die festen Mauern. Bobbies Maultier steuerte auf sie zu – und Peter schoss beinahe auf das freundliche kleine Tier!

Zwischen Peter und Miss Vost, die ununterbrochen vor sich hin plapperte und weinte, als würde ihr Herz zerbrechen, wurde ihr verletzter Begleiter auf den Sattel gehoben. Sie überquerten die Brücke – und die Brücke wurde hinter ihnen hochgezogen.

Erst als sie den Gipfel des Hügels erreichten, blickten sie zurück auf die düsteren Mauern, die nun unter dem hohen, klaren Mond schwarz und ruhig dalagen. Erst da wunderte sich Peter über ihre leichte Flucht, darüber, dass die Brücke gerade noch rechtzeitig hochgezogen werden konnte. Warum wurden keine Schüsse auf sie abgefeuert, während sie den silbernen Weg hinaufstiegen?

Sie verließen sich nur auf die Flucht – auf nichts anderes. Die ganze Nacht über eilten sie in Richtung der Straße, die nach Ching-Fu – und nach Indien – führte. Sie hatten keine Kraft mehr für Worte. Jeden Moment könnte der lange Arm des Grauen Drachen ausgestreckt werden, um sie zurückzureißen.

Nur einmal machten sie Halt – während Peter den Satinfutter seiner Robe herausriss und die Wunde an Bobbies Kopf verband.

Miss Vost setzte sich auf einen moosbedeckten Felsen und weinte. Sie unternahm keinen Versuch, ihm zu helfen, sondern starrte nur und wischte sich mit den Händen die Tränen ab.

Ein nebliger, rosafarbener Morgen fand sie oberhalb des Tals, in dem die Verbindungsstraße zwischen Ching-Fu und dem Irriwaddi verlief.

Miss Vost war die Erste, die die Lagerfeuer einer Karawane sah. Sie lachte, dann weinte sie – und taumelte auf Peter zu, der dort stand, eine magere, seltsame Gestalt in seiner zerrissenen blauen Robe und mit seinem verfilzten Bart.

Als sie näherkam, streckte sie ihre Arme leicht aus – ihre grauen Augen strahlten ein sanftes, mildes Licht aus.

Bobbie taumelte von den zuckenden Seiten des Maultiers weg; mit einer Hand tastete er schwach nach dem Satinverband. Auch in seinen Augen lag jener Ausdruck, der nur selten in den Augen von Männern zu sehen ist.

Page 119

Mit einem einzigen Blick konnte Peter bis in die tiefsten Tiefen der selbstlosen Seele dieses Mannes blicken – es war, als würde er in das Licht eines goldenen Herbstmorgens schauen.

Miss Vost nahm Peters Hände in ihre – eine davon war noch blau von der Rückstoßwirkung der Waffe. Sie führte sie zu ihren Lippen und küsste sie feierlich. Mit einem leisen Seufzer blickte sie zu Bobbie auf, der neben ihr stand und wie ein hoher Hügel über ihr aufragte.

Sie sahen sich lange an – für einen Moment fühlte sich Peter seltsamerweise völlig unwichtig. Er hatte allen Grund zu der Annahme, dass seine Anwesenheit völlig unnötig war – denn mit einem fröhlichen, sanften Lachen sprang Miss Vost auf und wurde in Bobbies starken Armen umschlossen.

Peter blickte in das grüne Tal hinab; Tränen standen in seinen blauen Augen. Die Karawane bewegte sich langsam den Weg entlang. In fünf Wochen würde sie Kalikan verlassen – das letzte Stück chinesischen Bodens an der Grenze zu Indien.

Peter fühlte sich äußerst glücklich, als er eilig den Hügel hinuntereilte, um die Karawane einzuholen.

Page 120

TEIL II

Page 121

DER BITTRENE BRUNNEN

KAPITEL I
Sie beugt sich erneut über ihre Arbeit:
„Ich werde einen Versfetzen zwischen die Blumen seines Gewandes weben –
vielleicht werden dessen Worte ihn dazu bringen, zurückzukehren.“
—LI-TAI-PE.

Der neu angekommene Funker des Ozeandampfers Java, China und Japan sowie des Persischen Golfs stützte seine Ellbogen auf das Geländer auf dem Promenadendeck und warf einen Seitenblick auf den chinesischen Arbeiter, der etwa eine Bootslänge weiter hinten in einer ähnlichen Haltung stand. Der Arbeiter erwiderte seinen Blick mit einem träumerischen Ausdruck, wandte dann jedoch schnell seinen Blick der Stadt zu, die über Batavias glänzendem, stahlblauen Hafen im Dunst lag.

Ohne seinen Kopf zu drehen, beobachtete der Funker weiterhin aufmerksam die Bewegungen dieses Chinesen – genauso wie er ihn bereits seit ihrem Aufbruch aus Tandjong Priok in dem Firmenboot und ihrer gemeinsamen Ankunft im Persischen Golf beobachtet hatte.

Schon von Anfang an hatte er Verdacht gegen diesen Mann gehegt und war darauf vorbereitet, sich zu verteidigen. Gleichzeitig war er bereit, zum Angriff überzugehen, falls dieser Sohn des gelben Reiches auch nur den Griff seines Kris zeigte oder ihm ein Wort des Rats ins Ohr flüsterte. Letzteres fürchtete er genauso sehr wie das Erste – denn das würde vieles bedeuten.

Als der Mann etwas näher kam, bemerkte Peter, dass dieser mit seinen schrägen Augen seltsame Signale gab, um seine Aufmerksamkeit zu erregen – ohne dabei die Neugier oder das Interesse derer zu wecken, die die beiden beobachten könnten.

Page 122

Daraufhin drehte sich Peter auf dem linken Absatz um, ging auf die andere Seite und warf ihm einen absichtlich feindseligen Blick zu.

Der Kuli rückte ein paar Zentimeter zurück, indem er seinen Körper anspannte; seine Füße blieben jedoch an derselben Stelle. Während Peter seinen Blick vom schwarzen Zylindermütze über die verblasste blaue Jacke, die schwarzen Satinhosen, die um die Knöchel gebunden waren und so einen leichten Hosen-Effekt erzeugten, bis zu den schwarzen Pantoffeln mit ihren dicken Sohlen schweifen ließ, lächelte der Kuli.

Es war ein Lächeln der Arroganz, der Selbstzufriedenheit. Tatsächlich war es das Lächeln eines Jägers, der seine Beute bereits in der Hand hat und kurz lächelt, um zuzusehen, wie sie zappelt, bevor er den tödlichen Schuss abgibt.

„Willst du mich bestehlen?“, fragte Peter knapp.

„Fährst du immer nach Hongkong?“, antwortete der Kuli. Sein Lächeln wurde etwas höflicher, während er Peters Körpergröße und -bau musterte und offenbar seine Kraft einschätzte.

Es war eine dumme Frage – denn der Persische Golf ermöglichte, wie jeder in Batavia sehr wohl wusste, eine durchgehende Fahrt vom javanischen Hafen nach Hongkong. Peter machte ungeduldig darauf aufmerksam.

„Fährst du nicht nach Hongkong?“, beharrte der Kuli und ließ sein teuflisches Grinsen nicht verschwinden. „Ich will nach Hongkong. Warum nicht?“

Das keuchende alte Signal des Persischen Golfs kündigte unmissverständlich an, dass die Reisezeit nahte. Der Persische Golf war kein neues oder schnelles Schiff – er fuhr im mittleren Dienst südlich von Java. Doch er war robust, und Taifune bedeuteten ihm bisher noch nichts.

„Warum nicht?“, fragte Peter in einem Tonfall eines Gesprächspartners.

Der Kuli hob einfach den Saum seiner blauen Tunika an – und Peter erhaschte einen kurzen Blick auf ein Messer mit Knochengriff, dessen Klinge vermutlich flach gegen den Bauch des Mannes lag.

Page 123

Dennoch lächelte der Chinesische, ohne Gier. Offensichtlich schilderte er die Dinge so, wie er sie kannte – als würde er eine Lektion vorlesen, die ihm jemand beigebracht hatte, der sich mit Tötungsmethoden und Spionage auskannte.

Die Fakten dieses Falls waren, dass Peter Moore seinen Aufenthalt in Hongkong umgehend verschieben oder ganz aufgeben musste – aus Gründen, die nur denen bekannt waren, die gegen ihn vorgingen. Seltsamerweise war Hongkong eine der beiden Städte in China, in denen Peter dringende Geschäfte zu erledigen hatte.

Diese Erkenntnis, dass der Mann aus Len Yang wieder die Spur aufgenommen hatte, machte ihn wütend.

Also blickte Peter sich auf dem Deck um, um zu sehen, ob es Zeugen für seine Handlung geben könnte – es gab nur einen: einen Passagier. Der Chinesische lächelte weiterhin, doch allmählich wurde dieses Lächeln immer böser und hässlicher. Er war verwirrt über die heimlichen Blicke des Funkers auf das Promenadendeck. Doch er blieb nicht lange im Unklaren bezüglich Peters Absichten – es dauerte kaum länger, als es gebraucht hätte, um den chinesischen Äquivalenten von „Jack Robinson“ auszusprechen.

Mit einer energischen Bewegung packte Peter ihn am nächsten Arm und Bein – im nächsten Moment stürzte der Arbeiter durch eine schreckliche Leere, taumelte kopfüber wie ein Sack mit Reis direkt in die öligen Gewässer des Hafens von Batavia!

Das war’s dann mit Peters begrenzten Kenntnissen im Jiu-Jitsu.

Wütend wusste er nicht, wie dieser Verfolger auftauchen konnte – schließlich hatte er jede Sekunde seit seiner Flucht aus den „grünen Mauern“ dieser blutgetränkten Stadt wachsam beobachtet und war sicher gewesen, dass er seine Verfolger abgeschüttelt hatte. Doch irgendwo entlang dieser Route, die von Len Yang nach Bhamo, von Rangun nach Penang und um die Malsche Landspitze führte, war seine Flucht verraten worden.

Die Spione des Herrn aus Len Yang mussten besondere Werkzeuge besitzen, mit denen sie die tiefsten Geheimnisse von Peters Seele erforschen konnten.

Page 124

In Batavia kümmerte sich Peter um eine Aufgabe, die schon lange aufgeschoben worden war. Er schickte ein Telegramm an Eileen Lorimer in Pasadena, Kalifornien, und teilte ihr mit, dass er noch am Leben sei und hoffte, eines Tages sie besuchen zu können.

Er fragte sich, was dieses kleine Wesen mit den grauen Augen sagen würde, was sie tun würde, wenn sie die Nachricht aus dem fernen Java erhielt. Es waren viele Monate vergangen, seit sie sich am regennassen Kai in Shanghai voneinander verabschiedet hatten. Diese Szene stand ihm ganz klar vor Augen, als er das Telegrafenbüro in Batavia verließ, um seinen Plan mit dem Funker im Persischen Golf zu besprechen.

Peter stellte fest, dass der Mann bereit war, wenn auch nicht gerade begeistert, zu verhandeln – eine Entwicklung, die Peter bereits erwartet hatte, sobald sein Blick für einen kurzen Moment auf das dicke, weiße Gesicht mit den gierigen, kleinen schwarzen Augen gefallen war. Der Mann war durchaus bereit, sich in den Hügeln hinter Batavia zu verstecken, bis der Persische Golf am tiefblauen Horizont verschwand – gegen eine Entlohnung in Gold.

Peter hätte sich seine Reisekosten nach Hongkong leisten können und seine Ziele genauso leicht erreichen können wie in seiner aktuellen Rolle als Funker. Doch seine Finger juckten wieder nach der schweren Messing-Übertragungstaste, und seine Ohren sehnten sich nach den Stimmen aus dem Radio, die durch die leere Luft drangen.

An einem Morgen während der Überfahrt erhielt er konkrete Beweise in Person des chinesischen Arbeiters: Seine Spur wurde erneut von den wachsamen Spionen von Len Yangs Herrscher aufgenommen.

Er fuhr mit dem Passagierschiff des Unternehmens zur Rückseite des Dampfers und blickte zurück auf die schlafende Stadt – fest davon überzeugt, dass die Verfolgung beendet sei. Doch plötzlich spürte er, wie die glänzenden schwarzen Augen des Arbeiters ihn aus dem kleinen Kabineneingang anstarrten.

Seine Verdächtigungen nahmen allmählich zu – und er gestand sie widerwillig ein. Es war schließlich das Recht jedes chinesischen Arbeiters, ihn anzustarren – genauso wie es das Recht einer Katze war, einen König anzustarren. Doch der Samen des Misstrauens war gesät – und zwar in fruchtbarem Boden.

Page 125

Peter ignorierte den Blick jedoch, bis das Boot neben der „Seilleiter“ auftauchte. Dann warf er dem Arbeiter einen Blick zu – einen Blick voller Feindseligkeit und Verständnis.

Peter eilte mit großen Schritten in seine Kabine. Etwa fünf Minuten später kam er in einer weißen Uniform wieder heraus – der Uniform des J.C. & J.-Dienstes. An der Kragenklappe befand sich ein kleines Goldstück, an den Ärmelbündchen Goldstreifen sowie goldene Embleme, die auf seine Stellung hinwiesen. Er suchte nach dem Arbeiter und fand ihn auf der rechten Seite des Promenadendecks. Die anschließenden Ereignisse wurden bereits teilweise beschrieben.

KAPITEL II

Der Arbeiter stürzte mit einem lauten Platschen ins Wasser – dadurch entstand eine kleine Sprühwolke, die fast bis zum Deck reichte. Für einen Moment strampelte der Mann im Wasser verzweifelt herum, völlig verängstigt und keuchend – während aus dem Maschinenraum Geräusche zu hören waren. Die dunkle Seite des Persischen Golfs begann, sich von ihm zu entfernen.

„Sie sollten besser zum Ufer schwimmen!“, rief Peter durch seine Hände.

Mehrere Bootsführer ruderten in Richtung des Arbeiters, doch keiner wagte es, in seine Reichweite zu gelangen. Ein javanischer Bootsführer findet solche Szenen zwar unterhaltsamer als einen wütenden chinesischen Arbeiter, der im Wasser herumstrampelt – doch er muss viele Meilen reisen, um solche Situationen zu finden.

„Schwimmen Sie zum Ma-Fou“, ermutigte ihn Peter. Er wusste, dass es in diesem „Smaragdteich“ Haie gab.

Dann wurde seine Aufmerksamkeit durch etwas Weißes an seinem Ellbogen abgelenkt. Er drehte den Kopf. Die einsame Passagierin, ein Mädchen, lächelte verschmitzt.

Page 126

direkt ins Gesicht. Doch in ihren sehr dunklen Augen lag eine direkte Frage.

„Warum hast du das getan?“, fragte sie mit einer Stimme, die von einer tiefen, musikalischen Qualität geprägt war. Ihre Stimme und ihre Schönheit stammten aus den Tropen – genauso wie die Züge, die zusammen diese Schönheit formten: Ihr Haar und ihre Augen hatten eine Farbe wie Walnuss, ihre olivfarbene Haut glich Seide auf Seide, darunter zeigte sich die rosige Farbe ihrer Jugend sowie Leidenschaft.

Sie war ziemlich beeindruckend – besonders ihre tiefen, dunklen und unruhigen Augen. Es war eher durch ein Gefühl als durch irgendetwas, worauf seine Augen sich stützen konnten, dass Peter ihre lebhafte Persönlichkeit erkannte; instinktiv wusste er, dass hinter diesen düsteren, fragenden Augen strahlende, zerstörerische Leidenschaften brannten. Die vollen, roten Lippen hätten ihm das vielleicht verraten können.

Und nun formten sich diese Lippen zu einem Lächeln, in dem etwas Humor und viel Zärtlichkeit lagen.

Warum in dem Lächeln dieser Fremden ein Element der Zärtlichkeit vorhanden war, war etwas, was Peter nicht analysieren wollte. Leider hatte er bereits öfter die zärtlichen Lächelne von Frauen erlebt; es lag in Peters Natur, solche „Geschenke“ ohne Fragen anzunehmen. Er war nicht der Typ, der einem solchen Lächeln misstraut hätte! Doch wenn Peter auf seine Erfahrungen zurückblickte, würde er zugeben, dass ein solches Lächeln etwas vorzeitig wirkte – es hatte etwas von süßer Geheimnisvollheit.

Und es wird gemunkelt, dass reich gekleidete junge Frauen normalerweise nicht mit Zärtlichkeit auf junge Rüpel lächeln, die scheinbar friedliche Bürger von den Decks von Dampfschiffen in Gewässer werfen, in denen Haie lauern.

Wenn man diesen Gedanken noch weiterführt, scheint es eine ungerechte Verteilung der Natur zu sein, dass Frauen so verzweifelt, so plötzlich, so unverblümt – und in solcher Anzahl – in Peter den Unverschämten verlieben.

Dieses Phänomen lässt sich nicht in einem Atemzug oder in einem Absatz erklären – falls überhaupt. Obwohl Peter gut aussah, war er kein Gott. Obwohl er stets ritterlich war, war er nicht besonders sorgfältig in den kleinen Dingen, die dazu beitragen sollten, die Liebe voranzutreiben.

Page 127

Wurde er von einer Reihe fester Regeln geleitet – solchen, wie sie Männer bei Roulette und im Umgang mit Frauen gewöhnlich anwenden?

Peter verstand Frauen nicht, doch er hatte eine durchaus gute Grundlage für sein Handeln: Er nahm sie alle ernst, mit Würde, und hörte ihren Meinungen aufmerksam zu sowie zeigte ihnen gebührenden Respekt.

Der Rest bleibt ein Rätsel. Peter war weder besonders geschwätzig noch witzig. Instinktiv kannte er die Bedeutung des Vollmonds und der Sterne. Er hatte das Aussehen eines jungen Mannes, der mehrmals am Quell des Lebens getrunken hatte – und dabei festgestellt hatte, dass das Wasser zwar bitter war, aber auch einen Hauch von Süße sowie eine deutliche Note der Neuheit aufwies.

Für Peter war das Leben einfach ein großes Abenteuer. Er wurde bereits oft angeschossen, erstochen und zu Bewusstlosigkeit geprügelt – und er hatte keinerlei Einwand dagegen, noch mehr davon zu erleben. Er liebte dunkle Geheimnisse zutiefst – und hatte außerdem eine gewisse, widerwillige Zuneigung zu den leuchtenden, täuschenden Augen einer Frau.

Aus großer Entfernung hörte er das Spotten der javanischen Bootsführer sowie das Strampeln des Trägers. Nun blickte er in die dunklen, tiefen Augen dieser hübschen, lächelnden Fremden.

„Warum hast du das getan?“, fragte sie leise.

„Weil ich es wollte“, antwortete Peter mit seinem charmanten Lächeln.

„Aber da drin sind Haie.“ Das sagte sie in einem Ton sanfter Tadel.

„Ich hoffe, sie fressen ihn lebendig“, sagte Peter ungeniert.

„Du hast ihn einfach über Bord geworfen, weil du es wolltest. Und wenn du willst, gehe ich wohl als Nächste dran.“

„Das könntest du“, lachte Peter. „Wenn ich solche Anfälle habe, packe ich einfach die nächstbeste Person und werfe sie über Bord. Das ist eine schreckliche Angewohnheit, nicht wahr?“

„Vielleicht hat er dich beleidigt.“

„Oder mir gedroht.“

Page 128

„Ah!“ Ihr Seufzer zeigte, dass sie alles verstanden hatte. „Darf ich fragen: Wer sind Sie?“
„Ich? Peter Moore.“
„Ich meine Ihre Uniform. Sie sind doch einer der Offiziere des Schiffes, oder?“
„Der Funker. Sollen wir uns nun richtig vorgestellt haben?“
„Mein Name ist Romola Borria. Ich nehme an, Sie sind Amerikaner – oder Briten.“
„Amerikaner“, antwortete Peter. „Und Sie? Spanische Señorita?“
„Ich habe keine Nationalität“, erwiderte sie gelassen. „Ich bin das, was man in China eine ‚B.I.C.’ nennt.“
„Geboren in China!“
„Geboren in Kanton, China. Vater: Portugiese; Mutter: Australierin. Antwort: Was bin ich?“ Sie lachte entzückend, und Peter war gerührt.

Sie blieben lange genug, um zu sehen, wie der Arbeiter sich ohne Hilfe an Land ziehen konnte, dann trennten sie sich: Das Mädchen bereitete sich auf das Mittagessen vor und bat den Steward, ihnen nebeneinander am selben Tisch Plätze zuzuweisen, während Peter sich den Passagierverzeichnis, die Besatzung sowie die Passagiere, die sich an Deck aufhielten, ansah.

Die Passagiere, die in Schalensitzen darauf warteten, zum Essen gerufen zu werden, sowie die Deckbesatzung, die die Frachträume vorne festzurrte und die Luken verschloss – all das betrachtete Peter sorgfältig und prägte sich ihre Erscheinungsbilder ein, wobei sein Auge immer besser im fotografischen Bereich trainiert wurde.

Es war, wie Peter feststellte, relativ einfach, sich die Gesichter von Menschen zu merken; wichtig war es, sich eine auffällige Eigenschaft des Gesichts auszusuchen und diese ständig in seinem Gedächtnis zu festigen. Er wusste, dass das menschliche Gedächtnis ein eigenartiges Organ ist, das eher vergessen und verlieren als behalten möchte.

Page 129

Er blickte sich bei der Besatzung um und stellte fest, dass sie eher niederländisch aussahen und ziemlich selbstzufrieden waren – mit nur geringem, aber höflichem Interesse an ihm und seiner Anwesenheit. Funker sind im Allgemeinen bescheidene Menschen, die in dunklen Kabinen leben und kaum etwas zu sagen haben.

Er besuchte das Büro des Schatzmeisters und schaute sich das Register an. Dort fand er den vollen Namen Romola Borria in impulsiver Handschrift; ihre Adresse war Hongkong, Victoria. Außerdem gab es eine lange Liste niederländischer Namen – vermutlich handelte es sich dabei um Leute, die Zucker oder Kaffee verkauften, vielleicht auch um einige Käufer von Kokosnussschalen und Perlen.

Anschließend untersuchte Peter die Funkkabine, die sich achtern am Ende des Promenadendecks befand und von dort aus einen nicht besonders ansprechenden Blick auf den Frachtraum sowie die Passagierkabinen bot.

Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Funkanlage einwandfrei funktionierte, schloss Peter die Tür wieder, schaltete den Elektroventilator ein, um die Kabine zu lüften, und lehnte sich mit den Ellbogen auf die Reling, um einen Blick auf die Passagiere in den Kabinen zu werfen.

Er musste nicht lange suchen, bis sein Blick innehielt. Direkt unter ihm saß ein chinesisches oder eurasisches Mädchen mit gespreizten Beinen auf einer Luke – ihr Gesicht war blass, ihre Lippen rot, und ihre Augen, wegen des blendenden Sonnenlichts halb geschlossen, hatten einen ungewöhnlichen blaugrünen Farbton.

Hätte Peter Nachforschungen über dieses Mädchen anstellen wollen, hätte er erfahren, dass sie aus der chinesischen Siedlung in Makassar stammte und auf dem Weg nach Kanton war, um ihre Großmutter zu besuchen, die sie noch nie gesehen hatte. Doch es lag Peters Natur, immer wieder kleine Träume über exotische junge Frauen zu spinnen und sie in von ihm selbst erschaffenen Situationen zu platzieren.

Ihr blauschwarzes Haar war in einer weißen Linie geteilt – diese Linie könnte durch die Spitze ihrer kleinen Nase sowie einen unsichtbaren Punkt auf dem Nacken bestimmt worden sein.

Page 130

Peter konnte nicht wissen, als er sie betrachtete, dass diese unschuldige Magd aus Macassar dazu bestimmt war, eine wichtige und bedeutende Rolle in seinem Leben zu spielen – indem sie es wie ein sanfter, zärtlicher Nachmittagsregen betrat und wieder verließ. Seine Vermutung, als er wegschaute, war, dass sie eine Frau ohne bestimmte Kastenzugehörigkeit sei, anhand ihrer Kleidung; wahrscheinlich eine Flussmädchen – oder noch Schlimmeres. Doch in ihren schmalen Schultern lag ein unbestreitbarer Hauch von Unschuld und Jugend, während sie langsam hin und her schwankte. Peter sah die Spitzen der leuchtend roten Sandalen, die unter jedem Knie hervorlugten, und schätzte, dass sie etwa achtzehn Jahre alt war.

Sie bemerkte Peter, der die Arme verschränkt hatte und deren Ellbogen lässig auf das Teakgeländer stützte. Ihre Blicke trafen sich und verweilten. In ihren blaugrünen Augen lag ein leichter, unbeschreiblich trauriger und zugleich anziehender Ausdruck; sie schienen immer größer zu werden, bis sie zu runden Pfützen aus flinken, geheimnisvollen Reflexionen wurden. Es war ein Moment, in dem Peter regungslos in der Luft zu schweben schien.

„Ich fürchte, Funker sind nicht immer diskret“, flüsterte eine tiefe, süße Stimme an seiner Seite.

Peter lächelte sein ernstes Lächeln und sagte nichts. Das Mädchen im Schlafabteil kehrte zu ihrer Näharbeit zurück und schien seine Anwesenheit völlig zu ignorieren. Doch jener Ausdruck bescheidener, sehnsüchtiger Anziehung blieb in seinem Gedächtnis haften.

Romola Borria murmelte etwas, dessen Kontext ihm nicht ganz klar war.

„Äh? Entschuldigung?“

„Es ist wirklich schrecklich, allein zu reisen“, bemerkte sie.

„Ja“, gab er zu. „Manchmal bringe ich mich selbst in einen Zustand der Qual.“

„Und das weckt solche seltsamen, unerklärlichen Wünsche und Launen“, fuhr das Mädchen in ihrem kultivierten, honigsüßen Ton fort. „Fremde können manchmal so – so kalt sein. Zum Beispiel Sie selbst.“

Page 131

„Ich?“, rief Peter aus und stützte sich auf den Pfosten. „Aber ich bin doch der freundlichste Mann der Welt!“

Romola Borria presste die Lippen zusammen und betrachtete ihn analytisch.

„Ich frage mich…“, begann sie und hielt inne, während sie an ihrer Lippe knabberte. „Ich möchte Ihnen eine sehr direkte und sehr kühne Frage stellen.“ Ihr Gesichtsausdruck war düster und verwirrt.

„Fragen Sie ruhig“, ermutigte Peter freundlich. „Machen Sie sich keine Sorgen um mich.“

„Der Grund, warum ich so spreche“, erklärte sie, „ist, dass ich seit meinem Flucht aus Hongkong…“

„Oh, Sie sind aus Hongkong geflohen!“

„Natürlich!“ Sie sagte das in einem Tonfall, der auf ein gewisses Unverständnis seinerseits hindeutete. „Seit ich aus Hongkong geflohen bin, suche ich nach einem Mann wie Ihnen – jemandem, dem ich mich anvertrauen kann.“

„Glauben Sie nicht, dass eine Frau genauso gut geeignet wäre?“, fragte Peter, der durch Erfahrung eine Abneigung gegen die Rolle des Vater-Beichtvaters entwickelt hatte.

„Wenn Sie nicht zuhören wollen…“, begann sie, als hätte er sie verletzt.

„Ich bin ganz Ohr“, sagte Peter mit seinem überzeugendsten Lächeln.

„Und ich habe meine Meinung geändert“, sagte Romola Borria und warf ihren hübschen Kopf verächtlich zur Seite. „Außerdem glaube ich, der Kapitän würde gerne mit Ihnen sprechen.“

Der dicke, fröhliche Kapitän des Persischen Golfs nahm fast die gesamte Breite der Tür ein; er trug sein kindliches Grinsen im Gesicht. Peter eilte zu ihm und entschuldigte sich leise bei dem Mädchen, bevor er sie verließ.

Er wollte lediglich eine unwichtige Nachricht an das Büro in Batavia übermitteln, um mitzuteilen, dass alles in Ordnung sei und dass die reparierte Antriebseinheit nun einwandfrei funktionierte.

Page 132

Peter setzte sich die Kopfhörer aus hartem Gummi auf die Ohren und lauschte. Nach kurzer Zeit war das silberne Klirren der weißen Funken aus dem Eingangsbereich zu hören.

Romola Borria starrte lange und feindselig auf das kleine chinesische Mädchen, das fleißig nähte und dabei vor und zurück schwankte. In Gedanken versunken wandte das Mädchen seinen Blick von der schnellen Nadel ab, blickte zum tiefblauen Himmel auf und lächelte – während sie vor Ekstase erschauderte.

Kapitel III

Beim Abendessen traf Peter auf die Wichtigsten unter den Passagieren. Es schien, als hätte sich der dicke, gutaussehende Kapitän in ihn verliebt. Und es stimmte mit Peters früheren Vermutungen überein: Die Passagiere waren steife Holländer, jeder mit seiner eigenen kleinen Welt, die ihre einzige „Umlaufbahn“ darstellte. Meist handelte es sich um Plantagenbesitzer, die der saisonalen Hitze entfliehen wollten, um in Japan kühlere Brisen zu genießen. Sie prahlten mit ihrem Besitz, waren stolz auf ihre holländische Selbstzufriedenheit und aßen etwas verschwenderisch.

Der dicke Kapitän strahlte. Die dicken Plantagenbesitzer stopften sich voll und plapperten ununterbrochen. Das dreiköpfige Orchester spielte leichte Opern, die die Welt bereits vergessen hatte. Die Stimmung wurde fröhlicher, je mehr Flaschen dieses exotischen Getränks, Arrak, aus dem hervorragenden Kühlschrank am Persischen Golf geöffnet wurden. Die ganze Zeit über blickte Romola Borria mit verführerischem Lächeln in die wachsamen Augen von Peter Moore.

Schließlich wurden die Stühle zurückgeschoben, und Peter ging mit diesem feenhaften Wesen, das ein wunderschönes rosa Seidenkleid trug, aufs Deck, um nach dem Abendessen einen Spaziergang zu machen.

Sie unterhielten sich leise und vertraulich über die Leute im Speisesaal. Sie flüsterten ehrfürchtig vor dem Südlichen Kreuz, das wie Reif am niedrigen Horizont funkelte. Sie gestand, dass der Mond nachts ihr Gott sei.

Page 133

Peter fühlte sich unter dem Einfluss ihres außergewöhnlichen Charmes berauscht; die Berührung ihrer zarten Finger an seinem Arm ließ ihn kribbeln und brannte unter dem sanften Druck. Er wurde mutig und rezitierte jenen Vers aus „Mandalay“, in dem es heißt: „Ich küsste sie dort, wo sie stand.“

Es war äußerst aufregend, äußerst köstlich – und ganz einfach zu schön, um lange anzudauern.

Nach einer Weile, als sie an der Tür der Funkkabine vorbeikamen, drückte Romola ihm leicht den Arm und drückte darauf, dass er eine Nachricht senden solle – eine Nachricht, an die sie selbst bereits nicht mehr gedacht hatte. Als Peter antwortete, dass eine solche Nachricht teuer werden würde, da eine kostspielige Übertragung per Kabel von Manila nach Hongkong erforderlich wäre, lachte sie nur.

Peter schaltete das Licht mit dem grünen Schirm ein und reichte ihr Notizblock und Stift. Sie setzte sich leicht auf das Sofa, das entlang der gegenüberliegenden Wand verlief, knabberte am Gummistift und ihre glatte Stirn verdunkelte sich vor Verwirrung.

Peter senkte den Schalter für die Antenne und sendete einen Anruf an die Station in Manila. Die Luft war totenstill. Eine düstere Stille erfüllte die Empfänger – dann drang durch diese bedrückende Stille eine ferne, silberne Stimme durch, die klaren Signale aus Manila.

Er drehte sich halb um, und das Mädchen reichte ihm nervös den Notizblock mit den leeren Formularen für Funksprüche.

Die Nachricht war an Emiguel Borria in Peak, Hongkong, gerichtet und enthielt die Information, dass sie am folgenden Dienstagmorgen im Hafen von Hongkong ankommen würde. Der letzte Satz lautete: „Kommen Sie mir nicht entgegen.“

Peter hob leicht die Augenbrauen – doch nicht unhöflich – zählte die Wörter und übermittelte sie dem Operator in Manila.

Dieser antwortete mit folgender Begrüßung:

„Wer sind Sie? Nur ein Mann in ganz Pazifik hat einen solchen Faustschlag.“

Page 134

Peter änderte die Art und Weise, wie er sendete – er griff stattdessen zu einer langen und mühsamen Aussprache.
„Ich bin ein kleines chinesisches Mädchen“, sagte Peter langsam und lächelte dabei. „Viel Erfolg bei Ihrer Suche, Smith!“ Dann beendete er die Übertragung.
Smiths Antwort kam schnell: „Wenn Sie Peter Moore sind, dann durchkämmen die Leute von Marconi die ganze Welt, um Sie zu finden. Sind Sie Peter Moore?“
„In China“, antwortete Peter gelassen und wechselte wieder zu seiner unverwechselbar klaren Sprechweise, „beißen wir den Neugierigen die Nasen ab. Gute Nacht, alter Freund!“
Die Stimme aus Manila antwortete leise als Vergeltung – doch Peter ließ das Nickelband auf den Rand fallen und drehte sich schnell um, um der Mädchen ins Gesicht zu sehen.
Ihr Blick war erschreckend – vielleicht hatte er die Übertragung bereits abgeschlossen, bevor sie es bemerkte. Jedenfalls starrten ihre Augen ihn mit einem verzerrten Ausdruck an; ein Ausdruck, der grausam wirkte, als käme er aus einem Brunnen des Hasses. Ihre Augen waren hart, glänzend und schwarz wie polierter Jade.
All das verschwand, sobald sie Peters Blick erwiderte – es war, als wäre es nur eine Illusion gewesen. An ihrer Stelle zeigte sich ein Ausdruck von Schüchternheit, von sanfter, fast zärtlicher Demut. Hatte sie nicht ihn angestarrt, sondern etwas jenseits von ihm – eine abscheuliche Szene, ein Anblick des Entsetzens? Das schien sehr wahrscheinlich.
Dann bemerkte er, dass die Tür des Funkraums geschlossen war. Er machte Anstalten, sie zu öffnen – doch sie unterbrach ihn mitten in der Bewegung mit einer gebieterischen Geste ihrer weißen, kleinen Hand.
„Schließen Sie sie ab und setzen Sie sich hier neben mich.“
Etwas benommen und völlig verblüfft gehorchte Peter.

Page 135

Er schloss die Tür ab und setzte sich dann neben sie. Sie rückte näher, nahm seine Hand, umschloss sie fest mit ihren beiden Händen und lehnte sich ihm entgegen, bis ihr Atem von ihren geöffneten Lippen auf seinem Hals lag – feucht und warm. Ihre Augen waren große, strahlende Kugeln aus klarer Geheimnisvollheit und aufgeregter Begeisterung; sie waren so nahe an seinen, dass er für einen Moment erwartete, ihre Wimpern würden sich vermischen.

Sie holte tief Luft und sagte dann, angesichts dieser dramatischen Situation, etwas äußerst Lächerliches. Sie merkte es selbst, denn sie rief sofort aus:

„Das ist eine dumme Frage. Aber, Herr Moore – glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?“

Peters angespannter Gesichtsausdruck verwandelte sich in ein Lächeln der Erleichterung. Er hatte mit etwas Schrecklichem gerechnet, doch sein scharfer Verstand fand sofort eine Antwort.

„Dumm?“ lachte er. „Ach, ich bin doch der größte Anhänger dieser Lehre! Das Heiligtum prahlt mit mir! Es sagt zu den Ungläubigen: Wenn ihr nicht an Liebe auf den ersten Blick glaubt, dann schaut doch nur Peter Moore an – unser strahlendstes Vorbild. Bei Allah! Der alte Schürzenjäger gehört zweifellos zu den Gläubigen!“

„Ich meine es ernst, Herr Moore.“

„Wie ich schon befürchtet habe, Fräulein Borria. Im Ernst – wenn Sie es unbedingt wissen müssen: Sobald ich Sie sah, war ich verrückt nach Ihnen! Nennen Sie es Verliebtheit, nennen Sie es das Blut, das in meinem dummen jungen Kopf pochte – nennen Sie es, wie Sie wollen…“

„Warum hören Sie damit auf?“, unterbrach sie ihn.

„Womit aufhören?“, fragte er unschuldig.

„Mit diesem Leben, das Sie führen. Mit dieser Trägheit. Mit diesem ständigen Spiel mit dem Risiko. Mit diesem leeren Leben. Mit dieser Farce einer Abenteuerliebe, die Sie vortäuschen. Das wird Ihnen nichts bringen. Ich weiß es! Auch ich dachte anfangs, es sei eine großartige Sache – und ich spielte mit dem Feuer. Und Sie wissen ja, was mit Kindern passiert, die mit dem Feuer spielen.“

Page 136

„Zuerst umkreist man die Oberfläche, dann geht man etwas tiefer – und schließlich bleibt einem nichts anderes übrig, als zu kämpfen. Es ist ein schreckliches Gefühl, festzustellen, dass eines eigenen ‚wunderbaren‘ Spielzeugs man selbst zum Tod verurteilt wird. Einige Leute in China, Herr Moore, führen Praktiken durch, die im westlichen Weltteil missbilligt werden. Wenn man auf diese Praktiken stößt – wie vielleicht Sie es getan haben – glaubt man, sehr mutig und kühn zu sein; man ist begeistert, wenn man mit dem Tod in Berührung kommt, während man den Drachen zu ihren Verstecken folgt.“

„Drachen!“ Die Worte kamen gepresst über Peters Lippen. Seine Gedanken, die während der Rede in alle Richtungen geschweift waren, sammelten sich plötzlich wieder – er war nun wachsam und aufmerksam.

„Oder nennen Sie sie, wie Sie wollen“, fuhr das Mädchen in einem leisen, monotonen Ton fort. „Ich nenne sie Drachen – denn der Drache ist ein schmutziges, abscheuliches Symbol.“

„Haben Sie irgendeine Ahnung von meinen Begegnungen mit – Drachen?“, fragte Peter so beiläufig wie möglich.

„Ich behaupte, nichts über Ihre Begegnungen mit irgendjemandem zu wissen“, antwortete das Mädchen ruhig und geduldig. „Meine Schlussfolgerungen stützen sich nur auf das, was ich gesehen habe. Heute Morgen sah ich, wie Sie einen chinesischen Arbeiter in den Hafen von Batavia warfen. Zufälligerweise habe ich diesen Arbeiter bereits einmal gesehen – und zufälligerweise weiß ich auch ein wenig – fragen Sie mich nicht, was genau, denn ich werde es Ihnen niemals sagen – ein wenig über die Leute, mit denen dieser Arbeiter zusammen ist.“

„Ich glaube, Sie gehen jetzt etwas über meine Fassungskraft hinaus“, sagte Peter unbehaglich. „Könnten Sie bitte zusammenfassen, was Sie gerade gesagt haben?“

„Ich möchte versuchen, Sie davon zu überzeugen, dass das Leben, das Sie bisher geführt haben, falsch ist. Gleichzeitig möchte ich, dass Sie mir helfen – denn nur Sie können mir dabei helfen, ein Leben voller Elend hinter mir zu lassen. Das ist viel verlangt – wirklich sehr viel – aber im Gegenzug werde ich Ihnen mehr geben, als Sie je begreifen können. Denn Sie können die Gefahr, die jede Ihrer Bewegungen umgibt, nicht erkennen – und sie wird weiterhin um Sie sein, bis sie sicher sind, dass Sie beschlossen haben, sie zu vergessen.“

Page 137

Peter schüttelte den Kopf und vergaß, sich zu fragen, was ein Offizier wohl denken würde, wenn er die Tür verschlossen vorfände. Würde der fröhliche kleine Kapitän bei Anblick dieser belastenden Umstände noch immer so fröhlich sein? Unwahrscheinlich. Doch Peter schob den dicken Kapitän sowie alle anderen fremden Gedanken aus seinem Kopf, während er sich auf die erstaunlichen Worte dieses außergewöhnlich schönen Mädchens konzentrierte. Sie blickte auf die goldenen Funken auf seinem Ärmel.

„Ich kann Ihnen nur noch eine weitere wichtige Sache sagen“, fuhr sie fort. „Es ist folgendes: Gemeinsam können wir bestehen; getrennt werden wir fallen – genauso sicher, wie die Sonne ihren Weg am Himmel nimmt. Ich habe einen Plan, der Sie verärgern wird – vielleicht sogar zutiefst verärgern – aber es gibt keinen anderen Weg. Wenn sie erfahren, dass wir beschlossen haben, sie zu vergessen, können wir wieder frei atmen. Unsere Geheimnisse sind längst nicht mehr gefährlich für sie.“

„Ich bin immer offen für jeden vernünftigen Vorschlag“, sagte Peter trocken.

Ihre Augen, die seinen trafen, waren völlig wild.

„Wie wäre es, an einen wunderschönen Ort zu gehen, um Geld zu haben, komfortabel – ja sogar luxuriös – zu leben, mit einer Frau, auf die man zu Recht stolz sein kann und die alle Mittel einsetzen würde, um einen glücklich zu machen?“ – sie wurde rot im Gesicht – „Und alles, was diese Frau im Gegenzug verlangen würde, wäre Ihre Loyalität, Ihr Respekt – und später vielleicht auch Ihre Liebe, falls das möglich wäre.“

„Aber das – das ist doch unglaublich!“, rief Peter aus.

„Ich erwartete, dass Sie das sagen. Aber lassen Sie mich Ihnen versichern: Ich habe darüber gründlich nachgedacht. Ich habe alle möglichen Aspekte berücksichtigt – und jetzt weiß ich, dass es keinen anderen Weg gibt. Ich möchte China verlassen. Ich möchte für immer weggehen. Ich muss gehen.“

Ihre Schultern zuckten nervös.

„Mein Leben war elend – so elend. Und ich bin nicht mutig genug, es allein durchzustehen. Ich habe große Angst – schreckliche Angst. Angst vor mir selbst und vor meiner Schwäche. Ich muss ermutigt werden, ich brauche jemanden, der…“

Page 138

Mach mich stark und mutig – damit ich das Gute in mir hervorholen und das Böse vernichten kann.“

Sie ließ Peters Hand los und schlug mit ihren kleinen Fäusten auf ihre Brust.

„In mir gibt es Gutes – aber es wurde noch nie eine Chance bekommen! Ich möchte einen Mann, der dieses Gute hervorholt, einen Mann, der aus mir etwas Gutes, Echtes und Ehrenhaftes macht. Für einen solchen Mann würde ich alles geben – mein Leben!“ Sie senkte ihre Stimme. „Ich würde mein Bestes geben – meine Liebe. Als ich sah, wie du den Träger hochhobst, nachdem er dir sein Messer gezeigt hatte, dachte ich, du wärst ein solcher Mann; und als ich dir ins Gesicht blickte, glaubte ich, einen solchen Mann gefunden zu haben. Den Rest – muss noch du entscheiden.“

„Wohin soll ich dich bringen?“, fragte Peter.

„Ach! Das ist doch völlig unwichtig! Nach Nara – Nagoya – nach Australien – Amerika.“

Sie zuckte mit den Schultern, als wollte sie sagen: „Es ist mir egal.“

„Ich biete dir für dieses Opfer nur zwei Belohnungen an – deine Sicherheit vor ihnen – und Geld. Du kannst deinen Preis nennen. Ich glaube, dass du mich lieben wirst – aber das kann, wenn überhaupt, jederzeit passieren. Wenn du mich willst – werde ich warten. Ich möchte, dass du jetzt darüber nachdenkst. Jetzt! Wirst du es tun? Sag mir, dass du es tun wirst!“

„Ich – ich weiß nicht, was ich sagen soll!“, stammelte Peter mit heiserer Stimme. „Du – du machst doch keinen Scherz, oder, Miss Borria? Das kann doch nicht wahr sein! Aber das ist doch so ernst! Schockierend! Du hast mich doch noch nie gesehen! Warum solltest du gerade mich für so etwas auswählen, wenn du mich noch nie gesehen hast? Du kennst mich nicht. Du weißt nicht, zu welchem Tier ich werden könnte. Vielleicht bin ich sogar verheiratet –“

„Ich bin ziemlich sicher“, sagte das Mädchen mit etwas von ihrer früheren Gelassenheit.

„Aber das – das ist unglaubwürdig!“, rief Peter. „Du hast mich heute zum ersten Mal gesehen. Du bist doch ein nettes Mädchen. Du gehörst nicht zu den Mädchen, die einfach weglaufen.“

Page 139

Auf den ersten Blick – mit einem Mann. Du bist überhaupt nicht in mich verliebt. Überhaupt nicht. Fräulein Borria…“

Ein Funke heftiger Misstrauens durchzuckte Peters Geist. Er packte ihre Hände, starrte ihr in die Augen und zog sie hoch.

„Hör zu!“, rief er. „Sag mir, was du wirklich willst. Was ist dein Spiel, hm? Du bist wirklich ein kluges kleines Vögelchen, nicht wahr? Ich mag dumm aussehen – vielleicht verstehe ich nicht alles von dem, was du mir da erzählst. Du hältst etwas zurück. Was ist es? Na los! Sag es schon!“

Sie ließ sich durch seine Schroffheit keineswegs stören, und es schien ihr auch nicht zu missfallen, wie grob er mit ihr umging.

„Ich bin verheiratet“, sagte sie einfach.

KAPITEL IV

Für Peter war diese Enthüllung wie das Hinzufügen eines einzigen Korns zu einem Eimer, der bereits bis zum Rand mit Sand gefüllt war.

„Na und?“, knurrte er.

„Mit einem Mann, der fett und unordentlich ist, einem Mann, der alt genug wäre, mein Vater zu sein. Er behandelt mich, als wäre ich eine Diebin oder ein Hund. Ich hasse ihn. Und er hasst mich ebenfalls. Siehst du –“ sie lächelte spöttisch – „wir sind nicht sehr glücklich. Ich bin vor einem Monat vor ihm aus Hongkong weggelaufen. Ich bin so weit gekommen wie nach Singaraja – doch jetzt muss ich zurück, weil ich nicht den Mut habe, weiter weg zu bleiben. Eine stärkere Willenskraft würde es mir ermöglichen, ihn aufzugeben – und hierzubleiben. Deshalb habe ich mich an dich gehängt.“

„Wie ein Ertrinkender, der nach einem Strohhalm greift.“

Page 140

„Überhaupt nicht! Vielleicht hatte ich mir einfach einen Mann wie Sie vorgestellt. Und dann kamen Sie. Er wird mich schlagen, wenn ich zurückkehre.“

„Nein!“

„Doch!“ Sie drückte den seidigen Stoff nach unten – er reichte fast bis zu ihrem Hals und bildete eine Art „V“. Über der gerundeten, weißen Kurve ihrer Brust waren vier wütend rote Streifen zu sehen – Spuren von einer Peitsche.

Er zitterte. „Das ist schrecklich.“

„Werden Sie mir jetzt helfen?“

„Was kann ich tun? Was kann ich nur tun?“ Er versuchte, sich an diese äußerst schwierige Situation zu gewöhnen. „Aber ich verstehe nicht, wie Sie so viel Vertrauen in mich setzen können.“

„Weil ich wusste, dass Sie ein Mann sind, der vor nichts zurückschreckt, als ich Sie sah.“

„Aber warum – warum schlägt er Sie? Das ist doch unverständlich!“

Er starrte auf ihr schönes Gesicht, das lange, weiße, ansprechende Gesicht sowie die tiefen, dunklen Augen mit ihren langen Wimpern. Wenn es jemals ein Mädchen gab, das geliebt und beschützt werden sollte, dann war es dieses.

„Ich weiß, ich bitte um viel – viel mehr, als ich eigentlich verdient habe – und ich berücksichtige Sie überhaupt nicht. Aber Sie werden mir helfen. Sie müssen es tun. Habe ich umsonst mit Ihnen gesprochen? Glauben Sie wirklich, ich würde Sie unglücklich machen?“

„Das ist nicht die Frage – überhaupt nicht. Aber Sie kennen mich doch nicht. Wir sind völlig fremde Menschen!“

Das war es, was Peter die ganze Zeit über aus seinem Kopf vertreiben wollte. Hätte er in diesem schwierigen Moment klar denken können, hätte er niemals solche Worte ausgesprochen. Er hatte sich eingeredet, dass er über allen oberflächlichen Konventionen stand. Doch in einem unvorsichtigen Moment tauchte dieser Gedanke, der immer wieder in seinem Kopf aufgetaucht war, plötzlich auf – wie ein Geist aus einem Schrank. Wir sind völlig fremde Menschen!

Page 141

„Ist jeder Mann also ein Fremder für seine Frau? Was macht die Zeit aus? Sehr wenig, denke ich. Ein Tag – eine Woche – ein Monat – ein Jahr – zwanzig! – Du und ich wären trotzdem Fremde. Wer kann schon in das Herz eines Mannes blicken?“

Sie hörte auf zu sprechen und knetete ihre Hände, als wäre sie in Qualen.

„Und denk nach! Denk an mich!“

„Ich denke an dich“, sagte Peter gezwungen.

„Wir können nach Nara gehen, wenn du willst, in das kleine Gasthaus in der Nähe des Hirschparks – und dort glücklich sein, du und ich. Denk an Nara – zur Zeit der Kirschblüten!“

„Ich kann mir dieses Bild überhaupt nicht vorstellen“, sagte Peter trocken. „Aber da du mich zu deinem – deinem Sir Galahad ernannt hast, werde ich dir sagen, was ich tun werde.“

Nervös tastete das Mädchen an ihrem Hals herum – dort hing an einer feinen Goldkette ein Camee, eine fein geschnittene Rose, rot wie ihre Lippen und lebensecht. Sie nickte, als hinge ihr Leben von diesem Goldfaden ab und von seiner Entscheidung ab.

„Welche Nationalität hat dein Ehemann?“, fragte er plötzlich.

„Er ist ein portugiesischer Gentleman, ein Cousin meines Vaters.“

„Vielleicht könnte ich einer in Not befindlichen Dame helfen, indem ich die Ursache dafür bestrafe.“

„Du meinst –“

„Ich würde gerne den Gentleman verprügeln, falls das etwas nützen würde.“

„Nein, nein! Das würde nicht gehen.“

„Dann habe ich keine Wahl. Entweder muss ich deine Einladung annehmen oder ablehnen.“

Page 142

„Ich bitte Sie, es zu tun! Ich habe es Ihnen ehrlich und schnell gesagt – denn Zeit ist kostbar. Wir haben nichts zu verlieren. Ein Dampfschiff fährt am Morgen nach unserer Ankunft ab – bei Tagesanbruch – nach Formosa und Moji. Wir hätten kaum Zeit, unsere Pläne zu fertigstellen und an Bord zu gehen.“

Peter hob die Augenbrauen. „Unsere Pläne fertigstellen?“, fragte er.

„Ja. Wir müssen Geld beschaffen. Sehen Sie, es gibt Geld – Tausende von Dollar – immer in diesem Haus. Es wäre notwendig, so viel davon mitzunehmen, wie wir brauchen. Deshalb werde ich auch Ihre Hilfe benötigen.“

„Ich denke“, erklärte Peter entschlossen, „dass wir das hier als missglücktes Spiel betrachten und eine Weile ein anderes Spiel spielen sollten. Erstens werde ich nicht mit Ihnen weglaufen – denn es widerspricht meinen Prinzipien, mit einer fremden jungen Frau wegzulaufen. Zweitens gehört Stehlen aus Vergnügen zu den sieben Todsünden, denen ich konsequent ausweiche.“

„Nun, da ich meine Meinung geäußert habe, nun, da ich Ihnen bewiesen habe, dass ich nicht so edel und mutig bin, wie Sie es gehofft haben, lassen Sie uns die Hände schütteln und als beste Freunde – oder als schlimmste Feinde – auseinandergehen.“

Das Mädchen stand auf – von dem Stuhl, auf den sie gesunken war, als Peter zu sprechen begann. Unentwegt biss sie sich nervös oder verärgert auf die Ober- und Unterlippe. Sie lehnte sich gegen die Tür und stützte ihre Hände auf die weißen Emaillepaneele. Ihre Brust hob und senkte sich heftig. Sie war verzweifelt blass, und kleine Schweißperlen glänzten auf ihrer weißen Stirn. Sie wirkte kraftlos – als hätte seine letzte Bemerkung den letzten Tropfen Lebenskraft aus ihr herausgesaugt.

„I-ich werde Sie nicht aufgeben“, sagte sie mit leiser, heiserer Stimme. „Außerdem irren Sie sich – es ist falsch zu glauben, dass das Stehlen seines Geldes nicht zu einem guten Zweck wäre. Er ist ein brutaler Mensch, ein Monster – schlimmer noch als ein Dieb. Ich kann Ihnen nicht sagen, woher er sein Geld hat. Ich würde es nicht wagen, es auch nur zu flüstern. Sie werden etwas Wunderbares tun, wenn Sie sein Geld nehmen. Sie werden mich befreien! Klingt das wie Heldentum? Mir ist das egal! Aber mit diesem Geld können Sie meine Seele aus der Knechtschaft kaufen. Sie können mich glücklich machen. Werden Sie das nicht für mich tun?“

Page 143

Peter stand da wie ein Eisblock – der schnell schmolz! Doch er sagte nichts. Seine Gedanken lagen jenseits der Ausdrucksfähigkeit unsicherer Worte.

Ihre zitternde Hand fand den Schlüssel und drehte ihn. Die Tür öffnete sich, und eine süße Brise des kühlen Meerlufts drang in den kleinen Raum ein.

Einen Moment lang hing ihr weißes, verzweifeltes Gesicht über ihrer Brust – wie das eines Kindes, das ohne Verständnis dafür getadelt wurde, warum. Dann eilte sie aus dem Raum.

KAPITEL V

Als Peter den Schalter ausschaltete, stellte er fest, dass er zitterte – von den Knien bis zum Hals. Mit einem Gefühl der Schuld wischte er sich den Schweiß vom Gesicht und ging unsicher zu dem Geländer, das über den Laderaum hinausragte.

Er zündete sich eine Zigarette an und beobachtete die kleine Rauchwolke, die der Wind wegriß und in die Dunkelheit trug.

Es muss ein Albtraum gewesen sein – diese Szene gerade eben. Was für eine unglaubliche, absurde Forderung von einer Frau! Je mehr er über dieses Rätsel nachdachte, desto unglaubhafter und unrealistischer erschien es ihm.

Es war ein zu komplexer Gedanke, um ihn in seinem müden Gehirn zusammenzuhalten. Am Morgen würde er sich mit Eifer damit beschäftigen – mit einem Geist, der durch einen langen Schlaf gereinigt worden war. Im Moment hatte er das Bedürfnis nach Entspannung. Während er rauchte, schweiften seine Gedanken ab – nur um von Zeit zu Zeit zurückzukehren, unwiderstehlich angezogen von dem lebhaften Bild, das Romola Borria in seinem Geist gemalt hatte.

Seine Augen, die Lenker seiner Gedanken, blickten über die Heckpartie des Schiffes, die mit einem schwerfälligen, wellenartigen Geräusch auf und ab bewegt wurde.

Page 144

Die Wellen schwollen an, und er konnte die gewundenen Muster erkennen – die glänzenden, doch gedämpften Windungen des phosphoreszierenden Kielwassers.

Als er sich allmählich an die düstere, dunkle Atmosphäre der Passagierkabinen gewöhnte, bemerkte er eine kleine Gestalt, die auf dem Deckel über dem Schott in der Nähe des rechten Geländers kauerte. Er betrachtete sie aufmerksam – schließlich erkannte er den langen, schwarzen Zopf des chinesischen Mädchens, das ihn bereits früher am Tag auf so faszinierende Weise angestarrt hatte.

Bei dem Gedanken an dieses junge Mädchen wurde seine Erinnerung an die grausame, rote tibetische Stadt wach – Erinnerungen, die nun kaum mehr als ein verwirrter, schrecklicher Traum waren. Er stellte sich wieder die Pracht des weißen Palastes mit den blauen Kuppeln vor – eines Palastes, der wie ein Raubtier auf dem roten Schmutz thronte, der von den Zinnoberminen ausgespuckt wurde.

Peters Herz schlug vor jugendlichem Groll, als ihm wieder dieser böse Geist in den Sinn kam. Wann würde er dem Grauen Drachen gegenübertreten? Wann würde er erneut in die Festung dieser unglücklichen roten Stadt eindringen? Wer konnte das sagen? Wahrscheinlich nie.

Das chinesische Mädchen auf dem Deckel hatte bemerkt, dass er sie anstarrte. Mit einem leichten Schauer der Überraschung stellte Peter fest, dass sie ihn spöttisch anlächelte – und ihren Kopf neigte. Zeigte sie ihm damit ein Zeichen? Es schien tatsächlich so zu sein.

Da Peter ein junger Mann mit tiefer und feiner Einsicht war, nickte er nur leicht und stieg anschließend die Leiter zum Brunnen hinab, um zu ihr zu gelangen.

Ihre Augen funkelten seltsam im Licht der nahegelegenen Lampe, die schwach über der Tür zur Kombüse brannte. Sie bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Er hockte sich auf chinesische Art nieder – sie atmete tief durch und streckte mit einer schnellen Geste ihre Hände aus.

Entlang ihrer Handgelenke sowie bis zu ihren Knien hinunter, ja sogar noch weiter in den Schatten hinein, erstreckte sich ein Streifen aus dickem, dunkelblauem Seidengewebe. Entlang dessen Länge waren kleine, runde Punkte in Dunkelrot eingestickt. Peter erkannte, dass es sich um einen Sarong handelte.

Page 145

Schmuckgürtel um die Taille – von den meisten javanischen Herren sowie vielen Australiern und Neuseeländern getragen.

Während er zögerte, legte sie ihn schüchtern und impulsiv in seinen Schoß.

„Er gehört Ihnen, Sar“, sagte sie auf Englisch zu Peter. Sie sprach mit einer eher hohen, glockenartigen Stimme – rein und sanft, begleitet von seltsamen kleinen Akzenten. „Er gehört Ihnen, Sar. Ich habe ihn für Sie gemacht.“

Unbestreitbar war das Mädchen eurasischer Abstammung. Asiatische Züge dominierten, mit Ausnahme ihrer Augen, die eher rund als schräg waren. Daraus konnte Peter schließen, dass ihr arischer Blutanteil, falls sie zur Mischrasse gehörte, von mütterlicher Seite stammte; der mongolische Einfluss in ihren Gesichtszügen rührte von einem asiatischen Vater, einem Chinesen, her.

Ihr farbloses Gesicht, durch den leuchtenden Farbton ihrer Lippen aufgehellt, sowie ihre leicht schrägen Augen verrieten ihm das. Doch ihr Akzent war der eines Javaners, eines Malays aus dem Süden.

„Sie haben das – für mich gemacht?“, fragte Peter überrascht.

„Oh, ja, Sar“, antwortete die klare, musikalische Stimme.

„Nun, das ist wunderbar. Es ist wunderschön“, sagte er vorsichtig. „Und wie viel schulde ich Ihnen, kleines Kind?“

Sie schüttelte empört den Kopf.

„Es ist ein Geschenk“, erklärte sie ihm. „Ich bin nicht mehr arm, mein Herr. Jetzt kann ich Geschenke machen. Ich mag Sie. Deshalb gebe ich es Ihnen.“

Peter war vor Rührung sprachlos.

„Sie sind wirklich wunderbar, Busar Satu“, fuhr die kleine, musikalische Stimme fort. „Auch dieser Sarong ist wunderbar. Werden Sie ihn um Ihre Taille tragen, großer Mann?“

„Um meine Taille, natürlich, kleines Kind“, lachte Peter. „Bis meine Taille aus Lehm besteht – oder bis der Sarong nur noch ein Faden ist.“

Page 146

„Gut gesagt, Busar satu!“ kicherte das Mädchen und nickte zufrieden mit ihrem kleinen Kopf. „Es ist doppelt gesegnet – mit meiner Liebe und mit meinem törichten Blut, denn ich habe mich mit der bösen Nadel gestochen. Doch ich habe die Stelle mit einem roten Mata-ari (Sonne) bedeckt. Man kann es niemals, wirklich niemals erkennen.“

„Sicherlich nicht!“, rief Peter fröhlich.

„Lass den Sarong um deine Taille gewickelt werden“, befahl das chinesische Mädchen. „Steh auf und wickle ihn um deine Taille.“

Und Peter stand auf und wickelte den Sarong zweimal um seine schlanke Taille, wobei er ein Ende auf seiner linken Seite hinabhängen ließ – auf eine elegante und auffällige Weise. Dadurch wurde seine schlanke Figur auf eine eher seltsame Art hervorgehoben.

„Das ist großartig!“, rief er und drehte sich im Kreis, eine Hand auf dem Kopf, nach der Art eines Matadors.

„Das ist großartig!“, wiederholte sie, und ihre Antwort spiegelte seinen Ausruf so originell wider, dass Peter laut lachte. „Setz dich jetzt wieder hin, Sar“, lud sie ihn ein. Als Peter sich wieder neben dieses fröhliche junge Mädchen gesetzt hatte, fuhr sie fort:

„Ich komme einen sehr langen Weg, um meine alte Großmutter zu besuchen – mögen die grünäugigen Götter ihr ihre zwölf Wünsche erfüllen! Sie lebt in Richtung Kanton. Mein lieber Vater verkauft Opium. Er ist durch diesen Handel reich geworden – obwohl die dummen Augen der niederländischen Babis ständig auf ihm ruhen. Wenn ich meine alte Großmutter gesehen und ihr Geschenke gegeben habe, werde ich nach Hause zurückkehren, nach Süden, in Richtung Makassar.“

„Nun, wo, oh wo, passe ich in dieses Vorhaben hinein?“, dachte Peter. „Was habe ich, was dieses Mädchen begehrt?“

„Ah, Busar satu!“, sagte das Mädchen und tätschelte geschickt und unbeschwert den Sarong. „Das ist großartig! Und jetzt——“

„Und jetzt——“, intonierte Peter ruhig, denn genauso wie ein Leben für ein Leben, ein Auge für ein Auge und ein Zahn für einen Zahn gilt, gilt auch ein Geschenk für ein Geschenk.

Page 147

„Und nun“, fuhr das Mädchen aus Makassar fort, dessen Vater im Opiumhandel – mitten vor den Augen der Holländer – reich geworden war, „sagen Sie mir nur eines, mein Herr: Ist Hongkong für jemanden wie mich sicher?“

„Wenn man jung und tugendhaft ist“, sprach Peter in dem Tonfall eines alten Wahrsagers, „dann hält man den Blick starr nach vorn gerichtet. Man hört nichts – und man wird genauso wortkarg wie die kleine blaue Sphinx in Chow-Fen-Chu.“

„Das sind die Worte des Weisen Konfuzius“, erwiderte die kleine, Glockenähnliche Stimme mit einem klingenden Lachen. „Brauche ich dann keinen Führer? Ich habe gehört, dass China unsicher ist. Deshalb habe ich gefragt.“

„Kleines Mädchen“, antwortete Peter mit einem ernsten Lächeln und großer Aufrichtigkeit in seinen blauen Augen, „in China ist jemand wie du genauso sicher wie ein javanischer Starling in einem Nest hungriger gelber Schlangen. Du wirst bei Tageslicht reisen – oder überhaupt nicht. Du wirst mit dem Zug von Kowloon zu deiner verehrten Großmutter fahren. Du wirst ein Messer bei dir tragen und es ohne Zögern benutzen. Hast du so ein Messer?“

Das kleine Köpfchen neigte sich heftig nach unten.

„In Hongkong wirst du in einen Sampan steigen und nach Kowloon rudern – von dort aus fährt der Zug entlang des großen Flusses nach Kanton.“

„Ist dieser Sampan denn sicher?“

„Ich werde ihn sicher machen, kleines Mädchen. Denn ich werde mit dir bis nach Kowloon gehen, wenn das ist, was du wünschst.“

„Und bewundert der Mutige meinen Sarong?“, fragte die kleine Stimme zögernd.

„Er schändet meinen hässlichen Körper“, sagte Peter. „Jetzt lauf schnell ins Bett – kalak!“ Er klatschte in die Hände, während die kleine Gestalt außer Sichtweite verschwand, mit ihrem langen, schwarzen Pferdeschwanz, der hin und her schwang.

Page 148

KAPITEL VI

Als Peter die eisernen Stufen hinaufstieg auf das einsame Promenadendeck, kam es ihm so vor, als hätte das Leben wieder seinen alten, goldenen Glanz erlangt – den Glanz des Ungewissen, den Charme der Frauen, die in ihm etwas fanden, das nicht unerwünscht war.

Daraufhin lächelte er leicht. So weit seine Abenteuer zurückreichten, hatte er noch nie eine Frau gekannt, die seine Gesellschaft für etwas so Wertvolles hielt wie die geheimnisvolle und verführerische Romola Borria – die von ihrem Ehemann misshandelte, unglaubliche und äußerst gefährliche junge Frau, die ihn leidenschaftlich bat, sie auf einer Pilgerreise ins blühende Herz des alten Japans zu begleiten.

Während er die Leiter zum unbesetzten Deck hinaufstieg, war ihm das sanfte Summen des Monsuns bewusst – des Windes, der von den Küsten Annams über das unruhige Meer Chinas wehte, ein melodisches Geräusch erzeugte und seine Wangen mit der Leidenschaft eines verzweifelten Mädchens berührte.

Peter der Kühne beschloss, vor dem Hinuntergehen in seine Koje noch ein paar Runden auf dem Deck zu drehen, um dieses berauschende, weinartige Nachtleben in sich aufzunehmen. Die Walze des Schicksals mochte noch viele Male kreisen, bevor er erneut auf diesem verführerischsten aller Ozeane segelte.

Auch er war etwas betrunken vom Wein seiner Jugend. Seine Lippen fanden in diesem „Quell“ kaum Bitterkeit. Das Leben war ernst und ernsthaft, wie die Weisen sagten – doch im Großen und Ganzen war es sublim und zutiefst süß. Ein wenig Bitterkeit, ein wenig düstere Traurigkeit, ab und zu ein Schmerz im Herzen – all das diente nur dazu, die glatte Regelmäßigkeit, die Monotonie zu durchbrechen und dem Nektar mehr Geschmack zu verleihen.

Als er seine Zigarette aufgeraucht hatte, warf er den Stummel über die Reling ins sprudelnde Wasser, das in seinem phosphoreszierenden Strudel nach Süden strömte.

Page 149

Er stieg zwischen den Decks hinab in die Kabine, die ihm zugewiesen worden war, und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Er fühlte sich ausgesprochen jung und törichterweise überheblich, als er die Tür hinter sich schloss und das Schloss klicken hörte – denn nur wenigen Männern wird es zuteil, dass innerhalb weniger Stunden zwei schöne junge Frauen in Not um Hilfe bitten. Vielleicht dienten diese glücklichen Umstände lediglich dazu, das Feuer seines Stolzes weiter anzufachen; doch Peters Stolz war nicht derart, dass er jemanden verärgerte. Und es gab immer Freiwillige, die durch die Herausforderungen des Lebens abgehärtet waren, um dieses Feuer mit Wasser zu löschen.

Also summte Peter ein fröhliches Liedchen, schaltete das Licht ein – wodurch der milchweiße Raum in ein sanftes Licht getaucht wurde – öffnete das Bullauge, stellte seine Uhr ein, hängte sie an die Stange entlang seines Bettes, schob die blumengestalteten Vorhänge an beiden Enden so weit wie möglich zurück, um so viel frische Luft wie möglich zu haben – und…

Peter schnappte nach Luft. Er erklärte, es sei völlig unmöglich. Solche Dinge geschahen nicht, selbst in dieser Welt voller seltsamer Ereignisse und noch seltsamerer Vorgänge unter der Oberfläche der tatsächlichen Geschehnisse. Sein Selbstgefälligkeit zerbrach wie Berge aus sinnlosem Glanz um ihn herum – er bückte sich, um den Gegenstand aufzuheben, der fast vom abgerundeten Rand des weißen Bettes herunterfallen wollte.

Eine Rose aus Camée! Der heiße Atem, der aus seinen Lippen strömte – Lippen, die vor Erstaunen und Verärgerung herabhingen – schien die zarten Blütenblätter der exquisit geschnitzten roten Rose zu bewegen, die in seinem zitternden Handteller lag. Die feine Goldkette, wie ein Faden aus Goldsand, schlängelte sich zwischen seinen Fingern hindurch und baumelte von Seite zu Seite.

Der unmögliche Gedanke pochte an der Tür seines Gehirns und verlangte Anerkennung: Romola Borria war in seiner Kabine gewesen. Aber warum? Er hatte keine Geheimnisse vor neugierigen Ohren – nicht jetzt, nach allem, was geschehen war. Schließlich hatte er alle Beweise vernichtet, die mit seiner Reise von Shanghai nach Leningrad, von dort nach Mandalay, Rangun, Penang, Singapur und Batavia zusammenhingen.

Page 150

Natürlich war sein erster impulsiver Gedanke, dass Romola Borria auf irgendeine Weise mit denen verbunden war, die über das Schicksal der schrecklichen Bergstadt entschieden – jener Stadt, die zwischen den eisigen Smaragdgipfeln am Rande Tibets lag. Er hatte bereits zuvor das Gewicht dieser bedrohlichen Macht gespürt; ihre Handlungen waren stets dieselben: nächtliches Eindringen, Warnungen, die an Türen geschrieben wurden, sowie das absichtliche und listige Aufdecken seiner Geheimnisse. All das waren typische Machenschaften des Grauen Drachen sowie derer, die dem Grauen Drachen Bericht erstatteten.

Niemand würde in seine Kabine eindringen, der nicht ein Werkzeug des unbekannten Königs von Len Yang war. Daher richtete sich der Verdacht zunächst auf Romola Borria.

Ja, es war unglaublich, dass dieses Mädchen mit diesen scharlachroten Streifen auf der Brust in irgendeiner Weise mit den grausamen Plänen dieses Ungeheuers aus Len Yang in Verbindung stehen könnte. Doch es gab Beweise, die sie belasteten – wenn auch nicht als williges Werkzeug des Königs, so zumindest als Einbrecherin. Warum war sie in seine Kabine gekommen? Und wie?

Er durchsuchte den Raum, zog anschließend seinen Koffer unter dem Bett hervor und warf seinen Inhalt wütend auf den Boden. Es dauerte weniger als zehn Sekunden, bis er herausfand, was fehlte: weder sein Geld noch die wenigen Juwelen, die er während seiner Reisen gesammelt hatte – denn diese lagen unberührt in der kleinen Ledertasche.

Peter suchte erneut nach, schüttelte sorgfältig jedes Kleidungsstück, in der Hoffnung – und gleichzeitig ohne wirklich daran zu glauben –, dass die Pistole auftauchen würde. Es handelte sich um eine amerikanische Automatikpistole, ein Geschenk von Bobbie MacLaurin. Und nun fehlte diese hervorragende Waffe.

Er hatte das Gefühl, dass Augen ihn beobachteten, dass Ohren heimlich seinem Atem lauschten und dass Lippen leise Kommentare über seine Wut wegen dieses schweren Verlusts flüsterten.

Er schaltete das Licht aus, rannte den dunklen Flur entlang, den schuldigen Rosenkamee in seiner schwitzenden Hand fest umklammernd, und gelangte schließlich zum Büro des Schiffskaufmanns. Dieser war wohl zum Mittagessen abwesend; daher durchwühlte Peter die obere Schublade des Schreibtisches und holte die Passagierliste heraus.

Page 151

Er suchte kurz nach und fand schließlich den Namen sowie die Zimmernummer, nach denen er suchte. Vorsichtig legte er das Buch wieder an seinen ursprünglichen Platz, schloss die Schublade und eilte zurück den Flur entlang. Vor einem Zimmer, das nicht weit von seinem eigenen entfernt war, hielt er inne und klopfte. Sein Klopfen – laut und bestimmt – war geübt; es handelte sich dabei um einen Ruf, den die Bewohner der angrenzenden Zimmer sicherlich hören würden, ohne davon gestört zu werden. Nach einer Weile erschien Licht im offenen Fenster. Jemand bewegte sich darin, und im nächsten Moment öffnete sich die Tür gerade so weit, dass ein Kopf sichtbar wurde – mit dunklen Haaren, die ein Gesicht umrahmten, das blass und neugierig aussah. Als Romola Borria ihren Besucher sah, öffnete sie die Tür weit und lächelte etwas schläfrig. Sie hatte gerade noch Zeit gehabt, sich in einen Morgenmantel aus schwarzem Satin zu kleiden; an den sackartigen Ärmeln sowie am Stoff, der vom Hals herabfiel, war ein Futter aus blutrotem Seidengewebe zu erkennen. Eine Hand hob sie überrascht an ihren Hals, die andere verbarg sie hinter ihrem Rücken – vermutlich hielt sie dort seine eigene Automatikpistole, die bereits geladen und bereit zum sofortigen Gebrauch war, sobald der Sicherungsmechanismus entfernt wurde. Sie blickte ihn sanft an; ihre Augen spiegelten noch die Spuren des Schlafs wider, aus dem er sie so grob geweckt hatte. Ihre zarten roten Lippen formten ein seltsames Lächeln. Und sie lächelte weiterhin – sanfter, zärtlicher –, je mehr ihr seine Anwesenheit bewusst wurde. „Du bist gekommen, um mir zu sagen, dass du mit mir nach Japan gehen wirst“, sagte sie. Peter schüttelte langsam den Kopf und hob mit derselben Sorgfalt den kleinen Gegenstand in seiner Hand hoch, bis das Licht der Deckenlampe direkt darauf fiel.

Page 152

„Mein Cameo!“, rief sie überrascht aus. „Wo hast du es gefunden?“ Impulsiv griff sie nach dem Schmuckstück, doch Peter umklammerte es fest mit seinen Fingern.

„Du hast mir wohl etwas im Gegenzug zu geben, denke ich“, sagte er streng.

Sie starrte auf seine geschlossene Hand – mit einem Hauch von Verzweiflung und Angst –, als wolle sie dieser Wahrheit nicht glauben. Gleichzeitig tasteten ihre Finger nach ihrem Hals, um eine offensichtlich bisher unbemerkte Abwesenheit des Schmuckstücks zu überprüfen.

Sie trat zurück ins Zimmer und sagte: „Schließ die Tür. Komm herein.“

Er dachte: Wenn sie mich hätte erschießen wollen, hätte sie dazu schon früher genug Gelegenheit gehabt. Ein Schuss in diesem Raum würde ihr sofort Beweise gegen sie liefern – außerdem würden dadurch sofort die Bewohner der angrenzenden Kabinen sowie eventuell auch ein Mitglied der Wachmannschaft aufmerksam werden.

Also betrat er das Zimmer und schloss die Tür. Dabei zeigte sich sein breiter Rücken in der weißen Uniform sowie der auffällig blaue Sarong um seine Taille. Er nahm sich mehr Zeit als nötig, um die Tür zu schließen und den Riegel vorzuschieben – damit sie alle Zeit hatte, die Szene so einzurichten, wie sie es wollte.

Doch das Mädchen zog nur die Vorhänge vor dem Bullauge zu, um neugierige Blicke abzuwehren, als er sich umdrehte.

Sie setzte sich auf den Rand ihres Bettes, ihre kleinen weißen Füße berührten fast den Boden, und die riesige blaue Automatikpistole lag auf ihren Knien. Es war unwahrscheinlich, dass sie den verführerischen Reiz des roten und schwarzen Kleides nicht voll und ganz zu schätzen wusste – dieses Kleid passte sich in jeder Pose den jugendlichen Kurven ihres Körpers an. Sie ließ Peter auf dem schmalen Sofa gegenüber Platz nehmen, um sie anzusehen – und vielleicht auch einige Sekunden lang darüber nachzudenken –, bevor sie wieder sprechen konnte.

Sanft trafen ihre dunklen Augen seine.

Page 153

„Ich hatte Angst“, erklärte sie mit einer leisen, doch ruhigen Stimme – geprägt von bemerkenswerter Gelassenheit. „Ich wusste, es würde dir nichts ausmachen, und ich hoffte, du hättest eine Pistole in deinem Zimmer. Deshalb ging ich dorthin. Wie kam ich hinein? Ich lieh mir einen Schlüssel vom Schatzmeister unter dem Vorwand, ich hätte meinen im Zimmer vergessen. Ich hoffte, du würdest ihn erst bemerken, wenn wir Hongkong erreichten, und ich wollte ihn dann zurückgeben und dir alles erklären.“

„Mein Leben“, fügte sie bekümmert hinzu, „ist in gewissem Maße in Gefahr – und obwohl ich genau weiß, dass es niemanden auf der Welt kümmert, ob ich lebe oder sterbe – nun, Herr Moore, aus irgendeinem Grund klammere ich mich weiterhin an diese kleine Hoffnung.“

Sie lächelte schwach und aufrichtig, dachte Peter. Dutzende von Impulsen sprachen dagegen, einem Wort dieser glatten Erklärung Glauben zu schenken; sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, er solle weiter nachforschen, dass die Erklärung nur unvollständig sei. Doch man konnte nicht leugnen, dass sie zielsicher auf seine größte Schwäche zugegriffen hatte – vielleicht seinen schlimmsten Fehler: seinen Glauben an die Aufrichtigkeit einer Frau in Not.

„Warum hast du mich nicht gefragt?“, forderte er in seinem entschuldigendsten Ton, als hätte er ihr unverschuldbar Unrecht getan. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du in Gefahr bist? Ich hätte dir die Pistole gerne geliehen – wirklich gerne!“

„Ich habe versucht, dich zu finden“, antwortete sie. „Aber das Funkzimmer war dunkel. Du warst nirgendwo auf dem Deck.“

Peter wurde klar, dass Romola Borria aus irgendeinem Grund nicht bereit war, ihm das Geheimnis ihrer tatsächlichen oder eingebildeten Gefahr anzuvertrauen. Er fühlte sich etwas unzufrieden, betrogen – als wäre die ehrliche Antwort, nach der er suchte, in eine Fälschung verwandelt worden.

Die Situation erforderte nun eine Entscheidung. Ohne die ganze Wahrheit zögerte er, zu gehen – doch es war unklug, länger zu bleiben.

Romola, in dieser angespannten Pause ihres Gesprächs, spürte wohl den Grund für sein Schweigen. Sie senkte ihre dunklen Wimpern und zog ihre Füße hoch…

Page 154

Sie wurden von den roten Falten des Kimonos verdeckt, und sie zog den Satin enger um ihren weichen, weißen Hals.

„Du hast also noch keine Entscheidung getroffen?“, fragte sie.

„Welche Entscheidung ich auch immer hätte fällen können“, sagte er etwas kühl, „wurde durch – das hier – aufgeschoben. Ich muss es zugeben: Das macht die Dinge für mich ziemlich kompliziert. Im Moment bin ich völlig im Unklaren. Ich wollte dir auf jede erdenkliche Weise helfen. Und dann fand ich dieses Cameo.“

Sie nickte abwesend und strich mit den Fingern über die Rille im Griff der Pistole.

„Ich fürchte, ich habe zu viel als selbstverständlich angesehen“, sagte sie leise. „Glaubst du nicht, meine Neugier wurde geweckt, als du den Träger über Bord warfst? Ich sagte nichts, stellte dir keine Fragen – und ich dachte, ein Mann, der selbstsicher genug ist, um auf diese Weise seinen Feinden entgegenzutreten, wäre – wie soll ich sagen? – gnädig genug, so etwas zu übersehen…“

Sie machte eine Pause. „Als ich zugab, dass du und ich einen gemeinsamen Feind haben, dass dieselben Hände versuchen, uns beide loszuwerden, dachte ich, diese Verbindung sei stark genug, um das zu rechtfertigen, was einen gewöhnlichen Mann schockieren könnte. Ich meine…“

„Ich glaube, ich verstehe“, sagte Peter in reumütigem Ton. „Ich werde nichts weiter fragen. Morgen werden wir uns über die andere Sache unterhalten. Ich brauche etwas Zeit. Fürs Erste möchte ich, dass du die Pistole behältst – und hier ist das Cameo. Verzeih mir, dass ich so unvernünftig, so egoistisch war.“

Er beugte sich vor. Sie zögerte einen Moment, nahm dann sanft die Goldkette aus seiner Hand.

„Und deine Pistole“, sagte sie. „Das sind wohl die Bedingungen unserer Vereinbarung, oder?“

„Nein, nein“, protestierte er. „Ich habe keinen Gebrauch davon; überhaupt keinen. Du behältst sie.“

Doch Romola Borria schüttelte entschlossen den Kopf und reichte ihm die Pistole, mit dem Lauf nach vorne. „Ich bestehe darauf“, sagte sie.

Page 155

„Aber Sie sagen, Sie seien in Gefahr“, wandte er ein.

„Nein. Nicht jetzt. Ich habe etwas anderes, das genauso gut funktionieren wird. Wenn es vorherbestimmt ist, dass ich sterbe – warum sollte ich dem Tod dann Grund zur Wut geben? Ich bin Fatalistin, verstehen Sie. Und ich möchte, dass Sie Ihren Revolver zurücknehmen, mit meinen Entschuldigungen – und bitte ohne weitere Erklärungen als die, die ich Ihnen bereits gegeben habe.“

„Aber——“ begann Peter.

„Schauen Sie“, sagte sie.

In dem kleinen Raum der Kabine konnte er nicht umhin, sich tief zu bücken, um die Wärme ihrer Haut zu spüren und das Objekt zu betrachten, auf das sie seinen Blick lenkte. Ein Gefühl der Verwirrung überkam ihn, als ihre Finger sanft seine Hand berührten; ihre körperliche Nähe beherrschte ihn.

Sie hatte das flauschige Kissen beiseitegeschoben, und auf der weißen Bettdecke erkannte er ein langes, helles, äußerst gefährlich aussehendes Messer mit einem mit Juwelen verzierten Griff.

Das Besondere an diesem Messer war die Form der Klinge – sie war dünn und dreieckig, wie eine Schleifklinge. Es wäre ein gutes Messer, um es nach einem Mord wegzuschmeißen, denn es würde ein dreieckiges Loch als Wunde hinterlassen – eindeutig belastender Beweis.

Peter richtete sich auf, nahm den Revolver entgegen, steckte ihn in seine Tasche, glättete seinen Mantel sowie den Sarong über der Beule und ging zur Tür.

Für einen Moment schlug sein Herz vor wildem Verlangen – dem Verlangen, sie in seine Arme zu nehmen, während sie so nah und ruhig neben ihm stand, traurig lächelnd. Unverständlicherweise schien sie vor ihm und vor der ganzen Menschheit zusammenzusinken, klein und hilflos zu werden.

„Gute Nacht, Herr Moore – und vielen Dank“, flüsterte sie. „Und ich hoffe wirklich, Sie verzeihen mir, dass ich eine – eine Diebin bin.“

Page 156

Er dachte, sie würde ihn gleich küssen, und seine Augen wurden trüb und nahmen eine etwas dunklere, seidigere Blautönung an als noch einen Moment zuvor. Doch sie zögerte zurück, während von ihren Lippen ein kaum hörbares Seufzen kam.

Im nächsten Augenblick, als sich die Tür leise hinter ihm schloss, war Peter sehr froh, dass weder er noch sie dem Impuls nachgegeben hatten. Im Licht der wörtlichen Interpretation besaß er kein völlig makelloses Verhalten – schließlich hatte er der Schwäche nachgegeben, wie es die meisten Männer tun.

Doch nun stand er über der Versuchung – nicht weil diese hinter ihm lag, sondern weil er die Kraft gehabt hatte, Widerstand zu leisten. Es war sein innigster Wunsch, durchzuhalten, bis das Mädchen jenseits des Pazifiks, das das Beste in ihm weckte, denselben Namen tragen würde wie er.

Es war ein wunderbares Gefühl – es gab ihm Mut und Selbstvertrauen und ließ ihn mit erhobenem Kopf und gestrafften Schultern leichtfüßig aus den düstersten Momenten hervorgehen.

In guter Stimmung steckte Peter schnell den Schlüssel ins Schloss seiner Kajütentür, schlüpfte hinein und träumte bald schon von einem Häuschen für zwei Personen, vom Frühling in Kalifornien – obwohl sein Schnarchen fast laut genug war, um das Dröhnen der alten, doch immer noch funktionsfähigen Motoren des Persischen Golfs zu übertönen.

KAPITEL VII

Wegen der Erschöpfung, die jeden Muskel seines Körpers befallen hatte – Erschöpfung, die aus den anstrengenden Stunden resultierte – schlief Peter der Kühne den Schlaf der Gerechten. Später in der Nacht, kurz vor der Dämmerung, glitt eine schlanke, graue Gestalt an seiner Kajütentür auf dem schmalen Oberdeck vorbei, spähte durch das dunkle Bullauge und ging weiter.

Page 157

Von einem Instinkt geweckt, der durch seine Ausbildung in den letzten Monaten auf bemerkenswerte Weise entwickelt worden war, stützte sich Peter auf einen Ellbogen, blickte und lauschte und fragte sich, welche Geräusche dort draußen sein könnten – abgesehen vom ruhigen Summen des Motors.

Genauso intuitiv schob er seine Hand unter das Kissen und spürte die beruhigende Kälte des gehärteten Stahls. Nachdem er diese hervorragende Waffe teilweise herausgezogen hatte, wandte er seinen Blick abwechselnd von der Tür zum Bullauge, denn er ahnte eine unmittelbare Gefahr. Er war noch etwas benommen von seinem plötzlichen Eintauchen in tiefen Schlaf, wurde aber mit jedem Moment wacher, aufmerksamer und wachsam.

Das Bullauge wirkte grau und leer; ein Rand davon wurde vom gelben Licht einer nicht allzu weit entfernten Deckenlampe erhellt. Während sein Blick auf diesem „Säbel“ aus goldenem Licht haftete, sollte Peter bald ein ungewöhnliches Phänomen beobachten – ein Phänomen, das ihm einen Schauer des Entsetzens über den Rücken jagte.

Während er zusah, wurde ein Teil des gelben Reflexlichts verdeckt, als hätte irgendeine Art von Stange ihren Schatten auf dieses metallische Leuchten geworfen. Dieser Schatten glitt anschließend erst nach oben und dann nach unten entlang des Messingrahmens des Bullauges – und wurde immer kleiner.

Während Peter sich auf der Kante seines Bettes aufrichtete, die Waffe in der Hand hielt und vorsichtig am Abzug tastete, bewegte sich die Quelle des Schattens langsam, sehr langsam, in den Bereich seines verwirrten und ängstlichen Blicks.

Was auf den ersten Blick wie ein „Katzenkopf“ auf einem ziemlich dicken Stiel aussah, erkannte Peter nach einigen schnellen Vergleichen als einen Maxim-Schalldämpfer, der entweder am Ende einer Pistole oder eines Gewehrs angebracht war. Der schwarze Zylinder am Lauf war in regelmäßigen Abständen mit kleinen, scharfen Einkerbungen versehen – den Markierungen der Schalldämpfungskammern.

Als dieses „Specter“ langsam über den Rand des Bullauges kroch, hob Peter mit einem absichtlichen, kalten Lächeln die automatische Pistole, schlüpfte mit der Geschmeidigkeit einer Katze aus seiner Koje und schlich in die Ecke, wo…

Page 158

Die Tür des Kabinenraums war mit Scharnieren ausgestattet, und er richtete die Waffe so aus, dass sein Blick entlang der dunklen Öffnung des Laufs wandern konnte.

Langsam – immer langsamer – bewegte sich der Schalldämpfer nach innen, bis sein stumpfer Ende genau auf den Punkt zeigte, an dem Peters Kopf liegen würde, falls er in einer normalen Haltung schlief.

Das amüsierte ihn und verwirrte ihn zugleich. Alles, was Peter sehen wollte, war der Kopf – oder sogar das Auge – dieses Mörders aus der frühen Morgenstunde, damit er sofort Maßnahmen ergreifen konnte, um ihn mit herzlicher Gastfreundschaft zu empfangen und zukünftige Besuche dieser Art zu verhindern.

Zwischen den Herzschlägen hielt Peter inne und fragte sich, wer sein Besucher wohl sein könnte. Gerade als er darüber nachdachte, schoss eine helle, rote Flamme direkt aus dem Mund des Schalldämpfers heraus. Peter wäre bereit gewesen, alles zu wetten, dass die Kugel in sein Kissen gelangte – eine Wette, bei der er, wie er später feststellte, tatsächlich all das Geld gewonnen hätte, das er setzen wollte.

Der Strahl der gelb-roten Flamme verursachte keine weiteren Störungen außer einem leichten Knall, vergleichbar mit dem lauten Klatschen von Händen.

Bei dem zweiten Feuerstoß war Peter weitaus interessierter. Nachdem der Mörder bereits einen Schuss abgefeuert hatte, konnte man davon ausgehen, dass er weitere Fragen stellen und mindestens noch eine Kugel in die Dunkelheit zwischen den oberen und unteren Betten schießen würde, um die Sache endgültig zu erledigen.

Und es war auf das Erscheinen dieses „erkundenden“ Kopfes, dass Peter setzte, um dem Eindringling mit derselben Waffe entgegenzutreten – einer Waffe in Form eines flügellosen Boten aus nickelförmig umhülltem Blei.

Doch der Besucher war vorsichtig und wartete vermutlich auf Geräusche des Todeskampfs – falls der Schuss nicht direkt ins Ziel gefallen war. Das Ziel, daran dachte Peter mit Schaudern, war sein eigener, äußerst nützlicher Gehirn.

Er wartete noch etwas länger, bis sein „Gast“ offensichtlich entschied, dass es Zeit für seine Untersuchung war. Daraufhin erschien ein kleiner, quadratischer Kopf.

Page 159

Mit dem schwarzen, mit Quasten verzierten Hut eines chinesischen Arbeiters, der in einem frechen Winkel aufgesetzt war, wurde das Bild vom Schott umrahmt.
Peter lächelte nervös, löste den Sicherungsmechanismus und übte langsam und entschlossen Druck auf den Abzug aus.
„Klick!“ Das war’s. Doch das sagte eine schreckliche Geschichte aus: Die Waffe war nicht mehr funktionsfähig – entweder leer oder manipuliert worden. Peters panische Gedanken sprangen sofort zu der Frau namens Romola Borria, zur Ursache seiner verzweifelten Hilflosigkeit.
Romola Borria hatte also an dieser Pistole herummanipuliert. Sie hatte sicherlich mit dem Arbeiter vor dem Schott gemeinsame Sache gemacht, um ihn zu ermorden. Das erklärte den Besuch in seinem Zimmer – sowie ihre Unruhe, als er von ihrem Besuch erfuhr, sowie ihre listigen Ausflüchte und Täuschungen.
Mit diesen Gedanken im Kopf zog sich Peter aus der Reichweite des tödlichen Schotts zurück und kroch langsam in den eher unzuverlässigen Schutz des Schranks. Jeden Moment erwartete er, dass wieder ein roter Lichtstrahl die nun wieder dunkle Umgebung über seinem Kopf erhellen würde – oder dass eine Kugel irgendwo in seinem nur teilweise bekleideten Körper eindringen würde. Und dann – der Tod? Das Ende der großartigen Abenteuer, denen er bereits seit über zehn Jahren gefolgt war?
Doch die tödliche Kugel blieb aus. Im Dunkeln tastend, lockerte er den Magazinhalter am Griff der Waffe – und stellte fest, dass die Patronenklammer entfernt worden war. Schließlich fand er den Koffer und zog ihn langsam zu sich heran, wobei seine Blicke ständig auf das leere Schott gerichtet waren.
Während er in den zahlreichen Gegenständen im Koffer herumtastete, stießen seine Finger schließlich auf eine Patronenklammer. Er steckte sie ins Magazin – und atmete erleichtert auf, als die Klammer an ihren Platz rutschte. Er betätigte den Abzugsmechanismus und hörte das leise, beruhigende Geräusch, als die Patrone aus dem Magazin in die Kammer glitt.

Page 160

Dann erregten Geräusche seine Aufmerksamkeit – Geräusche eines Kampfes, von Flüchen in einer hohen, weiblichen Sprache, in einer Sprache, die nicht seine eigene war.

Peter hätte schreien mögen, doch er hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass es unklug war, zu schreien, wenn solch ernste Angelegenheiten wie die von heute Nacht besprochen wurden.

Er zog sich seinen Bademantel an, öffnete die Tür und spähte vorsichtig aus dem Vorraum des Quergangs in das Halbdunkel des Oberdecks, auf der Suche nach Anzeichen für Unordnung.

Sie waren verschwunden. Das Deck war verlassen. Doch er hielt den Atem an, als er eine lange, dunkle Gestalt erkennen konnte, die regungslos wie tot unter seinem Bullauge lag und sich mit den Schatten vermischte. Er drehte den Mann auf den Rücken und zog ihn an den Hacken unter das Decklicht. Dabei entstand ein dunkler Streifen auf den Planken. Während Peter das kalte Gesicht untersuchte, breitete sich die Flüssigkeit weiter aus – ein Tropfen nach dem anderen rann daran herunter in Richtung Abfluss.

Eingestochen? Sehr wahrscheinlich. Er hielt nur kurz inne, um sich zu vergewissern, dass es sich um denselben Mörder handelte, dessen kahler Kopf durch das Bullauge sichtbar gewesen war. Dann suchte er nach einer Wunde – und fand sie bald. Peter war nicht besonders überrascht über ihre Größe.

Es handelte sich um eine kleine Wunde, die sich durch den Hals zog – von einem Punkt unter dem linken Ohr bis zu einem Punkt etwas tiefer und rechts vom geschlossenen Kiefer. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich um eine kleine, aber vollständige Wunde handelte, die ein dreieckiges Muster aufwies.

Warum er genau diese dreieckige Wunde erwartet hatte, konnte Peter selbst nicht erklären. Doch er war genauso sicher, dass Romola Borrias Hand hinter diesem Vorfall steckte, wie er zuvor sicher gewesen war, dass ihre ruhige, kleine Hand absichtlich den Patronengurt vom Lauf der Automatik entfernt hatte, um ihn gegenüber seinen Feinden wehrlos zu machen.

Während Peter still über das leblose Opfer von Romola Borrias dreieckigem Dolch nachdachte, hörte er das Rascheln von Seidengewändern. Er blickte auf – gerade noch rechtzeitig, um Romola Borria selbst zu sehen, gekleidet in …

Page 161

Da er sie bereits vor einigen Stunden verlassen hatte, löste sie sich vom Korridor, der zu seiner Kabine führte. Sie näherte sich ihm.

Tausend Fragen und Anschuldigungen lagen ihm auf den Lippen, doch sie sprach in leisem, leidenschaftlichem Ton.

„Ich habe an Ihre Tür geklopft. Gott! Ich dachte, er hätte Sie getötet! Ich hatte Angst. Einen Moment lang dachte ich, Sie wären tot.“

„Sie haben ihn erstochen“, sagte Peter mit ausdrucksloser Stimme.

Sie nickte und atmete tief durch, während sie weinte.

„Ja. Er versuchte, Sie zu erschießen. Ich sah, wie er an meinem Fenster vorbeiging. Ich wartete. Ich beobachtete. Ich wusste, dass er es versuchen würde. Oh, ich bin so froh——“

„Sie wussten es? Sie wussten das?“

„Ja, ja. Er war der – der Begleiter des Arbeiters, den Sie in Batavia über Bord geworfen haben. Sie wissen doch, sie reisen immer zu zweit. Wussten Sie das nicht?“

„Nein; ich wusste es nicht. Aber ich hätte mich leicht genug verteidigen können, wenn es nicht——“

„Ihr Magazin mit den Patronen? Können Sie mir verzeihen? Können Sie mir jemals verzeihen, dass ich sie genommen habe? Ich habe sie genommen. Oh, Herr Moore, glauben Sie mir, ich verberge nichts! Ich habe das Magazin tatsächlich entfernt und in meiner Nachlässigkeit vergessen, es Ihnen zurückzugeben, als Sie meine Kabine verließen.“

„Ich verstehe. Haben Sie es noch?“

„Ja.“

„Bitte geben Sie es mir. Haben Sie zufällig, in einem weiteren Ihrer nachlässigen Momente, die Kugeln manipuliert, oder?“
„Herr Moore——“, keuchte sie und presste ihre weißen Hände empört an die Brust.

Page 162

„Du bist klug“, sagte Peter sarkastisch. „Du bist verdammt zu klug. Was für ein Spiel du spielst, werde ich mir nicht die Mühe machen zu fragen. Du – du——“

„Oh, Herr Moore!“ Sie packte seinen Arm.

Er schüttelte sie ab.

„Du hast die Kugeln nicht manipuliert, oder?“, fuhr er mit tiefer, düsterer Stimme fort. „Nun, Fräulein Borria – das ist meine Meinung über Ihr Wort. Das ist das Maß an Vertrauen, das ich Ihnen entgegenbringe.“

Mit einer einzigen Bewegung zog Peter alle sieben Patronen aus dem Clip und warf sie ins Meer. Wieder knurrte er: „Du bist klug – verdammt klug. Armes, kleines Ding! Willst immer noch mit mir nach Japan gehen, meine Liebe?“

„Ja“, antwortete das Mädchen, dessen Augen trocken und brennend waren.

„Sicher! Genau das meine ich“, spottete Peter bitter. „Was auch immer du tust – halte dich an deine Geschichte.“

Er packte ihr Handgelenk – ihr Blick hätte Granit weich machen können.

„Zum Beispiel“, schnaubte er, „diese nette kleine Lüge, die du dir über deinen grausamen, brutalen Ehemann ausgedacht hast. Erwartest du wirklich, dass ich das auch glaube, eh?“

„Nur, wenn Sie es wollen“, sagte das Mädchen leise.

Peter stieß ihre Hand weg – jene Hand, die in Momenten der Anspannung immer wieder nach ihrem Hals griff. Er zog ihr den schwarzen Kimono herunter und zerrte sie unter das Licht, drückte sie gegen die weiße Kabine. Er betrachtete sie.

Die weiße, weiche Kurve ihrer Brust wies keinerlei Spuren auf. Sie war genauso weiß, wie die Dichter sagen, genauso weiß wie Alabaster – ohne irgendwelche Streifen.

Page 163

Peter packte mit einer Hand beide schlaffen Handgelenke.

„Um Gottes willen, du bist wirklich klug!“, spottete er. „Nun, Fräulein Rätsel, erzähl mir deine Geschichte – die wahre Geschichte! Sonst rufe ich den Kapitän! Ich lasse dich wegen Mordes in Ketten legen!“

Sie senkte den Kopf, dann warf sie ihn zurück und blickte ihn mit dem wütenden Blick eines in die Enge getriebenen Tieres an.

„Du vergisst, dass ich dir das Leben gerettet habe“, sagte sie.

Als wären seine Hände glühend heiß, ließ Peter ihre Hände los – sie fielen wie leblose Tücher an ihre Seiten.

„Ich – ich…“, stammelte er und trat einen Schritt zurück. „Mein Gott!“, explodierte er. „Dann erkläre das doch: Warum hast du die Clips aus meiner Pistole genommen? Warum hast du diese Geschichte von einem brutalen Ehemann erfunden und mir die Narben auf deiner Brust gezeigt, um es zu beweisen – nur um sie anschließend wieder wegzuwischen? Und warum hast du diesen Mann getötet, der mich sonst ermordet hätte?“

„Ich werde erklären, was ich kann“, sagte sie mit leiser, müder Stimme. „Ich habe die Clips aus der Pistole genommen, weil ich nicht wollte, dass du auf mich schießt. Ich kenne ihre Methoden viel besser, als du zu glauben scheinst. Ich wusste, dass ich diesen Mann alleine viel besser bewältigen kann als du. Ich wollte kein Risiko eingehen, selbst erschossen zu werden, wenn ich mich um ihn kümmere.“

„Was die Geschichte vom ‚brutalen Ehemann‘ angeht – jedes Wort davon ist wahr. Wenn du unbedingt wissen willst: Ich habe Rouge verwendet, um die Narben zu verdecken. Da du so offen sprichst, werde ich dir denselben Dienst erweisen. Auf meinem Körper, auf meinem Rücken und meinen Beinen gibt es Narben.“

Ihr Gesicht war rot wie eine Mohnblume.

„Und ich habe diesen Mann getötet, weil… nun, vielleicht, weil ich dich hasse.“

Hätte sie ihn mit einer Peitsche geschlagen, könnte Peter sich nicht mehr verletzt, erniedrigt oder beschämt gefühlt haben – schließlich war Dankbarkeit ihm keineswegs fremd.

Page 164

Er streckte seine Arme halb aus als stumme Entschuldigung – und zu seiner Überraschung spürte er ihre Lippen, die seine berührten, sowie ihre warmen Arme um seinen Hals. Er küsste sie einmal, dann schob er sie von sich weg. Jener Leitstern in Kalifornien konnte froh sein, dass Romolas Umarmung eher nachsichtig als anzüglich war.

„Wir müssen uns von diesem Arbeiter trennen“, sagte sie und strich sich die dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Ich werde dir helfen, wenn du willst. Aber er muss weg!“

„Aber das Blut…“

„Ruf einen Matrosen. Erzähl ihm nur das Nötigste. Du bist schließlich einer der Offiziere des Schiffes – er wird dich nicht fragen.“

Er zögerte.

„Kannst du mir verzeihen, wie ich mich verhalten habe – meine Undankbarkeit?“

„Vergebung scheint die Hauptrolle einer Frau im Leben zu sein“, sagte sie mit einem müden Lächeln. „Ja. Es tut mir auch leid, dass wir uns missverstanden haben. Gute Nacht, mein Lieber.“

Und Peter blieb allein – obwohl seine Einsamkeit bis zu einem gewissen Grad durch die Leiche zu seinen Füßen gemildert wurde. Mit etwas Mühe hob er dieses schwere Gewicht zum Geländer, stieß kräftig dagegen – und hörte ein gedämpftes Platschen. Schnell zog er seine Uniform an, steckte seine nackten Füße in Sandalen und suchte das Vorderdeck auf.

Die Bewohner dieses stinkenden Ortes sägten Holz – in einem ungleichmäßigen Rhythmus. Es schien niemand sonst da zu sein, also nahm er einen Eimer, der zur Hälfte mit Sujee gefüllt war, einen Block aus Holzstein sowie einen steifen Besen.

Mit diesen Werkzeugen beschäftigte er sich etwa eine halbe Stunde lang, bis die Flecken auf dem Deck eine zufriedenstellende Weißheit erreicht hatten. Den Revolver mit dem Maxim-Schalldämpfer fand er nach langer Suche etwas weiter entfernt im Deckkanal.

Page 165

Er überlegte lange, ob es ratsam sei, dieses grausame „Trophäe“ ins Chinesische Meer zu werfen. Doch es ist ein trauriger Beleg für seine angeborene Listigkeit, dass Peter noch nicht über seinen kindlichen Eifer beim Sammeln von Souvenirs hinweggekommen war.

Schließlich entschied er sich, sie zu behalten. Er warf sie durch das Bullauge auf das Sofa und vergaß sie völlig – bis die Waffe am folgenden Morgen wieder seine Aufmerksamkeit erregte.

Nachdem alle Spuren des Verbrechens beseitigt waren, legte er den Eimer, den Stein sowie den Besen zurück in den Schrank im Vordeck und schlich zurück in seine Kabine. Er verschloss die Tür, blockierte das Bullauge mit den rosa blühenden Vorhängen – jenen Symbolen, die ihm zuvor an den Frühling in Kalifornien erinnert hatten – und untersuchte sein Kissen.

Es handelte sich um einen äußerst präzisen Schuss. Die Kugel hatte hindurchgegangen, war gegen die metallene L-Balkenkonstruktion des Bettes geprallt und anschließend in einen Haufen Bettwäsche gefallen. Peter betrachtete diese kleine Bleikugel, die er in seiner Handfläche balancierte.

„Jede Kugel hat ihr Schicksal“, zitierte er. Er war wirklich froh, dass in diesem Fall das Ziel nicht sein empfindliches Gehirn gewesen war.

Er löschte das Licht, zog die Decke bis zum Hals hoch und lag da und dachte nach, während er dem Summen des Lüftungsfans lauschte.

Das müde, gequälte Gesicht von Romola Borria tauchte vor seinem inneren Auge auf. Diese Frau verdiente seine Bewunderung und Achtung. Trotz aller Täuschungen, aller Ausweichmanöver sowie aller offensichtlichen Anzeichen eines Verrats gestand er sich selbst ein, dass er froh war, sie geküsst zu haben. Was kann schon so köstlich harmlos sein wie ein Kuss?, fragte er sich.

Und weisere Männer als Peter haben geantwortet: Was kann schon so schädlich sein?

Page 166

KAPITEL VIII

„Die Nacht bringt Rat“, sagen die Franzosen. „Nur im Schlaf kann man das Gold der Wahrheit gewinnen“, sagte Konfuzius.

Als Peter durch das goldene Morgenlicht, das durch das schwingende Bullauge auf seine Augen fiel, erwachte, waren die Spinnweben aus seinem Gehirn verschwunden; seine Augen waren klar und von leuchtendem Meerblau – und er war voller Begeisterung für den neuen Tag.

Seine Reinigungsrituale waren einfach: Ein gründliches Putzen seiner glänzenden, weißen Zähne, Einseifen von Händen und Gesicht mit kühlem Wasser, anschließend Ausspülen; danach kam das Rasieren mit einem nicht allzu guten japanischen Ersatz für ein amerikanisches Sicherheitsrasiermesser.

Da er sicher war, dass das Deck unter seinem Bullauge makellos sauber war, wagte er sich in das halb gefüllte Esszimmer, in dem Aufregung herrschte.

Durch Dutzende gestikulierender Passagiere erfuhr er, dass irgendwann in der Nacht ein Passagier – ein chinesischer Arbeiter auf dem Weg von Buitenzorg nach Hongkong oder Macao – über Bord gefallen war, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Es wurde geflüstert, dass der Hilflose auf grausame Weise beseitigt worden sei. Während des Essens wurde Peter bewusst, dass sein fetter, fröhlicher Kapitän ihn sowie durch ihn hindurch mit einem Blick ansah, dem man nicht ausweichen konnte – zumindest nicht für lange.

Nachdem er darüber nachgedacht hatte, was sein Kapitän wohl über die Vorfälle der vergangenen Nacht wusste, saugte Peter langsam an einer Mangostane, ordnete seine Gedanken, bereitete sich mental auf mögliche Verhöre vor und suchte nach cleveren Ausreden, um aus der Klemme zu kommen. Die einzige Alternative für Peter wäre es gewesen, ins Gefängnis zu kommen.

Als die fetten Finger des Kapitäns endlich in die lackierte Schale griffen, nachdem er seinen vierten Pomelo gegessen hatte, stand Peter langsam auf und ging nachdenklich zum Fuß der Treppe. Dort holte ihn der Kapitän ein, berührte leicht seinen Ellbogen – und gemeinsam gingen sie weiter.

Page 167

Auf das Promenadendeck – das an den Stellen, an denen die Feuchtigkeit vom gespülten Wasser noch nicht vom warmen, frischen Wind verdunstet worden war, rot leuchtete.

Der Kapitän nahm neben Peter Platz, klemmte sich seine dicke javanische Zigarre zwischen die Zähne, fesselte seine dicken Handgelenke starr hinter dem Rücken zusammen und seine niedrige, breite Stirn runzelte sich allmählich.

„Mynheer“, begann er mit einer etwas zurückhaltenden, tiefen und kehligen Stimme, „wissen Sie, was in der Nacht auf dem Schiff passiert ist? Ja?“

„Ich habe mitangehört, wie die Passagiere darüber sprachen, dass letzte Nacht ein Arbeiter über Bord gefallen ist, Sir“, antwortete Peter vorsichtig. Solange es keine direkten Anschuldigungen gab, fühlte er sich sicherer. Aufgrund vieler früherer Begegnungen mit Kapitänen war er ziemlich sicher, dass dieser Kapitän typischerweise zu seinem eigenen Vorteil handeln würde. In seiner wachsenden Selbstsicherheit erwartete Peter keine heimlichen Intrigen. Es würde, so war er überzeugt, darum gehen, alle Karten auf einmal auf den Tisch zu legen – im wahrsten Sinne des Wortes.

„Wissen Sie etwas über diese Angelegenheit, junger Mann?“

„Überhaupt nichts, Myn Captain.“

„Das ist seltsam. Das ist wirklich seltsam“, murmelte der Kapitän, während sie um die vordere Kabine herumgingen und langsam, bedächtig den linken Seitenbereich entlangschritten. „Ich habe gesehen, wie Sie gestern an Bord kamen, Mynheer – und ich habe gesehen, wie Sie einen Arbeiter über Bord geworfen haben, einen Arbeiter, der zu dem gehörte, der letzte Nacht verschwand. Warum haben Sie ihn über Bord geworfen, eh?“

„Er hat mich mit seinem Messer bedroht“, antwortete Peter ohne die geringste Zögern. „Mynheer, er war ein böser Chinesen, ein Mörder.“

„Ja. Verfluchte Bastarde! Alle sind sie böse Chinesen.“

„Warum sollte er mich erstechen?“, fragte Peter. „Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen. Ich bin ein friedlicher Bürger. Mein einziges Interesse an diesem Schiff, Mynheer Captain, gilt dem Funkapparat.“

Page 168

„Ja? Das ist schön zu hören, junger Mann. Ich mochte Sie – wie sagt man das? – sehr gerne. Er war kein guter Mensch. Er ist ein wirklich schlechter Kerl. Sie wollen bei uns bleiben, ja?“

„Ich hoffe es“, sagte Peter herzlich und mit großer Erleichterung.

„Ihnen gefällt dieses Schiff, nicht wahr?“

„Sehr sogar.“

„Und ich möchte, dass Sie bleiben, junger Mann. Ich möchte, dass Sie so lange bleiben, wie Sie es möchten. Aber ich möchte Ihnen noch eine Sache fragen, nur eine einzige.“

„Ich werde alles tun, was Sie sagen, Sir.“

Der dicke, fröhliche Kapitän des Persischen Golfs blickte Peter mit kleinen, listigen Augen an, und Peter spürte plötzlich ein Gefühl der Unsicherheit.

„Nur noch eine Sache. Besser noch: Bevor Sie die Arbeiter, die Ihnen nicht gefallen, über Bord werfen, wäre es am besten, diese – wie nennt man sie? – Souvenirs nicht aufzubewahren. Dinge wie Pistolen.“

„Aber, mein Herr——“

Die dicke Hand gebot ihm Schweigen.

„Einige von ihnen waren böse Chinesen. Ich weiß das. Ich kenne diese Arbeiter schon seit langer, langer Zeit. Diebische, blutrünstige Kerle. Verdammt nochmal! Es ist wirklich ein schlechter Kerl, wie Sie sagen. Junger Mann, ich habe noch eine Sache zu sagen. Ich mag Sie – sehr gerne. Ich möchte wirklich, dass Sie bleiben. Aber beim nächsten Mal, wenn Arbeiter über Bord geworfen werden sollen, würde ich es begrüßen, wenn Sie meine Erlaubnis fragen würden.“

Peter starrte den dicken kleinen Mann an; in seinen Augen lag ein Hauch von Dankbarkeit. Der Kapitän ließ ihn zurück und ging in Richtung Steuerhaus. Etwas an der Unruhe der breiten, gedrungenen Schultern gab Peter in seiner Verwirrung den Eindruck, dass dem dicken kleinen Mann sein Scherz gefallen hatte und er so sehr kicherte, dass es fast seine würdevolle Haltung beeinträchtigte.

Page 169

Bevor er sich den Aufgaben des Tages widmete, sorgte er dafür, dass eine Sache erledigt war: Der Revolver mit dem Maxim-Schalldämpfer war aus seiner Kabine verschwunden.

Da der Funkraum auf See eine Art Aufenthaltsraum für die Passagiere ist, die sich vom Lesen, vom Pokern oder Spazierengehen langweilen – oder einfach nicht in der Lage sind, sich ohne äußere Hilfe zu amüsieren – ignorierte Peter die Dutzende neugieriger und interessierter Blicke, die ihm folgten, als er in den Funkraum trat. Mit den charakteristischen goldenen Funkenmustern an den Ärmeln seines weißen Uniforms schloss er eilig die Tür ab und wandte seine Aufmerksamkeit dann dem Funkgerät zu.

Er war nicht überrascht, das schrille Rauschen der Station in Manila durch das Funkgerät zu hören. Da er nicht wollte, dass sein guter Name durch fahrlässiges Handeln beeinträchtigt wurde, antwortete er Manila kurz und bat ihn, schnell zu senden – schließlich hatte er viele Aufgaben zu erledigen, was auch der Wahrheit entsprach.

Dampfschifffahrts- und Geschäftsnachrichten warteten auf seine geschickten Hände – insgesamt etwa ein Dutzend davon – in einem ordentlichen Haufen, den der Schatzmeister dort hingelegt hatte, damit Peter sie sofort bemerkte, sobald er seinen Dienst antrat.

Die erste Nachricht aus Manila, mit Datum aus Hongkong und über das philippinische Kabel gesendet, war eine Dienstnachricht an Peter Moore – vermutlich an Bord des Dampfers Persian Gulf auf See. Der Zweck dieser Nachricht bestand darin, dass Peter bei seiner Ankunft in Hongkong direkt bei J. B. Whalen, dem Vertreter der Marconi Company of America im Peak Hotel, Bericht erstatten sollte.

Nach dieser Übertragung wollte der Operator in Manila unbedingt wissen, ob tatsächlich Peter Moore am Funkgerät saß. Ihm waren Anweisungen vom Nachtdienstleiter gegeben worden, der behauptete, ein enger Freund von Peter Moore zu sein, und der ihn gebeten hatte, nach Peters Verbleib in den letzten Monaten zu forschen.

Außerdem drückte er den Wunsch aus, zu erfahren – vorausgesetzt, am Funkgerät saß tatsächlich Peter Moore – wie zum Teufel es ihm ging, wo er sich aufgehalten hatte und warum er so geheimnisvoll von dieser wunderbaren Erde verschwunden war.

Page 170

„Aber warum all der Lärm um Peter Moore?“, erinnerte sich Peter an den neugierigen Operator in Manila, der inzwischen nur etwa zweihundert Meilen entfernt war und durch das Aufgehen der Sonne immer schwächer wurde.

„Sind – Sie – Peter – Moore?“, kam es als leiser Schrei.

„Nein, nein, nein!“, schrie die „volle, weiße Erscheinung“ aus dem Persischen Golf.

„Ist – er – an Bord?“

„Nein, nein, nein!“, antwortete Peter, ohne zu versuchen, seinen unverwechselbaren Sprechton zu verbergen.

„Sie – sind – ein doppeltes Lügner!“, sagte die Stimme aus Manila mit Nachdruck. „Kein Operator im Pazifik hat so einen Sprechton. Man könnte genauso gut versuchen, die Farbe seiner Augen zu verbergen!“

Manila tippte auf seine Tastatur und ließ eine lange Reihe kleiner, doppelter Punkte erscheinen – so signalisierte der Operator seinem Gesprächspartner, dass er noch am Apparat war und nachdachte. Dann:

„Warum haben Sie die Vandalia in Shanghai verlassen?“

„Ich habe die Vandalia überhaupt nirgendwo verlassen“, entgegnete Peter. „Ich komme gerade aus Singapur und Singaraja. Ich fahre über den Persischen Golf nach Hongkong und anschließend zurück nach Batavia.“

„Nein – das stimmt nicht“, sagte die Stimme aus Manila. „Man wird Sie sofort festnehmen, sobald Sie in Hongkong landen, weil Sie Ihr Schiff in Shanghai verlassen haben. Das ist ein Geheimnis – aus alter Freundschaft.“

Jetzt war es an Peter, eine besonders lange Reihe kleiner, doppelter Punkte zu senden.

„Es mag ein Geheimnis sein“, sagte er schließlich, „aber nur tausend Stationen hören zu. Aber danke trotzdem, alter Freund. Wenn sie Peter Moore in Hongkong festnehmen, müssen sie ihn aus Kowloon ausliefern. Mit anderen Worten: Sie müssen erst einmal dorthin fahren. Außerdem kann man Peter das, was er in Shanghai getan hat, in Hongkong nicht vorwerfen. Das Gesetz ist das Gesetz.“

Page 171

Ein wildes Zirpen aus dem Lautsprecher unterbrach Manilas lachendes Antwort sowie das fröhliche „Hi! Hi! Hi!“ des amüsierten Funkers. Peter hörte sich mit etwas Genervtheit die dringenden Anfragen eines US-Kanonenboots an – vermutlich befand sich dieses Boot irgendwo südlich von Mindanao.

„Bleiben Sie in der Leitung, Manila“, rief jemand. „Nachricht für den Persischen Golf.“ Dann wurde die Verbindung mit einer knappen Signatur beendet.

„Guten Morgen, kleiner Fremder“, ertönte Peters schriller Stimme aus dem Lautsprecher. „Sie sind ziemlich weit von zu Hause entfernt. Werden Sie nicht Ihre Füße nass machen? Das Meer ist heute Morgen ziemlich kühl. Nun, was wollen Sie? Sprechen Sie schnell – Peter Moore ist am Mikrofon, und je schneller Sie sprechen, desto besser gefällt es ihm.“

Das Kanonenboot antwortete wütend: „Nachricht für Peter Moore, leitender Funker des Dampfers Persian Gulf, auf See. Melden Sie sich bei Ihrer Ankunft in Hongkong umgehend beim amerikanischen Konsul, um weitere Anweisungen entgegenzunehmen. (Unterschrift) B. P. Eckles, Kommandant der U.S.S. Buffalo.“

Daraufhin antwortete Peter wie folgt: „An Kommandant Eckles, U.S.S. Buffalo, irgendwo südlich von Mindanao. Wozu? (Unterschrift) Peter Moore.“

Die Schnelligkeit dieser Antwort zeigte, dass Peters Schicksal – ob tot oder lebendig – für den Kommandanten des Kanonenbootes von genügend Bedeutung war, um dessen Anwesenheit im Funkraum zu erfordern. Tatsächlich wurde Peter nun klar, dass seine Geständnisse ihn in große Schwierigkeiten gebracht hatten.

Wieder kam die nervöse Antwort der U.S.S. Buffalo: „An Peter Moore, leitender Funker des Dampfers Persian Gulf, auf See. Anweisungen. Befolgen Sie sie. (Unterschrift) B. P. Eckles.“

Peter ließ die Formalitäten weg. „Bitte fragen Sie den Kommandanten, was das Problem ist.“

Page 172

Und aus der Leere ertönte die Antwort: „Er sagt, man solle den amerikanischen Konsul in Hongkong fragen.“

Es schien nichts anderes zu geben, als sich um die anstehenden Aufgaben zu kümmern. In Hongkong konnte er nur entscheiden, wem er zuerst gerecht werden sollte – dem Leiter von Marconi oder dem amerikanischen Konsul; denn in fremden Ländern gewöhnt man sich daran, den Wünschen seiner Landsleute nachzukommen.

Doch Peter begann, wieder das alte Gefühl der Begeisterung zu spüren. Es war schön, dass die anderen seine Fähigkeiten anerkannten – schön, ihre Anerkennung zu erhalten. Schließlich waren die unklaren Signale aus Manila und Buffalo eine Art Anerkennung – wenn auch einer sehr einfachen Art.

Peter Moore war als Funker der Schnellste überhaupt; er sendete mit atemberaubender Geschwindigkeit. Sein scharfes Gehör, für das er auf mehreren Ozeanen berühmt war, ermöglichte es ihm, Signale fast ohne Wiederholung zu empfangen.

Manila gehorchte den Befehlen und blieb bereit. Peter justierte einen Schrauben, damit die silbernen Kontakte der riesigen Sendetaste besser ausgerichtet waren, und sendete anschließend mit der höchstmöglichen Geschwindigkeit. Solange seine Empfänger wussten, dass er Peter Moore war, konnte er ihnen ruhig ein Beispiel für seine berühmten Sendungen geben.

Fünf Minuten lang dröhnte die kleine Funkkabine vom ständigen „Klack-Klack-Klack“ seiner Signale. Manila, ein Marineoffizier der alten Schule, antwortete mit einer Reihe stolzer „OKs“.

Stolz? Weil Peter Moore, der von den Schiffen Vandalia, Sierra und ein Dutzend weiterer Schiffe kam, am Steuer der Sendeanlage stand. Ein Funker, der am Ende einer von Peters Sendungen „OK“ sagte, hatte allen Grund zur Freude – wie jeder Funker, der jemals 33 Wörter pro Minute senden konnte, mir bestätigen wird.

Page 173

KAPITEL IX

Als Peter den Funkraum verließ, nachdem er seine morgendlichen Aufgaben erledigt hatte, fand er Romola Borria vor – mit den Ellbogen auf der Reling, wie sie nachdenklich auf ein kleines chinesisches Mädchen blickte, das mit gekreuzten Beinen auf dem Deck saß und konzentriert nähte.

Peter bewunderte die Frische von Romola Borrias Aussehen, die Klarheit ihrer funkelnden braunen Augen, die zarte Rosafärbung ihrer Haut sowie die Gelassenheit und Strahlkraft ihres sanften Lächelns.

„Sie sehen besorgt aus“, sagte sie, als ihr Lächeln durch einen Ausdruck zarter Sorge ersetzt wurde. „Was ist los?“ Sie senkte ihre Stimme zu einem vertraulichen Tonfall. „Die Angelegenheit von letzter Nacht, desu-ka?“

Peter schüttelte mit ernstem Lächeln den Kopf. „Ich bin entdeckt worden, Miss Borria. Ich habe mich nämlich gerade bei der Marinestation in Manila verraten – ganz zu schweigen vom Kommandanten eines Kanonenboots, das nicht weit von uns vor der Küste von Mindanao liegt. Es scheint“, er machte ein spöttisches Gesicht, „dass Peter Moore bei den Behörden nicht besonders beliebt ist, weil er ein bestimmtes Schiff in Shanghai verlassen hat.“

„Die Vandalia!“, sagte das Mädchen und biss sich plötzlich auf die Lippe, als wolle sie ihre Aussage zurücknehmen.

Peter setzte sich mit den Ellbogen neben sie, bis sein Gesicht ganz nah an ihrem war. Sein Ausdruck war listig und verschmitzt.

„Miss Borria“, sagte er steif, „ich habe Ihnen gestern Abend gesagt, dass Sie klug sind; jetzt haben Sie mir nur noch einen weiteren Grund gegeben, bei meiner Linie zu bleiben – einen weiteren Grund zu glauben, dass Sie mehr wissen, als Sie eigentlich sollten. Seien wir jetzt einmal völlig ehrlich – löschen wir keine weiteren ‚Rouge-Streifen‘ aus, wenn man so will. Würden Sie mir bitte sagen, was genau Sie über meine Aktivitäten in dieser Gegend wissen?“

Seine ausgestreckte Geste umfasste ganz Asien.

Page 174

Das Mädchen presste die Lippen zusammen, und in ihren Augen erschien ein helles Funkeln – wie das eines eisigen Lichts auf Diamanten. „Ja, Herr Moore“, sagte sie entschlossen, „ich werde es tun. Aber Sie müssen versprechen – ernsthaft versprechen –, keine Fragen zu stellen. Werden Sie das tun?“

Peter nickte mit einer Bereitschaft, die keineswegs geheuchelt war.

Romola Borria führte die Spitzen ihrer schlanken, weißen Finger zusammen und blickte nachdenklich darauf hinab. „Nun“, sagte sie, hob den Blick und erhob ihre Stimme leicht, „Sie sind mitten im Whang-poo-Fluss, in der Nacht, in dichtem Nebel, mit einem Sampan und einer jungen Frau namens Eileen Lorimer in den Armen von der Passagierschiff Vandalia geflohen. Das geschah, nachdem Sie sie aus den Händen einiger Männer befreit hatten – Männer, die ich lieber, vielleicht aus Rätselhaftigkeit, einfach mit dem Wort ‚sie‘ bezeichne.“

„Sie schickten diese junge Dame mit dem Schiff Manchuria oder Mongolia nach Hause – ich vergesse gerade, welches. In jener Nacht am Ufer in der Nähe der französischen Botschaft trafen Sie zufällig auf eine weitere junge Frau, die Ihre Gesellschaft sehr schätzte. Ihr Name war Miss Amy Vost – ein hübsches kleines Ding.“

„Zufällig wissen Sie wohl nicht“, warf Peter ironisch ein, „was Miss Lorimer heute Morgen zum Frühstück hatte, oder?“
„Soweit ich weiß, studierte sie an der Universität in San Friole für einen Doktortitel, Herr Moore.“
„Tatsächlich!“ Peter hatte auf der Zunge, dieser erstaunlichen Romola Borria zu sagen, dass sie nichts anderes als eine Gedankenleserin sei. Stattdessen nickte er, damit sie fortfuhr.

„Wie ich bereits sagte: Sie trafen Miss Vost zufällig und tanzten mit ihr auf einem Kostümball im Astor House. Ich glaube, Sie trugen die Verkleidung eines japanischen Händlers – in der etwas törichten Annahme, dass diese Kleidung eine Tarnung sei. Kurz darauf, in der Bar des Palace Hotels, nachdem Sie Miss Vost verlassen hatten, trafen Sie einen Seekapitän, ehemaligen Ersten Offizier des Dampfers Sunyado Maru der Toyo Kisen Kaisha. Er war ein alter Freund.“

Page 175

„Mit Kapitän MacLaurin und Miss Vost unternahmen Sie eine Reise auf dem Jangtsekiang in einem kleinen Flussdampfer namens Hankow – dieser sank in den Strudeln kurz unterhalb von Ching-Fu. Das geschah, nachdem Sie einen ihrer vertrauenswürdigsten Spione erstochen und getötet hatten.

Als der Hankow sank, handelten Sie nach dem, was nun als Ihr professionelles Verhalten als zuverlässiger Edelmann erscheint: Sie nahmen eine in Not geratene Dame in Ihre Arme und schwammen durch die Strudel zum kleinen Dorf jenseits des Flusses von Ching-Fu. Dort wurde Miss Vost von ihrem Vater, einem unheilbaren Missionar aus Wenchow, abgeholt. Auf verschlungenen Wegen, die ihnen gut bekannt waren, schlossen Sie sich einer Karawane an, die einem plappernen alten Dieb gehörte, der sich selbst als Mandarine nannte – der Mandarin Chang. Er erzählte Ihnen viele Lügen, nur um sich zu amüsieren –

Natürlich waren das Lügen, Herr Moore. Chang ist einer seiner vertrauenswürdigsten Handlanger. Er ließ Sie sogar einen seiner Arbeiter töten. Der Arbeiter wäre sowieso gestorben; er hatte bereits zu viel erfahren. Doch es machte Chang und ihm Spaß, Ihnen diese Chance zu geben, um zu sehen, wie weit Sie gehen würden. Chang hatte außerdem den Befehl, Ihnen dabei zu helfen, nach Len Yang zu gelangen. Das gab Ihnen Selbstvertrauen, nicht wahr?

Ich glaube kein Wort“, erklärte Peter benommen. Er weigerte sich zu glauben, dass Chang, der gütige alte Chang, auch mit diesem Mann im Bunde war.

Dann betraten Sie Len Yang, die Stadt der gestohlenen Leben. Er beobachtete Sie. Als Sie über die Geräte in der Mine eine schwierige Funksendung hörten, schenkte er Ihnen Geld – fünfhundert Tael, nicht wahr? Vielleicht in der Hoffnung, dass Sie „mit Ihrem Unsinn aufhören“ würden, wie er es ausdrückte, und stattdessen die Stelle des vom Opium benebelten Funkers einnehmen würden, den Sie so geschickt getäuscht hatten. Er schätzte Sie, Herr Moore – er hatte keinerlei Angst vor Ihnen!

Ein Dutzend Mal, ja, hundert Mal hätte er Sie töten können. Doch er zog es vor, einfach dazusitzen, sich an seinen langen, gelben Mandarinenbart zu fassen und Sie zu beobachten – wie eine Katze eine dumme Maus beobachtet. Ich kann ihn jetzt lachen hören. Ja! Ich habe ihn gesehen und sein Lachen gehört. Es ist ein grauenhaftes, kreischendes Lachen – völlig unheimlich! Wie er über Sie gelacht hat…“

Page 176

Sie haben Miss Vost gerettet, liebe kleine Miss Vost, aus den Klauen seines weißen Palastes!

„Aber er ließ Sie gehen – und er sowie seine tausend Scharfschützen, die entlang der großen, grünen Mauern standen, als Sie, Captain MacLaurin und Miss Vost mutig hinausritten, zusammen mit einem armen kleinen Maultier! Tausend Gewehre waren in dem hellen Mondlicht auf Sie gerichtet, Herr Moore. Doch er sagte – nein!“

Peter blickte zum ruhigen Meer des Persischen Golfs hinauf, zu dem Sonnenlicht, das auf den blauen Wellen tanzte; die Wellenkämme schäumten wie frische, kochende Milch. Er sah die Passagiere, die in ihren Liegestühlen schliefen oder lasen. Er weigerte sich zu glauben, dass das kein Traum war. Doch Romolas ruhige Stimme fuhr fort:

„Dann schlossen Sie sich einer Karawane nach Indien an. Für eine Weile dachten sie, Ihre Spur sei verloren gegangen. Doch Sie tauchten in Mandalay wieder auf – verkleidet als Straßenfakir. Sie humpelten den ganzen Weg bis nach Rangoon. Warum humpelten Sie, Herr Moore?“

„Ein Maultier trat mir auf den Fuß, als ich durch den Merchants’ Pass nach Bengalen kam.“

„Der Fuß hat sich sicher schnell erholt – schließlich waren Sie von da an sehr aktiv. Sie nahmen die Fähre nach Penang, nach Singapur, kehrten wieder nach Penang zurück und weiter nach Singapur – und bestiegen schließlich ein Dampfschiff nach Batavia.“

„Aber, Miss Borria“, flehte Peter, „warum hat er mich mit all diesem Wissen nicht einfach beseitigt? Sie wissen es. Er weiß es. Sie hatten Ihre Chance. Sie hätten mich letzte Nacht in Ihrem Zimmer töten können. Bitte…“ Peter warf den goldenen Umhang des Abenteurers vorübergehend ab und wurde für einen Moment nur noch zu einem äußerst ernsten, äußerst besorgten jungen Mann.

„Ich gab Ihnen gestern Abend bereits einen Hinweis“, antwortete Romola Borria gelassen. „Bis Sie Batavia verließen, glaubte er, Sie hätten aufgehört, Unsinn zu machen. Der Kuli, den Sie in Batavia über Bord warfen, war dort nicht, um Sie zu erstechen, sondern um Sie davor zu warnen, nach China zu gehen. Es gab viele solcher Warnungen.“

Page 177

Das gehört jetzt der Vergangenheit an. Sie haben ihm bereits viel zu oft die Faust entgegengestreckt – er hat genug von diesem Spiel.

„Für ihn war es großes Vergnügen, und er hat es genossen. So behandelt er seine Feinde – zumindest für eine Weile. Jetzt sind Sie in die zweite Phase der Feindschaft mit ihm eingetreten. Gestern Nacht war ein Beispiel dafür, was Sie von nun an erwarten können. Nur reiner Zufall hat Sie vor der Kugel dieses Schurken – sowie vor meiner fast zu späten Intervention – gerettet.“

Peter blickte sie ernst, nachdenklich und äußerst respektvoll an.

„Ich nehme an“, sagte er, „dass Sie eine besondere Gesandte sind, sozusagen eine bevollmächtigte Ministerin vom Grauen Drachen. Tatsächlich sind Sie hier, um mich dazu zu überreden, meine Fehler zu korrigieren – um mich dazu zu bringen, Ihnen mein Versprechen zu geben, dass ich China und Len Yang für immer aus meinen Plänen streichen werde.“

„Nennen Sie es, wie Sie wollen, Herr Moore. Ich habe Ihnen alles erzählt, was ich kann. Ich kenne dieses Spiel – wenn Sie mir gestatten – etwas besser als Sie, Herr Moore. Ich weiß, wann das Spiel aufhört und echte Gefahr beginnt. Sobald Sie Fuß in China setzen, treten Sie in eine Falle, aus der Sie niemals, solange Sie leben dürfen, entkommen können. Und glauben Sie mir ernsthaft: Das wird nicht lange dauern. Ein Tag? Vielleicht. Eine Stunde? Wahrscheinlich nicht länger.“

„Nennen Sie mich ruhig eine besondere Gesandte, wenn Sie wollen. Vielleicht bin ich das. Vielleicht bin ich nur eine Freundin, die mehr als alles andere möchte, dass Sie einem sicheren und angenehmen Tod entgehen. Ich habe Ihnen Ihre Chance gegeben. Von ganzem Herzen habe ich Ihnen – und gebe Ihnen immer noch – die Möglichkeit, mit mir zu gehen. Ja, genau das meine ich. Ihr Versprechen, untermauert durch Ihr Ehrenwort, ist ein Pass zur Sicherheit für uns beide. Ihr Ablehnung bedeutet für mich – den Tod! Werden Sie nicht einmal darüber nachdenken? Werden Sie nicht ‚ja‘ sagen?“

Während dieses Monologs hatte Peter seinen Kopf zurückgeworfen; seine in Weiß gekleideten Schultern waren gestrafft, und seine blauen Augen strahlten ein Feuer aus, das selbst einen Kreuzfahrer neidisch gemacht hätte.

Page 178

„Sie können ihm ausrichten“, sagte er, „dass ich seinem Vorschlag zugehört habe; dass ich ihn ruhig abgewogen habe – und dass, solange der Kampf ausgeschlossen ist … nun, er ist es! Ich wünsche mir nur eines: Die Chance für einen Mann, gegen dieses Ungeheuer anzutreten. Überbringen Sie ihm genau das von mir, Fräulein Borria. Es tut mir leid.“

Es schien, als wolle sie noch ein letztes Wort sagen – ein Wort, das für Peter den Kühnen von größter Bedeutung gewesen wäre – doch das Wort erreichte ihre Lippen nie.

In ihre Augen trat ein Ausdruck der Verzweiflung, einer stummen Angst. Sie hob halb die Hand, zog sie wieder zurück. Ihre Schultern sanken herab. Sie taumelte zu einem Liegestuhl und ließ sich hineinsinken, mit dem Kopf nach hinten, den Augen geschlossen, ihre langen, dunklen Wimpern auf Wangen, die wie Marmor geworden waren.

Da stand Peter der Kühne, mit den Augen auf das Blau des Meeres gerichtet, und spürte, wie das Selbstvertrauen aus ihm wich – wie Wasser aus einem undichten Eimer sickert. Er fühlte sich in Gegenwart einer erbarmungslosen Macht, die langsam über ihn hereinbrach, ihn zerdrückte und überwältigte.

Als seine Gedanken wild durcheinanderwirbelten, kam ihm der Gedanke, um Hilfe zu rufen – an das Kanonenboot, das südlich von Luzon patrouillierte; eine Bitte, auf die schnell und entschlossen reagiert worden wäre.

Doch dieser Impuls wirkte töricht. Er würde seinen großen Plan für immer beenden – einen Plan, der jetzt stärker denn je in seinem gequälten Gehirn brodelte: Das Ungeheuer in Len Yang zu finden und eines Tages zu besiegen.

Eine lebhafte, winkende Hand lenkte seine Aufmerksamkeit vom Meer ab. Das Mädchen aus Makassar versuchte, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Er blickte nach unten mit einem blassen, erschöpften Lächeln.

„Sie haben es nicht vergessen – Kowloon, busar satu?“, sagte ihre klare, helle Stimme.

„Ich nicht, Kleines!“, rief Peter zurück – in einem Tonfall, der völlig ohne seine übliche Fröhlichkeit war.

Page 179

KAPITEL X

Während des restlichen Aufenthalts auf See verließ Romola Borria, soweit Peter wusste, ihr Kabinenraum kein einziges Mal. Ihre Mahlzeiten wurden dorthin gebracht, und dort blieb sie, und antwortete auf seine Nachfragen damit, dass sie krank sei und niemanden sehen könne – obwohl Peter nach diesem erstaunlichen Gespräch eigentlich kein Interesse daran hatte, die Freundschaft wiederzubeleben. Er war einfach nur fürsorglich.

Doch er war etwas verärgert über seinen eigenen Ausdruck von offener Egoismus und auch etwas beunruhigt durch die unglaubliche Genauigkeit, mit der sie seine jüngste Vergangenheit schilderte. Diese Unruhe wuchs, bis er mit wachsender Sorge darauf wartete, dass die felsige Küste Hongkongs ihre schwarzen-grünen Uferlinien über dem Horizont zeigte.

In der Nacht ankerte man vor der Küste des Persischen Golfs, und am Morgen fuhr man langsam durch das Labyrinth aus Masten, Sampans und Dschunken. Letztere lagen mit ihren Heckenden grotesk nach oben gerichtet da und erinnerten in nichts so sehr an große braune Adler, die aus einem riesigen Himmel herabgeflogen waren, um mit größerer Bequemlichkeit und Sorgfalt Beute zu wählen, die in Reichweite ihrer Krallen lag.

Peter wusste, dass viele dieser Dschunken Piratenschiffe waren, mutig genug, in den Victoria Harbour einzufahren – direkt unter den Kanonen der Festungen und vor den Augen von Schlachtschiffen aller Nationen.

Als das Boot aus der Quarantänestation neben das Schiff kam, ging Peter nach unten und wechselte seine Uniform gegen einen leichten, frischen Anzug aus Shantung-Seide, einen weichen Kragen, einen weichen Hut aus Bangkok sowie bequeme, flache Schuhe. Dabei vergaß er nicht, sich einen blauen Sarong um die Taille zu binden.

Als er etwas später wieder nach oben kam, standen die Passagiere der Unterdeckklassen in Reihen, streckten ihren Zungen heraus für die aufmerksamen Ärzte und kicherten über eine Handlung, die, hätten sie es gewusst, ernst genug gewesen wäre, jeden Sohn einer Mutter…

Page 180

Und die Töchter dieser Menschen mussten in das Land zurückkehren, aus dem sie gekommen waren – falls sie auch nur den geringsten Makel aufwiesen. Denn Hongkong befand sich zu jener Zeit mitten in der letzten Cholera-Krise.

Als die Ärzte endlich überzeugt waren, dass die Zeugenaussagen der Passagiere in den unteren Klassen sowie auf dem Deck zufriedenstellend waren, wandten sie sich den Passagieren erster Klasse zu, die in der Reihe auf dem Promenadendeck standen. Peter bemerkte die Veränderung, die mit Romola Borria vor sich gegangen war.

Ihr Gesicht zeigte die Blässe des Todes. Ihre großen, glänzenden Augen waren eingefallen, und es schien, als wären Linien in ein Gesicht eingraviert worden, das zuvor so glatt und schön wie eine blühende Rose gewesen war.

Er geriet in Panik, als sie ihn mit einem kaum wahrnehmbaren Nicken erkannte. Er starrte sie etwas länger an, als nötig war – mit leicht geöffneten Lippen und Fingernägeln, die in seine Handflächen bissen. Er spürte eher, als dass er sah, dass ihre Schönheit in eine graue Melancholie verwandelt worden war.

In diesem Moment ertönte eine klirrende Stimme von unten aus dem Laderaum. Peter drehte sich um und sah seine kleine Pflegetochter, das Mädchen aus Makassar, die lächelnd neben einem kleinen Haufen seidener Bündel in den Farben des Regenbogens auf ihn wartete. Er hatte das eurasische Mädchen nicht vergessen, doch er wollte noch ein Abschiedswort mit Romola Borria wechseln.

Er rief über das Geländer und wies sie an, mit dem Boot auf ihn zu warten. Dann rief er einem der Dutzende von Arbeitern zu, die am Fuße der Leiter herumwuselten. Romola Borria wartete allein auf ihn, richtete ihre Handschuhe, als er wieder in diesen Bereich des Schiffes zurückkehrte. Sie begrüßte ihn mit einem langsamen, ernsten Lächeln – durch dieses Lächeln erkannte Peter, wie sehr sie gelitten hatte.

Ihr Gesicht wurde wieder zu einer Maske – tatsächlich zu einer Maske des Todes. Ihre Lider flatterten hinunter und wieder hoch; ihre Augen wirkten müde.

Page 181

Er streckte ihr die Hand entgegen und versuchte, mit dieser Geste sowie mit dem Lächeln, das irgendwie nicht natürlich auf seinen Lippen erschien, etwas von seiner üblichen Fröhlichkeit zu zeigen.

„Ist das – Auf Wiedersehen – oder Adieu?“, fragte er feierlich.

„Ich hoffe – Auf Wiedersehen“, antwortete sie leise. „Also weigern Sie sich doch, meinen Rat ernst zu nehmen?“

Peter zuckte mit den Schultern. „Ich fürchte, ich kann das nicht“, sagte er. „Sehen Sie, ich bin jung. Und man kann zu sich selbst sagen – oder laut aussprechen, ohne Angst haben zu müssen, meine Gefühle zu verletzen – dass ich dumm bin. Ich schätze, das gehört zu den Schwierigkeiten des Jüngseins: dumm sein zu müssen. War es nicht heute, an dem ich unsterblich werden sollte – durch ein Messer in meinen Rippen oder eine Kugel im Herzen?“

„Wenn ich älter werde, werde ich ernster werden, ausgewogener. Aber zum Teufel damit! Konfuzius, nicht wahr? Dieser liebe alte Philosoph, der nie einen König fand, an dem er seine Theorien ausprobieren konnte – er sagte: ‚Der große Berg muss zerfallen. Der starke Balken muss brechen. Der Weise muss wie eine Pflanze verwelken.‘“

Sie nickte.

„Ich fürchte, Sie werden niemals ernst werden, Herr Moore. Und vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich Ihnen in dieser kurzen Zeit so – so zugetan geworden bin. Wenn ich das Leben – und den Tod – genauso stoisch, genauso fröhlich nehmen könnte wie Sie – oh, Gott!“

Sie schloss die Augen. Als sie sie wieder öffnete, standen Tränen darin.

„Herr Moore, ich werde jetzt auch eine dumme Beichte ablegen. Ich liebe Sie. Und im Gegenzug –“

„Ich glaube, Sie sind das mutigste Mädchen der Welt“, sagte Peter und nahm ihre Hände in einer Geste der Reue. „Sie – Sie sind großartig.“

Page 182

„Ich schätze schon“, seufzte sie und blickte düster weg. „Ein Stück Ton! Vielleicht ist es am besten, wie du in die Arme der Feinde zu gehen – mit gesenktem Kopf, leuchtenden Augen und einem spöttischen Lächeln auf den Lippen. Wenn ich nur könnte!“

„Warum sprichst du an einem solchen Tag vom Tod?“, sagte Peter leicht. „Das Leben ist doch so schön. Sieh dir diese rot- und gelbblühenden Pflanzen auf dem Hügel, in der Nähe des Hauses des Gouverneurs, sowie die armen kleinen Kinder auf jenem Sampan – sie glauben, sie wären die glücklichsten Kinder der Welt. Was ihnen wehtut, tut ihnen weh; was ihnen Freude bereitet, bereitet ihnen Freude. Sie sind glücklich, weil sie sich nicht die Mühe machen, über die Zukunft nachzudenken. Und denk an das Leben – dieses wunderbare alte Leben, voller Aufregung und des Geheimnisses des nächsten Moments!“

„Wenn ich nur diesen nächsten Moment sehen könnte!“

„Uff! Wie langweilig und monoton das Leben dann werden würde!“

„Aber wir könnten sicher sein. Wir könnten uns darauf vorbereiten – nun ja…“ Sie hob trotzig den Kopf. „Auf den Tod, meine ich.“

„Aber bitte, lass uns nicht über den Tod sprechen. Lass uns darüber reden, wie schön es sein wird, wenn wir uns wiedersehen.“

„Wird es ein weiteres Mal geben, Peter?“

„Natürlich! Du bestimmst den Zeitpunkt – jederzeit, an jedem Ort. Wir werden essen, trinken und plaudern wie zwei Papageien. Und du wirst all das vergessen – das, was hinter uns liegt.“

Ihre Zähne knirschten.

„Heute Nacht“, sagte sie schnell. „Ich werde dich treffen. Lass mich nachdenken… Auf der Seite der Desvoeux Road, auf dem Balkon des Hong Kong Hotels, im Restaurant, oben, weißt du.“

„Genau!“, stimmte Peter begeistert zu. „Sollen wir den Ehemann mitnehmen?“

Ihr Gesicht verdunkelte sich plötzlich. Sie schüttelte den Kopf.

Page 183

„Ich werde allein sein. Du auch, um sieben Uhr. Du wirst dort sein – ohne Ausnahme, oder?“
Ein Arbeiter bewachte ungeduldig ihre Gepäckstücke in der Nähe. Sie konnten das Weinen des Passagierschiffs hören, als es um die rechte Seite des Schiffes bog.

„Ich habe es vergessen“, sagte Peter mit seinem strahlenden Lächeln. „In einer Stunde bin ich tot. Die stählerne Falle Chinas, weißt du.“

„Bitte mach keine Scherze.“

„Ich sage dir, was ich tun werde: Ich werde mir ein Schild an die Brust stecken mit der Aufschrift: ‚Übergeben Sie diese Leiche um Punkt sieben Uhr heute Abend auf den Balkon des Restaurants im Hong Kong Hotel in der Desvoeux Road – ohne Ausnahme!‘“
Diese letzten Worte waren an die leere Tür der Funkkabine gerichtet.
Romolas weiße Röcke blitzten wie ein spöttisches Signal auf, als sie zusammen mit dem Jungen, der ihr Gepäck trug, eilig aus seinem Blickfeld verschwand.

Kapitel XI

Mit leicht gerunzelter Stirn bahnte sich Peter seinen Weg durch Haufen von Gepäckstücken bis zur Landestreppe, wo seine Sampan sowie das Mädchen aus Makassar warteten.
Während er die Treppe hinunterstieg, beobachtete er vorsichtig die anderen Sampans. In einer davon sah er einen Kopf, der aus einer niedrigen Kabine hervorragte. Die Sampan war etwas größer als die anderen und bewegte sich immer wieder zwischen ihnen hin und her.
Der Kopf verschwand sofort, sobald Peter ihn bemerkte – doch er hinterließ ein klares Bild in seinem Gedächtnis: ein Gesicht, das er nur schwer vergessen könnte. Es war ein langes, kalkweißes Gesicht, bedeckt von einem schwarzen Fedora-Hut; die dünnen grauen Lippen waren von einem schwarzen, spitzen Schnurrbart umrahmt – ein Gesicht, das an nichts anderes erinnerte…

Page 184

Noch deutlicher als der kohlschwarze Schnurrbart, wie er bei den Bösewichten der alten Melodramen üblich war.
Eine Stunde Lebenszeit? Hatte dieser Mann unter seinem schwarzen Mantel das Messer versteckt, mit dem das Ungeheuer in Len Yang beauftragt worden war, sein Herz zu finden und seine Existenz – die eines unbedeutenden Feindes – zu beenden?
Als Peter die Ablage am Fuß der Leiter erreichte, nahmen diese Gedanken an Intensität zu – und das Bild, das sich ihm zeigte, war keineswegs angenehm. Der Mann im Sampan würde, wie Peter an seinem Gesicht erkennen konnte, vermutlich ein großer, muskulöser Mann sein.
Dann sah Peter ein weiteres Gesicht – doch dessen Besitzer blieb im Hintergrund. Dieser Mann war kräftig und grauhaarig, mit einem Gesicht, das noch subtiler bösartig wirkte. Es war ein rotes Gesicht, tief gezeichnet um die Augen sowie in der Gegend der großen, purpurfarbenen Nase – durch Falten bedeckt, die wohl vom Wetter oder von ausschweifendem Leben stammten. Aus diesem roten Gesicht blickten blaue Augen hervor – blassblaue Augen, die trotz ihres Mangels an Glanz scharf und listig waren.
Die Hand des Mannes winkte Peter gebieterisch zu; er rief seinen Namen – und Peter war überzeugt, dass in der anderen Hand das Messer oder die Pistole verborgen war, die sein Untergang bedeuten würden.
Mit diesen alles andere als angenehmen Gedanken im Kopf sprang er in den Sampan, in dem das Mädchen aus Makassar lächelnd wartete.
Peter sah, dass sein Träger groß und kräftig war, mit Muskeln, die auf seinen dicken, sonnenverbrannten Armen und Beinen wie Seile hervortraten. Er gab dem Träger seine Anweisungen – während der Sampan des rotgesichtigen Mannes ständig versuchte, näher heranzukommen. Wieder rief der Mann Peters Namen – diesmal in einem bestimmenden Ton – doch Peter ignorierte ihn.
„Nach Kowloon! Schnell!“, rief Peter. „Verstehst du?“ Er zeigte dem Träger drei Silberdollars – daraufhin beugte der Träger sich vor, und der Sampan entfernte sich vom schwarzen Ufer, als wäre er ein lebendiges Wesen.

Page 185

Hinter ihnen sah Peter, während diese Manöver ausgeführt wurden, wie die beiden ordnungsgemäß akkreditierten Agenten des Grauen Drachen in Reih und Glied traten. Doch Peter hatte weise gewählt. Der Träger bewies mit jeder Sekunde die Kraft seiner kräftigen Muskeln. Zentimeter für Zentimeter, Yard für Yard entfernten sie sich von den verfolgenden Sampans.

Dann ertönte über ihren Köpfen etwas, das wie der Schrei eines wütenden Papageis klang. Instinktiv duckte sich Peter und drehte sich um, um zu sehen, von welchem Sampan dieser Laut kam.

Ein schwacher Hauch hellblauen Rauchs wehte im Wind zwischen den beiden Booten hindurch. Welches Boot? Das war schwer zu sagen.

Sie begannen nun, die Verfolger eindeutig abzuhängen. Peters Träger, mit seinen langen Beinen, die weit auseinander auf den Laufplanken standen, beugte seinen Rücken und schwang hin und her wie ein mächtiger Metronom – von Backbord nach Steuerbord, von Steuerbord nach Backbord – wodurch das Wasser zu einer wütenden, milchigen Schaumkrone wurde.

Die Verfolger krochen näher heran und zogen sich anschließend wieder zurück; allmählich wurde die Entfernung größer.

Das Mädchen kauerte sich in der Kabine zusammen, und Peter wartete mit seiner Automatik in der Hand auf einen weiteren Hinweis in Form eines blauen Rauchs.

Schließlich trat dieser Rauch auf – tief auf dem Deck des größeren Bootes. Die Kugel fiel ins Wasser, nicht einmal zwei Fuß vom Ruder entfernt. Der Träger, angespornt davon, dass auch er untrennbar in dieses Leben-oder-Tod-Rennen verwickelt war, schwitzte und schrie in dem wilden „Hi! Ho! Hay! Ho!“ des Trägers, der seine Arbeit sehr liebt.

Zufrieden mit der Herkunft beider Kugeln zielte Peter sorgfältig auf das gelbe Sampan und leerte sein Magazin. Während er auf das Ergebnis wartete, steckte er ein weiteres Magazin in das ovale Loch.

Das gelbe Sampan wich stark von seinem Kurs ab – ein Ruder trieb einige Yards hinter dem Boot auf der Oberfläche. Dann lag das Sampan da, als wäre es tot. Doch das andere Boot setzte seine Verfolgung fort.

Page 186

Dieser aufregende Kampf sowie die Schüsse aus Peters Automatik erregten nun die ernsthafte Aufmerksamkeit eines kleinen grauen Flusskanonenboots, das gerade den Fluss herunterkam und an solchen Vorfällen gewöhnt war.

Eine ein Pfund schwere Granate zischte über ihren Köpfen hinweg, traf hundert Yards weiter flussabwärts, in der Nähe der Küste von Kowloon, und ließ einen schäumenden weißen Pilz entstehen.

Der Pier in Kowloon rückte immer näher. Es war unwahrscheinlich, dass das Kanonenboot mit einem weiteren Schuss folgen würde – und in dieser Annahme hatte Peter, wie die Franzosen sagen, „Recht“.

Die Feuer unter den Kesseln des Kanonenboots wurden heruntergedreht; es blieb keine Zeit mehr, ein Boot zu Wasser zu lassen.

Peter fühlte große Erleichterung, als er sah, dass das herankommende Sampan den Pier erst erreichen konnte, nachdem er und seine Begleiterin außer Sichtweite – oder zumindest außer Reichweite – waren.

Er schaute auf seine Uhr. Die Götter waren auf seiner Seite: Bis zum Abfahrtszeitpunkt fehlten noch drei Minuten.

Es war nur eine Hoffnung, dass er und das Mädchen sicher im Zug nach Kanton gelangen würden, bevor der rotgesichtige Mann sie einholen konnte.

Das Sampan streifte gegen die grünen Holzbalken der Landestelle in Kowloon. Peter warf das Gepäck des Mädchens mit einer großen Bewegung hoch, hob sie an den Achseln auf den Boden des Piers und gab eilig vier Dollar (mexikanische Währung) ab – wodurch der mürrische Arbeiter für einige Stunden dankbar reicher wurde.

Sie eilten zum Erste-Klasse-Wagen, und Peter zog das Mädchen neben sich.

„Auch nach Kanton?“, fragte sie überrascht.

Peter nickte. Er schlug die Tür zu. Ein Pfeifton ertönte – und der Bahnhof von Kowloon, zusammen mit den glitzernden Gewässern der blauen Bucht sowie der weißen Stadt Hongkong jenseits der Bucht, begannen sich in Bewegung zu setzen – zunächst langsam.

Page 187

Dann mit Beschleunigung – als der Morgenexpress nach Kanton auf den bestens ausgelegten Schienen im Süden Chinas losfuhr.
Hatte sein rotgesichtiger Verfolger rechtzeitig aufgeholt? Peter hoffte es nicht. Er war vor Aufregung ganz elektrisiert; seine Aufmerksamkeit richtete sich auf das junge Mädchen, das dicht neben ihm saß, die Hände schüchtern vor sich gefaltet und damit seinen blauen Sarong festhaltend.
„Sind wir sicher, tapferer Mann?“, wollte sie wissen.
Er tätschelte beruhigend ihre Hand; sie ergriff sie, senkte ihre grünblauen Augen auf den staubigen Boden und seufzte.
Peter hätte in seinen schnellen Gedanken vielleicht kurz innehalten können, um zu erkennen, dass er nun mitten in einem weiteren Kreis aus Romantik gelandet war – nichts hatte ihn von seiner letzten Liebe getrennt außer zwei fehlgeleiteten Revolverschüssen, dem warnenden Donnern der Kanone eines Kanonenboots sowie einer verrückten Verfolgungsjagd über die Victoria-Bucht.
Hand in Hand zu halten bricht kein bekanntes Gesetz – doch Peter war sich nicht ganz bewusst, dass er dieses Verhalten an den Tag legte. Seine starren, entschlossenen Blicke waren auf die vorbeiziehenden Pagoden mit ihren seltsam nach oben gebogenen Dächern gerichtet.
Sein Geist beschäftigte sich mit anderen Dingen. Vielleicht zum ersten Mal seitdem das Schiff im weißen Sand des Hafens von Victoria angelegt hatte, begann er, die ernste Bedeutung von Romolas Warnung zu erkennen. Er war eingeengt – hilflos.
Eine Stunde zu leben! Eine Stunde am Leben zu sein! Doch er war bereit, diese Stunde optimal zu nutzen.
Abwesend – und allmählich weniger abwesend – drückte er abwechselnd die kleinen, kühlen Hände des Mädels aus Makassar. Sie erwiderte den Druck mit einer zaghaften Zuversicht, die ihn dazu brachte, für einen Moment darüber nachzudenken, was ihm in den letzten Tagen völlig entfallen war.

Page 188

Spielte er wirklich nur mit Eileen Lorimer? Hatte er vielleicht nur das Wort, aber nicht den Inhalt seines selbst auferlegten Schwurs befolgt? Andererseits: Könnte es nicht möglich sein, dass Eileen Lorimer kein Interesse mehr an ihm hatte? Mit der Zeit und den Entfernungen zwischen ihnen – war es da nicht durchaus möglich, dass sie sich von ihren Gefühlen für ihn befreit hatte, ihr Interesse an ihm als bloße vorübergehende Verliebtheit erkannt hatte und vielleicht bereits ihre Liebe jemand anderem geschenkt hatte?

Ihm fiel ein albernes kleines Reim aus früheren Jahren ein:
„Liebe mich eng! Liebe mich fest! – Aber
Liebe mich, wenn ich außer Sichtweite bin!“

Und vielleicht, weil Peter in eine seiner nachdenklichen Stimmungen gefallen war, fragte er sich, ob es fair sei, das Flirten mit dem Mädchen, das neben ihm saß, weiterzuführen. Er wusste, dass die Herzen orientalischer Mädchen bei Zärtlichkeit etwas offener sind als die ihrer westlichen Schwestern. Es lag auch nicht in der Natur der Frauen des Ostens, sich intensiv mit der westlichen Form des oberflächlichen Flirtens zu beschäftigen. Das Senken der Lider, das Aufblitzen eines Lächelns – all das hatte in diesem Land Bedeutung und Tiefe.

Flirtete dieses Mädchen mit ihm – oder ging ihr Interesse tiefer? Das war die Frage! Er entschied sich für die zweite Möglichkeit.

Und weil er aus eigener Erfahrung wusste, dass die Herzen der Liebenden manchmal beim Abschied brechen, ließ er schließlich die kühlen, kleinen Hände los und steckte seine eigenen tief in die Taschen.

Es gab keinen guten Grund – abgesehen von seinem eigenen Egoismus –, warum er dem vertrauensvollen jungen Herzen, das so nahe an seiner Seite schlug, Schmerz zufügen sollte.

„Wo wohnt deine alte Großmutter, Kleine?“, fragte er sie unbeschwert, in den möglichst unsentimentalen Tonfall hinein.

„Ich habe die Adresse hier, Birahi“, antwortete sie, griff in ihre Satinbluse und holte ein Stück Reispapier hervor, auf dem einige Zahlen standen.

Page 189

Totenschwarze Symbole der chinesischen Schriftsprache.

„Ein Rikschafahrer kann den Ort natürlich finden“, sagte er. „Jetzt schau mir in die Augen, Kleine, und hör zu, was ich sage.“

„Ich höre aufmerksam zu, Birahi“, sagte das Mädchen.

„Ich möchte, dass du aufhörst, mich Birahi zu nennen. Ich bin nicht deine Liebe – kann niemals deine Liebe sein – und du kannst auch niemals meine Liebe sein.“

„Aber warum, Bi – mein Tapferer?“

„Weil – weil ich ein Böser bin, ein Orang Gila, ein Zerstörer des Guten, ein Mann ohne Herz – oder noch schlimmer: ein Schwarzer.“

„Oh, Allah, was für Lügen!“, kicherte das Mädchen.

„Ja, und außerdem ein Lügner“, erklärte Peter giftig und ließ seine schönen Züge durch einen äußerst finsteren Blick verdunkeln. Flirtete sie mit ihm? „Ein Mann, der in seinem Leben noch nie die Wahrheit gesagt hat. Ein schlechter, sehr schlechter Mann“, beendete er lahm.

„Aber warum sagst du mir solche Dinge, mein Tapferer?“, kam die provokative Antwort.

Sie flirtete mit ihm.

Trotzdem brummte er nur und versank wieder in jene meditativ-lethargische Stimmung, die in letzter Zeit zur Gewohnheit geworden war – wenn auch nicht zu seiner Lieblingsstimmung.

Kurz nach Mittag ratterte der Zug in die engen, schmutzigen Straßen der blühendsten Stadt Chinas ein – geografisch gesehen die „New Orleans“ des Himmelsreiches: Kanton am Perlfluss.

Als Peter und sein etwas amüsierter Schützling auf die Straße traten, warf er einen verstohlenen Blick zurück zur Station – und war verblüfft, nur wenige Meter entfernt den Mann mit dem rot gefärbten, stark gezeichneten Gesicht zu erblicken. Seine blauen Augen glühten, und er näherte sich Peter bedrohlich.

Page 190

Es war eine Situation, die entschlossenes, unverzügliches Handeln erforderte. Peter wies das Mädchen hastig an, zwei Rikschas festzuhalten, und stürzte sich mit geballten Fäusten auf seinen Verfolger – gerade in dem Moment, als dieser seine Hand tief in die Gesäßtasche steckte.

Peter traf ihn genau auf die stumpfe Kante seines roten Kiefers, während er sprang.

Sein Gegner brach stöhnend zusammen, fiel rückwärts und hatte den Ausdruck eines Ochsen im Gesicht, der mitten auf die Stirn getroffen worden war.

Er fiel auf die Hände und blieb regungslos liegen, benommen, murmelnd und bemüht, wieder die Kontrolle über seine Gliedmaßen zu erlangen.

Bevor er sich erholen konnte, war Peter bereits aufgesprungen und in die Rikscha gestiegen. Sie bogen ab und fuhren durch eine enge, schmutzige Gasse in eine noch engere und schmutzigere. Die beiden Träger schrien dabei fluchend, um Platz zu machen.

Nach einem Viertelstunde voller Wendungen und Durchquerung schmutziger Gassen hielten die Träger vor einem Laden aus lehmblauem Stein an.

Nachdem Peter die Träger bezahlt hatte, betrat er den Laden, hielt der Mädchen die Tür auf und schob den Riegel vor, nachdem er die Tür hinter ihr geschlossen hatte.

Er befand sich nun in Gegenwart einer sehr alten, sehr gelben und sehr faltigen chinesischen Frau, die die beiden verwirrt anlächelte, nickte und grinste, während ihre lockigen weißen Zöpfe im Durcheinander auf den Regalen hinter ihr herumflogen.

Es handelte sich um einen Laden, den nur ein Antiquitätensammler entdecken würde – voller Gegenstände aus Bronze, geschnitztem Sandelholz und Teakholz, grotesker und sehr alter Gegenstände sowie glänzender roter, blauer und gelber Perlen sowie alter Gold- und Silbergegenstände.

Auf dem niedrigen, schmalen Tresen hatte sie ein flaches rotes Tablett mit Perlen platziert – zweifellos Imitationen, aber exquisit und perfekt, in allen möglichen Formen: kugelförmig, perlenförmig, knopfförmig – und in den verlockendsten Farben.

Page 191

Doch das kleine Mädchen plapperte ununterbrochen, und auf dem Gesicht der alten Frau zeigte sich allmählich ein Ausdruck größten Erstaunens. In jedem ihrer alten Augen glänzte eine kleine, perlenartige Träne, und sie nahm dieses geliebte Enkelkind aus dem fernen Macassar in ihre dünnen Arme.

Bei diesem Anblick fühlte sich Peter fehl am Platz – wie ein Eindringling, ein Störenfried. Diese Szene war nicht für seine Augen bestimmt. Er war ein Fremder in einem fremden Land.

Während er zögerte und nach Worten suchte, um sich von seinem kleinen Freund zu verabschieden, schnappte er nach Luft. Durch die dicke Fensterscheibe in der Tür sah er den rotgesichtigen Mann – sein Blick ließ Peters mutiges Herz vor Angst erstarren. Würde er durch die Scheibe schießen?

Auch das Mädchen sah ihn. Sie plapperte eine Weile mit ihrer faltigen Großmutter, dann eilte diese zur Tür und schoss einen weiteren Pfeil ab. Aufgeregt zeigte sie auf eine hintere Tür – niedrig und grün, tief in den blauen Stein eingelassen.

Peter sprang darauf zu. Als er sie halb öffnete, sah er einen kleinen Garten, umgeben von niedrigen, grauen Mauern. Er hielt inne. Die Dienerin aus Macassar stand hinter ihm. Sie folgte ihm hinaus und schloss die Tür.

„Birahi“, sagte sie mit ihrer klaren Stimme – und mit einer Reife, die weit über ihr Alter hinausging – „wir müssen uns jetzt trennen – für immer?“

Er nickte, während er an der Mauer nach einem geeigneten Ort zum Springen suchte. „Das ist die Strafe der Freundschaft, Birahi. Hast du etwas dagegen, wenn ich dich in unserem letzten gemeinsamen Moment Birahi nenne?“

„Nein. Keineswegs.“

„Ich bin neugierig – so neugierig – auf den rotgesichtigen Mann und denjenigen mit dem schwarzen Mantel. Doch wir Frauen sind dazu bestimmt, still zu sein. Birahi, ich habe keine Rolle gespielt – ich war wie eine tote Lilie – eine Last. Vielleicht, wenn du in großer Gefahr bist …“

„Ich bin in großer Gefahr, kleines Kind. Der rote Frosch will mein Leben – du musst ihn aufhalten.“

Page 192

„Ich werde mit ihm sprechen! Aber die anderen – der Mann im schwarzen Mantel – was ist mit ihnen? Auch sie wollen das Blut von Ihren Händen haben!“

Peter nickte ängstlich. Er dachte an Romola Borria.

„Ich werde alles tun“, erklärte das Mädchen aus Macassar geduldig.

„Hat Ihre Großmutter ein Sampan, einen zuverlässigen Träger?“

„Aie, birahi! Sie ist reich!“

„Dann soll dieser Träger um Mitternacht mit seinem Sampan am Landesteg in Hongkong sein. Er soll bis zum Morgen warten. Wenn ich bis zum Morgengrauen nicht komme, soll er sofort nach Kanton zurückkehren. Wenn ich bis dahin nicht da bin, bedeutet das –“

„Den Tod?“ Die kleine Stimme zitterte.

Peter nickte.

„Wenn der Mann mit dieser Nachricht zurückkehrt, werden Sie eine kurze Notiz schreiben –“

„An jemanden, den Sie lieben?“

„An jemanden, den ich liebe. In Amerika. Der Name ist Eileen Lorimer; die Adresse: Pasadena, Kalifornien. Sie werden einfach schreiben: ‚Peter Moore ist tot.‘“

„Ah! Das darf ich nicht sagen. Es wird ihr das Herz brechen! Aber Sie müssen jetzt gehen, mein Tapferer. Ich werde mit dem rotgesichtigen Mann sprechen!“

Die grüne Tür schloss sich leise; und Peter blieb zurück, um das Problem seiner Flucht zu lösen – was er in äußerst kurzer Zeit tat. Schon als er mit einem Satz über den Zaun sprang, glaubte er, das Keuchen des rotgesichtigen Mannes hinter sich zu hören.

Er befand sich in einer schmalen Gasse, die bei einer nahegelegenen Biegung aus dem Blickfeld verschwand. Schnell gelangte er an eine etwas breitere Straße. Hastig suchte er nach einem Rikschaf, doch keines war zu sehen.

Page 193

So rannte er blindlings weiter, wendete sich von Zeit zu Zeit an seinem alten Trick, um seine Verfolger zu verwirren. Er tat dies so gut, dass er bald das Orientierungsgefühl verlor – und die Sonne verschwand hinter einer Masse dunkler, unheilvoller Wolken aus seinem Sichtfeld.

Schließlich erreichte er die Stadt der Toten. Er eilte an den mit Efeu bedeckten Mauern vorbei, bog immer wieder ab und schuf so für eventuelle Verfolger einen äußerst verwinkelten Weg.

Er wurde von Arbeitern und schreienden Kindern angepfiffen und verspottet, doch er rannte weiter, ließ die Meilen hinter sich und verlangsamte schließlich sein Tempo; er atmete wie ein erschöpftes Rennpferd.

Auf dem Töpferfeld fand er ein Rikschaf, schätzte, dass er noch Zeit hatte, den Zug nach Hongkong zu erwischen, und ließ sich zur Station bringen. Lebend oder tot – er hatte versprochen, sich um sieben Uhr im Hongkong Hotel bei Romola Borria einzufinden.

Bilder des bösen Gesichts seines feindlichen Gegners mit den roten Zügen waren ständig in seinem Kopf.

Doch er atmete erleichtert auf, als der Zug die düstere, graue Station verließ. Er lehnte sich zurück, ließ seine Gedanken schweifen und begann allmählich zu spüren, dass er zumindest einen Schritt voraus war vor dem „roten Tod“, der ihn seit seinem Aufbruch aus dem sicheren Schutz des Persischen Golfs bedroht hatte.

KAPITEL XII

Die Schatten wurden länger, der Himmel nahm eine intensivere, weiter reichende Blautönung an, als der Zug mit Quietschen in der Kowloon-Station zum Stehen kam.

Peter stieg aus und musterte die Passagiere vorsichtig – doch er entdeckte keinen Hinweis auf seinen feindlichen Gegner mit den roten Zügen. Was hatte dieser nur für ihn vor?

Page 194

Jetzt? Diese Verfolgungsjagd wurde allmählich zu einem Spiel des Versteckens. Doch in Hongkong würde er sich sicherer fühlen. Hongkong war ein Ort zivilisierter Männer sowie fähiger sikhistischer Polizisten, die die chinesischen Menschen verabscheuten.

Er nahm die Fähre über die Bucht in die Stadt, die aus dem lila Wasser schichtweise in Weiß emporragte; anschließend ging er zu Fuß zum amerikanischen Konsulat.

Mit beeindruckender Geschwindigkeit führte der Beamte mit den traurigen Augen ihn zu einem älteren Herrn mit weißen Seitenschnurrbärten sowie der Angewohnheit, ständig seine lange, spitze Nase zu streicheln.

Dieser Mann ließ seine scharfen, ernsten Blicke über Peter wandern – von seinen blonden Haaren bis zu seinen gebräunten Schuhen. Mit respektvollem Ausdruck bereitete sich Peter auf eine scharfe, gründliche Befragung vor.

„Mir wurde mitgeteilt“, begann der amerikanische Konsul und warf Peter einen neugierigen Blick zu – in dem sich auch nicht wenig unverhohlener Bewunderung zeigte, so wie er wohl auf Pancho Villa geblickt hätte, wäre dieser Schurke in sein düsteres Büro gekommen – „mir wurde mitgeteilt“, wiederholte er bedeutungsvoll, „vom Kommandanten des Hilfskreuzers Buffalo, dass Sie einen Besuch in Hongkong planen.“

Er lehnte sich zurück und starrte vor sich hin. Es dauerte einige Momente, bis Peter erkannte, dass der Inhalt dieser Worte bei weitem nicht so wichtig war wie ihre Art des Aussprechens. Die Aussage war eher offensichtlich: Der amerikanische Konsul wollte, dass Peter den Anfang machte.

Peter neigte den Kopf, während er die Aussage langsam verarbeitete. „Kommandant Eckles bat mich, mich bei Ihnen zu melden“, antwortete er respektvoll, „um Befehle entgegenzunehmen.“

Der amerikanische Konsul legte seine Hände fest auf die Kante des Mahagonischreibtisches. „Meine Anweisungen, Herr Moore, lauten, dass Sie China umgehend verlassen sollen. Ich hoffe …“

Page 195

„Warum?“, fragte Peter mit trockener Stimme.

„Das ist eine Angelegenheit, die ich leider nicht mit Ihnen besprechen kann. Der Befehl stammt, so darf ich Ihnen mitteilen, von den höchsten diplomatischen Stellen. Genauer gesagt aus Peking – und vom amerikanischen Botschafter, um noch präziser zu sein.“

Es war Peter völlig klar, dass der amerikanische Konsul keine Ahnung hatte, was hinter diesen Befehlen des amerikanischen Botschafters stecken könnte. Doch sein Gesichtsausdruck verriet Peter deutlich, dass der amerikanische Konsul keineswegs abgeneigt war, mehr zu erfahren.

„Habe ich mich in die legitimen Aktivitäten des Chinesischen Reiches eingemischt?“, fragte er ironisch.

Der amerikanische Konsul strich nachdenklich über seine lange Nase.

„Nun – vielleicht“, sagte er. „Im Großen und Ganzen können Sie das am besten selbst erklären, Herr Moore. Wenn Sie mir Ihre Sicht der Dinge mitteilen würden…“

„Ich habe nichts zu sagen“, entgegnete Peter. „Wenn die US-Regierung glaubt, dass meine Anwesenheit ihren Interessen in China abträglich ist…“

„Vielleicht wurde von einer anderen Seite Druck ausgeübt.“

„Genau“, gab Peter zu.

„Nun, falls Sie mir von Ihren Aktivitäten in den letzten – sagen wir – Monaten berichten möchten, ist es durchaus möglich, dass ich diesen drastischen Befehl irgendwie aufheben kann. Ich werde gerne alle meine Kräfte einsetzen, um Ihnen zu helfen. Da Sie Amerikaner sind, ist es meine Pflicht und Freude – wenn Sie es mir erlauben –, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um Sie wieder in die Gunst jener – nun – ehrenwerten Herren in Peking zu bringen.“

Page 196

Es war allzu offensichtlich, dass hinter den freundlichen Absichten dieses Beamten ein dringendes Verlangen nach Informationen über diesen jungen Mann stand – dessen dunkle Aktivitäten von den höheren Mächten in einem Ausmaß erkannt worden waren, das ausreichte, um die komplizierten Mechanismen der Diplomatie in Gang zu setzen.

Peter schüttelte respektvoll den Kopf, und der Konsul ließ seinen widerwillig bewundernden und neugierigen Blick über die romantische – und nun auch internationale – Erscheinung des Mannes wandern.

„Ich kann nichts sagen“, äußerte er leise. „Wenn der amerikanische Botschafter befohlen hat, dass ich nach Hause zurückkehren soll – dann gehe ich nach Hause! Ich gebe zu, dass ich ursprünglich nicht vorhatte, nach Hause zu gehen, als ich dieses Büro betrat – aber ich respektiere, und werde weiterhin respektieren, die Autorität dieses Befehls.“

„Falls der Präsident beispielsweise verlangen würde, dass Sie weitermachen – nun ja – mit dem, was Sie bisher getan haben, zum Wohle der Menschheit, würden Sie dann ohne Zögern weitermachen, Herr Moore?“

Peter betrachtete das lange, blass wirkende Gesicht aufmerksam. Wusste dieser Mann mit dem unschuldigen Aussehen mehr, als er zugab – oder versuchte er lediglich, mit den sanften Methoden der Diplomatie etwas Information herauszubekommen?

„Sicherlich würde ich das tun.“

Der Konsul stand auf, mit einem gleichgültigen Lächeln, und streckte ihm die Hand entgegen.

„Es war erfreulich, jemanden kennenzulernen, der in der vergangenen Woche in diplomatischen Kreisen zu einer so bemerkenswerten – und, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen – so schwierigen Persönlichkeit geworden ist. Auf Wiedersehen, Sir!“

Peter ging die Desvoeux-Straße entlang, in einem Zustand geistiger Distanziertheit. Eine Woche! Nur eine Woche war seit seiner Abreise aus Batavia vergangen – eine Woche, seit er den Gesandten des Grauen Drachen über Bord geworfen hatte. Er kam zu dem Schluss, dass seine Anwesenheit auf vielfältige Weise aus dem Land der Dunkelheit und des Misstrauens beseitigt werden könnte.

Wie hatte der Graue Drache Druck auf den amerikanischen Botschafter ausgeübt – einen Mann von höchstem Ansehen, mit außergewöhnlichen und patriotischen Eigenschaften?

Page 197

Die Antwort schien zu sein, dass sich die Windungen des Grauen Drachen überall ausdehnten – wie eine tinteartige Flüssigkeit, die in jede Spalte und Ritze ganz Asiens eingedrungen war.

Er hatte immer noch den Befehl, J. B. Whalen, den Leiter von Marconi, aufzusuchen. Dieses Verhör wollte er gerne verschieben.

Er besuchte das Büro von Pacific Mail und stellte fest, dass der „König Asiens“ am nächsten Morgen bei Tagesanbruch in die Vereinigten Staaten abreisen würde. Er buchte einen Platz für sich.

KAPITEL XIII

Es fehlten noch ein paar Minuten bis sieben, als Peter mit dem Aufzug in das zweite Stockwerk des Hong-Kong Hotels fuhr und sich zwischen den dicht beieinanderstehenden Tischen zum Balkon an der Desvoeux Road durchschlug.

Romola Borria war noch nicht zu sehen.

Er wählte einen Tisch mit Blick auf den Eingang, spielte mit der Speisekarte, bestellte gedankenlos einen Scotch Highball und musterte langsam die Gäste an den umliegenden Tischen. Er fühlte sich vage verärgert, etwas unruhig – ohne jedoch den Grund dafür erkennen zu können.

Für einen Moment bereute er seine Kühnheit, sich den neugierigen Blicken der Hongkonger Gesellschaft auszusetzen – einer Gesellschaft, in der unweigerlich auch viele seiner Feinde anwesend sein würden. Es ließ sich nicht leugnen, dass zahlreiche Augenpaare ihn über Teetassen, Weingläser und Fächer hinweg aufmerksam betrachteten.

Doch es handelte sich dabei größtenteils um Frauen, und Peter war mehr oder weniger unempfindlich gegenüber den neugierigen, strahlenden Blicken dieses Geschlechts.

Seine Kleidung war für diese Gelegenheit etwas zu ausgefallen; außerdem trugen die anspruchsvolleren männlichen Gäste offensichtlich keine Sarongs.

Page 198

Die Musik beeinflusste auf beeindruckende Weise die düstere Schwärze der Abendanzüge. In allen Hotels in Hongkong ist es üblich, zum Abendessen Abendkleidung zu tragen – und Peter fühlte sich in seinem Seidenanzug, mit seinen flachen Schuhen und dem weichen Kragen armselig und minderwertig.

Eine Orchestergruppe von bemerkenswerten Ausmaßen spielte in der feuchten, warmen Atmosphäre irgendwo hinter einem fernen Palmenhain „Un Peu d’Amour“. Außerhalb von Peters Sichtweite klagte eine leidenschaftliche, metallische Tenorstimme: „Jaw-s-s-st a lee-e-e-edle lof-f-ff – A le-e-e-edle ke-e-e-e-e-e-s…“

In seiner Unruhe wünschte sich Peter, dass sowohl das laute Orchester als auch die leidenschaftliche Tenorstimme hinter einer schallgedämpften Steinmauer verborgen wären.

Während er die Reste seines Getränks trank, ertönte neben ihm ein leises Gemurmel. Er stand auf, um Romolas blasses, müdes Gesicht zu sehen. Sie reichte ihm schwach ihre Hand und setzte sich ihm gegenüber. Ihre Blicke wanderten von Tisch zu Tisch; gelegentlich nickte sie etwas steif und unpersönlich, wenn sie jemanden erkannte.

„Siehst du“, lächelte er sie an, während sie sich zurücklehnte und ihn mit einem Blick voller zärtlicher Besorgnis ansah, „siehst du, meine Liebe – ich bin hier, unbehelligt. Fast zwölf Stunden sind vergangen, seit du jenen warnenden Ton ausgestoßen hast. Ich habe noch immer nicht das Gefühl des Entsetzens verspürt, das kurz vor dem Tod entsteht, wenn ein Dolch zwischen meine Rippen gleitet.“

Sie nahm dies mit einem fast gleichgültigen Nicken zur Kenntnis.

„Einfach weil ich sie überredet habe, deine Haftzeit bis eins Uhr zu verlängern. Wenn du noch länger in China bleibst, hast du – und muss ich sagen, dass das auch für mich gilt – noch sechs Stunden Zeit, um zu scherzen, zu lachen, zu lieben – um zu leben!“

„Dafür bin ich, wie immer, wenn mir jemand einen Gefallen tut, äußerst dankbar“, sagte Peter in guter Laune. „Dennoch habe ich heute, seit wir uns heute Morgen getrennt haben, bereits ein Duell mit Pistolen zwischen Booten geführt – gegen einen deiner bewundernswerten Kollegen…“

Page 199

„Ja, ich habe davon gehört. Aber das war’s auch schon. Du hast seinen Sampan zerstört.“

„Und auf dem Bahnhof in Kanton – wenn man mir verzeihen will, dass ich widerspreche – bin ich auf den Rotgesichtigen gestoßen. Um Ihnen etwas zu sagen, was Sie vielleicht bereits wissen: Ich habe ihm ins Kinn geschlagen, diesen verdammten Kerl!“

Sie schien besorgt zu sein.

„Sie müssen sich irren.“

Peter schüttelte entschieden den Kopf. „Ein cholerischer Herr, der von Geburt an die Angewohnheit hat, nach seiner Hosentasche zu greifen“, fügte er hinzu.

Sie betrachtete ihn mit großen, nachdenklichen Augen. „Er muss aus dem Norden stammen. Einige von ihnen kenne ich nicht. Aber alle wurden informiert.“

„Dass ich bis zum Morgen nächsten Tages leben und lieben darf?“

Sie nickte.

Das ehrgeizige Orchester sowie der leidenschaftliche Tenor hatten wieder den Chor von „Un Peu d’Amour“ erreicht.

„Ich könnte dir mein ganzes Leben für diese Momente geben…“

„Schlecht gesungen, aber passend“, kommentierte Romola Borria.

Peters Gesichtsausdruck wurde zu einem Fragezeichen.

„Das bedeutet vielleicht, dass ich dir mein ganzes Leben für – das hier – gebe“, erklärte sie.

„Für diese wenigen Minuten, in denen wir plaudern, Liebe machen und glücklich sein werden?“, fragte Peter empört. „Meine Liebe –“ Er streckte seine Hand nach ihr aus, und sie ließ zu, dass er sie berührte, ohne Widerstand. „Ich würde auch mein ganzes Leben für diese wenigen Minuten mit dir geben. Weißt du – du bist heute Abend einfach bezaubernd! An dir ist etwas – etwas Unwiderstehliches – für mich!“

Page 200

„Dir?“
„Ja“, sagte er mit tiefer, aufrichtiger Stimme. „Ich würde um die ganze Welt reisen und mein Leben zu deinen Füßen legen – so.“ Und er legte seine Knöchel auf den weißen Stoff, als wären es Knie.

„Ah! Aber das meinst du nicht wirklich!“
„Wenn ich verliebt bin, meine ich alles!“
„Ich weiß. Du bist launisch. Fräulein Lorimer – Fräulein Vost – Romola – sie kommen, sie lieben, sie gehen wieder, genauso unvermeidlich und systematisch, wie das Leben dem Tod folgt und der Tod dem Leben.“

„Ich wünschte, du würdest nicht so leichtfertig über den Tod sprechen“, entgegnete er und überlegte, wie er sie aus dieser düsteren Stimmung holen könnte.

„Aber der Tod ist ständig in meinen Gedanken – Peter. Wenn du gegangen bist …“
„Romola, ich weigere mich, belehrt zu werden.“
„Sehr gut; dann weigere ich mich, über etwas anderes als Liebe und Tod zu sprechen.“
„Ausgezeichnet, meine Liebe! Erzähl mir jetzt, wie es sich anfühlt, wenn man sich in diesem ‚himmlischen‘ Zustand befindet.“
„Sehr hoffnungslos, Peter – denn der Tod, verstehst du, ist direkt auf den Fersen meiner Liebe.“
„Meinst du – mich?“
„Nein – mein Herz. Der Tod der Liebe und der Tod des Lebens folgen meiner Liebe. Jetzt möchte ich wieder zum Thema von vorhin zurückkehren. Peter, halte meine Hand nicht. Diese Frau starrt uns an. Du hast gesagt – du hast gesagt, du würdest um die Welt reisen, um mich zu sehen, um mir vielleicht zu helfen, falls ich in Schwierigkeiten wäre. Du meintest es nicht ernst.“

Page 201

„Ich schwöre es!“
„An jenem Tag im Persischen Golf – an jenem Tag, an dem ich dir von deinen jüngsten Abenteuern sowie deinen scheinbar wundersamen Entkommenen erzählte, wollte ich dich fragen…“
„Seherin, ich bin ganz Ohr.“
„Ich wollte dich um einen Gefallen bitten – einen äußerst wichtigen Gefallen, eine Alternative.“
„Die Reise nach Nara?“
„Ja; eine Alternative dazu. Sag mir ehrlich, wie sehr du den Mann in Len Yang wirklich hasst. Warte – antworte mir noch nicht. Hasst du ihn wirklich aus tiefstem Herzen, wie du vorgibst, oder gibst du einfach nur deiner Eitelkeit, deinem Stolz auf diese quixotischen Taten nach? Im Grunde bringt das, was du tust, kaum Geld ein. Wenn du diese Abenteuer etwas anders angehst, könntest du vielleicht in die Lage kommen, für die Mühen und Gefahren, die du auf dich nimmst, belohnt zu werden. Das meine ich.“
„Ich gebe zu, ich hasse kein Geld“, sagte Peter mit gerunzelter Stirn und versuchte vergeblich, ihre Absichten zu durchschauen.
„Es wäre doch so einfach für dich, innerhalb weniger Jahre genug Geld zu verdienen – wie soll ich das sagen? – indem du ‚nett‘ bist. Warte! Ich bin noch nicht fertig. Du hast gesagt, ich sei eine besondere Gesandte von ihm. Du hast ins Schwarze getroffen – viel mehr, als du dachtest. Oh, ich gebe es zu! Ich wurde nach Batavia geschickt, um dich zu treffen, um dich abzufangen – und, um ehrlich zu sein, um dir deine Bedingungen zu stellen.“
„Von ihm?“
„Ja. Er hat dich beobachtet. Er kann dich nutzen – und oh! Wie sehr er dich, deine Kühnheit sowie diesen unbesiegbaren Kampfgeist in dir begehrt! Er braucht dich! Er will dich mehr als jeden anderen Mann, den er je gekannt hat! Und er wird dich bezahlen! Nenne deinen Preis! Eine halbe Million Gold pro Jahr? Pah! Das ist für ihn ein Tropfen auf den heißen Stein!“

Page 202

„Tu’s nicht“, flehte Peter flüsternd. „Bitte – hör auf.“

Sein Gesicht war fast so weiß wie die Tischdecke, und seine Lippen zitterten, aschfahl.

„Gott! Ich setze immer wieder mein Vertrauen in dich – und jedes Mal zeigst du mir Verrat, tiefer und grausiger als zuvor. Bitte hör auf. Ich versuche, so gut ich kann, deine Situation in diesem elenden Durcheinander zu verstehen – und nach einer Entschuldigung dafür zu suchen. Für dich! Doch es ist schwer. Verdammt, unglaublich schwer. Lass uns uns trennen! Lass uns vergessen! Seien wir einfach nur Erinnerungen füreinander – Romola!“

Auch ihr Gesicht hatte seine Farbe verloren, als würde das Leben aus einer Rose weichen, wenn ihr Stiel bricht. Ihre Hand suchte ihren Hals und tastete dort herum, wie sie es immer in Momenten der Nervosität tat; außerdem klopfte sie mit einem Silbermesser auf die Tischdecke. Sie starrte ihn neugierig an, während das letzte Licht in ihren Augen erlosch.

„Dann kann ich nur hoffen – eine winzige Hoffnung –, dass ich dich dazu bringen kann, mir den Gefallen zu tun, den ich ursprünglich von dir bat. Ich lege ihn dir nun vor: meine Bitte um diesen Gefallen – meine letzte Hoffnung. Du kannst das nicht ablehnen. Du darfst es nicht! Du behauptest doch, ritterlich zu sein. Nun, lass mich dich auf die Probe stellen!“

KAPITEL XIV

„Romola, ich habe Nara schon vor langer Zeit abgelehnt.“

Sie hob den Kopf.

„Eine Frau sollte nur einmal erfahren müssen, dass ihre Liebe nicht gewünscht wird. Das meinte ich nicht.“

„Ah! Noch ein Plan! Dein kleiner Verstand ist wirklich eine Maschine voller Ideen. Erstaunlich! Mach weiter.“

Page 203

„Nein“, sagte sie ziemlich mürrisch auf diese Worte voll Bitterkeit, „es ist eine Variante meines Plans. Wenn du mich nicht nach Nara begleiten willst, muss ich allein gehen. Ich brauche Geld. Verstehst du? Ich habe kein Geld. Der König Asiens reist morgen bei Tagesanbruch nach Japan. Ich werde nie wieder nach China zurückkehren. Wirst du – mir helfen?“

„Was meinst du damit? Soll ich in das Haus einbrechen und dir beim Rauben helfen?“

„Es gibt keinen anderen Weg. Das Geld liegt in einem Schreibtisch, abgeschlossen. Ich bin nicht stark genug, um das Schloss zu öffnen. Du kannst es. Außerdem sind da noch einige meiner Papiere –“

„Romola, wird dir das die Zufriedenheit bringen, die du dir wünschst?“, fragte er streng.

„I-ich glaube schon. Ich hoffe es.“

„Dann werde ich dir helfen.“

„Oh, Peter, wie kann ich –“

Er hob die Hand. „Siehst du, meine Liebe, du kannst mich nicht so leicht erschrecken. Du kannst mich auch nicht bestechen, Romola. Aber du kannst auf meine Schwäche pochen –“

„Eine Frau in Not – deine Schwäche!“ Doch in ihrer Stimme und in ihren Augen lag kein Spott. Es klang eher wie ein Flüstern des Bedauerns.

„Romola, wirst du einer Frage antworten?“

„Ich werde es versuchen!“

„Warum werden schöne Frauen – Mädchen – aus allen Teilen der Welt entführt, um in dieser Mine zu arbeiten?“

Romola sah ihn seltsam an. „Ich weiß es nicht, Peter.“

Sie begannen zu essen, und geschickt lenkte Peter das Gespräch in eine leichtere Richtung. Es war fast zehn, als sie aufbrachen; der Speisesaal war fast leer.

Page 204

Verlassen und sie brachen in guter Stimmung auf – ihr Arm lag in seinem, ihr Lächeln fröhlich und offensichtlich aufrichtig.

„Wir müssen bis Mitternacht warten“, informierte sie ihn. „Er wird schlafen; die Diener werden sich bereits zurückgezogen haben.“

Peter schlug vor, mit einem Rikschaf durch die chinesische Stadt zu fahren, um die Zeit zu überbrücken, doch das Mädchen lehnte ab und änderte den Vorschlag in eine Fahrt mit der Straßenbahn nach Causeway Bay. Er stimmte zu, und sie nahmen ein Fahrzeug vor dem Hotel und setzten sich auf die Sitze auf dem Dach.

Er fühlte sich glücklich, erregt von der Aufregung wegen der drohenden Gefahr. Sie war schlecht gelaunt. Im hellen Mondlicht am kristallklaren Strand in Causeway Bay versuchte er, sie zum Tanzen zu bewegen. Doch sie stieß seine Arme weg. Peter spürte plötzlich das Gewicht einer dunklen Einflusskraft – er wusste nicht, was es war –, wurde still, und sie fuhren zurück zur Straße am Gipfel, ohne viel zu sprechen.

Kurz nach Mitternacht stiegen sie aus den Sänften auf dem gewundenen Pfad neben dem Bahnhof am Gipfel aus. Als sie einander gegenüberstanden, verschwand der weiße, hagere Mond hinter einer wirbelnden schwarzen Wolke – der Himmel wurde dunkel, und die Nacht um sie herum war finster.

Sie nahm seinen Arm und führte ihn an den trüben Mauern der alten Festung vorbei, den steilen, felsigen Weg hinauf, der ab und zu von geheimnisvollen Lichtpunkten schwach erhellt wurde.

Schließlich kamen sie an einen hohen, schwarzen Zaun. Vorsichtig tasteten sie sich daran entlang, bis sie eine Spalte fanden. Er hielt die Zweige beiseite, während sie hindurchkletterte – dabei war ein leises Rascheln ihrer seidenen Röcke zu hören. Er folgte ihr.

Im schwachen, gespenstischen Licht der Wolken, hinter denen der Mond schwebte, erkannte er unheilvolle Formen: dürre Bäume und niedrige, kümmerliche Büsche.

Page 205

Hand in Hand, mit einem Herzschlag, der sehr laut zu hören war, und Atem, der trocken in seiner Kehle brannte, näherten sie sich dem verlassenen, düsteren Haus – ihrem Zuhause!

Eine niedrige Veranda, vielleicht ein Salon, erstreckte sich entlang des Flügels, und zu dieser leichten Erhebung führte das Mädchen ihn heimlich, ohne dass auch nur ein trockener Zweig unter ihren Füßen knackte. Dabei spähte sie von links nach rechts, auf der Suche nach Anzeichen dafür, dass ihr Besuch entdeckt worden war.

Doch das Haus war still, groß und düster – genauso still wie die Hallen des Todes.

Sie stiegen auf die niedrige Veranda. Das Mädchen strich mit ihren Fingern über das Fenster, das auf den eingezäunten Garten hinausging, und zog das Fenster langsam, Zoll für Zoll, auf – bis es weit offen stand.

Er folgte ihr in einen Raum, der so dunkel war wie schwarzer Samt; er war erfüllt von den unbeschreiblichen, modrigen Gerüchen eines orientalischen Hauses sowie von einer fast sinnlichen Düsternis, einer mystischen Trostlosigkeit und einer Weite, die keine Grenzen kannte.

Als Peter vorsichtig voranschritt, war er von dem Gefühl der Unendlichkeit beeindruckt – fast erschrocken – und ihm wurden die riesigen, gewaltigen Proportionen des Raumes bewusst.

In der Nähe tickte eine Uhr, langsam und düster – als wäre jedes metallische Klicken der alten Zahnräder das Letzte, was zu hören sein würde, wie das pochende Herz eines Mannes in den Armen des Todes. Dieser Laut, wie ein lautes Klirren, schien den ganzen Raum zu füllen.

Und er war allein.

Plötzlich leuchtete ein gelbes Licht in den dunklen Ecken der hohen Decke – Peter sprang zurück, die Hand sofort auf dem Automatikgewehr in seinem Mantel, das an einem Ledergürtel hing.

Auf der anderen Seite des großen Raumes hob das Mädchen ihre Hand und wies auf einen Schreibtisch von gigantischem Ausmaß, aus Ebenholz oder Lignum Vitae gefertigt.

Page 206

Er fand sich im Zentrum eines riesigen Mandarinenteppichs wieder – mit Schriftzügen und grotesken Mustern in leuchtendem Blutrot, Blau, Gelb und Braun. Er warf einen kurzen Blick durch den Raum, bevor er sich der Aufgabe widmete.

Die Wände dieser „Höhle“ bestanden aus Satin sowie unschätzbaren Teppichen, die regungslos in der düsteren Stille hingen. Massive Möbelstücke – Stühle, Tische, Sessel – aus Teak, Ebenholz und dunklem Mahagoni, mit tiefen Verzierungen, auffälligen Gargoyle-Statuen sowie abscheulichen Masken – waren offensichtlich ohne jeglichen Plan angeordnet.

An der gegenüberliegenden Wand stand eine riesige Uhr aus geschnitztem Rosenholz; sie tickte schwerfällig, fast schmerzhaft – als wäre jedes Ticken ihr letztes.

Peter kauerte vor dem Schreibtisch und untersuchte das schwere Schloss der Schublade. Von dem Mädchen nahm er ein Werkzeug entgegen – einen dicken, kurzen, stumpfen Meißel. Er steckte die stumpfe Kante dieses Instruments in die enge Spalte –

Ein gedämpftes Schluchzen, ein Stöhnen, ein erstickter Schrei!

Er sprang auf, griff in seinen Mantel – seine Finger umklammerten den Griff der Pistole; sie waren eiskalt.

Romola Borria kauerte da, zuckte zusammen, als wolle sie sich vor dieser schrecklichen Szene verstecken. Sie starrte ihn mit einem Ausdruck wilder Bitte, Entsetzens – und des Todes an!

Von drei Punkten entlang der Wand zu seiner Linken glänzten die blauen Läufe von Revolvern!

Peter kniete nieder, sprang zurück, zielte instinktiv und schoss auf das einzige gelbe Licht an der Decke.

Dunkelheit. Eine unsichtbare Gestalt bewegte sich. In der Ferne klirrte Metall auf Holz – und Metall auf Metall. Dunkelheit, schwarz wie das Grab – und genauso unheilvoll.

Page 207

Ein weißer, runder Fleck blieb auf seiner Netzhaut sichtbar und verblasste langsam – das Zifferblatt der Uhr. Die Zeiger, wie schwarze Dolche, zeigten zehn Minuten nach eins. Zehn Minuten Lebenszeit! Zehn Minuten, um zu leben – oder weniger?

Stille – unterbrochen nur vom widerwilligen Klick-Klack des Rosenholzuhrs.

Wenn er nur zum Fenster gelangen könnte! Dann ertönte ein leises, krampfhaftes Weinen ganz in seiner Nähe. Das Mädchen suchte nach seinem Arm. Sie zitterte so sehr, dass sein Arm darunter bebte.

„Deine letzte Karte!“, flüsterte er. „Der letzte Trick! Gott! Verdammt nochmal, hol mich hier raus!“

„Ich kann nicht. Ich – oh, Gott! Töte mich! Ich habe dir jede Chance gegeben. Sie haben mich gezwungen – mich gezwungen, dich hierherzubringen. Sie hätten mich erwürgt, genauso wie den anderen!“ Sie schien sich zu beruhigen, während er mit wachsender Entsetzung zuhörte.

„Sicherheit!“, stöhnte er. „Sicherheit für dich – Tod für mich! Du hast mich in ihre Hände geführt, und ich – ich habe dir vertraut. Ich habe dir vertraut!“

Diese teuflische Frau legte eine kalte, feuchte Hand auf seine Lippen.

„Sei still! Wenn sie, wenn er auch nur ahnt, dass ich mich um dich kümmere, dass ich dich liebe, bedeutet das meinen Tod. Ich wurde gezwungen – gezwungen, dich hierherzubringen. Verstehst du das nicht? Und selbst wenn er es nur ahnt… Aber du hattest deine Chance. Du hattest deine Chance!“

Fast hysterisch versuchte sie, ihre Tat, ihren Verrat, zu entschuldigen.

„Steh auf und stelle dich ihnen. Empfange deinen Tod! Flucht ist – unmöglich! Unmöglich! Sie beobachten dich wie eine Ratte. In einem Moment werden sie wissen, dass du diesen Druck nicht länger aushalten kannst! Stelle dich ihnen, sage ich! Zeig ihnen, dass——“

Peter stieß sie angewidert von sich weg; sie lag regungslos da und wimmerte nur noch.

Page 208

Doch die Dämonen der Dunkelheit – wo waren sie? Langsam, immer langsamer, tickte die Rosenholzuhr ihre Sekunden herunter. Es musste fast ein Uhr sein.

Um eins – eine Chance zum Kämpfen?

KAPITEL XV

Er kauerte auf Händen und Knien und begann, Zentimeter für Zentimeter in Richtung des Frühstücksfensters zu kriechen, wobei er die Pistole über den dicken SatinTeppich zog. Er erreichte das Fenster – es war noch einen Spalt offen. Tief unten funkelten die Lichter von Hongkong, die Lichter der Schiffe, die im Hafen lagen, sowie das Glitzern von Kowloon jenseits der Bucht. Da draußen gab es Leben!

In seiner Nähe knarrte ein Brett, in Richtung des dunklen Raumes. Er drehte sich um, zielte blindlings und schoss!

Der Boden erzitterte, als eine unsichtbare Gestalt in seiner Reichweite zusammenbrach und sich wand. In seinen Händen befand sich der ölige, dicke Zopf eines Arbeiters.

Plötzlich spuckte die Wand wütende, korrosiv rote Flammen aus.

Ein glühend heißes Eisen schien durch das Fleisch seines linken Arms zu dringen. Der Schmerz erreichte seine Schulter. Sein linker Arm war nutzlos – der Knochen war gebrochen!

Stöhnend drückte er sich zurück. Seine Knie stießen gegen den Fensterrahmen, rutschten daran herunter – er spürte die raue, abgeblätterte Farbe der Veranda. Er erreichte den Vorsprung, fiel zu Boden. Beim Fallen entglitt ihm die Pistole, da sie an einem vorspringenden Teil des Bodens hängen blieb und in die Dunkelheit rollte.

Er kroch danach, murmelnd, während seine Hände durch das Gras tasteten.

Page 209

Licht schimmerte im Raum oben. Es waren Geräusche eines Kampfes zu hören – das Schleifen von Füßen, ein gedämpfter Fluch, ein kurzer Schrei.

Peter sprang zurück, blickte nach oben und war bereit, zum Weg zu stürmen.

Ein gelbes Licht im Raum zeichnete die schlanke Gestalt von Romola Borria gegen das Frühstücksfenster ab. Ihre Arme streckten sich verzweifelt in die Dunkelheit, zu ihm hin.

„Warte!“, rief sie mit schrecklicher Stimme. „Ich liebe dich! Warte!“

Bei diesem Geständnis wurde eine Hand, die scheinbar in der Luft schwebte, langsam hinter ihr erhoben. Die Hand verharrte hoch über ihrem Kopf. Ein Gesicht erschien im leuchtenden Raum über ihrem Kopf – ein böses Gesicht, geprägt von grauenhafter Brutalität, mit einem bedrohlichen Grinsen; und über den zuckenden Lippen dieses Mannes befand sich ein schwarzer Auswuchs – ein Schnurrbart, spitz wie zwei schwarze Dolche.

Emiguel Borria – ein fanatischer Diener des Grauen Drachen? Emiguel Borria, der Ehemann des Mädchens Romola?

Emiguel Borria – in dessen erhobener Hand Peter nun den Glanz einer Pistole sah – versuchte, das Mädchen beiseitezudrängen. Doch sie hielt stand. Diese Frau, die Peter bereits mehrmals getäuscht hatte, die ihn absichtlich und aufgrund ihres eigenen Geständnisses in diese Falle gelockt hatte, durchkreuzte nun auf weibliche Weise den ausgeklügelten Plan ihres Meisters.

In einem Anfall von Wahnsinn drehte sie sich zu Emiguel Borria um, ergriff den weißen Lauf der Pistole mit beiden Händen und presste ihn gegen seine Seite. Kleine rote Flammen schossen zu beiden Seiten des Zylinders hervor und bildeten einen rauchigen Kreis dort, wo die Mündung kurzzeitig im verdrehten schwarzen Mantel verschwand. Emiguel Borria schien in den großen Raum hineinzusinken und völlig aus Peters Sichtfeld zu verschwinden.

Romola neigte sich tief in die Dunkelheit.

„Lauf! Lauf! Um deines Lebens willen!“

Page 210

Und als Peter zu laufen begann, um dem fragwürdigen Schutz der befestigten Straße zu entkommen, feuerten andere Männer des Grauen Drachen, die für eine solche Situation bereitstanden, einen Regen von Kugeln aus den angrenzenden Fenstern ab.

Doch die Götter standen vorerst auf Peters Seite – alle Schüsse gingen fehl.

Zitternd, mit klappernden Zähnen und hervortretenden Augen stürmte Peter durch den dichten Busch, rannte auf die Straße hinaus und weiter die Straße entlang, die in Abständen von geheimnisvollen Lichtpunkten erhellt wurde.

Er erreichte die Haltestelle – seine Schritte kamen ihm schwer und schleppend vor. Die Uhr an der Haltestelle zeigte, als er daran vorbeirannte, ein Uhr an.

Er stürzte den ersten steilen Abschnitt des Weges hinunter, fiel, stand wieder auf – staubbedeckt und benommen – wobei sein linker Arm grotesk herumschwang, während er weiterlief.

Hinter ihm schien er die Anwesenheit eines Begleiters zu spüren – eines stillen Rikschas, das von einem grausigen Insassen bewegt wurde; und eine Stimme, die Stimme von Romola Borria, schrill und furchterregend in seinen Ohren, rief: „Warte! Oh, warte!“

Doch dieses Phantom war realer, als Peter sich vorstellen konnte.

Es war einfach schrecklich, völlig absurd – wie Peter stolperte, fiel und weiter den Hügel hinunterstolperte, an den Teichen vorbei, die unter ihren Leuchtanlagen grün glänzten.

Wie er es in diesem schrecklichen Zustand schaffte, die Queen’s Road zu erreichen, kann ich nicht beschreiben. Er rannte die leere Straße entlang – dabei riefen die grob geweckten Sikhs aufgeregt zu Allah, er solle anhalten!

Doch er rannte weiter, geradewegs die schlammige Straße entlang, an dem nun für die Nacht verdunkelten Hong Kong Hotel vorbei und am Bund entlang.

Page 211

Würde die Sampan warten? Andernfalls würde er nun direkt in die wartenden Klingen der Männer des Grauen Drachen laufen. In ganz Victoria Harbour gab es in dieser Nacht kein sicheres Boot – außer einem. Würde dieses Boot warten? Auf diese einzige Hoffnung setzte er seine Sicherheit, seinen Versuch, am Leben zu bleiben.

Er eilte auf den Steg hinaus.

Wo konnte er Zuflucht suchen? Den Persischen Golf? Den König Asiens? Das transpazifische Passagierschiff lag weit draußen; es glänzte im Licht der hellen, weißen Scheinwerfer an Bug und Heck, während Ladung von kleinen Booten geladen und im geräumigen Laderaum verstaut wurde.

Doch er musste schnell handeln – denn in ganz China gab es in dieser Nacht keine Sicherheit für ihn.

Ein Schatten sprang auf den Steg, direkt hinter ihm. Doch Peter sah diesen „Geist“ nicht.

Der Sampan-Arbeiter, der auf dem kleinen Vorderdeck seines Bootes schlief, zitterte und murmelte in seinen seltsamen Träumen. An seiner Kleidung sowie an der Pracht der Polsterung des großen Bootes erkannte Peter, dass es sich um das Boot handelte, das ihm das kleine chinesische Mädchen geschickt hatte.

Peter sprang an Bord und weckte den Arbeiter mit einem Schrei.

Aus dem Eingang zur kleinen Kabine tauchten dunkle Gestalten auf; im Licht der gelben Lampen auf dem Steg erkannte Peter, dass es sich um die Dienerin aus Makassar und ihre alte Großmutter handelte.

Im Inneren der Kabine brannte ein Feuer; Peter folgte dem Mädchen in die kleine Kabine aus poliertem Teak. Die alte Frau erteilte dem Arbeiter scharfe Befehle.

Wie ein Tier, das in die Enge getrieben wurde, kauerte Peter da; im Licht des Feuers starrte er benommen in ein wütend rotes Gesicht – ein Gesicht, das vom Wetter gezeichnet war, aus dem zwei blaue, blutunterlaufene Augen blickten.

Page 212

Das Mädchen sagte nichts, während sie sich an seine Seite kuschelte, und Peter ließ seinen Kopf zwischen seine Hände sinken.

Doch seltsamerweise schoss der rotgesichtige Mann nicht und machte auch keine Anstalten, ihn zu erstechen.

Peter blickte auf und knurrte trotzig.

„Du hast mich in die Enge getrieben“, flüsterte er hart. „Es ist nach eins – die Bewährungsfrist ist abgelaufen. Warum die Qual verlängern? Verdammt nochmal, ich bin unbewaffnet!“ Er schloss wieder die Augen.

Wieder war kein warnendes Klicken zu hören, kein Geräusch von Stahl, der aus der Scheide gezogen wird.

Der rotgesichtige Mann packte ihn am Schulter und schüttelte ihn.

„Sag mal, du junger Kampfkünstler“, stammelte er, „bist du betrunken? Verrückt? Oder einfach nur vorübergehend verrückt geworden? Wer hat denn etwas von der Verlängerung der Qual gesagt? Von welcher Qual redest du überhaupt? Warum zum Teufel hast du den ganzen Tag über in Südchina versucht, mir auszuweichen? Du verdammter kleiner Wildkatze! Ich habe eine Aufgabe für dich: Der Funker des Königs von Asien liegt mit Typhus im Peak Hospital. Ich will, dass du sie nach Frisco bringst! Verdammt nochmal, du kleiner Idiot!“

Das graue Gesicht der Großmutter des Mädchens erschien im Einstieg. Sie wirkte verärgert und wütend. Sie sagte etwas im Kantonesischen, was Peter nicht verstand.

„Ein Sampan folgt uns“, übersetzte das Mädchen mit ihrer leisen Stimme, „aber wir sind fast da. In Kürze wirst du in Sicherheit sein.“

„Wo?“, fragte Peter und spähte über die Schulter des rotgesichtigen Mannes, um einen Blick auf den anderen Sampan zu werfen.

„Beim König von Asien“, antwortete sie ihm. „In Kürze, Birahi, in Kürze.“

Ihr Tonfall war der einer kleinen Mutter.

Page 213

Doch Peter starrte ängstlich auf das rote Gesicht und versuchte, eine Erklärung zu verstehen.

„Ich habe dem Mann mit dem roten Gesicht gesagt, er soll auch um Mitternacht hier sein“, flüsterte das Mädchen ihm ins Ohr. „Er ist gekommen. Er ist ein Freund. Deine Ängste waren unbegründet, Birahi.“

Die Sampan schwankte und schabte über eine raue, metallische Oberfläche.

Das gelbe Gesicht der alten Frau erschien wieder im Luk. Ein Strahl grellen, weißen Lichts drang in die Kabine ein. Er kam von irgendwo oben. Peter hörte nicht mehr das Knarren und Rascheln des Bootes, und die Kabine neigte sich auch nicht mehr von einer Seite zur anderen. Er vermutete, dass die Sampan längsseits lag.

Die alte Frau gab ihm ein Zeichen, herauszukommen.

„Ich komme nicht an Bord; ich gehe zurück in mein Hotel“, sagte der Mann mit dem roten Gesicht. „Sie werden dieses Schiff nicht verlassen? Versprechen Sie es mir?“

„Ich verspreche es“, sagte Peter ernst. „Sie sind wohl Herr J. B. Whalen, der Leiter von Marconi?“

Der Mann mit dem roten Gesicht nickte. Als wäre es ein vorher abgesprochenes Plan, kletterte Whalen nach kurzem Zögern aus der Kabine und ließ Peter allein mit dieser sehr kleinen, sehr sanften Wohltäterin. Er wollte ihr danken – und versuchte es. Doch sie legte ihre Finger auf seine Lippen.

„Sie gehen zu der Person, die Sie lieben, Birahi“, sagte sie mit ihrer hellen, klaren Stimme. „Bevor wir uns trennen, möchte ich, dass Sie –“ Sie zögerte. „Kommen Sie schon, mein Mutiger“, fügte sie mit einem Versuch zur Geschwindigkeit hinzu. „Sie müssen gehen. Schnell!“

Peter entdeckte die Seitenleiter des „King of Asia“, die vom oberen Deck des Ozeandampfers herabhing. Er setzte seinen Fuß auf die unterste Sprosse und zögerte. Es gab unzählige Entschuldigungen, Dankesworte und Abschiedsworte, die ausgesprochen werden mussten.

Page 214

Doch er fühlte sich verwirrt. Die leichte Entspannung der letzten Minuten hatte ihn erschöpft, und sein Gehirn war von Nebel umhüllt.
Er erinnerte sich daran, dass das kleine Mädchen aus Makassar wollte, dass er etwas tat – vermutlich einen Gefallen. Das Leuchten hoch über ihm schien zu schwimmen. Sein verletzter Arm begann mit einem dumpfen, anhaltenden Schmerz zu pochen. Und der Aufstieg auf das Deck schien eine enorme Anstrengung zu sein.

„Sie sagten gerade“, begann er heiser, als sie die Leiter festhielt, „Sie wollten, dass ich——“
„Nur das, mein Tapferer.“ Sie streckte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn ganz sanft auf die Lippen. „Wenn du an mich denkst, Birahi, schließe deine Augen und träume. Denn ich – ich hätte dich vielleicht geliebt!“

Auf halbem Weg den schwarzen Abgrund hinauf hielt Peter inne und blickte nach unten. Für einen Moment weigerten sich seine verwirrten Sinne, wahrzunehmen, was nun am Ende der Leiter zu sehen war.
Die Sampan war nicht mehr da; eine andere hatte ihren Platz eingenommen – eine lange Sampan, genauso schwarz wie die Nacht, die sie umgab.
Weite, dunkle Augen starrten ihn von drüben an; sie gehörten zu einem kalkweißen Gesicht – grimmig, ängstlich – erschreckend!
Es war Romola Borria. Ihre weißen Arme waren in einer flehenden Geste erhoben. Ihre Lippen bewegten sich.
Peter stieg einen Schritt hinunter und blieb stehen, leicht schwankend.
„Was – was——“, begann er.
„Er ist tot!“, kam es flüsternd vom kleinen Deck. „Ich habe ihn getötet! Ich habe ihn getötet! Hörst du mich? Ich bin frei! Frei! Warum starrst du mich so an? Ich bin bereit zu gehen. Aber du musst mich fragen! Ich werde dir nicht folgen. Niemals!“
Und Peter, der sich mit einem krankhaften, sinkenden Gefühl an das harte Seil klammerte, stellte fest, dass seine Lippen und Zunge funktionierten – doch kein Laut außer einem

Page 215

Aus seinem Mund drang ein leises Gemurmel. Für einen Moment war er stumm – gelähmt.

„Ich bin kein Werkzeug des Grauen Drachen“, fuhr das heftige Flüstern fort. „Ich bin es nicht!“

Und Peter wurde vollends klar, dass Romola Borria log – oder zumindest versuchte, ihn zum letzten Mal zu täuschen.

„Geh zurück – dorthin!“, brachte er schließlich stammelnd hervor. „Geh weg! Ich will dich nicht mehr haben! Ich habe genug von diesem verdammten Ort.“

Schmerzhaft kletterte er ein paar Sprossen hinauf.

Dann erreichte ihn zum letzten Mal Romolas Stimme – nicht mehr ein Flüstern, sondern laut, gebrochen, verzweifelt:

„Du verlässt mich – für sie – für Eileen!“

Peter antwortete nicht. Er setzte seinen mühsamen Aufstieg fort: Zuerst ein Fuß, dann mit der rechten Hand einige Zentimeter nach oben entlang des harten Seils, anschließend der andere Fuß. Auch dieses Mal blickte er nicht nach unten.

Endlich erreichte er das Deck. Es war in helles Licht getaucht. Unteroffiziere und Matrosen eilten umher und kümmerten sich um das Beladen. Die Motoren surrten, husteten und ratterten, während die gelben Kräne mit ihren Lasten aus Bündeln und Kisten knarrend nach oben fuhren – diese Lasten verschwanden wie Raubvögel in den lärmenden Laderäumen.

Peter betrachtete die geschäftige Szene mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. Er hörte immer noch diese einsame, qualvolle Stimme; das schwarze Boot lag weiterhin vor seinen Augen, hin- und hergeworfen von der Flut, auf der das große Schiff zu kämpfen hatte – als wolle es endlich fortkommen. Und da draußen – jenseits des schwarzen Herzens des Rätsels und der Nacht – lag der klare Morgen – die vom Regen gereinigten Flächen des glitzernden Meeres.

Doch er konnte nicht wieder nach unten blicken. Er würde es auch nicht tun. Für eine Weile – oder für immer – hatte er genug von China. Vor ihm lag nun die Freiheit…

Page 216

Das offene Meer, die Sonne des Lebens – und seine Heimat!

Peter der Kühne hatte am „bitteren Brunnen“ allzu reichlich getrunken.

Kapitel XVI

In den Monaten, die seit ihrer romantischen Trennung am Kai in Shanghai vergangen waren, hatte Peter der Kühne all seine rosaroten Vorstellungen von Eileen Lorimer auf den einseitigen Informationen gestützt, die ihm in jenen wenigen Stunden zur Verfügung standen.

Er hatte sie als ein einsames kleines Wesen betrachtet, einzige Bewohnerin einer eigenen Welt, zu der er eines Tages gehen und sie für sich beanspruchen würde.

Er hatte dabei keineswegs solche profanen Faktoren wie Eltern, Brüder, Schwestern sowie – noch wichtiger – andere junge Männer berücksichtigt, die vielleicht dieselben Eigenschaften an Eileen entdeckt hätten, die ihn angezogen und gefesselt hatten.

Als er schließlich über eine Telefonzelle im Hotel St. Francis mit dem Haus der Lorimers in Pasadena in Kontakt kam, hörte er die rauen, männlichen Stimmen eines Mannes, der behauptete, ihr Vater zu sein. Dieser stellte unfreundliche und impulsive Fragen bezüglich Peters Identität.

Peter wusste nicht – und ahnte auch nicht –, dass Herr Lorimer bereit gewesen wäre, seine rechte Hand zu opfern für den jungen Mann, der ihm vor fast einem Jahr seine Tochter zurückgebracht hatte. Er war einfach sprachlos – mit einem Gefühl, das an das eines Schuljungen erinnerte –, als ihm klar wurde, dass fünfhundert Meilen entfernt ein strenger Vater unbedingt etwas über ihn erfahren wollte.

Durch geschicktes Ausweichen, ohne seine Identität preiszugeben, gelang es Peter schließlich, die Informationen zu erhalten, die er brauchte. Romola Borria hatte die Wahrheit gesagt: Eileen studierte an der Universität in San Friole.

Page 217

Mit der Adresse von San Friole, die er auf die Rückseite seines roten Notizbuchs geschrieben hatte, versuchte Peter, per Telefon mit Miss Lorimer in Kontakt zu treten. Nach einer langen Pause teilte ihm der Fernsprecher mit, dass in dem genannten Haus kein Telefon vorhanden sei.

Nachdem er den größten Teil seines Kapitals für den teuren Anruf nach Pasadena ausgegeben hatte, wandte sich Peter an die Telegrafenstelle und wartete im Foyer auf eine Antwort.

Die erste von mehreren unangenehmen Nachrichten, die er an diesem Tag erhalten sollte, wurde ihm gerade in diesem Moment überbracht: Unbemerkt von ihm kam ein chinesischer Herr, Herr San Toy Fong, ein Passagier aus Shanghai an Bord der King of Asia, aus dem Speisesaal und setzte sich neben ihn. Er offenbarte freundlich und ehrlich seine Identität – eine Identität, die Peter bereits während der gesamten Reise vermutet hatte.

„Herr Moore“, begann der Mann mit leiser, selbstbewusster Stimme, „ich kehre heute Abend mit der Chenyo Maru nach China zurück. Bevor ich abfahre – falls es eine Botschaft gibt…“

Peter schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe genug von China, genug von Len Yang, genug vom Funkverkehr. Ich möchte mich auf meiner kleinen Ranch in der Nähe von Santa Cruz niederlassen. Das wird Ihnen wohl Ärger ersparen.“

Der gepflegte chinesische Herr lächelte. „Offensichtlich wissen Sie nicht, dass Ihre kleine Ranch nicht mehr in Ihrem Besitz ist. Sehen Sie, Herr Moore: Wenn wir an jemandem interessiert sind, kümmern wir uns darum, auch die kleinsten Details herauszufinden. Ihre Ranch wurde vor etwa drei Monaten verkauft; vielleicht haben Sie aus Nachlässigkeit die Steuern nicht bezahlt. Aber wenn Sie nur ein Wort sagen…“

„Danke“, unterbrach ihn Peter mit müder, gleichgültiger Stimme. „Sie haben mir einen unnötigen Aufenthalt erspart. Im Grunde ist das Anwesen wohl in besseren Händen. Jetzt habe ich nichts mehr auf der Welt, worüber ich mir Sorgen machen müsste – außer mir selbst. Schönen Flug, Herr Fong! Und meine Grüße an…“

Doch San Toy Fong war bereits gegangen.

Page 218

Nach einem frustrierenden Warten brachte ein Page Peter eine telegrafische Antwort auf seine Nachricht nach San Friole. Darin stand:

„Nehmen Sie den Zug um halb eins. Ich werde Sie am Bahnhof treffen.“

Die Nachricht war von Eileen Lorimer unterschrieben.

Peter wurde erneut sich seiner schrumpfenden finanziellen Mittel bewusst, als er am Schalter für Bahntickets einen Scheck ausstellte, um die Hin- und Rückfahrkosten zu bezahlen. Doch alle Gedanken an mögliche finanzielle Schwierigkeiten verschwanden, als der Zug in die offene Landschaft einfuhr – in seinem Geist sah er sich bereits von der jungen Frau empfangen, die für ihn genauso viel bedeutete wie das Leben selbst.

Er stellte sich Dutzende von Begrüßungen vor – jede unterschiedlich, doch zugleich auch alle gleich. In jedem Fall würde Eileen vor Freude weinen, wenn sie ihn sähe, und ihre schlanken, warmen Arme um seinen Hals legen.

Je mehr Dörfer vorbeizogen, desto nervöser und aufgeregter wurde er. Schließlich tauchte um eine Kurve herum das schicke Betongebäude mit den goldenen und schwarzen Buchstaben „San Friole“ in Sicht.

Als er ausstieg, übergab er seine Taschen einem Jungen mit der Anweisung, sie zu überprüfen. Dann suchte er eifrig in der Menge der Studenten nach Eileens schöном Gesicht.

Endlich entdeckte er sie – und vermutlich hatte sie ihn ebenfalls schon entdeckt. Sie bahnte sich mit ihren Ellbogen einen Weg durch die Menge, rot im Gesicht und außer Atem, ergriff seine Hände und blickte ihn mit Augen an, die zu leuchten schienen.

Für Peter war sie immer noch dieselbe Eileen wie vor einem Jahr – nicht älter geworden, genauso schön, mit derselben hübschen Röte auf den Wangen, demselben rosigen Mund sowie derselben süßen, liebenswerten Miene.

Die kurze Rede, die er sich im Zug zurechtgelegt hatte, wollte ihm einfach nicht über die Lippen kommen. Er konnte nur dastehen, während seine Wangen rot wurden, und zuschauen, wie Eileen sanft und etwas schüchtern lächelte – genauso wie damals, als sie sich vor über einem Jahr im Konsulat in Shanghai voneinander verabschiedeten.

Page 219

Er begann zu erkennen – während er immer wieder über seine Motive nachdachte –, dass sie stumm darum bat, er solle sie zu diesem Zeitpunkt nicht küssen. Vielleicht vermittelte ihm der Druck ihrer Finger, ein sanfter Druck, der von ihr weg statt zu ihr hin ausging, dieses Verständnis.

Allmählich wurde ihm eine weitere Präsenz bewusst, da er von anderen Neuankömmlingen von einer Seite zur anderen geschoben wurde. Er bemerkte außerdem den Seitenblick, den Eileen einem anderen Mann zuwarf.

Mit einem leichten Gefühl des Grolls betrachtete Peter diesen Eindringling. Er blickte in das unfreundliche, gebräunte Gesicht eines Mannes etwa seines Alters – mit scharfen, braunen Augen, einer Grübchen im Kinn sowie einem dicken, blauen Buch unter dem Arm. Plötzlich hörte er seinen Namen genannt werden, dann die Worte „Professor Hodgson“; daraufhin schüttelte er dem Eindringling hastig die Hand.

Dann entschuldigte sich Peter und kehrte mit den Gepäckquittungen zurück. Er stellte fest, dass sowohl Eileen als auch Professor Hodgson ihn mit der offenen Neugier betrachteten, die man einem umherziehenden Sänger, einem Ausländer, einem Fremden entgegenbringt. Er fühlte sich, wie es jedem Außenseiter in einem Dreieck sicherlich geht, wie ein einsamer Vogel – Eileen und ihr finster blickender Professor wurden durch irgendeine ihm unbekannte Verbindung miteinander verbunden, deren Natur er zutiefst missbilligte.

So begann der Zerfall der rosafarbenen, kristallinen kleinen Welt, die Peter allein für Eileen Lorimer geschaffen hatte.

Während die Drei langsam über den Bahnsteig gingen, spürte er die Anspannung, den übertriebenen Abscheu, den jeder unterlegene Bewerber gegenüber seinem erfolgreichen Rivalen unweigerlich empfindet. Er fühlte sich krank und nutzlos – und wünschte sich irgendwie, wieder im Zug zu sein. Er hatte seine Traumblase zerplatzen lassen, hatte begeistert die leuchtende, tanzende, farbenfrohe Oberfläche betrachtet, während sie sich ausdehnte. Doch diese Blase war grob geplatzt worden.

Er spürte Eileens leichte Hand auf seinem Arm und hörte, wie ihre Stimme plötzlich von weiblicher Wichtigkeit geprägt wurde. Sie sagte:

Page 220

„Herr Moore und ich haben viel zu besprechen. Werden Sie mir bis heute Abend entschuldigen, ja?“

Professor Hodgson nickte höflich, wobei er die Stirn runzelte. „Vielleicht möchte Herr Moore gehen, wenn er es vorzieht, allein zu bleiben. Ich fürchte, jedes Mädchen in der Stadt wurde bereits eingeladen.“

„Allein bleiben? Wozu?“, fragte Peter mit trockener Stimme.

„Heute Abend findet ein Valentinstagsball statt“, erklärte das Mädchen begeistert. „Der Valentinstag ist der vierzehnte – wissen Sie. Ich bin sicher, Ihnen wird es gefallen! Sie werden doch hingehen, oder?“

„Aber – aber …“, stotterte Peter. „Ich hatte gehofft, wir könnten den Abend allein miteinander verbringen.“

„Oh, aber das kann ich nicht!“, rief Eileen mit Vorwurf in ihren großen grauen Augen. „Professor Hodgson hat mich schon vor langer Zeit eingeladen! Können wir nicht heute Nachmittag und morgen weiterreden? Ich werde den ganzen Tag keine Unterrichtsstunden abhalten. Bitte gehen Sie! Ich gebe Ihnen jeden zweiten Tanz! Dem Professor wird es nichts ausmachen. Er ist ein lieber alter Mann!“

Der liebe alte Mann runzelte die Stirn noch mehr, und Peter fühlte sich dadurch etwas ermutigt.

„Ich gehe unter dieser Bedingung“, sagte Peter fröhlich. „Jeden zweiten Tanz mit Miss Lorimer!“

„Das ist ausgezeichnet!“, erwiderte Professor Hodgson. „Haben Sie ein Kostüm?“

„Ihre Funkuniform!“, rief Eileen. „Darin sehen Sie wunderbar aus!“

Professor Hodgson machte Anstalten, seinen ernsten Gesichtsausdruck abzulegen. „Ich bin um acht Uhr da“, sagte er. „Auf Wiedersehen, Herr Moore.“

„Auf Wiedersehen!“, erwiderte Peter freundlich, und Eileen drückte ihm ganz leicht den Arm.

„Ich möchte den ganzen Nachmittag mit Ihnen reden!“, verkündete sie mit ihrem entzückenden Lächeln, als der Professor außer Hörweite war. „Sollen wir mit dem Auto fahren?“

Page 221

Sie stiegen auf den Vordersitz eines offenen Autos, und Peter war froh, als das Mädchen ihren Arm um seinen legte und sich eng an seine Seite schmiegte.

„Ich möchte, dass du mir alles von Anfang an erzählst“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Ich möchte wissen, warum du mich so plötzlich in Shanghai zurückgelassen hast. Ich hatte hundert Fragen. Du warst gemein!“

„Du kannst überall anfangen, wo du willst“, sagte Peter freundlich.

„Warum dann“, fragte Eileen und warf ihm einen forschenden Blick zu, „hast du mich nicht in Shanghai bleiben lassen?“

„Weil ich in dich verliebt war“, antwortete Peter abrupt. „Du warst in Gefahr – und ich auch. Ich wollte dich so schnell wie möglich aus China herausbringen, denn, meine Liebe, der Mann, der seine Agenten beauftragt hatte, dich zu entführen und dich mit der Vandalia nach China bringen ließ, hätte dich ohne Schwierigkeiten wieder gefangen genommen. Hast du etwas dagegen, wenn ich dir sage, Eileen, dass es mir das Herz gebrochen hat, als mir klar wurde, dass wir uns Gott weiß wie lange nicht mehr sehen würden?“

Eileen blickte nachdenklich auf die grünen Rasenflächen und Blumengärten, die an dem Auto vorbeizogen, und ihre Augen kehrten mit einer Frage darin zu seinem Gesicht zurück. Ihre Hand schmiegte sich an seine.

„Sag mir die Wahrheit, Peter. Du hast gedacht, ich sei nur ein unschuldiges, hilfloses kleines Ding, nicht wahr? Du hast dir gesagt: ‚Ich gerate mit ihr in alle möglichen Schwierigkeiten.‘ Hast du dir das nicht selbst gesagt, Peter?“

„Das habe ich. Du hast recht. Du bist nicht für diesen Ort geschaffen. Wenn du es zulässt, werde ich dir sagen, wofür du geschaffen bist.“

„Das musst du nicht“, sagte Eileen seufzend. „Denn ich weiß es bereits. Du wirst mir sagen, dass ich genau die richtige Größe für ein Bungalow für zwei habe – bei dem du der Zweite bist – und dass ich jemanden wie dich brauche, der mich beschützt und die scharfen Kanten dieses harten alten Lebens abglättet.“

Page 222

„Wie hast du das erraten?“, keuchte Peter.

„Vielleicht haben es deine Augen verraten, als du mir an jenem Tag sagtest, ich solle nach Hause gehen – und vielleicht haben mir auch andere Männer dasselbe gesagt! Jedenfalls ist das es, was du hierhergekommen bist, um mir zu sagen – oder nicht? – dass ihr jetzt alle bereit seid, das schrecklich böse und abenteuerliche Leben aufzugeben, das ihr geführt habt, euch niederzulassen und von nun an ein anständiges Leben zu führen! Ist das nicht die Wahrheit?“

„Du bist eine Art Gedankenleserin.“

„Nein, das bin ich nicht. Aber ich habe Verstand. Peter, ich glaube immer noch – genauso wie in jener schrecklichen Nacht, als du mit mir an deinem Hals an der Schnur von der Vandalia herunterglittst, in jener schrecklichen Nacht im Nebel auf dem Whang-poo – dass du der beste und mutigste Mann der Welt bist. Deshalb habe ich zugelassen, dass du mit mir Liebe machst; weil – nun, weil ich wollte, dass du zurückkommst!“

„Im Gegenzug“, antwortete Peter begeistert, „habe ich dich die ganze Zeit über in meinem Herzen behalten, an dich gedacht, jedes Mal, wenn ich entmutigt war, und dich stets als Zuflucht angesehen – genau wie du es sagst, wenn China die Oberhand über mich gewann.“

„Hat China die Oberhand über dich gewonnen, Peter?“

„Ja! Ich wurde mit einem gebrochenen Arm aus dem Gelben Reich vertrieben, von Agenten desselben Mannes, der versucht hatte, dich zu entführen. Die Schienen habe ich erst heute Morgen entfernt. Seitdem ich dich gesehen habe, habe ich die schreckliche rote Stadt besucht, wohin man dich brachte, bin entkommen und habe mich durch Indien und die Straits Settlements bis nach Hongkong durchgeschlagen.“

„Und sie haben auf dich geschossen!“

Er nickte, und sie zitterte erneut, während ihre Finger auf seiner Handfläche sich bewegten.

„Ich hoffe, ich habe China für immer hinter mir gelassen. Jetzt, etwas älter, etwas weiser und sehr müde, bin ich gekommen, um dieses wertlose alte Herz zu deinen lieben kleinen Füßen zu legen!“

Page 223

„Und diese wertlosen alten Füße werden das liebe, große Herz beiseiteschlagen müssen“, sagte Eileen traurig. „Oh, Peter“, rief sie aus, plötzlich reumütig, als sie den Schmerz in seinem Gesicht sah, „du weißt doch, dass ich dir um nichts auf der Welt wehtun würde! Aber ich meine es ernst, wirklich ernst, Peter! Ich weigere mich entschieden, weiterhin als ein armes, hilfloses, klammerndes kleines Wesen angesehen zu werden, das nur dazu da ist, gestreichelt und beschützt zu werden! So bin ich nicht, Peter! Hättest du nur geschrieben, dann hätte ich es dir gesagt. Du hast vor nichts auf der Welt Angst – und ich auch nicht! Ich liebe Abenteuer genauso sehr wie du, Peter. In dem Moment, als du mir dort in Shanghai sagtest, ich müsse schnell nach Hause, weil es nicht sicher sei, habe ich beschlossen, mich darauf vorzubereiten, mit dir einige dieser wunderbaren Abenteuer zu bestreiten! Professor Hodgson, der Professor für Chinesisch, ist ein hervorragender Revolverschütze – ich habe ihn überredet, mir Unterricht zu geben. Das dient der Selbstverteidigung. Die japanische Frau, die im Gasthaus, in dem ich wohne, als Hausmädchen arbeitet, lehrt mich Jiu-Jitsu.“

„Außerdem studiere ich für einen Doktortitel. Wenn ich fertig bin, werde ich zu dir nach China kommen. Wir werden allein in diese schreckliche Bergbaustadt eindringen – nur du und ich – und daraus den wunderbarsten Ort in China machen! Siehst du, Peter, ich möchte Ärztin werden – und du musst dir keine Sorgen um mich machen. Wenn du mich nicht mitnimmst, gehe ich allein!“

„Schatz“, sagte Peter mit Mühe, „du redest Unsinn!“

Sie zuckte mit den Schultern und lächelte. „Wirst du mich nicht mitnehmen?“

„Du weißt doch, ich würde dir sogar den Mann im Mond holen, wenn du ihn wirklich unbedingt haben willst!“

„Und wirst du diesen albernen Gedanken an ein Bungalow für zwei aus deinem Kopf bekommen?“

„Ich werde es versuchen. Es wird schwierig sein. Und, Eileen –“

„Ja, Peter?“

Page 224

„Es ist Ihnen doch egal, Professor Hodgson, oder?“
„Oh, nein, Peter! Ein- oder zweimal hat er versucht, mit mir Liebe zu machen – und man konnte sehen, nicht wahr, wie wütend er war, als wir ihn zurückließen.“
„Ich dachte, meine Chancen wären vorbei“, seufzte Peter.
„Dummer alter Narr!“, sagte Eileen und drückte seinen Daumen.
Mit noch gestärktem, wenn auch unermesslich höherem Respekt vor diesem Mädchen – dessen anziehende graue Augen ihn mit Sehnsucht überwältigten – half Peter ihr, aus dem Auto auszusteigen, als sie das Ende der Wagenkolonne erreichten. Auf ihren Vorschlag gingen sie durch die blühenden Felder Kaliforniens zurück ins Dorf und sprachen den größten Teil des Weges ernsthaft über dieses leidenschaftliche Thema, das in ihren jungen Herzen eine große Bedeutung hatte.

Page 225

KAPITEL XVII

Es entstand eine bemerkenswerte Unruhe, als Eileen Lorimer an jenem Abend in der reizvollen Kleidung eines quäkerischen Mädchens den Ballsaal betrat – mit Professor Hodgson an ihrer Seite, der die Rolle des Pierrot übernahm, und auf der anderen Seite die große, imposante Gestalt von Peter the Brazen, gekleidet in eine makellos weiße und goldene Uniform der Pacific Mail Line.

Für Peter the Brazen war er in jeder Kleidung der Typ Mann, bei dem jede normale Frau zweimal hinschauen würde – oder, falls nur einmal, eben doppelt so lange.

Um seine schlanke Taille war ein prächtiger blauer Sarong geschlungen. Der Sarong verlieh seiner schlanken, weißen Figur einen Hauch Romantik. Er unterstrich die abenteuerliche Blauheit seiner tief liegenden Augen sowie den entschlossenen Ausdruck seines gebräunten, glatt rasierten Kiefers.

Als die jungen Frauen aus Eileens Bekanntschaftkreis, denen einige Details aus der aufregenden Vergangenheit dieses Mannes zuflüstert worden waren, herbeiströmten, um vorgestellt zu werden, hatte Peter keinerlei Schwierigkeiten, den Rest seines Programms zu erfüllen.

Und als zur zweiten Veranstaltung Musik erklang, holte Peter sein „rotes“, strahlendes quäkerisches Mädchen aus den zögerlichen Armen von Professor Hodgson zurück. Auf diesen lastete wie ein dunkler Schleier eine schwere, tiefe Traurigkeit. Der Mann, der an jenem Morgen für immer Abschied von China, vom Funkverkehr sowie von Schiffen und Meer genommen hatte, fand sich plötzlich inmitten eines Meeres aus Gold wieder – begleitet von einem Wesen aus elbenland, das ihn mit seinem rosigen Lächeln blendete.

Er hätte gerne sofort alle Anwesenden schockiert, indem er sie auf diese Lippen küsste! Die ganze Zeit über beobachtete Professor Hodgson, der Professor für Chinesisch, jede ihrer Bewegungen mit einem Gesicht, das so lang und grau war wie eine Gasse im Nebel.

Page 226

Kurz später am Abend, als Peter nach seiner Partnerin suchte – einer gewissen Fräulein X oder Y, deren Name mit Bleistift auf seinem Programm notiert worden war und durch Flecken unleserlich geworden war – suchte er vergeblich. Dann suchte er unter den Tänzern nach dem Gesicht seiner quäkerischen Partnerin. Da er sie in der Menge nicht erkennen konnte, beschloss er, trotz der Tatsache, dass sie sich in Begleitung seines besiegten Rivalen, des Professors, aufhielt, weiterhin nach ihr zu suchen. Peter durchsuchte vergeblich den Speisesaal und kam zu dem Schluss, dass das Paar wohl in den Palmenhof gegangen war, wo Eileen vermutlich versuchte, die aufgebrachten Gefühle ihres Lehrers zu beruhigen. Als Peter die goldenen Samtvorhänge beiseiteschob, die den Eingang zum schwach beleuchteten Gewächshaus verbargen, sah er etwa ein Dutzend Paare, die auf kleinen Bänken unter den hängenden Blättern in verschiedenen Posen nebeneinander saßen. Die Vorhänge fielen hinter ihm wieder ins Lot; er bemerkte den wütenden Blick zweier brauner Augen von einer Bank aus und erkannte, dass Eileens Lehrer noch nicht besänftigt war. Neben Professor Hodgson, mit dem Rücken zu Peter, stand eine junge Frau in quäkerischer Kleidung. Ihr Kopf war zwar nicht ganz nah am Kopf des jungen Professors – aber doch ziemlich nahe. Als Peter begann, über den gewachsten Boden auf sie zuzugehen, sah er, wie Hodgsons Kopf gesenkt wurde; er sah, wie das Mädchen sich offensichtlich in seine Arme begab. Als Peter innehielt, sah er, wie die langen Arme des Professors sich um die schlanken Schultern des Mädchens schlangen und ihr Gesicht zu sich heranzogen, bis ihre Lippen seine berührten. In diesem schrecklichen Moment setzte Peters Herz absichtlich einen Schlag aus. Dunkelheit verschleierte seine Sicht, er zitterte – dann erstarrte er, während sein Blick an dieser grauenhaften Szene haftete. Er zögerte, sprang anschließend über die Distanz zu ihnen hinüber. Sowohl Eileen als auch ihr Professor sprangen auf.

Page 227

Ihr Gesicht war blass, und ihre Finger krallten sich in Krämpfen um ihren Hals; doch Peters Gesicht war genauso blass und angespannt wie ihres.

Er starrte vor Schmerz und völligem Unglauben, während sich allmählich ein Lächeln auf den Zügen von Eileens Professor ausbreitete. Sie schien zu ohnmächtigen und sank mit fest geschlossenen Augen gegen Hodgsons Brust.

Peter versuchte zu sprechen, doch es verging eine Weile, bevor er Worte finden konnte.

„Eileen – Eileen“, murmelte er, „du hast gesagt – du hast mir gesagt – oh, Gott!“

Er drehte sich um und stürmte aus dem Saal, als wolle er auch aus ihrem Leben fliehen, mit schrecklichen, bedrückenden Gedanken im Kopf und seinem Herzen, das verzweifelt gegen seine Rippen pochte. Er holte seinen Mantel und Hut im Umkleideraum ab.

Kaum war er verschwunden, da sprang Eileen, die langsam aus ihrer Benommenheit erwachte, ihm nach. Doch Hodgson hielt sie zurück, indem er ihren Arm packte.

Es schien, als würde sie zum ersten Mal erkennen, was geschehen war. Zu großem Erstaunen der umstehenden Paare wischte sie sich heftig die Hand über den Mund – jenen Ort, an dem der Professor ihr plötzlich und unerwartet einen Kuss gegeben hatte.

„Du – Bestie!“, stammelte sie. „Du hast gesehen, wie er hereinkam! Wie konntest du das tun! Ich dachte, du wärst ein – Gentleman – du – du Bestie!“

Ihr Professor grinste nur, als wäre die Tragödie eine Komödie von größter Unterhaltungswert.

„Ein gestohlener Kuss –“, lachte er.

Und Eileen schlug ihm kräftig ins Gesicht. Sie wollte zur Tür stürmen, doch er zog sie zurück und hielt ihre strampelnden Hände fest. „Du – einer von dieser Bande!“, rief sie.

„Oh, lassen Sie mich mich entschuldigen“, lachte er und rieb mit der freien Hand die rote Stelle an seinem Mund. „Wenn Ihr Held es übel nimmt, dass ich ihm einen knauserigen, kleinen Kuss gestohlen habe – Bande? Welche Bande?“ Doch in seinen Augen lag keine Frage.

Page 228

„Haltet ihn auf!“, schrie Eileen schrill. „Oh, bitte, jemand soll ihn zurückrufen!“

Ein Student im zweiten Jahr, der immer bereit war, einer in Not befindlichen Dame zu helfen, eilte ihr nach. Eileen befreite sich und stolperte ihm hinterher auf die Tanzfläche. Es wurde gerade Walzer getanzt, und die Fläche war überfüllt.

Sie versuchten, sich durchzudrängen, wurden aber von lachenden Tänzern beiseitegeschoben, die das anscheinend als ein neues, unterhaltsames Spiel betrachteten.

Sie versuchten es erneut. Nun kam Professor Hodgson mit einem gleichgültigen Lächeln dazu und mischte sich weiter ein. Eileen schlüpfte an ihm vorbei und vermied knapp einen Zusammenstoß mit einem tanzenden Paar in der Nähe der Wand. Dann rannte sie in Richtung Umkleidekabine, während große, heiße Tränen ihre geröteten Wangen hinunterliefen.

Als sie die Umkleidekabine erreichte, durchsuchte sie sie in großer Eile nach dem Marconi-Hut sowie dem hellblauen Mantel – beides war verschwunden.

Mit dem Studenten an ihrer Seite und bewusst um die romantische Natur seiner Aufgabe, rannte sie in die vom Mond erleuchtete Straße hinaus und suchte auf dem dunklen Bürgersteig nach Anzeichen für die große, hochgewachsene Gestalt.

Etwa ein Viertelmeile entfernt konnte sie die regungslosen Lichter eines Zuges erkennen – des Zuges nach San Francisco.

Mit ihrem grauen Quäkerkleid, das im Wind wehte, und den weißen Röcken, die den Rhythmus ihrer Bewegungen behinderten, rannte Eileen die Straße entlang, während der aufgeregte Student ihr folgte.

Das Schicksal ihres Lebens hing davon ab, ob sie den Zug rechtzeitig erreichte. Sie wusste, was Peter Moore tun würde. Und wenn sie ihn nicht aufhalten könnte, wäre sie nichts anderes als seine Mörderin. Hätten die Beweise für ihre angebliche Untreue nicht so belastend gewirkt, wüsste sie, dass Peter Moore gewartet hätte, ihren Erklärungen zugehört und ihr geglaubt hätte.

Wenn sie nur den Zug erreichen könnte, könnte sie ihm alles erklären, ihn dazu bringen, zu warten – und anschließend sich mit diesem Schurken Hodgson auseinandersetzen. Es wäre töricht, das nicht zu tun.

Page 229

Er sollte mit dem nächsten Zug weiterfahren – denn Peter hatte, wie es bei diesem jungen Schürzenjäger üblich war, vergessen, seine Rückadresse zu hinterlassen.

Doch Eileen erreichte den Zug nie. Der Lokomotivmotor heulte verächtlich, als sie noch weniger als einen Block entfernt war. Die roten und grünen Rücklichter verschwanden allmählich entlang der Schienen, als sie am Bahnhof ankam.

Die Nacht hatte ihre Liebe sowie ihre großen Hoffnungen verschlungen. Bald schon würden Meilen, ja Tausende von Meilen zwischen ihr und ihrem Geliebten liegen.

Mit gebrochenem Schluchzen brach sie auf den Bahnsteigstufen zusammen, während der Student unbeholfen über ihr stand, voller Fragen, mit tränenerfüllten Augen vor jugendlicher Sympathie und sichtlich unruhig.

So wurde Peter der Unverschämte aus ihrem Leben vertrieben und in sein nächstes Abenteuer geschickt.

KAPITEL XVIII

Gegen fünf Uhr am nächsten Nachmittag bestellte Peter in seinem Hotelzimmer einen Krug Eiswasser; den größten Teil davon trank er, bevor er über seinen nächsten Schritt nachdachte.

Das Nachmittagslicht, das durch das einzige große Fenster hereinfiel, warf ein leuchtend rotes Rechteck auf den dicken Teppich. Aus dem Platz ertönte das lange, anmaßende Heulen eines Taxis. Das Schlafzimmer roch nach dem sauren Geruch des Zigarettenrauchs von letzter Nacht. Vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben hatte er vergessen, das Fenster beim Verlassen des Zimmers zu öffnen. Als er steif vom Bett aufstand, fiel eine leere braune Flasche mit einem Knall zu Boden – und die Erinnerungen an den gestrigen Abend kehrten langsam zurück. Er hatte beschlossen, etwas zu unternehmen. Was genau hatte er sich vorgenommen? Er setzte sich auf die Bettkante, vergrub das Gesicht in den Händen und runzelte die Stirn. Jetzt erinnerte er sich wieder.

Page 230

Er kehrte nach China zurück!

Mit pochendem Kopf und wieder diesem klebrigen Gefühl im Mund zog er sich die Pyjama aus, ging ins Badezimmer und zitterte sowie stöhnte fünf Minuten lang unter dem eiskalten Duschstrahl. In dieser Zeit ließ sich ein Teil der Verzweiflung, die ihn durch das Geschehen vom Vorabend überwältigt hatte, vertreiben – sein Kopfschmerz ließ etwas nach, er wurde wieder klarer im Denken, und warmes Blut strömte durch seinen Körper.

Nach einer schnellen Einseifung zog er sich schnell an – er hatte kaum Zeit gehabt, seine Koffer aus dem Gepäckraum von San Friole zu holen, bevor er geflohen war – und rief das Büro von Marconi an.

Bald hatte er den Leiter der Telefonzentrale am Apparat. Er erklärte kurz, dass geschäftliche Verpflichtungen außerhalb der Stadt ihn daran gehindert hatten, am Vortag anzurufen, aber dass er sehr früh am nächsten Morgen vorbeikommen würde, um eine Besprechung abzuhalten. Er fügte hinzu, dass er beabsichtigte, den „König Asiens“ nach China zurückzubringen.

Als er das Büro des Leiters betrat, blickte dieser einem Mann ins Gesicht, der gealtert war – ein weißes, trauriges Gesicht, das Gesicht eines Mannes, der das Leben, das er kennengelernt hatte, als bitter empfunden hatte.

„Wieder da – bei Gott!“, rief er fröhlich und schüttelte Peters Hand begeistert. „Wohin jetzt, Peter?“

„Nach China“, sagte Peter. „Meine alte Liebe, der König Asiens, fährt morgen ab. Kann ich sie haben?“

„Sicher! Übrigens: Hier ist ein spezieller Brief für Sie im Posteingang – noch nicht sortiert. Ein schönes quadratisches Kuvert. Sieht aus wie eine Hochzeitseinladung!“

Peter betrachtete das quadratische, weiße Kuvert.

Eine Hochzeitseinladung mit dem Stempel von San Friole.

Gedankenverloren steckte er sie in seine Tasche.

Page 231

Auf dem Weg zum St. Francis stellte er fest, dass San Toy Fong in unbekannte Richtungen aufgebrochen war. Also setzte er sich an einen Schreibtisch im Schreibzimmer und verfasste eine kurze Notiz, die er an Ah Sih King adressierte. Er wusste, dass der Brief San Toy Fong so schnell erreichen würde, wie es ein Telegrafenapparat vermochte. Er wusste auch, dass der Brief geöffnet, entschlüsselt und an den zuständigen Stellen der riesigen, geheimen Regierung weitergeleitet werden würde – egal, wo sich San Toy Fong gerade aufhielt – von Singapur bis nach Singapur.

Der Inhalt der Notiz bestand einfach darin, dass er, Peter Moore, nach China zurückkehren würde und versprach, in keiner Weise in die Aktivitäten der Band einzugreifen. Falls er seine Meinung ändern sollte, fügte er hinzu, würde er seine Entscheidung den ordnungsgemäß akkreditierten Agenten von Len Yangs Monarch am Jen Kee Road in Shanghai mitteilen.

Die lila Wellenkämme des Golden Gate versanken in den silbernen Wellen, als Peter, nachdem er seine Nachricht abgeschickt hatte, das unermüdliche Schiff verließ, um sich den prächtigen roten Sonnenuntergang anzusehen und frische Luft vom Pazifik zu atmen.

Ein Steward, der gerade die eiserne Leiter hinaufgestiegen war, näherte sich und berührte mit seinem Zeigefinger respektvoll seinen Hut. „Ein Brief für Sie, Sir. Ich habe ihn im Flur vor Ihrer Kabine gefunden. Er muss aus Ihrer Tasche gefallen sein.“

Eine Hochzeitseinladung mit dem Datum San Friole!

Mit zitternden Fingern holte Peter nicht einen Umschlag, sondern eine steife Karte hervor. Im roten Dämmerlicht starrte er auf die Karte und stöhnte vor Schmerz und Erstaunen.

Habe ich bereits erwähnt, dass es Valentinstag war? In der Farbe der untergehenden Sonne, sorgfältig von Hand gemalt, befand sich ein winziges Herz, aus dem Blut floss.

Und das war die einzige Botschaft.

Page 232

TEIL III

Page 233

DER GRÜNE TOD

KAPITEL I
„Oh! Chiang Nan ist hundert Li entfernt – doch in kürzester Zeit bin ich bereits dorthin geflogen und habe ein träumendes Gesicht berührt.“
– TS’EN-TS’AN.

In China kann sich ein junger Mann in Schwierigkeiten bringen. Er mag es ablehnen, das Essen zu essen, das ihm bei einem chinesischen Bankett von dem gut gemeinten Mann neben ihm in den Mund geschoben wird. In diesem Fall weckt er höchstens den Spott seines Gegenübers sowie seines Gastgebers. Er zeigt damit einfach, dass ihm gute chinesische Tischmanieren fehlen – denn bei einem chinesischen Bankett ist es üblich, dem Begleiter Essen in den Mund zu stopfen, egal wie voll dessen Magen bereits ist.

Eine weitere Möglichkeit, die Chinesen zu beleidigen, besteht darin, ein Geschenk abzulehnen.

Doch das sind nur Kleinigkeiten. Die sicherste Methode, Misstrauen, Abneigung und Feindseligkeit bei den Chinesen hervorzurufen, besteht darin, seine Angelegenheiten absichtlich im Geheimen zu halten. Wenn man seine wichtigen Geschäftsgeheimnisse laut ausspricht, wird niemand auch nur die geringste Aufmerksamkeit darauf schenken. Doch flüstert man geheimnisvoll ins Ohr eines Freundes, werden Spione einem folgen! Legt man ein Notizbuch voller wertvoller Informationen offen auf den Schminktisch, wird der Zimmerdiener niemals hineinschauen. Versteckt man dieses Notizbuch jedoch in einer Schublade des Schminktisches, wird der Zimmerdiener alles tun, um herauszufinden, was darin steht!

Es war Mittag; die Jahreszeit war Frühling. Die tiefen, klagenden Töne eines Tempelgongs schwebten über die braunen Wassern. Die Flussschiffer auf Sampans und Dschunken sangen ihr altes Arbeitslied – das „Yo-ho–hi-ho“ des alten Flusses – während ihre nackten, breiten Rücken…

Page 234

Er neigte sich den Wellen entgegen. Eine angenehme Brise aus dem feuchten, frischen Boden wehte auf einem leichten, warmen Wind über die weite Fläche des gelben Wassers.

Peter hatte seinen Lieblingsplatz auf dem Oberdeck des Bootes eingenommen – dort, wo sich die Funkkabine befand. Mit einer Hand umklammerte er locker einen Seilzug, mit der anderen spielte er nachdenklich mit einem Bündel Schlüssel in seiner Tasche.

Der Frühling gehört der Jugend – und Peter war jung. Doch er spiegelte keineswegs die Stimmung dieser neuen Jahreszeit wider. Er fühlte sich düster und deprimiert. Das Leben erschien Peter leer und trostlos, denn er sah nicht, dass er irgendwohin kam.

Trotz der sanften Schönheit des jungen Frühlingstages war eines der ersten Geräusche, die ihm in den Ohren klangen, als er dort im Schatten des Rettungsboots stand, das laute Dröhnen eines Totengongs. Einer von Chinas vierhundert Millionen Menschen war in der Nacht gestorben; nun wurde seine Seele vom Totengong begleitet zum siebten Himmel seiner gesegneten Vorfahren gebracht – dabei ertönte ein dumpfes Dröhnen, das dazu diente, die Dämonen von seinem letzten Wohnort zu vertreiben.

Der Schatten des Rettungsboots wirkte seltsamerweise sehr schwach. Peter drehte sich um und blickte in das ausdruckslose Gesicht von Jen, einem chinesischen Deckjungen. Zopfe waren wieder in Mode gekommen – etwa sechs Zoll lange, dunkelviolette Zöpfe hingen von Jens weißer Mütze herab. Sein Gesicht war ziemlich gelb, seine Augen grün. Als Peter ihn forschend ansah, flackerte ein verständliches Licht über ihre seidigen Augenoberflächen.

„Wanchee my?“, fragte er.

Der Deckjunge warf einen vorsichtigen Blick über das breite, graue Deck, beugte den Kopf, um über die riesigen Schornsteine hinwegzusehen – der erste davon befand sich etwa zwanzig Fuß vor ihnen.

„Bleibst du die ganze Zeit auf King Asia?“, fragte der Chinese, indem er seine Hände zusammenfügte und leicht den Kopf neigte.

Peter warf ihm einen gelangweilten Blick zu.

Page 235

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht“, sagte er. „Was geht dir durch den Kopf, Jen?“

„Du sagst mir, was wir tun sollen“, antwortete die Gelbe bedeutungsvoll. „Können wir das tun?“

„Vielleicht können wir das“, erwiderte Peter und faltete die Hände. „Lauf so schnell wie möglich zu dem Ort an der Jen Kee Road, sobald du ein Sampan ergattert hast. Sag dem Mann, dass ich, falls ich etwas unternehmen beschließe, vorbeikomme und es ihm sage. Du weißt es nicht, Jen, aber er weiß, dass mein Wort gilt. Wenn ich beschließe, den Fluss hinaufzufahren, werde ich es dem Mann sagen. Wenn ich beschließe, nichts zu tun, werde ich dem Mann nichts sagen.“

„Alles klar, alles klar“, sagte Jen und trat ein paar Schritte zurück. „Du sagst es dem Mann, ja?“

Während Peter den sich entfernenden, dünnen Schultern zusah, die sich auf und ab bewegten, als sie von ihm weg zur Leiter gingen, fühlte er sich etwas unschlüssiger als noch vor fünf Minuten. Er ging ins Funkzimmer, um die Ausrüstung in Ordnung zu bringen, bevor er die Tür abschloss – für den Besuch in Shanghai.

Während er die Werkzeugkiste abschloss – die chinesischen Flussdiebe würden alles stehlen, was ihnen in die Hände fiel – hörte er seinen Namen in einer silbernen Stimme gerufen, begleitet vom angenehmen Lachen eines Mannes. Er ging aufs Deck und stellte fest, dass Mr. Andover mit den Zwillingen bereits vollständig für eine Reise an Land gekleidet war.

Die Zwillinge und Anthony Andover waren Passagiere, die auf einer Besichtigungstour durch Ostasien unterwegs waren. Da Peter Moore ein sehr beeinflussbarer junger Mann war, ist es nur natürlich, dass zunächst über die Zwillinge gesprochen wird – aufgrund ihrer Schönheit.

Peter hatte Peggy und Helen Whipple zum ersten Mal im Speisesaal des „Kings of Asia“ kennengelernt. Es wäre ziemlich unmöglich gewesen, Peggy und Helen Whipple nicht zu sehen, wenn man jung war und gute Augen hatte.

Beim ersten Abendessen nach dem Verlassen des Golden Gate ging Peter recht früh ins Speisesaal – schließlich hatte er wegen leerer Taschen auf das Mittagessen verzichtet und war sehr hungrig.

Page 236

Er hatte über seine erste Löffelportion Mulligatawny à la Capron hinaufgeblickt, um dem klaren, unverfälschten, braunäugigen Blick von Peggy Whipple zu begegnen, die sich an den Tisch des Kapitäns gesetzt hatte. In diesem braunäugigen Blick lag ein Funkeln der Schelmerei, ein leicht arroganter Ausdruck neugieriger Prüfung – und vielleicht auch eine spielerische Einladung.

Als Peggy Whipple ihm diesen schelmischen, braunen Blick zuwarf, während er gerade eine Löffelportion Suppe zu seinen Lippen führen wollte, verschüttete er nicht, wie es ein Mann unter solchen Umständen tun würde, die Suppe auf die Tischdecke oder zurück in die Schüssel; auch hielt er inne, bevor er die Flüssigkeit zum Mund führte.

Er musste den Löffel nicht ansehen, um ihn zu seinem Mund zu lenken. Ohne einen Tropfen zu verschütten brachte er den Löffel an sein Ziel, wobei er seinen klaren, tiefblauen Augen weiterhin die schönen braunen Augen der jungen Passagierin zugewandt hielt. Und ohne einmal den Blick zu senken, hob er den gefüllten Löffel zweimal hintereinander an.

Diese geschickte Handhabung brachte ein Lächeln auf das hübsche Gesicht des Mädchens. Vielleicht hatte sie erwartet, dass er unter ihrem Blick die Suppe verschütten würde; das war zu erwarten; mit großer Wahrscheinlichkeit war so etwas bereits in früheren Situationen mit Peggy passiert, denn sie war atemberaubend schön anzusehen, und ihre nach oben gebogene Nase hätte jeden Mann entwaffnen sollen.

Ihr Haar war golden und glatt, straff aus ihrer niedrigen, weißen Stirn zurückgekämmt und im Nacken zusammengebunden – dadurch kam ihr schlanker, wunderschön proportionierter Hals zur Geltung. Rosa, Weiß und Gold beschrieben sie. Sie schien von einer Art unruhiger Energie erfüllt zu sein, als hätte sie so viel Jugend und Schönheit in sich, dass es ihr schwerfiel, all das unter Kontrolle zu halten.

Nachdem Peter langsam – aber keineswegs unhöflich oder dreist – all das in sich aufgenommen hatte, in der Zeit, die nötig war, um drei volle Löffelportionen Mulligatawny à la Capron zu essen, wandte sie mit einem kleinen Schmollmund den Blick von ihm ab.

Peter folgte ihrem Blick. Er hatte das andere Mädchen zuvor nicht bemerkt. Es war offensichtlich, dass sie vom selben Schlag waren – doch das andere Mädchen schien…

Page 237

älter. Auch sie stammte aus einer Familie mit braunen Augen; auch sie war blond, zart und wunderschön, mit den schönsten Fingern und Fingernägeln, die Peter seit längerer Zeit gesehen hatte.

Ihr Blick, der seinem begegnete, war braun und sehr ruhig; im Gegensatz zu ihrer Schwester schien sie ernsthaft zu sein, eher vom entschlossenen, nachdenklichen Typ.

Es war im Laden eines japanischen Seidenhändlers in Motomatchi Chome, dass er sie zum ersten Mal traf. Mehrmals während der Überfahrt kam er ihnen auf dem Deck entgegen – immer in Begleitung stolzer junger Männer.

Sie waren die beliebtesten Mädchen an Bord. Schönheit reist selten zu zweit; das waren außergewöhnliche Zwillinge.

Einmal, als Peter die Leiter von oben herunterkletterte, traf er auf Peggy allein – sie sah ziemlich traurig aus. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie zur Ruhe gekommen war; dieser Kontrast vermittelte ihm diesen Eindruck. Ihre Augen trafen träumerisch seine, und ein schelmisches Licht funkelte darin auf, um sofort wieder zu verschwinden.

Sie ließ ihren Blick über die weiße Uniform gleiten, an deren Brusttaschen sich die goldenen Embleme seines Berufs befanden, senkte schüchtern die Lider und schien zu warten. Er zögerte, und sie blieb regungslos stehen; doch er ging weiter und ließ sie mit einem kleinen Schmollmund hinter sich zurückstarren. Offensichtlich hatten die Zwillinge viel gereist!

KAPITEL II

In jener Nacht, als der König Asiens Nagasaki verließ, um die kurze Strecke über das Gelbe Meer bis zum Jangtsekiang zurückzulegen, wurde Peter von jenem angenehmen jungen Mann, Anthony Andover, aufgesucht.

Normalerweise durften Passagiere nicht in die heiligen Räume des Funkhauses. Doch diejenigen mit mutigem Geist kamen trotzdem hinein. Peggy Whipple kam kurz nach diesem Treffen auf dem Deck dorthin.

Page 238

Ohne die Erlaubnis von irgendjemandem – und Peter gab ihr etwa fünfzehn Minuten seiner äußerst wertvollen Zeit, im Durchschnitt neunmal am Tag, damit sie den zusätzlichen Stuhl in der Funkstation schmücken konnte. Dabei zeigten sich unbewusst durch ihre plötzlichen, unerwarteten Körperhaltungswechsel einige Zentimeter ihres entzückenden, seidigen Knöchels. Ich glaube, Peggy brauchte dringend einen älteren Aufpasser – und ich habe den Eindruck, dass sie sehr gerne wollte, dass Peter mit ihr Liebe machte. Die Tatsache, dass er ihr widerstand, spricht Bände über seine altmodischen, viktorianischen Ansichten bezüglich Frauen.

Am Ende der fünfzehn Minuten, nachdem er ihr Geschichten über die Länder erzählt hatte, die sie bald besuchen würde, entließ er sie freundlich, aber entschlossen – und sie war gehorsam wie ein Lamm.

Anthony Andover, der vielleicht mehr über Pflüge wusste als die Ägypter, gab ihm etwas anderes zum Nachdenken. An jenem Abend blickte er von seinen Instrumenten auf und sah einen jungen Mann mittlerer Größe, schlanker Statur, eher blass und mit scharfem Gesichtsausdruck.

„Mein Name ist Anthony Andover“, sagte er mit energischer, geschäftsmäßiger Stimme. „Ich frage mich, ob ich mit Ihnen sprechen könnte.“

Peter bat ihn, Platz zu nehmen, und nahm die schweren, nickelbeschlagenen Kopfhörer von seinen Ohren. Er erwartete ein wichtiges Funkgerät aus der Station in Shanghai – doch das konnte warten. Er fragte sich, was Anthony Andover wohl im Sinn hatte.

„Mr. Moore, ich befinde mich in einer ziemlich schwierigen Situation – und ich glaube, Sie sind der Mann, der mir helfen kann, daraus herauszukommen.“

„Na los“, sagte Peter, zündete sich eine gelbe Zigarette an und reichte ihm die Schachtel. „Chinesen?“ Für Peter bedeutete Probleme immer Chinesen – sie waren sein Symbol für Gefahr.

„Nein, nein! Sehen Sie, mein ganzes Leben lang war ich – nun ja – ein Stadtmensch. Das größte Abenteuer, das ich je hatte, war eine Faustschlägerei mit meinem Vorarbeiter. Jetzt…“

„Haben Sie ihn geküsst?“, fragte Peter besorgt.

Page 239

Anthony nickte nachdenklich. „Ich habe ihm die Augen zugeschmiert und seine Nase gebrochen!“
„Gut gemacht! Erzähl weiter.“
„Ich habe ein Mädchen auf dem Dampfschiff kennengelernt. Nach ihrer Auffassung fehlen mir etwa fünftausend Eigenschaften, die man für einen Helden braucht. Du kennst das Mädchen – deshalb belästige ich dich so.“
„Überhaupt nicht. Wer ist das Mädchen?“
„Peggy.“ Anthony betonte den Namen, als wäre es Honig. „Peggy Whipple. Zuerst möchte ich sicherstellen, dass ich niemandem auf die Füße trete. Wenn dem so ist, werde ich einfach meinen eigenen Weg gehen. Wenn es zu einem Kampf kommen sollte –“
„Warte mal“, unterbrach Peter. „Ich verstehe dich nicht ganz. Auf wessen Füße glaubst du, trittst du?“
„Nun, Peggy kommt so oft in die Funkstelle, dass ich –“
„Oh, auf keinen Fall, alter Mann. Peggy ist ein nettes Mädchen. Ich mag sie. Das ist alles.“
„Ich – ich bin sehr froh“, sagte Anthony aufrichtig. „Weißt du, sie ist ziemlich in dich verliebt. Aber solange du nicht genauso interessiert bist wie ich, nun ja –“
Er biss sich nervös auf die Lippe und fuhr fort: „Ich denke, du wirst mir zustimmen, dass es ziemlich dumm von ihr wäre, einen Mann zu heiraten, für den sie sich eigentlich jemand anderen vorstellt. Sie hat die Vorstellung, dass der Mann, den sie heiratet, eine Mischung aus Adonis und – und Diamond Dick sein muss! Sie will einen Mann, der überall Revolver bei sich trägt und weder Gott noch Mensch noch Teufel fürchtet!“
„Ein echter Teufelskerl!“
„Genau! Tief im Herzen glaube ich, dass sie etwas für mich empfindet. Aber ich bin doch nur ein gewöhnlicher Geschäftsmann. Ich habe in meinem Leben noch nie etwas Teuflisches getan. An mir gibt es nichts Romantisches. Schau dir diese Krawatte an! Hast du jemals einen Helden gesehen, der eine einfache schwarze Krawatte trägt? Nie! Hast du jemals –“

Page 240

Hat man schon mal einen Helden gesehen, der schöne, braune Oxford-Schuhe trägt – ohne auch nur den geringsten Schmutzfleck darauf? Wenn es mir irgendwie gelingt, sie dazu zu bringen, ein paar Minuten lang zu glauben, dass in mir etwas Heroisches steckt, dann wird sie vielleicht auf etwas Vernunft hören. Sie sagt mir – nein, sie wirft es mir eher ins Gesicht – dass du Helen und sie auf eine Besichtigungstour in einige der dunkelsten Ecken Schanghais mitnehmen wirst. Du kennst dich aus, und es gibt natürlich keinerlei Gefahr.“

„Überhaupt keine“, sagte Peter.

„Nun, ich möchte wissen, ob du mich mitnehmen lässt. Ich übernehme alle Kosten – ich habe schließlich genug Geld! Lass mich dabei sein, und…“

„Aber es wird für niemanden die Möglichkeit geben, ein Held zu sein. Ich werde die Mädchen an den sichersten Ort in Schanghai bringen. Eine Kirche aus Neuengland wäre dagegen wie eine Höhle des Bösen!“

Anthony legte seine Finger auf seine Knie.

„Nun, könntest du nicht irgendetwas inszenieren? Das ist meine Idee. Ich überlasse es dir, etwas Gefahr zu schaffen – natürlich keine echte Gefahr – wir dürfen schließlich nicht zulassen, dass die Mädchen in echte Gefahr geraten. Aber wir können einen fingierten Kampf oder so etwas inszenieren und mir die Chance geben, den Helden zu spielen, Peggy in meine Arme zu retten – so etwas in der Art, verstehst du?“ Er sah Peter dumm an.

Peter strich sich über die Nase. „Das könnte möglich sein“, sagte er. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“

Anthony stand auf, streckte seine Hand aus und sagte: „Natürlich brauche ich eine Pistole.“

„Lade sie mit Platzpatronen“, riet Peter. „Weißt du, manche Leute glauben, es bringt Pech, einen Chinesen zu töten.“

Anthony betrachtete ihn neugierig. „Wirklich?“, fragte er.

Peter nickte langsam. „Manchmal“, sagte er.

Page 241

KAPITEL III

Anthony und die Zwillinge riefen nach Peter, sobald sie sich von den vielen faszinierenden Ereignissen lösen konnten, die mit der Ankunft im Whang-poo-Kiang einhergingen.

Es war bereits spät am Nachmittag, als das erste Passagierschiff aus Shanghai den Fluss herunterkam. Und es war fast Dämmerung – jener goldbraune Abend in China –, als sie am öffentlichen Anlegeplatz in der Internationalen Konzession ankamen.

Anthony wollte direkt ins Hotel Astor gehen, um dort zu Abend zu essen. Auf Peters Vorschlag stiegen er und die Zwillinge jedoch in eine Straßenbahn ein, um nach Bubbling Wells zu fahren.

Peter stand einige Momente unschlüssig da, während die Straßenbahn nach Bubbling Wells langsam vorankam – zusammen mit einer Menge Victoria-Wagen, Rikschas und Handkarren. Es war jetzt etwa sieben Uhr; die Sonne war hinter einem Horizont aus trübem Bronze verschwunden. Die Straßenlaternen gingen an und funkelten wie eine lange silberne Schlange entlang der breiten Straße; sie bildeten einen grotesken Hügel über der Soochow-Brücke und verschwanden schließlich im amerikanischen Viertel.

Er würde sich mit Anthony und den Zwillingen im Speisesaal treffen. Wer zuerst dort ankam, würde warten. Er rechnete damit, viel länger dort zu sein, bis seine drei Freunde von Bubbling Wells zurückkamen.

Ein Rikschafahrer versuchte, ihn anzusprechen, doch er achtete nicht darauf. Seine Augen suchten die Straße ab. Es dauerte einige Sekunden, bis er sich an dieses flüchtige Erscheinen gewöhnt hatte. Was machte dieses Mädchen in Shanghai?

Die Rikscha war bereits vorbeigefahren und fuhr weiter in Richtung Native City.

Der Junge vom Rikschafahrer machte weiterhin kehlige Geräusche und zupfte sanft an seinem Ärmel. Die Deichseln der Rikscha befanden sich ganz in seiner Nähe. Doch Peter blieb noch…

Page 242

Unentschlossen.

„Allee rechts“, sagte Peter entschlossen. „Die französische Konzession.“

Das war die Richtung, in die das andere Rikschaf fuhr.

Er stieg ein, und sie fuhren in den Verkehr in nördlicher Richtung. Das Mädchen im Rikschaf war etwa einen Block voraus und schien keinerlei Absicht zu haben, das Tempo ihres Trägers zu erhöhen oder umzukehren. Sie überließ alle Entscheidungen ihm – und seine Entscheidung war, ihr ein paar Fragen zu stellen.

Sein Träger ging schwerfällig voran, ohne nach rechts oder links zu blicken; sein Pferdeschwanz schwang von einer Seite zur anderen, während sein Kopf tief gesenkt war.

„Folge einfach dem Weg – verstanden?“

„Mein Verständnis“, antwortete der Träger und steuerte auf die enge Gasse voller Schmutz und öliger Rückstände zu; dabei roch es nach Abfall und gekochtem Essen.

Peters Herz begann vor Aufregung schneller zu schlagen. Hatte sie eine Botschaft für ihn, die sie dem offenen Bereich am Kai nicht anvertrauen konnte?

Plötzlich bog das Rikschaf vor ihnen scharf nach rechts in eine völlig dunkle Gasse ab. Die einzige Beleuchtung stammte von einem blassblauen Licht, das vor einem niedrigen Gebäude am anderen Ende der Gasse brannte.

Hier hielt das erste Rikschaf an. Eine gespenstische Gestalt schien zu Boden zu sinken. Es ertönte das Klirren von Münzen. Eine Tür öffnete sich und ließ einen breiten Strahl orangefarbenen Lichts hervorbrechen, der über den Gehweg fiel und sich an der düsteren Wand des gegenüberliegenden Gebäudes abzeichnete.

Peter sah das bronzefarbene Glänzen von Drähten auf dem Dach im Licht des blassen Mondes.

Er klopfte kräftig an die Tür und trat beiseite. Das war eine Angewohnheit, die er aus langjähriger Erfahrung gelernt hatte – nämlich beiseitezutreten, wenn er an einer verdächtigen Tür klopfte. Die Tür bewegte sich ein paar Zentimeter nach außen. Ein langes, gelbes Gesicht mit einer dicken, hervorstehenden Unterlippe spähte heraus. Peter schob den Mann beiseite und betrat das Gebäude.

Page 243

Er befand sich in einem niedrigen Korridor aus rauchfarbenem Holz, mit dicken Kerzen, die in Abständen von mehreren Metern entlang der Wände auf schmalen, lackierten Geländern standen. Eine der drei Türen war offen.

Ein Streichholz wurde angezündet – seine Spitze leuchtete in einem halbkreisförmigen Lichtschein, bevor das Holz selbst Feuer fing. Die Hand, die das Streichholz hielt, zitterte; die schwache Flamme flackerte so stark, dass er für einen Moment keinen Blick auf den Besitzer dieser Hand werfen konnte.

Ein Flüstern übermittelte ihm einen Befehl: „Bitte schließen Sie die Tür, Herr Moore.“

Er griff nach der Tür und schloss sie fest – mitten im Gesicht des Mannes, der ihn in diesen Ort gelassen hatte.

Als er sich umdrehte, setzte die zitternde Hand die Flamme des Streichholzes auf die Docht einer offenen Lampe – einer ziemlich prunkvollen Lampe. Als die Flamme höher stieg und ihr gleichmäßiges, sanftes Licht abgab, sah er einen Glanz von Metall, von poliertem Gummi; ein Ende des Raumes war fast vollständig mit Maschinen gefüllt.

„Romola Borria!“

Es schien, als hätte sie eine große Veränderung durchgemacht. Das schöne Gesicht, das ihn einst in den Tod gelockt hatte, wurde nun von einer sehnsüchtigen, zarten Traurigkeit geprägt – als hätte dieses Mädchen seit ihrem letzten Treffen eine Zeit des Selbstquälens durchlebt.

Doch sie war immer noch schön; es war, als wäre ihre Schönheit in einem intensiven Feuer verfeinert worden. Ihr Mund wirkte traurig, ihre großen braunen Augen strahlten eine unbeschreibliche Traurigkeit aus – und ihr Gesicht, einst oval und stolz, schien schmaler, weißer zu sein und von weitaus feinerer Form.

Sie betrachtete ihn nachdenklich; in ihren Augen lag eine widerwillige Scheu – ein Blick, wie man ihn Jahre später in der Frau sieht, die man einst wegen einer anderen, vielleicht nicht ganz so würdigen Person verlassen hat.

„Nun, Sie haben mich gefunden, Peter“, sagte sie mit leiser, müder Stimme und kam langsam auf ihn zu.

Page 244

„Ja“, gab er lahm zu: „Ich sah, wie du am Steg vorbeigingst. Ich folgte dir – natürlich. Ich komme gerade aus Amerika.“

„Oh.“ Ihre Stimme zeigte keine Überraschung. „Du bist wegen mir gekommen, Peter?“

„Ich dachte, du wärst tot“, gestand er.

„Nun, ich bin schwer zu töten!“ Ein kleines Lächeln huschte über ihre zarten Lippen. „Bist du nicht mit Eileen verheiratet?“

„Nein – und niemals!“, sagte er dumpf.

„Aber du musst doch verliebt sein! Du bist immer in jemanden verliebt.“

„Ich bin in niemanden verliebt.“

„Nicht einmal –“

„Ich bin in niemanden verliebt.“

„Ich auch nicht“, sagte Romola Borria leise. Es klang wie ein großes, widerwilliges Bekenntnis. „Ich habe nur einen Mann geliebt, und meine Liebe zu ihm ist längst erloschen. Wenn man die Glut wieder entfachen will – oh, aber ich habe es schon viele, viele Male versucht – findet man keine einzige kleine Glut mehr, die noch glüht! Wenn die Liebe stirbt, braucht es ein großes Feuer, um sie wieder zum Leben zu erwecken. Oh, ich habe gelitten!“

„Ist er – tot?“

Sie lächelte wieder, ziemlich ironisch. „Kann ein Mann mit einer Kugel im Herzen leben?“

„Ich – ich sah es. Ich dachte – aber was spielt es für eine Rolle, was ich dachte?“ Er versuchte, etwas von seinem alten Elan in seine Stimme zu bringen. Es war ziemlich schwierig, bei der Beerdigung der Liebe zu lachen. „Romola, du bist noch schöner!“

„Ich habe gelitten“, sagte sie mit derselben zurückhaltenden Stimme.

Page 245

Er wandte sich mit einer Geste der Resignation ab. Auch er hatte gelitten – aber in etwas anderer Weise. Mit professionellem Blick betrachtete er den Haufen an Geräten, die in präziser Ordnung entlang der Rückwand des kleinen Raumes aufgestellt waren.

„Ich studiere“, erklärte sie in denselben, eher vorwurfsvollen Tonfall. „Weißt du, Peter: Ich mochte dich einst ziemlich gern –“

„Romola, bitte –“

„Und weil es dein Beruf war, interessierte ich mich dafür. Ich habe die Nachricht gehört, die du gestern Abend dorthin geschickt hast – an diesen Ort in der Jen-Kee-Straße. Ich war eine Weile ziemlich besorgt.“

„Deswegen bist du also zu dieser Zeit am Flussufer entlanggekommen, als das Boot flussaufwärts kam?“

„Vielleicht.“ Sie lächelte vage.

„Du wolltest herausfinden, ob ich immer noch genug für dich empfinde, um –“

„Dir zu folgen? Ja, Peter; ich glaube, deswegen.“

„Dann wusstest du also nicht, dass ich auf dem Weg nach China war?“

„Nein, Peter, ich wusste nichts.“

„Bist du nicht mit meinem guten Freund verbunden – dem Mann mit den Seelöwenbarteln in Lienyang?“

Romola schnappte nach Luft. „Ich war nie mit ihm verbunden.“

„Aber du hast mir gesagt, dass du es warst – da drüben im Persischen Golf!“

Langsam schüttelte sie den Kopf, mit sanfter Entschlossenheit.

„Nein. Das habe ich dir nicht gesagt. Ich habe ihn gesehen – ja. Aber ich stand nie in seinen Diensten. Es war Emiguel Borria, mein verstorbener – darf ich so sagen? – mein untröstlicher Ehemann, der mich dazu gebracht hat, diese Dinge zu tun. Peter –“

Page 246

Ihre Haltung schien sich auf subtile Weise zu verändern – als wäre sie bitter amüsiert. „Du sagst, du bist nicht verliebt. Was ist dann mit dem kleinen Mädchen mit den goldenen Haaren – den beiden kleinen Mädchen mit den goldenen Haaren –, die du heute Nachmittag am Ufer zurückgelassen hast?“

„Sie und der junge Mann sind Passagiere auf der King of Asia. Ich habe sie an Land gebracht, damit sie China so kennenlernen können, wie es wirklich ist.“

„Dann sind sie in guten Händen, Peter. Gehst du aber nicht ein gewisses Risiko ein? Gibt es keine Möglichkeit, dass die Männer von der Jen Kee Road beschließen –“

„Ich gebe mein Wort darauf, Romola. Ich bin nach China zurückgekehrt, um keinen Ärger zu machen, sondern einfach deshalb – nun, warum bist du eigentlich in China?“

„Weil ich vielleicht nicht den Willen habe, wegzugehen. Ich bleibe hier aus demselben Grund, aus dem ein Mann oder eine Frau vor einem schrecklichen Ölgemälde verweilt – wie dem Haibild von Sorolla. Es ist schrecklich, aber faszinierend. Ich kann nicht weggehen. Wenn ich es täte, würde ich zurückkommen, genau wie du immer wieder zurückkommst. Ist das der Grund, warum du zurückgekommen bist?“

„Genau.“

„Und du glaubst, du gehst mit den beiden Mädchen mit den goldenen Haaren kein Risiko ein?“

Peter schüttelte nachdenklich den Kopf. „Vielleicht hätte ich sie nicht der Gefahr aussetzen sollen. Aber sie waren entschlossen – und teilweise auch, um dem jungen Mann zu helfen. Anthony ist ein gewöhnlicher amerikanischer Geschäftsmann. Er ist in das jüngste der Mädchen verliebt. Und sie verehrt Helden. Er will sich beweisen.“

Sie unterbrach ihn flüsternd: „Peter, sag mir – warum? Was hast du denn je getan? Warum – warum ist das so?“

Peter der Kühne blickte sie leer an.

Sie machte mit ihren schönen weißen Händen eine Geste der Resignation.

„Nun, egal. Erzähl mir mehr über Anthony.“

Page 247

„Anthony glaubt, dass er, wenn er Peggy seine Tapferkeit beweisen kann, zu ihm kommen wird. Er ist wirklich ein guter, anständiger Kerl. Ich hatte vor, sie zu Ching Tongs Haus am Bubbling Wells Way zu bringen – es ist dort sicher genug und wird von Polizisten aus neun Ländern überwacht. Ching Tong, als Freund, der mir helfen wird, wird die Rolle eines sehr bösen Bösewichts spielen. Anthony’s Revolver ist mit Platzpatronen geladen. Mein Revolver nicht – aber das liegt wohl an meiner feigen Natur. Man weiß nie, was passieren könnte, wissen Sie.“

„Natürlich. Fahren Sie fort.“

„Ich habe vor, dass Ching Tong in seinem Keller einen sehr realistischen Kampf inszeniert – bei dem Anthony acht oder zehn riesige Chinesen überwältigen kann, mit der ohnmächtigen Peggy in den Armen durch das Fenster entkommen kann – und …“

„Ganz einfach“, gab Romola mit leichtem Stirnrunzeln zu. Sie zog ihn zu einer breiten, niedrigen Bank. „Irgendwie“, fuhr sie fort, „fällt mir Ihre Idee auch recht gut ein. Mir haben Anthony’s Aussehen – soweit ich ihn gesehen habe – gefallen. Und mir haben auch die beiden kleinen Mädchen gefallen – Zwillinge, nicht wahr?“

Peter nickte. „Die wunderbaren Zwillinge!“

„Ich wäre wohl ganz einverstanden mit diesem Plan, Peter – wenn Sie in dieser Gegend nicht in solch einem schlechten Ruf stünden. Sie müssen erkennen, dass die Leute des Grauen Drachen Sie beobachten. Natürlich haben Sie Ihren Rikschaführer nicht erkannt – er gehört schließlich zu den Leuten des Grauen Drachen. Glauben Sie nicht, dass Sie diese beiden netten Mädchen unnötig in Gefahr bringen?“

Peter zündete zwei Zigaretten an und reichte eine davon Romola. Sie nahm sie mit abwesendem Gesichtsausdruck entgegen und rauchte langsam, wobei sie einen dünnen Strahl blassen Rauchs ausatmete.

„Aber die Umstände haben sich jetzt geändert. Sehen Sie, ich bin auf der sicheren Seite – völlig unbedenklich.“

„Sie wollen immer noch, dass Sie mit ihnen kommen?“

„Genau. Beim letzten Mal haben sie sogar einen Vertreter bis nach San Francisco geschickt.“

Page 248

„Natürlich hast du abgelehnt? Peter——“ Ihre weiche, weiße Hand ruhte auf seiner; ihre roten Lippen waren ganz nah an seinem Gesicht. „Warum schließt du dich ihnen nicht an? Du und ich!“

„Du und ich?“

Sie nickte eifrig.

Peter zog sich ein paar Zentimeter zurück. „Ich habe bereits nein gesagt, als du mich das letzte Mal gefragt hast. Nein, ich will nichts mit dieser Band zu tun haben – niemals! In die Wildnis zu gehen, in die Berge, um irgendwelche gefährlichen Aufträge zu erledigen – mit dir – das hätte mich vielleicht gereizt. Aber jetzt nicht!“

„Peter, ich fürchte, ich liebe dich immer noch!“

„Und doch, Romola, ich habe keine Angst davor, mich wieder in dich zu verlieben! Aber lass uns nicht darüber sprechen, diesem Mann in Len Yang beizutreten. Was du anbietest, ist einfach zu verlockend. Ich könnte nachgeben! Du bist einfach viel zu faszinierend!“

„Bin ich das?“

„Das habe ich dir schon einmal gesagt.“

„Dann wirst du mit mir den Fluss hinaufgehen?“

„Nein – niemals! Du bringst mich fast dazu zu glauben, dass du immer noch in den Diensten dieses Ungeheuers stehst.“

„Das war ich nie. Das habe ich dir gesagt.“

„Du hast viele Dinge gesagt, die der Prüfung nicht standhalten konnten, Romola.“

Er stand auf und blickte sie mit verspielter Zärtlichkeit an. Sie war sehr schön, und wenn sie diesen verzweifelten Ausdruck annahm, sah sie aus wie ein hilfloses kleines Mädchen. Er fragte sich, ob er jemals bereuen würde, abgelehnt zu haben.

„Ching Tong muss Zeit haben, um alles vorzubereiten, und ich habe ein Abendessen im Astor House mit Anthony und den himmlischen Zwillingen. Können wir morgen Nachmittag zusammen Tee trinken?“

Page 249

Romola kam zu ihm und legte ihre beiden Hände auf seine Schultern. „Nein“, sagte sie. „Wir dürfen nicht zusammen gesehen werden. Das könnte für dich gefährlich sein. Ich habe über deinen Plan nachgedacht, Anthony in einen Abenteurer zu verwandeln. Warum bringst du sie nicht alle hierher? Ich habe sieben Diener – alle Chinesen – und sie würden ihr Leben für mich geben. Lass mich nachdenken…“ Nachdenklich biss sie sich auf die Oberlippe.

„Du kannst ihnen sagen, dass dieser Ort das Herz des chinesischen Schmuggelhandels ist. Es ist lächerlich, aber das wird sie ansprechen. Ich werde mich als chinesische Frau verkleiden – oh, das habe ich schon Dutzende Male getan – und sehr geheimnisvoll wirken. Für Peggy wird das viel romantischer erscheinen als ein gewöhnlicher Opiumladen. Und es wird sicherer sein. Ich kenne Ching Tongs Laden. Das könnte funktionieren, wenn du eine gewöhnliche Person wärst, Peter – aber für ein solches Abenteuer sollten mindestens fünfmal so viele Fluchtmöglichkeiten vorhanden sein! Ich habe sie hier.“

Peter sah sie zweifelnd an, obwohl der Gedanke ihn reizte. Doch stärker als seine Bewunderung für diesen Plan war wieder das alte Bild von Romola Borria in seinem Kopf. Er wusste, dass er niemals mit ihrer List oder ihrem tiefgehenden Wissen über China mithalten konnte.

„Ich habe jede Menge Schminkutensilien. Ich werde diese Kerle so schminken, dass sie wie Banditen aussehen! Ich werde ihnen Messer um den Gürtel binden. Und ich werde alles vor deiner Ankunft vorbereiten. Alles wird geregelt sein.“ Sie zögerte sichtlich. „Du – du wirst doch nicht dieses schreckliche Automatikrevolver mitbringen, oder?“

Peter lächelte schwach.

KAPITEL IV

Es regnete leicht im Frühling, als Peter vier Rikschas bei den stolzen Sikhs bestellte, die vor dem Eingang des Astor House Wache hielten. Lange, helle Lichtstrahlen glitten über den nassen Gehweg – von den hellen Scheinwerfern auf der Soochow-Brücke. Die Silhouette eines großen, stillstehenden Schiffes zeichnete sich gegen das gelbe Licht ab.

Page 250

Von der Hütte eines Wächters jenseits des dunklen Kanals aus – während dieses langsam mit der Strömung in Richtung Gelbes Meer trieb.
Es war eine trostlose Nacht. Die Straßen waren verlassen, abgesehen von gelegentlichen Rikschas mit irgendwelchen geheimnisvollen Passagieren darin; die Schritte der Arbeiter klangen wie das leise Quietschen nasser Sandalen – durch den dicken Schlamm auf den Straßen bedeckt. Die Welt war einsam und überflutet.
Peter kümmerte sich um Peggys Wohlbefinden, als die erste, durchnässte Rikscha heranfuhr. Er zog den wasserdichten Umhang unter ihr Kinn und schnallte ihn fest, anschließend schob er ihn unter ihre Füße. Ihre Wangen glühten vor Aufregung.
In der Zwischenzeit widmete Anthony der anderen Zwillingsschwester dieselbe Fürsorge.
Peter warf einen Blick auf seine Uhr, als sie einstiegen. Er fragte sich, wie Anthony ihre erste, relativ unbedeutende Etappe dieser Reise wohl bewertete, und wies seinen Arbeiter in „Pidgin“ an, hinter ihnen zu bleiben.
Antonys klare Augen strahlten selbstverständliches Vertrauen aus.
„Man darf nicht zu fest zuschlagen – und man muss vorsichtig sein, wenn man mit dem Revolver schießt, damit die Kugeln in die Luft fliegen. Aus kurzer Entfernung können sogar die Patronenhülsen tödlich sein.“
Antonys klare Stimme drang zu ihm durch: „Natürlich.“
Schließlich hielten sie vor dem weitläufigen Gebäude an, in dem Romola Borria wohnte. Die Lampe war ausgegangen – vermutlich schon lange vorher vom prasselnden Regen zerstört. Nur ein blasses Licht drang aus dem Gebäude heraus – aus einem kleinen Fenster im Obergeschoss, das mit öligem Papier bedeckt war. Die einzigen Geräusche waren das ununterbrochene Tropfen des Regens sowie das leise Gemurmel der Arbeiter, die im fahlen Licht der Rikscha-Lampen die Münzen untersuchten.
Peggy schlang ihren Arm um Peters Arm und hielt sich eng an ihn – sie zitterte vor Aufregung.

Page 251

„Wir dürfen uns nicht trennen“, warnte er sie flüsternd. „Was auch immer passiert – Peggy und Helen – bleibt in unserer Nähe. Im Falle von Problemen soll jede von euch hinter dem stehen, der von uns am nächsten ist. Schreit nicht. Zeigt kein Geld. Peggy, steck deine Handtasche in den Ausschnitt deines Hemdes. Sind wir bereit?“

„Ja!“, kam das dreifache Flüstern als Antwort.

Er hob seine Knöchel und ließ sie schnell niederfahren – dreimal rasch, zweimal langsam. Danach herrschte Stille, eine angespannte Stille wie in einem aufgeregten Haus.

Langsam gab die Tür nach, und ein alter Chiner mit bösem Aussehen in Schwarz winkte ihnen mit einem langen, schlangeartigen Finger zu, hereinzukommen.

Nur noch zwei Kerzen brannten auf dem lackierten Geländer im rauchigen Korridor. Die Vorhänge hinten öffneten sich; es war zu sehen, wie schwere Seidenkleider bewegt wurden, und eine schöne Frau mit weißem Gesicht kam auf sie zu.

Durch geschickte Anwendung von Schminke sowie sorgfältiges Durchsuchen zahlreicher Koffer entstand ein Bild, das fast schon melodramatisch wirkte.

Romolas wunderbares dunkles Haar war zu einem großen Haufen zusammengefasst, der sich von ihrem Kopf nach hinten neigte. Ihr Gesicht war kalkweiß – durch ein Bad in Reismehl – ihre feinen Lippen waren zu einem äußerst bösartigen Lächeln verzogen; ihre Augen strahlten in prächtiger Verführungskraft. Sie sah teuflisch aus; sie strahlte Grausamkeit aus.

Die Zwillinge keuchten vor entsetzter Faszination. Wahrscheinlich rannen ihnen eiskalte Schauer den Rücken hinunter. Anthony starrte sie an; seine grauen Augen drückten grenzenlose Bewunderung aus.

Mit anmutiger Geschmeidigkeit ging sie an ihnen vorbei, senkte dabei nicht einmal ihre prächtigen Augen, und schoss einen riesigen Messingbolzen in die Tür.

Sie bildeten einen erwartungsvollen, ehrfürchtigen Halbkreis. Mit leiser Stimme machte Peter die Vorstellungen und beschrieb ausführlich die außergewöhnlichen Eigenschaften dieser Frau.

Page 252

Die Bosheit dieser zierlichen Zauberin, die ihn ständig mit einem stolzen und verächtlichen Blick bedachte. Von Zeit zu Zeit nickte sie steif.

„Prinzessin Meng Da Tlang hat ein Wort für Sie.“ Er verbeugte sich tief.

„Es ist nur folgendes“, sagte Romola Borria in Tönen, die so reich klangen wie die Glocken der Tempel in Kyoto, „was Sie bisher gesehen haben – und was Sie nun sehen werden – muss für immer ein Geheimnis in Ihren Herzen bleiben. Folgen Sie mir.“

Romola, oder Prinzessin Meng Da Tlang, schwebte den düsteren Korridor entlang, wobei ihre Röcke leise raschelten. An dessen Ende zog sie den Vorhang beiseite.

Das Quartett betrat einen großen, hohen Raum, der im schwachen Licht der Kerzen erstrahlte. Das Wachs, das von einigen Kerzen heruntertropfte, hing wie Eiszapfen oder Stalaktiten von den flachen Bronzekannen herab und beleuchtete eine bizarre Szene.

Die Wände waren mit schweren Teppichen bedeckt, die im mystischen Licht der Kerzen einen wachsartigen Glanz annahmen. Sie hatten die düsteren Farben Chinas aus einer Zeit, als dieses Land bereits vor vielen Jahrhunderten seinen Höhepunkt erreicht hatte. Sie verliehen diesem Ort eine feierliche Atmosphäre voller Würde und Pracht.

Entlang der Innenwand, genau gegenüber dem Eingang, grinste ein riesiges grünes Bildnis Buddhas. Es war von Messingkerzenhaltern umgeben und auf einem prächtigen Thron aus Messingfiligran platziert; darunter brannten rote Flammen.

Der Geruch teuren Weihrauchs war intensiv und süß. Der Rauch aus dem Bratrohr stieg in einer dünnen, bewegungslosen blauen Säule auf. Nachdem diese etwa vier Fuß in die Höhe gestiegen war, teilte sie sich in eine Art Türkisfächer auf, der anschließend in dichten Schwaden zur Decke aufstieg. Der Weihrauchtopf war sehr alt, aus schwarzem Lack und Messing gefertigt und von Erosionsflecken verfärbt.

Und über dem grünen Bildnis Buddhas, vor dem Prinzessin Meng Da Tlang nun kniete und mit leiser Stimme stöhnte, lag ein äußerst realistisches Schädel- und Knochenbild. Über der Stirn dieses grauenhaften Gedenkstücks…

Page 253

An der Stelle des Jenseits befand sich eine tiefe grüne Kerbe – was mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Ursache des Todes des unglücklichen Besitzers hindeutete.

„Bitte setzen Sie sich dort drüben“, bat Romola.

Mit einer anmutigen Geste ihrer elfenbeinfarbenen Hand wies sie auf eine reich verzierte Bank aus Ebenholz. Ihre Gäste setzten sich erwartungsvoll dorthin.

Peggy zog Peter mit einem tiefen Seufzer in die Ecke. „Ich habe fast Angst. Oh, ist das nicht einfach romantisch!“, flüsterte sie.

Helen und Anthony nahmen ernsthaft Platz auf der anderen Seite von ihnen. Prinzessin Meng Da Tlang bewegte sich anmutig auf den Eingang zu, durch den sie gekommen waren.

„Ich – ich habe wirklich ein bisschen Angst!“, flüsterte Peggy. Ihre Lippen waren so nahe an Peters Ohr, dass er ihren warmen Atem auf seinem Hals spüren konnte. „Leg deine Arme um mich – bitte!“ Peter legte seine Arme um sie und drückte sie fest. „Oh“, seufzte Peggy, „das ist wunderbar!“

Helen warf ihr einen überraschten Seitenblick zu. „Peggy, ich finde, du bist nicht besonders diskret.“

„Lass mich doch glücklich sterben!“, grinste Peggy. Sie wandte ihr sehnsüchtiges Gesicht Peter zu. „Hast du schon einmal deine Arme um eine andere Frau gelegt?“, flüsterte sie.

„Gott bewahre!“, stöhnte Peter. „Behandle ich mich etwa wie ein Amateur?“

„Nein, das tust du nicht!“

Romola hielt die Vorhänge zurück, während eine Gruppe von vier Männern, schmutzig und nass, als kämen sie von einer langen Reise, leise in den großen Raum traten.

„Mongolische Schmuggler“, flüsterte Peter.

Die vier großen Männer durchquerten den Raum mit würdevollem Schritt und legten vier kleine Bündel, in blaues Seidengewebe eingewickelt, vor dem Buddha-Altar ab. Dann entfernten sie die regendichten Strohmatten, die an ihren breiten Schultern hingen.

Page 254

Auf ihre schlammigen Sandalen gestützt – sie trugen schwarzen Seidenstoff, und an jedem Gürtel hing ein Kris, der sich im goldenen Kerzenlicht krümmte und funkelte, da das Licht über die geschliffene Stahlklinge strich.

Nachdem sie ihre leichten Lasten abgelegt hatten, verbeugten sie sich tief vor dem Altar, murmelten etwas in ihre Kehlen, standen wieder auf und grüßten ernst – bis die vier Zöpfe auf dem schweren blauen Teppich vor Romolas bloßen Füßen schwankten. Sie trug keine Sandalen, was wohl bei Piratenprinzessinnen üblich war. Als die Männer gegangen waren, zog Romola einen Teppich zurück, der dicht am Altar hing, und enthüllte so einen kleinen Schrank, der direkt an der Wand angebracht war. Selbst Anthony blickte mit seinen grauen Augen erstaunt und interessiert auf die schwarze Tür sowie den Messingverschluss.

Nachdem die vier seidenen Pakete abgestellt worden waren, wandte sich Romola ihnen mit einer geheimnisvollen Stimme zu: „In diesen Paketen befinden sich Edelsteine – Diamanten, Rubine, Perlen aus Punjab, aus Bengalen, aus Burma.“

„Können wir sie sehen?“, bat Helen mit eifrigem Ton.

„Ach, bitte!“, fügte Peggy mit engelhafter Flüsterstimme hinzu.

Romola hob beide Hände, als wäre sie entsetzt. „Sie würden sogar einen Heiligen verführen“, murmelte sie.

„Sei vorsichtig“, warnte Peter und legte seine Lippen an Peggies rosafarbenes Ohr. „Die Prinzessin hat einen schrecklichen Temperament. Es ist schon vorgekommen, dass sie jemanden dafür erwürgt hat!“

„Das glaube ich nicht!“, erwiderte Peggy. „Ich finde, die Prinzessin ist einfach zu nett für so etwas.“

Romola warf Peter einen gelangweilt-neugierigen Blick zu. Dann stand sie plötzlich auf.

„Ihr müsst etwas von meinem gewürzten Wein probieren. Er ist wirklich köstlich. P’êng-yu Moore, wir werden die Diener nicht stören – wirst du mir helfen?“

Peggy faltete schüchtern die Hände im Schoß. „Ich hoffe, er ist nicht betörend“, murmelte sie.

Page 255

Romola hatte anmutig den Raum durchquert – dort ragten in einem bronzenen Blumentopf die staubbedeckten, schlanken Hälse hoher Flaschen hervor. Sie kniete davor nieder. „Komm näher“, flüsterte sie, als er ihr folgte. „Peter, sag mir——“

„Ja, Romola?“

„Was bedeutet dieses kleine Mädchen für dich?“

Peggies klare Stimme ertönte: „Peter, mein Hals ist staubig!“

„In einer Minute, Peggy“, rief er zurück. Wieder leiser: „Sie ist doch nur ein Kind. Aber warum——“

„Peter, ich habe heute Abend mehr Mühe auf mich genommen, als du dir vorstellen kannst——“

„Was willst du, dass ich tue?“

„Ich möchte, dass du aufhörst, mit diesem unschuldigen Kind Liebe zu machen.“

Die süße Stimme des unschuldigen Mädchens ertönte erneut: „Peter, die Wüste Sahara ist im Vergleich zu meinem Hals wie ein fließender Fluss!“

„In Ordnung, Peggy; in einer Minute.“

„Du hast einmal gesagt, dass du——mich liebst.“

„Ich halte immer noch zu meinen Worten. Aber ich liebe jetzt niemanden mehr. Du bist eine Verführerin, Romola. Im Grunde bist du ja eine Prinzessin! Ich habe dich noch nie schöner gesehen als heute Abend!“

„Peter, kannst du denn nicht erkennen, welches trostlose Leben ich seit jener Nacht geführt habe, als du aus Hongkong vor mir weggelaufen bist? Wirst du——für mich——weil ich es will——weil ich dich will——es dir noch einmal überlegen? Wirst du aufhören und nachdenken——“

„Wir geraten wieder auf verbotenes Gebiet, Romola.“

„Oh, Gott! Ich weiß, ich weiß! Aber was bleibt mir noch im Leben? Und was bleibt dir? Vielleicht bist du der beste Operator im gesamten Pazifischen Ozean; du hast diesen Ruf bereits seit——wie lange? Fünf Jahren? Aber das ist——“

Page 256

Ziellos! Wohin treibst du dich? Was wird aus dir, wenn die Jahre vergehen? Du bist sicher schon fast dreißig, Peter. Ich? Ich bin jünger – aber ich habe mehr gelitten. Das einzige Glück, das ich je gekannt habe, war mit dir.

Peggy wurde trotzig. „Peter, ist dieser Kerl wirklich so stur?“

„In einer Minute“, sagte er abwesend.

„Erinnerst du dich an diese wunderbaren Tage und Abende, die wir zusammen im Javasee sowie im alten Persischen Golf verbracht haben? Erinnerst du dich an diese Abende, Peter, unter dem Mond und dem Südlichen Kreuz?“

„Ich erinnere mich an viel Verrat!“

„Aber es darf keinen weiteren Verrat mehr geben“, sagte sie leidenschaftlich. „Denk nach, Peter! Du hast kein Geld – ich habe nur ein wenig Geld; das wird nicht lange reichen. Was kommt dann? Weißt du, was mit weißen Frauen passiert, wenn sie hier in diesem Land ohne Geld und ohne Freunde stranden?“ Sie zitterte. „Und es wäre doch so einfach – mit mir zu gehen, zu ihm. Dann wären wir für immer zusammen – du und ich! Tibet! Punjab! Der Handelsweg nach Bengalen! Du und ich mit unserer Karawane – in den blauen Hügeln!“

„Es tut mir leid“, gestand Peter traurig.

Romola senkte den Kopf mit einem bitteren Seufzer.

Peggy erhob ihre Stimme: „Brich ihm den Hals, Peter – mir macht etwas zerbrochenes Glas nichts aus!“

Romola schob zwei silberne Becher über den Boden zu ihm hinüber.

Er verschüttete etwas von der glitzernden, goldenen Flüssigkeit auf den Teppich, wo sie einen dunklen, runden Fleck bildete. Mit leicht zitternden Händen brachte er die Becher ins Zimmer. Peggy leerte ihren Becher ohne ein weiteres Wort in einem Zug. Sie leckte sich delicat die Lippen – ihre Augen funkelten.

Page 257

Als Peter auf den Sitz neben ihr rückte, sah er, wie der Vorhang vor dem Eingang langsam von einer unsichtbaren Hand zurückgezogen wurde. Er blickte lächelnd zu Romola hinüber; ihre Augen waren auf den sich bewegenden Vorhang gerichtet, ihr Gesicht angespannt vor Überraschung und Sorge. Die Situation schien sie zu verwirren.

Weißes Metall blitzte kalt auf. Eine dünne Hand sowie ein Arm erschienen – ein kurzes, dickes Messer, dessen Griff mit Tropfen bedeckt war, die wie Blut aussahen, wurde in den Raum geschleudert. Die Klinge zeigte nach unten und zitterte, nur etwa fünf Fuß von Romolas lackierten Bank entfernt!

KAPITEL V

„Ist das ein Teil der Aufführung?“, begann Peter.

„Nein, das ist es nicht.“

Romolas Gesicht wirkte durch ihre wachsende Angst noch schmaler. Offensichtlich gehörte das geworfene Messer nicht zur Aufführung des Abends.

„Zu was gehört es dann?“, fragte Peggy.

„Oh, wieder ein Scherz der mongolischen Schmuggler“, erklärte er.

Plötzlich gab es eine schockierende Explosion mitten unter ihnen. Der Lichtstrahl einer Pistole tauchte den ganzen Raum für einen Moment in rötlich-gelbes Licht. Rauch stieg auf – der stechend riechende, blassblaue Rauch sogenannten rauchlosen Pulvers. Anthony Andover hatte sich erhoben und auf den sich bewegenden Vorhang geschossen.

Peter stieß einen missbilligenden Laut aus. „Warum hast du das getan?“

„Schau!“

Page 258

Die Kerze direkt über den Vorhängen war erloschen; bei genauerem Hinsehen stellte Peter fest, dass die Kerze grob in zwei Hälften geteilt worden war – eines der weißen Stücke lag auf dem Teppich, nicht weit vom Weihrauchbrenner entfernt. Das bewies eine Sache endgültig: Anthony Andover hatte echte Kugeln, keine leeren Patronen, in die sechs Kammern seines Revolvers geladen. Er setzte sich ruhig wieder neben Helen, die ihn mit Augen ansah, die wie Seen wirkten.

Peggy fand als Erste ihre Stimme wieder. „Mein Gott! Warum haben Sie das getan? Es sollte doch nur ein Scherz sein – meine ich, mit diesem Dolch. Sie hätten ja jemanden umbringen können!“

Anthony zuckte mit den Schultern. „Da bin ich mir nicht so sicher.“

„Das ist wirklich ein äußerst gefährlicher Ort“, fügte Prinzessin Meng Da Tlang mit geheimnisvoller Stimme hinzu. Doch sie blickte Peter absichtsvoll an.

Er nahm das als Zeichen, ging zum anderen Ende des Raumes und näherte sich vorsichtig den Vorhängen. Langsam zog er den nächsten Vorhang Zentimeter für Zentimeter beiseite, bis die Wand des Flurs wieder sichtbar wurde. Bisher war dort alles leer.

Langsam steckte er seine Hand in die Jackentasche und schlenderte in den Flur. Als er die Vorhänge hinter sich fallen ließ und den scheinbar verlassenen Flur schnell von oben bis unten musterte, hörte er erneut das vertraute Geräusch einer sanft geschlossenen Tür.

Das Geräusch schien aus Richtung der Straße zu kommen. Er suchte nach dem alten Wachmann und stolperte fast über ihn in der Dämmerung, als er näher kam.

Peter zündete ein Streichholz an – und ein Entsetzensschrei entfuhr seinen Lippen. Der Mann war tot – erstochen!

War dieses Mordverbrechen Teil eines ausgeklügelten Plans? Er hätte es nicht zugelassen, mit solcher scheinbaren Unschuld in eine Falle zu tappen, wenn er nicht auf das Wort dieser Bande vertraut hätte. Seine Erfahrung hatte gezeigt, dass ihr Kodex ein besonderer war, dessen Grundlage das Ehrenwort war. Zum ersten Mal…

Page 259

In jenem Abend begann er, ein wenig Reue über seine Arroganz zu empfinden – schließlich hatte er die Bitte ihres Boten ignoriert, sofort nach der Landung seinen Absichten den Männern an der Jen Kee Road mitzuteilen.

Er zog die Leiche in die dunkelste Ecke und bedeckte sie mit einem Teppich.

Über seiner großen Angst bezüglich der Absichten dieser Bande lag außerdem das Verlangen, den beiden Mädchen das Gefühl des Todes und der Gefahr zu ersparen – ein Gefühl, das dieses Haus zu durchdringen schien.

Es musste einen Weg geben, um die Barrikaden draußen zu überwinden; vielleicht würden sie gezwungen sein, bis zum Tageslicht zu warten. Nachdem er den Riegel wieder vorgeschoben hatte – den der letzte Eindringling zurückgeschoben hatte – ging Peter langsam im Flur auf und ab, tief in Sorgen versunken. Er war noch unentschlossen, als er den Teppich zurückschob, der den Eingang zum großen Raum verdeckte.

Der Raum war völlig dunkel!

KAPITEL VI

Ein Auge, rot wie das Licht um den Krater eines fernen Vulkans, leuchtete einige Schritte vor ihm. Doch keine der Dutzenden Kerzen, die noch gebrannt hatten, als er das letzte Mal diesen Raum verließ, war jetzt entzündet.

Das scharlachrote Leuchten hielt er für die Beleuchtung unter dem Buddha-Altar. Er hörte ein langes Seufzen sowie ein leises Gemurmel von Stimmen.

„Zündet die Kerzen an!“, befahl er wütend.

„Was ist los?“, fragte Anthony – seine Stimme klang sehr schläfrig.

Page 260

Eine winzige Flamme erschien, als wäre sie an einem unsichtbaren Faden aufgehängt, und bewegte sich zum Kerzenhalter. Eine Dochtflamme leuchtete auf – dann eine weitere.

„Moore – Moore——“ Wieder war es die schläfrige Stimme von Anthony.

Eine grelle, graue Gestalt tauchte auf und stolperte ins Kerzenlicht. Es war Anthony. Seine Augen waren halb geschlossen. Er wirkte äußerst schläfrig und murmelte, als wäre er im Traum.

Peter wandte sich wild der Mädchen zu. Sie schien vor ihm zurückzuweichen, hob halb ihre Hände, als fürchte sie, er würde sie schlagen.

„Romola! Verdammt nochmal——“

„Peter, ich – ich——“ Ihre schwache Stimme verklang in einem Seufzer des Schmerzes.

„Drogen?“ fragte er.

Sie schüttelte ängstlich den Kopf.

„Nein, nein. Ich – ich——“

„Was hast du mit diesen Leuten gemacht? Was hast du——“

Sie hob stolz den Kopf. „Du vergisst——“, begann sie.

Er packte ihre Finger der linken Hand und drückte sie zusammen. Sie senkte ihren Kopf. Ihre zarten Lippen zitterten. „Was vergesse ich denn?“

Anthony hatte seinen Ellbogen ergriffen. „Das ist nicht richtig, Moore; es ist nicht richtig, so mit der Prinzessin zu sprechen. Sie ist wirklich edel. Sie ist wunderbar!“

„Du bist betrunken, Anthony!“

„Nein, nein, nein“, brabbelte er. „Nur schläfrig. Oh, dieser Wein! Völlig in Ordnung! Man hat das Gefühl, einen Mondstrahl erklimmen zu können!“

„Anscheinend. Wo sind die Mädchen?“

Page 261

„Hier entlang. Sag mal – Moore, wann beginnt der Kampf? Ich kann es kaum erwarten, endlich auf jemanden loszugehen!“
„Du wirst gleich deine Chance bekommen. Aber das ist kein Spiel. Verstehst du?“
„Natürlich verstehe ich! Ist meine Waffe nicht geladen? Sind wir in einer Falle?“
„Ja! Und nach meinen Berechnungen gibt es genau einen Ausweg. Ich glaube, du und die Mädchen werdet keine Schwierigkeiten haben, da durchzubrechen. Eilt euch! Lauf, so schnell du kannst!“
„Warte mal“, wandte Anthony ein, während sein Blick etwas weniger schläfrig wurde. „Was wird aus dir? Willst du auch versuchen zu fliehen?“
Peter schüttelte den Kopf. „Sie sind hinter mir her. Ich kann auf mich selbst aufpassen, Anthony – so etwas ist für mich nichts Neues. Du musst hier raus – und zwar schnell!“
„Und dich zurücklassen? Auf keinen Fall, Anthony! Ich bleibe!“
Anthony zeigte mit der Faust einen glänzend polierten Metallstreifen.
Romola strich mit zitternder Hand Wachs auf die anderen Kerzen.
Peter, der sah, dass die Zwillinge offensichtlich tief schliefen, näherte sich ihr.
Sie hielt inne und hob die Kerze über ihren Kopf, sodass ihr schwaches Licht auf sein Gesicht fiel. „Weil du mich so sehr geliebt hast?“
Ihre Schultern sanken herab, und ihr Kopf neigte sich leicht nach hinten, als wäre sie sehr müde. Sie biss sich auf die Unterlippe mit ihren perlweißen Zähnen.
„Weil ich dich so sehr liebe?“, wiederholte sie leise.
„In gewisser Weise“, sagte er bitter, „bist du wie eine bestimmte Schlange in Indien. Man kann diese verdammten Schlangen nicht einsperren! Sie finden immer ein kleines Loch, eine Spalte im Käfig – und schlüpfen heraus!“

Page 262

„Ah, Peter——“ Romola ließ die Kerze auf dem bronzenen Altar fallen, wo sie einen Moment lang flackerte und dann erlosch. Sie streichelte seine zögerliche Hand mit ihren kalten Fingern. Ihr Gesicht wurde äußerst traurig, und in ihren Augen standen Tränen. „Mein Herz gehört dir. Ich habe dir meine Liebe geschenkt. Ich würde mein Leben für dich geben!“

Er zog sich langsam von ihr zurück und wandte den Kopf, um dem Schmerz in ihren Augen auszuweichen.

Er fuhr hastig fort: „Wenn mein Tod für heute Nacht geplant ist——“

Er hielt inne, um sie zu beobachten. Sie tastete an ihrer Taille herum. Ein wenig silbernes Licht erschien – es handelte sich um ein schmales Stilett. Ihre Zähne klapperten, als sie den Griff in seine Richtung streckte. Ihre Blicke trafen sich. In ihren Augen lag ein brutaler Befehl. In seinen breitete sich allmählich Entsetzen und Erstaunen aus. Langsam legte sie ihre Finger auf ihr Herz; ihre Hand glitt wieder nach unten und blieb an ihrer Seite liegen.

„Da!“, flüsterte sie.

„Ist – ist mein Ende schon so nahe?“, flüsterte er.

Sie nickte langsam. „Du bist in großer Gefahr. Das könnte deine letzte Chance sein. Siehst du? Ich leiste keinen Widerstand. Warum – warum zögerst du?“

Mit dem winzigen Messer, das wie eine Flamme aus reinem Silber in seiner Handfläche lag, durchlebte Peter einen Moment der Unruhe und Verlegenheit. Diese Drohung war vielleicht nichts weiter als der Ausdruck der Bitterkeit, die sie in ihm hervorgerufen hatte.

In Stille gab er ihr das Messer fast heimlich zurück; sie nahm es entgegen, ohne ihren strahlenden Blick von ihm abzuwenden. Irgendwie schien sie aus einem Konflikt als Siegerin hervorgegangen zu sein – einem Konflikt, der nichts mit Messern oder gebrochenen Versprechen zu tun hatte. Mit der Rückgabe des Dolches schien der Bann gebrochen zu sein.

Plötzlich drehte er sich um, straffte leicht die Schultern und ging von ihr weg.

Page 263

Anthony war wie ein Schutzengel – eine steinerne Statue, die symbolisch für den Schutz stand; sie befand sich über den goldenen Köpfen, wobei die Pistole in seiner Hand hing und metallische Reflexe abgab. Ihre Augen waren fest geschlossen; die Zwillinge schliefen, als wären sie betäubt.

Sie hörten einen leisen, gedämpften Schrei.

„Peter – ni kan!“

Peter drehte sich schnell um und überprüfte beide Eingänge. Zuerst bemerkte er keine Störung. Dann zog sich ein gelbes Gesicht langsam zurück – es war schmal und länglich, mit einem Stück lila-schwarzen Haares dahinter; für einen Moment hielt er es für einen Teil der Vorhänge. Schließlich verschwand es!

Das Phantom glich den gelben Rauchfäden eines Feuers im Wald, die vom Wind getragen wurden. Es war das Gesicht von Jen, dem Decksteward!

KAPITEL VII

Offenbar hatte Anthony dieses Phantom nicht bemerkt.

Peter packte seinen Arm – den linken. „Wir müssen los. Wir müssen sie wecken.“

Anthony schüttelte nervös den Kopf. „Ich habe es versucht. Dieser Wein!“

„Arracka. Kommt von Java. Schmeckt wie Weißwein und ist stärker als Cognac.“ Er hob Peggys Kinn an und schüttelte ihren Kopf – keine Reaktion. Er versuchte dasselbe bei Helen – mit demselben Ergebnis.

Romola Borria war verschwunden.

Peter trat als Erster hinaus, stützte seinen bewegungsunfähigen Körper mit dem linken Arm und schwang in der rechten Hand eine Pistole. Er hoffte, dass es nicht notwendig werden würde.

Page 264

Er war sicher, dass unter der prächtigen Schicht von Anthonys großspurigem Gehabe die Überzeugung lauerte, dieser ganze Abend sei nichts weiter als ein aufregendes, romantisches Spiel.

Würde Anthony in einer solchen Notlage wie ein wahrer Held handeln – oder würde der Anblick und Geruch von Blut, falls es vorgesehen war, dass Blut vergossen wurde, ihn verunsichern und ihn dazu bringen, das zu zeigen, was er im Grunde war: der Sekretär eines wohlhabenden und friedlichen Pflugunternehmens?

Antony murmelte weiterhin unzusammenhängende, aber eifrige Worte und versuchte, Peter die unbestreitbaren Vorzüge des goldenen Weins schmackhaft zu machen. Er war jedoch nicht auf das chaotische Ereignis vorbereitet, das sich für sie beide um die Ecke herum abzuzeichnen begann – obwohl die nickelbeschlagene Pistole weiterhin in seiner freien Hand glänzte.

Sie erreichten die Außentür nicht. Aus den düsteren Ecken sprangen dunkle Schatten hervor. Es schien eine große Anzahl von Männern zu geben; tatsächlich waren es vielleicht nur drei oder vier. Die unzureichende Beleuchtung sowie ihr erschreckender, entschlossener Ausdruck ließen sie wie zahlreicher erscheinen.

Noch bevor Peter seine Hand aus der Tasche ziehen konnte, brach eine lodernde Flamme aus der Hand des Anführers dieser Männer hervor.

Antonys nickelbeschlagene Pistole feuerte zweimal – vom Oberschenkel aus – und der Riese schwankte und zog sich wieder zurück in die Schatten, aus denen er gekommen war.

Peters ursprünglicher Plan, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, musste hastig geändert werden. Der Flucht musste auf andere Weise nachgegangen werden – seine einzige Option war das nächstgelegene Mittel. Es war eine riskante Chance, vielleicht sogar eine ziellose, voller neuer Gefahren und Komplikationen. Doch er zögerte nicht.

Nachdem er eine Hand abgewehrt hatte, die nach seiner Schulter griff, riss er die Tür auf, die zum Eingang des Hauses führte, und stieß den zögernden Anthony hinein.

Page 265

Peter verschloss die Tür, warf einen Stuhl davor als vorübergehende Barrikade und zündete anschließend Kerzen an. Er fragte sich, ob jemand die Voraussicht gehabt hatte, die Antennenkabel abzukoppeln. Er legte seine Last auf das Sofa an der Seitenwand und betrachtete Anthony, der sehr blass geworden war. Er zitterte, und seine grauen Augen schienen fast aus ihren Höhlen zu treten. Vorsichtig setzte er Peggy neben ihre Schwester und legte eine unsichere Hand auf Peters Schulter. Es schien, als würde er gegen eine große Angst ankämpfen.

Peter wich langsam zurück zum Apparat. „Pass auf die Tür auf. Wenn jemand versucht einzubrechen, schieß direkt in Richtung des Geräuschs! Bist du verletzt? Hat dieser Kerl dich erwischt?“

Anthony zitterte am ganzen Körper. „Jesus!“, murmelte er. Seine Lippen waren weiß. „Dieser Mann! Ich habe auf ihn geschossen! Er ist tot! Tot!“

„Und wir sind immer noch am Leben“, sagte Peter leise.

Er setzte sich an den Instrumententisch, befestigte silberne Scheiben an seinen Ohren, strich mit dem Detektordraht darüber und vornahm einige schnelle Anpassungen an den Verbindungen. Glücklicherweise hatte ihm seine frühere Inspektion der Ausrüstung bereits ein Verständnis für deren Aufbau vermittelt. Im Nu hatte er den Tuner eingestellt und lauschte mit seinen scharfen Ohren nach den vielleicht in dieser ungewöhnlichen Stunde vorhandenen „ätherischen“ Stimmen. In der Ferne waren leise Blitze zu hören, wie das Zittern empfindlichen Metalls.

Er warf einen Blick über die Schulter, um sicherzustellen, dass Anthony den Anweisungen folgte, ordnete die Hebel neu an und drückte den schweren Schalter herunter – dadurch wurden die Akkus unter dem Tisch aktiviert.

Er tippte experimentell mit dem großen Messingschlüssel darauf. Ein zischender blauer Funke erhellte die Wände sowie sein Gesicht in einem gespenstischen Licht. Nachdem er den Vibrator am Ende der mit Gummi überzogenen Spule festgezogen hatte, formulierte er eine Anfrage im Internationalen Code. Jede Station in Reichweite würde auf diesen Ruf antworten.

Er fragte sich, ob der Sender in Shanghai für die Nacht geschlossen war oder ob sein Assistent vom „King of Asia“ zufällig im Dienst war.

Page 266

Peter wartete einige ängstliche Momente lang – aus den Telefonen war kein Laut zu hören, außer dem leisen Prasseln des Blitzes entlang der Küste. Dann erhielt seine Anfrage eine Antwort – eine Antwort, die überraschend hart und unmittelbar klang.

Die Station könnte sich auf der anderen Straßenseite befinden; die Signale dröhnten ihm so laut in den Ohren. Der Operator hatte Schwierigkeiten, die Funkverbindung einzustellen – das Signal war unregelmäßig und rau, wie das Geräusch von Hagelkörnern auf einem Metalldach.

Es folgten eine Reihe von Testbuchstaben – in quälend langsamer Geschwindigkeit. „V–V–V–V – Welche Station ist das? Hier ist die Madrusa.“

Peter zögerte, obwohl Störungen unwahrscheinlich waren. Er fühlte sich enorm erleichtert. Das unrunde Signal der Madrusa bedeutete ihm mehr als Hilfe in der Nähe. Er kannte die Madrusa gut: ein graues, schnelles Kriegsschiff, das nahe am Wasser lag und dazu diente, die Gewässer des Whang-poo und Jangtsekiang von Piraten zu befreien. Es konnte stundenlang ohne Pause Salven abfeuern. Die Tatsache, dass dieses Schiff so nah war, machte ihn nervös – nicht nur, weil es von britischen Seeleuten bemannt wurde, die lieber kämpften als aßen.

Seine Hand griff nach dem Schlüssel.

„Wer hat Wache? Hier ist Peter Moore. Sind Sie das, Johnny Driggs?“

Falls der Mann, der am Funkgerät der Madrusa saß, tatsächlich Jonathan Driggs war, konnte er wieder ruhiger atmen. Driggs war ebenfalls ein Mann, der in China eine unwiderstehliche Anziehungskraft verspürt hatte – und der seit einigen Jahren hinter den Funkgeräten vieler Schiffe in diesen Gewässern arbeitete.

„Ja! Ja! Ja!“, dröhnte das Signal der Madrusa. „Wo sind Sie? Was machen Sie um diese Nachtzeit und spielen mit einem simplen Funkgerät?“

In den nächsten drei Minuten flackerte das blaue Signal, während Peter seine Situation beschrieb. Er schilderte ihre Notlage in abgekürztem Code und betonte der Bedeutung der absoluten Geheimhaltung – in der Hoffnung, dass niemand sonst mithören könnte.

„Verdammt!“, antworteten die schnellen Finger des Funkoperators. „Aber ich kann keine Erlaubnis zum Landgang bekommen! Unmöglich – Sie können sich sicher vorstellen, warum! Unsere Kanonen…“

Page 267

Leutnant Milton Raynard macht sich sofort auf den Weg! Er wird fünf oder sechs Matrosen für dich holen. Er kennt sich hier aus – ich habe ihm auf Grund deiner Beschreibung eine Karte der Gegend gezeichnet. Sie werden sofort losfahren, sobald sie den Motor des Bootes starten können. Gib das Schiff nicht auf, alter Junge! Nicht——“

Peter ließ den Hörer fallen, ging zum Sofa und versuchte, die Mädchen zu wecken, indem er ihnen auf die Hände klatschte und sie schüttelte. Sie schienen nicht unter Drogen zu stehen. Offensichtlich hatten sie die Wirkung des süßen, gelben Arrakas unterschätzt. Ihre Wangen zeigten einen blassen Schimmer, und nach einer Weile öffnete Peggy langsam ein sehr schläfriges braunes Auge.

Es sank wieder herab. Sie murmelte etwas Unverständliches – es hatte wohl mit einer Prinzessin zu tun, doch selbst dieses Wort war unklar.

Anthony hob warnend die Hand. „Jemand ist draußen“, flüsterte er. Langsam drehte sich der Türknauf um eine Umdrehung. Anthony hob seinen Revolver. „Wer ist da?“

„Lass mich rein!“ Es war Romola Borria.

„Öffne die Tür“, sagte Peter leise und trat zur Seite.

Anthony nahm die Bank weg und drehte den Schlüssel um.

„Du darfst nicht mit ihnen gehen“, flüsterte Romola.

„Schließ die Tür – stell die Bank wieder hin“, wies Peter an. Er folgte Romola durch den Raum.

Offensichtlich hatte sie die Funken gesehen. „Lass diese Leute gehen – ja! Aber du bleibst. Wirst du das tun – oder nicht?“

Peter sah skeptisch aus. „Warum sollte ich? Ich habe beschlossen, dass das Leben letztendlich ziemlich schön ist! Warum sind Jen und seine Bande noch nicht hier eingedrungen? Warum wartet er? Hast du ihm gesagt, dass Hilfe unterwegs ist?“

Sie zuckte ungeduldig mit den Schultern. „Ich habe Jen nicht gesehen. Ich habe mit niemandem gesprochen.“

Page 268

„Dann wirst du also in diesem Raum bleiben, bis wir gehen?“

„Aber warum hast du sie gerufen? Das war dumm! Wie wirst du das erklären?“

„Sie sind Freunde. Solche Männer stellen keine Fragen.“

„Aber es war nicht nötig!“ Sie machte eine verzweifelte Geste mit den Händen.

„Deine Freunde hätten sicher weggehen können. Jen hat kein Interesse an ihnen!“

Peter nickte gleichgültig. „Aber mein Schiff legt ab.“

„Sehr gut. Aber du darfst dieses Haus vor Sonnenaufgang nicht verlassen.“

„Wenn die Seeleute von der Madrusa kommen, werde ich hier hinausgehen –“

„Und in die Arme des Todes, Peter!“

Peter zündete sich eine Zigarette an und rauchte nachdenklich in Stille. Romolas Blick war auf seine Lippen gerichtet, als ob die nächsten Worte, die er sagen würde, für sie den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten würden.

Und was er hätte sagen können, wurde durch lautes Klopfen an der Außentür unterbrochen. Diese starken Vibrationen schienen Peggy plötzlich aus ihrem Schlaf zu wecken. Sie setzte sich aufrecht hin und rieb sich die müden Augen.

„Mein Gott! Wo ist denn alle?“

Das Klopfen hörte auf, und nach einem Moment der Stille folgte ein lautes Krachen.

„Die Leute von der Madrusa!“, rief Anthony. Er zog den Stuhl beiseite und stieß die Tür mit einer großartigen Geste auf.

In den Raum trat ein chinesischer Mann mit sanftem Lächeln, prächtig gekleidet in Gold, Blau und Rot. Er wurde von drei großen, wachsamen Trägern flankiert, die mit Stöcken bewaffnet waren.

„Mr. Moore – ich bin der Mann von der Jen Kee Road!“, sagte er. Er strahlte eine beeindruckende Ruhe aus.

Page 269

Peggy kauerte sich an ihre Schwester, mit einem Ausdruck schläfriger Verwirrung, während Anthony, der zu Peter blickte, um Anweisungen zu erhalten, unentschlossen an seinem Revolver herumfingerte. Schon näherte sich einer der Arbeiter ihm.

„Du warst heute Morgen Deckarbeiter“, antwortete Peter.

Der Chinese machte einen Schritt auf ihn zu. Peter spürte, wie Romola neben ihm zusammenzuckte. Er wunderte sich darüber.

„Sollen wir bis zum Sonnenaufgang warten – oder…“

Plötzliches Gemurmel von Männerstimmen auf der anderen Seite der Trennwand hielt den Chinesen zurück; ein Ausdruck des Missverständnisses zeichnete sich auf seinem ausdruckslosen Gesicht ab.

„Moore! Moore! Wo bist du?“ Das waren die kraftvollen Töne eines Mannes, der es gewohnt war, Befehle zu erteilen.

Sofort schien der kleine Raum von Weiß und Blau der Uniformen zu überfließen.

Peggy richtete sich mit einem erstaunten Atemzug auf. Vor ihr stand ein großer, gutaussehender junger Mann mit golden-schwarzen Schulterklappen der königlichen Garde an den Trägern seiner prächtigen weißen Uniform. Ein Säbel in einer nickelbeschlagenen Scheide hing an einem polierten Ledergürtel; daran hing auch eine leere Lederhalfter. In seiner rechten Hand hielt er drohend einen blauen Revolver.

Die schrille Stimme des Mannes von der Jen-Kee-Straße übertönte das vorübergehende Chaos.

In dieser plötzlichen Verwirrung strömte ein blasser, unangenehmer Geruch – wie Opium frisch aus der Mohnpflanze, doch mit einem Hauch von Mandeln – in Peters Kehle. Irgendwie war ihm bewusst, dass in seiner Jackentasche herumgefummelt wurde. Explosionen waren zu hören, als kämen sie aus der Ferne; eine riesige Röte breitete sich aus und umhüllte die Welt.

Die Dunkelheit dauerte überraschend kurz. Immer wieder tauchte ein Gesicht in seinem verzerrten Blickfeld auf. Für eine Weile war ihm nichts anderes bewusst.

Page 270

Eindrucksvoll. Das Gesicht bewegte sich, kam näher – tanzte dann wieder von ihm weg! Helle Augen funkelten, sprangen und hingen anschließend regungslos da.

Er atmete einen neuen Duft ein – köstlich, wie Blumen auf einer Sommerwiese. Dieser Duft verlieh ihm neue Kraft. Seine Hände gewannen an Stärke, und er umklammerte ein weiches Handgelenk. Die Besitzerin dieses Gesichts sprach eifrig.

„Wir sind allein – ganz allein!“

Mit großer Anstrengung gelang es ihm, seinen Kopf etwas zu neigen. Er kämpfte darum. Heiße Dämpfe vernebelten sein Gehirn. Wo waren die Mädchen, Anthony, der junge Leutnant aus Madrusa?

„Wo sind sie?“

„In Sicherheit.“

Jetzt konnte er die Züge des Gesichts deutlich erkennen; doch sie weckten in ihm nicht mehr ein Gefühl des Ekelns, sondern ein vages Verlangen.

„Romola!“

„Ja, Peter. Fühlst du dich stärker?“

„Was mache ich hier? Was ist das für ein Ort?“

„Wir sind im Keller.“

Es war sehr dunkel, und es roch nach feuchtem Schimmel. Die Felswände sowie der Boden waren weißlich verschimmelt.

Peters Gehirn wurde erneut vernebelt. Die Stimme erreichte ihn leise, aber doch deutlich – jedes Wort war klar und betont:

„Er wartet draußen. Sie werden es nicht wagen, wieder in mein Haus zu kommen!“

„Mir ist schwindelig. Wer wird es nicht wagen? Wer ist draußen?“, fragte er schwach.

Page 271

„Der Mann von der Jen Kee Road. Er wartet draußen vor dem Fenster. Nein, nein! Er kann nichts sehen – das Fenster ist mit Seide bedeckt.“

Peter lehnte sich zurück. „Was will er?“

„Deine Antwort. Ich habe ihm gesagt, er solle warten. Ich habe ihm versprochen, die Kerze ans Fenster zu halten.“

„Aber mir ist schwindelig“, stöhnte er. „Ich verstehe es nicht.“

„Einmal bedeutet ‚ja‘. Zweimal bedeutet ‚nein‘.“

Er setzte all seine geistige Energie ein, um gegen den Einfluss des Medikaments in seinem Gehirn anzukämpfen – es war, als würde er gegen die Flut ankämpfen. „Einmal bedeutet ‚ja‘? Zweimal bedeutet ‚nein‘?“ Plötzlich wurde ihm die Bedeutung klar. „Die Reise flussaufwärts?“

Sie nickte langsam, ängstlich. „Und zweimal bedeutet auch Tod, Peter!“

Er versuchte, sich aufzurichten, versuchte, seinen Kopf zu drehen – doch er sank mit einem bitteren Stöhnen wieder zurück. „Du hast mich betäubt!“

„Es gab keinen anderen Weg. Ich konnte dich nicht in die Nacht – in den Tod – gehen lassen!“

Ein bitteres Lächeln erschien auf seinen blassen Lippen. „Ich bin völlig hilflos?“

„I-ich fürchte, ja, Peter.“

„Wenn ich mich dafür entscheide – oder dagegen – wie kann ich mich dann verteidigen?“

„Du bist völlig hilflos“, gestand sie flüsternd. „Nein. Du kannst dich nicht verteidigen.“ Ihr Gesichtsausdruck zeigte einen inneren Kampf. „Du bist in meinen Händen. Du bist in meinen Armen! Ja! Was hast du zu sagen?“

Das bittere Lächeln erschien erneut auf seinen blassen Lippen. Er versuchte, seinen Kopf zurückzuwerfen – doch die Röte kehrte wieder in sein Gesicht zurück. „Was soll ich sagen?“, murmelte er. „Ich sage – zwei Lichter! Ich sage – nein! Nein!“

Page 272

Die Finger an seinem Hals waren eiskalt. Vorsichtig wurde er auf den Gehweg hinabgelassen.

Romola hatte die Kerze von der Decke genommen und eilte zum kleinen Fenster. Sie hob ihre Hand – einmal – und drückte dann die Flamme mit ihren Fingern aus.

KAPITEL VIII

Trübes Bewusstsein. Ein Dröhnen, wie das des Ozeans an einer felsigen Küste. Es schien, als würde er in einer Eismasse schweben. Einmal strich sein Arm über ein nasses, glattes Stück Holz. Die Reise schien ihn immer tiefer – hinab in die Erde – zu führen; langsam begann er wieder aufzusteigen.

Allmählich wurde ihm bewusst, dass es unzählige Lichtpunkte in einem Schleier aus purpurner Dunkelheit gab. Das konnten Sterne sein – oder die Lichter einer großen Stadt. Dann hörte er das leise Plätschern von Wasser, als würde ein Bach durch die Wildnis fließen.

Er fühlte sich sehr schwach, doch die Nebelwolken in seinem Gehirn begannen sich zu lichten. Danach wurde er heftig geschüttelt – doch er spürte keinen Schmerz. Reuevolle Augen blickten ihn aus dem Gesicht eines kerzenweißen Gespensts an; im Hintergrund schwankte ein großer, halbnackter Riese im rosa Glühen von Seite zu Seite.

Wo waren also Jen und seine Chinesen?

Er ahnte vage den Morgen – er kam ihm wie eine alte Erfahrung vor, eine Art vager Erinnerung an eine prächtig romantische Vergangenheit. Den schwankenden Riesen hielt er in einem Moment seltener Klarheit für einen Sampan-Kuli.

Das rosa Glühen verstärkte sich, wurde blassgelb – während sich darin ein tiefer Blauton abzeichnete. Eine aufgeblähte Sonne tauchte auf und zeichnete einen blutroten Weg über einen See aus braunem Wasser; das Wasser zischte dabei unter weißer Schaumkrone.

Page 273

Seine Kiefer schmerzten; ein seltsames Gefühl der Leere in seiner Brust veranlasste ihn zu langen, verwirrenden Überlegungen. Oben waren Rufe zu hören, und eine glänzende schwarze Wand nahm langsam über ihm Form an. Er konnte die spitz zulaufenden Köpfe der Nägel erkennen.

„Bist du wach?“ Die tiefe, zischende Stimme kam aus dem kerzenweißen Gesicht.

Auch während dieser fantastischen Reise hatte er geträumt. Einmal hatte er deutlich ein Feld mit schwankendem Mais gesehen. Es schien, als wäre er wieder in Kalifornien.

„Eileen“, murmelte er, überrascht über die Schwäche seiner Stimme.

„Nein, nein“, kam die Antwort. „Es ist Romola. Ich – ich verlasse dich!“

„Ah! Wo ist Jen?“

Eine laute Frage wurde zu ihnen heruntergerufen: „Wer ist das? Was wollt ihr?“

Das Mädchen rief zurück: „Der Funker. Er ist krank. Lassen Sie die Leiter herunter. Schicken Sie jemanden, der ihn trägt.“

Die Sampan schwankte hin und her, und der Träger ruderte wie verrückt.

„Flussboot – nach Ching-Fu?“, keuchte Peter.

„Nein. Der König von Asien. Peter – verstehst du? Ich verlasse dich! Das ist Adieu! Wir werden uns nie wieder sehen. Ich konnte dich nicht diesem Mann ausliefern!“

„Aber die Kerze …“ Peter war zutiefst verwirrt. „Du hast sie angezündet – einmal! Ich habe Nein gesagt!“

Romola schien ziemlich hysterisch zu werden. „Ich habe sie getäuscht, Peter! Oh, verstehst du es denn nicht? Ich liebe dich wirklich, Peter! Ich konnte dich ihnen nicht geben!“

„Nein“, murmelte er; „ich verstehe es nicht. Mir ist schwindelig.“

Page 274

Die Stimme brüllte wieder.

„Ist das Peter Moore? Was ist mit ihm passiert?“

„Er ist krank – krank! Schicken Sie einen Wächter herunter. Schnell! Die Flut trägt uns weg!“

Etwas sprang in die Sampan. Ein brauner Körper wurde gegen die glänzende schwarze Wand gedrückt.

Doch Peter konnte es nicht verstehen. Er war wieder im Keller unter Romolas Haus und murmelte irrsinnig vor sich hin über das Kerzenlicht. Vielleicht träumte er davon, dass heiße Lippen sich lange Zeit gegen seine eigenen pressten. Immer wieder hörte er eine immer leiser werdende Stimme; sie sagte: „Lebewohl! – Ch’ing!“

Die grelle Sonne schien ihm ins Gesicht. Er schloss die Augen. Es schien, als würden seine Lippen in einem Schrei des Schmerzes von seinen Lippen gerissen. Starke Arme umschlangen seine Taille, und er war sich der Bewegungen der Sampan nicht mehr bewusst.

Es war bereits spät am Tag, als Peter wieder die Augen öffnete, sie schloss und auf das Matratzen- und Federbett über sich starrte. Er lag auf dem Rücken in seiner Kabine. Rauchiges Nachmittagslicht, das von einer glänzenden Oberfläche reflektiert wurde, funkelte und tanzte an der weißen Emaillewand.

Sein Kopf tat ein wenig weh, und in verschiedenen Teilen seines Körpers spürte er starke Schmerzen. Er hatte geträumt. All diese Dinge, die mit dem Vergehen der Nacht gekommen und gegangen waren, waren Produkte eines schlafenden Gehirns. Der letzte Teil des Traums, den er noch deutlich vorstellen konnte, war seine Handlung, aus einer Funkanlage in einem verrückt gewordenen Haus aufzustehen, um einem großen Chinesen entgegenzutreten, der einen lächerlich kurzen Pferdeschwanz trug – genauso wie Jen, der Deckmatrose.

Er setzte sich hastig auf, getrieben von plötzlicher Sorge. Wo waren die Whipple-Mädchen und Anthony? Was war aus diesem attraktiven britischen Leutnant, Milton Raynard, geworden?

Peter stand eilig vom Bett auf und betrachtete sein blasses, abgemagertes Gesicht im kleinen Spiegel über dem Waschtisch. Dunkle Linien waren erschienen…

Page 275

Unter seinen Augen – die tiefblauen Pupillen schienen mit einer seltsamen Helligkeit zu leuchten. Er hatte diesen Blick bereits in anderen Augen gesehen, und ein weiterer Teil des Traums kehrte zu ihm zurück. Er leckte sich die trockenen Lippen und spürte einen Geschmack, der dem von Opium direkt aus der Mohnpflanze sowie von Mandeln ähnelte.

Er füllte das Waschbecken mit kaltem Wasser, atmete tief durch und tauchte sein Gesicht für eine halbe Minute hinein. Keuchend kam er wieder heraus – seine Wangen waren rosa, und seine geistigen Fähigkeiten waren etwas besser organisiert.

Als er aus seiner Kabine trat, gekleidet in eine frische weiße Uniform, mit seinem gold-weißen Hut in einem fröhlichen Winkel auf dem Kopf, sah er wie ein anderer Mensch aus. Seine Haut strahlte, und ein jugendliches Herz sandte wohltuende Empfindungen durch seinen Körper.

Peter ging über die Promenadendeck auf der Suche nach Anthony – da wurde er von seinem Zimmerjungen angesprochen, der ihm Post brachte. Gedankenlos steckte er die Briefe in seine Tasche, erkundigte sich weiter und erfuhr, dass Anthony sowie die Damen Whipple kurz vor Sonnenaufgang mit dem Boot der Flusskanone Madrusa zum Dampfer gekommen waren.

Dann klopfte er an Antones Tür. Ein müdes Schnarchen drang aus dem Schlitz der Tür – gefolgt von einem verschlafenen Stöhnen.

Die Tür öffnete sich; Anthony starrte ihn an, als sähe er einen Geist. „Mein Gott! Ich dachte, du wärst tot!“ Er rieb sich die Augen, um schneller wach zu werden.

Peter lachte. „Was ist passiert? Sind beide Mädchen in Sicherheit?“

„Wie bist du hierhergekommen – am Leben?“

„Ich bin mit einem Sampan heruntergekommen. Die Prinzessin hielt mich auf.“

Anthony zitterte. „Wir dachten, du wärst bei uns. Jemand hat alle Lichter ausgeblasen!“ Wieder zitterte er. „Raynard wollte zurückkehren – ich auch. Aber wir wagten es nicht! Wegen den Mädchen, weißt du.“ Er senkte den Kopf, als wäre er beschämt.

Page 276

„Wie geht es Peggy?“

Anthony runzelte die Stirn und zögerte. „Peter, sie – sie hält dich für einen Feigling! Sie glaubt, du wärst im entscheidenden Moment weggelaufen!“

Peter grinste. „Das lässt sich klären. Hast du das Spiel genossen? Hast du Erfolg gehabt? Darum mache ich mir Sorgen.“

Anthony sah ihn misstrauisch an. „Das war kein leichtes Spiel. Ich habe sogar auf einen Mann geschossen!“ Er wurde nervös. „Wird es Ärger geben?“

„Keineswegs – wenn du den Mund hältst.“

„Oh, das werde ich tun! Aber dieser tote Chinesische! Ugh!“

„Vergiss ihn“, riet Peter fröhlich. „Ich weiß immer noch nicht, was Peggy zu sagen hatte.“

„Was meinst du?“, fragte Anthony mit leerem Blick.

„Glaubt sie –“

Ein Verständnisleuchten trat in Anthonys klare graue Augen. „Oh, ich habe einen kleinen Fehler gemacht“, gestand er schwach. „Es ist nicht Peggy – es ist Helen! Wir sind verlobt! Du weißt, Helen ist ein sehr ruhiges und zurückhaltendes Mädchen. Genau mein Typ! Peggy – nun, du weißt ja, ich fand, sie war etwas zu – zu wild!“

Als Peter zum Promenadendeck zurückkehrte, fuhr ein langes, graues Boot neben ihm her. Am oberen Ende der Leiter, die bis zur Wasseroberfläche reichte, stand eine schlanke, junge Gestalt in Blau, deren blonde Haare im sanften Frühlingswind wehten.

Sie beugte sich ängstlich und voller Erwartung über die Reling, während ein großer, autoritär wirkender junger Mann in der weißen Uniform der Königlichen Marine eifrig auf sie zukletterte. Der junge Offizier sprang geschmeidig über die Reling, ergriff beide Hände des Mädchens – seine Augen strahlten.

Page 277

Peters tiefblaue Augen nahmen unerklärlicherweise einen Ausdruck feuchter Traurigkeit an – doch er grinste trotzdem.

Er stieg auf das Deck des Bootes, öffnete den Raum mit dem Funkgerät und erinnerte sich zum ersten Mal an den Brief in seiner Gesäßtasche. Langsam durchsah er zunächst die Postkarten – farbenfrohe Karten, die aus dem Büro von Marconi in San Francisco geschickt worden waren und von Freunden stammten, die überall auf der Welt lebten. Eine kam aus Alaska; eine andere aus Kalkutta in Indien, von diesem großartigen Kerl, Kapitän Bobbie MacLaurin.

Er öffnete den Brief – seine Augen fielen auf vertraute Handschrift. Plötzlich war er schockiert; die Sätze verschwammen vor seinen Augen. Der Brief war von Eileen, datiert in Nanjing. Die Worte sprangen ihm seltsam ins Auge, wie Gedanken, die ein müdes Gehirn heimsuchten und um Erkennung flehten.

… Du bist der sturste Mann! … Glaubst du etwa, mir hätte jemals etwas an diesem Welpen gelegen? Peter – warum hast du nicht gewartet? Ich hätte ihm die Augen ausgekratzt! Natürlich hat er mich geküsst! Aber der Punkt ist, mein Lieber: Ich habe es erst gemerkt, als alles vorbei war… Ich hätte wohl ins Meer springen sollen, als du mich so wütend verlassen hast. Aber das habe ich nicht getan. Ich bin mit der Empress of Japan nach China gekommen. Ich bin jetzt im Bridge Hotel in Nanjing, auf dem Weg nach Ching-Fu – dort kannst du mich finden. Nur um dir zu zeigen, dass auch ich Abenteuer erleben kann!

„Großartig!“, sagte Peter. Er überlegte, ob er den Express nach Nanjing noch erwischen könnte – morgen mittag sollte ein chinesischer Dampfer von Nanjing aus flussaufwärts abfahren.

Eine bescheidene Stimme ertönte neben ihm. Ein Matrose grinste ihn träumerisch an; ein seltsames Flackern huschte über seine grünen Augen und verschwand wieder.

„Jen!“, rief Peter, als er einen kurzen Zopf sah.

„Aie!“, sagte der Matrose.

„Der Mann vom Jen Kee Road!“

Page 278

Der Deckmatrose schien verwirrt zu sein. „Ich verstehe es nicht“, sagte er. Sein Blick wurde wieder träumerisch, nachdenklich.

„Aber du kannst doch Englisch genauso gut sprechen wie ‚Pidgin‘“, erklärte Peter mit gerunzelter Stirn. „Das hast du gestern Abend doch getan!“

„Mein Pidgin ist einfach“, sagte Jen fröhlich. „China ist immer ein lustiger Ort! In China gibt es immer lustige Leute! Lustig!“

„Was soll das?“, fuhr Peter auf. Er war verständnislos und wütend. Hatte Jen die Hauptrolle in dieser geheimnisvollen, düsteren Komödie von letzter Nacht gespielt – oder war er nur ein armer Hilfsarbeiter, ein Deckmatrose, harmlos und unschuldig, der fröhlich in seinem begrenzten Wissen einer fremden Sprache vor sich hin plapperte?

Der Deckjunge zeigte mit einem langen, gelben Finger flussaufwärts.

Peter starrte dorthin. Doch er sah nichts – nur eine riesige rote Sonne, deren unterer Teil von einem leuchtenden Meer aus grünem und rotem Rauch umhüllt war; aus diesem Rauch ragten die schwarzen Masten von Schiffen aus aller Welt hervor.

KAPITEL IX

Der Himmel klarte auf. Der Regen hatte aufgehört, aus den dichten schwarzen Wolken zu tropfen, und ein schmaler Strahl goldenen Sonnenlichts drang hindurch und zeichnete einen Weg auf die roten Ziegel des Gasthofhofes. In der grün-violetten Ferne waren die gelben Gipfel der westlichen Gebirgsreihe zu erkennen. Aus den Feuern der Dorffrauen wehten Gerüche von gekochtem Essen, der säuerliche Geruch von Fisch-und-Reis-Gerichten.

Peter lehnte sich gegen einen Fichtenpfahl und betrachtete nachdenklich die Tiere im Gehege. Sein Hut lag in seiner Hand, und der Bergwind wehte durch seine blonden Haare, die zerzaust und lockig waren – dadurch sah er etwas wie ein entspannter Satyr aus. Er war besorgt. Vor einer Stunde war er vom Boot aus nach Ching-Fu gekommen – und Eileen war bereits gegangen.

Page 279

Ching-Fu für eine Reise nach Kialang-Hien, einem Dorf dritten Ranges, das etwa fünfzig Li entfernt lag – am Morgen zuvor. Die Frage war, ob man folgen oder warten sollte.

Irgendwo in der Ferne rief ein kraftvoller Bronzegong die Ungläubigen zu den Füßen eines unerträglichen Ton-Gottes.

Peters Gedankengang wurde unterbrochen. Unbeachtet näherte sich ein Mädchen – auf den ersten Blick die tugendhafte Tochter eines Mandarins. Ihre Plötzlichkeit und ihr Aussehen überraschten ihn derart, dass er den Atem anhielt und sie ziemlich verblüfft anstarrte. Auch sie starrte ihn wiederum, als wäre sie fasziniert, genauso verblüfft zurück.

Seine erste Vermutung war falsch. Sie war nicht die Tochter eines Mandarins. Sie war jung und äußerst schlank, mit Weisheit und Traurigkeit im blassen Gesicht. Schon bei einem einzigen Blick in ihre neugierigen, leuchtenden Augen sowie in die Geradlinigkeit ihrer feinen schwarzen Augenbrauen erkannte er, dass sie Mischlingin, Eurasischer Abstammung, war.

Diese strahlenden Augen, nicht unähnlich Zwillingssaphiren, funkelten. Ihre Lippen waren dünn und so rot wie Betel. Ihre Kleidung bestand aus Satin, verziert mit goldenen Filigranen und glitzernden Edelsteinen; ihre zarten Füße wurden eher durch leuchtend rote Sandalen entstellt als geschmückt. Doch es handelte sich dabei nicht um „Lilienfüße“, denn die anmutige Grazie ihres Gangs bewies eindeutig, dass ihre Füße nicht gefesselt gewesen waren.

Die untergehende Sonne zeichnete durch die Falten ihrer seltsamen Kleidung ihre geraden, schlanken – und vermutlich nackten – Knöchel nach.

Eine rosige Farbe breitete sich schnell auf ihrer satinierten Haut aus, während sie ihn mit einem hübschen, neugierigen Stirnrunzeln musterte. Dann, mit einem Wimpernschlag, eilte sie zur gewölbten Tür hinaus und ließ Peter zurück, der nachdachte, sich am blonden Kopf kratzte und nach erstaunlichen Erklärungen für sein eigenes Verhalten suchte.

Es war eine herausragende Eigenschaft Peters, niemals Zeit damit zu verschwenden, Informationen zu sammeln, die ihn interessierten; doch der alte Wirt mit seinem weisen, geheimnisvollen Lächeln konnte ihm nur sehr wenig Bedeutendes mitteilen.

Page 280

Die junge Frau hieß, gab er zu, Naradia. Sie wurde von ihrem Ehemann begleitet – einem jungen Chinesen adliger Herkunft, der gegenüber der Außenwelt keinerlei Anzeichen von Aktivität zeigte, abgesehen von einer rätselhaften Geheimniskrämerei.

Die beiden waren vor einer Woche mit einem Segelschiff den Fluss hinuntergekommen. Der Name des Ehemanns sei Meng, glaubte er. Seit seiner Ankunft seien viele seltsame, kriegerisch aussehende Menschen auf geheimnisvolle Weise in Ching-Fu aufgetaucht.

Solche Besucher waren in den Dörfern entlang des Handelsweges, vom Jangtse bis zum Irrawaddy, keine Seltenheit – doch Peters Interesse war geweckt. Als er sich auf den Weg zum zuverlässigsten Maultierhändler machte, entschied er, dass der geheimnisvolle Bräutigam Meng es wert sein könnte, näher kennengelernt zu werden.

Von einem sanftmütigen, aber gerissenen Betrüger besorgte Peter ein Maultier und sorgte dafür, dass das Tier bei Tagesanbruch im Gasthaus bereitstand. Sein Plan war, bei dem ersten Licht des Morgens nach Kialang aufzubrechen, um nach Eileen zu suchen.

Nach dem Essen wartete er im Hof darauf, einen Blick auf den geheimnisvollen Meng oder seine bezaubernde Braut Naradia zu erhaschen. Da er erfolglos blieb, kehrte er in sein Zimmer zurück. Sein chinesischer Diener bereitete gerade Jasmintee zu, als Peter die Schlafzimmertür öffnete und wieder schloss. Seine Pyjamas lagen ordentlich auf dem Sofa, und die Teppiche waren sauber zusammengefaltet. Als er durch das Zimmer ging, bemerkte er den intensiven, angenehmen Duft von Weihrauch.

Der Junge blickte demütig von dem Holzkohleofen auf. „Jasmintee jetzt?“

„Ja.“ Peter zog sich die Tunika aus.

Der Junge kniete nieder, um Peters Stiefel zu öffnen.

Peter zündete sich eine Zigarette an, legte sich auf die Teppiche – und der Junge brachte ihm eine dampfende Tasse.

Page 281

„Weck mich – Tageslicht – sicher“, warnte Peter und hob die Tasse hoch.

„Tsao“, murmelte der Junge.

Als der Junge gegangen war, nahm Peter die Automatikwaffe aus der Tasche seines Regenmantels. Das Metall glänzte angenehm im gelben Licht der hängenden Lampe. Die Tasse Tee hatte dazu beigetragen, ihn zu wecken. Er löste den Patronengurt vom Griff der Waffe und starrte nachdenklich auf die leuchtenden Bleikugeln.

Er bemerkte ein Geräusch – fremd und unpassend. Die Tür quietschte leise. Er betrachtete sie interessiert; der hölzerne Griff drehte sich langsam erst nach rechts, dann nach links.

Dieses Phänomen verwirrte ihn. Seine Augen funkelten leicht, als er den Patronengurt wieder anbrachte.

Leise schlich er zur Tür und wartete, atmete lautlos.

Mit einem Quietschen schwang die Tür schnell auf. Eine dünne, gelbe Hand, die eine nickelfliederte Pistole hielt, wurde hineingestreckt.

Peter schoss dreimal direkt durch das Holzpaneel.

Die weiße Pistole fiel auf die Dielen, während die gelbe Hand scheinbar von einer elektrischen Kraft zurückgeschleudert wurde. Leise Schritte entfernten sich. Peter riss die Tür auf und trat hinaus.

Der Flur war leer. Ein paar Meter in Richtung der Treppe brannte eine mit Öl getränkte Kerze in einem kleinen Bronzekrug, der an einem Pfosten befestigt war.

Unter der Tür auf der gegenüberliegenden Seite zeigte ein dünner Streifen gelben Lichts an, dass der geheimnisvolle junge Chinese und seine Braut noch nicht zu Bett gegangen waren.

Während Peter den Boden nach Blutflecken absuchte, bewegte sich die Tür genug nach innen, um das entsetzte Gesicht des eurasischen Mädchens sichtbar zu machen, das er am frühen Abend gesehen hatte. Bei seinem Anblick schloss sie hastig die Tür.

Page 282

Verwirrt ging er zur Treppe und spähte in die leere Dunkelheit, die bis zum dritten Stufe unter ihm reichte. Er konnte sich nicht erklären, warum in der Herberge immer noch eine Atmosphäre der Ruhe herrschte. Sicherlich waren die drei Revolverschüsse zu hören gewesen – doch der Ort war genauso still wie ein Grab und genauso unheimlich. Wo waren die Diener, die Karawanenjungen, die Maultiertreiber, die Händler und Kaufleute? Die Vorstellung, dass die Wände seines Zimmers stark genug wären, um die Schüsse zu dämpfen, hielt er für absurd.

Ein einzelner Laut, das Rascheln von Kleidung, ein leises Geräusch, als würde ein Fenster geöffnet oder ein Stuhl bewegt – all das drang zu ihm herüber, und zweifellos kam es aus seinem eigenen Zimmer.

Peter ließ die Treppe mit ihren düsteren Schatten hinter sich.

Das Zimmer war unbesetzt. Aufgrund von Geräuschen sowie seiner Erfahrungen entschied sich Peter, die Lampe auszumachen und vorsichtig durch das Fenster zu spähen.

Ein scharfer, runder Mond hing hoch am sternübersäten Himmel und beleuchtete die schlammige Straße sowie die niedrigen Strohdächer der nahegelegenen Häuser. Ein Pferd wieherte und trat in seinem Stall umher; aus der Ferne drang das dumpfe Grollen der Ströme heran.

Irritiert und nervös tastete Peter nach dem Sofa und setzte sich in die Dunkelheit, wobei der Revolver lässig über seinem Knie hing.

In diesem Moment erschütterte ihn bis ins Mark ein Schrei – seltsam gedämpft.

Peter zitterte, als er auf Zehenspitzen zur Tür schlich, sie leise öffnete und hinausschaute. In diesem Schrei lag Entsetzen – es war der Schrei eines Menschen, der in echter Angst gefangen war.

Die Tür gegenüber stand leicht offen und ließ ein orangefarbenes Licht herein, das die Bretter, die gegenüberliegende Wand sowie die schmutzige Decke erhellte. Unklar erkannte er eine regungslose Gestalt; als er das weiße Glänzen von Stahl sah, sprang er hinüber und umklammerte ein strampelndes Handgelenk.

Page 283

Sofort wurde das orangefarbene Licht breiter – dann verdunkelte es sich durch eine große Gestalt. Doch Peter hatte den Rücken zugewandt.

Ein sehnsüchtiger Seufzer, als wäre es aufrichtige Erleichterung, kam von dem zweiten Schatten.

Unter Peters Druck fiel das Messer zu seinen Füßen. Da er sicher war, dass jetzt nicht mehr die Zeit für höfliche Fragen war, schlug Peter mit dem Kolben der Pistole kräftig dorthin, wo der lange schwarze Zopf auf einen kleinen, dicken Kopf stieß. Mit einem gurgelnden Laut schloss sich sein Opfer den Schatten auf dem Boden an.

Eine weiche, weiße Hand legte sich auf Peters rechten Arm. Er blickte in das bleiche Gesicht des Mädchens Naradia. Ihre kleinen Finger krallten sich in das Fleisch seines Arms – er spürte, dass sie ihn flehend über seine Schulter hinweg ansah.

Peter drehte sich um – und zum ersten Mal bemerkte er die Anwesenheit der trägen Gestalt in der Tür. An den Lippen des Mannes glühte eine Zigarette; doch die Dunkelheit machte es unmöglich, ihn genauer zu erkennen.

Die schnelle Abfolge der geheimnisvollen Ereignisse hatte Peter beunruhigt. Die stille, träge Präsenz des Fremden in der Tür entfachte seinen seit Langem unterdrückten Zorn. Drohend hob er die Pistole.

Die Zigarette leuchtete hellrot – als wäre der Mann überrascht.

„Du“, fuhr er scharf fort, „wer auch immer du bist – nimm diesen Mann hoch und trage ihn in mein Zimmer. Und du“, fügte er an das Mädchen gerichtet hinzu, „folge ihm!“

Die Zigarette fiel zu Boden – der große Mann trat darauf. Durch diese unachtsame Bewegung konnte Peter zum ersten Mal das Profil des Mannes sehen. Der Mann lächelte schwach. Er packte den bewusstlosen Angreifer von Naradia an den Hacken und zog ihn in Peters Zimmer.

KAPITEL X

Page 284

Ein Zischen ertönte; die Flamme der Lampe stieg langsam empor.

Mit einem Rascheln ihrer Röcke folgte das Mädchen ihm, den Kopf gesenkt, als wäre sie gedemütigt oder zutiefst verlegen. Sie ging zum Sofa und wandte sich ihm zu, während ein Versuch, ruhig zu bleiben, sowie tiefe Angst darum kämpften, ihren Gesichtsausdruck zu kontrollieren. Ihre Kleidung bestand aus einem Negligé aus rosa japanischem Seidenstoff, das am Hals offen war und einen Hals sowie Schultern zeigte, die so weiß und glatt wie gebleichtes Elfenbein waren.

Peter schloss die Tür und verriegelte sie.

Der Mann, der so selbstsicher lächelte, hatte den Messerträger mit der Öffnung zur Wand gedreht. Dann ging er zum Sofa und stellte sich neben das Mädchen – scheinbar unbeeindruckt von Peters prüfendem Blick.

Als Peter das schlanke, farblose Gesicht betrachtete, glaubte er für einen Moment, der Mann sei ebenfalls eurasischer Abstammung. Doch diese Annahme stellte sich schnell als falsch heraus. Der Mann besaß einfach eine hohe Intelligenz, glatte, dunkle Haut, dünne, widerstandsfähige Lippen, eine gerade Stirn sowie Augen, die dunkel, wachsam und traurig waren.

Doch jetzt schienen diese Augen zu funkeln; ohne jegliche Angst wanderten sie vom unerschütterlichen Lauf der Waffe in Peters Hand zum unerschütterlichen Glanz in Peters blauen Augen.

Und in der Haltung des jungen Ostasiaten lag etwas Unbestreitbar Königliches. Vielleicht lag das an seiner Haltung oder an der prächtigen Ausstattung seines Gewands. Er könnte ein asiatischer Prinz sein, ein Scheich, der gerade aus der Wüste kam, oder ein Maharaja von einem Thron in der Dschungelregion. Eine funkelnde Ansammlung von Edelsteinen – Diamanten und Rubine – hing an einer feinen Goldkette, die seinen gebräunten Hals umschloss. Seine Tunika bestand aus Satin in der Farbe des tropischen Meeres; seine Hosen waren makellos weiß, und seine Pantoffeln waren arabischer Art, mit nach oben gebogenen Zehen.

„Nun?“, fragte der junge Asiatische, als Peters Blick schließlich auf die scharlachroten Pantoffeln fiel.

„Ich warte“, sagte Peter ungeduldig.

Page 285

Die schwarzen Augenbrauen hoben sich fragend. „Ich bin Händler – aus Shanghai.“

„Was Sie sind oder wer Sie sind, ist nicht wichtig“, erwiderte Peter mit einem Ton des höflichen Zweifels. „Vielleicht haben Sie meine Neugier geweckt; auf jeden Fall möchte ich, dass Sie mir erklären, warum Sie so spät gekommen sind, um Ihrer Frau zu helfen.“

„Sein Leben ist wertvoller“, warf sie eilig ein.

Der Orientaler winkte ab, als wäre die Antwort absurd. „Sie waren drei Sekunden schneller als ich“, antwortete er. „Ich hatte geschlummert. Ich dachte, ich hätte den Schrei nur geträumt. Darf ich sagen – ich bin sehr dankbar?“

Peters Miene blieb zweifelnd, doch schließlich nickte er, als wäre er teilweise zufrieden. „Vielleicht können Sie mir sagen, was aus dem Mann geworden ist, der meine Tür geöffnet hat?“

Das Gesicht des Mannes zeigte offenes Erstaunen. „Ich kann mir nicht erklären, wie ein Mann in Ihr Zimmer gelangen konnte – es sei denn durch Zufall“, sagte er mit echter Besorgnis. „Ich glaube, Sie geben mir eine Verbindung zu einer Angelegenheit, von der ich nichts weiß. Es sei denn – es sei denn……“ Er zögerte und hielt inne, blickte Peter plötzlich erschrocken in die Augen. „Kann das möglich sein——?“ murmelte er. „An Ihrem Akzent erkenne ich, dass Sie Amerikaner sind. Ich selbst habe die letzten vier Jahre in Amerika verbracht – an der Harvard-Universität. Irgendwie——“ Wieder hielt er inne und lächelte schwach.

Plötzlich verschwand das Lächeln und wurde durch eine äußerst mörderische Grimasse ersetzt. Er blickte über Peter hinweg. Seine rechte Hand fuhr in seine blaue Tunika. Und bevor Peter sich umdrehen oder ausweichen konnte, sprang er an ihm vorbei und stieß gegen ein Objekt, das stöhnend sofort vor Schmerz aufschrie.

Peter drehte sich gerade noch rechtzeitig um und sah, wie ein dünnes Messer in den Hals eines dunkelhäutigen Chinesen drang. Dieser hatte ein rundes Gesicht, so gelb wie der mongolische Mond.

Der Chinese wischte kühl sein Messer an der schwarzen Jacke des Bewusstlosen ab. „Warum sollte er Sie angreifen, es sei denn——“ Wieder hielt er inne und betrachtete Peters Gesicht mit diesen scharfen braunen Augen, die nun nicht mehr traurig waren.

Page 286

„Es sei denn – was?“ fragte er unverblümt. „Dieser Mann stammt aus Len Yang.“

Er hörte, wie das Mädchen scharf nach Luft schnappte, und in dem Gesicht des anderen zeigte sich ein seltsames Leuchten.

„Es sei denn, du bist“ – er zögerte – „es sei denn, du bist der einzige Mann auf der Welt, der du sein könntest.“ Er lachte. „Bist du – Peter Moore, in einigen Teilen Chinas als – Peter der Kühne bekannt?“

Peter nickte langsam.

Mit einem freudigen Schrei sprang die junge Orientalin zu ihm und ergriff seine Hand. „Hörst du das, Naradia?“ rief sie. „Das ist Peter Moore!“

Und Peter ließ seine Verdächtigungen beiseite, als er an den toten Mann auf dem Boden sowie an den Grund seines Todes dachte. Er musste zugeben, dass der Fremde ihm das Leben gerettet hatte.

„Wir müssen das besprechen“, murmelte der junge Chinese. „Ich hätte es nicht besser arrangieren können!“ Dann schien er sich zu fassen. „Bevor wir reden, sollten wir uns von diesem Mann befreien.“

Er packte den toten Arbeiter an der Taille, hob ihn mühelos zum Fenster und warf ihn, als wäre er ein Sack Reis, in den Schlamm. Er pfiff zweimal. Sofort traten drei Gestalten aus der Karawanserei hervor. Sie holten den Toten weg und verschwanden.

„Sie werden sich um ihn kümmern“, sagte der Fremde und nahm sich eine Zigarette. Er hielt die brennende Zündholzspitze zwischen den Fingern inne und sah Peter fragend an. „Mein Name ist Kahn Meng. Und ich komme nicht aus Shanghai.“

Peter nickte zustimmend, obwohl diese Erklärung nichts klarer machte.

„Ich bin nach China zurückgekehrt, um die Stadt Len Yang anzugreifen und einzunehmen. Ursprünglich kam ich von dort. Vor genau fünf Jahren ritt ich über die große Zugbrücke, um in Peking die Klassiker zu studieren. Glücklicherweise traf ich dort einen Mann. Er war ein amerikanischer Missionar. Er sagte zu mir: ‚Kahn Meng, die Klassiker sind tot.‘“

Page 287

„Begeben Sie sich nach Amerika – dort werden Sie die Quelle des modernen Wissens finden.“ Natürlich war der Missionar ein Mann von Harvard.

Peter runzelte leicht die Stirn.

„Was Sie wahrscheinlich nicht verstehen, Herr Moore, ist, warum ich Len Yang verlassen und jederzeit zurückkehren kann. Das kann ich nicht. Ich bin in der Nacht vor Len Yang geflohen. Jetzt kehre ich mit tausend Männern zurück. Diese Männer haben dieses Dorf besetzt. Mein Gewissen verbietet es mir, Ihnen zu gestehen, wie viele Spione Len Yangs seit meiner Ankunft dem hungrigen Fluss zum Fraß vorgeworfen wurden.

„Sie verstehen sicher: Das Ungeheuer namens Len Yang – so nenne ich ihn liebevoll – darf von meiner Rückkehr nichts erfahren. Andernfalls würde er mich gefangen nehmen. Dieser Fettgesicht hat sich durch die Wachlinien geschlichen. Es könnten noch weitere sein.“ Er brummte. „Sie wagen es nicht, mich zu töten. Denn ich –“ Stolz hob er seinen schönen Kopf.

„Wegen Ihnen“, ermutigte Peter ihn.

„Muss meine Identität verbergen“, beendete Kahn Meng mit einem leisen Lachen. „Aber Naradia – sie lehnen sie ab. Sie haben versucht, sie so oft zu töten. Naradia, wie oft schon?“

„Zwanzigmal“, sagte sie düster. „Heute Nacht waren sie fast erfolgreich. Man will mich nicht – ich bin Mischlingskind: chinesischer Vater, arme französische Mutter. Sie wollten, dass er eine aus ihrer Sippe heiratet…“

„Sei still!“, warnte ihr Ehemann, denn Naradia war fast hysterisch und wollte ununterbrochen reden. Kahn Meng lächelte zärtlich. „Naradia“, fuhr er fort und senkte sanft seine Stimme, „da Peter Moore und ich endlich wieder zusammen sind – würden Sie uns entschuldigen? Sie müssen doch erschöpft sein, meine Liebe – nach diesem unangenehmen Vorfall. Werden Sie sich zurückziehen? Denken Sie daran, kleine Chaya: In einer Woche wird diese Qual vorbei sein. Herr Moore und ich werden sofort mit der Planung beginnen.“

Naradia legte ihre Hände auf seine und lächelte süß. „Gute Nacht!“, sagte sie gehorsam. „Gute Nacht“, fügte sie hinzu und hob ihre Augenbrauen – „Peter der Kühne! Ich hoffe wirklich, dass Sie kein Traum sind!“

Page 288

Sie sahen zu, wie der rosa Seidenstoff ihres Kleides in den Flur wehte. Daraufhin nahm Kahn Meng freundlich Peters Arm und führte ihn zum Fenster.

Ein sanfter, kräftiger Wind, durchzogen vom Duft reifer Pfefferbäume, wehte in feinen Böen zu ihnen herüber. Ein geheimnisvolles Licht funkelte in der Ferne auf dem Fluss. Der Mond versank im Nichts, und die Nacht wurde immer dunkler.

Kahn Meng holte aus seiner Satinbluse eine gold-schwarze Zigarettenbox hervor. Peter nahm einen der weißen Zigarettenstängel und zündete ein Streichholz an. Im Licht des Streichholzes sah er, dass Kahn Meng ihn aufmerksam und unparteiisch betrachtete.

„Zunächst“, begann Kahn Meng, „lassen Sie uns die wichtige Angelegenheit des Preises klären. Ich werde Ihnen alles geben, was Sie wünschen. Ich will Sie.“ Er spuckte in die Dunkelheit. „Warum sind Sie in Ching-Fu? Ich dachte, Sie wären in Amerika – doch ich konnte Sie nicht finden. Was führt Sie hierher? Sicherlich hatten Sie nicht vor, allein wieder nach Len Yang zurückzukehren?“

Peter schüttelte den Kopf. „Ich bin aus einem anderen Grund hier – einem Grund, der nichts mit Len Yang zu tun hat. Aber“, er warf die halb gerauchte Zigarette weg, „Sie haben einen Fehler gemacht, Kahn Meng. Die erste Frage, die geklärt werden muss, ist die wichtigere: Ihre Identität.“

„Nehmen Sie mich einfach so, wie ich bin“, bat Kahn Meng eindringlich. „Wir haben, das weiß ich, denselben Wunsch – diese schreckliche Stadt zu bereinigen! Sie haben Len Yang besucht. Sie kennen die elende Situation der Bergarbeiter – Sklaven, arme Teufel. Vielleicht haben Sie sie bei Dämmerung aus den Schächten kommen sehen, durchnässt vom blutroten Safranrot, hungrig – blind!“

„Das habe ich alles gesehen“, stimmte Peter grimmig zu.

„Ah! Aber kennen Sie die Methoden dieses Mannes? Wissen Sie, dass sein korrupter Einfluss sich auf alle Länder Asiens ausgebreitet hat? Seine Organisation ist perfekter als jede östliche Regierung. Sein Spionagesystem macht das der Japaner und Deutschen zur Schande! Sie müssen es wissen! Sie sind bereits seinen Untergebenen begegnet. Oh, ich habe von der Romola-Borria-Affäre gehört. Ihre Flucht war meisterhaft! Ich glaube, Sie haben ihn verblüfft.“

Page 289

Kahn Meng hielt inne und zog lange an seiner Zigarette.

„Denk nach, Kahn Meng, was alles erreicht werden könnte“, sagte Peter leidenschaftlich, „wenn die Macht, über die er verfügt – diese gewaltige Menschmaschine, Hunderte und Tausende von Männern – den richtigen Zwecken gewidmet würde! Denk daran, was für China getan werden könnte!“

Kahn Meng drehte sich schnell um. Seine Augen schienen im Glühen seiner Zigarette zu leuchten.

„Ich wollte, dass du das sagst!“, rief er begeistert aus. „Das habe ich seit Jahren im Kopf – schon seit meiner Kindheit! Wir können es schaffen! Wir müssen es schaffen!“

„Doch tausend Männer können nicht nach Len Yang eindringen. Es ist eine Festung.“

„Es gibt einen anderen Weg nach Len Yang – durch die Minen. Dadurch spart man drei Tage Reisezeit. Ich erinnere mich daran aus meiner Kindheit: Gewaltige schwarze Schluchten führen vom Händlerroute zum Eingang, und der Eingang ist so klein, dass man ihn tausendmal passieren könnte, ohne es zu bemerken. Wirst du uns begleiten, Peter Moore – Naradia und ich sowie unsere Anhänger? Wir brechen bei Tagesanbruch auf.“ Er wartete ungeduldig.

Peter schüttelte bedauernd den Kopf. Das Lied der Abenteuer klang in seinen Ohren verlockend, doch er konnte morgens nicht mit Kahn Meng aufbrechen. Da war noch Miss Lorimer – in Kialang.

„Ich kann Ching-Fu erst morgen Abend verlassen.“

„Das ist vielleicht sogar besser“, stimmte Kahn Meng nach kurzem Nachdenken zu. „Wir werden die Nacht im Lenchuen-Pass verbringen. Er liegt rechts der schwarzen Straße. Meine Wachen werden auf dich achten.“

KAPITEL XI

Page 290

Peter schoss den Riegel vor und lauschte dem traurigen Plätschern des Flusses, während er versuchte, dieses seltsame Ereignis in Einklang mit den noch seltsameren Vorfällen dieses äußerst ungewöhnlichen Abends zu bringen.

Erst als der geheimnisvolle Kahn Meng sich verabschiedet hatte, wurde Peter klar, wie erschöpft er war.

Er blickte auf seine Uhr – ein dünnes Goldgerät, das während all seiner Abenteuer treu weitergetickt hatte – und war äußerst überrascht, dass die Nacht bereits auf vier Uhr dreißig zusteuerte.

Der Morgen würde bald anbrechen, und mit dem ersten Licht der Sonne musste er nach Kialang und Eileen aufbrechen.

Die Lampe über ihm glühte sanft; in der Ferne sang der große Fluss sein tiefes Lied.

Er musste bei Tagesanbruch aufstehen. Was für ein Rätsel war doch Kahn Meng! Ein Absolvent von Harvard – und zugleich Einwohner der roten Stadt! Und welch entzückendes Wesen war dieses Mädchen Naradia! Ihre Augen waren wie Jade, ihre Lippen wie Mohnblütenblätter……

Ein lauter Knall, ein Strahl goldenen Lichts weckten ihn. Er setzte sich auf und wich einem Sonnenstrahl aus, der seine Augenlider berührte. Schrille Stimmen kamen aus der Ferne. Der Geruch von Dung, der aus den Karawanenställen drang, strömte ins Zimmer – Peter sprang wütend vom Sofa auf. Sein Herz lastete unter der Schuld des Mannes, der zu spät aufgestanden war.

Die Uhr tickte weiter; die ordentlichen schwarzen Zeiger hatten bereits eine erstaunliche Strecke zurückgelegt – es war fast Zeit für das Mittagessen.

Die schrillen, fernen Stimmen setzten sich fort. Neugierig blickte Peter hinaus.

Es war ein schöner, sonniger Morgen – so klar wie Quellwasser. In weiter Ferne schien die Sonne auf die gelben Hänge der Berge und verwandelte sie in einen Streifen aus hellem Gold; zärtlich glänzte sie auch auf den Reisfeldern, die schwarz und frisch grün waren.

Page 291

Peter senkte seinen Blick auf den Platz, der durch die Schnittpunkte mehrerer Gassen entstand – etwas abseits des Karawanenlagers. In diesem Bereich hatte sich eine beträchtliche Menge versammelt; er schätzte, dass dort mindestens tausend heidnische Chinesen in Kreisform zusammenstanden – ein riesiger Kreis, Dutzende Schritte im Durchmesser – und der Kreis war um einen kleinen, weißen Punkt herum angeordnet.

Der weiße Punkt befand sich genau in der Mitte des Platzes. Aus reinem Neugierde betrachtete Peter ihn einige Momente lang. Auf dem weißen Objekt befand sich außerdem ein kleinerer, kastanienbrauner Punkt. Er stürmte aus seinem Zimmer und die Treppe hinunter, ohne auch nur innezuhalten, um seinen Hut zu holen.

Peter erreichte den Rand der Menge und drängte sich hindurch, wobei er die protestierenden alten Damen sowie die plappernden alten Männer genauso rücksichtslos beiseite schob, als wären es unfruchtbare Reispflanzen.

Es war ein verzweifelter Kampf, um zum Zentrum dieser Menge vorzudringen – schließlich waren auch andere genauso neugierig wie Peter. Dann sah er über die schwankenden Schultern hinweg erneut den kastanienbraunen Farbton. Es waren eine Frauenschnurrhaare – und ihre Anordnung kam ihm bekannt vor.

Er gelangte in eine Arena mit einem Durchmesser von nicht mehr als neun Fuß. Dort befanden sich drei Gegenstände: ein umgedrehter Holzfass, eine Ledertasche sowie eine kleine, äußerst hübsche junge Frau. Ihre Wangen waren gerötet, ihre Augen grau und sanft – und ihr Mund glich einem blühenden Rosenknospen.

„Eileen!“, rief er.

„Peter Moore!“, keuchte sie.

Er eilte daraufhin zu ihr, doch sie hob ihre Hände und wich zurück.

Er lachte. „Was um alles in der Welt machst du in Ching-Fu – und Kialang – und China? Was bedeutet das?“

Er bemerkte, dass ein schneeweißer Schürzenrock von ihrem gebräunten Kinn bis zu ihren kleinen Knöcheln reichte.

„Das ist meine Arbeitszeit“, sagte sie streng.

Page 292

„Aber was bedeutet das – das hier?“, explodierte er und deutete wild auf die Gruppe der aufmerksamen Zuschauer.

„Meine Klinik!“, lächelte sie.

„Sie praktizieren doch nicht Medizin hier – auf dieser Straße!“, rief er aus.

„Doch, das tue ich“, antwortete sie. „Einige dieser Leute warten bereits seit Tagesanbruch auf ihre Reihe. Ich bin vor einer Stunde aus Kialang zurückgekehrt. Und ich werde arbeiten, bis ich zusammenbreche. Ich muss es tun. Ich wünschte, ich könnte mich in tausend Teile teilen. In Meilen Umkreis gibt es keinen anderen Arzt. Sie können zusehen, wenn Sie wollen“, fügte sie hinzu, dann rief sie schrill.

Eine alte Frau erschien und eilte davon, kehrte jedoch sofort mit einem sauberen Holzeimer voller heißem Wasser zurück.

Eileen holte aus ihrer Handtasche etwas hervor, das wie eine Brieftasche aussah. Von diesem Gegenstand löste sie einen Gummiband ab – darunter kamen eine Reihe glänzender chirurgischer Messer zum Vorschein. Dann holte sie aus der schwarzen Tasche mehrere Flaschen sowie ein Bündel saugfähiges Baumwollgarn hervor.

„Augen“, sagte sie zu ihm, während ihre Hand wieder in der schwarzen Tasche verschwand.

Ein Kind, ein Junge vom Flussufer, wurde von einer misstrauisch blickenden Mutter nach vorn geschoben. Zitternd vor Angst setzte er sich auf den Fassklotz zu den Füßen des Mädchens.

Sie wandte sich an Peter: „Dieses Kind ist seit einem Monat blind. Ohne diese Operation würde es für immer blind bleiben. Morgen wird es wieder sehen können.“

„Sie sind wunderbar!“, rief Peter aus.

Durch die sanfte Berührung hörte das laute Weinen des Kindes auf. Sie hob eines der geschwollenen Augenlider an – der Junge zuckte nicht zusammen.

„Das ist durch Schmutz entstanden“, erklärte sie. „Die Chinesen sind ohnehin die schmutzigste Rasse der Welt“, fügte sie hinzu, tauchte ein Stück Baumwolle in eine antiseptische Lösung und spülte damit die Augen des Patienten aus. „Wo zu viel Schmutz ist, gibt es Blindheit. Ein Viertel der Bevölkerung in diesem Teil Chinas ist blind.“

Page 293

Sie gehen zu Wahrsagern – und bleiben weiterhin blind. In neun von zehn Fällen heilt diese Art von Blindheit durch die einfachsten Operationen in Kombination mit sorgfältiger Pflege.

„Gut genug – aber werden sie danach vorsichtig sein?“, wollte Peter wissen.

„Sobald ihnen das Sehvermögen zurückgegeben wird, folgen sie den Anweisungen. Ich hinterlasse hier eine Reihe der saubersten Chinesen, die man sich vorstellen kann!“

Sie schwieg, und auch Peter schwieg. Er beobachtete, kaum wagte er zu atmen, wie das kleine Messer in ihren weißen Fingern geschickt hin- und hergeschwungen wurde. Es war in einem Augenblick erledigt – und es schien keinen Schmerz gegeben zu haben.

„Hättest du nicht einen Operationssaal?“, fragte Peter, während sie den Augen des Kindes mit Gaze verband.

Sie schenkte ihm ein strahlendes, professionelles Lächeln. „Peter, ich habe gelernt, auch inmitten von tausenden feindlicher Menschen zu operieren. In Nanjing wurde ich fast von einer Menschenmenge überwältigt.“

Peter sah besorgt aus. „Haben sie dir wehgetan?“

„Oh, nein! Sie wollten, dass ihre Kinder, Ehefrauen und tugendhaften Mütter wieder das Licht der Welt sehen.“

„Eileen, du bist ein Engel!“

„Sei vorsichtig, Peter – sonst küsse ich dich vor all diesen Leuten.“ Sie wurde rot und lächelte. „Ich glaube, es war sehr mutig von mir, alleine hierherzukommen. Oder?“

Peter murmelte etwas, was sie nicht verstehen konnte.

Sie setzte sich müde auf den Fass und blickte ihn verzweifelt an. „Ich dachte, es wäre nur ein Spaß – aber das ist es nicht. Es ist die härteste Art von Arbeit. Es gibt so viele Blinde – und ich werde müde – wütend!“

„Können wir uns nicht von dieser Menschenmenge lösen und ein wenig für uns allein trinken?“

Page 294

„Bist du nicht nervös, Peter?“

„Das ist nicht Shanghai“, erwiderte er bedeutungsvoll. „Ching-Fu ist kein gesunder Ort für mich – und auch nicht für dich. Ich werde beobachtet. Vielleicht gerade in diesem Moment……“ Er hielt inne und blickte auf die düsteren Gesichter um sie herum.

Sie zuckte mit den Schultern. „Wirst du dieses Mal nach Len Yang gehen, Peter?“

Er nickte leicht. „Vielleicht.“

„Mit mir?“

„Ohne dich“, sagte er entschlossen, während ihm bewusst wurde, dass es am Rande der Menge Unruhe gab.

„Das ist nicht fair“, flüsterte sie; „Ich bin den ganzen Weg hierhergekommen……“ Sie berührte ihre Lippen mit der Spitze ihrer rosa Zunge. Was sie noch hätte hinzufügen wollen, wurde durch wachsende Verwirrung am Rande der Menge unterbunden. Es gab laute, schrille Stimmen; dann wurden diese Geräusche vom Donner wütender Hufe übertönt.

Eine Gruppe mongolischer Reiter, weiß vom Staub des Pfades, ritt auf ihren juwelenverzierten Sätteln in den Platz und schrie dabei. Sie trieben ihre Pferde an und stürmten mit der Wut von Kosaken in die Menge.

Peter wurde von einem großen Mann zur Seite geschleudert – einen Mann, den er für einen Bauern gehalten hatte. Der Mann griff in Peters Tasche, doch der Arbeiter kämpfte sich weiter in Richtung der Reiter vor.

Gleichgültig gegenüber ihren Sträubungen und Schreien trug dieser Riese Eileen in seinen muskulösen Armen.

Peter sprang hinterher, schrie und verfluchte diejenigen, die ihm im Weg standen. Jemand stolperte ihn. Er fand sein Gleichgewicht wieder, schlug einem streitlustigen jungen Mann ins Kinn und kämpfte weiter.

Die Zuschauer flohen mit lauten, ängstlichen Schreien, rannten ineinander, sammelten sich in verwirrten Gruppen oder eilten zu den Türen.

Page 295

Schafe, die von einer Wolfsschar angegriffen wurden.
Dann kam ein schwarzes Pferd so nahe an Peter heran, dass der Steigbügel die Knöpfe seines Gewands abriss. Ein schwerer Peitschenhieb traf ihn auf die Schultern.
Als er sich von diesem Schlag erholt hatte, befand sich das kämpfende Mädchen einige Meter entfernt – sie kämpfte weiter, schrie aber nicht mehr. Sie war in die Arme eines riesigen Mongolen übergeben worden, der offensichtlich der Anführer dieser Schar war.
Peter zog seine Automatik und feuerte auf den Reiter, der nun seinen Weg blockierte. Der Mongole, der gerade ein Messer aus seiner Scheide ziehen wollte, neigte sich über den Rücken des Pferdes; seine Augen waren gen Himmel gerichtet, sein Fuß steckte im Steigbügel.
Das Pferd, erschrocken, sprang auf und drehte sich um, wodurch der gefallene Reiter um seine eigenen Achsen gewirbelt wurde. So hatte Peter wieder freien Weg für ein paar Meter.
Ein weiterer Reiter griff ihn an. Peter hob die Waffe und schoss wütend darauf. Zwei Mal feuerte er, danach war diese Störung beseitigt.
Die Truppen formierten sich zu einer groben Formation – offenbar für einen weiteren Angriff. Eileen war verschwunden.
Peter, der wusste, dass sie sich irgendwo in diesem Bereich mit den stampfenden Pferden befand, stürmte vorwärts, stolperte über gefallene Körper und rutschte im Schlamm aus. Seine Lungen brannten, und er keuchte vor rasender Wut. Plötzlich hörte er, wie sie seinen Namen schrie.
Der Anführer der Wolfsschar hielt sie über seinem Sattel fest, ihre Glieder mit seinen mächtigen Armen fixiert. Er sah Peter, schrie, stieß mit den Sporen nach unten – sein Pferd sprang sofort auf. Die anderen Pferde drehten sich geschmeidig um und verschwanden mit Donnergetöse in Richtung der Ebene.
Peter fand das Pferd eines der gefallenen Krieger und sprang darauf, um es zu ergreifen.
Im nächsten Moment tastete er sich blindlings vorwärts.

Page 296

KAPITEL XII

In seinem Blickfeld blieb ein grinsendes Gesicht zurück.

Schlamm war ihm in die Augen geworfen worden, und der Dreck klebte von den Augenbrauen bis zur Nase. Im Nu erkannte er das Gesicht. Vor Monaten hatte er diesen Chinesen vom Deck eines Dampfers in die von Haien übersäten Gewässer von Tandjong Priok, dem Hafen von Batavia auf Java, gestoßen.

Solch amüsante Szenen wie ein verzweifelter Ungläubiger mit reichlich Schlamm in den Augen neigen dazu, bei den gelben Völkern, von denen man annimmt, dass ihnen das Gefühl für Humor abgeht, große Bewunderung hervorzurufen.

Schrilles, explosives Gelächter ertönte rings um ihn herum.

Langsam kehrte das Licht in seine gequälten Augen durch einen dicken, gelben Film zurück. Alle seine Muskeln waren angespannt; jederzeit erwartete er das seit Langem ersehnte Erlebnis kalten Stahls zwischen den Rippen – oder an seiner Kehle.

Irgendein gütiger Samariter hatte ihn bei der Hand genommen. Er wurde mit schleimigem Atem konfrontiert. Er hörte deutlich ein Poltern, ein Stöhnen, einen schreienden Befehl.

Es wurden keine Worte gesprochen, doch die geheimnisvolle Hand zog eilig an seinem Handgelenk. Peter kniete nieder und schöpfte mit beiden Händen Wasser aus einer Schüssel zu seinen Augen. Er suchte nach seinem Wohltäter – sah aber nur die grinsenden Gesichter einer hochamüsierten Gruppe von Bengeln, Männern und Frauen, die wohl noch nie zuvor so amüsiert gewesen waren.

Und in der Zwischenzeit wurde ihm mit gebrochenem Herzen klar, dass die donnernden Hufe mit jedem Augenblick weiter entfernt wurden.

Peter stieß einen Mann zu Boden, als er sich durch den amüsierten Kreis kämpfte. Der Platz war nun fast menschenleer. Zwei Leichen lagen im Schlamm, unbeachtet. Bei der Untersuchung stellte sich heraus, dass es sich um die sterblichen Überreste dieser beiden handelte.

Page 297

Die mongolischen Reiter – die beiden, die er abgeschossen hatte. Die beiden Pferde blieben unbesorgt zurück. Peter bestieg das nächstgelegene Pferd.

Die Luft wurde immer kälter. Ein scharfer, eisiger Wind wehte aus den Bergen nach Norden, und der Himmel färbte sich grau durch Sturmwolken.

Sein Pferd bewegte sich wie der Wind, schwitzte überhaupt nicht – es war ein Vollblutpferd, ein Pferd für einen Prinzen! Bei diesem Tempo sollte er bis zum Abend die mongolische Truppe einholen können; sonst wäre die Verfolgung sicher verloren. Dann begann Peter darüber nachzudenken, welche Taktik er anwenden würde, wenn er die Gruppe erreichte. Wie konnte er allein, nur mit einer Automatikpistole bewaffnet, hoffen, professionelle Schützen zu überwältigen, von denen mindestens vierzig da waren? Es war ein schwieriges Problem – doch ihm fiel keine einfachere Lösung ein. Er war fest entschlossen, eine Aufgabe zu bewältigen, die bei Don Quijote Beifall hervorgerufen hätte.

Die Sonne senkte sich auf die goldenen Dächer der Berge und warf riesige blaue Schatten ins Tal.

Bald umhüllte Dunkelheit die Welt. Ein strahlender Stern erschien plötzlich, so hell wie ein Leuchtturm. Der Wind trug den Geruch von tiefem Schnee mit sich.

Plötzlich stolperte das Pferd. Peter zog an den Zügeln. Das Pferd wieherte und tanzte unbeholfen auf drei Beinen herum.

Peter stieg ab. Ein Vorderbein war verletzt. Er stöhnte. Das Schicksal, lange Zeit sein Verbündeter, lachte ihn aus. Die Verfolgung war beendet.

Plötzlich hallten Hufschläge auf dem festen Boden wider; ein Schatten schoss vorbei und geriet fast mit ihm in Kontakt. Es gab ein Trampeln. Ein Laternenrahmen klickte, und ein Strahl gelben Lichts fiel auf sein Gesicht und wurde breiter.

Er blickte in die besorgten braunen Augen von Kahn Meng.

Page 298

KAPITEL XIII

„Du kommst gerade noch rechtzeitig!“ Er packte Peter an der Schulter.

„Hast du sie aufgehalten?“, keuchte Peter.

Kahn Meng lachte bitter. „Nur der Wind könnte sie einholen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Sie kamen – sie durchbrachen unsere Linien – und wieder durchbrachen sie sie! Hätten sie angehalten, um zu kämpfen“, fügte er grimmig hinzu, „dann gäbe es eine andere Geschichte zu erzählen.“

„Und sie haben sie nach Len Yang gebracht?“ Peter erinnerte sich plötzlich daran, dass Kahn Meng wahrscheinlich nichts von Eileen wusste.

„Die Ärztin? Ja“, antwortete Kahn Meng traurig. „Einer meiner Männer war in Ching-Fu, als die Truppen vorbeizogen. Er hat nach dir Ausschau gehalten. Er ist erst vor wenigen Momenten angekommen. Bei Buddha – wie hast du nur reisen können!“

„Ich habe vor, weiterzugehen.“

Kahn Meng seufzte. „Das bedeutet nur den Tod.“

„Ich bin bereit.“

„Aber du kannst sie mit keinem Pferd einholen. Du würdest getötet werden. Wir können schneller in Len Yang ankommen“, bat Kahn Meng. „Alles ist bereit.“

„Ich werde folgen“, sagte Peter grimmig, „unter der Bedingung, dass du zwei Fragen beantwortest. Welche Beziehung hast du zum Mann in Len Yang –“

„Bei meinem Ehrenwort“, unterbrach ihn Kahn Meng bewegt, „ich bin ein Freund. Reicht das nicht bis morgen früh? Wenn ich ein Feind wäre, wenn ich auf seiner Seite stünde –“

„Das weiß ich“, unterbrach ihn Peter. „Gut. Ich werde warten. Meine andere Frage lautet: Warum sucht dieses Ungeheuer die Welt nach schönen Frauen ab – und schickt sie in die Minen?“

Page 299

Kahn Meng schwieg. Zögernd ließ sich Peter durch die Dunkelheit über unebenem Gelände führen. Ein blasser Lichtpunkt tauchte aus der Nacht auf.

„Ich weiß es nicht“, sagte Kahn Meng schließlich. „Es ist grauenhaft. Ich habe sie gesehen. Das wird gestoppt!“, fügte er angespannt hinzu.

Unter der Laterne hielten sie an, und Peter stellte fest, dass sein seltsamer Begleiter seine Züge aufmerksam betrachtete.

„Ich kann nichts hinzufügen zu dem, was bereits gesagt wurde“, fuhr Kahn Meng fort. „Ich habe jetzt viel zu erledigen. Wir brechen sofort auf. Vertrauen Sie mir jetzt, so wie ich Ihnen vertraue?“ Er streckte seine rechte Hand aus, und Peter ergriff sie wortlos.

Der alte Mond Tibets kroch langsam aus seinem Versteck und beleuchtete die spitz zulaufenden Zelte mit einem sanften Glanz.

An einem solchen Abend hatte Peter zum ersten Mal den Mut gehabt, in die Stadt der gestohlenen Leben einzudringen – die leisen, geheimnisvollen Geräusche einer ruhenden Karawane weckten alte Erinnerungen in ihm.

Die wahrscheinliche Behandlung von Eileen durch Len Yangs König war zu schrecklich, um darüber nachzudenken. In diesem Moment fühlte er sich genauso hilflos, als wäre er auf der anderen Seite des Pazifischen Ozeans.

Eine Welle der Wut stieg in seiner Brust auf. Seine Handflächen begannen zu schwitzen. Jede Minute brachte sie ihm näher zu den feuchten, modrigen Wänden.

Er konnte sich vorstellen, wie sie in den Armen des riesigen Mongolen strampelte. Er sah die große Zugbrücke, die im Mondlicht oder in der glühenden Hitze des Mittags auf die weiße Straße herabsank. Auf dem Hügel sah er das prächtige Palastgebäude mit Minaretten, die wie Krallen in den Himmel ragten – es thronte auf dem roten Schleim, den die Minen ausspuckten.

Eine kühle Stimme erschreckte ihn. Kahn Meng kam aus der Dunkelheit hervor.

Page 300

Zweihundert Männer werden uns begleiten. Die Übrigen bleiben hier, falls ein Angriff auf unsere Flanke erfolgt. Es könnte Ärger geben. Natürlich könnte ich auf dem Bergweg unversehrt nach Len Yang gelangen – doch sobald ich dort wäre, wäre ich hilflos – für immer ein Gefangener. Er weiß, dass ich zurückkehre. Er erwartet mich. Doch er weiß nicht, dass die Hälfte seiner Truppen mir treu ergeben ist. Der Mann mit den gelben Schnurrbart wird nicht erfreut sein, mich zu sehen“, fügte er mit einem boshaften Grinsen hinzu.

Die Nacht schien von stillen, wachenden Arbeitern erfüllt zu sein, die mit Gewehren ausgestattet waren. Die düstere, wachsame Stille der Prozession, das dunkle Geheimnis der Nacht mit dem sinkenden, kalten Mond am Himmel sowie die Unsicherheit der ganzen Angelegenheit ließen Peters Nerven kribbeln; sein Herz begann auf die große Aufregung zu reagieren.

Er war begeistert – doch auch besorgt. Die Aufgabe dieser Nacht war keine Suche nach dem goldenen Vlies. Die Größe seines Unterfangens, da er nun nur noch wenige Meilen vom Erfolg entfernt stand, war überwältigend. Er hatte sich selbst verpflichtet.

Wie er vorgehen würde, falls dieses Vorhaben erfolgreich wäre, war eine andere Frage. Schicksal oder Gelegenheit mussten seine nächsten Schritte bestimmen. Vielleicht lag die Lösung bei Kahn Meng, dem Geheimnisvollen. Peter war aus eigenem Willen Abenteurer und von Beruf Ingenieur. Unter bestimmten Bedingungen wusste er, was man von Menschen und Maschinen erwarten konnte. Bevor er als Funker zur See ging, hatte er einige Erfahrungen als Eisenbahnbauer gesammelt. Er hatte Schienen in Kalifornien und Mexiko verlegt. Eine erfolgreiche Karriere in diesem Beruf musste er aufgeben, als die warme Hand der Romantik nach ihm griff.

Er fragte sich, wie er sich wieder an die Routine seines alten Berufs gewöhnen könnte, falls das seine Chance in Len Yang wäre. Regierungsangelegenheiten, so wusste er, mussten wohl eher spezialisierten Leuten überlassen werden – vielleicht jemandem wie Kahn Meng.

Er blickte hinter sich auf die lange Reihe von Männern, die sich wie der Schwanz einer riesigen Schlange durch die enge Schlucht zog. Gelegentlich fiel ein Stein herab und klirrte in die Spalten. Über ihnen erstreckte sich der Fels.

Page 301

und verschwand im kalten Violett der Nacht. Der Mond warf riesige Schatten – schwarz und bedrohlich.

Schließlich kamen sie in ein breiteres Tal, das von spitzen Gipfeln übersät war, die auf ihren oft spiegelglatten Oberflächen im Mondlicht glänzten. In dieser öden Höhle hätten zehntausend Männer versteckt werden können. Doch es herrschte Leere dort – in der Ferne ließ ein Stahlstab Pulverfeuer vom steinigen Boden aufsprühen.

Es schien, als würden Stunden vergehen, während sie weiter voranschritten und stetig nach unten stiegen. Manchmal berührten sich die Granitwände direkt über ihnen, und dann warfen Strahlen des Mondlichts seltsame Schatten auf ihre Sicht.

Einmal machten sie in der Nähe eines reißenden Baches Rast. Einige blieben zurück, um zu trinken. Die Dunkelheit am Himmel wich allmählich dem gespenstischen Licht des neuen Tages, als Kahn Meng den Befehl zum Anhalten gab.

Er nahm Peter beiseite und erklärte ihm seinen Plan. Sein Plan bestand darin, fünfzig Männer durch den Tunnel zum Hauptstollen zu schicken, um die Wachen zu überwältigen; der Rest der bewaffneten Arbeiter, etwa hundertfünfzig an der Zahl, sollte folgen und eine Schutzkette bis zur schwarzen Tür bilden – dem unterirdischen Eingang.

„Es sollte keine Probleme geben, keine Verwirrung – eine blutlose Revolution“, fügte er mit einem nervösen, triumphierenden Lachen hinzu. „Ich werde den Ort einnehmen – Sie folgen mir. Warten Sie zehn Minuten.“

Peter nickte.

„Ein ziemlich gerader Tunnel führt von hier direkt zur schwarzen Tür. Halten Sie Ihre Pistole bereit. Meine Leute werden es vielleicht nicht sauber machen. Die Bergwächter tragen Keulen. Jeder meiner Arbeiter hat ein Gewehr.“ Kahn Mings Augen funkelten im Licht der Fackel vor Aufregung. In seinem Enthusiasmus ergriff er Peters Hand.

„Wir sind schon so nah! Nur noch ein Schritt!“ Er lachte wild, erhob seine Stimme ekstatisch und rezitierte aus Ouan-Oui: „Dann – ‚Lassen wir uns gemeinsam freuen und unsere Porzellangläser füllen.‘“

Page 302

„Mit kühlem Wein!“

Kapitel XIV

Peter war nun ein emotionaler junger Mann. Zornige Gedanken entflammten in ihm, bevor er auf den einzigen Wächter stieß, den Kahns Männer übersehen hatten – mögen seine Knochen in Ruhe ruhen!

Er sah kleine Kinder, die im roten Schlamm herumkrallten; er sah junge Mädchen mit eingefallenen Brüsten, deren ehemalige Schönheit zu einer erbärmlichen Karikatur geworden war, die sterbende Babys auf dem Rücken trugen. Er sah müde alte Männer und Frauen, gelähmt, blind, mit roten Fingern und Handgelenken, als wären sie in Blut getaucht worden. Er sah genug, um wütend zu werden.

Kahns Wachen verbeugten sich ernst, als er an ihnen in den Tunneln vorbeiging. Er hatte etwa drei Viertelstunde lang in eine Richtung gegangen, eine Fackel in der Hand, bis er auf eine glatte, flache Barriere stieß.

Irgendwo tief in der Erde hinter ihm ertönte ein metallisches Dröhnen, gefolgt von einem Hauch sanften Windes, der nach draußen duftete.

Er starrte in die Dunkelheit – die lackschwarze Dunkelheit einer großen Holztür. Er stand am Eingang! Irgendwo jenseits dieser riesigen Holzbarriere befand sich der Mann aus Len Yang! Großzügig auf der Oberfläche angebracht war die Inschrift:

P. M. – geradeaus – K. M.

Mit den Fingern ziehend und die Füße gegen den rauen Boden stemmend, bewegte sich die Tür monumental auf ihn zu. Sie schwang weit auf, an großen, verborgenen Scharnieren.

Page 303

Peters abenteuerlustiges Herz schlug vor Aufregung. Seine brennenden Augen versuchten, durch das rötliche Licht der Fackel zu sehen – und entdeckten Weißmarmor! Er hatte das Ende seiner Reise erreicht – irgendwo im Palast des Grauen Drachen!

Peter zog die große Tür leise hinter sich zu und befand sich nun in einem Raum von enormen Ausmaßen, der einst aus reinstem Weißmarmor erbaut worden war – doch jetzt völlig durch den roten Staub des blutigen Erzes verfärbt. Der Boden glänzte rot.

Auf Zehenspitzen ging er in die Mitte des Raumes und musterte die leeren Wände, lauschend und atemlos.

Er hörte nichts außer dem leisen Plätschern des tropfenden Schleims. Schnell ging er zum Ende des feuchten Vorraums und entdeckte dort die vierte Wand, die bislang unsichtbar gewesen war. Aus der linken Ecke des scharlachroten Grabes führte eine enge Treppe empor – ebenfalls aus Marmor gebaut.

Nervös steckte er seine Hand in die Tasche seines rechten Gewands, stieg die Treppe hinauf und öffnete eine weitere Tür. Nun befand er sich in einem schneeweißen Korridor, der schwach von Leuchten über ihm beleuchtet wurde. Der Gang erstreckte sich düster in die graue Ferne – und war völlig leer. In der Nähe plätscherte eine unsichtbare Quelle. Zu seiner Linken befand sich eine weitere Tür, geschlossen.

Die geschlossene Tür zog ihn an. Sicherlich gab es jetzt keinen anderen Weg als eine gründliche Erkundung.

Vorbereitet auf Überraschungen in diesem Palast der schrecklichen Überraschungen riss er die Tür auf – und trat in tiefe Dunkelheit.

Achtlos schloss er die Tür hinter sich, lauschend und schnüffelnd. Zuerst hörte er nichts, doch er roch schwach den Duft von Altarweihrauch.

Plötzlich hallte ein tief klingender Gong wider – während Peter sich anspannte. Die klangvolle Melodie schwoll an und verebbte anschließend in unzähligen unmusikalischen Obertönen. Leichteres Metall klirrte gegen Holz.

Page 304

Dann die Lichter – elektrische Lichter – Dutzende, Hunderte, Tausende –
leuchteten mit plötzlicher Heftigkeit auf, einer Heftigkeit, die Peter nur mit der eines tropischen Sonnenuntergangs vergleichen konnte, der aus dem Ozean hervorbrach; und Peter blinzelte in das Grün. Es war ein schreckliches Grün, ein Grün teuflischer Intensität. Er zitterte. Es schien, als würde dieses Grün kriechen, sich winden.

Zuerst konnte er diese wahnsinnige Farbe nicht begreifen; er stand da, mit sinkendem Herzen.

Er stellte fest, dass er auf einem länglichen grünen SatinTeppich stand. Er wurde vom grünen Glanz einer Gruppe von Quarzlampen vor ihm geblendet und starrte zunächst auf einen monströsen grünen Buddha, der auf einem beinlosen Rumpf zwischen flackernden grünen Säulen saß, und schließlich auf den abscheulichsten Menschen, den er je gesehen hatte – einen Menschen, der auf einem Thron saß, der aus grünem Jade gemeißelt war.

Dieser Anblick war, als würde man aus einem dunklen Traum ins Zentrum eines aquamarinfarbenen Albtraums treten. Im Moment, in dem er dieses grüne Bild halb verarbeitet hatte, kam ihm der Gedanke, dass der Bewohner eines solchen Schreckensraums sicherlich verrückt sein musste.

Das war der erste Gedanke, der Peter durchzuckte. Er war nicht überrascht, dass er keine Angst hatte. Die Erwartung ist viel beängstigender als die Wirklichkeit. Er hatte viele panische Momente erlebt, während er auf dieses Treffen gewartet hatte; doch in dessen Gegenwart blieb er ruhig.

Der Graue Drache von Len Yang?

Aus dem Augenwinkel bemerkte er einen Mann mit verschränkten Armen, der sich gegen die Tür lehnte. Zu beiden Seiten des grünen Throns standen mongolische Wachen mit Gewehren. Sie bildeten den einzigen Kontrast in diesem Bild, denn sie waren in Wüstenbraun gekleidet.

Offensichtlich waren alle Fluchtmöglichkeiten abgeschnitten. Zwei Jahre lang hatte er es geschafft, den Verfolgern, den Mördern, die von dieser Kreatur geschickt wurden, zu entkommen – und nun war er absichtlich in ihre Fänge getreten. Der Tod? Wo war Kahn Meng?

Page 305

Mit einem Gefühl, das der Neugier eines Katers glich, ging Peter langsam zu den Stufen des Beryll-Throns. Dort blieb er stehen – mit fest geballten Fäusten in den Taschen, dem Kinn erhoben und den Schultern zurückgezogen.

Ein genaues Hinsehen milderte die tierische Grausamkeit im Gesicht von Len Yangs Herrscher nicht. Es war ein erschreckendes Gesicht – grau wie frischer Ton, stark gefurcht. Die Nase war äußerst lang und spitz, mit einer gekrümmten Gelenkstelle. Schmutzig gelbe Schnurrbärte hingen wie nasses Seegras an den Seiten eines spöttisch verzogenen Mundes.

Und dieses Gesicht wurde von einem Paar sehr kleiner, sehr leuchtend grüner Augen dominiert – Augen, die tief saßen und sehr eng beieinander lagen.

Doch der Gesamteindruck des Gesichts war grau – der Grauton des lebenden Todes. Aufgrund dieses Erscheinungsbilds entschied Peter plötzlich, dass dem Mann sein beschreibender Name gegeben worden war.

Lange, graue Krallen ragten aus den Falten der Mandarinkleidung hervor und spielten nervös mit einem Strang grauen Haares, der aus der Zopffrisur hervorragte, die über die schräge Schulter floss.

Die grünen Augen blinzelten, während sie Peter Moore musterten. Die spöttisch verzogenen Lippen bewegten sich.

„Peter Moore!“, krächzte er. „Der kühnste Ausländer, der je meine Stadt besucht hat! Peter der Unverschämte – mit dem Ruf, den Herzen schöner Frauen das Herz zu brechen! Du bist zu spät. Ich warte bereits seit zwei Jahren auf deinen Besuch!“

Er beugte sich vor – Peter wich einen Schritt zurück.

„Was hast du mit ihr gemacht?“, fragte Peter scharf.

Der Graue Drache lehnte sich seufzend zurück. „Ah! Möchtest du dir ansehen, was niemals dir gehören kann?“

„Darf ich sie – einmal – sehen, bevor ich sterbe?“

Page 306

„Das ist eine weise Aussage. Du bist wirklich weise – erstaunlich weise! Weisheit ist ein seltenes Juwel bei jemandem, der noch so jung ist.“ Er lachte auf eine nervige, hohe Weise.
„Schau dich wieder um, junger Mann. Das hier wird das Zimmer des grünen Todes genannt. Nur wenige Menschen verlassen dieses Zimmer lebend. Meine Hunde heulen, wenn sie hineingehen.“
„Die junge Frau ist hier – sicher. Wenn du meine Fragen beantwortest, darf ich dir vielleicht erlauben, sie ein einziges Mal anzusehen, bevor du stirbst! Vielleicht bin ich sogar so gnädig und lasse euch zusammen sterben. Reizt dich das nicht?“ fragte er besorgt. „Du – der du so sehr nach dem Gold der Romantik dürstest?“
Peter starrte ihn schweigend an; seine Finger zuckten.
Sein Gastgeber klopfte auf den Gong. Jemand trat hinter Peter – er hörte deutlich das Rascheln von Seidengewändern.
Der Mann auf dem grünen Thron murmelte und fügte zu Peter hinzu: „Ich erfülle deinen Wunsch. Du darfst sie vor deinem Tod anschauen. Ich werde sie ebenfalls anschauen – schließlich schätze ich sie sehr, wie du weißt.“
Er lehnte sich nachdenklich zurück; in diesem Moment wirkte sein graues Gesicht seltsam vernünftig.
„Peter Moore – selten lasse ich Männer, die mich so sehr belästigt haben, lebend entkommen. Vielleicht nimmst du angesichts dessen, was geschehen ist, törichterweise dir selbst Verdienste zu. Doch aus einem mir unbekannten Grund zögere ich noch.“
„Höre mir gut zu, junger Mann! In diesen zwei Jahren habe ich dich mit meinen tausenden von Augen beobachtet – du kannst dir nicht vorstellen, wie genau! Denn ich war äußerst interessiert. Du bist für mich ein Rätsel. Du hast die Emotionen einer Frau und die List eines Hu-li.“
„Unzählige Male wurde aus diesem grünen Raum die Nachricht verbreitet, dass dein Tod unvermeidlich sei. Kindische Neugierde, den törichten Abenteurer nur einmal anzusehen, hat dazu geführt, dass diese Nachricht zurückgenommen wurde! Glaube nicht…“

Page 307

Anerkennung für einen Mut, der nicht deiner war, Peter Moore! Du bist kein Held – du warst nur ein Spielzeug. Die Götter haben mit dir Schluss gemacht.

„Höre mir zu, du törichter Peter. In diesen grünen Mauern werden täglich die Namen von Männern und Frauen eingraviert, die sterben müssen. Dein Name wurde bereits erwähnt – doch noch nie geschrieben. Wenn er geschrieben wird …“ Er hielt inne, in bedrohlicher Stille.

„Heute, als ich erkannte, dass du endlich zu mir kommst, als Spion um Spion zu mir eilte, um zu sagen, dass endlich – endlich – Peter Moore, der Unbesiegbare, kam, um seinen längst überfälligen Besuch abzustatten – beeilte ich mich mit der täglichen Liste der Verurteilten, damit ich dir meine volle Aufmerksamkeit schenken konnte.

„Kann es dich interessieren? Neun Männer sind verurteilt. Innerhalb von zwei Wochen von diesem Moment an wird ein Mandarin durch das Schwert sterben, ein Botschafter am Hof in Peking durch Gift, ein unvorsichtiger javanischer Händler …“ Ungeduldig wedelte er mit seinen dünnen Armen.

„Diejenigen, deren Namen geschrieben sind, müssen unweigerlich sterben. Hätte der Name Peter Moore auch nur einmal auf dem grünen Seidenpapier gestanden – ich hätte dich vergessen können – und Ruhe finden. Doch ich wurde von einem sehr seltsamen Impuls zurückgehalten.“ Er blickte Peter erwartungsvoll an.

„Du hast mich verwirrt – fast fasziniert. Sag mir erst: Welche Macht hattest du über Romola Borria?“

Peter brummte nur wütend und überrascht.

„Warte!“, warnte er mit geschürzten Lippen. „Ich verspottete dich nicht. Ich möchte es unbedingt wissen.“ Er runzelte die Stirn und dachte nach. „Ich werde dir von dieser Frau erzählen. Romola Borria wurde zu mir geschickt, und ich nahm sie in Dienst. Für bestimmte schwierige Aufgaben war sie genau das, was ich brauchte – schöner als die Sonnenuntergange auf dem tibetanischen Schnee – eine prächtige Frau, doch genauso kalt und unfreundlich wie jener Schnee. Ihr Geist war aus Eis – doch auch Feuer.

„Und ihr Herz war Stein – oder auch Schnee. Ich schickte sie direkt zu dir, um dir etwas mitzuteilen – um dich zu töten, falls du …“

Page 308

Abgelehnt. Soll ich Ihnen sagen, wie viele Männer sie auf mein Geheiß beseitigt hat – vor und nach ihrer Begegnung mit Ihnen? Egal.

„Romola Borria war eine Unempfängliche gegenüber der Liebe. Es gab keinen Mann, den sie lieben konnte. Doch dieses eisige Herz schmolz, diese kostbare Kälte verschwand, als sie Peter Moore traf!“

Der Graue Drache hielt inne. Das Verschwinden seiner metallischen Stimme sowie das Verschwinden des bösen Glanzes in seinen kleinen, grünen Augen lösten bei Peter ein noch stärkeres Gefühl des Ekels aus als zuvor. Er hatte geglaubt, der Graue Drache sei völlig frei von menschlichen Eigenschaften – doch er besaß die niedrigste aller menschlichen Eigenschaften: eine tierische Neugierde.

„Ich kann fast Ihre Gedanken lesen“, fuhr er fort und schloss mehrmals seine grünen Augen. „Sie sagen das, was meine Opfer immer sagen, wenn ich ihnen vor ihrem Tod diese seltenen Audienzen gewähre. Immer wieder wiederholen Sie: ‚Bestie! Bestie! Bestie!‘ Ist das nicht wahr?“

„Das ist absolut wahr!“

Bosheit schien um die glänzenden grünen Augen zu schweben – doch sie verschwand sofort wieder. „Peter Moore, in您 anzusehen ist, als würde man in einen Kristall blicken. In Ihnen sehe ich jene höchste Qualität, die mir in meiner Jugend verwehrt blieb. Ich kann alles auf der Welt haben – nur nicht diese höchste, diese sublimste Qualität. Ich kann alles auf der Welt kaufen – nur das nicht.“ Die Stimme verstummte.

Peter wandte seinen Blick kurz den bewaffneten Wachen zu, die dieses böse Wesen bewachten. Ein innerer Flüsterton riet ihm: „Noch nicht! Noch nicht! Es gibt Zeit!“

„Aber es besteht die Möglichkeit, dass ich es mir noch einmal überlege – dass ich Ihnen erlaube weiterzuleben – vielleicht in den Minen. Aber sicherlich, du dummer Peter, dürfen Sie diesem Impuls jetzt nicht nachgeben. Natürlich sind Sie bewaffnet. Aber bewegen Sie sich nicht! Zwei Fuß hinter Ihnen steht ein hervorragender Schütze mit einer Pistole, die auf Ihren Rücken gerichtet ist. Menschen mit gebrochenem Rückgrat leben nicht lange!“ Er lachte.

„Was wollte ich sagen? Ah, ja! Wenn ich diese Qualität von Ihnen kaufen könnte – wenn ich, sage ich, alles in meinem Königreich haben könnte – dann wäre es Ihr.“

Page 309

Alles! Es ist das Einzige, was mir verwehrt geblieben ist. Heilige Kugel! Es ist seltsam – so spreche ich hier! Selten hatte ich ein so interessiertes Publikum. Die meisten meiner Gefangenen zucken in diesem Moment zusammen und küssen meine Füße.

Das grinsende Lächeln erschien wieder auf seinen Lippen, und seine Stimmung wurde seltsam sanft – wie totes Fleisch, dachte Peter, während er wartete – mit dieser Pistole im Rücken!

„Ich beabsichtige, Ihnen eine erstaunliche Geschichte zu erzählen, der Sie Glauben schenken können oder auch nicht. Ich erzähle sie – diese Beichte – teilweise, weil mir der Ausdruck in Ihren blauen Augen nicht gefällt. Wie alle anderen hassen Sie mich auch. Doch ich werde diesen Ausdruck beseitigen. Ich möchte Ihnen zeigen, dass ich sogar noch menschlicher bin als Sie!

„Bei Buddha, ich werde Ihnen diese Geschichte erzählen – Ihnen, Peter Moore, dem glücklichsten Mann ganz Chinas in diesem Moment. Denken Sie, bevor ich anfange, an jenen Mandarin, an den ungeschickten javanischen Händler – sie werden ebenfalls bald sterben. Vergessen Sie dann alles andere und hören Sie zu.

„Das geschah vor vielen Jahren, als ich noch jung war, genauso wie Sie. Auch ich liebte eine Frau. Können Sie mich verstehen? Auch ich liebte einmal eine Frau, ein Mädchen aus Punjab. Ich kann sie immer noch in dem Schleier meiner Erinnerung sehen: Augen wie staubige Sterne, Haut in der Farbe des tibetanischen Morgens – eines Morgens, den Sie vielleicht nie wieder sehen werden.

„Ihr Herz war Gold, dachte ich. Doch es war nur Schutt. An einem Frühlingsabend, auf dem Markt in Mangalore, trafen wir uns zum ersten Mal. Ich habe es nicht vergessen. In jener Nacht verliebte ich mich in die weiße Orchidee aus Punjab. Für mich war sie schöner als Leben und Tod – ein Fest der Schönheit.

„Len Yang gehörte mir damals, und ich war ein reicher Prinz – aber nicht so reich wie jetzt. Betrunken warf ich mein Gold auf dem Markt herum, als wir uns trafen. Sie sah mich – und lächelte! Es war das erste Mal, dass eine Frau mich anlächelte; ich war beunruhigt und verwirrt. Ich war nicht attraktiver als heute. Ich war der Mann, den niemand liebte. Chuh-seng – das Ungeheuer – war mein Name bereits damals, bei denen, die meine Freundschaft wegen meines reichen Goldes tolerierten.

„Und als das Mädchen aus Punjab mich anlächelte, dachte ich bei mir: ‚Chuh-seng, endlich ist die Liebe gekommen, um dein bitteres Herz zu süßen.‘ Was sollte…“

Page 310

Was hat ein junger Liebender getan? Ich – ich kaufte den Basar und überreichte ihn ihr – auf Knien!

„Sie gestand, dass sie mich lieben könnte, trotz meiner Hässlichkeit, diese weiße Orchidee der Ebenen. Peter Moore, schau mich nicht an. Du kannst es glauben – wenn du nicht hinschaust. Sie küsste mich – auf die Lippen! Wieder sagte sie, sie liebe mich. Selbst wenn ich tausendmal hässlicher gewesen wäre, hätte sie mich tausendmal leidenschaftlicher geliebt! Der Himmel hatte sich uns angeschlossen. Und ich vergab meinen Feinden, erneuerte meine Gelübde am Rad und segnete jeden Jungstern!

„Die Liebe war endlich bei mir angekommen! Ich – der Hässlichste in ganz Asien. Und ich glaubte ihr. Was hättest du getan, Peter Moore – du, der das Herz der Frau so gut kennt? Egal. Ich glaubte alles.

„Wir verweilten in Mangalore. Doch damals wusste ich noch nichts vom singhalesischen Händler – dem Kaufmann, der drei elende Kamele besaß. Er hatte zwar keine Schönheit, aber jenen romantischen Glanz, den du hast, du dreister Peter! In meiner Liebe schwelgend, war ich genauso blind wie diese Idioten in meinen Minen. Unser Kind wurde geboren.

„Sie hätte mehr haben können, wenn sie nicht so verliebt gewesen wäre. Sie hätte alles von mir haben können – meine Edelsteine, meine Perlen, Rubine und Diamanten, größer als der Schatz jedes Rajas – meine Minen, aus denen kostbares Quecksilber floss!

„Doch sie stahl nur mein Gold, weil es praktisch war, und ging in die sternklare Nacht hinaus mit dem singhalesischen Händler, um die Romantik der blendenden Wüste zu teilen – der singhalesische Händler, ein Mann ohne jede Kaste! Liebe? Das war meine Liebe!“

Das hässliche, graue Gesicht zog sich hinter Krallen zurück, als wolle es den Gedanken an diesen uralten Verrat auslöschen. Als die Krallen wieder herabsanken, wurde die tote Weichheit des Gesichts durch das frühere Spotten ersetzt.

Diese Veränderung war äußerst schockierend.

Das Ungeheuer lachte hart. „Wenn ich keine Liebe haben konnte, dann konnte ich wenigstens Hass haben! Ich habe mit größerer Leidenschaft gehasst als jeder Mensch je geliebt!“

Page 311

Peter sagte dazu nichts, obwohl sich die grauen Lippen schlossen und die grünen Augen ihn erwartungsvoll ansahen – fast schon fordernd nach einer Antwort. Sicherlich war dieses Wesen verrückt, mit seinem Raum des grünen Todes, seinen wilden Geschichten von der Liebe zu einem Mädchen aus Punjab, von allgemeiner Hassgefühle.

Der Graue Drache schien verärgert zu sein. „Was hast du jetzt zu sagen?“

„Ich habe mich nur gefragt“, sagte Peter, als wäre er plötzlich müde, „wann diese Pistole hinter meinem Rücken explodieren wird.“

„Es ist noch Zeit“, murmelte sein Gastgeber. „Noch kein Mensch hat diesen Raum in Missachtung gegenüber mir verlassen! Kannst du glauben, dass ich gelogen habe?“ knurrte er. „Du Dummkopf!“, krächzte er. „Ich werde dir eine Lektion erteilen! Was glaubst du, ist aus dem anderen geworden, den du im Gebirge getroffen hast? Glaubst du, meine Leute waren nicht in seinem Lager? Jeder Schritt von euch beiden wurde beobachtet.“

„Und was ist mit deiner Vorsicht passiert? Du, der du dich mir widersetzt hast, der du mir entkommen bist – vernichtet durch eine Frau! Deshalb bist du hier. Weil du ein solcher Dummkopf bist, wirst du sterben. Ich hätte nachgeben können. Ich dachte, du wärst widerstandsfähig gegen die Liebe. Gibt es jemanden, der widerstandsfähig gegen sie ist außer mir? Ah——“

Er blickte sehnsüchtig an Peter vorbei, und Peter hörte ein verängstigtes Schluchzen, dann einen leisen Schrei, als die Tür mit einem lauten Knall zuging.

KAPITEL XV

Sie flog quer durch den Raum zu ihm und legte ihre Hände auf seine Wangen. Ihre Augen funkelten vor Tränen, und ihr Gesicht war sehr blass. Nur ihre Lippen, die stets leuchtend rot waren, gaben diesem gequälten jungen Gesicht Farbe.

„Peter!“, stöhnte sie. „Oh, ich hatte solche Angst!“ Sie senkte ihre Stimme. „Was wird aus uns werden?“

Page 312

Er blickte auf sie herab und zwang sich zu einem Lächeln.

„Wir, die wir bald sterben werden …“, begann er düster.

Sie schenkte ihm ein verzerrtes Lächeln, während seine Arme sich fester um sie schlossen. Er liebte sie für ihren Mut.

Mit seinem Arm um ihre Taille drehte er sich um. Er hatte bemerkt, dass der Graue Drache bezüglich des bewaffneten Arbeiters hinter ihm die Wahrheit gesagt hatte.

Ihr Entführer beugte sich vor und warf ihnen einen äußerst seltsamen Blick zu. Seine erbarmungslosen grünen Augen wanderten von Eileens welligem Kastanienhaar zu ihren kleinen, gebräunten Stiefeln – anschließend betrachtete er Peter mit derselben Intensität. Dann schien er die verurteilten Liebenden als Einheit oder als eine Art Idee abzuwägen.

Ein teuflisches Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ist das also Liebe?“, kicherte er. „Das ist die junge Frau, für die du dein Leben weggeworfen hast – nach dem tapfersten Widerstand – du, Peter der Kühne! Liebst du sie immer noch?“ Er zeigte mit seinem gekrümmten Zeigefinger auf Eileen. „Sag mir: Würdest du ihn in diesem ersten Aufwallen deiner jugendlichen Liebe für einen attraktiveren Mann im Stich lassen – und sein Gold stehlen, nachdem er dir die Welt zu Füßen gelegt hat? Würdest du das tun?“

Methodisch strich er sich mit den Krallen über den Seetangbart.

„Ihr seid zu ungeduldig nach dem Tod. Ihr seid romantisch. Die Jugend hat solche Vorstellungen. Selbst ich, Chuh-seng, habe solche Ideen. Der Tod? Warum wählt euer kleiner Verstand gerade diese einfache Strafe aus – für euch Liebende? Romantisch gesehen sehnt ihr euch nach dem Tod, denn in der nächsten Welt werdet ihr wieder zusammenkommen – in der Ewigkeit der Liebenden im Himmel.

„Aber ich habe einen weitaus fantasievolleren Plan. Trennung! Wie klingt das für euch?“ Er beugte sich vor und beobachtete sie. „Ich habe einen hervorragenden Plan. Einer von euch wird bis zum Ende seines Lebens in dieser Mine arbeiten, wie die schönen Gefangenen in den letzten 25 Jahren geschuftet und gestorben sind; der andere“

Page 313

Ich werde bis zum Ende meines Lebens in meinen Steinbrüchen arbeiten – nicht weiter als hundert Meilen von Len Yang entfernt.

„Dann wirst du nicht vom Tod sprechen. Du wirst kämpfen und viel früher altern, wie die anderen auch, in der vergeblichen Hoffnung, einander wiederzusehen. Und ich werde deinen Wunsch erfüllen! In einigen Jahren, wenn die Jugend und die göttliche Leidenschaft der Jugend vergangen sind – wenn nur noch die bitteren Überreste dieser leidenschaftlichen Liebe übrig sind – dann werdet ihr wieder vereint sein.“ Er lachte humorvoll auf seine hohe, schrille Weise.

„Oh Buddha! Wie lange habe ich schon auf eine solche Gelegenheit gewartet? Wie lange? Ist es zwanzig Jahre – oder vierzig – oder tausend Jahre her, seit jener Nacht im Basar in Mangalore?“ Seine grünen Augen blickten zur grünen Decke. Seine Stimmung änderte sich erneut – bei diesem Wesen voller wechselhafter Stimmungen.

„Seid ihr mir dankbar, ihr beiden? Ihr solltet es sein! Ich bin es, der euch zusammengebracht hat – ich, der grausamste Mann ganz Asiens! Es muss eine göttliche Nacht gewesen sein, jene Nacht am großen Fluss, Peter Moore – als sie in deine Arme kam. In jener Nacht brannte die Liebe in euren Herzen; und diese Frau mit den grauen Augen sagte mit gesenktem Blick: ‚Ich mag dich, Peter Moore!‘ Was macht es schon aus, was sie sagte? Jede Worte wären genauso voller Liebe gewesen!“

Er sprang auf, stöhnend – sein böses Gesicht zuckte, als würde er unter schrecklichen inneren Krämpfen leiden.

„Das werdet ihr nicht bekommen!“, schrie er. „Ihr werdet keine Liebe haben! Was ich getan habe, werde ich rückgängig machen! Ihr werdet getrennt leben. Mir wurde die Liebe verwehrt – allen, die in meine Reichweite kommen, wird die Liebe verwehrt! Das ist meine Entscheidung. Auch den Tod werdet ihr nicht bekommen. Einer von euch in die Steinbrüche – der andere in die Minen. Ich werde großzügig sein. Ihr könnt euch entscheiden. Und das ist meine Entscheidung!“

Die Liebenden starrten ihn an. Der grausame Plan hatte Peters Vorstellungskraft erfasst. Jeder Gedanke an die Pistole, die immer noch in seiner Hand lag, war verschwunden. Ein Schuss hätte dieses Ungeheuer für immer zum Schweigen bringen können – doch er hatte solche Dinge wie Kugeln und Pistolen vergessen.

Page 314

Er konnte nur erkennen, dass sie bereits bevor ihr erster Kuss ausgetauscht worden war, voneinander getrennt werden würden.

Die Farbe war aus Peters Haut und Augen gewichen; er sah viel älter aus – fast vierzig statt dreißig. Eileen teilte diese verzweifelte Haltung. Sie konnte nur daran denken, wie er elend in den Minen oder Steinbrüchen arbeitete, gegen ein Schicksal ankämpfte, das genauso feindselig und unerbittlich war wie eine Wand aus kaltem Granit.

Der Graue Drache zog sich zurück, sein Brustkorb hob und senkte sich heftig. Seine Gesichtszüge waren angespannt. Der Anfall hatte ihn erschöpft; das grüne Leuchten verlieh seiner grauen Haut eine furchtbare Blässe. Er hob einen kleinen silbernen Hammer und schlug damit auf den Bauch eines großen bronzenen Gongs.

Hinter ihnen regte sich etwas.

Mit derselben kalten Hassmiene wandte er sich wieder den Liebenden zu, die sich wie kleine Kinder aneinanderklammerten – wirklich erbärmliche Wesen in diesem hall der gnadenlosen Grüntönung.

„Die anderen kommen; euer Schicksal wird das eure sein – ihr Liebenden!“

Er wandte sich um und sprach in Dialekt mit dem Mongolen zu seiner Rechten. In dieser Zeit strich Eileens warmer Atem über Peters Ohr.

„Bist du bewaffnet?“, flüsterte sie.

Sein Nicken war kaum wahrnehmbar. Er steckte seine Hand in die Tasche – in diesem Moment wurden seine Arme festgehalten. Die Pistole wurde ihm aus den Fingern gerissen.

Die bösen grünen Augen starrten über sie hinweg.

Peter hörte ein leises Wimmern, das sofort erstickt wurde. Naradia mit blutunterlaufenen Augen betrachtete besorgt sein Gesicht. Ihr schwarzes Haar war zu einem schweren Zopf geflochten, der ihr über den Rücken hinabfiel wie ein glänzender Strang.

Kahn Mings traurige Augen ruhten für einen Moment auf Peters Augen – sie funkelten vor Schuldgefühlen – und sein Gesicht war niedergeschlagen. Deutlicher als jedes Wort zeigte seine Miene: „Ich habe versagt! Es tut mir leid.“

Page 315

Dann schritt er zum Thron und stellte sich neben den Grauen Drachen – eine Manöver, die Peter zutiefst verwirrte.
Der Graue Drache schien seine Anwesenheit zu ignorieren. Zu Peter sagte er: „Erkennst du deinen Begleiter von letzter Nacht? Den Mann mit einer Legion von tausend treuen Männern hinter sich?“
Peter nickte murmelnd.
Der Graue Drache winkte Kahn Meng beiseite. „Er ist mein Sohn. Mein Sohn von meiner treuen Frau! Verstehst du das, Peter Moore?“
„Dein Sohn? Und er wird deine Arbeit fortsetzen?“
„Genau das! Du hast es prägnant ausgedrückt, Peter Moore. Der Graue Drache wird die Arbeit des Grauen Drachen fortsetzen!“
Das Rätsel um Kahn Meng war gelöst. Zorn über seine Verräterei schwoll in Peters Brust an und brach hervor – als wäre dort ein Feuer entzündet worden. Die Flamme eines uralten Ahnengeistesfeuers, aus der Zeit, als die Menschen mit Stöcken, Nägeln und Zähnen um ihr Leben und ihre Lieben kämpften, brach in sein Gehirn und in seine Brust hinein. Die Muskeln unter den Ärmeln seiner Tunika, die durch den Schweiß an seinem Arm klebten, zuckten und verhärteten sich.
Sein Gesicht – das saubere, gutaussehende Gesicht eines wohllebten jungen Mannes – war furchterregend anzusehen: gerötet bis ins Feuerrote und verzerrt. Seine Lippen waren zurückgezogen, sodass seine weißen Zähne sichtbar wurden.
Der Donner seines Brüllens erschütterte die grünen Quarzpfeiler – zwischen denen der selbstzufriedene, grüne Buddha gelassen lächelte, unbeeindruckt vom Zorn der törichten Menschheit.
Peter stürmte auf dieses Brüllen zu – wie eine Masse wunderbar kontrollierten Stahls auf die kauernde Gestalt, deren Gesicht plötzlich nass und weiß wurde.

Page 316

Er riss der nächsten Wache das Karabiner aus den Fingern, bevor diese wieder zu Sinnen kommen konnte.
Der Mongole fiel rückwärts – im nächsten Moment traf der schwere Kolben des Karabiners mit einem ohrenbetäubenden Knall auf den Schädel des Mannes, der nun nicht mehr über Len Yang herrschen würde!
Der Schlag wurde mit solcher Wucht ausgeführt, dass der aus Walnussholz gefertigte Kolben, so hart wie Eisen, in Splitter zerbrach – diese Splitter verteilten sich im explodierenden Gehirn des Opfers.
Schreiend schwang Peter den Kolben immer wieder, als wolle er sein elendes Opfer zu Brei schlagen. Am Ende blieben nur noch Lauf und Verschlussmechanismus übrig.
Seine mörderische Absicht schien darin zu bestehen, dieses abscheuliche Gesicht endgültig zu beseitigen, es mit seiner rohen Kraft auszulöschen.
Plötzlich sprang er mit der geschmeidigen Bewegung einer Pantherin von ihm weg. Nächste war Kahn Meng, der Verräter.
Als er sprang, zog Kahn Meng eine Pistole aus seiner Tasche und wich Peters Schlägen aus.
Peter taumelte rückwärts, bis er in die Mitte des Raumes gelangte; dabei zog er den blutverschmierten, verbogenen Karabinerlauf hinter sich her. Dort blieb er stehen, schwankte und stürzte schließlich zu Boden.
Dunkelheit umhüllte ihn – er sank in einen Abgrund. Sein Herz pochte heftig, litt unter dem Gift, das durch seine Wut in seinem Blut entstanden war.
Die grünen Lichter drehten sich.
Er warf den Karabinerlauf auf den selbstzufriedenen Buddha – dort klirrte er gegen die Marmorbodenplatten. Er selbst verwelkte wie eine Lotusblüte: Er lag auf dem Rücken, die Augen fest geschlossen; die Farbe wich allmählich aus seinem Gesicht.

Page 317

Und sein Kopf ruhte auf Eileens kleinen, braunen Stiefeln.

KAPITEL XVI

Irgendwo in der Ferne ertönte sanft das Läuten einer Tempelglocke mit süßer Stimme. Verschwommene Düfte von Sandelholz und Wisteria schwebten in der milden, kühlen Luft. Ein Strahl warmer Sonnenlicht fiel auf Peters reglose Hand, und er öffnete die Augen.

Langsam kehrte die Erinnerung zu ihm zurück. Er erinnerte sich daran, dass er getötet hatte. Das Letzte, woran er sich aus jenem Moment der unkontrollierbaren Wut klar erinnern konnte, war, dass Kahn Meng, der Verräter, eine Pistole gezogen hatte. Als natürliche Folge sollte er tot sein. Vielleicht war er es auch.

Langsam wurde sein Verstand klarer – obwohl seltsame „Dämpfe“ darin aufstiegen.

Sanfte Schritte hallten über den Steinboden, begleitet vom Klicken zarter Absätze. Kleine Finger, deren Berührung wunderbar war, strichen ihm die zerzausten Haare von der Stirn. Sie waren kühl und angenehm.

„Altes Schätzchen!“, sagte eine fröhliche Stimme.

Die kühlen Finger glitten unter sein Kinn und verweilten dort. Andere Finger glitten unter seinen Hals. Eine warme, seidige Wange legte sich auf seine Stirn.

Dutzende von Fragen drängten sich aus den Überresten seines bewussten Denkens hervor.

„Bist du in Sicherheit? Wo sind wir? Was ist mit diesem Schurken, Kahn Meng, passiert? Warum haben sie dich hierher gebracht? Haben sie dir wehgetan? Wer hat——“

Ein silbernes Lachen unterbrach ihn. „Ja, ja – ja!“, sagte die Stimme, die für ihn süßer war als alle Musik in Christentum und Heidentum zusammen.

Page 318

„Ich bin in Sicherheit. Ich wurde entführt und von einem berühmten Arzt mit aller gebührenden Achtung behandelt – schließlich litt dieses tote Monster an Neuritis. Wir sind allein, in einem winzigen Glashaus auf dem Dach des Elfenbeinpalastes – und der Morgen bricht gerade an. Was für ein wunderbarer Morgen, Peter!“
„Bist du ausgeruht? Ich habe noch nie jemanden gesehen, der so völlig erschöpft war. Solche Wut! Mein Gott, was für ein Mann! Aber warum, Peter, hast du den armen Kahn Meng angegriffen? Er ist doch dein bester Freund auf der Welt!“
„Der Graue Drache!“, murmelte Peter und ballte die Fäuste.
„Peter, Kahn Meng würde sein Leben für dich geben. Natürlich ist er der Graue Drache – aber das ist nur noch ein Name. Er ist der Graue Drache, und er verdankt es dir, und nur dir.“
„Dieser Titel ist erblich – und er ist der Letzte seiner Linie. Er wusste, was sein monströser Vater tat, und war hilflos – bis du ihn befreit hast. Das schreckliche Geheimnis, Peter, ist, dass dieses Ungeheuer nicht Kahns Mengs Vater war. Sein Vater war ein singhalesischer Händler, der vor Jahren ermordet wurde – und seine Mutter, eine schöne Frau aus Punjab, war eine Zeit lang die Frau dieses Ungeheuers!“
„Die gesamte Organisation steht nun unter Kahns Mengs Kontrolle. Er ist der Graue Drache von Len Yang – und es ist ein Titel, der von nun an zur Förderung Guten und zum Aufbau genutzt werden wird!“
„Du kannst dir nicht vorstellen, welche wunderbaren Pläne er hat. Er ist ein Genie – dieser junge Mann, Peter! Und du – du wirst sein Chefsekretär, der Vizekönig von Len Yang! Der Leiter der Minen, des Transports, der Arbeitskräfte! Er sagte mir, dass Millionen von Dollar an Kapital zu deiner Verfügung stehen.“
„Gestern Abend haben wir einen großen Eisenbahnweg geplant, der von den Minen nach Chosen, Peking und Tientsin führt! Denk daran, Peter – was für eine Chance!“
„Während ich“, fuhr Eileen fröhlich fort, „eine Klinik eröffnen werde. Keine Blindheit mehr, keine Krankheiten mehr in Len Yang. Und kürzere Arbeitszeiten.“

Page 319

Ein Alterslimit – und Schulen. Und gutes Essen, und viel davon!

„Von nun an hat unsere Arbeit weltweite Bedeutung. Gestern Nacht kam die Nachricht per Funk: Deutschland hat endlich den seit Langem erwarteten europäischen Krieg begonnen. Kahn Meng glaubt, dass jede Nation darin hineingezogen werden wird. Es gibt also eine weitere Bedrohung, gegen die ihr vorgehen müsst – den Drachen Europas. Kahn Meng sagt, dass diese Minen sowie die Kupfer- und Eisenerzminen in der Nähe der Küste helfen können – wunderbar!“

Peter fühlte sich äußerst glücklich, zu fasziniert, um zu glauben, dass der Staat bestehen könnte. Er stand vom Bett auf und blickte in das strahlende Gesicht der einzigen Frau der Welt. Es war jetzt leuchtend rosa, und ihre runden Augen wirkten zart und sanft. Vielleicht war sie etwas erschrocken über die Heftigkeit in seinem Ausdruck.

Sie öffnete ihre Arme mit einem leisen Lachen. Er zog sie fest an sich. Ihre Lippen trafen sich und blieben vereint.

Er stieß sie weg – seine blauen Augen waren voll Leidenschaft.

Eileen lächelte. „Schau!“

Der weiße Schnee auf den hohen Gipfeln jenseits des Tals glühte im intensiven Goldton der Morgendämmerung. Weit unter ihnen, auf halbem Weg zur grünen Wand, sah er eine große Menschenmenge. Hunderte drängten sich am Eingang des Schachts. Er fragte sich, warum sie warteten – dann durchbrach die schrille Stimme eines Herolds die kühle Morgenluft. Die Tausende warteten in Stille.

Peter wunderte sich über ihre Dummheit angesichts der Nachricht, dass der Mann, der sie in Blindheit, Hunger und Tod getrieben hatte, nicht länger über sie herrschen würde.

Der Herold fuhr mit seinem singenden Rufen fort.

Wie würde die Stimmung dieser Menge auf diese Ankündigung reagieren?

Das Singen verstummte – für einen atemlosen Moment schwiegen auch die Bergarbeiter.

Page 320

Dann störte ein lautes Geräusch die morgendliche Stille. Es wurde immer lauter, die Tonhöhe stieg an – ein lautes Donnern, das Donnern lachender Stimmen, die hysterische Freude eines Volkes, das frei geworden war! Es füllte das Tal und strömte in die Hügel hinein – eine anhaltende Welle glücklicher Unruhe.

Page 321

*** ENDE DES PROJECT GUTENBERG-E-BOOKS „PETER DER KÖNIGLICHE: Eine Geheimnisgeschichte aus dem modernen China“ ***

Aktualisierte Ausgaben ersetzen die vorherigen – die alten Ausgaben werden umbenannt.

Durch die Erstellung der Werke auf Basis von gedruckten Ausgaben, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind, gilt: Niemand besitzt in den Vereinigten Staaten ein Urheberrecht an diesen Werken. Daher kann die Stiftung – und auch Sie! – diese Werke in den Vereinigten Staaten ohne Genehmigung und ohne Zahlung von Urheberrechtsabgaben kopieren und verbreiten. Besondere Regeln, die im Abschnitt „Allgemeine Nutzungsbedingungen“ dieser Lizenz festgelegt sind, gelten für das Kopieren und Verbreiten der elektronischen Werke von Project Gutenberg™, um das Konzept sowie die Marke PROJECT GUTENBERG™ zu schützen. Project Gutenberg ist eine eingetragene Marke und darf nicht verwendet werden, wenn man für ein E-Book Gebühren verlangt – es sei denn, man hält sich an die Bedingungen der Markenlizenz, einschließlich der Zahlung von Gebühren für die Nutzung der Marke Project Gutenberg. Wenn man nichts für Kopien dieses E-Books verlangt, ist es sehr einfach, sich an die Markenlizenz zu halten. Man darf dieses E-Book für nahezu jeden Zweck verwenden – beispielsweise zur Erstellung von Ableitwerken, Berichten, Aufführungen oder Forschungsarbeiten. Project-Gutenberg-E-Books können modifiziert, gedruckt und weitergegeben werden – in den Vereinigten Staaten darf man mit E-Books, die nicht durch das US-Urheberrecht geschützt sind, praktisch ALLES tun. Die Weiterverbreitung unterliegt der Markenlizenz – insbesondere die kommerzielle Weiterverbreitung.

ANFANG: VOLLSTÄNDIGE LIZENZ

Page 322

Die vollständige Project Gutenberg™-Lizenz
Bitte lesen Sie diese vor der Verbreitung oder Nutzung dieses Werkes.

Um die Mission von Project Gutenberg™ – die Förderung der freien Verteilung elektronischer Werke – zu schützen, stimmen Sie durch die Nutzung oder Verbreitung dieses Werkes (oder eines anderen Werkes, das in irgendeiner Weise mit dem Begriff „Project Gutenberg“ in Verbindung steht) zu, alle Bedingungen der vollständigen Project Gutenberg™-Lizenz einzuhalten. Diese Lizenz ist entweder in dieser Datei enthalten oder online unter www.gutenberg.org/license erhältlich.

**Abschnitt 1: Allgemeine Nutzungsbedingungen und Wiederverteilung von Project-Gutenberg-Elektronikwerken**

1.A. Indem Sie einen Teil dieses Project-Gutenberg-Elektronikwerks lesen oder nutzen, geben Sie an, dass Sie alle Bedingungen dieser Lizenz sowie der Vereinbarung bezüglich des geistigen Eigentums (Markenrechte/Urheberrecht) gelesen, verstanden und akzeptiert haben. Wenn Sie nicht bereit sind, sich an alle Bedingungen dieser Vereinbarung zu halten, müssen Sie die Nutzung einstellen und alle Kopien der Project-Gutenberg-Elektronikwerke, die Sie besitzen, zurückgeben oder zerstören. Wenn Sie eine Gebühr für die Erhaltung einer Kopie oder den Zugang zu einem Project-Gutenberg-Elektronikwerk gezahlt haben und nicht bereit sind, sich an die Bedingungen dieser Vereinbarung zu binden, können Sie eine Rückerstattung von der Person oder Organisation erhalten, an die Sie die Gebühr gezahlt haben, wie in Absatz 1.E.8 beschrieben.

1.B. „Project Gutenberg“ ist eine eingetragene Marke. Sie darf nur von Personen verwendet werden, die sich an die Bedingungen dieser Vereinbarung binden. Es gibt einige Dinge, die Sie mit den meisten Project-Gutenberg-Elektronikwerken tun können, auch ohne sich vollständig an die Bedingungen dieser Vereinbarung zu halten. Siehe dazu Absatz 1.C unten. Es gibt viele Dinge, die Sie mit Project-Gutenberg-Elektronikwerken tun können, wenn Sie sich an die Bedingungen dieser Vereinbarung halten und dazu beitragen, den freien Zugang zu diesen Werken in Zukunft zu gewährleisten. Siehe dazu Absatz 1.E unten.

1.C. Die Project Gutenberg Literary Archive Foundation („die Stiftung“ oder PGLAF) besitzt das Urheberrecht an der Sammlung der Project-Gutenberg-Elektronikwerke. Fast alle Einzelwerke in dieser Sammlung gehören in den Vereinigten Staaten zum öffentlichen Eigentum. Wenn ein einzelnes Werk in den Vereinigten Staaten nicht durch das Urheberrecht geschützt ist und Sie…

Page 323

Da wir uns in den Vereinigten Staaten befinden, beanspruchen wir kein Recht darauf, Sie daran zu hindern, das Werk zu kopieren, zu verbreiten, aufzuführen, anzuzeigen oder abgeleitete Werke darauf basierend zu erstellen – vorausgesetzt, alle Verweise auf Project Gutenberg werden entfernt. Natürlich hoffen wir, dass Sie die Mission von Project Gutenberg unterstützen, indem Sie die Werke von Project Gutenberg gemäß den Bedingungen dieser Vereinbarung frei teilen und so den Namen Project Gutenberg mit diesen Werken in Verbindung bringen. Die Bedingungen dieser Vereinbarung können Sie leicht erfüllen, indem Sie das Werk im selben Format sowie mit der beiliegenden vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz weitergeben, wenn Sie es kostenlos an andere weitergeben.

1.D. Die Urheberrechtsgesetze des Ortes, an dem Sie sich befinden, bestimmen außerdem, was Sie mit diesem Werk tun dürfen. Die Urheberrechtsgesetze in den meisten Ländern sind ständig im Wandel. Wenn Sie sich außerhalb der Vereinigten Staaten befinden, sollten Sie vor dem Herunterladen, Kopieren, Anzeigen, Aufführen, Verbreiten oder Erstellen abgeleiteter Werke auf dieser oder einer anderen Project-Gutenberg-Werk basierend die Gesetze Ihres Landes zusätzlich zu den Bedingungen dieser Vereinbarung prüfen. Die Stiftung macht keine Angaben bezüglich des Urheberrechtstatus eines Werkes in einem Land außerhalb der Vereinigten Staaten.

1.E. Sofern Sie nicht alle Verweise auf Project Gutenberg entfernt haben:

1.E.1. Der folgende Satz mit aktiven Links oder anderem direkten Zugang zur vollständigen Project-Gutenberg-Lizenz muss stets deutlich sichtbar sein, sobald eine Kopie eines Project-Gutenberg-Werks (jedes Werk, auf dem der Ausdruck „Project Gutenberg“ erscheint oder mit dem der Ausdruck „Project Gutenberg“ in Verbindung steht) angezeigt, aufgeführt, angesehen, kopiert oder verteilt wird:

Dieses E-Book ist für die Nutzung durch jeden Menschen überall in den Vereinigten Staaten sowie in den meisten anderen Teilen der Welt kostenlos und nahezu ohne jegliche Einschränkungen erhältlich. Sie dürfen es kopieren, weitergeben oder unter den Bedingungen der mit diesem E-Book enthaltenen Project-Gutenberg™-Lizenz oder online unter www.gutenberg.org erneut verwenden. Wenn Sie sich nicht in den Vereinigten Staaten befinden, müssen Sie vor der Nutzung dieses E-Books die Gesetze des Landes prüfen, in dem Sie sich aufhalten.

Page 324

1.E.2. Wenn ein einzelnes elektronisches Werk von Project Gutenberg aus Texten stammt, die nicht durch das US-amerikanische Urheberrecht geschützt sind (es enthält keine Angabe, dass es mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers veröffentlicht wurde), kann dieses Werk ohne Zahlung von Gebühren oder Kosten kopiert und an jeden in den Vereinigten Staaten weitergegeben werden. Wenn Sie ein Werk erneut verbreiten oder Zugang dazu gewähren und dabei der Ausdruck „Project Gutenberg“ in Verbindung mit dem Werk steht oder darauf erscheint, müssen Sie entweder den Anforderungen der Absätze 1.E.1 bis 1.E.7 entsprechen oder eine Genehmigung für die Nutzung des Werkes sowie der Marke Project Gutenberg gemäß den Absätzen 1.E.8 oder 1.E.9 einholen.

1.E.3. Wenn ein einzelnes elektronisches Werk von Project Gutenberg mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers veröffentlicht wird, muss Ihre Nutzung und Verbreitung sowohl den Anforderungen der Absätze 1.E.1 bis 1.E.7 als auch allen zusätzlichen Bedingungen entsprechen, die vom Urheberrechtsinhaber gestellt werden. Zusätzliche Bedingungen sind im Project Gutenberg License für alle Werke enthalten, die mit Genehmigung des Urheberrechtsinhabers veröffentlicht wurden; diese finden sich am Anfang dieses Werkes.

1.E.4. Entfernen Sie die vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg License nicht aus diesem Werk oder aus irgendwelchen Dateien, die einen Teil dieses Werkes oder ein anderes mit Project Gutenberg verbundenes Werk enthalten.

1.E.5. Kopieren, anzeigen, aufführen, verbreiten oder erneut verteilen Sie dieses elektronische Werk oder irgendeinen Teil davon nicht, ohne den in Absatz 1.E.1 genannten Satz in deutlicher Weise anzugeben – zusammen mit aktiven Links oder unmittelbarem Zugang zu den vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg License.

1.E.6. Sie dürfen dieses Werk in jede binäre, komprimierte, markierte, nicht-exklusive oder exklusive Form umwandeln und verbreiten, einschließlich jeder Textverarbeitungs- oder Hypertextform. Wenn Sie jedoch Zugang zu Kopien eines Works von Project Gutenberg in einer anderen Formatierung als „Plain Vanilla ASCII“ oder einer anderen Formatierung bereitstellen, die in der offiziellen Version auf der offiziellen Project Gutenberg-Website (www.gutenberg.org) verwendet wird, müssen Sie ohne zusätzliche Kosten oder Ausgaben für den Benutzer eine Kopie des Werkes in seiner ursprünglichen „Plain Vanilla ASCII“-Formatierung oder in einer anderen geeigneten Formatierung bereitstellen – zusammen mit Möglichkeiten zum Exportieren oder Erhalten einer Kopie auf Anfrage. Jede alternative Formatierung muss die vollständigen Bedingungen der Project Gutenberg License enthalten, wie in Absatz 1.E.1 festgelegt.

Page 325

1.E.7. Erheben Sie keine Gebühren für den Zugang zu, die Ansicht, die Anzeige, die Aufführung, das Kopieren oder die Verbreitung von Werken der Project Gutenberg, es sei denn, Sie halten Sie sich an Absatz 1.E.8 oder 1.E.9.

1.E.8. Sie dürfen eine angemessene Gebühr für Kopien oder den Zugang sowie die Verbreitung elektronischer Werke der Project Gutenberg erheben, vorausgesetzt:

• Sie zahlen eine Tantiemengebühr in Höhe von 20 % des Bruttogewinns, den Sie aus der Nutzung der Werke der Project Gutenberg erzielen, wobei diese Berechnung nach dem bereits von Ihnen verwendeten Verfahren für die Berechnung der anfallenden Steuern erfolgt. Die Gebühr ist dem Inhaber der Markenrechte der Project Gutenberg geschuldet, hat jedoch zugestimmt, die Tantiemen gemäß diesem Absatz an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation zu spenden. Die Tantiemenzahlungen müssen innerhalb von 60 Tagen nach jedem Datum geleistet werden, an dem Sie Ihre periodischen Steuererklärungen erstellen (oder gesetzlich dazu verpflichtet sind). Die Zahlungen müssen deutlich als solche gekennzeichnet sein und an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation an die in Abschnitt 4 „Informationen zu Spenden an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation“ angegebene Adresse gesendet werden.

• Sie leisten eine vollständige Rückerstattung jeglicher vom Nutzer gezahlten Beträge, sofern dieser Sie schriftlich (oder per E-Mail) innerhalb von 30 Tagen nach Erhalt mitteilt, dass er mit den Bedingungen der vollständigen Project Gutenberg™-Lizenz nicht einverstanden ist. Sie müssen von einem solchen Nutzer verlangen, alle auf physischem Medium vorhandenen Kopien der Werke zurückzugeben oder zu zerstören sowie jegliche weitere Nutzung und jeden Zugang zu anderen Kopien der Werke der Project Gutenberg™ einzustellen.

• Sie leisten gemäß Absatz 1.F.3 eine vollständige Rückerstattung jeglicher für ein Werk oder eine Ersatzkopie gezahlten Beträge, falls innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt des Werkes ein Mangel am elektronischen Werk festgestellt und Ihnen mitgeteilt wird.

• Sie halten alle anderen Bedingungen dieser Vereinbarung bezüglich der kostenlosen Verbreitung der Werke der Project Gutenberg™ ein.

1.E.9. Wenn Sie eine Gebühr erheben oder ein elektronisches Werk der Project Gutenberg™ oder eine Gruppe von Werken unter anderen Bedingungen als denen, die in dieser Vereinbarung festgelegt sind, verbreiten möchten, müssen Sie eine schriftliche Genehmigung von der Project Gutenberg Literary Archive Foundation, dem Verwalter des Projekts, einholen.

Page 326

Gutenberg™ ist eine Marke. Wenden Sie sich zur Kontaktaufnahme an die Stiftung gemäß Abschnitt 3 unten.

1.F.

1.F.1. Die Freiwilligen und Mitarbeiter von Project Gutenberg investieren erhebliche Anstrengungen, um Werke, die nicht durch das US-amerikanische Urheberrecht geschützt sind, ausfindig zu machen, hinsichtlich ihrer Urheberrechte zu recherchieren, sie abzuschreiben und zu korrigieren, um so die Collection von Project Gutenberg™ zu erstellen. Trotz dieser Bemühungen können die elektronischen Werke von Project Gutenberg™ sowie die Medien, auf denen sie gespeichert sein können, „Mängel“ aufweisen – wie beispielsweise unvollständige, ungenaue oder beschädigte Daten, Transkriptionsfehler, Verstöße gegen Urheberrechte oder andere geistiges Eigentum betreffende Vorschriften, defekte oder beschädigte Datenträger oder andere Medien, Computerviren oder Computercodes, die Ihre Ausrüstung beschädigen oder deren Inhalt nicht lesbar macht.

1.F.2. EINGESCHRÄNKTER GARANTIEANSPRUCH, AUSSCHLUSS HAFTUNG FÜR SCHÄDEN – Abgesehen vom „Recht auf Ersatz oder Rückerstattung“, wie es in Abschnitt 1.F.3 beschrieben wird, lehnt die Project Gutenberg Literary Archive Foundation, der Inhaber der Marke Project Gutenberg™, sowie alle anderen Parteien, die elektronische Werke von Project Gutenberg™ gemäß diesem Vertrag verbreiten, jegliche Haftung gegenüber Ihnen für Schäden, Kosten und Ausgaben, einschließlich Anwaltskosten, ab. Sie stimmen zu, dass Sie keine Rechtsmittel gegen Fahrlässigkeit, strenge Haftung, Verletzung der Garantiebedingungen oder Vertragsverletzungen haben, außer denen, die in Abschnitt 1.F.3 vorgesehen sind. Sie stimmen außerdem zu, dass die Stiftung, der Markeninhaber sowie alle Vertriebspartner gemäß diesem Vertrag nicht für tatsächliche, direkte, indirekte, Folgeschäden, strafrechtliche Schäden oder zufällige Schäden haftbar sind – selbst wenn Sie von der Möglichkeit solcher Schäden Kenntnis geben.

1.F.3. EINGESCHRÄNKTES RECHT AUF ERSETZUNG ODER RÜCKERSTATTUNG – Wenn Sie innerhalb von 90 Tagen nach Erhalt dieses elektronischen Werkes einen Mangel feststellen, können Sie eine Rückerstattung des Geldes (falls vorhanden), das Sie dafür bezahlt haben, erhalten, indem Sie eine schriftliche Erklärung an die Person senden, von der Sie das Werk erhalten haben. Wenn Sie das Werk auf einem physischen Medium erhalten haben, müssen Sie dieses zusammen mit Ihrer schriftlichen Erklärung zurücksenden. Die Person oder Organisation, die Ihnen das fehlerhafte Werk bereitgestellt hat, kann stattdessen eine Ersatzkopie liefern. Wenn Sie das Werk elektronisch erhalten haben, kann die Person oder Organisation, die es Ihnen zur Verfügung gestellt hat,

Page 327

Sie können sich dafür entscheiden, eine zweite Gelegenheit zu erhalten, die Arbeit elektronisch zu erhalten, anstelle einer Rückerstattung. Falls auch die zweite Kopie mangelhaft ist, können Sie schriftlich eine Rückerstattung verlangen, ohne weitere Möglichkeiten zur Behebung des Problems.

1.F.4. Abgesehen vom eingeschränkten Recht auf Ersatz oder Rückerstattung gemäß Absatz 1.F.3 wird diese Arbeit „SO WIE SIE IST“ bereitgestellt, ohne weitere Gewährleistungen jeglicher Art, weder ausdrücklich noch stillschweigend – einschließlich, aber nicht beschränkt auf Gewährleistungen der Marktgängigkeit oder Eignung für einen bestimmten Zweck.

1.F.5. In einigen Bundesstaaten ist es nicht zulässig, bestimmte stillschweigende Gewährleistungen auszuschließen oder bestimmte Arten von Schäden einzuschränken. Falls eine in dieser Vereinbarung enthaltene Ausschlussklausel oder Beschränkung gegen das Recht des auf diese Vereinbarung anwendbaren Bundesstaates verstößt, soll die Vereinbarung so interpretiert werden, dass die maximale Ausschlussklausel oder Beschränkung gilt, die das geltende Staatsrecht zulässt. Die Ungültigkeit oder Unanwendbarkeit eines Bestimmungsteils dieser Vereinbarung führt nicht dazu, dass die übrigen Bestimmungen ungültig werden.

1.F.6. HAFTUNGSAUSSLUSS – Sie vereinbaren, die Stiftung, den Markeninhaber, alle Agenten oder Angestellten der Stiftung, alle Personen, die elektronische Werke von Project Gutenberg™ gemäß dieser Vereinbarung bereitstellen, sowie alle Freiwilligen, die an der Erstellung, Förderung und Verbreitung der elektronischen Werke von Project Gutenberg™ beteiligt sind, vor jeder Haftung, allen Kosten und Ausgaben – einschließlich Anwaltskosten – zu schützen, die direkt oder indirekt aus dem Folgenden entstehen, das Sie selbst verursachen oder zu dessen Entstehung Sie beitragen: (a) die Verbreitung dieser oder irgendeiner anderen Project-Gutenberg-Werk, (b) Änderungen, Modifikationen oder Ergänzungen/Entfernungen an irgendeinem Project-Gutenberg-Werk sowie (c) alle Mängel, die Sie verursachen.

Abschnitt 2. Informationen zur Mission von Project Gutenberg

Project Gutenberg steht für die freie Verbreitung elektronischer Werke in Formaten, die von der breitesten Palette an Computern gelesen werden können – einschließlich veralteter, alter, mittlerweile genutzter sowie neuer Computer. Es existiert aufgrund von

Page 328

Die Bemühungen von Hunderten von Freiwilligen sowie Spenden von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten.

Freiwillige sowie finanzielle Unterstützung, um den Freiwilligen die benötigte Hilfe zu bieten, sind entscheidend, um die Ziele von Project Gutenberg zu erreichen und sicherzustellen, dass die Sammlung von Project Gutenberg auch für zukünftige Generationen weiterhin frei zugänglich bleibt. Im Jahr 2001 wurde die Project Gutenberg Literary Archive Foundation gegründet, um Project Gutenberg sowie zukünftigen Generationen eine sichere und dauerhafte Zukunft zu bieten. Weitere Informationen über die Project Gutenberg Literary Archive Foundation sowie darüber, wie Ihre Bemühungen und Spenden helfen können, finden Sie in den Abschnitten 3 und 4 sowie auf der Informationsseite der Stiftung unter www.gutenberg.org.

Abschnitt 3: Informationen über die Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Die Project Gutenberg Literary Archive Foundation ist eine gemeinnützige Organisation nach dem Typ 501(c)(3), die nach den Gesetzen des Bundesstaates Mississippi organisiert ist und vom Internal Revenue Service als steuerbefreit anerkannt wurde. Die EIN-Nummer, also die bundesweite Steuernummer der Stiftung, lautet 64-6221541. Spenden an die Project Gutenberg Literary Archive Foundation sind in dem Umfang absetzbar, wie es die US-amerikanischen Bundesgesetze sowie die Gesetze Ihres Bundesstaates erlauben.

Der Geschäftssitz der Stiftung befindet sich unter der Adresse 41 Watchung Plaza #516, Montclair NJ 07042, USA, Telefon: +1 (862) 621-9288. E-Mail-Adressen sowie aktuelle Kontaktdaten finden Sie auf der Website der Stiftung unter www.gutenberg.org/contact.

Abschnitt 4: Informationen zu Spenden für die Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg™ ist von umfassender öffentlicher Unterstützung und Spenden abhängig – ohne diese kann es seine Mission nicht erfüllen, die Anzahl der im öffentlichen Besitz stehenden sowie lizenzierten Werke zu erhöhen, die in maschinenlesbarer Form frei verteilt werden können und über die ein möglichst breites Spektrum an Geräten Zugang hat.

Page 329

einschließlich veralteter Ausrüstung. Viele kleine Spenden (von 1 bis 5.000 Dollar) sind besonders wichtig, um den steuerfreien Status bei der IRS beizubehalten.

Die Stiftung ist bestrebt, die Gesetze einzuhalten, die Wohltätigkeitsorganisationen und Spenden in allen 50 Bundesstaaten der Vereinigten Staaten regeln. Die Anforderungen an die Einhaltung dieser Gesetze sind nicht einheitlich, und es erfordert erhebliche Anstrengungen, viel Papierkram sowie zahlreiche Gebühren, um diesen Anforderungen nachzukommen. Wir bitten nicht um Spenden an Orten, von denen wir keine schriftliche Bestätigung der Einhaltung der Vorschriften erhalten haben. Um Spenden zu senden oder den Status der Einhaltung für einen bestimmten Bundesstaat zu überprüfen, besuchen Sie bitte www.gutenberg.org/donate.

Obwohl wir nicht und werden auch keine Spenden aus Bundesstaaten anfordern, in denen wir die entsprechenden Anforderungen noch nicht erfüllt haben, kennen wir keine Verbote gegen die Annahme unverlangter Spenden von Spendern aus solchen Bundesstaaten, die uns mit Spendenangeboten kontaktieren.

Internationale Spenden werden dankbar angenommen, doch wir können keine Aussagen zur steuerlichen Behandlung von Spenden machen, die aus dem Ausland stammen. Schon allein die US-Gesetze überlasten unser kleines Personal.

Bitte prüfen Sie die Webseiten von Project Gutenberg auf aktuelle Methoden und Adressen zur Spendenbereitstellung. Spenden können auch auf verschiedene andere Weise erfolgen – beispielsweise per Scheck, Online-Zahlungen oder Kreditkarte. Um zu spenden, besuchen Sie bitte: www.gutenberg.org/donate.

Abschnitt 5: Allgemeine Informationen zu Project Gutenberg – Elektronische Werke

Professor Michael S. Hart war der Begründer des Konzepts von Project Gutenberg, einer Bibliothek elektronischer Werke, die frei mit jedem geteilt werden können. Über vierzig Jahre lang erstellte und verteilte er Project-Gutenberg-E-Books mit nur einem lockeren Netzwerk an Freiwilligenunterstützung.

Project-Gutenberg-E-Books entstehen oft aus mehreren gedruckten Ausgaben, von denen alle als nicht urheberrechtlich geschützt in den USA gelten – es sei denn…

Page 330

Eine Urheberrechtsangabe ist enthalten. Daher halten wir E-Books nicht unbedingt in Übereinstimmung mit einer bestimmten Printausgabe.

Die meisten Menschen beginnen auf unserer Website, die über die Hauptsuchfunktion für PG verfügt: www.gutenberg.org.

Diese Website enthält Informationen über das Project Gutenberg, einschließlich Anleitungen dazu, wie man der Project Gutenberg Literary Archive Foundation Spenden zukommen lässt, wie man bei der Erstellung neuer E-Books hilft und wie man sich für unseren E-Mail-Newsletter anmeldet, um über neue E-Books informiert zu werden.

Page 331

PDF language

日本語 https://pdftoflip.com/view.php?t=5984e2a6b680690645842d1824758439&bl=ja Translating…
한국어 https://pdftoflip.com/view.php?t=5984e2a6b680690645842d1824758439&bl=ko Translating…
Português https://pdftoflip.com/view.php?t=5984e2a6b680690645842d1824758439&bl=pt Translating…
Русский https://pdftoflip.com/view.php?t=5984e2a6b680690645842d1824758439&bl=ru Translating…
العربية https://pdftoflip.com/view.php?t=5984e2a6b680690645842d1824758439&bl=ar Translating…